Skip to main content

Full text of "Deutsche Schriften im Auftrag der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte"

See other formats


Google 


This  is  a  digital  copy  of  a  book  that  was  prcscrvod  for  gcncrations  on  library  shclvcs  bcforc  it  was  carcfully  scannod  by  Google  as  pari  of  a  projcct 

to  make  the  world's  books  discoverablc  online. 

It  has  survived  long  enough  for  the  Copyright  to  expire  and  the  book  to  enter  the  public  domain.  A  public  domain  book  is  one  that  was  never  subject 

to  Copyright  or  whose  legal  Copyright  term  has  expired.  Whether  a  book  is  in  the  public  domain  may  vary  country  to  country.  Public  domain  books 

are  our  gateways  to  the  past,  representing  a  wealth  of  history,  cultuie  and  knowledge  that's  often  difficult  to  discover. 

Marks,  notations  and  other  maiginalia  present  in  the  original  volume  will  appear  in  this  flle  -  a  reminder  of  this  book's  long  journcy  from  the 

publisher  to  a  library  and  finally  to  you. 

Usage  guidelines 

Google  is  proud  to  partner  with  libraries  to  digitize  public  domain  materials  and  make  them  widely  accessible.  Public  domain  books  belong  to  the 
public  and  we  are  merely  their  custodians.  Nevertheless,  this  work  is  expensive,  so  in  order  to  keep  providing  this  resource,  we  have  taken  Steps  to 
prcvcnt  abuse  by  commercial  parties,  including  placing  lechnical  restrictions  on  automated  querying. 
We  also  ask  that  you: 

+  Make  non-commercial  use  ofthefiles  We  designed  Google  Book  Search  for  use  by  individuals,  and  we  request  that  you  use  these  files  for 
personal,  non-commercial  purposes. 

+  Refrain  fivm  automated  querying  Do  not  send  automated  queries  of  any  sort  to  Google's  System:  If  you  are  conducting  research  on  machinc 
translation,  optical  character  recognition  or  other  areas  where  access  to  a  laige  amount  of  text  is  helpful,  please  contact  us.  We  encouragc  the 
use  of  public  domain  materials  for  these  purposes  and  may  be  able  to  help. 

+  Maintain  attributionTht  GoogXt  "watermark"  you  see  on  each  flle  is essential  for  informingpcoplcabout  this  projcct  and  hclping  them  lind 
additional  materials  through  Google  Book  Search.  Please  do  not  remove  it. 

+  Keep  it  legal  Whatever  your  use,  remember  that  you  are  lesponsible  for  ensuring  that  what  you  are  doing  is  legal.  Do  not  assume  that  just 
because  we  believe  a  book  is  in  the  public  domain  for  users  in  the  United  States,  that  the  work  is  also  in  the  public  domain  for  users  in  other 
countries.  Whether  a  book  is  still  in  Copyright  varies  from  country  to  country,  and  we  can'l  offer  guidance  on  whether  any  speciflc  use  of 
any  speciflc  book  is  allowed.  Please  do  not  assume  that  a  book's  appearance  in  Google  Book  Search  mcans  it  can  bc  used  in  any  manner 
anywhere  in  the  world.  Copyright  infringement  liabili^  can  be  quite  severe. 

Äbout  Google  Book  Search 

Google's  mission  is  to  organizc  the  world's  Information  and  to  make  it  univcrsally  accessible  and  uscful.   Google  Book  Search  hclps  rcadcrs 
discover  the  world's  books  while  hclping  authors  and  publishers  rcach  ncw  audicnccs.  You  can  search  through  the  füll  icxi  of  ihis  book  on  the  web 

at|http: //books.  google  .com/l 


Google 


IJber  dieses  Buch 

Dies  ist  ein  digitales  Exemplar  eines  Buches,  das  seit  Generationen  in  den  Realen  der  Bibliotheken  aufbewahrt  wurde,  bevor  es  von  Google  im 
Rahmen  eines  Projekts,  mit  dem  die  Bücher  dieser  Welt  online  verfugbar  gemacht  werden  sollen,  sorgfältig  gescannt  wurde. 
Das  Buch  hat  das  Uiheberrecht  überdauert  und  kann  nun  öffentlich  zugänglich  gemacht  werden.  Ein  öffentlich  zugängliches  Buch  ist  ein  Buch, 
das  niemals  Urheberrechten  unterlag  oder  bei  dem  die  Schutzfrist  des  Urheberrechts  abgelaufen  ist.  Ob  ein  Buch  öffentlich  zugänglich  ist,  kann 
von  Land  zu  Land  unterschiedlich  sein.  Öffentlich  zugängliche  Bücher  sind  unser  Tor  zur  Vergangenheit  und  stellen  ein  geschichtliches,  kulturelles 
und  wissenschaftliches  Vermögen  dar,  das  häufig  nur  schwierig  zu  entdecken  ist. 

Gebrauchsspuren,  Anmerkungen  und  andere  Randbemerkungen,  die  im  Originalband  enthalten  sind,  finden  sich  auch  in  dieser  Datei  -  eine  Erin- 
nerung an  die  lange  Reise,  die  das  Buch  vom  Verleger  zu  einer  Bibliothek  und  weiter  zu  Ihnen  hinter  sich  gebracht  hat. 

Nu  tzungsrichtlinien 

Google  ist  stolz,  mit  Bibliotheken  in  Partnerschaft  lieber  Zusammenarbeit  öffentlich  zugängliches  Material  zu  digitalisieren  und  einer  breiten  Masse 
zugänglich  zu  machen.     Öffentlich  zugängliche  Bücher  gehören  der  Öffentlichkeit,  und  wir  sind  nur  ihre  Hüter.     Nie htsdesto trotz  ist  diese 
Arbeit  kostspielig.  Um  diese  Ressource  weiterhin  zur  Verfügung  stellen  zu  können,  haben  wir  Schritte  unternommen,  um  den  Missbrauch  durch 
kommerzielle  Parteien  zu  veihindem.  Dazu  gehören  technische  Einschränkungen  für  automatisierte  Abfragen. 
Wir  bitten  Sie  um  Einhaltung  folgender  Richtlinien: 

+  Nutzung  der  Dateien  zu  nichtkommerziellen  Zwecken  Wir  haben  Google  Buchsuche  Tür  Endanwender  konzipiert  und  möchten,  dass  Sie  diese 
Dateien  nur  für  persönliche,  nichtkommerzielle  Zwecke  verwenden. 

+  Keine  automatisierten  Abfragen  Senden  Sie  keine  automatisierten  Abfragen  irgendwelcher  Art  an  das  Google-System.  Wenn  Sie  Recherchen 
über  maschinelle  Übersetzung,  optische  Zeichenerkennung  oder  andere  Bereiche  durchführen,  in  denen  der  Zugang  zu  Text  in  großen  Mengen 
nützlich  ist,  wenden  Sie  sich  bitte  an  uns.  Wir  fördern  die  Nutzung  des  öffentlich  zugänglichen  Materials  fürdieseZwecke  und  können  Ihnen 
unter  Umständen  helfen. 

+  Beibehaltung  von  Google-MarkenelementenDas  "Wasserzeichen"  von  Google,  das  Sie  in  jeder  Datei  finden,  ist  wichtig  zur  Information  über 
dieses  Projekt  und  hilft  den  Anwendern  weiteres  Material  über  Google  Buchsuche  zu  finden.  Bitte  entfernen  Sie  das  Wasserzeichen  nicht. 

+  Bewegen  Sie  sich  innerhalb  der  Legalität  Unabhängig  von  Ihrem  Verwendungszweck  müssen  Sie  sich  Ihrer  Verantwortung  bewusst  sein, 
sicherzustellen,  dass  Ihre  Nutzung  legal  ist.  Gehen  Sie  nicht  davon  aus,  dass  ein  Buch,  das  nach  unserem  Dafürhalten  für  Nutzer  in  den  USA 
öffentlich  zugänglich  ist,  auch  für  Nutzer  in  anderen  Ländern  öffentlich  zugänglich  ist.  Ob  ein  Buch  noch  dem  Urheberrecht  unterliegt,  ist 
von  Land  zu  Land  verschieden.  Wir  können  keine  Beratung  leisten,  ob  eine  bestimmte  Nutzung  eines  bestimmten  Buches  gesetzlich  zulässig 
ist.  Gehen  Sie  nicht  davon  aus,  dass  das  Erscheinen  eines  Buchs  in  Google  Buchsuche  bedeutet,  dass  es  in  jeder  Form  und  überall  auf  der 
Welt  verwendet  werden  kann.  Eine  Urheberrechtsverletzung  kann  schwerwiegende  Folgen  haben. 

Über  Google  Buchsuche 

Das  Ziel  von  Google  besteht  darin,  die  weltweiten  Informationen  zu  organisieren  und  allgemein  nutzbar  und  zugänglich  zu  machen.  Google 
Buchsuche  hilft  Lesern  dabei,  die  Bücher  dieser  Welt  zu  entdecken,  und  unterstützt  Autoren  und  Verleger  dabei,  neue  Zielgruppcn  zu  erreichen. 
Den  gesamten  Buchtext  können  Sie  im  Internet  unter|http:  //books  .  google  .coiril  durchsuchen. 


4 


HEINRICH  SEUSE 


Deutsche  Schriften 

im  Auftrag  der  Württembergischen 
Kommission  für  Landesgeschichte 

herausgegeben  von 

Dr.  Karl  Bihlmeyer. 


•*  ^«^.^. 


STL'TTCiART. 
Druck  und  Verlapj  von  W.  Kohlhnmmer. 

1907- 


f 


/ 


nn 


Dem  Gedächtnis 


meines  hochverehrten  Lehrers 


Professor  D.  Dr.  F.  X.  von  Punk 


in   Dankbarkeit 


gewidmet. 


Vorw^ort. 


Eine  kritische  EditioD  der  deutschen  Schriften  Seuses  bedarf 
schwerlich  einer  besonderen  Rechtfertigung.  Denifles  Ausgabe, 
in  ihrer  Art  eine  treffliche  Leistung,  kann  der  wissenschaftlichen 
Forschung  nicht  genügen,  weil  sie  nur  eine  neuhochdeutsche  Über- 
tragung des  Originaltextes  bietet,  auf  einer  nicht  völlig  ausreichenden 
handschriftlichen  Grundlage  beruht  und  zudem  unvollständig  geblieben 
ist.  Möge  daher  diese  erste  vollständige  Ausgabe  des  Urtextes  wohl- 
wollende Aufnahme  finden!  Kirchen-,  Literatur-,  Sprach-  und  Kultur- 
geschichte interessieren  sich  ja,  wenn  auch  in  verschiedenem  Masse, 
für  den  liebenswürdigen  schwäbischen  Mystiker,  der  den  Geist  des 
deutschen  Mittelalters  nach  seiner  schönsten  Seite  repräsentiert  und 
durch  seine  gemütstiefen  Schriften  noch  heute  wie  ehedem  zu  fesseln 
vermag. 

Das  Hauptaugenmerk  bei  vorliegender  Ausgabe  war  darauf 
gerichtet,  eine  möglichst  breite  und  sichere  Basis  für  die  Herstellung 
des  Textes  zu  schaffen.  Zu  diesem  Zwecke  wurden,  von  sonstigen 
Nachforschungen  abgesehen ,  auf  wiederholten  Studienreisen  eine 
grössere  Zahl  von  Bibliotheken  Deutschlands  und  der  Schweiz  nach 
Seuse-Handschriften  durchsucht,  so  namentlich  die  Bibliotheken  zu 
Berlin,  Einsiedeln,  Engelberg,  Kolmar,  Konstanz, 
Maihingen,  München,  Nürnberg,  St.  Gallen,  Stuttgart, 
Wolfenbüttel,  Zürich.  Der  Erfolg  war  ein  günstiger,  insofern 
^ine  stattliche  Anzahl  wichtiger,  noch  nicht  bekannter  Manuskripte 
aufgefunden  wurde,  mit  deren  Hilfe  es  gelang,  den  Denifleschen 
Text  an  vielen  Punkten  erheblich  zu  verbessern  und  das  Grosse 
Briefbuch  in  guter  Rezension  vorzulegen.  Zum  erstenmal  werden 
in  dieser  Ausgabe  jene  elf  Briefe,  welche  Seuse  gekürzt  in  das  kleine 
Briefbuch  aufnahm,  in  ihrer  ursprünglichen  Form  bekannt  gemacht. 
Ausdrücklich    sei    auch    auf  das   bis   jetzt   unbekannte    interessante 


VI  Vor^'ort. 

„Te«tarnent  der  Minne"  (Brief  XXVIII)  aufmerksam  gemacht,  gegeu 
dcHRcn  Echtheit  freilich  begründete  Zweifel  bestehen. 

Der  Kommentar  ist  im  allgemeinen  auf  das  Nötigste  beschränkt 
worden.  Wie  viel  ich  für  das  Verständnis  und  die  Kommentierung 
der  schwierigeren  mystischen  Stellen  Denifle  verdanke,  bekundet  fast 
jede  Seite  der  einschljlgigen  Partien.  Mit  ihm,  dem  ausgezeichneten 
Kenner  der  Mystik  und  Scholastik,  konnte  ich  es  auf  diesem  Gebiete 
nicht  aufnehmen,  und  es  war  auch  gar  nicht  meine  Absicht ,  seine 
Ausgabe  ganz  überflüssig  zu  machen. 

Die  Einleitung  versucht  eine  knappe,  aber  im  wesentlichen 
erschöpfende  Orientierung  über  Leben  und  Werke  Seuses  zu  geben, 
und  insbesondere  seine  Stellung  im  Entwicklungsgang  der  deutschen 
Mystik  und  Literatur  zu  präzisieren.  Am  kürzesten  glaubte  ich  mich 
in  dem  Abschnitt  über  die  Lehre  fassen  zu  dürfen,  da  dieser  Gegen- 
stand schon  genügend  behandelt  ist  und  Seuse  hierin  weniger  original 
erscheint.  Wenn  ich  in  der  Einleitung  manchmal  etwas  warm  ge- 
worden bin,  so  möge  dies  mit  den  Worten  des  edlen  Linsenmann 
(in  einer  Besprechung  von  Denifles  Seuse,  Theol.  Quartalschrift  1877, 135) 
Entschuldigung  finden,  die  ich  zu  meinen  eigenen  mache:  „Dem 
Theologen  ist  das  literargeschichtliche  Interesse  an  den  Schätzen  der 
grossen  Literaturperiode  der  deutschen  Theologie  im  Mittelalter  nicht 
das  höchste.  Was  die  mittelalterliche  Mystik  für  ihre  Zeit  war, 
das  könnte  und  sollte  sie  auch  für  unsere  Zeit  sein,  eine  Ergänzung 
der  vorherrschend  nomiualistischen  Scholastik,  eine  Lichtseite  im 
i'eligiösen  Volksleben,  ein  Sauerteig,  welcher  Gärung  und  Bewegung 
in  die  erstarrten  Massen  des  kirchlichen  Lebens  bringen  könnte. 
Uns  ist  die  Mx-stik  eines  Eckhart,  Tauler  und  Seuse  nicht  bloss 
romantische  Poesie,  noch  blosse  Philosophie,  sie  ist  dazu  bestimmt^ 
Ix^ben  zu  werden  und  Gestalt  anzunehmen  ..." 

Unumgänglich  schien  es,  der  Ansgabe  ein  ausführliches 
Glossar  beizugeben,  da  wir  ein  solches  bis  jetzt  von  keinem  der 
bedeutenderen  deutschen  Mystiker  besitzen  und  doch  tür  philologische 
und  literarhistorische  Untersuchungen  kaum  entbehren  können.  Ich 
bin  mir  freilich  bewusst,  dass  der  vorgelegte  Versuch  etwas  recht 
Unvollkommenes  darstellt.  Allein  Zeit  und  Raum  verboten,  ein 
mehreres  zu  tun.  Philologische  Zwecke  im  eigentlichen  Sinne  lagen 
mir  fenie;  ich  glaubte,  die  spraehgesohiohilioh-lexikalisehe  Ausbeutung^ 
Simses  den  Germanisten  von  Fach  überlassen  zu  Si^llen.  Um  auch 
solchen,  welche  mit  dem  Mittelhochdeutschen  weniger  vertraut  sind, 
die  Ausg«W   lucänglich   /u   machen,   ist   in   zahlreichen  Fällen  die 


Vorwort.  VII 

neuhochdeutsche  Bedeutung  eines  Wortes  angegeben.  Ich  hoflFe 
übrigens,  in  nicht  zu  langer  Zeit  eine  Auswahl  aus  Seuse  in  Über- 
tragung für  weitere  Kreise  vorlegen  zu  können,  und  behalte  mir  die 
Benützung  der  Ausgabe  für  solche  Zwecke  vor. 

Es  ist  mir  eine  angenehme  Pflicht,  für  die  Unterstützung  und 
Beihilfe  zu  danken,  die  mir  von  vielen  Seiten  zuteil  geworden  ist, 
80  insbesondere  den  Bibliotheksverwaltungen  zu  Berlin  (Kgl.  Bib- 
liothek), Breslau  (Domkapitelsbibl.),  Cues  (Hospitalbibl.),  Darm- 
stadt, Einsiedeln,  Engelberg,  Freiburg  (Universitätsbibl. 
und  Erzbischöfliches  Archiv),  Giessen,  Göttingen,  Heidelberg, 
Kolmar,  München  (Staatsbibl.),  Muri-Gries,  Nürnberg 
(Stadtbibl.),  Paris  (Bibl.  nationale),  Raigern,  St.  Gallen,  Strass- 
hurg  (Universitätsbibl.),  Stuttgart,  Überlingen,  Wien  (Hof- 
bibliothek), Wolfenbüttel  und  Zürich  (Stadtbibliothek),  welche 
mir  teils  Manuskripte  zur  Benützung  hieher  sandten,  teils  die  Kol- 
lationierung an  Ort  und  Stelle  ermöglichten,  und  der  Universitäts- 
bibliothek zu  Tübingen,  welche  die  Entlehnung  zahlreicher  Hand- 
schriften in  liebenswürdiger  Weise  vermittelte.  Eine  grosse  Zahl 
von  Bibliotheken  des  In-  und  Auslands  erteilte  auf  Anfragen  nach 
Seuse* Manuskripten  gütige  Antwort. 

Für  wertvolle  Auskünfte  und  Winke  bin  ich  ganz  besonders 
den  Herren  Professor  Dr.  Ph.  Strauch  in  Halle,  Professor  Dr.  H. 
von  Fischer  und  K.  Bohnenberger  in  Tübingen,  Hochw.  P.  P.  von 
Loe  0.  Pr.,  Prior  in  Düsseldorf  und  Herrn  Dr.  J.  Ries  in  St.  Peter 
bei  Freiburg  zu  Dank  verpflichtet.  Herr  Professor  Dr.  F.  Vetter 
in  Bern  hatte  die  Güte,  mir  eine  Abschrift  des  Büchleins  der  Ewigen 
Weisheit  nach  der  Einsiedler  Handschrift  710  zur  Verfügung  zu 
stellen,  und  die  Kgl.  bayerische  Akademie  der  Wissenschaften  in 
München  erlaubte,  den  schon  von  Preger  1896  edierten  Text  des 
Minnebüchleins  wieder  abzudrucken. 

Der  Görresgesellschaft  und  ihrem  verehrten  Hen'n  Präsidenten 
Exzellenz  Reichsrat  Freiherr  Dr.  G.  von  Hertling  sage  ich  für 
die  Bewilligung  eines  Stipendiums  für  meine  Bibliotheksstudienreisen 
geziemenden  Dank.  Ebenso  der  Wtirttembergischen  Kommission  für 
Landesgeschichte  für  die  Aufnahme  dieser  Arbeit  unter  ihre  Publi- 
kationen, und  namentlich  ihrem  Geschäftsführer,  Herrn  Archivdirektor 
Dr.  E.  von  Schneider  in  Stuttgart  für  stetes  liebenswürdiges  Ent- 
gegenkommen. 

Für  opferwillige  Beihilfe  bei  der  Korrektur  schulde  ich  meinem 


VIII  Vorwort. 

Bruder  P.  Pius   Bihlmeyer  0.  S.  B.   in  Beuroii   und  Herrn   Dr. 
A.  Hauber  in  Tübingen  ganz  besonderen  Dank. 

Mein  verehrter  Lehrer,  Professor  Dr.  F.  X.  von  Funk,  dessen 
Stellvertreter  zu  sein  ich  zurzeit  die  Ehre  habe,  hatte  schon  einige 
Zeit  vor  seinem  allzufrühen  Tode  gütigst  gestattet,  dass  das  Werk 
ihm,  dem  Altmeister  der  kirchenhistorischen  Wissenschaft,  gewidmet 
werde.  Leider  hat  er  die  Vollendung  desselben  nicht  mehr  erlebt. 
So  bleibt  mir  nur  übrig,  es  als  schwaches  Zeichen  des  Dankes  für 
die  stetige  herzliche  Anteilnahme  und  die  Förderung  meiner  Studien 
auf  sein  frisches  Grab  zu  legen. 

Tübingen,  im  April  1907. 

K.  Bihlmeyer. 


Inhalt. 


Seite 

Klttleltans l*-163* 

Srster  TeU.    Die  Überllefernns 'S*— 62* 

A.  Die  einzelnen  Handschriften 3*— 29* 

1.  Handschriften  des  Exemplars 3* — 9* 

U.  Handschriften  der  Tita 9*— 11* 

III.  Handschriften  des  Büchleins  der  ewigen  Weisheit     .  11* — IS* 

IV.  Handschriften  des  Büchleins  der  Wahrheit    ....  18* — 20* 
V.  Handschriften  des  Brief büchleins 20* 

VI.  Handschriften  des  Grossen  Briefbuchs 20* — 26* 

Vn.  Handschriften  der  Fredigten.    Das  Minnebüchlein  .    .  27*— 29* 

B.  Das  HandHchrift«nTerhäItnls.     Art   miii  Weise  dieser 

Ausgabe 29*— 46* 

I.  Das  Leben  Seuses 29*— 36* 

II.  Die  übrigen  Schriften  des  Exemplars 36* — 37* 

III.  Das  grosse  Brief  buch 37*— 43* 

IV.  Die  Predigten  und  das  Minnebüchlein 4S*— 44* 

V.  Bemerkungen  zur  Orthographie  des  Textes   ....  44* — 46 


♦ 


0.  Bilder  und  SpHlclie  des  Exemplars 45*— 67* 

Senses  YerltSltnis  zur  Kunst 67*  -62* 

JSEweiter  Teil.    Neases  lieben  und  Werke  ....  63*— 163* 

A»  Jng^nd-  und  Lernjaltre  zu  Konstanz  und  Köln  (ca. 

12»5-ia27) 63*- 95* 

I.  (teburtsjahr  und  -Ort,  Abstammung 63*— 70* 

H.  Jugendzeit,  Eintritt  ins  Kloster,  Bekehrung  ....  70* — 73* 

ni.  Der  Dienst  der  ewig<ai  Weisheit 73* — 76* 

IV.  Seuses  Kasteiungen 76*— 80* 

V.  Visionen  und  Ekstasen 80*— 85* 

VI.  Studiengang  zu  Konstanz  und  KiUn 86*— 90* 

MI.  Das  Bücfilein  der  Wahrheit 90*— 95* 

B.  Seuse  als  Lelitor  und  Prior.    Seliriftstellerisclie  und 

soelsorgerliche  Tätiglkeit  (ca.  1327-1848)    .    .  95*— i:^* 

I.  Allgemeine?  Verbältnisse  der  Diözese  Konstanz  und 

«les  r>ominikanprordens 95* — 100* 


* 


X  Inhalt. 

Seite 

II.  Sense  als  Lektor  in  Konstanz 100* — 101* 

III.  Das   Büchlein   der   ewigen    Weisheit,    Ilorologium 

Sapientiae  nnd  Minnebüchlein 101* — 111 

IV.  Seuses   Leiden   und   Heimsuchungen.     Seine    seel- 

sorgerliche Tätigkeit       111*— 117* 

V.  Seuses  Briefe  und  Predigten 117*— 122* 

VI.  Verkehr  mit  anderen  Mystikern.    Elsbeth  Stagel    .  123*  -127* 

Vn.  Die  Jahre  des  Exils  (1339—46).     Seuse  als  Prior  .  127*-130 


* 


* 


V.  SfMise  in  Ulm  (ca.  VUH—imi)^  soin  Tod  nnd  Nachruhm. 

Übersetzungen  und  Ausgaben  seiner  Werke  130*— 163 

I.  Seuses  Wirksamkeit  iu  Ulm 130*— 132* 

II.  Redaktion  des  Exemplars 132*— 136* 

III.  Seuses  Tod  und  Nachnihm.    Ikonographisches    .     .  136* — 140* 

IV.  Charakteristik  von  Seuses  Person  und  Werken.    Seine 

Lehre 141*— 150* 

V.  Nachwirkung  Seuses  in  der  Literatur 150* — 156* 

VI.  Übersetzungen  und  Ausgal)en  von  Seuses  Werken  .  157*—  163* 


Text 1—554 

Erste  Abtellans:.    Menses    Exemplar 1—401 

Prolog 3-6 

Erste»  Bach.    S^enses  Leben 7—195 

Erster  Teil       7—95 

Prolog 7 — 8 

I.  Kap.  Von  den  vorstriten  eins  anvahendeu  menschen     .  8-10 

II.  Kap.  Von  dem  übernatürlichen  abzug,  der  im  do  ward  10—11 

III.  Kap.  Wie  er  kam  in  die  geistlichen  gemahelschaft  der 

ewigen  wisheit 11—15 

IV.  Kap.  Wie  er  den  namen  Jesus  uf  sin  herz  zeichen te  15 — 17 
V.  Kap.  Von  dem  vorspil  gbtliches  trostes,  mit  dem  got 

etlichü  anvahendü  menschen  reizzet      .     .     .  17 — 22 

VI.  Kap.  Von  etlichen  Visionen 22—24 

VII.  Kap.  In  weler  Ordnung  er  ze  tisch  gie 24—25 

VIII.  Kap.  Wie  er  begie  daz  ingend  jor 26—27 

IX.  Kap.  Von  den  Worten  Sursum  corda 27 — 29 

X.  Kap.  Wie  er  begie  die  liehtmiss 29-30 

XI.  Kap.  Wie  er  begie  die  vasnaht 30  -32 

XI r.  Kap.  Wie  er  begie  den  meigen 32—33 

Xin.  Kap.  Von  dt'Ui  eilenden  krnzgang,  den  er  mit  Cristus 

nam.  do  man  in  us  forte  in  den  tod     .     .     .  34-37 

XIV.  Kaj).  Von  der  nüzzen  tugende.  du  da  heiss^tet  swigen  37—38 

X\'.  Kap.  Von  kestgung  des  libes 39-40 


Inhalt.  XI 

Seite 

XVI.  Kap.  Von  dem  scharpt'en  kn'iz,  daz  er  trug  uf  einem 

nifirgen 41  —  44 

XVII.  Kap.  Von  sinem  gelig^er 44—46 

XVIII.  Kap.  Von  dem  abbrechene  des  tränke« 46— 5H 

XIX.  Kap.  Wie  er  ward  gewiset  in  die  vernünftigen  schule 

zu  der  kunst  rechter  gelassenheit   ....  53—64 

XX.  Kap.  Von  wetöndem  undorgene 55—61 

XXI.  Kap.  Von  inrlichem  liden 61  — 6J^ 

XXII.  Kap.  Von  dem  usker  uf  sines  nehsten  heilsamen  be- 

hulfenheit 63—65 

XXUI.  Kap.  Von  menigvaltigem  lidene 66 — 70 

XXIV.  Kap.  Von  grossem  lidenne,  daz  imc  zft  viel  von  siner 

liplichen  swoster 70 — 74 

XXV.  Kap.  Von  swerem  lidene,  daz  im  einest  zu  viel  von 

eim  sinem  gesellen 74—78 

XXVI.  Kap.  Von  dem  morder 78—81 

XXMI.  Kap.  Von  wassernot 81—82 

XXVIII.  Kap.  Von  einem  ruwlin,  daz  im  got  einest  Hess  werden  82 — 8S 
XXIX.  Kap.  Von  einer  minneklichen  rechnung,  die  er  einest 

mit  got  hate 84—86 

XXX.  Kap.  Wie  er  von  lidenne  eins  males  kam  uf  den  tod  87 — 90 
XXXI.  Kap.  Wie  ein  mensch  sin  liden  in  lobricher  wise  sol 

got  wider  uf  tragen 90—92 

XXXn.  Kap.  Wa  mite  got  ergezzet  in  der  zit  einen  lidenden 

menschen  sines  lidens 93 — 95 

Zweiter  Teil 96—195 

XXXIII.  Kap.  Von  dez  dieners  geischlichon  tohter   ....  96—99 

XXXIV.  Kap.  Von  dem  ersten  begin  eins  anvahenden  menschen  99—102 
XXXV.  Kap.  Von  den  ersten  bilden  und  lere  eins  anvahenden 

menschen,  und  wie  sin  ubunge  son  sin  mit 

bescheidenheit 103—109 

XXXVI.  Kap.  Von  kintlichem  andaht  eins  jungen  anvahenden 

menschen 109 — 114 

XXXVII.  Kap.  Wie  er  npign  menschen  zu  gote  zoh  und  lidendü 

menschen  tröste 114 — 117 

XXXVIII.  Kap.  Von  einem  vil  jemerlichen  lidene,  daz  im  hier 

inne  begegente 117—130 

XXXIX.  Kap.  Von  inrem  lidenne 130-132 

XL.  Kap.  Welü  liden   sien   dem   menschen   aller  nüzest 

und  got  aller  loblichest 132—135 

XLI.  Kap.  Wie  er  etlichü  minnendü  herzen  von  zitlicher 

minne  zu  gotlicher  minne  zoch 135 — 141 

XLII.  Kap.  Von  etlichen  lidenden  menschen,  du  mit  sunder- 

licher  trüw  dem  diener  zu  gehorten    .     .     .  142—144 
XLni.  Kap.  Wie  im  Christus  vor  erschein  in  eins  Serafins 

bildi^  und  in  lerte  liden 144—149 


XII  Inhalt. 

Seite 

XLIV.  Kap.  Wie  vestklich  der  muss  striten,  dem  der  geisch- 

lich  pris  sol  werden 149—153 

XLV.  Kap.  Von  dem  minneklichen  namen  Jesus  ....     163—155 


XLVI.  Kap.  Gate  underschaid  enzwfischen  warer  und  falscher 

vernünftkait  in  etlichen  menschen  ....  155—158 
XLVn.  Kap.  Underscheid  enzwischen  ordenlicher  und  floieren- 

der  vernünftikeit 15b — 160 

XLVIll.  Kap.  Güter   underscheid   under  warer  und   falscher 

gelassenheit 160—163 

IL.  Kap.  Ein  vernünftiges  inleit^n  dez  ussren  menschen 

zu  siner  inrekeit 163—170 

L.  Kap.  Von  den  hohen  fragen,  die  du  wolgeuptü  tohter 

fragte  iren  geischlichen  vat«r 170 — 176 

LI.  Kap.  Ein  usrihtunge,  wa  got  ist  und  wie  got  ist    .  176 — 184 
LII.  Kap.  Von  dem  aller  hohsten  üherflug  eins  gelepteu 

vernunftigen  gerautes 184 — 100 

Lin.  Kap.  Diss   bfiches   meinunge    ein    beschliessen    mit 

kurzen  einvaltigen  worten 190 — 195 


Zweites  Buelt.    Bfichlein  der  Ewl|B:eii  Weisheit     .  196-325 

Prolog 196—200 

Erster  Teil 200—278 

I.  Kap.  Wie  etlichü  menschen   von   got  unwissentlich 

werdent  gezogen 200—204 

II.  Kap.  Wie  es  vor  dem  krüzgenne  ergie 204 — 207 

III.  Kap.  Wie  es  an  dem  kniz  umh  in  stund  nah  dem 

ussren  menschen 207—209 

rv.  Kap.  Wie  reht  getrüwlich  sin  liden  waz     ....  209—210 
V.  Kap.  Wie  du   sele   under  dem  krüz  kunt  ze  einem 
herzklichen   rüwenne  und  ze  einem   milten 

vergebenne 211 — 216 

VI.  Kap.  Wie  betrogen  der  weit  minne  ist  und  wie  min- 

neklich  aber  got  ist 216—223 

VIT.  Kap.  Wie  minnekliche  got  ist 223—229 

VIII.  Kap.  Ein  usrihtunge  drier  dinge,  du  einem  minner 
aller  meist  mohrin  an  got  widerstan.  Daz 
ein   ist:    wie   er  so  zornlich  mug  geschinen 

und  doch  so  minnklich  sin 229—230 

IX.  Kap.  Daz  ander:    war  umbe  er  sich  sinen  vninden 
dik  nah   herzluste   onzühet,  und  wa  bi  man 

sin  waren  gegen wiirtkeit  erkennet       .     .     .  230—235 
X.Kap.  D.az   drito:    war  umbe   es   got   sinen   vnuiden 

als  relit  übel  in  zit  gestattet 236  —237 

XI.  Kap.  Von  ienicr  werendem  we  der  helle     ....  237 — 240 


Inhalt.  XIII 

Seite 

XIT.  Kap.  Von  unmessiger  vrode  des  himelrichs     .    .     .  240 — 248 

XIIT.  Kap.  Von  nnmessiger  edli  zitliches  lidennes    .    .    .  248-254 
XIV.  Kap.  Von  unsäglicher  guti  der  betrahtunge  des  got- 

lichen  lidens 254—259 

XV.  Kap.  Von  dem  aiinnekosen,  daz  du  sei  mit  got  hate 
gehebt  unter  dem  krüze,  keret  si  sich  wider 

zu  sinem  lidenue 259 — 262 

XVI.  Kap.  Von  dem  wirdigen  lobe  der  reinen  künigen  von 

himelrich       262—268 

XVII.  Kap.  Von  ire  unsäglichem  herzleide 268-271 

XVni.  Kap.  Wie  es  ze  der  stund  nah  dem  inren  menschen 

umb  in  stund 272—274 

XIX.  Kap.  Von  der  ablosunge 275—277 

XX.  Kap.  Von  der  jemerlichen  schidunge  von  dem  grabe  277—278 

Zweiter  Teil 278—314 

XXI.  Kap.  Wie  mau  sol  lernen  sterben  und  wie  ein  un- 
bereiter tot  geschaffen  ist 278—287 

XXII.  Kap.  Wie  man  inrlich  leben  sol 288—290 

XXIIT.  Kap.  Wie  man  got  minneklich  enpfahen  sol   .    .    .  290—303 

Gebet 303 

XXIV.  Kap.  Wie  man  got  grundlosklich  alle  stunde  loben  sol  304 — 314 

Dritter  Teil.  Die  tinndert  Betrachtnngen  nnd  Begehrnngen  314 — 322 

Epilog 322-324 

Register 324—325 

Drittes  Buch.    Biiehleln  der  Wahrheit 326—359 

Prolog 326—328 

I.  Kap.  Wie  ein  gelazener  mensche  beginnet  und  endet 

iu  einikcit« 328-329 

II.  Kap.  Ob  in  der  hohsten  einikeit  kein  anderheit  muge 

bestan 329—331 

III.  Kap.  Wie  sich  der  mensche  und  alle  kreaturen  ewklich 

haben  gehalten,  und  von  irera  gewordenlichen 

usbruche 331—332^ 

IV.  Kap.  Von   dem  waren   inkere,    den    ein   gelazsener 

mensche  durch  den  einbornen  sun  nemen  sol  333 — 338 
V.  Kap.  Von  den  hohen  und  nützen  fragen,  die  ime  du 
warheit  lies  werden  von  der  glichnüsse  eins 

gelassen  menschen 338—352 

VI.  Kap.  Uff  welen  puncten  dien  menschen  gebristet,  die 

valsche  friheit  furent 352—357 

VII.  Kap.  Wie  adellichen  sich  haltet  ein  reht  gelazsener 

mensch  in  allen  dingen 357 — 369 


XIV  Inhalt. 

Seite 

Tiertes  Buch.    Brief  bfiehlein 360—393 


l»rolo«r 3i)U 

I.  Brief.  Von  eins  anvahenden  menschen  ledigen  vonker 

von  der  weit  zft  got.  Heg^num  mundi  et  omnem 
ornatuni  saeculi  contempsi  propter  amorem  do- 
mini  mei  Jesu  Cristi 360-  863 

IL  Brief.  Von  einem  demutigen  undergang  eins  gotlichen 

mensclien.    Habitabit  lupus  cum  agno     .     .     .     363 — 367 

TIT.  P»rief.  Wie  sich  ein  mensch  sol  geben  willeklich  in  liden 
nach  dem  bilde  Cristi.  Eisbeten  der  Staglin 
ze  Tozz.     Xigra  sum  sed  formosa      ....     367— 36H 

IV.  Brief.  Wie  ein  ungclebter  mensch  sich  zm  im  selber 
allein  sol  keren  und  endru  menschen  unberichtet 
sol  lassen.  Quomodo  potest  caecus  ducere?  .  369— 37'J 
V.Brief.  Von  jubilierender  frode.  die  die  cngel  und 
engelschlichü  menschen  enpfahent,  so  sich  ein 
Sünder  bekeret.  Exultet  iam  angelica  turba 
coelorum 373-378 

VI.  Brief.  Wie  sich  ein  mensch  sol  halten  uuerschrokenlich, 
so  es  gat  an  ein  sterben.  Absalon,  tili  mi,  quis 
mihi  det,  ut  ego  moriar  pro  te? 37«— 3«! 

Vn.  Brief.  Wie  sich  ein  mensch  in  ustragenden  emptern 
sul  halten.    C'ristus  factus  est  pro  nobis  obediens 

usque  ad  mortem 381—383 

VIII.  Brief.  Wie  sich  ein  gotlicher  mensch  in  gotlicher  suzze- 
keit  sol  haben.  Elsbeth  Staglin.  Annunciate 
dilecto,  quia  amore  langueo 384—386 

IX.  Brief.  Wie  ein  mensch  ze  rüwe  sines  herzen  in  got 

sül  kommen.     In  omnibus  reqnicm  quaesivi    .     387 — 389 
X.  Brief.  Von  etlichen  stuken,  die  ze  volkomenheit  horent. 

Estot«  perfecti 389—391 

Xf.  Brief.  Wie  sich  ein  mensch  zii  dem  gotlichen  namen 
Jesus  sol  andehtklich  halten.  Pone  me  ut 
signaculum  super  cor  tuum! 391—393 

Zusäl/e  zum  Briefbiichlein :   Erzählung:  von  der  Verehrung 

des  Xamens  Jesu,  Morgengruss  und  Sprüche  .    .    393—401 

yi weite  Abteilung:.    Die  nicht  in  das  Exemplar  anf- 

{Cenommenen  deutschen  Schriften  Seases    403—554 

I.  Das  i^rosse  II  rief  buch 405—494 

VvoWj: 405—406 

1.  Brief.  Urx  L)avi<l  senuerat 406-410 

II.  Brief.  Kegnum  mundi  et  omnem  ornalum  saeculi  con- 

lempsi  propter  amorem  domini  mei  Jesu  Cristi     410—417 


Inhalt.  XV 

Seite 

III.  Brief.  Surrexi,  ut  aperirem  dilecto  meo 417—419 

IV.  Brief.  Habitabit  lupus  cum  agno 420—423 

V.  Brief.  Sonet  vox  tua  in  auribus  meis,  vox  enim  tua 

dulcis  et  facien  tua  decora '.  423—425 

VI.  Brief.  Vineae  florentes  odorem  dederunt,  et  vox  tur- 

turis  audita  est  in  terra  nostra 425—427 

YII.  Brief.  Trahe  me,   post  te  curremus  in  odore  ung^eu- 

torum  tuorum! 427-   429 

\TII.  Brief.  Gustate  et  videte,  quoniam  suavis  est  dominus  429—432 

IX.  Brief.  Quam  dilecta  tabernacula  tua  domine  virtutum!  432—434 
X.  Brief.  Revertere,  revertere  Sunamitis,  revertere,  rever- 

tere,  ut  intueamur  te! 434 — 487 

XL  Brief.  Audi,  fili  mi,  disciplinam  patris  tui!    .     .    .     .  437—439 
XII.  Brief.  Xijgfra  sum,  sed  formosa,  filiae  Jerusalem,  sicut 

tabernacula  Cedar,  sicut  pellis  Salomonis    .     .  439-  444 
Xni.  Brief.  Absalon,  fili  mi,  fili  mi  Absalou,  quis  mihi  det, 

ut  ego  moriar  pro  te? 444—446 

XIV.  Brief.  Exultet  iam  angelica  turba  celorum!    ....  446—451 
XV.  Brief.  Surge  aquilo  et  veni  auster,  perfla  hortum  meum, 

et  fluant  aromata  illius! 451—454 

XVI.  Brief.  In  exitu  Israhel  de  Egypto  etc 454 — 457 

XVII.  Brief.  Quomodo  potest  cecus  cecum  ducere?       .     .     .  457-460 

XVIII.  Brief.  Nemo  potest  duobus  dominis  servire    ....  461 
XIX.  Brief.  Christus  factus  est  pro  nobis  obediens  usque  ad 

mortem    .• 462—465 

XX.  Brief.  Annunciate  dilecto,  quia  amore  laugueo  .     .    .  466—468 

XXI.  Brief.  In  omnibus  requiem  quesivi 4G8— 470 

XXII.  Brief.  Estote  perfecti ! 471—472 

XXIII.  Brief.  Exivi  a  patre  et  veni  in  munduiu ;  itenim  relinquo 

mundum  et  vado  ad  patrem 472 — 475 

XXIV.  Brief.  Xos  autem  revelata  facie  gloriam  domini  spe- 

culant^s  in  eandem  imaginem  transformamur  a 

claritate  in  claritatem,  tamquam  a  domini  spiritu  475  —  477 

XXV.  Brief.  Mihi  autem  adhaerere  deo  bonum  est       ...  477 — 479 

XXVI.  Brief.  Pone  me  ut  signaculum  super  cor  tuum!      .     .  479—480 

XXVII.  Brief.  Cum  essem  parvulus,  loquebar  ut  parvulus  .     .  480—485 

XXVm.  Brief.*)  Testament  der  Minne  oder  Minnere^el   .     .     .  486—494 


II.  PredliB^ten 495-  536 

I.  Predigt.    Lectulus  noster  floridus 495  —508 

II.  Predigt.*)  Miserunt  Judaei  ab  Jerosolymis  sacerdotes 

et  levitas  ad  Johannem,   ut  interrogarent 
eum:    Tu  quis  es? 509—518 


*)   Der  Asterisk   bedeutet,    dass   die  Echthoit  des   betreffenden   Stückes 
zweifelhaft  ist. 


XVI  Inhalt. 

Si-ite 

ITI.  Predijj:t.*)  Exivi  a  patre  et  vciii  in  munduin ,  iterum 

reliuquo  muudum 518—528 

IV.  Predig.  Iteruiu  relinquo  mundura  et  vado  ad  patrem  529—53(5 

III.  Das  aiinnebfichleiii*) 537-554 

I.Kapitel 537-54;i 

II.  Kapitel 544-547 

III.  Kapitel 548—554 

Berichtig:ungen  und  Nachträge 555  —  558 

Glossar 659-H28 


Verzeichnis  der  Bilder. 

1.  Zur  Tita. 

Abb.  1  (Erklärung:  S.  3) 2 

Abb.  2  (Erklärung  S.  20) 19 

Abb.  3  (Erklärung  S.  51) 52 

Abb.  4  (Erklärung  S.  65) 65 

Abb.  5  (Erklärung  S.  130) 129 

Abb.  6  (Erklärung  S.  140.) 141 

Abb.  7  (Erklärung  S.  148) 147 

Abb.  8  (Erklärung  S.  152) 160 

Abb.  9  (Erklärung  S.  152) 151 

Abb.  10  (Erkläning  S.  155) 154 

Abb.  11  rErklärung  S.  195) 195 

2.  Zum  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit. 

Abb.  12  (Erklärung  S.  253) 255 

*}    Der   Asterisk    be  b'utet ,    dass   die   Echtheit   des  l)etreffenden   Stückes 
zweifelhaft  ist. 


Verzeiclmis  der  Abkttrznngeii. 


Vita  =  Leben  Seuses. 

Bdew  =  Büchlein  der  ewigen  Weisheit. 

Bdw  =  Büchlein  der  Wahrheit. 

,r.  x^^  f  =  Kleines  Briefbüchlein. 
KI  Bfh  j 

Gr  Bfb  =  Grosses  Brief  buch. 

Minneb.  =  Minnebüchlein. 

Hör.  =  Horoiogium  Sapientiae. 


DW  =  Deutsches  Wörterbuch. 
H8(s).  =  Handschrift(en). 
Jh.  =  Jahrhundert. 
ÜB  =  Urkundenbuch. 


Archiv  oder  ALKGM  =  Archiv  für  Literatur-  und  Kirchengeschicht«  des  Mittel- 
alters. 

Byga  =  Buch  von  geistlicher  Armut,  hrsg.  von  Denifle  1877. 

Den.  =  Denifles  Seuseausgabe  (1880). 

Diep.  =  Diepenbrocks  Senseausgabe  (*1884). 

Eckhart  =  Pfeiffer,  Deutsche  Mystiker  des  14.  Jh.  II  Meister  Eckhart  (18Ö7). 

Greith  =  C.  Greith,  Die  deutsche  Mystik  im  Predigerorden  (1861). 

Lexer  =  M.  Lex  er,  Mittelhochdeutsches  Handwörterbuch,  3  Bde  (1872/78). 

3I0PH  =  Monuraenta  Ordinis  Praedicatorum  Historica  ed.  Reichert  (1895 ff.). 

Preger  I— TU  =  W.  Preger,  Geschichte  der  deutschen  Mystik  im  Mittelalter, 
3  Bde  (1874/93). 

Preger  Briefe  =  Die  Briefe  H.  Snsos  hrsg.  von  Preger  (1867). 

Preger  Vorarbeiten  =  Preger,  Vorarbeiten  zu  einer  Geschichte  der  deutschen 
Mystik,  Zeitschrift  für  bist.  Theologie  1869,  Iff. 

Seeberg  =  R.  Seeberg,  Ein  Kampf  um  jenseitiges  Leben.  Lebensbild  eines 
mittelalterlichen  Frommen  (H.  Seuse)  1889. 

Strauch,  Ad.  Langmann  =  Die  Offenbanmgen  der  Ad.  L,  hrsg.  von  Strauch, 
QF  26  (1878). 

Strauch,  Marg.  Ebner  =  Strauch,  M.  E.  und  Heinrich  von  Nördlingen  (1882). 

Thiriot  =  Oeuvres  mystiques  du  bienh.  H.  Suso,  trad.  par  Th.  T  (1899). 

Vetter  ==  Th.  Vetter,  Ein  Mystikerpaar  des  14.  Jh.  (H.  Seuse  und  E.  Stagel)  1882. 

Zfda  =  Zeitschrift  für  deutsches  Altertum. 

Afda  =  Anzeiger  der  Zeitachr.  f.  dtsch.  A. 

Zfdph  =  Zeitschrift  für  deutsche  Philologie. 


Einleitung. 


»»   ^9^    *• 


U.  Scuae,  T)«iit«obe  äobriftcn. 


Erster  Teil. 


Die  Oberliefening< 


A.    Die  einzelnen  Handschriften. 

Die  deutschen  Schriften  Seuses  sind  in  sehr  zahlreichen  und 
weit  zerstreuten  Handschriften  überliefert  Soweit  sich  ihre  Pro- 
venienz feststellen  kisst,  stammen  die  meisten  derselben  aus  Nonnen- 
klöstern, besonders  des  Dominikanerordens,  in  Süddeutschland  (Elsass, 
Baden,  Württetnberg,  Bayern)  und  der  Schweiz,  doch  nicht  wenige 
auch  aus  Mittel-  und  Niederdeutschland;  na>ch  dem  Osten  (Osterreich) 
scheinen  Seuses  Werke  weniger  gedrungen  zu  sein.  Insbesondere  das 
Bdew  ist  im  14.  und  15.  Jh.  so  häufig  abgeschrieben  worden,  dass 
wohl  fast  jede  grössere  Bibliothek  in  Deutschland  und  in  der  Schweiz 
eines  oder  mehrere  Exemplare  davon  enthält.  Es  kann  sich  daher 
hier  weder  bei  der  Aufzählung  noch  bei  der  Benützung  der  Hand- 
schriften um  absolute  Vollständigkeit  handeln;  fiamentlich  aus  Privat- 
biblioiheken  wird  noch  dies  und  jenes  Manuskript  nachgetragen  werden 
können.  Möglichste  Läckenlosigkeit  ist  jedoch  angestrebt  bei  den 
Bilderhandschriften  des  sog.  Exemplars  (d.  h.  des  von  Seuse  selbst 
redigierten  Sammelwerks,  seine  der  Hauptschriften:  Vita,  Bdew, 
Bdw  und  Kl  Bfb  umfassend),  beim  Leben  Seuses  und  beim  Gr  Bfb. 
Die  in  dieser  Ausgabe  benützten  Handschriften  sind  mit  fettgedruckter 
Chiffre  bezeichnet;  von  den  übrigen  sind  die  meisten  wenigstens  ein- 
gesehen worden.  Bei  der  grossen  Zahl  der  zu  erwähnenden  Manu- 
skripte musste  die  Beschreibung  so  knapp  als  möglich  gehalten  werden. 

I.  Handsehrlften  des  Exemplars. 

A  =  Berlin,  Kgl.  Bibliothek  Ms.  germ.  quarto  840  (acc.  9493), 
Perg.  160  Bl.  (die  Bl.  84 — 87  sind  an  falscher  Stelle  gebunden, 
sie  gehören   zwischen  68   iiml  69)   170  x  215  mm,    Lagen  von  ge- 


4*  ßinleitnng.    1.    Die  Überlieferung. 

wohnlich  12  BL,  durchschnittlich  33  Zeiloi  auf  einer  Seite,  von 
ei7ier,  sich  aber  nicht  immer  ganz  gleichbleibenden  Hand  in  der 
zweite7i  Hälfte  des  14.  Jh.  sorgfaltig  geschrieben.  Dieselbe  Hand 
hat  nachträglich  Korrekturen  vorgenommen,  dann  und  ivann,  aber 
seltener,  auch  eine  zweite,  spätere  Hand.  Dialekt  aletnannischy  wohl 
nur  ganz  leicht  vom  dsässischen  beeinflusst.  Inhalt:  das  Exemplar 
vollständig  mit  Prolog,  Bildern  und  einigen  gemalten  Initialen  (über 
die  bildliche  Ausstattung  sielte  genaueres  unter  C).  Die  Kapitels- 
überschriften und  Anfangsbuchstabeti  sind  rot.  BL  1  ^  oben  am  Rande 
steht  von  alter  Hand  (rot):  Pater  noster  et  Ave  Maria^  darunter: 
Gelobt  vnd  gebenediet  sy  der  werde  namen  ynsers  berren  iesn  xpi 
vnd  der  hob  gelobten  juncfrouwe  Marien  siner  mflter  eweclicben 
an  ende  Amen.  Darauf  von  jüngerer  Hand  (15.  Jh.,  teilweise  ver- 
wischt): lESUS  MARIA  zarter  minneclicber  berre  vnd  frunt . .  .  bertzen 
Amen.  Darunter  schwarz  (14.  Jh.):  XI  bilde.  Am  Schlüsse  Bl.  160'' 
steht  (rot):  Explicit.  Finis  adest  vere  scbriptor  wult  precium  babere. 
Die  für  die  Seuseforschung  äusserst  wichtige  Hs.  —  sie  ist  die 
älteste  und  beste  Hs.  des  Exemplars  und  daher  dieser  Ausgabe  zu- 
grunde gelegt  —  hat  merkwürdige  Schicksale  erlebt.  Sie  stammt  aus 
d'Cr  Bibliothek  des  Johanniterhauses  zum  Grünen  Wörth  in  Strass- 
bürg,  wurde,  wie  ihr  Zustand  zeigt,  von  den  dortigen  mystisch  ge- 
stimmten Kreisen  viel  gelesen  und  kam  bei  der  Aufhebung  des 
Klosters  mit  anderen  wertvollen  Hss.  jener  Sammlung  ^)  in  die  Strass- 
burger  Stadtbibliothek,  wo  sie  wie  vorher  die  Signatur  B  139  trug. 
Hier  umrde  die  Hs.  von  K.  S chmidt  zu  eitlem  Aufsatz  über  Sense 
in  Theol.  Studien  und  Kritiken  1843,  835  ff.,  der  auch  manche 
Auszüge  daraus  gibt,  benutzt^  ferner  in  den  vierziger  Jahren  des 
19.  Jh.  von  dem  bekannten  Gei'manisten  Franz  Pfeiffer,  der  eine 
Ausgabe  Semes projektierte^),  in  ziemlich  mangelhafter  und  ungenaue^' 
Weise    teils    abgeschrieben^),    teils    kollationiert.      Pfeiffers    Manu- 

^)  Vgl.  darüber  J,  J.  Witter^  Catalogua  Cod.  Mas.  in  bibUotheca  sacri 
ordinis  Hierosolymitani  Argentorati  aaservatorum ,  Straaahurg  1746  (unsere 
Seusehs.  S.  19  unter  B  139,  doch  fälschlich  als  Papierhs.  bezeichnet) :  J.  Rath- 
geber,  Die  hal.  Schätze  der  früheren  Strassb.  Stadtbibliothek  1876 j  41  ff.; 
C.  Schmidt f  Zur  Geach,  der  ältesten  Bibliotheken  zu  Strassburg  1S82,  15 f. 
K.   nieder j   Der  Gottesfreund  vom  Oberland  1905,  256 ff. 

*)  Über  diese  seine  Pläne  vgl.  K.  Bartsch  in  seiner  Biographie  Pfeiffers 
in  ^Briefwechsel  ßwischen  Jos.  ?'on  Laasberg  u.  L,  U bland*  hrsg.  von  F.  Pfeiffer 
1870,  XXX  f.,  XL  VII. 

')  Ein  Teil  der  Abschrift  ist  allerdings  nicht  von  Pfeiffer  selbst,  sondern 
von  unbekannter  Hand, 


Die  eine^en  EaDdMduifteB. 


5« 


skriple  ')  l.-<nnm  wich  seium  Tode  ff  29.  Mm  1808)  in  die  Iloßihliothek 
zu  Wifn  (=Suppl..  2778  [N.  S.  308 j  enthaltmd  Vila%  Bdw, 
Kl  Bfh,  und  Suirpl.  3779  [Nr.  15379;  vgl.  Tabuloe  codd.  VIII, 
löö  f.]  enthnltend  Bdew,  Gr  Bfb  f».  »nicr  VI],  Prediyi  I  wtd  IV 
[f.  tintfr  VII],  und  einige  Stücke  von  Eckhart  nach  Abschrift  von 
J,  Hntipt),  ICO  sie  nuch  Dtnißi-  für  seine  Ausgabe  heniitzte.  Die 
Stroashurgcr  Hx.  selbst  galt  als  verloren,  da  am  24.  August  1870 
bei  der  Belagerung  die  Stadtbibliothek  in  Brand  geschossen  und  zer- 
niSrl  tvurd^.  Gross  icar  daher  die  Überraschung,  als  Schreiber  dieses 
im  September  1903  dos  verlorene  Manuskript  in  Berlin  wieder  ent- 
deckte. Eingezogenen  Erkundigungen  zufolge  ist  es  im  Srptember 
18(i8  aitn  dem  Navhlasn  Pfeifers  käuflich  erworben  worden.  Es 
liegt  die  Vermutung  nahe,  dass  der  Gelehrte  die  Hs.  zur  Benützung 
entliehe»  halte,  Jedoch  starb,  ehe  er  sie  zurückgeben  konnte,  und  dass 
Äi'e  darauf  als  sein  Eigentum  angesehen  und  rerkattft  ipurde;  das» 
man  in  Strasaburg  den  Verlust  nickt  bemerkte,  ist  zwar  auffallend, 
über  dem  Krieg  konnte  die  Sache  aber  wohl  in  Vergessenheit  geraten. 
Ein  Ziceifel  an  der  Identität  der  Hs.  kann  nicht  bestehen:  nicht 
nur  ist  die  alte  Signatur  B 139  auf  dem  Bücken  des  Einbandes 
»och  deutlich  sichtbar,  sie  stimmt  auch  aufs  genaueste  mit  den 
Exzerpten  Schmidts  uiul  den  Abschriften  Pfeiffers.  Habent  sua 
fatn  If belli! 

K  =  Eiiisiedelit,  Slißsfnbliolhek  Hs.  Nr.  710,  Pa,,.9+233 
,.on  alter  Hund  numerierte  Bl.  fol.  (208  y<  303  mm),  doppetspalHg 
in  der  zweiten ')  Hälfie  des  15.  Jh.  sehr  sckün  geschrieben,  reich 
mit  Miniaturen  ausgestattet  fs,  unter  C).  Sprache:  alemannisch- 
achwäHsch.  Inhalt:  Bl.  5"'~-7"'  Register;  Bl.  I—XXI  (alte  Be- 
zifferung) Gedickt  voit  Christus  und  der  minnenden  Seele  (mit 
Bildern),  das  sich  auch  in  der  Donaueschinger  Hs.  Nr.  106  Bl.  1 — 40, 


')  Ül>»r  seinen  bis  ifUt  ganz  ungtnügmid  ausgmütztoi  und  besc/iriebentn, 
für  du  GtsckiehCr  drr  drutsehen  Mystik  irerlvollen  Nachltum  vgl.  jrltl  Otto 
Simon,  Übtrtiffrrung  und  /iandschriflenverhältiiln  dts  Traktates  ,,Sehii>i3ter 
Katrei',  IHss.  Hallt  1906.  H  f. 

')  Dir  tfgtK  Hälftt  derselben  ist  nach  der  Stuttgarter  He.  Cod.  aseit.  lö, 
freUieh  nicht  »eilen  nachlä»»ig  abge^chnrben  and  noch  der  Straagburger  Hs. 
luitlationieit,  was  Dtniflt  XX,e3T  und  Z/da  XXI,  IST  nicht  erkannt  hat,  in  drr 
neeifm  Uälftt  igt  nw  das  Slratsb.  Manuskript  kopiert. 

•)  Dmifle  XXVIII  tedst  die  Hl.  dem  Anfang  der  15.  Jh.  lu,  ab"-  die 
CON  dtrstlbm  Hand  geschriebene  Einsiedler  Hs.  2fr.  ä63  ist  im  Jahr«  1482 
vollendet   (vgl.  Caialogus    Codd.  mss.  in  >'ihl.  Monast.  Einetedl.  descript.  a.  P. 

a.Utier  I  [waaj  seo). 


6*  Einleitung.    I.    Die  Überlieferung. 

zu  Karlsruhe,  Cod.  St.  Georg.  Pap.  Germ,  91  Bl.  1 — 80  (ebenfalls  mit 
Bädern),  und  Überlingen,  Hs.  Nr.  22  (=U)  Bl.  3-20  findet'); 
BL  XXIII^—CLXXXIIII'^  das  Exemplar  vollständig  mit  Prolog; 
von  da  bis  Schluss  Bl,  CCXXIX  kleinere  asketische  und  mystische 
Stücke  (vom  christlichen  Lehen,  von  einem  geistlichen  Kloster  nach 
St.  Bernhard,  Bruderschaft  der  etvigen  Weisheit  im  Auszug 
[Bl.  CCII—CCIII],  von  voUkommetier  Demut,  von  den  Graden  und 
Staffeln  der  Geduld,  von  einem  anfangenden,  zunehmetiden  und  voll- 
kommenen Lehen  u.  a.).  Die  Hs.  stammt  laut  altem  Eintrag  Bl.  4** 
aus  dem  Dominikanerimienkloster  St.  Peter  zu  Konstanz;  ein 
Vergleich  mit  Hs.  Nr.  283  und  752  ^)  legt  die  Vennutung  nahe,  dass 
sie  wie  diese  von  dem  reichen  und  angesehenen  Patriziergeschlecht 
der  Ehinger  —  ihr  Wappen  findet  sich  in  cUlen  drei  Hss.  —  dort- 
hin geschenkt  wurde.  Auszüge  aus  den  vier  Schriften  des  Exemplars 
nach  K  bei  F.  Vetter,  Lehrhafte  Literatur  des  14.  und  15.  Jh., 
2.  Teil:  Geistliches  (=^  Kürschners  Deutsche  Nationalliteratur  XII, 
2  [1889])  109—247. 

R  =  Hs.  der  Domkapitelsbibliothek  in  Breslau,  ohne  Signatur, 
Pap.  293  Bl.  fol.  (220  x  320  mm),  mit  Bildern,  am  Ende  des 
15.  Jh.  von  Schwester  Katharina  Menttellwergerin  (Bl.  220**)  ziem- 
lich flüchtig  geschrieben.  Dialekt:  bayerisch.  Die  Hs.  stammt  aus 
dem  Dominikanerinnenkloster  zum  hl.  Kreuz  in  liegen sburg,  und 
wurde  von  Kardinal  Diepenbrock  der  Bibliothek  des  Domkapitels  in 
Breslau  vermacht.  Inkalt:  Bl.  1*^ — 244*"^  das  Exemplar  vollständig^) 
mit  Prolog  (vom  Bdw  fehlen  aber  die  Kap.  3,  4,  6,  7,  vom  Kl  Bfb 
Brief  6  und  7);  Bl.  244^^—79**  23  Briefe  des  Gr  Bfb  (s.  unter 
VI);  Bl.  279 -^-'82^  Zusatz  zum  Bfb  (393,8—96,5);  Bl.  282^^^-93'^ 
Bruderschaft  der  ewigen   Weisheit. 

W=:  Wolfenbüttel,  Herzogl.  Bibliothek  Cod.  78.  5.  Aug. 
fol.,  Pap.  322  BL,  im  15.  Jh.  (Bd.  322^:1473)  in  bayerischem 
Dialekt  von  mehreren  Händen  geschrieben  und  mit  Miniaturen  aus- 
gestattet. Die  Hs.  stammt  vermutlich  aus  einem  Nürnberger  Kloster 
und  enthält  das  ganze  Exemylar  mit  Register,  Prolog  utui  den  Nach- 
trägen  zum  Bfb,    die   Bruderschaft   der    emgen    Weisheit   und  das 

*)  Ein  Brucfietück  ist  in  Man  es  Anzeiger  VIII  (1839)  334  ff.  abgedruckt, 
die  Anfange  und  Überschriften  ans  U  bei  F.  Vetter,  Das  Leben  der  Schwestern 
SU  Töss  1906,  X  f.  Beschreibung  bei  A.  Peltser,  Deutsche  Mystik  und 
deutsche  Kunst  (Studien  sur  deutschen  Kunstgeschichte  H,  21)  1899,  181  f. 

*)  Beschreibung  dieser  Hs.  bei  Simon  a.  a,  0.  31  ff. 

^  Denifles  Angabe  XXVIII  f.  dass  das  Bdew  fehle,  ist  unrichtig. 


^etüiSIfleii 


Neittij'el:<enbu<:h  Mersu'im ').  liesc/ireibuni/  in  0.  ruit  Hviuemün»  s 
Kntaloij  2.  Aht.  IV  (liim)  7. 

f  =  //(.-.  der  Freiburger  Üittveraitätsbibliothek  Nr.  453, 
P,tp.  213  Bt.  fol.  (220  X  2.90  mm)  15.  Jh.  (BL  212'^  :  1440),  in 
nlemannisch-schwäbischem  Dialekt,  das  Exemplnr  eollsiändig  mit  Re- 
tfisttr,  VoiTede,  Nachträgen  und  dir  Bruderschaft  der  eu:  Weiak. 
tnthallend;  frühtr  im  Besitz  des  Frauziskam-r-Tertiarierinnmklosters 
zu  Imigkofen  bei  Sigmarin<jen,  dann  des  Professors  F.  K.  Gries- 
hnber.  noch  dessen  Tod  (1866)  die  Hs.  nach  Frabviy  gelangte. 

H  —  Hs.  der  Stadtbibliothek  in  Nürnberg  (knU  VII,  90, 
Pap.  173  Bl.  4"  {150x210  mm)  vom  15.  Jh.,  in  bagenscher 
Mnndiirt;  sehr  fehlerhaft  und  ohne  Verständnis  tjeschrieben,  früher 
dem  Dominihiner  Konrad  Förster  von  Ansbach  zu  Nürnberg  ge- 
hürig.  Enthält  Bl.  3—66  Bdew  ooUständig ;  Bl.  67—123  Vita  bis 
Schluss  von  Kap.  44,  teils  stark  gekürzt,  teils  mit  Auslmmng  einzelner 
Kapitel  (z.  B.  6,  30,  33,  34,  37  usw.),  wofür  dann  andere  ah- 
ijeteilt  und  mit  neuen  Überschriften  versehen  werden');  Bl.  124 — 3!) 
Bdir;  Bl.  14i> — 73  25  Briefe,  eine  Kompilation  aus  Briefen  des 
Kl  (11  Nr.)  und  Gr  Bfb  (14  resp.  15  Nr.)  mit  den  Nachträgen 
;«»(   A7  Bfb.     Vgl.  die  Tabelle  zu   VI. 

m  =  fis.  der  Münchner  Staatsbibliothek  Cgm  819,  Pap. 
246  Bl.  8",  15.  Jh.,  in  bagerischem  Dialekt.  Der  hüinlt  ist,  von 
dem  fehlenden  Bdew  abgesehen,  genau  derselbe  wie  in  N  mit  allen 
charakteristischen  Eigenheiten  und  Abweichungen,  besonders  in  der 
Vita  und  im  Briefbuch;  man  ist  zur  Annahme  genötigt,  das.i  ent- 
weder beide  Hss.  eine  getneinsame  Vorlage  hatten,  oder  dass  eine  von 
der  anderen  direkt  abhängt  (wahrscheinlich  m  von  N).  Beschreifiung 
der  Hs.  in  Sihmellers  Katalog  139.  Das  Briefbuch  der  lls.  m  hat 
\V.  Preger  1867  unter  detn  Titel:  „Die  Briefe  Heinrich  Susos 
>Mch  einer  Handschrift  des  XV.  Jahrhunderts'^  ediert  in  der  irr- 
tümlichen Meinung,  darin  das  endgültige,  von  Seuse  redigierte  Brief- 
buch geftitiden  zu  haben  (weiteres  unter  B). 

B'  =  Hs.  der  Kgl.  Bibliothek  in  Berlin,  Ms.  germ.  fol.  658, 
Pap.  2H2  BL,  15.  Jh.  (zweite  Hälfte),  in  bagerischem  Dialekt,  mit 
Bildern,  aus  dem  Dominikanerinnenkloster  Altenhohcnau  bei  Wasser- 
burg in  Oberbayern,  dann  im  Besitze  Meusebaehs.    Besteht  aus  zwei 

')   Cbir  diteta  vgl.  Strauch  %i,  Zfi^h  1902,  338. 

*)  I}tr  Schreiber  btgründft  sein  Verfahren  ntn  Schluss  lies  Prologs  drr 
Vila:  doch  hon  ich  daz  peet  dorami  gele-icn  in  kortzen  worteo,  U'irf  £/.  139": 
pecoatum  est  fieri  |>er  pliira,  qiind  pntfRt  fleri  per  imnciora. 


8*  Einleitung.    I.    Die  Überlieferung. 

1  eilen:  1.  BL  1 — 85  Heiligenleben,  Teil  eines  PassioncUs;  2,  Bl. 
1 — 147  Vita  mit  Prolog  des  Exemplars  und  Bdew,  aber  ohne  die 
100  Betrachtungen,     Text  spät  und  unzuverlässig, 

P  ^=  PariSy  Bibliothique  nationale,  Ms.  alletn.  222,  Pap.  313 
Bl.  4^y  15,  Jh.,  in  alemannisch-elsässischem  Dialekt,  aus  dem  Do- 
minikanerinnenkloster  St.  Nikolaus  in  undis  zu  Strassburg  stammend. 
Inhalt:  Bl.  I^—IOO''  Vita;  Bl.  lOO'^—lW  KlBfb  ohne  Nr.  11 
{Pone  me);  Bl.  118^ — 24^  die  Bilder  des  Exemplars  in  sehr  roher 
Ausführmig  mit  den  Sprüchen  dazu.  Über  den  weiteren  Inhalt  der 
interessanten  mystischen  Sammelhs.,  auf  die  zuerst  F.  Vetter^) 
aufmerksam  gemacht  hat,  siehe  die  Beschreibung  bei  0.  Hu  et, 
Cataloque  des  mss.  alletnands  de  la  bibl.  natiotiale,  Paris  1895,  121  ; 
vollständiger  und  genauer  bei  Simon  (s.  o.  S.  5*  A.  1)  a.  a.  0.  27  ff. 

S  =  Cod.  ascet.  15  der  Kgl.  Handbibliothek  in  Stuttgart, 
jetzt  {seit  1901)  in  der  Kgl.  Landesbibliothek,  Pap.  233  Bl.  4^ 
(145x210  mm),  von  zwei  Händen  in  der  ersten  Hälfte  des  15.  Jh. 
schön  geschrieben;  alemannische  Mundart.  Inhalt:  Bl.  1^  Sprüche 
vom  ersten  Bilde;  Bl.  2^—233^  Exemplar  mit  Prolog  ohne  Bdeiv. 
Die  Bilder  fehlen,  aber  der  Platz  dafür  ist  freigelassen.  Die  Hs. 
war  früher  im  Besitz  des  Dominikanerinnenklosters  Ötenbach  bei 
Zürich  laut  Notiz  auf  der  Rückseite  des  vorderen  Deckels  von  einer 
Hand  des  15.  Jh.:  Dis  buch  ist  des  conventz  an  ötenbach  gentz 
(^  gebet  es)  dur  got  wider ;  später  kam  sie  nach  Weingarten  (BL  1  ** 
oben:  Monasterii  Weingartensis  1674).  Bl.  233 ""  steht  (rot):  Ge- 
denken t  Jobannes  geys  (wohl  Verunstaltung  aus  Seüs)  durch  got, 
darunter:  Gedenkent  durch  got  Jungkher  Diethelms  von  klingen  von 
dem  band  wir  dis  bfich. 

S  ^  =  Cod.  theol.  et  philos.  fol.  281  der  Kgl.  Landesbibliothek 
in  Stuttgart,  Pap.  228  BL  210x310  mm,  alemannisch-schwäbi- 
scher Dialekt,  zweite  Hälfte  des  15.  Jh.  (BL  39''  :  1476,  BL 
228"-:  1475).  Enthält  BL  1^—39''  das  Leben  der  seL  Margareta 
von  Ungarn^),  das  sich  auch  in  der  St.  Galler  Hs.  603  (vgl. 
Vetter,  Viten  von  Tos  VIII),  in  Cgm  750,  in  dei'  Hs.  der  Nürn- 
berger Stadtbibliothek  Cent.  VI,  53,  und  in  U  (s.  S.  9*  und 
Vetter    a.   a.    0.    XII)   findet;     BL    42*-— 220"^    Exemplar    mit 


^)  Ein  Mystikerpaar  (s.  S.  97)  57ßO  Anm.  47  und  62. 

*)  Tochter  König  Belas  /F,  f  1271  als  Dotninikanemonne.  Ihre  Vita 
ist  von  dtm  Dominikaner  Garinus  1340  veiftust,  von  seinen  Ordensgenossen 
Jörg  Valder  und  Konrad  deutsch  bearbeitet  worden.  Vgl.  darüber  Kaindl 
im  Archiv  für  Österreich.  Gesch.  91  (1902)  53  ff.;  Hist.  Jahrbuch  1906,  110. 


Die  einseinen  Handschriften.  9* 

Register^  Prolog  und  Nachträgen  zum  Bfb,  aber  ohne  Bdetv; 
Bl.  220'' '-28''  Bruderschaft  der  ew.  Weish.  S^  ist  mit  f  nahe 
verwandt  ufid  hat  dieselben  zahlreichen  Fehler;  dem  ersten  Druck 
von  1482  lag  eine  S^f 'ähnliche  Hs.  zugrunde  (vgl,  Denifle  in 
Zfda  XIX,  350  ff.). 

U  =  Hs.  der  Überlinger  Stadtbibliothek  Nr.  22,  Pap.  321 
BL  Jol.  (210x295  mm)  in  alemannisch-schwäbischer  Mundart,  aus 
dem  Dominikanerinnenkloster  Zofingen  zu  Konstanz  stammend,  In- 
halt: Bl.  3*" — 20  *"  Gedicht  von  Christus  und  der  minnenden  Seele 
(s.  oben  S,  6*);  Bl.  20  "^ — 125''  Exemplar  mit  Prolog,  doch  ohne 
Bdew');  Bl.  115 ''—25''  14  Briefe  des  Gr  Bfb  (s.  unter  VI);  über 
den  weiteren  Inhalt  der  Hs.  (Viten  von  Töss  und  Katharinental, 
Leben  der  sei.  Margareta  von  Ungarn  und  des  hl.  Ludwig,  Traktat 
von  den  40  Myrrhenbüscheln)  vgl.  die  Beschreibung  bei  Vetter 
a.  a.  0.  X—XIII"). 

H.  Handschriften  der  Tita. 

Ausser  den  unter  I  aufgeführten  Hss.,  welche  sämtlich  als 
erstes  Buch  des  Exemplars  das  Leben  Seuses  enthalten,  sind  folgende 
noch  besonders  zu  nennen,  in  welchen  sich  nur  die  Vita  oder  Bruch- 
stücke derselben  finden. 

A  ^  =  Hs.  der  Universitätsbibliothek  in  Strassburg  Lgerm.  75, 
Pap.  142  Bl.  4^  (145x220  mm),  15.  Jh.,  alemannisch-elsässische 
Mundart,  aus  dem  Dominikanerinnenkloster  Unterlinden  in  Kolmar 
stammend.  Enthält  Bl.  2*" — 4*'  den  Prolog  des  Exemplars,  Bl.  4^ 
bis  142^  die   Vita. 

M  =  Hs.  der  Münchner  Staatsbibliothek  Cgm  362,  Pap. 
116  BL,  von  denen  zwei  an  falscher  Stelle  (das  25.  nach  dem  35., 
das  36.  nach  dem  38.)  stehen,  4^  (145x220  mm)  vom  Anfang  des 
15.  Jh.  oder  vielleicht  noch  etwas  früher,  ziemlich  flüchtig  mit  teil- 
weise stark  verblasster  Tinte  geschrieben,  in  alemannisch-schwäbischem 
Dialekt;  enthält  die  Vita  in  ganz  eigener,  von  den  übrigen  Hss.  ab- 


^)  Die  Schreiberin  begründet  Bl.  90^  die  Auslassung  damit  ^  dass  das 
Bdew  „sonst  als  wohl  und  gut  geschrieben^  in  ihrem  Kloster  vorhanden  sei. 
In  der  Tat  sind  zwei  Exemplare  des  Bächleins  aus  dem  Zofinger  Kloster  noch 
erfialten  (s.  unter  III  F^  und  FV- 

*)  Die  ebenfalls  das  Exemplar  voraussetzende  Kolmar  er  Hs.  Nr.  266  (sie 
führt  das  Bdw  und  Bfb  als  3.  und  4.  Buch  ein)  wird  unten  unter  IV  auf- 
geführt. 


10*  Einleitung.    1.    Die  Überlieferung. 

weichender  Rezension,  worüber  unter  B  atisführlich  zu  handeln  ist. 
BL  1  **  steht  oben :  assit  principio  sancta  maria  meo.  Item  der  wnder 
s^es;  unten  am  Rande  von  späterer  Hand:  das  bflch  von  dein  diener 
der  ewigen  wizhayt;  BL  TS""  unten  (bei  Kap.  38):  ich  han  den 
syssen  lieb  von  hertzen.  Vgl,  auch  die  Beschreibung  der  Hs.  durch 
Strauch  in  Äfda  IX  (1883)  140. 

Vollständig,  aber  in  ziemlich  verderbter  Form  enthalten  den 
Text  der  Vita  auch  Cgm  4374  Pap.  i^  15.  Jh.  Bl.  1—129  (vql 
SchmeUers  Katalog  449)  und  die  1596  geschriebene  Hs.  der  Uni- 
versitätsbibliothek in  München  Nr.   146. 

Nur  im  Auszug  von  Kap.  1 — 44  und  zwar  ganz  in  der  Re- 
zension der  oben  angeführten  Hss.  N  und  m  findet  sich  das  Leben 
Seuses  in  folgenden  drei  Hss. : 

Ms.  Theol.  123  der  Göttinger  Universitätsbibliothek,  Pap. 
167  Bl.  15.  Jh.  in  mittelfränkischem  Dialekt  (vgl.  W.  Meyers 
Katalog  II,  363);  Hs.  dsr  StadtbibliotJiek  in  Mainz,  ohne  Signatur, 
Pap.  15.116.  Jh.,  ebenfalls  in  mittelfränkischem  Dialekt  (Beschreibung 
von  F.  W.  E.  Roth  in  Zfdph  26  [1894]  67 J.);  Wien,  Kaiserl. 
Hofbibliothek  Nr.  3022  Pap.  236  Bl.  i^  15.  Jh.,  niederrheinisch 
(den  weiteren  Inhalt  der  Hs.  in  Tabidae  codd.  If,  180  und  bei 
Hoff  mann  von  Fallersleben,  Verzeichnis  d^tr  altdeutschen  Hss. 
der  Hof  bibliothek  zu   Wien  1846,  346). 

Eine  Anzahl  von  Hss.  ^)  endlich  enthalten  Bruchstücke  der 
Vita:  Berlin,  Ms.  germ.  oct.  69  (s.  unter  VI)  Bl.  135 — 49, 
264—73:  Kap.  49  und  teilweise  50,  11,  12,  8;  Göttingen,  Ms. 
Theol.  292  Bl.  55,  131—36 :  Kap.  49  und  teilweise  20  (  W.  Meyer, 
Katalog  II,  472  ff.)  \  Kolmar,  Stadtbibliothek  Nr.  268  Bl.  174—76: 
Kap.  9  (vgl.  Bartsch,  Beiträge  zur  Quellenkunde  der  altdeutschen 
Literatur  1886,  314):  München,  Cgm  455  Bl.  1—6;  Cgm  456 
Bl.  64—70  und  Cgm  457  Bl.  318—23:  Kap.  13;  Cgm  531  fol. 
Bl.  116—24:  Kap.  1—9;  Muri-Gries,  Stiftsbibliothek  Cod.  10. 
157  Nr.  104,  Pap.  16. /17.  Jh.,  enthaltend  Kap.  1—33  und  im  Aus- 
zug 40—49;  Stuttgart,  Cod.  theol.  et  phil.  oct.  19  (vgl.  unter  VI) 
Bl.  61—64:  Sprüche  aus  Kap.  35;  Cod.  ascet.  203  Bl.  101, 
176—82,  191  f.:  Kap.  6,  49,  35. 

Nach  K.  S  chmt  dts  Angabe  in  Theol.  Studien  und  Kritiken 
1843,  865  Anm.  befanden  sich  in  der  1870  verbrannten  Hs.  der 
S  trass burger   Stadtbibliothek  B   146  Teile   d^r    Vita.     Eine    Hs. 

0  Sömtlieh  Pap.  und  wo  nicht  anders  angesehen  dem  16.  Jh.  angehörend. 


Die  einzelnen  Uaudschriften.  11* 

in  Privatbesitz  (ür.  Karl  Wichnann),  Perg.  und  Pap.  iö.  Jh. 
(1420),  verzeichnet  K.  Roth,  Deutsche  Predigten  des  12.  und  13.  Jh. 
18S9,  3  Anm. 

III.  Handschriften  des  Bfichleins  der  ewigen  Weisheit. 

Die  Zahl  der  Hss.  des  zweiten  Buches  Seuses  ist  Legion.  Keine 
detn  Gebiet  der  deutschen  Mystik  angehorige  Schrift  wurde  so  oft 
kopiert  wui  so  viel  gelesen.  Bei  diesem  Buche  ist  man  daher  auch 
in  der  glücklichen  Lage,  eine  Anzahl  alter  Pergamenthss.,  die  in 
die  Zeit  Seuses  selbst  zurückgehen  oder  ihr  wenigstens  nahe  stehen, 
zur  Verfügung  zu  haben.  Von  den  unter  I  aufgeführten  Hss.  des 
Exemplars  ist  das  Bdew  in  A  K  R  W  f  N  B  ^  enthalten,  von 
denen  aber  nur  A  ufid  K  zur  Rezensierung  des  Textes  verwendet 
worden  sind.     Ausserdem  sind  zu  nennen: 

E^Hs.  der  Stiftsbibliothek  zu  Engelberg  Nr.  141,  Perg. 
113  Bl.  4^  (118X165  mm),  14.  Jh.,  alemannisclier  Dialekt.  Be- 
schreibung bei  B.  G Ottwald,  Cat^logus  codd.  mss.  in  bibl.  monast. 
Engelb.  1891,  144.  Die  Kapitelüberschriften  und  Initialen  sind 
rot ;  die  Hs.  ist  von  einer  alteren  gleichzeitigen  und  eitier  jüngeren 
Hand  des  15.  Jh.  nachkorrigiert  worden,  von  lezterer  ziemlich  will- 
kürlich. Leider  fehlt  etwa  ein  Drittel  des  Bdew :  der  2. — 5.  Sextern 
ist  vollständig  verloren  gegangen,  von  dem  ersten  sind  nur  zwei 
BläUer  übrig.  Inc.  Bl.  V :  enwoltest  dv  (202,12),  Schlv^s  Bl.  2": 
kiÄcegen  ergie  (204,2);  Bl.  3'"  beginnt:  gerent  das  dv  Mmelichen 
(240,26).  Da^  Manuskript  stammt  aus  dem  Benediktinerinnen- 
kloster St.  Andreas  zu  Samen,  das  sich  bis  1615  in  Engelberg  neben 
dem  dortigen  Mönchskloster  befand.  Auf  der  letzten  Seite  stehen 
von  zwei  verschiedenen  Händen  eine  Reihe  von  Einträgen,  von  denen 
die  für  die  Geschichte  der  Hs.  bedeutungsvollen  aufgeführt  seien: 
Lieben  geistlichen  frowen  gedenkent  ouch  min  Jo.  frikers  des  alten 
Schribers  von  lucem  der  vch  da  half  singen  dur  got.  Datum  circa 
Verene  (1.  Sept.)  Anno  domini  MCCCLXXVIIP.  Weiter  unten 
von  älterer  Hand,  welche  mit  der  ersten  korrigierenden  identisch  ist: 
Gedenkent  dvr  got.  S.  (=  Swester)  Elyzabeten  staglin  ze  töz  in  dem 
kloster  vnd  ir  vater  Rfidolfes  Margareten  ir  mfiter  vnd  drier  ir 
bräder .  fridrihes .  otten .  vnd  Rftdolfes.  Gedenkent  5ch  eines  brüders 
hies  brüder  iohans  von  Rauenspurg  von  dem  man  vch  den  mersten  ^) 


0  Goüwald  a,  a.  0.  liest  mensten,  es  hiess  aber  sicher  mersten,   woraus 
eint  spätere  Hand  meysten  gemacht  hat. 


12*  Einleitung.    I.    Die  Überlieferung. 

teil  ED  dis  Buch  gab.  Am  der  letzteren  Notiz  geht  hervor,  dass  die 
Hs.  aus  dein  üominikanerinnenhloster  Töss  stammt  und  in  irgend- 
welcher Beziehung  zu  Seuses  geistlicher  Freundin,  Elsbeth  Stagel, 
die  „mit  solchem  Fleisse  und  göttlichen  Treuen  beholfen  war^%  seine 
Büchlein  zu  „vollbringen^*,  d,  h.  abzuschreiben  ( Vita  109,  6  f,), 
gestanden  hat,  sei  es  nun,  dass  sie  dieselbe  selbst  schrieb  \),  oder 
wenigstens  durchkorrigierte.  Die  Notiz  über  den  „ Bruder*'  d.  h. 
offenbar  Dominikanermönch  Johann  von  Ravensburg'^)  will  in  ihrem 
zweiten  Teile  wohl  besagen,  dass  aus  einer  von  diesem  nach  Töss 
gemachten  Stiftung  die  Kosten  der  Herstellung  der  Hs,  zum  grössten 
Teil  bestritten  wurden.  Später  kam  dieselbe  in  den  Besitz  des 
Luzerner  Stadtschreibers  Johannes  Fnker^),  d-er  sie  1378  nach 
Engelberg  schenkte.  Als  älteste  aller  Seusehss,  hat  sie  auch  jetzt  noch 
hohe  Bedeutung, 

E'  =  Hs.    derselben    Bibliothek     Nr.    153,    Perg.    147    Bl. 


*)  Dies  ist  Denifles  Annahme  (305  A.  1). 

')  Es  lassen  sich  mehrere  Johannes  von  Ravensburg  nachweisen. 
Der  eine,  Sohn  des  Schuhmachers  Heinrich  von  Bavensburg,  war  Notar  oder 
Hofschreiber  des  Bischofs  Nikolaus  I  von  Konstanz  (1334 — 44) ,  Laie,  und  starb 
vor  1380  (vgU  Regesta  episeoporum  Constantiensium  II,  17 J,  193;  Ph.  R Up- 
per i,  Die  Chroniken  der  Stadt  Konstanz  1691,  45  ff.).  Ein  anderer,  aus  dem 
Ravensburger  Patrisiergeschlecht  dei'  Huntpis  ( Uumpiss)  stammend,  Priester  und 
Choi'herr  am  Kollegiatstift  Münster'  (Beromünster  im  Kanton  Luzern),  ist  ur- 
kundlich zwischen  1340  und  1369  zu  belegen  (Geschichtsfreund  XXXII,  160; 
XXXIV,  352;  X,  90;  V,  199:  dominus  Joh.  de  R.;  Reg.  ep.  Const.  II,  333 
n,  6767,  vgl,  n.  5994).  Doch  handelt  es  sich  wahrscheinlich  um  keinen  von 
diesen  beiden,  da  die  Bezeichnung  »Bruder^  doch  wohl  auf  einen  Mönch,  d,  h. 
hier  einen  Dominikaner  hinweist.  Es  ist  daher  wahrscheinlich  Johann  von 
Ravensburg,  staufischer  Ministeriale  und  Herr  zu  Lmvental  (bei  Eriedrichshafen) 
gemeint,  der  1250  in  das  Dominikanerkloster  Konstanz  eintrat  (Ereib.  Diöz. 
Archiv  1901,  31,  47  f.)  und  zwischefi  1250  und  1264  bei  Rechtsgeschäften  umr 
liegender  Nonnenklöster  seines  Ordens  oft  als  Zeuge  erscheint  (Reg.  ep.  Const,  I, 
201  n.  1764:  Wirt.  Ürk.-Buch  V,  181,  212,  215,  285,  298,  301,  360;  VI,  132, 
139;  Zürch.  Urk.-Buch  III,  218,  246).  Sein  Name  ist  in  dem  Kalendarium 
eines  Dominikanerinnenkloster  (in  Konstanz  oder  Töss?)  aus  dem  14.  Jh.,  in 
der  Einsiedler  Hs.  Nr.  623  Bl.  6^,  am  20.  Api'il  eingetragen. 

*)  Joh.  Eriker  de  Brugga  (Brugg,  Kanton  Aargau)  ist  als  noiarius  von 
Luzern  öfters  bezeugt ;  er  vereicfUele  1378  auf  sein  Amt,  nachdem  er  es  17  Jahre 
verwaltet  und  zog  sich  „in  den  Hof  auf  die  Laienpf runde'*  (wohl  am  Chor- 
herrnstift  zu  Luzern)  zurück,  starb  am  24.  Eebruar  unbekannten  Jahres  (Ge- 
schichtsfreund  II,  136;  IV,  222;  XXII,  154).  Er  schrieb  auch  die  Engel- 
berger  IIs.  Cod.  memhr.  125  und  schenkte  sie  1380  dem  Erauenkloster  in 
Engelberg  (G  otiwald,  Catalogus  133  f.:  If.  Wacker  na  gel.  Altdeutsche 
Predigten  und  Gebete  1876,  290). 


Die  einzelnen  Handschriften.  13* 

(BL  101  fehlt)  8  ®  (82x  120  mm)  14.  Jh.,  zweispaltig  schon  ge- 
schrieben in  aletnannischem  DicUekf,  mit  gefnaiten  Initialen,  ebenfalls 
aus  dem  Frauenkloster  Engelberg-Sarnen.  Die  Hs,  ist  vom  Miniator 
und  ausserdem  von  einer  späteren  Hand  durchkorrigiert  worden.  Der 
Epilog  (325,  18—28)  fehlt.      Vgl.  auch  Gottwald  a,  a.  0.  149. 

¥  =  Hs.  der  Freiburger  Universitätsbibliothek  Nr.  474,  , 
Perg.  228  BL  8^  (77x120  mm),  14.  Jh.  alemannisch,  aus  Gries- 
habers  Vermächtnis.  Zwischen  212  und  213  fehlt  ein  Blatt.  Ent- 
hält Bl.  l'-—223''  Bdew;  223''— 28 "^  Gebete  zu  Maria,  die  aber 
Seuses  Stil  nicht  verraten,  vgl.  Denifle  500  A.  5.  Die  Hs.  ist  von 
Franz  Pfeiffer  in  Stuttgart  28.  Dez.  1842—10.  Jan.  1847  ab- 
geschrieben und  mit  der  Strassb.  Hs.  B  139  kollationiert  worden; 
die  Kopie  ist  jetzt  in  Wien,  Cod.  Vindob.  Suppl.  2779  Bl.  1—149 
(s.  oben  S.  5*). 

F*  =  Hs.  des  Erzbischöflichen  Archivs  in  Freiburg  i.  B.,  ohne 
Signatur,  Pap.  136  Bl.  4  "  (148  x  202  mm),  Anfang  des  15.  Jh., 
alemannisch-schwäbisch,  aus  dem  Dominikanerinnenkloster  Zofingen 
(s.  oben  S.  9*  A.  1).  Bl.  1^-^72*'  Bdew  ohne  Vo'mahnmig  an  die 
Abschreiber';  BL  72^ — 73*^  myst.  Gedicht:  von  armfit  des  gaistes 
(dasselbe  bei  Tauler  1543  f.  332%  in  Cgm  447  und  455,  in  Cod. 
Berol.  germ.  quart.  191  Bl.  170—71);  Bl.  75''—133''  myst.  Trak- 
tate (Inc.:  Es  ist  ze  wissent  daz  in  der  sei  obrosten  yernunft  .  .; 
Bl.  83":  von  luterm  leben;  Bl.  90 ''—102''  deutsche  Stücke  unter 
lateinischen  Überschriften :  de  resurrectione  materie  hominis',  de  com- 
positione  hominis,  virginitas,  novitas  vite  usw.;  Bl.  108^  Maister 
Egghart  sprach  Cristus  mag  nit  enpfangen  werden  in  des  men- 
schen sei .  .  .)• 

¥^  =  Hs.  desselben  Archivs,  ohne  Signatur,  Pap.  191  Bl.  8® 
(100x148  mm),  15.  Jh.,  alemannisch-schwäbisch,  ohne  den  Epilog 
an  die  Abschreiber,  ebenfalls  aus  dem  Zofinger  Kloster. 

H  =  Hs.  der  Universitätsbibliothek  in  Heidelberg,  Cod.  Pal. 
germ.  446,  Perg.  110  Bl.  4""  (130x170  mm),  14./ 15.  Jh.,  ale- 
mannisch-schwäbisch, geschrieben  von  Cfinrad  von  Wynsperg  (Bl.  IW). 
Beschreibung  in  K.  Bartschs  Katalog  1887,  139. 

Z  =  Hs.  der  Stadtbibliothek  in  Zürich  C  172  (früher  726), 
Perg.  146  Bl.  8^  (90>:  125  mm),  14.  Jh.',  alemannisch;  drei 
BläUer  (zwischen  8  und  9,  19  und  20,  66  und  67)  fehlen.  Die 
Hs.  hat  sehr  guten  Text  und  namentlich  die  Väterzitate  am  Bande 
am  vollständigsten,  eine  spätere  Hand  hat  Korrekturen,  die  leicht  er- 
kennbar wid  ohne  besondere  Bedeutung  mid,   angebracht.     Auf  der 


14*  Einleitung.    I.    Die  Überlieferung. 

Rückseite  des  vorderen  Deckels  steht:  dls  buch  ist  des  conventen  in 
fittenbach.    gebend  es  durch  gott  wider  (vgl.  oben  S.  8*). 

Zu  den  beachten^Hwerten  alten  Hss.  des  Bdew  (sämtlich  Perg.) 
gehören  ferner  folgende:  Aar  au,  Kantonsbibliothek  B  98.  1.  a 
14.  Jh.,  ohne  die  100  Betrachtungen^  aus  dem  Frauenkloster  Uennetsch- 
loyl  bei  Muri;  Maihingen,  Fürstl.  Ötfittgen-lVaüerstein.  Biblio- 
thek III  1.  8""  1.  154  Bl.  von  1408,  aus  dem  Kloster  Kirchheim 
im  Ries;  München,  Cgm  174,  124  BL,  14.  Jh.;  Wolfenbüttel 
Cod.  67.  9.  Aug.,  184  Bl.  8"  14.  Jh.,  Bl.  2^^130''  (ogl.  v.  Heine- 
manns  Katalog  IX,  134);  Zürich,  Kantonsbibliothek  Cod.  145^ 
131  Seiten  8^  14.  Jh.  aus  Kloster  Rheinau,  unvollständig  (Kap.  1 
bis  15  fehlen). 

Die  Papier  hss.  des  Bdew  aus  dem  15.  Jh.,  soweit  bekannt, 
seien  summarisch  aufgezählt:  Berlin,  Ms.  germ.  quarto  173  Bl. 
2—148;  194  Bl.  3—105');  1121  BL  1—121;  1135  Bl.  7—100 
(aus  dem  Klosfei'  Buxheim);  oct.  379  (unvollständig).  Angefügt 
sei  Ms.  germ.  fol.  1155  Bl.  1 — 71  aus  dem  16.  Jh.  —  Bern, 
Stadtbibliothek  (ogl.  F.  Vetter  in  Germania  1877,  357).  —  Breslau, 
Universitätsbibliothek  Ils.  1  8^  27  ton  1402  (vgl.  Anzeiger  f.  Kunde 
der  dtsch.  Vorzeit  I  [1832]  282).  —  Eich  statt,  Seminars- 
bibliothek (nach  gütiger  Mitteilwng  von  Prof.  Dr.  Schlecht  in  Freising). 
—  Einsiedeln  Nr.  623  und  708  BL  122—64.  —  Engelberg 
Cod.  340  (Gottwald  a.  a.  0.  240).  —  St.  Florian,  Stifts- 
bibliothek Cod.  XI.  276  Bl.  57—146  (vgl.  Czernys  Katalog  1871, 
114).  —  St.  Gallen,  Stiftsbibliothek  Nr.  961  und  995.  —  Gotha, 
Herzogt.  Bibliothek  Cod.  138^  Bl.  127—70  (aus  St.  Klara  in  Nürn- 
berg). —  Heidelberg,  Universitätsbibliothek  Cod.  Pal.  germ.  28 
Bl.  1—81;  Cod.  Pal.  germ.  474  Bl.  1—77  und  570  Bl  1—104 
(vgl.  K.  Bartschs  Katalog  9  Jf.,  144,  154).  —  Kolmar, 
evangel.  Pfarrbibliothek  Nr.  321  Bl.  11 — 123  (beschrieben  im  Jahr- 
buch  für  Geschichte,  Sprache  und  Literatur  Elsass- Lothringens  XIX 
[1903]   20  ff.).  —   Konstanz,    Gymnasialbibliothek  Nr.  29    aus 


')  Enthält  Bl  199*'— 212^  das  Lehen  des  seligen  Elsbeth  von  Beute  in 
älterer,  zuverlässigerer  Version  (alemannisch),  als  der  von  Birlinger  in  Ale- 
mannia IX,  276  ff.  X,*81ff.  128  ff.  nach  einer  Strassburger  und  Innsbntcker 
Hs.  edierte  Text.  Ich  gedenke  es  in  Bälde  nach  diestr  und  der  Maihinger 
He.  III 1.  4""  8.  Bl.  254—301  mitzuteilen.  In  der  Berliner  Hs.  steht  Bl,  213—235 
Merswins  Bearbeitung  von  Ruyshroeks  ,Zierde  der  geistlichen  Hochzeit*.  Stücke 
aus  dem  Bdetc  hat  Bormann  »w  v.  d.  Hagens  Germania  II,  172  ff.  ver^ 
nffenilicJU. 


Die  einzelnen  Handschriften.  15* 

{fem  Konsiamer  Franziskanerkloster.  —  Maihingen  III  1.  4^ 
5.  Bl.  193—304;  1.  i®  25.  aus  Kloster  Kirchheim.  —  Mainz, 
Seminarbibliothek  zwei  Hss.,  beschrieben  von  F.  W,  E.  Roth  in 
Germania  1892,  283  f.;  die  oben  S.  10*  erwähnte  Hs.  der  Stadt- 
bibliothek  in  Mainz  enthält  im  ersten  Teil  das  Bd^w  (alemannisch) 
von  1511.  —  Melk,  Stiftsbibliothek  Cod.  72  Bl.  1—174  und  Cod. 
178  Bl.  1 — 281,  beide  in  bayerischer  Mundart  (vgl.  Catalogus  codd.- 
mss.  in  bibl.  mon.  Mellicensis  I  [1889]  142  ff.,  258).  —  Die  Staats- 
bibliothek in  München  zählt  ausser  dem  oben  angeführten  Cgm  174 
und  abgesehen  von  den  kleineren  Bruchstücken  noch  zwölf  Hss.  des 
Büchleins:  Cgm  352  Bl.  1—96;  403  Bl.  106—71;  405  Bl.  1—106 
aus  Wessobrunn;  406  Bl.  59—153;  746  Bl.  127—234  aus  Tegem- 
see;  759  Bl.  1 — 102  aus  St  Ulrich  in  Augsburg  (vgl.  Strauch 
in  Zfdph  1902,  236  f.);  765  Bl.  114—240  aus  Fölling;  820 
Bl.  1—146;  3900  fol.  BL  27—69;  4275  unvollständig;  4308  aus 
dem  17.  Jh.;  Clm  15604  Bl.  218  f.  aus  Kloster  Rot  am  Inn.  — 
Nürnberg,  Stadtbibliothek  Cent.  VI,  43''  Bl.  122—85;  Cent.  VI, 
81  Bl.  1 — 248  aus  dem  Dominikanerinnenkloster  St.  Katharina  in 
Nürnberg,  alte  Signatur  Iv  (vgl.  den  Bibliothekskatalog  des  Klosters 
bei  Jostes,  Meister  Eckhart  und  seine  Jünger  [Collectanea  Fribur- 
gensia  IV J  1895,  133);  Cent.  VI,  85  Bl.  1—131.  —  Paris, 
Bibliotheque  nationale  Ms.  allem.  303  (vgl.  Huet  a.  a.  0.  138). — 
Pesth,  Ungarische  Landesbibliothek  Cod.  germ.  15  bezw.  14  in  12^ 
(vgl.  A.  Hartmann,  Deutsche  Meisterlieder  hss.  in  Ungarn  1894,  2). 
—  Prag,  Universitätsbibliothek  Cod.  XVI G.  25  Bl.  225—343  (vgl. 
Serapeum  1859,  56  f.).  —  Raigern  bei  Brunn,  Stiftsbibliothek 
Ms.  Theol.  360  Bl.  4—121  aus  dem  Kloster  St.  Katharina  in  Nürn- 
berg (vgl.  Neuer  Anzeiger  für  Bibliographie  und  Bibliothekstvissen' 
Schaft  1877,  353  ff.).  —  Stuttgart,  Kgl.  Landesbibliothek  Cod. 
theol.  et  philos.  fol.  19  Bl.  1 — 47  mit  einem  gereimten  Eingang  in 
14  Zeilen  von  dem  Schreiber:  ach  höster  vatter  Jbesu  Grist  .  .  . 
(vgl.  K.  Bartsch,  Beiträge  366);  4«  57  Bl.  1  ff.;  4""  98  Bl.  28 
bis  80,  beschrieben  von  K.  Helm  i?i  seiner  Ausgabe  des  Evangelium 
Nicodemi,  Lit.  Ve)'ein  224  (1902)  IX.  —  Wien,  Bibliothek  des 
Schottemtifts  Nr.  57  Bl.  84—180  (vgl.  Hübler,  Catalogus  codd. 
1899,  58  ff.);  Hofbibliothek  Nr.  2974,  nicht  vollständig  (Tabula^ 
cod.  etc.  Ilf  165).  —  Würzburg,  Universitätsbibliothek  M.  eh.  9. 
47  (vgl,  Archiv  des  hist.  Vereins  für  den  Untermainkreis  IV,  3, 
158).  —  Zürich,  Stadtbibliothek  Cod.  C  108'  Bl.  1—122. 

Nach  der  Vorschrift  Seuses  in  seiner  Schlussermahnung  an  die 


16*  Einleitung.    L    Die  Überliefcrang. 

Abschreiber  (325,22  f,)  sollten  nur  die  hundert  Betrachtungen  aus 
dem  Bdew  gesondert  abgeschrieben  werden  dürfen.  Trotz  der  dem 
Zutviderhandelnden  angedrohten  göttlichen  Rache  finden  sich  doch  in 
sehr  vielen  Hss,^)  Bruchstücke  des  Büchleins^,  so  in  den  fol- 
genden: Berlin,  Ms.  gernud''  125  Bl.  25—26;  8""  42  Bl.  43—60; 
8«  69  Bl.  194-200;  8^  364  BL  115—28.  —  Büdingen,  Fiirstt. 
Isenburgsches  Archiv  4  Bl.  Perg.  14.  Jh.  (vgl.  Zfda  X  [1856] 
290).  —  Einsiedeln  Nr.  645  Bl.  16—69,  16.  Jh.  —  Engel- 
berg,  Cod.  membr.  94^  Bl.  8 — 9.  —  Frauenfeld,  Kantons- 
archiv Hs.  Y  80  Perg.  14.  Jh.  (vgl.  Katalog  der  Thurgauet* 
Kantonsbibliothek  1887,  489).  —  St.  Gallen,  Stiftsbibliothek 
Nr.  955  S.  251;  982  Bl.  127—67;  986  S.  135—63;  1142  S.  490 
bis  624.  —  Göttingen,  Ms.  Theol.  292  BL  231—32.  —  Heidel- 
berg, Cod.  Pal.  germ.  617  Bl.  273—85;  Cod.  Salemit.  IX,  16 
Bl.  36—38.  —  Karlsruhe,  Cod.  St.  Georg.  Pap.  Germ.  91  Bl.  30. 

—  Klosterneuburg,  Stiftsbibliothek  Cod.  1226  Perg.  14.  Jh. 
Bl.  26—29  (vgl.  Anzeiger  f.  Kumle  d.  dtsch.  Vorzeit  1861,  310  ff.). 

—  Kolmar,  Stadtbibliothek  Nr.  268  Bl.  174—76.  —  Krems- 
münster, Stiftsbibliothek  Cod.  VI.  184  (vgl.  J.  Bach  im  Theol. 
Literaturblatt  1868,  210).  —  München  Cgm  58  Perg.  14.  Jh. 
Bl.  206-8;  215  BL  166—97;  354  Bl.  139—46;  412  Bl.  1—29; 
437  Bl.  101—6;  488  Bl.  1—28;  831  Bl.  56—63;  843  Bl.  125—30; 
4880  Bl.  261—69.  —  Muri-Gries  Cod.  239  Nr.  103  Bl.  1—6, 
10—11.  —  Nürnberg,  German.  Museum  Nr.  18525  Bl.98—136. 

—  Stuttgart,  Cod.  theol.  et phil.  8«  19  Bl.  34—44;  8'  24  Bl.  Iff. 

Besonders  häufig  wurde  da^  21.  Kapitel  des  Bdew:  Wie 
man  sol  lernen  sterben  etc.  separat  abgeschrieben  —  meist  von 
280,7  an  —  und  mit  eigener  Einleitung  als  Sterbebüchlein  verbreitet  ^ 
so  z.  B.  in  folgenden  Hss.:  Dresden,  Kgl.  öffentl.  Bibliothek 
M  277  Bl.  89—106  (cgi.  Schnorr  von  Carolsfeld,  Katalog  II, 
516  f.).  —  Heidelberg,  Cod.  Pal.  Germ.  105  Bl.  76—90.  — 
Karlsruhe,  Cod.  St.  Georg.  Pap.  Germ.  97  Bl.  7 — 33  (von  1560). 

—  Mai  hingen  111  1.  4''  23.  Bl.  284—96;  1.  4''  32.  Bl.  80—90. 

—  München  Cgm  234  Bl.  177—22;  622  BL  156-62;  763 
Bl.  37—44;  835  Bl.  56-74;  841  Bl.  72-89.  —  Nürnberg, 
Stadtbibliothek  Cent.  IV,  36  Bl.  152-58;    VI,  43'';   VII,  88. 


^)  Wo  nicht  anders  bemerkt  sind  es  PapierJiss.  des  15.  Jh. 
^)  Besonders  häufig  Kap.  13  über  das  Leiden, 
8)   Vgl.  die  Änm.  zu  27S,^>. 


Die  ßinzelnan  Hiuidachrit'teTii 


Von  der  Erlaubnis,  die  hundert  Betrachtunt/en,  irekkc 
ihn  dritten  Teil  des  Bdeui  bilden,  separat  abzuschreiben  und  zu  ver- 
breiten (325,23),  wurde  reichlich  Gebrauch  ijemacht ').  Sie  ßnden  Mch 
in  folgenden  Hsk:  Bamberg.  Kgl.  Bibliothek  N.  178  Ed.  Vlll  <i 
Bl.  50—100  (lö.llfi.  Jh.).  —  Enijelber,j  Nr.  15^  Perij.  14.  Jh. 
Bl,  9 — 23,  —  Freibury,  Üniversitiitibibltothek,  Deutsches  Oebet- 
huch  15.  Jh.  8"  Bl.  37  ff.  —  Karisruhe,  Co>L  Sl.  Oeorg.  Perfj. 
Germ.  41  Bl,  15  ff.;  Cod,  St,  Fet.  Pap.  9;  Cod.  Licht.  37  vom 
14.  Jh.  (nur  der  Anfang):  Cod.  Licht.  99:  Cod.  iVomenth.  16 
•■om  16.  Jh.  —  Kalmar  Nr.  271  Bl.  25—38  (aus  Unterlinden). 
—  Maihinyen  111  1.  4"  5.  B1.1S7-43;  1.4'  41.  BL250—58; 
1.  8"  12.  Bl  155—88.  —  München  Ggm  455  Bl.  126—48;  763 
BL69—75;  851  Bl,  1—17.  -  Nürnberg,  StadtbiÜiothek  Cent,  V 
App.  81   Bl.  23—30;  Cent.   VI,  86. 


Die  binher  angefiihrfeii  Usk.  den  Bdei"  "inä  mmt/ich  in  hoch- 
deutschem Dialekt  geschrieben.  Das  Erbauuungsbuch  war  aber  auch  in 
Mittel-  und  Nieilerdeutschland  nicht  weniger  beliebt  und 
verbreitet  und  wurde  namentlich  im  15.  Jh.  sehr  oft  ganz  oder 
teilweise  abgeschrieben.  Eine  Hs.  in  mitteldeutscher  (ItessiBcher ) 
Mvndnrt ,  Penj.  von  ca.  14fH>,  aber  nur  frugmenlansch  erhalten, 
ßndet  sich  im  Fürst!.  Hohetizollernschen  Museum  zu  Sigmaringen, 
Ha.  18  (vgl.  Lehner,  Verzeichnis  der  Hst.  1872,  21);  ferner  zwei 
solche  zu  Giessen,  Universitätsbibliothek,  Cod.  778  Bl.  2—216, 
Perg.  14.  Jh.:  Cod.  852  Bl.  22—94,  und  eine  in  der  BibUotheca 
PhiUiiinea  zu  Cheltenham  Nr.  647  BL  1—67  (vgl,  lt.  Priebsch, 
Deutsche  Hss.  in  England  I  [1896 J  60  f.).  Zahlreiche  nieder- 
deutsche und  niederländische  Hss.  des  Bdew  oder  von  Teilen 
desselben  in  Amsterdam,  Ebslorf,  Flensburg,  Greif swalde, 
Haag,  Hamburg,  Hildesheim,  Kopenhagen,  Münster. 
Oldenburg,  Osnabrück.  Rostock,  üpsala,  Wolfenhüttel 
beschreibt  sehr  sorgfältig  Bore hiing  in  seinem  1. — 3.  , Heisebericht', 
Nachrichten  der  Oötlinger  Gesellschaft  ikr  yVissenschaften,  Beiheft 
1898,  85,  103,  127,  176  f..  243.  254 f.,  289,  299,  309,  315:  19m), 

'I  Dits  gaiehah  bteönder*  ujUer  Atm  Titel:  ,Kun  oder  Tageeüm  (nd. 
getidtn)  von  der  etetgen  Wrisheit^t  "itt  Vertfilung  der  Btlrachfungen  auf  dit 
finsrtnm  Tag«  und  Hortu,  wie  auch  M  Di*peul)roek*  416  ff. 


18*  Einleitung.   I.    Die  Oberlieferung. 

26,  38,  40,  127,  158,  175,  194;  1902,  44,  85,  214').  Dazu  kommen 
noch  folgeiide:  Berlin,  Ms.  gertn,  fol.  76;  qiAarto  172  BL  1 — 57 ; 
553  BL  1—63;  1253  BL  Iff.;  oct.  346  BL  1—147  aus  der  Arm- 
waldtschen  Sammlung  (vgl.  Jahrbuch  des  Vereins  für  nd.  Sprach- 
forschung 1883,  132  f.);  349  BL  12—16  (vgL  Jahrbuch  a.  a.  0.); 
380  BL  1—26;  393  BL  50—87.  —  Bonn,  Universitätsbibliothek 
Cod.  390  vom  16.  Jh.  —  BrüsseL  KgL  Bibliothek  Nr.  2846 
(vgl.  Jahrbuch  a.  a.  0.  132  Anm.  2;  ebd.  ist  eine  Leidener  Hs.  des 
16.  Jh.  notiert).  —  Cues,  Hospitalbibliothek  M  115  BL  1—67 
(Beschreibung  unter  V).  —  Darmstadt,  Grossherzogl.  Bibliothek 
Cod.  1847  BL  71—155  (vgL  unter  VI);  Cod.  1956  (vgL  Germania 
1887,  343).  —  Greifswald,  Ms.  theoL  N.  8  BL  61S6  vom 
14.  Jh.  —  Heidelberg,  Cod.  Trübner  44  BL  49  ff.;  1474  BL  74  f. 
—  Sigmaringen,  Fürstl.  Museum  Hs.  45,  48  utid  49,  alle  drei 
Perg.  vom  15.  Jh. 

Zum  Schlu^sse  sei  noch  auf  einige  verlorene  bezw.  verschollene 
Hss.  des  Bdew  hingewiesen.  Die  verbrannte  Stadtbibliothek  in  Strass- 
bürg  enthielt  deren  mehrere,  vgl.  Witter  l.  c.  (s.  oben  S.  4*  A.  1)  19  f 
unter  B  139,  140,  147,  148;  G.  Hänel,  Catalogi  liborum  mss.  1830, 
468  f.  und  K.  Schmidt  in  TheoL  Stud.  und  Kritiken  1843,  851. 
Weitere  Notizen  im  Zentralblatt  für  Bibliothekswesen  1900,  421  und 
in  Germania  1886,  336  f.  Auf  ,Catalogue  off  he  library  of  Dr.  Klose 
of  FranckfoH  a.  M.'  1835  verweist  Strauch,  Allg.  deutsche  Biog^\ 
XXXVII,  179  (vgL  ders.,  Marg.  Ebner  XVII,  A.  2). 

IT.  Handschriften  des  Bfichleins  der  Wahrheit. 

Die  oben  aufgeführten  Hss.  des  Exemplars  AKKWfNmSS^U 
enthalten  auch  das  Bdw ;  sie  sind  alle  ausser  RW  und  m  für  diese 
Ausgabe  herangezogen  worden.  Abgesondert  findet  sich  dieses  Bück- 
lein,  das  wegen  seines  schxcerverständlichen  Inhalts  nicht  so  Mufig 
abgeschrieben  wurde  wie  die  übrigen  Schriften  Seuses,  in  folgenden  Hss. : 

B  =  Berlin,  KgL  Bibliothek,  Ms.  germ.  quarto  191,  Pap. 
und  Perg.  398  BL  (150X220  mm),  14.  und  15.  Jh.,  aus  Daniel 
Sudermanns^)   Besitz,  früher   in    einem   Strassburger    Klostef*;    in- 

^)  Zu  beachten  ist  was  Borchling,  1.  Reisebericht  ISO  sagt:  „Auszüge 
aus  den  Werken  Seuses  sind  wohl  häufiger,  als  man  amiimmt,  utUei'  den  ver- 
schiedensten Titeln  versteckt,^ 

^  Sudermann  ist  geboren  am  24,  Februar  1550  zu  Lüttich,  war  lauge 
Jahre  Hofmeister  bei  verschiedenen  Grafen  und  Herren  in  Deutschland,  seit  1588 
in  Sirassburg y  iro  er  nach  1631  starb:  Schwenkfeldianer^  geisüicher  Liederdichter 


tcressaitle,  mn  mehreren  Händen  gesckriebetie  mystische  Snmmflhü., 
d«r»»  einzelne  Stücke  (1 — XLVIII  rot  numeriert)  erst  später  zu- 
sammengebunäen  teurden.  Mundart:  alemannisch-ehässifch,  Haupt- 
inhalt: Bl.  1(F — llij'  Predigten  und  Lehren  von  Bruder  Heinrich, 
Beichtiger  zu  Sckönensleinbach  ( Bominikanerinnenkloster  im  Elmas); 
hl.  115'' — IS'  von  dem  Sterben  des  Genannten,  aufgezeichnet  durch 
seinen  Ndchfolyei-  Johann  t>on  Mentze^)  (Mains);  Bl.  132'— 202' 
Predigten  und  Traktate  von  TmUer,  Eckhart,  Heinrich  von  Löwin  u.  a.  *); 
Bl.  205—16  12  Perij.-Bl.  U.  Jh.,  mgst.  Traktat  des  Bruder  Konrad 
von  Weissenburg,  betitelt  „Der  BamngaHen" ,  teilweise  gedruckt  in 
V.  der  Hageng  Germania  II,  303—10  (vgl.  dazu  P reger  II,  51  f. 
und  Strauch  In  Äfda  IX,  121);  Bl.  219'-— .37'  Bdw  mit  gutem 
Text;  Bl.  237'—76'  Legenden  (von  der  seliqen  Schererin,  f  1409 
zu  Strossburg,  und  von  der  seiigen  Krüppelgreden,  Klausnerin  zu 
Konstantinopel,  Barlaam  und  Josaphat,  St.  Peternelle) ;  Bl.  778'  bis 
302r  von  dem  Baum  göttlicher  Lieb  und  Tugettd;  Bl.  352'— 91' 
Spräche  tun  Mystikern  (darunter  Gregor,  Augustinus,  Bernhard, 
Diongmts;  div  der  deutschen  sind  bis  auf  u-eiiige-')  von  Pfeifer 
in  Üeitnania  III,  225—43  abgedruckt  [vgl.  dazu  P  reger  II,  HO  f. 
und  Strauch  a.  a.  0.  127  A.  1]);  Bl.  391-— 94'-  drei  Predigten 
von  Bruder  Konnid  von  Esslingen,  Provimial  Wolfram ')  und  Lese- 
nieister  Nikolaus  von  Köln  (^  von  Strassburg),  nach  der  Adelhiniser 
Chrtmik  im  Freib.  Diöz.-Arckiv  1880,  180—93  veröffentlicht. 

C  =  Kalmar,  Stadtbibliothek  Nr.  266,  Pap.  137  Bl.  4" 
(150x220  mm)  15.  Jh.,  alemannisch-elsässisch,  w**s  Unterlinden; 
der   Schreiber    bis    Bl.    60    schnitt    derselbe    su    sein    wie    bei    A ' 

(Ph.  Wacktrnagd,  Das  deutsche  Kirchenlied  I,  666 ff.  V,  546—676).  Die 
zahlreichen  von  ihm  gesammelten  Hss.  der  deuUchtn  MysUktr  kamoi  in  dia 
KgU  Bibliothek  nach  Berlin;  Vtrzeichni»  drraelhm  und  vi»»  Surlermanm  Sehriftett 
(u.  a.  Aufgaben  von  Taiüer,  Ruysbroei,  Eckharl,  Stuf)  b«i  A.  F.  H.  S  chntidtr. 
Zur  Literatur  der  Srhwmkfeldischtn  Liederdichter  bis  Danitl  Sudermann, 
Programm  Berlin  1867,13  f.  17  f. 

')  Ein  Brief  von  ihm  (f  14ö7)  in  der  Nürnberger  Hs.  Gent.  VII,  SO. 
Vgl.  auch  K.  SchieUr,  Joh.  Nidtr  1885,  354  und  Joh.  Meytr,  Ltben  d'f 
.'ichimeniteinbachfr  Schvetitrn  tTiibingen,  Ünivers.-Hibt.  Ha.  Md  456). 

■)  Bl.  203"  unten  strht  schwer  leeeriich:  dite  böcli  iat  lirQder  ..  iohans 
lenemeister  teuschen  ordens  (?), 

')  AuffaÜtnderititisr  sind  gerade  die  Sprüche  des  Johannes  Futertr  (vgl, 
Vita  33,1  Artm.)  ebrrgangen.     Ich  werde  sie  bei   and<rer  Gtlegrnheil   mitttilai. 

')  SVohl  identieeh  mit  bräder  Wolfram  finser  proflncial,  der  in  den  Vilen 
vm  T'x»  <ed.  Vflter  67,1)  gtnauiil  ist.     In  dei-  Fr^ihurgir  H».  heissC  er  Wnl/arl. 


20*  Einleitung.   I.    Die  Überlieferung.  , 

(s.  oben  S.  9*).  Enthält  Bl.  2^—24''  Bdw;  BL  25''— i9^  Kl  Bfb 
(11  Briefe);  Bl  49^—57''  Predigt  Lectulm;  57^—60^  drei  Briefe 
aus  dem  Gr  Bfb:  Surge  aquilo,  Quomodo  potest  und  Nemo  poteet 
(XV,  XV U,  XVIII);  Bl.  61^—136''  von  anderer,  späterer  Hand 
geschriebene  Briefe  und  Predigten  von  dem  Dominikaner  Johannes 
Nider  (f  1438) ,  götlicher  kvnste  meister^  seinen  geistlichen  Kindern 
(Nonnen)  geschriben  and  gelert  zu  den  ziten,  als  er  leszmeister^) 
waz.  Es  sind  23  Stücke,  meist  mit  lateinischem  Vorspruch  (Egredere 
de  terra^  Exaudiat  dominus  orationes,  Fylia  confide,  Adoma  tha- 
lamuni  usw.),  von  Sense  beeinflusst,  aber  ohne  seinen  Geist^). 

Eine  spätere,  fehlerhafte  Abschrift  des  Bdw  eniMlt  Cod. 
aecet.  203  (4^  15.  Jh.,  aus  dem  Kloster  Oggelsbeuren)  in  Stutt- 
gart BL  153 — 75,  in  welchem  neben  anderem  sich  auch  Stacke  V07i 
Taulei',  Eckhart,  Merswin  (Ruysbroeks  ,Zierde  der  geistlichen  Hodi- 
zeiV  bearbeitet,  vgl.  Strauch  in  Zfdph  19(/7,  124)  und  der  Traktat 
von  de7i  drei  Fragen  finden.  Ein  kleines  Bruchstück  ist  in  Ber- 
lin, Ms.  germ.  quarto  125  BL  75 — 76*. 

T.  Handschriften  des  Briefbfichleins. 

Von  den  bisher  beschriebenen  Hss,  ist  das  vierte  Büchlein  des 
Exemplars  in  AKRWfNmPSS^UC,  in  Nm  freilich  in  eigentümlicher 
Wrquickung  mit  dem  Gr  Bfb,  gegeben.  Abschriften  einzelner  Briefe 
finden  sich  dann  und  ivann,  doch  ohne  besonderen  kritischen  Wert, 
so  in  St.  Gallen,  Cod.  1067  Bl.  235— 41  Brief  III,  IV,  VI,  VII; 
München,  Cgm  456  Bl.  54—60  Brief  VI;  843  Bl.  120^  und  123"^ 
bis  125*-  Stücke  aus  Brief  IX,  III und  II;  Muri-Gries,  Cod.  239 
Nr.  103  Bl.  6—10  Brief  III  und  I;  Xürnberg,  Cent.  VII,  20 
Bl.  197 — 201  Stücke  aus  Brief  III  und  IV,  In  einigen  anderen  Hss. 
sind  Briefe  (ks  Kl  BJb  unter  die  des  Gr  Bfb  gemischt,  s,  unter  VI. 

VI.  Handschriften  des  Grossen  Brlefbnches. 

Ist  die  Überlieferung  der  Schriften  des  Exetnplars  eine  im 
grossen  ganzen  geschlossene  und  einheitliche,   da  sie  von  Seuse  selbst 


\)  Xider  war  1426^27  Profess&r  an  der  Universität  und  Lektor  an  der 
OrdtnsschuU  zu  Wien. 

')  Der  11,  Brief  ist  an  WeihnaclUen  zu  Nürnberg  geschrieben  (Bl.  109^); 
das  weist  auf  1427  oder  14:^8  hin.  Von  obigen  Briefen  Niders  weiss  ScJiieler 
in  seiner  umfangreichen  Biographie  (vgl  auch  seinen  Artikel  im  KirchetHex, 
JX*,  342 ff.)  nichts.  Briefe  Niders  finden  sich  auch  in  Nürnberg  Cent.  VIT, 
20,  wohl  auch  Cent.  VI,  46^,  ein  einzelner  in  Cgm  372  Bl  141—43;  vgl  auch 
Jo.stes  a.  a.  0.  XXI  A.  I. 


L 


5le  eiiuelaeB  HandBcbriften.  21* 

ifei/en  l-hidv  feinen  Lebens  revidiert  und  zur  llernu^i/ai/e  it^Humit 
worden  sind,  so  wird  bei  den  Schriften  fÖr  BfO  und  Predigten), 
deren  Art  der  Kopierung  und  Verbreitung  mehr  oder  aeniger  dnn 
ZuJaÜ  ftnheim  gegeben  tmr,  das  Bild  ein  fiel  »lantiigfiütigeres  und 
da»  kritische  Verhältnis  IcotnpUzierter,  Von  den  Briefen  enthalten 
die  einen  He»,  nur  einige  Nummern,  andere  etwa  ein  Duizetid,  mehrere 
23—36;  im  einzelnen  ist  grosse  Vfirüition,  doch  lässt  die  Aufeituinder- 
folge  und  Textgesinltung  der  Briefe  auf  ein  einheitliches  Schema  in 
der  Anordnunr/  und  auf  eine  Ureorlage  schlieasen.  Zur  Erleichterung 
der  Übersicht  ist  am  SchlusM  diei^es  Abschnittes  eine  Tabelle  bei- 
gegeben, dnrch  welche  der  Inhalt  der  Hsa.  den  Gr  Bfb  und  zu- 
gleich dessen   Verhältnis  zum  Kl  Bfb  statistisch  dargestellt  toird. 

Die  einzelnen  Hss.,  von  denen  bisher  der  Forschung  (Denifie, 
P reger/  nur  der  Ideinere  Teil  bekannt  war.  sind  folgende: 

b  =  Berlin,  Ms.  germ.  od.  69,  Pap.  308  Bi.  JOOxHS  mm, 
mn  mehreren  Händen  am  Ende  des  14.  und  im  15.  Jh.  in  aleman- 
nisch-elsässiachem  Dialekt  geschrieben,  aus  Daniel  Sudermanns  Besitz, 
der  die  Hs.  mit  vielen  Bandglossen  versehen  hat,  früher  einem  Strass- 
burger  Nonnenkloster')  gehörig.  Hauptinhalt:  Bl.  2' — 35'  asketischer 
Traktat,  Lehren  einer  ,erleuchteten,  grossen  dottesfreundin',  worin 
auch  der  Täweler,  der  von  berSwe,  von  btcle  zitiert  werden,  mit 
quielistischem  Einschlag  ähnlich  der  Gottesfreundlileratur ,  unvoll- 
ständig überliefert;  Bl.  38'— IW  Prolog  zum  Gr  Bfb,  18  Briefe 
und  Predigt  LecttUu»,  meist  unter  der  Aufschrift  (rot):  eine  gute 
bredige;  Brief  XII  ist  nach  derselben  Vorlage  doppelt  abgeschrieben 
fs.  S.  439),  Nr.  II  und  XX  sind  unvoUständig :  Bl.  112'— 35'  Traktat 
com  .ho/tett  Berge'  (vgl.  Denifie,  Taulers  Bekehrung  1879,  10); 
Bl.  135'-~49'  und  ä64'—73'  Auszüge  aus  Seuses  Vita,  Bl.  194'  bis 
2O0'  aus  dem  Bdew;  Bl.  153" — 5f>"  Predigt  des  Lesemeisters  bei  den 
Bnrfüssern  bSmirlin");  Bl.  im'— 78'  Brief  IV  aus  dem  Gr  Bfb; 
Bl.  182'— 91'  Traktat   von   der  Messe;   Bl.  20O'~306'  Stücke  aus 

')  Der  Umttand.  dnne  h  im  Brief  Audi  fili  I43S,1I  Katheriiia  ftatt  Ängneae 
»chreibt.  wtiit  wohl  auf  das  DofninihaneTinntnklotter  St.  Katharina  bin  (rgl. 
auch  dir  Anm.  tu  Vita  33,11,  mas  vitderum  di«  Vermulimit  nahe  hgf,  daiis  dan 
Bitr  in  6  äbtrlieferte  Testament  der  Miitne  <  Brief  X  X  VIU)  an  daeseibe  Kloster 
gesimdt  tBnrdm  igt. 

')  Konrad  Bömlin  ,B6mblinJ,  Frantiakaner,  gib.  um  1380,  trat  in 
Eaelingtn  in  rfen  Orden,  1409  LfMor  tu  Sch"-äb.-HaU,  1449  tu  Hmlhronn  r/e- 
tlorlrn.  Vgl.  über  ihn  K.Brthm  t«i  Diät.- Archiv  fUr  Schwatten  1904,  139  f. 
DriUtehe  Predigtm  Bömliiu  ßndtn  eich  auch  in  Berlin,  Ms.  germ.  r/uarto  194 ; 
KarWuht,  Cod.  St  Blas.  71. 


22*  Einleitung.  I.    Die  Überlieferung. 

TauUrs  Predigten;  BL  218''— ^^O''  mystische  Sprüche  (Bl  22^:  der 
von  berowe);  Bl.  230^ — 43^  Leben  der  sei.  Margareta  von  Ypern 
ff  1237),  nach  dem  Lateinischen  des  Bruders  Rygerus  1391  geschrieben; 
Bl.  248^—60^  Testament  der  Minne  od^r  Minneregel  (vielleicht  ron 
Sense). 

Die  Briefe  Seines  nach  b  finden  sich  in  Abschrift  von  Stider- 
tnanns  Hand  nebst  der  Predigt  Lectulus  und  vielen  anderen  Stücken 
aus  Tauler,  EckJiart  und  spateren  Mystikern  in  der  Berliner  Hs. 
Ms.  germ.  quarto  344;  derselbe  hat  sie  darnach  in  einem  Sammel- 
werk unter  dem  Titel:  Güldene  sendtbrieflf  vieler  Alten  Oottsedigen 
Kirehen  Lehrer :  Als  Johann  Thaulers,  Heinrieh  Seüssen,  Johan  Greützerg 
vnd  mehr  Anderer:  In  etliche  Theil  abgeteilt  vnd  den  vhralten 
Schrifften  durchausz  gemäsz  gantz  vnverfälscht  an  dasz  Liecht  ge- 
geben.    D.  S.  Anno  1622  (34  Seiten  4^),  herausgegeben^). 

C  =  Kolmar  Nr.  266,  oben  unter  IV  beschrieben,  enthält 
drei  Briefe,  davon  Nr.  XVII  unvollständig, 

C  =  Cues,  Hospitalbibliothek  Ms.  115  (früher  D  41),  Pap.  118 
BL  fol.,  15.  Jh.,  niederrheinischei'  Dialekt,  Beschreibung  (ungenau) 
beiJ,  Mar,Tj  Verzeichnis  der  Hss,'Sammlung  des  Hospitals  zu  Cues  1905, 
Ulf  Inhalt:  Bl.  1—67**  Bdetv;  Bl.  67'*-iyi'*  vom  Leiden  Christi, 
ine:  Elegit  suspendium  anima  mea  .  .  .  (teilweise  eine  Na<:hahmung 
des  Bdew  und  der  Vita  Seuses);  Bl,  83"^— 113^  26  Briefe  des  Gr 
Bfb  mit  Prolog  und  vorausgehendetn  Register,  in  26  Kap.  eingeteilt, 
Br,  X  VII  utul  XX  unvollständig;  Bl,  113^^—18^  Predigt  Lectulus. 

d  ^=i  Darmstadt,  Grossherzogliche  Bibliothek  Cod.  1847,  Pap. 
342  Bl.  8^  (100x145  mm),  15,  Jh,,  niederrheinisch.  Beschreibung 
von  F,  W,  E.Roth  in  Germania  1887,  341  f.  Enthält  Bl.  206*-— 68^ 
24  Briefe,  davon  X,  XVII,  XX,  XXI  nicht  vollständiij. 

q=  St.  Gallen,  Stiftsbibliothek  Nr.  iÜO,  Pap.  319  Seiten  4^ 
(135x200  mm),  15  Jh,,  alemannisch.  Beschreibung  in  Scherrers 
Katalog  363 f.  S.13—71  Traktat  Audi  filia  über  das  hl.  Sakrament, 

^)  Dei'  Titel  iuich  A.  F.  H.  »Schneider  a.  a,  0,  16;  vgl.  auch  Denifle 
in  Zfda  XIX,  347,370,  dessen  Angaben  durch  obiges  zugleich  ergänzt  und  6e- 
richtigt  sind.  Ein  Exemplar  des  Druckes  ist  in  Wolfenbiittel ;  er  enthält  nur 
den  ersten  Teil,  eben  Seuses  Briefe  (mehr  scheint  nicht  erschienen  zu  sein). 
Mir  liegt  ein  Exetnplw  der  üniversitätsbibliotfiek  Tübingen  vor,  mit  folgendem 
Titel:  Der  Erste  Theil,  Inhaltend  Etlich  schone  auszerlesene  Brieff  auch  Kurtse 
Predigten,  welche  Herr  Hainrich  Seusse  vor  ohngefehr  dritthalbhuiidert  Jahren 
an  Geistliche  Juugfraweu  geschrieben  vnd  gefertiget  hat .  . .  abgeschrieben  durch 
D.  S.  fohne  Oti  und  Jahr). 


enüaSSacti 


lier  in  Hss.  oft  begeijHet  (xo  in  Berlin,  Karlsruhe,  Kohiiar,  Mftikingen, 
Nämbery,  Stuttgart,  Zürich);  S.  S2'~85'  Brief  Habitabit  (IV); 
S.  137 — 39  und  150  der  Prolog  und  weitere  lO  Briefe,  von  denen 
die  meisten  aber  unvollständig  sind,  wie  überhaupt  g  manche  Spuren 
einer  gewissen  Übernrbnitung  (teils  Kürzung,  teils  Verwässerung) 
an  sich  trägt;  S.  I3fl  und  149 — 50  zwei  Predigt6J:3erpte  %  ine.: 
n)  Jesam  queritis  Nazarennm  .  ,  ,  dien  wort  sprach  der  engel  .  .  . 
h)  Delicie  mee  .  .  .  mir  ist  gar  wunneklJch  .  .;  S.  140 — 49  Predigt 
hecttUus,  stark  ijekürzt. 

h  =  Cod.  Heidelberg.  358,  38,  Pap.  3-^6  BL,  16.  Jh.,  in 
schwäbischer  Mundart.  Beschreibung  in  Bartschs  Katalog  208. 
Bl.  3r~14'  Bruderschaft  der  ewigen  Weisheit;  BL  l'5'—80'  26  Briefe 
mit  dem  Prolog  (Bl.  21'),  davon  aber  XVII,  XX  und  XXVI  in 
der  Rezension  des  Kl  Bfb  und  zmi  sehen  hinein  Bl.  W — 19'  die  Er- 
zäilunff  von  der  Verehrung  dei  Namens  Jesu  und  der  Morgengruss 
(393,8—396,5);  Bl.  80'—84'  Vocatim  est  und  Sprüche  (396,30  bis 
401,8). 

m  =.  Cgm  819  und  N  =  Nürnberg  Cent.  VII,  90.  Über 
beide  Hss.  s.  oben  S.  7*.  iVir  haben  tu  ihnen  eine  ziemlich  fehlerhtiße, 
Don  einem  späteren  Abschreiber  herrührende  Zusammejtachweissung 
des  Kl  und  Gr  Bfb,  in  der  Weise  gearbeitet,  dass  auf  Brief  I — /// 
des  ersteren  14  Briefe  des  letzteren  folgen,  dann  wieder  sieben  des 
er*teren  (IV — X),  darauf  als  35.  Brief  Vocatum  est  mit  den  Sprüchen, 
als  Nr.  36  Pone  me  (XI  rom  Kl  Bfb)  mit  der  Erzählung  vom 
Namen  Jesu  und  Margemjruss').  Die  Inferiorität  dieser  Überlieferung 
gegenüber  der  in  den  anderen  Hss.  des  Gr  Bfb  liegt  wtf  der  Hand 
und  wird  unter  B  (S.  SU* ff.)  ausführlicher  nachgewiesen  werden. 

n  =  Nürnberg  Cent.  VI,  55,  Pap.  344  Bl.  4"  (150x305  mm), 
15.  Jh.,  (Bl.  319'' :  1447),  bayrischer  Dialekt,  aus  dem  St.  Katharinen- 
iioster  in  Nürnberg,  alte  Signatur  E  XXXVJ  (vgl.  J ostes  a.  a.  0. 
134  f.).  Mystische  Sammeihs.,  darin  Bl.  r—37''  Augustins  Hand- 
biichlein  deutsch;  Bl.  37' — 66'  innerliche  Bede  der  Seele  mit  dem 
Herzen  und  des  Herzens  mit  der  Seele ;  Bl.  67' — 76'  Bede  Richards 
ton  St,  Viktor  mit  dem  Herrn  nach  seiner  gegenwärtigen  ewigen 
Glorie;   Bl.  97' — 201'  Von   dem  Leben   der  geistlichen   Schwestern; 


')  Da*«  sie  von  Beute  ttammeii,  viofar  ihre  Untgthung  sprechen  konnte, 
tri  mOfflirh,  aber  tiiehi  sehr  teahrtelii^nlieh.  An  AHktariläUn  trerdtn  Augustin, 
Bernhard,   Ohrysoitomus,  Qrtgor  und  Ambrosive  eititrt. 

*)  Britf  Mihi  aut.  üt  mit  einem  Slflci  aus  der  ersten  Predigt  verbunden. 


24*  Einleitung.   1.    Die  Überlieferung. 

Bl.  228''— 9(r  20  Briefe  des  Gr  Bfb,  die  aber  sämtlich  stark  be- 
arbeitet,  teils  gekürzt,  teils  erweitert,  teils  umgestellt  sind;  der  zweite 
Teil  von  Begnum  mundi  steht  nach  Nr.  XXVI,  der  erste  nach  X; 
in  Nr.  II,  XI,  XVII  fehlt  ein  grösseres  Stück. 

R  =  Breslau,  Domkapitdsbibliotheky  s.  oben  S.  6*,  Enthält 
BL  2i4^^—79'^  23  Briefe  mit  Prolog,  davon  aber  XIV  Exidtet  in 
der  Rezension  des  Kl  Bfb. 

S  ^=  Stuttgart  Cod.  theol.  et  phil.  quarto  67,  Pap.  84  BL 
145x205  mm,  15  Jh.^),  in  alemannisch-elsässischer  Mundart  Vom 
ersten  Blatt  ist  die  untere  Hälfte  weggerissen  und  zwischen  10  und 
11  fehlt  ein  Blatt  Inhalt:  Bl.  r^—62^  Prolog  und  25  Briefe, 
in  Abschrift^  von  t.  Pfeiffer  in  Cod.  Vindob.  Suppl.  2779  Bl. 
158—244  (beendigt  24.  März  1851),  vgl.  oben  S.  5*;  Bl.  62^—76'* 
Predigt  Lectulus,  nach  deren  Schluss:  Explicit  liber  Deo  gracias 
Amen ;  Bl.  77"^—  84^  von  späterer  Hand  geschrieben  und  nachträglich 
angeheftet  drei  Predigten  Tatders,  Frankf.  Ausg.  II,  323 ff,  397 ff^ 
III,  133  ff. 

s'  =  Stuttgart  Cod.  theol.  et  phil.  oct.  19,  Pap.  176  Bl. 
100x150  mm,  15.  Jh.,  alemannisch-schwäbisch.  Bl.  17^ — 49""  und 
136^— 37"^  sechs  Briefe  aus  dem  Gr  Bfb;  Bl.  92  f.  Meister  Eckharts 
Wirtschaft  zu  Köln;  Bl.  125 ff.  von  zwei  Predigern  und  einer 
MüUerin;  Bl.  127  ff .  von  12  Meistern  zu  Paris;  Bl.  133''  -35^  die 
Klagsprilche  des  leidenden  Menschen  (397,9  ff.). 

U  =  Überlingen  Nr.  22,  s.  oben  S.  9*.  BL  115*'  25"^  14  Briefe, 
davon  Nr.  II  nur  zur  Hälfte. 

Z  =  Zürich,  Stadtbibliothek  Hs.  C  96,  Pap.  139  Bl.  4^ 
(145x210  mm),  14J15.  Jh.,  alemannisch -schwäbisch.  Beschreibung 
der  Hs.  bei  Vetter,  Ein  Mystikerpaar  59 f.  A.  62;  Preger,  in 
Zfda  XX,  374 f. ,  vgl.  seine  Ausgabe  des  Minnebüchleins  (s.  S.537)  441 
A.  1.  EntMlt:  Bl.  r  -4P  21  Briefe  des  Gr  Bfb  mit  Prolog,  davon 
Nr.  XI  und  XVII  unvollständig,  II  in  zwei  getrennten  Hälften  (die 
zweite  erst  nach  XIX);  Bl.  63^ — 75""  Minnebüchlein  Seuses, 
jiach  dieser  (einzigen)  Hs.  von  Preger  (zugleich  mit  den  nicht  von 
Sense  stammenden  Gebeten  Bl.  75''— 80^)  und  in  dieser  Ausgabe  ab- 
gedruckt. Weitere  Stücke  aus  der  Hs.:  Bl.  100^-  -lor  Brief  eines 
Gottesfreundes,  1W  —  2P  ein  gfit  lere  des  Tälers  (schwerlich  echt!), 
12r—22^  Brief  Taulers  (0,   122^—22^  Sprüche  sind  bei  Preger, 

')  Deniße  Zfda  A'iA',  3Ö7  nimmt  wohl  mit  Unrecht  daa  14,  Jh.  an. 
')   Wie  die  ühi'igen  ßüclUig  und  ungenau  gemacht. 


Die  einzelnen  Handschriften.  25* 

Mystik  III,  411  ff.  ediert,    Bl.  löP—S^  ist  ein  Brief  elfter  Gottes- 
freundin,  in  verderbter  Form  gedruckt  bei  Tauler  1543 f.  329^. 

Endlich  sind  noch  zu  erwähnen  einige  Hss.  von  geringerer 
Bedeutung,  welche  nur  den  einen  oder  andern  Brief  aus  dem  Gr 
Bfb  enthalten:  Berlin,  Ms. germ.  quarto  125 BL  74 — 75,  St. Gallen 
Nr.  965  S.  134—35  (vgl.  Simon  a.a.O.  17)  und  Cgm  447  Bl 
27*" — 27^  haben  ein  Stück  am  Br.  XI  Audi  fili;  Berlin,  Ms,  germ. 
quarto  149  Bl.  75*'— 77"  Br.  XII  Nigra  sum  (des  8&sen  bredige), 
Bl.  125*' ^27''  Br,  XXVI  Pone  me;  Ms.  germ,  quarto  182  Bl.  30 
bis  40  Br.  XXVI,  III  und  II  (von  allen  aber  nur  ein  Stück  und 
fnit  geänderter  Einleitung).  —  St,  Gallen  Nr,  1014  (vgl.  Sbherrers 
Kenalog  386 f.)  S.  89 — 116  Br,  X  Bevertere,  aber  nur  den  Anfang 
davon,  der  mit  dem  Traktat  ,von  rechter,  wahrer,  sicherer  AndachV ') 
zusammengefügt  ist.  —  Göttingen,  Ms.  TheoL  292  (vgl.  oben  S.  10*) 
bl.  137*"— 47*"  Br,  XII  Nigra  sum  in  ziemlich  fehlerhaftem  Text 
(als  g^  bei  der  Edition  439,9  f.  benutzt).  —  Die  verbrannte  Strass- 
bürg  er  Bs.  F  128  enthielt  23  Briefe  in  der  Reihenfolge  von  s, 
als  vorletzten  aber  den  Br.  Exivi  (XXIII),  der  in  s  fehlt  (P reger 
in  Zfda  XX,  375). 

Die  folgende  TabeÜe  soll  die  Überlieferung  den  Gr  Bfb  in  den  wichtigeren 
Hee.y  natnenüieh  die  Aufeinanderfolge  der  eineeinen  Briefe  veranschaulichen. 
Die  sughich  im  Kl  Bfb  enthaltenen  sind  gesperrt  gedruckt,  die  beigeg ebene 
Z(M  (in  runder  Klammer)  zeigt  ihre  Reihenfolge  an.  Eckige  Klammer  bedeutet, 
dass  der  betreffende  Brief  in  der  Hs.  in  der  Rezension  des  Kl  Bfb  enthalten 
ist,  der  Asterisk,  dass  ein  Teil  desselben  fehlt.  Brief  XK  VIII  (Testament 
der  Minne)  ist,  weil  nur  in  b  sich  findend,  weggelassen.  Zu  bemerken  ist  noch, 
dass  h  Bl,  61  ^  und  66  *"  eine  Notie  hat,  womach  Br,  XXI  (In  omnibus)  und 
XXVI  (Pone)  fälsch  eingereiht  sind;  ersterer  sollte  eigentlich  nach  XIX  (Chri- 
ttus),  letzterer  nach  XXV  (Mihi  autem)  stehen. 


^)  Kommt  häufig  in  Hss.  vor,  so  in  Berlin,  Ms.  germ.  4^  174:  Karls- 
ruhe, Cod.  St.  Pet.  19;  Kolmar  268;  Cgm  457;  Nürnberg  Cent,  VI,  43^ 
(Bl.  274  ^  steht  am  Rande :  Eberhart  Madach  [Dominikaner prior  in  Nürnberg 
1425—28,  vgl.  Schieler  a,  a.  O,  73 ff.]) :   VI,  100, 


26' 


Einleitung.   I.    Die  Überlieferung. 


Übersicht  Ober  die  Oberlief erang  des  Grossen  Briefbaehs. 


i 

b 

2 

C 

c 

_  . 

d 

9    '    h 

i... 

mN 

. .  1 

n 

B 

s 

s' 

ü 

ß 

I.  David  Hex    . 

—       1 

—        34 

1 



1 

1 

1 

II,  Begnum  m. 

' 

(V  .... 

17* 

1 

2*       4      111 

4*     2 

1 

2 

2 

2*      1 

III.  Surrexi    .     . 

W 

-!    3 

2 

3        ö         6 

9  1     5 

3 

— 

3        2 

IV.Hahiiabit 

! 

1 

1 

' 

(2)    .    .     ,     . 

19 

4 

3 

1         6      [ä] 

1 

6  .     4 

4 

—  1   19 

V,  Sonet  vox  .    . 

3 

5 

4 

4  '      7         5 

10        5 

6 

-,     3 

VI,  Vineae.    .     . 

4 

— 

6 

6 

5*      8         7 

17        6 

6 

8        4 

VIL  Trahe  nie  .     . 

1     5 

1 

7 

6 

—         9         8 

^ 

9  1  20 

VIII.  Gustate     .     . 

1     6-'- 

« 

' 

6*     10         9 

18       8 

8  ,  3 

4        6 

IX,  Quam  diUcia 

'     7 



9 

6' 

7  i    11       10 

1 

19        9 

9 

6' 

6        6 

A..  BcvtritTt  . 

8 

—     10 

9* 

6*1    12      11 

8  .  10 

10 

6        7 

XlÄudifili  .    .! 

1 

9 

—    11 

10 

11*     13       12 

2*    11 

il|  1 

7.     9» 

1 

XII.  Nigra  itum\ 

1      i 

;         I 
t         , 

(3)   .    ,     .     . 

10 

-1  12 

11 

10*.    14  1   131 

11 

12 

12 

10 

XIII.Ahsalon  (6) 

—     13 

i 

12 

—       In 

I20J 

16 

13 

13 

;     ,  18 

XIV.Exultet  (5) 

1 

14 

13 

-  ;  16 

1 

[li»J 

12 

114] 

14 

—  —  i  11 

X  V.  Surge    aquüo 

11 

1    '   15 

1 

14 

—       17       13 

13 

16 

16 

-10     12 

XVI.  In  exüa  L    . 

12 

—  i  17 

16 

'—       18       14 

5 

16 

16 

~.lli  17 

X VIL  Quomodo 

' 

1 

1 

i            1 

poU  (4)    .     . 

2*     16* 

15* 

-    I;.>5]  llisl 

U'\ 

17 

1 

13* 

X  VIII,  Nemo  potest . 

13 

3    ,  18 

n 

lö,  - 

18 

-,     ^H 

XIX.  Christus 

1 
1 

1 

/actus  (7)  . 

-     —1  19 

i    19  \I21] 

1 

17 

19 

4  —     16  \ 

XX.  Anna  n  ciate 

1 

1 

1 
t 

' 

1 

(8)    .     .     .     . 

14* 

—     20* 

IS* 

:     i  I-'^J 

luä] 

1 

20* 

1 

XXI.  In  Omnibus 

1 

1          ' 

1 

1 

(9)    .... 

-'     —     21 

19* 

2     IX'Ul 

18 

XXILEstoieperf. 

1 

i 

1 

1 

(lü) .    ,     .     . 

.j.i 

20 

:J0    1241 

—       19 

1 

XXI IL  Exiri  a  patre 

lö     —     24 

22 

24       16 

:  i^^i  - 

XXIV\  Xos  autem     . 

Ifi  ■  —     26 

23 

1    21       17 

i  20 

23  '        12 \  21 

XXV.  Mihi  autvm  , 

1   ,        ,  23 

21 

9       22       li'i  * 

20  '  21 

24  ,-    /.vi     8 

XXVI.PonemeiH) 

—     --     2fi 

24 

'    -         ///,M>/ 

3      22 

25  ,  — '  —  1   16 

1             1 

XX  VII,  Cum  essein 

1 

1 

1 

—       23        - 

—      23 

1 

1  '*' 

1 

e  ernaeffieir'fen^icfinuenr^ 


^^pm.  Handschriften  der  Predigten.    Da»  Minnebüchlein. 

Nur  die  erste  Predigt  Seuses  ist  in  reicMicket-  Weise  überliefert, 
toas  wohl  mit  der  besonderen  Wertschätzung  susammenhünfft,  deren 
sie  sich  bei  ihm  selbst  (131,28 f.)  und  bei  anderen  Gottesfreunden 
enrfreule;  sie  begegnet  öfters  (so  in  f/Ccgs)  unter  den  liriefen  und 
erscheint  gleichsam  als  zu  diesen  gehörig.  An  der  Verbreitung  der 
übrigen  Predigten  lag  Settse  wohl  wenig,  und  daher  sind  sie  nur 
mangelhaft  erk'dten.  Dabei  tritt  die  auffallende  Erscheinung  zu- 
tage, dass  für  Predigt  2 — 4  fast  nur  mittel-  und  niederdeutsche 
Hss.  in  Betracht  komme».  Es  lässt  sich  dien  wohl  nur  damit  er- 
klären, dass  einerseits  das  Nach-  und  Abschreiben  homiletischer  Er- 
zeugnisse der  mystischen  Literatur  im  14.  und  15.  Jh.  in  Mittel-  und 
Niederdeutschlnnd  (Niederrhein)  ganz  besonders  im  Schwünge  war, 
andererseits  die  überragende  Kraft  und  ' Auktorität  Taulers  als 
Prediger  diejenige  Seitses  in  den  Hintergrund  gedrängt  hiit.  Schon 
frühzeitig  wurden  die  Homilien  des  letzteren  —  immer  von  der  ersten 
abgesehen  —  mit  denen  Taulers  vermengt.  Es  ist  wohl  möglich,  dass 
eine  sgstematische  Durchforschung  und  stilkritische  Untersuchung  der 
Ttiulerüberlieferung  neue  Predigten  Seuses  zutage  fordert  oder 
wenigstetis  eine  bessere  Baats  für  die  Tejtesrezensienmg  der  be- 
k<mnten  schafft;  diese  Arbeit  lässi  sich  aber  nur  im  Zusammenhang  mit 
einer  kritischen  Taulerausgabe  unternehmen. 

1.  Die  Predigt  Lectultis  ist  in  folgenden   Uss.  enthalten: 

b  =  Berlin,  Ms.  genn.  oct.  69  Bl.  BS'—tll'  (s.  oben  8.  21*). 

b*  =  Basel,  Universitätsbibliothek  Hs.  B  XI  23,  Perg.  226 
BL  lß°,  14.  Jk  Beschreibung  bei  H'.  IV ackernaget.  Altdeutsche 
Predigten  547 f.  Enthält  S.  314— 6fi  die  Pr.  Lectulus,  welche  nach 
dieser  Vorlage  bei  Wackcrnagel  a.  a.  0.  552— ßl  abgedruckt  ist. 
Die  S.  172 — 314  vorangehenden  Gebete  zu  den  Tagzeiten  und  zur 
Kommunion  ßei   Wackerjuigel  5til — 83)    verraten   nicht  Seuses  Stil. 

C  —  Kalmar  206  Bl.  49' —57'  (s.  oben  S.  19*f.). 

c  =  Cues,  Ms.  115  Bl.  113'^— 18"  (s.  oben  S.  22*), 

g  =  St.  Gallen.  Jl/w.  970  S.  140—49  (b.  oben  S.  22* f.). 

'  m  =  Cgm  819  und  H  =  Nürnberg  Cent.  VII,  90  haben  nur 

?  Btäck  aus  d-er  ersten  Predigt  (vgl.  S.  495  «.  ob.  S.  23*  A.  2). 

n'=  Nürnberg  Cent.  VI,  43',  Pap.  298  Bl.  4",  15.  Jh., 
bwjerischer  Dialekt,  ans  dem  Kloster  St.  Katharina  in  Niirnberg. 
Bl.  l-r.-i  Traktat  i'om  U.  Sakrament  (vgl.  oben  S.  22*);  Bl.  53-136 
Buch  von  wahren  Tugenden  Alberts  des  Gr.;  Bl.  WO — 6'7  Stücke 
aiu   dem  Benner  Hugos   von   Trimlerg;   Bl.  248 — 5ß  Pr.  Lectulus. 


28*  Einleitung.   I.    Die  Überlieferung. 

S  =  Stuttgart,  Cod.  theol  et  phil  quarto  67  Bl.  62^— 76"* 
(s.  oben  S.  24*),    Abschrift  von  Pfeiffer  in  Cod.  Vindob.  SuppU  2779. 

Weiter  findet  aich  die  Predigt  Lecttdus,  meist  mit  minder- 
uertigeni  Text,  in  folgenden  Hss.:  Bamberg  Nr.  178  Ed.  VIII  6 
(Katalog  von  Leitschuh  1,  330 f)  Bl.  1—22.  —  Berlin,  Ms. 
germ.  quarto  149  Bl.77''—84%'  174  Bl.  138''— 48%'  580  Bl.  1—8; 
1094  BL  102  "^ — lO''  niederdeutsch  (vgl.  Jahrbuch  für  nd.  Sprachf 
1884,  36).  —  München  Cgm  447  Bl.  86—92;  456  Bl.  90—116. 
Münster,  Kgl.  Bibliothek  Nr.  501  Bl.  7 — 28,  moderne  Abschrift 
einer  älteren  Vorlage  (vgl,  Katalog  von  Stände  r  110).  —  Nürnberg 
Cent  VI,  43^  Bl.  135*' — 45"^,  im  Verlaufe  aber  stark  abweichend. 
—  Stuttgart,  Cod.  theol  et  phil.  fol.  155  BL  264—72  (aus  dem 
Dominikanerklostei'  in  Rottweü;  vgl.  auch  Denifle  Bvga  XI).  — 
Zürich,  Stadtbibliothek' Hs.  B  2231730  enthält  ein  Bruchstück  der 
Pr.  Lectulus  (vgl.  Wackernagel  a.  a.  0.  259,  552,  558 ff.).  — 
Die  Strassburger  Hs.  A  88,  welche  ebenfalls  die  Predigt  hatte 
(vgl.  K.  Schmidt  in  Theol.  Stud.  und  Knt.  1843,  856),  ist  rerbrannt. 

2.  Die  zweite  Predigt  ,Miserunt  Judaei^  (Echtheit  zioeifelhaft!) 
ist  handschriftlich  fast  nur  mittel-  und  niederdeutsch  erhalten: 

b^  =  Berlin,  Ms,  germ.  oct.  329 y  Pap.  348  BL,  15.  Jh.,  nieder- 
deutsch, aus  dem  Kloster  der  Franziskanei'tertiaren  in  Aachen. 
BL  114 — 56  Collacien  von  Joh.  Brinckerink;  Bl.  118  J^.  Stücke  aus 
M.  Eckhart;  BL  274''— 8P  Pr.  Miserunt. 

g^  =  Gi essen,    Universitätsbibliothek  Nr.  850,  Pap.  239  Bl. 

fol.y    15.   Jh.   (Bl.   239*':  1460),   mittelfränkisch.     Beschreifmng  in 

V.  Adrians  Katalog  251  f.  BL  1-167  der  Seelentrost;  BL  194 ff. 

229  ff .   Predigten    von    Tauler;   BL  205 — 29   Marcus  von  Lindawe 

über  die  zehn  Gebote;  Bl.  235  ^^ — 39^  Seuses  2.  Predigt. 

r  =  hs,  der  Gymnaßialbibliothek  in  Rostock,  unsigniert 
8  BL  4  ^,  15.  Jh.,  niederdeutsch.  BeschreibuTig  und  Abdruck  im  Jahr- 
buch f  nd.  Sprachf orschujig  11  (1877)  11 — 18. 

Dieselbe  Predigt  ist  nd.  auch  in  Brüssel,  Bibliotfieque  royale 
Cod.  14688 y  Perg.  14.  Jh.  Bl.  93*' — llti*';  genaue  Beschreibung  der 
Hs.  bei  Borchling,  1.  Reisebericht  268 ff,,  mui  von  Priebsch  in 
Zfdph  1904,  58 ff.  —  Ein  Auszug  aus  der  Predigt  Einsiedeln 
Cod.  708  BL  6 ''—8*'  (alemannisch). 

3.  Die  dritte  Predigt  ,Exivi  a  patre'  (ob  echte")  war  bisher  nur 
in  dem  Taulerdruck  von  1543  bekannt  und  ist  darnach  S.  518  -ff, 
abgedruckt.  Nachträglich  wurde  ich  auf  die  Taulerhs.  Cod.  Vindob. 
2739,  Perg.  14.  Jh.  niedsrrheinisch,  aufmerksam,  welche  die  Predigt 


Das  Handschriftenverhältnis. 
Weise  dieser  Ausgabe. 

I.  Das  Leben  Senses. 

Für    den    Frolo;/   'ie,s    Ej'emptin:-^ ,    der  der 


Art  und 


Vita    iQrnuü'jeht, 
lie  auch   RVW 


Exivi  Bl.  79''— e?"*  enthält;  eine  Kollation  dieser  H».  folgt  in  dm 
Nachträgen.  Jn  dendben  Hs.  Bl.  67** — 92"  findet  sich  unter  Seases 
Namen  die  vierte  Predigt  ,Heruni  relinquo';  benutzt  wurde  eine  Ab- 
«ciirift  von  J.  Haupt  in  der  ]yiener  Jis.  Suppl.  277'.»  lil.  347'-— 5ff 
(cjl.  oben  S.  5'). 

4.  Das  Minnebüchlein  ist  aüein  in  z  ^  Hg.  der  Ziirickcr 
titadtbibliothek  C  Ofi  Bl.  tf3'-75'  überliefert  (t.  oben  S.  24*). 

und  a  ^  erste  Ihvckausgahe Seuses,  Auqsburg  1482;  die  letztgenannten 
Hsg.  und  der  Druck  weisen  sämtlich  sehr  rerderbten   Text  auf. 

Für  die  Heistdlung  eines  guten  Textes  der  Vita^)  sind  vor 
uilmn  AA'KMPS,  subsidiär  auch  B'NIiS'UWf  zu  benützen.  Von 
A  und  M  sind  die  Varianten  vollständig  in  de»  kritischen  Apparat 
aufgenommen,  um  ein  genaues  Büd  ton  diesen  Has.  zu  geben,  von 
K  die  meisten,  roti  A'PS  die  bedeutsameren,  von  den  übrigen  Hss. 
und  mn  x,  die  sämtlich  von  Fehlem  und  Verderbnissen  tnimtn^n, 
konnten  nur  in  eineebten  wichtigeren  Fällen  die  Lesarten  verzeichnet 
werden.  Übrigens  ixt  bei  den  ersten  Kapiteln  —  das  gilt  auch  für 
die  folgeiiden  Schriften  Scvses  —  ei»  reichlicherer  Viiriantenapparnl 
beigegeben,  der  in  der  Folge  auf  das  Nötigste  beschränkt  wird. 

iVeiUius  den  besten,  wenn  auch  nicht  fehlerfreien  Text  bietet  A, 
welche  Hs.  daher  zugrunde  gelegt  ist.  A  zunächt  stehen  in  bezug  auf 
die  Güte  der  Überlieferung  K  und  S,  dann  folgen  A'MP  mit  schon 
sehr  vielen  Fehlem  und  Lakunen.  A  zeigt  rerhältnisniäsmg  die  nächste 
Verwandtschaft  mit  S,  S  mit  P,  ohne  dass  jedoch  auf  direkte  Ab- 
hängigkeil zu  schliessen  wäre;  APS  bilden  eine  zusamtnengehSrige 
Gruppe,  wie  eine  Anzahl  gemeinsamer  Lesarten  und  auffallender 
Auvlassutigen   zeigen   (z.  B.  49,13.38;   5f>.8;  72,80;   83,14;   126,5; 

')  Diere  Ätugate  sahlt  nur  53  Kapitel,  Denißr  Ö6,  Di^mlroek  ,^7  and 
der  irnte  Druck  59.  Ute  baten  He»,  markiei-en  bei  8,4;  Ü(>,U4:  140,16  ru>nr 
finen  AbeaU,  aber  kein  neue»  Kapitel;  Hn  aolcht«  wird  »otist  immtr  durch  tigene 
Chernekfift  ijrketinzeirlini-t. 


30*  Einleitung.  I.    Die  Überliefemng. 

145,18;  158,24  usw.).  Femer  stehen  unier  sich  in  gewisser  Beziehung 
die  Hss.  A  und  A^,  K  und  M,  SP  und  M,  besonders  aber  M  und  A^^ 
die  eine  Reihe,  allerdings  meist  minder  icichtiger  Lesarten  gemeinsam 
haben;  in  der  Hauptsache  gibt  A^  die  Textgestalt  von  A  wieder,  wie 
es  auch  den  Prolog  des  Exemplars  enthält,  der  in  M  fehlt. 

Wie  man  sieht,  ist  das  Hss.-Verliältnis  ein  kompliziertes  und 
daher  auch  nicht  möglich,  in  allen  Fällen  eine  sichere  Entscheidung 
über  eine  bestimmte  Lesart  zu  treffen;  eine  gewisse  Bürgschaft  für 
die  Zuverlässigkeit  des  Textes  bieten  die  Gruppen  AA^K,  AKP, 
KMP,  besonders  auch  A^KMol  gegenüber  von  APS.  Jedenfalls  ist 
es  aber  in  dieser  Ausgabe  gelungen,  den  Text  gegenüber  Denifle  an 
nicht  wenigen  Stellen  zu  verbessern. 

Eine  gesonderte  Betrachtung  fordert  die  Hs,  M.  Sie  zeigt  an 
zahlreichen  Stellen  tiefgreifende  Äiiderutigen ,  Auslassungen  und 
Zusätze^),  welche  unmöglich  alle  von  blosser  Schreiberwillkür  her- 
rühren können  und  somit  dazu  nötigen,  die  Entwicklungsgeschichte 
des  Vitatextes  zu  untersuc/ien.  Diese  Verschiedenheit  von  M  gegen- 
über den  übrigen  Texteszeugen  —  ich  nenne  sie  A-Gruppe  nach  dem 
Hauptrepräsentanten  —  hat  Anlass  zu  einer  heftigen  Kontroverse 
zwischen  Preger^)  und  Denifle^)  gegeben.  Erster  er  behauptete, 
A  und  seifie  Trabanten  stellen  die  erste,  M  die  letzte,  für  das 
Exemplar  bestimmte  Redaktion  der  Vita  dar,  letzterer,  dem  sich  im 
wesentlichen  auch  Strauch*)  anschloss,  trat  mit  Entschiedetiheit  für 
die  Priorität  von  M  ein. 

Es  kayin  nun  aber,  vollends  auf  Grund  des  durch  diese  Aus- 
gabe erschlossenen  reicheren  Materials,  kaum  mehr  einem  Zweifel 
unterliegen,  dass  die  Pregersche  Hypothese  durchaus  verfehlt  ist. 
Wenn  zwei  Redaktionen  der  Vita  zu  untencheiden  sind,  so  kann 
man  in  M  nur  die  erste  sehen;  das  hat  Denifle,  der  überhaupt  über 
eine  gründlichere  Kenntnis  d^^r  Hss.  verfügte,  siegreich  nachgewiesen. 
Ausschlaggebend  ist  allein  schon  der  Umstand,  dass  sämtliche  Hss. 
der  Vita,  welche  das  Exemplar  enthalten  oder  wenigstens  voraussetzen 
(im  ganzen  ca.  20),  samt  den  Drucken  die  Rezension  von  A  auf- 
weisen; es  wäre  aber  doch  ein  merkwürdiger  ,ZufalV  zu  nennen, 
wenn  gerade  das  für  das  Exemiüar  bestimmte  Leben  Seuses  aussei*- 

*)  Dieselben  sind  weder  hei  Denifle  noch  bei  P  reg  er  (s.  folgende 
Änm.)  vollständig  aufgeführt, 

«)  Zfda  XX  (1876)  406  ff,;  Gesch.  d,  d.  Mystik  II,  310 ff, 
^  Zfda  XXI  (1877)  126 ff,;  Smse  XVIII— XX, 
*)  Afdn  IX,  138—40, 


Das  HdinlachrittflnTerhSItiiW.^ 

hiUb  desaeliien  geraten,  dm  nicht  für  die  Veröffentlichung  vorgesehene 
dagegen  in  das  gerechte'  Exemplnr  (  Vita  i,0)  gelangt  itiir«').  Wtittre 
Gründe  werden  im  folgenden  Erwähnung  ßnden. 

Ist  es  nun  alter  unumgänglich  notwendig,  anzunehmen,  dani^ 
Seuse  seine  Biographie  zweimal  redigiert  habeY  Vor  allem  ist  zu 
nagen,  dasa  der  Text  von  M  öisher  ziemlich  überschätzt  wurde;  er  ist 
weder  so  alt  noch  so  gut,  wie  Denifle  und  Preger  meinten*).  Eine 
Prüfung  lUs  Variantenapparates  zeigt,  dass  der  Schreiber  von  M 
nickt  ufort  und  fort  den  grösslen  Fleifs"')  aufgewendet  hat,  sondern 
sich  zahllose  Nachlässigkeiten  zu  Schulden  kommen  Hess.  Oft  hat 
er  bei  schwierigeren  mystischen  Partien  den  Sinn  nicht  mehr  ver~ 
»landen,  irie  dies  bei  späteren  Abschriften  gewöhüich  der  Fall  ist 
(so  z.  B.  164,13;  165,17;  167,5;  168,15.  24;  170,12.  19;  174,23; 
175,26  usto.),  häußg  macht  er  Änderungen  und  Zusätze,  um  das 
Verständnis  zu  erleichtern  (z.  B.  S,3;  10,llf.;  21,6;  46,5f.  60,6; 
62,12 f.;  67,6 f.  10;  70,7  usw.),  wobei  aber  äfters  etwas  ganz  Un- 
geschicktes*) und  Sinnloses  herauskommt  (so  12,10;  16,9;  37,15; 
34,17;  77,21;  83,20 ff.;  105,26;  108,9;  111,3  usw.);  Überhaupt  ist 
die  Tendenz  zur  Ertedterung  d.  h.  Verflachung  und  Vertcässerung 
des  Textes  hervorstechend  (z.  B.  50,8;  57,4;  59,23;  66,4 f.;  70,3; 
73,18;  7 5,14 f.;  77,25;  86,23 f.;  87, 23 ff.  usw.).  Man  sieht  sich 
nuf  drund  von  alle  dem  zu  der  Annahme  genötigt,  dass  in  M  bezui. 
nein&r  Vorlage  nicht  so  fast  die  Hand  eines  Abschreibers,  als  die 
eines  Bearbeiters  tätig  war. 

Daneben  weist  aber  M  manche  Spuren  höheren  Alters  auf  i» 
Zusätzen  gegenüber  der  A-Gruppe,  die  nach  Ausdruck  und  Inhalt 
HO  echt  susonisches  Gepräge  tragen,  dass  sie  nicht  als  Interpolationen 
angesefien  werden  können'').  Bei  15,4  und  82,11  f.  Hesse  sich  der 
Aunfail  eines  Satzteils  allenfalls  durch  Homoioteleuton  erklären,  nicht 
aber  bei  133,lf.  vnd  159,13 f.  Es  ist  kein  Grund  abzttsehen,  warum 
hier    Seuse    bei    einer   ziceiten    Redaktion    sollte   gestrichen   haben; 


')  Dit  VtitmUuiiff  Freggrs  II,  34^  ff.,  Setue  aei  durch  dm  Tod  gehindert 
u-orrfen,  stin  vierteilige»  Werk  tu  einem  Bande  tu  im-einigen,  und  wn  Schreiber 
I  dann  MUfaÜig  die  faUche  Vita  in  Ana  Exemplar  at^genommeti,   int  doch 
mcbl  and  datu  schon  durch  den  Prolog  hinrtichmd  teiderUgt. 
')   Vgl.  dagegrn  da»  voreiehtigere  Urteil  Strauche  a.  n.  0.  140. 
\    »)  Denifle,  Zfda  XXI,  131. 
•)  Darunter  gehört  auch  59,2ä  die  Anselrung  eines  ntiim  Kapitrh  mii 
astenden  Überschrift:  Wie  er  siuli  ajuig  hielt. 
I  *)  Ich  hnbil  diaielbni  in  <Ü_  ^  gt4eW. 


32*  Einleitung.   I.    Die  Überlieferung. 

mindestens  ebenso  plausibel  ist  die  Annahme,  dasa  schon  im  Arche- 
tt/pus  der  A  Gruppe  die  Auslassung  durch  ein  Schreiberversehen 
geschah. 

An  einer  Anzahl  von  Stellen  hat  M  Sonderlesarten  von  ge- 
ringerer Bedeutung,  die  zwar  gegenüber  von  A  und  seiften  Anhängern 
ursprünglißh  sein  können,  aber  keineswegs  sein  müssen  und  es  meines 
Erachtens  auch  nicht  sind,  da  sie  sich  ungezwungen  aus  der 
schon  konstatierten  Art  des  Abschreiber-Bearbeiters  erklären  lassen 
(so  12,14;  50,27;  51,10;  62,15;  80,22;  86,25;  88,9;  99,3;  100,30; 
103,10/,;  118,24;  126,20;  135,32;  143,32  f.;  158,25;  168,3;  172,6; 
177,23;  179,32;  180,1). 

Vo7i  besonderer  Wichtigkeit  ist  die  Lesart  von  M  18,11  f.: 
daz  (nämlich  das  Gebet  Anima  niea)  er  do  schreib  an  dem  nach- 
genden  briefbfichlin  (vgl.  auch  A^  in  den  Varianten)  und  der  Zu- 
satz 155,7:  als  an  dem  nüwen  briefb&ch(l)iDy  daz  hie  ze  hindrost 
och  stet,  aigenlich  ist  geschriben.  Der  M-Text  kann  an  dieseti 
Stellen,  wie  auch  Preger^)  sah,  nicht  von  erster  Redaktion  her- 
rühren, denn  er  setzt  ja  das  abgeschlossene  Exemplar  voraus,  aber 
auch  nicht  der  zweiten,  endgültigen  Redaktion  bei  Veröffentlichung 
des  Exemplars  angehören,  denn  sonst  wäre  es  unerklärlich,  warum  alle 
anderen  Hss.,  von  M  und  teilweise  A^  abgesehen,  berichten,  Seuse 
habe  den  Morgengruss  nur  an  „etliche''  neue  d.  h.  gekürzte  Brief" 
büchcein  geschrieben  (18,12).  Diese  Nachricht  muss  aber  richtig 
sein,  denn  keine  alte  Hs,  enthält  den  bezw.  die  Zusätze  (vgl.  Anm. 
zu  393,6).  So  bleibt  nur  die  Annahme  einer  Interpolation  übrig, 
die  auch  von  Denifle^)  und  Strauch^)  gemacht  wurde  und  zu  dem 
Charakter  vo7i  M  gut  passt.  Dies  gibt  uns  aber  das  Recht,  auch 
den  ungeschickten  Zusatz  in  M  175,21:  als  da  vor  gesait  ist  als 
eine  spätere  Einfügung  zti  betrachten. 

Einem  Schreiber-Bearbeiter y  der  sich  solche  Eingriffe  in  den 
Text  erlaubt,  wird  man  auch  Auslassungen  zumuten  dürfen.  Vita  63,14 
ist  in  M  der  Name  Anna  weggelassen  und  der  Satz  entsjyrechend 
geändert,  64,  1 — 65,3,  enthaltend  die  zweite  der  Anna  gewordene 
Offenbarung  samt  der  Rosenvision,  fehlt.  Mit  Sicherheit  ist  hieraus 
weder  auf  erste  noch  auf  zweite  Redaktion  zu  schliessen:  Seuse 
konnte  ebenso  gut  nachtragen   als  tilgen^).     Imtnerhin   spricht  mehr 


')  Zfda  XX,  407,409;  Mystik  II,  311  f. 

2)  Zfda  XXI,  128,137. 

«)  A,  a.  0.  139, 

*)  So  auch  Strauch  n,  a.  0, 


für  Drnißes  Auffassung,  da  es  jn,  wen 
noch  lebende  Anna  JOickidcht  ttehtnen 
Namen  wtyzulassen ;  zudem  int  Kap,  37 
genannt,  ieelche  wahrscheinlich  mit  der 


n  der  Sc'hri/UUller  auf  die 
wollte,  f/enütft  hätte,  ikreti 
—  auch  in  AI  —  tine  Anna 
Kap.  2'^  erwähnten  identisch 


ist.  Aber  auch  Deiiißes  Annahme,  M  verrate  hier  die  erste  Redaktimi, 
iH  nicht  zwingend,  denn  es  konnte  atick  der  Schreiber  Pon  M  den 
Te^t  an  der  ersten  Stelle  ändern  und  an  der  zweiten  die  beiden  Er- 
zählungen streichen,  ohne  dass  irir  den  Grund  Jiiefiir  mu  erkennen 
vermöchten;  vielleicht  geschah  das  letztere  deshalb,  weil  in  Kup.  34  zwei 
aknlichK  Erzählungen  folgen.  Ganz  ähnlv-h  liegt  der  Fall  auch  in 
bezug  auf  den  in  M  fehlenden  Passus  von  dem  ,Heuen  Biichlein',  das 
in  den  Rhein  fiel  itil,li  —  13),  und  bei  den  kleinen  Auslassungen 
51,2—4  nnd  8ö,lS—l'J. 

Am  tiefsten  einschneidend  und  für  unsere  Frage  am  leichtigaten 
sind  die  Abweichungen  von  M  in  Vita  130,1  ff.  und  177, t ff'.  Am 
ersleren  Ort  bringt  die  Hs.  statt  der  allgemeinen  Andeutung,  dass 
Seuses  so  schwer  verleumdete  Unschuld  sich  herausgestellt  habe,  die 
ganz  konkrete  Xachrii-ht,  der  Ordensgeneral  and  der  Provitizial  von 
Teutonia  hätten  die  Sache  genau  untersucht  und  alks  als  böswillige 
Verleumdung  erkannt  usw.;  ausserdem  ist  die  folgende.  10  Zeilen 
umfassende  Erzählung  oon  der  Erscheinung  eines  Freundes,  der  Jenem 
früher  Unrecht  getan,  gestrichen.  Auch  hier  stehen  mir  vor  der  Alter- 
native, Streichung  des  interessanten  Zusatzes  in  A,  oder  spätere  Hin- 
zufägung  in  M  anzunehmen.  In  der  Tat  möchten  Dentfle*)  und 
Strauch*)  din  Zusatz  der  ersten,  Preger'^)  der  zweiten  Redaktion 
zuweisen.  Aber  wahrscheinlich  ist  keine  der  beiden  Annahmen  richtig. 
Kinmal  finden  wir  in  jenen  Worten  Seme«  sonst  so  leicht  erkennbaren 
Stil  nicht  wieder,  die  Ausdrucksuvise  klingt  fremdartig ')  und  sehr 
nüchtern,  sodann  ist  Preger  zuzugehen,  d«ss  Seusc,  wenn  er  einmal 
Keine  Ehrenrettung  durch  die  höchsten  Instanzen  des  Ordens  in 
trockenen  Worten  niederschrieb,  sie  schwerlich  in  der  zueilen  Hedoktion 
wieder  getilgt  hätte.  Daher  empfiehlt  sich  auch  hier  wieder  die  An- 
nahme, dass  ein  Unbekannter  die  Interpolation  gemacht  und  die 
Änderung  vorgenommen  hat.  Seuse  selbst  hat  sich  wohl  in  bescheidener 
Zurückhaltung   mit  allgemeinen   Andeutungen   begnügt,  —  seine   Un- 


')  Zjda  XSJ,  13uf. 
')  A.  a.  U.  139  f. 

■)  Zfd-i  XX,  4ob;  Mystik  II,  314 jK 
*)  Aueh  Strauch   a.  a.  O,  ßndet    die  Les 
n   freschmitct  totit  aneielienih-r. 
Isnticha  Soh ritten. 


I  A  pottincher  und  für 


34*  Einleitung.   I.    Die  Oberlieferung. 

schuld  ist  ja  Voraussetzntiy  der  (janzen  Erzählxnig!  —  nach  seinem 
Tode  aber  hat  ein  mit  den  Verhält ninsen  Vertrauter  ^  vielleicht  ein 
Ordensgenosse  im  Ulmer  oder  Konstanzer  Konvent^  die  Notiz  ein- 
gefügt Anregung  dnzu  mochte  ihm  die  Befnerkung  (126^13 f.)  über 
das  Kommen  der  Ordensoberen  (nach  Konstanz)  gebeny  die  von  selbst 
dem  Leser  die  Frage  nach  dem  Ausgang  der  Untersuchung  auf  die 
Zunge  legte;  die  anschliessende  Erzählung  über  die  Erscheinung  dt» 
verstorbenen  Freundes  konnte  dann  als  entbehrlich  wegfallen. 

Wer  den  Text  zu  Beginn  von  Kapitel  51.  wo  über  die 
Gotteserkenntnis  gehandelt  wird,  nach  der  A-Gruppe  und  M 
mit  einander  vergleicht,  erkennt  unschwer,  dass  hier  eine  einschneidende 
Änderung  in  ganz  bestimmter  Tendenz  vorgenommen  tcorden  ist. 
Während  in  M  nach  dem  Vorgange  Bonaventuras,  der  hier  als 
Quelle  dient  (vgL  den  Nachweis  in  den  Aiimerkungen  zu  176,11  ff.), 
und  Meister  Eckharts^)  dargetan  wird,  dass  Gott  das  primum  cognitum 
sei  und  dieser  Gedanke  dsn  ganzen  Abschnitt  beherrscht,  wird  in  A 
der  Frage  nach  dem  Ersterkannten  ausgewichen  und  der  Ged/wken- 
gang  in  recht  gezwungener  Weise  dahin  gewendet,  d/iss  Gott  nicht 
in  die  zerteilten  Weseji  aufgehe,  sondern  der  Enthalt  aller  Dinge 
sei  ^).  Kein  Zweifel,  dass  der  Text  in  M  besser  fliesst  und  den  Ein- 
druck d^r  Ursprünglichkeit  macht.  Daher  meint  Denifle%  das 
Hervorgehen  des  Textes  von  M  aus  A  lasse  sich  in  keiner  Weise 
begreif euy  wohl  aber  umgekehrt;  anfangs  habe  sich  Sense  fast  sklavisch 
an  (las  fünfte  Kapitel  des  Itinerariums  gehalten,  später  aber,  als 
er  daranging,  die  Vita  zur  Veröffentlichung  vorzubereiten  und  die 
schwierigen  mystischen  Fartien  dem  Provinzial  Bartholomäus  vorlegte 
{Prolog  f)jlSff.),  habe  er  den   Text  „so  gut  es  ging^  geändert,  weil 

')   Vgl  Denifle  in  seinem  Archiv  II,  619 f.;  587,21:  600,15;  606,6. 

*)  Vgl  Denifle,  Zfda  XXI,  131  f.  Der  Versuch  Pregers  II,  317 
nachz uteeisen,  dass  zwischen  A  und  M  kein  wesentlicher  Unterschied  besiehe 
und  dass  die  letztere  Hs,  und  Bonavefitura  Gott  nicht  für  das  ErsierkawUe 
halten,  verrät  so  wenig  Ke^intnis  der  scholasiischtn  Terminologie,  dass  er  als 
ganz  verfehlt  nicht  weiter  zu  berücksichtigen  ist.  Vgl  auch  Denifles  scharfe 
Zurückweisung  im  Archiv  II,  ö2t)  A.  1,  587.  Dass  die  Lehre  der  älteren  Franzis- 
kanerschule  von  der  ,cognttio  in  rationibus  aeternis^  mit  der  thomistischen  Lehre 
nicht  harmoniert,  —  die  Herausgeber  des  Itinerariums  fs.  Anm.  zu  176,6),  Scholion 
p,  487  ff .  suchen  vergebens  Bonaventura  und  Thomas  in  Einklang  zu  bringen  — 
hat  new'rdings  lichtvoll  und  überzeugend  M.  Grab  mann,  J)ie  philosophische 
und  theologische  Erkenntnislehre  des  Matthaeus  von  Aquasparta  (=^  Theoh 
Studien  der  Leogesellschaft  H,  14)  1906,  56  ff.  gezeigt  (S.  60  f.  über  Bonaventura). 
Vgl  auch  Krebs,  Meister  Dietrich  (s.  S.  328)  124 ff. 

'-')  Zfda  XXI,  131  ff. 


Das  HandachrifteiiTerbältiiiÄ.    Art  am!  Webe  ilifscr  Aiwgalio.         35 

jWie  Xe/ire  der  im  Orden  slren;/  rorgeschriebeaen  ')  tltomististhen 
Doktrin  widersprach. 

Die  Lösuni/  den  Problems  ist  sicher  eine  ansprechende,  wemi- 
gleich  nicht  rille  Bäteel  schwinden.  Auffallend  bleibt  dann  immerhin, 
tBarum  Seuse  bei  seiner  „ängstlichen  Furcht"  (Deniße)  nicht  besser 
dafür  sorgte,  dass  die  Spuren  der  anstüsxiyen  Lehre  verschwanden, 
und  u4e  er  überhaupt  dazu  kam,  in  dieser  wichtiyen  Frage  von 
Tkonuie,  den  er  so  hoch  schätzt  und  dessen  Gegner  er  so  sehr  tadelt 
(Vita  180,16 f.,  Hör.  151  f.),  abzuweichen^  Doch  wird  man  die 
Möglichkeit  nicht  leugnen  können,  dass  er  trotsdem  jene  Theorie,  die 
sich  auf  die  Auktotität  des  grossen  Angitatinm  stützte  und  von  einer 
Reihe  von  Theologen  seiner  Zeit,  vor  allein  von  seinem  Lehrer  Eck- 
hart, vertreten  wurde,  adaptierte  und  in  seiner  mystischen  Spekulation 
anfanglich  zum  Ä^mdruck  brachte.  Viel  schwerer  wird  man  zu  der 
Annahme  greifen,  —  und  sie  bliebe  allein  nodi  übrig  —  dass  etwa 
auch  hier  der  tnteipolator  Bon  M,  der  die  Notiz  130,lff.  einfügte, 
seine  Hund  im  Spiele  hatte,  indem  er  sich  angetrieben  fühlte,  den 
Text  der  Vita  nach  Bonaventuras  Itinerarium,  von  dem  Seuse  so 
plötzlich  abweicht,  zu  ändern  und  zu  ebnen. 

Dofi  BeSMltat  dieser  Untersuchung  ist  demnach  folgendes:  wohl 
nur  in  bezug  auf  deii  Anfang  den  51.  Kapitels  kann  man  mit  ziem- 

')  Auf  dem  Gtntmliapilel  von  1378  irurdtn  dir  Dominikaner  streng  auf 
dir  Lthrr  des  hl.  Thomat  twn  Äq^uin  verpflichtet  und  eugltieh  eigene  Inq^uisilorot 
aufgteteüt,  durch  vrlehe  die  Nicht-Thonüxten  bestraft,  aus  ihrer  Proeine  aua- 
gietMsen  undjcdtn  Amtea  enthoben  iceräen  «oliteH  (MOPK III,  19H).  Ähtdiehc 
Batimmuugen  wurden  öften  tBieder/uitl,  »o  auf  dtn  Geaeralkapileln  eon  1370, 
1366,  1309,  1313,  1329,  1343,  1344  usk.,  ein  Btwei»,  etaes  sie  nicht  immer  gmou 
eingehalten  irurdtn  und  dose  die  antithomistischt  StrBmung  auch  im  I^edigtr- 
arden  nicht  unbedeutend  war.  Meister  Eckhart  und  Dielrieh  von  Freihtrg,  die 
trotidem  hohe  Ordensuletlungm  h'kleidelcn,  sind  Zeugen  dafür.  Über  des  letzteren 
Erkenntnialehre ,  leeleb»  liienfalU  antithomielüch  i*(  und,  wenn  auch  von 
anderen  philonaphieehen  Grundlagen  atugekend,  doch  iit  der  ffauptnache  mit  der 
der  älteren  i'mHZiskanerachtdt  lusammentrifft ,  vgl.  Ki-tb«  a.a.O.  113 ff,, 
185'f.,  303':  ebd.  330'  auch  aber  den  Traktat  i-oii  der  Minne  (bei  Preger 
II,  419  ff.). 

*f  Als  Gegininstanz  iriVri  man  weniger  beConen  dürfen  (t>gl.  Deniflr 
a.  lu  0.  134  A.  3),  daM  Seuse  kwi  rorhei-  (172,1  ff.)  den  Weg  der  GoUeserkenntnis 
fier  ertainras  auf  arittotelisch-ihomistische  Art  beschreibt,  und  dass  auch  das 
mfiff.  angeführte  Beispiel  vom  Licht  und  von  den  Fledermausaugm  der  Lehre, 
das  göttliche  Weeen  sei  da»  primum  eognttum,  nicht  recht  entiipriehl.  Ein  der' 
artigea  IneinanderspieUn  tiugustinischer  und  arietoteliseher  Gedanken  findet  »ich 
auah  in  dem  System  Bonatienturast  M  Matthäus  von  Aquasparla  u.  a.  {vgl.  Grab- 
^^■M  a.  a.  0.  5/1  ff.,  ISO  fh 


3ü*  Einleitang.    I.    Die  Überlieferung'. 

licher  Wahrscheinlichkeit  von  einer  doppelten  Redaktion  der  Vita 
redt'n;  einen  grösseren  Umfang  hatte  diese  schwerlich^).  Doch  wird 
bei  dieser  Annahme  der  Avsdriick  yfDojypelredaktion*"  besser  ver- 
mieden ^),  denn  auch  die  Rezension  von  M  war  von  Anfang  an  für 
das  Exemplar  bestimmt^):  Vita  18,11  f  und  155,7  (s.  oben  S.  32*)  ist 
von  dem  Brief biichlein  die  Rede,  96,2  wird  das  Leben  als  erstes 
Buch,  nämlich  des  Exemplars,  bezeichnet,  und  es  fehlt  auch  nicht  der 
Hinweis  auf  die  Bilderausstattung  desselben  (103,24), 


II.  Die  flbrigen  Schriften  des  Kxemplsrs. 

1.  Das  Bdew  hat  eine  verhältnismässig  sehr  alte,  gute,  aber 
doch  nicht  ganz  einheitliche  Überlieferung.  Von  den  benutzten  Hss, 
(s.  S.  196)  ist  der  Konformität  halber  auch  hier  A  zugrunde  gelegt, 
obwohl  wir  in  EE^Z  einen  älteren  und  besseren  Text  vor  ufis  haben; 
in  rein  sprachlicher  Hinsicht  stimmt  jedoch  A  mit  diesen  Hss.  fast 
vollständig  überein.  Relativ  den  besten  Text  hat  Z,  das  auch  die 
Autorenzitate  am  Rande  am  genauesten  verzeichnet,  dann  folgen 
E  und  E\  Diese  beiden  Hss.  weisen  Korrekturen  von  einer  ältet'en 
und  Jüngeren  Hand  auf  welche  nicht  immer  mit  voller  Sicherheit  zu 
unterscheiden  sind,  Z  nur  solche  aus  späterer  Zeit ;  die  sicher  jüngeren 
und  unrichtigen  Korrekturen  sind  im  Variantsnapparat  nicht  berück- 
sichtigt. In  E^  und  F,  welche  miteinander  verwandt  sind,  zeigt  sich 
häufig  eilt  willkürliches  Eingreifen  des  Schreibers;  E^  hat  daneben 
aber  auch  oft  sehr  gute  und  alte  Überlieferung.  Verwandt  sind 
ferner  F  und  F^,  E^F  und  F\  natnentlich  aber  A  und  K,  denen 
sich  noch  manchmal  a  anschliesst.  AKx,  welche  das  Bdstc  in  der 
Form  repräsentieren,  wie  es  in  das  Exemplar  auf  genominen  wurde, 
stehen  durch  zahlreiche  Änderungen ,  Auslassungen  und  sonstige 
Korruptelen  allen  übrigen  Hss.,  welche  das  Büchlein  separat  über- 
liefern, als  eigene,  minderwertige  (jiruppe  gegenüber,  was  zu  dem 
Schlüsse  berechtigt y  dass  der  Vorlage  von  A  keine  sehr  gute  Abschrift 
(=  X)  des  Bd^w,  das  schon  ca.  3r>  Jahre    ror  der  Redigierung  des 


^)  Höchstetia  wäre  noch  169,13  f.  an  ein  Kingreifen  Seusea  aelbsi  zu  denken, 
'^)  Auch  Denifle  redet  wiederholt  nur  hypothetinrh  daron  (Seuse  XX,' 

Z/da  XXI,  137). 

°)   Unrichtig  sagt  Denifle,  Seuse  XIX:  „es  steht  fest,  dass  das  Lehen 

in  M  von  Seuse   nicht  für  das  Exemplar  heMimmt  imr."     Dagegen  mit  Recht 

F reger,  Mystik  II,  3:Jlf. 


Das  Handschriften yerhältnis.    Art  und  Weise  dieser  Ausgabe.         37* 

Exemplars  verfasst  war,  zugrunde  lag^);  und  zwar  muss  X  in 
einiger  Beziehung  zu  der  in  Töss  geschriebemn  Hh,  E  gestanden 
haben,  dcts  zeigt  da^  öfters  vorkommende  Zusammentreffen  von  A 
und  E,  AK  und  E,  AKol  und  E,  neben  d^m  jedoch  auch  die  Ver- 
bindungen AF  und  AH  bemerkenswert  sind.  In  Zweifelsfällen  wird 
man  sich  bei  Rezensierung  des  Textes  tw  der  Regel  auf  jene  Hss,- 
Gruppe  zu  stützen  haben,  bei  der  Z  vorkommt.  Es  gelingt  auf  diese 
Weise  öfters  einen  zuverlässigeren  Text  zu  erzielen,  als  ihn  Denifle  hat, 
der  E  und  E^  bevorzugte, 

2.  Das  dritte  Büchlein  (Bdw),  weniger  kopiert  und  daher 
iceniger  verdorben,  ist  ziemlich  gut  überliefert.  Führerin  ist  A,  und 
von  diesei'  Hs,  bezw.  ihrer  Vorlage  scheinen  alle  übngen  abzustammen ; 
verwandt  sind  besonders  A  und  B,  A  und  K,  A  und  S,  AB  und  S. 
Die  Varianten  von  CNSfm,  welche  voll  Fehlern  stecken,  sind  nur  zum 
kleinsten  Teil  angeführt.  Gegenüber  Denifle,  der  geringeres  Material 
benützte,  ist  der  Text  an  manchen  Punkten  verbessert. 

3.  Beim  Bfb  gilt  so  ziemlich  dasselbe,  wie  beim  Bdw,  A  über- 
ragt alle  übrigen  Hss.,  von  denen  CK  PS  manche,  NUlVfmoL  sehr 
viele  Verderbnisse  aufweisen,  weit,  und  nur  sehr  selten  muss  von 
ihr  abgegangen  werden.  Verwandt  sind  untereinander  besonders  A 
und  S,  C  und  S,  AC  und  S,  K  und  ü,  m  und  N. 

4.  Die  Zusätze  zum  Bfb '^)  sind  in  mangelhafter  Weise  über- 
liefert, und  zwar  weichen  die  Hss.,  welche  das  Exemplar  enthalten 
{RS^Wf),  und  7.  öfters  ab  von  denen,  welche  sie  in  Verbindung  mit 
dem  Gr  Bfb  bieten  (Nhms^).  Der  letzteren  Gruppe  wird  meistens, 
namentlich  bei  den  Sprücheny  der  Vorzug  zu  geben  sein.  Denifle 
Jutt,  wie  es  scheint,  nur  a  und  m  benützt.  Zur  Grundlage  sind 
S^  und  f  genommen,  weil  diese  Hss.  die  älteren  Sprachformen  und 
defi  alemannischen  Dialekt  am  meisten  bewahrt  haben. 

III.  Das  Grosse  Briefbach. 

Nach  Seuses  Zeugnis  hat  seine  geistliche  Tochter  Elsbeth 
Stagel  aus  „allen*^  Briefen,  die  er  ihr  und  andern  seinen  geistlichen 
Kindern  gesandt,  ein  Buch  gemacht;   er  selbst  nahm  einen  Teil  der 

*)  Auffallend  ist  dies  aller dings,  da  Seuse  nach  Prolog  4,1  ff.  über  Sthreiher- 
Verderbnisse,  speeieü  im  Bdew,  klagt  und  von  seinen  Bemühungen  um  ein  ,ge- 
reehtes^  Exemplar  berichtet.  Man  wird  aber  von  einem  mittelalterlichen  Schrift- 
steller keine  aUsu  grosse  Akribie  erwarten  dürfen. 

*)    Vgl.  die  Anm.  S.  393. 


$Q*  Einleitung.    I.    Die  Überlieferung. 

Briefe,  kürzte  sie  und  machte  ein  neues  Büchlein  (H73,22:  diz  klein 
ding)  von  elf  Briefen  daraus,  dus  er  als  vierten  Teil  dem  Exemplar 
einverleibte ;  die  Briefe,  welche  ihm  zur  Aufnahme  nicht  tauglich 
schienen,  vernichtete  er  (Prolog  zum  Exemplar  4,18 ff.;  Vita  18,12; 
Kl  Bß  360,1  ff.,  373,22  ff.), 

Ist  nun  wirklich  das  ursprüngliche,  ungekürzte  Briefbuch  der 
Stagel  unwiderruflich  verloren,  oder  ist  es  in  irgend  einer  Form  er- 
halteu  geblieben?  Über  diese  Frage  ist  vor  30  Jahren  zwischen 
Denifle^)  und  Preger^)  eine  heftige  Kontroverse  ausgefochten 
worden,  die  zwar  kein  völlig  sicheres  Resultat  herbeiführte,  deren 
Verlauf  aber  doch  unzweideutig  erkennen  Hess,  auf  welcher  Seite  sich 
der  grössere  Scharfsinn  und  die  umfassendere  Kenntnis  des  hand- 
schriftlichen  Materials  befand^).  In  seinem  ersten  Aufsatz  hatte 
Denifle  ausgeführt,  dass  das  ursprüngliche  Brief  buch  nicht,  wie  man 
glaubte,  verloren  sei,  sondern  sich  im  wesentlichen  in  der  Stuttgarter 
Hs.  Cod.  theol.  et  philos,  4^  67  (=^  s,  s.  oben  S,  24*)  erhalten  finde, 
während  das  von  Preger  1867  hetyiusgegebene  Brief  buch  des  Cgm  819 
(s.  oben  S.  7*,  23*),  das  dieser  für  die  endgültige,  von  Seuse  für  das 
Exemplar  bestimmte  Bedaktion  ansah,  sich  nur  als  ein  ungeschicktes 
Konglomerat  aus  Briefen  des  ungekürzten  und  gekürzten  Briefbuches 
darstelle.  Dem  gegenüber  suchte  Preger  nachzuweisen,  dass  die 
Stagelsche  Sammlung  gar  nicht  erhalten  sein  könne,  da  Seuse  na<:h 
seinen  eigenen  Worten  (373,27 ff,)  sie  vernichtete;  derselbe  habe 
wiederholt  eine  Auslese  ans  ihr  veranstaltet :  die  erste  besitzen  wir  noch 
in  s  (das  „alte^  Brief  buch),  die  zweite  in  den  11  Briefen  des  ersten 
Druckes  (das  ^neue^  Briefbüchlein),  die  dritte,  für  das  vierteilige 
Sammelwerk  bestimmte,  die  aber  durch  einen  Zufall  nicht  in  das 
Exemplar  kam,  in  m. 

Das  neue  Material,  das  in  vorliegender  Ausgabe  der  Forschung 
unterbreitet  wird,  ergibt  mit  Sicherheit,  dass  Denifle  in  allen  wesent- 

')  ..Zu  Seuses  ursprünglichem  Brief  buch,''  Zfda  XIX  (1876)  346—71; 
..Ein  letztes  Wort  über  Seuse^  Briefbücher ,""  ebd.  XXI  (1877)  89—136.  Vgl 
auch  Seuse  XXVII. 

»)  ,.Dic  Brief bücher  Susosr  Zfda  XX  (1876)  37:i—41ö.  Die  Abhand- 
lung in  Gesch.  d.  d,  Mystik  Ily  331  ff.  bringt  nicJits  Neues  von  Bedeutung  bei, 
ebensowenig  die  itersünlichen  Erklärungen  der  beiden  Gegner  in  Afda  III^  Sil — 13. 

*)  Strauchy  Afda  IX,  138  hält  Dmifles  Ansicht  für  glaubhafter,  in 
AÜg.  dtsch.  Biogr.  37,179  schliesst  er  sich  derselben  rückhaltlos  an.  Vetter 
a.  a.  O.  59 f.  meinte,  es  habe  nicht  bloss  zwei,  sondern  mehrere  Briefbücher  von 
abtceichender  Heihmfolge  und  Austrahl  der  Stücke  gegeben,  die  ..Kürzung^'  durch 
Seuse  sei  nur  entschuldigende  Fiktion  eines  späteren. 


liehen  Punkten  das  £rchlit/e  ijeseken  hnt,  Freier  diujt^ijeH  irie  in  bezui/ 
auf  die  Vita  so  auch  hier  sich  auf  /alscher  Fährtr  befand.  Was 
zunächst  das  kleine  oder  neue  ((fekürste)  Büchlein  mit  11  Briefen 
anlangt,  so  kann  es  keinem  Zweifel  mehr  unierlieijen,  dass  wir  darin 
die  letzte,  in  gam  bestimmter  Tendenz^)  bearbeitete  vnd  in  das 
Exemplar  aufyenommene  Auswiild  Seusen  vor  um  haben.  Gegenüber 
dem  Zeugnis  der  Uss.,  welche  dasselbe  sämtlich  ausser  m  und  N  in 
einheitlicher  Form  bieten  und  als  viertes  Buch  dem  Bdtv  anfügen, 
mnken  die  Pregerschen  Erklärungsversuche  und  KombinaUonm  *)  i« 
nichts  zusammen,  m,  wozu  als  Doppelgängerin  die  fast  identische 
Hs.  N  kommt  (s.  oben  S.  7*),  kann  dagegen  unmöglich  als  Schluss- 
redaktion Seuses  gelten  und  ist  überhaupt  gar  keine  Originnlarbeit^). 
Die  Entstehung  dieser  Kompilation  lüsst  sich  umchuer  begreifen. 
Der  Münchner  beew.  Nürnberger  Bearbeiter  hatte  ein»  Hu.  Por  sich, 
in  welcher  auf  das  Kl  Bfb  das  ungekürzte  (und  wohl  auch  die 
Predigt  Lectulus)  folgte,  —  solche  Hss.  haben  wir  noch  in  B  und  V 
—  er  nahm  das  ersifre  ganz  auf,  von  dem  letzteren  aber  nur  die- 
•enigen  Briefe  (14),  welche  ein  abtceichendes  Motto  trugen  und  fügte 
sie  nach  Br.  111  (Nigra  sum)  ein  (rgl.  oben  S.  23*).  Dieses  Ver- 
fuhren hatte  notwendig  Ungleichheiten  in  den  Überschriften  und  eine 
Reihe  nnnützer   Wiederholungen  zur  Folge*). 


•)  Dk  Vitrrfde  ajiri^  von  einer  lere,  jtder  Brirf  itt  mit  einrr  eigenen 
Cbtrtehrift  »«rmAen,  die  Kärtung,  Zutammtnaeteung  and  Ähfnlgt  dtr  Brief« 
iit  itocA  sachliehm  Gtnehlipunklen  i».  S.43*  Ä.  ])  bewerkstelligt.  Aun  Vilii 
16,ttff.  geht  htrvor,  dass  Abschriflen  de»  Kl  lij'b  »dtun  rar  der  Scbliien- 
redaktion  dre  Exemplam  im   Umlauf  leartit, 

*)  Zfda  XX, 416;  MgnUk  II,  3t3f.  Vgl.  dagtgen  nimtntlii-h  Denifli-, 
Zfda  XXI,  im. 

*)  Die  eimeluen  Argumente  Pregers ,  drr  öftere  ungeschickt  operitrt, 
braucAea  hier  nicht  mehr  mdtrlegt  mvireden;  Dtnifle  hat  die»  fast  tu  ollm 
Stacken  eitgreich  getan,  vgl.  /Ktandei-e  Zfdtt-  XIX,  366  f.  XXI,  103  f.  HO  ff. 

•)  Dies  aehon  die  einleuchtende  Krklärang  Deniflea,  Zfda  XXI,  Vi5. 
Hier  eimgr  writere  Natiten  über  die  Beechaffenheit  des  Texte»  in  m  N.  Da- 
Prolog  iet  deritlbe  toie  im  KlBfb,  Die  11  Briefe  des  leleteren  eind,  vrttn 
auch  sehr  verderbt,  in  der  Bezetision  von  A,  doch  Itat  der  Kompilatoi'  nicht 
vinchmäht,  tto  es  ihm  jiiunend  schien,  eineelne  Wörter  und  Phrasen  aus  dem 
T/V  Sfh  »u  übfniehtnen,  betw.  rineetnes  austulasaen,  Keil  es  dort  nicht  stand.- 
i»H/  einige  Beispiele  hat  schon  Deniflr,  Zfda  XXI,  llUff.  aufmerksam  ge- 
vtaehl.  So  ist  JIÖ,]3  (ich  Zitiere  Prtger  nach  Seiten  und  Zeilen)  iu  ilen  IJer- 
garten  =  Gr  Bfb  411,12:  29,1  steht  beBcheideoheit  atatl  inrkeit  =  430,6.-  30,1 
du  diaz  =  i37,lo;  61,17  waz  will  leraii  =  tST,n :  fl,?,JO  aa  Beinern  gebet 
=  4iti,3l!  «3,3  gotüchen  =  ■M.VI' .■  HU,!  govta  peinaJiei  =  «ö^JiS.'  lO.ls  fehlt 
IM  ÜäUehtit  =  450,1S.    Am  Schluss  ron  Brief  II,  TU,  XXII,  XXIV  (nach 


40*  Einleitung.    I.    Die  Überlieferung. 

Dem  gegenüber  weisen  s  und  die  dmnit  zusammen ztistellenden 
Hss.  bCc dg g^hnR s^Uz  untrügliche  Merkmale  auf^  an  denen  tüir  noch 
die  Sfa^elsche  Sammlung  erkennen  können.  Der  Prolog  (405,1  ff.) 
redet  nicht  von  einer  Auslese  wie  beim  Kl  Bfb  (360,2  ff .),  sondern 
weist  deutlich  auf  die  Originalhriefe  hin  ^);  es  fehlen  die  redaktionellen 
Zusätze,  welche  Brief  IV  y  V,  VI  (Anfang  und  Schlu^s)  im  Kl  Bfb  erhalten 
haben^),  samt  —  doch  ausgenommeti  hUs^  —  der  Erzählung  von  der 


Prejjer)  ist  ein  lateinischer  Spruch :  hec  nobis  concedat  illc,  qui  passus  est  pro  nobis 
(oder  ähnlich)  angefügt.  Die  redaktionelle  Bemerkung  64^4 — 7  (Brief  Quomodo 
polest,  vgl.  diese  Ausgabe  371,32  Vor.),  aus  welcher  P  reg  er  (Zfda  XX,  405; 
Mystik  II,  339 f)  für  seine  Hypothese  Kapital  schlägt,  hat  iJenifle,  Zfda 
XXI,  119  ff.  überzeugend  als  Einschiebsel  des  Kompilators  nachgewiesen. 

0  Es  ist  Seuses  Gewohnheit,  in  den  Vorreden  und  sonst  bei  Ge- 
legenheit sich  über  die  Entstehung  seiner  Schriften  auszulassen  (vgl.  Denifle 
a.  a.  0.  100  fj;  irie  das  gekürzte  Bfb  zu  stnnde  kam,  erzählt  er  sogar  dreimal. 
Hier  aber  heisst  es  einfach :  die  (briefe)  sante  ...  Ist  das  nicht  ein  deutlicher 
Fingerzeig,  dass  wir  keine  von  Seuse  vei'an staltete  Sammlung  vor  uns  haben? 
Er  pflegt  sich  sonst  auch  nicht  ein,  sondern  der  diener  der  ewigen  wisheit  zu 
nenneti.  Dass  ein  Satz  in  beiden  Prologen  fast  identisch  ist,  darf  nicht  be- 
sonders auffallen,  denn  Seuse  hat  auch  Verse  der  Stngel  einzelnen  Abschriften 
des  neuen  Bfb  zugesetzt,  und  einige  davon  unter  die  zu  Bild  1  und  12  gehörigen 
Sprüche  aufgenommen,  Preger  räumt  übrigens  selbst  die  Möglicfikeit  der  Ent- 
lehnung ein  (Zfda  XX,  380). 

2)  Brief  XVII  (Quomodo  potest)  des  Gr  Bfb  (vgl  Kl  Bfb  IV)  erfordert 
gesonderte  Betrachtung,  Er  zerfällt  in  zwei  deutlich  geschiedene  Teile,  die  nur 
ins  unter  einem  Motto,  doch  durch  rote  Initiale  und  Absatz  getrennt  (468,10), 
hei  einander  stehen,  während  C  c  d  nur  den  erstefi,  n  z  nur  den  ziceiten  Teil 
enthalten.  Im  Kl  Bfb  sind  die  zwei  Stücke  mit  Br.  XVIII  {Nemo  potest)  zu- 
sammengeschmolzen und  haben  eine  historische  Einleitung  erhalten.,  aus  welcher 
hervorgeht,  dnstt  alle  drei  Teile  an  dieselbe  Adressatin,  wemi  auch  nicht  alle  zu 
gleicher  Zeit  geschickt  worden  waren.  Da  nun  im  Gr  Bfb  vor  der  zweiten  Ab- 
teilung von  Br.  XVII  dieselbe  Einleitung  steht,  wenn  auch  ausführlicfter  und  mit 
c/iarakteristischeti  Zügen  bereicheri  (458,10—469,9),  wie  im  Kl  Bfb  (370,1—21), 
so  sieht  Freger  (Zfda  XX,  380:  Mystik  II,  333 f. f  darin  einen  untrüglichen 
Beweis  der  Redigierung  durch  Seuse  selbst.  Doch  ist  die  Argumentation  nicht 
beweiskräftig  und  schon  von  Denifle  (Zfda  XXI,  9aßj  genügend  widerlegt 
worden.  Warum  soll  jene  Einleitung  nicht  schon  in  Stagels  Sammlung  gestanden 
haben  'f  Es  ist  anzunehmen,  das»  Seuse  den  zxceiU^  Teil  zugleich  mit  dem  ersten 
au  dieselbe  Nonne  sendete :  deshalb  hatjvner  auch  kein  eigenes  Motto,  was  sonst 
bei  allen  Briefen  Seusts  der  Eall  ist.  n  allein  (s.  im  Variantenapjmrat  zu 
468,10)  kann  dagegen  nichts  betreisen,  da  diese  lls.  überhaupt  einen  sehr  stark 
und  oft  willhürlich  bearbeiteten  Text  enthält:  auch  bei  4:J1,19  setzen  n  und  d 
unmoi ivieriertnisc  den  Beginn  eines  neuen  Briefes  nn.  Eher  noch  könnte  das 
für  sich  unrerslän'Uirhe  Er  nm  Beginne  der  Erzählung  (458,1(J)  auffallen,  aber 
vielleicht  hat  die  S  tag  vi  hitr  geändert. 


Dm  HandwiinlieDTerhl 

^ruwf  des  Nnmms  Jtsit,  MoTgengrun»  und  Sprüchen,  und  liOer- 
)pi  ergibt  sich  das  Gr  B/b ')  hei  grnauer  Verghichuiuj  unzwei- 
deutig als  dir  Vorlage  zu  erkennen,  »ach  der  die  11  Briefe  den 
Kl  Bffi  gekürzt  und  zusammengestellt  worden  sind').  Bin  Blick  in 
die  Tabelle  S,  2H^  {vgl.  auch  die  S.  25*  vorangehende  Notiz)  zeigt,  dasa 
die  Aufeinanderfolge  der  Nummern  des  Or  Bfb  in  den  Mus,,  zu 
denen  auch  die  ehemalige  Strassburger  Hs.  F  l'^S  (s.  oben  S,  25*) 
zu  stellen  wäre.  —  die  nur  wenige  Briefe  enthallenden  Mannskripte 
kommen  nicht  in  Betracht  —  im  wesentlichen  konstant  int ;  nur  gegen 
t^chluita  macht  sich  ein  leichtes  Schwanken  geltend.  Verhältnismässig 
tim  besten  scheint  die  Abfolge  des  Original)!  in  s  refräaentiert.  Es 
ist  eine  interessante  Beobachtung  und  zugleich  eine  Probe  für  die 
Richtigkeit  obiger  Beweisführung,   dass  die  Art,   wie  die  Briefe  des 


')  kh  ijehnmeht  diese  BcMtiehnung,  nicht  wie  TJ*niße  „UTigt/nirttes"  Britf- 
haeh,  weil  mir  nicht  tiehtr  wisnen,  ob  alle  Briefe  der  Stoffeleehtn  Sammlimg 
irhalUn  tind.  Zudem  mai/  der  «in«  odrr  andtie  noch  nachträglich  data  gt- 
kummtn  «ein.  »  ial  Nr.  XXV 11  nur  in  drei  gpiUcrm  Baf.,  XXV 111  (AV 
Echtkeil  priUiimiert)  nur  in  einer  Bbertieftrl. 

')  K»  i«t  pon  Inlerrsst  Seiteen  Vorgr/ieri  hierbei  eu  beobufhteit.  Er  küret 
nicht  bloaa,  «ondtm  macht  tbmn  utid  wann  auch  kleinere  oder  grlisstr«  ZulStte 
I  bei  Briff  IV —  VI  Einleitungen,  ».  S.  40*),  »erdeuUieht  durch  Vertaunehung 
MiiM  Aufdrucke  durch  einen  anderen,  bringt  kleiiit  itilistiache  Vtrbes^ei'Hnge» 
an.  Die  SiJrache  im  Or  Bfb  int  öftere  origineller,  kröftigcr,  weniger  gefeilt, 
im  Kl  Bfb  glatter,  weniger  ptr»rmliek.  Infnlgr  der  Küreung  wird  dtr  Gedanken- 
gang lUirr  nicht  immer  klarer,  z.  B.  ist  368,27  f.:  370,16:  383,17  ohni  die  Vor- 
tage kaum  reratiiudUch.  Im  einzelnen  mUpreehen  »ich  die  Briefe  im  Kl  und 
Gr  Bfb  in  folgender  Weise  (die  betreffenden  Partien  de»  Kl  Bfb  sind  immer 
rorangattllt  und  die  Briefe  de*  Gr  Bfb  mit  römischen  Ziffern  bezric/melt: 
1.  itegnum  mundi  lietteht  au*  11  1.  Trä  (360,Vi—362,lU  =  410,10- 413,171  und 
fintnt  Stück  von  III  Surrfxi  1363,20—33  =  418,6-419,16);  der  3.  Teil  von 
Hepnum  maudi  im  Gr  Bfb,  der  gant  apeeietle  Balacldäge  für  eine  Nonne  tnl- 
halt,  iet  im  Kl  Bfb  ilbergangrn,  ihn  al*  eigenen  Brief  antutehen  iPregtr  in 
Zfda  XX.  375),  iet  aber  kein  gelingender  Grund.  —  3.  Habitabit  igt  aue  eeclu 
vrtchitdenen  Teilen  tuaammengesettl :  al  363,4—364,16  =  IV  llabitabü; 
*)  364,16— 3S  =  V  Simet  423,18— 434,3:i :  c)  364,30—366,2—  VI  Vineae 
436,23-36;  dl  365,3— Hl  =  VIII  Guetatr  430,5— U:  el  365,11-366,6  =  X 
Htoerlrrt  i3ti.4— 437,13:  f)  366,7—37  =  XI  Audi  437,31-43.9.7.  —  3.  Nigra  eum 
iti  aus  XII  ttark  gtkuret.  —  4.  In  Br.  Quomudo  poteat  rntapricht  369,4-371,3^' 
IM  wesentlichen  X  Vll  und  371,33—372,35  X  VIII  Nemo  potrat.  —  6.  ExuUet 
=  XIV.  —  6.  Ahaaton  =  KIII  (tietnlich  erirritert).  —  7.  (Chriattul,  8.  fAunun- 
tiaiet  and  9.  (In  omnibual  gtbra  die  Vorlage  Br.  XIX— XXI  unKeaentUch 
mrändert  irirder.  —  10.  Eiiote  healehl  aue  twei  Teilen:  at  3Slf,M—390,ä7 
=  XXII 471Ji—47L'.ll ;  b)  391,1— 10  =  XXIV Hob  autm  476,7— 34.  —  11.  Pone 
iiu=  XXVI  am  Schluaa  crwtiterl. 


42*  Einleitung.    I.    Die  Überlieferung. 

• 

Kl  Bfb  aufeinanderfolgen  und  wie  die  einzelnen  kombiniert  sind, 
deutlich  erkennen  lässt,  dass  Seuse  eine  Sammlung  vor  sich  hatte, 
welche  die  Briefe  so  ziemlich  in  gleicher  Reihenfolge  und  Anzahl  wie 
s  enthielt^). 

Man  wende  nicht  mit  P  reg  er '^  ein:  Stagels  Sammlung  ist  ja 
von  Seuse  vernichtet  worden,  wie  kann  sie  dann  erhalten  sein  ?  Wir 
können  doch  nicht  annehmen,  dass  Elsbeth  ohne  sein  Wissen  und 
Wollen  eine  Briefsammlung  veröffentlichte!  Darauf  ist  zu  sagen, 
da^s  die  Absicht  einer  Veröffentlichung  in  den  Worten  des  Prologs 
nicht  notwendig  gefunden  werden  muss;  sie  haben  einen  guten  Sinn, 
wenn  Elsbeth  die  Briefe  auch  nur  für  ein  Kloster  bestini$nte% 
Übrigens  ist  ein  eigentliches  Verbot,  die  Briefe  anderen  mitzuteilen , 
auch  nicht  gegeben  worden,  die  Bedenken  Seuses  gegen  eine  weitere 
Verbreitung  (7,9ff\y  113,24 ff.)  bezogen  sich  zunächst  nur  auf  das, 
was  er  von  seinem  eigenen  Leben,  seinen  Übungen  und  Leiden  erzählt 
hatte,  und  davon  enthält  da^  Gr  Bfb  nicht  viel.  Dass  sich  Seuse 
in  seiner  Meinung,  das  ursprüngliche  Brief  buch  sei  bis  auf  den  ins 
Kl  Bfb  übernommenen  Re^t  vernichtet,  getäuscht  hat,  ist  richtig  und 
immerhin  auffällig.  Aber  die  Tatsachen  verlangen  die  Amiahme: 
es  muss  noch  ein  zweites  Exernjüar  des  Briefbuches,  sei  es  in  der 
Hand  der  Stagel  oder  einer  Gesinnungsgenossin  (vgl,  113,24  ff.), 
existiert  haben,  das  erhalten  blieb.  Völlige  Aufhellung  des  Rätsels 
wird  uns  wohl  nie  gelingen. 

^)  Vgl,  die  vorige  Änm.  Warum  im  Kl  Bfb  von  Nr,  IV — VI  eine  andere 
Ordnung  beliebt  ist,  ist  leicht  ersichtlich.  Er  war  detn  Lehr  zweck  angemeesen, 
gleichartiges  zusammenzustellen :  Br.  I —  V  behandeln  geicissermassen  die  Anfangs- 
gründe des  geistlichen  Lehens.  Das  Wort  ,,alle*'  im  Prolog  (4,19)  ist  nicht  zu 
pressen ;  es  wäre  auch  kaum  möglich  gewesen,  dass  Elsbeth  alle,  möglicheneeise 
weit  zerstreuten  Briefe  Seuses  in  Abschriften  zusammenbrachte,  Dass  uns  nur 
ein  ^Brucltstück^  (Denifle,  Seuse  XXVIII)  der  Sammlung  erhalten  sei,  ist 
daraus  aber  nicht  zu  folgern  (vgl,  auch  Pregcr  II,  333),  Die  in  die  Vita 
verarbeiteten  Briefe  sind  selbstverständlich  nicht  in  die  Stagelsche  Sammlung 
aufgenommen  worden:  dafür  waren  manche  von  ihnen  nicht  geeignet  und  es 
musste  geniigen,  sie  auf  jene  Weise  vor  dem  Verlorengehen  bu  betoahren,  Dass 
Br,  XX  Annuntiate  in  allen  Uss.  des  Gr  Bfb  unvollständig  ist,  dürfte  lediglich 
Schuld  der  Abschreiber  sein,  die  den  Schluss,  weil  völlig  gleichlautend  mit  dem 
Kl  Bfb,  icegliessen. 

»)  Zfda  XX,  376 f.  379  .^^Mystik  II,  332 f. 

•)  So  Denifle,  Zfda  XXI,  93.  Gane  verkehrt  ist  es  zu  sagen,  die 
Erwähnung  des  ..neuew  Bfb  setze  voraus,  dass  ein  ,^dltes'^  existierte  und  be' 
kannt  war  {Fregvr,  Zfda  XX,  3t>9  A.  1 :  Mystik  II,  333).  „Neu^  heisst  es 
doch  nur  mit  Büclsicht  auf  seine  Entstvhuug  aus  Stagels  Sammlung,  von  der 
Seuse  dreimal  ereöhlt. 


^       Du  HunlachrifleiiTeriiÜtiuA.    Axt  und  Welse  dieeer  Äntgfabe.         43* 

^^V  Wog  (lau  HuTidxchriftencefhälinis  in  bezug  uuf  dos 
Qr  Bfb  betrifft,  so  i»t  es  nicht  leirhl,  ein  klares  Bild  /liemov  und 
eine  »ichere  Orundlaye  für  die  Te-jctgestnltung  zu  gewinnen,  und  dies 
insbesondere  deshalb,  treil  fast  bei  jedem  Brief  dw  ZalU  der  Ihn 
äberlieferiiden  Hss.  sich  nnder)!  zusammensetzt  und  weil  es  an  einer 
eigentlich  fahrenden  Hs.  fehlt.  Sämtliche  Texteszeugen  sind  vom 
ArcheU/pn.1  nchon  ziemlich  weit  entfernt,  und  keiner  denselben  ist  frei 
ron  zahlreichen  Verderbnissen  und  Auslnssungen.  Verhältniasmässig 
nm  besten  ist  z,  dann  folgen  b  und  s,  hierauf  ch HU,  Cds^;  recht 
ichUschien  Text  haben  mN,  g  zeigt  viele  starke  Eingriffe  des  Schreibers, 
und  n  ist  wegen  seiner  zahlreichen  Erweiterungen  und  Streichungen 
eher  eine  Umarbeitung  ais  Abschrift  zu  nennen.  Nach  dem  (iesagien 
ist  auch  der  kritische  Wert  der  einzelnm  Hss.  zu  bemeseen.  Eine 
gewisse  Sicherheit  für  richtige  Lesart  gibt  das  Zusammentreffen  von 
z  und  b.  Verwandt  sind  folgende  fiss.:  b  undC,  b  und  c,  b  und  s, 
b  und  U ;  d  und  s;  g  und  n;  h  imd  R,  h  und  s;  m  und  N,  n  und  z; 
s  und  «';  U  und  z;  bks,  bhlis,  bmN,  dmX,  hmN,  hÜs.  hlts',  hRas\ 
gm.  Die  Varianten  sind  bei  Brief  I  und  lll  fast  nollstäiidig  an- 
'jr'jeben,  hei  IT  die  meisten,  von  IV  an  musste  mit  IHicksivht  auf 
den  Baum  eine  bedeutende  Einschränkung  eintreten,  indem  nur  mehr 

^JJB.  wichtigeren,  für  die    Testgeschichte   bedeutsamen    Abweichungen 

^^fcrt  wurden. 

^^^m    In  8]irachlicher  Hinsicht   ist  z  zugrunde  gelegt,    weil  diese  IIn. 

^v^lSge  ihres  Alters  und  ihrer  Muiulart  dem  Original  am  nachten 
■stehen  dürfte;  doch  sind  nicht  alle  Inkonseiiuemen  der  Schreibung 
«klaviseh  kopiert,  für  das  und  dz  ist  stets  daz  geschrieben  und 
zufisehen  waz  (Belat.)  und  was  (  Verb.)  unterschieden.  Bei  den 
Briefen,  welche  in  z  nicht  stehen,  ist  ■•<  bevorzugt  unter  Berücksichtigung 
«Ml  b  und    V.  bei  Br.  XXIIl  b   und  bei  XXVII  s'. 

tl.  Die  Oberlieferung  der  ersten  Predigt  (Lectuius)  ist  kfitir 
krs  gute;  auch  die  relativ  beste  Hs.  b',  welche  zur  Grund- 
lage genommen  ist,  hat  nicht  wenig  Fehler.  Als  zusammengehörig 
erweisen  sich  namentlich  b  und  fi ",  i '  und  s,  b  und  C,  Ö  und  c, 
C  und  c,  g  und  s,  /»'  und  s,  ferner  bCc,  bb*C,  gn^s.  g  zeigt  be- 
sondere gegen  Schluss  starke  Kürzung.  Von  den  Varianten  sind 
,     nur  die  wichtigsten  verzeichnet. 


IT.  Die  Predigten  nnd  da»  Mlnaebachlein. 


44*  Einleitung.    I.    Die  Überlieferung. 

2.  Bei  der  Predigt  Misenmt  wie  bei  den  beiden  folgenden  ist 
wegen  des  unzulänglichen  Materials  nicht  immer  ein  sicherer  Text  zu 
erzielen.  Für  die  ersfere  ist  in  S2>rachlicher  Hvisicht  die  mittel' 
fränkische  (hessische)  Ha.  g^  beniHzf,  die  aber  in  sachlicher  Beziehung 
wegen  ihrer  zahlreichen  Interpolationen  weniger  Vertrauen  verdienU 
Sie  ist  zu  verbessern  durch  b\  und  namentlich  durch  die  Gruppe  bh\ 
Für  die  Predigt  Exivi  stand  nur  der  schlechte  Abdruck  in  der  Tauler^ 
ausgäbe  von  1543  zur  Verfügung,  d-er  hier  mit  einigen  Konjekturen 
und  mit  Ausgleichung  und  Beduzienmg  der  inkonsequenten  und  ver- 
wilderten  Schreibungen  unedergegehen  ist;  vgl,  jedoch  oben  S.  28* f  Für 
die  vierte  Predigt  haben  wir  eine  ältere  Hs.  niederrheinischen  Dialekts, 
die  aber  d-as  hochdeutsche  Original  noch  stellenweise  durchblickefi 
lässt,  und  den  Taulerdruck,  über  den  Zusatz  in  letzterem  vgl.  die 
Betnerkung  S.  536. 

3.  Das  Minnebilchlein  ist  bis  jetzt  nur  in  z  gefufiden 
worden,  wornach  es  schon  Preger  1896  edierte  (s.  S.  537).  Für 
den  mitunter  tnangelhaften  Text  hat  der  erste  Herausgeber  iveniy 
getan,  es  ist  hier  durch  vorsichtige  Konjektur  an  einigen  Stellen  eine 
Besserung  versucht  worden.  Ausserdem  ist  der  Text  nicht  wie  bei 
Preger  diplomatisch  genau  abgedruckty  sondern  wie  beim  Gr  Bfb 
leicht  retouchiert.  Da^s  die  in  Pregers  Edition  466 — 71  angehängten 
Gebete  nicht  von  SeUn'ie  stammen,  wird  später  gezeigt  werden. 

y.  Bemerkungen  zur  Orthographie  des  Textes'). 

Der  Einheitlichkeit  halber,  und  zugleich^  um  diese  Ausgabe  für 
philologische  Zwecke  möglichst  brauchbar  zu  machen,  ist  beim  Exemplar 
die  Schreibart  der  vorzüglichen  Hs.  A,  obwohl  sie  sich  nicht  immer 
konsequent  bleibt'^),  möglichst  beibehalten  worden.  Wo  geändert  ist, 
sei  es  um  das  V'erständnis  zu  erleichtern  '^  oder  weil  ein  offenbarer 
Schreibfehler  oder  eine  falsche  Lesart  vorliegt^  wird  die  Lesart  von  A 

^)  Die  folgenden  (rrundsätee  sind  tunlichtsi  mit  dm  von  der  „deutschen 
Kotnmittifion*'  dtr  KgL  Freuasisclun  Akademie  der  Wissenschaften  für  die  Her^ 
ausgäbe  der  „deutschen  Texte  des  Miti  'Inlters^*  aufgestellten  in  Übereinstimmung 
gebracht  trorden.  Vgl.  lieft  1  der  .,7't'.<7t":  Friedrich  von  Schwaben,  hrtg,  von 
Jellinck  11H)4  S.  VL 

-)  Xammtlich  in  der  Anwendung  ran  w,  ss,  z,  sz  herrscht  starkes  6'chivankefi, 
Beim  Te^vt  des  Bdew  zeigen  sich  sowohl  bei  Vokalen  (z.  JJ.  n,  oi),  als  bei' Kon- 
sonanten ( häujigere  Dopplung!)  Abweichungen  gegen  friihtr. 

^  Aus  diesem  Grund  ist  in  einigen  wenigen  Fi^lkn  waz  (  Verb.)  in  was 
getindcrt,  wo  es  nahe  mit  waz  {Helat.)  zusammetisteht. 


(tu  Vtirianlenapiiarat  eerzric/iHel.  ^on  der  Hegel  einer  yewiueii 
Wiedergabe  oon  A  ixi  jedoch  ferner  in  ftdtfenden  Füllen  abgewichen 
morden :  statt  der  Schreibung  e.  welche  die  Hg.  bis  auf  einigemal 
festhält,  ist  stein  6  gesetzt;  u  und  v,  i  undj  sind  nach  dem  Lautwert 
verteilt;  Abbreviaturen')  sind  aufgelöst,  Eigennamen  gross  geschrieben 
und  willkürliche  Grossschreibungen  bei  anderen  K  örtern  beseitigt, 
iVorttrennung  tind  -Zusammensetzung  soune  Interpunktion  noch 
moderner  Weise  geregelt.  Bei  der  Ansetzung  »euer  Abschnitte  habe 
ich  mich  möglichst  an  die  {^Zeichen  in  A  gehallen,  jedoch  öfUrs  auch 
nach  Denißes  Vorbild  bei  längeren  Auslassungen  Unternbteilnngen 
gemacht.  In  Spen-druck  isl  gegeben,  was  in  der  Hs.  rot  geschrieben 
oder  unterstrichen  ist.  Zw  bemerken  ist  noch,  dass  zwischen  3  und  ii 
in  A  nicht  immer  mit  Hicherheit  unterschieden  werden  kann;  es  ist 
in  diesen  Fällen  die  nach  der  Analogie  wahrscheinlichere  Lenarl 
gewählt. 

Vorstehende  (rruudsätze  sind  im  wesentlichen  auch  hei  den  nicht 
im  Exemplar  stehenden  Schriften  in  Anwendung  gebracht  worden, 
jedoch  mit  etwas  mehr  Freiheit  in  bezuy  auf  Beseitigung  inkonse- 
quenier  Schreibinigrn.     Hiis  einzelne  ixt  "clmn  unter  III  und  1 1'  gesagt. 


C.    Bilder  und  Sprüche  des  Exemplars. 
Seuses  Verhältnis  zur  Kunst. 

Aus  Anlass  der  Redaktioit  drx  Exemplarx  hat  Seuse  dasselbe 
mit  Bildern  und  Sprüchen  ausgestattet,  welche  den  Zweck  haben, 
„von  dieser  falschen  niederziehenden  H'elt  wieder  auf  zu  dem  minnig- 
lichvn  Gott  reizlich  zu  ziehen"  (4,'^  f.).  Sie  sollen  den  Eindruck  der 
Worte  verstärken,  das  Unsichtbare  und  Unaussprechliche,  soweit  es 
möglich  ist,  der  Anschauung  und  dem  Verständnis  nakerücken  (rgl. 
193,24).  Sicht  als  ob  Seuse  die  mgstische  Spekulation  selbst  in  Linien 
und  Farben  hätte  bannen  wollen  —  „wie  kann  man  bildloses  bilden?" 
fragt  er  selbst  f  191,6),  und  erklärt  seine  ^entworfenen  Bilder'  und 
„verbildeten  Worte"  der  blossen  Wahrheit  ferner  und  ungleicher,  als 
ein  schwarzer  Mohr  der  schönen  Sonne  ist  (193,32 f.),  —  sondern 
sie  stellen  teils  die  mystischen  Erlebnisse  in  symbolischer  Weise  dar, 

')  xpa  ist  in  Crialus.  JA.»  in  .fMu«  aafgelr,«t,  toiV  diu  Hs.  auc/i  manch- 
mai  ausführlich  schrtibl. 


46*  Einleitaug.    I.    Die  Überlieferang'. 

teils  halten  nie  die  in  der  Beschauung  gezeigten  Phantasiebilder  fe^. 
Eine  Ausnahme  macht  nur  das  elfte  Bild,  welches,  auf  Bitten  der 
Stagel  wohl  sclion  früher  entworfen  (190yi7 ff,),  den  Ausgang  der 
vernünftigen  Kreaturen  aus  Gott  und  ihren  Wiedereingang  in  über' 
aus  sinnreicher  Weise  veranschaulicht y  und  von  Seuse  selbst  im 
53.  Kapitel  der  Vita  erklärt  wird. 

Der  Entwurf  der  Bilder  und  allem  nach  auch  die  Autführung 
stammt  von  dem  Autor  selbst,  denn  sie  sind  von  höchst  origineller 
Erfindung  und  ganz  organisch  aus  den  Einzelheiten  des  Textes,  den 
sie  illustrieren,  hervorgewachsen,  tragen  auch  in  allem  den  Stempel 
seiner  reichen  und  edlen  Phantasie. 

Bilderhandschriften   des    Exemplars   sind   uns   in   AKRWB^, 
teilweise  auch  in  P,   erhalten%   wozu  noch  die  Druckausgaben  von 
1482  und  1512  kotnmen.     Die  Ausführung  der  Bilder  im  etnzdnen 
zeigt  entsprechend  der  mehr  oder  minder  grossen  Gewandtheit  und 
Sorgfalt  der   Illuminatoren   manche    Unterschiede,    wenn    auch   der 
Hauptcharakter  der  Komposition  gewcJirt  bleibt;  von  den  beigegebenen 
Sprüchen  fehlt  in  den  jüngeren  Hss,  ein  Teil  (namentlich  die  latei- 
nischen), noch  mehr  in  den  Drucken.     In  der  vorliegenden  Ausgabe 
sind  aus  den  vier  Haupthss.  AKR  W  die  bezeichnendsten  Bilder  aus- 
gewählt und  nachgebildet^);   alle  aus  der  ältesten  Hs.  A  zu  nehmen 
ging  nicht  an,  weil  hier  verschiedene  Bilder  sehr  roh  ausgeführt  und 
mangelhaft  erhalten   sind.     Die  folgende  Beschreibung  und   Wieder- 
gabe der  Sprüche  bezieht  sich  jedoch  zunächst  auf  Hs.  A  *),  wo  das  Ori^ 
ginal  Seuses  wohl  am  treuesten   wiedergegeben  ist;   die   wichtigeren 
Abweichungen  von  K  und  den  anderen  Manuskripten  sind  verzeichnet, 
ebenso  die  bedeutsameren   Varianten  zu  den  Sprüchen,     Übrigens  ist 
bei  den  letzteren  in  A  der  Text  vorzüglich  und  nur  an  ganz  wenigen 
Stellen  zu  verbessern. 

1.  Bild  (yibb.l  S,  2  nach  K)  in  A  BL  P  vor  dem  Prolog.    Oben 
steht:  Disu  bild  bewiseni  der''^^  Ewigen  wisheit  mit  der  sele  geisch- 


«)  die  K 

^)  Denifle  kannte  davon  nur  K  und  B;  er  gibt  in  seiner  Ausgabt  jeweHa 
genaue  Beschreibung  der  Bilder  und  Sprüche  erster  er  Hs.  Reproduziert  sind 
bis  jetzt  von  den  Bildern  der  Hss.  nur  Nr.  11  nach  K  bei  Denifle^  Nr.  1 
naoh  B  bei  A.  S al z er ^  Geschickte  der  deutschen  Literatur  1904 ff,,  Beilage  61, 

^)  Durch  ein  Verseilen  ist  bei  einem  l'eil  leider  ein  zu  kleiner  Massstab 
genommen  worden,  so  dass  die  Details  nicht  alle  leicht  erkennbar  sind. 

•^  Di*'  einzelnen  Bilder  sind  in  der  Hs.  von  alter  Hand  mit  Ziffei'  I-XI 
(Bild  6"  und  9  sind  als  eines  gerechnet)  numerieti. 


Ider  und  Sptflcbe  om  ExemplK 

lieh  ^emalielsebaft")  (rol).  Link''  David  (übi^  der  betreffenden 
Person  steht  je  ihr  Name)  müfotgendtn  Sjirüchen:  loicitiiii  sapiencie 
timor  (iomini  (Ps.  110,10;  Siriich  1,16;  vgl.  Bdew  287,7).  Ein  anvang 
der  getlichn  wisheit  ist  got  flisechlich  dienen  in  vorchtlicher  behfit- 
keit;  recht''  S&lomon:  Der  sunnen  bild  ist  nit'')  eo  tin,  sin  vbertriffet 
der  Sternen  scbin  ( Weish.  7,29:  vgl.  4fM>,Sf.).  Unter  David  Die 
ewige  wieheit  mit  den  Sprüche»:  fili,  concupiscie  sapienciam  ete.') 
(Sirach  l.'^iH)  Kind  mins,  begeret  du  der  getlichen  wieheit,  so  be- 
halt die  tugent  der  gerelitikeil ;  unter  Salomun  Der  diener  der  Ewigen 
wisbeit,  neben  dem  steht:  hanc  amavi.  Diz  ban  icb  gemintiet  vnd 
YSges&cbet  von  minen  jungen  tagen  vnd  ban  mir  ei  vserkorn  ze  einer'') 
geroahel  (Weish.  8,2;  v(ß.  200,14 ff.).  Unten  linkt  Job  mit  den 
Worten:  Sapiencia  non  iniienitar  in  terra  Boauiter  Diuentinni  {Job 
2H,i:-if.}.  Wer  sines  libe»  mit  zartbeit  wü  pflegen,  der  endarf  sieb 
der  Ewigen  wisheit  minn')  niemer  angeuemen.  Der  weit  minne 
mÖBS  er  lan,  der  die  Kwigen  wisheit  ze  einem  Hep  wil  ban;  rechts 
Aristotilez:  Sapientis  est  ordinäre  (Jrixtut.,  Metaph.  1,2  982a  17 f.). 
Wer  diser  wisbeit  wil  pflegen,  der  aol  ordnen  alles  sin  leben  (egl. 
llorol.  210).  Die  einzelnen  Personen  tragen  Spruchbänder,  auf  denen 
die  deutschen  (nicht  die  lateinischen)  Sprüche  gtehen.  Die  ewige 
IVeisheil  (mit  Königsmantel  und  Krone,  die  Wellscheibe  mit  Sonne, 
Mond  und  Sternen  nuf  der  Bnixt  haltend.,  vgl.  103,17)  und  der 
Diener  (im  Dominiknnerhabit,  den  Namen  INS  avf  der  Brust,  bart- 
los [eo  stefs  in  A.'J,  ohne  den  Kram  von  Hosen,  den  er  in  K  und 
\V  trägt)  tind  in  ganzer  f'igur,  die  vier  übrigen  Personen  im  Brust- 
bild; David  und  Stdomon  tragen  die  Ki'migskrone,  Job  und  Aristoteles 
npilzige  Matze.  In  KB'KWx  steht  die  ewige  Weisheit  rechts,  Seuse 
Unk»,  die  Spruchbänder  fehlen  zum  Teil,  im  übrigen  sind  die  Ab- 
weichungen unbedeutend. 

2.  Bild  (Abb.  2  S.  19  nach  W)  in  A  Bl.  8\  Vorher  steht:  Diz 
nagend  bilde  bewiset  eins  wolannabenden  menscben  raizzlicb  gcsflche 
nach  getlichem  tröste  (rot);  auf  dem  Bilde  selb^^t:  Er  bat  mich  vnd 
ieh  in  minneklieh  vinbuangen.  dez  stau  icb  aller  ereaturen  ledig  vnd 
bin  mit  in  vnbehangen.  Dan  Bild  "teilt  Seuse  dar  —  über  ihn 
sUtht:  der  diener  der  Ewigen  wisheit  —  in  sitzendem-  Stellung,  auf 
Keinem  Schosse  umarmen  sieh  die  ewige  Weisheit  in  kleiner  Figur  und 
lies  Dieners  Seele,   die   nach   mittelalterlicher  Art   aüt   nacktes  Kind 


")  gemahelechafft  mit  der  sei  geiBtlichen  B'ß       '')  alt  fi-hll  B'  W       •^j  ctc 
ftUt  KU      •*)  funem  K  meinem  B'       >)  mlan  fehlt  ER 


48*  EinleituD^.    I.    Die  Oberliefenuig. 

abgebildet  ist.  ^)  Kecht^^  und  links  stehen  zwei  Engel  (in  W  nur 
einer  rechts  und  fünf  kleinere  oben,  s.  Bild),  die  auf  den  Diener 
hinzeigen;  in  K  .schweben  sie  in  der  Luft  und  halten  einen  Kranz 
von  Bösen  um  Seuses  Haupt. 

H.  Bild-  (Abb.  3  S.  52  nach  W)  in  A  El  22r  Oben  sieht:  Dix 
nagend  bild  meinet  eins  wolzAnenienden  menschen  f  bigen  durpracb 
(rot).  Das  Bild  stellt  dar^  wie  Maria,  auf  einer  Bank  sitzend,  und 
das  Kind  Jesus  dem  knieenden  Seuse  (über  ihm  steht:  der  diener'), 
er  trägt  von  jetzt  an  den  Rosenkranz,  der  sein  Haupt  wie  ein 
Heiligenschein  umgibt)  zu  trinken  geben.  Rechts  von  den  Figuren 
steht:  wer  sin  vichlichkeit  mit  strengen  wirigen ^)  f bongen  hat  da 
hin  geleit,  dem  wird  von  got  erlobet  sins  libes  pflegnAs  in  erden* 
licher  messikeit.  In  K  ist  das  Bild  durch  eigene  Zutaten  des  McUers 
(gotischer  Baldachin,  prächtiger  Thronsessel,  reiche  Gewänder,  allerlei 
Hausgeräte  mit  realistischer  Beobachtung  dargest^ellt)  verschönert. 

4.  Bild  (Abb.  4  S.  65  nach  A  Bl.  28"),  Doppelbild,  vor  dem 
steht :  Dis  nagende  bilde  mit  dem  reselohtem  ringe  betütet  tnengerkd 
liden,  in  den  ein  warer  gotesfründ  mftss  beweret  werden  (rot). 
Oben  Seuse  (überschrieben:  der  diener)  mit  dem  Kranze  und  mit 
den  roten  Malzeichen  an  den  Händen  und  Füssen  (vgl.  zur 
Erklärung  64,24  ff 0  inmitten  seiner  Ordensbrüder  (links  und  rechts 

je  drei  Dominikaner),  ein  Engel  ihn  umarmend;  links  oben  eine  aus 
den  Wolken  reichende  Hand  mit  Kreuznimbus,  die  göttliche  Vorsehung 
(dextera  Dei)  bedsutend^).  Unten  Anna  in  nonnenartiger  Kleidung^ 
knieend,  mit  einetn  Kreuzchen  in  der  Hand,  von  einem  Efigel  nach 
oben  auf  den  Diener  hingewiesen.  In  K  steht  das  Bildchen  mit 
A7ina  vor  dem  anderen. 

5.  Bild  (Abb.  5  S.  129  nach  K)  in  A  Bl.  57 r  Oben:  Diz  nagende 
erbermklich  bilde  zeget  den  strengen  vndergang  etlicher  vserwelter 
gotes  fründen  ^)  (rot).  Auf  dem  Bild  selbst  stehen  folgende  Sprüche 
(über  deren  Zuteilung  zu  den  Figuren  die  Abbildung  zu  vergleichen 
ist) :  Liplichü  f  bang  dv  tut  we,  aber  eines  gelassen  menschen  voller 
vndergang  tasentstunt  me. 

Wer  in  sinem  bitern  liden  ane  himelschen  trost  och  mftss  sin, 
daz  ist  grosse  jamer  vor  allem^)  pin. 


")  der  dioner  fehlt  KBW        *)  wirdigen  B^W       ^)  der  ganze  Vorepruch 
fehlt  K      d)  aller  KPJiW 

')    V(jl,  Krebs,  Die  Mystik  in  Adelhausen  {s.  Anm.  zu  113,14)  82. 
^   Vgl.  F,  X.  Kraus,  Gesch.  d.  christl  Kunst  I  (1895)  117 ff. 


Got  rou  birael  der  hat  mich  gelassen,  dez  lid  ich  ewarlich") 
ffK  alle  luEifiBe. 

Dn  bist  worden  ein  äffe  viid  ein  torc,  vnd  an  den  eren  swerzer 
<)enn  ein  more. 

Ein  beaer  lieger  Tnd  ein  falscher  trieger  von'')  billich  liden 
sol,  wan  er  bat  es  verechuldet  wol. 

Mit  essich  vnd  mif^)  galten,  wellen  wir  in  trenken  mit  Bchalleu*'), 

Einen  hingeworfenn  geheimen  Bol  nieman  klagen,  wan  buI  in 
dv  vntier  lassen  gnagen. 

Ein  füetQcb  boI  man  hin  werfen  den  hunden  vi  den  mist,  wan 
CS  erelos  vnd  vnsuber  ist;  dz  fAstüch  sol  sich  nit  waren,  es  sol  sieb 
von  billich  lan  mennlicb  zerzerreu. 

In  li^r  Mitte  links:  frater  eram  leonum  et  socius  stmcionum'), 
daritttier  Job  (3o,'-!9;  mjl.  Hör.  114):  Min  briider  waren  mir  grimm 
lewen  vnd  minO  gesellen  yngehür")  Strassen,  Dun  Bild  stellt  dnr, 
wie  Seuse  von  boxen  Geistern  und  flttrvh  Verleumdung  der  Menschen 
geptinigt  wird.  Er  steht  in  der  Mitte,  die  Kapuze  fiw  über  die  Augeit 
herabgezogen  und  die  Hände  über  dem  Kopf  zusammenschlagend, 
böse  Geinter  in  allerlei  Spukgestidten  ( Ajf'e,  Habe,  Schwein  u.  s.w.) 
giessen  und  fpeien  Feuer  und  Üchirtfel  auf  ikn,  einer  bedroht  ihn 
mit  einem  Bohrer  (vgl.  6L,L4ff.),  ein  anderer  mit  einem  Pfeile 
(  131,22 f.);  rechts  obun  befindet  sich  die  verriegeile  Himmelstür, 
die  Trostlosigkeit  bedeutend,  links  in  der  Mitte  ein  mit  sjiitzigen 
Nägeln  beschlagenes  Kreuz  (vgl.  Kap.  IG),  auj'  dem  der  Name  I  H  S 
eingegraben  ist  und  von  dem  zwei  Geissein  mit  je  drei  Zacken  herab- 
hängen (43,4 f.);  in  K  sitzt  auf  dem  Kreuz  noch  eine  Eule.  Am 
Kleide  des  Dieners  nagen  und  zerren  »llerUi  Tiere:  Hund,  Löwe, 
Strnuse,  Sehlange,  Skorpion,  Rechts  befinden  sich  mehrere  Personen^): 
drei  Dominikanerinnen,  von  dtnen  eine  einen  Kessel  trägt  und  dem 
Diener  mit  einem  Schwamm  Essig  reicht,  ferner  drei  Männer  (Domini- 
kaner, oder  ein  Mönch  und  zwei  Laien'!');  mehrere  von  den  Persotien 
deuten  mit  dein  Finger  auf  Seuse.  Unterhalb  davon  zwei  Füchse, 
welche  ein  kleines  Tier  zernagen  ,  und  ein  Hund  mit  dem  Fusstuch 
im   Maul  (58,6  f.). 

6.  Bild  (Abb.  f.  S.  Hl  nach  U)  in  A  Bi.  V2'.    Vorher  liest  man: 


')  ifaeh  flw&rlich  i»l  vud  tum  grösiten  Teil  heraurradiurt  A  *)  von 
fdtU  K  *)  mit/eAh  A  "i  schal  A  aohslle  KP  •)  dir  tat.  Spruch  frhll  EPS 
t)  min  fMl  A       ')  fast  ganz  teegmiiitrt  A 

')  In  K,  tnc  t»  echeinl,  ticci  Dnintnikaner  und  drei  Ilntainikantr innen. 
)<>•>,  DsBlisha  Sohtman.  ^1 


50*  Einleitung.   I.    Die  Überlieferung:. 

Disv**)  nagenden'')  bild  gebend  ze  versten  die  trostlichen  vnderlibi, 
die  got  einen  lidern  vnderwilent  lat  werden  (rot).  Marin  mit 
Königsmantel  und  Krone  auf  dem  Haupte,  das  Kind  auf  dem  Arm,  das 
eine  Paternosterschnur  oder  einen  Rosenkranz  in  der  Hand  hält  —  in  R 
hat  Maria  eine  Rose  —  erscheinen  Seuse  (überschrieben :  der  diener), 
der  dakniet  und  die  Arme  ausbreitend  zu  Jesus  spricht:  Ach  zartes 
herzentrat.  Auch  rechts  herüber,  teilweise  noch  über  Maria  steht 
HERZTRÜT.  Links  ein  Engel  stehend,  in  den  Wolken  ein  weiterer 
kleiner  Efigel  mit  einer  Harfe  (in  K  zwei  Engel  mit  kleiner  Orgel 
und  P salter iuni ). 

7.  Bild  (Abb,  7  S.  147  ymch  K)  in  A  BL  ()5^:  Christus  erscheint 
als  gekreuzigter  Seraph  dem  knieenden  Seuse,  über  dem  der  diener*) 
sieht.  Vorher  die  Worte:  Diz  nagend  bild  lert  den  menschen,  wie 
er  nuzzberlich  sol  liden  (rot).  Bei  dem  oberen  der  drei  Flügdpaare 
ist  geschrieben:  lern  liden  cristförroklich,  beim  mittleren:  trag  liden 
gedulteklich,  beim  untern :  enpfah  liden  willeklich,  zwischen  Christus 
und  Seuse:  Ach  herr,  1er  mich,  daz  ich  knnne  liden  nach  dibem 
aller  liebsten  willen.  Da^^i  Kreuz  ist  in  W  und  ol,  wie  in  der  spät- 
mitielalterlicheu  Kunst  häufig,  ein  Rosenstrauch  mit  ausgebreiteten 
Asten  (cgi.  auch  Bild  12).  Es  ist  nicht  unmöglich,  dass  das  Bild, 
welches  den  Grundgedanken  d-er  Mystik:  die  Nachfolge  Christi  sym- 
bolisch  zusammenfasst ,  von  der  Darstellung  der  Stigmatisation  des 
hl.  Franz  von  Assisi^)  beeinflu^st  ist.  Eine  tnoderne  Düsseldorfer 
Nachbildung  (Stahlstich)  s.  hei  Den  ifle.  Das  geistliche  Leben  ^1880, 
Titelblatt. 

H.  u.  .9.  Bild  (Abb.  fi  S.  150  nach  W,  9  S.  151  nach  K)  in  A  Bl.  67  % 
zwei  zusammengehörige  Bilder:  Seuse  empfängt  himmlische  Tröstung 
und  wird  als  geistlicher  Ritter  investiert.  Vorher  die  Worte:  Diz**) 
nagenden  bild  bewisent  aller  gotlidender  menschen  himelschen  trost 
in  zit  vnd  ir  gross  erc  vnd  loblich  wirdekait,  die  sii  son  besizen  in 
in  ewikait  (rot).  Auf  dem  oberen  Bild  Seuse  (überschrieben:  der 
diener«),  neben  einem  Stuhle  Gehend  und  von  einem  Engel  umarmt, 
rechts  ein  kleinerer  Engel  auf  einer  Leiter  mit  einer  Harfe  (K:  Hand- 
orgel),  ferner  ztrei  weitere  mit  Buch  und  Geige,  ganz  oben  die  ewige 

")  die  K      ^)  radiert  A       '^)  K  fügt  hinzu:  der  ewigen  wiszhait 
•')  die  k        «)  fehlt  K 

^)  Vgl  IL  Thodcy  Franz  con  Assist  und  die  Anfänge  der  Kunst  der 
Renaissance  in  Itcdim  '1904,  144  ff,,  der  10  italienische  Darstellungen  des 
wunderharcn  Vorganges  aus  dem  13.  Jh.  aufftVtrt.  Die  spätere  Kunst  bis  1500 
hält  den  durch  Giotto  (f  1337)  geschaffenen  Typus  fest. 


taheit  (Christus)  mit  Mnrin  in  Brustbild.  ÄH'a  weichen  in  un- 
Uutendeii  Einzelheiten  nb.  Atif  tievt  Jiilde  die  Sprüche:  Der  yon 
der  Ewigen  wielieit  vod  von  dem")  balligen  enge!')  ist  vmbvangen, 
den  nag  enkein  acbedlich   vngeliick  niemer  erlangen. 

Mit  himelscher  aüzlkeit,  götliclier  wisheit  vnd  eugelBchlicher 
Zartheit  ergezzet  got  slu  diener  aller  Ire  wider  wert!  keit.  Auf  dem 
unteren  Bild  reicht  Christus  die  ewii/e  Weisßieil  (Brustbild:  in 
B'  und  H  wird  ein  Emjel  daraus),  von  Wolkennivibvä  umgebe», 
dem  kttUenden  Seu»e  (über  ihm  fleht  uieder:  der  diener')  eiyien 
Hing,  drei  Engel  bringen  Schuhe,  liitierkleid,  Oihiel  und  eine  Krone, 
rechts  oben  blasen  zwei  Engel  die  Posaune,  ein  dritter  schlägt  die 
Pauke.  Unterhalb  ein  Schild  mit  Topf  heim;  dan  Feld  ist  toeiss 
und  rot  und  mit  cijiem  Kranz  von  Hosen  geziert,  darüber  steht  I H  8  *)■ 
Rechts  hieoon  zwei  Bitter  auf  Pferden  mit  ettiem  Fähnlein,  das 
ebenfalls  mit  IHS  gezeichnet  ist,  hinter  ihnen  ein  Knappe.  Dazu 
yekoren  die  Sprüche:  Rltterllchi'i  klaid  ?nd  ere  eon  »d  ewektich 
niesBen,  die  sieb  hie  dar  got  lldens  vud  midens  nit  Innd  verdriesBen. 

Wer  sich  gütlicher  rlttcreciiaft  iiimet  an,  der  sol  in  allem  liden 
eine  mannes  herz  in  vnverzagter  wiee  b&n. 

Utn  den  Schild  herum  steht:  Dz  wiss  ield  betütef)  luterkeit, 
daz  rot  geduitekelt. 

Garn  utitcn  am  Rande  ist  in  A  notiert:  äh  obren  bild  bArend 
herab.  Darnach  hätte  der  Illuminator  die  Bilder  fuhch  gruppiert; 
auch  in  den  andern  Has.  ist  die  Reihenfolge  dieselbe.  Zum 
fratändnis  des  zweiten  Bildes  vgl.  Kap.  20  und  44. 

10.  Bild  (Abb.  10  S.  154  nach  K)  in  A  Bl.f>8':  Die  Ewige  wia- 
I»  königlicher  Gestillt  mit  Szepter  (in  K  auch  Reichsapfel)  hält 
unter  dem  weit  ausgebreiteten  Mantel*)  eine  Anzahl  Personen:  links 
Seu.'ie   (überschrieben:    der   diener).    rechts  seine   geistliche   Tochter, 


[1  B'liW        h)  engein  £'«» 


")  fthh  K        rfi  betötet  fehU  AP 


)  FhantattUch  ist  es,  wenn  f.  J.  Mont  auf  Grand  diesu  Bilde»  Seuse 
als  Lfhrmei»ter  und  Aukioriläl  in  der  Htraldik  antithl  (Diöz.-Arehiv  von 
Sehteaben  X  [1893/  64;  XV  [1697]  140>. 

^  Das  Büd  seheint  Itciußusst  von  der  Jdee  und  Darstellung  der  Schule- 
inMschaft  Maria  (vpt.  117,14.  547,3iiff.),  die  gerade  im  14.  Jh.  in  Domini- 
kanirkreism  aufkam,  vgl.  E.  Krebs  in  .,Freibwger  Münsttrblätler"  I (1905); 
Kraus,  Qesch.  der  chrisll.  Kuiul  II,  1  (lti97)  433f.:  Peltitr  (».  o,  S.  6') 
171  f.  Gant  im  Einklang  dumit  sieht,  dats  in  A  aitf  Bild  9  und  10  dit  ewige 
Weisheil  in  weiblicher  Form,  hartlOK  und  tnil  gelbem  Haar  dargfsUUt  ist;  in 
E  wird  auf  Bild  10  deutlich  Maria  daraus. 


d 


52*  Einleituug.   J.    Die  Überlieferung. 

nher  der  Elisabct")  (rot)  steht,  im  Dominikanerinnenhabit,  auf  einem 
Throne  sitzend  und  von  einem  Engel  gekrönt;  neben  ihr  ein  Buch^). 
Seme  und  Klsbeth  halten  einen  Kranz  von  Rosen,  inmrhalb  dessen 
IHS*)  sieht,  rechts  von  ihnen  sind  ein  Mönch  und  eine  Nonne  des 
Dominikanerordens ,  unterhalb  eine  bürgerlich  gekleidete  Frau  mit 
zwei  Mädchen  (diese  beiden  fehlen  in  K)  und  drei  Männer,  welche 
sämtlich  nach  den  von  der  Stagel  ausgeteilten  Namen  I H  S  die  Hände 
ausstrecken.  Links  oben  ein  kleiner  Engel  mit  einem  Buch%  in  K 
noch  einer  rechts  den  Mantel  haltend.  In  B^RWol  fehlen  verschiedene 
Einzelheiten  (Thron  der  Elsbeth,  Kranz  u.  s,  w,).  Vor  dem  Bilde 
stehen  die]Worte:  Diz  nagend  bild  zeiget,  wie  ein  AbernoUes  herz 
gotes  das  selb  och  gern  gemainsameti  vil  andren  menschen  (rot): 
auf  demselben:  In  minen  getlichen  schirm'')  wil  ich  sü  nemen,  die 
minen  nameu  JesQS  in  ir  begird  wen  tragen. 

11.  Büd  (Abb.  LI  S.  195  nach  A  Bl.  82^),  d<is  wichtigste  von  aUen*), 
den  mystischen  Weg  darstellend.  Einleitend  die  Worte:  Disü  nagendü 
bild  bezeichnent  der  blossen  gotheit  iewesentheit'')  in  persenlicher 
driheit  vnd  aller  creaturen  ns  vnd  wideringeflossenheit  vnd  zegent 
den  ersten  begin  eins  annähenden  menschen  vnd  sinen  ordenlichen 
darpruch  dez  zänemens  vnd  den  allerhehsten  vberswank  vberweslicher 
volkoraenheit  (rot).  Links  oben  drei  einander  umschließende  Ringe 
(vgl.  191,25 f.)  und  eine2Art  Triptgchon  mit  der  Überschrift:  Diz 
ist  der  ewigen  gotheit  wisloses  abgründe,  daz  weder  anvang  hat 
noch  kein  ende.  Aus  der  Einheit  des  göttlichen  IVesens  gehen 
die  drei  göttlichen  Personen  hervor,  in  ganzer  Gestalt  dargestellt, 
links  Gott  Vater  bärtig y  in  der  Mitte  der  hl.  Geist  mit  der  Taube, 
die  anderen  Personen^  umfassend  als  die  Liebe,  die  aus  beiden  au^ 
geht,  rechts  der  Sohn  gesenkten  Blickes,  womit  das  Leiden  angedeutet 
ist.  Dazu  die  Worte:  Diz  ist  der  pevsonen  driheit  in  wesenlicher 
einikeit,  von  dem  cristanr  gelob  seit.  Als  erstens  geschopfliches 
Wesen  folgt  der  Engel:  Disu  figur  ist  der  ussfluzz  engelschlicher 
natur;  daneben  ein  Dämon,  abwärts  schiessend,  welcher  den  Engels^ 
Sturz   symbolisiert.      Darauf  als   zweites   Geschöpf  d^r   Metisch    in 


"-'')  fehlt  K         c)  gehrin  A         <«)  getrennt  tjeschrieben  IT,  \^  fehtt  B^R 

*)  Bedeutet  offenhtir  die  von  ihr  gemachte  Sammlung  der  Töseer  ViUn; 
vgl.  97,^  ff. 

'■')  Bedeutet  wohl  Seuses  Schriften ;  vgl.  394,23, 

='j  Abbildung  nach  K  bei  Denijle  302. 


Bfider  and  8i»11die  des  Exemplus.    Setues  VerhUttÜB  nur^Kunst.     53* 

FraumigtslaW^) :  Dtz  ist  menschlicbn  gescbaffenbeit  gebildet  nach 
der  gothcit.  Jetzt  scheiden  sich  die^^Wege:  die  einen  weitd«»  sich 
zu  der  Lust  der  Welt  und  gehen  mit  ihr  zugrunde,  daher  rechts 
luden  ein  tniurnde«  Liebespaar  (ein  Ritter  mit  dem  Schwert  wm- 
ijürtii  kiiii  eine  modisch  gekleidete  Frnit  an  der  Hund;  in  K  Jüng- 
ling und  Mädchen),  über  welchem  steht:  Diz"j  ist  der  weit  minne, 
dv  Dimt  mit  jatner  ein  ende,  und  hinter  ihnen  der  Tod  in  teuf- 
lischer Fratze  mit  der  Sense")  (über  ihm  stdit:  Diz  ist  der  tSt*), 
—  die  anderen  kehren  sich  zu  Gott  vnd  gelangen  auf  dem  Wege 
der  Reinigung,  Erleuchtung  und  Einigung  zur  höchsten  y'oUkommen- 
/uit.  Deshalb  die  mit  einer  Kette  gefesselte  ( versinnbildet  Bezähmung 
der  Leidenschaften),  knieende  Nonne  mit  dem  Spruch:  Minen")  ker  wil 
ich  ST  got  nemen,  wan  diz  ist  gai-  ein  kurtzee  leben,  und  die  daneben 
steheiule  in  grosser  Figur,  die  von  Pfeilen  und  Svhu-eiiei'n  verwundet, 
von  Schlange  und  Skorpion  (in  K  auch  von  einem  Hunde)  bedrängt, 
steh  dfir  Betrachtung  des  Leidens  Christi  hingibt;  sie  half  mit  der 
rechten  Hand  ein  grosses  Kruzifixhild  und  spricht:  Ach  Ifig,  wie 
icb  müz  sterben  vnd  mit  Cristas  gecrutzget  werden!  Durch  Meiden 
und  Leiden  kommt  die  Seele  zur  rechten  Gelassenheit,  dargestellt 
durch  eine  tceibliche  Gestalt,  welche  mit  herabgesunkenem  Haupte, 
geschlossenen  Augen  und  schlaffen  Armen  in  einem  hohen  Lehnslvhl 
sitzt")  und  zu  der  die  Worte  gehören:  Gelassenheit  mich  berSben 
»vil,  WS  min'')  ie  waz  ze  vil.  Der  Weg  fahrt  weiter  über  das  schon 
erwähnte  KruzifisbUd  zu  einer  Halbfigur,  ebenfalls  wie  schlafend  und  mit 
herabhängenden  Armen  dargestellt,  welche  denZustand  der Besehanung 
iiersinn bildet:  Die  sinne  sint  mir  entwörcket,  die  hoben  kreft  sint 
vberwürket.  Die  folgenden  Bildchen  stellen  die  mystische  Vereinigung 
dar:  a)  die  Seele  im  Schosf.e  der  Gottheit:  Hie  ist  der  geist  in 
geBwnngen  md  wirt  in  der  driheit  der  personen  fundeu;  li )  in  der 
h&chsten  Beschauung,  in  den  Abgrund  des  göttlichen  Wesens  starrend 
und  doch  wie  in  einem  „Ausschlag"  (vgl.  193,10.  189,13):    lob  bin 


«)  äa»  K  >•)  Uoa»  der  tod  B'KÜW  ')  Einen  B'H  •<')  minnfl  /' 
Taynu  B'  lieb  U  imio  ist  Gvntl.^de«  Meinigru) 

')  BriK.  als  Könne  dargtsMU.  irobl  deshalb,  weil  das  Bild  auf  BUImi 
Htr  Stogrl,  also  lunächat  fßr  yonne»,  enttoorfen  wurdt. 

^  Di«  Üarstrllung  ial  vifHticht  von  einem  Bildt  der  TolfJtanityklm  an- 
gtrtgt,  dem  Entslehung  man  geitöhnlie/i  mit  der  gras»eu  Pent  des  li.  Jh. 
<13tS-50l  in  Zutammenltaitg  bringt;  vgl.  Kraus  II,   l,  44tiß'. 

*)  Bei  dieser  und  drr  folgtnden  l-'igi*r  ist  in  K  und  noch  mehr  in  aniUren 
E»a.  die  PoinU  iiemlieh  verwitcht,  rgl  das  Bild'hrl  Drniße. 


54*  Einleitung.   I.    Die  Überlieferung. 

in  got  vergangen,  nieman  kan  mich  hie")  erlangen  (vgl.  Gr  Bfb  478/i3); 
c)  als  letztes  Ziel:  „des  Geistes  Überfahrt^*  (193,11*),  wo  in  Gott 
der  Beginn  und  das  Ende  eins  wird:  In  dem  inschlag  han  ich  aller 
ding  vergessen^  wan  es  ist  grundlous  vnd  vngemessen. 

Das  ganze  figurenreiche  Bild-,  dessen  kurze  Erklärung  Seuse 
selbst  gibt  (191,30 ff.),  veranschaulicht  somit  geschickt  den  Werde- 
gang der  Mystik  im  einzelnen  Individuum;  der  Weg  ist  durch  eifie 
kräftige  rote  Linie,  welche  die  Figuren  verbindet  und  jeweils  in  der 
Gegend  des  Herzens  in  ein  Ringlein  (der  „Seelengrund^^,  vgl.  192,4  f.) 
einmündet,  bezeichnet.  Aber  nur  in  A  ist  der  Entwurf  noch  klar 
und  scharf  erhalten,  schon  K  und  noch  mehr  spätere  Hss.  haben 
wesentliche  Bestandteile  weggelassen  *);  in  den  Holzschnitten  der  beiden 
Drucke  ist  die  Bedeutung  der  Figuren  und  Sprüche  kaum  mehr  zu 
enträtseln. 

12.  Bild  (Abb.  12  S.  255  nach  A  BL  109'').  Einziges  zum  Bdew 
gehöriges  Bild,  eigentlich  eine  Verbifidung  zweier  Bilder,  die  in  K 
denn  auch  getrennt  sind.  Einleitend  die  Worte:  Diz  nagenden  bilde 
ineinent  ein  süsses  trSsten  mit  himelschen  worten  aller  trarigen  herzen 
(rot).  Oben  Christus  am  Kreuz,  dessen  Fuss  ein  Kosenbaum  ent- 
spriesst;  oberhalb  des  linken  Querbalkens  ein  geflügelter  bärtiger  Kopf, 
wohl  Gott  Vater  darstellend  (in  K  deutlich  ein  Engelskopf).  Links 
unten  steht  (in  K  kniet)  Seuse  (überschrieben:  der  diener*);  rechts 
auf  dem  Baum  da^  Kind  Jesus,  Rosen  auf  den  Diener  werfend 
(vgl.  102,18 ff.).     Dazu  die   Verse: 

Alles  liden  wenden  tut,  der  Jesus  treit  in  sinem  mAt. 

Rosen  wil  ich  brechen,  vnd  yf  sü  liden  trechen. 

Jesus  min  herz  verwundet  hat,  gezeichent'')  da  min  Jesas  stat*). 

Zum  unteren  Bild  zwei  Engel  mit  Spruchband:  Wer  sunder 
lieb  von  got  wil  han,  der  sol  in  lait  von  billich  stan.  Lidens  sei 
er  tragen  vil,  der  gottes  früntschaft  haben  wil.  Es  ist  Christus  als 
Schmerzensmann^  dargestellt,  yieben  der  Geisselsäule  stehend  (vgl. 
198,24 ff.  und  Anm.  ebd.);  Seuse  (überschrieben:  der  diener**),  auj 
einer   Bank  sitzend,   berührt   mit   der  Hechten   die   Wunden  Christi 


«)  hie  fehlt  KW       «•)  «•  <r)  fehlt  K         n  bezaichnet  K 

*)  So  fehlt  in  W  der  Entjelssturz,  die  Figuren  stchm  sehr  dicht  auf" 
eitMuder,  die  Linie  itft  verwirrt  und  selbst  unterbrochen :  ähnlich  auch  in  J5*  und  H. 

*)  Diese  drei  Verse  hat  Seuse  tcohl  aus  den  Sprüchen  der  Siagel  ikher~ 
nommeny  vgl  3Uti,14f.  ^f.  401,3 f. 

•*l  Ein  in  der  mittelaUerlivhen  Kunst  häufiges  Motiv,  vgl.  Kraus  11^ 
i,  306 f.;  Pelt::er  tQ:i ff. 


Csgl.  199,8)  und  greift  mit  der  Linken  in  ein  Pstilterium  (»gl.  250,18 
Anm.),  das  ihm  ein  Engel  übergeben.  Rechts  sitzen  zwei  weibliche  Pereoneit 
( eine  davon  Nonne '^  J,  über  denen  äeht:  DazBintzwei  lidendü  menschen 
(vgl  253,19.  198,17  f.).  Das  obere  Bild  ist  in  W  und  in  den  beiden 
Drucken  eimte  abgeändert  schon  beim  Schluss  non  Kap.  34  der  Vita, 
also  bei  der  dazugehörigen  Ersä/diing  gegebe«. 

Ausser  den  bifher  beschriebenen  zwölf  grosseren  Bildern  finden 
sicA  ('»  mehreren  Hss.,  namentlich  in  den  älteren  und  teilweise  auch 
in  den  Drucken,  noch  einige  kleinere,  meist  als  Initialeneerzierungen. 
Et  ist  2u  vei-muten,  duss  auch  diese  auf  Seunes  Hand  zurückgehen. 
Bei  Beginn  des  Prologs  zum  Exemplar  (3,2)  eine  schöne  gemalte 
Initiale  I  und  in  dieser  zwei  Engel  mit  Wappenschild,  auf  dem  I H  S 
iteht  (AKB^Wx),  ähnlich  wie  auf  dem  9.  Bild;  beim  Anfang  der 
Vitti  (7,2)  eine  Initifde  E  mit  Brustbild  Seitses,  betend  und  um  das 
Haupt  den  Bosenhram  (AK,  in  W  einfacher);  zu  17,5  der  Name 
IHS  mit  Goldfarbe  getnali  (AB^KB):  96,5  hntiale  C  mit  Pelikan 
die  Jungen  nährend  ( A  K),  vgl.  99,2  ff. ;  155,14  bei  Beginn  des 
»liekulativen  Teils  der  Vitn  ein  Adler  mit  ausgespannten  Flügeln  in 
der  Initiale  S  (AKol);  196,3  bei  Anfang  des  Bdew  der  Name  IHS 
und  Brustbild  Seuses  (wie  oben)  in  der  Initiale  E  (AKW ;  in  oe 
UarsteUung  der  Verkündigung  Maria);  2011,14  Initiale  H  mit  einer 
nackttf}i  menschlichen  Figur  ^=  die  Seele  (A);  320,4  (Bdtv)  Initiale  E 
rot  und  blau  (AW;  in  K  wie  bei  196,2,  in  W  und  «  Bild  der  Ver- 
kündigung Maria);  360,2  und  10  (Bfb)  je  eine  farbige  Initiah 
(AKW;  in  R  und  x  Bild  des  Dieners  mit  Buch  und  Äbtsstab  (!)). 
Aus»erdetn  haben  H'  und  die  beiden  Drucke  zum  Schfuss  des  34.  Kapitels 
der  Vitn  ein  kleinen  Bild:  Anm  in  der  Burg  betend  (vgl.  Anm. 
:u   102.2). 

Was  das  Technische  und  Künstlerische  der  Bilder  anlangt,  so 
sind  sie  in  .iB^PR  W  in  der  bei  der  deutschen  Buckmalerei  des  a«*- 
gehenäen  Mittelalterg  so  beliebten  lavierten  Federzeichnung ')  ausgeführt, 
oft  roh  und  unbeholfen,  sehr  mangelhaft  in  Perspektive  und  Anatomie, 
aber  d^ich  flott  im  Vortrag,  nah  und  treuherzig,  con  bemerkenswerter 


')  Vgl  darüber  Jan  tische k,  Guebiehle  der  äeaUchtit  Mahrei  IsW, 
lOäjr.;  R.  Rautmeh,  Einleitende  'ErBel^ungen  »«  anrr  GMchichU  df 
dtüUelieii  Jlnndechriftmiilustration  im  np/llmn  Mittetaher  18äi:  Klein- 
»ehmidl,  Zur  »üddtutschfn  Bttehmalerei  d-s  niinlerm'MttUlalWe,  in  der 
iiiUMtiiitchrift :  ..Hie  vhriMkhe  Kumt"  IT  (190516)  S.'^ff.  SeSff. 


M 


56*  Einleitung.   I.    Die  Überlieferung. 

Gewandiheit  im  Ausdruck  der  Seelenstmmungen  und  in  der  CharakUri- 
siervng  der  Personen,  Zur  richtigen  Beurteilung  ist  unchtig,  im  Äuge 
zu  behalten  y  d($ss  die  Bilder  nicht  Selbstzweck  sind,  sondern  nur 
dem  Bestreben  dienen,  zum  Wort  die  Illustration  zu  liefern.  Im 
einzelnen  sind  manche  Unterschiede,  zwischen  den  verschiedenen  Hss. 
Am  nächsten  steht  d^m  Original  yl,  i7t  welcher  Hs.  die  Bilder  noch  am 
meisten  archaistisch  sind;  die  Farbe  ist  sehr  matt  und  unschön,  Teile 
der  Zeichnung  sind,  mitunter  selbst  unkoloriert  gelassen.  Stilkritisch 
betrachtet  stellen  sich  die  Darstellungen  wohl  am  nächsten  zu  der  um 
1350  zu  Konstanz  entstandenen  „Armenbibel*' ^),  £  und  W  vei-- 
einfachen  das  Detail,  geben  den  Gestalten  mehr  Rundung  und  Fülle 
und  wirken  kräftiger  durch  lebhafte  Kolorierung,  Ähnlich  ist  es 
auch  bei  den  bemalten  Holzschnitten  des  ersten  Druckes  ^)  (Augsburg, 
Anton  Sorg  1482);  die  des  zweiten  Druckes  (Augsburg,  Haus  Othmar 
1512)  sind  zwar  saMich  dieselben,  haben  aber  künstlerisch  viel  ge^ 
Wonnen:  sie  sind  in  den  mittlerweile  aufgekommenen  neuen  Stil  «w- 
gearbeitet  und  können  daher  der  Bemalung  entbehren,  R,  Muther^ 
meint,  es  lasse  sich  fast  mit  Sicherheit  sagen,  dass  der  Künstler, 
welcher  die  Umarbeitung  vornahm,  Hans  Burgkmair  war. 

Eine  besondere  Stellung  nimmt  K  ein  (vgl,  oben  S,  5*f.),  Die 
wohl  von  einem  Berufsschreiber  und  -Illuminator*)  hergestellte  Prachths, 
bringt  die  Bilder  noch  mehr  miniaturenartig  und  unter  Benutzung 
der  älteren  Manier  der  Deckmalerei,  in  kmftigen,  leuchtenden  Farben 
(viel  Oold),  Hier  allein  macht  sich  auch  die  realistische  Richtung, 
die  in  der  ersten  Hälfte  des  15,  Jh,  in  der  Buchmalerei  Oberdeutsch» 
lands  sich  regt  und  zum  Durchbruch  gelangt,  in  etwa  geltend,  so 
z,  B,  beim  dritten  Bild  (s.  o.  S,  48*)^  ferner  in  dem  zierlichen  Rankenwei'k 


»)  Hrsg.  von  Laib  und  Schwarz  1867,  ^1892,  Zur  richtigen  Datie- 
rung vgl,  Schreihers  Einleitung  zu  P,  Heitz,  Bihlia  pauperum  1903,  29,S4f, 

^)  Vgl.  R.  Muther,  Die  deutsche  Bücherillustration  der  Gothtk  und 
Friihrenaüsance  1887  I,  31  Nr,  168;  II  Tafel  70  und  71  (Reproduktion  des 
1.  und  10,  Bildes), 

»)  A,  a.  0.  I,  165  Nr.  983, 

*)  Vermutlich  ist  e,s  dei'selbe,  der  auch  an  der  Ausschmückung  der  Ein' 
Siedler  Hss.  :283  und  752  tätig  war.    Auf  Bl.  60  der  ersteren  steht:  Anno  salutis 

1482  Johannes   Satler  presbiter  mc   fecit,   auf  deni   ersten  Blatt  der  letzteren: 

1483  liensli  me  ivcii.  Vielleicht  ist  es  der  im  Konstanter  Ratshuch  1471  unter 
anderen  Malern  und  Goldschmieden  eingetragene  maister  Haus  (Ph,  Rupperi, 
Konstanzer  geschichtl.  Beiträge  II  [18^0]  10J2),  Ein  bischöflicher  Nokir 
namens  Gehhard  Sattler  ist  1469  bezeugt  (J.  Eiselein,  Geschichte  und  Be- 
Schreibung  von  Konstanz  1801,  :J56). 


erwähnten  Initialen,   besondere   aber   au/ dem  zwjfjebenen 
nmungsbiifie  Bl.  4  fi>in  Engel,  zwei  Wappenschilder  haltend,  unteti 
f'n  Heh  und  Hirsch,  in  den  Ranke»  hilbsche  Dröleriesj. 

^^^F  i)if  Illmtrierung  von  Seuses  Saminehrerk  eriJß'nH  uns  einen 
t  4u^ick  auf  ein  interess'antes,  noch  nickt  genügend  erforschtes  Gebiet: 
die  Beziehungen  zwischen  deutscher  Myntik  und  deutscher 
A'unst').  Wenn  Mystik  und  Kunst  verwandt  sind,  und  nie  sind 
e»  —  denn  beide  richten  sich  vorzugsweise  an  dasselbe  Seelenvermogen, 
die  Phantasie,  künstlerische  Konzeption  und  visionäre  Sehauung 
ietaen  gteichmässig  imiei'e  Gestaltungskraft  und  eim  ausgeprägte 
Indiciduvlität  voraus,  —  so  wird  eine  gegenseitige  Beeinflussung  not- 
"'^ndig  die  Folge  sein  und  auch  bei  Sense')  wird  sich  dies  irgendwie 
"«fxeigen  lassen.  Und  in  der  Tat ,  wenn  bei  irgend  einem  dsr 
deutschen  Mystiker,  so  bei  ihm,  dem  phaniitsiecollsten  und  poetischesten 


')  Die  neutaU  SpuiaUUeratur :  A.  Pellser,  Deutsche  Mystik  und  deut- 
'^A*  Kunai  lö9y,  und  Ü.  Bintee,  Der  Einftusa  dtr  Mystiker  aaf  die  älttre 
Kö/iMr  Maitrschule,  Brulauer  Dias.  1901;  ders.  in  WtstdeuUche  Zeitachrift 
^IfSesff.  (BeJtprtehiing  vim  Sehtibler-Aldtnhoven,  Geschichle  dtr  Kölner  MeUir- 
"ftHle  IWSI,  befriedigt  tcmig:  ihre-  Vii-f nsaer  lassen  i-iehtiijea  Vtislffnänia  der 
'"SWii,  wir  abtrhaupt  hiHoriaehe  Schulung  aehr  rtrmisam  (egh  über  Ftltitr 
*>«  Kharft  Urteil  Finke»  in  Ältinannta  1901, 129:  1903,  276ff.).  Immer  noch 
'*ti%titxrt  tat  daa  achöne  Kapitel  bei  Scknuaae,  Geschichte  der  bildendsn 
Jf^*Wfa  in  Mittdalter  VI  (ISGl)  27—60.  In  der  umatrittmen  Frage,  ob  die 
^""t^rtunde  (auch  Srmt.'i  auf  die  Kölner  Malerachule  (Wilhelm  von  Herle, 
^''^•Minn  Wynrich  w.  a.)  an  der  Wende  des  14.  Jh.  einen  EinJIuss  ausgeäbl, 
^^flen  dU  Bemerkungen  von  Kraua  II,  l,3S0f.  wüAJ  daa  richtige  trrffen 
'*■•'  HiMge  S6ff.  ist  die  Sacht  sehr  abertrieben).  Wie  atle  groaaen  Erscheinungen 
""f  dem  fjthiete  des  rtÜgiöaen  hrhens  hat  aiehir  auch  die  tnilttlalterliche  Mystik, 
"^eh«  gerade  die  edelsten  in  ihren  Bnnn  eng  und  ihre  EiMpßndungeteeit  bt- 
**"*"!(«,  der  bildenden  Kunst  Anregungen  gegeben,  die  allerdinga  oft  mehr  nach- 
"'*nytjiaden  als  stalietisch  auftutählen  sitid.  Eiir  Matthias  Grüneieald  hat  de» 
^^B»*B  der  mytttachtn  Idem  jängat  in  musterhafter  Wetae  fr.  Schneider 
^  Stil.  Mar  Aligem.  Zeitung  1304  iVr.  334  und  235  nachgewitaen  (die  knitende 
•ftiehengeatalt  auf  dem  Isenhtimer  Allarwerk  ist  nicht  Maria  in  JuxlaposUion, 
"i*  anehPellter  64,174  noch  annimmt,  KOndern  Feraonißtation  der  „mtjinenden 
&*•  ob  Braut  Christi), 

*)  Siehe  die  eingehenden,  aber  nicht  immer  überzeugenden  Awfführungen 
ki Ftltter  Ȋff.,  Hintse  15ff.2Sf.  Vgl.  auch  Kraua  II,  1  439:  .Wag 
bm  man  aOe»  für  die  Anschauung  der  Zeit  und  der  KOnstler  aua  Heinrich 
äuohrnml- 


58*  Einleitung.    I.    Die  Überlieferung. 

ufiter  ihnen.     Seuse  war  eine  künstlerisch  empfindende  Natur.    Sein 
reichbegabter,  für  aUes  Schöne  so  empfängliclier  Geist  begnügt  sich 
nicht  mit  nebelhaften  Phantasiegebilden ,   er  stellt  sowohl  das  in  der 
Vei'ziickung  Geschaute   wie   die  innig  meditierten  Begebenheiten  der 
Heilsgeschichte,  besonders  des  Leidens  Christi,  plastisch  greifbar  vor 
unsere  Augen;  mitunter  ^glaubt  man  geradezu  Beschreibutigen  von 
Gemälden  zu  lesen*'  *).    Ebenso  spricht  sich  seine  malerische  Begabung 
in  der  Freude  an  bildlichen  Darstellungen  aus.    Seiner  Andacht  will 
er  „in  bildreicher  Weise**   (103,15)  genugtun:  schon  in  der  Jugeiid 
lässt  er  die  ewige  Weisheit  in  minniglicher  Gestalt^)  auf  Pergament 
malen  und  nimmt  das  Bild  mit  auf  die  hohe  Schule,  um  es  täglich 
anzusehen  (103,10  jf.),  veranlasst  die  Ausstattung  seiner  Kapelle  mit 
Bildern  und  Sprüchen  der  Altväter  (60,12,  ff.,  104,1  ff,)  und  atuleren 
andachtigen  Materien  (Nafne  Jesu,  Rosenbaum  des  zeitlichen  Leidens 
und  Baum  der  weltlichen  und  göttlichen  Minne,  vgl.  396,21  ff.),  und 
sendet  eine   Kopie   der  erstgenannten   an   Elsbeth  Stagel  (107,1  f.). 
Er  kennt  genau  die  Einzelheiten   der  künstlerischen   Technik   und 
redet  gerne  davon  (60,16,  64,11  f.  323,17 ff\;  Hör.  60,  150),  schildeH 
die  Himmelswonne  mit  dem  Brunnen  des  Lebens ')  und  den  einzelnen 
Choren  der  Heiligen  (242,3  ff,,  243,24  ff.),  den  Efujelstanz  (21,6  ff.), 
die  Madonna  mit   dem  Kinde  (267yl4ff.,  vgl.  15,10 ff.;  Hör.  142) 
in  so  lebhaften  Farben  und  mit  soviel  Anmut  und  Holdseligkeit,  dass 
man  meinen  köymte,  er  habe  Bilder  der  alten  Kölner  oder  flamischen 
Malerschule  oder  der  Sienesen  und  Florentiner  des  14.  und  15.  Jh., 
namentlich    seines  Ordensgenossen  Fra   A)igelico   da   Fiesole*),    vor 
Augen  gehabt.    Da^  Leiden  Christi  stellt  er,  Kapitelssaal,  Kreuzgang 
mui  Chor  der  Kirche  seines  Klosters  zur  via  dolorosa  machend  und 
die  einzelnen  Stationen  des  Leidetisweges  in  Betrachtung  miterlebefut, 
in  so   dramatischer  Lebendigkeit  sich  und  un4i   vor,   daes  man  mit 
Fug   bei  ihm  die  Idee  der  Kreuzwege,    deren  Darstellung  doch  erst 


'y  Strauch  in  Allg.  (lisch.  Bioyr.  37,176. 

-)   WoM  ganz  ähnlich  tcie  auf  Bild  1  (8.  o.  S.  47*). 

=M  Vgl.  dazu  auch  die  Vi  »ton  der  Beli  von  Lieftenberg  zu  Töss,  Viten  31,16  f. 

^)  T>er  Vergleich  Angelicos  mit  Seuse  liegt  nahe^  vgl.  Denifle  XI V,  413, 
Über  den  ..mystischen  Mahr**  par  cjcceUence  handelt  ausgezeichnet  Schrörs  in 
Zeitschrift  für  chrisil.  Kunst  W98y  193 ff.  u.  ö.  Vgl.  das  Urteü  Meschlers 
in  Stimmen  aus  Maria  Lanch  1897  1,  409:  „ Angel icos  Werke  sind  die  höehtU 
mystische  Poesie  der  Farbcy  so  wie  die  Schriften  Susos  und  anderer  die  Myttik 
des  Gemütes  sind:* 


r  Bilder  nnd  SprUahe  6m  ExempIarB.    äeuM«  Vertilltub  zur  Knatt.     59* 

.  Jk.  auftaucht,  eorgebildet  sehen  (Uirf).  Endlich  hat  er, 
»einem  künstltriacken  Drange  folgend  tiach  dem  Vorbilde  früherer 
Mifatiker*)  seine  Schriften  selbst  mit  Bildern  ausgestattet,  die,  wenn 
sie  auch  iti  vielmi  mit  dem  Ai>pnrat  herkömmlicher  Atischauungen 
arbeiten  und  sich  mitunter  Kokl  nttch  direkt  an  Vorbilder  anlehnen'), 
doch  (ds  Game»  für  originelle  Schöpfungen  gelten  dürfen. 

Ein  persötäiches  Verhältnis  Seiises  s^tr  Kunst  ist  nomit  un- 
btstreitbitr.  Nicki  ebenso  leicht  ist  die  Frage  su  beantworten,  ob  er 
in  irgend  einer  Weise  auf  die  Kunstübung  seiner  und  der  folgenden 
Zeit  eingewirkt  hat.  Es  ist  bereits  su  denSprücken  S98,10f.  darauf 
hingewiesen  worden,  dass  athlreiche  in  der  ehemaligen  Dominikaner- 
kirche zu  Konstanz,  dem  jetzigen  Inselhotel,  aufgefundene  Fresken 
des  14.  Jh.,  Martyrien  darstellend  vnd  die  Hand  eines  tüchtigen 
Meisters  verratend'),  neuerdings  in  Beziehung  zu  Seuse  gebracht 
worden  sind.     Vielleicht  mit  einigem  Recht;  aber  beweisen  lässl  sich 

fuer  freilich   nichts,    und  Jedenfalls   ist  Sense   nicht  selbst  dabei  als 

ausübetider  Künstler  tätig  zu  denken,  wie  Peltzer^)  annehmen  machte. 

JEbensQwenig   werden  wir  etwas  darüber  ausmachen  können,   ob  sein 
Wort   oder  Beispiel  für  die  Kunstpfiege  hi  den  mgstisc/ien  Domini- 

icanerinnenklöstern  .ilemanniens,  wie  ide  für  Unterlinden,  Klingental, 


')  Vj/i.  Prltier  Öiff.,  im  einzelm-n  v-altl  cu  irtit  gtJterui.  Die  erste  Er- 
I  dta  Kreutvrgt  scheint  bei  dem  Dominikaner  Alvarua  von  Cordota 
ft  J*30  oäir  14309)  m  »tin  ivgl.  Kalhatik  1896  I,  326;  Thuratan,  The 
Station»  of  the  Gross,  London  1906).  Sehr  ivahrscheinlieh  sind  die  Kreueweffe 
aus  einer  Verbindung  non  b'blitchtn  Pansioiuiiizenfn  mit  Voi-wUrfen  der  mysti- 
achen  Kontemplation  enletanden  (Kraux  II,  l,Sf>e,>. 

1  So  Btigen  namentlich  swri  Wiesbadener  und  SeiiUlherger  Uns.  i«.  XII 
bette.  XIIll  des  Liber  6'dviae  der  hl.  Hildegard  zahlreiche  Miniaturen,  meial 
Visionen  dtr  Mystilitrin  darsteUend.  Au^ührliche  Beschreibung  bei  A.  von 
ÖehtlhUuser,  Die  Miniaturen  der  UniversüäUbibliothek  tu  Heidelberg  1 
(ISST)  75 ff.:  Peltzer  Mff.  (ebd.  41  f.  aber  eine  Bilderks.  der  Werke  Elisabtth» 
ron  Sehmiau). 

*)  Bei  mehreren  Bildern  ist  oben  .ichon  darat^'  hingetvieten  worden  (MatUel' 
lehaft  Marin,  der  Tod  und  das  tamindt  Paar,  Christus  al»  gekieutigter  Seraph 
und  ah  Schmertensmanii,  diis  Kreui  als  Hosenbaum), 

']  Ißm-  weitere  Spuren  von  Wandgemälden  in  der  Kirche  (Kretnigungs- 
yrup/ie  an  der  nördlichen  Letlnernisehe,  teilumsr  erkalten)  und  im  Kreuegang 
vgl.  M.  Wingtnroth  in  Zeitfchrift  für  Getchiiläf  dts  Oberrheins  N.  F.  20 
(19001 433 ff. 

1.  U.   101. 


GO*  Einleitung.   I.    Die  Überlieferung. 

Adelhausen  und  namentlich  Töss  bezeugt  ist^),  von  Bedeutung  war. 
Dagegen  wird  man  den  Anteil  Seu^es  an  dsr  Anregung  und  Be- 
fruchtung ^  welche  die  mittelalterliche  Kunst  durch  die  symbolischen 
VorsteUmigen  der  Mystik^)  empßng,  ziemlich  hoch  eifischäfzen  dürfen, 
denn  geraderer  hat  sie  in  so  ungemein  zaiier  mul  poesievoUer  Art 
ausgebildet  und  angewendet:  so  die  Vorstellung  von  der  etvigen  Weis- 
heit, die  bald  auf  Christus  bald  auf  Gott  Vater,  in  getcissem  Sinne 
auch  auf  Maria  ^)  bezogen  mrd,  von  der  minnenden  Seele  als  Braut 
Christi,  die  Symbolik  der  Farben  ßesonders  roty  grün,  weiss,  gelb, 
vgl.  64,7.  199,2.  244,2  usw.),  Blumen  (Bösen*),  Lilien,  Veilchen, 
vgl.  33,10  ff.,  59,8  ff.,  64,7  ff.,  25  ff.,  102,19  ff.,  224,21  ff.)  und  Edel- 
steifte  (242,8 f.  252,25.  271,20);  auch  die  Übertragung  hofischer 
Anschauungen  in  da^  Religiöse,  z.  B.  bei  Schilderung  des  Himmels 
(242,8 ff.  432,26 f.  457,1  f),  und  die  sinnige  Naturbetrachtung  des 
Mystikers  ist  in  diesem  Zusammenhafig  zu  ertvähnen.  Ganz  besonders 
aber  dürfte  das  biblisch  begründete  Bild  von  der  geistlichen  Ritter- 
Schaft,  das  bei  Seuse  Lieblingsmotiv  ist  (vgl.  55,19 ff.,  149, 4 ff.,  205,7 ff., 
252,14  ff.,  370,22  ff..  Hör.  29,  81,  122),  durch  ihn  seine  Volkstunüich- 
keit  wie  seim  Einführung  in  die  Kunst  gefunden  haben.  Anfangs 
wurde  es  in  Literatur  und  Kunst  wie  bei  Seuse  noch  mehr  im 
Sinne  einer  speziellen  Berufung  aufgefasst,  sjjäter  aber  auf  jedes 
Christenleben  übertragen.  „  Von  der  deutschen  Mystik  lässt  sich  eine 
direkte  Verbindungslinie  ziehen  bis  auf  Dürer  (vgl.  dessen  Kupfer- 
stich von  1513:    Ritter,    Tod   und  Teufel)   und  Erasmus   (vgl.  sein 


')  Vgl.  Pelteer  TOff.j  der  aber  auch  hier  wie  öfters  zu  weit  geht,  über 
Töss  siehe  besonders  die  Monographie  von  J.  B.  Mahn^  Bauten  und  Wand' 
gemölde  in  Töss  (==  Mitteilungen  der  antiquar.  Gesellschaft  in  Zürich  XKVI, 
H.  3)  1906.  Der  Kreuz  gang  war  mit  biblischen  Fresken  aus  dem  Ende  des 
15.  und  Anfang  des  16.  Jh.,  zum  Teil  aber  auch  aus  früherer  Zeit,  ausgestattet. 
—  VöUig  aus  der  Luft  gegriffen  ist  es,  wenn  F.  J.  Mone  im  DiöB.' Archiv 
von  Schwaben  XVI  (1898)  128  meint,  dass  einige  plastische  Figuren  neben  dem 
Südportal  des  Übei'linger  Münsters  (Johannes  der  Täufer  und  Sebastian  [nicht 
Judas!])  nach  den  Angaben  Seuses  gemacht  worden  sein, 

^  Vgl.  Peltzer  158 ff\  Freilich  ist  nicht  zu  vergessen,  dass  manche 
derselben  ihren  eigentlichen  Nährboden  in  der  kirchlichen  Liturgie  hohen.  Doch 
ist  die  Poesie  der  Farben-  und  Blumensprache  durch  die  Schriften  der  deutschen 
Mystiker,  besonders  Seuses,  aufs  höchste  ausgebildet  worden  (vgl.  Kraus  11, 1,444). 

*)  Vgl.  oben  S.  61*  Anm.  2,  Dieses  Ineinanderspielen  ist  der  allegorischen 
Auslegung  des  Weisheit^sbuches  und  der  Liturgie  der  KircJie  geläufig, 

*)  Peltzer  202  wagt  die  Vermutung,  dass  Seuse  zuerst  das  Motiv  der 
Böse  als  Sinnbild  des  Leidens  und  des  liosenbaums  als  Symbol  des  Kreuzes 
in  die  deutsche  Kunst  eingeführt  habe. 


,Enchiridion  tttilitis  c/tristintti'  lii02,  deutsch  und  illustriert  von  Urs 
Graf  1520*),"  und  — /«ys«  uir  hinzu  —  schon  £u  der  DaisteUany 
der  „Streiter  Christi"  auf  item  Kölner  Dombild  und  (fenter  Altar. 
Vielleicht  ist  Sease  überhaupt  der  erste,  der  dag  Motiv  künstlerisch 
rem-ertet  hat  (in  seinem  9.  Bild). 

Anregung  liat  Seuses  Illustrierung  des  Exemplars  auch  der 
deutschen  Holzschneidekunst  des  15.  und  16.  Jh.  gegeben,  wie 
.ichon  bei  Besjirechung  der  alten  Drucke  ausgeführt  wurde.  Aunser 
diesen  Bildern  ßnden  sich  mtHrfnch  zu  Devotionsztrecken  hergestellte 
t'inblattdrucke ,  welche  sich  an  Seuses  Werk  anlehnen*}.  So  stellt 
ein  bemalter  Holzschnitt,  um  1470  zu  Augnburg  oder  Nürnberg  ent- 
iitimden,  das  Christkittd  dar,  in  eitlem  Korbe  Rosen  tretend  und  mit 
Spruchband,  auf  dem  paciencia  steht;  unterhalb  eine  fünfzeilige 
Unterschrift,  die  mit  geringer  Änderung  den  Sprächen  beim  12.  Bild 
Seuifes,  von  dem  die  Komposition  ja  sichtlich  beeinßusst  ist,  entspricht 
(Ich  wil  rögen  brecben  .  .  .  Wer  sander  lieb  .  . .  Liden  sol  er  haben 
vil  .  .  .  tgl.  398,4  —  9);  vtu  Exemplar  davon  im  Kgl.  Kupferstich- 
kabinet  zu  Berlin,  Leicht  variierte  Kopien  dieses  Holzschnittes  mit 
denselben  Versen  befinden  sich  zu  München  und  Nürnberg  (Ger- 
manisches Museum);  von  letzterer  ist  noch  der  Holzstock,  früher  dem 
Klarissenkloster  SöfUngeti  bei  Ulm  gehörig,  Eorhunden ").  Noch  näher 
berührt  sich  mit  detn  12,  Bild  ein  um  1470160  in  Schwaben,  wahr- 
scheinlich in  Ulm  beziv.  Sößingen,  entstandener  bemalter  Holzschnitt, 
in  zuxi  Exemplaren  zu  Stuttgart  (Landesbihtiothek)  und  Nürnberg 
(Germanisches  Museum*}  erhalten:  Seuse  knieend  mit  dem  Kranz 
con  Rosen  und  dem  Monogramm  IHS,  rechts  oben  Maria  (bezw. 
die  ,ewige  Weisheit'}  mit  Krone,  Szepter  und  Reichsapfel,  unten  der 
Hund  mit  dem  Eusstuch,  links  das  Jesuskind  auf  einem  Rosenbaum, 


'*  P.  Wther,  Beür/Ige  ta  DürerK  WdioMschauw^  (Studien  xur  deut- 
lichen Kunglguachichle  H.  231  1900,  30.  Ebd.  18  ff.  angthende  littrariwhe  und 
kungl historische  Naclnutisungm,  Eine  intareasanlr  Slfllt  ans  Tauler  6« 
Pelttcr  lS6f. 

•)  Genaat  Beechreibutty  dtr folgemien fünf  HoUgchnittt  bei  W.  L.Schrei- 
brr,  Manuel  de  l'amateur  de  la  grnmre  sitr  böig  et  »ut  milat  au  XV'  <i«c/« 
IilSSl)  23if.  Nt.  ttil—23:  11(1892)  176  f.  Nr.  1698,  1699. 

')  Vgl,  Katalog  der  im  Gtrm.  Museum  tu  Nürnberg  vorhandtami  Holt- 
etöekt  I  (ISfäi  15,-  Abbildung  S.  IS  und  bei  (EsutniOtiH),  die  SoUschnitte 
dtt  14.  und  15.  Jh.  m  Germ.  Museum  1874,  Tqfel  S6.3. 

*)  DitMS  Exemplar  wie  der  thm  ertoUhntr  UoleMack  umr  früher  im  Ut- 
»Ott  DOn  frofeas&r  Baseler  in   Ulm. 


l-^k. 


62*  Einleitanja:.   1.    r>ie  Üherliefenuig. 

Kosen  auf  Sense  werfend,  unten  das  Wappen  von  Ulm.     Als  Utiie)^ 
sckrifi  trägt  da»  DewoHoHnbild  die  Verse: 

Der  selig  hainrich  ms  ze  costentz  geborn  am  bodmersee 

Nam  die  ewig  wysshait  zftm  gmahel  gaistlicher  ee 

Sein  gespoDS  tet  im  den  namen  verwannden 

Amandas  hiesz  sy  in  nennen  in  allen  lannden 

Sein  leben  wz  er  in  irm  dienst  vertzeren 

Des  frödt  sich  vlm  die  sein  grab  vnd  hailtam  halt  in  eren. 
Abbildung  nach  dem  Nürnberger  Exemplar  bei  Essenwein  (s.  S.  62* 
Anm.  3)  Tafel  92  und  danmch  in  verkleinertem  Massstab  bei  Demfle 
(Titelbild),    Derselbe  Holzschnitt,  aber  mit  lateinischen  Versen  (Hie 
est  beinriens  constancia  quem  generauit  Sasz  etc.),  ist  in  Berlin  \). 

Weiteres  soll  später,  wo  von  der  Ikonographie  Seuses  gehandelt 
ivird,  Erwähnung  findsn. 

»)  Vgl,  Schreiher  a,  a,  0,  II,  176,  Nach  Käreher  (Freib.  DiöM.- 
Archiv  1868,  215),  der  sich  auf  eine  briefliche  Mitteilung  Sigharis  berufte 
befand  sich  im  Dominikanerinnenkloster  AUenhohenau  —  dorther  stammt  auch 
die  Hs,  B^y  s,  oben  8.7*  ein  fünf  Fuss  hohes  Bild  Seuses,  wie  er  in  einer 
Vision  den  Hund  mit  dem  Fusstuche  erblickt.  Bei  Murer^  Helvetia  eaneta 
314  ein  Holzschnitt  mit  ähnlichem  Büd  wie  das  oben  Buletst  genannte,  doch  mit 
anderen  Sprüchen  und  im  Hintergrund  das  Konstanser  Predigerkloster, 


**-^m^  *» 


Zweiter  Tcfl. 


Seuses  Leben  und  Werke'). 


A.  Jugend-  und  Lernjahre  zu  Konstanz  und  Köln 

(ca.  1295— 1327). 

I.  Geburtsjahr  und  -Ort,  Abstammnng. 

Nur   weniges   ist   uns  über  den   äusseren   Lebensgang  Seuses, 
insbesondere  über  seine  Geburts-  und  Abstammungsverhältnisse  iiber- 

0  VerzHehnis  der  Literatur  (Detaüuntersuchungen  werden  zutreffenden 
Orts  angegeben):  1.  Biographien  bezw.  Monographien:  F.  Brieka, 
Jüesai  8ur  la  vie,  les  ecrits  et  la  doctrine  de  Henri  Suso,  Thhse,  Strasbourg  1654, 
48 p,  (unbedeutend);  W,  Volkmann,  Der  Mystiker  H,  Suso,  Programm  DuiS' 
hurg  1869,  63  8,:  F.  Vetter ^  Ein  Mystikerpaar  (s,  Anm,  zu  96,  7;  beachtens- 
werte Anmerkungen);  R,  Seeberg,  Ein  Kampf  um  jenseitiges  Leben,  Lebens- 
bild eines  mittelalterlichen  Frommen  (Seuse)  in  protestantischer  Beleuchtung, 
Dorput  1889,  148  S,  {im  literarhistorischen  Teil  gut,  in  der  Beurteilung  vor- 
eingenommen),  gekürzt  unter  dem  Titel:  „H,  Seuse,  Der  Gotterfreuful^  auf- 
genommen in  B.  Seeberg,  Aus  Religion  und  Geschichte,  Gesammelte  Auf sätze 
und  Vorträge,  I  (1906)  188—246;  Th.  Jag  er,  Heinrich  Seuse  aus  Schwaben, 
Basel  1893,  160  S.  (populär -erbaulich).  —  2,  Grossere  Abhandlungen 
tn  Sammelwerken,  Aufsätze  und  enzyklopädische  Artikel:  Acta  Sanctorum 
26,  Jan,  II  (Antwerpen  1643)  662 — 89  (ganz  nach  Surius,  daher  ohne  selb- 
ständigen Wert);  H.  Murer ^  Helvetia  sancta,  Lucem  1648,  315 — 46  (ebenfalls 
nach  Surius,  doch  mit  eigenen,  nicht  immer  zuverlässigen  Zutaten);  Fr,  St  ei  II, 
Ephemerides  Dominicano-sacrae  I  (Dilingeti  1691)  145—64  (mit  Vorsicht  zu 
henützen!);  Quitif  et  Echard,  Scriptores  Ordinis  Fraedicatorum  I  (Paris 
1719)  663—59,  II  (ebd.  1721)  821  (wertvoll,  meist  kritisch  und  quellenmässig); 
A  Touron,  Histoire  des  hommes  illustres  de  Vordre  de  S,  Dominique  II 
(Paris  1746)  436 — 60  (erbaulich);  A,  Weyermann,  Nachrichten  von  Ge- 
lehrten  usw.  aus  Ulm,  Ulm  1798,  499—608;  K.  Schmidt,  Der  Mystiker 
H,  Suso,  TheoL  Studien  und  Kritiken  1843,  835—92;  ders.  in  Memoires  de 
VAcadhnie  royale  des  sciences  morales  et  politiques  de  V Institut  de  France, 


64*  Einleitung.    II.    Seuses  Leben  und  Werke. 

liefert,  und  aus  d-em  wenigen  können  icir  nur  mit  Mühe  das  zu- 
cerlässiye  herauslesen.  Ein  einfaches  Mönchleben  setzt  eben  die  Federn 
der  Geschichtsschreiber  weit  weniger  in  Bewegung  als  die  Taten 
derer,  die  auf  der  Höhe  der  Menschheit  wandeln.  Kein  seiner  Zeit 
nngehöriger  od^r  ihr  nahestehender  Chronist  ^)  nennt  seinen  Namen, 


t.  II  savants  itrangers  1846,  396—436  (mit  dem  deutschen  AufsatM  beinahe 
identisch);  St,  Bormann,  Über  den  Mystiker  H,  Suso,  v,  d.  Hagens  Ger- 
mania II,  172—81:  Fr,  Böhringer,  Die  deutschen  Mystiker  des  14,  und 
15,  Jh.  (Die  Kirche  Christi  und  ihre  Zeugen  II,  3),  Zürich  1866  (2.  Aufl, 
Stuttgart  1877)  297—441  (sehr  brauchbare,  warme  Darstellung);  K,  Greith 
in  Kath,  Schtoeieerblätt^  II  (1860)  65 ff.,  137 ff.,  399 ff.;  ders.,  Die  deutscht 
Mystik  im  Predigerorden  1861,  71  ff,,  219 ff,  303 ff.;  J.  Bach,  Meister  Eck- 
hart,  1864,  164—70;  E.  Böhmer  in  Giesebrechts  Damaris  1866,  291—327; 
L,  Kärcher,  H.  Suso,  Abhandlung  über  Ort  und  Zeit  seiner  Geburt,  Freib. 
Diöß.'Arch.  111(1868)  187—220:  W,Freger,  Vorarbeiten  su  einer  Geschickte 
der  deutschen  Mystik,  Zeitschr.  f.  historische  Theologie  1869,  119 — 37  (kritische 
Untersuchung  der  Lebensdaten);  ders,,  Gesch.  der  deutschen  Mystik  II  (1681) 
309 — 416  (viel  wertvolles  Material  neben  manchem  Anfechtbaren,  vgl,  die  Kritiken 
von  Strauch,  Afda  IX  (188d)  136—44,  und  Denifle,  Deutsche  Lit,-Ztg, 
1882,  201  ff.);  Fr,  Bevan,  Three  friends  of  God  (Tauler,  Nikolaus  von 
Basel,  Suso),  London  1887,  301 — 88  (wissenschrftlich  wertlos  und  tendenziös); 
Seh.  (Schurer  ?),  H,  Suso,  ein  Originalbild  dieses  grossen  schwäbischen  Mystikers, 
Diös.-Arch.  von  Schwaben  III  (1886)  41,  49  u.  ö.  (erbaulich,  kritisch  wertlos); 
A,  Baumgartner  im  Kirchenlexikon  F*  (1888)  1721—29;  Ph.  Strauch 
in  Allff.  deutsche  Biographie  37  (1694)  169—79  (treffliche  Zusammenfassung); 
H.  Suso  the  Mystic,  in  The  Church  Quaterly  Review  61  (1905)  164—61  (mir 
unzugänglich) :  Cohrs  in  Rtalenzyklop,  f.  prot.  Theol  XIX*  (1907)  173—76 
{mangelhaft).  Zu  vergleichen  sind  auch  die  Einleitungen  in  den  Ausgaben 
von  Denifle  und  Thiriot  (s.  u.)  und  die  (aber  nicht  vollständige  und  su- 
verlässige)  Aufführung  der  Literatur  bei  U.  Chevalier,  Repertoire  des  sources 
hist.  du  moyen-dge,  I  Bio-Bibliogr.,  2.  Sd.  Paris  1906,  2101  f.  Auf  einem  Irrtum 
beruht  es,  wenn  K  ob  er  st  ein,  Deutttche  Nationalliteratur  K*,  447  Anm.  36 
und  Strauch  a.  a.  0.  179  eine  populäre  Darstellung  des  Lebens  Seuses  von 
Denifle  in  ,Alte  und  Neue  Welt',  Einsiedeln  1883/4,  Heft  10  u.  11  angeben;  es 
handelt  sich  um  eine  kurze  Biographie  Heinrich  Seuse  Denifles, 

*)  Der  Dominikaner  Joh,  Meyer  at^s  Zürich  (1422 — 86),  eifriger  Sammler 
und  fleiasiger  Chronist  seines  Ordens  —  über  ihn  jetzt  zusammenfassend  P.  Albert 
in  Zeitschr.  f  Gesch.  des  Oberrheins  1898,  255—63;  1906,  504—10;  vgl.  Rieder 
in  Freib.  Diöz.-Arch.  1906,  291  f.  —  weiss  an  verschiedenen  Stellen,  wo  er  von 
Seuse  spricht,  so  im  ,Chronicon  de  Praedicatonbus^  (Mone,  Quellensammlung  I, 
221),  im  ,Liber  de  illustribus  viris  ordinis  fr.  Praedicat.  (ebd.  II,  167),  m 
,Leben  dir  32  ersten  Meister  des  Predigerordens''  (Addhauser  Sammelband  im 
Ereiburger  Stadtarchiv  Bl.  303,  nach  gütiger  Mitteilung  von  Herrn  Archivrai 
Dr,  P.  Albert),  und  in  der  Vorrede  der  Tösser  Viten  (ed.  Vetter  4ff,)j  so  gut 
tote  nichts  eu  berichten,  was  er  nicht  aus  Seuses  Schriften  geschöpft  haben  kannte. 


Gebnrtejahr  und  -Ort,  Abstammung.  65* 

und  die  Urktwd^'.n  und  Büchersehätze  der  Kloster  ^),  in  denen  er 
/jewirkt,  sind  durch  die  Ungunst  der  Zeit  fast  ganz  verloren  gegangen. 
So  sind  wir  zur  Eruierung  der  Lebensdaten  Seuses  in  der  Haupt- 
sache auf  seine  eigenen  Schriften  angewiesen,  die  aber  weit  mehr  das 
innere  Seelenleben  als  die  äusseren  Umstände  beiücksichtigefi,  und 
zudem  bei  dem  Mangel  einer  streng  chronologischen  Ordnung  nur 
wenige  sichere  An/talts^p unkte  bieten.  Da  und  dort,  namentlich  in 
d^r  Vorrede  zur  Druckausgabe  von  1512  und  bei  den  nur  mit  Vor- 
4cht  zu  benützenden  Hagiographen  Murer  und  St  ei  II  y  finden  sich 
einzelne  ergänzende  Notizen, 

Seuse  erzählt  selbst  (Vita  44,4  f.) ^  dass  er  am  St,  Benediktus- 
tag  (21.  März)  in  ,diese  elende  WelV  geboren  worden  sei;  das  Jahr 
erfahren  wir  nicht     Die  Athsichten   der  Neueren,    um  von  älteren, 
uiüialtbaren  Meinungen  ^)  abzuMhen,  schwanken  zwischen  1295  ^)  und 
1300^),  beide  Zahlen  rund  genommen.    Der  erstere  Ansatz  hat  mehr 
Wahrscheinlichkeit  für  sich,   das  ergibt  sich  au4a  Rückschlüssen  aus 
anderen   d<itierbaren  Ereignissen  in  Seuses  Leben  '*).     Wenn  er,   wie 
j^äter  gezeigt  werden  soll,  um  1324  nach  Köln  übersiedelte  und  um 
rlieselbe  Zeit  durch  Eckhart  von  seinen  quälenden  Zweifeln,  die  7iach 
-f^einer  Bekehrung  (im  18.  Jahre,  vgl.  8,4  f.)  gegen  10  Jahre  ged^auert 
^intten  (63,2),  befreit  wurde,   so  werden  wir  ungefähr  1295  als  Ge- 
burtsjahr anzunehmen   haben ;   doch   sind  1 — 2  Jahre  Spielraum  zu 

"j  Das  Archio  des  Konstanzer  Predigerklosters  ist  in  deyi  Hefoifnations- 
94nruhen  (ca.  16:i7)  verloren  gegangen  {vgl.  Monc,  Quellensammlung  IV,  39): 
x:on  der  Bibliothek  ßnden  sich  Spuren  noch  in  dt;n  ziraneiger  Jahren  des  19.  Jh. 
rvgl.  E.  von  Zeppelin  in  Schriften  des  Vereins  f.  Gesch.  des  Bodensees  Vly  24). 
Jn  Ulm  ist  nur  das  Kopialbuch  des  Predigerklosters  erhalten  (im  Stadtarchiv), 
tias  aber  Seuses  Xom:fn  eu  seinen  Lehzeiten  nicht  nennt  (vgl.  Kornbeck  im 
Mitteilungen  des  Vereins  f.  Kunst  u.  Altertum  in  Ulm  und  Oherschwahen  1891, 
Heft  2,  11). 

^)  Literarhistoriker  wie  Altamur  a,  Bellarmin,  Dupin,  Cave  u.a. 

setzen  Seuses  Tod  teils   um  1306  an  und  lassen   ihn  schon  1323  mit  Thomas 

von  Aquin   zur   Kanonisation   vorgeschlagen    werden,   teils  rucken  sie  ihn  über 

1369  hinaus!    Nach  einer  handschriftlichen  Notiz  von  1516  in  einer  Ausgabe, 

die  Diepenbrock  (vgl.  sein  Suso  16  A    1)  hesass,   wäre   er  schon  1260  geboren. 

^  So  Wey ermann,  Volkmann^  Preger,  JJenifle  (Seuse  XIII: 
.^zwischen  1295  und  1300'\'  Das  geistl.  Leben  XXI:  .,um  1295^),  Seeherg. 

*)  Murer,  Steill,  Quetif  und  Echard,  Schmidt,  Böhringer, 
Greith,  Kärcher,  Vetter,  Strauch. 

^)  Die  Virsuche  Pregers,  Vorarbeiten  124 ff.,  aus  der  Abfassungszeit 
einßelner  Schriften  auf  das  Geburtsjahr  Seuses  zu  schliessen,  sind  hinfällig, 
da  sich  jene  Datierungen  als  unrichtig  erweisen. 

11.  Scute,   Deutsche  Scbriiten.  5* 


(>6*  Einleitunji?.   IT.    Seuses  Leben  und  Werke. 

lassen  (wohl  1293 — 95).  Damit  stimmt  dann  auch,  wenn  Mar  er  ^)  ihn 
1365  (richtiger  1366)  im  Alter  von  70  Jahren,  Joh,  Meyer^  ,gar 
alt  an  den  Jahren^  sterben  lässt,  und  eine  Notiz  aus  d^m  15.  Jh. 
in  Clm  15312  BL  84 '^  besagt:   decrepitus  obiit  anno  domini  1366. 

Die  Frage  nach  Semes  Geburtsort'^)  häfigt  enge  mit  der 
nach  seiner  Abstammmvg  zusammen.  In  der  Von'ede  der  Druck- 
ausgäbe  von  1512 f.  1^  ist  berichtet,  er  habe  eigetitlich  Heinrich 
von  Berg  geheissen,  sein  Vater  sei  ein  adMger  HetT  van  Berg  im 
Hegau  getcesen,  seine  Mutter,  deren  Namen  er  selbst  ans  Verehimfig 
für  sie  annahm,  hiess  Seüsserin.  Murer*)  und  St  ei  11^)  wissen  zu 
erzählen:  um  das  Jahr  1205  vermählte  sich  ein  Hen'  von  Berg  odtr 
Berger  aus  Konstanz  mit  einem  Fräulein  von  Saussen  aus  Überlingen, 
beide  aus  altem  und  vornehmem  Geschlecht;  um  1300  wurde  ihr 
berühmter  Sohn  geboren,  der  in  der  Taufe  den  Namen  Heinrich 
erhielt.  Darüber  hinaus  erfahren  wir  bei  späteren  Schriftstellern*^) 
nichts  weiteres  von  Belang. 

Obwohl  die  angefühiien  Nachrichten  ziemlich  spät  sind,  so  darf 
doch  wohl  die  übereinstimmende  Angabe,  dass  Seuae  au^  einem  adeligen 
Geschlecht  von  Berg  .stamme  und  dass  seine  Mutter  eine  gebürtige  Su$ 
oder  Süs  (so  die  ältere  alemannische  Namensform)  war,  für  glaub- 
würdig  gelten.  Zweifelhaft  aber  bleibt,  ob  der  Wohn^titz  der  Eltern 
und  Geburtsort  des  Sohnes  Konstanz  oder  Überli}vgen  ist.  Von  den 
zahlreichen  adeligen  Geschlechtern  von  Berg,  die  im  13.  ut\d  14.  Jh. 
in  Schwaben   und  in   der  Schweiz   ansässig   waren '),   ist  am  ehesten 


')  Helvcüa  s.  346.  Die  Zahl  70  ist  jtäoc/t  mit  Rücirsicht  auf  Ps,  89,  10 
nicht  zu  pressen.  Ein  lajtsus  viemoriae  ist  es,  wenn  Murer  315  Seuse  doch 
um  1300  geboren  sein  Ifisst.  P reger,  Vorarbeiten  l:iti  meint^  er  habe  die  Zahl 
1:^05  als  Geburtsjahr  in  einer  alten  Quelle  gefunden. 

^  Kurze  Chronik  des  Prvdigerordenss  Tübinger  Cniversitätsbiblfaihek, 
Ifs.  Md  4ötf  de3  15.  Jh.  (aus  Inzigkofen;  s.  oben  S.  19*  A.  1). 

•')  Ich  habe  über  Seuses  Abstammung  und  Geburtsort  ausführlich  in 
Hist.-pol  Blmter  130  (lUOÜ  II)  4t;— 5S,  10t]—17  gehandelt:  hier  eine  kurze 
Zusammenfassung  mit  einigen  Nachträgen, 

')   Hehftia  s.  315. 

')  Ephemerides  J,  14ti.  Sieill  fügt  am  Schlüsse  hinzu:  Haec  ex  MS. 
Antiq.  Adellius.,  was  sich  wahrscheinlich  auf  ein*'  (jetzt  verlorene  i^)  Schrift  des 
.loh.  Megcry  der  zu  Adtlhausen  lebte,  bezieht. 

'')  So  bei  Sari  US  in  der  Voirede  seiner  lateinischen  Übersetzung  SetiSfs: 
Tiiifeli n  u s ,  Consta ntia  lihenana  lUti} ,  :i60 :  (J u e  t if  et  K c hard  I,  663  usv. 

'')  So  in  Württemberg  zu  Berg  <)A.  Ehingen,  liarensfmrg,  Tettnan^,  in 
der  Schireiz  zu  Berg  am  Irchd,  bei  Arbon  und  bei  Weinfelden.  Im  Hegau 
--  con    den    Grafn    von    Ueiligenberg,   dir  Sevin,   Kaiser  Botharts  l**ronhiif 


an  (lim  Kuuittoiizer  P atrizierge^cklecht  von  Berg  ru  denlcen, 
Uiene  Herren  von  Berg  »asiten,  wie  es  »chfint,  ursprünglich  als  Mini- 
eterialeii  (k.i  Bischo/s  eon  Konstam  zu  Berg  bei  Weittfelden  im 
Kanton  Thurgaii,  wich  der  Mitte  des  13,  Jh.  aber  zog  Ulrich  von 
Berg  wie  manche  andere  Landedelleute  in  die  Stadt.  Aiige/iörige 
des  Gegc/Uechtes   s/iielvn  in  der  groKnen  Zun/thewegung  des  14.  Jh. 


ÜbtrUngtn  1900,  71  ahm  Gtitnd  mit  SttMt  in  Bttithung  bringt,  wird  abtu- 
»thai  »ein  —  tuitj  im  Überlingen  lägst  nirh  ein  adfligtn  (hechlteht  von  Berg 
nicht  naehweisftt.  —  Nach  twH  Berichten  avn  dem  Uominihanerordtnaarekiv 
in  Rnm,  Vrlcht  der  Rrgennl/urger  Fredigti'kiinvent  im  Jd,  Jh.  (den  einen  1754, 
dtn  andern  wtnig  früher}  an  dtn  Ordensgenrral  bfnr.  an  da»  Grneraliapilrl 
sandte  (eerBfftntUeht  in  Analreia  fh-dinis  Praedicatorum  VIII  [tyioj  691,  H'Jfl; 
Auetug  in  Zdinehr.f.  kath.  l'heol.  1M3,  äOöff.J,  wUrdt  Seuge  eon  eitlem  Griffen- 
gttchltchl  iion  Berg  and  ,Sauaenbrrg  abelammen.  Es  loird  nJliiilieh  darin  gtsugl, 
diui-  der  Vater  Siueee  (HenriciiH  coines  de  Honte  et  Ssiueuberg-,  quibnsdam  Subo 
dictne)  im  Jährt  1300  am  Tage  dr»  Aposlth  Thomas  iSl.  Det.)  gestorben  und 
im  Krtuegang  äfii  Jiegfnaburyer  Klosters  begraben,  die  Überreste  aber  iliSO  in 
tiit  tagen.  Albertuiliaprllt  ül/ei-tragen  und  in  einem  Grabe  mit  dem  brllannten 
JJominikaner  Joh.  UeroÜ  if  1468)  btslattrt  uxirdrn  eein.  Art  einer  benUehbarteu 
•Sänl«  hallt  man  eine  Inschrift  (nicht  mehr  erhallen)  mit  eintr  Notit  über  die 
hridm  Toten  angebracht.  Ich  glaube  nicht,  doKS  mit  diesem  rehr  npSlen  Zi-ugnis 
»rgrnd  eitPai  aneufangm  ist.  J-k  sieht  mit  dem  Prolog  der  Ausgahe  eon  1612 
und  anderen  Srrichten  durchaus  im  Widerspruch.  Schon  das  Datum  1300 
trwtckt  Misetrauen,  denn  damaUt  vor  Seuee,  drm  der  Vater  nach  srinrm  Tade 
rrechienen  edn  soll  <Vita  ää,  ^Iff-I.  erst  ein  jMtar  Jahrr  alt.  Seinr  Familir 
gthSrtt  auch  schverlieh  dem  Hoehadei  an.  Es  gab  ferner  gar  kein  Gra/en- 
^taehUeht  ,von  Berg  und  Sausenbei-g' :  die  Burg  ,Satigenberg  (2'/s  ft'id.  eOdtoeullieh 
von  MüUheim  im  Breisgau)  war  im  Beeitäe  der  Marhgri^frn  ron  Baden-Haeh- 
herg  und  erst  1306  nannte,  sich  rin  Zweig  des  Geschlechtes  infolge  Teilung  des 
Beeiltex  BaehbvrgSaueenberg  iidrr  Hachbtrg-Rötteln  (».  die  Hegesten  der  Mark- 
grafm  von  Baden  und  Uachbrtg.  I  bearbeitet  von  B.  Erster  lUOO,  h  60ff. 
Kindter  von  Knobloch,  f>he.-badische»  Getehlechteriwh  l  [189HJ  äoitf.). 
Es  «eheint  gane,  alt  ob  jene  Nachricht  durch  fwien  findigen  Gelthrtrn  au»  dtvi 
Namrn  Saueenbtrg  (Sueenberg  =  Berg  dr^  8aao,  vgl.  A.  So  ein,  Mhd.  Namtih- 
buch  19*13,  196;  Krieger,  Topograph.  Wtbch.  von  Baden  II',  7^91  heraus 
komirinierl  irorden  icäre.  Man  mag  auch  die  Vermutung  wagen,  data  Markgraf 
Heinrich  II  von  Hachberg,  der  um  139a  in  dm  Deutschorden  trat  und  1300, 
unbiikannt  «ro,  starb  (vgl,  Fester  a.a.  O.  h  II,  94)  im  Htgmsburgrr  Duminikanrr- 
kluitrr  bestattet  wvrde  nnd  dast  sein  Grab  später  Anlas»  eu  jetirr  Legende 
gab.  liier  sei  angefügt,  dose  dns  neue  Material,  das  Dcniflr  nach  einrr 
Mitteilung  Strauchs  iii  DeuUche  Lit.-Ztg.  ISbl,  84:  Afda  IX,  143 ,•  Alig. 
dtech.  Biogr.  37,  179  aafgefundeti  haben  sollti;  sich,  irie  er  mir  selbst  1901 
engte,  auf  die  nl)mgenanntci',  in  ihm-  IJ-'dittliciiri  anfange  sehr  AbtrschiilitCH 
Berichte  beschrSnkt. 


()8*  Einleitunjü:.    II.     Sense«  Leben  und  Werke. 

zu  Konstanz  tviederholi  eine  Uolle^).  Konrad  dictus  Tuchsciierer 
de  licryej  128G  bezeugt ^^)j  war  lieUcivht  Heusvs  Vater,  —  manclif 
Patrizier  verschmähten  es  nichts  ein  vornehmeres  Handwerk,  wie  d<is 
der  Tuchmacher,  bezw,  Tuchhandel  zu  hetreiben.  In  Ulrich  von 
lier(jy  Chorherr  bei  St,  Johann  in  Konstanz,  d-er  1298,  1301  und 
1307  nrkundet  %  dürfen  wir  wohl  einen  Oheim  des  Mystikers  sehen  *). 
Damit  ist  nun  auch  mit  ziemlicher  Wahrscheinlichkeit  gegeben, 
dass  Seuse  selbst  in  Konstanz  geboren  ist.  Das  älteste  Zeugnis,  dos 
wir  besitzen,  die  Unterschrift  des  oben  S.  02*  beschriebenen  Ulmer 
Holzschnitts  von  ca,  1470  besagt  deutlich:  hainrich  füs  ze  costentz 
geborn  am  bodmersee.  Im  Ernste  kann  wohl  nur  Überlingeti 
Konstanz  die  Ehre,  Geburtsort  Seuses  zu  sein,  streitig  machen,  und 
in  der  Tat  haben  nicht  wenige,  nachdem  früher  Konstanz  in  der 
Vorderhand  gewesen  war,  den  eingehenden  Darlegungen  Kärchers'*) 
folgend,  wenn  auch  teilweise  mit  Reserve,  sich  für  erstere  Stadt 
entschieden  ^),  Doch  sind  die  Beweise  schwerlich  stichhaltig,  Kar  eher 
legt  mangels  älterer  ^Nachrichten  das  Haupfgewic/it  auf  das  negative, 
bereits  als  unhaltbar  nachgewiesene  Moment,  dass  sich  in  Konstanz 
kein  Geschlecht  von  Berg  nachweisen  lasse,  ferner  auf  drei  in  Über- 
lingen aufbewahrte  Seusejwrträts,  welche  die  Aufschrift  tragen,  dat^s 
der  DargesteJlte  ebendort  (um  1300)  geboren  sei,  ttnd  auf  die  Lokal- 

')  Seit  l:ili]  öfters  in  Konstanz  urkundlich  bezeugt:  vgl,  die  Zusammen- 
stellung in  Hist,-pol.  BL  a.  a.  O.  61  ß.,  ötiff.  und  daeu  Heg.  ep.  Cntutt,  II 
M.  5814,  603Ü  (IStiS  und  1301  Knnrad  von  Berg),  n.  6317  (Johann  von  Berg 
[de  Monte],  Kleriker,  öff'entlichir  kaiserlicher  Xotar),  n.  6440,  6441  (1377 
Bruder  Huhert  von  Berg  /de  Monte],  ep,  Uossensis,  Weihbischof  Heinrichs  111 
von  Konstanz).  Nicht  hieher  werden  gehören :  f rater  Johannen  de  Berg  connrsus 
(1319)  und  F,  Thomas  de  Bergen  (1361),  beide  im  Xeci'ologium  des  Freiburgir 
Dominikanerklosters    nrreichnet  f  Freib.  Diöz,-Arch.  X  V^I,  4:2). 

-)  Würftemb.  l'B  IX,  79:  Fürstenb,  ÜB  V,  lini:  K.  Begerle,  Die 
Knnstanzer  Uat.slisten  l}<9ti,  63 f.  Das  Haus  derer  von  Berg  lag  (1360)  in  der 
Paulsgassc  und  hifss  ,Bur  Taschen*,  vgl.  K.  Beyerle,  (rrnndeigeniumsverhüli' 
nuise  im  mitiehdterl.  Konstanz  II  i  190:2)  37 5 f,:  Marmor,  Gcschichtl.  TrtjtO' 
graphie  von  Konstanz  ItiOO,  1^0, 

'^)  Cod.dipJom.  Salem.  II,ö3t^:  III,li?9:  Reg.  Kp.  Consi.  II  n.  3,H)8,3Q19: 
Freih.  Dün.- Archiv  1903.  131  f.  In  der  Urkunde  von  130 J  wtrden  sein  vir' 
storbener  l'ater  Man/uard,  seine  Matter  Mcchthild  und  seine  Schttester  Mar* 
garet a  genannt. 

*i  Dies  ist  auch  die  Ansicht  Begerles,  Fr  eilt,  Diöz.- Archiv  1903,137, 

'*)  S.  den  oben  S.  63*'  Änm.  1  zitierten  Aufsatz:  vorher  schon  ähnlich  im 
Vreih.  kath.  Kinhcnblatt  lüiit:.  .76V.\r".,  371  f.,  3iSlf. 

'•;  So  namentlich   hcnifle,  Pregrr,  Siran  eh. 


Geburtsjahr  und  -Ort,  Abstammung.  69* 

traditiofiy  welche  cUis  Haus  Nr.  492  in  der  seit  1889  so  genannieih 
Susogasse  als  sein  Geburtshaus  bezeichne.  Allein  jene  Bilder  gehören 
d^m  18. f  frühestens  17.  Jh.  an  und  haben  somit  ganz  geringe  Auk- 
torifäf,  die  Tradition  aber  für  das  angebliche  Susohatis  ^),  das  vor 
einigen  Jahren  mit  Hilfe  der  badischen  Regierung  pietätvoll  restanrieH 
wurde  und  immerhin  eine  Sehenswürdigkeit  der  Stadt  bildet,  ist  mit 
Sicherheit  kaum  über  100  Jahre  zurück  zu  verfolgen,  ja  ihr  Vor- 
Iiandensein  wird  von  Sevin^)  ganz  in  Abrede  gestellt. 

Es  bleibt  aber,  wenn  auch  Seuse  selbst  allem  tiach  zu  Konstanz 
geboren  ist,  doch  die  Möglichkeit  offen,  dnss  Seuses  Mutter  aus  Über- 
lingen stammte,  wie  auch  Murer  und  S teilt  berichteti.  Dann  würde 
sich  am  ungezwungendsten  erklären,  wie  man  dazu  kam,  Überlingen  als 
Heimat  Seuses,  der  sich  nicht  nach  dem  Vater,  sondern  nach  der 
Mutter  nannte,  zu  bezeichnen.  Zwar  lässt  sich  der  Familienname 
Sus,  Süs^)  im  späteren  Mittelalter  in  den  Gegenden  am  Bodensee  und 


»)  Näheres  Hist-poh  Bl,  a.  a.  ().  113 f.  Bas  im  ältesten  Teile  Überlingens 
gelegene  Haus  kann  nach  dem  Urteil  Sachverständiger  seinem  Kerne  nach  wohl 
in  das  14.  Jh.  zurückreichen;  vgl.  /*'.  II.  Kraus ,  Kunstdenkmäler  des  Gross- 
herzogt  ums  Baden  I  (1887)  666  f.;  H.Sevin,  Üherlinger  Häuser  buch  1890,  60. 

-)  Kaiser  Rotbarts  Fronhof  72. 

'^)  Die  älteren  Hss,,   welcfie  dem  alemannischen  SpracJigebiet  angchönn, 
schreiben  durchweg  Süs,  Suse,  oder  auch  SuR(e),  Heinrich  von  Nördlingen:  der 
Susze  (Strauch,  M.  Ebner  XXXI,  22)   und  der  Süsse   (LI,  86  f.).    Dem  Suse 
entspricht  in  schwäbiscMayrischer  Mundart  Seuse,  dem  Sus  —  Saus.    Erstere 
jF^orm  ist  besonders  durch  die  Augsburger  Aufgabe  V07i  1482  verbreitet  worden 
■uiui   durch  Denifle  wieder  in  Aufnahme  gekommen;   Suso  ist  das  latinisierte 
*Süse   uiul  kommt  schon  im   14.  Jh.  vor   (so   in   dem  später  zu   erwäJinenden 
J^pitaph  von  1366).     Der  Personenname  Sus  (sus)  scheint  nach  Förstvmann, 
^ItdetUsches  Namenbuch  /*  (1900)  1373  zu  dem  ahd.  süson,  süsjan,  mhd.  süstn, 
^usen,  nhd.  sausen  gu  gehören;   ein  Suso  findet  sich  zuerst  im  9,  Jh.  {Tradi- 
tionen   Corbeienses   ed.  Wigand  1843,  244),     Ebenso  pflegte   auch  Seuse  selbst 
meinen  Namen  abzuleiten:   nach  dem  Prolog  von  1612  —  die  Anekdote  scheird 
fßliiuhhaft  überliefert  —  munterte  er  bei  seinen  Predigten  seine  Zuhörer  und  sich 
selbst  auf  mit  den  Worteti:  Merckt  auflP,  wanu  der  seüss  will  seüssen^  oder:  Nu 
wolan    seüsz,   du   must   seusen ;  wenn   er  das    Volk  strafen  wollte,   sprach  ei-: 
Da  mäsz  der  seüss  seusen,  das  euch  die  oren  seüseu ;    oder,  wenn  er  sich  nicht 
getraute,  etwas  zu  sagen:   Der  seüsz  getar  da  nit  seüseu.      Vielleicht  liegt  auch 
in  Vita  27,21:  süsent  uf  in  die  hohi  eine  derartige  Ansjjielung  vor.    Ohne  Grund 
bringen  St eill,  We y ermann  und  K ä r eher  den  Namen  mit  dem  mhd.  stiege 
(dulcis)  zusammen  (vgl,  auch  die  Ubtvschrift  der   Vita  7,1  nach  M :  der  wnder 
sües).  —  -411/  einer  Verwechslung  von  G  und  S  scheint  es  zu  benihen,  wenn  in 
der  Hs,  S (s.  oben  S,  8*)  geys,  und  bei  Zittard,  Kurze  Chronica  des  Domini- 
kanerordens, Uilingen  1596,  47,63  {doch  vergleiche  am  Schlüsse  die  Errata  and 


70*  Einleitung.    IL    iSeuseH  Leben  und  Werke. 

Oberrhein  f:erschie(l^  tätlich  nach  weisen  %  doch  scheint  auch  in  Über- 
lingen eine  Familie  dieses  Namens  existiert  zn  haben,  da  sich  in 
einem  Anniversarienverzeichnis  des  dortigen  Pfarrarchivs  152S  ein 
Jahrtag  für  Siisanna  Süserin,  ihre  Vorfahren  und  Nachkommen^ 
notiert  findet^  Kaum  wird  man,  wie  Sevin  (s.  oben  S,  6ß* 
Anm,  7 )  will,  die  eine  halbe  Stunde  westlich  von  Uberlingm  gelegene 
Süssen-  bezw,  Siessenmühle  hier  hereinziehen  dürfen,  da  dJc  Ableitung 
dieses  Namens  ganz  unsicher  ist'^), 

II.  Jugeudzeit,  Eintritt  ins  Kloster,  Beltehmng. 

Die  Eltern  de.H  jungen  Heinrich  *)  von  Berg  waren,  wie  er  selbst 
erzählt  (23,21  Jf\,  142,17 ß',),  sehr  ungleichen  Charakters;  schroffe 
(iegen^ätze  standen   einander   gegenüber ,    wie   wir   es  im  Mittelalter 


Strauch,  M.  Ebner  364)  Geins  geschrieben  ist:  es  ist  aber  auch  möglich,  dojts 
eine  Konfundierant/  mit  dem  Wiener  Vrofessor  und  Dr,  theol.  Johannes  Geuss 
(Geizig  f  1440,  vorliegt,  der  verschiedene  asketische  Schriften  verfasete  (die  Uss, 
721  und  756  in  Giessen  enthalten  Coliationes  super  Ave  Maria  und  Sermonet 
von  ihm). 

')  So  in  Wil  bei  SU  Gallen  (St.  Galler  ÜB  111,  360,426  ll32ü  des  8Ü8en 
niüli/;  IV,  053),  in  Strassburg  (vgl,  Anm.  zu  74.2)  und  Basel  (Siiser,  ÜB  JIJ, 
142  f.;  IV,  173,261):  vgl  auch  So  ein  a.  a,  O.  443,  Ober  die  in  einein  Briefe 
Heinrichs  von  Nördlingvn  (Strauch  XXIX,  37 f.)  vorkommende  Sussin  ze  Hoch- 
stctten  vgl.  die  Anm.  zu  74,2. 

-)  Genaueres  Hist.-pol,  Bl,  a,  tu  (),  KKi  Anm.  2. 

•')  Von  einem  Bersonennamen  Süs,  oder  von  ahd,  sioeza^  WeideplaWif 
Vgl.  Buch,  Oberdtsch.  Flurtiamen  1860,  259:  ders.  in  Schriften  d.  Ver.  f. 
Gesch.  d.  Bodensees  XI,  113;  Krieger  a.  a.  ().  1132, 

*)  SchuuTlich  echt  ist  der  Xame  Johannes,  der  sich  in  manclien  Hss. 
des  Hör.  (MO  in  Clm  1860S,  1^137:  Cod.  Mellic.  106  usw.)  und  namentlich 
in  den  Hss.  der  nltfransösischen  ÜbtrsHzung  ditscr  Schrift  ( t^uetif  et  Kchard  I, 
653:  Theol.  Stud.  und  Krit.  ItHo,  852),  dagegen  nur  ganz  vereinzelt  in 
deutsrhin  Hss.  (s.  oben  S,  S*:  vgl.  >S.  f;9*  Anm.  3)  Jindet,  -  -  Der  Name 
Amandas,  ,Liebetrnut^  oder  ,Herj:rnfraui^  (vgl,  140,7),  ist  nicht,  wie 
rielfach  geschieht  (K ü rv h  e r  20t):  Vetter  2't :  Strauch  169  uew,)  als 
Klostername  aufzufassen  —  die  Ihnninikamr  jjjlegten  damals  bei  der  Profess 
den  Namrn  nicht  zu  ändern,  ■  -  sondern  gewissermassen  als  Seuses  nom  de  guerrt 
als  Mystiker,  den  tr  nach  seiner  Krzühlung  in  der  Jugend  von  der  ewigen 
Weisheit  selbst  erhielt  (Hör.  216:  in  eti  visionis  gnitia  quodam  novo  et  luystico 
nomine  ab  ipsa  [Sapientiti]  vocatus  frator  Amandus;  vgl.  tbd.  17,222).  Es  wäre 
sonst  nicht  zu  erklären,  doss  der  Xamt  xcedtr  in  einer  deutschen  Hs.,  noch  hei 
Heinrich  von  Nnrdlingcn  oder  Joh.  Meger  odtr  in  Seuses  Kpitaph  vorkommt, 
sondern  nur  in  zahlreichen  Hss.  des  Hör.  (rgl,  Strange  5;  QuHif  et  Kchard  I, 
653,   656 f.:     (Um    7819,    14604  usw.):    düse   schöpften    ihn    eben    einfach  üus 


nicht  iifltrn  antreffen  ').  Der  VaUr  wnr  durchaus  u-fllUch  ifemtiii, 
die  Mutter  dayegeH  eine  .heilige'  Frau,  ,mit  deren  Herz  und  Leih 
Oott  Wundtr')  wirkte  bei  ihrem  Lehen';  sie  war  .voll  Gottes"  und 
hätte  gente  darnach  ,lieiUg',  U.  h.  ihren  Übungen  der  Frimmiijkeil 
und  Askc'»'  ijelebt,  allein  d-es  Mannes  rauhe  Gemiitmrt  war  dein 
abgmtigl,  und  so ßd  ihr  manches  Leiden  zu;  sie  tcar  ,aUe  ihre  Tage 
eine  groxse  Leiderin'.  Beide  Eltern  starben  tvohl,  efte  der  Sohn, 
neben  dem  nur  noch  con  einer  Tochter'),  die  Klosterfrau  wur,  die 
Rede  ist  (70,17 Jf.),  das  volle  Mannesalter  erreicht  hatte.  Auf  seinen 
<i eist  und  Charakter  hat  die  Mutter  massgebenden  Einßuss  auageübt; 
das  überviächtige  religiöse  Üe/iihl,  dfis  die  edle  Frau  einst  .minnesiech' ') 
machte  und  am  Karfreitag  oor  Teilttahtne  an  den  Leiilvn  des  Ge- 
kreuzigten sterben  lieng,  das  iiebeswarme,  weiche  und  sinnige  Gemüt 
mit  dem  Zug  ins  Elegische  ist  als  ihr  Erbteil  auf  ihn  übergegangen. 
Wahl  glaublich  ist  es  daher,  wenn  berichtet  wird"),  er  habe  steh 
gftäler  nach  der  Mutter  Geschlecht  genaniU;  schon  ]3:i8  bezw.  J347 
ttennt  ihn  Heinrich  con  Nördlingen  ")  sehlevhtteeg  ,den  Süssen',  und 
unter  dem  Stichwort  ,d«r  Stise'  ging  später  die  Vita  (vgl.  7,1)  bezw. 
il/is  Exemplar  in  die    Welt. 

Den  von  Jugend  auf  kränklichen  (56,16 f.,  280,1  f..  Hör.  83, 
ln6)  Knaben,  der  wohl  für  einen  weltlichen  Beruf  nicht  recht  tnugen 
mochte  (vgl.  146,11 ),  bestimmten  die  Eltern  für  das  geistliche  Leben 
und  //rächten  ihn  im  Alter  rion  lü  Jahren  den  Dominikanern  in 
JConstans  als  Novizen.     Dax  idyllisch    am  Ausßnns  des  Rheins  aus 

i.  TT  e.  7  tlts  Bor.,  wie  auch  /,  Ji.  NolUn,  um  ,Schlu»fe  de»  Bm-ht«  in  Clin 
'7819  und  1S313  draltieh  zeigt".  üntiUreffmil  ist  f»,  wenn  der  l'riilog  eon 
35tü  tiagt,  S*iut  habe  dtn  Nameu  Amandu/i  bti  Lebenleu  geheim  gthatlen,  der- 
eelbe  »ei  erst  nach  xtineiH  Tode  in  »einen  OJfcnbai-ungen  ff^unilen  wurdtii.  Aber 
<r  utand  ja  in  arm  1334  publieierten  Horologium!  Ein  Dominikanrr  Amandwi 
iet  1396  (Basier  ÜB  III,  Uli  u.  13<)3  (ah  Priniintial  doh  Teulmin,  vgl. 
Pregrr,  Vorarbeiten  391  btitugf. 

te')  Ein  intcrtutantt»  Beispiel  ertShlt  Stuse  Hör.  Llfj. 
•)  Das   Wort    wunder   i244)   ist   nicht   bucltstäbtieh   tu  fassen,   simdtrii 
wich   auf  du«  J42,36jl'.  eraäUU  Vuthommnit  (vgl.  auch  07,4.  103,4). 
*)  Murer  ■31,'>  sjiriclii  Boit  mehreren  Kinrlem,  Kcl'UirrUch  als  suvtrliissiger 
^-....„lerstatler. 

■)  Gant   dasselbe   mied    von    Btli    fo«   Sure   in    Thts   (Vilm   ed.    V'ilir 
1  Elisabeth  ron  Hsulingen  ««  WUer  erzählt. 
[ »)  Prolog  drt  ßrackts  von  1513. 
b^  Büege  oben  3.  US'  Anm.  3. 


72*  Einlcitim«^.    Tl.    Seuscs  Lehen  und  Werke. 

dejn  Bodensee  gelegene  Inselklosfer^)  (vgl.  48,8 f.)  war  foHan  die 
längste  Zeit  seines  Lebens  seine  Heimat j  und  die  Handschriften  d^s 
Hör.  *)  bezeichnen  ihn  mit  dem  offiziellen  Titel  als  frater  Henricus 
Su80  (bezw,  fr. .  Amandus)  ordinis  praedicatoram  conventus  (od^r 
domus)  Constantiensiß.  Der  Predigerorden  stand  damals  in  Deutsch- 
land auf  dem  Höhepunkt  seines  Ansehens  vnd  seiner  Exj^ansivkrafty 
und  übte  als  der  vornehmere,  die  Wissenschaft  ex  ]yrofes>o  pflegende 
Zweig  d^r  Bettelorden  auf  die  Söhne  adeliger  Familien  immer  noch 
eine  nicht  geringe  Anziehung  aus  *);  im  Innern  des  Ordens  freilich 
begann  die  ursprüngliche  Zucht,  welche  fast  das  ganze  13,  Jh,  stand- 
gehalten hatte,  sich  zu  lockem,  und  es  zeigten  sich  manche  bedenkliche 
Spuren  d^s  Niedergangs.  Das  Konstanzer  Kloster  machte  hierin 
keine  Ausnahme  ').  Es  hat  Seme  später  bittere  Seelenpein  verursacht^ 
als  ihm  gesagt  wurde,  seine  Eltern  hätten  hei  Gelegenheit  seiner  Auf- 
nahme ins  Kloster,  die  sonst  nicht  vor  dem  15.  Jahre  geschehen 
durfte,  ein  grösseres  Geschenk  gemacht  (62^:^3 ff.,  vgl,  die  Anni.  dazu). 
Wir  wissen  nicht,  ob  dabei  wirklich  eine  Unordnung  vorkam  —  der 
Kontert  spricht  schwerlich  dafür,  —  jedenfalls  aber  spiegelte  seine 
aufgeregte  Seele  ihm  vor,  ^.s-  sei  Simonie  gewesen,  und  er  litt  gegen 
zehn  Jahre  schwer  darunter,  bis  ihn  Meister  Eckhart  durch  rer- 
nünftigc  Belehrung  von  seinen  Skrupeln  befreite. 

Die  ersten  fünf  Jahre  des  Klo.'<ferleben.<i  verflossen  ohne  etwas 
Aussergewöhnliches ;  wie  der  rückwärtsschauende  Asket  in  strenger, 
wohl  allzu  strenger  Selbstbeurteilung  erzählt  f  Vita  8, 4 ff.;  Bdew  Kap,  1; 
Hör.  15  ff'.  56)^  trug  er  zwar  .geistlichen  Scheint  d.  h.  das  Ordens- 
gewand, das  nach  aller  Anschauung ,  rechtlich  betrachtet,  an  sich 
schoyi  den  Mönchscharakter  verlieh  '),  aber  sein  Gemüt  blieb  jun- 
gesammelt^  er  begnügte  sich  mit  dem  Gewöhnlichen,  ohne  sich  besondere 
sittliche  Anstrengungen  zuzumuten.  Doch  .seine  ideal  angelegte  Natur 
fand  bei  dieser  Halbheit  auf  die  Dauer  kein  Genüge-,  er  war  in 
seinem    Innern    stets    unruhig    und    unbefriedigt,     ein    unbestimmtes 

••)  1236  (/eg rundet,  i/^i3  ron  Kauter  Joseph  II  aufgehoben,  seil  lS7i 
,  Insel  hotel\ 

')   Vgl.  oben  ö'.  70*  Änm.  4. 

•')    Vgl.  Fiiike^   Ungedruchii  Domimkanerhricft  dis  13.  Jh,  lisDJ,  10. 

')  Vgl.  Vita  'J,üOJ).  J4ö,:JoJf'.  ^ach  Hör.  VJ  gingen  manche  Mönche 
nach  der  Xon  in  div  S'tndt,  um  Bikanntv  zu  b(Sut'hni :  dir  disciirsus  inutiles 
evaü^elizantiiim  tadelt  /sV«,vt  scharf  ( l.  c.  111).  \Vriterr.s  üher  die  Zustünde 
im   l'redif/crftrdi  ft   uitti'r  /)  7. 

■•)    \'g/.   li.  Schert  r,  Kirchenrecht  11  (If^UI)  tSOö*. 


Der  Dienst  der  ewigen  Weisheit.  73* 

Sehnen  und  Dürsten  nach  etwas  Grosseniy  das  die  ganze  Seele  aus- 
füUtj  bewegte  ihn  unablässig  ^).  Die  innere  Umwandlung,  psychologisch 
schon  lange  vor  bereitet,  verdichtete  sich  in  seinem  18.  Lebensjahre, 
also  um  1313^),  zu  dem  durchgreifenden  Ent-schluss  (der  geswinde 
ker  8,14),  sein  Leben  fortan  ohne  Uückhalt  in  den  Dienst  Gottes 
zu  stallen.  Durch  einen  ,verborgenen  lichtreichen  Zug  von  Gott^ 
fühlte  er  sich  mächtig  gestärkt,  durch  Kampf  und  Askese  hindurch 
nach  der  ^höchsten  Kunst  rechter  Gelassenheit  (o3,6  f.  15)  zu  ringen. 
Und  er  führte  seinen  Vorsatz  aus,  obwohl  dem  Anfänger  Zweifel 
über  das  Gelingen  und  fremde  Einreden,  selbst  Spott,  nicht  erspart 
blieben  (8,21  f.  Hör,  18  f.)  und  er  unter  seinen  Klostergenossen 
keinen  gleichgestimmten  Freund  fand,  der  sein  Streben  hätte  unteryti'ffzen 
können  (9,20  f).  Mit  rf^r  Ablegung  einer  Lebensbeichte  (-13,13  f 
99,20  f.)  begann  er  seine  ,Vita  nuova',  die  er  in  all  ihren  Phasen 
mit   rückhaltloser  Offenheit   und    unnachahmlicher  Zartheit  schildert. 

III.  Der  Dienst  der  ewigen  Weisheit. 

Die  Religiosität  Seuses  nach  seiner  Bekehrung  nahm  eine  ganz 
^charakteristische,  ihm  eigentümliche  Ausprägung  an.  Wir  sehen  in 
yjir  von  Anfang  an  zwei  verschiedene,  scheinbar  sich  widersprechende 
Jiichtungen  neben  einander  herlaufen:  die gefühlsmässig-schtvärmerische 
9^nd  die  asketisch-selbstquälerische, 

^Er  hatte  von  Jugend   auf  ein   minnereiches  Herz\   bekennt  er 

^j)on    sich   selbst  (11,27 y   vgl,   12,14  f,   Hör.   10).      Seiner   lebhaften 

J^hantasie  genügte   es  aber   nicht,    Gott   nur  im   allgemeinen   als  das 

Jdcal  der  Güte  und  Schönheit  sich  vorzustellen,  es  r  er  langte  ihn  nach 

Einern  Sgmbol,  oder  besser  einer  Personifikation  der  göttlichen    Voll- 

fcommenheitenj  die  ihm  greifbar  nahetreten  und  mit  der  er  in  Verkehr 

treten  konnte.     Er  fand  diese  in  der  „ewigen    Weisheit^,     In  seiner 

Vit(i  (Kap.  3)  und  noch  deutlicher  im  Hör,  (15  ff.)  berichtet  er,  wie 

er  zu  dieser  Vorstellung  kUm  und  welche  Entwickhingsstufen  sie  bei 

ihm    durchmachte.     Angeregt   von   den  ,Lil>ri  Sapientiales*   des  alten 

Testamentes,  besonders  dem  Buch  der  Weisheit,  den  Sprüchen  Salomos 

lind  Jesus  Sirach,    deren  Aussprüche  über  die  „ewige   Weisheit**  seit 


*)  Die  Erzählung  ti,4Jf',  erinnert  nn  diejenige  der  hl.  Gertrud  im  Legatus 
divinae  pietatis,  lievelat.  Gertrud,  ac  Mechthild,  1  (1675)  103 ff. 

')  Unrichtig  Seeberg  135:  „seine  Btkehrutfg  geschah  am  St.  Agnestag. 
also  am  Ul,  Jan.  1313**.  Aber  es  handelt  sich  hier  (Vita  10,11  f.)  um  eine 
Vision,  die  ,in  seinem  Anfangt,  d.  h.  in  der  ersten  Zeit  nach  der  Bekehrung 
,tfich  ereignete. 


74*  Einleitung.    II.    Seuses  Leben  und  Werke. 

alters  von  der  theologischen  Spekulation  nicht  bloss  auf  die  Eigen- 
"ichaften  Gottes,  sondern  auf  eine  eigene  göttliche  Ugpostase,  den 
Logos,  gedeutet  und  in  der  kirchlichen  Symbolik  und  Liturgie  des 
Mittelalters  vielfältig  in  diesetn  Sinne  verwendet  wurden  (vgl.  oben 
S.  51*  A.  2  u,  S,  60*  A.  S),  fasste  er  sie  zunächst  ganz  allgemein  ah 
den  hibegriff  alles  Schönen  und  Liebenswürdigen,  identifizierte  sie 
aber  dann  fortschreitend  mit  dem  ,ausquellenden  Ursprung  der  blossen 
Gottheit^  (14,30  f.),  d.  h.  mit  dem  göttlichen  Wesm  an  und  für  sich, 
darauf  konkret  mit  der  persönlichen,  menschgewordenen  ewigen  Weis- 
heit: Christus,  ohne  jedoch  die  allgemeinere  Auffassung  ganz  auf  zu- 
gebest, und  lässt  auch,  wie  es  in  der  Liturgie  geschah  bezw.  geschieht^ 
die  Bezugnahme  auf  Maria  dann  und  wann  miteinfiiessen. 

Seine  Seele  rang  nach  bildlichem  Ausdruck  seitter  inneren  An- 
schauung und  begehrte  die  Geliebte  zu  sehen;  sie  zeigte  sich  auch 
wirklich  seinen  ,inneren'  Augen  in  bedeutungsr ollen,  der  hl,  Schrift 
entnommenen  Bildern:  sie  leuchtete  wie  der  Morgenstern  inui  strahlte 
wie  die  aufgehende.  Sonne,  bald  erschien  sie  ihm  als  schöne  Jungfrau, 
bald  als  edler  Jüngling,  bald  als  weise  Meisterin,  bald  als  stattliche 
Minner  in,  und  sprach  zu  ihm  gütlich:  ^Sohn,  gib  mir  dsin  Herz!*^^) 
(14,10  ff.  Hör.  20 f  57).  Die  Worte  Pauli  ron  Christus  als  ,Gottes 
Kraft  und  Weisheit^  (I  Kor,  1,24),  ,iH  dem  alle  Schätze  der  Weis- 
heit und  Wissenschaft  verborgen  sind*  (KoL  2,H),  Wiegen  ihn  weiter 
auf  die  zweite  göttliche  Person  hin,  durch  deren  leidende  Menschheit 
er  zur  Gottheit  vordringen  solle  (Hör,  21,25;  Bdew  203,8ff.).  Als 
Sinnbild  der  ewigen  Weisheit  in  letzterem  Sinne  erschien  ihm  der 
Name  Jesus  (400,20 ff'. ),  und  ihm  widmete  er  einen  bis  ins  kleinste 
geregelten  Kult,  der  in  der  ,Bruderschn/t  d4*r  ewigen  Weisheit^  in 
weitere  Kreise  verbreitet  wurde  (Kap.  45;  393,8  ff.).  Daneben  führte 
er  aber  doch  stets  die  Idee  der  ewigen  Weisheit  auf  ihren  lJrsi)rung 
und  Quellpunkt,  das  Wesen  Gottes  als  den  ,grundlosen  Abgrund  aller 
Zartheit,  Schönheit,  llcrzenlust  und  Lieblichkeit'  (14,29  ff.  Hör.  22) 
zurück.  Einen  unauslöschlichen  Eimiruck  machte  es  auf  ihn,  als  er 
am  St,  Agnestag   erstmals  in  einer    Verzückung   corübergeliend  jenen 


\)  Aus  der  prfivhiiyt'U  Schildtrung  der  Viia  hat  Herder  den  Vorwurf 
zu  aeinein  schönen  (rcdichie  .JJir  cwuje  Weisheit'*  (abgedruckt  hei  Diep.  21 — 24) 
(jenommcn.  Eingehenden  (Quellennachweis  hat  R.Kv hier  geliefert  in  , Berichte 
der  Kgl.  aiichfi.  Gesellschaft  der  Wiss.'  7667,  l<)5—24  (dir  Aufsatz  inceitert  m 
Köhlers  Kleineren  Schriften  III  llSOOj  107-21)  und  festgestellt,  dojss  Herder 
nicht  den  Urtext,  sondern  Murer,  Jlelvetia  s.  31UJf\  benutzt  und  das  Gedicht 
1796  verfassi  hat. 


Der  Dieust  der  ewigen  Weisheit.  75* 

Zustand  des  Sichselbstverlierens  und  der  mystischen  Einigung  mit 
Gott  erlebte  (Kap.  2,  Hör,  22),  auf  den  alle  Mystik  hinzielt. 
Was  er  da  sah,  kann  er  nicht  beschreiben:  es  war  formlos  und 
weiselos'  —  die  Vision  war  also  mehr  eine  intellektuelle  als  eine  bild- 
liche^) (vgl.  Hör.  22:  in  hoc  fontali  principio  nee  forma  erat  nee 
materia)  —  und  doch  war  es  alles  Entzückens  voll;  er  konnte  nur 
^ch  selbst  vergessend  einstarren  in  den  glanzreichen  Widerschein  der 
Gottheit.  Als  die  Erscheinung  zu  Ende  war,  sank  er  erschöpft  wie 
ohnmächtig  zu  Boden,  seine  Seele  und  Gemüt  aber  waren  voll  jhimm- 
lisclten  Wunders',  und  lange  Zeit  blieb  ihnen  der  fühlbare  Eindruck 
davon  *). 

Die  Liebe  zur  ewigen  Weisheit  ist  fortan  die  überirdische  Atmo- 
sphäre,   in   der   Sense   schwebt,    „Diener   der   ewigen   Weisheit*^    die 
stehende  Bezeichnung,  die  er  sich  gibt.     Was  nur  je  irdische  Minne 
an  Lobspriichen   erdenken   kann,   häuft  er  auf  dieselbe:  sie  ist  sein 
Serzentraut   (217 ,4:.  140,7 ),  seines   Herzens  Kaiserin   (15,17),   sein 
jfröhlicher   Ostertag,   des  Herzens   Sommerwonne,   seine  liebe   Stunde 
C 27,1  f.,  Bdew  223,23  ff.,  Hör.  58 ff.),  mit  ihr  glaubt  er  sich  vermählt 
tele  Franz  von  Assisi  mit   der  Armtit  (vgl.  Hör,  217),    und  strömt 
€.i€n  Jubel  seines  Herzois  über  diese  Gnad^  in  Worten  voll  stibmischer 
Megeisterunq  aus  (Kap.  3;  Hör.  215  f.,  vgl,  Preger  II,  362 f).    Er 
^m4)idmet  ihr,  besonders  in  den  Tagen  seiner  ,blühenden  Jugoid^  (110,4), 
<:la  sein  Antlitz  noch  vo7%  frischer,   blühende^'  Farbe   war  (110,14), 
^nen  Dienst  voll  rührender  Zärtlichkeit  ^),  wie  es  ganz  seiner  poetisch- 
womantisehen  Anlage,   seitier  ritterlich-adeligen  Erziehung  entsprach, 
^nd  fühlte  sich  darin  unaussprechlich   selig;    seine   tägliche  Lebens- 
ordnung, seine  ,kindlichen  Andachten^  (110,3),  seine  Naturbetrachtung 
sind   unter   diesen  Gesichtspunkt   eingestellt.     So    wenn   er  ein   neu£s 
Oewnnd  anlegt,   oder   sich  zu   Ader   lässt   oder  die  Tonsur   erneuert 
(110,4 — 25),  wenn  er  Lieder  singen  oder  Saitenspiel  erklingen  hört 
(15,3  ff.),   unterlässt   er  nicht  sie  zu   ,meinen*    und  um  ihren  Segen 
zu  bitten;  das   Weltall  mit  allen  Geschöpfen  ruft  er  zu  ihrem  Lobe 
€/t//(Sur8um  corda!  Kap,  9).    Zu  Ehren  der  ewigen  Weisheit  verfasst 
er   ein   eigenes   Gebetlein    lateinisch    und   deutsch    als   ,Morgengruss* 
(18,12  f,  395,18  ff.)  ^  dessen   V^ er  breitung  er  .sich  angelegen  sein  lässi, 


»)   Vgl  Anm.  eu  342/J6ff. 

*)  Zum  Vergleiche  ist  sehr  lehrreich  die  dichterisch'Symholif<che  Schilde- 
rung der  Ekstase  bei  Bichard  V07i  tSt.  Viktor,  Benjamin  Maior  IV ,  23  (ange- 
führt bei  Krebs,  Meister  Dietrich  [s.  Anm,  zu  328,17]  133  A.  4). 

*)  Hübsche  Schilderung  bei  Bö hringer  304 — 6. 


76*  Einleituiijr.    TT.    Seuses  Leben  nnd  Werke. 

setzt  sie  in  holder  Spielerei  als  Tisch (/enossen  vor  sich  hin,  d<9«a  m 
ihm  Sjms  und  Trank  mpw  (Kap.  7),  erhittH  oon  ihr  am  Netijahr 
wie  die  JUnylintje  in  Schwaben  ein  Kränzlein  (Kap.  8),  und  setzt 
am  ersten  Mai  als  seinen  (jeistlichen  Maibaum  das  Kreuz  mit  allerlei 
lüumenzier  geschmi'tckt  (Kap.  12).  Er  lässt  sich  auch  die  ewige 
Weisheit  in  minniglicher  Gestalt,  wie  sie  Himmel  wui  Erde  in  ihrer 
(reu  alt  hat,  auf  Pergament  malen^  nimmt  das  Bild  mit  auf  die  hohe 
Schule  nach  Köln  nnd  bringt  es  wieder  zurück  in  ,seine  Kapelle' 
in  der  Predigerkirche  ::u  Konstanz,  in  der  er  gewöhnlich  seiner  An- 
dacht pflegte  (103,14  ff.).  Wie  er  in  einem  eigenen  prächtigen  Jw- 
dacht^buche.  dem  Bücldein  der  ewigen  Weisheit,  das  Lob  seiner 
(ieliebten  rerki'nulete,  soll  später  Erwähnung  finden.  Seine  Liebes- 
inbrunst  ging  sogar  so  weit,  dass  er  einmal  in  seiner  Anfatyszeii 
mit  einem  eisernen  Griffel  sich  den  Xamen  Jesus  als  bleibendes  Mal- 
zeichen in  die  Brust  eingrub^),  .gleichwie  weltliche  Liebhaber  den 
Namen  ihrer  Dame  am  Kleide  tragen';  unvertilgbar  blieb  er  da  bis 
zu  seinem  Tode,  nur  zwei  vertrauten  Freunden  und  Elsbeth  Stagel 
offenbarte  er  das  Geheimnis  (Kap.  4;  148,3:^ ff.  393,12/.;  Hor.76,221; 
Minneh.  538,5 f.). 

lY.  Seuses  Kastelun^eii. 

,Zur  Minne  gehört  ron  altem  Uvvht  Leiden^  .Jeder  Minner  ist 
auch  ein  Märtgrer^  ( 13^5  f.),  das  war  Seuses  Überzeugung,  der  auch 
hierin  die  Idee  des  mittel tilterlichcn  Frauendienstes  ins  Religiöse  ilber- 
trägt%  Der  ewigen  Weisheit  zu  lieb  ist  er  daher  bereit,  alles,  auch 
das  sch/rerste  zu  leiden  (31,13  ff.,  ITor.  18fi5).  Vnd  er  wartet  nicJtt, 
bis  Leiden  von  selbst  kommt,  sondern  beginnt  bald  nach  seimr  Be- 
kehrung damit,  seinen  .wilden  Mut\  den  ,verwöhnten,  widerspenstigen 

'i  Ähnliehes  tn'rd  cr::ähh  von  der  hl.  Kadff/undiA  (y  587)  und  Ii!ditha 
(Y  iff^4t,  Vf/l.  Zoch'ivr,  Ashcsr  und  Möudduin  H-  (lt<ii7)  4^*9 :  ders,,  Dan 
Krvuz  (-hri.sti  Lh'tö,  :Ji} :  von  (liriaiinn  Khnt'V,  n/l.  Lochner,  Lehe^i  nnd 
(rcsichtc  der  Chr.  J\  ts'tjj,  11:  ferner  von  Veronika  Giuliani  /-J-  1727),  vgl. 
Stimmm  aus  Maria-J.ntich    n*o't  II,  :Jti4. 

-I  Vf/L  Hör.  SI :  iiiilitiac  siM'cii's  amor  fst:  I.e.  U  f.:  litore  quot  eonehae, 
tot  simt  in  iiiiKuu  ([«»Ions  .  .  .  Kovolve  iiiiiunirra  et  stiipi'uila,  «juao  le^^riHti  et 
iiiulivisti.  qiiiu'  ]in)li])Uilur  liuius  niiiiidi  amatoifs  o\  aiiuire  viuiissimo  su.<^tiDuenlnt•. 
Xoiiiu-  iii*4(Miiis('L'i>ns,  e-iMii  ail  notiriaiii  tuaiii  ])crveint  iuveiii'iu  4iien(lam  tibi  notum 
in  tantiMii  t'iiisse  rascinatmn.  iit  i)b  aniorrui  unius  ]Mi<'lIao  iVrnim  quoddaui  carni 
snat'  intixuin  portarct?  Mnn  fühlt  sirh  aun^illkürlich  an  die  Liebestollheiten 
ririchs  rrtn  I.irhienst.in  (rinnrt,  dor  .sich  um  neini-r  Ihnne  irillen  einen  Finger 
nhharhtt! 


Seuses  Ka8teiun8:en.  77* 

'Leib%  seine  ,lebendige  Naiur^,  mit  der  er  sich  überladen  fühlte  (9,19. 
26.  39,3  ff,,  108,18  ff.,  Bdew  200,20),  durch  ein  erfinderisches  System 
von  Äbtotungen   und  Knsteiungen  zu  bezwingen  und  zu  unterjochen. 
Die  Eingrabung   des  Namens  Jesu   in  die  Brust  ist  schon  erwähnt 
worden.     Seine  Zunge  hielt  er  in   strengster  Hut,  so  doM  er  inner- 
halb 30  Jahren  bei  Tische  nie  das  Stillschweigen  brach  (Kap,  14); 
zehn  Jahre   blieb  er  in   seinem  Kloster  abgeschieden   von  aller   Welt 
(59,30 f.,  103,5 ff.),   trug   lang  ein  härenes  Hemd  und  ei)ie  eiserne 
Kette  um  den  Leib,  schlief  des  Nachts  wohl  16  Jahre  in  einem  engen, 
mit   Nägeln   besetzten    Unterkleid,   die  Arme  in   Sc/Uingen  gespannt 
ocfer  die  Hände   in   lederne  Handschuhe  gesteckt,   die   mit  spitzigen 
Messingstiften   versehen  waren  (Kap.  15).     Acht  Jahre   trug  er  ein 
mit  scharfen  Nägeln  und  Nadeln  beschlagenes  hölzernes  Kreuz  unter 
dem  Kleide  auf  dem  Bücken,  und  nahm  mit  demselben  wie  auch  mit 
einer  eigens  präparierten  Geissei  häufig  Disziplinen  (Kap.  16).    Un- 
gefähr acht  Jahre   schlief  er  auf  einer   alten  Türe   oder   in  einem 
enijen  Stuhle  sitzend,  ohne  hinreichende  Bedeckung  im  Winter,  wärmte 
^ich  gegen  25  Jahre  nie  am  Konventsofen  und  mied  alles  Bad,   ass 
laitfje  Zeit  nur  einmal  des  Tages  und  brach  sich  nicht  nur,   wie  im 
Orden  zu  geuHSsen  Zeiten   üblich,    das  Fleisch,   sondern   auch  Fisch 
find  Eier  ab  (Kap.  17),  enthielt  sich  zwei  Jahre  des  Obstes  (25,8 f.), 
t-rmik  viele  Zeit  keimten  Wein  ausser  am  Ostertag  (46,19 f.)  und  er- 
laubte sich  tmr  ein  ganz  kleines  Mass  Wasser  (Kap.  18).    Nach  der 
-J^IetlCy  die  sehr  früh  am  Morgen  stattfand^),  wachte  er,  auf  blossetn 
Stein  im  Chore  stehend  bis  zu  Tage  (47,8  f).    Vom  18.  bis  40.  Lehens- 
^ Jahre    trieb  Seme   diese   ,marterlichen   Übungen'^),   an   deren  Glaul- 

\)  Das  ^Officium  nocturnum*  ivurde  nicht  überall  zur  gleichen  Zeit  ah- 
gehalten  (um  Mittemacht  oder  1—2  Stunden  später,  vgl.  Mortier,  Histoire 
<ieM  maitres  generaux  de  Vordre  des  frere^  precheurs  I  [Paris  1903 J  ÖSlf,).  In 
JConstans  variierte  man^  wie  es  scheint  (vgl,  47,3 f.),  nach  der  Jahresseit, 

')  Es  mrd  kaum  gelingen,   wie  es  P  reg  er,   Vorarbeiten   124  ff.,  130  ff., 

ttilwnse   versucht   hat,    jene  Kasteiungen  in  Seiises  Ltben   chronologisch  zu 

Jixiereti,    Dazu  sind  die  Zeitangaben  zu  unbestimmt;  etwas  Schematisieren  mag 

dabei  wohl  mituni erlauf tti.    Aus  59,30  f.  dürfte  zu  folgern  sein,  dass  Seuse  die 

ersten  zehn  Jahre  nach  seiner  Bekehrung  (cn,  1313—23)  in  Konstanz  blieb.  — 

Beispiele  gleicher  oder  ähnlicher  Abtötnngen^  wie  Seuse  sie  übte,  können  aus  dir 

Heiligengeschichte  und  auch  fius   der  deutschen  Mystik  in  Menge  beigebracht 

werden;  vgL  z.  B.  Zöckler,  Askese   II-,  521  ff,   457 :   ders,,  Kreuz    Christi 

244^5;   Greiih  351  f   382^3^8,414   (aus   Katharinental   und    Töss);   Pe.:, 

Bibliotheca  ascetica  VIII  (1725)  107,156,297  u.  ö.  (aus  Unterlinden);  Krebs, 

AdelhaUsen  99;  Lochner,  Christina  Ebner  1872  passim ;  Strauch,  M.  Kbncr 

79yitfff.  (vgl,  Anm.  S,  302 ff J.    Auch  Mechfhild  von  Magdeburg   u^dmete  sich 


78*  Einleitung,    fl.    Seuses  Leben  und  Werke. 

Würdigkeit  wohl  nicht  zu  zweifeln  int  *),  %ind  wir  glauben  es  ihm  gerne, 
wenn  er  erzählt,  dass  er  sich  dadurch  viele  Krankheiten  zuzog 
(51,17.  45,18  ff.),  und  dass  zuletzt  seine  ganze  Natur  verwüstet  und 
verdorben  war,  so  dass  nichts  mehr  übrig  blieb,  als  sterben  oder  da- 
von  laifsen  (52,8 f.  55,3).  Das  Resultat  seiner  Kasteiungen  aber 
fasst  er  in  d^n  Satz  zusammen,  dass  alles  nur  ein  ^uter  Anfang' 
und  ein  ,Durchbrechen  seines  ungebrochenen  Menschen'  gewesen  sei, 
worauf  erst  die  ,hohe  Schule  der  rechten  Gelassenfieit'  folgeti  soüe 
(53,1  ff.,  3,10 ff\). 

Die.  Beurteilung  von  Seuses  strengen  Abtötungen  mrd  wohl  stets 
je  nach  dem  Standpunkte  ein^  vei'schiedene  sein.  IVer  die  körperliche 
Askese  prinzipiell  verwirft  oder  sie  wie  z.  B.  Seeberg^  nur  unter 
dem  Gesichtswinkel  der  Reformatoren  betrachtet,  wird  notwendig  zu 
einer  mehr  oder  weniger  scharfen  Verurteilung  gelangen.  Doch  dürfte 
es  in  unserem  Falle  richtiger  sein,  Seuse  zunächst  aus  seiner  Zeit 
und  seinem  Charakter  heraus  verstehen  zu  lernen;  manches  wird  sich 
dann  begreifen  lassen,  zum  Teil  wohl  auch  entschuldigen»  Die  Aus- 
Übung  von  Busswerken,  mitunfer  selbst  in  einer  für  unseren  ver- 
feinerten (ieschmack  abstossenden  Form,  lag  ganz  im  Geiste  des 
Mittilalters  und  galt  als  ein  Teil  der  für  jeden  pfichtmäMigen  Nach- 
folge Christi,  nicht  als  Selbstzweck,  sondern  als  Mittel-  zu  dem  Zweck, 
die  vollkommene  Herrschaft  über  die  sinnliche  Natur  und  dadurch 
die  wahre  sittliche  Freiheit  zu  erlangen.  Seuse  selbst  spricht  sich 
wiederholt  deutlich  genug  darüber  aus  p^'K^^ff-,  ^h^f)  10^,1  fy  107, J6, 
108,18 ff.,  Bdew  289, 2 ff.,  Bf  b  473,20 ff..  Hör.  17 if.  Das  augustinische 
fjjer  Christum  homineyn  ad  Christum  Deum'  (vgl.  34,9  ff .,  168,10. 
184,13  ff'.,  Bd4?w  2o3,i^  lf\,  Hör.  25),  Losungswort  der  ganzen  mittel- 
alterlichen Mystik^),  vom  hl.  Bernhard  in  seinen  Homilien  zum  Hohen 


vom  iiO.—4(K  Lebtnsjaftre  svlnreren  Abtötungen  (ed.  (iall  Mord  94 f.).  Über 
Kasieiungen  der  AnacJioreten  in  der   Wüste  s.  unten. 

•>  Nach  einer  Andeutung  .öX^,7  f.s7  da^  BtHchtete  sogar  nur  ein  Ttü. 

')  :^7 ff.,  vgl.  dtrs.  in  Jiealenzgklop.f.  pratest.  TheoL  11^,  138.  Bichiigir 
dagegen  Behring  er  SJöf.  K.  Fiehiger,  l'hcr  die  Stlbstterleugnung  bei 
den  Hfiaptvertnicrn  der  deutschen  Myaiik  des  MitlelalterSj  Gymn.-Programm 
liritg  JSf>9  und  ItHH),  behandelt  nur  J\ckhart,  Tauler  und  einige  sjHitert  Mystiker, 

')  Auch  Eckhart  denkt  irots  seines  iSupronaturalismus  nicht  anders  (vgl 
rjnffn'2U,14ff.,  400,7 ff.),  ebenso  Tauhr  t Uifh-gc  Ini  Fiebiger  a.  a.  O.,  2.  TeÜK 
Eine  reiche  Sammlung  mn  Stellen  aus  diutschen  Mystikern  bei  Denifle,  Das 
gei.stl .  Lvhen  91  ff.  Vgl.  auch  die  Ausführungen  ron  Denifle  Über  ^Ansckai^ 
ungen  dtT  katholischen  Lthrer  bis  Luther  über  dir  Kasteiungen  und  die  Dis- 
kretion'' in  ,Luthtr  und  Luthertum'  J-  <  UH/4f  301~-l(i  (Siiitff.  über  die  deutschen 


Liede  mit  glühetuler  Begeisterung  vorgetratfen  und  ausgelegt,  hat  der 
schwäbische  Mystiker   mit   (fem  ihm   eigenen  jugendlichen  Feuer  und 
Ungestüm,  dmt  am  Uehsten  nach  dem  äussersten  greift,  aufgenotnmen 
und  ihm  nachgelebt,  nicht  bloss  in  sinniger  Meditation  dfr  via  dolorosa 
des  Erlösers  (Kap.  13;    egl.  Bileir  Kiip.  14),   sondern   in  grtiusfimer 
Wirklichkeit.      Wer  wollte  leugnen,    dam  er  durch   uhermnss  gefehlt 
hat,  auch  wenn  man  den  Mmsstnb  mittelalterlicher  Ethik  mdegt'f   Aber 
er  ist  trots  seiner  übertriebenen  Askese  alt  geworden  und  teilt  mne  Ver- 
irrung,  die  er  später  selbst  bereut  haben  mag,  mit  andern  Frommen  vor 
und  nach  ihm*).     Und  es  tnlu-affnet  unsure  Kritik,  wenn  teir  sehen, 
wie  ir  Elsheth  Slagel  gegenüber,  die  seine  Strenge  nachzuahmen  sucht, 
He  untersagt,    weil  sich   nicht   alles  für  alle  schicke  (107,7 ff.),  und 
i'uch  in  Leitung  seiner  anderen  geistlichen  Töchter   eine   zarte  Dis- 
kretion  und   rühmenswert«  Kindheit   in   hesug   auf  die  Askese   zeigt 
(3fi4,lljf.,  :i88,21f.,  469,25/.,  Hör.  43,222).    In  Jenem  Unefe  an 
Bl$belh  gibt  er  uns  auch  den  Sch'iissel  zum   Verständnis  seines  eigenen 
nchonungslosen   Vorgehens:  die  Altväter  der    Wüste,   deren  asketische 
Sprüche    er   an    die    Wände    seiner    Kapelle    malen   Hess    (60,12  ff'., 
1(13^5  ff.),  deren  Lebensbeschreibungen  er  täglich  las  und  meditierte 
fifor.  116),  haben  es  ihm  angetan,  sie  will  er  nachahmen  (vgl.  1(17,21  ff.). 
J)ie  Collationen  Cassians  sind  seine  Richtschnur,  der  ,summus  philo- 
^ophus'  Arsenius  sein  Vorbild  (Hör.  9,  41, 152, 172 ff.).     Wir  kömun 
<iie  Nachahmung   der   alten   Anachoreten   in  Semes  AbtDtvngen  fast 
.Zug  fär  Zug   nachweisen^).     Es  gab   im   14.  Jh.  im  Dominikaner- 
*3rden,   wie  später  noch  genauer  zu  zeigen  sein  wird,   gegenüber  dem 
^ark  grassierenden  Litxismus  eine  streng  reaktionäre  Uichtung,  welche 
<iie  Bädtkehr  zu  den  alten  Idealen,  die  bei  (iründung  des  Ordens  in 
fJeltang  gewesen  waren,  belaufe  und  mit  dem  allchristUchen  MiJnchs- 
vtesen   manche    verwandle  Züge  au/weist").     Auch  Seuse  hat  zu  ihr 


,   Diiffminffisch.  des  Millelallfm  }fiHU, 
nn,  Lehrbuch  der  Moi-alt/it'/l.  lhiTt>, 


Mgulikoi,  ftmn-  Thomasius-Ste 
S9fiff.  and  /6r  da»  Allftmtinr  Lins 
in,  167, 264  f.  4(10. 

')  .So  s.  It.  mit  dem  hl.  Bernhard  {nyl.  Aiiib.  m  tOfi.V.  521,9/.). 

')  So  für  da»  Meiden  den  Dadeg.  die  Knlhallgamkril  in  Speise  und  Tränt, 
da»  Nachtwaclutn,  da»  nittmd  Schlafen,  das  Wohnen  in  gtrnc  rngn-  Zelle,  die 
KatUiting  durch  HiUt  and  Kälte,  hifrenrv  Hemd  und  eiserne  Kette,  die  Ali- 
»ehlifsiiitng  von  den  Menschen.  Vr/I.  die ZusammensleUung  bei  Lucius- Anrieh, 
Die  Anfänge  da  Hriligmkallus  19H4,  307 f.,  and  lur  Bntrh-ilung  C.  Butter, 
Tht  Laueiae  Htstonj  nf  Paltadim  iText  and  Sludirs  VI,  1)  ]8äB,  ISSff. 

*>  Ihren  Ausdruck  hnl  diese  Hiehtan;/  tiamentlich  aurh  in  der  Cranica 
Ordmi*  Pfafdicatorum  des  Cialraipio  de  la  Flammii  fi'nn  1343,  hritg.  in  MOPB 


80*  Einleitung:.   IL    Öeuses  Leben  und  Werke. 

yehört  und  in  aeiner  Jwjendzeit  ihr  im  Uhermass  (jehuldigi.  In 
reiferen  Jahren  i^iM-  seine  Ansichten  gemässigter.  Freilich^  schreibt  er 
an  Elsbethy  sollen  die  weichlichen  Me'nschen  zu  diesen  netten  Zeiten 
jene  strengen  Ülningen  hei  anderen  nicht  verwerfen  oder  in  arger 
Weise  beurteileny  denn  sie  wissen  nicht,  was  inbrünstiger  Ernst  nUi 
gottlicher  Kraft  erzeugen  mag,  zu  tun  und  zu  leiden  um  Gottes  willen 
—  wiewohl  manch  grosser  Heilige  sich  hierin  übersehen  habe,  —  aber  es 
sei  doch  besser,  vernünftige  Strengheit  zu  üben  als  unvernünftige,  und 
weil  die  rechte  Mitte  schwer  zu  finden,  sei  es  geratener,  ein  wenig 
darunter  zu  bleiben,  als  sich  zu  viel  hinäberzuwagen ;  schaue  jeder 
Mensch  auf  sich  selbst  und  merke,  wa^  Gott  von  ihm  will  (107,24  ff.)! 

y.  Visionen  und  Ekstasen. 

Es  ist  nicht  verwunderlich ,  dass  Seuses  ermtes  Ringen  und 
Streben  durch  jene  inneren  Tröstungen  und  Einsprachen,  Visionen 
und  Ekstasen  belohnt  wurde,  denen  wir  im  Leben  jast  aller  Mystiker 
begegnen.  Anhebend  mit  jener  schon  erwähnten  Verzückung  am 
St.  Agnestag  schUd^^rt  uns  die  Vita  eine  reiche  Fülle  ausserordent- 
licher Erscheinungen  und  Erlebnisse  mgstischer  Natur  *),  nicht  selten 
in  reizvoller,  hochpoetischer  ]Veise,  Hieher  gehört  jenes  schöne  Ge- 
sicht, wie  das  Christuskind  als  ^minniglicher  Schiller'  defn  Diefier 
vorsingt  und  in  einem  Körbchen  Erdbeeren  bringt  (31,15 ff.),  wie 
jUnserv  Frau'  mit  dem  Kinde  ihm  zu  trinken  gibt  (49,iff.  28 ff.), 
ferner  die  Vision  von  der  Investierung  als  geistlicher  Ritter  (55,21  ff',), 
von  der  Begnadigung  seiner  geistlichen  Tochter  (101,7  ff.),  der  Ihddi- 
gung  des  himmlischen  Hofes  an  Maria  (111,17 ff\),  die  Rosenvision 
(64y2lff.},  die  Erscheinung  ^unserer  Frau*  mit  dem  Kitule  als  ^Herzen- 
trauV  (139,.'i4 Jf'.l  und  die  Vision  Christi  als  gekreuzigter  Seraph 
(I44f25ff.)y  die  himmlische  Messe  an  Weihnacht  (''^^(>,3ff,).  Bald  sieht 
er  auf  seinem  Herzen^  wo  er  den  Nomen  Jesus  eingegraben,  ein  goldenes 
Kreuz  strahlen  (T/,3ff.),  schaut  seinen  eigenen  Leib  durchsichtig 
wie   Kristall  (vgl.   Anm,  zu   lo3,2 ff\)  und  die  ewige   Weisheit  seine 


II,  y,  7W/7  y  gefunden,  der  zahlreiche  Beispiele  (tus  den  Vitae  pairum  und  den 
Collationen  Cassian-s  anfilhrt  und  zeüjiy  wie  die  eriti*'n  Brüder  des  Prediger- 
ordKna  nach  dein  Vorbild  der  ÄlIvt'Her  sich  haffUü  hätten.  Ähnlich  auch  schon 
in  den  Vitae  frairnni  Ordinis  Praalicaiorum  des  Gerard  von  Kracheto  (f  l'J71\ 
hrs<j,  in  MO  PH  I,  JSUHt,  die  ^Seuae  jedenfalU  kannte, 

'i  IJieher  (nhitren  allr  Jene  St  lUn,  n:o  die  Ausdräckf  ^abgeschiedener  l!^»- 
hlük\  jUnsiU/ltrher  T'mfanff,  .lichter  Schlaf',  .Kntsinknnff*^  oder  , Vergangenheit 
oder  yRuhi'  der  i aussen n)  Sinne\  ,stilhs  Ruhleiu'  und  ähnliche  vorkommen. 


Seele   in    tmifiiiHdie.r    Wonne    untarmen  und  ihr  .Mifiite.tpiel'  mit.  ihr 
treiben   (20,12 ff.),   knl   oft   mit  den   Engeln   .himmlische  Kurzweil' 
und  mrd   rov    ihnen   in   seinetn   Leide  getröstet,   horl   überirditn-hen 
Gexmiy    utul    Musik    (17,35ff.,    18,23 ff,    l^dff-,    2l,8ff.    2Hff., 
31,löff.,    fi4.l9ff.,    69,Uff.,    H9fiff.,    1(>9,17 ff,     lll.9ff.    usir.). 
Einmal  verrät  er  Elaheth,  was  er  bisher  noch  keiiiem  Menschen  t/estitft, 
aber  sich  Jetzt  doch   zu   xagen  getirängt  fühlt'),  dums  er  in  geinem 
Anfang  zehn  Jahre  lang   täglich   zweimal   die  geixtliche  Freude  dfs 
,Juhels'  gehabt  (173,13 ff.);   später,    nach   seinem  grossen  Leiden,  Hei 
ne  ihm   in   bleibender   H'eise    iuteil  geworden,    doch   so,    dass   mau 
äunaerlich  nichts  an  ihm  merkte  (175,22 ff.;  vgl.  341,17  ff.).    Oft  hat 
er  tiuch  Visionen  zukünfftger  und  oerborgeiier  Dinge,   erhält  Kennt- 
nis,   wie  ea  im  Himmel,   in   Hölle  und  Fegfeuer   auxuehe  (22,21  ff'.), 
und    steht   in    reger    Kommunikation    mit    den    Seelen    des    Purga- 
iofiums  und  den  Verklärten  des  Himmels,   deren   nicht   wenige.,  dar- 
unter Meister  Eckhart  und  Johannes  der  Fuoterer,  Meister  Burtholo- 
■müfis  von  Bolsenhidm,   sein   eigener  Vater   und  seine  Mutter,  Elsheth 
Stagel,   und   verschiedene    andere   Freunde    und    Bekannte    ihm    er- 
scheinen  (22,28ff:,  r>,7 ff.,  23,21  ff.,  143,11  ff.,   194,23 ff:,  128,1  ff'., 
^28,28 ff.,   130,9 ff.,    144,12 ff.,   148,20 ff.).     Jedes  wichtigere   Vor- 
kommnis in  seinem  Leben,    oollends  entscheidende   Wendepunkte  des- 
selben   {40,28 f.,    Ö2,10ff'.,   63,9 ff.,   (>3.]0ff..  632,14 ff.)   sind  durch 
Viaionen  und  himmlische  Offenbarungen,   die  ihm  selbst  oder  Gottes- 
^reunden  und  -Freundinnen  über  ihn  zuteil  werden  (22,3ff\,  44,16 ff., 
Al,19ff..   59,7 ff.,   t)3,14ff..   64,3 ff.,  70,3 ff.,   102,6 ff.,   115,l4ff.), 
markiert.     So   wird  ihm  auch  neues  Leiden  programmatisch  vorher- 
verkSndigl    (64,21ff..    87,3ff..    117.29ff.),    in    visionärem   Schatun 
Belelirung  über  das  Leiden   (.58,24  ff.,  85,24  ff.,    90,18  ff.,   93,6  ff.) 
oder  Weisung  über  Abfassung  nnd  Ver'ifftntlichm'g   seiner  Schriften 
gegeben    (6,7  ff.,    7,19.    198,15  ff .,   253,17  ff.,   322,21ff..   373,29  f., 
Nor.  13f.). 

Auch  Wundergeschichten,  in  denen  Seuse  aktiv  oder  pa-isiv 
eine  Bolle  spielt,  obgleich  nicht  viele  und  nicht  in  so  krasser  Aus- 
führung wie  bei  manchen  Hagiographen  des  Mittelalters,  feiner 
auch  als  meist  in  den  Dominikanerinnenviten  des  14.  Jh.,  werden 
erzählt.  So  wird  ein  Maler  in  auffaltender  Art  von  seinem  Augen- 
leiden  geheilt  (60,22 ff.),   ein  Mann   durch   eine  hitntnlrsche  Stimme 

*)  Ähnlich   rrdet  dtr  hl.  Btrnhard, 
innerrn  Erfahrungen  und  Gr-heii 

und  doch  nickt  schiDeigeH  tann' 


i. 


I  andere  eu  belthrtn,  von  en'nm 
«in  Mann,  der  tu  »prtchtn  hrnigi 
Fl  Cant.  n.J). 


82*  Einlcituug.    II.    Seuses  Leben  und  Werke. 

vom  Selbstmord  zurüch/ehulten  (132y7ff,)y  der  Wein  wunderbar 
vermehrt  (140,25ff.)y  dem  Konvent  in  (kr  Not  unerwartet  Gdd 
(jebracht  (25,14  ß,y  146,9  ff,),  dem  ermatteten  Diener  ein  Rösslein 
zum  Reiten  gesendet  (138,32 ff.),  seine  Feinde  werden  durch  Jähen 
Tod  bestraft  (70,13  f.,  128,23  ff.,  148,8  J\),  Man  wird  nicht 
fehl  gehen,  wenn  man  die  meisten  dieser  V^orkommnisse  unter  die 
Gattung  der  „anmutigen  Klosternocellen^^)  einreiht,  welche  in  gleicher 
oder  ähnlicher  Form  zu  Dutzenden  in  den  Klösterti  von  Mund  zu 
Mund  liefen  und  in  der  hagiographischen  Literatur,  die  ja  Lieblings- 
lektiire  Jener  Kreise  war,  nacherzählt  wurden  '^).  Seuse  ist  natürlich 
auch  in  diesen  Dingen  ganz  Kind  seiner  Zeit,  aber  im  eigentlichen 
Hinne  wundersüchtig  wie  etwa  Cäsarius  von  Heisterbach,  Thomas 
von  Chantimpre  und  sein  Ordensgenosse  Gerard  von  Frachefo^  war 
er  nicht;  in  dem  Falle  des  blutenden  Kruzifixes  hat  er  sogar  eine 
bemerhemwerte  Probe  nüchterner  Auffassung  gegeben  (67,16  ff,, 
vgl.  auch  60,28  f,  141,7  ff.). 

Auch  ührr  die  Visionen,  Ekstasen  und  Offenbarungen  urteilt 
Seuse,  wo  er  als  geistlicher  Lehrer  und  Führer  darüber  redet,  wie 
alle  ernsten  Mystiker^)  mit  gesunder  Zurückhaltung  und  Vorsicht: 
Jene  süssen  Gaben  seien  nicht  notwendig  —  nicht  darauf,  sondern 
auf  die  Reinheit  d^s  Lebens  und  die  Vollkommenheit  des  Willens 
komme  es  an,  —  aber  auch  durchaus  nicht  zu  verachten;  bei  ihrer 
Beurteilung  sei  grosse  Vorsicht  anzuweyiden,  da  man  sich  leicht 
täuschen  könne,  deyi  richtigen  Massstab  gebe  die  hl.  Schrift  Wid 
Lehre  der  Kirche  (183,16  ff.,  197,16  ff,  385,12  ff.,  namentlich 
Pr.  Exivi  524,21  ff.  [wenn  echt];  Hör.  13 f).  Je  intellektwller, 
d,  h.  bildloser,   geistiger  eine  Vision  %    desto   edler  sei   sie   umi  dem 

»)  Michael.  Gesch,  des  dtsch.  Volkes  III  (1903)  169. 

')  Zahlreiche  Behqe  hei  Krebs  a,  a.  0,  94 ff.,  113 f.;  Günter,  Legen* 
denntudien  1900,  16^, ff.  (103  A.  3.  u,  4  über  die  Weinvertnehrung). 

^  Vgl.  oben  S.  79*  Änm.  3.  Auch  Reichert  in  seiner  Ausgabe 
(MO  PH  1,2)  nennt  Gerard  leichtgläubig,  ja  geradezu  abergläubisch. 

*)  So  namentlich  David  von  Augsburg^  De  compos.  Uly  3  n.  6:  aliae  con- 
solationcMi,  sicut  non  sunt  necesnariae  salutJ ,  sie  etiam  suspectae  sunt  et  saepe 
falsae  et  tictae  et  deceptoriai^  ut  visiones,  revelationes,  prophetiae,  sensuales  oblec- 
tationes,  miraculorum  Operationen,  maxime  modenüs  temporibus,  licet  quandoqne 
verae  reperiantur,  sed  in  paucis.  I  gl.  auch II, 24 :  Uly 67  n. 3 : Mic hnela.a,  0. 141. 

'-*)  Die  Visionen  werden  seit  Augustin  in  körperliche y  imaginäre  und  intel- 
lektuelle eingetcilty  vgl.  Anm.  zu  lis3ytiff.:  Denifle  277  A.  7:  KirchmUx. 
VTII',  2094:  XII-,  2/XaS./'.;  Jo/y,  Fsgchologii  der  Heiligen,  deutsch  von 
Pletl  1904.  ti9Jf'.,  14rtf.,  und  besonders  das  treffliche  Werk  von  Poulain. 
Des  grüas  d'orainni,  Traite  de  theologie  viystique,  5.  ed,  Paris  1906. 


1  und  Kki-faseit, 


Ziel  der  KontemplutioH,  welches  in  dem  mitteUosm  Schawn  der  blossen 
<i»ttktit  lieyt,  desto  näher  (183,6 f.,  343,26 f.,  391,2.  476^ f., 
(86,29),  Man  wird  diese  drundsätze  auch  auf  die  im  Leihen  Seuses 
iMat  berichteten  amserordentlichen  Erscheinungen  anwenden  dürfen, 
tjosaeti  «ich  diese  nun  freilich  keinesweye  in  Bausch  und  Bogen  als 
..krankhafte  HallminnÜQmn  eines  überreizten  Gehirns"  ')  ausgeben 
—  dJe  Ehrlichktit  der  Berichlersiatlung  und  die  Lauterkeit  von 
Seuaes  Absicht  ist  von  keiner  Seite  bestritten,  —  »u  ist  doch  hei  aller 
Baserve,  die  dem  Historiker  geziemt,  wo  er  ein  (iebiet  betritt,  hei 
dem  sich  Natur  und  Übernatur  berühre»,  zu  betonen,  daita  das  Psgchisch- 
/dbliche  in  Jenen  Zttständlichkeiten  eine  nicht  yeringe  Holle  spielt 
und  manches  wohl  auch  paUiologiachen  Charakter  an  sich  trägt.  „Es 
scAeint  Seuses  eigene,  aber  höhere  Naiur  zu  sein,  die  in  dieser  Weise 
hervorbricht,  Trost  und  Erleuchtung  sucht  und  gewinnt  .  .  .  Die  Lauter- 
Jceil  der  kimtnlischen  Erscheinungen,  die  Sussigkeit  der  Gesilnge,  dies 
etiles,  u-ns  ihn  »o  wunderbar  ergreift,  —  was  ist  dies  anderes,  als 
^btn  lU.r  heimliche  Dichter  und  Sätu/er  in  ihn,  der  getoeckt  worden 
ist  und  nun  in  ihm  spieit'f  Aber  auch  im  Inhalt  sind  diese  Nacht- 
jf«ichbf  ganz  der  Reflex  der  Taggesichte:  es  ist  immer  d^r  Suso, 
«der  erscheint  uiut  spricht,  das  heisst,  die  Jenseitigen  sprechen  ganz 
in  «einen  Ideen  und  VarsVillungen  .  .  Sogar  die  momentanen  Stimmungen, 
Entithrungen,  Leiden  reflektieren  sich  in  diesen  Zuständen  und  flnden 
Äi  ihnen  ihre  Tröstungen,  Heilungen,  ihren  Ersatz"  %  Und  das  ist 
"•cÄf  auffäll^,  denn  Seuses  durch  fortgesetzte  Kränklichkeit  ohnehin 
^^^serst  empflndliche  Natur  musste  durch  dit  übermässige  Askese 
i<'fK4>eHdig   in   einen  Zustatui   abnormer  Reizburkeit  versetzt  icerden; 

')  Vitter,  Mystih^rpaar  34.  Gewiss  sagt  lltuiflt  mit  Rechl  (Seuvt 
^*  *■').■  „wer  9lh  Visionen  für  Ersengnissr  einer  krankliaften  I'hantasit  und 
fa^  /(JiMfnn«ii  antirhi,  mu«s  auch  die  gante  Gtschichtr  der  Mystik  als  eint 
'^'~*'*nih'il»gtaehiehte  ansehen-.  Aber  im  einstinen  I'alle  tniril  mau  so  lang 
'"'-^"  natürliche  Ursachen  erkennen  mäsuen,  län  sich  der  äliemalUrliehe  Kii}flu»B 
"^''^:,  AnUil  an  ä*n  i'isionm  nicht  Übtrteugend  nachweisen  lässt  (Schau a  im 
*'"»-<Afnter.  XW»  1010).  Und  es  ist  Lius^nmanns  Wort  (Theol.  Quartal- 
<c^»-^,  j^3  gj^^j  j„  beachten:  „dem  hohen  und  abernaiarlichen  Charakter  der 
''^•*  «(ff  1(11  mitteiallerlichen  Mystik  wird  dadurch  noch  kein  Abbruch  grian,  ditsa 
^  Visionm  frommer  PerHunea  oft  genug  liin  Merkmale  des  subjektiven  niniscA- 
f'^"««  Gtaubms  ai>d  Verslündniise*  nn  sieh  trugen'.  Vgl.  auch  die  treffenden 
\!"*'^  '"'  ZSckier.  Atkese  I\  iOf.  und  Michael  a.  a.  0.  20Uff.  Über 
**  Sttilung  der  neuerrit  Ptycholugie  und  Physiologie  eit  den  mgstiaehen  Er- 
"''•^inmii/rn  vgl.  namentlich  J.  Brssmer,  Störungen  im  Seeienldien  WM,  92ff.: 
*^«A  James,  Ihr  varieties  of  religioas  experience.  London  ' JUUS. 
')  Vöhri,.y.-r  H2:if. 


84*  Einleitung.    EI.    Seuse»  Leben  und  Werke. 

iva^  er  in  der  Betrachtumi  mit  ißühendeth  Affekten  erwogen,  was  seine 
Phantasie  mit  leuchtenden  Farben  ihm  coryemalt,  leicht  ward  es  dem 
in  der  Stille  der  Nacht  —  die  meinten  Visioien  stellen  sich  früh 
am  Morgen  nach  der  Mette  ein^)  —  im  Chor  der  Kirche  od^r  in 
i^einer  Kapelle  knieenden  Mystiker ,  der  ja  ganz  in  der  Sphäre  des 
Übernatürlichen  lebte  und  a^isserordentliche  Erscheinungen  erwaii^te^ 
zur  Wirklickeit  '^).  Ein  rein  innerer  Vorgang  wird  gleichsam  dialogisch 
gespalten  und  gestaltet  sich  in  dsr  dramatisch  veranlagten  Dichter- 
Seele  zum  äusseren  Geschehnis,  zum  Gespräch  und  Verkehr  mit  den 
Himmlischen  ^).  Unwahr  werden  aber  diese  Erscheinungen  dadurch 
noch  lange  nicht,  dass  wir  den  Anteil  der  Natur  darin  feststellen; 
man  kann  mit  Gör  res*)  sagen:  „wie  vieles  immer  diesen  Gesichten 
aus  der  Fersönlichkeit  beigetreten,  doch  fiat  in  ihnen  eine  Gotteskraft 
gewirkt,*^  Übrigens  gibt  uns  Seuse  selbst  in  der  Vorrede  zum  Bdew 
einen  wertcollen  Fingerzeig  zur  Auffassung  seiner  Visionen,  wenn  er 
sagt  (197,22 f,):  ,die  Gesichte,  die  hier  stehen,  geschahen  nicht  in 
leiblicher  Weise,  si^  sind  allein  ein  ausgelegtes  Gleichnis*  (Hör.  11: 
visiones  in  sequentibus  contentac  non  sant  onines  accipiendae  secondam 
literara,  licet  multae  ad  literam  contigerint,  8cd  est  figurata  locutio). 
Es  steht  nichts  im  Wege,  die^^e  Erklärung  auch  auf  manche  Visionen 
d4^r   Vita  anzuweyulen  % 


')   Vgl,  oben  8,  77*  Anm.  1. 

-)  So  erklärt  Krehs  a.  n.  O.  7^  ff,,  103  a fisprechend  verschiedene  Visifmen 
von  Adelhausen  und  anderen  Domini  knnerinnenklösfern.  Auch  Gör  res  (Vor' 
rede  bei  Diep,  124)  deutet  das  Vita  49,36 ff,  ersUhlte  Vorkommnis  symbolisch 
(ähnliches  geschah  in  Töss  der  Adelheid  ro/i  Frauenberg,  Viten  ed,  VetUr 
04,24 ff.:  vgl.  au<h  Günter  a.  a.  O,  166).  Lucius  a,  a,  O.  34(Jff.y  350 ff,  fasst 
alle  ausserordentlichen  Ereignisse  und  V^isionen  im  Leben  der  Altväter  als  Hallu- 
ginationen  auf,  darin  sicherlich  zuweit  gehend  —  richtiger  urteilt  Butler 
a,  a.  (),  192 ff,,  —  im  einzelnen  bringt  er  manches  brauchbare  Material  gur 
Vergleich  ung  hei.  Seuse  mag  auch  in  dieser  Beziehung  von  den  Vitae  patrum 
heeinflusst  sein,  s.  B.  in  be-rug  auf  die  dämonischen  Tnfestationen, 

^)  Vgl.  Michael  a,  a,  0.  210,  wo  ein  Beispiel  aus  dem  Legatua  dir, 
pietatis  der  hl.  Gertrud  angeführt  wird.  Beachtenswert  ist  die  niUhteme  Äussi' 
rung  Eckhaiis  634,  3 ff. 

*)    Vorrede  in  Diepenbrocks  Ausg,  124. 

••)  iSo  urteilt  auch  Seuses  Ordensgenosse  Echard  (Quitif  ei  Echard  /, 
656)  mit  der  Brgründung:  ille  enim  per  li^raUm  colloquii  cum  Deo  et  Christo 
yisionuniqiK'  locutioncni  Hcribendi  modus  plunmuui  Haecnlis  XIV  et  XV  praesertim 
apud  spiritunlcs  invaluit.  ut.  videre  est  in  Thoma  Kemponsi,  Catharina  de  Senis, 
Birgitts  fSueca,  Alano  a  Rupe  aliisque  sanctis  viris  ac  feminis. 


engug  n  Koortanz  tmd 

/m  Ltbeii  der  Mi/nfiker  ist  es  etwas  ganz  geteÜhtiHchf-s '),  iliisu 
H^ten  des  inneien  Trostes  und  der  fühlharen  Gnade  abwtchseln 
mit  Perioden  der  Trockenkeit  und  tiefsten  Niedergeadilagenheit,  Aach 
Seiise  machte  diese  Erfahrung').  Im  21.  Kapitel  seims  Lehens  erzählt 
er  von  seinen  innerlichen  Leiden  (vgl.  auch  "4ö6,Q5ff.,  Hör.  1V7;; 
Wühl  neun  Jahre  war  er  von  Glnubenszweifeln  heimgesucht,  acht  Jahre 
qtUilie  ihn  ungeordnete  Traurigkeit,  zehn  Jahre  glaubte  er  sich  tpegen 
'imonistischer  Aufnahme  ins  Kloster  auf  ewig  verloren  ')  (g.  oben  S. 72'). 
Ks  ist  nicht  nmunehinen,  dass  diese  Feinen  ununterbrochen  die  an- 
gegebene  Zahl  von  Jahren  dauerten  —  das  würde  mit  anderweHigen 
Angaben  nicht  stimmen,  —  aber  sie  traten  immer  wieder  von  Zeil 
zu  Zeit  auf.  Hieher  gehören  auch  die  entsetzlichen  Anfechtungen 
und  Quälereien,  denen  er  von  Seiten  der  bösen  Geister  ausgesetzt  zu 
sein  glaubte  (Gl,13ff.,  iU,T ff.,  370,li>ff..  4ö8,2lff.,  vgl.  lOßff., 
Jlö,lHjf.).  Wir  können  es  seiner  Erzählung  Jetzt  noch  nachfühlen, 
meelch«  Freude  ihn  beseelte,  als  er  dieses  Durchgangsstadium  der  vin 
jjurgativa ')  hinter  sich  hatte. 


Tl.  Studiengang  zu  Konstanz  nnd  K91n. 

Mir  kehren  nach  diesem  Exkurs  Über  die  religiöse  Entirick- 
iu7ig  Scuses,  welcher  manches  zeitlich  später  Liegende  der  Übersicht- 
iichkeit  halber  vorausnehmen  mmste,  zu  seinem  äusseren  Lebensgang 
zurück. 

Es  ist  bekannt,  welch  hohen  Wert  der  Dominikanerorden  von 
Anfang  auf  die  wissenschaftlichen  Sttuiien  legte ''),    teie  er  dieselben 

Kl    weise  Bestimmungen   regelte  und  den  Studierenden  ihre  Auf- 
>)    Vgl.  M.  B.  Joly  «,  a.   <>.  65. 
■)  Di»  t'olgemngm,   dit  Schmidt  «4ü,   Voikmann  34  «tid  Sreherff 
ij  für  den  Charakter  Staue«  daraus  ziehen,  sind  nicht  aulrrffend:  tgt. 
litnifU  638. 

')  Eine  ahniiche  AnjKchlung  hatte  Jütei  Sehidthatin  tu  Törg,  Viten  TJ.IL'JI'. 

')  Di»  Mpttiker   r^den   von   einer    Rtimgung   der   Serie    und  des  (rrielt« 

(purgatio  paaeiva)  und  vergleichen  die  Ürönet  d%*»er  Leidrn  mit  der  Hiiilmptin 

\  fff.rcAr.ifer.   VIII\  :,mjf.:  Sehram  [g.  Anm.  lu  497.31/.]  I,  a79ff.,  S99ff->. 

I  =)    Vgl.  eher  das  Studienteeern  der  Dominikaner:  Drni/le  im  Archiv  /, 

JW/.;   Pregrr,    Vorarbeiten  «ff.:   Baur   im    l-'rcib.    Diiis.-Arch.    JyOl,   4ff.; 

Hauek,  Kirchettgrsch.  DcutseMands  IV,466ff.:  Dnuaia,  Eesai  sur  Porgani' 

galioa    de«   il%dr»   datt»   Vnrdrc   dm  frires  Prreh'ura  au   XIII  ft  XI  l'  niclr, 

J'aris    7SS4.-   M'irtier   a.  a.   0.    I,   644ff..-    li.  Feidtr,    Orseh.    der   wiastn- 

tehaflt.  Studie«    t'm  Framixkantrorden  3004,   wn   aurh   die  iiarnÜfle  KiiMch- 

lung  dt»  trrdigerordens  heritcheiehiigt  ist. 


86*  Einleitung.    IL    Seuses  Leben  und  Werke. 

<j(ibe  durch  mancherlei  PrivUegien  und  Auf^mihmen  von  der  strengen 
Ordensregel  erleichterte.  Die  Kenntnis  der  ,grammaticalia* ,  d.  A. 
rf^w  Latein j  der  Logik  und  Bhetorik,  war  heim  Eintritt  in  d^i  Orden, 
irenigiitens  in  der  früheren  Zeity  eigentlich  vorausgesetzt^);  andernfaüs 
musste  einer  sich  erst  in  der  Klosterschule  genügend  dann  ausbilden, 
ehe  er  zu  den  höheren  Studien  —  anfangs  nur  Theologie,  seit  der 
zweiten  Hälfte  des  13,  Jh.  auch  Philosophie  —  übergelien  durfte. 
Diese  begannen  aber  nicht  gleich  nach  dem  in  der  Regel  einjährigen 
Noviziate  ^),  sondern  es  ivurden  vorher  noch  zivei  Jahre  der  Erlernung 
dss  ,divinum  officium^  (Chorgebet)  und  der  ,regulares  observantiae* 
(Ord^nskonstitutionen)  gewidmet^).  Darauf  folgte  das  achtjährige 
philosophisch-theologische  Studium,  zuerst  drei  Jahre  ,logicalia'  (artes) 
und  zwei  Jahre  ,naturalia%  im  wesentlichen  auf  Grund  der  Schriften 
des  Aristoteles  über  Logik,  Naturphilosophie  und  Metaphysik,  d<inn 
drei  Jahre  Theologie,  einen  einjährigen  Bibelkurs  und  zweijähriges 
Studium  der  Sentenzen  des  Petrus  Lombardus  umjassend*),  Mittel- 
punkt des  theologischen  Unterrichts  war  die  hl.  Sch7'ift%  Leitstern 
die  im  Orden  ofßziell  vorgeschriebene  Lehre  d£s  Thomas  von  Aquin 
(s,  oben  S.  35*),  dessen  Werke  ifters  zur  Erklärung  der  Scfitefizen 
noch  bei  gezogen  wurden '').  Mit  diesem  geschilderten  Studiengafig  war 
die  Bildung  d^r  gewöhnlichen  Ordensmitglieder  abgeschlossen,  und  sie 
konnten,  nachdem  der  Befähigungsnachweis  geliefert  war,  zu  der 
eigentlichen  Ordenstätigkeit,  der  Predigt  und  Seelsorge  übergehen. 
Die  Priesterweihe  sollte  nach  der  Ordensvorschrift  nicht  vor  d(m 
2o,  Lebensjahre  empfangen    werden'^. 

Es  scheint,  dass  Seuse  jene  achtjährigen  Studien  in  Konstanz 
selbst    hat   machen    können,    wenigstens   ist  wahrscheinlich,    dass  sich 

')  Consta,  im  Archiv  L  -i'a?.  vgl.  M  <f  P  H  IJJ,  17 :  Felder  a  a.  O,  :!ä6f, 

-)  Constif.  (Archiv  I,  J20l,  ^03t. 

»)  Cap.  (jni.  1305,  ISlt,  ISUi  (MO  PH  IV,  l:Jf.,  Ctii,  58).  Ich  führt 
nur  die  in  die  Jiujendzeit  Svuses  fallenden  Beschlüsse  an  unter  Ubergehung  dfr 
früheren  und  späteren,  und  herücksichiigc  nur  die  »Siudienordnung,  icie  sie  sich 
in  der  zweiten  Hälfte  des  13.  Jh,  herausgebildet  hatte  (vgl.  Felder  a,  a,  O.  464 jf',) 
und  für  die  Folgegeit  in   fielt uug  hlieh. 

•)  Cap.  gen.  1305,  13<t9,  13 U,  1315,  1325  (MO PH  IV,  13,  3ti,  56,  62, 
'*>i,  io/j.     Für  das  einzelne  rgl.  Felder  a.  a,  O,  525 ff, 

^)  Felder  a.  a.  0,  401  ff,:  J^aul,  Die  bibliscJien  Studien  im  Prediget^ 
Orden,  Katholik  1002  IL  2fi0jr. 

"i  Das  Genernlkapifel  ron  1313  iMOPH  IV.  (i5)  schreibt  vor,  dass  ad 
minus  trcs  vel  quatuor  iirticuli  (1<^  (ioctrina  fratiis  Thoms^e  gelesen  werden  müssen, 

'■)  Cap,  gen.  1242.  1311  (MO  PH  III,  :J3:  1  \\  51). 


schon  zu »eiiiff  Zeit  doKelhst  wie  in  einiiji»  andern xädileutschrn  Prerliijcr- 
konvtnten  ein  ,studium yarticulnie'  oder  ,i>rovinclale' befand');  moylich 
ist  ober  auch,  dann  er  die  Theologie  oder  einen  Teil  derselben  in 
Stftissburff  absolvierte*),  das  eine  bedeutendere  Ordemschute  besass. 
Für  die  Taleiiivollere«  gab  es  jedoch  in  dem  „grossartigen 
Sehulf^stein' ^')  der  Dominikoner  noch  eine  weitere  GMegenheit  tur 
Awbildutu/,  Uiejemgen,  uelche  gut  gesittet  waren  und  begründete 
Hoffnung  gaben,  dftss  sie  später  als  Lehrer  tüchtiges  leisten  würden*), 
durften  ein  ,studiuni  generale'  oder  ,soUemne'  besuchen,  deren  jtüe 
Provinz  eines  besasi/.  Hier  blieben  die  Studierenden  (stiidentes)  ge- 
leöhnlieh  wieder  drei  Jahre");  es  wurde  Schriftkunde  und  Studium 
der  scholastischen  Theologie  nttf  breiterer  Grundlage  beirieben,  in  Ver- 
iindung  mit  praktischen  Übungen  (J>i8putationenJ.  Vas  deutsche 
Genera Istudi um  war  seit  etwa  1248  in  Köln')  und  blieb  auch  da- 
aelb$t,  als  die  deutsche  Promnz  ISOH  in  die  Provinzen  Teutonia  und 


')  Saeh  dta  in  Solu.  Qaartnhchr.  1H97,  ^7  ff.  edieiten  Akttn  der  l'rovin- 
.sialkapttrl  imn  Teutonia  1396,  1400  und  1402  trar  um  die  Wende  des  14.  Jh. 
•Fl  KonttauM  ein  Studium  der  Thrologie. 

')  Dt't  ilit  Annahme  I'rrgtr»,  VurarbrUen  ISO:  Mystik  II,  3S5.  Im 
Jahre  13Zö  empörttn  rieh  die  Thtiilogie  ttudicrrndm  jungen  Dominikaner  in 
^Strasaburg  grgfn  den  dortigrn  Prior  und  irurden  eur  .Strafe  von  der  Schult 
vennftm;  Seu»e  findet  sich  nicht  unter  den  namenüich  aufgeführten  Mietetätem 
iMOI'H  IV,  WO).  —  Einen  inta-esmnten,  uMcreni  Veratändni*  twn  Teitver- 
jiehlfierten,  mthrfach  satyrisch  gehaltenen  Rückhliek  auf  seine  Studienmt  (dum 
de  stu<iiu  oA  ■tudhim  pergeret,  Hör.  149)  gibt  Settae  Sor.  149ff.,  vgl.  lG9ff. 
£r  fiehl  in  tiner  yisitm  twei  SehuUn,  in  der  rrtten  leerden  die  aiKg  liberales 
«I.  mechuucae  (m  u}rrden  genannt  die  aetrologi,  physici,  geomelrici.  muBieii 
iltlthrl,  dir,  iweite  ist  die  Bcola  theologicae  veritatiB.  In  dieser  »ind  SchBler 
undLehrtr  in  drei  Klussta  geteilt  (gane  wie  es  in  Wirklichkeit  an  den  Iheolo- 
gisehtn  Kakuiläten  irnr,  tgl.  Felder  a.  a.  0.  53Sff.),  aber  da»  Bäd  ist  ein 
wenig  befriedigendes:  tiielr  btircibrn  die  Wissenschaft  nur,  um  Ehrenstelltn  su 
erlangen  —  dits  gab  seit  Und:-  des  13.  Jh.  im  Dominikatifmden  unausgtstUt 
tu  Klagen  Anlass,  vgl.  Monier  a.  a.  0.  II  ili,06)  164 f.,  3bÖf.,  447 ff.,  ^47 ff.; 
btsonders  die  Würde  eines  .jiraediculor  iienerali*'  war  angealrebl,  —  andtre 
verloren  sieh  in  Spitejindigkriien  und  ei'sannen  opmionum  novitates  mii'abilcs, 
icährend  die  itine  Lehre  des  doctor  egregins  (rnaa  siae  spioa,  aot  «ine  nube, 
affenbar  Thotnas  von  Aqaini  missachtet  und  bekämpft  wurde.  Nur  Schüler 
4rr  obersten  Klasse  hatten  dit  richtige  Art  »tudendi  Baoram  Hcripturain,  indem 
r  nach  Wissen,  simdern  auch  nach  der  l'nllkunimenha't  und  hiebe 
B  strebten:  dies  sind  auch  die  geeignetsten  für  l'r/Uaturcn  und  Lshrstilhh. 
\  ")  G,  Kaufmann,  Gesch.  der  deWscheri  Universitäten  I  (JSft*)  56W. 
1  ')  Cap.  gm.  1306,  1317,  1323,  1336  (MOPIl  II',  13,  102,  Itb,  167 f.i. 
I  •)  Cap.  gen.  I33f7  (MOPH  IV,  176). 
i  •)    Vgl.  Itenifle,  Gesch.  der   UniversitiUen  I  tlfibö)  307 ff. 


88*  Einleitung.   IL    Seuses  Leben  und  Werke. 

Saxonia  (jeteilt  ivurde,  für  die  erstgenanntey  in  d^ren  Umkreis  auch 
der  Komtanzer  Konvent  lag. 

Es  ist  ein  riilmUtcfies  Zeugnis  für  Seuses  wissenschaftliche  Be- 
fähigufhg,  da^s  auch  er  unter  den  wenigen  Erkorenen  war,  die  nach 
Köln  auf  die  Hochschule  geschickt  wurden»  Er  encähnt  seinen 
Aufenthalt  daselbst  an  mehreren  Orten  (143,10.  19,  rgL  103,21. 152,27). 
Wann  die  Übersiedlung  geschah,  ist  nicht  sicher,  doch  lässt  seine 
grosse  Begeisterung  für  Meister  Eckhart  schliessen,  dass  er  ihn  nicht 
erst  kurz  vor  seinefn  Tode  (1327)  kennen  lernte,  sondern  einige  Jahre 
zu  seinen  Füssen  sa-ss,  und  dies  führt  uns  etwa  auf  das  Jahr  1324. 
Sein  Leben  der  Askese  setzte  Seuse  auch  in  Köln  fort,  doch  statid 
er  jetzt  nicht  mehr  allein,  er  fand  einen  gleichgesintiten  Freund,  mit 
dem  er  einige  Jahre  zusammenlebte  und  bis  über  d4^n  Tod  hinaus 
verbunden  blieb  (143,19  ff.).  In  dieselbe  Zeit  fällt  auch  dw  Tod 
seiner  Mutter  (Karfreitag  1326  oder  1327).  Sie  erschien  ihm  darauf, 
me  er  erzählt,  in  verklärter  Gestalt  und  tröstete  ihn  in  seinetn  Leiden 
(143,10 ff.) ;  ihr  Bild  lebte  als  das  einer  Heiligen  in  seiner  Seele  fort. 
Von  einschneidender  Bedeutung  für  seim  Enftvicklung  als  Theo- 
loge und  Mystiker  wurde  seine  Bekanntschaft  mit  Meister  Eckhart 
und  das  Schülerverhältnis,  in  das  er  zu  diesetn  gefeierten  Lehrer 
an  d^r  Schule  zu  Köln  trat.  Mag  er  auch  schon  früher  dessen  Idsen 
aus  seinen  Schriften  gesogen  haben  oder  ihn  bei  eimm  Aufenthalt  in 
Oberdeutschland  vorübergehend  persönlich  kennen  gelernt  haben,  jed-eti^ 
falls  datiert  hauptsächlich  aus  der  Kölner  Studienzeit  seine  hohe  Be- 
geisterung und  treue  Anhänglichkeit  an  den  Meister ').  Wäre  es  uns  nicht 
durch  andere  Zeugnisse  verbürgt,  wir  könnten  es  allein  schon  an  Seuse 
ermessen,  welch  machtvollen  Eindruck  Eckhart  durch  seim  Lehre 
und  sein  heiliges  Leben  auf  ideal  gesinnte  jüngere  Ordensfnitglieder 
ausgeübt  haben  muss;  zu  d^r  kleinen,  aber  um  so  treueren  Gemeinde 
von  Anhängern,  die  er  besass^^),  —  von  einer  Schule  Eddiarts  kann 
man    nur    im    weiteren  Sinne   sprechen  ^)   —  gehörte   neben    Tauler 

^)  Als  ein  Nachhall  seiner  Stimmung  zu  Köln  mag  die  Schilderung  gelten, 
die  Seuse  Hör.  Iö4  von  der  dritten  Klasse  der  Theologie  Studierenden  (e,  oben 
S.  87*  Anm.  :*)  f/ibt:  tertii  prope  mag;iHtrum  consederant  et  aqiiam  sapientiae 
salutariR  ex  orc  eins  hihentes  iuel)rial)antur  in  tantum,  ut  scipsos  et  omDinm 
alioruni  oMiviscerentur,  et  cordi*  et  aiiimo,  ocnlis  ac  facie  sursum  tenderent,  et 
(luodamniodo  in  abvssum  divinao  spernlationis  ac  dulcedinlB  imuiersi  et  absorpti 
ad  divina  conloniplanda  raporentnr. 

-)  Vf/i.  die  Vorndc  zum  Ojms  iripartituin  im  Archiv  II,  Ö33,5ff,  und 
Pregvr  I,  354 f. 

')  Denifle  im  Archiv  11,  6:i:t. 


namentlich  auch  Stvae.  Obicolü  nicht  blind  gegen  die  Schwächen  neim« 
lienkens  ntnnt  er  doch  den  Verewlijien  in  der  l'ita  nie  anderg  nl«  den 
.seiigen'  oder  ,/ieiligen'  Meister  (22,28  ff.  83,4.  99,12),  und  redet  mit 
grosner  Wurme  von  dem  ,eälen  Trünke'  seiner  ,siissen  Lehrt'  (99,12. 14). 
Wir  dürfen  annehmen,  das»  tieuse  d4m  Prozexs  yegtn  Eckhiiri,  der 
om  Anfang  des  Jahres  1326 ')  angestrengt  wurde  und  seinem  Leben 
einen  so  tragischen  Ausgang  gab,  vielleicht  auch  detsen  Tod  (1327  % 
Köln  niiltrleU  hat.  Seine  Anhänglichkeit  an  dr'n  Mei!>tfr  ver- 
all  dien  aber  nicht  zu  erschüttern.  Bald  nach  seinem  Tode 
^aehien  ihm  derselbe  nach  seiner  Brxählung  (22,28ff.)  in  ,übtrschwäng- 
licher  Herrlichkeit',  ,in  Gott  vergottet',  und  charakteristisch  ist  seine 
Antwort  auf  die  Frage  d^s  Jilngers,  welches  die  beste  Übung  sei, 
um  zur  Vereinigung  mit  Oolt  zu  gelangen:  sich  selbst  mit  tiefer 
fJetaesenheit  entsinken,  alle  Dinge  voti  Gott,  nicht  ron  der  Kreatur 
nehmen  und  sieh  in  stille  G  eduldigkeit  setzen  gegen  alle 
i*:i)l/i8chen  Menschen. 

in  sein  Heimatkloster  ist  Setise  trahrscheinlich  1327  zurück- 
gekehrt. Vorher  wird  er,  wie  es  Sitte  war%  einen  einjährigen  prakti- 
ftehen  Lehrkurs  zur  unmitlfibaren  Vorbereitung  auf  das  Lehramt 
^Mitgemacht  haben.  Man  kann  die  Frage  au/werjen,  warum  der  so 
»vorzüglich  befähigte  Dominikaner  nicht  wie  andere  hervorragende 
.Mitglieder  seines  Ordens  »ach  Paris  gesandt  icurde,  um  daselbst  diu 
Jdagisterwürde  zu  erwerben*)?  Liegt  der  Grund  in  dem  Misstrauen, 
<3ttta  man  gegen  den  ßehiiler  des  der  Häresie  verdächtigen  Meisters, 
<Jer  aus  seiner  Verehrung  für  ihn  kein  Hehl  machte,  hegen  mochte'^ 
^8  i»t  möglich.  Jedenfalls  war  es  aber  auch  seine  eigene  asketische 
Michiung,  die  ihn  der  weiteren  Verfolgung  der  wissenschaftlichen 
Sioufbahn  abwendig  machte.  Aus  den  interessanten  Bekenntnissen 
«I«  Hör.  lälff.,  172  ff.  geht  hervor,  dass  er  sich  im  Verlauf  seiner 
iitudien,  namentlich  mährend  des  philosophischen  Kurses  stark  an- 
geekelt füfdte  durch  die  Art  und  Weise,  wie  er  viele  seiner  Genossen 
die   Wissenschaft    nur  au-t  ehrgeizigen  Motiven   betreiben  sah.     Eine 

')  Vgl.  A.  Pummerer,  Der  gtginviärtitje  Stand  tlfr  Evkhar^foriiehnng, 
I.  Mttsler  Ü.s  Ltbtnsgang .  Programm  der  titelln  melutina  in  fdäläreh 
1903,  Hoff. 

»J  A.  o.  0.  äSf. 

■)  Cap.  gen.  1305  (MdVII  IV,  i:ii. 

*)  Ntwh  dm  Prolog  von  If-Lä  sollte  .Ve«»*  nuf  der  lloehsehule  cu  Köln  i?) 
Ihiklur  (^  Miigütrr)  der  hl.  Sehiift  trerden,  aUr  die  eu-igr  Weüiheil  ii-idtni'el 
M  ihm  nun;.     Ähnlich  Murer.  Sltill  u.  n. 


J 


90*  Einleituiifj.    II.    öeuscs  Lcbeu  und  Werke. 

Zeitlang  drohte  ihn  dieses  unlautere  Strebertum  selbst  zu  erfassen^ 
abf  r  seine  tiefer  angelegte  Natur  riss  sich  los  und  trieb  ihn  zu  einem 
entgegengesetzten  Extrem^  einem  Leben  strengster  Zurückgezogenheit 
gleich  dem  der  Änachoreten  der  Wüste,  hin  (vgl.  oben  S.  79*  *).  Er 
verliess  die  Schulen,  qaas  ab  aliis  salubrius  regi^)  aestimabat  (Hör.  75), 
und  gab  sich  ganz  dsr  spiritaalis  philosopbia  hin,  welche  schon  auf 
Erden  einen  Vorgeschmack  des  Himtnels  zu  geben  imsiande  ist 
(Hör.  73). 

TU.  Das  Büchlein  der  Wahrheit'). 

In  die  Kölner  Studienzeit  fallen  tioch  andere  für  Setise  be- 
deutsafne  Ereignisse  seines  Lebens.  In  den  Jahren  1326  und  1327 
ist  seine  erste^)  Schrift,  das  Büchlein  der  Wahrheit  entstanden, -welches 
Eckharts  Einfluss  noch  am  stärksten  zeigt.  Zwar  hat  Preger^ 
aus  dem  Prolog  desselben  gefolgert,  dass  Seuse  es  erst  nach  voll- 
endetem 40.  Jahre  (also  nach  1335)  cerfa^st  haben  könne,  damals, 
als  er  seine  Kasteiungen  aufgab,  um  in  die  höhere  Schule  der  voll- 
kommenen Gelassenheit  eingeführt  zu  werden.  Aber  die  Beweisführung 
ist  nicht  stichhaltig,  da  d^r  Begriff  der  Gelassenheit  im  Bdw  und 
in  d-er  Vita  sich  nicht  deckt:  hier  ist  die  praktische  Bewährung  der 

*)  Hör,  173:  copit  ad  honores  ac  promotiones  plus  quam  oportoit  aspirare 
temporales. 

*)  Den  Anstoss  gab  nach  Hör,  173  eine  Vision,  in  weicher  er  auf  datt 
Wort  des  Altvaters  Arsenius:  foiiK  et  origo  omnium  bonorum  homini  spirltoali 
est  in  cella  sua  iugit-er  commorari  {vgl.  Vita  104,6 f.)  venciesen  wurde.  Es 
wird  hinzuzudenken  stin,  dass  Seuse  sich  damals  entschieden  jener  Sichtung 
im  Dominikanerorden  anschloss,  welche  die  allzu  starke  Betonung  der  Wissen» 
schuft  und  besonders  der  Philosophie  (mundana  philosophia,  Hör,  174)  als 
Preisgabe  der  ursprünglichen  Ideale  des  Ordens  verpönte^  wie  dies  schon 
Gerard  von  J*Vachetn  getan  (s.  oben  S.  79*  A,  3,  vgl.  Felder  a.  a,  0.  455 
und  Th.  Wehofer  im  Jahrbuch  f  Philos.  u.  spekuL  Theol  XI  [1897]  17  ff,). 

^)  Dieser  Ausdruck  lässt  schlie.ssnij  dass  bei  Seuse  wirklich  die  Erwer- 
bung di'S  Magisiergrades  in  Vraga  kam:  ^magister  regefis^  hiess  der  an  der 
Spitze  des  Lehrkörpers  einer  theologischen  I*'akultdt  stehende  Lektor  (Felder 
a.  a.  0.  Ö38),     Vgl.  auch  Hör.  lo4:  praelationes  ac  rcgimina. 

')  Über  die  Abfassungsverhälfnisse  und  -Zeit  des  Bdw,  Bdew  und  Hör, 
habe  ich  ansführlicher  im  Jlist.  Jahrbuch  1904,  170 — 9<J  geliandeU. 

'")  Ich  seht  hier  von  dem  dritten  Tvil  des  Bdetr  (die  hundert  Betrach- 
lungen) ab,  der  vielleicht  iwrhtr  entstanden  ist. 

*•)  Vorarbeiten  126 f:  Mystik  II,  329 f.,  359,  Uenifle  XXVI,  6'ee- 
birg  49,  I3tifi\  und  Strauch,  AI  lg.  dtsch.  Biocfr.  37,  170  lassen  das  Büch- 
lein zwischen  1327  und  1329  rafasH  sein. 


Dm  BfldWsin  in  Wshriiril. 


91* 


OeduUt  in  Hrimsuchitigen  und   Widerwärtigkeiten,    dort  uher,   wenn 

iMicÄ   nickt   rtunech/ieaslicfi,   die   mystische   Vereinigung   der  Seele  mit 

Gott  gemeint;   dass  seine  Mortifikationen   aUe  sc/inn  zu  Ende  seien, 

s(*St8euse  im  bdtv  nirgends.    Niiherhin  bestimmt  sieh  die  Abffissungs- 

zeit  tUs  Bdw  nach  der  den  Bdsir:  es  tnims  vor  dem  iHzteren  verjiisst 

jw«,  denn  Hör.  14,   iro  Seitsp  über   die  EnlMehuiuj   den  Bdrw  Ayf- 

fcAlms  gibt,  sagt  er:  tinienB,  ne  istud  tjuoqiie  laitiiiliter  piiim  opus 

eomtn  (aemiilomin)  dentibUB  dilaceraretur.     ihitrr  der  nngegr/ff'enen 

Schrift  kann,  soweit  tcir  wiesen,  nur  das  Bdw  gemeint  sein.    Nvn  ist 

nber  das  Bdeic,  wie  spiiter  tmc/igeieieseti  wird,  1327/28  entstanden,  aho  " 

tnttset  das   Bdw   eorhcr  fallen,    und   zwar,   da   im   sechsten    Kapitel 

Heister  Eckhart   in   einer   Weise   eingeführt   ist,    dass  man  ihn  nur 

als    gestorben    denken    kann   (354,5 f.:   ich   hnn   vernomen,   daz   ein 

hoher  meister  ai  geweseii),  ist  der  Schluss  nach  des  Meisters  Tod 

noch    132?   verfall.     Die   vorausgehende    Jiaupt}iartie  (Kap.  1—5) 

fcitrde  wahrscheinlich  schun  vorher  während  Eckharls  Prozess,  in  dem 

f»   nick  ja   um   ähnliche  Fragen   handelte,    wie  sie  in   dem  Biichlein 

"vntilitrt  werditn,  niedergeschrieben. 

Seinem  Inhalt  nach  ist  das  Bdw  eine  in  Dialogform  (der 
•Jünger  fragt,  die  [ewige]  Wahrheit  antwortet)  gekleidete  Ausei»- 
"ndersetzung  über  die  höchsten  Fragen  der  Mystik:  Gott  und  Gottes 
W«p»,  aeine  Einheit  und  Dreipersönlichkeit,  Schöpfung  und  Mensch- 
vtrdung,  Vereinigung  d^r  Seele  mit  Gott  hienteden  und  im  Jenseits, 
Freiheit  und  sittliches  Betragtn  des  Menschen^).  Es  ist  die  einzige 
Schrift  Seuses,  wenn  man  oon  Kap.  46—53  der  Vita  absieht,  welche 
*«*  ei proftuso  mit  der  sj^ekulativen  Mystik  h^fasM,  nach  Denifles^) 
Vrtril  das  schwierigste  Büchlein  unter  den  Schritten  der  deutschen 
'fystiher.  Besondere  das  fünfte  Kapitel  leidet  an  Dunkelheit  und 
^fhitjereerstäniÜichkeit.  Seuse  ist  im  Bdw  nicht  der  pj-aktisch  gerichtete 
^y^tiker,  der  ans  der  FüMe  des  Herzens  redet,  vielmehr  tciegt  der  ■ 
"^»tt-akte,  lehrhafte  Ton  vor  und  verrät  den  noch  im  Schulgetriebe 
'tfhetiden  Anfänger.  Die  Auswahl  der  behandelten  Fragen  ist 
"""■«SÄ  die  polemische  Tendenz  bestimmt-:  dos  Büchlein  richtet  sich 
™f*»£ich  zunächst  gegen  die  Begharden  und  Bruder  des  Jreien 
"^tes'),  welche  einerseits  den  Wesensunterschied  zwischen  Gott  und 

')  Khtt   gmauerr    Analyse    uinl    Eiitieicklunn    der    Lehre    äta    Ililm    titi 
'''■•Sir  //,  386-400. 
1  8e>ut  XXV. 

•)   VfL    Anm.    su    a3,14ff.       Weittra    über    dieer    Stktrn    hei    Jundt. 
&^*U{rt du panHifisme pojiulaire  aa  moyen-äge,  i'arit  1875,  47 ff.:  Delacroij, 


J 


92*  Einleitimir.    IL    Sciises  liCben  und  Werke. 

der  Seele  in  der  Beschauung  pantheistisch  verflücJitigen,  andererseits 
in  falscher  Auffassung  der  Wiedergeburt  detn  mit  Gott  Geeinten 
alles  erlauben  und  so  in  Libertinismus  ausarten.  Vorübergeheiut 
(340,3 Jf\)  scheint  Seuse  auch  eine  rigoristische  Richtung  der  Askese 
(die  Fraticellen'^)  zu  bekämpfen ^  welche  die  Nachfolge  Christi  rein 
äusserlich,  nicht  im  Geii>te  auffassie  und  die  Liebe  hintansetzte.  Im 
sechsten  Kapitel  nimmt  er  seinen  verehrten  Meister  Eck/uirt,  jedoch 
ohne  seinen  Namen  zu  nennen,  gegen  die  Begharden  (daz  wilde) 
in  Schutz,  indem  er  in  taktvoller  Weiifv  deren  Berufung  auf  einzelne 
unvorsichtige  und  paradoxe  Sätze  jenes  als  unberechtigt  abweist 
und  ihnen  gegenüber  die  gesuiuie  kirchliche  Lehre  entwickelt  ^)^  Man 
wird  in  Rücksicht  darauf  kaum  sagen  können,  Seuse  trage  im  Bdw 
Ecklwrts  Lehre  vor%  denn  den  materiellen  Inhalt  der  angefochteten 
Sätze  macht  er  sich  keineswegs  zu  eigen.  Übrigens  ist  das  Andenken 
an  den  Meister  in  dem  Büchlein  durchweg  noch  ein  sehr  frisches 
und  lebendiges. 

Das  Bdw  fand  in  gewissen  Kreisen  —  zweifellos  dieselben, 
welche  gegen  Eckhart  so  gehässig  vorgegangen  tcaren  —  ei'ne  uw- 
(/iifhsiige  Aufnahme.  Es  darf  uns  das  nicht  überraschen:  Eckhart 
war  eben  gestorben,  aber  sein  Prozess  war  noch  nicht  entschieden 
und  die  Erregung  der  Gemüter  dauerte  fort,  da  taucht  Seuses  Schrift 
auf,  ganz  im  Sinn  und  Geist  des  Meisters,  wenn  auch  ohne  dessen 
Extravaganzen  und  von  untadelhafter  Orthodoxie,  sie  rühmt  jenen 
als  den  ,hohen  Meister'  und  scheint  ihn  zu  rerteidigen  oder  wenigstens 
zu  entschuldigen,  —  was  Wutuier,  wenn  der  Schüler  in  das  Ver- 
h/ingnis  des  Lehrers  hineingezogen  wird  und  sich  harte  Anklagen 
gefallen  lasseti  muss'^    Verschiedene  Andeutungen  über  Anfeindungen 

Essai  sur  U  mysticisme  specuhiiif  en  AUemagne  au  XIV  sitcle^  Paris  1899, 
77 ff,:  H.  Haupt  in  Healenzyklop,  f.  prol.  TheoL  Il\  5:>3f.,  IH\  4tö7 ff. 
Vielleicht  hat  Haupt  Becht  (I1I'\  470 fj^  wenn  er  meint^  es  mache  den  Ein' 
druck,  als  ob  hei  Seuse  nicht  so  fast  tine  ntjentliche  Sekte,  als  eine  krankhafte 
Richtung  und  ein  Überschwang  der  mystischen  Eeligiosität  übeHtaupt  be- 
kämpft werden, 

^)  Näheres  im  Kommentar  zu  S,  354  -67. 

'-')  P reger ^  Vorarheitcn  U?.  Wenn  dvrsdhe,  Mystik  II,  369,  meint, 
Seuse  setze  sich  durch  seine  Verttidigung  Evkfiai'ts  in  Oegensate  eur  pdpst- 
lichen  Vtrdammttngshulle  von  J329.  welche  eine  Verteidigung  oder  Billigung 
der  verurteilten  Sätze  Eckharts  verbiete,  so  erweist  sich  diese  Ansicht  bei  der 
frühn'tn  Datierung  drs  BQehh'ins  als  unrichtig:  sie  beruht  ohnehin  auf  einer 
falschen  Auslegung  des  Textes, 


und  Verfdiji'nyen  m  der  Vilo  (5,11/.,  68,17  ff.)  und  im  Hot:  (13 jV) 
fiuen  sich  kaum  mtf  etwas  anderes  als  auf  Jene  Widerwärtigkeiten 
lieziehen,  welche  die  VerÖßentUcHung  des  Bdw  Seuse  zuzog.  Es  wird 
iitBer  Zeitpunkt  auch  mit  jenem  zummmenfallrn,  wo  ihm  im  Traum- 
^ekt  der  verstorbene  Meister  Eckhart  und  seine  »elige  Mutter 
tntkientn  und  ihm  Miihmtng  und  Trost  gaben:  er  solle  sich  in  stille 
Gtdjildigkeit  setzen  gegen  alle  wölfischen  Menschen,  Gott  werde  ihn 
m  keiner   Widerwärtigkeit  verlassen  (23,11  f.  143,12/.). 

Die  Anfeindung   verdichtete  sich  sogar  zu  einer  formellen  An- 

klnge   vor   dem  Ordens/orum.     Seuse   erzählt   im   23.  Kapitel  seines 

heb^n^:   zu   einer  Zeit  sei  er   auf  die-  Anklage  zweier  ,Vomehmen* 

l'wohl  Ordensbrüder  in  höherer  Stellung)  hin  vor  eine  Ordensversfimm- 

luiiff  in  den  Niederlanden  zitiert  worde».    Es  wurde  ihm  unter  ^vielen 

anderen  Sachen'  namentlich    das   vorgeworfen,   er   mache   Bücher*), 

'«  denen  stünde  falKche  Lehre,  ron  der  aUrs  Land  verunreinigt  würde 

ftut  ketzerischem  Unflat.    Man  setzte  ifim  mit  harter  Rede  scharf  zu 

und  drohte  schwere  Strafe  an,  ,u'ieu}ohl  ihn  Gott  und  die  Welt  darin 

unschuldig  wusste';  er  litt  ,grosse  Unehre  und  Schmach'  (ti9,8f.),  aber 

iu   einer  eigerUlichen  Bestrafung  scheint  es  nicht  gekommen  zu  seih. 

Diu  Ordenskapitel,    auf  dem  Seuses  Sache  perhandelt  wurde,   kann 

tine   VermmitUung    de^   ganzen    Ordens   (Generalkapitel)   oder    der 

Prorinz  Teutonia.  zu  der  auch  die  Niederlande  (Brabant)  gehörten, 

yeweten  sein ');  auch  bei  Prooinsialhapitein  hatten  nämlich  die  ,ittqui- 

titores  kaerettcae  pravltatis'   anwesend   zu   seht*),      y'on  den  in  dei- 

^1  mm  1337  bis  1334  —  dieser  terotinus  ad  ijuem  ist  annunehmen 

""'?*«  der  Datierung   des  Hör.,   ^.  unter  B  III  —   in  den  Nieder- 

landm  abgehaltenen  Ordensversammlungen  *)  ist  das  filr  umern  Fall 


')  Seiue  fuhrt  hirr  eine  »ehr  scharfe  Sprache  gegen  stine  (und  Eekhartu) 
Vi«!*,  er  niu*«fe  wiaien,  das»  der  OrdmegentTtü  Uui/o  von   Vauctmain,  dem 
**  *e  /iehrift  widmete,  ktin  Gegner  drr  mystischen  Hichlung  sei. 

')  Äueh  wenn  Sruat  cart^t  nw   tine  Schrift  (das  Bdtr)  nerfassl  hatte, 
*'»»!«  doch  veraUgtmeinernd  ge-aarfl  werdrn,    rr  tnaehr  keittrisehe  ,Büeher'  (so 
••e*    richtig   Preger  II,  330  gegen  Denifl«  XXVI):  rieHrietU   handdte    e» 
"^  ttber  auch  noch  um  eine  ander»  uns  iinfieknnnte  (latrinsteh' if)  Schrift. 
*)  Vgl.  An»,  eu  3tt,3. 

')  Cop.  gen.  I27S,  1285  (MO PH  III.  181,  1'38). 

*)  tSSO  Generalkapitel  tu  Maastricht:  1327  Provineialkap.  su  Antwerpni, 
^"  *»  Direeht.  Die  Frovintialtap.  und  -Pi'ioren  werden  nach  dem  yerteichnig 
'■*■  Meiert  in  Cod.  Basil.  E  III  13  St.  136ff.  cititrt  (Publikation  durch 
"'  ^.  von  Lot  sirht  bevor;  mir  »tand  eine  Abschrift  ton  Prof.  L.  Baur  in 
*'^n«  lur  Verfügung). 


d 


94*  EiiileituDg.   n.    Seuse»  lieben  uod  Werke. 


z 


uireffoide  sehr  wahrscheinlich  d^ts  P rovinzialkapitel  von  Anttverpen 
1327  ^).  Provinzialprior  von  Teittonia  war  damals  (1326 — 31)  Heifp- 
rieh  de  Ligno'^),  und  die  Provinz  befand  sich,  wie  aus  verschiedenen 
Anzeichen  hervorgeht  y  in  Unordniiwj  und  Verwirrung,  In  einem 
päpstlichen  Schreiben^)  com  1,  August  1325  wird  beklagt,  dass  Un- 
friede und  PaHeiiuigen  unter  den  deutschen  Datniiukanern  herrschen 
und  dass  (i ewalttütigkeiten  und  Missbrauch  der  Amtsgewalt  gegen 
sittenstrenge  Untergebene  vorgekommen  seien  (quod  quamplores  fratres 
laudabilis  conversationis  et  vitae  graves  ab  eorum  superioribos  sant 
perpessi  iacturas  etc.)j  und  es  wird  d'fther  eine  Visitation  und  Re- 
formation der  Provinz  Teutonia  angeordnet,  zu  der  auch  der  bdcanfUe 
Mystiker  Nikolaus  von  Stra^sburg  als  Vertrauenstnann  beigezogen 
wurde.  Der  eigentlidie  Grund  jener  Wirren  lag  aber  darin,  dass 
der  Ord^n  in  Deutschland  in  eine  strengere  und  laxere  Richtung 
gespalten  war;  wenn  nicht  alles  trügt  —  das  spärliche  Quellen- 
material  erlaubt  es  nichts  in  der  Sache  ganz  sicher  zu  sehen,  —  so  hat 
es  sich  auch  bei  d^m  Prozess  Eckharts  um  einen  Zusammenstoss  beider 
Bichtungen  gehand-elt.  Es  ist  aus  den  Akten  erwieseti,  dass  bei  dem- 
selben Neid,  Parteigehässigkeit  und  niederträchtiges  DenunziafUentum*) 
inn-  und  ausserhalb ßes  Ordens  eine  Hauptrolle  spielten;  de$i  Feinden 
Eckharts  gelang  es  sogar,  den  päpstlichen  Kommissär  Nikolaus,  der 
Eckharts  Angelegenheit  zunächst  in  einem  diesem  günstigen  Sinne 
entschieden  hatte,  in  dessen  Schicksal  zu  verwickeln  und  bei  d-em  erz- 
bischöflichen  Gerichte  in  Köln  seine  Exkommunikation  als  ,Begünstiger 
der  Häresie'  zu  erwirkeUf  welches  Urteil  aber  vom  Papste  bald  dar- 
auf wieder  aufgehoben  wurde'')  (erste  Hälfte  von  1327).  In  die 
unmittelbare  Folgezeit^  als  die  Verwirrung  in  der  Provinz  Teutonia 
noch  fortdauerte,  fällt  auch  das  Vorgehen  gegen  Seuse.     Wir  wef'den 

\)  Entsprechend    dn-    späteren    Datierung    des    Hör,    entschieden    gici 
DenifU  98  für  das  Generalkap.  zu  Brügge  1330  ^  P  reg  er,  Mystik  II,  3S^^ 
:ifj()  und  Steherg  144  für  das  ProvinziaJkap,  von  Hcrzogetibusch  1336. 

-)  Nach   dem    vhen   zitierten    Verzeichnis  ♦/.  Meyers;  vgl.  auch  Jundu 
n.  a.  O.  :it<7ff.     Pregcr^    Vorarbeiten  31  hat  falschlich  de  Lingo, 

^)    Veröffentlicht   von   Denifle   im  Archiv  /T,  314 ff.,  von  HautilUr- 
in  Anaheia  Argentinensia  I  (lD(.Ot  ii-'iff. 

')  Zwei  sittlich  anrüchige  Dominikaner,  fr.  Hennann  de  Summo  und 
Wilhelm  (de  Xidecken)  traten  hauptsächlich  als  Ankläger  gegoi  Eckhart  auf, 
vgl.  J*  n  min  er  er  a.  a.   0.  :J3ff. 

■')  In  einer  Btschivtrileschrift  tratt-n  bich  deshalb  vifv  FraticelUn,  dai unter 
Wilhelm  von  Occam,  grgen  I*njjst  Johann  XXII  auf,  vgl.  P  reg  er  I,  4S3f.: 
Denifle  in  Zfda  A'A'iA',  :.u;():  Pummtrcr  a.  a.  0.  3S,  3J2f. 


kown  fehlgreifen,  wenn  wir  die  tieferliegende  Ursache  desselben  wie 
bei  Eckluirt  in  dem  Hass  und  der  Abneigung^)  gegen  den  unbeijitemen 
^ptritualen'^}  nehen;  die  Ankitige  u-egen  heteradoxer  Lehrmeiniing  war 
mehr  Vonennd  und  auch  tatsächlich  nicht  zu  enreisen_,  denn  sonst 
">äre  Seuse  wohl  nicht  straflos  nusijegnngen.  Immerhin  dürfen  wir 
M  als  einen  Nachklang  der  gegen  Eckhart  und  Seuse  gerichteten 
Verhandlungen  au/fassen,  wenn  das  Generalkapitel  zu  Toulouse  13SS 
Bestimmungen  gegen  einige  (aliqai)  Ordensbrüder  erlässt,  welche  in 
ihren  Predigten  vor  dem  Volke  quaedam  Btibtilia  behandeln,  iras 
das  Volk  lacht  in  Irrtum  fiihn-n  könne,  und  auch  den  Lektoren 
tintehärft,  in  ihren  quaeetiones  und  leotioncs  nicht  .^nkh  •jefiifnlirhe 
Ih'nge  vorzutragen  ^. 


W 


Verhältnisse    der    Dinzeiie    Kuustauz    und    des 
UomiDihanerordens. 


B.  Seuse  als  Lektor  und  Prior. 
Schriftstellerische  und  seelsorgerliche   Tätigkeit 

^(ca.   1327— 134S). 
'1  ie  xchoH  erwähnt,  ist  Seune  vermutlich  im  Jiihre  1327  nach 
inz  zurückgekehrt,    sei  es  vor   oder   nach  Jenem  Kapitel,   auf 

<Jem  er  so  hart  behandelt  tvurde.  Auf  dem  Heimweg  —  die  Prediger 
»Mussten  stets  zu  I'ass  reinen  in  Begleitung  eines  ,Gesellen'  (socius), 
*iffl.  Antn.  SU  fHi,l<l  —  beßel  den  geplagten  Afann  schwere  Krankheit, 
tiie  ihn  dem  Tode  nahe  brachte  (6S,27ff.);  damals  mag  sich  auch 
,  f^nc  so  ergreifend  erzählte  Begegnung  mit  ilem  Mörder  am  Ufer  des 
I    Mh«ines  abgespielt  haben  (  Kap.  20 ). 


')  Vgl.  Hnr.  13/.:  aemDli,  qui  nunc  (|uui|iie  aicut  olim  invidia  stimiikute 
fikcta  quae<iue  licet  bona  depr&vare  aut  penitua  onniillare  nnn  deststiint,  divina 
chariamata  aiipellantw  sapentitioBa  ßgmeDta,  et  saiictuH  reyelatioDSB  fantasrii'aa 
deceptiones  sanuhinuiiqiie  genta  patmni  eete  dicnut  narratoriiim  fahuluBuni  .  . . 
ip«i  vero  sua«  nolnintDodo  adinrcntioiiea  topicas  Tel  propoBifioDea  dabios  sei|uutitiir 
usquam  «letuonetrationea  certaa. 

*)  Spirilualifi  ivila,  jihiloxnphin,  hämo  atw.t  inl  Hn  Liehlingtaatdrufk 
Stute»  im  Hör, 

")  MOF/l  IV.  JHO:  njl.  Drniflf  in  Zfd-i  XXIX,  362:  Piimmerer 
-..  o.   ".  34f. 


9(5*  Einleitung.   IL    Seuse«  Leben  und  Werke. 

In  der  Heimat  traf  Seuse  recht  inierquickliche  Verhältnisse 
an  *).  Nach  detn  Tode  des  Bischofs  Heinrich  von  Klingenberg  (1306) 
war  die  Glanzzeit  des  Bistums  Konstanz  vm'iiberj  es  geriet  immer 
fnehr  in  Schulden  und  die  Vertceltlichung  zog  immer  weitere  Kreise; 
die  zwiespältigen  Bischofswahlen  wollten  nicht  enden^  Insbesondere 
war  es  auch  der  unselige  Kampf  zwischen  Ludwig  detn  Bayer  und 
der  Kuriey  der  seinen  Wellenschlag  in  die  Bodenseestadt  warf. 
Bischof  Rudolf  III  ron  Montfort  (1322—34)  hielt  bis  zum  Jcihre 
1332  zum  Papste,  dem  er  seine  Erhebung  verdankte,  während  sich 
die  Stadt  und  ein  Teil  der  Geistlichkeit  (namentlich  rf/>  Franziskaner) 
auf  Seite  Ludwigs  schlugen,  weshalb  1326  wie  über  andere  Reichs- 
städte so  auch  über  Konstanz  das  Interdikt  verhängt  wurde;  von  da 
an  war  der  öffentliche  Gottesdienst  zwölf  Jahre  lafig  eingestellt,  eine 
Massregel,  die  notwendig  das  kirchliche  Leben  aufs  schwerste  schädigen 
musste.  Der  Bischof  änderte  im  Laufe  des  Jahres  1332  seine  poli- 
tische Gesinnung,  unterwarf  sich  1333  dem  Kaiser  und  empfing  von 
ihm  die  Regalien,  was  die  Verhängung  des  Bannes  auch  über  ihn 
zur  Folge  hatte%  Nach  seinem  Tode  fand.  1334  eitie  Doppelwahl 
statt;  der  Kandidat  der  Majorität,  Nikolaus  von  Frauenfeld  (1334 — 44), 
trug,  vom  Papste  bestätigt j  den  Sieg  davon.  Dem  unterlegenen  Be- 
werber Albrecht  ton  Hohenberg  kam  Ludwig  der  Bager  mit  Waffen- 
gewalt zu  Hilfe j  aber  ohne  viel  auszurichten;  von  Mai  bis  August  1334 
hielt  er  sich  am  Bodensee  auf  und  helageiie  14  Wochen  lang  ver-  - 
geblich  das  feste  Meersburg,  in  das  sich  Bischof  Nikolaus  einge-  - 
schlössen  hafte^. 

Die  Dominikaner  standen    von  Anfang   an   treu  zum  P(q>ste,^' 
doch  nicht  ohne  Ausnahme,  wie  verschiedene  Verordnungen  der  General — 
kapital  von  1325 — 30  gegen  Brüder   der  Provinz  Teutonia  zeigen,^ 
welche  die  päpstlichen  Erlasse  nicht  ausgeführt  hatten  *).    Im  Innerrmr^ 
des  Prediger  Ordens  war  wie  bei  anderen  Orden  seit  Ende  des  13.  Jh^  " 

')   Vgl.  zum  folgenden  besondei's  K.  M  aller,  Der  Kampf  Ludmgs  d,  B  "^ 
tnit  der  Kurie  I  (1679)  passim;  lieg,  Kp.  Const.  II;  J.  Knöpfler,  Kaisetm 
Ludteig  (L  B.  und  die  Reichstädie  in  Schwaben,  Elsass  und  am  Oherrhein,  mi 
besonderer  Berücksichtigung  der  städtischen  Anteilnahme  an  des  Kaisers  Kamp„SS^ 
mit  der  Kurie,  in  ,Forschungen  zur  Gench.  Bayerns^  XI  (1903)  Iff.,  W3ff,  Ein^^ 
gute  ÜbiTsicht  der  kirchenpolitischen  Ereignisse  zu  Konstanz  gibt  K,  Beyerl^ 
im  Fn-ih,  Diöz.- Archiv  1904,  Iff. 

-)  Heg,  Ep.  Const.  II  n.  43.16. 

')  A.  a.  O.  //  w.  4435. 

•)  MO  PH   IV,    WO  f.  IfiS,    17Sf  197,      Vgl  auch  P  reg  er  II,  S90f; 
Pflugk'Unrttung  in  Zritschr.f,  Kirch  eng  esch,  XXI  (1900)  217  ff. 


rine  Erschlaffung  eingetreten,  die  sich  in  der  folgenden  Zeit  in  be- 
denklicher Weise  stcif/erte^);  Minsbräuehe,  unter  denen  Minsacktung 
der  klösterlichen  Disziplin,  Beibehallnng  und  Erwerb  von  Privnt- 
eigentum*),  leichtsinniges  HckuldennmcheH  und  Vernachläsxigmig  <Ui- 
Studien,  Haschen  nach  Ehrenstellen  und  Privilegien  nller  Art,  in 
Frnufttklö8tern  Üppigkeit  vnd  ZuchÜosigkeit')  eine  Hauptrolle  sjiielen, 
drohten  sogar  ieÜweise  einen  raschen  Verfall  herbeizuführen.  Die 
Schriften  Seuses  sind  voll  von  Klagen  darüber,  die  schwerlich  über- 
treiben. Im  sechsten  Kapitel  des  Bdew  und  noch  eingehender 
Hor.43ff.  (Aufichrift:  PlaDctus')  super  esttncto  fervore  devotionis 
in  diveräis  perBonis  utriusque  sexas  moderni  teinporis)  schildert  er 
tlas  KUisterwesen  seinrr  Zeit  in  Fortn  einer  fision  unter  dem  Bilde 
einer  alten,  zerßdlenen  Stndt  mit  ruinösen  Mauern  und  Gräben,  voll 
wilder  Tiere  in  Mensehengestnlt.  Obwohl  die  Zahl  dfr  Outen  an  sich 
betrachtet  immer  noch  eine  grosM  sei  (Hör.  48:  licet  [electi,  inste 
et  pie  inter  alios  converBantes]  in  magno  adhuc  numero  inreniantnr 
in  onmi  statu  et  religioac  ac  aetate  utriusque  sexue),  so  überwiege 
<ioch  weit  die  Zahl  derer,  die  weltliche  Herzen  unter  geistlichem  Oe- 
'f^ande  tragen,  denen  Verstösse  gegen  Gehorsam,  Armut  und  Keusch- 
Aeit  beinahe  zur  Gewohnheit,  ja  zur  Ehrbarkeit  geworden  seien,  und 
riie  ihre  Vergehen  durch  sophistische  Auslegung  und  Deutung  der 
Ordensregeln  zu.  beschmigen  suchen.  Eine  Gegenbewegung  gegen  jene 
Unordnungen  machte  sich  zwar  schon  bald  von  innen  heraus  geltend. 
»o  *■«  der  römischen  Provinz  eon  seilen  einiger  eifriger  Refornifreunde, 
<iie  von  den  Laxeren  Spiritualen  (auch  ,spigolist(ie'  oder  ,de  spiritu'} 
rfettannt  trurden,   an  denen  aber  das  Gener aiknpitel  PO»   1321  nichts 

')  l'gl.  auch  oben  S.  73*,  94*.  Ein*  quelimmllMigf  Srhiltlerunff  der  Zu- 
Jit/Indn  und  der  Reffirmoertuchf  nnftr  dem  OräentmeUttr  Heroäue  (1318 — 23) 
fjti  Morlitr  a.  a.  0.  II.  Müf. 

*J  Do*  Otnnatkapiltl  non  1318  (MOPE  IV,  108)  klagt:  cum  quwi 
nbiqae  comnunitaB  pereat  tlc. 

')  Staa  nieler  Belege  cenntite  ich  auf  da»  Leben  LiutgarU  V07l  Wilticfter» 
fSSiine,  i^ueltmeammtung  111,460/.),  die  Sarrier  Fitd^tm  eon  ea.  1360  (bei 
IVacktrnagrl   a.  a.   0.  S83ff.)    uni/  Statte  Briefe   {nammtlich  Gr  B/b  II, 

VI,  viu,  XIV,  XVII- XIX,  xxvn). 

')  Wir  hefindtn  un«  in  der  Zeit  der  Rr/orw- und  Streileehriften :  Alvara 
Ptiago  vafatsle  1333  »tinen  Traktat  ,l>e  planeta  cccletiar'.  Konrad  von  Mi-gm- 
hteg  1337/8  »rin  Gedicht  ,Planelui  »cclesiar  in  Gtrmnniam'  (Auszüge  vm 
Grautet  im  Ukt.  Jahrb.  19vl,  631  ß.),  ergirrer  nix  Anhänger  de»  rapsit», 
ItttUirtr  als  tolehtr  Ludwigs  d.  B..  hride  aber  alt  Btfi<rmfrcundr  aas  warmer 
kirehUehrr  fjfientuguag. 


ale  ihre  mit  gewissem  FAgensinn  festgehaltenen  Sonderheiten  in  GtUi 
und  Fanten,  die  leicht  zu  einer  Spaltung  im  Orden  führen  konnten, 
auszusetzen  u>usate  ').  In  Deutschland  standen  auf  Seite  der  strengeren 
Richtung  natnenüich  auch  die  Gottesfreunde  und  Mystiker,  icie  Eck- 
hart, Tau/er,  Seitse'^),  Nikolaun  von  Stressburg,  die  aber  gerade  des- 
wegen, wie  mr  bereits  sahen,  von  den  laxeren  Elementen  gerne  als 
ifreie  Geister'  und  Häretiker  (vgl.  Anm.  zu  S3,liff.)  gebrandmarkt 
und   verfolgt  wurden.     Im  Jahre  1325  (vgl.  oben  S.  94*)  regte  der 

Ordensgeneriil  Btirnabas   bei  Papst  Johann  XXII  eine  Reform  det 

Provinz  Tiutonia  an ;  der  Provimial  Heinrich  de  Ligno  oppdlt 
dagegen  an  den  Papst,  der  ihn  aber  1331  seines  Amies  enthob 
der  Proiim  in  der  Person  des  Franzosen  BeiiMrd  Carrerius  einet^  -^  » 
Generaivikar  gab,  der  im  gleichen  Jahr  zum  Provimial  gewählt'^^lt 
wurde').  Papst  Benedikt  XII  be«ciied  1333  den  Ordensmeistemr r^ar 
Hugo  nach  Avignon,  nm  mit  ihm  über  Abtchaffung  verschiedenem  -^sr 
Miasbräuche  im  Orden  zu  beraten  *).  Zu  einer  durchgreifendem,  -^n 
Aktion  kam  es  aber  damals  nicht,  und  als  vollendet  die  Pestjahr~--^e 
(1348 — 50)  die  Zucht  und  Ordnung  allenthalben  auf  lösten  "),  iruul^^^ 
das   Übel  noch  ärger. 

Der  allgemeine  Niedergang  des  kirchlichen  Lebens,  die  unhei^  ~f- 
vollen  kirchenpolitischen  Verhältnisse  in  der  ersten  Hälfte  des  14.  Jh  -, 
dazu  eine  Reihe  erschütternder  Nnturereigniase  seit  den  dreiasig^^' 
Jahren^:  Erdbeben,  Überschwemmung,  Heuschreckenplage,  Miseirach^  * 
und  Seuchen,   mit   ihrem   reichen   Gefolge   an   sozialem  Elend    alle^"  »" 


')  MOFH  IV,  187:  vgl.  Mortitr  a.  a.  0.  II,  öötiff. 

']  In  der  Joh.  Meyertehen  Chronik  dtr  (ieneralineislrr  dt*  l'redigr^^ 
Ordens  Hehl  beim  15.  General  Barnahas  (1324  —  33)  die  BtmerkMng:  bi  diiC'  - 
zitten  lebten  vil  heiliger  brfiiier,  den  von  hertzen  we  tett  der  abgftug  der  obieir" 
Tiuitz  des  urden«  uud  Akz  man«  nit  reformiereu  moctit,  imder  den  was  bysondc^' 
Ventiiritius,  H.  Sühh,  Johannen  Tauler,  tneiHter  Bckaid  etc.  (nneh  dem  Ckettn 
hamtr  Cod.  Phitlipp.  36BW  .S'.  p-  siliert  bH  Priebach  a.  a.  0.  I,  80). 

")  Notii  in  Joh.  M eyera  Liilf  der  ProvineiaU,  briJundt  a.  a.  O.  2t^ 
(doch  tteht  hier  fälichlich  Tan-mius.  ».  dofffgen  MOPH  IV,  211);  (y 
K.  Müller  a.a.  0.  I,  I58f.  341. 

*)  Ueicherl  in  Rüm.  Quarlatachr.  1897,  38il  mit  Beleg  aus  dtn  vatm 
kanigchra  Akten. 

')   Vgl.   dit  Klagen   de»  GeneralkapittU  von  1363  (MOPH  IV,  3lbff.^' 

")  ZmatiimeTisieiliingen  bei  Preger  II,  299:  III,  92:  Strauch,  A(^- 
Langmann  loa;  GranrrI,  Meüter  Joh.  von  Toledo,  in  den  Sittttngtherieliit^ 
dtr  Mfmehier  Akademie,  phil.-hist.  Kl.  1901,  SäUff. 


Allg.  Verhältnisse  der  Diözese  Konstanz  und  des  Dominikanerordens.     99''' 

Art  ^)    haben   bekanntlich  einen   Hauptanstoss  zur    Verbreitung   des 

mystischen  Lebens  gegeben  und  die  Ehnpfänglichkeit  dafür  in  vielen 

Herzen  geweckt.    Eine  tiefe  Erregung  ging  damals  durch  die  Geister, 

apokalyptische  Prophezeiungen  wurden  ausgestreut,  viele  glaubten  das 

Ende   der  Welt  nahe^):   in    dieser  Not  der  Zeit  zogen  sich  ernstere 

Gemüter  gerne  in  das  innerste  Heiligtum  der  Seele  zurück^  um  hier 

das  Feuer  idealer  Begeisterung   und  eines  mystischen  Gnadenlebens 

zu  hüten  und  zu  nähren.     Von  diesen  Gottesfreunden  ^,  wie  sie  sich 

nannten,  nicht  im  Sinne  eines  freikirchlichen  Geheimbundes,  sondern 

eines  innigen  Zusammenschlusses  aller  Gleichgesinnten  zur  gegenseitigen 

^Forderung  und  Erbauung,  ging   eine  geistige  Befruchtung  zunächst 

in  klösterliche,  dann  aber  auch  in  Laienkreise  aus,  von  ihnen  wurden 

die  religiöseti  Bedürfnisse  der  tiefer  Angelegten  befriedigt j  sie  erzeugten 

mne  mystuich-asketische  Literatur  in  der  ans  Herz  redenden  deutschen 

Muttersprache,  ihr  Leben  wurde  zum  Sittenspiegel  für  den  vielfach 

werweltlichen  Klerus*). 

Unter  der  Schar  dieser  Wackeren  steht  als  einer  der  Edelsten 
Seuse,      Von  dem,  was  er  in  langer,  mühsamer  Selbstzucht  für  sich 
selbst   errungen,   feilte  er  als  abgeklärte  Persönlichkeit  die  goldenen 
J'r ächte  in  Wort  und  Schrift   an   aridere  aus,     ÄUein   unter  dem 
Gesichtspunkt   der  Seelsorge  gefasst,   hat  er  vielleicht  die  gesegnetste 
Wirksamkeit  unter  den  una  bekannten  Mystikern  entfaltet ;  als  Schrift- 
steller von  geimlltem  und  bewusstem  Können  und  anziehender  Eigenart 


*)  Eine  sehr  häufige  Erscheinung  ist  mrtschaftlicher  Büchgang  und  Vei'- 
armung  der  Klöster;  zahlreiche  Belege  für  den  Oberrhein  bieten  die  Beg,  Ep, 
Consi.  II passim;  Hauviller  a,  a.  0.  /,  CLXIIff.;  Mone,  Quellensamm- 
hmg  II j  38  A.l:  III,.  117.  Bezüglich  des  Konstanzer  Predigerklosters  vgl, 
Vita  140,14 ff. y  für  Töss:  Beg.  Ep,  Const,  II n,  4703,  n,  177  (1344);  n.  5430, 
5439  (1358), 

«)  Vgl.  Preger  II,  300;  III,  92;  Grauert  a,  o.  0,227 ff.;  Vetter, 
Mystikerpaar  51  A.  6,  Seuse  spricht  wiederholt  von  ,mundus  senescens^  (Hör.  9, 
164) j  von  fOppropinquans  mundi  terminus*  (Hör.  50,  105,  108 ;  der  Ausdruck 
findet  sich  aber  schon  in  der  Vita  S.  Dominici,  vgl,  Dominikanerbrevier  4.  Aug. 
leeUo  IV), 

•)  Vgl.  Antn,  zu  34,10.  Bei  Seuse  ist  die  Bezeichnung  ganz  allgemein  für 
jeden  Frommen  (z.  B.  auch  die  Märtyrer,  vgl.  117,31  ff.),  namentlich  aber  für  die 
Anhänger  der  mystischen  Devotion  gebraucht.  Ein  herrliches  Lob  der  Gottes- 
freunde  Hör,  48:  electi,  qni  iuste  et  pie  inter  alios  conversantes  ...  in  medio 
natioms  pravae  et  perversae,  velut  luminaria  lucentia  in  hoc  mundo  caliginoso 
(vgl.  Phü,  2,15),  verbo  vitae  proximos  quoque  illuminant  et  inflammant  etc. 

*)  Vgl.  Linsenmann,  Dei'  ethische  Charakter  M.  Eckharts,  Programm 
Tübingen  1673,  20, 


Eiuleituug.    n.    Seuses  Leben  uti<I  W( 


^^^K 


errielle   er   auf  begrenztem  Gebiete  Erfolge,   wie   naeh   Thovntu 
Kmtipeii  uohl  kein  zweifer  im  ausgehenden  MiUdaiier. 

II.  Sense  als  Lektor  In  Konstanz. 

Nach  Konstanz  zurückgekehrt  widmete  sich  Seuse  zunächst 
noch  einige  Jahre  ntehr  internen  Aufgaben  des  Klosters  und  schrift- 
stdlerisr.her  Tätigkeit.  Wir  dürfen  als  sicher  annehmen,  dass  er 
seiner  Ambildung  entsprechend  im  heimatlichen  Konvent  ah  Lektor 
t-enemdet  wuriie');  denn  die  Ordensstatuten  schreiben  vor,  dass  krin 
vom  Generalstadium  Zurückkehrender  zum  Prior  —  das  wurde  Seuse 
später  —  gewählt  werden  dürfe,  bevor  er  nicht  zwei,  bezw.  drei 
bis  vier  Jahre  das  Lekturamt  verwallel  habe  ').    Jedes  Kloster  musste 

Lektor  haben,  dessen  Amt  es  war,  die  gesamte  wissenschaft- 
liche Ausbildung  nicht  bloss  der  eigentlichen  Studenten,  sondern  der 
Klostergemeinde  überhaupt  zu  leiten;  denn  auch  die  älteren  Religiösen, 
selbst  der  Prior,  sollten  so  viel  als  möglich  dem  Unterricht,  der  in 
Vorlesungen  (gewöhnlich  über  die  kl.  Schrift)  und  Disputationen 
bestand,  beiicohneu.  Dem  Lektor  stand  für  die  Abhaltung  von 
Repetitionen  und  zur  Überwachung  der  äusseren  Studienordnung  ein 
,magister  sludentium'  zur  Seife;  entsprechend  seiner  wichtigen  und 
angesehenen  Stellung  genoss  er  rerschiedene  Privilegien:  Entbindung 
von  der  Missionsarbeit,  teilweise  auch  com  Chorgebef,  eigene  Zelle  ustc. 

Über  Semes  Schicksale  in  jenen  Jahren  sind  wir  nur  unroU- 
kommen  unterrichtet.  Verschiedenen  Andeutungen  im  Uor.  (I12ff., 
»gl.  132 f.)  ist  zu  entnehmen,  dass  schwere  Heimsuchungen  über  ihn 
kamen'^:  ein  teurer  Verwandter,  sein  einziger  zeitlicher  Trost  stirbt, 
die  ,Wölfe'  rauben  zwei  seiner  Obhut  anvertraute  Schaf  lein,  die 
Feinde  stürmen  mit  Beschimpfungen  und  giftigen  Verleumdungen 
gegen  ihn  an,  sein  blühendes,  mit  grossem  Fleiss  von  Jugend  au/ 
bebautes  Arbeitsfeld  wird  ihm  entzogen,  die  ,cathedra  honoris'  um- 
gestürzt*).    Die  letzteren   Worte   können  m.  E,  nur  darauf  bezogen 

')  has  diitkte  Ztugnin,  das  man  bisher  aut  Vila  ä9,iS  einnahm,  indr»m- 
man  le*er  =  Lektor  los  (»iatt  lesser  =  Aderlaiser),  fällt  jtitt  vf-g.  Übrige«^" 
nrnnl  ihn  Joh.  iftyer  ,lector  et  j/rior*  (Mont  a.  a.  0,  IV,  lä). 

*)  Cap.  gm.  1321,  1334,  1336  (MOPH  IV,  133,  163,  16ä).  Ober  da^ 
Ltkloramt  im  allgemeinen  vgl.  Pregrr,  Vorarheiltn  9;  Haaek  a.  a.  O.  itV 
469/.:  l^eldtr  a.  u.  0.  36bff.,  367 ff. 

')  Darauf  betitht  »ich  wo/d  auch   Vita  ST.Hff. 

')  Hör.  113:  etenim  nemus  viriditate  folionim  veniistum  cum  magno  Ulioro 
et  stu^o   ti  piieritia  inea  plaatavtram,  cathedrae  honoris  unntentJTum,   de  qn» 


Du  Bttchlein  der  ewigen  Weiiheit,  Horologinm  etc. 


101* 


Verden,  dtiss  Seme  infolife  verleumderischer  Anklagen  des  Lektorats, 

«Wo  swiscMn   1329  und  1334,   entsetzt  wurde :   das  ,a  puerüia'  ge- 

fjtmztf    und   gehegte   ,n«mus    oenustum'    ist    die    WisHmschaft,    die 

,ealhfdr<r  honoris'    die  Lehrkanzel  des  Lektors.     Als  Nachklang  der 

hitteren  Erfahrung,  die  Seuse  damals  machte,  dürfen  wir  es  ansehen, 

wen»  er  Hör.  54  die  ewige.   Weisheit    eingehende  Hnischläge  darüber 

erttiUn  tdsst,   icie  sich  ein  Prälat  oder    l'orsteher  bei  Anklage  gegen 

itti'ährte   Brüder   verhalten  solle:    oft   zeige   es   sich    bei  genauerer 

f/ft(er»uchung,  dasa  gerade  die  Ankläger  die  Schuldigen  seien,  welche 

Fehler  der  Vorgesetzten  vorschützen,  vm  seihst  der  verdienten  Strafe 

zw    enUjeheti '). 


m.    Dhs  Büchlein  der  ewigen  Weisheit,  Horologiani  Sapientiae 

und  MinnehUchlein. 

In  die  Zeit  zwischen  1327  bis  1334,  die  Seuse  zurückgezogen 
>•'  Konstanz  zubrachte,  fällt  die  Abfassmig  zweier  seiner  Haupt- 
'"'firijien:  des  Büchleins  der  etcigen  Weisheit  und  des  Horologium 
Snpi^ntiae. 

Über  die  Entstehungsgeschichte  des  ersteren  Werkes  spricht  sich 
Sewjie  im  Prolug  zu  demselben  und  zum  Jlor.  rins.  Darnach  bilden 
*«*«en  Grundstock  die  hundert  Belmehtungen,  weiche  jetzt  den  drittett 
*^Bit  ausmachen.  Diese  wurden  ihm  einstmals  ,eingeleuehtet' .  als  er 
*'"«  ^wohnlich  nach  der  Mette  das  Passionsdrama  geistig  durchlebte 
(yita  30,14;  Bdew  10(1,2  ff.,  314,1!)  ff..  Hör.  12).  Das  war  um 
J*»»«  Zeit,   wo  er  sich  die  Marter  mit  dem  nägelbeschlagenen  Kreuze 

KufiMg  et  honorem  me  receptunun  sporaham.  Cunique  inm  tetupua  udesset,  at 
Ueo  Tiuerer  labore,  cathedra  KuhTerütur  et  Jiemus  in  nlteriuB  cuiuüilnm  redigitnr 
^^'iDiiiiuDi  et  labor  nmnis  perdilur  ac  äniH  iuUntux  fniRtratiir. 

')  PruektuB  rel  rectur  frutnim  i«  cum  sis,  licel  in  minimo  gnüu,  äha» 
•*  hi«  non  eUltm  adliihere  tideni  liis,  gui  ceWros  deferro  couBneverunt  etc. 
^*efft,,  Vararhalen  IZiff.:  Mystik  11,  3ä6ff.  3S1:  Seeber<t,  9Sf.  u.  a. 
^^hUr^nfn  aus  dififr  und  der  in  voriger  Atitnrrkung  litterteit  Sitite,  Stuee  sei 
*■■»<«**  Prior  geirrten  und  auf  detn  Gmrralkapitcl  eu  Brügge  1336,  auf  dem 
"*  •Mit  Namtti  nicht  gmaimttr  i'rlor  von  Konstam  alieolvirrt  wurde  (MOFlt 
'^<  SVll,  ahgritUI  aordm.  Ich  giaubf  mit  Unrecht,  denn  jmt  .Stfllen  ßndfn 
'*'  »A/rr  Jietithung  auf  das  Lektorat  tint  viel  btaaert  Erklärung:  fo-ner  atriUn 
^*'  Mr„rtt   Vita    ttSßff.  die  Erhrliung  mm  Pr/Ilnttn  —  1343J4  icurdf  Seusr 


I-ri. 


•«T,   egl.  Anm.    su    1*5,14 


-  aia  flwat  2ieuts  für  ihn   hin 


"  I^Rum  gtaulilich,   da»*  er  J336  vnltr  dem  Ordensrnfieler  Bugo, 
"iMior  IN  GuntI  staiul,  aiigetetel  uiurdt. 


und  endlich  i 


J 


102*  Einleitung.    II.    Seuses  Leben  und  Werke. 

bereitete  (i2^6ff.  ^).  Er  übte  nun  täglich  diese  hundert  Betrach- 
tungen mit  ebensoviel  Prostrafionen,  schrieb  sie  auch  deutsch  nieder 
und  teilte  sie  anderen  frommen  Personen  (Gottesfreunden)  mit 
(197,5 ff,,  Hör,  12),  Im  Laufe  der  Zeit  schloss  sich  an  die  Be- 
trachtungen eine  Reihe  von  weiteren  Erwägungen  und  Erleuchtungen, 
aus  denen  er  den  ersten  und  zweiten  Teil  des  Bdew  zusammenstelUe. 
Seuse  versichert,  dass  aUes  in  Gegenwart  der  fühlbaren  Gnade,  gleich- 
sam aus  göttlicher  hispiration  und  Nötigung  niedergeschrieben  worden 
sei%  und  d<iss  er  das  Konzipierte  stets  genau  daraufhin  geprüß 
habe,  ob  es  mit  der  hl,  Schrift  und  der  Väterlehre  in  Einklang  stehe 
(W7,13ff,,  199,16  f.,  823,30  f.,  Hör.  10—13).  Aus  Furcht  jedoch, 
es  möchte  der  neuen  Schrift  eben^so  ergehen  wie  dem  Bdw,  wollte  er 
dieselbe  anfangs  geheimhalten  oder  gar  vernichten;  doch  die  ewige 
Weisheit  habe  dies  durch  deutliche  Zeichen  und  Offenbarutigen  ver- 
hindert, und  Maria  mit  dem  Kinde  in  einer  Erscheinung  die  Mit- 
teilung der  Schrift  an  alle  gottliebenden  Seelen  angeordnet  (Hör.  14). 
Die  Abfassungszeit  des  Bdew'^)  fällt  vor  diejenige  des  Hör., 
welches  sicher  1334  geschrieben  bezw.  vollendet  ist.  Zur  genaueren 
Datierung  ist  eine  Stelle  aus  dem  21.  Kapitel  beizuziehen  *),  wo  die 
ewige  Weisheit  dem  Diener,  d^r  vom  Tode  noch  nicht  gern  hören 
will,  sagt:  Sihe,  dannan  riecbent  (mehren  sich)  ietzent  die  unbereiten, 
erschrokcnliclien  t5de,  dero  die  etette  und  kl6ster  voll  eint  (279,33  ff.; 
vgl.  287,15 f.,  Nor.  168).  Man  wird  diese  Worte  schwerlich  anders 
als  von  einer  Seuche  verstehen  können;  die  starken  Ausdrücke  waren 
sonst  kaum  erklärlich.  Nun  wissen  die  Chroniken  der  Zeit  in  den 
Jahren  1327  bis  1334    nur  von  einer   einzigen  Seuche  zu  berichten: 


')  Dass  diese  Marier  gerade  vom  :->S.—  4().  Jahre  dauet-te  (Preger,  Vor- 
arheittn  IQ4 ;  Mystik  II,  3i}8),  lösst  sich  nicht  beireisen,  es  kann  auch  etwas 
fniher  gewesen  sein, 

-)  Ifor.  U:  supernae  inspirationi  hoc  ad^^clil>ite,  quae,  ut  testie  est  mihi  j 
L)eu8,  me  die  noctuqae  quiescere  noii  penuisit,  donec  eius  coactioni  acquievi.  . 
/..  c.  13  :  notandani,  qiiod  originule  hiiius  operis  certi»  t-emporibns  et  non  nisi  J 
in  pracseutia  magnae  gratiac  coiiHcriptum  fuit.  Non  enim  predictus  discipnlus^ 
.  .  .  yidebatur  ibidem  habere  modiim  ag-entis  vel  dictauüs  8od  modum  quemdain  r 
divina  patientis. 

^)  P reg  er  {  Vorarbeiten  124J\;  Mystik  II,  818,  361)  lässi  es  LVnschenmif 
Ur^r  und  1336  entstanden  und  J337  6  veröffentlicht  sein,  Denifle  XXV  un^^ 
tStrauch ,  Allg,  dtsch,  liioyr.  37,  170  yebefi  kein  genaues  Datum  innerhäOß^ 
der  dreissiger  Jahre  an. 

^)  Tlor.  li'fO  ist  diese  tStelle  veggelassr^i,  wohl  weil  eine  Anspielung  auf^ 
lokal'  und  zeitgcsrhichflicfi^  Vrrh<iltnisse  für  rüumlich  und  teith'ch  ferner — 
Stehende  keinen    Wert  hatte. 


Johnnn  von  WinierHiuv  ereäUt  ah  Augenzeuge  von  einer  pestartige» 
Krankheit,    tvehke   hn   März   1328   fiemud^rs  in  Ober-  und  Mittel- 
deutncfilanrl  grosse  Verheerungen  anrichtete,  und  er  hebt  gerade  jene 
funkte  besonders   hereor,   auf  die  es  beim    Vergleich   mit  Sense   an- 
kommt: da^  rauche,  uneorbereitete  Hinscheiden  vieler  ohne  die  Sakra- 
mente dtr  Kirche').    Damit  hnben  wir  nun  ein  Mittel  an  der  Hand, 
die    Entstehungsgescitichte    des   Bdetc    genauer   zu    skizzieren.      Die 
hundert   Betrachtungen    sind   tSü?   oder   schon  früher   entstanden, 
nach  und  nach  folgten  mit  längeren   Unterbrechungen   (bei  Kap.  5, 
lygt.  lU8,l2ff.  Hör.  13,  und  Kap.  16,  vgl.  332,31  ff.)  bis  März  1328 
JCap.  1—20:  der  Schlass  des  Werkes  samt  dem  vorläufig  ausgelassenen 
Xd.  Kapitel   wird   im  Frühjahr  1328   noch   rasch  zu  Ende  geführt 
^forden  nein,  da  279,13  ff.  die  folgenden  vier  Kapitel progi-ammatisch 
angekündigt   werden.     Die  Publikation   des  Büchleins  ist  möglicher- 
p-celee  erst  itpäter  erfolgt'). 

Das  Bdew  gehört  seinem  Inhalt  hocÄ  der  praktischen  Mystik 
»rtn,  e«  ist  eine  allgemein  verständliche  Krbauungsuchrifi  (ein  gemeitiö 
■  ere.3,/9;  l'J7,28},  bestimmt  für  , einfältige  Menschen,  die  noei  haben 
^iebresten  abzulegen'  (198,11).  Namentlich  sind  Klosterleute  und  unter 
<iieaen  wohl  in  erster  Linie  Nonnen,  Seuses  geistliche  Töchter,  ins 
^iuge  gefasst  (vgl.  Kap.  G,  be.^.  218,1  ff.}.  Schon  der  Titel  der  Schrift: 
^er  Ewigen  Wieheil  buchli  (324,3 f.)  drückt  den  Fortschritt  aus, 
*ier  in  ihr  gegenüber  dem  Udw  liegt :  Sache  der  Weisheit  ist  es,  das 
J^fben  zu  ordnen  (egt.  Hör.  210  und  oben  S.  47*),  nachdem  die 
^eujige  Wahrheit'  (327,25)  den  Verstand  erleuchtet  hat.  Der  Zweck 
Wct  Büvideins  ist  nach  Seuses  Angabe'),  ,die  göttliche  Minne,  die  in 
dieser  jüngsten  Zeit   in   manchem   Herzen   zu   erlöschen    beginnt,   in 

')  Ctironk-'in  td.  Wyt«  38öii,  UM  f. :  anno,  quo  imperaWr  Ludovicus  suciindii 
in  Italift  liemorabatnr,  pegtileiitJu  ingeriK  in  Gennuuia  orbi  tarn  exceBÜro  su^viebat 
in  popnlo  t^iDpnn^  iiimilrageüiniiill,  (juod  quantloque  una  liie  in  civitAt«  fiaailiensi, 
uhi  tiuic  praesens  ewin,  I.  ftmera  reperta  fueraiit  tniuiiiandn.  In  Mainz  neitn 
täglich  :J<io—3(JO  Menechen  gutorbfn;  in  Winttrthur  und  andenrärlt  habe  der 
KleruK  nicht  hingerticht,  um  dir  A'ttrbnu/iiamtntt  tu  »pmden  und  vitlt  seien 
,unem(Aen'  ijettorbtn. 

*)  Ich  verkenn«  die  &'cltun'erigktit  nicht,  «reicht  in  dtr  Annahme  liegt, 
dost  Seutf  «0  rateh  kinUrginatidtr  das  Udw  und  Bdtw  otrfasat  habe,  abrr  die 
Beieeisgründe  si-heinm  mir  durchsehlayend. 

*)  Bmauer  Hör.  9 :  divina  B&pieiitiu  . .  .  iti  pravaeuU  opere  inLciidit  priuci- 
pulitcr  noii  iioidem  iufonnikre  nescientea  .  .  .  sed  reaccemlere  extiucloa,  Irigidus 
tuHaramare,  moveFo  tepidoB,  indevotoA  ad  devotioncm  pTOTOcare  k  somno  tip^li- 
geatiae  Uirpeates  «d  virtutum  Tiplantiuiu  excitare. 


104*  Einleitung.    II.    Seuses  Leben  und  Werke. 

etlichen  wieder  zu  entzünden^  (324,4/,;  vgl,  die  Anm.  dazu  und 
200,5  ff.).  Diesen  Zweck  zu  erreichen  werden  in  24  Kapiteln  die 
kraft' (/sten  Motive  entwickelt.  Entsprechend  dem  203,8 ff.  aus- 
gesprochenen Satze  yper  Christum  hominem  (passum)  ad  Christum 
Deum^  bildet  den  Hauptinhalt  ^)  die  Betrachtung  des  Leidens  des 
Erlösers;  um  diesen  Kern  schliessen  sich  Erwägungen  über  die  Grösse 
der  Sünde,  die  Trüglichkeit  der  Welt  und  den  Adel  der  Gottes- 
minne,  die  Strafgei'echtigkeit  Gottes,  Gedtdd  im  Leiden,  über  Himmel 
und  HöüCj  die  ,reine  Königin  vom  Himmelreich*  und  ihr  ,unsägliehes 
Herzleid'.  Der  zweite  Teil  des  Buches  gibt  ganz  konkrete  Ermahnungen^ 
yWie  man  soll  lernen  sterben',  ,wie  man  innerlich  leben  s(dV,  über  den 
Empfang  der  Kotnmunion  und  die  Pflicht  des  immerwährenden  Gottes- 
lobes.     Um  die  Darlegungen  lebendiger  und  anregender  zu  gestalten  m 

(vgl,  197,26/,,  Hör.  10),  ist  die  Lehre  in  Form  eines  Zwiegesprächs^  ^ 

zwischen   der  ewigen   Weisheit  und  ihrem  Diener  gegeben;   es  wird 
auf  diese  Art  zugleich  die  innigste  persönliche   Verbifulung  zwischen 
der  anima  fidelis  und  ihrem  Bräutigam    Christus  hergestellt.     Mit 
Recht  kat  man  das  Bdew  die  ,schöuste  Fruc/it  der  deutschen  Mystik^ 
genannt^.     Es  lässt  sich  an  innerem   Wert  neben  die  Homilien  des 
hl.  Bernhard,  die  Seuse  wiederholt  zitiert  und  verwertet  (vgl.  besonders 
254,20  ff,),  oder  neben  die  hnitatio  Christi  des  Thomas  von  Kempen      -m^-^n 
stellen.     Zutreffend  urteilt  F reger*)  darüber:    „so  viel  Seuse  auch 
i)on   anderen   entlehnen  mag,   er  prägt  allem  seine  Eigenart  auf;  es 
ist  alles  von  seiner  zarten  Empfifuiung  durchwoben,  von  seiner  Innig- 
keit  vergeistigt,   von   dem  milden   Feuer   seiner  Liebe    durchglüht^', 
„hl   herrlicher  Weise   offenbart  sich   in  dieser  Schrift  ein  in  Liebe 
an  seinen  Erlöser  hingegebenes  (iemüt  und  eine  durch  eigene  Erfahrung  i^^^rtg 
gereifte  Gottesweisheit,  die  ernst  und  milde  zugleich,  mit  einem  Rufen,  ^  -m^.n, 
das    aus    dem    innersten    Herzen    kommt ^    ron   dem    Unfrieden  zum^^^^m 
Frieden  führen   will,   und  mit   Worten   voll  Geist   und  Leben,  voU%^^l 
Licht   und  Schönheit  Sinn    und   Herz   ergreift   und  in   ihre    Kreise^'^r^^-se 
zieht J'     Man  tvu^ste  im  ausgehenden  Mittelalter  ihren  Wert  auch  ztt^^^^ff 
schätzen :  das  Bdew  war  in  der  zweiten  Hälfte  des  14.  mid  im  15.  Jh^ 

^)  Gute  Analyae   und  Darstdlung  der  Lehre   hei  P  reg  er  II,  876 — öff- 

*)   Über  die  Dialogform  in  der  miltelaUerlichen  geistlichen  Literatur  vgK- 
\V.   WackcrnaycL    desch.  der  deutsch.  Lit.  P  (1679)  4^9,  Anm.   43.    l 
dort  ausgesprochene   Vermutung,  iSeuse   luihe  die  Gesprächsform  vielleicht 
dem  Lucidarius  entlehnt,  ist  durchaus  prohlefnaiisch. 

3)  Denifle  XXL 

')  Mystik  LI,  >}b9,  366. 


ihs  geUsenste  deutsche  Andachtsbuch ,  wie  Ute  ungemein  i/roi"ie  Zahl 
dei-  Hnn.  zeigt '). 

Wohl  nicht  sehr  longe  nach  Vollendimg  den  Bdew  machte  sich 
Seusit  an  eitle  Übertriiguiiy  d^trSchrt/t  ifis  Lnteimsche').  Verschiedene 
drihide  mögen  ihn  dazu  bewogen  haben:  f/er  HwjwtcÄ,  auch  in 
theologischen  Kreisen '),  besonders  in  MUnchskiöstern,  mehr  Beachtung 
zu  finden  und  Gutes  zu  stiften,  die  Absicht,  durch  die  griissere 
Präzision  des  lateinischen  Ausdiiicks  und  durch  Vorlage  bei  der 
Aöchgie»  OrdensiJistam  gegen  Aiigriffe  und  Verleumdungen  mehr  ge- 
schützt zw  sei»,  nicht  zuletzt  auch  die  echt  mittelalterliche  Erwäyuwf, 
*ias»  in  .deutscher  Zunge'  gar  zu  viel  verloren  gehe  von  der  ursprüng- 
lichen Kraft  und  Wärme  der  Worte,  ,die  in  der  lauteren  Gnade 
empfangen  werden',  niedergeschrieben  aber  ,crka/ten  und  verbleichen 
wie  die  abgebrochenen  Bösen'  (19^,14  ff.).  Aus  der  Bearbeitung  ist 
»nAftfu  et»  neues  Werk  geworden,  das  gegenüber  dem  deutschen  eine 
3tlarke  Vermehrung  des  Stoffes  aufweist  und  auch  einen  neuen  Titel: 
Horologium  Sapientiae*)   erhielt.     In  einer    Vision   sah   niinüieh 

')  Oben  S.  Il'ff.  sind  ca.  JIM),  mit  drn  Bruph»tüektn  ca.  ISfl  Hss.  auj- 
^rführt.  In  manehrn  ff»g,  dtg  J&remplars  teurde  das  Bdev:  auiijtlasaen,  vnil 
«»  xnnst  in  Ahaeltrifttn  ainrk  vrrbrtiltl  war;  vgl.  oben  iS\  7*^. 

")  y'rratttie  Anmehttn  iHe  die  dtg  Surias,  tlan  Hur.  »ri  die  frtii  Über- 
iraffung  den  Btleie  ine  Lateinitche  dareh  einen  Unbfkannten,  von  Quilif  und 
Erhard  I,  tiöif.,  da«  Büchlrin  sei  urgprüngUch  lattiniKh  verfaaat,  von 
Diep.'  Iff.,  iSehmid  661  und  Volkmana  ää,  die  Abweiehungm  de»  taiH- 
iMcArn  Werktg  vom  drutairhen  säen  Verderbnitge  imd  InUrpdlationm  der  Ab- 
fchitiber,  brauchen  nicht  mefir  iciderjiyt  tu  werden. 

'\  l'ffi.  Hör.  67  :  surgunt  »impliuBs  illiterati  et  Jndouti  ...  et  nos  suhtilia 
lexcntea  ac  veritatis  viam  ceteri»  demonstraiitps  .  ,  Eya  agit*,  cmifrattes  et  sodalc» ! 
')  A'aeb  dm  24  Standen  des  Tau*»  Ital  das  Warb  24  (18 -^li)  Kapitel. 
Ilenifte  XXIJI  hall  -■»  für  icahrsehtinlich,  dass  sich  Sease  btim  Uor.  in 
bring  auf  Titel  und  Auswahl  des  Stoßes  an  ein  fremdes  Muittv  angelehnt 
hat.  Mögiieh,  dass  der  Titel  rnn  ditn  .Hornliiifium  detolioiiis  circa  vitam  Christi' 
rinfg  Dominikaners  UerUwld  aus  Uf-tn  Anfang  des  14.  Jahrb.  entlehnt  ist  (dasdbe, 
ca.  14SH  und  /Ifter  gedruckt  (Rain  S99iJ-  9Hl,  ist  tbenfaOs  eint  Ühtrsttsnng  einte 
druttchen  Originals,  der  Verfasser  wahrscheinlich  identisch  mit  dem  Bearbeiter 
der  .Summa  co nfessaruni'  des  Johannes  ron  Freibwg,  vgl,  Dietttrie  in 
Ziechr.f.  KirchmgeeehlchU  26  119061  U7  f.;  J-in kr  in  Alemannia  mi3,  163 ff.): 
inhaltlich  besteht  keine  Abhaniiigktit,  Das  Hur.  devutionia  wurde  später  öfters 
mit  dem  Hör.  Sapienltae  verwechstlU  Cht  ÖttUH  s.  XV  Bl.  1—66  tnlhill 
da*  Hör.  Seuses  unter  dem  Titel:  Hm:  itureum  dininae  sajAentiae;  in  Calal. 
m.3,28  ist  aber  fUlscMich  ein  Johannes  deS.  Lateparto  1=  Joh.wn Freiburg'fi 
ai*  Verl'asstr  angegeben.  V/jl.  ^-uin  Titel  auch  Gertrud,  Leg.  div.piet.  IV,  5,36 
(Utetl.   1,  3L2,  4IJ4J. 


106*  Einleitung:.    II.    Seuses  Leben  und  Werke. 

Setise  sein  Werk  unter  dem  Bilde  eines  kmistreichen,  mit  den  schönsten 
Rosen  geschmückten  Uhrwerks,  dessen  Cymbalschläge  die  Herzen  mit 
himmlischefn  Klange  nach  oben  zogen  (Hör.  Vf.),  Manche  Dinge, 
die  Sense  in  dem  poptdären  Werkchen  zu  sagen  sich  nicht  getraute 
oder  nicht  für  passend  hielt,  hat  er  hier  eingeschoben,  so  namentlich 
Betrachtungen  über  das  Kloster-  und  Studienwesen  seiner  Zeit  (s.  oben 
S.  87* f.,  97*),  über  den  kirchenpolitischeti  Kampf  zwischen  Ludwig  dem 
Bayer  und  der  Kurie  ^),  auch  mancherlei  mehr  oder  weniger  versteckte 

*)  AVn  interessanter  Exkurs  Hör.  61—64,  der  in  der  kirehenpoUtischen 
Streitliteratur  der  Zeit  Beachtung  verdient  (vergh  auch  Preger,  Mystik  II, 
:i94f. ;  ders.  in  AbhandL  der  hayer,  Akademie  der  Wissenschaften,  phü.-hisit,  KL 
XIV  [1877]  46).  Es  ist  eine  Allegorie,  als  Vision  eines  homo  Dei  dargesteilt 
mit  folgendem  Inhalt :  im  Westen  der  civitas  christiana  tritt  ein  Widder  (Lud' 
zeig  der  Bayer)  mit  zwei  Hörnern  auf,  eine  eiserne  Krone  auf  dem  Haupte 
(Krönung  Ludteigs  mit  der  eisernen  Krone  eu  Mailand  am  31,  Mai  1327), 
dem  70  oder  mehr  Füchse  folgen,  die  ebenfalls  Kronen  erhalten  (die  italienischen 
Ghihellinen?) ;  m'ele  treten  aus  Furcht  oder  Leidenschaft  oder  Einfalt  des 
Geistes  auf  seine  Seite.  Trotz  Bedräng ung,  Verbannung  ustc.  durch  den  Widder 
leisten  manche  vom  populus  Dei  Widerstand,  indetn  sie  Gott  mehr  fürchten  als 
die  Menschen,  und  sie  unterstützt  der  dux  iiliorum  Dei,  loci  eiusdem  supremus 
gubernator,  vir  utique  per  omnia  laudabilis  et  magnanimus  iustitiaeque  zelator 
(Papst  Johann  XXII;  er  war  den  Dominikanern  besonders  gewogen  uml  wird 
vom  Generalkapitel  und  Ordensmeister  öfters  dem  Gebete  der  Brüder  empfohlen^ 
vgl  MOPH  IV,  110:  V,  253:  Marti  er  a,  a.  O.  //,  514,  634  f.) ;  vergebens 
sucht  der  Widder  ihn  mit  seinen  Hörnern  vom  Throne  zu  stossen  (Erhebung 
des  Petrus  von  Corvara  als  Nikolaus  V zum  Gegenpapst),  Da  begibt  ersieh  zu  dem 
princep8  totiua  mnltitudinis  (Friedrich  der  Schöne  von  Österreich),  betört  seinen 
arglosen  Sinn  durch  Einflüsterungen,  zieht  ihn  auf  seine  Seite  und  gewinnt  so  den 
Prinzipat  (Trausnitser  Vertag  zwischen  Ludwig  und  Friedrich  vom  13.  März  1325, 
hezw,  Vertrag  von  Mihichen  rom  5,  Sept,  1325).  Die  Not  der  Getreuen  wächst,  als 
der  Widder  mit  gewaltiger  Heeresmacht  gegen  seine  Gegner  auszieht  (Bömerzug 
Ludwigs  1327—29) ;  sie  nehmen  Zuflucht  zum  Gebet,  und  siehe:  der  Widder  stürzt 
plötzlich  zur  Erde  (Fiasko  des  Römerzugs),  eines  seiner  Homer  zerbricht  (Bück' 
tritt  de^  Gegenpapstes,  August  1330) :  et  exinde  coepit  potestas  eius  deficere  et  decre- 
scere  de  di(;  in  diem.  —  Aus  der  Schilderutig  geht  hervor,  dass  Seuse  entgegen 
anderen  Mystikern  (vgl,  P  reg  er  II,  291fl',)  ein  scharfer  Gegner  Ludwigs  und 
treuer  Anhänger  der  Kurie  war:  er  folgte  also  der  Parole  seines  Ordens  und 
der  Tradition  des  oberrheinischen  Adels,  der  zumeist  auf  Seiten  des  Habsburgers 
aiand.  Die  Angabe,  dass  Ludwigs  Macht  von  1330  an  immer  mehr  dahinschwinde, 
trifft  eigentlich  nicht  zu :  trotz  des  Misserfolgs  in  Italien  war  seine  Lage  in 
Deutschland  nicht  ungünstig,  namentlich  die  siiddeutchen  Städten  hielten  treu 
zu  ihm  (vgl.  Knöpft  er  a,  a.  ().  36Jf, ;  Assmann,  Handbuch  der  Allgemeinen 
Geschichte  II,  3,  neubearbeitet  von  Viereck  1906,  129 JK).  Man  kann  die  Schluss- 
Worte  irohl  nur  dann  erklärlich  finden,  wenn  man  annimmt,  dass  sie  zu  jener 
Zeit  geschrieben  irarden,  wo  Ludwig  sich  mit  dem  Gedanken  trug  (Nov.  1333  bis 


ewigen  Weisheit,  Hornlogiuni  tt«.  107' 


B«mim»ce}\zen  an  Vorkomrumsse  seittes  eigenen  Lebens (s,  oben S.lOiff.*). 
Dit  hundert  betrnchhmgen  vind  der  Kurze  halber  weggelassen  (Uor.  JÜJ, 
gegen  Sckluss  ist  ein  mues  Kapitel  (11,  '7)  eingefügt  mit  der  Über- 
schrift: Qaaliter  multi  fidelee  poeeitit  aapientiam  divinam  despousare 
ttc,  dns  i»  deutscher  Bearbeitung  ah  ,linidenichaft  dvr  ewigen  Weis- 
heit' ictite  Verbreitung  fand  (s.  unten  S.  llG'f.).  Der  darin  (Hör.  233} 
encäinte  Cnreas  de  aeterna  Sapientia,  den  Ausgaben  des  Hör.  (jedoch 
nichi  der  aon  Strange)  gewöhnlich  beigedrucict.  int  ein  Heikel »formular 
nach  Art  der  Hören  des  Breviers,  aus  Paaltnen,  Hymnen  (Jesus 
duicia  fnemoria)  und  Lektionen  bestehend  und  zum  Gebrauche  der 
Verehrer  der  ewigen  Weixheit  bestimmt.  Veiniutlich  stammt  atich  da.< 
Aeiffegebene  Ofticium  Miseae  de  aeterna  Sapientia  von  Sense. 

Was  Seuse   com  JSäew  bezeugt,   dass  es  im  Zustande  höchster 
^Erhebung  des  Gemütes  geschrieben  sei,   gilt  auch  für  das  Hör.,  ja 
9fon    fliesem   noch   mehr.     Fast  jede  Seile  zeugt  dßfür;  öfters   weiss 
.sich  die  glühende  Begeisterung  kaum  mehr  in  Worte  zufassen  (vgl.  oben 
S.  7b*),    Seuse   zeigt   sich   auch   im  Hör.  als  Schriftsteller   con  be- 
deutenden Gaben,  lUr  nicht  seinen  »tum  siwplex,  sermo  imperitaa  et 
incnltna   (Hör.  10)  hätte  zu  entschuldigen  brauchen.     Etwas  frostig 
/>erührt   es   uns   nur   dann   und   wann,    wenn   er   mit   scholastischen 
-Kunstausdrücknt  Oj>priert;   im   übrigen    ist   die  Sprache  überaus  ge- 
■wandt    und   biUierrtich,   voll  Bhythmus,    und    oft    bricht   der   Beim 
heriior.     Der  Inhalf   ist  wie  in  den    Werken  Bernhards  ganz  durc/i- 
triinkt  ton  Worten  und  Sentenzen  der  hl.  Schrift  und  voll  von  Au- 
spielungen   auf  liturgische  Texte   der  Kirche,    die  nur  dem  Kenner 
itufstossen.     Kein    Wumltr   daher,   dass  das    Werk  die  weiteste   Ver- 
breitung fand,   vor   allem   in   den  Kreisen   der   Gottesfreunde.     Am 
äl.  September  1339  schreibt  Heinrich  von  Nordlingen  pom  Basel  ans 
an  Margarrta  Ebner,  er  habe  ein   Tauler  gehuriges  Buch,   das  man 
nent  Orologinm  Sapientiae  ze  latin,  an  den  Prior  von  Kaisheim  zum 
Abschreiben  gesendet,  sie  möge  es  sich  oon  ihm  Uihen  und  ebenfalls 

Jani  I334J,  tttguiisltn  »ein«  Vettere  Heinrich  mn  Niedirbagem  xurüektutraten. 
Di«  Kuiult  hiervon  kam  gans  uneriearui  —  in  der  Tal  »ind  die  Beieeffgrände 
J.udwig»  auch  nicht  klar,  vgl.  dir  rertehiedeixtn  Uypoihtxm  fiti  Aasmanu 
a.  a.  O.  137  A.  ä  —  und  niusele  bei  tten  Gtgnrrn  dm  KaUrrn  dm  Kindrurk 
hrrt-arrufen,  dam  »tin«  StrUung  rmehBUtrl  »ri  (vgl.  K.  Müller  a.  a.0. 1,335 >.- 
die  vergtbUchf  Belagerung  Meersburg»  pom  Mai  bis  August  1334  (vgl.  ahen  3.  f*6*l 
ditatr  nicht  dazu,  sein  Ann'hrn  tu  erhöhen.  Za  dieser  politisehen  Situatinn, 
tetlcht  in  der  arstm  Hälfte  des  .Inhret  1334  gegeben  tear,  passen  lieu»es  IKord'  am 
htmen,  weder  vor  noeh  nachher  ßndra  wie  in  dm  drtissigir  Jahren  eine  ähntiehi , 
narh   J.'J.Vfc  eullruui  ki'nnten  sie  anmöglieh  geschrieben  sein. 


m 


108*  Einleitung.    II.    Seuses  Leben  und  Werke. 

kopieren^).  Es  murde  überhaupt  LieblingsUlctüre  in  den  Klöstern 
des  ausgehenden  Mittelaltersy  und  zwar  nicht  nur  in  Deutschland^ 
sondern  auch  in  den  Niederlanden,  Frankreichs  Italien  und  Englaniy 
wie  die  sehr  grosse  Zahl  der  Handschriften  und  eine  Beihe  von 
Übersetzungen  beweisen^). 

Seme  hat  das  Werk  seinem  Ordensgeneral  Hugo  von  Vauce- 
main  gewidmet,  der,  auf  dem  Generalkapitel  zu  Dijon  1333  erwählt, 
den  Orden  bis  zu  seinem  l^ode  (1341)  leitete^  Er  ühersemdte  w 
ihm  mit  einer  schwungvollen  Zueignung  im  Prolog  (Hör.  UfO  ^"r 
Prüfung  und  Begutachtung*),  Wir  dürfen  daraus  wohl  schliessen^ 
d^ss  Seuse  in  den  Augen  seiner  Vorgesetzten  rollstündig  rehabiliUert 
war;  dies  dürfte  übrigens  schon  bei  Neubesetzung  des  Provinzialats 
ran  Teutonia  1331  (v(/L  oben  S.  98*)  der  Fall  gewesen  sein.  Der  ter- 
minus  a  quo  für  die  Vollendung  des  Hör,  ist  demnach  das  Jahr 
1333,  Einen  sicheren  Anhaltspunkt  für  die  Bestimmung  des  End- 
termins gibt  uns  eine  Bemerkung  Seuses  im  Prolog  (Hör.  11  f)' 
Er  redet  hier  nämlich  von  den  literae  exbortatoriae  des  Ordensgenerals 
Hugo,  worin  dieser  filios  dilectos  admoDitione  paterna  ad  pacem  et 
fraternam  caritatem,  ad  disciplinae  rigorem  et  ferrorem  devotionis^ 
ad   conformitatero   Christi  Jesu  ac    omniam    virtutam    perfeetionem 


')  Strauch,  M,  Ebner  WXV,  82fi\,  vgl  ebd.  S.  36;iff.  Wir  sind  U- 
rechtigt,  obengenanntes  ,Orologiuin'  mit  Seuses  Hör.  su  identijigieren,  wie  auch 
Prcger,  Vorarbeiten  ti6,  120:  Mystik  II,  3'ri3f.  gezeigt  hat,  BenifJe  XXIII f. 
war  in  diesem  Punkte  zu  vorsichtig  (vgl,  auch  Strauch  m  Afda  IX,  143: 
M.  Ebner  303/.):  die  von  ihm  notierten  ,meditationes*  ülter  Tod,  Gericht 
und  Holle  einer  Kren^smunsterer  Hs.,  die  aus  einem  ,Orologium  Sapientiae^ 
stammen  sollen,  sind  in  Wirklichkeit  aus  dem  ^Tractatus  de  spirituatihus  aseensi^- 
onibus*  des  Fraterherrn  Gerhard  von  Zütphen,  s,  meinen  Nachweis  im  Hist, 
Jahrb.  1904,  177  f. 

-)  Über   die    Übersetzungen   später,    Eine   neuf   kritische    Ausgabe   des  i 

Hör,  Kffre  wünschenswert,  da  die  Edition  St  rang  es  (Köln  1661)  viele  Mangel  1 

hat.     Ich  verzeichne  für   einen  künftigen  Herausgeber   eine  Anzahl  guter  Per-  - 

gament/iss,  des  14,  Jh.:  München  Clm  U(i04,  15  747,  24isll ;  Erlangen  Nr.  ö66;  "- 

Göttingen,  Ms,  Theol.  151 :  Basrl  B  VIII 4:  Nürnberg,  Stadtbibl.  Cent.  V,  76:  - 

Wien,  Cod.  30O5,   3961:   Hnligenknuz  C  155,     Weitere  Hss.  bei  Quetif  und  ^ 
Echard  I.  65ti  und  bei  Haenel  /.  c.  passim. 

'')  Vffl,M(fPH  IV,  UUi,  2U0.  :i79:  Quetif  und  Echard  J,  XVII,  « 
otsOf,  ti5o:  Denifle  im  Archiv  II,  :J17  (Hugo  wurde  1320  magister  theidogiae  - 
in  Paris:  rgl.  Hör,  11:  vos,  qui  honore  mairisterii  theologicae  Bcientiae  polletis). 

*]  ÜlprigenK  durfte  kein  Dominikmur  ein  Werk  veröffentlichen,  bevor 
.fratres  periti\  div  der  (imeral  odtr  Prorimial  aufstellte,  es  geprüft  hatten 
fCap.gen.  125tJ,  131(i :  MOPH  HI,  78:  IV,  93), 


«rmnhtie,  und  miseros  qaoque  huiua  mUDcli  sectatoree,  at  huno  mun- 

äom    fngitivum  ae   fallacem    deaerant  et  ad  veram  ac   aeternam  sa- 

pientiam  veniaat,  durch   IVorl  und  Beispiel  der  Ordensbrüder  einladen 

iatfse.    I)it?e  Worte  sind  nun  aber,  wie  ich  im  Historischen  Jahrbuch 

1904,  180 f.  im  eitizebien  nachgewiesen  habe,  nichts  anderes  als  eine 

gedrängte,    teilweise    wörtlich    heriiberyenommene    Inhnltxangabe    der 

ersten   Encyklika  Hugos,    die   auf  dem  Generalkajtitel   von  1333  (in 

ärrr  Pßngstwiiche )  erlassen  wurde ').    Mit  den  folgenden  sechs  Rund- 

»chreihen   (1334,   1330,   1337,    1339,  1340,  134r)   zeigt  Seuse   da- 

ffeffen  keine  Bekanntschaft.    Damit  ist  der  Beweis  geliefert,  dass  er, 

als  er  das  Hör,  coUendete  bezw.  den  Prolog  dazu  »chrieb,  die  erste 

h^ncyklika  Hugos  und  nur  diese  vor  Augen  hatte,  dass  also  der  Ah- 

tchtuss   des    Werkes   zwischen  Mitte   1333  und  1334  fällt.     Berück- 

t*chliyen  icir  weiter  die  in  Kap.  5  tor ausgesetzte  politische  Situation 

^s.  oben  S.  106*  Anm.  1),  so  werdeti  wir  mit  Fug  den  Zeitpunkt  der 

W""" "'"■'■ '""' 

I  Dem  Bdeiv  und  Hör.  sieUt  sich  inhaltlich  eine  kleinere,  zeitlich 

•»icht  genau  fixierbare  Schrift  an  die  Seite,  welche  vielleicht  auf 
Seuse  selbst  zurückgeht  oder  doch  sehr  wahrscheinlich  in  irgend  einer 
^ieziehung  zu  ihm  steht:  dos  Minnebächlein  (  Text  S.  537— 54). 
t^on  Preger  in  einer  Züricher  Hs.  aufgefunden  und  1»96  erstmals 
sdiert  (s.  S.  537)  enthält  es  in  drei  Kapitän  in  Form  von  geistlichen 
.Ansprachen  innige  Gebete  mtd  Betrachtungen  über  das  Leiden  Christi, 
rier  entsprechend  dein  Titel  das  ,wahre  Minnebuch'  (537,12;  vgl. 
^53,24)  genannt  wird,  und  ii/ier  die  Schmerzen  Marlens,  Ob  die 
einziehende  Schrift  wirklich  von  Seuse  herrührt,  ist  schwer  zu  sagen. 
J)en  Beweis  der  Echtheit  hat  Preger,  Mystik  II,  344— 47,  und  in 
■neiner  Ausgabe  S.  441 — 54  zu  fuhren  gesucht.  Seine  Argumente  lassen 
Mich  noch  vermehren  und  verstärken,  doch  ist  zu  allem  Anfang  zu 
vagen,  dass  die  in  der  Hs.  immittelbar  folgenden  (iebete  (Pregers 
Ausgabe  S.  40G — 71j  sicher  nicht  von  Seuse  rerfassl  .tind,  wie  schon 


^^^^0  G*druckl  in  MOPH  l',  2äu^64. 

^^B^  MOPB  V,  au— 73. 

^^^^V^  Uamit  fallen   auch   die  DiUimtngtwsaciir   Prtgtrs,    Vorarheiltn 

rtl^^  (^irisehm  1334/8  abgtfatsl^)  und  Mystik  II.  327,  361  (,l33T'fi  voll- 

tndtt't.     IJtni/lf    XXIVf.    wagU   heive   genauere   Datierung   iwieclien  1333 

und  1341,  ühnlieh  Strauch,  Allg.  disrk.  Biogr.  37,  171. 


L 


ItO*  Einleitung.    II.    Seuses  Leben  und  Werke. 

aus  ihrem  ganz  abweichenden  Stil  (auffalletide  Häufung  der  ESpUheta 
und  Bilder   uaw.)    hervorgeht^);    sie  gehören    überhaupt   nicht   zum 
Minnebüchlein,     Die  Haupiargumente  für  die  Echtheit  des  letzteren 
sind  folgende.     Aus  Vita  109,11  f.  kann  man  schliessen,  dass  Seme 
nicht  nur  ein  Büchlein  (Bdew)  ,von  dem  minniglichen  Gott^  gemacht 
hat,  und  auch  die  Idee  und  der  Titel  des  Minnebüchleins  lässt  sich 
in  Bdew  2o9,ll  (vgl.  Hör.  33)  angedeutet  finden^.    Das  Zusammen- 
treffen der  Schrift  mit  dsn   entsprechenden  Abschnitten   des  Bdew 
und  teilweise  axich  mit  Briefen  Seuses  bis  aufs  Detail  des  Ausdrucks 
und  auf  Lieblingswörter  des  Mystikers  ist  sehr  häufig  und  eklatant 
(vgl.  die  Nachweisungen  im  Kommentar  meiner  Ausgabe  genauer 
als  hei  Preifer).     Wir  finden  ferner  in  der  ganzen  Schrift  denselben 
Rhythmus  der  Sprache  mit  dem  durchbrechenden  Reim,  dieselbe  poeti- 
sche Anschaulichkeit  und  tief  innige  Empfindung  (vgl.  namentlich  den 
Eingang  des  dritten  Kapitels  548,4 ff.),  wie  in  sicher  echten  Schriften 
Seines,   und  das  alles  in  ganz   einheitlicher  Form,   ohne  die   Unter- 
schiede,  die  bei  einer  blossen  Nachahmung  wohl  zutage  treten  würden. 
Fügt  man  endlich  hinzu ^   dass,   wie  S,.537,  543,  554   angegeben  ist,       ^^i 
das  Einleitungs"  und  Schlussgebet  des  ersten  und  das  abschliessende      ^V« 
Gehet  des  dritten  Kapitels  sich  wörtlich  mit  den  Lektionen  des  von     «^-«n 
Seuse  verfassten  ßursu^^  (s.  oben  S.  107*)  decken  —  ob  die  lateifüsche    ^m^e 
oder  deutsche  Form  früher  ist,   lässt  sich  kaum  entscheiden  —  und  S:^  ^d 
dass  gleich  zu  Anfang  (538,3  ff\)  allem  nach  auf  Seuses  Vermählung  ^^j^tg 
mit  der  ewigen  Weisheit  und  das  Eingraben  des  Namens  Jesu  in  die  ^"«i> 
Brust  (Vita  Kap.  3  und  4)  hingewiesen  wird,  so  scheint  die  Beweis — "^7^ 
kette  geschlossen  zu  sein.     Und  doch  stehen  der  Annahme  d-er  Echtheit^'^-^t 
schwere  Bedenken   von  Seiten  des  Stils   und   Wortschatzes  entgegen  rL,    Mrm: 
die  Ausdrucksueise  ist  nicht  so  prägnant  und  packend,  wie  etwa  inm^^'^tn 
Bdew,  sondern  hat  etwas  Schwerfälliges  und  Langatmiges  (vgl.  z,  B,  '^^^, 
die  vielen  koordinierten  Sätze  mit  do),  es  kommen  ungewohnte  Konstruk'-^^  'A- 
tionen  vor  (z.  B.  541,5,  542,7)  und  finden  sich  manche  Wärter,  d»"*^w 


-  si 


^)  Äoch  einific  weitere  Gründe  stehen  entgegen:   die  Gebete  hesiehen  sic^'^^^ 
nicht  hlos.s   auf  das  Leiden  Chrittti,   sondern  sind  cum  Teil  giemlieh  a%«i«fr«"»^* 
fl ehalten  :  sie  hahcn  fast   alle  die  Anrede  ,Herr  Jesu  Christ e*,  während  vorhtm,  'J^^er 
das  Merr*  fehlt :   endlich  würde  dn^  dritte  Kapitel  hei  Annahme  der  Eckthei  "^  ^'^ 
unrerhahnismüssig  langer  als  die  beiden  andern. 

^   Tn  den   Vitac  fratrtim  des  Gerard  von  Fracheto,  ed,  Beiehert  217  f>  ^'^'^ 

erzählt t    dass   in  jeder    Z*lle    eines    Dominihantrhlosters    ein    Bild    des    Ge 

kreuzigten  an   die  Wand  gemalt  war:    utpot^*    liher  vitAe  expensQH  et  liber  d^^ 
jirte  iiinori»  I){'i. 


SciiBiMi  Leiden  und  IfeimHuchiin^eii.    Sebii 


Seu8e  sonnt  nicht  yebraucht').  Schwerlich  knitn  man  diese  Verschiedfn- 
heitrn  dadurch  erklären,  dass  man  die  Schrift  für  ein  Jugendaerk 
Staats  ausgibt.  Eher  noch  wird  die  Annahme  eimta  für  sich  haben, 
Hags  e"  eich  um  eine  lateinisckf,  von  Sewe  selbi<t  verfasste  VorInge 
handelt  —  so  erklären  sich  auch  die  lateinischen  Anfangsworle  der 
tinzelneti  Abschnitte  am  besten.  —  die  von  einem  geintesEerwandten 
Schiller  (oder  tiii-llcicht  von  Ehheth  Stngel?)  unter  Benützung  seiner 
Schriften   deutsch  bearbnitrt  wurde''}. 

lY.  Seases  Leiden  und  IIeiiu»uchuagen.     Suiiie  seelsorgerliche 
Tätigkeit. 

Der  Zeitjiunkt,  wo  Seiwe  von  seinem  Lehramt,  das  ihn  im 
Jiloster  zurückhielt,  entbunden  wurde  und  das  Nor.  zum  AbstJilus^ 
brachte  (1334),  wird  wohl  so  eiemlich  mit  demjenigen  zusammenfallen, 
#**o  er  sich  innerlich  angetrieben  fühlte,  das  Leben  der  ÄbgescklosBen- 
Ateit  aufzugeben  und  sich  ansschliesslich  der  Sorge  um  das  Seelenheil 
firn  ^ächiten  ZU  widmen  (63,9  J'.).  Kr  erreichte  nun  sein  40.  Lebens- 
.  ^abr,  das  \ne  bei  anderen  Mystikern  80  aiteh  bei  ihm  einen  Wemie- 
^yunkt  bildet '):  er  lägst  von  den  strengen  Abtötungen  ab,  um  in  die  hohe 
SSchule  der  collkommenen  Gelassenheit  einzutreten,  die  vor  allem  darin 
Aeeteht,   fremde    Widerwärtigkeit*),    Verschmähung   und    Verfolgung 

■)  Z.  It.  &3ä,lJ  verwürtzt;  SSä,13  güalich  aie  Adjektiv;  539,17.  549,lä. 
^63,19  ambhalltcn;  541,0  herteog;  Ö41,ll.  14  pfeller,  -lieh;  S43,13.  B45,S6. 
■aiU,I8  wwsc  (vgl  daijfgm  :i73.e.  330,16):  645.S  eotacliSpfen;  ö45,15  kleoken, 
-  «gBÜicli;  M£,<?  erbimn>>n;  546.15  wflET,  5öO,2U  irrten;  647,11  berliclii;  547,S!> 
Kimelachhut.  Als  aachtiehe  Dictrgmt  v'on  allerdingg  nicht  gronsrr  Bedeutunfi 
«rtr«  «M  notitren,  dost  nach  Minneb.  545,^6/,  Maria  unt«r  dem  Krruer  hrinahr, 
wuieh  Bdt«  263^1/.,  ■41Q^2g.  vairkUth  ohnmächtig  icurdt.  Die  Meinung  wor 
■m»  Seuee*  Z»it  über  diuen  Punkt  bd  den  T/ieohgen  guttitt. 

*)  ßamach  itt  die  S,  537  grmnchCe  Betnrrimng  ;u  priitisitrim.  Delii/lr 
kernet  XII  halt  die  Echtheit  für  tvriftlhaft  (vgl.  ders.,  Da,  gei^tl  J.thin  '1S80, 
XX:  jtnäffiiehfrtBtist  tion  SeuKc' :  *}895,  X:  ,kaiim  von  Sruse  erlbat  verfa»il'i. 
^  einem  der  Zorieher  Ha.  heiliegtndm  Briefe  vom  9.  Juli  1879  A«6l  er  älmlichr 
Grinde  »w  die  oben  genannten  hervor  und  vnaulel,  diu  Minnebüchltin  »r.i 
«Am  Umarbeitung  rintt  latcininchen  Schrißcheng,  mm  mnem  Schüler  Seunt»  und 
Al  »einem  Geiete  geeehrieben. 

•)  So  bei  Sfeehthild  von  Magdeburg,  Sugabrotk  und andcrrji.  W.  Wacker- 
magtl  loeiet  in  Zfda  VI,  2BS  die  Mtinung  suräck,  (da  kUnntr  der  bekannte 
Stitert  ecn  Schu-abrn aller  auf  Seuets  Lebensänderung  turüehgehtn.  Eine  Spur 
davvn  findtl  itieh  erst  in  Hebele  Facetten  und  Kirchhofn  WendunmtU.  Vgl. 
tMCh  J.  Hartmann,  Schwabrmi.itgfl  mu,  30. 

')  Mit  Unrecht  nimmt  Fregtr,  Vorarbeiten  lä4ff.  an,  erst  nach  dem 
40.  I.ebniejahre  eeim  dweerr  Leiden  über  Seuee  gekommen.  8n  ea-ttu^iv  kfinnm 


Einleitung.    H.     Seiwes  Lebe»  uuil  Werke. 

mit  Geduld,  ja  mit  Freudigkeit  aufzunehmen  (Kap.  19,  vyl.  oben 
S.  90/.*).  Erst  wenn  er  dies  gelernt,  kann  er  tlftt  geistlichen  Ritter- 
schlag empfangen  (55,16  ff.).  Dreierlei  Leiden  besonders  werden  Sewse 
vwausoerkündigt:  Untergang  seiner  uelilic/ien  Ehre,  Untreue  und  Lieb- 
losigkeit seitens  der  Freunde,  innere  Trostlosigkeit  und  Verlassenheit. 
Und  sie  kommen  auch  wirklich  über  den  armen  Mann  in  einer  Menge 
und  in  allen  Formen,  so  dass  sie  ihm  etwas  Alltägliches  in  eeittevi 
Leben  werden  und  er  ihr  Ausbleiben  als  etu>us  UngewöhrUicfits 
empfindet  (82,22 ff.).  Mit  ergreifenden  Zügen  erzählt  er  in  der 
Vita  eine  Reihe  seiner  schmerzhaften  Erfahrungen:  er  wird  <its 
Diebstahls  der  wächsernen  Exeotobilder  in  einer  Kapelle  und  de» 
Betrug»  mit  einem  blutenden  Kruzifix  beschuldigt  (Kap.  -^3),  muss 
seine  eigene  Schwester,  die  in  Sünde  fiel,  unter  Schmers  und  Schande 
ins  Kloster  zurückbringen  (Kap.  21),  kontmt  zur  Pestzeit  als  angeb- 
licher Brunnenvergifter  in  Todesgefahr  (Kap.  25),  hat  ein  gefähr- 
liches Abenteuer  mit  einem  Raubmörder  im  tiefen  Waide  zu  bestehen 
(Kap.  26),  wäre  bei  einer  Pastorations  fahrt  einmal  beinahe  im  Rhein 
ertrunken  (Kap.  27),  wird  wiederholt  auf  den  Tod  krank  (Kap.  23 
und  30);  adelige  Herren  wollen  ihn  töten,  weil  er  ihre  Töchter  und 
Geliebten  zum  geistlichen  Leben  verführt  (Kap.  28),  desgleichen  dir 
ungeratene  Sohn  eines  Chorhernt,  weil  er  sich  durch  ihn  finiimidi  t^ 
nachteiligt  glaubt  (Kap.  43);  er  muss  von  seinen  Klostergenossen  Schtnüh- 
ung  und  Beschimpfung  leiden  (Kap.  29;  145,23 ff.),  von  anderen  üble 
Nachrede  erfahren  wegen  seines  Verkehrs  mit  den  Sündern  (Kap.  Si)- 
Das  Schlimmste  aber  geschah  ihm  eon  einem  feuflischeti  Weibe,  das  ti« 
der  Unzucht  beschuldigte  (Kap.  38)  und  dadurch  weithin  in  Verruf 
brachte.  Durch  diese  Flut  von  Leiden  hindurch  ward  Seuse  eia 
,gelassener' ,  ,durchgeübter'  Mann;  Friede  und  Freude  in  allen  Dingtii 
war  zuletzt  der  Gewinn,  den  er  ans  ollen  Heitnsuchungen  zog  (130,16ff.)- 
l)ie  meisten  der  erzählten  Leiden  hängen  mit  der  intensiven  ettl- 
sorgerdehen  Tätigkeit  zusammen,  die  Seuse  in  Jenen  Jahren  zu  entfatttn 
begann  (vgl,  114,19  ff.).  Gleivhsnm  nur  zufällig  wird  uns  von  seinen 
Pristoraiionsfahrten  erzäMt  (vgl.  87,31  f.,  117,17.  120,18 f.,  153.14), 
auf  denen  er  von  Konstanz  aus  in  die  Schweiz  (109,31  f.,  138,26  f.), 
in  das  Elsass  (75,16.  81,6),  den  Rhein  hinab  bis  nach  Aachen 
(153,10f.)  und  in  die  NiederUinde  (78,22)  kam.  Wir  werden  dt» 
eifrigen  Mann  einen  gros^ten   Teil  des  Jahres  auf  der   Wanderschaß 

ahtr  erine  Worte  nicht  gemtint  sfin;  vgl.  33,11/.,  54.3€.  6a,l7ff.,  14S,13i  Bor. 
Ii2g.  Nur  im  Unternctiüd  von  den  gellmtgeu'.lhlteii  Leiden,  die  JeUl  au/hore», 
uind  die  fremden  Heivuiuehungai  tu  betont. 


iden  Hiid  HeimauoliunKeii.    Seine  welsorgerliche  Tätigkeit.   113* 

denken  hohen,  wobei  er,  wie  es  der  Beruf  seinen  Ordens  mit  sich 
ichte,  dem  Voike  in  SUtdt  und  Land  predigte  (vgl.  112,24.  14!),?). 
ich  war  er  nicht  eigentlich  ein  Prediger  und  Seelaorger  für  die 
lasen,  wie  ein  Berthold  von  Ihgensburg,  seine  Domäne  war  die 
nzelpantoration.  für  die  er  ein  wahren  Charisma  gehabt  zu  haben 
\eint.  Er  verkehrte  dabei  in  hohen  und  niederen  Krdeen  (117,U. 
i,iff.),  mit  Kloslerleuten  uiul  Laien,  ivetxs  ebenso  die  Tirfgesunkenen 
I  lockenden  Hei-zenatönen  zu  gewinnen  (Kap,  '-Hi;  lVi,2ff„  IW^ff., 
1,30 ff.)  wie  auserwähUe  Seelen  zur  Beschaulichkeit  anzuleiten. 
n  Harten,  mildes  il'esen  tnusste  benondtrs  für  die  Frauen  etwas 
ziehendes  haben,  und  an  sie  hat  er  sich  nie  Heinrich  von  Nörd- 
•/en  porzugsweise  und  mit  grimtem  Erfolge  gewendet.  Seiner  fic- 
icleren  Anlage  kamen  aber  auch  die  Verhältnisse  seines  Ordens 
gegen,  dessen  Aufgabe  es  unter  anderem  war,  die  seiner  Olihut 
lerstellten  Frauenklöeter,  welche  gerade  in  Oberdeutschland  besonders 
tlreich  waren^),  seelsorgerlich  sn  leiten.  Nachdem  sich  der  Orden 
•en  die  Übernahtne  der  schweren  Bürde,  welche  nicht  selten  die 
ten  Kräfte  absorbierte  und  die  Pflege  der  Wissenschaft  beein- 
4!htiffle,  lange  gesträubt  hatte,  wurde  ihm  die  ,vurii  monialium' 
rch  Papst  Klemens  IV  1267  definitiv  übertragen*).  Die  Prediger 
hmen  sich  nunmehr  mit  allem  Ernste  der  Angelegenheit  an,  und 
ar  waren  es  in  der  Regel  rf/V  gelehrten  Brüder,  Magistri  und 
ktoren  der  Theologie,  Kelche  mit  der  geistlichen  Leitung  der  eiel- 
:h  hochgebildeten^),  zum  guten  Teil  aus  adt-Hgen  Häusern  stammen- 
t   Nonnen   betraut   >curden%     Es  ist   durch    Denifles^)    Unter- 

')  In  der  JFVopt'fw  Ttutuuia  warm  es  iit  B*ginn  des  14.  Jh.  70  Dumini- 
terinnen-  und  46 — 48  Ifoniiaikanfrkiösler  (Archiv  II,  6431.  Die  ohnefUn 
\on  höh»  NormaUahl  (.W  der  Nonnen  in  den  eintelnen  Klöetem  v^rdr  oft 
tree/iritUn:  en  wartn  es  in  Ölenhaeh  1ä86  ISn  (Preiftr  II,  26til,  in  Töte 
\4  und  13&H  ca.   IHO  Schwcatera  I  Hrg.  Ep.  Cnntt.  II  n.  177,  n.  5439). 

•)  Vgl.  Mortier  a.  a.  0.  I,  Ulff.,  ÖH4g.;  henifU  im  Archiv  II, 
Ijf.:  L.Baur  im  I-rrib.  Ititk.-Arehiv  1901,   tilff.  46. 

')  Btiepitlf  bitttn  dit  VU*n  in  Mtngt.  VitU  Nonnen  konnten  lateinisch 
d  vfrfa/iaten  asktlinehe  Sehrifttn.      Vgl.  Prer/er  II,  S/H. 

')  Vgl.  in  der  Inetruktia«  des  l'rvviatials  Htrmann  ein  Mindm  (1286 
90J  betüglich  der  cura  mnnialium  die  Vorschrift:  providele,  ue  refectione 
«ant  (»oroKB)  verbi  Pei,  «pd  sicut  eTiiditioni  ipBarum  conveiiit,  per  Tratrea 
otoa  aaepius  praedicetur  i Archiv  II,  libii).  Dir.  Dominikaner  veneeiUm  aber 
der  U«gtt  nicht  ständig  am  Sitze  der  Nonnenkiösivr.  »ondern  bef:uehtfn  die- 
bm  nur  von  Ztit  eu  Zfil :  ffir  den  tiiglichen  Gottcsdiensl  war  ge^nöhnlich 
.   WeUgtiatlichtr  als  Kaplan  angestrltt. 

')  Archi«  II,  641ff. 
H.  8«ute,  OenUrlio  Sthrfflo".  B' 


114*  Einleitung.    It.    Seuses  Leben  und  Werke. 

snchungen  klargestellt,  dass  dieser  Umstand  sehr  viel  zum  Aufkommen 
der  mystischen  Predigtweise  in  Deutschland 'beitrug.  In  Predigten 
xoid  Kollationen  (vgl.  Anm.  zu  47,21)  machten  die  Dominikaner  die 
No7inen  in  deutscher  Sprache  mit  der  scholastischen  und  mystischen 
Spekulation  bekannt  und  bemühten  sich  mit  vielem  Erfolge,  dieselben 
nicht  nur  zu  genauer  Befolgung  der  Ordensregel  anzuhalten^  sondern 
auch  ihrer  Frömmigkeit  ein  gediegenes  Fundament  zu  geben.  Die 
Problefne  der  Mystik  wurde  die  erlesene  und  begierig  aufgenommene 
Kost  der  G oitesfreundinnen  in  den  Klöstern  und  Beginenhäusem. 
]Vie  andere  Predigerkonvente  hatte  auch  derjenige  zu  Konstanz 
eine  Anzahl  Nonnenklöster  dss  gleichen  Ordern  zu  leiten  ^).  In  seinen 
ftermini^  (vgl.  Anm.  zu  119,10)  lagen  im  14,  Jh,  die  Dominikanerinnen- 
klöster  zu  Katharinental  bei  Diessenhofen,  zu  Meersburg,  Buchhorn 
und  in  der  Nähe  davon  Löwental,  Münsterlingen,  Habstal,  Engen, 
Siessen  bei  Saulgau,  und  drei  Klöster  zu  Konstanz  selbst,  genannt 
Wily  St.  Peter  an  der  Brücke  und  Zoßngen%  In  mehr  als  einem 
dieser  Klöster  wird  auch  Seuse  zeitweilig  gewirkt  haben.  Näheres 
über  das  innere  Leben  erfahren  wir  aber  nur  t>on  Katharinental,  ^\i 
wo  im  13.  und  14.  Jh.  eine  Pflanzschnle  der  Mystik  war;  hier 
scheinen  in  der  Tat  die  Spuren  seimr  Tätigkeit  in  den  Lebensbildern 
einzelner  mystischer  Nonnen  noch  erkennbar  zu  sein^.  Auch  zu  -^^^i^ 
weiter  entlegenen  Klöstern  hatte  Seuse  Beziehungen,  vor  allem  zu  ^^^ssu 
Töss*)  bei  Winterthur,  wo  seine  bedeutendste  Schülerin  Elsbeth Stagel^^^'^el 


^)  Bischof  Gerhard  von  Konstanz  verkündete  1318  seiner  OeietUehkeit.  ^Im-^ntf 
da^s  alle  Schwestern  des  Augiisiinerordens  der  Seelsorge  der  Predigerbrüde^r^^ier 
unterstehen  (Keg.  Ep.  Const,  II,  471  n,  78). 

*)  Vgl.  Quetif  und  Echard  I,  X;  König  im  Freib.  IHöM.-Ärcki9'» i^tiv 
XIII,  209  (nach  der  Statistik  des  J.  Meyer);  L,  Baur  ebd.  1901,  32,  4ifcA-Ä=-i«^, 
•H  56,  70,  81  j\ 

^)  Dies  auch  die  Annahme  Bächtolds,  Lit.-Gesch.  der  Schweix  189Sl,'^^92, 
üiy,  und  schon  Murers  349,  Es  ist  aber  zu  beachten,  dass  wohl  die  ««»(«r-a^-*  <«• 
d^-  in  den  Mten  von  Katharinental  (ed.  Birlinger  in  Alemannia  löW^'Sr^^T, 
150-84;  Aus:;üge  hei  Mar  er  349  ff.)  vorkommenden  Nonnen  vor  Seuse  lebim^r*^^^^ 
An  Seuse  erinnern  Klsheth  Ileimhurg  und  Elsheth  von  Stoffeln,  Adelheid  Ffeffer^^'^^^- 
hart  (aus  Konstanz)  und  Anna  von  Ramsicag  (verkehrt  mit  Eckhari^  um  1324?)  <..^*5^v 
in  bezug  auf  die  Andachten,  Kastei ungcn,  Visionen  und  die  sinnige  Katui  ^ 
bctrachtung  der  Schwestern  zeigt  sich  manche  Ähnlichkeit  mit  Seu»e,  Kot 
AdvUieid  ist  gesagt  {15:J):  unser«  herren  fründ  hctten  haiinliclii  und  minn  zft  im.  "^^^ 

')   Vgl.  die  Anm.  zu  90,7  und  die  dort  zitierte  Literatur,  femer  Greit^       ^ 
29öfK,  3(J3ff.;  Vetter.  Mystikerpuar  12ff.,  ri3ff,:  K.  Schiller,  Das  mystiteh^^^ 
Leben  der  Ordensschwestern  zu  Töss.  Berner  Diss.  1903  (nur  als  MaieriaUem-    " 
Sammlung   brauchbar).     In   dtn  'lösstr    }iten  finden   sich   riefe  Analogien 


i'iin^'^ämBn^^g^  "Time  seelw 

(e.S.  124* ff. Hebte,  vermutlich  mich  zu  Öteiibach^)  bei  Zürich,  A  ä  f  l - 
hausen^  hei  Freiburg  und  Unterlindeii*)  zu  Kolm-ir,  —  liiuUr 
Statten  des  bescliauUchen  Lebms,  Wie  eiele  Verdienste  Seuse  um  die 
dort  zu  findende  Blüte  der  NoHiienmystik  hat,  können  trir  nicht  aus- 
machen, Bßa4:htensaerl  ist,  dass  die  von  seiner  geistlichen  Freundin 
Elabeth  Ber/asste  Vitemnmmlung  Don  2'(1sh  eine  Heike  ähnlicher  literari- 
scher Produkte  veranlasst  oder  wenigstens  beeinßusst  kat,  die  »wen" 
das  Vorbild  an  Tiefi  der  Aujfasautig  nicht  erreichen,  aber  doch 
in  ihrer  Gesnmthert  einen  reizvollen  Hinblick  in  die  reUgiüsen  Ideale 
und  Slimnmni/en  jenen  Kreites  frommer  Frauen  gewähren.  Adolf 
Harnnck*)  hat  mit  Bezug  darauf  das  Wort  gesprochen:  „M'elcher 
Historiker  mit  hellen  Sinnen  wird  an  diesen  Früchten  der  Mystik 
teilnahmslos  oder  ochelzuckeml  vorbeigehen  können,  welcher  Christ 
teini  nicht  mit  herzlicher  Freude  aus  dem  Quell  lebetidiyer  Anschau- 
ungen, der  hier  gesfirudelt  ist,  schöpfen,  wer  wird  nickt  zuversichtlich 
als  Geschichtsforscher  lezeagen,  dass  eine  evangelische  Reformation 
um  1200  (1300? )  ebenso  unmöglich  gewes&n  wäre,  wie  sie  um  1500 
vorbereitet  war''^yc 

Von  Seuses  Methode  der  Pastoration  wie  überhaupt  von  seinetn 
Verkehr  mit  den  G ottesfreundinnen  können  wir  uns  auf  Grund  der 
Erzählungen  in  der  Vita,  seiner  Briefe  und  Predigten  ein  deutliches 
Bild  machen.      U'eil  über  dir   schwähischen  Lande  hin  und  in  den 


Stiuex  £e6«n  (vgl.  die  Zugammtimtellung  bei  HchUlerl.  lioch  ist  auch  hia- 
aneHnthmftt,  data  vitk  der  Schvtstam  »ehon  gestorben  teareit,  alf  Stusi  nach 
THaH  kani;  jtdtnfaüs  kann  man  nicht  lagen  fiiQ  Gretth  in  Eath.  Sc/Meiierbl. 
1860,  T-1)  dasK  er  die  mystiseht  Sehule  daselbM  ,ge»chaffar  hnb*.  Chrimologtseh 
ganz  unmüglieh  iil,  va»  Greilha.a.  O,  143  mtint,  äagn  Seuat  to  Jahre  Jemg 
Stiehtvatrr  der  Piinseann  Etgbrth  von   Ungarn  (f  133GI  tu  TBse  aar. 

■)  Vgl,  Hfurtr  SI6.  Nach  der  Tradüim  kam  Seast  (iftern  ih  das 
l'rtdigerilosler  nach  Zürich,  iiUo  wohl  auch  nach  (ilenbarh ;  EUhtlh  ron  Eyke 
iOfi)  erinnerl  gatit  an  ihn  (vgl.  l'regrr  11,  ä64l. 

*)  So  die  Annahmt  Kürehers  19S. 

*)  Vgl.  Ingold,  Notier  »ur  l'fgligr  et  le  eanvcnt  des  dominicain/'  de 
Calmar  !8äi,  33. 

•)  Dogmtngetchichlt  III'  (ifiüTI  394. 

")  Charaktn'ittik  und  Elasnifieierung  der  myttinchtn  VitenlittraUir  von 
Diniflc  in  LH.  Rundnehau  1879,  i3Hf.  und  Afdn  V,  360.-  vgl.  auch 
M.  Kieger,  Vit  OoUee/rtunde  ItiTB,  337 ff .  Über  das  Allgemeine  handln  gut 
Michael,  Geschichte  des  disch.  Volkes  III,  Uli  ff.:  Prtger  II,  ä53ff.  und 
aammilieh  die  öftei-«  eilicrU  Schrift  von  Ereht  über  Adflhauien,  dit  a-di 
dit  Fiten  von  Tue«,  Katharinental,  Uuterlindfii  und  Kirrhberg  nim  Vtnjkich 
d  ht  den  richtige»  IHeriirhieiwiachm  Zmuvnnenhaitg  sirllt. 


116*  Einleitimg.   11.    Scuses  Leben  und  Werke. 

anstossenden  Gebenden  besass  er  eim  grosse  Zahl  begeisterter  Junge- 
rinnen,  „geistlicher  Töchter^  oder  „Kinder^,  teils  in  der  Welt,  meist 
aber  in  den  Klöstern  und  Klausen  (vgl,  116,23  ff,,  140,17 ff.).  Manche 
adelige  Tochter  hat  er  durch  Wort  und  Beispiel  für  dem  geistliche 
Leben  gewonnen  und  bewogen,  die  väterliche  Burg  mit  der  Kloster- 
zeUe  zu  vertauschen  (83,12 ff.).  Stets  fasst  er  die  Beziehung  der 
Seele  zu  Gott  unter  dein  Gesichtspunkt  eitles  geistlichen  Liebesverhält' 
nisses  —  charakteristisch  für  das  Zeitalter  des  Minnescmgs,  — 
von  der  falschen,  trügerischen  Minne  der  Wdt,  die  mit  Lieb  (Freude) 
anfängt  aber  mit  Leid  endet  (455,21),  will  er  hinführen  zur  treuen 
Liebe  Gottes,  die  hienieden  anfängt  und  immer  und  immer  währet, 
zu  Christus  dem  himmlischen  Bräutigam  (137,11  ff.).  Dünkte  ihn  ja, 
dass  sein  Lieby  das  er  zu  minnen  gab,  besser  sei  als  alle  Lieb  dieser 
Welt  (139, 23 f.).  Eine  toundersame  Macht  muss  die  Persönlichkeit  dieses 
Mannes  ausgeübt  haben.  Wir  erkennen  dies  aus  der  unbegrenzten,  fast 
schwärmerischen  Anhänglichkeit,  mit  der  seim  geistlichen  Töchter  an  ihm 
hingen:  sie  scheuen  ihn  in  ihren  Gesichten,  empfangen  Offenbarungen 
über  seine  Schicksale  und  Leiden,  empfinden  selbst  seine  Schmerzen 
mit,  werden  durch  himmlischen  Befehl  an  ihn  gewiesen  (44,14 ff,, 
51,17 ff.,  117,9  ff.).  Seine  Auffassung  von  dem  seelsorgerlichen 
Beruf  war  auch  die  idealste:  er  dünkt  sich  eineti  Kärrner  Gottes, 
der  aufgeschürzt  durch  die  Lachen  fährt,  um  die  Menschen  aus  der 
tiefen  Lache  ihres  silndlichen  Lebefis  wieder  an  die  Schöne  zu  bringen 
(3&5y24ff'.,  407,32 ff.).  In  ihm  vereinigte  sich  vieles,  was  anziehen 
7nusste:  reiche  Lebens-  und  Herzenserfahrmig,  die  in  die  Tiefen  von 
Leid  und  Freude  geschaut  hat,  Reichtum  an  Liebe  und  innerer  Teil- 
nahme —  sein  mildes  Herz  war  sprichwörtlich  (vgl,  117,1),  —  Klug- 
heil  und  Milde  in  den  Anforderungen  gegen  andere  bei  grösster  Strenge 
gegen  sich  .selbst,  unverdrossener  Eifer,  der  nicht  ablässt,  auch  wenn 
es  auf  den  ersten  A)üauf  nicht  gelingt. 

Man  hat  öfters  fälschlich  angenommen^),  dass  Seuse  unter  den 
Gotfesfreundcn  einen  besonderen  Bund,  die  „Bruderschaft  der 
ewigen  Weisheif^  gestiftet  habe,  und  berief  sich  zum  Beweise 
dafür  auf  die  Regeln  der  genannten  Bruderschaft,  welche  sich  teils 
im  Anschluüs  an  das  Exemplar  in  den  beiden  ältesten  Drucken^) 
(etwas  gekürzt)  und  in  manchen  IIss,^  teils  separat  in  verschiedenen 


')  So  z.  B.  K (Ircher  J216f.:  Schmidt  867 f. 

')  146:if.   lOrjr^llor;  t512f.  146*'— ,61  r;  Diej).'  490—604, 


6«nuei  Briefe  und  Predigtea. 


117" 


Uss.  ßndtn^).  Allein  jene  Annahme  hhtt/  zutinmnien  mit  der  früheren 
iiftümlichett  Anschauung,  ah  oh  die  0 otte-tfreunde  einen  Geheimbiind 
mit  separatistischer  Tendern  gebildet  hätten'*).  Sie  hat  auch  an  dem 
Texte  der  ,Brudersch(ift'  keinen  Anhnltsjiutikt.  Die  deutsclie  Fassung 
derselben  ist,  wie  eine.  Reihe  von  Hss.  und  die  Drucke  angeben  *), 
nur  eine  freie  Übertragung  eines  Kapitels  des  Hör.  (II,  7 ;  vgl.  oben 
S,  107* ),  die  tcohl  erst  im  15.  Jh.  gefertigt  wurde  und  nl/fin  nach 
nicht  von  Seuse  stammt.  In  diese  .Ausgabe  ist  sie  daher  nicht  auf- 
genommen. 


^^^p  V.  Seases  Briefe  nnd  Predi^^ten. 

Seuses  Brieficechsel  ist  ganz  in  den  Dienst  der  Seelsorgr  gestellt: 
wan  er  durch  mündliche  Unterweisung  bei  seinen  geistlichen   Töchtern 
begonnen,   setzte  er   brieflich  fort;   nur  selten  sind  persöfüiche   Ver- 
hältnisse darin  berührt,  rein  ipelUiche  Dinge  gar  nie.     Mir  haben  es 
Elsbeth  Stagel  zu  verdanken,  dass  uns  eine  Anzahl  eon  Seuses  Briefen 
erhalten  sind,  und  zwar  nicht  nur  die  in  die  Vita  verarbeiteten,  die 
sich  nicht  alle  mehr  mit  tiicherheit  ausscheiden  lassen,  »otidem  auch 
eine    ausführlichere    Sammlung    von    ungefähr    ^    Nummern    (das 
Ursprüngliche    Briefbuch     d^r   Stagel),    und    ein    von   Seuse    selbst 
tpäier    veramtalteter    u}ui    als    viertes    Buch    dem    Exemplar    ein- 
verleibter Auszug  von  11  Briefen.     Übet-  das  Verhältnis  des  Gr  uttd 
ICl  Bfb  zu  einander  ist  schon  oben  S.  37*  ff.  das  Nötige  gesagt  worden. 
Jjie  11  Briefe,  welche  Seuse  selbst  redigiert  hat,  erscheinen  in  dieser 
^-lusgnie  zum  erstenmal  in  ihrer  ursprünglichen  Gestalt  publiziert ');  im 
•Exemplar  sind  dieselben  stark  gekürzt,  mit  Stücken  aus  anderen  Briefen 
kombiniert   nnd  so  geordiut,    dass   darin    in  gedrängter  Form   eine 
^vollständige   ,Lehre'   (3(iO,ä)   von    der  Bekehrung   bis   zur  höchsten 


')  Z.  S.  in  He.  K,  B,  S',  W,/,  h  (h.  oben  S.  ff"/.,  ä',  23'),  ferner  in  den  Hm. 
-S-i«   Th-tudea  S£  277  St.  83—89:  Heidelberg,  Cod.  Pal.  germ.  57(1  Bl.  104— tO; 
-»Carlaruhe.   Cod.  Ltchtent.  99;  Maihingen   II t  1.  S'»/.-  München   Cgm  405, 
-iSO»,  831;  Nümbtrg  Cent.  V  app.  81  Bl.  3~2ä;  Cent.  VI,  44   Bl.  196— S03; 
^^ent.    FI,  Sß  Bl.  131—44.    S/Imtliehe  Bts.  gthöreu  dem  15.  Jh.  an. 
»)   Vgl.  die  Anm.  tu  34,10.-  Denifle  fl37 f.  und  oben  .S.  99*. 
')  Ih  dem  Druck  con   I48ä   utelit  f.  S03':   Piia  hLTnurli    fjescbriben    slal 
^uB  UL  ze  t«ütH<:he  braacht  von  der  weiizheit  bSclie  in  Intriu. 

')  In   Pregtrt    Auegabt    (3607)   rind   dieselben   in    der   Ketension   rfrc 
-Jil  B/b  gefclim,  vgl.  oben  ä.  ää",  30*. 


118*  Einleitung.    II.    Seuses  Leben  und  Werke. 

Stufe  des  mysthchen  Lehens  (jehofen  wird^).  An  Elsbeth  sind  sicher 
drei  Briefe:  }^igra  sum  (Nr,  XII  bezw,  III),  Annuntiats  (XXbezw. 

VIII)  und  Pone  mv  (XXVI  hezu\  XI)  gerichtet^),  letzterer  jedoch 
nicht  an  sie  allein,  sondern  als  eine  Art  Zirkular  schreiben  zugleich 
an  andere  Nonnen  in  Töss  (rgt.  auch  die  Anm.  zu  479,13).  Über 
die  Adresse  der  anderen  Briefe  Uisst  sich  nichts  Genaueres  sagen: 
sie  sind  wohl  sämtlich  an  Nonnen  gerichtet  und  setzen  zum  Teil  sehr 
verschiedene   Charaktere   und   Verhältnisse   voraus;    Nr.  I,   III^    VI, 

Vllly  IX j  XI,  XXI,  XXIV,  XXV  sind  für  mehrere  bestimmt, 
Nr.  XVII  und  XVIII für  dieselbe  Enipfangerin  (vgl.  S.  40*  Anm.  2). 
Die  Echtheitsfrage  braucht  bei  der  weitaus  grössten  Zahl  auch  jener 
Briefe  des  Gr  Bfb,  von  denen  nicht  Stücke  in  das  Kl  Bfb  auf 
genommen  worden  sind  (Nr.  l,  VII,  IX,  XV,  XVI,  XXV),  schwerlich 
besonders  erörtert  zu  werden,  denn  sie  tragen  nach  Ausdruck  und 
Inhalt  das  Gepräge  der  Susonischen  Autorschaft  an  der  Stime, 
Zweifel  dagegen  kann  man  hegen  bei  Nr,  XXIII  Exivi,  Nr.  XX  VII 
Cum  essem  parvulus  und  namentlich  bei  Nr.  XXVIII^  dem  hier 
erstmals  edierten  Testament  der  Minne  (Minneregel).  Brief  XXIII 
ist  eigentlich  eine  Predigt  ^)  und  weicht  in  seiner  aphoristischen  Form 
und  seinem  stark  mystischen  Inhalt  von  d^n  übrigen  Briefen  ab;  doch  -a 
ist  es  wohl  möglich,  dass  Seuse  einmal  eine  seiner  Predigteti  im  Ausztig  "^ 
als  Brief  versandte.     Zudem    ist   das  Stück   in   sechs  Hss.  in  enger  — 

Verbindung  mit   echten    Briefen    überliefert.      Wir    sind    also    woh 
berechtigt,  die  Echtheit  anzunehmen.     Dasselbe  gilt  für  Nr.  XXVII, 
worin  detaillierte  Vorschriften  für  das  Verhalten  einer  jungen  Nonne- 
in    einrr    zu    Seuses    Art    wohl  passenden    Form   gegeben    tverden 
Schwieriger   ist    die   Frage   zu    entscheiden    bei   dem    Testament    de 
Minne.    Gewiss  ist  es  ein  sehr  interessantes  Stück,  von  eifier  Gefühl 


')  Brief  J— T  behandeln  die  Anfangsgrunde  des  tjeistlichen  Lebens:  Ä 
hehr    von    der   Welt,   Fcstiyheit   gegen    die   Versuchungen,   Geduld  im   Leiden^ 
Hr.    VI    dii     Vorhtreitung   auf  das   ISUrhtn,    VII  gibt    Vorschrifitfi  für   eiti 
Vorsteherin,    VIII — X   enthalten    Verhaltungsmu^sregcln    bei    mystischen    E\ 
fuhrungen,   XJ  eiujfjirhii    Vtrehrung  des  Namens  Jesu  und   eifriges  Gebet  a 
,Krnne  aJhr   Chung^.      Vgl.  auch  oben  S.  39''— 4'^. 

'-)    Vetter,    Mgatikerpaar   02  findet    mit    Unrecht    einen    Widersprttel^ 
:  irischen  oyn.fi  und  194,14  Jl'..  denn  das  jungst  an  erst  »rem  Ort  ist  nicht  zeitlich 
sondern  InkaJ  gemeint,  in  Hinsicht  auf  den  an  letzter  Stelle  im  Bfb  stehendetm 
Brief  Pone  me. 

1  \'gl.  nawentlieh  die  charakteristischen  Eingangs-  und  (fbergang, 
fiirmeln  (4i,yi.  In.  471,1,7}  und  den  nur  in  ('  übtrlieferten  Schlues  (476,1 
bis   19). 


Senseii  Briefe  und  Predigten. 


119* 


leärme  und  ehier  dichlerhch  gehobenen  Daratdlutig,  wie  sie  in  der 
nysfischen  Korrespotidem  kaum  ikresylelchen  findet,  und  zrigl  sehr 
viele  Anklänge  an  Seuee,  allein  die  Bedenken  gegen  die  Echtheit  von 
des  Gesnmtchnrakters,  des  Sfües  und  Wortnc/iatzes  sind  so 
dass  wir  es  bei  einem  non  Uquet  bewenden  lassen  müsstn '). 
ni(At  von  Sense  selbst,  so  ist  der  Brief  jedenfalls  von  einem 
i  nahestehenden  Mystiker  verfasst. 

Ihrem   literarischen    Charakter    nach    mnd    die   Briefe   Seuifes, 


')  Leider  tourdt  vernäuml,  S.  486  eine  dieehetäglieha  Btmtrkung  tu 
inachtn.  Ucug  drr  Brief  »thr  etark  nn  Siutr  trinnert,  litgt  auf  der  Hand  ; 
"•  rfen  Anmerkungen  ist  dit  itarhe,  teilweise  vörtlie/ie  Btniitiung  ron  Brief 
filX,  XII,  XI y  und  XXVI  dea  Gr  BJl  und  sonstige  Anlehnung  an 
S*»»r*  Schriflai  nachgtwireen.  Dit  Entlehnungen  sind  nicht  blase  äusBer- 
^*  ^atgtkltbt,  mmdtm  organiech  mit  drm  Gancen  verhundtn.  Et  ist  »ehwer 
»j«'»/eA«n,  wie  ein  »o  hochbegabter,  diehterineh  veranlagter  Mystiktr,  als 
'**'<;A#n  tith  Jtr  Schreiber  des  Briefes  ausv!fiitt,  der  in  huhem  Altrr,  unmittelbar 
meinem  Tode  stehend,  tum  letitenmal  Bcinrn  geisllichen  TBchlrm  »ehreilit 
"'*<'  ihnen  die  Summe  seiner  Lehren  iieht,  da£ukam,  die  Briefe  eines  anderti 
'  stork  tu  plündern!  Man  ixt  an  mitttlaltrrlichen  Plagiaten  manchem  gewöhnt, 
">"•  hier  stehen  vir  vor  einem  psychologischen  Bätsei.  und  doch  vei'hieten 
'•"er»  Bedenken,  dir  Echtheit  ohne  wttleree  aiieunehme»  (Professor  Dr. 
^^rauch-Haile  hat  mieh  durch  gütige  bri^liche  Meinungsäusserung  in  de« 
"*rfgnAtn  bestdrkti.  Der  gante  Ton  des  Briefes  ist  äbersehwänglicher,  sHea- 
'^Aer,  als  man  es  bei  Stute  gewohnt  ist,  und  nähert  sich  der  Art  Heinrichs 
•  Slfrdlingen !  mitunter  wird  der  Stil  tänddnd,  spielerisch  und  durch 
*■*  Obermaes  des  Gefühlt  unklar.  Der  WtirUchate  eeigt  eint  Keikr  von 
^•*«b-aci«i,  die  wir  tonst  bei  Stuee  nicht  ßndm,  z.  B.  4811,19  minoendiep ; 
*^B,lsf.  tt^esatW  »iäe  (klingt  mehr  Taaleriteh  1) i  489,3  gefiillicli ;  492,6  quil; 
*^fi  nünneDfingerliu ,-  wohl  tpättrer  Sjirachgebrauch  sind:  467,18  lumpen  und 
'*Ppeii,  *wy,2  gromnlle,  4li3,l3  wetteiof .-  das  uardle  Bild  von  der  griebe  (4Sl,3<Jl 
"**fct  Seusee  Feinheit  nicht  gtil  an  (doch  vgl.  Hermann  von  Fritslar  53,39  und 
^feifftrt  Anm.  S.  421),  die  Ausdrücke  492,1! f.  sind  lu  stark  und  tu  wn- 
""»•  für  ihn.  Bedenklicher  ist  nvch  der  viermalige  Gebrauch  (/<r  Phrase  (der 
'il  »irdige)  ran  gotte«!  tmd  der  juucktröwen  (48(l,r.  489,3.  34.  433,5),  diu  nicht 
*"*wii*ieA  ist  (Öfter  das  Vorkommen  des  Ausdrucks  ,der  megdr  kint'  und  ähn- 
'■«Atf-pj,!.  W.  Grimm,  Goldene  Schmiede  XLVIIIf.;  Joites,  DieWaldeneer 
'«''  diu  porlutherische  Bibelabeiseteung  18S6,  37;  ders..  Die  Tepler  Bibeliiber- 
•"•"•hj)  18&6,  21  ff.}.  Auch  v>at  487,18 ff.  Ober  den  Empfang  der  Kommunion 
S'"ifft  ist,  findet  »ich  sonst  nicht  bei  Sense.,  dagegen  ähnU'ch  leohl  bei  Tauler, 
'^''  Denifle  Bvga  XXXlVff.  Man  kilnnte  darauf  hinweisen,  da»«  die 
""^Ugen  Briefe  Siuses  aus  Jlitigeren  Jahrm  stammen  und  daher  markiger  und 
^fTnigtr  sind,  dieser  letxte  dagegen  die  Abnahme  der  geistigen  Krqft  in  Stil 
I  ""^  Inhalt  sum  Auedrnck  bringt.    Aber  schKerlivh  sind  damit    dit   Unterschiede 

^Lf^tfmd  trldärf. 


1 

L 


120*  EMeitong.   IL    Seoaes  Leben  and  Werke.  I 

wie    iinnmülich    S trnuch  ')    und   Stei n li n usen '')    Iieieonjehubrn       I 
haben,   nicht  Briefe  im  modernni  Sinne  des   Wortes,   sondern  ijeisl-       1 
liehe  Sendschreiben,  religiöse  Aneprachtn  in  Brie/fvrtn.     Ah  äUf^U        I 
»ns   erhaltene   eigentliche  Brief snmmlung   in    deutscher  Spracht   hat 
die  Korrespondenz  Heinrichs   von  Nördlitu/en  mit  Margareta  Ebner-       ' 
zu  gelten.    Von  diesen  Briefen  heben  sich  Seuse»  Schreiben  ab  durc^~~ 
verhältnismässige  Armut  an  persönliciien  Beziehungen  und  durch  «»— ^ 
wmt   geringeres   Mass   an  kulturhistorischem  Einschlag,   stehen   ahe-= — r 
hock    über    ihnen    und    nehmen    ihrer    Emj/findsantkeit    und    Übei    ^ 
schwänglichkeit  gegenüber  ein  durch  Tiefe  und  Echtheit  der  Empfind unr^^  j\, 
durch    anmutige,   hochpoetische  Sprache,    die   „oft   von   trunderbare^^  -tr 
Schönheit"")  ist  (vgl.  z.  B.  Brief  XII.  XIV  und  XV  des  Gr  Bfbm^). 
Ihr    hoher    Wert    ist    tätigst    anerkannt    utui   gebührend   gepries».-^^ 
worden').     Preger'')   Bagt  mit  Recht:    es  sind  Pastor  albriefe,   ic^^  -rit 
sie  besser  das  Mittelalter  nicht  hervorgebracht  hat,  voll  seelsorgerlich^^rr 
Weisheit,   die   uns  Bewvnderung   abnötigt.     In  hohem  (irade  Iti^i.  ~^li 
Seuse  darin  die  Gabe  der  Unterscheidung  der  Geister,  die  jedem  ^^säm 
zu   raten   weiss,   was  nach  seiner  Individualität  und  Lage  das  H^m^l- 
samste  ist:  er  warnt  vor  Halbheit  und  straft  die  Lässigen,  ermunf^^^rt 
die  Zagen,  tröstet  die  Leidenden  und  Sterbenden,  hält  die  Ungeduldigem 
zurück,  jubiliert   über   die  Bekehrten,   gibt  weisen  Rat  für  den  CjV 
brauch    der    mgstischm  Gaben.      Einige  Male   macht  er   auch  gc^^ni 
konkrete   und   ins   einzelne  gehende   Vorschriften  für  das    VerhaFMe» 
seiner  geistlichen    Töchter   (Brief  II  zweiter  Teil   und  XXVIl      im 
Gr  Bfb).    Es  sind  intime  Schilderungen  des  Seelenlebens  von  Aoäk»' 
psgehologischem  Reiz,  und  seine  Worte  haben  hier  ein^  noch  gröK^ert 
Eindringlichkeit  als  in  seinen  anderen  Schriften. 

Von  Sensen  P redigttätigkeil^)  sind  nur  .-^purlirbc  Rfn^ 
erhalten.      Ohne   Zweifel   hat   er  auch   idi^    Volksreihier   feine  h»H^*' 

')  Marg.  Ebner  LXIlf. 

■)  Guehic/ite  des  deuUchen  Briefe»  1  (18091  14}. 

>)  Steinhauaen  a.  a.  O.  14. 

')  Vgl.  namtnilifh  l'rr<ier,  Brieft  20ff.;  Mystik  II,  36üff.;  Otnif^' 
XXVIJ.:  Steberg  G4f.;  fl/ihrrng.,-  4S6~:S1 :  Thi-iots  frant.  Ü^«^ 
sdiung  (s.  a.l  1,  LXVIf. 

')  B/iefc  m 

")  Vgl.  über  Snue  aU  PreOiger  bfiondera  Btihringtr  431—3$:  Crite  ^' 
Gtech.  der  dUrh.  Prrdigt  im  Miltdattrr  187ä,  3S7ff.;  Liiisinmat/tr,  Gt*^^ 
der  rrvAigt  in  lUuUchland  unu:  1866,  433-äe.  St/ir  mansrihaft  lüwtoriir^ 
nrientitrt  int  l:  II.  Albert,  Gfsch.  der  Predigt  in  littUscMaud  lU  {HtlHiJ iVif- 


Gaben  nUlU  eerteii(/net  und  war  beim  Volke  beliebt  und  hochauf/a-ehen  '); 
aÜPin  keine  tinziye  vor  der  Menge  ijehnUene  Predi/jt  ist  uns  iiber- 
liefeit.  Was  wir  besitzen,  «ind  einfache,  in  Nonnenklöstern  ge- 
hiUiene  und  von  den  Zuhörerinneit  aufgezeichnete  Homilie»,  die  ähn- 
(ichiH  Inhtilt  wie  die  Briefe  haben:  Aufforderung  znm  Verlassen 
der  Welt,  zum  Absterben  seiner  selbst  und  zur  gänzlichen  Hingabe 
an  Gott.  Sie  richten  sich  nicht  an  die  Gesamtheil,  sondern  an  das 
einzelne  Individuum,  das  sie  belehren,  antreiben,  trösten  wolim.  Am 
meinen  praktisch  gehalten  ist  die  erste  Predigt,  welche  auch  die 
weiteste  Verbreitung  gefunden  hat,  während  in  der  dritten  das  mystische 
Element  vorwiegt.  Nacli  der  fonnalen  Seite  hin  entbehren  dJe  Predigten 
einer  streng  togischen  Gliederung  der  Gedanken,  zwischen  Text  und 
Therna  besteht  nur  ein  loser  Zusammenhang,  von  SchriftstelUn  ist 
spärlich  Gebrauch  gemacht;  im  übrigen  ober  eignen  auch  ihnen  die 
'Onstigen  Vorzüge  der  Smonischen  Diktion:  wurme  Innigkeit  und 
Lebendigkeit  der  Sprache.  Im  ganzen  kann  man  es  als  eine  der 
Taulerischen  ähnliche  Art  beseichnen,  die  uns  in  den  Homtiien  ent- 
gegentritt, obwohl  Seuse,  wenn  wir  nach  den  geringen  Fragmenten 
Urteilen  dürfen.  Tauler  an  rednerischer  Kraft  und  allseitiger  Kenntnis 
Und  Erleuchtung  des  Lebens  nicht  gleichkommt''). 

Die  mangelhafte  Überliefervng  der  Setise-Predigten  ist  schon 
oben  S.  27* f.  erträhnt  worden.  Erstmals  wurden  die  vier  in  dieser 
-^iusgabc  stehenden  unter  denen  Taulers  1543  gedruckt,  aber  erst  in 
*4er  lateinischen  Übertragung  con  Seuses  Werken  durch  Surius  (Köln 
~M.5ö5)  erscheinen  sie  unter  seinem  Namen.  Die  Echtheit  der  ersten 
-Predigt  ,Lectuiu8  noster  ßoridus'  ist  gesichert,  da  Seuse  sie  selbst  in 
«Jcr  Vita  }31,29  zitiert'},  und  auch  bei  der  vierteil  ,Iteriim  relinquo' 
»cerden  wir  —  i'on  dem  Anhang  in  der  Tuulerttusgabe  (^gesehen,  vgl. 
^die  Bemerkung  S.  53t!  —  nicht  ernstlich  daran  zweifeln  dürfen,  da 
■^e  in  einer  Hs.  dis  14.  Jh.  unter  Seuses  Namen  geht  (vgl.  S.  38* f.) 
»ind  532,14  ff.  eine  auch  in  der  Vitn  Kaj>.  19  vorkommende  Erzählung 
'meiedergegeben  ist').    Bei  der  zueiteti  (.Miserunt  Judaei'J  und  dritten 

')  Sein  Andciikfn  lebte  im  Volke  fort,  vgl  die  ohen  .V.  öS"  A.  3  silierten 
-Äneidalen,  ipomach  er  seine  Jledt  mit  lirui  Sausen  dtn  Windfx  tu  furgltiehutt  pjlegtt. 

")  Linse nmaycr  a.  a.  0.  43tS  urteHl  tu  gOnntiff  aber  Stmiii,  wenn  er 
-ihn  aber  Tauler  sUdlU  Vgl.  ai*eh  Prtger  Hl,  Ulf..-  1/enifle,  TaiiUrs 
liekthrung  72ff. 

"i  Eitu  mgalieche  fndigl  übrr  deneeVien  beliebten  Ttxt  in  rinei-  liam- 
burger  Us,  tititrt  Snrchling,  erster  Rasrherichl  131  f.:  vgl.  auch  SehuUe 
in  Zschr.f.  Kwehtngeseh.   XI,  610  fTi-aktat    Veghea). 

'}  Lflitsree  Argument   wärt  für  sich  aUein  allerding»  kaatii  bticeieend. 


122*  Einleitaug.    II.    Seuses  Leben  und  Werke. 

(,Exivi  n  paire*)  Predigt  jedoch  halten  sich  die  Gründe  pro  u}\d 
contra  so  ziemlich  die  Waye:  sie  zeigen  wohl  manche  Berührungen 
mit  der  vierten  Predigt  und  mit  anderen  Schriften  Seuses  (siehe 
d^n  NavJnceis  in  meinem  Kommentar),  aber  es  findet  sich  in  ihnen 
manches  Fremdartige  im  Inhalt  und  Ausdruck,  und  auch  mit  Pre- 
digten Taulers  ist  die  Ähnlichkeit  nicht  ulibedeutend.  Es  wird  daher 
geraten  sein,  die  Frage  in  suspenso  zu  lassen,  zumal  auch  eine  hand- 
schriftliche Bezeugung  für  Sense  fehlt ^).  Diepenbrock^  604 — 9 
hat  nach  Tauler  1543 f.  141^-42'^  (Frankfurter  Ausg.  IT,  209 f.) 
als  Nr,  V  eine  weitere  Predigt  , Lazarus  mendicnns*  auf  den  ersten 
Sonntag  nach  Trinita tis;  dieselbe  ist  aber  ofenbar  unecht,  da  sie 
sich  im  ersten  Teil  als  ein  Auszug  aus  Kap.  6  des  Bdew  (219,13 
bis  222,17)  und  im  zweiten  als  Bearbeitung  des  Briefes  II  (Regnum 
mundi)  aus  dem  GrBfb  erweist'^.  Eine  sechste  Predigt:  ,Ego  sum 
pastor  bonus^  auf  den  zweiten  Sonntag  nach  Ostern,  bei  Tauler  f. 
gS^^gcjra  (t^ankf  Ausg.  II,  51  ff.;  vgl.  Diep.'  597  Anm.  1),  kann 
ebenfalls  auf  Echtheit  schwerlich  Anspruch  erheben,  da  sie  nur  eine 
Überarbeitung  des  siebten  Briefes  aus  detn  Kl  Bfb  ist,  mit  Hinzu^ 
filgung  einer  Einleitung^ 

*)  Denifle,  Tauhrs  Bikehrany  .76*  meint,  die  zweite  Predigt  sei  nach 
Stil  und  Inhalt  Tauleriachi  auch  weise  die  folgende  Predigt  fEgo  vox  clamantit^ 
(1543 J\  :i3^*)  auf  die  V redigt  Miserunt  zurück.  Oh  aber  die^e  Verweisung  alt 
ist?  Die  Einleitungen  mancher  Taulerpredigten  sind  int^mliert  oder  iklter- 
haupt  erst  später  gefertigt. 

*)  Nicht  ausgeschlossen  ist  jedoch,  dass  ein  in  der  Mitte  stehendes  Hein 
Brucfistück  unhekanntvr  Herkunft,  schwungvoll  und  durchweg  gereimt,  auf 
zurückgeht.    Ich  lasse  es  daher  hier  abdrucken  (Tauler  f  141^):  Danimb,  liebe: 
kinder,  verlaHsct  die   weit  blosz,   dan   sie   ist  so  gar  triiwelosz:  ir  wollust  ia 
uurcini^keit,   ir  rat  ist   hoi^'art  und   goitzi^keit,   ir   dienst  ist  süesz,  ir  Ion  is 
kranck,   ir  blnm   ist  schon,   ir  f nicht  ist  stanck,   ir  Sicherheit  ist  Yerratoiig,  i 
hiilf  ist  ver^^ifftuni?,  ir  verheischen  ist  liegen,    ir  halten  ist  triegen.    Fttr  freu 
«nbt  sie  reüw,  schände  für  erc,   falschhcit  für  treüw,   für  reicheit  gibt  sie  gros; 
anuut,  für  owi^  loben  den  ewijrcu  todt,  dann  wer  in  diser  zeit  erkuist  lust  der 
weit,   da   er   <<:ot   mit    vcriuist,   wenn   es   dann   komt  ans  scheiden,  so  mfisz 
derben  alle(r)  beiden.    Kr  i^edenkt  nicht,  wie  lüstig  es  da  sein  mag,  da  tansen 
jar  ist  ein  ta^;   bei  das   es   ist  zu  seiniV),  alda(r)  da  eine  nacht  ist  tauscDt  j 
und  ninimrr  sol  werden  niorjJ:en,  vor  diser  nacht  stet  uns  wol  zö  sorgen. 

•*)    Hier  einige  weitere  ]\'oti::rn  über  verschiedene  Predigten,  die  schon  für^ 
Sense  in  Ans^truch  genommen    worden    sind.     Xicht  Seuses  Stil  zeigt   eine   he^- 
Jostes  a.  a.  (K  V)'i — 6'  aus  einer  Fr*  ihurger  (Schweiz)  Hs,  publizierte  Predigte 
romedite   amici  .  .  habcrit  hochzit   und   Wirtschaft  .  .  (dieselbe  in  Sudermann^ 
Abschrift  in  Jtcrh'n,  Ms.  germ.  guarto  :i44  Bl.  ^i.s — :^J;  nach  einer  Notiz  ebd^ 
in  seintr  ,lIartnonia^  f.  97^'  grdrucktt.  dir  d*r  Herausgeber  mit  Reserve  ihm  gu- 


Verkebr  mit  anderen  Myitikem.     Etibeth  Sta^  123* 

VI.  Verkehr  mit  anderen  Myatikeru.     Rlsbeth  Stagel. 

Mir   werden   amumhmen   haben,    dtins  Sense   mit   einer  Reihe 
seilgenÜsHscher  Mystiker,  die  fast  alle  seitiem  Orden  atiffehorlen,  be- 
gannt und   befreundet   war.     Auisaer  Eckhart   ist  aber  nur   einer  in 
Jt^inen  Schriften  mit  Namen  genannt:  der  ,heiliye  Bruder'  Johannen 
der  Fuotcrer^)  von  Strassbunj  (23,1.  13 ff.),  der  1325  als  Mii- 
ylicti  des  Basler  Predigerkonvents  nachgewiesen  ist  und  aus  nw/esehener 
S/tß-rtssburger  Familie  stammt;  geitauere»   über  ihn  wissen  wir  nicht, 
"»««'   von  seinen  Predigten  sind  mtr  •  unbedeutende  Sprüche   rrhalUn, 
ti*e    »Ott  seiner  Bedeutung  keine  Vorstellung  geben  (vgl.  Anm.  zu  23,1). 
^^r-fts  Sense   auch   mit  Tauler   befreundet   war   und  dass  sich  ihre 
■^^^tnsirrge  mehr  als  einmal  kreuzten,  ist  so  gut  wie  sicher.     HoAr- 
»c^cinlich   hatten  sie  einander   schon   beim  StuJium  in  Köln   kennen 


''^••'«■»t  »ffcAf.  —  Dir  Frediijt  Audi  tilia  . .  Ii&r  tohter  min  . ,  Tn  den  heiligen 

"*t^:ft4gen  naoh  metten  . .    (dir  Anfang  aus  einer  Maine»  Ue.  von  F.  W,  E. 

^i  o   th  in   Germania   ibSS,  WOf.gtdruekt,  vgl,  auch  Iltnifle,  Luther  P,  30!f, 

•^*^S  ,-  diffftht  Predigt  kUM  in  zini  Nürnberger  Um.  :   Cml.  VI,  4I>*  Ptrg.  14.  Jh. : 

^«■»»l.    VII.   20  Pap.   16.  Jh.;    identisch    ist  damit   wohl   die   bei   Bor<:hling, 

■'-      Reisebericht   lOOff.  316   ciUerti  I^rrdii/I   einer  Himhurgir  Bk.:   eine  Predigt 

*»•       Virsen  über  denntlhen  T'xt   in  Sesitee   Hoths,  vgl.  Germania  lä9S,  385) 

*■  i**nert  in  ihrtm  sehwungvulleH  Eingang  mit  der  prUehligin  Naiurtehildtrung 

**Ä»-  an  Sense,  ist  abxr  in  dar  t'orUetgung,  dit  vom  Klnxtrrlrben  bandelt,  iitaenl- 

'•cA   HHchtemei:  -  Pr$grr  I,  217:    ij,  2Sff.  w«/  in  dtn   Traktaten    V^VII 

'*«•      Pfeiffer,  Mystiker  I,  301f.  Seuses  Art  ßndrti:  Strauch  in  Afda  IX. 

'  ***  Jf.  sehreibt  sit  aber  nach  genauerer  »praehlichrr  Vergltiel»*ng  wie  der  lieraua- 

Or-t^^ff  „,1  Itfcht  David  von  Augghurg  tu.  —  Die  .Pridigt  unsertr  liehen  Frtrn 

•**     JSntdtr  Htinrich»  Person  auf  dem  Hofe  zu  Ki'iln',  leelche  in  sehr  vielen  Hss. 

»'«»*-<("«»(   igediruekt   in  Pfeiffers  Germanin  IJI,  343),   ist  nicht,   tri>   e.  B.  bei 

^*^  aciernagel,  Altdlach.  Pred.  Si7  angenommen  wtrrf,  eon  A'raiie,  simdern 

■***»•   Heinrieh   van    Löwm.    vgl.    Prager   II,   131;    Strauch    in    Alemannia 

■^  ->CJ,  «f.   —    Übifr   iwei    Prediglfragmentr   in    der   8t.  GaUtr  Ha.  $70   s.  obm 

***'-       J3*.  —   Ca.  Th.  Murr,    MfmarabiUa    bibUoth.  puhl.  Norim(.erg.   II  (1768) 

'^^^noHert  nittr  Hs.  der  XOrnbrrgrr  filadlbibliolhek  (aux  der  BibUoth.  Ebneriana, 

•'"'*"***«»■  tmhugitnal  K.  67  Pti}/.  4°,  rnthaltnid  .Conciimes  de  tempore,  de  sanetis 

"^     ^uadragtsimale  tlenriri  •Susonts  0.  PrJ.    Die  Angabe  dürfte  irohl  auf  einer 

^'vrehslung  beruhtn :  die  Ha.  seihet  ist  in  der  Nürnberger  StadtbibUoihek  niehl 

^^^r  jtl  Jindm.     rbrigtns   bemerkt    auch    }(.  Braun   in   seiner  Ausgabe   des 

■f^r  1734,  LI,   fJoltfr.   Olearius  verteichae  in  seiner  BiU.  Scripl.  ecelesiast.  I, 

^^^^  Strmttnea  dt  tempore,  de  tanctie  et  qitadragraimalr  van  Suso,   wid  er  fügt 

••»«,  von  diesen  Predigten   befinden  sieh  nrri  Hss.  aus  dem  14.  Jh.  mit  be- 

^^^cliiliehrn  Fragmenten  in  der   Imbofschen  und  Thomaasinschen  Bibliothek  :u 

^^-ünherg. 

t)  Denifle  36,336  holte  Um  anfangt,  von  K.  Srhmidt  verleitet.   Tucrer 
^«nOHnt,  aber  die  sichere  Leeart  ist  f^tottrtr. 


M 


124*  Einleitung.    II.    Seusea  Leben  und  Werke. 

gelernt '),  und  wenn  Sense  ,n(tch  seiner  Gewohnheit^  öfters  nach  Stras»- 
bürg  fuhr  (81,6),  so  tvird  er  dort  wohl  auch  mit  Tauler  zusammen- 
getroffen sein.     Das  Hör.  Sciises  besass  Tauler,   tvie  schon  enoähnt 
(S.  l(}7*f.),  bereits  wenige  Jahre  nach  seiner  Abfassung.    Freund  un^ 
Gesinnungsgenosse  unseres  Mystikers  war  auch  Heinrich  von  Nord- 
lingen,  der  geistliche  Berater  der  Margareta  Ebner,  von 
Verhältnis  zu  Sense  spater  noch  die  Red^  sein  wird.    Als  Charakte\ 
wie  an  GeiH   und  allseitiger  Bildung  steht  Heinrich  nicht  so  ho€> 
wie   Seuse,    er    war    eine    allzu    weiche    und   etwas    oberflächlich 
Natur  ^). 

Die  folgenreichste  Bekanntschaft,  die  Seuse  in  deti  Jahren  sein 
seelsorgerlichen  Tätigkeit  machte^  war  die  mit  der  begabten,  ihm  kot 
genialen    Dominikanerin    Elsbeth   Stagel^   zu    Töss,   die   bis. 
wiederholt   schon    zu    erwähnen    war.      Wahrscheinlich    trat  er  u 
1336/7  mit  ihr  in  Verkehr,  denn  damals  lagen  seine  Stengen 
ungen  schon  einige  Zeit  hinter  ihm  (vgl.  I(y7,19f,),    Elsbeth  stamm 
aus  altem,   angesehenem  Züricher  Geschlecht^).     Sie  war  noch  ei 


')    Vgl  Vre 9 er  III,  93 ff. 

-)  Strauch,  M.  Ebner  L XXI ff.  Die  Offenbarung  der  Chrietina 
über  einen  gewistfen  Heinrich,   dessen  Name  mit  dem  Taulers  in  den  H4\ 
geschrieben  sei  (Lochner  34),  besieht  sich  sicher  auf  Heinrich  von  NördUng< 
nicht  auf  Heinrich  Seuse;   vgl.   iSt rauch  a.  a,  0.  LX;  Denifle, 
Bekehrung  ^6  ff.     Der  Irrtum  findet  sich  auch  in   der    Vorrede  zur 
ausgäbe  von  1543,  die  wohl  von  Canisius  stammt  (s.  u.  C  V). 

^)   Vgl.  Anm.  zu  96,7   and  ausser  der  dort   zitierten  Literatur  Preg 
Briefe  löff.;  Schiller  a.  a.  0.  11  f.   Bei  Murer  heisst  sie  SteigUn  tmd 
lein,  bei  Steill  und  Zittard  Steiglehi  und  Steiglin.  Ausser  dem,  Ufas  S&ue 
Elsbeth   berichtet,   wissen  wir  so  gut  wie  nichts  von   ihr.    J.  Meyer  hat 
Tösser  Viten  in  der  Nürnberger  Hs.  Cent   V,  10  ein  Lebensbild  der  Stagel 
ausgeschickt  (gedruckt  bei  Vetter  3 — 11)^   bringt   darin  aber  durchaus 
neue  selbständige  Nachricht. 

*)  Das  Geschlecht  der  Stagel  (weibliche  Fom^:  Staglin;  ^tiag^  bedi 
wohl  Steinbock,   das  Wappen  des  Geschlechtes  führte  den  Kopf  tines  Boleh 
vgl.   Vetter,    Mystikerpaar  10,52)   erscheint  seit   dem  13,  Jh,  häufig  in 
künden  (vgl,  Züricher  ÜB  III— V  passim)  und  wiederholt  auch  m  Verhind\ 
mit  den  Klöstern  Töss  und  Ötenbach  (vgl.  die  Angaben  bei  Vetter  a.  eu  0. 
and  erlosch   im   15,  Jh.    Elsheths   Eltern    und  Brüder  sind,  wie  schon 
S.  11*  f.  erwähnt,  in  einem  wahrscheinlich  von  ihr  selbst  gemachten  Eintrag 
einer  Engelberger,  früher   Tössei'  lls.   des  Bdew  dem   GedäcIUnis   empfd 
Der    Vater  liudolf,   am  lUndvrmarkt   wohnend,  liatsherr,   empfing   1S23 
Herzog  Leopold   von  Österreich    die  Fleischbank  in  Zürich  mu  Lehen  für 
und  seine  Nachkommen  gegen   10   Ü  9  seh.  jährlichen   Zinses,  vgL   Züric 
Stadtbücher  des  14.  und  15,  Jh,,  hrsg,  von   Z eller-W erdmüller  I 


^unge  ungeübte  Schwester'  (98,9  f.),  als  «>  sich  hochgemuten  Geisten 
in  die  Theosophie  Ec-kharU  vertiefte  (97, log.  99,10  ff.),  lln  fh- 
aick  darin  nicht  zurechtfand,  schrieb  sie  an  Seitse,  den  sie  wohl  bei 
einem  Besuche  in  Toss  kennen  gelernt  hatte,  und  bat  um  Aufkläruntj; 
er  erklärte  sick  auf  ihre  Bitte  bereit,  ihr  geistlicher  Fährer  zu 
t^crden  (98,1 — 101,28).  Es  entwickelte  sich  nunmehr  zwischen  den 
f>c*den  gleichgeainnten  Seelen  ein  edles  Freundschaftsverhältnis,  dos 
tft^rch  iciederholU  Besuche  Seuses  in  Töss  (109,31.  394,2.  13  f.) 
»»W  durch  lebhafte  Korrespondenz  (97,19.  98,1.  31.  99,1.  10.  100,12. 
U*l,4.  107,1.7.18.  109,3 f.  114,10. 17. 130,28.  155,20.  194,10.  393,8; 
ryi.  oben  S.  118'),  gelegentlich  auch  durch  Übersendung  von  kleinen 
G!  «schenken  (vgl.  107,1.  368,28.  443,19  ff.)  genährt  wurde  und  bis  zu 
Eisbeths  Tod,  der  wohl  um  13ß0'),  oder  schon  etwas  früher  amu- 
■^^tssen  ist,  dauerte,  Seuse  entwirft  im  swetten  Teil  seiner  Vita  ein 
"nsiehendes  BiUt  von  der  Persönlichkeit  seiner  geistlichen  Tochter. 
S«e  hatte  nach  ihm  einen  ,heUigen  Wandel  von  aussen  und  ein 
^y*fftische8  Oetnät  von  innen'  (96,8  f.)  und  ,uiohnte  als  ein  Spiegel 
"i/e*-  Tugenden  unier  den  Schwestern'  (97,1).  Mit  aller  Entuchieden- 
Äe/f  wandte  sie  sich  der  asketischen  und  mystischen  Bichtung  su  und 
****cÄfe  in  allem  ihren  geistlichen  Vater,  an  dem  sie  mit  unbegrenzter, 
^i'itveise  ans  Schwärmerische  streifender  (vgl.  394,2ff.)  Verehrunt/ 
*»nSf,  nachzuahmen.  In  der  harten  Schule  des  Lebens  gereift  warnte 
*»*  w'e  aber  ebenso  vor  den  Gefahren  übermässiger  Spekulation  wie 
"or-  indiskreter  Kasteiuny  und  wies  sie  auf  den  Weg  der  Nachfolge 
^'^9-isti  durch  Demut,  Busse  und  Selbstverleugnung  (98,1  ff.  107,7  ff.). 
"»•sf  nachdem  die  gelehrige  Schülerin  sich  in  den  Elementen  des  geist- 
'«c^«n  Lebens  genugsam  geübt  hatte,  hielt  er  es  an  der  Zeit,  sie  in 
**»*«  theoretische  Mystik  einzuführen,  damit  sie  sich  ,wie  ein  junger 
^^Üer  mit  den  wohlgewachsenen  Fittichen  der  obersten  Kräfte  ihrer 
*^*«fo  in  die  Höhe  des  beschaulichen  Adels"  erschwinge  (156,3 ff,). 
"*<(i  Knp.  46 — 53  enthatten  im  wesentlichen  die  Untenveisungen, 
**i^    er  ihr  darüber  gab. 

Eb-beth  war  geistig  sehr  regsam  und  wie  manche  Dominikamr- 
''^^»■iHen  hochgebildet  —  sie  verstand  Latein  und  übersetzte  die  ihr  von 


'~y*  A.  I.  Auch  ihre  Brädrr  Friedrich,  OUo  und  Rudolf  und  andfrr  Glieder 
^^^  GiicItUvhlta  (Johann,  Heinrich,  Frier)  sind  im  14.  Jh.  meäerholt  beteugl 
***S»l.  Vttter  a.  a.  0.:  Zäriehtr  StadtbÜchtr  I  und  II  [».  Heffielerl). 

')  So  Murcr  345:  Bucelinim  3D9.    Pregrr,  Brie/r  19:  Mystik  H, 
'^*"*  kommt  von  unriehtiijm  ^''>rauesftrung^n  aus  auf  drn  Anfang  dtr  fiinfdgn- 
**ifr,  vgl.  dngegnt    feiler,   MyaHkfrpanr  ."ia. 


126*  Einleitung.   IL    Seuses  Jjeben  und  Werke. 

Seuse  'übersandten  lateinischen  Sprüche  in  deutsche  Verse  (H97,5ff.)  — 
und  hatte  auch  lebhaftes  literarisches  Interesse.  Sie  zeigte  dies  nicht  bloss 
als  eifrige  Sammlerin  und  Äbschreiberin  asketischer  und  mystischer 
Traktate  (96,18  ff,)  und  als  verständnisvolle  Gehilfin  Seuses  ,bei  Voll- 
bringung* seiner  Büchlein  (109,7),  ihr  Vo'dienst  ist  auch,  wie  schon 
erwähnt,  die  Sammlung  seiner  Briefe,  und  auf  sie  geht  die  Idee 
und  der  Kern  seiner  Biographie  zurück.  Wenn  er  nämlich  zu  ihr 
zu  Besuch  kam,  so  tcusste  sie  ihm  mit  weiblicher  Klugheit  die  Ge- 
schichte seines  geistlichen  Lebens  zu  entlocken;  was  sie  durch  solch 
,gbttliches  Kosen*  (llii,23)  von  ihm  erfuhr,  schrieb  sie  heimlich  auf, 
bis  er  eines  Tages  des  ,geistlichen  Diebstahls^  inne  ward,  die  Aus- 
folgung der  Aufzeichnungen  verlangte  und  d<is  Erhaltene  verbrannte. 
Als  er  des  anderen  Teiles  der  Aufzeichnungen,  den  Elsbeth  eermutlich  «^^ 
zur  Aufbewahrung  anderswohin  gesandt  hatte  (vgl,  113,24 ff.),  auch^^.-^h 
habhaft  wurde  und  ihm  dasselbe  Schicksal  bereiten  wollte,  wurde 
,durcfi  himmlische  Botschaft  von  Gotf  verhindert  (7,9 — 8,2), 
Jahre  lagen  die  Memoiren  bei  ihm  verschlossen,  bis  er  sie  mchi  w^,ht 
lange  vor  seinem  Tode  überarheitetCf  ergänzte  und  als  erstes  Buc^^ii^ch 
des  Exemplars  der  Öffentlichkeit  übergab. 

Ausser  den  genannten  literarischen  Werken  ist  von  Elsbeth- ^^hs 
Hand  noch  eine  Originalarbeit,  eine  Sammlung  mystischer  Lebern 
bilder  am  Töss,  erhalten,  die  Seuse  in  seiner  Vita  (07,1  ff.)  rühmenm^ 
hervorhebt.  Wir  haben  darin  wohl  die  erste  schriftstellerische  Leisiun^^^^  ng 
der  Stagel  zu  sehen,  die  vielleicht  schon  vor  ihrem  Bekanntwerde '^^^^n 
mit  Seuse  begonnen  wurde  ^).  Das  Werk  —  es  ist  erst  1906  90^=>  ^on 
F.    Vetter  vollständig  herausgegeben  worden,  vgl.  Anm.  zu  90,7  — 


enthält  ungefähr  40  Lebensbilder  von  nteist  verstorbenen  Schwester '^^^sern 
seit   Gründung   des  Klosters  (1233 )  bis  gegen   1340,   und  ist  ter^  s^eib 


')  Ah(/e8chlossen  aber  icurde  fiie  trohl  erst  spifter,  denn  es  scheinen  su'^  ^^^steh 
in  den  Vifen  einige  Reminiszenzen  an  Seuses  Schriften  au  finden  (Atrfar:m^'^<i^ 
der  Viten:  Estote  perfecti  etc.  (Mt.  5,48),  wie  heim  X,  resp,  XXII  Brr^^^^ri^ 
SeuseSj  der  wohl  an  Ehheth  (jerichtei  s*'in  kann;  Viten  ÖJ^f29  besBCS  füstätf^^^töch 
vielleicht  von  Cr  Bfh  44.%UJK  heinjltisst ;  Viten  67, LU  f.  der  Ztreck  der  Sammlu^^^l»^^ 
nhnlich  wie  in  Seuses  Bdew  334,3 ff.  anr/erf eben).  Die  Ausführungen  P reg iim^  ^^  ""'j 
Briefe  lUf.  ühr  dif  Ahfnssunyszeit  der  Sammlung  (ca.  1340)  mögen  im^  ^^' 
sffchlich    das  lUchtitje  treffen,  wtnn  auch  seine   Voraussetzungen  Mum  Teil  b.*  *"•' 

richtig  sind.    Oh  die  Lttjendf  der  Prinzessin  Elsheth  von  Ungarn  {bei  Vett'^       ^^^ 
yfi — 12(J),  die  nach  dan  von  J.  Meyer   iviedci'gegebenen  Epitaph   (ebd,  121)  •  ^*» 

31.  Okt.  1330  nach  :}sj (ihrigem  Khisf erlchen  starb  (die  chronologischen  Angäl^^  '^^e/i 
scheinen    aber   nicht   (janz  uhrriin zustimmen),    ebenfalls  con  der  Stagel  verj 
ist,  hlsst  sich  nicht  sivhn-  .sagen,  vß.  Vetter  a.  a.  (K  XVIII f 


Die  Jabre  des  Exils  (ia^&-46).    Seuüe  kls  Prior. 


127- 


niJch  eigenen  Wahrnehmungen  Ehbeths,  teils  nach  mündlichen  und 
schriftlichen  Berichten  anderer  nbgefasst;  unter  den  gleichartigen  Pro- 
dukten zeichnet  ea  sich  durch  gewandtere  Darstellung  und  tiefere  Äuf- 
fmsang  aus  und  gibt  ein  auachauliches  Bild  von  dem  hachetUwickelten 
religiösen  Leben  jenes  Klosters.  „  Wir  finden  in  diesen  Schilderungen 
jugendliche  Gestalten  coli  frischauf  knospender  (i  ottestninne ,  lernen 
eine  Beihe  adeliger  Witwen  kennen  mit  den  oft  ergreifenden  Er- 
fahrungen ihres  Vorlebens.  Wir  vernehmai  lon  den  hohen  Eigen- 
schaften einer  Anna  von  KUngnaa  und  einer  Jützi  Schultkess,  Don 
d*n  besonderen  Tugenden  einer  Beli  von  Liebenberg,  von  der  chor- 
und  prediyteifrigen  Oultu  von  Schönenberg  und  Mnrgnreta  Fink,  die 
wie  ein  irdischer  Lngtl  unter  den  Schwestern  wandelte.  Wir  wandern 
mit  den  Schwestern  ins  ,  Werkhaus',  wo  sie  ihren  Flachs  spannen 
und  dabei  fröhliche  Lieder  sangen,  ins  Schreibzimmer,  wo  unter  Leitung 
eines  Suso  viele  Schwestern  fieissig  waren,  Bücher  abzuschreiben  oder 
selbst  abzufassen,  in  den  Chor,  wo  Schwester  Metzl  von  Klingenberg 
die  Mes^gemmje  mit  herrlicher  Stimme  und  tiefer  B&hrung  sang,  ins 
,Siechhaus'  mit  seitieni  erfinderischen  Reichtum  an  Liebeswerken.  Das 
rührendste  und  ergreifendste  BUd  deutscher  Mgstik  zu  Töss,  lieblich 
wie  ein  junger  Maienmorgen,  fleckenlos  wie  eine  Lilie,  aber  ist  Elsbet/i 
1      Ron  Ungarn,  das  von  seiner  Stiefmutier  ins  Kloster  gestossetie  Königs- 

I 


rll.  Die  Jtihre  des  Kxils  (1339—46).     Seuse  als  Prior. 


Jtis  Ende  des  Jahres  1338  wnr  Seuse,  von  seinen  Pastorations- 
Missionsfahrten  abgesehen,  in  Konstanz  geblieben.  Aber  nun 
kamen  unruhige  Zeilen  infolge  des  schärferen  Vorgehens  Ludwigs  das 
Bayern  ■).  Die  Erklärung  der  Unabhängigkeit  des  deutschen  König- 
tums vom  Papste  durch  den  Kurverein  zu  Sense  (W.  Juli  1338) 
stärkte  Ludwigs  Stellung  bedeutend,  so  diiss  er  es  wagen  konnte,  a^f 
dem  Reichstag  zu  Frankfurt  (6.  August  1838}  die  päjistlichen  An- 
»präcAe  auj'  Übertragung  der  kaiserlichen  Gewalt  zurückzuweisen  und 
zugleich  die  fernere  Nichtbeachtung  der  Exkommunikation  und  des 
Interdikts,  sowie  die  allgemeine  Wiederaufnahme  des  ÖffenÜicheu 
Gottesdienstes   bei   strenger   Strafe   zu   befehlen.      Die   Bürgerschaß 


If 


')  H.  Kirtke,  Genrliti-he  und  klrrika!r  GfgekirhUauffassung.  Eint  Änl- 
«m  K.  Lampricht  3897.  17:  vgl.  auch   Hi>t.-poI.  Sl.  16GS  I,  3S. 

»)  Vgl  tutn  folffnidn,  K.Mallfa.  n.  O.  II  i  ItitH')  76ff.:  Asfm.f.in 
0.  142  f. 


128*  Einleitung,   ü.    Seusca  Leben  und  Werke. 

zahlreicher   Reichsstädte  unterstützte   sein    Vorgehen   tatkräftig.     In 
Konstanz  wi^rde  der  Geistlichkeit  bis  Oktav  von  Epiphanie  (IS,  Januar) 
1339  Frist  zur  Wiederabhaltung  des  Gottesdienstes  gewährt;  sie  gab 
dann  auch  zum  grössten  Teil  gegen  den  Willeti  des  Bischofs  d^m  Drucke 
der  Bürgerschaft  na-ch.     Über  die  Schicksale  des  dortigen  Prediger- 
klosters  sind  wir  durch  den  Chronisten  Heinrich  von  Diessenhofen  ^), 
der  als  Domherr  zu  Konstanz  die  Ereignisse  miterlebte,  genau  unter- 
richtet    Die  Konstanzer  Dominikatier  fO^gteti  sich,   vofi   vieren  ab- 
gesehen, tvelche,   dem  Prior  ungehorsam,  ^profanierten' ,   dsm  Gebote 
des  Rates   nicht   und  mussten  daher  die  Stadt  auf  zehn  Jahre  ver- 
lassen; acht  derselben  fanden  in  Diessenhofen  unweit  Konstanz,  iroA/T 
b3i  den   befreundeten    Dominikanerinnen   zu   Katharinental  (s.  obet 
S,  114*),  die  übrigen  ausserhalb  der  Stadt  im  SchottenUoster  ein  Unter- 
kommen.   Die  Diessenhofer  Verbannten  führte  der  neugewählte  Bischoj 
Nikolaus  Pf ef erhart  (1346 — 51)  am  25,  April  1346  bei  seinem  feier--^ -ma- 
nchen Einzug   in   die  Stadt  mit  zurück,   und  sie  durften   in  ihreft^r^.  ?m 
fnselkloster  unbehelligt   bleiben,   obwohl  sie   das  Interdikt  weiter  be^^  be- 
obachteten  und  bei  verschlossenen    Türen   zelebriertest,   ivährend  dim^^^Sdie 
vier  genannten   ,schismaiischen'  Brüder   weiter  öffentlich  die   Hess-- 
sangen.    Doch  scheinen  sich  die  papsttreuen  Dominikatier  wegen  diese 
unerträglichen  SpalUmg  nach  einiger  Zeit  zu   den  Brüdern,    welch^^  -he 
im  Schottenkloster  waren,  zurückgezogen  zu  haben.     Am  15.  Janua'^:^  s^r 
1349   kehrten   sämtliche  Prediger  mich   zehnjähriger  Abu^esenheit  i^       'W 
ihr  Kloster  zurück.    Doch  dauerte  daselbst  die  Spaltung  des  Konvenm  S'^nts 
immer  noch  fort,  bis  am  4.  April  1349  die  Bürgerschaft  von  KofUftatm^^-^^nz 
auf  ihr  Ansuchen  com  Bischof  Absolution  empfing  und  das  Interdi^'^^ikt 
aufgehoben  wurde. 

Welches  in  diesen  wirren  Zeiten  Seuses  Schicksal  war,  eniziei^T^'^^f^^ 
sich  zum  grössten  Teile  unserer  Kenntnis.  Als  entschiedener  Gegn^  *^^f^^' 
des  Kaisers  war  er  natürlich  auch  unter  den  V^erbannten.  Aus  eine^^  ^^tew 
Briefe  Heinrichs  von  Nijrdlingen^)  erfahren  wir,  dass  dieser, 
er  am  21.  Dezember  1338  nach  Konstanz  kam,  Seuse  nicht  me^, 
dort  antraf.  Vielleicht  war  derselbe  einstweilen  ausgezogen,  um  fT 
seine  Mitbrüder  ein  Obdach  zu  suchen  ^.  Ob  er  sich  die  folgern 
Jahre    unter  den  acht  Brüdern  in   Diessenhofen   oder   bei  der 


^)  livi  Böhmrr,   Fontes  I  \\    W  ff.   3u,   60,  63,  66,  71.     Vgl.  die 
Stillung  bei  K.  Müller  n.  n.  O,  II,  lf4,  99 ff.  231,  24^f,:  Pflugh-Harttw         V 
a,a.  0,186 ff.:  A,  Hauher  in  Wtfr/f.  Vierttlinhrsh,/.  Landeageach,  1906,  31T ^^/l 

')  Bvi  Strnueh,  M,  Khnn-  XXXI.  :?1:  ryLehd.S.356f. 

■'j  So  dit  fin.sprrchnidt    Vmnufunt/  Preyers,    Vorarheifen  Slf. 


J 


Die  Jahre  des  Ezila  (18S0— 4e).    Seuie  ab  Prior. 


129* 


derer,  f/iV  im  SchottenMosUr  sieh  lej'nnden,  aufhielt,  UUst  aich  nicht 
ncher  entscheiden ').  Viel/eicht  spricht  für  ersterc  Annnhnie  die  Tul- 
»tche,  dans  er  nach  der  Erzählung  der  Vitn  (145,14  ff.)  in  jenen 
Jakrrn  —  es  mtiss  wetfen  der  d^ibei  eripähtiteu  Teuerung  l'M'^  oder 
1344  gewesen  sein,  vgl.  Anm.  zu  145,14  —  zum  Prior  gewählt 
vurilt.  Über  die  Führung  diesem  Amtfif  erjtihren  wir  nur,  dass  die 
Brüder  »ich  in  d*r  Erwartutig  nicht  täuschten,  die  sie  in  jener 
ifcAmren  Zeit  iiuf  ihn  geseist  hntten:  trotz  seiner  offenkundigen 
Geathüftsunkenntnis  (140,5  f.)  wm-  auch  das  Zeitliche  unter  ihm  gut 
l^sorgt,  sodass  er  sogrir  nlle  Schulden  des  Klosters  nbheziihlen  konntt 
n46,ißf.). 

Wenn  Seuse  sich  zur  Zeil  des  Exils  in  Diessenhofen  aufhielt, 
»o  isi  er  wohl  auch  l'-i46  mit  den  iihrigen  Brüdern  nnch  Konstanz 
^ftrüdcgekrhrt.  Konstum  ist  wenigstens  allem  Anschein  nach  der 
ScAauplats  jener  furchtl/nren  Heimsuchung,  die  durch  Verleumdung 
tines  schlechten  Weibes  wohl  im  Jahre  1347 ''■)  Über  ihn  kam.  Bis 
in  die  weite  Ferne,  wohin  voi'her  seine  ^romehnte  Heiligkeit'  (lSO,0f.) 
""schoiien  war,  wurde  die  leide  Märe  getragen  und  sein  guter  Ruf 
iugrunde  gerichtet;  selbst  seine  besten  Freunde  wandten  sich  von  ihm 
"i,  unter  ihnen  sehr  wahrscheinlich  bei  dieser  Gelegenheit  auch 
ottnrich  von  Nöi-dlingen  (rgl.  Anm.  zu  124,15),  Soeh  dauerte  das 
•«iffeheure  Wetter  des  Leidens'  {130,1)  fort,  als  man  Siuse,  wohl 
""'  JRücksicht  auf  die  Ehre  des  Ordens,  in  ein  anderes  Kloster  ver- 
'tlzte..  Möglicherweise  ist  er  mit  dem  durch  das  Oenerulkapitel  von 
hon  134S*)  abgesetzten  Konstanzer  Prior  identisch.  Wie  er  erzählt 
'^'^(i,13f.J,  war  er  bereits  ,anderswo  trohnend',  als  der  ürdensgeneral 
""<'  der  Proüineifü  von  Teutonia  miteinander  in  die  Stadt  kamen, 
"">  Stuse  verleumdet  worden  war,  und  die  Angelegetiheit  untersuchten, 
^"türtich  stellte  sich  Seuses  Unschuld  heraus  (vgl.  oben  S.  33* f.). 
^"»  Generalkapitel  des  Dominikanerordens  fand  nun  in  der  ganzen 
'^eit  von  1330 — 1370  in  Konstanz  nicht  statt.  Es  muss  sich  also  um 
""  ausserordentliches  Kommen  des  Generalmeisters,  öder,  was  wahr- 
"^'»tlicher,  um  das  Provimiatkapitel  gehandelt  haben,  das  1354  in 

'I  Prrgvr,  Vorartieittn  134;  Mystik  11,364,368  nimmt  lu  euvfrsiehlUeh 
^  «rrt»-r  an.  Aun  drr  Eriahluttg  Vita  I-iGßff.  —  drr  Chorltnv  war  am 
"■■•»X  Morgen  sthr  rateh  cur  Hand  ~~  könnte  man  virüricht  auf  KOHstane 
•••  -^Mfeathalleort  »chUfMtit.  ' 

*i   Vgl,  Prnjrr,   Vorarhrilrn  !35f.     Dn»  Datum  int  aus  dfwi  ijleich  m 
r»  Brief  Hrinrieha  von  Ni^jUingm  eu  i-rschliessrn. 
MOPÜ  IV,  324. 


130*  Pjinleituiig.    II.    Seuses  Lcbeu  nnd  Werke. 

Ko7istanz  tagte  *),  und  bei  dem  sich  ausnahmsweise  auch  der  oberste 
Leiter  des  Ordens  einfand.  Durch  die  furchtbare  Pest,  die  von 
1348 — 1350  wütete  '^),  mochte  die  Sache  in  den  Hintergrund  gedrängt 
worden  sein;  hei  dem  Kapitel  von  1354  bot  sich  aber  Gelegenheit, 
darauf  zurückzukommen.  Damals  trat  eben  der  Provinzial  Johann 
von  Zweienbergen  von  seinem  Amte  zurück  und  Seuses  Gönner 
Bartholofmlus  von  Bolsenheim  übernahm  die  Leitung  der  Provinz 
Teutonia-^).     Ordensgeneral  war  1352 — 67  Simon  de  Lifigonis*), 


C   Seuse  in  Ulm  (ca.  1348 — 1366),  sein  Tod 
und  Nachruhm.   Übersetzungen  und  Ausgaben 

seiner  Werke. 

I.  Seuses  Wirksamkeit  in  Ulm. 

Wir  wissen  nicht,  ob  Seuse,  als  er  um  das  Jahr  1348  roc 
Konstanz  versetzt  wurde,  gleich  nach  Ulm  übersiedelte;  doch  ist  dies 
wahrscheinlich ").  Im  Anfang  des  Jahres  1348  hatte  der  dortigm 
Predigerkonvent,  der  ebenfalls  wegen  Beobachtung  des  Interdikts  133^ 
vertrieben  worden  war^),  nach  Ulm  zurückkehren  können'^),  hbrigev^ 
zeigt  die  Erzählung  in  Kap,  25  der  Vita,  wornach  Seuse  zur  Zeit  dm 
schwarzen  Todes  in  einem  Dorfe  am  Rhein  beinahe  dem  unheimliche. 
Verdacht  d^^r  Brunnenvergiftung  zum  Opfer  gefallen  wäre,    dass  tm 

*)    Vgl,  die  Listf  Joh.  Meyers  (s.  oben  S»  93*  A,  5.). 

•j  Die  Jffhen  Todesftllle^  welche  1Uiij23ff,  erwähnt  werden^   mogm   dnm^ 
im  Zusammmhang  stehen.  . 

^)    Vgl,  Jundt  a.  a.  0.  :ib9. 

')  Qurtif  et  Echard  /,  XVII:  MOPH  IV,  339  n.  16;  F,  290, 

')  J'jinc  handschriftliehe  Xotiz  von  lÖJb  (rgl,  oben  *S'.  ßÖ*  A,  2)  sagt,  Ät— - 
habe  lange  in  Ulm  gewohnt.  Murer  346,  Bucelin  299  und  Weycrma^^ 
öO't  lassen  ihn  dagegen  erst  wenige  Jahre  vor  seinetfi  Tode  nach  Ulm  gelang  ^ 
J)^r  Ihner  Dominikaner  Fdi.v  Fabri  (Tiist,  Suevorum  I,  114;  vgLSulg^^ 
Ännnles  Zwiefalt.  I  [IfWSj  276;  Steill  L  163)  meini,  Setise  habe  1339  in  l 
Zuflucht  gesuvht;  sei  dann  mit  den  dortigen  Dominikanern  vertrieben  wortT'  * 
7«s  Jahrv  sei  das  Kloster  frrr  gestanden  und  der  Mystiker  erst  1357  mit  seif 
Ordensgt nossen  nactt  Ulm  zurückgtkeh^'t ! 

*)  Heinrich  von  Diessenhnfen  32. 

')  Als   Ulm  vom  Banne  ahsolrin-t  vurdv  (29,  Jan,  1346,  vgl,   Ülmtr 
II,  n,  311 1. 


Saniea  WiÄMmkeit  in  Ulm.  131* 

■'unh  jetzt   noch    seine  Fredigttvmidentngfn  fortsetzte^).      Über  sein 

Irlieti  umt  seine  Tätigkeit  in  Ulm  sind  uns  nur  sttkr  spärliche  Nach- 

nchtea  übrrlieferl.     Gereift   und  gelävlerf  durch  die  letzte  »chicere 

Hrimmichiing,    und   belohnt   mit  ,inmiiickein   Herzetisfrieden ,    stiller 

Buhe  und   Hchtreichrn   Gnaden'    (130,17 f.)   sollte   er   hier  in  Ruhe 

leineii  Lebatsabend  lieschliessen,     Voss  er  in  Ulm  noch  einmal  Prior 

gtuordeit  sei%  ist  eine  unbeicienene  Annahme,   und  ebemoipeniy  he- 

Hründet  die  Nachricht,  welche,  wie  es  scheint,  zuei-H  bei  Touron^) 

auftaucht,     und    darnach    in    die    Darstellungen    von    Schmidt, 

liöhringr r,    Vetter  u.  a.  überg^antjen  ist,  dass  er  1363  auf  dem 

ßentralkapitel   Don  Magdeburg   neuerdings  wegen  Ketzerei  angeklagt 

»Orden  sei*).    Eine  glaubwürdige  Tradition")  berichtet  in  anmutiger 

^'eise    von    seiner    Frewidvchaft    und    seinem    innigen   Verkehr   mit 

^alther  von  Bibra  (wohl  =  Biherach  a.  R.),  d^r  unUr  Abt  Ulrich  II 

(J346 — 71}  Cellerarins  in  dem  mihe  bfi  Ulm  gelegenen  Benediktiner- 

■)  hi*  Karlsruher  H».  Cod.  St.  Georg.  Pap.  G^m.  75  von  1448  Bl.  4—r, 
("•»t  Xiinyin»  Kalaiog  29  und  A.  Keller,  Vtrztichnia  aitdeulni-hir  Hmi., 
^•g.  twi  Sirvtrs  11/90,  36)  Olieriieffrt  Brüder  lieioricha  BÜBseo  gebet  ainB  1  a  u  t- 
pr«digere  lon  Ulm  ("=  Bdfw  303,1  ff.). 

^  Kärcher  198.  213  nach  der  Uaternchrift  rints  Üherlingtr  Sruer- 
fvrireit,  Walirt:ebeinlich  litgt  eint  Verwechslung  mii  dftn  DlmfT  Dominikanrr 
■fitiniieh  drr  PrioV  vor,  drr  1361  und  1353  bfteugt  ist  (Ulm*r  ÜB  II  n.  367, 
^*>>,  aber  einrm  in  Ulm  anfUssigea  Genehlechtf  fPriul,  Priel)  angrhSrt.  Von 
f'taier  iJtminiknnrrpriorfn  in  j>»fn  Jahrm  sind  eu  betrgrn:  1347  Kunrad  von 
Poehautwla  (  Ulm»r  ÜB  II  n,  494) ,-  1364  und  1363  Somad  Traber  (ibd. n. ßSfi; 
"«?.£>.  Const,  II  n.  6886);  1367  Johann  iJyeme,  gtiwml  .drr  SehHbrr- 
'^iliHgfr  ÜB  II  n.  läSÖ).  in  dem  trhaUetien  Kopialbach  dea  Klottrrt 
'■■  ebm  S.  65*  A,  I)  iwrrf  Sruets  Nnme  erat  im  1.',.  Jh.  (».  unlen  S.  IHT')  gt- 
"«»nl.  Über  di*  Gi-eehichtr  des  Klogttrx  handeln  Kornbeck  a.  o.  O. 
'»•  S.66'  A.  II  11—31;  E.  Käbling,  Ulm  unter  Kalter  Karl  IV  mtS, 
^OlVff.,  68 ff.,  177 ff.,  S66ff.,  305f. 

^  Histolrt  rtc.  (».  S.  63'  A.  1)  II,  45fi. 

')  In  den  Akten  dt*  Kapitels  fMOPH IV,  SHTff.i  find'i  »ich  keine  S},ur 

')  lirr  Btrieht  findet  »ich  eiterst  in  den  ungedrneklen  Annalts  Wiblingani 
i"  f'oliobände,  noch  jettt  in  Wibllngen)  den  Priori  Meinrad  Heuehlinger, 
^'' ikh  auj  da»  Fragment  m'imi'  Vüa  des  seligen  Wallher,  das  in  Andech» 
'^"fieteahrt  werde,  beruß;  gekürtt  in  dem  gedruckten  Äussug  aus  dansäben 
"fic  .Teimjium  honorie  lirt  virorum  honorit  tnonachorum  Wiblmgttuiiiim' 
"»■.  Augeburg  1703.  Das  .Seime  und  Walther  betreffende  aas  den  Annale»  teilt 
}  in  Diöt.-Archiv  von  Schwaben  XVII  (1899)  56 f.  mit:  vgl.  auch  Braig, 
I  GtAchlchte  von  Wiblingen  1834,  mf.  und  J.  Hartmann  in  Blatter 
Ktrehengmdi.  läOO,  l*.l ,/'.  In  dm  Annale»  findet  »ich  ein  Büd : 
I  W'alther  im  üesprikh«  auf  freiem  Felde,  mit  Ulm  im  Hintergrund. 


"«..  Augtbui 

I    "»tfp  im  D 

^■K«  GtAcl 


132*  Einleituiif?.   II.    Seuses  Leben  und  Werke. 

kloster  WihlingeH  war.  Die  beiden  FreumU  hatten  sich  mit  Erhuhnh 
ihrer  Vorgesetzten  manchmal  am  Ufer  der  liier  zu  frommem  Zwit' 
(jesjyräch  zusammengefunden  *). 

IL  Bodaktlon  des  Exemplars. 

FAne  Hauptarbeit  Seuses  in  seiner  letzten  Lebetiszeii  war  die 
Ilednktion  und  einheitliche  Zusammenfassung  seiner  vier  HauptschrifUn: 
der  Vita,  des  Bdew,  lidw  und  Bfb.  Seine  Biographie  lag,  tcenn 
auch  vielleicht  schon  etivas  überarbeitet,  doch  im  wesentlichen  in  der 
Form  vor,  die  sie  schon  Jahre  zuvor  durch  seine  geistliche  Freundin 
Elsbeth  erhalten  hatte  (vgl.  oben  S.  126*).  Das  Bdeic  und  ,äUck 
mehr  sriner  Bücher^  ('^y^)j  ^-  ^'-  ^'ohl  das  Bdic  utid  Bfb  (s.  oben 
S,  .!/,9*  Anm.  1),  waren  ,in  fernen  und  nahen  Landen*  (4,2,  vgl.  87,31. 
124,10 ff.)  verbreifet  worden y  jedoch  durch  die  Schuld  nachlässiger 
Schreiber  oft  in  cerstümmelter  und  fehlerhafter  Form  (4j3ff.).  Es 
lag  Sense  aber  sehr  viel  daran,  ein  ,gerechtes  Exemplar*,  ein  Muster- 
buch seiner  Schriften  zu  hinterlassen  ,nach  der  Weise,  wie  sie  ih^ 
des  ersten  von  Gott  einleuchteten*  (4,6 f.).  Daher  machte  er  sich 
daran,  den  Text  zu  revidieren  und  die  vier  Schriften  zu  einew 
Korpus  zusammenzusteUeny  das  er  mit  einem  besonderen  Prolog^ 
und  mit  eigenhändigen  Zeichnungen  ausstattete.  Der  Zeitpunkt  (lieser 
redaktionellen  Arbeit  lässt  sich  annähtrnd  bestimmen,  Seuse  über- 
gab  nämlich,  um  sich  gegen  Angriffe,  wie  er  sie  Jrüher  erfahrtn, 
zu  schützeny  den  s^pekulativen  Teil  der  Vita  (Kap.  46 — 53)  dem  ihm 
wohlgesinnte)»  Prorinzial  von  Teutonia  Bartholomäus  von  Bolsenheim 
zur  Prüfung  und  Begutachtung.  Als  dieser  das  Werk  billigte  vnd 
Seuse  ihm  auch  die  übrigen  Teile  (du  gemain  lere  5,22)  vorlegen 
wollte,  starb  der  Meister.  Derselbe  sei  ihm  aber,  so  erzählt  der 
Mystiker y    da  er  in    Verlegenheit   war^   was  zu  tun  sei,   nach   seinem 


';  Supra  Hierum  convenientes  sacra  miscebant  coUoqoia,  laudes  celebrabuit 
divinafi,  coelcHtia  pertractabant  ^audia,  necreta  manifestabant  rovelata  divüiitiu 
tanta  aiiiinoruiu  suaviUte  ac  dulcedine,  ut  coelicolas  non  terrijE^nas  dixisses 
(aus  llfuchliiuftrs  Annalts),  Die  Anhhnung  der  ü'^rzählung  an  den  Berieht  hei 
Greif.  M.y  JJiaL  11,  33 ff.  (vgl.  Brev.  Rom.  10.  Fvhr.  Lectio  IV  et  V)  über  die 
geistlichen  Unterredungen  des  hl.  Benedikt  mit  seiner  Schwester  Scholastika,  der 
einem  Benediktiner  wohl  bekannt  sfin  musste,  springt  in  die  Augen.  Damil 
stimmt  znsnmmrn,  dnss  Stuse  nach  Hvuihlingers  Bericht  seinen  IfVeiind  wegen 
seines  Glaubens  mit  Abraham  und  wegen  seiner  Liebe  eu  geistlichen  Dingen 
mit  Benedikt  i:  fr  glichen  habe. 

*)  Ohnr  triftigen  Grund   hat    Vittir,    MystikerpcMr  68  seine    Juehtheü 
in  Zweifel  gezogen. 


Sedsktioii  du  Exemplsn.  133* 

Tmlt  .in  einem  Jkhtrtichea  Gesicht'  erschienen  und  hiibe  ihm  laind- 
'jrtan,  er  solle  die  Schrift  nlien  gutherzigev  Menschen,  die  in  rechter 
i/fiiiuii'j  dnrnach  ein  Vertanf/en  trügen,  mUteilen  (5,12—fi,H>).  Nim 
'■'I  Mfinter  ßnrlholomäun  nach  zuverlässigen  Berichten  1362  ge»torbm 
Oyl.  Anm.  zu  5,18),  wir  hnhen  deinniich  die  Bedtiktion  und  Ver- 
''fentlichting  des  Exemyiarx  nnf  1362  hezv,  1362J3  nmttsttzen. 

Diu  Aufzeichnungen  der  Stfigel  älter  Seuses  Leben  haben  also 
"■■*<  6«  diestm  Anlass  durch  seine  eigene  Hnud  die  definitive  Form, 
in  der  sie  »ns  jetzt  vorliegen.  erh'iUen.  Seuse  hatte  aus  begreiflicher 
Segelt,  die  Uehrimnisse  seines  Seelenlebmn  bei  Lebzeitm  der  Oß'ent- 
l'fAßeeit  preiszugeben,  ursjirünglich  die  Absicht,  seine  Biographie  bis 
«TcÄ  Beinern  Tode  liegen  zu  Inssen;  allein  die  Befürchtung,  sie  möchte 
dann  aus  Missgunst  oder  Nachlässigkeit  unterdrückt  trerdrn,  und  die 
ürtt^ung,  mehr  cor  Angriffen  imd  Verunglimpfungen  gesichert  zu  sein, 
■*»•»!  er  sie  sflbM  seinen  Obern  torlege,  betrogen  ihn,  sie  f.chon  früher 
'1  KtröffenfUrhen  (4,2'J  ff.).  Er  Überarbeitete  daher  jene  Aufzeich- 
naragen  und  legte  ,in  der  Person'  der  Elsbeth,  die  nicht  lange  vorher 
St9t<trben  war,  ,etwait  guter  Lehre'  hinzu  (8,2 f,).  Die  letztere  Be- 
i'^rMenng  dl\rfU  sich  namentlich  auf  Kap.  4fi — 5H  beziehen,  welche  in 
f^rtn  eines  (Jesprächs  ztnischen  Seuse  und  seiner  geistlichen  Tochter  die 
^itterteei«ung  in  der  eigentlichen  Mystik  entholten.  Im  einzelnen  lässt 
'><:h  nber  der  Umfang  der  Bearbeitung  nnd  Ergänzung  nicht  mehr 
't»timmen :  manchmal  liegen  zwar  die  Fugen  der  Komposition  nach 
****«  fcgl.  S.  134*  Anm,  2),  auch  lassen  sich  zahlreiche  Briefe,  welche 
"'^  Sttigd  hineingearbeitet  hat,  noch  herausschälen '),  aber  In  den 
""ivten  Fällen  sind  Seuses  Zusätze  und  Änderungen  von  Elsbtihs 
Ar^tit  nicht  mehr  zu  unterscheiden^). 

■)  ygl.  die  NachieeUungeu  von  Frcufr,  A/ila  I,  3llä :  Z/du  XX,  .17} 
«^  Dtnifl»,  Zfda  XXI,  W/. 

')  S/iäirr  himugefügt  sind  jedtnfalla  die  Vorrede  der  Vita,  Kap,  33 
•■<'  4ä  (dit  hier  ersählU  Vition  halte  teahrncheHilich  EUbrlh),  ferner  der 
*■**«*»  tfiMi  Kap.  36  und  Ö3.  Ich  möchte  nl»  sehr  tmlirseheinlich  annehmen, 
■''•«  S'ittet  Ridnktion  ilärker  »itigtffriffen  hat,  als  eti  auf  den  ersten  Blick 
ffhnnl.  ÜheraUin  dtr  Vita  geigt  aich  »ein  feina-  Stil,  «i"i'n  Stthelischer  Sinn  und 
t'int  ihfoloffftehe  Durehhildung,  leomii  die  Dar»tt1lang  in  den  Töeeer  Viten 
Primat  nicht  Jconkurritrm  Aa»n,  Auch  Irgt  sieh  jme  Annahme  nahe,  wmn 
i*"*»  Verhattniii,  in  dem  das  Kl  Bfb  mm  Qr  Bfh  steht  (vgl.  oben  S.41' 
J»*.  Sj,  inn  Äugt  fassm.  Lehrreich  ist  et  OUeh  tu  sehen,  wie  vrrichieden  im 
DtaH  dit  fJeschichle  von  dem  Hunde  mit  linn  ?'usstuch  im  Gr  Bfh  (443,4  ff.) 
»»i  in  der  Vita  (Sti,3ff.)  enShtt  irird,  ofticoW  vir  nicht  roMWi,  oh  die  Stagel 
ät  GuckitiUf   difelit  aiM  Briuf  XII  kerObergenoinrntn   hat:    dort  ein  getrisses 


134*  Kinlcituiig.   II.    Seiiscs  Leben  und  Werke. 

Das  Werk  ist,  vom  Prolog  abgesehen,  in  zwei,  bezw.  drei  Teile 
eingetellf:  der  erste  (Kap,  1 — 32)  beschäftigt  sich  ausscUiesdich  mit 
Sense  selbst  und  schildert  meist  sein  Leben  vor  dem  Bekanntwerden 
mit  Elsbeth ;  der  zweite  Teil  (Kap,  33 — 4o  hezw.  53)  beginnt  mit  ,des 
Dieners  geistlicher  Tochter*  und  gibt  an  der  Hand  von  Seuses  Leben         ^ 
eine  Art  Anleitung  zum  vollkommenen  Leben,    Besonders  van  diesem       ^^^ 
Teile  gilt,    was  Sevse  im  Prolog  zum  Exemplar  (3,2 ff.)  sagt,   dass    ^-^«g 
seine    Vita  in  ,bildgebender  Weise^  erzähle   von   einem  anfangenden,  ^»^i, 
zunehmenden  und  vollkommenen  Menschen,    Die  eigentliche  mystische:::^  slie 
Lehre    wird   in   den    letzten   Kapiteln,    welche  gewissermassen   einetm-m -^tsn 
eigenen  dritten  Teil  bilden  und  von  Seuse  jedenfalls  stark  übef'arbeitew  ^^^ut 
sind^),  entwickelt.     Schon  aus  dieser  Inhaltsangabe  erhdlt,   dass  di^m^Sdie 
Vita  keine  Autobiographie   im  modernen  Sinne  des   Wortes   ist;  si^^-s&sie 
berücksichtigt  fast   nur  die  innere  Entwicklung  des  Helden   und  zu-  ^m  5?«. 
qunsten    des  asketischen  Zweckes  ist  die  sachliche  Gruppierung   stat^  ^r^att 
der  chronologischen  bevorzugV^),    Wir  werden  dies  aber,  wie  Denifle^'    -^^e^ 
mit  Recht  sagt,   so   wenig  bedauern    dürfen^    ah  dass   Ängelico   d'Se^  da 
Fiesole  seine  Gestalten  nicht  nach  streng  anatomisdien    Verhältnisse '^^sAen 
gezeichnet  hat;  Scuses  minnereiches  Herz  lernen  wir  am  besten  cSc:^  da 
kennen,  wo  es  sich  ganz  frei  und  ungezicungen  ergiesst    RiickhaUU^^^los 
und    mit    gewinnender     Nah'etät     enthiiUt    er    darin    seine    ganss^-^aze 
Seelengeschichte  in  einer  Anschaulichkeit,  die  alle  abstrakte  Charal^^  i-  . 

teristik   weit  hinter  sich   lässt   und  gibt   uns  eitlen    Typus  der   Avr T/f- 

schauutuj,  die  er  sich  von  der  Entwicklutig  eines  ,geistlichen  Mensche       ~n^ 
gebildet,     „Nicht  leicht  wird  ein  anderer  gefunden  werdeny   der  «     lie 


'Sichgehenlassen,  hier  knappe  mrkunyavolle  Zusnnimetifatfsungy  stilistische  Ae^sMf- 
feilufig,  üherhaupt  Seuses  reife  schrifWdlerittche  Kunst, 

^)  Der  Ehbeih  wtrden  diese  Lehren  trohl  meist  in  Briefform  zugekomn^-^^^*^ 
.sein.     Dem  steht  nicht   entgez/en,   dass   es  öftrrs   heissi:   er  (der  Diener)  be^^^*^' 
sie  (die  Tochter)  .sprach'  (15ti,l3.  UL  170,27.  17 Iß.  25,  172,1  usio.),  denn  sol^^T^^ 
Form* In  kommen  auch  in  unzneifelhaften  Briefen  vor  {B,  B.  99,1,  107^20.  130,  ^-^^^) 
und  gehören  wohl  erst  der  späteren  lie.daktion  an, 

-)    VtjL  Vetter,    Mystikerpaar  60,  61;  Seeberg  136  f,    UnvereUlnäT  ^  ^[^ 
ist  z,  li,  2(>,^4,  da  erst  im  Kap,  15  von  der  betreffenden  Kcusieiung  ereäkU  wi% 
auch  104,7 — 9  irird  nur  durch   Verf/leieh  mit  Hör.  173 f,  verständlich.    So 
.sich  ZvHangaben   in   der  Vita  ßnden,   sind  sie   allgemein  gehalten  oder  dw. 
ein   jrohl^   oder  ähnliche  Zusitlze   verallgemeinert.     Das  mahnt   Mur    Vormn 
damit   vonilitje   Schlüsse,    tn'e   sie   dann    und  wann   bei  Preger    vorkomfJ^^  ^" 
(rgl.  auch   Strauch,   Afda   IX,    14o),   vennieden  werden,    Zuweifjfehend 
es  dagctjeny    irtnn     Veiter   a.  a.  O.  Ol   in   den  Zeitangaben  lediglich   y,ph^*' 
tastischf-n  iSchematismus^'  oder  auch  .^spateren  Zusatz*'  sehen  möchte, 

■••)  Seuse  XVIII. 


Bxemplara. 

Brfurschmnj  seines  innei'nten  Seelemjrundes  dftn  eiiiii/rrmnüseii  kundhjen 
Forscher  so  leicht  gemaeht  hat,  wie  diese  durch  ihre  iitiner/älschte 
Lauterkeit  big  in  ihre  tiffate  Verboiyetthnt  duixhsichtige  Natur"  ^). 
K.  Sehmidf)  und  nach  ihm  Vetter^)  und  Bächtold*)  haben 
die  Lebensgeschichte  Seiises  bei  aller  Anerkennung  des  hohen  sittlichen 
Ematts,  der  darin  waltet,  und  ihres  poetischen  Schwunges  als  „einex 
der  phantastischsten  Erzeugnisfe  des  Mittelalters' ,  W.  Scherer^  ob 
,eiH  heiliges  Seitenstilr.k  zu  Ulrich  van  Lichlenstein»  unheiligen  Lieben- 
mewoirtn"  bezeichnet.  Es  lässl  sich  über  solche  Urteile  nicht  streiten, 
da  sie  eon  einevi  zum  voraus  eingenommenen  Standpunkt  aus  gefiUU 
find,  aliein  wir  iierden  Pregtr")  wo/U  mehr  Recht  gebrn,  der  sie 
.eines  der  schönsten  christlichen  Lebenfbilder  und  J'aai  einzigartig  in 
ihrer  Aitsprügniuf  neHnf^. 

In  der  deutschen  Literaturgeschichte  dürfen  Seuses  geistliehe 
Memoiren  auch  deshalb  ein  be^ojideres  Interesse  in  Ansprttch  nehmen, 
ireil  sie  wohl  das  erste  Beinpiel  einer  vom  Helden  selbst  verfassten,  bezu: 
autorisierten  und  herausgegebenen  Autobiographie  in  deutscher  Sprache 
sind").  Sie  stellen  sich  zugleich  in  einen  grossen  literarhistorischen  Zu- 
sammenhang, der  von  den  Confessiones  Augustine  über  die  Historia 
ealamitatuvi  Abälards  und  die  Vita  miova  Dantes  zu  Goethes  Dichtung 
und  Wahrheit  führt").  An  Auguslins  genialer  Selbstschilderung  im 
husondsm  hat  sich  auch  Seuse  wie  so  viele  andere  gebildet  und  die 
irrgänge  seines  Rerzenn  ans  den  Wegen  der  ,  Ungleichheit'  zum  Frieden 
'«  Oott   in   bewusster  Anlehnung   an    sie  gesc/üldert   (vgl-  besonders 


I)  Gärre»  bei  Diiii\  117. 
^  Theol.  StudifH  und  Kiil.   lfH3,  «W. 

■)  M}/sHlieriiaar  3ä.  In  rhtigen  T*Ueii  der  Vita  tailt  Vrttei-  SJ,  S7  dir 
'Spuren  tiiier  dritlfn  Hanil  ßndm,  auf  dertn  Rtehnutig  namentlich  dit  ,tcundtr- 
^täubigm  und  achwürmrritchvn'  KriäMungm  des  ir»Un  Teiles  kamen.  Allein 
^*3tder  der  handeehriftUehi  Brfuiid  noch  drr  Inhalt  edl-nt  gibt  einrn  Anholls- 
9-Maakt  für  dne  dtrartige  Annahme. 

')  Lit.-Gisch,  der  Schtaeie  21ö. 
^^^K    ^  Gtseh.  der  dtteh.  Lit.  1883,  äH8. 
^^^L  ■)  Briefe  16:  Myatik  II,  368. 

^^^K  <)   Vgl.  auch  da»  schöne   urteil  hei  Schnaase  a.  a.  O,   VI.  41  f. 
^^^1    •)   Vetter  a.tt.  0.2ä:  Strauch,  Altg.dtsch.  Biogr.aT,  ITL',-  Sethtry  IX. 
i  ^  VgLKraus  a.  a.  O.  II.  3,1,  8ff.  imrf  namentlich  F.  von  Jirtuld, 

4}bM-  die  Anfängt  der  Selhrthiographit  und  ihre  Entwicilung  tM  MillelaUer, 
£rtanger  Urktorirlmedr  18S3.  Brachlungsicprt  ist  S.  fi/.  der  Uinietit,  dass 
auch  in  den  Monrhirvmanen  der  Vitae  pa(rtnn,  welche  dir  Virhfrrtxehung  und 
Empfehlung  der  Askese  dienen,  TtW's  in  autoliingraphiseher  Form  gegehen  ist, 
Ütiue  maß  auch  hien'in  Anregung  mijifanscn  hnhc-n  (vgl.  oben  S.  79' f.). 


lidpw  K"j).  1;  Hör.  15 ff.;  Mtmeb.  546,29 f.).    hihillUch  sielu  sich 
das   Werk  dfn  Bettelmmches  aus  dem  14.  Jh.  jedoch  näher  zu  jeiitr 
myslischeii  Offeiibnrunys-  und   Vieivusliieratur,   die  seit  dem  12.  Jh. 
auftaucht    und  die   ritterlich-höfische  Kultur   mit   ihrem  Mlnnedienrt- 
und  Schönheitsbedüv/iiis,  ihren  weichen  SlimmuHgen  und  ihrem  Formen— 
sinn  u>ieder>ipieffeit'),  freilich  in  Strahlen,   die   (/ebrochen  sind  durcf» 
das  Prisma   der  religiösen    Auffassung.     Zur  Steigerung    und    Ver — 
tiefung  des  persönlichen  lanenlebem,  zur  Veredlung  und  Verfeinerung^ 
de»  religiiisen  Gefühls  sähst  bis  zum  SiissUchen  und  Weichlichen,  h<r  ^_     j 
diese  Literatur,    deren   Trägerinnen  fast  ausschliesslich  Frauen  orf^^^,~  j 
dock  wenigstens  frauenhaft   empfindende  Seelen  sind,   ungemein  ci^^  ' 
beigetragen.     Es  ist  gewiss  bezeichnend,   dass  auch  die  Lebenserinir  ^^  ^  ' 
rungen  Senses  nicht  zuerst  von  ihm  selbst,  sondern  nach   seinen  6^^;—-. 
Rächen  und  Briefen    durch   seine  geistliche  Tochter  Elsbetk  Sla^^m^  i 
gesammelt  und  niedergeschrieben  worden  sind,  und  dass  er  seihst  e9~stt  ' 
später  nach  Überaindung  mancher  Bedenken  auf  ihre  Idee  einging  ^^^  J.  i 
Im  zweiten  Teile  der  Vita  (Kap,  33)  hat  Seuse  zugleich   'i  i'i  ■  a    r   I 
geistlichen  Freundin  ein  Denkmal  gesetzt.    Fs  scheint,  dass  sie  ni<T.^t   J 
lange   vor  der  Redaktion    des  Exemplares  starb  (vgl.  oben  S.  12»^^U, 
nachdem  der  geistliche  Vater  sie  noch  einmal  besucht  hatte  ( 304,12 J^^, 
Nach   ihrem  Tode   erschien   sie    ihm,    wie   er  erzählt  (l&4,22ff.},      ** 
einer   Vision   ,in   schneeuelssem  Gewand  iro/U  geziert  mit  lichtreic^t^'' 
Klarheit   voll  himmlischer  Freude'  utid  zeigte  ihm  an,   dass  sie  ttt^" 
,in   die  blosse  Gottheit  rergangea'  sei.     ElshHh  hat  in  Seuses  Lei*^'* 
eine   so   grosse  Bolle  gespielt,   dass   beide   poh   einander  so  wenig    s* 
trennen  sitid,  als  Margaretu  Ebner  und  Heinrich  von  Nördlingen. 

in.  Senset«  Tod  ntid  NHvhrtihm.    Ikonographlsches. 

Datum  und  Ort  von  Seiise.i  Tod  sind  in  zurerlä^siger  \i'eii^ 
überlieferl.    Er  nlurb  am  >i6.  Januar  13(10  zu  Ulm*)  und  wurde  ir* 

')  i'gl.  »'.  Schrrer,  a.  a.  0.  339:  „die  Selu't/ten  iltr  MyMikrr  a«i 
ihrer  J'riitntnrn  yeri-hrrrltmen  warra  die  letale  Zußticht  des  hnfiac/im  Grhlf: 
Zartheit  ttnd  Formtmitut  uaren  nur  noch  hier  eu  Jlaut." 

>)  Vgl.  Beeold  a.  a.  0.18. 

')  .Siehe  die  im  Text  gleich  darauf  titiertt  NoUm  aus  Ct»'  7801:  dir  glrichif 
Angaliln   in   Hs.  S  (*.  ahm  S.  &•)  Bl.  233'   von    tinei-  Hand   dt*  15.  Jh.:   Es 

wiaseo,  dius  der  selig  brfider  lieinrich  aäa  int  von   diaer  zit  gMcheideu  m 

deui  iNX  du  man  ziilt  vnn  xps  ^eburt  Mm.'  und  LXVl  in  dt'Uj  cnnfi'nl    ze  iiliu 

itb  da  bcyiaben  und  stat  die  iarj;«!  uf  sim  grab  iiud  stflfb  \if  CoiiTefsio 

»oncli  pftUli  apoHtoli;  (ihtiUch  auch  in  dfrHy.fm.S.  7')  Bl.  V^f;  IStitJ  in  die  wn- 


Bcoöogniimi 

der  Prediyerkinke  daselbst  (jetzt  evangelische  DreifaUigktitfkirche) 
degrabea;  da»  Grab  befand  sich  nach  der  Ulmer  Tradition  und  nack 
ölten  Zeugnissen  in  der  Kirche  selbst^),  tieben  dtm  Altar  d^-s  Itomintkaiier- 
heiligen  Petrus  i>on  Verona  (f  J252),  keinenfaUs,  wie  einige  Sjjütere ') 
mrinten ,  im  Kreuz'jring  des  Klosters,  In  einer  Münchner  IIs.  des 
Uor.,  Clm  7Sl'J  lil  24fi"  befindet  sich,  von  einer  Hand  des  15.  Jh. 
iwtiert,  die  (iiabschrift  des  frater  AinanduB  Sewez:  Ohiit  venerabilis 
patcr  frater  Heinricus  Susn  Auno  rfoniini  MCCCLXVI  menBe  Januarii 
die  XXV  obdormivit  in  dornioo  propter  quod  ganrleamus  in  evis 
dilecto^).  fi'ir  ha//en  darin  zuyleich  einen  deutlichen  Beweis  für 
die  Verehrung,  die  er  schon  zur  Zeil  srinea  Todes  in  Orden^kreieen 
and  darüber  hinaus  genoss :  »um  sah  ihn  bald  allgemein  als  Heiligen 
an,  und  der  Titel  ,beatus'  wird  ihm  im  15.  Jh.  wiederholt  gegeben. 
Sein  Andenken  erlosch  auch  in  Schwaben  und  speziell  in  Ulm  in  der 
Folgezeit  nicht ').  Laut  Eintnaj  im  Kopialbuch  der  Ulmer  Domini- 
kaner Bl.  22ii  stiftete  noch  nach  der  Mitte  des  15.  Jh.  eine  Frau 
Katharina  Weltzlerin,  Witwe  des  Ulrich  Waltzlin,  Hofvizekanzlen 
bei    Kaiser    Friedrich    III,    ein    ewiges    Lic/U    cor    das    Grah    des 


vi-ratoms  s.  Pauli|  und  hei  ./.  Mt!,vf,  Chn-nicon  dt  Praad.  iMunt  I,  L'^l), 
Liber  de  iUasU:  vir.  ord.  I^atil.  (ebd.  II,  157)  m.  ,Lrhen  der  33  tmUn  Meiettr' 
II.  8.  64'  Ä.  1).  Wmn  Mtj/er  in  dm  evei  Intttgenannten  HVrAen  Ä»«*w  Toti 
%uf  ,sant  Paahu  ttekrrtiug'  nnattet,  ihn  aber  doch  am  Iß.  Januar  alerbentätnl, 
'0  üeffl  n-uAl  fin  tapsm  caianti  vor;  auch  in  drr 'l/iüecan  Koastani  und  ita 
laminikitnerord^i  feierte  man  coavemiit  PntiH  am  35.  Januar.  Bri  L.  AI  her  tun, 
U  eriri»  Uliutr.  ord.  Pratd.  l.  Vf.  226:  M urtr  34fi;  Stoilt  I,  164:  Buct- 
>'hw«  3110  u.a.  wird  1366  ata  Todtsjahr  angtgthen,  ob  infulg«  fnlnehf  Übtr- 
wftruag  oAm-  andrrtr  Berrchnung  ilra  Jahreaaitfanga  (Caleulua  Ftortnttnus 
it   Jahrftheginn   am   S5.  Mars   poelnumefanda'f),    Idnat   sieh   nirht   Iriehl  ent- 

')  J.  Mei/fr  im  ,Lel/rn  der  32  erstm  Mtistf" :  ist  erlioh  begraben  in 
;r  predier  kiklien  au  l'lm ;  Clm  1631ä  ».  XV  St.  bd"*:  aepullu»  in  ccclenia 
medicatorum  iiixta  aitarr  saiicti  petd  martyris;  Aaggahe  des  llor.  Parin  I51I 
'rotoff:  sepidtui  «tite  altare  b,  Petri  m.;  ehenso  die  IJlmer  Tradition  6«  Wnger- 
ana  ärw.  Jirr  Prttraallar  befand  »ich  ,in  der  Ecke  bei  der  BUterlin  Be.- 
■äfmia-  fKnrnherk  a.  a.  0.  IT). 

*)   H'iV  e»  schnitt,  euersl  Murer  346. 

'i  Vorher  gtbm  itie  Worte  Notii  veracitcr  Epitapluiim  oompilfttoris  liuiiii 
bri  <dee  Hur./,  Dir  AUkiirzunym  aind  aiifgiicel.  Vgl.  auch  die  Noiit  (iim 
r#.  S  obm  .y.  130'  Anm.  3. 

')  Vgl.  auch  oben  ü.  61'f.  die  Notiren  über  Ulmrr  hccir.  Süßingw 
lev<^ion»bildti-  de»  15.  Jh. 


L 


138*  Eiiileituuji^.   II.    Seusee  Lebeu  und  Werke. 

Heiigen  Heinrich  Seuse  ^).  Aber  schon  vorher  war  sein  Name  durch  seim 
Schriften  über  Deutschlands  Grefizen  hinausgedrungen.  Besondere 
in  den  Kreisen  der  Fraterherrn  war  er  hochverehrt.  Als  der  Windes- 
heimer  Prior  Joh.  Vos  (f  1424)  beim  Konzil  zu  Konstanz  weilte^ 
besuchte  er  mit  anderen  , Devoten^  voll  Andacht  die  ZeUe  des  Mystikers, 
,der  auf  Antrieb  des  hl.  Geistes  da^s  Horologium  geschrieben'^).  Papsi 
Gregor  XVI  bestätigte  nach  eingeholter  Informeition  im  Jahre  1831 
seine  VertkmMg  utid  gestattete  die  Feier  des  Festes  im  Dominikaner' 
ordeti  am  11.  MäT2% 

Das  Grab  Seuses  ist  seif  m$kr  «&  drei  JahrhundeHen  vet^ 
schollen.  In  den  Jahren  1617 — 21  wurde  das  ßekif  «far  Prediger- 
kirche,  das  schon  lange  vorher  baufällig  gewesen  war,  niedergeriesm 
und  in  veränderter  Gestalt  wieder  aufgebaut;  nur  der  gotische  Choi 
und  die  südlich  an  ihn  angebaute  Sakristei  nebst  einem  anstossenden 
kleinen  gewölbten  Raum  (Kapelle)  blieben  vom  alten  Bau  übrig.  Durch 
diesen  Umbau  und  durch  spätere  Auffüllungen  und  Veränderungen 
des  Terrains  infolge  der  Festungsbauten  ist  die  Örtlichkeit  so  völlig 
umgestaltet  worden,  dass  kaum  eine  Hoffnung  auf  Wiederauffindung 
des  Grabes  besteht.     Widerspruc/isvoll  ist  die  Erzählung  Murers^), 

*)  Lampa»  ante  sepulchnim  boati  Henrici  Stisz  nutrienda  est  ob  reveren- 
tiaiu  dicti  patris  et  pro  benefactoribas  per  inodum  participationis  ardere  debet 
et  donata  a  Domina  Catharina  Weltzlcrin,  que  couventiü  dedit  45  Üor.  pru 
continaatioue.    De  hoc  non  habentur  literae  (Kornbeck  a.  a.  0. 17 f.). 

-)  J.  Buschy  Chronicon  Windtshem.  ed.  Grube  (Geschichtsquellen  det 
Provinz  tSachsen  XIX  1886)  c.  41  p.  357.  Von  einem  anderen  Windesheimer 
Fnder  xoird  die  Nachahmung  von  Seu^e^t  Kasteiungen  berichtety  ebd.  c.  108. 

^)  Vgl,  Stadler ^  Heiligetdex.  II  (1861)  641.  Seuse  wurde  ,per  viam 
cultus^  seliggesprochen  ohne  eigentlichen  Prozess. 

*)  Helv.  s.  346 :  der  Leichnam  Seuses  sei  1613  beim  Umbau  der  Kirche  voti 
den  Werkleuten  im  Kreuz  gang  gefunden  worden,  der  Bürgermeister  habi 
befohlen  das  Grab  wieder  zu  schliessen,  aber  ein  Katholik  (der  spätere  Ulmtf 
Werkmeister  Leonhard  Buchmiller)  habe  ein  Stück  des  Mantels  abgeschnitten 
wovon  er  (Murer)  auch  einen  Teil  besitze.  Der  Bericht,  von  der  Jahreszakk 
ganz  abgesehen,  kann  schon  deshalb  nicht  stimmen,  weil  Seuse  nicht  im  KreuS' 
gang,  sondern  in  der  Kirche  begraben  war.  Murer  ist  auch  sonst  unsuverlflssi^ 
(vgl.  JJenifle  in  Zfda  XIX,  348  A.D.  Über  die  Verhandlungen  des  Jähret 
166S  vgl.  Weg  er  mann  503  ff,  (Auszüge  aus  der  Koi-respondtnz  ztcischet 
liischof  und  Hat);  (xiefel  im  Diöz,- Archiv  von  Schwaben  II,  68 f.  uno 
Kfircher  191  f.,  204.  Die  Vermittler  machten  seitens  der  Katholiken  dei 
Dekan  des  Chorherrnstifts  Wengen  Georg  Föderh  and  der  Ratsherr  Johann 
Adam  Kimlen.  Buch  milier  erklärte  bei  seiner  Vernehmung  durch  den  Hat 
man  h<ibe  seinerzeit  (also  vor  über  60  Jahren)  zirar  einen  Leiclinam  gefunden 
aber  nicht  im  Kreusgang,  sondern  in  der  alten  Kirch  t' ,  der  Habit  sei  erhalten 


SetisH  Tod  niitl  XachnAHL   IkcnographischeB.  I38*i 

imni-n-h  1613  der  Ltickmm  Smses  wohlbehnlti'H  vmd  Lsblk-h  duftend 

ijf/iimUn  worden  sein  soll.    Die  Bfmühiiwjen  (/es  KoiiBtanter  Üisckofs 

h'ranz  Joftimn  con  Prasaberij  im  Jahre  1066,  ffe/muens  daiäher  at 

erfahren    und    ihn    a>iffe/)lich   ffe/tiiidetten    Leicktmm    ausgelte/ert    zu 

n-fittlten,  nchltiyen  fehl.    Ebenso  erfolglos  waren  die  Nncbgrabungen, 

Welche  vermistfiltel  wurden,  als  Ulm  im  spauixchen  Erhfolgtkrieg  1702 

Ott  ruber  gehend   ron   den  Bayern   und  Franzosen   besetzt  war*).     Als 

man  1896   in   dem   neben   der  Sakristei  gi'legenen  Uatime,   der  ohne 

fwrttnd  schon  Siisokapelle  genannt  wurde,  atUüsslirh  der  Einrichtung 

*:tnee  HeizatUnge  Grahnrbeiien   eomahm    und  unter  dem  Bilde  eines 

JJotninikiiiiers,  dns  sich  am  Schlusssiein  dts  Gewölbes  befindet,  Geheim 

Sf«funden   wurden,   tauchte   die   Meinung   auf,    man   sei   auf  Seimts 

(Grabstätte  gestossen.     Dass   diese  Annahme  nicht  richtig  sein  kann, 

ffeht  schon  aus  dem  Gesagten  hervor^   und  sie  ist  auch  von  sachver- 

**tändiger  Seite  sofort  in  überseitgeniier  Weise  zurlickgewiesen  worden'). 

Über  Ausseien    und  GesttUi  Seuses   ist   nichts   überliefert   umi 

trbetiaowenig  besitzen  wir  ein  beglaubigten  Porträt  von  ihm;  dass  die 

Uarstellungen  auf  d-en  Bildern  iles  Exemplars  keim'.  Portrütähnlichkeit 

f*esitzen,  bedarf  in  Anbetmeht   der  Art   und  Zeit   ihrer   Entstehung 

AceitKS  Btweisee.     Einiges  ilconograpkischtis  Material  zu  Seiise  ivurde 

Schott  oben  S.  61*f.  beigebracht,  wozu  nachzutragen  ist,  dass  Mone') 

futtf  ein    weiteres    Exemplar   eines   hrmnlien   Seuseholzschnittes   auf- 


ffrforsen,  dir  Leichnam  aliar  i'crteenl  und  ohne  lieblichta  Grriteh.  Auf  Antrat/ 
«4er  evaiigduchrn  Gn'täMikeit,  von  der  ein  fiutaehtrn  tiitgeholl  wurde,  aehlug 
tjfr  Rat  das  Sittgfsueh  des  HinthoJ'g  ab. 

')  Vgl.  \V tytrmaun  &06f.  und  11.  Braun  in  seiner  Autyatie  des 
Jtor.  (173a  IL.  Dtr  KurftirsI  Ma.i:  ümmanarl  r<m  liayern  sehrieh  am 
JS7.  Febr.  1704  an  den  Bischof  i-oh  Kmmtans  MarquarJ  lUidoif  eon  Roth  in 
tileaer  Angdrgtnhfit  nyl.  Ciitfel  a.  a.  0.691.  Auch  1776.  iits  rine  Kapelle 
tUr  Kirelie  ahgrbruchtn  wurde,  aotltn  dir  Katholiken  nachgegraben  hahrn 
^Wryermann  ai7). 

0  Vgl.  namenüich  ,UeuUche/i  Vtdiisblair  vom  lü.  August  1090.  Mit 
I  nricht  sahen  Oräneieen  und  Mauch  (Ulms  Kunstlehen  im  Mifldallir 
llytO,  ljr>  m  dem  Bild  Hn  2'iirlrät  ü'tuais  und  nannte  letcierer  (Mitt.  des  l'ereins 
J.  Kunst  a.  Alt.  lüti,  M)  jenen  i/ewölbten  Baum  SiMiikapelle.  Das  Bild,  einen 
Dominikaner  darsitlUnd  mit  HtiUgtnschrin,  einer  Sonne  auf  dtr  Brust  tind 
Ktleh  mit  Hostie  in  der  reehlm  Hand,  dürfte  eitl  richtlgtr  at(f  Thomas  vott 
Afui»  lu  lieeirhen  rrin  :  e»  gab  in  drr  Tat  in  der  Prtdigtrhirvh»  eine  ,fai>fU/i 
fftoma«  de  Aquino^  (Knrnbeck  a.  a.  O.  17). 

I  Quftlensammlung    II.    lil    Anm.     Dos   Bild   ist    in    die   Baskr   U«. 
9  von  Mrger*  Über  de  illustr.  vin'n  0.  Pr.  eingeklebt. 


140*  Einleitung.   IT.    Seuses  Leben  und  Werke. 

itierhsam  macht j  vnd  dass  nach  Wey ermann  507  ein  Bild:  Seuse 
mit  dem  Monogramm  IHS  auf  der  Brust,  unten  den  Hund  mit 
dem  Fusstuch  und  im  Hintergrund  Ulm  darstellend,  zu  Augsburg 
bei  Götz  d'  Glauber  in  Kupfer  gestochen  wurde.  In  Übe^iingen  be- 
fi)iden  sich  noch  drei  ton  einander  wenig  verschiedem  Seuseporträts^), 
sämtlich  Ölgemälde  (Brustbild),  welche  Seuse  in  der  gewöhnlichen 
Weise  als  Mann  von  mittlerem  Alter,  bärtig,  mit  gewinnenden  Zügen, 
auf  der  Brust  das  bekannte  Monogramm  und  um  das  Haupt  einen 
Kranz  von  Rosen,  darstellen.  Keines  der  Bilder  geht  aber  über  das 
17.  Jh,  hinaus,  künstlerisch  sind  sie  wertlos.  Ahnlich  verhält  es  sich 
mit  mehreren  kleineren  Seusebildern,  welche  sich  noch  jetzt  im  Domini- 
kanerinnenkloster  Zoßngen  zu  Konstanz  befinden,  wo  die  Verehrung 
Seuses  sich  durch  die  Jahrhund^i*te  erhalten  hat;  im  Hintergrund 
befindH  sich  auf  einigen  derselben  das  Konstanzer  Predigerkloster, 
Ein  Zeichen  der  hohen  Wertschätzung,  die  man  im  Orden  für  Seuse 
hegte,  obwohl  er  noch  nicht  kanonisiert  war,  ist  auch  der  Umstand, 
dass  auf  den  seit  dem  15.  Jh.  häufig  sich  findenden  Dominikaner- 
stummbäumen  unter  tvenigen  deutschen  Ordensmitgliedern  auch  seine 
Figur  angebracht  ist%  Am  interessantesten  ist  wohl  ein  bis  jetzt  nicht 
beachtetes  Ölgemälde,  das  sich  in  d^r  Sammlung  des  Herzogs  von 
Urach  auf  dem  Schlosse  Lichienstein  befindet  (Nr.  43).  Seuse  ist 
darauf  in  ganzer  Figur  mit  Heiligenschein  auf  Goldgrund  gemalt, 
bartlos,  mit  energischen  Zügen,  in  der  rechten  Hand  einen  Kranz 
con  Rosen,  in  der  linken  einen  Griffet,  mit  dem  er  sich  auf  dsr 
entblössten  Brust  den  Namen  I  HS  eingegraben  hat.  Das  Bild  stammt 
aus  der  Ulmer  Schule  des  ausgehenden  15.  Jh.  und  ist  etwas  handr 
werksmässig  a  usgefüh rt. 

In  der  modernen  religiösen  Kunst  wird  Seuse  gewöhilich  ab- 
gebildet, nie  er  vor  der  himmlischen  Weisheit  kniet  und  das  Mono- 
gramm IHS  auf  der  Brust  trägt  (ähnlich  wie  auch  Bernardin 
von  Siena  ^). 


^)  Zwei  im  Kultur  historischen  Muffeum,  eines  (das  hesterhaUenr)  im  Be- 
sitze von  Stadipfarrer  Dr.  von  Räpjtlin.  Es  ist  wohl  tnngh'chj  dass  dem  Maler 
das  Bild  hei  MiirfT  (s.  oben  S.  6:J*  A.  1)  als  Vorlage  (jedient  hat.  Vgl.  über 
die  Bilder  auch  meine  Darlegung  in  Hixt.-poh  BL  lf.02  II,  114 f.:  K/Ircher 
197 ff. :  Preger  II,  34t)  A.  L' ;  Peltzer  106, 

^  Einen  solchen  Stammhaum  von  1473  {Holzschnitt}  beschreibt  Schreiber 
a,  u.  0,  IL  20fiJ\  Nr.  1776.  In  der  fünften  Beihe  nach  Thomas  von  Aquin  und 
vor  Margaret n  von  Ungarn  stellt  Set«  beinriciis  süsse.    Vgl.  auch  Peltger  108, 

^;  Kraus  a,  a.  O.  II,  /,  434. 


aJ-re!*B^-fiSrie'*VtiM 


IV.  Charakteristik  von  Senses  Person  and  Werken.   Seine  Lehre. 

Blickrii  wir  noch  thimal  zurück  auf  dait  e.infacke  itnd  doch  so 
reic^  Leben  Seuse»  und  suchen  mr  uns  ein  einheitiicfie-i  Bild  von 
feister  Persönlichkeit  und  seinen  Werken  su  inachm').  Der  »lies 
beherrschende  Grundzug  «eines  Wesens  ist  die  Liebe,  der  Reichtum 
an  ^inne'  (1J,27),  der  nicht  nur  das  eigene  Inwre  erwärmt  und  ent- 
tA9%4fl,  HOndern  auch  nach  aussen  überquillt,  um  andere  su  beglücken. 
Se»»M  ganze  Beliffiomtät  ist  von  dieser  Liebe  gestaltet-  und  durchgossen, 
II»  seinen  Schriften  weht  ein  jolianneischer  Gast.  Darum  htisst  er 
lucA  mit  Recht  Amnndit!',  der  Lielietraute.  Seuse  hat  aber  seine 
Ltchf  nicht  bloss  in  lyrischen  Ergünsen  ausgeatmet,  sonder»  nach 
G  S  rres*)  schünem  Wort  episch  nein  Leben  in  ihr  gefnsst  vnd  diesra 
L^bm  zu  einem  grossen  Epos  der  Gottediebe  ausgedichtet.  Nach  alt- 
fffrwaeiiiem  Urteil  ist  er  der  liebenswürdigste  und  anziehendste  unter 
I  «e»«  deutschen  Mystikern.  Auf  seinem  Leben  liegt  der  h^zerq^uickende 
St»9tnenschein  einer  reinen,  kindlichen  Natur  voll  in/ierer  Harmonie 
"'•rf  tines  unerschütterlichen  Glaubens  an  Gott  und  die  Menschen.  Mit 
^  wcl-tk  liebreicher  G  each^'tigkeii  mÜlU  er  sich  ab,  alles  mit  der  Wärme 
^*«  durchquellen  und  zu  durchströmen,  die  ihn  selber  beseelt!  Wie 
"■«*»)  er  andere  zu  trösten  und  aufzurichten,  ob  ihm  auch  das  eigene 
B~^»t  verblutet!  Man  sj}richi  eon  einer  Mystik  des  Leidens'): 
^««se  ist  einer  ihrer  edehten  Vertreter  in  Tat  und  Wort.  Seine 
?«»«»  Vita  ist  unter  dem  Gesichlapunki  des  Leidens  geschrieben, 
*"*«  wahre  ,Historia  adamilatum' ;  sie  zeigt,  wie  tb'e  mystisc}ien 
"*'*^ulengaben  am  dem  Mysterium  des  Leidens  ßiessen.  Vielleicht  ist 
""^  schöneres  über  die  läuternde  und  stählende  Kraft  des  ,christ- 
■'*»*3niycn'  (145,4)  Leidens  geschrieben  Kurden,  als  im  13.  Kapitel 
"^■^  Biieie,  wo  Seuse  tins  den  Schatz  des  Leidens  aufschliesst;  es  sind 
'"'^Arhaß  „goldene  Worte,  die  nicht  nur  i-om  Standpunkt  des  mittel- 
"^^^rlichen  Monchtutns  dieses  Beiuort  verdienen" '). 

Als  zweiter  Grundzug  in  der  Individualität  des  Mystikers  lässt 
**^^A  Jas  tiefe  Gemüt  bezeichnen,  das  eine  hervorstechende  Eigenschaft 

'j  Zur  CharaiUrigHi  Stusu  vgl.  btaondtrt  l'regfr  II,  371—74: 
•*  ^ihriafffr  436—41;  Ghyfm  bei  Ditp.  117 ff.;  Slriueh  in  Atlg.  dineh. 
^eigr,a7,  171/. 

*)  Bti  Ditp.  i:.V. 

*)    Vgl.   Linetnmann     in     Tbeol.     Q-irliiUi-hr.    mSL'.     G5ä;     1'.    W. 

eppltr.  Diu  Prnbtem  de»  LcicUim  i'i  ihr  Moral  '190i,  lli ,tf'.  74 :  Jol;/ 
^0.1»3ff.;  Biihringtr  4IJi>^7  ,   U-iru.trk,   Doffm'-ngrgi-/,.  IIP,  J.W. 

•}  Straueh  o.a.  0.171. 


142*  Einleitung.   IL    Seuses  Leben  und  Werke. 

des  deutschen  und  speziell  des  schwäbischen  Stammescharakiers  ist. 
Den  schwäbischen  Dichtern  von  der  Hohenstaufenze'tt  bis  auf  unsere 
Tage  eignet  jenes  sinnige  und  sinnende  Mitgefühl  mit  Natur  und 
Menschen,  jene  Herzens-  und  Blutwärme ,  die  anzieht  und  sich  an- 
gezogmi  fühlt,  gepaaii  mit  Phantasie  und  poetischer  Gestaltungskraft 
und  mit  jener  eigentümlichen  Schwermut,  die  in  der  Tiefe  der  deut" 
sehen  Volksseele  wohnt  ^).  Freilich  wird  die  Empfindung  auch  manch- 
mal zur  Empfindsamkeit,  das  Weiche  bekommt  einen  Anflug  von 
Sentimentalität,  So  ganz  auch  bei  Sense.  Nicht  ohne  ein  gewisses  Hoch- 
gefühl scheint  er  sich  einen  Sohn  der  schwäbischen  Erde  (7,2), 
Schwaben  sein  Land  zu  nennen  (26,3).  Er  ist  wie  seine  Mutter 
ein  Schwabe  par  excellence.  Man  hat  mit  Recht  gesagt  ^),  dass  dieser 
unvergleichliche  Mann  des  Gemütes  in  bezug  auf  die  Überfülle  der 
Herzenszartheit  und  den  lyrischen  Schwung  seines  Denkens  und 
Filhlens  eigenfiich  nur  einen  Nebenbuhler  hat  —  Franz  von  Assisi. 
Mit  diesem  teilt  er  auch  die  Liebe  zur  Natur,  das  sinnige  Leben 
und  Weben  in  ihr.  Auch  im  kleinsten  Kreatürlein  sieht  er  eine 
Staffel,  Gott  zu  nahen  (455,18 f),  einen  Abglanz  von  Gottes  Schön- 
Iieit,  Lenzeswonne  und  Maienzauber,  Vogelsang  und  Blumenduft, 
die  Schönheit  des  gestirnten  Himmels  und  die  Majestät  d&i  Gewitters 
bringen  ihm  Entzücken^);  ,aller  Tierlein  und  Vogelein  und  Gottes 
Kreatürlein  Mangel  und  Trauern*  geht  ihm  an  das  Herz  und  er 
sucht  ihm  abzuhelfen,  wie  er  nur  immer  kann  (85,13 ff.).  Wenn 
man  schon  den  Satz  aufgestellt  hat,  erst  die  Renaissance  habe  die 
Natur  entdeckt,  so  ist  das  nur  in  beschränktem  Masse  richtig;  auch 
die  deutschen  Mystiker,  vor  allem  Sense,  haben  ihren  Anteil  an  der 
Erschliessung  der  Natur  für  das  Geistesauge,  ivenn  auch  zugegeben 
werden  muss,  dass  ihre  Palette  noch  ziemlich  farbenarm  ist  und  dass 
die  Natur  sticht  an  und  für  sich,  solidem  nur  als  Spiegel  der  Voll- 
kommenheiten Gottes  ihr  Interesse  fesselt*), 

Li  der  Stärke  von  Seuses  Charakter  liegt  aber  doch  in  gewissem 


0  ygl'  ^'  ^-  die  Charakteristik  Hartmanns  von  Aue  bei  Saran,  H.v.  Aue 
als  Lyriker  ]889y  96  f,;  ferner  R.  Krauss,  Schiväb.  Lit.-Gesch.  I  (18&7)  11  ff, 

^  A,  M.  Weiss,  Apologie  des  Christeniuim  IIP  (1897)  825. 

")  Vgl.  statt  vieler  Belege  (namentlich  die  Briefe  sind  voll  prächtiger 
Xaturhilder),  besonders  17yl7  ff.,  172,7  ff.,  304,12 ff.,  406,16  ff.,  409,14  ff.,  4.26^  ff. 
Hör.  56,  70,  187,  199. 

*)  Vgl  A.Biese,  Die  Entwicklung  des  Naturgefühls  1889, 197 ;  Kraus 
a,  a.  0.11,2,  1,  19 ff.  Über  Seuses  Xaturgefiitd  besonders  Hintee  (s.  oben 
S.  57*  A.  1)  26 ff.  und  Dnlgairns.  The  German  mysiics,  in  Dublin  Review 
44  (1858)  96. 


Siune  aueh  wieder  seine  Schwäche :  die  Gefahr,  lier  O'efiihlsschwSrmerei 
SH  cerfalten.  In  dfv  Tat  vHroiinsmi  wir  hei  ihm,  utenigaten«  in  seiner 
früheren  Zeil,  mitunter  den  niichterneti  Sinn,  die  Abgeklärtheit  und 
t/leichmässige  Haltung,  und  mrinsen  zviveürn  ein  allzvstarkes  Schwelgen 
1»  Gtfühien  wtd  Empfindungen,  ein  Schteanken  zwischen  enlgegen- 
geseUten  Stimmungen,  eine  gewisse  ÄHi/nÜichkeit  und  Verzagt/ieil,  ein 
rSArntliges  Jnmtnern  konetatieren.  Aber  doch  wiirdeit  wir  ihm  Unrecht 
I»«,  leoUten  wir  dtirnus,  wie  Seel/erg^)  tat,  einen  harten  Vorwurf 
Soffen  ihn  schmieden.  Wenn  man  bedenkt,  dass  Sense  in  seinem 
tjtnun  Wesen  eine  geradezu  jungfräuliche  Zartheit  zeigt,  dfiss  seine 
^'•irperliche  Kraft  durch  übertriebene  Askeiie  geschwächt  war,  nament- 
lich aber,  dass  dii^  Mittelalter,  und  volUnds  eine  so  unmittelbare 
yatur  me  Seuse,  an  der  auch  gar  nichts  Gemachtes  und  Geziertes 
i'if  starke  Gefählsäusaerungen  hebte,  —  so  werden  wir  cersteken 
""»rf  entschuldigen.  In  ikm  schwachen  Körper  wohnte  doch  eine 
^«»'OMcAe  Se^e.  Seuse  ist  eben  in  allem ,  auch  in  der  ,t:omplexio 
"Ppositornm'  seine«  C/ntrakteif,  eui  echter  Sohn  des  Miüelnlters,  einer 
**iner  reinsten    Vertreter*). 

Der  dritte  Grundeug  in  Seu.^ets  Clutrakter,  van  dem  rorigen 
^'gentlich  untrennbar,  ist  sein  romantisch-ritterlicher  Geist. 
'"  der  Mystik  ist  dies  nichts  Neues.  Auch  der  wundersame  Heilige 
"ON  Assisi  ist  ganz  durchdrangen  von  den  ritterlichen  Anschauungen 
^r  Kremfakrerzeit,  die  er  ins  [ielirjiöse  überträgt  und  in  lyrischen 
i  Ausdruck    bringt  %     Selbst  Frauen    wie  Mechthild  von 


.  ')  Namtatlich  S.djff.iieinee  Wm-krg.  Seeberg  Obertrtibt  Üftirg  und  ist 
1  Dingra  nicht  genügend  nrinniitrt.  Er  meint,  Staat  habt  ea  nicht 
'  giaehlostcnen  Einheit  eines  grossen  CharakUrs  gebracht  (S.87I  und  ßndel 
"offof  „sehvSchffehc  sittUeht  Stimmung"  hei  ihm  (S.  143)1  Las  konfeseioneHt 
"f^rneitt  ist  gana  unnötig  stark  htrtingtingen.  Wenn  8.  äl  gant  htsondtrg  da* 
^halttn  Sense»  gtgen  seine  Sebvesttr  getadelt  wird,  dass  er  nämlich  luerst 
*"*  seinen  Schmers  und  die  Zerstörung  seintr  Ehrt  dtnke  (Vita  71,ä4f.), 
*"  **(  dabei  nicht  btrüeksichtigt,  dass  die  Aeusserung  des  Schmtrets  im  Mitltl- 
'•*•  «IM  andere  war  als  bti  modetiitn  Menschen,  i'itle  Belegt  dafür  bietst 
^-  Zappert,  Über  de»  Aiudruek  des  giitligen  Sehtneries  im  Milttlatter, 
^^^^iuehrifttn  der  Ahad.  dtr  Wiss.  tu  IFim,  phil-hist.  Klasse  V  (18S4)  73 ff.  ; 
"ff*-  aucA  A.Schullz,  Das  hof.  Lthsn  II,  47a.-  Schönbach,  Bartmann 
^"^  Au»  448.  Auch  Maria  lifsx  man  seil  drm  13.114.  Jh.  unter  dem  Krtuse 
*"^  in  laufen  Klagt-  und  Jammergtsebrti  ergthen  (MtHneb.  54fi,lS.  647,10: 
^^*K  389,37  ff.  270,10:  i>gl.  Zapp  er I  a.  a.  (I.  137/.). 

*)   Vgl.  Weis»   a.a.O.    V"  {16981   848;    ti'ihringtr   440:    Strauch 

a.  SchnUrtr,   l'ranz  von  Assist  1906,  12Sff. 


144*  Einleitung.    11.    Seuses  Leben  und  Werke. 

Maydebunj  und  Gertrud  d.  Gr.  zeigen  unter  religiöser  Hülle  mJnnli'ch' 
hriegerisclien  Geist  und  ihre  Schriften  stehen  unter  dem  Zeichen  der 
höfischen  Kultur^),  Noch  weit  mehr  ist  dies  hei  Seuse  der  Fall. 
Er  verleugnet  auch  in  keinem  Stücke  —  selbst  nicht  in  seinem  Lieb- 
lingsausruf:  waiFen!  —  seine  adelige  Geburt  und  Erziehung.  Man 
darf  mit   S  t  r  a  u  c  h  *)   sagen :    „  Die   ritterliche  Zeit  spiegelt   sich   in 

Seuse  besser   wieder  als  hei  irgend  einem   anderen  Dichter  der  Epi-        

gonenzeit;  der  Glanz  des  Rittertums  strahlt  fast  noch  ebenso  hell  '^^  ^1 
bei  ihm  wie  in  dessen  schönsten  Zeiten,  die  damals  schon  vergangen  ^  ^^i 
waren^.  Sein  ganzes  Leben  hat  Seuse  als  geistliches  Biitertum  auf-  — ^^^T- 
gtfasst,  als  Lehensdienst  im  Solde  einer  himmlischen  Hemn,  der  —  ^  -^r 
ewigen  Weisheit^).  Von  derselben  ritterlich-romantischen  Auffassung ^^^"^  ^g 
ist  auch  seine  Ma  r  /  e  n  r  e  r  e  h  r  u  n  g  *)  beseelt,  die  bei  ihm  eine  grössere  -sü^  —  'e 
Rolle  spielt  als  bei  den  anderen  deutschen  Mystikern.  Er  widmet^^  — -s/ 
von  Jugend  auf  treuen  , Dienst^  der  ,zarten,  geblümten,  rosigen  Magd,. 
(fOttes  Mutter*  (110,29  f.),  und  zeichnet  im  Bdew  die  ,süsse  Königin 
des  himmlischen  Landes*  (243,1  f.)  mit  derselben  „kindiichen  Innigkeii 
und  mit  detn  gleichen  engelsreinen  Affekt*^  *),  icie  eUra  später  Stephan 
Lochner  seine  Madonna  im  Uosenhag  oder  Fra  Angelico  seine  Madonn 
della  Stella  malt.  Er  beweist  dadurch,  irie  tief  und  rein  er  da^ 
Ideal  edler  Weiblichkeit  erfasst  hat.  Aus  dem  Marienkult  entsprifigt 
auch  sein  ntterlicJus  Ih nehmen  gegen  die  Frauen  überhaupt:  um  dei 
Gottesmutter  willen  bietet  er  allen  Frauen,  selbst  dem  ärfnlirhstei^ 
Weibe,  gerne  Zucht  und  Ehre  (49,11  f.,  vgl.  128,9 f.  205,18 f.). 

W.  Wackernagel^)  hat  Seuse  einen  „Minnesänger  iim^ 
Prosa  und  auf  geistlichnn  Gebiet^  genannt  und  andere  Liferar — 
historiker'')   haben   dieses   treffende   Urteil   übernommen.     Er   ist  dei  ^ 

*)  Vgl.  zu  Mechfhihl  Siran  c  h  in  Allg.  ätsch.  Biogr.  21,  156;  Michael 
a.  a.  O.  191:  bu  Gertrttd  Hevelat,  I,  (HO  und  Michael  180.  Ferner  Ptlttet^ 
a.  a.  (f.  W4f. 

^  Allg.  ätsch.  Biogr.  37,  178. 

•')    VffJ.  oben  S.  tJO*,  75*  und  dazu   Weiss  a.  a.  0.  P  (1894)  7S3ff. 

*)  Seusf  folgt  darin  nur  der  Tradition  seines  Ordens,  vgl.  Greitk  335ff,^ 
Haucky  Kirc/ungt'sch.  Deutschlands  IV  (190:^)  395/.    Die  HaupUteiien  smdc 
17,19  ff  y  39ySff.,  S6,:iOff.,  41,1.'^  ff.,  89,2  ff..  110,29  ff.,  117,12  ff.,  243,1  ff.  und  b^^ 
sofiders  Bdew  Kap.  Ifi,  17,  19,  20  (Hör.  137—46).   Im  Sinne  des  hl.  Bsmhartf 
nennt  Seunv  Maria  eine  .gniidige  Mittlerin  und  Stihnerin*  zwischen  den  Mensehsrs^ 
und  der  ewigen  Weisheit  (264,1  f.),  das  ,mittdlose  Mittel  aü  r  Sünder^  (263^5 f.). 
i'hcr  die  Ident  iß  zierung  Marias  mit  der  ewigen    Weisheit  s,  oben  S\  60*,  70\ 

•'•)  Denifle  413  A.  1. 

'•)  Gesch.  der  dentsclnn  Lit.  /■',  4:?9. 

')  Stf  namentlich    \\\  Scher  tr  a.  a.  (t.  :J38. 


Charakteristik  Ton  Seuses  Person  und  Werken.    Seine  Lehre.        145* 

figeNtliche  Poet,  genauer  ausgedrückt  der  Lyriker  unter  den  deutschen 
Mystikern ')  und  mehr  Dichter  als   mancher  seiner  verseschmiedenden 
Zeitgenossen ;   in   der  Geschichte  der  deutschen  Nationalliteratur  ver- 
dient   er  daher  auch   einen  Ehrenplatz^),     Seine  geistliche  Liebe  ist 
ganz  in  Formen  gekleidet j  welche  an  die  weltliche  Liebeslyrik  erinnern ; 
es  ist  tcohl  auch  kaum  zu  bezweifeln,  dass  er  wie  das  hößsche  Epos^) 
so  auch  den  Minnesang y  der  in  Schwaben  ja  ganz  besonders  zu  Hause 
«^r,    gekannt  hat  und  von  ihm  beinflusst  wurde  *).   In  jenen  feurigen 
Wor/^w,   womit  er  die  Junge,   wohlgeborene  Tochter^   die   ihr   Herz 
iiiüjypige  Minne  verstrickt  hattCj  für  Gottes  Minne  zu  gewinnen  sucht 
(^^ylOff,),    spricht   gleichzeitig  der   Minnesänger    und   der   Mönch, 
Ober-  seine  Rede  ist  noch  jetzt  ein  wunderbarer  Zauber  gebreitet,  der 
gefattgen  nimmt.    Mehr  noch  als  bei  Mechthild  von  Magdeburg  klingt 
seine  Sprache  wie  Musik,   nie  ist  sie  abstrakt  und  nüchtern,  sondern 

« 

ifntner  lebensfrisch,  farbenreich  und  schwungvoll,  voll  treffender  Ver- 
suche  und  Bilder,   nicht   selten  auch    von   prägnanter   Kürze,    voll 


*)  Denifle,  Taulers  Bekehrung  86  sagt  zwar,  wenn  man  nun  ncüiezu  kon- 
^^^^tianeü  Seuse  zum  Unterschied  von  den  übrigen  deutschen  Mystikern  als  den 
'^^reter  der  dichterischen  Richtung  der  Mystik  bezeichne,  so  sei  es  an  der 
^**^,  dieses  Urteil  zu  korrigieren,  denn  Tauler  sei  nicht  weniger  poetisch  als 
^  '^nd  an  Reichtum  der  Phantasie  könne  sich  Seuse  mit  Tauler  nicht  messen. 
^*fein  es  ist  sehr  fraglich,  ob  Denifle  imstande  ist,  die  allgemeine  Auffassung 
^^^Mustossen ;  er  hat  sein  Urteil  in  seiner  Seuseausgabe  auch  nicht  wiederholt. 
^ fidler  ist  gewiss  nicht  in  gleichem  Masse  Romantiker  und  Lyriker  icie  Seuse, 
*'"  ^eMitzi  nicht  dessen  Kraft,  das  ganze  Leben  poetisch  zu  verklären  und  in 
^<^hterisch  gehobener  Sprache  darzustellen,  seine  Bilder  sind  ästhetisch  weniger 
f^*^  Und  nicht  so  abgerundet. 

•)  Vgl.  z,  B,  seine  warme  Würdigung  hei  Seh  er  er  a.  a.  0.  2S8f.  und 
^**^ch  Vogt  in  H.  Pauls  Grundriss  der  german.  Philol.  11^  (1901)  3ö7 f. 
^^''auch,  Ällg.  dtsch.  Biogr.  37,170  nennt  Seuse  geradezu  den  ^.letzten 
^^eliiochdeutschen  Dichter,  mit  dem  die  Periode  abschliesst^^ ,  und  Vogt 
^'  ^'  O.  357  meint,  Seuses  Vita  sei  wohl  das  poesievollste  Prosadenkmal  der 
^^^iode. 

*)  Vgl.  die  Anm.  zu  66,6  f.  112,16  und  namentlich  Hör.  18  (schon  S.  76* 
'*• -2  zitiert).  Über  Kenntnis  der  Artussage  in  geistlichen  Kreisen  vgl.  ScJiön- 
^^'cÄ,  Hartmann  von  Aue  446 f. 

*)  Dieser  Einfluss  verrät  sich  besonders  in  seinen  Xaiurschilderungen,  in 

"**■  Verbindung  von  Frühling  und  Liebe,  Winter  und  Trauer,  in  dem  Apparat 

'^^er  Bilder  und  Vergleiche  (Vögel,  Blumen,  Tanz  und  Spiel  usw.).   Bei  Vita 

*^^ff'  wird  man  an   die  geistlichen  Tagelieder   erinnert.     Der  bekannte  term. 

^^K  für  Abfassung  und  Vortrag  lyrischer  Poesien:  singen  und  sSigen  begegnet 

^^erhoU  bei  Seuse  (16,6.  56,0.  610,6). 

H.  Seate,  Deaiiohe  Schriften.  10* 


146*  Einleitim»!:.    IL    Seuses  Leben  und  Werke. 

Sah  vnd  Sinniykeit^),  Seuses  Werke  bezeichnen  einen  Höhepunkt 
der  deutschen  mittelalterlichen  Prosa;  das  alemannische  Idiom  ist 
ihrin  in  seiner  yanzen  Biegsamkeit  und  Fülle  angewandt  ohne  alle 
Manieriertheit  und  Künstelei,  in  naiver,  unlewusster  Schötiheit^). 
Man  hat  schon  oft  rühmend  hervorgehoben,  welche  Bedeutufig  den 
deutschen  Mystikern  zur  Ausbildung  einer  guten  deutschen  Prosa 
zukam y  und  wie  sie  es^  verstanden  haben,  auch  das  Abstrakteste  in 
deutscher  Zunge  treffend  wiederzugeben^),  Seuse  hat  seiften  wohl- 
gemessenen  Anteil  an  diesem  Verdienste,  Nicht  als  ob  er  eigentlich 
nn  sprachschöpferisches  Genie  gewesen,  allein  er  hat  es  wie  kein 
Zureiter  verstand-eny  auch  die  feinsten  Nuancen  des  Empfindungslebens 
treffend  und  plastisch  in  einer  anmutigen  und  bilderreichen  Sprache 
auszudrücken,  welche  in  der  Seele  des  Hörers  oder  Lesers  unwillkürlich 
ähnliche  Empfindungen  auslöst.  Als  Virtuose  des  religiösen  Gefühls 
hat  er  das    Wort  seinen  innersten  Anschauungen  und  Empfindungen 


^)  Vgl.  seine  schönen  WorUtpiele,  z.  B.  174,9  f.,  2'Jl;if,,  234,13  ff.,  249,22 ff., 
L'fiy,10f.,  299,f!f.,  312,31  f.,  431,33 f.,  433,17.  455,21  ff.,  462,15/.,  463,21.  478,3/,, — 
ferner  den  hUtifigen  Gebrauch  von  Sprichwörtern  und  Sentenzen,  so  s.  B.  13,bff.^ 
384,12/.,   407,19.  420,19.    424,13.    441,12/.,    445,18.    460,9/.,   462,5/.,    463,17/.^. 
23/.,  464,26.   483,16.  i>15.:K).  535,19/     B i r li n g e r  /ültri  in  Alemannia  1877^ 
56/.  14  Sprüche  aus  dtm  Bdeir   an.     In  Seuses  Hede   bricht  nicht  selten   der^ 
Beim  durch   (2.  B.  224,16 ff.)    und  Assonanzen  sind  sehr   häufig;  er   liebt   ess" 
iiamenilich,  den  Schluss  eines  Ahschnitics,  z.  B.  in  den  Brie/en  437,13.  456,6/.^ 
400,29/  j  477,5  durch  Heim  zu  bezeichnen,     über  den  Gebrauch  des  Reimes  im 
den    deutschen    Predigten   des   Mittelalters  vgl.    Wackernagel,    Altdeutsche 
Fred.  324/ 

')  Seuse  selbst  schätzt  seine  sehr i/i stelle rische  Kunst  und  die  Ausdrucks^ 
fffhigkeit  des  Deutschen  gering  ein  (Bdew  199,1 4  ff. :  vgl.  obeti  S.  105*);  das  JLateifS 
stand  ehvH  den  Theologen  im  Mittelalter  immer  hoch  über  den  VulgärsprachtHm 

•\)  \'gl.  namentlich  B/ei//er  in  seiner  Ausgabe  der  deutschen  Theologie 
und  in  Germanin  III,  409:  Wacker  nag  cl,  Lit.-Ge.fch.  /*,  423/  Preger 
in  der  Ausgabe  des  Min  neb.  432  ff .  über  Seuse  speziell:  Preger  a.  a,  O.  437/.; 
B  ö  h  r  i  n g  e r  41 1 :  S eebe rg  ?  1  /.  Auf  Kinzelunt-:rsuchung  kann  hier  nicht 
eingignngen  Wtrden.  Gegenüba'  Kramm  in  Z/dph  XVI,  Iff.  Ihat  Deni/le 
im  Archiv  II,  4J.'i/.  davor  gwarnt,  dif  Verdeutschung  der  scholastischen  Kunst" 
aus'lriirhe  durch  die  Mgsfi/ctr  allzuhoch  anzuschlagen.  Zu  gründlieher  Unter' 
suchung  sind  bis  jetzt  aber  kaum  die  ersten  An/änge  gemacht  (vgl,  auch 
J<>.st(  s  (I.  (I.  n.  js.  S.  l.y^l  VIII/.).  Auch  ist  noch  nicht  er/orschi,  welchen 
Auf  dl  dl.  Predigt  di.r  Betlei  nitnchv  und  die  Mgstik  an  der  über/ührutig  der 
drutschen  Sprar/tt  awi  der  rittcrlich'hößsrhen  W^iit  in  die  bürgerlicJh theologische 
Sphfire  int  s})''iter(n  Mittelalter  gehfdjt  hat  1  rgl.  den  Bedeutungswandel  bei 
WnrtiTn  wie  guot,  milt.  tugmthaft  u^n\). 


Charakteristik  von  Seuses  Person  und  Werken.    Seine  Lehre.       147* 

zugebildet   und  mitunter  auch  in  neuen  Formen  denselben  dienstbar 
gemacht '). 


Nicht  sehr   viel  ist   über  Seuses   Lehre   zu   sagen  ^),     Durch 
logische    Zergliederung    und   systematische   Zusammenfassufig   laufen 
-steine  gottinnigen  Gedanken  Gefahr,  den  lieblichen  Zauber,   der  über 
— sHe  ausgegossen  ist,  zu   verlieren,     Seuse   will  mehr  nachempfunde)i 
Mnd  genossen,  als  verstandesgemäss  aufgefasst  sein.    Seine  spekidativen 
Mredanken   entwickelt   er  in    den  letzten  acht  Kapiteln  der  Vita  und 
Jm  Bdw,   seine  Grundsätze  über  das  asketische  und  mystische  Leben 
-^esanders   im  Bdew,   in   den   Briefen   und  Predigten.     Um  ein  zu- 
sammenhängendes,  methodisch  durchgeführtes  System  handelt  es  sich 
bei  ihm  weder  in  der  spekulativen  noch  in  der  praktischen  Mystik. 
In  keiner  von  beiden  Beziehungen  kann   er  eigentlich  originell  oder 
bahnbrechend  genannt  werden:  er  trägt  das  von  Väterzeiten  her  Über- 
lieferte und  durch  die  Scholastik  systematisch  Bearbeitete  mit  grosser 
Pietät  vor  und  macht  kaum  einen  Versuch,  darüber  hinauszukommen. 
Seuse    ist    in    allem   der  getreue    Gefolgsmann   seines   Ordenslehrers 


*)  Einzelne  Beispiele  hei  Preger  a,  a.  0.  436,    Surius  in  der  Vorrede 

seineti  lateinischen  Übersetzung  (Köln  1555,  5)   urteilt   über  Seuses  Sprache: 

Sermo   eins  Germanicus  inagnam  habet  gratiam,  adeo  ut  Latino  sermone  eam 

assequi  non potueritn,    W,  von  Scholz  als  modemer  Dichter  schreibt  in  der  Vor- 

''ede  seiner  Auswahl  (s,  u.)  S.  IX  f,:  „Ein  Dichter  spricht^  ein  starker  Beweger 

**nserer  schönen,  anschaulichen,  gedanklich  nicht  zersetzten^  reichen  alten  Sprache, 

^n  Mann,  der  zu  dieser  Sprache  von  Geburt  an  begabt  ist,  dem  selbst  Gedanken 

J^zst  naturgemäss  leuchtende  Anschauung,   Vision  werden  .  .  .  Suso  ist  vielleicht 

^ein  ganzer  Erzählungskünstler :  er  sieht  als  Erzähler  über  das  einzelne  Erlebnis 

*^icht  weit  hinaus.    Aber  das  weiss  er  mit  Kunst  aufzurollen.     Wo  die  ruhigere 

-^irzählung  zum  Ereignis  zusammendrängt,  da  fasst  ihn  im  lebhaftere  V er  gegen- 

'^€?ärtigen   dtr  Rhythmus  des    Geschehens  selbst.    Sein  Atem  geht  rascher,  seine 

'Satee  werden  knapper,  seine  innere  Anschauung  reiht  hart  Moment  an  Moment^ 

f\}gh  Kap.  26  der  Vita),     Wie  viel  die  Modernen   in  sprachlicher  Hinsicht  an 

«ifen  deutschen  Mystikern  lernen  können,  zeigt  z,  B.  P.  Ernst,   Der  Weg  zur 

--^arm.  ästhetische  Abhandlungen  1906. 

*)  Seuses  Lehre   entwickeln,  freilich   zum  Teil  nicht  immer  richtig,  weil 

<Mhne  genügende  Kenntnis  der  Scholastik:   Preger  II,  375—415;   Schmidt 

-^6SS5;   Böhringer   365—424;    Volkmann    48—62:    Greith   303—25. 

'Weitere  Aufschlüsse  findet  man   in  Denifles  trefflichem  Kommentar.     Eine 

^tUe  Entwicklung  der  Hauptgedanken  der  deutschen  Mystik,  die  auch  auf  Seuse 

nnwtndJbar  ist,  bei  Krebs ,  Meister  Dietrich  127 — 34 ;  T homasius- Seeberg 

o.  a.  O.  290—315. 


148*  Kinlcitungr.    IT.    Seusea  Leben  und  Werke. 

Thornas  von  Aquin  ^),  den  er  aufs  höchste  verehrt  (vgl.  oben  S,  35*, 
87*  A.  2),  Daneben  ist  er  freilich  auch  Schiller  Eckharts^,  allein 
er  folgt  dem  Meister  nur  so  weit,  als  die  strenge  kirchliche  Lehre 
mit  seinen  AvfsteUungen  harinoniert^)^  und  vermeidet  sorgfältig  und 
mit  Glück  die  Klippen,  an  denen  jener  gescheitert.  Von  Pantheismus 
oder  Quietismus  kann  hei  Seuse  keine  Bede  sein;  er  hält  in  seinem 
Weltbilde  die  Immanenz  und  Transzendenz  Gottes  fest  und  verteidigt 
den  Begharden  gegenüber  den  wesentlichen  Unterschied  zwischen  Gott 
und  der  Menschenseele  auch  in  der  höchsten  Beschauung  (vgl.  350,21  J^., 
354,13f.), 

In  einer  Hinsicht  ist  Seuse  jedoch  durch  und  durch  originell: 
in   der  Art,   me   er   die   mystische  Lehre   vor   allem  auf  sich  selbe}" 
angewandt  und  sich  zu  einem  durchge übten  Geisfesmann  herangebildet 
hat.     Er  wirkt  mehr  durch  das,   was  er  selbst   war,  als  durch  das, 
was  er  tat  und  lehrte,    Seuse  ist  auch  der  einzige  deutsche  Mystiker,^ 
von  dessen  Persönlichkeit  wir  uns  ein  ganz  klares,   scharf  umrisse  nef^ 
Bild  machen  hönnen.      Weit  mehr  als  bei  Eckhart  und  Tauler,  voim- 
denen    wir    überhaupt    nicht    sicher    wissen,    ob   sie  auch  praktische 
Mystiker  waren,   steht  bei  Seuse  die  mystische  Devotion,    dcis  innere 
Erleben   im    Vordergmnd   und   beeinflusst  auch   seine   Spekulation  ^). 
Auch  wo  er  sich  mit  mehr  theoretischen  Fragen  befasst,  hat  er  stets 
praktische  Ziele:    Unterweisung  der  fortgeschritteneren  Gottesfreunde 
oder  Polemik  gegen  irrtümliche  Auffassungen,  im  Auge.     Sein  TVr- 


*)  iber  die  strittige  Stelle  zu  Beginn  von  Kap,  51  der  Vita,  wo  Stmt 
in  der  Frage  der  Gotteserkenntnis  sich  euerst  der  älteren  Franziskanerschule 
ufid  Eckhart  angeschlossen  zu  haben  scheint,  vgl.  oben  S.  34* f, 

')  Stärker  benutzt  ist  Eckhart  namentlich  in  Kap,  52  der  Vita;  vgl,  auch 
Bdw  Kap.  1  und  6.  Vita  l/OJf.  ist  der  pseudoeckhartische  Traktat  ^Sehwe^ter 
Katrei^  bezw.  seine  (Quelle  benutzt;  vgl.  dazu  auch  Krebs,  Meister  Dietrich 
144  A,  1. 

^)  Daher  betont  Seuse  in  den  Prologen  seiner  Schriften  (5^21,  197,16 ff. 
328,2  ff.,  Hör,  13)  immer  ganz  besonders  die  Zusammenstimmung  mit  der  Reuigen 
Schrift^  (scrijttura  sacra  im  ireittren  Sinne  gebraucht,  vgl,  die  Anm,  zu  107^20), 

')  K.  Müller  in  Zntschr.f.  Kirchengesch.  VII  (1885)  116  ff.  (vgl.  auch 
T  ho  masi  US 'Seeberg  a,  a.  0.  :2yi;  Deniflc  im  Archiv  II,  626  f,)  betont 
mit  Hecht,  dass  Pregers  Darstellung,  tvelche  sich  voifiehmlich,  ja  fast  aus- 
sc?ilicssiich  für  die  dogmen-  und  literargeschichtliche  Seite  der  Mystik  interessiert, 
den  eigentlichen  Kernpunkt  derstlhen  nicht  treffe:  das  eigentümliche  in  der 
deutschen  Mystik  sei  nicht  die  ,,Lchre^,  in  der  sie  sich  eugestandenermassen 
ganz  auf  dem  Boden  der  Scholastik  bewege,  sondern  die  mystische  Devotion  im 
weitesten  Sinne  des   Wortes.     Das  trifft  ganz  besonders  auf  Seuse  tu. 


Charakteristik  von  Seuses  Person  und  Werken.    Seine  Lehre.       149* 

hältnis  zu  Eckhart  und  Tauler  pflegt  man  yew'öhnlich  in  die  Fonyiel 

zusammenzufassenj  dass  Eckhart  die  Mystik  vorunegend  von  der  Seite 

der  Erkenntnis,    Tauler  von  der  Seite  des  Willens,   Seuse  aber  von 

der  Seite   des  Gefühls  erfasst  habe  ^).     Wie  alle    Vergleiche  so   hat 

auch  dieser  seine  Schwächen,  wenngleich  er  in  der  Hauptsache  zweifellos 

das  richtige  trifft    An  spekulativer  Kraft  steht  Seuse  Eckhart  jeden- 

falhi  nicht  gleich,  obwohl  seine  Begabung  auch  nach  dieser  Seite  hin 

nicht  unterschätzt  werden  darf^,  an  Gemütsinnigkeit  und  dichterischem 

Sinne  steht  er  über  Tauler ,  der  ihn  aber  seinerseits  an  Klarheit  und 

j>raJctischer  Erfassung   edler   Verhältnisse  des  Lebens,  wie  an  edlem, 

^nciritiglichem  Pathos  übertrifft.      Wie   bei  jenen  beiden  Koryphäen 

<i^r  deutschen  Mystik  bildet  auch  bei  Seuse  die  areopagitische  Form 

der    Mystik,    die    durch   die   Viktoriner   erneuert   worden    war,    das 

J^nochengerüst   seiner  Spekulation,    aber    mehr   noch    als  sie  belebt 

njcnd  erfrischt  er  dieselbe  durch  die  bernhardinische  Art  der  Frömmig' 

A:eit,   die  in   der  bräutlichen  Liebe  zu  Jesus  gipfelt^).     Der  Grund" 

r^edanke   seiner  Mystik  kann  nicht  besser  und  bündiger  ausgedrückt 

fi  erden,  als  er  es  selbst  tut  mit  den  Worten  (168,9  f):  ,ein  gelassener 

JMensch  muss  entbildet  werden  von  der  Kreatur,  gebildet  werden  mit 

-Christo  und  überbildet  in  der  Gottheit'. 

Seuses  Gelehrsamkeit  geht  nicht  über  das  im  Zeitalter  der 
Scholastik  gewöhnliche  Mass  hinaus*).    Seinen  Aristoteles  hat  er 
€jut  studiert  und  zitiert  ihn  gerne  als  ,hohen*  oder  ,weisen'  Meister 
^171,12. 177^15. 388,3.  428,1).    Als  Kronzeuge  seiner  Spekulation  figu- 
riert der  fliehte*  Dionysius  (190,4.  390,1.  471,6).    Er  kennt  und  be- 
nutzt auch  Boethius,  unter  den  Kirchenvätern  besonders  Augustin 
und  Gregor  d.  Gr.;  unter  den  mittelalterlicheyi  Theologen  haben  ihn 
namentlich  der  ,süsse  Herr   Sankt  Bernhard^   (254,17)   und  ,das 
klare  Licht,  der  liebe  Sankt  Thomas,  der  Lehrer^  (180,16  f.),  zum 
Teil   auch  B onaventura    (vgl.   Vita  Kap.  51)   beeinfiusst.     Noch 


0  Vgl  Wackernagel,  Altdeutsche  Fred.  431 ,-  Preger  11,373;  Greith 
mf.;  Strauch^  Allg.  dtsch.  Biogr.  37 y  176. 

*)  Unrichtig  sagt  Schmidt  886 f.:  ^ Seuse  konnte  kaum  zu  einem  Ge- 
danken kommen,  der  nicht  unter  sichtbarer  Gestalt  seiner  Phantasie  erschien  .  ,  . 
Darum  unü  ihm  auch  das  Philosophieren  nicht  gelingen,'^ 

■)  VgL  besonders  K.  Müller,  Kirchengesch.  II,  1  (1897)  38 f.',  Loofs, 
Leitfaden  der  Dogmengesch.  *1906,  630 f. :  Ilarnack,  Dogmengesch.  IIP,  396 f. 

*)  In  naturwissenschaftlichen  (vgl.  z.  B.  1^,6  f.,  99,3 ff.^  266,34 f,)  und 
historischen  (vgl,  die  Legenden  von  J.  Chrgsostomus,  Paulus  und  Ignatius, 
Vita  50,22 ff. ;  Bfb  392,21  ff.)  Dingen  zeigt   er   die  ganze  Naivetät  seiner  Zeit. 


150*  Einleitung.    IL    Seuses  Leben  und  Werke. 

riel  weniger  als  bei  irgend  einem  anderen  deutschen  Mystiker  können 
bei  ihm  vorreformatorische  Tefidenzen,  eine  ,evangelische  Grundrichtung^ 
nachgewiesen  werden^) ;  er  ist  ganz  und  gar  katholisch  und  mit  allen 
Fasern  auf  dem  Boden  mittelalterlichen  Kirchen-  und  Christentums 
festgewachsen.  Wenn  er  manche  Formen  der  kirchlichen  Irommigkeit 
verinnerlicht  und  ihnen  die  Glut  seines  Lebetis  eingehaucht  htU^,  so 
ist  das  sein  persönliches  Verdienst,  das  ihn  aber  in  keiner  Weise 
über  seine  Zeit  hinaushebt. 

T.  Nachwirkung  Seases  in  der  Literatur. 

Seuses    Werke   waren   nicht  bloss  zu  seiner  Zeit,  sondern  auc/m^ 
in   den  folgenden  Jahrhunderten  sehr  beliebt^)  und  viel  gelesen;   «& 
haben  dementsprechend  auf  die  spätere  geistliche  Literatur  einen  nich^ 
unbedeutenden  Einfluss  ausgeübt,  der  freilich  im  einzelnen  oft  schwef^ 
nachzuweisen  ist*).    Manche  Verfasser  von  asketischen  Traktaten  und 
Briefen,   sowie  Prediger   des   14.  und  15.  Jh.   haben  Sense   benutzt 
und  oft  mehr  oder  weniger  wörtlich  Teile  aus  ihm  her  übergenommen  % 


^)  Die  Versuche  bei  Volkmann  30 f. ;  Albert  a.  a,  0.  III,  160 f. ; 
Lechler,  Wiclif  I  (1873)  150  f.  sind  hinfällig;  vgl.  dagegen  Deni/le  3% 
A.  5  ;  Schmidt  892:  Seeberg4Sf.;Thoma8iu8-Seeberg  a.  a.  0.  299  A.  4. 

0   VghPreger  II,  372. 

^  Vgl,  die  Schreibernotiz  in  Es.  M  (s.  oben  S.  10*):  ich  han  den  Sjsseu 
lieb  von  hertzen  und  eine  ähnliche  Bemerkung  von  einer  Hand  des  16./ 16.  Jh. 
auf  dem  letzten  Blatte  eines  Exemplars  des  Druckes  von  1482  (in  der  Kgh 
Landesbibliothek  zu  Stuttgart):  man  soll  das  mit  gülden  puchstaben  schreiben 
prueder  .  . .  (das  folgende  teils  unleserlich,  teils  toeggeschnitten). 

*)  Vgl,  Strauch  in  Allg.  dtsch.  Biogr,  37, 178:  ,.es  wäre  eine  dankens- 
iverte  Aufgabe,  dieses  Nachwirken  einmal  im  Zusammenhange  zu  verfolgeti.^ 
Auf  Vollständigkeit  kann  es  hier  nicht  abgesehen  sein, 

^)  Benützungen  von  geringerer  BediMtung  sei^n  hier  summarisch  auf- 
geführt: die  Verfasserin  des  Traktates  ,Buch  der  göttlicfien  Liebet  in  der  Ein- 
siedler Hs.  752  {VfjL  Simon  a,  a.  O,  [s,  oben  S.  Ö*  A.  Ij  31  ff.)  hat  Sause» 
Vita  und  Bdew  mehrfach  benützt;  in  einer  asketischen  Schrift  über  Geduld  im 
Leiden,  Kohhar  Hs.  3o2  und  Zürich,  Stadtbibl.  Hs.  C  127  (beide  16.  Jh.», 
jimhn  sich  Stücke  aus  dem  Bdew:  in  der  Maihinger  Hs.  III  1.  4^3.  ist  in 
Fassionshetrnchtungcn  einiges  aus  Vita  und  Bdew  vertcoben^  und  ähtUich  auch  in 
Cod.  Norimh.  Cent.  IV,  30;  die  1()0  Betrachtungen  sind  benütgt  besw.  nach-- 
geahmt  in  Cod.  Berol.  genu,  oct.  4:J  und  Cod,  Norimb.  Cent.  VI,  63  und  VII,  34 
ilOi)  Artikel,  ron  Lesemeister  Gerhart  zu  IJntwUnden  1425  gepredigt);  in  der 
Maihinger  Hs,  IIJ  7.  4''  8,  Bl.  179—04  ein  Brief  mit  dem  Motto  ,Habitabit 
hqms'  ähnlich  dtinjenigin  ran  Seuse.  Auf  weitere  Benutzungen  Seuses  in  Hss. 
^u  Birlin,  Cues,  Sf.  GnUen,  SUrnhrrg  ist  schon  oben  S.  22*,  26*  und  2ti*  auf- 
merksam gewacht  imrden. 


Nachwirkung  Seuses  in  der  Literatur.  151* 

Die  Benützung   von  Bdew  232,16 f.  und  Brief  Audi  fili  437 ,16 ff, 
durch    Rulman  Merswin^)   ist   im   Kommentar   zu   diesen  Stellen 
erwähnt;   in  dem  Schürebrandtraktat   (ed.  Strauch  50,14),    rf^r  zur 
GottesfreundJiteratur  gehört,    werden  die   zwei  angeredeten   Nonnen 
auf  die  Schriften  der  hl.  Kirclienväter  und  der  ^erleuchteten  Gottes- 
freu^ide^  Tatäer  und  Seuse   hingewiesen  *).     Die  schöne  Parabel  von 
der  Eungkeit  (das  Vöglein,  das  alle  hundertausend  Jahre  ein  kleines 
Jvörnlein   vom  Berge  abbeisst),  v:ohl  erstynals  durch   Seuse   in   die 
Literatur  eingeführt,  findet  sich  bis  ins  18,  Jh.  sehr  häufig  in  ver- 
schiedener Variation  in  poetischen  und  prosaischen  Werken  (vgl.  den 
s^u    239,12  ff.   zitierten   Aufsatz   E.   Köhlers).     Möglicherweise    ist 
<Much  der  Gebrauch  des  Wortes  ,Fusstuch^  (58,7  u.  ö.,  vgl.  da^  Eegister) 
^^ur   Bezeichnung   des   geduldigen    Leidens   ohne  allen    Widerspruch 
<J,urch   ihn   aufgekommen^).     Der  unbekannte   Verfasser   eines  Lehr- 
^i^f/stefns   der  deutscheyi  Mystik  (bei  Greith  96 — 202),   welches  teils 
ous  älteren  Theologen,   teils  aus  verschiedenen   deutschen  Mystikern 
€Jes  14.  Jh.  zusammengefügt  ist,  hat  aus  Seuses  Vita  und  Bdw  grössere 
^ibschnitte  wörtlich  entlehnt,  ohne  seinen  Namen  zu  nennen  %    Eben- 


*)  Dana  das  Buch  von  den  neun  Felsen,  das  bis  neuestens  vielfach  Seust 
zugeschrieben  und  in  die  Ausgaben  seiner  Werke  aufgenommen  wurde ^  nicht 
Ton  ihm  stammt,  braucht  jetzt  nicht  mehr  bewiesen  zu  werden,  „Sowohl  der 
äusseren  Form  wie  dem  inneren  Geiste  nach  herrscht  zwischen  ihm  und  den 
achten  Schriften  Seuses  ein  wesentlicher  Unterschied,  und  zwar  ein  so  gttvalliger, 
wie  zwischen  Seuse  und  Rulman  Merstoin^*  (Denifle  XII).  Ifem  letzteren  ist 
es  trotz  der  Bestreitung  durch  Ried  er  (Der  Gottesfreund  vom  Oberland,  eine 
Erfindung  des  Johanniterbruders  Nikolaus  von  Löwen  1905,  98  ff,)  allem  nach 
immer  noch  zuzuschreiben  (vgl,  gegen  Rieder  namentlich  Strauch  in  Zfdph 
19(j7,  121  ff,).  Über  Komposition  und  Quellen  des  Traktates  vgl,  die  eindringen- 
den Untersuchungen  Strauchs  in  Zfdph  1902,  235—311, 

*)  In  dem  noch  ungedruckten  Gottesfreundtraktat:  Leben  zweier  heiliger 
Klosterfrauen  in  Bayern  (Margareta  und  Katharina)  Jindet  sich  eine  Vision, 
in  der  beide  Frauen  mit  roten  Rosenkränzen  geschmückt  erscheinen  (Strauch 
in  Realenzykl,  f. Protest,  Theol.  XV IP,  210,15 f,:  vgl,  ebd,  212,23 ;  216,40),  und 
ähnlich  im  Zweimannenbuch  ed.  Laue  her  t  1896,  12,10  und  in  einem  Briefe 
des  Gottesfreundes  bei  Rieder  a.  a.  0,109*,  42;  offenbar  ist  Seute  {vgl.  die 
Stellen  oben  S,  (JO*)   Vorbild  gewesen, 

*)  Fs  findet  sich  z.  B,  in  den  Viten  von  Töss  (S,  oben  S,  120*  A,  1),  in 
Ruysbroeks  ,Buch  von  zwölf  Tugenden^  (vgl.  Jiöhringer  (JloJ  und  bei  Ivgolt 
(Goldenes  Spiel  ed,  Schröder  15,10), 

*)  Bei  Greith  123,  126,  129 ff',,  152 ff.,  174.  Über  diese  Koiiipilaiion,  die 
Greith  viel,  zu  hoch  eingeschätzt  hat,  vgl.  M.  Pahncke,  Untersuch umjen  zu 
den    deutschen    Fredigten    M,    Eckharts,    JJiss.  Halle   1905,   6ff.;    Krebs. 


152*  Einleitung.    II.    Seuse»  Leben  und  Werke. 

fftUs  noch  /H.<i  IL  Jh.  gehört  <l4ir  süddeutsche  Prediger,  dessen  Samm^l' 
icerk:  SernwHei*  de  tvmpore  et  de  sanctiSy  das  im  15.  und  16.  Jh. 
hihfßfj  yedruckt  und  fäUchlich  Alhert  dem  Gr.  zugeschrieöen  wurde, 
einitfemtd  Seft}<es  Ifor.  zitiert^), 

Ks  ist  bekannt,   dass  die  asketische  Literatur  am  Atisgany  rfe?* 
11,  und  im  15.  Jh.  an  Orit/inalita't  und  Tiefe  gegenüber  der  voran- 
gehenden Periodik  bedeutend  abnimmt]   sie  gebraucht  zwar  noch  viel- 
fach Wendungen  der  deutschen  Mgstik  und  benutzt  deren  Erzeugnisse, 
fibcr  ohne  imstande  ::u  sein,  ihrem  hohen  Gedankemchwung  zufolge» 
und   ihre  poesievolie   Redeweise   nachzuahmen.     Der  Basler   Minorii 
Otto  von  Passau  zeigt  sich  in  seiner  Schrift:  ,Die  24  Alten  oder 
der  goldene  Thront  die  er  für  G ottisfrennde  verfasst  hat  (ca.  1383)^ 
inhaltiich  ron  den  deutschen  Mgstikern  nicht  unberührt,  aber  er  zitiert 
Sf'e    nicht'-).     l>ie    Abhandlung   seines   Ordensgenossen   Markus  fo»* 
Lindan  (f  lSi)2)  über  die  zehn  Gebote,  die  ebenfalls  cornehmlich 
dir  Gottvsfrennde   /fcriieksichtigt  und  in  Xomienklöstern   viel  gelesen 
H:iirde,  t-trent  einige  Maie  Zitate  aus  dem   Hör.  ein  ^).     Wänner  sind 
die  Jieziehftngen  des  Dominikaners  Joh.  \ider  (f  1438)  zu  Sense, 
znar    nicht   so   sehr   in   seiner   Erbanungs.^chrift:   jDie  24   goldenen 
Ifftrfen',  nuewohl  er  ihn  auch  hier  in  der    Vorrede  und  sonst  einif/f 
Mide  zitiert,   als  vielmehr   in  den  .^chon    oben  S.  20*  erwähnten    U9^ 
gedrnckten  geistlichen  H riefen  an  KlosterfraueUj  die  einen  recht  her2r 
liehen   Ton  anschlagen  ^),    und  in  einer  ebenfalls,  wie  es  scheint,     bi» 
jetzt  ffnbekffnnt  gebliebenen  Anweisung  für  seine  geistlichen   Kindei^ 
,wie  sie  sich  der   ewigen    Weisheit   vermählen   sollen^   (in  der  Kar  fe- 
rnher lls.  Cod.  St.  Georg.  Genn.   103  Bl.  138—54  [von  1572,  (ff'' 

Mri.strr  Jh'etnvh   ÜH-,  :*UL\     Eiiu    hvsserc    and  rollst  findigere  Hs.  in  Zürit*^* 

Stafithihl.   C  10"^''. 

')    l'f/l.   Crut'l  n.  n.  0.  .»li'J  :  .1.  i  n  s  f  u  m  n  yt-  r  o.a.  <).  4tilff. 
-1    Vffl.  , St  rauch  in  Alhj.  dtach.  Biogr. 'J4,  741, f  :    Deutsch    in  Btif^' 
i'ii:»//:fojß.  f\  /n-nfvst.  The'd.  XI\'\  .'^i? JK 

')    1'///.   ('rntl  a.  a.   (f.  40 J :    (r  cffrk'i  n ,    Der    liilderkatechismtu 

/.». .///.  /.s.'**;..  /'.'.//:  lofff. 

•  I  /h\.s'.  tht  H  sind  irohl  nach  Srhntunstt  intntrh  im  Elsa»» gerichitt,  trenignUnt^ 
»rt'rd  :„  diu  ron  ./.  Mei/t.r  t/eurlielfrtcn  Srhönrnstthiffaeher  Vitcn  (a.  oben  S.  19*" 
A.  /'  ji'sagt.  Xt'd'-r  hnln'  an  die  Srhn\sttntj  deren  Vicarius  er  itnr  (vgl.  auch 
S'hi'l.r  if. 'I.  ff.  141  ff. I,  riih'  Brirfr  t/e.srhiithrn.  dir  m>ch  in  tinrm  Budit 
trhdffin  s-eitn.  her  >  cht  SiUsrsrhc  Ausruf  ^Wajl'm'  kehrt  in  den  Briefw 
nnhrinal.^  iri-dtr.  Zn\i  an  Sl.isv  trinmntde  liriffr  br 2 ir.  Predigten  von  Nidtr 
nhrr  de    '/'ife  .Xif/ra  s- im-   und  .Osrnlefur  m*'   in   (\)d.  Xoriinh.  Cent.   VII,  UO 


Nachwirkung  Seuses  in  der  Literatur.  153* 

iU^n  Kloster  Ur.^pring],   cgi.  Läng  ins  Katalog  79),   die  ersichtlich 

Sense  nachahmt^).     Der  Geist  Susonischer  Devotion,   den  Nider  in 

den  Frauenklöstem  seines  Ordens  anzufachen  suchte,  findet  sich  in 

iler  zweiten  Hälfte  des  15,  J)\,  in  anziehender  Form  ganz  besonders 

f*ei    der  Äbtissin  des  Klarissenklosters  (Bickenkloster)  zu  Villingen, 

C'  rsula   Haider  aus  Leutkirch   (f  1498).     Die   edle  Frau,  eine 

echte  Mystikerin,  herangebildet  in  der  Schule  der  Elsbeth  von  Reute, 

^st   in  ihren  Andachten,    Visionen   und  Offenbarungen,   über   die  sie 

^if/enhändige  Aufzeichnunge7i  hinterlassen  hat^),  stark  von  Seuse  be- 

einjltisst    Auch  ein  schönes  geistliches  Lied  der  Äbtissin  von  Frauen- 

**lhy    Katharina  von  Renichiiigen  (1518),   weist  Erinnerungen  an  die 

^^/cfüre  des  Mystikers  (iuf% 

Besanders  lebhaft  war  die    Verehrung  für  Seuses  Person  und 

'  ^  ^^^ke  auch  in  den  religös  angeregten  Kreisen  der  Niederlande  (vgl, 

o^f*/*  S.  138*),     Zwar  hat  die  Forschung  das   Verhältnis  der  nieder- 

^'^^^t^chen  Mystik  zur  oberdeutschen  noch  wenig  aufzuhellen  vermocht, 

^^u^i^i  persöfdiche  Betiihrung   und  Ideenaustausch,   sei  es  mündlich 

^^^^^~  durch  Übersendung  von  Briefen  und  Schriften,  lässt  sich  mehr- 

A«fc>i    konstatieren.      Der    grosse   flämische    Mystiker    Ruysbroek 

^    ^381)  ist  sicher  von  Eckhart  beeinflusst  worden;  vielleicht  hat  er 

^  ^9^    Meister  selbst   noch  in  Köln   gehört   und  bei   dieser  Gelegenheit 

■''*^^i  Tauler  und  Seuse  keimen  gelernt.     Bei  seimn  Fahrten  in  die 

^^^erland^  (s,  oben  S.  112*)  mag  der   schwäbische  Mystiker  auch 


0  Es  wird  im  einzelnen  durchgeführt,   wie  die  Nonnen   ein  geistliches 
^  _  ^ppelin*  aus  allerlei  Blumen  toinden  sollen  (vgl,  dazu  Vita  Kap.  8  und  12), 

y   ^'^^miuilieh  stammt  eine  in  derselben  Hs.  Bh  309 — 407  befindliche  Bearbeitung 
^^      Bruderschaft  der  ewigen  Weisheit,  in  die  verschiedenes  aus  der   Vita  und 
*  '^^^ren  Schriften  Seuses  hineingearbeitet  ist,  ebenfalls  von  Nider. 

*)  Aufgenommen   in   die    Chronik   des   Bickenklosters,  hrsg.  von   Gl  atz 

.  Verein  161)  1882.    Vgl.  darin  iS.22f.  die  Vision  vom  Bosenstrauchj  41  ff. 

ehrung  der  ewigen  Weitheit  (nach  Art  von  Seuses  , Bruderschaß*),  Ö7  Er- 

iinung  Marias;  112,  128,   130,   136,   14()  einzelne  Reminiszenzen  an  Seuse. 

«)  Bei  Greith  325 ff. ;  Damaris  J865,  328,     Die   Verse:  Du  hast  die  ros 

flücket,  Jesus,  mein  herzenstraut  etc,  erklären  sich  am  besten  aiM  Seuse.  — 

^♦cA  Geiler  hat  Schriften  Seuses  gekannt  und  beniHzt  {vgl.  Realemyklop.  f. 

*^tesU  Theol.  /F',  796).    Im  übrigen  ist  aber  seine  Richtung  diejenige  Gersons, 

,^^^<i   die   deutschen   Mystiker  flössen   ihm   eher   Missiraucn   ein  :   er  meint,  die 

'^^ider  Seuses  über  die  bräutliche  Vereiyiigung   der  Seele  mit  Christus  könnten 

^*Ar    die    Phantasie   gefährlich    werden    (Pred.   und    Leren  f.    17,    gittert    bei 

^h.  Schmidt,   Histoire  liieraire  de  VAlsace  I  [1879]  427).  —  Einige  weitere 

Notizen  über  Verbreitung  Seuses  im  15.  Jh.  bei  L.  Keller,  Die  Reformation 

Und  die  äUeren  Refarmparteien  1S&5,  264  f. 


154*  Einleitung.    II.    Seuses  Leben  und  Werke. 

jenen j    (kr  so  manche  verwandte  Züge  in   seinem  Leben   aufwei^t^)^^^ 
besucht  haben.     Die  mystischen  Grund^jedanken   sind  bei  beiden  die 
selben,    wenn   auch  jeder  sie   in   eigentibnlicher    Art   auffa^st    in 
darstellt;    selbst   lieyniniszenz^n''^)    aus  Seuses    Werken  fehhn  nich 
ganz  bei  liut/sbroek,   der  verhältnismässig  erst  spät   schriftstellerisch 
auftrat     Der  Mystiker  Johanti  von  Schönhof en  (f  1431)  zi 
Grönental    schrieb    einen   ,Prologu^   zu    den   ,Centum    meditatione^ 
Voyninicae  jmssionü^  Seuses,  der  aber  inhaltlich  nur  eine  Umschre 
bung   und  Erweiterung   der  deutschen    Vorrede  Seuses  (314,11  ff. 
darstellt^).    Unter  d^n  Fraterherrn*)  ist  besonders  Gerhard  Gro 
zu  nennen,   der   den   Gläubigen  Seuses  Hör.  und  Bdeu?   tcamh  z 
Lektüre  empfahl  '"*)  und  das  erstere  Werk  auch  in  seinem  erst  wüäng^ 
entdeckten  flämischen  Traktat  J)e  simonia  ad  beguttas^  zitiert  *).    Au 
Thomas  von  Kempen,  der  in  seinen  Lehren  im  wesentlichen 
der   oberdeutschen  Mystik   übereinstimmt,   hat  alletn  nach  Seuse 
kannt   und  benutzt'^).     Unter   den   angeblichen  Verfassefn   der  L 
tatio  Chrii^ti  figurierte  auch  Seuse^)! 


et 


*)  Z.  B.   in    dem    Verhältnis  zu  seiner  Mutter,   in   der  Abfassung 
Schriften  infolge  höheren  Antrishs  und  in  der  Bekämpfung  des  üpptgcn 
lebens  und  der  , freien  Geister^-  vgl.  die  Belege  bei  Böhringer  443 ff,,  454,  4 

*)  So  Jifidet  sich   in   dem   ,BHch  von  zwölf  Tugenden*"  (Ausgabe  Ru 
broeks   von  Da  cid  II I,  104),   dessen   Echtlieit  allerdings  bestriUen  wird, 
Stelle  Bdew  'JUAff.     Vgl  auch  S,  151*  A,  3. 

'')  Er  findet  sich  z,  B.  zu    Trier,  Stadtbibl.  tls.  496  Bl.  74;   Bambt — ="^  *^: 
Kgl.  Bibl.  Cod.  Q    \'I  73  Bl.  S  und  ist  nach  einer  Pariser  Hs,  bei  Quiii, 
Echard  I,  05^  abgedruckt. 

^)  Die  lAternturgattung  der  geistlichen  Minntbriefe*  pflegten  die  Brü^-* 
des    gemeinsamen   Lebens   gerade    .so   lebhaft    wie  Seuse,    vielleicht    auch    t^ 
ihm    angeregt :    freilich    ist    der    Inhalt    meist    nüchterner    und   praktisch 
Vgl,  W.  Moll-Xujjpke,  Die  vorrefonnaf  arische  Kirchen  geschickte  der  Nied^' 
lande  II  (1895)  349. 

•')  In  einem  Briefe  von    Viso,  hrsg,  von   P reg  er  in  Abhandlungen  di^ 
Minichncr  Akademie,  jJiiL-hist.  Klasse  XXI  (1894)  35, 

•')  Bei  Lange nberg,  (^ neuen  und  Forschungen  sur  Geschichte  tUf 
deutschvn  Mystik  1902,  3'2. 

')  So  die  Angabe  des  tüchtigen  Thoma^henners  Pohl  im  KirchenUx. 
XI-,  1077.  Da  Thomas  selten  Autoren  zitiert,  sind  Belege  schwer  su  gehen: 
doch  vgl.  seine  naiv-kindlivlie  Andacht  zum  Kinde  Jesu,  seine  Verehrung  der 
Passion  Christi,  seine  Ausführungen  über  das  , Spiel  der  Liebe*  in  den  ,Scrm(mts 
de  incarnatione.  rita  et  jtassione  Ihnnini'  (Analyse  hei  Böhringer  7:^6 Jf',, 
734 ß\).  Die  (jitrmnnisincn  des  Thomas  und  seine  BiTührungen  mit  den  deut- 
schen  Mystil\rn  ht handelt  ])t  niflf  in  /Asrhr.  f.  hath.  Theol,  1883,  €97--70fK 

")    Vgl.  Fal.ririus.  Jiihlivt/,.  lat.  medii  aeri  II  ( 1754)  2U^. 


er 


»if. 


->f 


Die  Mystik  lä^sf  sich  nls  Unterstr'ömung  der  relii/iösen 
Jiet'tguny  auch  das  ynme  16.  Jh.  hindurch  in  der  katholischen 
unti  protestantischen  Kirche  verfolgen.  In  der  letaleren  ist  Settse 
aii^tiings,  vieUeicht  eon  einigen  Sekten  abgesehen'),  wohl  kaum  be- 
krtrtni  —  erst  die  Pietisten  zeigen  wieder  Berührung  mit  ihm,  — 
iväJiiend  Taultr  von  Anfang  an  eine  Hauptrolle  spielt;  in  der 
kfxtholischen  Kirche  dayeyen,  teeniystens  in  germanischen  Ländern, 
hf*^  jener  seine  Beliebtheit  nie  ganz  eingebüsst.  Es  ist  nicht  zufällig, 
drraa  Seuse  im  16.  und  17.  Jh.  auch  innerhalb  des  Jesuitenordens,  der 
vorg  seinem  Stifter  her  einen  mgstiscfieii  Zug  besass%  bekannt  uttd 
vey~*kfi  war;  wenn  eine  Zeitlang  in  demselben  Orden  eine  antimystische 
Strömung  die  Oberhand  gewann,  so  rührt  dies  daher,  dasa  ntan 
fürdUetr,  der  quieHstischen  Sekte  der  Alu7nbrados  Vorschub  su 
km»tin,  htztc.  der  Begünstigung  derselben  angeklagt  zu  werden,  was 
tatsächlich  selbst  den  Ordensgeneralen  Ignatius  und  Franz  de  Bot^a 
^^£festo»sen  icoc').  Unter  den  deutschen  Senseverehrern  ist  haupt- 
>^*^Mich  Petrus  Canisius  (f  1597}  anzuführen,  der  inmitten  eines 
'"^^^ischfu  Kreises  zu  Köln  aufgewacJisen  war*)  und  mit  Männern 
"^V  rfffi  Karthäusern  Surius  (Übersetzer  Taulers,  Seases  und  Rays- 
^^^^ks)  utid  Landsberg  (Herausgeber  der  hl.  Gertrud)  verkehrte.  Er 
'^^otittaltete  1543  zu  Köln  eine  uertvolle  neue  Taulernmgiibe% 
"*     deren    Einleitung    er   wiederholt    nuf   Sense    Bezug    nimmt:    den 


')  Oh.  £.  Lulhardl,  Gt»ch.  der  christl.  Ethik  II  ilS.93)  .5.9 /öA.-(  — 
«Awsrft'cÄ  '»''  ß'ckt  —  die  Wuniln  dtr  toiedetiäufeiüehen  ÜeweffUHd  auf  dit 
*"•*«<:*«  Myfitik  turäek.  Thoma»  MOnser  sei  mit  Suso  und  bmanderfi  mit 
^***<irr  vertraut  gtwteen. 

*)  Vgl.  s.  B.  Holt,  Bit  geisUichtn  Übungen  dfs  Ignatius  v.  L.,  eine 
ftfr^httloguKhe  Studit  (SammUiiig  gemtinvtretindl.  Vorträge  und  Schrifttn  aiM- 
''"*»    Gtbiet  der  Theol.  und  ICcligiontguchickte,  Htft  41)  190Ö. 

■)  Fjjt  J-'.  S.  Rrusch,  Utr  Index  der  verboltnen  Bücher  I  (Ifl63)  589. 
*'"  Jt*uilengenrral  Everard  Mercurian  verordnitr  1676:  Neqtie  spiriliioles 
l'Uil^Q,^  qiii  instituto  DOetro  nÜDiu  cODreniunt,  iiostrig  peniiittantur,  ijuale«  sunt 
_*<*leniB^  Kitsbrüchins,  Henr.  Subo,  Roaetum,  Heni,  Herz  {lies  Herp),  Ära  aw- 
'J**idi  Deo,  Raym.  LnllOB,  GertrudJB  Opera  et  Mechtildia  et  alia  hiliuBinodi. 
'  _'«il  jero  liorum  libronim  nspiam  gersetur  iu  nostris  collegiis  nisi  es  P.  Pro- 
'^''^Älis  senteDtU  /  Fritdrick ,  Beitrage  lur  Gtechiehte  drs  Jesuitrnordrns 
"Wi.   47i. 

')  Vgl.  P.  Drtui»,  P,  Canitius,  der  erste  deiU$fhr  Jesuit  iSchriflen  dtf 
^*rti,u,  /.  h*formatioiisg<seh.,  Heft  38)  1S02,  Gf. 

')  Dasa  er  der  HerauKgeber  war,  ist  nicht  gan;  xiehei;  aber  sehr  u'ahr- 
W*«WieA,  vgl.  R  CtttHsii  Epialulae  *t  Acta  eii.  Braunubtrger  I  (W['il)  !tä : 
iM.  ;s—^3  ist  die    Vvrrede  dtr  Tauirrausgabe  abgeiiruckt. 


ä 


156*  Einleitung.   U.    Seusea  Leben  und  Werke. 

jCursus  de  aeterno  Sapientin^  schätzte  er  besofiders  hoch  *).  D 
edle  Jesuit  t rledrich  Spe  (f  163 5)  zeüjt  sich  „im  Leben  un 
Dichten  nahe  mit  Sense  verwandt^  *^).  Die  empfindsame  Jesuslieb 
seiner  ^TnitznachtigaV  und  die  treuherzigen  Untei'weisungen  seine, 
,Giddenen  Tugendbuchs'  knüpfen  gerade  in  dem  Besten,  was  sit 
bieten  und  wo  sie  sich  von  d^m  verderbten  Geschmack  der  Zeitgenossen 
abtvenden,  an  die  Tradition  der  älteren  deutschen  Mystik  an.  Viele, 
namentlich  der  Gedankenga}ig,  die  Parabeln  und  die  Sprache  ic 
letzterein  Werke  erinnern  unwillkürlich  an  die  Art  Taiders  un 
Seuses^).  Si)e  ist  ein  zartbesaiteter  Sänger  der  Gottesminne, 
sinniger  Naturbetrax:hter  wie  jener.  Auch  die  pietistischen  ui 
mystischen  Dichter  des  17.  ufid  18.  Jh.,  zu  denen  er  überleitet,  w 
Angeius  Silesius  (Johann  Schejfler^),  Daniel  Sudennann^),  Kno 
con  liosenrothf  Spener,  Frank,  Tersteegen  u.  a.  bieten  manche  Be- 
rührungspunkte mit  ihm,  wie  überhaupt  mit  den  Ideen  und  B 
strebungen  d^r  deutschen  Mystik ").  Endlich  hat  am  End^  des  18. 
Herder  mit  feinem  Gefühl  den  poetischen  Gehalt  der  MySi 
Seuses  erfasst  und  sein  Loh  der  ewigen  Weisheit  in  einem  schwut 
vollen  Hymnus  erneuert  (s.  oben  S.  74*  A.  1).  Im  19.  Jh.  ist  duf 
die  Romantik,  die  in  ihm  Fleisch  von  ihrem  Fleische  erkan 
die  Aufmerksamkeit  weiterer  Kreise  wieder  auf  den  schioäbisc 
Mystiker  gelenkt  worden. 


*)  Bra  nnshcrger ,  Enisiehunff  und  Entmchlung  der  KcUechismen       ^cMts 
P.  Canisiiut  1S93,  125 f. 

^)  Strauch  in  AUg.  dtsch.  Biogr.  37,  17S. 

^  (r.  Balke  y  Spea  Trutz  nacht  igal  (Deutsche  Dichter  des  17.  Jh, 
IS? 9,  XXXIV.     Vgl.  auch  Diel,  Fr.  Spe  H901,  öl  f.  und  die  mir  nicht 
g (ingliche  Schrift  von  H.  Schachner,   Naturhildtr  und  Naturhttrachtm 
den  Dichtungen  Fr.s  v.  Spe,  G gninaj^.-Programm  von  Kremsmünster  1906. 

')    Vgl.  die  Vorri'dc  1'^ Hing  er. s   zu  seiner  Ausgabe  des  ,ChenihiniSi 
Wandersmann^    1895,    XXX  VI  11.     Oh    Seh.  Suso   gekannt    hat,   iH    dorn- 
zweifelhaft :  er  erwähnt  ihn  nicht  unter  den  mittrlalterlichen  Mystikern,   dit 
studierte.     Im  siebten  Sonett  (KU  i  ng  er  S.  149)  erinnert  die  Klage   des  1 
dammtm  an  Bdetr  ;?65,7,  aber  dies  genügt  nicht,  um  Abhängigkeit  zu  konstatii 
Seh.  kann   auch  aus  eimm   anderen  Erhauungsbuch  (einem  Sterbebuvklein, 
Anm.  zu   'J}s,2(j)  gesch'ijift  liahm. 

•')    Vgl.  üben  S.  i.s*  A.  ;?.    Seine  Lieder  bringen  mitunter  direkt  Texte 
Mystiker,  namentlich  Tauft  rs,  in   Vtrse :  an  Seuse  erinn€rt  Nr.S37  Itei  Waek 
na  gel  Bd.  V. 

'•)    Vgl.  A.  Uitschl,  Gesch.  des  Pietismus  III  { IH84)  63 ff.:    „, 
///   Poesie  und  Prosa"'. 


l 

i 


Übersetzungen  und  Ausgaben  von  Seuses  Werken.  157*^ 

TL  Obersetznngen  nnd  Ausgaben  von  Seuses  Werken. 

Der  Beliebtheit,  welche  Seuses  Schnfte7i  von  Anfang  an  geflossen, 
eutspricht  ihre  weite  Verbreitung  durch  zahlreiche  Hss.  und  Druckaus- 
gabeix  und  durch  Übertragung  in  fast  alle  europäischen  Kulturs2)ra- 
ch^^i^).  Auf  die  von  Borchling  beschriebenen  und  auf  weitere 
ni ^derdeutsche  und  niederländische  Hss.  des  Bdew  bezw.  des 
ITor,  ist  schon  obeti  S.  17* f  aufmerksam  gemacht  worden  ^).  Zum 
Gebrauch  bei  der  Privatandacht  wurden  die  hundert  Betrachtungen 
in  den  Niederlanden  allgemein  verwendet  ^).  Die  Allegorie  vom  Kampf 
des  Widclers  und  der  70  Füchse  gegen  die  Söhm  Gottes  aus  dem  Hör, 
(s^  chen  S.  106*  Anm.  1)  musste  im  Jahre  1572  bezw.  1573  sogar 
dajzru  dienen,  in  einem  Flugblatt  gegen  die  Spanier  —  der  Widder  ist 
Herzog  Alba  —  Stimmung  zu  machen^),  1627  wurde  die  Vita  Seuses 
z^    Anticetpen  in  niederländischer  Sprache  Iierausgegeben^). 

Eine  altenglische   Übersetzung  eines  Auszugs  aus  dem  Hör, 

(l^.  Jh.)   in   sieben  Kapiteln   (The  seuen   poyntes  of  trewe  loue  or 

Orologium   Sapientiae)   hat   K.  Horstmann   in  Anglia  X   (1888) 

^^^—89    ediert;    derselbe  Auszug   wurde   um   1490    bei   Caxton    in 

"  ^stminster  gedruckt.    Der  erste  englische  Druckt  des  jHorloge  de 

^^i^ience^  erschien  schon  1483  ^),  eine  Übertragung  von  Diepenbrocks 

^n.sgabe  durch  Rychard  Baby  zu  London  1867,  2.  A.  1868^).    Eine 

^^nische  Übersetzung  des  Hör.  aus  dem  15.  Jh.,   wohl  in  einem 

^*  ^ittinerkloster  entstanden  und  zum  Gebrauch  bei  der  Tischlektüre 

^^^titnmt,  hat  C.  J.  Brandt  unter  d^m  Titel  ,Gudelig   Visdoms  bog 

*  ^cinsk  oversaetelse'  etc.  in  der  Sammlung  ,Dansk  Klosterlaesning^  zu 

^)  Leider  ist  es  ohne  Einsicht  in  die  llss.  und  die  oft  seltenen  Drucke 
^^cht  immer  möglich,  genau  zu  unterscheiden,  oh  es  sich  um  eine  Übersetzung 
^^^    ^dew  oder  des  Hör.  handelt;  meist  ist  das  letztere  der  Fall. 

»)  In  Cod.  8224  der  Bihl.  des  Arsenals  in  Paris  (Catal.  VI,  444)  ist  eine 
^^tiet-i^  Übertragung  des  Hör.  von  ca.  1380. 

")  Vgl.  obe9i  S.  17*  A.  1.  und  Meghoom,  Susos  honderi  artikelen  in 
^^^CKland,  Archief  voor  Nederlandsche  Kerhgeschiedenis  I  (1886)  173  ff.  Ein 
*^»<€»-er  Beleg  hei  Langenberg  a.  a.  0. 109,  160. 

*)  Prophetie  Een  wonderlike  ende  gesteht  etc.,  gedrukt  buyien  Nooncits 
*^^^ ."  vgl.  Graesse,  Tresor  des  livres  rares  et  jtrecieux   VII,  450. 

*)  Hct  Leven  van  den  Salighen  Henricus  Suso  door  Johann  van  Heren" 
^^k^  233  S.  in  12^. 

•)  Notizen  über  Hss.  der  englischen    Übersetzung   des   Hör.  bei  Quit if 
^  ^chard  I,  658;  Oudin  1066. 

^  Graesse  V,  5()  vergeichnet  einen  iceiteren  Druck  s.  a. 

'^  Vgl.  die  Bezension  von  J,  Bach  im  Theol.  Literaturblatt  1868,  209. 


158*  Einlcituug.    IL    Seuses  Leben  und  Werke. 

Kopenhagen  1865  herausgeyeben.  Zwei  ßirffitthterimien,  Karen  Jeiw 
TochUr  und  Kirsiin  Hans  Tochter ,  i'iher setzten  das  Hör,  um  loOC 
unter  detn  Titel:   ,\Veckei'  gottseligen  Geistes'  ins  Schwedische^) 

Bedeutsamer  ist,  d/iss  das  Hör,  schon  im  Jahre  1389  untei 
dem  Titel  /Jrloge  de  Sapience'  als  WerTc  eines  frere  Jehan  de  Soubs^ 
haube  ^=  Schwaben)  ron  einem  unbekannten  lothringischen  Minoriien 
Magister  der  Theologie,  zu  Cha^telneuf  ins  Französische  übersetz 
wurde  (de  latin  cn  roumans  donnee).  Die  gereimte  Vorrede^  erzählt 
dass  die  Lbersetzung  auf  ll'unsch  d-es  Maistre  Dimenche  de  Port 
Lizentiaten  des  bürgerlichen  und  kanonischen  Rechtes,  gefertigt  um 
am  28.  April  1389  oollendet  worden  sei.  Dieselbe  wurde  von  einen 
Karthdusennönch  zu  Paris  1493  bei  Verard  als  eigene  Arbeit  heraus 
gegeben  und  König  Karl  VIII  dediziert;  Neudrucke  ebd.  1499  un* 
1[)3<K  Die  Suriussche  Bearbeitung  der  Werke  Seuses  wurdt  co 
Fr.  N.  Le  Cerf  ins  Französische  übersetzt  und  zu  Paris  1586  um 
W14  gedruckt^ f  eine  Übertragung  des  Bdeio  und  Bdtc  nac 
Surius  von  dem  Kanonikus  D.  de  Vienne  erschien  Pari4  1684  w  * 
1701.  Die  Übersetzer  Chavin  de  Malan  et  Cartier  (La  vie  et  ^ 
epitres  de  H.  de  Suzo,  Paris  1842)  und  Cartier  (Oeuvres  du 
Henri  Susoj  Paris  1856)  arbeiteten  nach  der  italienischen  Ausgtr 
des  Dominikaners  Ignazio  del  Nente  (Vita  ed  apere  spirituali  q 
beato  Enrico  Susone,  Firenze  1642,  Rotna  1663,  Padua  1675,  Pq9 
1697,  Orvieto  1861),  die  aber  selbst  wieder  nach  Surius  gefert^ 
worden  war*).  Weit  brauchbarer  als  diese  sehr  fehlerhaften  A^-* 
gaben  ist  die  neue  Übersetzung  des  Dominikaners  G.  Thiri 
(Oeuvres  mf/stique>i  du  b.  Henri  Suso,  2  Bdr  Paris  1899),  uelcT 
die  Dcnijlesche  Ausgabe  zugrunde  legt  — für  die  bei  Denifle  fehlenel^ 

*)  llrRij.  von  Jierfß ström  in  ihr  Sammlung  der  ySmnsha  Fomskrt[, 
,S(fUskaptt' ;  V(fh  11.  Schuck  in  IL  Pauls  (rrundn'ss  der  germ.  FhiloL  J 
(1901)  V3!2:   Kr ng h-T onni ng ,    DU-  hh  lUrgiita   rnn  Schweden  1907,   12^ 

-)  Zum  grassU'H  Teil  gulrncht  hn  Queiif  d  Echard  I,  663  und  €?* 
K.  Brunnrr  in  Mitttilnngin  dfr  hadisvhni  hist,  Kommission  n.  20  (BeüiMi 
zur  Zischr,  f.  (i(sch.  drs  Ohvrrhnmt  JSUb,  7ü).  Bti  (Juitif  a.  a.  0.  und  Ä 
Brunmr  61,  in.  löf.  78  yaehudse  übtr  Ilss,  zu  Paris  und  anderwärts. 

")  Touron  a.  a.  (f.  II,  54'/  führt  norh  die  Übertragung  eines  D(nnini 
lanrrs.   Lj/nu   /7J5  an. 

')  fi messe  y,  nO  und  Chi  valirr  us.  S,  fJ4*)  :}101f.  führen  weiter  a».' 
(h-ologin  dellii  sn/,i,n.:a  ans  dtni  Franzns.  äftersifzt,  Ven.  de  Luere  1611;  Sc^ 
Harri,  \iianrll,,j-:„rifnS..  Verona  Kl;::»:  Loreneo  Morera,  Historia  ^ 
la  ciilrt  }/  m  ififjms  dr  los  h.  fran  II.  S.,  Barcelona  1024.  Stucke  von  Stuft 
t'nth'fV  Thnnas  dt    Ix*  o  ca  her  t  i .  Ah'nnnff»  ts/,irituaL  Barcelona  1068. 


m  ÜhwtetKuagoi  und  Aflsgkben  von  8ea>e*  Werken.  159* 

Brig/'e  des  Or  Bfh   ist  Preyer   bfiiiitzt,  für  die  Predij/kn  Dieiien- 
ifnick  —  und  der  eine  gute  Einleitung  fornngeht. 

In»  Lateinische  wurden  die  deutschen  Schriften  Seuses  schon 
'Hl  15.  Jh.  ffoji  finem  Karthäusermönch  übertragen;  daa  Werk  befand 
■'irh  nach  Jok.  Mei/er')  in  den  Bibliotheken  der  Predigerklöslei'  zu 
Hirne/  und  Nürnberg,  ist  aber  jetzt  verschwunden.  Nach  dem  Drucke 
"■n  J512  übersetzte  sie  in  freier  Weise  auf  Wunsch  des  Abtes 
Lndwig  Blosius  der  Knrthüiiser  Laurentius  Stirius  (II,  Susonis 
Of'ßra),  Köln  bei  Quenlel  155Ö;  rr  gab  auch  vier  Predigten  nach 
'l*r  Taulernusgabe  von  1543,  das  unechte  Bitchlein  con  den  neuii 
fdseti,  den  Cursus  und  das  Officium  de  aeterrui  Sajiientia  bei.  Nett- 
drucke  der  Aufgabe  erfolgten  Köln  1588,  W15  und  Neapel  lb'58. 
"*e  Suriussche  Ausgabe  wurde  durch  Anselm  Uofmunu,  Köln  Hi61, 
•nieder  inn  Deutsche  zurückübersetzt. 

Von  den  deutschen  Ausgaben  sind  die  beiden  ältesten  die 
'<^^on  üfters  zitierten  Drucke:  Augeburg  1482  bei  Anton  Sorg*), 
lOe  ~i^  U6  Bl.  (die  Vita  ist  besonders  beziffert)  fol.  (Panzer  1,124 
'Vi-.  144)  und  ebd.  1512  bei  Hans  Othniar  223  BL  fol.  (Panzer 
A  S38  Nr.  710).  Beide  enthalten  diis  Exemplar  mit  den  Nochträgen, 
**c  ßntderschaft  der  ewigen  Weisheit  und  die  neun  Feinen,  der  aneeite 
^»*Kct  ausserdem  ein  längeres  Vorwort  utid  Nachwort  des  Druckers. 
t--*»er  die  Ausstattung  mit  HolzschniUm  s.  oben  S.  46* ff.  Die  erste 
At^Sffobe  ist  allem  nach  eon  dem  bekannten  Ulmer  Dominikaner  Felix 
f^€tbri  besorgt'),  und  zwar,  wie  schon  Denifle*)  gegen  Preger'') 

')  Nolit  in  grintm  Lthen  der  Mutter  Seusta,  daa  er  dtn  Viten  von  Tirsa 
^•*»*II«6«n  hat,  ed.    Vetter  96,  36  ff. 

1  SMuani'orl  de»  Druckerc  f.  146':  Gedruckt  Tnd  voUeüdet  ist  dicz 
i'VeU  (des  geleicb  noch  bossers  den  Isien  uit  kuod  ist  sein  leben  ze  bessern,  ge- 
"Wt  der  Seüue)  tuu  Antonio  sorg  e(c-  Ein  Extmpiiir  mta  dir  Kapitetabibliolhtk 
"■  WaU*^«  (frühir  einem  Walduter  NonnenkloitUr  jKlaiMt}  ijehdrig),  stand 
"■'■   »n  danken«u)trter   Wei»«  längert  Zeil  tur    Verfügung. 

1  Vgl.  die  Vorrede  vm  löl^f.  !'*■;  ho  das  (bßch)  on  Ordnung  hin  vnd  her 
?"*föwet  i^eweefji  lät,  so  haf  der  wirdig  lesEiuaistCT  brflder  Felis  Fabri  z6  Ulm 
^  ail  flei*E  zitsamen  t'^leBeu  rnd  in  Ordnung  gesetzt  in  lateinischer  sproch. 
^  fobri  fc/ion  ISOS  »tarb,  fo  Amin  «ich  «eint  Beihilfe  ii^hl  nur  nif/'  dm  Dntck 
ron  X4(Ü  beeogin  habtn.  Was  die  ScJitUKgicurte  btdt-ulat,  tat  ficht  rvchl  klar; 
^>trteheinlieh  liegt  ein  Irrtum  dia  ßruckera  ror.  M«rer  316  und  Weytr- 
"»"n  a>3  itgl.  aueh  Eealentgkl.  f.  proleal.  Thenl.  V,  733)  aprtehen,  offenbar 
•cUsrif  unterrichttt,  von  einer  ÜbernetBung  des  Lebtna  Seusea  aus  dem  Laleiai- 
nhen  im  Deutsche. 

1  Zfda  XIX,  34rff. 

')  £ri^e  2ff.;  Zfda  XX,  413 f. 


I 

I 


J 


160*  Einleitung?.    II.    Seuses  Leben  und  Werke. 

nachgetrienen  hat  und  aus   dieaer  Äiist/abe   noch   deutlicher   erhellt, 
nach  einer  späten  und  schlechten  Hs.  (cgi.  oben  S.  9*).    Die  zfveite  ist, 
obwohl  Meister   IL  Othmar   den  Sorgschen    Druck    herunterzusetzen 
sucht  (f.  218*',  220''),  nur  ein  durch  neue  Fehler  venyiehrter  Abdruck- 
der  ersten.    Eine  Gesamt  ausgäbe  der  deutschen  Schriften  Seuses  wurde 
erst   wieder   im    ersten  Drittel   des  19.  Jh.  versucht,   als  inan   unter 
and-eren  Schätzen  des  Mittelalters  auch  die  deutschen  Mystiker  wieder^ 
ans  Tageslicht  zog.    Melchior  von  D i ep enbrock  (nachmals  Kardina T 
und  Fürstbischof  von   Breslau,   f  185S)   veröffentlichte   eiive   solche^ 
unter   dem    Titel:   Heinrich   Susos,  genannt  Amandus,   Leben    unoi 
Schriften,   nach  den   ältesten  Hss.  und  Drucken   mit  unverändertem 
Text    in    neuerer    SchrifUpraclie    fierausgegeben,    Regensburg    1829, 
-1837,    '^1854,    ^1884.      Die   Ausgabe   ist  nach   den  beiden  ältesten 
Drucken    bearbeitet   unter   Hinzuziehung   des   Cgm  362   und  einiger 
jüngerer  Münchner  Hss,  für    die    Vita    und  das  Bdew;   es  ist   auch 
die  Bruderschaft  der  ewigen  Weisheit  und  das  Neunfelsenbuch  darin 
aufgenommen.    Für  ihre  Zeit  verdienstlich  ist  sie  wissen schaftlicfi  von 
keiner  Bedeutung,   da  Diepenbrock  für  die   Verbesserung   des  Textes 
fast  nichts  getan  hat^).    Immer  noch  sehr  beacfitetis-  und  lesenswert 
ist  die  ausführliche  Einldtung,   welche  Josef  von  Gör  res   dazu  ge- 
schrieben hat  (4.  Auji.  S.  25 — 13(>J;  er  handelt  darin  geistreich  und 
mit  brillantem  Stil  über  die  kirchenpolitischen  und  religiösen  Verhält- 
nisse des  14.  Jh.,  über  Wesen  und  Bedeutung  der  Mystik,  und  gibt  eine 
schöne  Charakteristik  von  Seuses  Person  und  Werken^).  Ganz  wertlos 


*)   Vgl.  auch  DtniJ'lc  X, 

-)  VijL  darithtr  J.  Galland,  J.  von  Oörr&f  lti76,  479ff.:  A.  Wibhelt, 
J,  von  Görrffi  als  Liicrarhistorikvr  lbi99,  71ß\  Der  Brief  Diepenbrocks  (vofn 
13.  Mdrz  :7^,V7 ),  frort u  *r  auf  V\'ranla.ssunf)  Clemens  Brentanos  GÖrres  um  ein 
Gdt'itfnvofl  fiu'  sdne  Ausgabe,  ersucht,  steht  bei  Gör  res,  Gesammelte  Briefe  III 
(Jb74^f  2!)4jr.  Nach  Empfang  der  Einleitung  schreibt  er  am  ^.  Sept.  iaL*9 
enthusiastisch  an  Görrca:  ..Welche  Freude  macht  mir  dieser  herrliche  Atifsatg, 
und  welche  irird  er  dem  bessern  Publikum  machen!  Es  ist  icundersamy  wie 
alles  lebendig  irird,  und  sich  (trganisch  gestaltet  und  sein  tiefstes  Leben  a%f' 
schliesst  Vor  ihrem  Blich',  und  fcie  trejK'nd  ihre  Hand  das  Erschaute  malen 
kann.  Sie  sind  kein  Poef,  kein  Philosoph,  kein  Theolog,  sondern  das  Dreieins 
aus  allrn,  und  Theologie,  Philosophif  und  Poesie  ist  lebendig  innewohnend  in 
Ihnen  in  Gv.isf.  Suh'  und  Lrib,  zu  n'nrr  Pirsönlirhkeit  sich  gestaltend^  (a,a.O, 
:iö9).  Der  Ili.sfnriktr  J.  Er.  Böhmer  riihmt*'  besonders  die  Schilderung  der 
kirchenpolifischen  Vi rhifltnisse  durch  Görrrs  und  schrieb  in  einem  Briefe:  „In 
seinni  Anschauuugni  ist  rinr  Grossartigkrit  und  ein  Tiefldick,  wovor  ich  er- 
staune. Wir  voti  den  J.il-endiit  könnii  sich  finer  solchen  Divinationsgabf 
rühmen,  wie  er  sii   bvsitzt!'^'     id.  Jnnssi  n,    Böhmers  Leben  I  [1868]  283 fX 


Übersetzungen  und  Ausgaben  von  Seuses  Werken.  161* 

i'^i  die  1863  in  Wien  erschienene  Ausgabe:  Amandus  des  seligen ^  ge- 
^iannt   H.  Suso,   Leben    und  Schriften,   drei  Bändchen   (I  Büchlein 
t?€>n    den   neun   Felsen,    II  Bdew,    III  Leben    und   Lehren   Susos). 
yVissenschafÜichen  Anforderungen  entsprach  bis  jetzt  nur  Denifles 
^Bearbeitung :  Die  deutschen  Schriften  des  seligen  Heinrich  Sense  aus 
c^Tetn  P rediger or den,  nach  den  ältesten  Hss.  in  jetziger  Schriftsprache 
herausgegeben    von   P.   Fr,   Heinrich  Seuse   Denifie    aus   demselben 
rden,  erster  (einziger)  Band  München,  M.  Huttier  1880,  XXX  und 
44  Seiten.    Sie  bietet  nebst  einer  gediegenen  literarhistorischen  Ein- 
itung  die  Schriften  des  Exemplars  vollständig  samt  den  Nachträgen 
<3£azu.     Der  zweite  Band,  der  nach  dem  Tode  des  grossen  Gelehrten 
C^f  10,  Mai  1905)  sicher  nicht  mehr  erscheinen  wird^),  sollte  Forsch- 
M.^ngen    über  Seuses   Leben    und  Lehre,   den    Text   des    ungekürzten 
^riefbuchs,  der  Predigten,  des  Hör.  und  der  Bruderschaft  der  ewigen 
Weisheit,  anhangsweise   auch  den  fiursus  de  aeterna  Sapientia^  und 
<i<is  Minnebüchlein  bringen.    Denifle  hat  in  seifier  Ausgabe,  um  Seuse 
€:iem    allgemeinen    Verständnis   zu    erschliessen ,    mit  viel  Glück  eine 
sprachliche  Erneuerung  versucht,  dabei  sich  aber  doch  „durchaus  und 
JSiwar  fast  sklavisch*'^)  an  die  Hss.  angeschmiegt.     Benützt  sind  für 
den  Text  die  besten  Denifle  bekannten  Hss.,  vor  allem  A  (in  Pfeiffers 
Abschrift),  ferner  KMBUm,  für  das  Bdew  E  und  E^,  für  das  Bdw 
tiuch  B;  Varianten  sind  jedoch  nur  bei  einzelnen  wichtigeren  Stellen  an- 
<fegeben.    Was  der  Ausgabe^  einen  bleibenden  Wert  verleiht,  ist  nament- 
lich die  im  Kommentar  gegebene  Erklärung  der  schwierigeren  mystischen 
Anteilen,   in   welcher   der  enge    Zusammenhang   zwischen   Mystik   und 
Scholastik  deutlich   ans    Licht  gestellt   wird  und   Deniße   überhaupt 
vüt  magistraler  Gelehrsamkeit  seine  umfassenden  Keimtnisse  ausbreitet. 
Eine  populäre    Auswahl    aus   Seuse   nach    Diepenbrock    mit   Görres^ 


Ehen  diese  Ausführungen  fanden  aber  den  Tadel  des  Clemens  und  Christian 
Brentano;  vgl,  Görres'  Verteidigung  in  einem  Brief  vom  1:2.  Alflrz  1830  an 
seine  Tochter  Sophie  („ich  stimme  überall  für  die  frische^  grüne  Wahrheit,  ohne 
(die  Furcht"")  in  Ge^,  Briefe  I  (1668)  314,  M\  von  Scholz  in  der  Vonede 
seiner  Ausgabe  (s.  o,)  XIV  bezeichnet  Görres*  Einleitung  als  ^inhaltlich  teilweis 
wirr,  gedanklich  unklar"",  sagt  aber  doch,  dass  sie  in  „ihrem  stürmischen  Sprach- 
rhyihmus,  ihren  melodisch  steigenden  und  fallenden  Perioden,  ihrer  aus  unserem 
alten  Wortschatz  erworbenen  Fülle''"  ein  grosser  Genuss  für  den  Lesei-  sei. 

^  Noch  vor  einigen   Jahren    äusserte  Denifle   die,   freilich   utopistische 
Hoffnung,  noch  einmal  zu  Seuse  zurückkehren  zu  können, 

^  Seuse  XXX. 

*)   Vgl,   über  dieselbe  auch   Strauch    in    Dt  seh.  Lit.-Ztg.  IStil,  83  ß'.  ; 
M,  Grabmann,  P,  H.  Denifle  1905,  llf, 

H.  SeuBe,  DeatBche  Schriften.  11^ 


162*  Einleitung.   11.    Seuses  Leben  und  Werke. 

Eijüeitung  und  mit  den  Holzschnitten  des  ersten  Druckes  hat  jüngst 
W.  oon  Scholz   lierausgegeben  (Heinrich  Suso,   eine  Auswahl  aus 
seinen  deutschen  Schriften  [=  Die  Fruchtsc/iale  Bd.  XIV],  München 
und  Leipzig  1906 ^  XCI  und  219  S.);  ei^ie  ähnliche  Auswahl  in  zwei 
Bänden  soll  im   Verlage  von  E.  Diederichs  in  Jena  erscheinen.    Eine 
tollständige   kritische  Ausgabe  Seuses  im   Urtext   blieb  nach  Denifles 
Veröffentlichung   immer  }wch  ein   dringendes  Bedürfnis;   namentlich 
Strauch^)    hat   das   zu    wiederholten    Malen    betont.     Mit   Seuses 
Sprache  wird  man  sich  erst  drmn  in  erspriesslicher  Weise  beschäftigen 
können.    In  dieser  Beziehung y  z,  B.für  Untersuchungen  über  Sprach- 
schatz und  Syntax  verspricht  er  grössere  und  sicherere  Ai^sbeute,  als 
etwa  Berthold  von  Regensburg,  Meister  Eckhart  und  andere  hervor- 
ragende  Prosaiker  des  13. /14.  Jh.,  für  die  wir  wohl  niemals  so  srw— 
verlässige  Texte  bekommen  werden  wie  für  Seuse.    Von  dem  Original-- 
tert  sind  aber  bis  jetzt  nur  ganz  geringe  Bruchstücke  nach  verschiedenem- 
Hss.  an   zerstreuten  Orten   veröffentlicht^);    die  Absicht   eine   Seuse- 
ausgäbe   als  zweiten  Band  der  ^Bibliothek  älterer  Schriftwerke   def 
deutschen  Schweiz^ y   herausgegeben   von  Bächfold   und  Vetter-,   durch 
Letztgenannten  besorgen  zu  lassen,  wurde  nicht  ausgeführt.     So  soll 
vorliegende  Edition  die  Lücke  ausfüllen. 

Drucke  von  einzel^ien  Schriften  Sefises  seien  zum  Schlüsse  sum- 
marisch aufgezählt:  dt/s  Leben  Susos  wurde  1744  zu  Dillingen  ge- 
druckt, d/is  ,Buch  von  der  ewigen  Weisheit^  in  ^verbesserter  Schrift- 
sprac/ie'  von  Rauche nbichler,  Augsburg  1832  herausgegeben;  das  Bdew 
und  die  Bruderschaft  der  ewigen  Weisheit  sind  gekürzt  enthalten  in 
,Der  ewigen  wiszheit  bethüchlein^,  Basel  1518^),  neugedruckt  Dillingen 
lf)f^7  und  Neu-Ruppin  1861*);  ein  ^Manual  odsr  Handbüchlein  der 
ewigen  Wegszheit'  (Ahriss  des  Lebens  Seuses,  Unterweisungen  und 
Gebete)  erschien  1022  zu  Konstanz  bei  J,  Sprenger,  Die  Suder- 
mannsche  Ausgabe    von    22  Briefen    (l(i22)  ist  oben  S.  22*  zitiert. 


0  Äfda  IX,  13^:  Alhj,  (lisch.  Biogr,  37.  179. 

')  V(jl.  ohni  S.  7* f.;  U*  Anm,  t  ferner  die  Änm.  zu  211,1,  236,1,  480,18, 
4Uü,t.  009 J.  Ö37.  K inj- eine  Stücke  aus  dem  Jidtw  nach  F  hei  If\  K,  Grie^f 
haht'r.  Alte  unfjedruckle  deutsche  Sprachdenkmale  1844,  36 — 47  (dasselbe  sctum 
in  ff'  r  nah  aber.  Vaterländisches  1842,  292—303);  aus  dem  G^r  Bfh  nach  s 
in  Z/da   X/X,  36()ff.  XXI,  103 ß', 

•')  Wrlhr  Kr,  1094.  Kxnnplarc  des  Druckes  z.  B.  in  Mainz,  Stadt- 
hihlinthek  {K(jl.  Zfdph  1894,  00).  Zürich,  Kantonshihliothek ;  AusBüge  darau9 
hei  Hasak.  I)<r  christliche  Ginuhr  des  dcuUchen  Vrdkes  heim  Schlüsse  des 
MiHdaltns  1868.  :*8l  ff. 

^)   Gr (i  (  SS r    T/,   1.  531. 


Übersetzungen  und  Ausgaben  von  Seuse»  Werken.  163* 

Von  d^m  Horologium   sind  folgende  Afii<yahen   zu  nennen: 

die  älteste  s.  L  et  a.  (Paris  1470?  )y  nachgedruckt  PaHs  1479 ;  ferner 

die    Ausgaben  zu    Venedig  1492,   1536;   Köln  (Jo/i.  Landen)  1496, 

löOl,   1503,   1509;   Nürnberg  1479,   1724;  Paris  (J.  Petit  1511, 

ebd.    1578   unter    den   Exercitia    S.   Gertrudis;   Neapel   1658^),     In 

neuerer  Zeit  wurd^  das  Hör,  herausgegeben  von  lieg,  Braun  0.  Pr,, 

Köiti  1724  und  von  Jos.  Strange  ebd,  1861;  beide  Ausgaben  sind 

fiÖ€>'   recht  mangelhaft  und  sollten    durch  eine  neue   kritische   ersetzt 

fr^/'cfen   (vgl.  oben  S.  108*  A.  2).     Die   ,Centutn   meditationes'  sind 

atf.^.<;er  in  den  meisten  Ausgaben  des  Hör.  da  und  dort  in  Andcu^hts- 

bif  ehern,  z.  B,  im  Precordiale  devototum,  Strassburg  1489^,  gedruckt, 

^€7-*^    ,Officium  de  aeternn  Sapientia'  erschien  Parpt  1578  und  Luxem- 

bt€?V/    1605. 


')  Obige  NoHzeii  nach  (r messe   K,  ;Vy.-    Murr,    Memornhilia  JI,^4^; 
^^-     JJraun,  Hör,  XXIII ff, 

-)    Vtjl.  Grieshaher,   /Sprachdenkmale  5, 


Erste  Abteilung. 

Seuses   Exemplar. 


8«Qae,  DeatBche  Schriften. 


Dlz  ista«r  prologns,  da«  Ist  dd  vorred  dlss  bäehes. 

In  diseni  esemplar  stand  geschhben  vier  gatil  biidilii.  Uaz 
«ret  Beit  überal  mit  biidgebender  wiae  von  eiiu  anvaUenden  lebene 
lind  ^'it  togeDlicIi  ze  erkennCD,  in  w«ler  ordenhafti  ein  reht  an- 
Tabender  mensch  gol  den  ussern  and  den  inren  menschen  ricbteii 
nah  gotes  aller  liepsten  willen.  Und  wan  gütü  werk  ane  allen 
zwirel  rae  wiaent  und  dem  mensclien  neiawi  relit  ein  herz  erlapbent, 
me  denn  wort  allein,  bo  seit  es  für  sich  an  hin  mit  glichnusg^ebender 
wise  von  mengerley  haiügen  werken,  du  in  der  warheit  also  ge- 
Bchaben.  Es  eait  von  aim  ztjnemenden  menschen,  wie  er  mit 
raiden  und  mit  lidenn  und  übenne  einen  durpruch  8ol  nemen  durch 
sin  selbs  unerstorben  vicblichkeit  hin  zu  grosser  lobliehen  heilikeit, 
Wan  oeb  etlichü  menschen  sind,  dero  sin  und  müt  na  dem  aller 
nehsten  und  besten  xe  ervolgen  ringet  und  in  aber  underschaides 
(tebristet,  da  von  sü  veriert  und  venviset  werdent.  hier  umb  git  es 
vi!  guten  underscbaid  warer  und  valscher  vernünf'tekeit  und  lert, 
wie  man  mit  rehter  ordenhafti  zii  der  bloseeo  warheit  eins  seligen 
i'olkomen  lebens  sol  komen. 

Daz  ander  biichli  ist  ein  gemelnü  lere,  und  sait  von  betrabtung 
unserg  herren    marter    und   wie   man   sol   lernen   inrlich    leben   und 


A  -  Hs.  Brrliii  4'  840  (  Strasahurg  B  139):  A'  ;  Straesburg  Un.Sibi. 
L  75;  -S'  -  Bedin  foi.658:  K  Eingitddn  TIU;  M  -  Cgm  363;  2f  =  i«Jrn- 
tnrg  Ctnt.  VII,  90;  P^  Paria  Bihl.  nat.  222:  li  .  Brtalau  Domkap.Bm.; 
*  =  Stuttgart  Aaett.  16 .  S'  -  StuUga,-t  Theol.  tl  pHü.  381 :  Ü  -  Öberlinge» 
HS:  W^  WolfenfiÜttd  78.  6  Aug.:  f  -  l-Y^hufg  ün.Bibl.  463:  *  -I.  Druck 
1482.  —  In  MNP  fehlt  der  Pi-olog.  Vor  denuilbm  in  AKRWB'a  em  Sild 
(Abh.  1  nach  K  Bl.  29'):  DaviA,  Salomoa,  der  Ditiv-r  (.Sttt»e).  die  Hwige 
Weisheit,  Job  und  Ariatotele*  mit  Sprächtn. 

1  Jtott  Übertehrift:  hie  taiiet  an  des  süseu  ielien  und  auder  gute  leer  A' 
disB  IhI  der  prologus  diss  bGchs  und  die  vorred  des»  dieners  der  Ewigen 
witchaic,  darin  g&r  vil  troat  und  imdervrisBnng  fanden  wirLi  Eine«  yeclichen  trnisl- 
lichen  meoschen  U  red  S  deä  bücblins,  das  da  helsoet  der  Seilaae  [süiHC 
W)<tW        2An^'        Tuaigweoī        te\\.\  fehlt  KA'U      20  lernen]  leren  J' 


4  Prolog  des  Exemplars. 

selklich  sterben  und  des  gelich.  Wan  aber  daz  selb  buchli  und 
etliehü  me  siner  b&cher  na  lange  in  verren  und  in  nahen  landen 
von  mengerley  unkunnenden  sebribem  und  schriberin  nngantzlich 
abgeschriben  sind,  daz  ieder  man  dar  zu  leite  and  dar  von  nam 
nach  sinem  sinne,  dar  ninb  hat  8&  der  diener  der  ewigen  wisheit  i 
hie  zft  samen  gesezzet  and  wol  gerihtet,  daz  man  ein  gereht  exem- 
plar  vinde  nach  der  wise,  als  sü  ime  dez  ersten  von  gote  in 
Iahten. 

Daz  dritt  buchli,  daz  da  heisset  daz  bfichli  der  warheit,  des 
roainang  ist:  wan  bi  ansren  ziten  etlichä  angelertü  and  doch  ver-  l( 
n&nftigü  menschen  die  hohen  sinne  der  heiligen  sehrift  von  den 
lerem  verkerlich  hain  genomen  nah  ire  selbs  eigem  and  wilden 
grande,  und  sü  och  also  hein  angeschriben,  and  nüt  nach  der  meinnnge 
der  heiligen  sehrift,  so  wiset  es  hie  den  menschen  in  den  selben 
höhsten  sinnen  mit  anderscheid  uf  den  rechten  weg  und  af  die  [2^]  U 
ainvaltigen  warheit,  da  dar  inne  von  got  nach  cristanlicher  nemang 
gemeinet  ist. 

Daz  vierd  b&chli,  daz  da  heisset  daz  briefbüchliy  daz  sin 
geisehlichA  tobter  och  zesamen  brachte  ass  allen  den  briefen,  die  er 
ir  and  andren  sinen  geischlichen  kinden  hat  gesendet,  and  si  ein  ac 
bflch  dar  us  bäte  gemachet,  ass  dem  hat  er  genomen  enteil  dero 
brieven  und  hat  es  gekurzet,  als  man  es  hie  na  vindet.  Dez  knrzen 
büchlis  mainung  ist,  daz  es  ein  underlibi  geb  und  ein  lihtrang  eim 
abgescheiden  gemüte.  Und  du  himelschen  bilde,  du  hie  vor  and 
na  stand,  sind  dar  zA  nüzz,  daz  ein  g5tlicher  mensch  in  sinem  2 
usgang  der  sinnen  und  ingang  dez  gemutes  alle  zit  etwaz  vinde, 
daz  in  von  diser  valschen  niederziehenden  weit  wider  af  zft  dem 
minneklichen  got  reizlich  ziehe. 

Es  ist  och  ze  wüssen:  do  die  quaternen  diss  ersten  sinnen- 
richen  bfiches  heinlich  beschlossen  lagen  vil  jaren  und  dez  dieners  js 
todes  beiteten,  wan  er  sich  in  rechter  warhoit  ungern  dar  mit  bi 
sinem  lebenne  keinem  menschen  wolt  offnen,  ze  jungst  do  seit  im 
sin  bescheidenheit,  daz  ze  disen  ziten  nah  dem  gegenwürtigen  lofe 
der  abiieraenden  menscheit  besserr  und  sicherr  weri,  daz  daz  buchli 
mit  gotes  urlob  wurdi  geofnet  sinen  obren,  die  wil  er  lepti  and  er 
sich   wol   uf  ellü   stiik   diser  warheit  versprechen   könde,   denn   na 


2  etlicher  ^S*        6  reht  A^a  W        11  f.  von  der  lere  in  verkerlich  h.  g.  KU 
12  ergem  A         16  meinung  ASA^R  20  sinen  fMt  SR         23  underlibong 

KURaW       2^deBA'aUW        81  dar  mit  ä:        S2^oJehhKUa        34  besser 
SKU  sicher  SA^  sichrer  K(^  1^5  Pinem  A^U 


sinem  tode,  ob  jocb  daz  also  gevieli,  «laz  etliohu  UQrerBtandoü  mea- 
nclien,  der  rede  nit  ze  ahten  iet,  daz  du  hier  umb  in  verkerlioher 
urise  valsch  urteil  dar  über  wurdin  gebende,  die  sin  guten  meinung 
dar  inue  nit  wöltin  au  sehen,   ald  die  von  ir  grobbeit  kein  bessers 

5  iD  in  selber  kunneu  verstau.  Wau  es  möliti  wol  alBO  sin  ergangen, 
dai  es  na  sinem  tode  den  lawen  und  gnadlosen  weri  worden,  die 
kein  erbet  dar  mit  betin  gehabt,  daz  es  l'urbau  got  ze  lob  begirigen 
meDSthcn  weri  geuieiusamet,  und  müsti  also  unnuzberlich  sin  rer- 
gangen.  Ocfa  in6hti  nin  geseheben,  daz  es  blinden  an  der  bekantnust 

10  ald  den  argen  an  dem  gemüte  dez  ersten  weri  worden,  die  es  von 
ireiD  gebrestlichen  Ungunst  hctin  under  gedruket,  als  och  me  ist 
beecbehen.  Dar  umbe  erbaldet  er  sich  mit  ainer  götlicbea  kraft 
,uid  BÜndert  usser  disem  buch  die  aller  höhsten  sinne  und  die  aller 
irswenksten  materien,  die  iene  hie  staod,  und  gab  sie  selb  dez 
ze  öberlesene  einem  hohen  meister,  der  waz  von  got  mit 
gnadeuricben  lügenden  wol  begäbet  und  waz  an  gütlicher  kunst 
uin  bewerter  [3']  niaister.  Dar  zu  waz  er  über  tütscbes  land  in 
bredier  orden  gewaltige  prelat,  und  hiess  maister  ßartholo- 
maeus.     Dem    entwürt  er  es  demüteklich,    und  er  überlaz  es  mit 

SD  eiaem  ganzen  wolgevalten  sines  herzen  und  meinde,  es  weri  alles 
ttament  als  ein  togenlicher  süzzer  kerne  uss  der  heiligen  schrift  allen 
wolgesebenden  menöcben.  Dar  nach  da  dii  gemain  lere  ward  zft 
disem  gesezzet,  uf  daz  daz  ieder  mensch  daz  sin  hie  fundi,  und  er 


7  diiruh  inich(!)  KU        14  gsAifehU  KU       22f.  zu  d.  wart  gesellet  -*' 


VA  aiiuie  hier  u>it  öfttra -- 
f'**nälunijen.     Sammlungen  von 


=  genleiUiae,  Sprüche,  Aussprüchi,  TAesen,  Ab- 

Vätergtellen  tnnl  Slvtenlutn  aus  sehoicutischen 

*"**'    msftlüchen    AoUiren    (Sentemen,    auch   Summen   genannt)   sind   »fit    lieni 

^^-   •'A.  sehr  häufig :  vgl.  Denifie  in  ALKGM  I,  öSti.  IB  Bartholomaeus  von 

®«^enA«w.      Übtr   ihn  *.  Deniße  8  A.  1   a.  ALKGM  II,  334.-   Preger,    Vor- 

^'^"'ttn  33f..-  Junät,  Hittoire  du  panthfiime  populaire  au  moyta  ägc,  Paria 

^**7&^  2K9a..-  Poinsignon  im Frcibuiger  Diöeeaanarehiv  XVI,  llf.,  16,  43;  QuHif 

^-^cjiard,  Scriptorea  ordinia  Praedieatorum  I  (1719),  SHT ;  Sl*ill,  üphemtridt» 

7^*W»»'niC(ino-jiocrae  I  (1691),  23.     Er  gtammte  au»   einem    angeaehtntn,  frühtr 

^     tJnUrdtat»,    seit    dem    13.  Jh.    im    Breiagau    ana(is»igea    Adeiageschtechl 

^^'ttitsr  von  Knobloch,  Oberbadiseht»  GaichUchttrbuch  I  [1838],  140/.),  war 

***»jr  im  Siraasburger  PrtdigerkloaUr,   Prior   in  Freiburg  (?i,    Magister  der 

J*^<*iogi<:  in  Paria  und  magister  aacri  palatii  apnstolici,  lau  1351  in  Paris  die 

■  '"««»ren   (MÜPU  IV  [1899],  337)   und    venealUle   von  J3Ö4   bis   tu   seinein 

****«    1362    (Nekrotogium    des    Freiburger    Bominikanerktiiiilers,     Poinsignon 

■  **•  0.42  u.  Adelhauaer  Chronik  des  Joh.  Mei/er  a.  n.  (I.  lu)  das  Provinxialat 

•*•*    Tautimia. 


6  Prolog  des  Exemplars. 

im  daz  gemein  och  wolt  han  gez6get,  do  znkte  der  minneklich  got 
disen  edeln  maister  von  binnan.  Do  der  diener  yernam,  daz  er 
tot  waZy  do  ward  er  gar  sere  betrübet,  wan  er  nit  wüste^  waz  im 
dnr  mite  ze  tun  was.  Also  kom  er  sin  mit  vil  grossem  ernst  an 
die  ewigen  wisheit  und  bat  si,  daz  si  in  in  der  sacbe  dez  besten  e 
bewisti.  Dar  na  neiswen  do  ward  er  erhöret,  und  der  vorgenand 
maister  der  erschain  im  vor  in  ainer  liehtricher  gesiht  und  tet  im 
kund,  daz  es  gotes  g&ter  wille  were,  daz  es  färbaz  wurdi  gemain- 
samet  allen  gutherzigen  menschen,  d6  mit  rehter  meinnng  und 
jamriger  belaugaug  sin  betin  ein  begeren.  l^ 

Swer  nu  gern  ein  guter  seliger  mensch  wardi  und  gotes  sunder 
heinlichi  gern  heti,  oder  den  got  mit  swerem  liden  gemeinet  heti, 
als  er  gewonlich  phliget  ze  tflne  sinen  sundren  fründen,   dem  wen 
dis  bAch  gar  ein   tröstlicbü  behulfenheit     Es  git   och   gfithenrigeik 
menschen  ein  liehtrich  wisunge  ze  götlicher  warheit  und  yemAnftigen 
menschen  einen  richtigen  weg  zu  der  aller  höhsten  selikeit. 

1  erzöget  A'         2  diseui  S         do  er  die  rede  yemam  A^        4  wik    ^ 

7  [der]  erschein  A^W        10  jomrigem  belangen  A^E        12  sweren  hden  A 


Erstes  Buch. 

Seuses    Leben. 

Erster  Teil. 

Hie  Tahet  an  daz  erste  tail  dizz  bAches,  daz  da  halsset  der  Sdse. 

Es  waz  ein  brediger  iu  tülHcheiii  lande,  von  gebart  ein  Swabe, 
der.  nam  geschribeii  sie  an  dem  lebenden  bilcb.  Der  hat  begird,  daz 
er  wurde  und  hiesse  ein  diener  der  ewigen  wisbeit.  Er  gewan 
knnteami  eins  heiligen  erlabten  niensctieD,  der  ein  vil  erbetseliger 
lidender  nienscb  waz  in  diser  weit.  Der  menscb  begert  toq  im, 
daz  er  ir  etwaz  aeiti  von  lideae  useer  eigenr  enpfindunge,  dar  abe 
ir  lideudes  herz  ein  kraft  mfibti  nemen;  und  daz  treib  si  vil  zites 
mit  ime.  Wenn  er  zfi  ir  kom,  do  zocb  si  im  us  mit  heinlicben 
fragen  die  wise  sines  anvanges  und  fürgangs  und  ctlicb  ubunge  und 
liden,  die  er  hat  gehabt,  dii  seit  er  ir  in  gÖtlicher  heimliebi.  Do 
ei  von  den  dingen  trost  und  wieung  bevand,  do  schreib  si  es  alles 
an,  ir  selb  und  och  andren  [3^]  menschen  ze  einem  behelfen,  und 
tet  daz  Terstoln  vor  ime,  daz  er  niit  dur  von  wüste.  Dar  na  neiswen, 
do  er  diser  geischlichen  dnpstal  innen  ward,  do  straft  er  si  dar 
umbe,  und  mäste  im  es  her  ns  geben.  Er  nam  es  und  verbrand 
es  alles,  daz  im  do  ward.  Do  ime  daz  ander  teil  ward  und  er  im 
in  glit^her  wise  ocb  also  weit  lian  getan,  do  ward  es  understanden 
mit  himeUcher  botschatt  von  got.  du  im  do  geschah,  dii  daz  waute. 

1  Rolt  übcmt-hriß:  dis  isl  Jus  aflsen  luben  P  Assit  principio  saiicta 
Uariu  med  Item  der  wniler  «Ses;  darttnler:  Hie  valiet  —  Stue;  am  untern  Band; 
Du  b8eh  von  dem  diner  der  ewigen  wijKha,vt  M  daz  leben  eins  prcdi^^a 
d«r  do  hies  sfise  AT  daz  da  —  Si'iae  fthlt  A'  5  heil,  fehlt  A'  6f.  erber 
selifrer  PM  erber  selig'  lidender  A'  7  enger  M  dar  Qmb  Ma  9  körnende 
wu>  A'  11  du]  do  M  12  aiXen  fehlt  8  13  an)  h\  P  14  tfll  M  er] 
M  A'  aeiawi  A'  17  [do]  ward  i'  Öcli  ward   M  18  in  fehlt  A' 

18  tuümelicher  M        du  im  daz  M 

S   Vgl.  Hör.  137:    euiu»  nomen    *it   i»   libro  vitae  (Jt.  4,3;   Dan.  12,1; 

1^  «MW.;        6  EUheth  klaget,  Stvts  (/eitüie/ir  Tochter .-  vgl.  Kap.  33. 


b^^s  Vgl. 


8  Leben  SeuBes,  Prolog  und  Kap.  L 

Und  also  bleib  dis  nagende  anverbrennet,  als  si  es  den  meren  teil 
mit  ir  selbes  banden  bäte  gescbriben.  Etwaz  guter  lere  wart  och 
na  ir  tode  in  ir  person  von  im  dur  zfi  geleit. 


Der  erst  anvang  dez  dieners  beschab,  do  er  waz  in  dem  aht- 
zehendem  jare.     Und  do  er  dero  selben  jaren  fünfu  geischliohen   c 
scbin  hat  getragen,  do  waz  dennoch  sin  gemute  ungesamnet;  cht  in 
got  behüte   vor   den   meisten   gebresten,    du   sinen   lünden  mohten 
swechen,  so  duhte  in,  dez  gemeinen  möhti  nit  ze  vil  werden.     Hier 
inne  waz  er  doch  von  got  neiswi  bewaret,  daz  er  ein  ungenügde  in 
im  vand,   wa  er  sich  hin  kerte  zfi  den  dingen,   du  ime  begirlicb  ic 
waren,  and  dubt  in  als  es  weri  neiswaz  anders,  daz  sin  wildez  herz 
friden  sölte,  nnd  was  im  we  in  siner  unniwigen  wise.    Er  hate  alle 
zit  ein  widerbissen  und  konde  doch  im  selb  nit  gebelfen,  nnz  daz 
in  der  milte  got  dar  von  entledgot  mit  einem  geflwinden  kere.     Sü 
namen  wunder  ab  der  geswinden  endrunge,  wie  im  geschehen  weri,  19 
und  sprach  eine  dis,  der  ander  daz,   aber  wie  es  waz,   daz  rfirte 
nieman,  wan  es  waz  ein  verborgen  liehtricher  zug  von  got,  und  der 
wurkte  geswintlichen  den  abker. 

1.  Kapitel. 
Ton  den  vorstriten  eins  anvahenden  menschen.  ac 

Do  im  diso  indruk  von  got  beschah,  do  erhftben  sich  bald 
etlich  vorstrite  in  ime,  mit  dien  in  der  fient  sines  heiles  wolt  han 
verierret.  Und  die  waren  also:  daz  inrlich  triben,  daz  im  von  got 
waz  worden,  daz  vordret  von  ime  einen  lidigen  vonker  von  allem 
dem,  daz  im  ein  mitel  mohti  bringen.  Dem  widerstand  d6  an-  21 
vehtung  mit  einem  inschiessenden  gedank  also:  „bedenk  dich  baz, 
es  ist  liht  an  ze  vahene,  es  ist  aber  mülich  ze  volbringen.^  Der 
iure  rülf  der  bot  ffir  gotes  kraft  und  sin  hilf,  der  widerrfif  meinde, 
es  enwer  kein  zwivel  an  gotes  gewalt,   es  weri  aber  zwivellich,  ob 


1  also  fehlt  P  3  [in  —  im]  darzu  geachriben  M  Amen  S  4  rote 
Überschrift :  von  dem  gotlichen  intruck  Cap.  I  X;  die  übrigen  Hes.  haben  hier 
kein  neues  Kapitd.  9  ungemügd  M  12  entfrideii  P         alle  fehJtt  A^ 

17  der  fehlt  M  18  acker  A^  22  erstriteu  P  mit  dion  fehlt  Ä^  dem  KB 
24  vordret]  vertreip  P  vorker  M  25  mitte  A^  28  iorüffe  Ä^  [der] 
bot  (bat  A')  für  PA'Wa        got  P 


TeCra  SeuBM.   "^i^iTl.  g 

T  welle.  Dez  ward  er  och  bewiset  kuntüch,  wan  daz  bat  der  milt 
^t  beweret  mit  sinen  guten  gebeiBseo  usser  sinem  götlichen  munde, 
las  er  werlichen  [4']  helfen  welle  allen  den,  die  es  in  einem  natnen 
ta  rahent.  Do  du  gnade  in  disem  strite  an  ime  gesigte,  do  kom 
ün  Tientlicher  gedank  in  fründeg  bilde  und  riet  im  also:  „es  mag 
fftt  sin,  du  8olt  dich  besron,  aber  du  solt  nit  ze  vaat  dur  hinder 
tomen.  Vah  es  an  also  messeklich,  daz  du  es  mugist  volbringen, 
da  solt  VHst  exsen  und  trinken  und  dir  selb  gutlich  tun,  nnd  solte 
lieh  da  mite  vor  sünden  hüten.  Bis  n-ie  gCit  du  will  in  dir  selb, 
und  doch  also  messeklich,  da/,  die  Kit  von  ussnen  keinen  grusen  ab 
lir  nemen;  nach  der  lüten  rede:  ist  daz  herz  giüt,  so  ist  es  alles 
^t.  Du  macht  mit  den  Kiteu  wol  fr&lich  sin,  und  doch  ein  gAter 
nensch  sin;  endrü  menschen  wen  och  »e  bimelricb  komen,  die  doch 
lit  hein  eio  so  übiges  leben,"  Hie  mite  und  dez  glich  wart  er  do 
;ar  yast  aogevobten;  aber  dis  betrogen  rete  widerwarf  dö  ewig 
vieheit  in  ime  also:  ^swer  den  helen  viech,  der  da  heisset  ein  al, 
>i  dem  sweif  wil  haben  und  ein  heiliges  leben  mit  lawkeit  wil  an 
rahen,  der  wirt  in  baiden  betrogen;  wan  so  er  wenet  haben,  so  ist 
BS  im  endruuneu.  Wer  och  einen  verwcnten  widerepenigeu  lip  mit 
zarüieit  wil  überwinden,  der  bedarf  guter  sinnen.  Der  die  weit  wil 
haben  und  doch  got  volkomenlieh  dienen,  der  wil  unmöglictier 
dingen  phlegen  und  gottes  ler  selb  felscben.  Dar  nmb,  wilt  du  ab 
la»en,  so  las»  och  ze  frumen  ab,"  In  disem  gevehte  waz  er  neiswi 
lang;  ze  jungst  gewan  er  ein  getüretekeit  und  kerte  sich  vemiügent- 
lieh  von  den  Sachen. 

Sin  wilder  m&t  nam  des  ersten  menge»  sterben  von  dem  er- 
^föchene.  daz  er  tet  von  öpiger  geselschal't.  Etwcn  überwand  in 
^  natur,  daz  er  zfi  in  gie  dur  ein  lihtrung  sines  gemütes,  und  be- 
'^ah  gemetnlich,  daz  er  fröliche  dar  gie  nnd  trurige  von  in  gie; 
^o  da  red  und  kurzwil,  die  sü  färten,  waz  im  unlustig,  und  aber 
'  sine  waz  in  nnlidig.  Underwilent,  so  er  zu  in  kom,  so  äptan 
an  mit  sÖlichen  worten.  Eine  sprach  also;  „war.  sunder  wise 
**  dn  dich  an  genomen?"*     Der  ander  sprach:  „ein  gemein  leben 


1  er  fehlt  PK  och)  also  Jtf  1  f.  wan  es  üer  mUtr  gottes  beweis  PA" 
»^■wiart  M  5  fründ,)  frÖmdea  1'  7  also  an  P  9  sdnd  F  10  grusen] 
:«s-B-ong  P  11  es  fthlt  S  12  wol  fröl.  sin    mit  d.  I.  S  13  »in  mit 

*«-«(i  m.,   H-eim  die  och  K  himel  MaXEW  15  rede  KA'  rflderil)  P 

»U  irae)  luinnc  K  17  swauz  MR  21  yÖUeklich  PN  v.  wil  dienen  M 
'^  vnlt.  d,  J'  -23  <k\\]  es  P  Awh  A^  31  dö  sine  rede  P  32  wisen  P 
*   *n  dich  K 


wen  daz  sicherst."  Der  dritte  seite:  „es  nimet  nienier  gilt  ende." 
Und  also  gab  in  eine  dem  andern.  Er  Awei^  als  ein  etumbe  and 
gedahte:  „wafen,  zailer  got!  Ea  ist  nüt  besser  denn  fliehen.  Hettist 
du  DU  dis  red  nit  gehöred,  so  k&nd  si  dir  nit  gescbaden."  Ein 
ding  waz  im  do  ein  pinliches  liden.  daz  er  nieman  bäte,  dem  er  s 
sin  liden  klagti.  der  daz  selb  siicbti  in  der  selben  wise,  als  [4*]  im 
geriifet  waz.  Dar  nrabe  gie  er  eilend  und  lieblos  und  enzoh  sieb 
mit  groser  gezwungenheit,  daz  im  dnr  na  wart  ein  grössii  süsekeit. 


11.   Kapitel. 

Vou  dem  libernatiirliclien  abzog,  der  im  do  ward.  ]0 

In  sineni  anvang  do  geechah  eins  ruales,  daz  er  kom  in  den 
kor  gende  an  sant  Agneseti  tag,  do  der  convent  hat  enbissen  ze 
mitem  tag.  Er  waz  da  alleine  und  ßtfind  in  dem  nidren  gestnle 
dez  rehten  chorca.  Dez  selben  zites  bat  er  ennderlicb  gedrenge  von 
swerem  liden,  daz  im  ob  lag.  Und  so  er  also  stat  trostlos  uinl  i* 
nieman  hi  im  noh  umb  in  waz,  do  ward  sin  eol  verznket  in  dem 
Übe  neiss  uss  dem  übe.  Da  sah  er  und  horte,  daz  allen  zan^n 
unsprecblich  ist:  es  waz  formlos  und  wiselos  nnd  hate  doch  alle 
formen  und  wisen  fr6denrichen  last  In  ime.  Das  herz  waz  ^ri^ 
und  doch  gesatet,  der  mflt  lustig  nnd  wol  gefüret;  im  waz  wünschen  » 
gelegen  nnd  begereu  engangen.  Er  tet  nüwen  ein  steren  in  den 
glanzenrichen  widerglast,  in  dem  er  gewan  sin  selbs  und  allef 
dingen  ein  vergessen.  Waz  ez  tag  oder  naht,  dez  enwust  er  nil- 
Es  waz  dez  ewigen  lebens  ein  usbrecbendä  süssekeit  nach  gegen- 
würtiger,  etillestender,  rüwigen  enpfintlicbcit.  Er  sprach  dar  na:  * 
„ist  dis  nit  bimelriL-h,  so  enweis  ich  nit,  waz  himelrich  ist;  wsn 
alles  daz  liden,  daz  man  kan  gew&rten,  enmag  die  fr5dc  nit  tou 
hillich  verdienen,  der  si  eweklich  sol  besizzen."  Dise  überswetite 
zag   werte   wol   ein   stunde   neiss   ein  halbe;    ob  du  sei  in  dem  lip 

Ibelibi  oder  von  dem  lip  gescheiden  weri,  des  enwüst  er  nit.  Do  fr  ^ 
4  unred  M  6  in  ir  [solben]  ivis  M  mz  A  7  L-rzoh  M  lli.  In 
K  u.  an  Mut  agnesun  lag  do  besthach  daz  er  kain  gänd  in  den  chor  M  14  ö» 
»und.  g,  A'  17  iieiwB«-!  A'  19  weHelo»  P  21  vergantrt'ii  A'  vngan?*" 
ÄA'  SSfinffhllM  24  Ef]  er  A'  25  stillender  .d'  27gew«rteaJf 
: 


L'l.  Jamu 


Vgl.  n  Kur.  . 


A*         27  grviutMX 


wider  zfi  im  selb  kom,  do  waz  im  in  aller  wise  als  einem  meneelien, 
der  von  einer  andren  weit  ist  komen.  Dem  lip  geschah  als  we  von 
dem  kurzen  ogeiiblik.  daz  er  nit  wände,  daz  keinem  menschen  ane 
den  tod  in  Sit  kurzer  friet  so  we  möht  geschehen.  Er  kom  wider 
5  oeiswi  mit  einem  gnindlosem  siifzen.  nnd  der  lip  eeig  nider  gen 
der  erde  wider  ainen  dank  als  ein  mensch,  dem  von  nnmaht  wü 
jebreeten.  Er  erschrei  inrlicli  und  ci-sürzet  Jngruntlich  in  im  selb 
nnd  sprach:  „owe  got,  wa  waz  ich,  wa  bin  ich  nnV"  und  sprach: 
„ach  herzkliches  göt,  disü  stunde  enmag  von  mincm  herzen  niemer 
10  me  komen."  Er  gie  da  mit  dem  übe  und  ensah  noch  enmarkte- 
aswendig  nieman  nüt  an  ime;  aber  [5']  sin  sele  und  möt  waren 
inwendig  vol  himelsches  wundera;  die  himelschen  blike  giengcn  nnd 
widergieugen  in  siner  innignsten  inrkeit,  und  w&z  im  neiswi  als  ob 
er  in  dem  lüfte  swebti,  Die  kreft  siner  sele  waren  erfüllet  dez 
15  süssen  bimelsmakes,  als  so  man  ein  gAt  latwergen  usser  einer  bäheen 
schfitet  und  du  hiihs  dennoch  dnr  na  den  guten  smak  behaltet. 
Diser  hiraelscher  smak  bleib  im  dur  na  vil  zites  nnd  gab  im  eitt 
faimelseh  senung  nah  got. 


111.  Kapitel. 
Wie  er  kam  in  die  geistlichen  genishelschaft  der  ewigen  wlshelt. 

Der  lof,  uf  den  sin  leben  dur  na  vil  zites  gerihlet  was  mit 
inriicher  übunge,  waz  ein  steter  tlizz  emsiger  gegenwurtikeit  in 
minneklicher  vereiniing  mit  der  ewigen  wisheit.  Aber  wie  daz  des 
ersten  gewnnui  einen  anvang,  daz  mag  man  merken  an  einem 
bnchlin  der  wisbeit  in  tütsch  und  in  latin,  du  got  dur  in  bat  ge- 
maebet. 

Er  hatc  von  jugent  nf  ein  minneriches  herz.  Nu  erbütet  sich 
dii  ewig  wisheit  in  der  heiligen  scrift  als  mtnneklicb  als  ein  Intseligü 


I'  Ö  einem  menBchen  PMS'W       8  sprach 

und]  noi'li  A'  16  lectuaricri  ÄÄ^  electuoriuin 
17  bleib  [im]  M  20  ffeiatL  fthtt  M  21  dur 
gpgeow.]  wirdekait  M      24  f.  siiicu  buchischen 


2  des  beschall  h  dem  1, 
fthü  in  10  dem  fdill  A' 
afS'  W  16  dur  iia  fehlt  M 
na  ffhU  P  22  das  waz  M 
«S'JVIT/ 

15  t'ieotniarinm,  latwftrje,  latwSrjc  iLexer  t,  1840/.)  =  dick  etngelioehtei- 
.Safl  vergchitifUtT  Beii-  und  Würtkräuttr,  ah  Salhe  in  einer  Büchge  ndtr  in 
SUiftgenform  aufbtteahrt:  vgl.  M.  Htyne,  Fünf  Bacher  detOfn/ier  Haaitalltr- 
lamer  III  (1903),  1.14/.  25  Büchlein  der  twigtn  WeithHt  und  Borolngium 

Sapietiiia 


12  Leben  SeusM.    Kap.  HE. 

minDerin,  du  sich  finlich  uf  machet,  dar  umb  daz  si  menlich  wol 
gevalle,  und  redet  zärtlich  in  fr6wlicbem  bilde,  daz  si  ellü  henen 
gen  ir  geneigen  muge.  Underwilent  seit  si,  wie  betrogen  and^ 
minnerin  sien  und  wie  recht  minneklicb  und  stet  aber  si  sie.  Hie 
von  wart  sin  junger  m&t  gezogen,  und  geschab  im  von  ir,  als  so  ein  i 
pantier  sinen  isüssen  smak  us  lat  und  du  wilden  tier  dez  waldes  zft 
ime  zühet.  Dis  reizlich  wise  hate  si  gar  dik  und  ein  minnekliches 
Iftderen  z&  ir  geischtichen  minne,  sunderlich  an  den  bucbern,  d&  da 
heissent  der  wisbeit  b&eher.  Wenn  man  du  ze  tisch  laz,  und  er 
denne  derley  minnekosen  horte  dar  ab  lesen,  so  waz  im  vil  wol  ze  u 
mAte.  Hie  von  begond  er  ein  elenden  hau  und  gedenken  in  sinem 
minnerichen  mute  also:  „du  soltest  reht  versftcben  diu  gelük,  ob  dir 
disu  hoh&  minnerin  möbti  werden  ze  einem  liebe,  von  der  ich  als 
grössü  wunder  b6r  sagen,  wan  doch  din  jungez  wildes  herz  ane 
sunder  liebi  nit  wol  mag  die  lengi  belibeu.^  In  den  dingen  nam  n 
er  ir  dik  war,  und  viel  im  minnektichen  in  und  geviel  ime  wol  in 
herzen  und  in  mute. 

Es  geschah,  so  er  momendes  aber  dar  ze  tisch  gesass,  so  rAfte 
fii  US  der  wise  Salomon  und  sprach  also:  „Audi,  fili  mi!  Hör, 
kint  mins,  den  hohen  rat  dins  vater!  Wellest  du  hoher  minne  2i 
pflegen,  so  solt  du  zu  einem  minneklichen  lieb  die  zarten  wisheit 
nemen,  wan  si  git  iren  minnern  jugent  und  mugent,  edli  und  rieh- 
tum,  ere  und  [ö""]  gefür,  grossen  gewalt  und  einen  ewigen  namen. 
Si  machet  in  minneklicb  und  lert  in  wesen  hoflich,  lob  vor  den 
]&ten,  rAm  in  den  scharen;  si  machet  in  lieb  und  werd  got  und  den  '^ 
lüten.     Dur  si  ist  daz  ertlich  geschafen,   dur  si   ist   der  himel  ge- 


2  frolichem  PA'W'  4  siiit  SaN  5  also  M  8  lÄder  3f  sunder  Ä/' 
in  d.  b.  P  9  zu  tüHclie  (!)  PaW  10  der  minn  der  lay  kosen  M  11  eilend 
Ma  W  14  liortc  P  herz  also  wüdez  M  15  die  lengi  fehU  P  16  dik 
fihU  A'  18  dar  fthlt  A^aNW         de  röfte  im  [us]  A^  19  mi  etc.  Ka 

22  tugtrnd  u.  in.  M  24  Si  —  26  scharen  7iach  26  lüten  M         25  got  von 

d.  1.  P        26  beschaffen  P        [int]  der  A^ 

6  f.  Zuerst  hei  Aristoteles,  Bist.  Anim,  JX,  6  (p,  612  a,12  8B.)  ermähU, 
dann  im  Physiologus  (Fr,  Lauchert,  Gesteh,  des  Phys,  1689,  19,  176  f^  199  f.), 
bei  Vinzens  von  Beauvais,  Spec.  nat.  XX,  99  und  bei  Seuaes  Zeitgenossen 
Konrad   von   Mcgtnherg    (f  1374),    Buch    der    Natur   ed.   Pfeiffer  1861,   IST. 

9  Als  „  Weisheitsbücher'*  (Libri  sapientiales  oder  morales)  wurden  im  Mütd" 
alter  sämtliche  Lehrschriften  des  Alten  Testamentes  bezeichnet^  besonders  die 
Libri   Salomonis    quinque    (Sprichw.,    Höh,    Lied,    Pred,,     Wsish,,    Siraeh). 

19—13,2  Weisheit  K,  7  u.  8,  besonders  8,2,  10,  18,  Sprichw.  K.  1-^  bes. 
^,19,  4,1' 


refltnet  und  <Uz    abgrAnd    nndergründit.     Der   si  bat,   der  gat  ge- 
werlicb   and  scblafiet  rfinklicb   nod    lept  sicberlicb."      Do    ei    dis 
ich6n  rede  also  bort  lesen  vor  ime,  do  zeband  gedabte  sin  sendes 
herz  also:  „owe,  wel  ein  lieb  daz  ist!     Wan  ni6bti  mir  dii  ze   teil 
s  werden,  wie  wer  ich  denn  so  recht  wol  beraten!"     Daz  widerzugen 
frfiindä  bilde,  und  gedabt  also:  „sol  ich  minnen,  daz  ich  nie  gesach, 
daz  ich  enweiss,  waz  es  ist?     Eh  ist  besser  ein  handvol  mit  besizene 
denn    ein    husvol   allein    mit   wartene.      Der   boh    zimbret   und   web 
minnet.  der  gewinnet  anderwilent  bungermal.      Disii   herü   minnerin 
m  weri  gut  lieb  ze  haben,  liessi  si  ire  dienet  dez  libes  wol  and  zärtlich 
pflegen.      Nu  spriebet  si  also:    „gi)tü    mnrsel   und  starken  win  und 
langes  schlaffen,   wer  dez  wil  pflegen,   der   eodarf  sich  der  wisheit 
mione  niemer  an  genemen."     Wa  wurden  ie  keinem  dicner  so  hertü 
gpil  für  geworfen":"      Ünz   widerspracb   ein   g6tlicher  gedank   also: 
]B  «der  tninne  von  allem  reebt   höret   zä   liden.      Nu   ist   doch   enkein 
Werber,  er  sie  ein  lider,  noch  kein  minner,  er  si  ein  martrer.     Dar 
nmb  ist  nit  nnbillicb,   der   so   höh  minnet,    ob  im  etwen  ein  wider- 
wertiges  begegent.     Nim  her  für  alles  daz  nngeliik  und  Verdrossen- 
heit,  daz  die  weltminner  müssen  erlidcn,   es  si  in  lieb  ald  leid." 
I'  *>  Ab  dieem  nnd  derley  insprecbene  ward  er  denne  aber  vestklich  ge- 
rterket  ze  volhertene.      Des  gelich  heschah  im  vile.      Etwen  hat  er 
j      ^At«n  willen,    underwilent    Hess   er   sin    herz   aber   uf  zerganklich 
I     minne.     So  er  denne  bin  und  her  gesfichte,  so  vand  er  iemer  etwaz, 
I      dem  der  gantze  ker  sines  herzen  widersprach,  von  dem  er  denn  ward 
'ffi  bim  wider  getriben. 

Eins  tages  las  man  in  ze  tische  von  der  wieheit,  da  von  sin 
hen  ingruntlieh  bewegt  ward.  Si  sprat-b  also:  „sam  der  schSne 
■"osbom  blüget  nnd  als  der  hohe  liban  unversehniten  smaket  and 
"'s  der  nnvermischet  baisam  nichet,  also  bin  ich  ein  blondes,  wol- 
*"  riechendes,  unvermischtes  lieb  an  urdruzz  und  ane  biterkeit  in 
ff'^ndloser  minneklichcr  süzzekeit.  Aber  alle  ander  minnerin  hein 
"•••«eü   wort   und   bitem    Ion,   ire  herzen   sint  dez  torfes  seginan,    ire 


2  schnffet  KP 
'^»"Jacht  zehand  Ä' 


leptl  gat  S  loft  P  3  also  fihlt  .V  liort  leseu  also  M 
\  wel]  wie  KaW  fi  doch  aUo  .1/  7  waz  ilaz  i«t  P 
.efehll  .V       12  dPji  endarf  A'       bedarf  MW      14  alu» 


f^Klt   K  17  etwen]  mrgeat  A'  wider wertik fit  P  20  denne  fihlt  K 

■**•*»■  JMl  A'  ersterket  M  36  in]  im  MaW,   fehlt  K  27  gnintUth 

'^'**Vt  M        28  litiliöin  M  lilian  A'        30  uiidmzi  A        32  hersien]  herrcn  A 


I 


7  Vfil.  Predig,  ifi. 

■^'"^rA  'ii.18.  30.  SI. 


H  — l.'i   Vgl.SpHckic.t 
l'yl.  Pird.  7.27. 


14  Leben  Seuses.    Kap.  III. 

hend  sint  isenhalten.  ire  red  gesüstü  [6']  gift^  ire  knrzwile  erenrob.^ 
Er  gedahte:  „wafen,  wie  ist  dis  so  war!*"  und  sprach  frilich  in  im 
selb:  ^gewerlich;  ez  mfts  recht  sin^  si  mfis  reht  min  liep  sin,  ich 
wil  ir  diener  sin/  Und  gedahte:  „ach  got^  wan  m6hti  ich  die 
lieben  näwan  einest  gesehen,  wan  möbti  ich  nüwan  einest  zft  ir  t 
red  körnen!  Ach  wie  ist  das  liep  gestalte  daz  so  vil  losflicber 
dingen  in  im  hat  verborgen?  Weder  ist  es  got  ald  mensch,  frow 
oder  man,  kunst  ald  list,  oder  waz  mag  ez  sin?^  Und  als  verr  er 
si  in  den  usgeleiten  bischaften  der  schrift  mit  deh  inren  ogen  ge- 
sehen mohte,  do  zogte  si  sich  ime  also:  si  swepte  hob  ob  ime  in  u 
einem  gewalkten  throne,  si  luhte  als  der  morgensteme  und  schein 
als  du  spilndü  sunne;  irü  kröne  waz  ewikeit,  ire  wat  waz  selikeit, 
irö  wort  süzzekeit,  ire  umbfang  alles  Instes  gnuhsamkeit.  Si  waz 
verr  und  nahe,  hob  und  nider,  si  waz  gegenwärtig  und  doch  ver- 
borgen ;  si  Hess  mit  ir  umb  gan,  und  moht  si  doch  nieman  begriffen,  ii 
Si  reichete  über  daz  obrest  dez  h6hsten  himels  und  rftrte  daz  tiefst 
des  abgrundes ;  si  zerspreite  sich  von  ende  ze  ende  gewalteklich  und 
richte  ellü  ding  us  süsseklich.  So  er  iez  wände  haben  ein  schön 
jungfroweu,  geswind  vand  er  einen  stolzen  jungherreu.  Si  gebaret 
etwen  als  ein  wisü  meisterin,  etwen  hielt  si  sich  als  ein  vil  weiden-  2 
lichu  minnerin.  Sie  bot  sich  zu  im  minneklich  und  grfizte  in  vil 
lechclich  und  sprach  zu  ime  gütlich:  „Prebe,  fili,  cor  tu  am 
mihi!  Gib  mir  din  herz,  kind  mins!"*  Er  neig  ir  uf  die  fasse 
und  danket  ire  herzeklich  uss  einem  demütigen  gründe.  Dis  ward 
ime  do,  und  nit  me  moht  im  do  werden. 

Dar  na  ge wonlich,  so  er  also  gie  verdahte  nah  der  aller 
lieplichosten,  do  tet  er  ein  inriich  frage  und  fragte  sin  minnesüchendes 
herze  also:  ^ach  herz  mins,  l&g,  wannen  flüsset  minne  nnd  ellA 
lütselikeit?  Wannen  kumt  ellü  Zartheit,  Schönheit,  herzlust  nnd 
lieplichi?  Kunt  ez  nit  alles  von  dem  usquellenden  nrspmng  der 
blossen  gotheit?  Wol  uf  dar,  herz  und  sin  und  m&t,  dar  in  daz 
grundlos  abgründ  aller  lieplichen  dingen !  Wer  wil  mir  nu  werren? 
Ach,  ich  urobvach  dich  hüt  nach  mins  brinnenden  herzen  begirde!" 
Und  denne  so  trukte  sich  in  sin  sele  neiswi  der  ursprünglich  usfloss 


1  gesüflseste  S  2  wafen  fehlt  M  4  wan  fefUt  MaW  5  an  ge- 
sehen M  9  mit  [den]  K  11  gewilketon  trone  gewulketen  S  14  doch 
feMt  S  IG  rillte  A^  17  erspreite  P  18  wolt  haben  oder  wende  haben  A*' 
22  lech.]  lübkiich  (?)  P  26 f.  aller  liepsteu  MW  30  us  wellenden  M  31  wol 
uff  wol  uff  Ka  W        33  Ach  fehlt  S 

16-18   Wtish.  8,1,  22f.  SpricJiw.  :J3^6. 


Lebpii  HeiiBes.    Kap.  IV. 


15 


les  gfttes,  ut  dem  er  bevand  geiBchlich  allez,  daz  »cli6ti,  Ueplich 
und  begirlich  wax;  daz  waz  alles  da  in  unsprechlicfaer  wise. 

Hie  mite  koui  er  iu  ein  gewonbeit,   wenn  er  loblieder  horte 

<C  singen  oder  BÜZ'/.a  eeitenspil  erklingen  oder  vod  zitlichem  lieb  bort  > 

fi  tagen    a\d   singen,    so  wart  im  mn   [6']   herz   und   mfit  geewintlicb 

ia  gefürt  mit  einem  abgesclieiden  inblik  in  sin  lieplichostes  lieb, 

TOD  dem  allee  Hep  ttüsset.     Wie  dik  dnz  miunekllcb  liep  mit  minne- 

weinenden  ogen,  mit  uszerspreitem  grundlosen  lierzen  sie  umbvangen 

und  in  daz  minnenricb  herz   lieplieb  gedruket,   daii  weri  unsäglich. 

10  Im  geschach  hie  von  dik  reht,   als  so  ein  müter  ir  sugendez  kinilli 

hat  nnder  den  armen   uf  der  schösse  steude:    als  daz  mit  sinem 

hebte  und  bewegte  siues  liblis  gen  der  wartenden  inüter  enbor  vert 

nnd  sins  herzen  fröde  mit  den  lechlichen  geberden  ei-zöget,  also  für 

herz  dik  in  sinem  libe  gen  der  ewigen  wisheit  lustrieben  gegen- 

keit  in  einer  enpfintlichen  dnrfloasenheit.     8o  gedabt  er  denne: 

'e  herr,   weri  mir  nu  ein  künegin  gemehelt,   dez   gaeti  sich  min 

we,  nu  bist  du  mins  herzen  keisrin  und  aller  gnaden  geberin! 

/n  dir  ban  ich  richtums  gnflg.  gewaltes  als  vil  ich  wil.     Alles  des, 

(la.z  ertrich  hat,  wolt  ich  nit  nie  haben!"     Und  alsus  betrahtende  do 

'  (vard   sin    antlüt   so   frälich,    sinn   ugen   so   gütlich,    sin   herz  ward 

jubilierende  und  alle  siu  iuren  sinne  diz  singende:    „Super  salu- 

t  ^  tn  eta,  ob  allem  glükd,  ob  aller  Schönheit,  du  mins  herzen  glök 

nsxd  Schönheit:   wan  gel(tkt  Iiat  mir  mit  dir  gevolget  nnd  alles  gAt 

hflkn  ich  in  dir  und  mit  dir  besessen." 


IV.  Kapitel. 
VV^ie  er  den  minnekllchea  ttamen  ienan  uf  isin  herz  zeicliente. 

In  den  selben  ziten  ward  neiswaz  unmeziges  f&res  in  sin  ael 
S^sendel,  daz  sin  herz  iu  g6tlicher  minne  gar  inbrünstig  maehete. 
^•'ns  tages,  do  er  sin  bevand  in  ime  und  sere  wart  kaiende  in  g6t- 
I  lieber  minne,  do  gie  er  in  sin  celle  an  sin  heinlichi  und  kam  in 
'^'•'   ininneklich  betrahtunge   und  sprach  also:  „ach,  zarter  got,   wan 

2   tla  fehl!  A'  4  ringen   oder    —    bort    M,  /thU  ÄSPKÄ'aNUW 

*  «Tserapr.  a         9  in /«W(  M         10  also,  a!g  »o  M         tint  P         12  zarten 

**Ma'      13  der  Uepiichon  gebSnl  M     den  litplichen  geberden  ttW     16  ganti] 

~^^  P  18  dea,  daz  daa  Ma  20   antlüt]  berz  M         24  dir  (traitt/] 

^»rd,  K        29  enpfand  P«        31  ein]  sin  M        wan  fihll  Ma 


21  ff.    Vyl.   Weisli.7,10/. 


J 


Leben  äeaicB.    Kap.  IV. 

kfind  ich  etwas  minnezeiohenB  erdenken,  daz  ein  ewiges  minnezeieben 
wen  enzwischnn  mir  und  dir  ze  einem  Urkunde,  daz  ich  din  nnd 
du  mioB  herzen  ewigü  minne  biet,  daz  kein  vergessen  nietoer  me 
verdiigen  m&bti!"  In  dieem  inbrünstigen  ernste  warf  er  vornan 
sinen  scbapren  iif  und  zerlies  vornan  sinen  bfisen,  und  nam  einen  i 
grifel  in  die  band  und  sacfa  sin  berz  an  und  sprach:  „ach,  gewaltiger 
got,  nu  gib  mir  hüt  kraft  und  macht  ze  volbringen  min  begirde. 
wan  dn  m&st  hat  in  den  grund  mins  herzen  gesmelzet  werden" 
Und  vie  an  und  stach  dar  mit  dem  grifel  in  daz  flaisch  ob  dem 
herzen  die  richti,  nnd  stach  also  hin  und  her  und  nf  und  ab,  dde  )0 
er  den  namen  IHS  eben  uf  sin  herz  [7']  pezeichent.  Von  den 
acharpfen  stieben  wiel  daz  bl&t  vagt  nss  dem  fleische  nnd  ran  über 
den  lip  abe  in  den  büsen.  Daz  waz  ime  als  minneklich  an  k 
sehent  von  der  fürinen  minne,  daz  er  dez  smerzcn  nit  vil  ahtei«, 
Do  er  die  getet,  do  gie  er  also  verserte  und  blutige  nss  der  cell  nfli  , 
die  cancell  under  daz  crucilixus  nnd  knüwet  nider  und  sprach:  „eyi, 
herr  mine  und  mins  herzen  einigü  minne,  nu  lüg  an  mins  hen» 
grossen  begirde!  Herr,  ich  enkan  noch  enmag  dich  nit  förbu  in 
mich  gedruken;  owe  herr,  ich  bite  dich,  daz  du  es  volbringest  oirf 
daz  dn  dich  nn  fiirbaz  in  den  grund  mins  herzen  drnkest  und  dlneoW 
heiligen  namen  in  mich  also  zeichnest,  daz  du  uss  minem  henei 
niemer  me  gescheidest. "  Er  gie  also  ininnewnnt  \'il  zites,  nw 
neiswen  über  lang,  do  genns  er,  nnd  beleih  der  nam  IHS  eben  of 
dem  herzen  stende,  als  er  begert  bäte,  und  waren  die  bilchBtabeo 
umb  sich  wo!  als  breit  als  du  breiti  eins  gescblichten  halmes,  DiidS 
ala  lang  als  ein  gelid  des  ininslen  vingers.  Er  trftg  den  nanten 
also  uf  sinem  herzen  unz  an  sinen  tod,  und  als  dik  sich  daz  heiw 
bewegte,  als  dik  wart  der  nam  bewegt.  In  der  nuwi  waz  es  gu 
schinber.  Er  trug  in  in  der  heinlichi.  daz  in  nie  kein  mensch  gessb, 
denne  eine  sin  gesell,  dem  zöget  er  es  in  götlicher  heinlichi.  Sn* 
in  dnr  na  üt  widerwertigs  an  gie,  so  sah  er  daz  minneklich  minne- 
zeichen  an,  m  ward  im  du  widerwert  ikeit  dest  lihter.  Sin  eelhit 
etwen  in  einem  minnekosen  gesprochen:  „Herr,  lüg,  die  minner  lüaa 
weit  die  zeichent  irü  liep  nf  ir  gewani,  ach  minne  minü,  ao  bu 
ich  dich  in  daz  frisch  blüt  mins  berzensafes  gezcichent.'  ' 

1  iiiin[i<-z.)  iiiiiuikUrh  (!l  .V        6  die]  sb  .V       8  noch  htte  P        den  £ 

II  ttach  den  griffrl  .In  mit  io  d.  f.  M      11  üafMl  S      und  von  Ä'      13  allH  5 

-q»!  miiiH  —  18  Herr  frUl  S         "wigi)  MA^         22  ako  gm  et  M       Vf 

P  iffi  dftl  i'iii  r  oU  dd  b.   -  36  lane  /Ml  K  26  An  MA^ 

t /MI  M       in  noc^  menscb  A' 


.e'ieii  St^uäts.     Ka|),  V. 

Eins  liiak's  iia  iiieli,  iln  er  von  siiiciii  gebet  koui.  da  icie  w 
III  9in  cell  uod  sass  also  uf  sinen  stnl,  und  naiii  dei'  altvcter  bfieli 
iiiider  «in  hobt  zCi  einem  küsBin.  In  dem  enisank  er  im  selb  nnd 
ijucht  in,  daz  neiswaz  liebte»  us  drungi  von  sinem  herzen,  und  er 
■»  Iftgto  dar:  do  ersehein  nf  sinem  heraen  ein  ^ulilin  tröz,  und  dar 
in  waren  verwürkel  in  erhabenr  wise  vil  edelr  stein,  nnd  die  liihten 
^cmul  schon.  Atso  nam  der  diener  sin  kaiien  und  scbifig  si  i^ber 
daz  berx  und  meinde,  daz  er  daz  usbrehend  klar  liebt  gern  beti 
bedeket,   daz  cz  nieman  mobti  hau    gesehen.     Dn    liruiinen   die   us- 

I^ngent  glenz  als  wünneklieh.  wie  vast  er  sü  barg,  daz  es  nit  half 
Hb  irc  kreftigen  sclionbeit. 


V.   Ka 


Von  den)   rorspil  gütliches  trostes,  mit  dem  got  etllcbti 
anvahoadii  menschen  rfizzet. 

.So  er  nah  siner  gewonheit  nadi  der  uiettin  in  sin  kapell  kom 
und  dur  eins  mwelis  willen  in  sinen  stnl  gesass  —  dis  sizzen  waz 
kurz  und  weret  nit  länger,  denn  unz  daz  der  wahter  kunte  den 
ufgenden  tag,  -  und  denne  giengen  im  "eh  iiT  sinü  ogen.  und  viel 
gcswind  of  sinü  knü   und  grUzte  dcit  ut'breclienden  liebten  morgen- 

*■  stßmen,  die  zarten  küngin  von  bimolrich.  und  meinde:  als  du  kleim't 
vögelii  in  dem  sumer  deu  liebten  tag  grüzent  und  in  frölieh  enpbahent. 
idso  in  der  f'rölicben  begirdc  grfizt  er  die  liehtbringerin  des  ewigen 
Lnges.  «ud  spraeh  denn  da  wort  nit  einvalteklich,  er  spnieb  sii  mit 
'■iuem  siissen  stillen  gedÖne  in  siner  sele. 

>  Eins  males  sasH  er  also  der  selben  zit  in  siuer  rllwc,  do  hört 

pr  neiswaz  in  siner  inuewendckeit  als  berzklicb  erklingen,  daz  alles 
siu  herz  bewegt  wart,  und  du  stimme  sang  mit  einer  Intcr  süsser 
hellnng,  under  dannen  do  der  morgenetern  uf  gie,  und  SRug  disü 
Wort:  „Htella  Maria  maris  bndie  proeessit  ad  ortum,  der 

1  na  ineti  fehli  K  auch  ilet  metti  M  2  siuem  M  ^  in  im  ».  ASi' 
5  im  uff  P  (i  [iiic|  crluhleii  /'  H  iiBbrpehcnd  Sl'  13f.  mit  —  reJa^ier. 
fehlt  M  etlichen  anileliligen  m.  A'  15  So]  do  K  17  ilaz  ft/ill  M 
31  griiBxl«»  A'  and  [in|  M  euph-j  xulicnt  A'  22  alao  |iij|  K  23  nit.| 
mitf!)  .V  24  Bossen AA/'J'  stillen  -nizzcn  M  27  \nm/t/.lt  ,1/  2«  (tanticnj 
.li-iu  P        2Ö  arf  urium  fehlt  !• 

2  ftltveter,  vgl.  Kap.  35.  b  In  AKHB'  tin  kitinte  ISild:  ihr  Xumc 
IHS  tnit  yrosgeii  guldenen  Budigiahcn  in  farbiger  Umrithmuni/.  2H  Aus 
dem  ä.  Hetpotmoriwn  der  MaliiUn  um  l-'rn'  Mtin'ä  Geburt  (^'.  Se/ilJ,  fi.ii.7i  dem 
Dominikantrogicmm. 


I  X/UPtl'ti 


18  Leben  Seuses.     Kap.  V. 

nierstcrn  Maria  ist  hüt  her  für  gezogt/*  Dis  gesang  erhal  als  über- 
imturJicli  wol  in  ime,  daz  im  alles  sin  gemüt  verflöget  ward,  und 
sang  mit  imc  frolich.  Do  su  es  mit  einander  hüglich  us  gesungen, 
(lo  ward  iin  ein  unsagliclier  umbvang,  und  in  dem  ward  zfi  irae 
gesprochen  aUo:  „so  du  mich  ie  minneklicher  umbvahest  und  ie  un-  i 
materilicher  küssest,  so  du  in  miner  ewigen  klarheit  ie  minnekliciier 
und  ic  lieplicber  wirst  umbvangen."  Also  giengen  im  die  ogen  uf. 
die  trehen  waletan  im  daz  antlut  abe,  und  grftzte  den  nfgendeu 
morgonsterncn  nah  siner  gewonhoit. 

Dar  na  uf  den  griizz  gie  der  ander  morgengrftz  och  mit  einer  u 
venje  der  zarten  ewigen  wisheit  mit  dem  lobrichen  gebetiin,  daz  er 
sehreib  an  etliehü  nüwe  brieflmchli,  und  vahet  au:  Anima  mea 
desideravit  etc.  Hier  uf  gie  denne  der  drite  grüz  mit  einer 
venje  dem  höhsteu  minnerichstem  geist«  von  Seraphin,  der  in  der 
aller  hitzigosten  furinen  minne  uf  flammet  gen  der  ewigen  wisbeit,  15 
dar  umb  daz  der  hizzige  geist  sin  herz  inbrünstig  in  götlicher  minne 
mneheti,  also  daz  es  in  im  selb  brunni  und  ellü  menschen  durch  sinü 
niinncrichü  wort  und  lere  enzunti.  Dis  waz  do  sin  teglicher 
mt)rgengriiz. 

Einest  an  der  vasnaht  hat  er  sin  gebet  gezogen,  unz  daz  der  2i) 
wahter  den  ta*r  blies.  Also  gedaht  er:  „sizz  enklein,  e  daz  du  den 
lichten  morgensternen  [8']  enpfahest".  Und  do  im  also  ein  vil  klein 
die  sinne  in  ein  rüw  kamen,  do  erhüben  die  hiraelschen  jnngling 
mit  hoher  stimme  daz  schon  respons:  Illuminare,  illuminare 
Jerusalem  etc.,  und  daz  erklang  als  unmesseklich  süzz  emniten  25 
in  siner  sele.  Do  sü  kumme  ein  vil  wenig  gesungen^  do  wart  dez 
himelschen  gedones  du  sei  als  vol,  daz  sin  der  krank  lip.  nit  nie 
moht  crliden,  und  giengen  im  du  ogen  uf,  und  daz  herze  gieng  über 
und  flussen  die  inbrünstigen  trehen  über  abe. 


1  für]  \i\\  .y  Dis]  daz  P  4  iin>alit'(!)  .1/  5  und  |i(*]  M  uu- 
11111  trrliclHT  P  10  d.  rt.  i,Tuz  S  mit  e.  v.  och  ^1/  1*2  au  etliche  mynno 
hin  lüach  icf  do  sdiroib  an  dem  iiachgciidon  brieflmchlin  M  an  dem  nagendt? 
in'iwcii  lirirtlnK-hlin  A^  1:5  «'tc  fchll  KP  hier  lI^  ASP  16  inbn'mstijjrer 
AS  inlnnnstijiTr  hitzipr  miniK'  .1'  18   wort]    wi-rck   P  20   verzojren  P 

24  daz!  dm   p        20  i\a/.  f'e/,h  S  di>z   A'         2\)  abc|  al  .1/ 

l'J  nuw«*  li.  ::=-  f/ekiirzte  hriffhüchhiu.  14  venjo.  venia  =  Prostrution 
louf  die  rac/tfi  Seite  des  Körpers.  ryL  Cnust.  FF.  Ord.  Praed.  JJist,  1  c.  Ü 
n.  l-j'i  I.  *J4  -/.  lU'.sp(nisnri'(iii  der  .Mntifiiu  <iii  iljdjilKUtiv  nach  dem  Domin." 
Urrricr  (Js.  tio.I). 


^^^^^^^^^r                  V.  ^^^^^^^^^^p^^^l 

^^^H       \}a  t-r  einest  also  sass  der  selben  /il,  rio    was  im  vor  in  ciDer     ^^^| 

^Hp«ilit.            iT  wU^\!U^  vcM-fiiivt  Werl                  luirlcr  hw\.      Also  dlllit     ^^H 

H  y/lKv  9s  <'  ^^  ''^'-^  I^^H 

^^^^B^^p^^jäyT^^v\  Mflai 

I^^Siiii^^^^l 

ft                    M 

^^^■diiz  Fin  i?ii^-el  gar  gütlich  vor  im  stünde  ze  siner   rclitcii    liand.       ^^H 

^^^v  dk-ner  vert   ^oswind   nl'  und    nnnnvalteL   den   ^Tininnlen    en^'ct,       ^^H 

^^H*  1  .-iii.T  feUl  P                                  i               vfn  P  stnnt                                  ^^M 

20  Loben  Seuses.     Kap.  V. 

und  umbschlüsset  in  und  trukt  in  an  sin  sele,  so  er  iemer  minnek- 
lichest  kondc,  dnz  reht  kein  mitel  was  enzwischen  in  zwein,  dez  in 
duhte,  und  hfib  uf  mit  kleglieher  stimme  und  mit  weinenden  ogen. 
und  sprach  us  einem  vollen  herzen :  „owe,  engel  mine,  den  mir  der 
minneklich  got  ze  trost  und  ze  hfit  hat  geben,  ich  bite  dich  dur  die  " 
minne,  die  du  zc  got  hast,  daz  du  mich  nit  lassist.**  Do  cntwürt 
der  engel  und  sprach  also:  „getarst  du  got  nit  getrüwen?  Lüg, 
got  der  hat  dich  also  lieplich  umbvangen  in  siner  ewikeit,  daz  er 
dich  niemer  wil  gelassen." 

Und   eins   males   nach    einem   lidenden    zitc   do    geschah   eins  h 
morgens  frti,  daz  er  och  umbgeben  waz  mit  dem  himelschen  ingesinde 
in  einer  gesiht.     Do  begert  er  von   ire   einem   klaren    himelfürsten. 
daz  er  im  zogti,   in  weler   wise   gotes   verborgnu   wonung  in   siner 
sele  gestalt  were.     Do  sprach  der  engel  zu  im  also:   „nu   tft  einen 
frölichen  inblik  in  dich  und  Iflg,   wie  der  minneklich  got  mit  diner  i" 
minnenden  sele  tribet  sin  minnespil."     Geswind  sah  er  dar  und  sah, 
daz  der  lip  ob  sinem  herzen  ward  als  luter  als  ein  kristalle,    und 
sah  enmiten  in  dem  herzen  rftweklich  sizen   die   ewigen   wisheit   in 
minneklicher  gestalt,  und  bi  dem  sass  des  dieners  sele  in  himelscher 
scnung;   du  waz   minneklich   uf  sin   siten   geneiget  und   mit   sinen  l><j 
armen  umbvangen  und  an  sin  gotlich  herze  gedruket,   und  lag  also 
vei^zogen     und    vereofet    von    minnen    under    dez    geminten    irotes 
armen. 

* 

[y]  Er  hate  im  seil)  erniiwret  i»tlichü  band,  und  do  ward  an 
der  engel  naht,  do  waz  im  vor  in  der  gesiht,  wie  er  horti  engelsoh-  2: 
liebes  gesang  und  süzzes  himelsches  ged6ne.     Da  von  ward  im  als 
wol,  daz  er  alles  sines  lidens  vergass.    Also  sprach  ire  [O""]  eine  zft 
ime:  „sih,  als  du  gern  hörest  von  uns  daz  gesang  der  ewikeit,  also 


1  iimbschüsset   M  2    dezj   daz   P  H  der  fehlt  S  10  einemj 

dein  S        12  irej  erst  (!)  P        einen  KA^        14  einem  A        17  ward  fehlt  A^ 
18  ensach  .V  ruwekl.  fehlt  M  22  verzogen  und  fehlt   M  und  von 

minnen  K  24  Es  K  27  ainu  M  28    als  gern  du    von   uns    h.    M 

ainikeit.  ^f 

2:i  In  AKliWB^a  ein  Bild:   die  eiviyt   Wdsheit  und  de»  Uien^^s  Sede 
umarmtn    aivh    auf    titinem    Schoss    (Abb.  :2   nach    W  Bl.  14^),  24   Vgl. 

Kap.  Ib.  25   Vorabend    den  lYHcs    filier    Kngel  { Michaeli arfeM),   das  am 

Uli.  Sept.  gefeiert  wurdf. 


Lebeu  Seuses.     Kap.  V.  21 

huren  wir  von  dir  gern  daz  gesang  von  der  ewigen  wisbeit.*^  Und 
sprach  aber  dur  na  also:  ^dis  ist  des  gesanges,  daz  die  nserwelten 
heiligen  werdeut  frölich  singende  an  dem  jüngsten  tage,  so  sii  an 
schowent,  daz  sü  in  iemer  werender  fröde  der  ewikeit  sint 
ö  hostetet." 

Er  hate  dur  na  einest  an  ire  liohzit  vil  stunden   in   semlicher 

schowung  ir  fröden  verzeret,    und  do  es  nahete  dem  tage,   do   kom 

ein  jungling,  der  gebarete  dem  glich,  als  ob  er  were  ein  himelscher 

spilman  von  got  zii  im  gesendet.     Mit  dem   kamen   neiswi    menger 

O    stolzer  jungling  in  glicher  wise  und  geberde  als  der  vorder,   denne 

so  vil  daz  der  erst  etwaz  wirdekeit  hate  vor  den  andren,  als  ob  er 

weri  ein  fürstengel.     Der  selb  jungling  kom  als  recht  wol  gemütek- 

lich  zu  ime  und  meinde,   sü  werin   dar  umb  her  ab  von  got  zft  im 

^^esendet,  daz  sü  im  soltin    in   sinem   liden  himelsch   frod   machen, 

^    und  sprach,  er  solti  sinü  liden  uz  den  sinnen  werfen  und  inen  gesel- 

schaft   leisten,    und   er  müsti   mit  in   och    himelschlich   tanzen.     Sü 

zugen  den  diener  bi  der  band  au  den  tanz,  und  der  jungling  vie  an 

ein  frölichez  gesengeli  von  dem  kindlin  Jesus,  daz  sprichet  also:  In 

(lulci  jubilo  etc.    Do  der  diener  horte  den  geminten  namen  Jesus 

^*  aho  süsseklich  erklingen,   do   ward    sin   lierz   und   sinne   alse  recht 

Wol    gemftt,    daz   ime   verswand,    ob    er   ie   liden   hat   gehabt.     Nu 

itiget  er  mit  froden,   daz   sü   taten    die  aller   hohsten   und   die   aller 

JViesten  Sprünge.    Der  vorsenger  der  kond  es  als  gar  wol  rüren,  und 

cier  sang  vor  und  sü  na,  und  sungen  und  tanzeten  mit  jubilierendem 

^    herzen.      Der   vorsenger   machete   die   repctitio   wol    drivalt:    Ergo 

Tnerito  etc.     Dis  tanzen  waz  nit  geschafen  in   der  wise,   als   man 

in   diser  weit  tanzet;    ez  waz  neiswi  ein  himelscher   uswal   und  ein 

widerinwal  in  daz  wild  abgründ  der  götlichen  togenheit.     Dis   und 

<lerley  himelsches  trostes  ward  ime  unzallicli  vil  in  den  selben  jaren. 

1  ^ern  von   dir  SM         [von]  dir  MA^         ewi«;Tii  fehU  3/"         3  frolich 
^eftU    M  4  in  fehlt    M  0  einest  fthh  A^  liohz.   ains   nachtz   M 

?«ruiidonl  streng:  iibnntr  K,  fehlt  M        7  frod  .V         14  konion  und  «resendet  M 
15  inenj  ein  P  KJ  oeh   mit  in  M  20  u.  sin   sinn  M  21  ie  fehlt  A^ 

22   daz]    was  A^  23  riiiren  A  ri vieren  MÄ^fS^    regieren   Kall         24  jubi- 

lierenden S        26  in  der  wise  fehlt  M        '21  diser]  der  PM 

18  Vgl,  Uoffmafin  v.  Jutller.shbeu,  In  dulci  jahilo,  ein  Beitrag  zur  Ge- 
si.'hichte  der  deutschen  Poesie,  2.  A.  1S6U  8f.  40 — 6o :  Ph.  Wackernagel,  Das 
deutsche  Kirchenlied  II,  4b:iff.  Dir  Überlieferung  des  Mischliedts  ist  ver- 
schieden: Hoffmann  Ifietet  eine  niederländische  Ftissung  des  lö.  Jh.  mit  d'tn 
Tiefrain  Ergo  merito  in  der  ersten  Strophe. 


22  Lebiin  Seuses.     Kap.  VI. 

lind  alier  meist  zfi  den  ziten,  so  er  mit  grossem  liden  waz  umbgeben, 
und  dö  wurden  im  denne  dest  lichter  ze  lidene. 

Einem  heiigen  menschen  waz  vor  in  einr  gesiht,  do  er  üher 
alter  waz  gegangen  mess  sprechen,  daz  er  wurdi  hiter  mit  eiur  ^re- 
zierde  einr  durluhten  minne,  und  sah,  daz  du  g6tlich  gnade  her  ab 
towetc  in  sin  scle,  und  daz  er  ward  eins  mit  gote.  Do  kamen 
hinder  in  stende  gar  vil  lütseliger  kinden  mit  bannenden  [10*^]  kerze« 
zft  dem  alter,  eine  na  dem  andern.  Sü  zerspreiten  ire  arme  nnd 
umbviengen  in,  ein  ieklicher  sunderlich,  so  sü  iemer  lieplicbest  konden^ 
und  trukten  in  an  ire  herzen.  Sü  fraget  von  wunder,  wer  sü  weriiÄ 
ald  waz  sü  meindin?  Sü  sprachen:  ^wir  sien  üwrü  geswisterpt 
mit  lobe  und  frode  in  ewiger  selikeit,  und  sien  bi  üch  nnd  hütefti 
üwer  ze  allen  ziten.**  Si  sprach:  „ach  lieben  engel,  waz  meinet:, 
daz  ir  den  herren  so  reht  minneklich  heind  umbvangen?"  Sit 
sprachen:  „do  ist  er  uns  als  herzeklich  liep,  daz  wir  vil  tünes  mit 
im  haben,  und  wüssist,  daz  got  unsaglichü  wander  würket  in  sine-r 
sele,  und  waz  er  got  ernschlich  hat  ze  bitene,  dez  wil  im  got  nieni^r 
versagen." 


VI.  Kapitel. 
Von  etlichen  Visionen.  - 

Do  in  den  selben  ziten  hat  er  gar  vil  vision  künftiger  uitö 
verborgenr  dingen  und  gnb  im  got  neiswi  ein  ehptintlich  kuntsaimi- 
als  verr  es  denn  moht  sin,  wie  es  in  himelrich  und  in  helle  und  i  ^ 
vegfür  stünde.  Es  wjiz  im  gewonlich,  daz  vil  seien  im  vor  erschinei^r 
so  SU  von  diser  weit  geschieden,  und  im  kund  taten,  wie  es  i«^  - 
ergangen  weri,  wa  mit  sü  ir  bfisse  hetin  verschuldet  und  wanii"^ 
man  in  gehelfen  möiite,  oder  wie  ir  Ion  vor  got  weri.  Under  der»' 
andren  erschein  im  och  vor   der   selig   me ister  Eghart   und  d6*^ 


1    irross«*n    .1  7    lurzcn    (hirc/ifttrichen,    darunter    korzen    M  hen»^** 

ASPä'  8  Mi|    i\\\  ASA'         12  iiiirl  an  M        IoIm'  xindfehU  P        15*1«^! 

so  S  17  rnivfiiclies  /*  liirtriK-   A  (le/|  dz   PM  22  gfiib  im  liC»*' 

ir<.>van  .1/        2:*»  liimolr.  |umll   /'         24  vil  ir«?\v(»nl.  M         vor  iiu  Jf        ^iöii'^i 
iiii(I)  M        2iS  \v  t\hli  J*         27  von  ^»"ot  -V        2S  ilo  iTschein  .V 

2S  Kck/tart   shirh   hafd   nach   seiner    Erhlärnntj   vom    13.  Vtbraar  Pif'' 
In  flasKcUic  Jahr  lallt  wohl  auch  die    \'ision. 


i 


Leben  Senses.     Kap.  VI.  23 

heilig  brfider  Johans  der  Ffitrer  von  Strasburg.  Von  dem  meister 
ward  er  bewiset,  daz  er  waz  in  nbcTswenkcr  günlichi,  in  die  sin 
sele  blos  vergotet  waz  in  gote.  Also  begertc  der  dioner  ZNveier  ding 
von  im  ze  wüssene;  daz  ein  waz:  wie  du  menschen  in  got  stündin, 
5  du  der  nehsten  warlieit  mit  rcbter  gelasscnheit  ane  allen  falsch  ^ern 
gnfig  werin.  Dez  wart  ime  erzöget,  daz  dero  menschen  ingenonien- 
heit  in  die  wiselosen  abgriindkeit  nieman  möhti  gewSrten.  Er  frnget 
aber  fürbaz  also:  ein  mensch,  der  gern  dar  zu  kemi,  waz  dem  du 
fürderlichest  Übung  weriV  Uo  sprach  er:  „er  sol  im  selb  nnh  sin 
selbsheit  mit  tiefer  gelasscnheit  entsinken,  und  ellü  ding  von  got 
niit  von  der  creatur  nemen,  und  sich  in  ein  stille  gedultkeit  sezzen 
gen  allen  wülfinen  menschen.** 

Der  ander  bröder  Johans  der  zogte   im  och  in  der  gesiht  die 

wünneclichen  Schönheit,   mit  der   sin   sele   verkleret   was;   und   von 

^^   dem  begert  er  och,  daz  er  im  ein  frag  uz  rihti.    Du  frag  was  Jilso: 

er  fraget,  welü  under  [10^]  allen  Übungen  du  weri,  du  einem  men- 

«^chen  aller  wirst  teti  und  im  aller  nuzest  weri?    Do  hftb  er  uf  und 

•sprach,  daz  mit  wetünders  und  nüzers  dem  menschen  weri,  denn  da 

«ler  mensch  in  gelasscnheit  von  got  im  selber  gedulteklich  us  giengi 

^  und  also  got  dur  got  liessi. 

Sin  eigne  vater,  der  der  weit  kint  zemal  waz  gewesen,  der 
erschein  im  vor  na  sinem  tode,  und  zogte  im  mit  einem  jemerlichen 
JUiblik  sin  angstliches  fegfur,   und  wa  mit  er  daz   aller   meist   bäte 


1  heilig]  selig  S         mtrtrAKPMA'U  furer  >S  t'ucrci-  afS'  (Denffles  An- 

S^ftbeu  30  A.  1  sind  untichtig)  den  maisterii  M  5  mit  der  reliten  g,  M 

T  gewart<)n  M      8  dem]  im  -4^       11  sich  still  in  ain  j^.  s.  M       15  uz  fehlt  P 

10  er  fraget  fehlt  A"^  17  wirs  AK  18  und  —  weri  fthU  S  21  drr 

f  ciceites)]  d\ir  AA^  durch  (!)  K        22  mit]  in  M 

1  Johannes  der  Futörer  ^e/*öri  einer  angesehentcn^  nichtpatrizischcn  Sfra.ss- 
^nrger  Familie  <in  :  1338139  und  1341142  wird  Clawea  Fiiterer  von  der  Kürschiur- 
^anft  in  den  Hat  gewählt  (Strassh.  ÜB    VII,  89^,  89:0-  l'^^i^  sind  Wilhelm  I\ 
t.:ivis  Argentin.  u,  f  Alexander  F.  canonicus  am  St,  Thtnnaskajtitel  urkundlich 
9,tzeugt  (a.  a.  O.  377).     Johannes  F.    erscheint   1325   {ebd.  III,  322)   als   Mit- 
glied  des  Basler  Predigerkonvenis ;    der  1386  genannte   {ebd.    \'II,  fio2J  gleich- 
namige Strassburger  Subprior  wird  wohl  ein  Verwandter  von  ihm  gewesen  min. 
Fragmente  mystischer  Predigten  von  „Bruder  Johans  der  fvterer  ein  brediger"^ 
stehen  in  der  Berliner  Handschrift  Ms.  germ.  quart.  191  (XV.  Jh.)   PI.  374''. 
383*\  386*.,  387*",  389^.     Die  ziemlich  ungeschickt    zusammengestellten  Sprüche 
geben  aber  keinen  Btgrijf  von  F.s  Bedtutung  als  Prediger;  Bl.  385''  nennt  .ste 
ketthrintn  =  Dominikanerinnenkloster    St.  Katharina    zu   Strassburg    als    Ort 
der  Predigt.      Vgl.  auch  Denifle  63(i  Anm. 


24  LcImmi  Scuses.     Kup.  VII. 

verschuldet;  und  seit  im  usgeseheidenlich.  wie  er  im  helfen  solte. 
Um!  daz  tet  er.  Und  er  zogte  sich  im  dur  na  und  seit  im,  daz  er 
lidig  dur  von  waz  worden.  Sin  heilgü  raiiter,  mit  der  herzen  und 
libe  got  wunder  wurktc  bi  ir  lebene,  du  erschein  im  och  vor  in 
einer  gesiht  und  zogte  ime  den  grossen  Ion,  den  si  von  got  enpfangen  6 
hatc.  Des  glich  besdiah  im  von  unzallichen  vil  seien;  und  hier  ab 
nam  er  do  lust.  und  gab  im  vil  zites  einen  bildrichen  ufenthalt  in 
der  wise.  die  er  do  ffirte. 

VII.  Kapitel. 
lu  weler  Ordnung  er  ze  tisch  gie.  i< 

So  er  ze  tisch  solte  gan,  so  knftwet  er  nider  mit  inrlicher  l)e- 
trahtung  sines  herzen   für   die   ewigen  wisbeit,   und  bat  die  vil  ge— 
trulicb.   daz   si   mit  ime  ze  tische  giengi   und  mit  im   enbissi,  nnd 
sprach  zu  im  also:    „aller  süssester  Jesu  Criste,   ich   lade  dich  mi^ 
grosser  begirde  mins  herzen   und  bite  dich,    als  du  mich  milteklicli    IB 
spisest,   daz   du  mir  och  hüte  diu  zarten  gegenwiirtikeit  verlihest.** 
So  er  über  tisch  gesass.   so   saste   er  den  geminten  gast  der  reinem"» 
sele  eben  für  sich  zu  einem  gemassen   und   sah   in   vil   gütlich  an  = 
etwcn  neigte  er  sich   uf  die  siten  sines  herzen.     Zu  einer  iekliclie«» 
trabte,  die  man  im  für  saste,  bot  er  uf  die  Schüssel  gen  dem  himel-  30 
schon  büswirt,   <laz   er  im   sinen   heiligen   segen  dar  über  teti,  Dn*i 
sprach  dik    in   einer  minnericher  früntlichcit:    „ach   zarter  gemassen* 
nu  isse  mit  mir.    herr  mine,   nu   grifi»  vor  dar  und  isse  mit  diner»"» 
kneht!**     I.'nd  derley  minn(»kosendü  wort  hat  er  gen  ime. 

So  er  trinken  wolte,  so  bub  er  den  ko])f  uf  und  bot  im  i»*  ^ 
och  vorhin,  daz  er  trunki.  Er  trank  do  ob  tisch  gewonlich  füm^ 
trünke  und  tet  die  uss  den  fünf  wunden  sines  geminnten  hcrrem  ^ 
wan  aber  lll"^]  wasser  und  blut  uss  der  gotlichen  siten  ran,  hir**" 
uiiilie  tet  er  disen  trunk  zwivalt:  den  ersten  muntvol  und  do»^ 
jüngsten  noss  er  in  der  niinne  dez  minnerichsten  herzen,  so  di^ 
ertlich  geleisten  niag,  und  in  der  inhizigosten  minne  dez  hohsten  geistc^^ 
von  Serapliin.    daz    die  mit  sinem  herzen  wurdin  völleclich  geteilC^- 

I   ^I!^lM••^(•ll(•i^l.  ,1/         2  IM-  «Tzoigte  IWa         4  vor  naiswie  M        5  v<»  ^* 
iror  fehlt  A'         r,  hrs]  dis  N         7  do]  ileiine  P       10  «rie  engen  P       13  [va^J 
eiib.  P        14  s^pracli  also  z.  i.  P        17  gt'sass  /VA//  A^        18  för  8lch  eben  M- 
"22  iiiiiiiJi'klicheii  M  25  iif  nach  liub  er  N  26  du  fehlt  MA^  28  wt^ 

frhlt  M        blüt  u.  WMssrr  P       .Idi  AS P       :^0  miunrichon  M       31  hitzisrwt«  i^' 
:\2  wuril  .1/        vOll.  ühlt  M 


Leben  Seuscs.     Kap.  VII.  25 

Die  spise,  du  im  nit  linpfig  waz,  bot  er  ze  tunken  gen  dem  minnewunden 
herzen  mit  gutem  globen,  daz  si  im  denne  nit  m5hti  ge^chaden. 

Er  sAhte  lust  an  opse,  und  daz  wolt  im  got  nit  gestaten.     Im 

waz  vor  in  einer  gesibt,    wie  im  einr  !)uti  einen  apfel  und  spracb: 

0  «nim   hin,    daz  ist  daz,    da   du   lust  an   suchst.''      Do    spracli    er: 

.nein,   alle  min  lust  lit  an  der  minneklichen  ewigen  wisheit.*^     Do 

meinde  er,  daz  weri  nit  war,  er  sfthti  sinen  lust  ze  vil  an  dem  ops. 

Und  dez  erschamt  er  sich  in  im  selb,  und  was  zwei  jar,  daz  er  nie 

keines   opses   enbeiss.      Do  du  zwei  jar   mit  belangnng  hin  kamen 

iM  und  in  dem  nagenden  jare  daz  ops  ersessen  waz,  daz  dem  convent 

nit  opses  ward,   und   er   mit  mengem   strite   sich   selber  überwand, 

'laz  er  kein  sunderheit  ob  dem  tische  wolt  haben  mit  opse,  do  bat 

er  ^ot,  weri  es  sin  wille,  daz  er  es  esse,  daz  er  denne  den  convent 

allen  opses  beriete.     Und  daz  geschah.     Do  mornend  ward,  do  kom 

^    ein    frömdü   person   und   brachte   dem   convent   ein   gftt   teil    nüwer 

Pfenning,   und  wolt  nit  enbern,    wan    kofti    liberal   nuwan  epfel  dur 

tnit.     Und  daz  geschah,  also  daz  sü  vil  zites  gnög  baten,  und  also 

vie  er  dankberlich  ops  wider  ze  essen. 

Da/  gross  ops  teilt  er  in   vier  teil:    du   drü   ass   er   in   dem 
*    nnnien   der   heiligen   drivaltekeit,   daz  vierde  teil  in  der  minne,   als 
*lu  hinielsch  mi^ter  irem  zarten  kindlin  Jesus  ein  epfelli  gab  zc  essen. 
i.)az  selb  teil  ass  er  nnbeschniten,    wan   es   du   kindelü   also    nnbe- 
J^chnitten   pflegent  ze   essene.      Von   dem  winnahttag  unz  etwi  lang 
<\nr  na  so  ass  er  nit  daz  vierde  teil:  er  bot  es  in  siner  betrahtunge 
clor  zarten  miiter,    daz   sii    es  ir  lieben  jungen  sunlin  gebi,    so  wolt 
or  sin  in  den  worten  enbern.      So   er   underwilent  ze  geswintliehen 
uf  die  spise  oder  trank  viel,  dez  erschamt  er  sich  vor  sinem  erberen 
^einassen;   und  so   er   diser  Ordnung  keiner  ob  tische  weri  ab  ge- 
gangen, so  gab  er  im  selber  ])nss  dar  über. 

•^  Es  kom  einest  ein  guter  mensch  von  einr  andren  stat  zu  ime 

und  seit  ime.  daz  got  in  einer  gesiht  zu  im  heti  gesprochen  also: 
^wellest  [11  ^']  du  ein  ordenliehes  tischsizen  haben,  so  gang  zfi 
minem  diener,  und  haiss  dir  alle  sin  wise  sagen." 


1  iiünnonden  P         2  ^CHch.  mohtc  P         4  Imti  aiiuT  MA^  5  uim] 

nü  P  7  duz]  es  A^  0  hin|  us  P  10   vorsczzon    .1/^*  11    selluM- 

fehlt  M  12  sunderhert  A  13  s'ur  fehlt  S  lJ-3f.  dem  c.  allen  opses  A^ 
16  erbern  ASF  dar  uml)  P  18  danklich  wider  obs  M  21  zarten  fehlt  M 
26  ze  fehlt  M  27  sinen  A.bKA'  irgl.  22,17)  23  keiner  fehlt  S  :31  lietti 
zn  im  A'        «resprochen  het  [also]  M        ;35  sin]  die  S 


VIII.   K;i|)itel. 

Wie  er  bourie  daz  iii^end  jor. 

Als  ze  8wabeii   in  hinein  lande   :in   etliclien  Stelen   giMviiiillüli 
ist  an  dem  ingenclein  jarc,   so  ^nnd   die  jniigliiig  dcz  tiahtee   u»  in 
iiDwisheit  und  liiteiit   de/,  gemeitcn.    daz  ist.   8Ü   singend  lieder  ujnl  j 
spiechent   scliönü  gedibt   und   bringent  es  zn,    wie  sü  mägeut  mit 
hoflicher   wise,    daz    in    Ire   liep   schapel   geben.      Daz    viel   sineai 
jungen  ntinuencfaen  lieizen  also  vast  in,  so  er  es  liorte,  daz  er  wh 
der  selben  nabt  für  sin  ewiges  liep  gie  und  bat  oclt  de/,  gemeito. 
El  gie  vor  tag   för   da/,   bilde,    da   du    rein   mnter   ir   zartes   kirn).  ]> 
die  schönen  ewigen  wisbeit  uf  iie  schoss  an  ire  herz  bat  gctlrnkd. 
und  knäwete  nider  nnd  hrib  au  /.e  singen  in  stillem  süssen  golto' 
siner  sele   ein   sequenci   der   mftte.r   vor   an,    daz   si   im    erlopti  eiii 
scbapel  ze  erwerbene  von  ir  kinde,  und  da  er  es  nit  wol  kÖndi,  'In* 
si  tili  da  hülfe,  nnd  ward  im  dik  als  einst  und  als  not  zc  weimii.  'ö 
duz  im  die  heisscn  trelien   über  ab   waletan.     So  er  da  iis  gesaiir- 
80  kert  er  sich  denn  gen  der  berzlieben  wisheit   und   neig   ir  iiider 
uf  die  füsse.   und  grhzte  sie  von  dem  tiefen  abgründe  sincs  bencn 
und  rflnide  si  mit  lobe  an  schöni,  an  ndcl,  an  lugenden,  an  zarlbtit. 
an  friheit  mit  iemer  weiender  wirdekeit  über  alle  seh6n  jungfroffen  "^ 
diser  weit,  nnd  tet  daz  mit  singene,  mit  sagene,  mit  gedenken  nnd 
mit  begirden,  so  er  iemer  best  konde,   und  wünschte  denn,  dai  rf 
in  geischlicher  wise  aller  minner  und  niiiineklicher  birzen   ein  vnr' 
lofcr   wen.    und    aller   lieplicber  gedenken,    Worten    und    sinnen  fi«* 
orthaber  weri,   dar  umbc  daz  er  die  wirdigen  gnil  uiinneklieh  vo«» 
ire  nnwirdigeni  dicner  könd  geloben.     Und  sprach  denn  ze  jung^* 


fehtl   .1/  5  miwlNliBil  lioirij/irii  aiis  UBwi^iE»"     ^ 

11   Itial]  t^ednikti  .1/  15  als  ij.il  ii.  .i.  oriist  S* 

it   WIÜ-.  r  -jn  ,.iLlliiili.T  }•  «-flrdeklidisii -^^ 


lieit  A         iinwigwi-nli 
19    tiiirciil    .1/  -2 

■>G  vcinYigca  A' 

3  fl'.  Üfrci-  die  ahmanimdiea  Volkugebraachr  in  der  Ncitjahrsnaehl,  n«*^^ 
(in»  AnniHgeu  der  Grlithlcn  (frii/ier  ^Kriinetingen-'  genannt!  noch  Jeltl  ii*'* ■* 
R'iUr  »pieU,  vgl.  E.  H.  Mciier,  Itadiichtn  Vnlkdchtn  im  1».  Jahrhundrrt  lli^^f 
^■Off.,  4HS.  Dt'i  gemeiten  bitcn  —  hw  da»  Angmihme,  liit  Litimg«^^ 
biUtn  (von  gcmi-it  —  »eh'm,  xlaUlidi,  lieb):  Grimm  DW li',  337Jff..-  Sekmi'-f- 
Itr  11',  4^iy.  Denifle  Jfl;  um  KränzUiii  xingm.  schapel  Kraus  roa  llhi»"*' 
odtr  itcie  hieti  käiutiicher  Kram,  Bniiil  odur  Diudem  (oft  mit  Pfrim  i«ffl<' 
iifii  'Iie  Stime  geKehliityjen,  nln  Schmuck  für  Jungfraum.  hroutu  und  MHiwf- 
vgl.  Leia-II,  Ii5!i.-  Iill'  VJII,  i'luhf.:  A.  ScbulH.  Dns  hü/.  £<*M  l'.SSO.H^ 


Leben  Seuses.    Kap.  IX.  27 

also:  „ach,  du  bist  doch,  liep,  min  frolicher  ostertag,  niins  herzen 
sumerwunne,  min  liebü  stunde;  du  bist,  daz  lieb,  daz  min  jnngez 
herze  allein  minnet  und  meinet,  und  alles  zitlich  lieb  durch  dich 
hat  verschmähet.  Dez  lass.  herzentrut,  mich  geniessen,  und  lass 
ö  mich  hüt  ein  schapel  von  dir  erwerben!  Ach  miltes  herz,  tft  es 
dur  din  götlichen  tugende,  dnr  din  natürlichen  güti,  und  lass  mich 
hüt  an  disem  ingendem  jare  nit  1er  von  dir  gani  Eya,  wie  stündi 
es  dir,  süssü  [12*]  süssekeit?  Gedenk,  daz  eine  din  lieber  kneht 
uns  von  dir  seit  und  sprichet,    daz    in   dir  nit  sie   nein    und  ja,    in 

lo  dir  sie  nüwan  ja  und  ja.  Dar  umbe,  mins  herzen  minne,  l)üt  mir 
hüt  ein  liepliches  ja  diner  himelschen  gabe^  und  als  den  toben 
minnern  ein  liepliches  schapel  wirt  gegeben,  also  müss  miner  sele 
hüt  ze  einem  guten  jare  etwaz  sunderlicher  gnaden  ald  nüwes  lichtes 
von  diner  schönen  haut  geboten  werden,    zartü  trütü  min  wisheit!" 

^^  Dis  und  dez  gelich  begond  er  do  und  gie  niemer  ungeweret  dannen. 


IX.  Kapitel. 

Ton  den  Worten  Sursum  corda. 

Er  wart  gefraget,  was  sin  gcgenwurf  weri,  so  er  mess  sang 
Und  er  vor  der  stillen  messe  die  prefation  an  hüb:  Sursum 
^  c?orda!  Wan  du  wort  nach  gemeiner  hellung  sprechet  ze  tütsch 
5ilso:  Sursum,  süsent  uf  in  die  höhi  ellü  herzen  zfi  gotel  Du  wort 
Giengen  im  als  recht  begirlich  uss  sinem  munde,  daz  du  menschen, 
^lü  es  hortan,  einen  sundern  andaht  dar  ab  m6htin  han  genomen. 
Diser  frage  entwürt  er  mit  einem  inneklicben  süfzen  und  sprach 
also:  „wenn  ich  du  selben  lobrichü  wort  Sursum  corda  sang  in 
der  messe,  so  geschah  gemeinlich,  daz  min  herz  und  sele  zerflussen 
von  götlichem  jamer  und  begirde,  die  min  herz  uss  im  selb  an  der 
stunde  verfl6gten;  wan  es  erhüben  sich  denne  gewonlich  drierley 
höh  uftragender  meinungen.  Etwen  kom  einü,  etwen  zwo,  etwen 
'^  alle  drie,  in  den  ich  ward  ufgeswenket  in  got  und  dur  mich  alle 
creaturen. 


3    und    meinet  fehlt   M            6   guti]    gnad    ASP            10  iiüwanj    nur 

denno  P       11  liepl.|  minneclichez  iS'       »roben  P       12  liciA.  fMt  M  14  schonen 

fMt  K          werden   geb.   6'           15    nienuii]    der   niinner  (!)  M  21  süsent- 

sehent  P         23  dar  al>    nach  ^nenoraen    M         24  inrlichen  M  2i\  ncwon- 

lich  P         und  nele  fehlt  P         zortlos  PM        29  nianungen  P  kam  zwo  P 

SC    Paulus,  II  Kor.  1,19, 


>8  Leben  Seuses.    Kap.  I\. 

„Du  erst  inlubtend  meiuunge  was  also:  ich  nam  für  niinü 
inrü  ogen  inicli  selber  nah,  allem  dem.  daz  ich  bin,  mit  lib  und  sele 
und  allen  niinen  kreften^  und  stalte  umb  mich  alle  Creatoren,  die 
i^ot  ie  geschftf  in  himelrich  und  in  ertrich  und  in  den  vier  eleroenten, 
ein  iekliches  sunderlich  mit  namen,  es  weri  vogel  des  luftes,  tier  5 
des  Waldes,  visch  des  wassers,  lob  und  graz  dez  ertrichs  und  daz 
nnzallich  grien  in  dem  mere,  und  dar  zu  alles  daz  klein  gestuplach, 
daz  in  der  sunnen  glänz  schinet,  und  ellü  du  wassers  tröpflü,  du 
von  tow  ald  von  schm*  ald  von  regen  ic  gevielen  ald  iemer  me 
^revallent,  und  wünschte,  daz  dero  ein  iekliches  heti  ein  süsses  uf-  lo 
tringendes  seitenspil.  wol  gereiset  uss  mines  herzen  innigostem  saffe. 
und  also  uf  klanktin  ein  nüwes  hochgemutes  [12^]  lob  dem  geminten 
zarten  gote  von  ewen  ze  ewen.  Und  denne  in  einer  huglichen  wise 
zortaten  und  zerspreiten  sich  die  minnerichen  arme  der  sele  gen 
der  unsäglichen  zal  aller  der  creaturen,  und  waz  sin  meinunge,  sü  ih 
alle  frutig  dar  inne  ze  machen,  recht  als  so  ein  frier  wolgemüter 
vorsenger  die  singenden  gesellen  reizet,  frölich  ze  singene  und  ire 
liorzen  ze  got  uf  ze  bietene:  Sursuni  cordal" 

„Du  ander  meinunge  waz  also,"*  sprach  er,  „ich  nam  her  für 
in  minen  gedenken  min  herz  und  aller  menschen  herzen  und  hinder-  2 
dahte,  waz  lustes  und  fröden,  waz  liebes  und  frides  die  gebruchent, 
die  irü  herzen  got  allein  gebeut,  und  da  wider,  waz  schaden  und 
lidens,  waz  leides  und  unrftw  zergangklichü  minne  in  treit  ire  Unter- 
tanen, und  rnfte  denn  mit  grosser  begirde  zft  minem  und  zfi  den 
selben  herzen,  wa  sü  sind,  über  ellü  ende  diser  weit:  „wol  uf,  ir 
;revangnü  herzen,  uss  den  engen  banden  zerjianklicher  minne!  Wol 
uf,  ir  schlafenden  herzen,  uss  dem  tode  der  sünden!  Wol  uf,  ir 
üpigcn  herzen,  uss  der  lawkeit  üwers  tregen,  hinlessigen  lebens! 
Habent  üch  nflf  mit  einem  gautzen  ledigen  kere  hin  zu  dem  minnek- 
lichen  p)te:  Snrsum  cor  dal" 

„Du  dritte  meinunge  waz  ein  früntlicher  rhf  aller  gut  williger 
nn*::elasenr  menschen,   dn  verierd  gand  in  in  selber,    daz   sft    weder 

I    1  mn  Bunde  (roh  A  mmmuix  P  '.)  <;estalt  M  5  warin  A' 

7  kk'iii  fehlt  A^  ijiostüppc  *V  .stüphtcli  .1/  s  tropiifcn  P  10  daz  ./V/r//  M 
12  kUnkeii  uuwcs  ./VA//  ^  13  in  eiin'r|  nieiner  (!)  iC  hüjrl-]  frolichen  i^ 
14  z«'rbreiti'ii  .1'  iiiinnoklicIuMi  vor  niimicr.  durchstrichtn  A  15  und  —  mein. 
teUlt  M         Hi  all.-  fJilt  M  18  u«^  |zr|  h.  P  uf  fehlt  M  19  II  am  Rande 

•  rot  I  A  ;l  z\V(»  iiunmiii;:»'  V  20  in  min  her/.  A^  22  allein]  aller  ding  3/ 
<la  fddt  J'  2.")  unl  x\\'  wol  ut  M  wol  -     20  mmnv  fehlt  A^  29  uff 

Mch    S  uft*  fi'hlt    P  nfnuiekl.I    liinn'lsclien    P  81    III    a.   Hand   imii  A 

ynintliflH'N  riiftVii  P         -VI  vcririd]   virrdi-  di   V 


Lübcn  Seiises.     Kap.  X.  2i^ 

an  got  noh  an  der  creatur  hein,   wan  ir  lierz   bin  und  her  mit  der 
zit  zerstrowet  ist.      Den  ruft   ich    und   mir   selb   «f  ein   getürstige.s 
wagen  unser  selbs  mit  einem  ganzen  abker  von  uns   und  von  allen 
creaturen." 
5  Und  dis  waz  sin  gegenwurf  in  den  Worten   Sursum   corda. 


X.  Kapitel 
Wie  er  begle  die  Uehtmiss. 

An  unser  frowen  tag  zu  der  liehtmiss  bereit  er  vorhin  drie 
tag  mit  gebete  ein  kerzen  der  himelschen  kindbeterin,  und  du  kerz 
was  gewunden  mit  drin  strängen  also:  der  erste  in  der  meinung  ire 
reinen,  jungfröwlichen  luterkeit,  der  ander  ire  grundlosen  diemütikeit. 
der  dritte  ire  mflterlichen  wirdekeit,  du  dru  si  allein  hate  under 
allen  menschen.  Dis  geischlichen  kerzen  bereit  er  vorhin  alle  tai: 
mit  drin  Magniiicat.  So  denn  der  tag  kom  der  ker/wihi,  frü,  c  daz 
ieman  ze  kilchen  giengi,  so  gieng  er  für  fronalter  und  wartet  da 
in  siner  betrahtunge  der  kindbeterin,  wenn  sü  kerne  mit  irem 
himelschen  horde.  Do  sü  nahte  der  ussren  porte  der  stat^  so  für- 
lüf  [13']  er  in  sines  herzen  begirde  sA  alle,  und  lüf  ir  engegen  mit 
dem  gezoge  aller  gotesminnenden  herzen.  Er  viel  in  der  Strasse 
für  si  und  bat  si  still  haben  mit  ir  gezoge  ein  wili,  unz  daz  er  ir 
eins  gesungi.  Er  hfib  denn  uf  und  sang  mit  geischlichem  stillen 
gedöne,  daz  der  mund  gie  und  es  doch  nieman  horte,  die  prose: 
Inviolata  etc.,  so  er  iemer  minneklichest  konde,  und  neig  ir  von 
gründe,  so  er  daz  sang:  0  beningna,  o  beningna,  und  bat  si, 

^  daz  si  die  muten  güti  an  einem  armen  sunder  erzögti,  und  stftnd 
denn  uf  und  volgete  ir  mit  siner  geischlichen  kerzen  in  begirde,  daz 
Bi  die  brinnenden  flammen  des  götlichen  lichtes  in  im  niemer  liessi 
erlöschen.  Dar  na  so  er  denn  zft  der  schar  aller  n)innenden  herzen 
kom,  dien  hftb  er  denne  an  daz  gesang:  Adornaetc,  und  ermant 

O  sü,  daz  sü   minneklich  den  heilant  cnpfiengin  und  begirlich  sin  kind- 


A  V  |k 

2  verströwet  S  gestrowet  P  zerstöret  -1*  3  leben  und  wagten  6'  al)ker 
g&iitz  P  uns  selben  M  8  zft  fefUt  F  10  bewunden  F  11  ire]  in  M 
12  den  dritten  ASKMA^         18  aUe  fehlt  A^  19  viel  uider  A^         20  uuz^ 

und  K        24  so]  do  AS        25  an  im  e.  M         26  in  der  be«".  M         29  dienl 
denn  M  so  afS^ 

23  f.  Aas  dei'  1.  Veifper  von  Maria  Lichtmess  (:^,  Ftl/ruar)  nach  detn 
Dominihanerhi'eviei'.  29  Antiphon  hei  der  Kerzenpro  Zession  an  Lichtmess. 


:5Ü  Leben  St'uses.    Kap.  XI. 

beterin   uinbfiengiii ;   und   fürten   8i  also  mit  lobe  und  gesange  nnz 
zfi  dem  tempel.     Dar  na  trat  er   mit  berzeubegirde  dar^    e  daz  du 
kindheterin  hin  in  kemi  und  hern  Simeou  den  suu  gcbi,  und  knAwet 
tVir  si  und  hAb  sinn  ogen  und  hend  uf  und  bat  si,   daz    si    im  daz 
kindli  zogli  und  im  daz  och  ze  küssen  erlopti.     Und  do  si  im  daz  e 
gütlich  bot,  so  zers|>reit  er  sin  arme  in  du  endlosen  teil   der  witen 
weit,   und  enpfie  und  umbfie   den  geminten   einer  stunde  ze  tuseut 
malen.     Er  geschowete   sinii   htibschu   öglü,   er  gesah   sinu    kleinu 
hcndliL  er  ergrüzte  sin  zartes  mündli,  und  ellü  sinü  kintlichü  gelidlü 
dez  himelschen  hordes  dursah  er.  und  ht^b  denn  uf  sinu  ogen  und 
i4'schrei  von  wunder  in  sinem  herzen,  daz  der  himeltrager  so  gross 
und  so  klein  ist,  so  schön  in  dem  himelrich  und  so  kintsch  in  ertrich, 
und  begie  sich  denne  mit  im,  als  er  im  es  denne  ze  lAne  gab^  mit 
tiiingen  und  mit  weinen  und  mit  geischlichen  Übungen,    und  gab  in 
denn  geswinde  siner  mftter  wider^und  gie  mit  ir  hin  in,  nnzdaze&   j 
alles  volbraht  ward. 


XL  Kapitel. 

Wie  er  begie  die  vasnaht. 

So  denne  du  vasnaht  nahete,  des  abendes,  so  man  allelnja  leit, 
uuil  die  unwisen  lut  diser  weit  an  vahent  verlassen  ze  sine,  so  vie  ^ 
or  an  in  sinem  herzen  ein  himelsch  vasnaht  zesamen  tragen.  Und 
di'i  waz  also.  Er  betrahtct  dez  ersten  den  kurzen  schedlichen  lost 
diser  liplichen  |13\|  vasnaht,  und  wie  etlichen  umb  kurzes  liep 
langes  leid  volget,  und  sprach  einen  Miserere  dem  werden  gote  für 
alle  die  si'inde  und  unere.  du  im  in  dem  selben  verlassen  zit  geschiht-  ^ 

1  saiiire  P  :>  hin]  hif  .1*  horru  hcti  A'  den]  im  .1/  geben  Ä^ 
.'S  iK-li  daz  .s'  .")t.  ir.  «laz  srt-bot  «>  teüj  tal  P  9  griiszet  A^  ellü /e/i// 3' 
10  durNalil  «iaz  saln-  P  11  in  fehlt  M  IH  esl  di^s  A^  mit  »inpen -^' 

14  iXAh  fihlt  .1'  IT)  mit  ir  ixw  ''^'        gie  denn  M        20  luiwrsen  A  nnwi«et» 

irnwniM'lirn  .V         d«'rlo^son  -P         21   liinnlsili /V/i/^  3/         22  dez  ersten /<•*// ^^ 
21  >o  l.iniTi'*'  I.  P        2")  den  .  .  /.ittii   P 


11»    \'oit  licr    l>,v/.»r  am  Santsfu^j    r^r  :<i.fttuiitfe;tima    fn'tt  Ontern  Iwri  ''' 
A'\'in  '  •/'//.  iium  /(({  :ntt  tin\s  this  .1.  ht^tn  in.  daitdctt.  dimiitcre,  tfepelirtK  J/»^^ 
"itcr   tC'trtu    >itt    .>V/;/.    ntnh    der    Snu    s'/mhnlisiht    /''euHichkeiten   dtimit  «»^ 
■•'t.dtii.      \'t!,    iir'ttfend,    /.eit'tchnuihi   I,   ...     Ihuung€   rd.    Henschü  L  i^' 

2l.>Tt.   /'(i"    l'i^tmuiitn-- i't'in  is:   im  .vjVi/;/,  ;.t/.    liadtn,  vtn  der  Baar  his  :tff* 
liodt.tsxt,     noci.    jtt:l     -'(•<.>  :./V'n     't'-haff,    v-n.     }'.    H,    Mffftr   a.  a.    0.   L'O'J^' 

21    i'^.     '0,    ■••/n    .' 'I'.  ■;*..  .'\i  %    H    s.<.;'ii!    ■'>:    .Ji'.ra  '•  itr. 


liia  lasiiaLt  liiesr^  er  der   frehureii    vasiiaht,    wan  si'i  Dir  bessei-s   er- 

i^^niicnt.      Lli'i  linder  vastiRlit   way-  ein  betrabtunge   de»   vtirepils  der 

civikeit,  wie  gut  mit    Hlnen   userwelh-n   fninden    deiinoli    in  liixeni 

lödtni^em  übe  mit  liimelscliein  tröste  cpilt,    und   naiii    denn  lier  für 

>  mit    dankberern  lobe,    wh/  im   deü    ivorden    was,   und    Ueee   im   mit 


In  dein  splberi  anevalienden  zite  wart  im  ocli  einest  ein  geiscli- 

lit-li  n  vasnalit  von  got,  und  du  w«z  also.     Er  whz    an   der   vasnaht 

vi>i-    der  conplet  in  ein  warmes  Btübli  pepanftcn,    daz   er   Bifh  wolle 

wei'inen.  waii  in  fror  und  liungret  in.     Alier  im  tet  uit  als  we  als  der 

tiil-ast,  den  L-r  leid,     lind  do  er  da  sali  Heiscli  essen    und  guten  win 

trinken   und    er  liunprigii  und  lurstige  ivas,   do  ward    er   von   innen 

Pviret,  und  gie  Ijalde  üb  und  begund  sieh  selb  erbarmen,  und  ward 

D    gmnd  sins  herzen  inneklich  süfyende.     Des  selben   nabtcs  was 

vor  in    einer   geBihte.   da/,   er   weii   in   einer   sicchstuben.     Also 

;  er  ussrentlmlb  der  stulieu  neiswen  singen  ein  bimelsclies  gesang, 

dnz   ged&ue   erklang   als   eiisseklich,    daz   nie    kein    nnti'irlicliü 

pf  so  süsseklich  sprach,  und  was  dem  glieb,   als   ob    ein   zwcll- 

liriges  schftterli  da  sungi  alloine.    Der  diener  vergass  aller  liplielier 

|»'iiis«  und    loset   dem    simsen   gedönc,    und    sprach   mit    begirlichem 

lierz«!):  nach,  iva/.  ist  da/,  da  singet?    Ich  geborte  doli  ufertrieb  nie 

}  gedüue!"     Do  entwürt  im  ein  stolzer  Jungling,   der  stfind 

jklin<i  eprncli  also:    „du  solt  wi'i»seu,    daz  dise  wolsingonder  knabe 

•  singet,  und  daz  er  dicli  meinet  mit  sinem  gesang."     Do  sprach 

*•    diener:  „owe,  gefall  mich  gotl     Ach  himelscher  jungling,  beise 

me  singen!"     Er  saii^  über,  da/,  es  in  dem  lui't  boh  ersclial,  und 

_£,^S  '^"1  drii  hinielscbit  tieder  us  uod  us,     Do  daz  gesang  us  wnz, 

k  fcom  der  selb  wolsingender  knab.  de/,  in  duhte,  hin  in  dem  lüfte 

dem  vensterlin  der  stuhen.  und   bot   dem  juugling  ein  hübsches 

ttli,  daz  wa/.  vol  roter  (ruhten,  und  die  waren  glich  roten  zitigcn 

"4>*eni,  und  waren  gross  umb  sieb,     Der  jungling  nam  die  zeineii 

™*l     dem   kiiaben   und    l)or   [14']   sü   dem    brüder   mit    fröden    und 

"pi^s^cb:  »Löge,  geselle  und  geewisteigit,  dis  roten  fruht  hat  dir  din 

•rtiat  und  Hin  himelscher  herr  gesendet,   der  wunneklich   knab   nnd 

1  l>e»wrei]  NiiderK  .V       5  niuij  wan  A       7  anveliWnileii  M       10  liuujfit-t 
W     J'  II  ,.rU^i,i  s         fleiscli  hsIi  v.  S  17  nafürl.  ftliU  S  21  <[hx 

*»'■  J'.M  24  Do  —  27  und  m  fthU  K  26  ilcm]  <leii  A^  hohe  lult  S 
"'"*»  i!  2»  will  febli  M  ile/.  in  liiilite  fekU  J'  38f.  hin  in  zB  li.  v.  in 
^i^  lufle  der  -t.  ^^  30  fri.hl  .1/  Hl  Di-r  jniiiil./cÄ//  il  :U  «Iriz  zciiilin  V 
Kiiplel,  eoinpUioriutR  iil  ihn  hiri-.kiii-lie  Abciidgclitt. 


32  Leben  Seiiscs.    Kap.  XII. 

81111  (lez  liimelschen  vaters,  der  dir  och  gesungen  hat.  Ach,  wie  hat 
er  dich  so  recht  liep!"  Do  ward  der  brftder  enzündet  und  rot  under 
sinem  antlüt  von  fröden,  und  enpfie  daz  körbli  begirlich  und  sprach : 
„eya,  wol  niinem  herzen  I  Dis  ist  mir  ein  liebü  sandunge  von  dem 
minneklichen  himelschen  knaben;  des  sol  sich  min  herz  und  min 
sei  iemer  gesten."  Und  sprach  do  zft  dem  jungling  und  ztt  dem 
andern  himelschen  gesinde,  daz  dawaz:  ^ach  lieben  fründe,  ist  nit 
billith,  daz  ich  disen  himelschen  gnadenrichen  knaben  lieb  haheV 
Ja,  gewerlich,  ich  sol  in  von  billich  lieb  haben,  und  waz  ich  wftsti, 
daz  sin  aller  liepster  wille  weri,  daz  w61ti  ich  iemer  tun!"  Und  i 
kerte  sich  hin  z&  dem  vor  genanten  jungling  und  sprach:  „sag  mir, 
liebe  jungling,  han  ich  nitrehtV"  Der  jungling  lachetc  gutlich  und 
sprach;  Ja,  du  hast  recht!  Du  solt  in  billich  lieb  haben,  wan  er 
hat  dich  furbaz  gemeinet  und  geeret  denn  vil  ander  menschen.  Dar 
umb  hab  in  vil  lieb.  Und  sag  dir:  du  mtist  liden  und  mftst  och  i: 
furbaz  nie  liden  denn  vil  ander  menschen.  Dar  umbe  bereit  dich 
dur  zfl!"  Der  diener  sprach:  „ach,  daz  wil  ich  von  herzen  gern 
tfm,  und  bite  dich,  daz  du  mir  gehelfest,  daz  ich  in  gesehe  und  daz 
ich  im  gedanke  siner  schönen  gäbe."  Do  sprach  er:  „nu  gang  her 
zft  dem  venstcrlin  und  tfi  einen  ogenblik!"  Er  tet  daz  venster  uf,  2( 
—  do  sah  er  vor  dem  venster  stan  den  aller  zartensten.  minncklichsten 
schftler,  der  mit  ogen  ie  gesehen  ward.  Und  do  er  zft  im  woltc 
dringen  dur  daz  venster  us,  do  kert  er  sich  lieplich  umbe  gen  ime, 
und  neig  ime  gütlich  mit  einem  früntlichen  gesegnen  und  verswand 
vor  sinen  ogen.  Also  zcrgie  du  gesiht.  Do  er  wider  zu  im  selb  ü 
kom,   do  danket  er  gote   siner  gftten  vasnaht,   du   im   waz   worden. 


XII.  Kapitel. 

Wie  er  begie  den  meigen. 

An  der  nacht  des  ingenden  meyen   vie   er  an  gewonlich   und 
saste  einen  geistlichen  meyen,  und  erete  den  etwi  lang  alle  tag  einest  S 
Under   allen    den   schonen    zwiern,    du   ie   gewfthsen,    kond   er  nit 

2  recht  fehlt  S        6  gcstcnj  <i:efrowen  P         10  trem  tuu  P         12  han] 
hat  A^  16  iiie  fehlt  M  menschen  andrü  *S'         19  {u^oben  P         23  und 

do  M         M  allen  fehlt  M 

29  ft".  Das  Maicn,stiv/ren,  Maibaumset zen  (      Ernchteii  eines  mit  Blumen 
und  Jiündern  geschmückten  Tannen-  oder  Jh'rkenha  unten  oder  "Zweiges  vordem 


Leben  Seuscs,     Kap.  XU.  :;3 

glichers  vinden  dem  schönen  meyen,  denn  den  wnnneklichen  ast  des 
heiligen  crüzes,  der  blander  ist  mit  gnaden  und  tagenden  und  aller 
schöner  gezierde,  denn  alle  meyen  [14^]  ie  wurden.  Under  disem 
meyen   nam   er  VI  venjen,    und   hat   iedü   venje   in    ire   betrahtung 

5  ein  begird  eins  zierens  dez  geischlichen  meyen  mit  den  schönsten 
dingen,  du  denn  der  sumer  mohte  für  bringen.  Und  sprach  und 
sang  in  siner  inrkeit  vor  dem  meyen  mit  dem  hymnus  Salve 
crux  sancta  also:  „gegrüzet  sist  du,  hymelscher  meye  der  ewigen 
wisheit,  uf  dem  da  gewahsen  ist  dn  fruht  der  ewigen  selikeitl 

10  I.  Dir  ze  ewiger  gezierde  für  alle  roten  rosen  büt  ich  dir  hüte 

ein  herzkliches  minnen; 

IL  für  alle  kleine  vyol  ein  diemiitiges  nigen; 

III.  für  alle  zarten  lilien  ein  luterliches  umbvahen-, 

IV.  für  allerley  schon  gevcrwten  und  glenzenden  blftmen,   die 
^^    kein   beide   ald  anger,   wald  ald  owen,   bome   ald   wisen   in   disem 

«chönen  meyen  hein  fürbraht  ald  ie  wurden  ald  iemer  werdent, 
büt  dir  min  herz  ein  geischliches  küssen; 

V.  für  aller  wolgemüter  vögelin  gesang,  daz  sü  uf  ie  keinem 
meyenrise  frilich  hein  gesungen,  büt  dir  min  sei  ein  grundloses  loben ; 

VI.  und  für  alle  die  gezierde,  so  ie  kein  meye  in  der  zit  ward 
gezieret,  erhebt  dich  min  herz  hüte  mit  einem  geischlichen  singene, 
und  bite  dich,  daz  du,  gesegneter  meye,  mir  helfest,  daz  ich  dich  in 
diser  kurzen  zit  also  gelobe,  daz  ich  dich,  lebendü  fruht,  eweklich 
werd  niessende." 

Und  alsus  ward  der  mey  begangen. 

l  jjlicher  [viiidenl  den  seh.  m.  .1/  2  n.  mit  tilgenden  SM  :i  denn] 
und  A^  ie]  nie  S  nnd  disen  m.  A^  4  hatj  bat  A^  5  dez  fefiU  31 
10  zierd  M  15  ald  owcn]  nnd  A'  16  ie]  ieraer  J*  19  frolich  s  20  nnd 
fehlt  M        war  M        20  f.  gez.  wart  >S' 

Hause  der  Geliebten)  ist  internationale  Sitte:  oflers  werden  auch  grosse  Mai- 
häuine  im  Dorfe  en-ichtet.  Für  Alemannien  vgl.  E.  H.  Met/er  a.  a.  0.  221  ff.. 
504;  Schriften  des  Vereins  für  Geschichte  d^^s  Boden.stes  VI  {1875),  147 f. 
Hör.  II,  7  (p.  225):  tunc  (sc.  prima  die  meiiffis  maiij  consuUum  est,  et  inaxime 
in  partibus  Sueviae  terrae  Almaniae,  quod  adtdescentes  de  nocte  silvas  pttunt,  ei 
urbares  viriditate  foliorum  venustas  precidunt  et  ßoribiis  ornatas  prae  foribu.s 
loeant,  uhi  se  puiant  habere  amicas,  in  signum  amicitiae  et  fidelitatis.  In  dem 
Maibaum  ein  Bild  des  Kreuzes  zu  selien,  war  dem  Mittelalter  sehr  geläufig. 
ngl.  die  Lieder  vom  ^^geistlichen  Maien^''  hei  Hoffmann  von  Faller  sieben,  l)as 
deutsche  Kirelienlied  *  1861,  122  ff.,  und  Fredigten  Geilers  von  Kaisersherg 
aber  den  „Baum  des  hl,  Kreuzes.'^  7  Hymnus  vom   Fest  Kreuzerfindung 

(3,  Mail. 

II.  Sense,  Dcatsche  Schriften.  .S 


34  Loboii  Sousos.     Kap.  XIIJ. 


Xlir.  Kapitel. 

Ton  dem  eilenden  krüzgang,  den  er  mit  Cristus  nam^  do  man 

in  US  fttrte  in  den  tod. 

üot  der  hat  in  an  der  crsti  vil  zitcs  verwennet  mit  himelschem 
tröste,  und  waz  dar  inn  so  gar  verliket:  waz  die  gotheit  an  horte,  5 
daz  waz  im  lustlich,  so  er  aber  unsers  herren  marter  solte  betrahteu 
und  sich  dar  in  mit  naclivolge  solt  geben,  daz  waz  im  swer  und 
bitter.  Dez  ward  er  eins  males  von  gote  herteklich  gestrafet,  und 
ward  in  ime  gesprochen  also:  „weist  du  nit,  daz  ich  daz  tor  bin, 
dur  daz  alle  die  waren  gotesfrund  müssent  in  dringen,  die  zft  rechter  10 
selikeit  son  komenV  Du  mftst  den  durpruch  nemen  dur  min  gelitnen 
nienscheit,  solt  du  warlich  körnen  zfi  miner  blossen  gotheit"  Der 
diener  erschrak  und  waz  im  ein  sweru  red.  ledoch  begond  er  es 
in  sin  gemerk  nemen,  wie  wider  es  ime  waz,  und  vie  an  ze  lernene, 
daz  er  vor  nit  konde,  und  gab  sich  gelassenlich  dar  in.  Hie  vie  15 
er  an,  daz  er  alle  nehte  na  der  meti  an  siner  gewonlichen  stat,  [15'] 
daz  waz  in  dem  capitel,  sich  erbrach  in  ein  cristformig  mitliden 
alles  des,  daz  sin  herr  und  sin  got  Cristus  vor  hate  geliten.  Er 
sttmd  uf  und  gie  von  winkel  ze  winkel,  uf  daz  daz  im  ellü  trakheit 
enpfieli,  und  daz  er  raunder  und  waker  in  des  lidens  enpfintlichkeit  20 
belibi.  Er  vie  es  an  mit  ime  an  dem  jüngsten  nahtmale  und  leid 
sich  mit  ime  von  stat  zfi  stat,  unz  daz  er  in  brachte  für  Pylatus. 
Ze  jungst  nam  er  in  vor  gerihte  also  verteilten,  und  gieng  mit  im 
US  den  eilenden  crüzgang,  den  er  tot  von  dem  rihthus  unz  under 
den  ^algen.     Und  den  krüz^rang  begie  er  also:  25 

:]  zu  dem  lud  F         4  mit  dem  h.  t.  .V          5  dar  an  M  so  fddi   P 

verblikt  M         7  iiaclivol^eu  FKjV         8  er     -  0  ward  fehU  K  13  swerüj 

«rrossü  M          16  daz  w  fehlt  A^         a.  nelite  tet  M         sine  P  17  daz  er 

hl  d.  c.  sich  orbiach  M          18  daz]  so  P         19  und  zu  w.  A^  22  brachte] 
bciralito  A^ 

10  l'h^r  die  Bezeichnung  gotesfrund  .v.  Dcnifte  tSo  A.  1  and  namentlich 
di  treffliche  Zuffammenfaffsung  von  Strauch  in  Meahnzyklopädie  für  proiest. 
Theolof/ie  Xl'II^  {]i)05),  :>04f  An  Joh.  h\J4f,  Ps.  138,17  u.  Jak.  X\23 
tinknüpftnd,  iH  p,  zunächst  IfJ/titheton  für  Kvangclifitcn  und  Apostel^  dann 
liht'rhriujft  fiir  Heilige-  und  Fromme,  und  wird  von  den  Mystikern  de«  14.  Jh. 
schärfer  formuliert  als  Ideal  des  durch  Christus  zur  Freundschaft  und  Kind" 
Schaft  Gottc!^  erhobenen  Menschen.  Kine  W'rwendung  des  Ausdrucks  in  anti* 
hirchlichein  Sinn  (hei  den    Waldensern)  läuft  danehn  her. 


Sn  er  kom  an  die  swellen  des  capitels,  do  kmiwet  er  iiider 
und  küste  die  ersten  ftisstapfen,  die  er  tet,  do  er  also  verteilte  sicli 
uinlj  gekerte  und  in  den  tod  wolle  gan,  und  vieng  denne  an  deu 
snlmeii  von  iniBers  herren  marter:  Üeus,  Deus  mens,  respice  etc., 
5  und  f?ic  dur  mit  zö  der  liir  us  in  den  krüzgang.  Xu  wurden  der 
gassen  viere,  dur  die  er  mit  ime  wart  gende: 

Die  ersten  gaaseii  gieng  er  mit  inie  ua  in  den  tod  in  der  bc- 
givde.  daz  er  liaide,  i'riinden  und  zerganklichem  gftte  wßlti  us  gan 
und  liden  im  ze  lobe  trostloses  eilende  und  willig  armüt. 

10  ZTl  der  andren  gasten    bat  er   einen   fiirsaz  sich  zc  gebenc  in 

einen  binwerf  iiab  zerganklicher  ere  und  wirdekeit,  in  ein  willeklicb 
versniebt  von  aller  diser  weit  mit  der  betralitnnge,  wie  er  och  waz 
worden  ein  wurm  und  ein  binwerf  aller  menschen. 

An  dem  anvang  der  dritten  gasBen   knflwet  er  aber  nider  mit 

15  einem  kues  der  erde  in  einem  frien  ufgebene  alles  unnotürftiges  ge- 
maches und  znrtbeit  dez  libes  in  du  ser  sinea  zarten  libes,  und  leit 
für  siuü  ogen,  als  da  stat,  wie  clHi  Hinü  kraft  erdorret  und  sin  natur 
ertodet.  Und  so  sn  in  vor  an  hin  also  jemerlich  triben,  so  gedaht 
er.  wie  billich    da  von  elli'i  ogen   ernasaen  s5ltin  und  ellü  beraen 

2u  ersäfzen  siltin. 

Ho  er  denn  kom  an  die  vierdcn  gasaen,  so  knüwet  er  nider 
enmitten  in  den  weg,  als  ob  er  knüweti  vor  dem  tor,  da  er  mflste 
für  in  US  gan,  und  viel  denne  engegen  für  in  und  kuste  daz  ertricli 
und  ruft  in  an  uud  bat  in,  daz  er  nit  ane  in  in  den  tod  giengi,  das 

-25  er  in  mit  im  liessi,  wan  er  reht  au  ime  mfiate  hin  gan.     Uud  bildet 

daz,  so  er  iemer  eigenlicbest  konde,  in  sieh  und  sprach  dazgebetli: 

Ave  rex  imster,   fili  David  etc.   und   Hess  in   denne  ffir  gan. 

Dar  na  knfiwet  [15"]  er  änderest  nider  also  gekerte  gen  dem 

tore   und   enphie    daz    kriiz    mit   dem    vers:     0   crux   ave,    spes 

w  uniea  etc.,  und  liess  es  oeb  fi'ir  gan.  Denn  kndwet  er  nider  gen 
der  zarten  müler,  die  man  in  grundlosem  herzeleid  da  hin  für  in 
fftrte,    und   nam    war,    wie   kleglich  »\  sich  gehftb   und   der   heisseu 

1  diel  'ieii  M  do]  m)  Ä'  2  ersten]  enden  A'  5  wuidun]  woren  P 
tl  eileude]  ende  K  12  daz  och  M  18  als  ein  wurm  A'  16  scr]  sele  A' 
17  du  Btul]  die  sltick  P  kraf  A  19  ousaen  M         22  in   dem  wen  M 

2ii  srrtett  PK        27  Hess  fehlt  P        26  iindenvetbe  8P        :■)!  laid  .V 

4  Px.  ^l.  13  P».   ?/.  ;.  17  f.  iV.  21,  16  f.  27  Anliphna 

bei  dtr  ProstMvm    am  PaliHKUintaij   nach   Doiiiinillantrrilim.  29  Strophe 

aitn  dem  nchSntn  Hannas  \'ej,illa  repw  j^odivnl  des  Ymantiuri  Forluiialun 
(OH  Kreuatffiiidung  nnd  iii  dtr  Passiotigzeit  ffteuniien). 


36  Leben  Seuses.    Kap.  XIII. 

trehen  und  eilenden  süfzen  und  ir  trureklichen  geberde,  nnd  meinde 
Sil  mit  einem  Salve  Regina  und  kuste  ir  ffistapfen. 

Dar  na  stund  er  gcswind  uf  und  trat  sinem  herren  bald  na. 
unz  daz  er  an  sin  siten  kom.  Und  daz  bild  waz  im  etwen  als 
gegenwurtig,  reht  als  ob  er  liplich  an  siner  siten  giengi,  und  ^^edahte  .5 
also,  do  der  küng  David  von  sinem  küngrich  was  Verstössen,  wie 
de  die  frümsten  riter  an  siner  siten  umb  in  giengen  und  im  früntlich 
behulfen  waren.  Hie  gab  er  uf  sinen  willen,  waz  got  mit  im  tete. 
daz  daz  sin  halb  stet  were.  Zc  hindrost  nam  er  die  epistel  her  für, 
die  man  in  der  karwtichen  liset  uss  dem  wissagen  Isaias^  du  sprichet:  10 
Domine,  quis  credidit  auditui  nostro  etc.,  du  als  eigenlich 
sin  usfüren  in  den  tod  begrifet.  Und  mit  der  gie  er  ze  des  kores  tur 
in  und  gie  die  stegen  uf  uf  die  canzell.  So  er  also  kom  nnder  daz 
krüz,  da  im  eins  males  die  hundert  betrahtunge  sins  lidens  wurden, 
da  kniiwet  er  nider  in  dem  anschowene  dez  abziehens  siner  kleider  1.5 
und  des  grimmen  annegelens  sins  herren  an  das  krüz;  so  nam  er 
aber  ein  disciplin  und  negelt  sich  mit  hcrzklicher  begiei'de  zö  sinem 
herren  an  sin  krüzz  und  bat  in,  daz  sinen  diener  weder  daz  leben 
noh  der  tod,  noch  lieb  noch  leid  niemer  von  ime  gescheiden  möhten. 

Noch  einen  andern  inrlichen  krüzgang  hat  er,  und  der  waz  20 
also :  so  man  daz  Salve  Regina  ze  conplet  sang,  so  saste  er  in  sinem 
herzen  in  betrahtunge,  als  ob  du  rein  mftter  noh  zu  der  seihen  zit 
bi  ir  liebes  kindes  grab  in  muterlicher  trurkeit  ires  begraben  kindes 
were,  und  daz  es  zit  were,  daz  si  wider  hein  gefüret  wurdi,  und 
er  si  wider  hein  füren  solte.  Also  machet  er  in  sinem  herzen  drie  25 
venjen,  mit  dien  er  si  in  betrahtunge  wider  hein  fürte: 

Die  ersten  ob  dem  grabe,  so  man  an  vie  den  grfiz  Salve  Re- 
gina; so  neig  ir  sin  sele,  und  enptie  si  in  geischlicher  wise  under 
sin  arme  und  klagte  ir  zartes  herze,  daz  do  in  der  selben  zit  so  voi 
waz  biterkeit,  versmeht  und  totlicher  trurkeit,  und  trost  si  mit  einem  3u 

l  eil,  süfzenj  ellciidez  schrien  M  maiitc  PMA^  4  unz]  und  M 

in  im  P  5  ob  fehlt  A^  8  s.  willen  in  »^^otz  willen,  waz  got  MA^  10  du 
da  sp.  M  11  du  fehlt  P  i:^  stie^  M  18  diener  fehlt  A"^  18  f.  [daz] 
leben  n.  [der]  tod  M  19  molite  PM  20  und  fehlt  S  21  ze  der  c.  M 
23  in]  ir  M  27  T  aw  Rande  (rot)  A  30  waz  so  vol  S  trurk.]  bitter- 
kalt .1/         einem  t'elill  S 

6tt.  II  Kon.  J5,15ff.  11  /.s\  53,1.  13  f.    IV//.  Pt'oloy  des  Bdew. 

21  Die  Antiphon  ISalve  Regina  wird  im  Dominikanerorden  seit  c.  1230  (Theol. 

Quartal fichr.  1906,  74  (f.)  alle  Tage  nach  der  Kinnplet  in  Prosession  gesungen, 

wobei  der  Htbdomadar  die  Brüder  mit  Weihwasser  besprengt;  vgl.   Vita  47,17, 


Leben  Seuses.     Kap.  XIV.  37 

ennanene.  wie  si  dar  uinbc  [16^]  nn  weri  ein  küngin  der  wirde- 
keit,  unser  zttversiht  und  ünsrü  süssekeit,  als  an  dem  gesang  stet. 
So  er  si  denn  brahte  under  daz  tor  ze  Jerusalem,  so  fiirtrat 
er  si  an  dem  wege  und  löget  wider  gen  Ire,  wie  eilendeklich  si 
n  kom  ingende  also  blutnisig  dez  hizzigen  bltttes,  daz  uf  si  hate  ge- 
tropfet, daz  von  den  ufgebrochncn  wunden  ab  floss  ires  durgem inten 
kindes,  und  wie  si  gelassen  und  berobet  waz  alles  ires  trostes;  und 
denn  enpfie  er  si  aber  mit  einer  inner  herzklichen  venje  in  den 
Worten:    Eya  ergo  advocata  nostra  etc.    und  meinde,    si  s61ti 

10  sich  wol  gehaben,  wan  si  nn  were  unser  aller  ein  wirdigü  fursprechin, 
und  bat  si,  daz  si  in  der  minne  dez  eilenden  anblikes  irü  erbarm- 
herzigü  ogen  zft  ime  kerti  und  ime  den  werden  sun  na  disem  eilende 
lieplich  ze  schowen  gebi,  als  der  ruf  des  gebetes  begert. 

Aber  die  driten  inrun  venje  machet  er  vor  der  türe  des  huses 

15  sant  Annen  ir  mftter.  da  si  in  ward  gefüret  in  ir  leide,  und  tet 
daz  mit  einem  genadene  und  bevelhene  in  ire  miltekeit  und  in  ir 
mfiterlichen  süssekeit  mit  den  andehtigen  worten:  0  clemens,  o 
pia.  0  dulcis  Maria,  und  bat  si,  daz  si  sin  eilenden  sei  en- 
pfiengi  an  siner  jüngsten  hinvart   und   ir   belciterin   und   schirmerin 

20  were  vor  den  bösen  vienden  dur  du  himelschen  tor  hin  in  die 
owigen  selikeit. 


XIV.  Kapitel. 

Ton  der  ndzzeu  tagende,  du  da  heisset  swigen. 

Der  diener  hate  ein  triben  in  siner  inwendekeit,  daz  er  mohti 
Jö  komen  zfi  gtltem  fride  sines  herzen,  und  duchte  in,  daz  im  swigen 


1  nu  danimbe  S  im  fehlt  P  3  II  (nn  Bande  (roii  A  4  wider 
fe?Ut  M  5  blütriinsig  >SPM  li  jijft.iuintt.'n  1*  8  inner  herz.]  inrklichen 
PM  9  Kya  fehlt  M  10  wirdij^^  fehlt  M  12  u.  ime-  do  P  13  gert  M 
14  in  am  Jtande  (rot)  A  15  s.  Annen  ir  swoster  ASPKMaNS^Uf  sant 
iacobo  ir  swcster  A^        23  da  fehlt  A^ 

2  Salve  Nerjina :   vita,  dulredo  et  spes  nostra.  9  Im  Salve  Rer/ina. 
12  f.  Ebd. :  et  Jesum^  henedictum  fruvtum  rentris  tui,  nohis  post  hoc  exilium 

ostende.  15  Es  muss  offatbar  „Mutter^  statt  .^Schwester^  (so  alle  Hss!) 

heissen ,  denn  von  einet*  Schwester  Marias  Namens  Anna  tceiss  die  Legendfr 
nichts.  Die  St.  Anneni-erehrum/  war  im  14.  u.  15.  Jh. ,  besonders  auch  in 
Deutschland^  sehr  verbreitet:  vr/l.  E.  Schaumkelle  Der  Kultus  der  hl.  Anna  am 
Aasfjantj  des  Mittelalters  lt>93. 


38  Leben  Seuses.    Kap.  XIV. 

fürderlicb  dar  zu  weri.  Dar  urabe  hielt  er  sinen  mund  in  sölicher 
hüte,  daz  er  inrend  XXX  jaren  sin  swigen  ob  tisch  nie  gebrach, 
denn  ze  eim  einigen  male,  do  er  von  einem  capitel  fftr  nait  vil 
brftdern  und  sü  assen  in  dem  schife,  do  gie  er  im  abe. 

Uf  daz  daz  er  siner  zungen  liberal  dest  baz  gemeistern  möhte 
und  mit  ze  vil  mit  rede  usbrüchig  were,  do  nam  er  in  siner  be- 
trahtunge  drie  meister,  ane  dero  sunder  urlob  er  nit  reden  wölte; 
und  daz  waren  die  lieben  heiligen:  nnse  vater  sant  Dominicus, 
sant  Arsenius  und  sant  Bern  hart.  So  er  reden  wolte,  so  gie 
er  in  der  betrahtunge  von  eime  zft  dem  andern  und  bat  urlob  und  l 
sprach:  Jube  domine  benedicere!  Und  wenn  du  red  moht 
beschehen  ze  rehter  zit  und  stat,  [IG""]  so  hat  er  von  dem  ersten 
meister  urlob;  so  du  red  im  von  ussnan  enkeinen  anhang  gab? 
so  hat  er  von  dem  andern;  und  so  si  im  inwendig  enkein  un- 
lidkeit  brahte,  so  duhte  in,  daz  er  ire  aller  drier  urlob  bete,  1 
und  denne  redde  er.  So  daz  nit  waz,  so  duhte  in,  daz  im  ze 
swigen  were. 

So  man  ime   zft   der   port   rftfte,    so  fieiss  er  sich    diser   vier 
dingen:   des  ersten,   einen  ieklichen  menschen  gutlich  ze  enpfaheu; 
daz  ander,  kurzlich  us  ze  rihten;  daz  dritte,  trostlich  ze  lassen;  daz  2" 
vierde,  unbehenket  wider  in  ze  gene. 

1  dar  zu  fürd.  M  2  inrend]  in  1*M  nie  gebr.  ob  t.  P  3  einigen 
fehlt  M  b  dest]  beste  S  13  so  im  PA'  14  si  fehlt  A'  15  ir  drier 
alier  M  16  So  dis  M  19  menschen  fehlt  M  20  zö  einer  kurzwile  6' 
21  unbelienkend  M 

3  Ordensvei'sammlungj  entweder  aller  Procinziale  mit  dem  Gaieral  cfe.* 
Ordens  ( Gener alkapitel)  oder  aüer  Prioren  einer  Provinz  (Provinzialkapiteh. 
Sie  wurden  jährlich  abgehalten,  und  zwar  das  Generalkapitel  in  der  Pfingtii' 
oktaVf  das  Provinzialkapitel  nach  den  Konstitutionen  von  12^8  an  Michaeli 
(:J9.  Sept,),  nach  den  Konstitutionen  Haimunds  von  Pennaforte  (123ii/40)  zu 
unbestimmter  Zeit^  doch  meist  an  Maria  Geburt  (S.  Sept.) :  vgl,  Preger,  Vor- 
urheiten  7  und  Reichert,  Feier  und  Geschäftsordnung  der  Prov,Kapitel  des  Domini- 
hanerordens  des  13.  Jh.,  Römische  (^uartalschrift  1903,  101  ff.  Die  Akten  der 
Generalkap.  sind  herausgegeben  von  Reichert:  Monumenta  ordinis  fratruvi 
Praedicatorum  historica,  t.  III^X  1896  ff.,  die  Akten  der  deutschen  Provinzial- 
kap.  sind  bis  auf  kleine  Bruchstücke  (Finke  in  Rom.  (Juartalschrift  1894, 
374  ff\,  Reichert  ebd.  1897,  287 ff'.  ^   verloren  gegangen.  9  Arsenius  d,  Gr., 

t  449  als  Einsiedler  in  Äggpten  ivgl.  ASS  Jul.  IV,  617  ffJ,  von  Seuse  hoch 
verehrt.  Er  erzählt  Hör.  173—76,  wie  er  von  itbetiriebenem  Streben  nach 
Wissenschaft  und  Ehren  sich  zur  Lebensweise  des  .^summus  phihsophus 
Arsenius^'  bekehrt  habe.  11    Bitte   um   die  Benediktion  vor  den  Lektionen 

des  Breviers  und  heim  Tischgebet. 


Leben  Seiises.     Kap.  XV.  39 

% 

XV.  Kapitel. 

Ton  kestgung  des  libes. 

Er  hate  gar  ein  leblich  natiir  in  siner  jagende.  Do  du  he- 
gende ir  selbes  bevinden  und  er  markte,  daz  er  mit  im  selben  über- 
5  laden  was,  daz  was  im  biter  und  swere.  Er  sfichte  mengen  list 
und  gross  bussen,  wie  er  den  lip  macheti  undertenig  dem  geiste. 
Ein  herin  hemde  und  ein  isnin  keten  trfig  er  neiswi  lange,  nnz  daz 
daz  blüt  wart  von  im  zem  brunnen  gende,  daz  er  es  mftste  ab  legen. 
Er  hiess  im  heinlich  ein  herin  niderkleid  machen  und  in  daz  nider- 
10  kleid  riemen,  da  waren  in  geschlagen  fünfzeg  und  hundert  spiziger 
nagel,  die  waren  moschin  und  scharpf  gevilet,  und  waren  dero  nagel 
spizz  alle  zit  gen  dem  fleische  gekeret.  Er  machete  daz  kleid  gar 
enge  und  vornan  zesamen  gerigen,  dar  umbe  daz  es  sich  dest  neher 
an  den  lip  fügti  und  die  spizigen  nagel  in  daz  fleisch  drungin.  und 

15  machete  es  in  der  hohi,  daz  es  im  unz  an  daz  grübli  her  uf  gie; 
hier  inne  schlief  er  des  nahtes.  In  dem  sumer,  so  es  heiss  waz 
und  er  vil  müd  von  dem  gene  und  krank  waz  worden,  ald  so  er 
ein  lesser  waz  und  er  denne  in  den  erbeiteu  also  gevangen  lag  und 
in  daz  gewnrm  also  pingete,    so  lag  er  underwilent   und  grein  und 

i^  grisgramet  in  im  selb  und  wände  sich  von  nöten  umb  und  unib, 
als  ein  wurm  tot,  so  man  in  mit  spizigen  nadlen  stiebet.  Im  waz 
dik,  als  ob  er  in  einem  anbeshufen  legi  von  angschlichi  des  ge- 
würmes;  wan  so  er  gern  heti  geschlafen  ald  so  er  entschlafen  waz, 
so  sugen  sii  und  bissen  in  wider  strit.     Er  sprach  etwen  zu  got  mit 

^vollem  herzen:  „owe,  zarter  got,  wel  ein  sterben  dis  ist!  Wen  die 
morder  ald  starkü  tier  tödent,  der  kunt  geswinde  dur  von;  so  lig 
ich  hie  under  disen  ungenemen  wurmen  und  stirb  und  kan  doch  nit 

2  (jOertfchnft  fehlt   S  3  lieplich   A'  4   im   sell)«"n|    ir   P  7xi 

überl.  A^  6  lip  fehlt  M         8  müs  M         10  spit/er  P         tVinfzog  n.  h.J 

anderhalb  h.  M  11  messin  .1/  irevilet]  genep^elt  /'  15  uuz  fehlt  M 

an]  in  P  16  des  fehlt  P  17  [er]  vil  S  von  dem  j^a'ne  fthlt  M  ald] 
als -4*  18  lesser  ASPA^  lanser  Ä'3fa  L"  lasser  /  (iJeviJle:  Leser  =  Lehior!) 
19  er  fehlt  M  20  in  sich  und  in  im  seih  S  21  na^el  PA'  23  ald] 

als  A'  24  sugen]  suny:en  .1/  25  wol  SP  26  g:eswinde|  balde  P  schier  M 
27  diseni  ung.  i^ewiirmc  M 

18  Üher  Aderlass  in  Klöstef'u  dm  Dominikantrordtii  4mal  jf'ihrh'ch, 
vgl.  Konstitutionen,  ALKGM  /,  :*0() :  V,  540)  siehe  Strauch,  Marg,  Ebner 
33(S  A.  gu  XV,  46  u.  Thiriot  I,  174  A.  ^;  M.  Heyne,  Hausaltertümer  III, 
WS  ff.      Vgl,  auch  Seuse   Vita  K  36. 


40  Leben  Seiises.    Kap.  XV. 

ersterben."  Du  nehte  wurden  in  dem  winter  niemer  so  lang  noh 
der  [17']  sumer  so  heiss,  daz  er  dur  von  liessi.  Und  daz  er  in 
diser  marter  dest  minr  underlibi  gewuune,  do  erdaht  er  noch  eins: 
er  band  umb  sin  kelen  ein  teil  eins  gurteis  und  an  daz  machet  er 
mit  listen  zwen  lidrin  ringe;  da  schlofte  er  sin  hend  in  und  beschloss  5 
die  arm  dar  inne  mit  zwein  marhenschlossen.  und  die  Schlüssel  leit 
er  für  daz  bet  uf  ein  bret,  unz  er  ze  meti  uf  stund  und  sich  selber 
entschloss.  Sin  arme  waren  also  in  den  banden  ietwedrent  an  der 
kelen  ufwert  gespennet,  und  hat  du  baut  also  versichert,  und  weri 
du  cell  ob  im  gebrnnnen,  er  enmohti  im  selber  nit  haben  gehulfen.  10 
Dis  treib  er,  unz  im  die  hend  und  arme  waren  vast  zitrend  worden 
von  dem  spanene;  do  erdaht  er  ein  anders. 

Er  hiess  im  machen  zwo  lidrin  hantelen,  als  die  crbeiter 
ptiegent  ze  tragene,  so  sü  dorne  gcwinnent,  und  hiess  im  einen 
Spengler  dar  an  machen  mosehinu  spizzigü  steftlü  umb  und  umb,  15 
und  leite  die  des  nahtes  an.  Er  tete  daz  dar  umbe,  ob  er  in  dem 
schlaffe  daz  herin  niderkleid  w81ti  von  im  werfen  oder  in  keiner 
ander  wise  im  selber  behulfen  sin  in  dem  gnagene,  daz  im  tet  daz 
gewurmme,  daz  in  denn  die  steften  in  den  lip  stechin;  und  daz  ge- 
schach  och.  AYenne  er  im  selb  mit  den  henden  wolte  helfen,  so  fftr  20 
er  schlaffende  mit  den  spizzigen  steften  in  bfisen  und  krazte  sich: 
er  machet  als  grulich  krezze,  als  ob  in  ein  ber  under  sinen  spizigen 
klawen  heti  zerkrawet.  Daz  erswar  denn  in  dem  fleisch  an  den 
armen  ald  umb  daz  herz,  und  so  er  über  vil  wachen  genesen  waz. 
so  gewürset  er  sich  denn  aber,  und  uiachete  nüwe  wundan.  Dis  25 
marterlicli  iibung  treib  er  wol  XVI  jar.  Dar  na  do  sin  adren  und 
natur  erkeltet  und  verwüstet  waz.  do  erschein  im  vor  in  einr  gesiht 
an  dem  pfingstage  ein  himelsches  gesinde,  und  kunten  ime,  daz  es 
got  nit  lenger  wolte  von  inie  haben.  Do  Hess  er  dur  von  und  ver- 
warf es  alles  in  ein  abfliessendes  wasser.  iM) 


l  erstorl).]  stebrii  (!i  M  4  an  daz  fe/tit  P  5  schlofte]  beslos  P 
0  nialeuslos>en  S  luareii  schlössen  K  nialslossor  J*  marchsclilossen  M  8  iet- 
wedor  >itc  s  ietwederbalb  3/  9  uswert  A^  gespannen  PM  10  vcr- 

lnuini'n  M  niolit  .1/  11   va.st  waron  M  w or t] m  fi'hlt  P  13  im 

frhh  .1'  bantquch«']]!  S  hantschfich  MafS^  1.5  nicssinfi  M  stefftzli  A' 
stot't  .1/  <T«TlHlin  /'  17  von  im]  hin  .1/  18  naj^ent  MA^  20  behelfen  A^ 
21  sclilntr.  feliK  P  stedudn  P  in  den  bnsen  SPM  22  gekretze  A^ 
2:3  orknwvor  S  zeikianiniet  I*  zerkratzet  A^  2(5  matrrlich  A  XXI  ASP 
adren]  andren  K  27  sin  natur  .1/  29  ijot  fe/tJi  A^  von  im  wolt  SM 
:io  ein  fc/tlt  M 


Leben  Seuses.     Kap.  XVI.  41 

XVI.  Kapitel. 

You  dem  scharpfen  kruz,  daz  er  trüg  uf  Ksineni  ruggen. 

Vor  allen  andren  übnngen  hat  er  einen  begirlichen  inval,  etwaz 
Zeichens  an  sinem  übe  ze  tragene  eines  enpfintliehen  mitlidens  dez 
5  pinlichen  lidens  sines  gekrüzgeten  herren.  Also  machet  er  ini  selb 
ein  hültczin  kriiz,  daz  waz  in  der  lengi  als  eins  mannes  spang  und 
hate  dez  sin  [17']  ordenlichen  breiti,  und  schlug  dar  in  XXX  isniner 
nagel  in  sunderlicher  mainunge  aller  siner  wunden  und  siner  fünf 
Qiinnezeiclien.     Daz  krüz  spand  er  uf  sin  blossen  ruggen  enzwischen 

m  die  schulteren  uf  daz  fleisch,  und  trog  daz  tag  und  naht  steteklich 
VIII  jar  dem  gekrüzgeten  herren  ze  lobe.  Dar  na  in  dem  jüngsten 
jare  schlug  er  och  sibeu  nadlen  dar  in,  also  daz  die  spizze  dur  daz 
krüz  etwi  verr  drangen  und  dar  inne  stekend  bliben^  und  daz 
ander  teil  brach  er  hinnen  ab.     Diser  spizziger  nadlen  verwunden 

15  trug  er  ze  lobe  dem  nahtringendeu  herzleide  der  reinen  gotes  müter. 
daz  ir  herz  und  sele  zu  der  stunde  sines  jeraerlichen  todes  so  gar 
durwundete.  Do  er  dis  krüz  dez  ersten  uf  den  blossen  ruggen  ge- 
^j)ien,  do  erschrak  sin  menschlichü  nature  dar  abe,  und  meinde,  er 
niöhti   es    mit   mitü  erliden,    und    nam    es   her   abe    und    widerleite 

20  enklein  die  scharpfen  nag(jl  an  einem  steine.  Du  unmanlich  zagheit 
gerow  in  balde,  und  machet  sü  alle  andrest  wider  spizzig  und  scharpf 
mit  einer  viln,  und  nam  es  wider  uf  sich.  Es  riflet  im  uf  dem 
ruggen,  da  es  beinoht  was,  und  machet  in  blfitig  und  verseret.  Wa 
er  sass  oder  stund,  da  waz  ime,  wie  ein  igelhut  uf  ime  lege;  so  in 

2')  ieman  rürrt  unverwenet  ald  in  stiess  uf  daz  gewant,  daz  verserte  in. 
Daz  im  dis  pinlich  krüz  dest  lidiger  were,  do  ergrub  er  hinnan  uf 
daz  krüz  den  lieben  namen  IHS.  Mit  disem  kiüz  nam  er  vil  zites 
alle  tag  zwo  disciplinen  in  sölicher  wise:  er  schlug  hinnen  mit  der 
fust  uf  daz  krüze,  so  trungen  die  nagel  in  daz  fleisch  und  gesteketen 

:^ü  dar  inne,  daz  er  sü  mit  dem  gewande  müst  her  us  zuken.  Die 
schleg  uf  daz  krüz  tet  er  als  togenlich,  daz  es  nieman  wol  moht 
gemerken.     Die  ersten  disciplin  nam  er,  so  er  mit  betrahtung  komcn 

2  uf  s.  r.  trug-  V         5  hoiTfu]  heizen  (!)  M  6  sprang  P         7  dez] 

dz  PM  sin  fehlt  P  8  manunge  P  10  nacht  u.  tag  M  12  och  fehlt  .V 
nagel  A'  14  er  fehlt  K  hin  ab  P  16  u.  ir  sele  P  17  rftcken  blos  P 
19  hi  nute  P  21  bero  P  andrest /c/i/^  M  anderwerbe  P  23  da]  daz  SA' 
beinoht  von  anderer  (alter)  Hand  A  25  [in]  stiess  M  26.28  hindenan 
SPM        27  ihs  am  Rande  M        :U  tot  er  uf  d.  krüz  S        nit  wol  M 


42  Leben  Seuses.    Kap.  XVI. 

waz  zft  der  sul,  da  der  schön  herr  als  grülich  gegeislet  ward,  und 
bat  in,  daz  er  mit  sinen  wunden  die  sinen  heilti.  Die  andren  nani 
er,  so  er  fürbaz  under  daz  krüz  komen  waz,  und  dar  an  genegelt 
ward,  und  negelt  sich  zu  inie,  niemer  von  im  ze  scheiden.  Die 
dritten  disciplin  nam  er  nit  alle  tag,  er  tet  es,  so  er  im  selb  ze  vil  5 
Zartheit  oder  ungeordenetes  lustes  hate  verbeuget  an  trinken,  an 
essen  ald  sSlichen  Sachen. 

Er  hate  sich  ze  einer  zit  misshütet,  daz  er  zwain  jungfrowen, 
do  [18*^]  sü  oflFenlich  in  der  gemeinde  bi  im  sassen,  ire  hende  in 
sin  hende  hat  genomen  ane  alle  b6se  geverde.  Da  unbehütekeit  10 
gerow  in  geswinde,  imd  meinde,  der  ungeordnete  lust  müsti  gebüzet 
werden.  Do  er  von  den  jungfrowen  gie  und  in  sin  kapeil  an  sin 
heimlichen  stat  kom,  do  schlug  er  sich  umb  dis  missetat  uf  daz 
krüz,  daz  ime  die  spizigen  nagel  in  dem  rnggen  gesteketen.  Er  tet 
sich  selb  och  umb  die  missetat  ze  banne,  daz  er  im  selber  nit  wolte  15 
erloben,  na  nieti  hin  in  daz  capitel  an  sin  gewonlichen  stat  sins 
gebetes  ze  gene  zfi  dem  reinen  himelschen  ingesinde,  die  im  an  der 
selben  stat  in  betrahtunge  gegenwürtig  waren.  Dar  na  neiswen,  do 
er  sich  gentzlich  wolte  versünen  umb  dis  missetat,  do  waget  er  sieh 
hin  in  vil  bluklich,  und  viel  dem  rihter  vor  an  ze  fussen  und  nam  20 
vor  ime  ein  disciplin  mit  dem  krüze,  und  gie  do  ietwedrenthalb  umb 
und  umb  vor  den  heiligen  und  nam  XXX  disciplinen,  daz  im  daz 
blüt  den  ruggen  ab  ran.  Und  also  erarnet  er  den  lust  vil  bitterlich, 
den  er  hat  gehabt  unordenlich. 

So  man  meti  hate  gesungen,  so  gie  er  in  daz  capitel  an  sin  25 
heinlichi,  und  nam  da  hundert  gestrachter  venje  und  hundert 
knüwender,  ein  ieklich  venje  mit  sunderlich  betrahtunge;  und  die 
taten  im  vil  we  von  dez  krüzes  wegen,  wan  wenn  er  daz  krüz  also 
strenklich  an  sich  gespien  und  naher  an  den  lip  getreib,  als  der 
einen  reif  tribet,  als  er  ze  der  zit  pflag  ze  tüne,  so  viel  er  nider  uf  :^> 
die  erde  und  nam  die  hundert  venjen,  und  von  dem  nidervallene 
so  jresteketen  in  ime  die  na';^,  und  so  er  denne  uff  stfind,  do  zukt 

4  [z(^]  lu^escheidi'ii  Ä^        9  sü]  die  A^         10  böse  fehlt  A^         geberdi'  P 
11  in  /VA//  3/         14  krüz]  ertricli  V  15  zu   buii    umb   d.  in.  P  IG  hin 

fMt  A"^         17  ;L,^osiiid('  J/         18  stat  fthli  F        19  wolt  ^^äntzlich  M        20  in 
fdiU  iM*  bhikl.)   belienklicli  P  [vor]   an   ze  fözz   .1/  20  f.  vor  im 

nam  er  A^        26  stracker  P        28  vil  we  ime  S       20  stetteklicli  A^       nohe  P 
81  nidtr  vall  M        32  in  fthlt  A'         doj  und  A' 

2G  f.  I  '(jl,  B(/.ac  Vorrede  und  3.  Teil  <  die  ICO  Betrachtungen ).   Gestreckte  Venie 
iift  die  eigentliche  Fro.stration  im  unterschied  vom  blossen  Kniefall  (vgl.  oben  16,14i. 


Lebeu  Seuses.    Kap.  XVI.  43 

er  si  denn  her  wider  us,  und  aber  von  dem  nidervallene  stachen 
s&  nüwü  löcfaei*;  und  daz  waz  im  gar  pinlicfa;  wenne  sü  nüwan  an 
einer  stat  beliben  in  im  stekende,  so  waz  es  lidig. 

Vor  diser  übunge  hat  er  ein  ander.  Er  hat  im  selber  ein 
5  geisel  gemachet  uss  einem  riemen;  den  schftf  er  ime  beschlahen  mit 
möschinen  spizzigen  steften,  die  waren  scharpf  als  ein  grifel,  und 
giengen  die  zwen  spiz  ietwedrent  für  den  riemen,  also  daz  ein 
iekliches  drispizig  was,  mit  welen  ort  es  den  lip  trefe,  daz  es 
wunden  machete.     Hier  us  machet  er  ein  geisel,  und  stund  vor  meti 

10  uf  und  gie  in  den  kor  für  gotes  fronlicham,  und  nam  da  stark  [IS""] 
disciplinen.  Und  daz  tet  er  neiswi  lang,  unz  es  die  brftder  innen 
wurden,  do  lies  er  dur  von. 

An  sant  Clemens  tag,  so  der  winter  an  vahet,  tet  er  einest 
ganz  biht.     Und  do  es  heinlich  wart,   do  beschloss  er  sich  in  der 

15  ceil^  und  zoh  sich  bloss  ud  unz  an  daz  herin  niderkleid ;  er  nam  sin 
geisel  her  für  mit  den  spizigen  dornen,  und  schlug  sich  selben  über 
den  lip  und  umb  die  arme  und  du  bein,  daz  daz  blüt  von  obnen 
nider  ab  ran,  als  so  man  eime  schrepfet.  Es  waz  sunderlich  ein 
krumber  steft  an  der  geisel,  der  waz  gestalt  als  ein  heggli,  waz  der 

2«)  ergreif  fleisches,  daz  zarte  er  da  hin.  Hie  mit  schlug  er  sich  als 
vast,  daz  im  du  geisel  in  drü  stuk  zersprang,  und  im  ein  stuk  in 
der  hant  bleib  und  die  spizz  umb  die  wende  füren.  Do  er  also 
blutende  da  stund  und  sich  selber  an  sach,  daz  waz  der  jemerlichest 
anblik,   daz  er  in  dik  gelichte  in  etlicher  wise  der  geschöwde,   als 

25  do  man  den  gem inten  Cristus  freiscblich  geislete.  Er  ward  von  er- 
bermde  über  sich  selb  als  reht  herzklich  weinende,  und  knüwet  nider 
also  nakende  und  blutige  in  dem  frost  und  bat  got,  daz  er  sin 
sünd  vor  sinen  muten  ogen  dilgeti. 

Dar  na  an  der  pfafenvasnaht   gie   er  aber   als  och  vor  under 

30  des  conventes  tisch  in  sin  cell,  und  do  er  sich  blos  ab  gezoh,  do 
gab  er  im  selb  gar  grimm  schleg,  daz  sin  blfit  den  lip  ab  floss. 
So  er  noh  vaster  wil  schlahen,  do  kom  ein  hrüder,  der  hat  daz  ge- 

1  denn  her  fehlt  S  1  f.  st.  si  ime  S  3  belibcu  fehlt  M  stekoteii  M 
5  schöfj  hiess  M  6  spitz,  meschinen  A^  stacheln  P  9  f.  uf  vor  m.  M 
17  und  umb  d,  bein  SMA^        18  schraffet  P        sundeil.  —  19  steft]  ein  sundei 

Stachel  P        19  daz  waz waz  daz  P        2S  uf  stunde  A^        jemerlich  P 

25  fleischlich  SM        25  f.  ermbermde  A        29  och  fehlt  P 

l'd  23.  Nov.  14  Beicht  über  das  gange  Lehen,  29  Sonntaij  Esto 

mihi  ((^inquagesimOf  Fastnachtsaonntag),  auch  Herren'  oder  P f äff enfast nach- 
genantU,  s.  Grotefendj  Zeitrechnung  I,  56, 


44  Leben  Seuses.    Kap.  XVII. 

schelle  iieiswa  gehöret,  und  er  rauste  hören.  Er  nam  ezzich  und 
saltz  und  bereib  sin  wunden  dur  mit,  daz  sines  smerzen  dest  nie 
wurdi. 

An  sant  Henedictus  tag,   an   dem   er  in   dis  eilend  weit  ward 
i^eborn,  gie  er  under  dem  inbiss  in  sin  capell ;  die  beschloss  er  und    5 
zoh  sich  US  als  och  vor.     Er  nam  die  geisel  her  für,  und  vie  an  ze 
schlahent.     Also  ward  im  neiswi  ein  schlag  uf  den  lingen  ann  und 
traf  die  ader,   du  da  heisset  mediana,   neiss  ein  ander  dur  bi.     Do 
du  als  vast  trotfen  ward,   do  sprang  daz  blfit   her  us.   daz   im  der 
runs  des  ])lütes  flos  über  den  fftss  ab  dur  die  zehen  uf  den  estrich  u» 
und  da  swebte.     Ime  geswal  der  arm   behendelich  gross  und  ward 
blawvar.      Hier  ab  erschrak  er,    und   getorst  nit  me  schlahen.      In 
der  selben  zit  fl9'J   und   an   der   selben  «tunde,    do   er  sich  selber 
also  schlug,  was  ein  heiligü  jungfrow,  du  hiess  Anna,  du  waz  an 
ir  gebet  an  einr  andren  stat  uf  einer  bürg.     Der  waz   vor   in  einr  15 
gesiht.  daz  si  wurdi  hin  gefüret  an  die  stat,  da  er  die  disciplin  nam. 
Do  si  die  herten  schleg  an  sah,    daz  erbarmet  si   als  übel,   daz  si 
hin  zu  im  trat,    und   do    er  den  arm  hat  uf  erhebt  und   sich   wolte 
schlahen,  do  undergie  si  ime  den  schlag,  und  der  ward  ir  uf  ir  arm, 
als  si  duhte  in  der  gesiht.     Do  si  zft  ir  selber  wider  kom,  do  vand  20 
si  den  schlag  gezeichent  mit  swarzen  totblüten  an  dem  arme,  als  si 
du   geisel   getrofen    hate.      Si   trfig  du    kuntlichen   Wortzeichen   mit 
irrossem  smerzen  vil  zites. 


XVII.  Kapitel. 
Von  sinem  geliger.  2.^ 

In  den  selben  ziten  ward  im  neiswa  ein  eltü  hingeworfnü  tür; 
die  leit  er  in  siner  cell  an  sin  betstat  under  sich,  und  lag  dar  ufe 
ane  alles  betgewand.  Ze  einer  behulfenheit  sin  selbes  hat  er  ein 
vil  tunnes  metli  uss  ror  gemachet:  daz  leit  er  uf  die  türe,  und  daz 

1  orhont  A^         4  er  nac/i  weit   .1/         G  für  lier  K        8  neiss]  oder  Kl* 

9  trn]»lieii«l  (tropften)  3/u4'«/'        12  torst  ^If         18  zu  im  hin  zu  S        19  under 

irie  —  20  in|  A^         19  uf  den  arm  V        20  selber  zu   ir  S        2B  grossen  A' 

26  tür  waz  IjIii  ireworfteii  I*         27  sin   J*         29  vil  tunnes]   nüwes  KU         vil 

fthlt  M        iiier/.liii  S 

4  :<fJ.  Mär:.  SA'ena    mtdianii,    die    mittlere    JUutacUr  am  inneren 

EUf-nlxKien.  im  MittdaUfr  häufuj  zum  Aderlass  henittzi,  a\  M.  Höfler,  Deutsches 
Kranhlu'Usnanunhurli   1891^,  4(/S,  418. 


Leben  Seiiscs.     Kap.  XVII.  45 

erwand  im  an  den  knüwen.  Under  sin  hobt  für  ein  küssi  leit  er 
ein  seckli  gefüUet  mit  erwisstro,  und  dar  uf  ein  vil  kleines  küsseli. 
Er  hate  enkein  betgewaud  liberal,  und  als  er  des  tages  gie,  also 
lag  er  des  nahtes,  ane  daz  daz  er  die  schü  ab  zoh;  und  einen 
5  tiken  mantel  tet  er  umb  sich.  Aisus  gewan  er  ein  jemerlich  geliger, 
wan  daz  hert  erwisstro  lag  im  knolloht  under  dem  hopt;  do  stach 
in  daz  krüz  mit  den  scharpfen  nagel  in  den  ruggen;  er  hate  be- 
schlossnü  band  an  den  armen  und  daz  herin  niderkleid  umb  die 
huflFen;  do  waz  der  mantel  gar  swere   und    du   türe  hert.     Er  lag 

U)  also  verjamert,  daz  er  sich  nit  geleichen  mohte  alseinbloch:  wenn 
er  sich  wolt  umb  keren,  so  geschah  im  we,  wan  so  er  schlaferlich 
hinder  sich  uf  daz  krüz  üt  vaste  viel,  so  drangen  im  die  nagel  hin 
in  in  daz  gebcin,  und  denne  Hess  er  mengen  süfzen  zfi  got.  In 
dem  winter  beschah  im  von  frost  gar  wc,   wan   in   dem   schlafe  so 

15  er  die  füsse  wolt  streken  nah  gewonheit,  so  wurden  sü  bloss  uf  der 
tür  ligende  und  erfruren  ime;  so  er  sü  denn  zfi  im  hin  under  zoh 
und  also  hüb  ungestreket,  so  ward  daz  blüt  wütende  in  den  bein; 
daz  tet  im  vil  we.  Im  wurden  die  füsse  vol  gesühtes:  do  geswullen 
ime  du  bein,  als  ob  er  wassersühtig  w61ti  werden.     Du  knü  waren 

20  blutig  und  verseret,  [19^]  die  huifen  vol  schnatan  von  dem  herin 
niderkleid,  der  rugg  was  von  dem  krüz  verwundet-  der  lip  waz  ode 
von  masslosi,  der  mund  türr  von  turstiger  not,  die  hend  zitreden 
von  kraftlosi.  Und  alsus  in  diser  marterlicher  wise  vertreib  er  sin 
tag  und  nahte. 

25  Dar  na  endert  er  die  übunge,   die   er   hate   mit   der  tür,    und 

zoh  in  ein  kleines  celleli  und  machet  den  stül,  da  man  uf  sass,  im 
selb  ze  einer  betstat;  der  was  schmal  und  als  kurz,  daz  er  sich 
dar  ufe  nit  mohte  gestreken.  In  disem  loche  und  uf  der  türe  bleib 
er  ligende  wol  VIII  jar  mit  sinen  gewonlichen  banden.     Do  hat  er 

•^0  ein  gewonheit,  daz  er  na  conplet  in  dem  winter,  so  er  in  dem 
convent  was,  in  kein  stuben  noh  über  des  convents  oven  dur  keiner 

2.6  erüwsstro  A  erweisstro  SP  arbszstro  K  liabiTstro  afs^  I3  Iiet  au 
kein  ^[  und]  denn  M  7  in  den  ruggen  nach  krüz  M  hate  fthlt  S 
11  scbafferlich  A^  V6  [inj  in  MA^  15  stereken  S  nach  «Icr  gew.  M 
16  under]  wider  M  17  ungestr.]  im  gestreket  A^  in  dem  bain  M  18  do] 
des  M  und  A*  20  .schnattra  K  22  der  mund  —  not  fehlt  M  waz  türr  P 
zittern  P  23  diser]  der  P  25  endet  A^  2H  f.  im  selb  nach  betstat  3/ 
28  nit  mohte  dar  nfF  S 

24  Dei'  Zusatz  bei  Diepenftrock  (-  1837,  36:  *  18ti4,  173)  findet  steh  nur 
in  dem  Druck  von  1512  fol.  18^  und  fehlt  in  allen  Handschriften, 


46  Leben  Seuses.     Kap.  XVIII. 

wermi  willen  nie  kam  wol  inrend  XXV  jaren,  wie  kalt  es  was,  es 
fügtin  (lenne  ander  Sachen.  In  den  selben  jaren  meid  er  ellu  bad, 
beidu  wasserbad  nnd  sweisbad,  dur  nngemach  sines  zartsüchendes 
libes.  Er  was  vil  zites,  daz  er  sumer  und  winter  nuwan  einest  an 
dem  tag  ass,  nnd  nit  allein  mit  dem  vastene  ane  fleisch,  mer  dur  5 
zft  ane  visch  und  ane  eyer  was.  Vil  zites  ftpte  er  sich  an  s&licher 
armiit,  daz  er  enkeinen  pfenning  wolt  enpfahen  noch  handien,  weder 
mit  urlob  noh  ane  urlob.  Neiswi  vil  zites  sah  in  an  sölichü  luter- 
keit  daz  er  sich  .selb  niene  an  dem  übe  wolte  krazen  noh  an  ruren, 
denn  allein  an  henden  und  füssen.  10 


XVIII.  Kapitel. 

Ton  dem  abbrechene  des  trankes. 

Er  vie  einest  an  die  wetunden  übunge,  daz  er  im  selb  ein  vil 
klein  masse  uf  saste  ze  trinken;  und  daz  er  der  masse  dest  minr 
vermisti,  baidü  innen  und  usse,  do  schuf  er  im  selb  umb  ein  k&pfli  15 
uf  die  selben  masse,  und  daz  trüg  er  mit  im,  so  er  us  gie.  In 
grossem  turste  was  es  im  nüwan  ein  erkülen  des  tärren  mundes,  als 
der  einen  siechen  menschen  in  siner  hizze  labet.  Er  waz  vil  zites, 
daz  er  überal  enkeinen  win  trank  denn  allein  an  dem  ostertag ;  dem 
hohen  tage  tet  er  es  ze  eren.  So  er  etwen  als  turstig  waz  und  im  20 
selber  von  strenkheit  sinen  turst  weder  mit  wasser  noh  mit  wine  wolt 
büzen,  und  er  denn  vil  jemerlich  uf  zö  got  sah,  do  ward  im  einest 
von  got  iuerlich  geentwürt  [20']  also  :  ^Ifig  du,  wie  ich  stund  turstige 
in  sterbender  not  mit  enklein  ezzichs  und  gallen,  und  waren  doch 
alle  külen  brunnen  des  crtrichs  min  eigen!"  25 

Es  geschah  ze  einer  zit  vor  den  winnahten,  daz  er  gar  ver- 
rfichet  hate  uf  alles  liplich  gemach,   und  nam  an  sich  drie  übunge 

1  inn'nd)  in  PM  XXX  A'  2  fugte  P  fugti  A'  3  usserbad  A' 
<lurcli  gemach  und  ungemach   S  4  f.  az  nach  eincBt  M         5  nit  —  6  was] 

waz  an  flaisch,  an  fisch,  an  aigcr  dar  zu  3/  10  und  an  fussen  iSMA^cc 
12  Überschrift  fehlt  S  dem  fehlt  P  14  uf  —  masse  fehlt  K  15  inn 
u.  uss  M  umh  fehlt  S  19  fiberal  fehlt  M  22  zu  got  uff  S  23  innek- 
licli  (!)  M  23  f.  in  sterb.  not  turstige  S  24  gallen  wart  ieli  getrenket  A^ 
25  (lis  APA'a 

8  an  s«.'lien  tnit  aachlichem  ö'uhjc/it  und  pcrsönlivheni  Objekt  -  einem  so 
und  so  scheinen,  gut  dünken:  vgl.  Grimm  I)W  I,  466;  JI.  Fischei',  Schwab. 
Wörterb,  /,  ;JÖ!/.  25  Der  Zusatz   hei  Diepenhrock  ( *  37 :  *  174)  fehlt   in 

allen  Hss.  und  steht  zuerst  in  der  Ausgabe  von  lol'J  fol.18''. 


ane  die  {gemeinen,  die  er  lange  hate  gehuiit.  Du  eist  wks,  daz  er 
na  der  incti  vor  dem  froualter  uf  den  blossen  steinen  also  stendc- 
bleib  unz  ze  tage,  und  daz  waz  umb  die  zit,  so  die  nchte  aller 
lenkest  sind  und  man  vil  frii  meti  !nte.  Du  ander  waz,  dnz  er  an 
B  kein  warm  stat  gie  weder  lages  nob  nuhteB.  noch  kein  wermi  von 
der  glilt  an  die  hende  ob  dem  alter  wolt  nemen:  und  geawulien  im 
die  hende  grosliehen,  wan  es  der  selben  zit  aller  keltest  wax.  Na 
conplet  gie  er  also  kalte  uf  sinen  sli^l  schlaffen,  na  mefi  stftnd  er 
vur  dem  alter  nf  blossem  stein  nnz  ze  tage.      Dii   drit  Übung  waz, 

10  daz  er  im  selb  allez  trank  ab  brach  diir  den  tag,  wie  iibel  in  tnrste, 
denn  eht  des  moiges  ob  tisehe,  und  denn  so  turst  in  ui'it.  So  es 
aber  bcgond  abenden,  so  turst  in  als  reht  nbel,  daz  ellu  sin  nature 
na  triukene  rang;  unrl  daz  verbflb  er  alles  mit  mengem  bitterlichen 
smer/en.      Der  mund  ward  ime   als  türr  von  innen  und  nssnan   als 

IS  einem  siechen,  der  an  einor  siilit  üt.  Do  zerschrant  im  sin  zunge, 
daz  si  dur  na  mc  denn  in  einem  jar  nie  kond  verheilen.  So  er  ze 
conplete  also  türre  da  stfind  und  man  daz  wichwasser  nah  gewonheit 
iinib  gab.  so  tet  er  mit  begirde  den  lürren  miind  iif,  und  ginet  wite 
geu  dem  sinengwadel  uf  daz  gedinge,    ob   im    en    kleines  trSpfli 

^  wassers  uff  sin  türren  zungen  vieii,  daz  si  da  von  joh  e«  wenig 
erktilt  wi'irdi.  So  er  denn  ze  collaeion  oder  ob  tische  also  tnrstige 
den  win  von  im  saste,    so   hiih  er  etwen  sind  ogen  nf  und  sprach : 


1  i^'elialiij  «tt'ni  1'  4  iiLi^ti  luie]  liat  mwlti  K  ö  Mi  il.  Iiendc  fdUl  M 
8  sinciij  ftinen  K  S  iilossen  atcini-n  P  10  sclli  fthU  K  |ab]  hnic)i  7' 
11  L-ht  fthli  P  13  nirngen  A  16  zeifcliaiid  M  zenpü'lt  P  ITf.  gab 
nach  wichw.  M        20  joli]  ducL  M,  fthü  P        21 1'.  den  wi  aJso  durstigiT  M 

G  f.  Zur  Erwärmimg  drr  t'ingtr  hei  der  MeKKC  wrde  im  kalten  Winter 
tili  Gtfäni'  mit  Koliltn  auf  den  Altar  ganttllt ;  vgl.  Caertm.  (h-d.  Pratd.  11, 1  a. 
IL  5i>3  iThiriol  1,  74):    J.  Saun;  Sgnibolik    des  Kirchtngebäudeg  läu:!,  Uli. 
17    Vgl.  oben  Aam.  gii   B6,^i,  21  t'ollatio   (coUätii,   colUicie ;  Lexer  I, 

iStiöJ  ist  die  schon  bei  den  alten  Ordtn  ^Rtg.  St.  Bcuedicti  c.  42;  Chrodtgang, 
reg.  can.  c.  21  >  und  elieiiao  hti  den  llominikanam  übliche  Btieichnung  für  die 
abendlichi  Tiiehltsung,  bei  der  viel  die  CoUalionts  Palrum  ( UiiterrcdungtH 
mit  den  Vättm)  dt«  Johannen  Ca/tnian  gebraucht  wurden :  in  der  folg»  erhielt 
die  Abetdtaahheit  selbst,  oder  der  Trunk  bei  derselben,  besandfra  an  f'astlagen 
tim  Dominikanerorden  vim  14.  Sejit.  bis  Ostern  aunser  den  Sonntagen,  femer 
alte  Freitage  und  sonst  einige  Tage  des  Jahres.-  vgl.  Ctmstitutiones,  ALKOM 
I,  19t«;  V,  !>HSI  den  Namen  C'dlati",  .Statt  der  Lesung  konnte  auch  unter 
Leitung  des  Lektors  oder  Priors  ein  l'orlrag  oder  JJisjmtation  über  theologische 
Fragen  oder  eine  Besprechung  über  geistliehn  Hinge  stattfinden ;  in  l'rauen- 
kl^Sstem  oder  Beghinenhäuncrii   hielt  der  Beichtvater  oder  ein  anderer  Geint- 


48  Lebeu  Scuses.    Kap.  XVin. 

^owe,  liimelscher  vater,  nim  hin  ze  einem  opfer  mins  herzen  sapt 
(lis  kill  trank,  und  trenk  diu  kind  dur  mite  in  dem  tiirste,  als  er 
stund  turstige  an  dem  krüze  in  sterbender  not.**  Etwen  gie  er  über 
den  brunnen  in  dem  grossen  turste,  und  sah  daz  klinglent  wasser 
an  in  dem  überzineten  kesselin,  und  sah  denn  uf  zc  got  mit  hcrzk-  :> 
lichem  süfzene.  Etwen  so  er  als  gar  überwunden  waz.  so  sprach 
er  gar  von  ingrunde:  „owe,  ewiges  gut,  diner  verborgen  gerihtenl 
daz  [20 ""l  mir  der  breit  Bodense  so  nah  ist  und  der  luter  Rin  umb 
und  umb  mich  iiüsset,  und  mir  en  einiger  trunk  wassers  so  tür  ist! 
Wel  ein  jemerlich  ding  daz  ist!**  lo 

üis  zoll  sih  uf  daz  zit,  so  man  liset  daz  ewangelium,  wie 
unser  herr  wasser  in  win  verkerte.  Do  sass  er  des  selben  suunen- 
tages  ze  naht  mit  jamer  ob  tische,  wan  im  ward  daz  essen  mit 
grossem  turst  nit  ze  liebe.  Do  man  den  tischsegen  gelas,  do  ilte 
er  geswinde  in  sin  capell,  wan  er  enmoht  sich  von  überwundem  15 
lidene  nit  me  enthalten,  und  brach  us  und  flos  hin  mit  bitterlichen 
trehen  und  sprach:  „owe  got,  du  erkennest  allein  herzliden  und 
herzennot:  wie  bin  ich  in  dis  weit  so  recht  erbetselklich  geboru,  daz 
ich  in  aller  genügde  so  reht  grossen  gebresten  müss  liden!"  Do 
er  in  diser  klag  stund,  do  waz  im  in  siner  inwendekeit,  wie  neiswas  20 
in  sin  sele  sprechi  also:  „hab  gftten  müt,  got  der  wmI  dich  schier 
fröwen  und  trösten;  nüt  enwein,  frume  riter!  Gehab  dich  wol!" 
Du  wort  erhügten  neiswi  sin  herz,  daz  er  uf  hfib  und  nüt  moht 
genzlich  weinen,  und  aber  von  smerzen  moht  er  nit  genzlich  frolich 
sin,  denne  mit  dem,  daz  im  die  trehen  ab  vielen,  do  zwang  in  ^5 
neiswas  inrliches  ze  lachene  uf  ein  götlich  künftig  aventüre,  du  im 
kürzeklich   von   got   werden   sölte.     Also   gie   er  ze  eonplete.      Der 

1  min  M  2  (l«'ni|  den  3/  4   dem  fehlt  M  7  von   gruiido   P 

8  so]  als  i^ar  M  Hin  fehlt  P  11  DisJ  daz  A'  daz  ew.  liat  S  12  f.  mit 
jomer  nach  sas8  er  P  i:i  |ze  naht]  0I1  tische  mit  J.  M  14  so  irrosscm  N 
15  raolit  SM  18  liertzc  müt  A'  19  mäss/e//Z^  S  23  daz]  des  A'  26  inr- 
licli  P  iimeklicli  M        gotlich  fehlt  F 

licher  derartig'.'  Konferenzen.  Die  Kinrichtung  trard  besondi^rs  in  Nonneic 
Llösterii  von  grosser  Bedeutung  für  die  luirderting  der  Mystik :  zahlreiche 
Predigten  oder  Traktate  Kckharts  (vgl.  Pfeifer  643 \  Wackernagel,  Altdeutsch 
Predigten  und  Gebete  1876,  158,  Ul),  Taulers  und  Seuses  sind  auf  diese  Weist 
efitstandcn.  V^gl.  JJucange  s.  r, :  IJenifle  in  ALKGM  II,  (J41JF.;  Wackernagtl 
a.  a.  ().  307,  37'j  f. :  Lecoy  de  la  Marche,  La  chaire  franraise  au  mögen  dge 
'  IStif),  :Jlff'.  8  t.    Das  Dominikanerkloster,  jetzt   Inselhotel   in  Konstanz 

liegt    auf   einer    kleinen    Itisel   am    Ausfluss    des    Rheins    aus    dem    liodensee. 
11  f.  2.  Sonntag  nach  Epiphanie. 


loihea  JieiiBPB.    Kap.  XVIll. 

nund  saog  mit  zitreiidem  herzen,  nnd  in  dem  dubt  in  als  wie  er 
schier  alles  eines  lidens  sölte  ergezzet  werden.  Und  daz  geschah 
och  kurzlich  dnr  na.  Uud  in  der  selben  nalit  hüb  es  an  enteil  also: 
im  waz  vor  in  einer  geslht,  wie  nnse  frow  kemi  mit  dem  lieben 
B  kindlin  Jesas  in  der  gestalt,  als  do  er  nf  ertrich  waz  und  sibenjerig 
waz.  Es  bralite  in  der  hand  ein  krügli  mit  frischem  wasser;  daz 
krugli  waz  liberglestet  und  waz  enkJein  grösser  den  en  coDventkojif. 
Also  nam  iinse  frow  daz  krügli  in  ir  hand  und  bot  es  im,  daz  er 
trunki.     Er  nam  es  und  trank  mit  grosser  begirde  und  erlaete  sinen 

10  turst  na  wünsche. 

Kr  gie  do  einest  liber  veld.  uud  uf  einem  schmalen  stige  do 
bekom  im  gende  ein  armü  erberii  frowe.  Do  dn  frowe  nahe  zfi  im 
kom,  do  weich  er  ir  ab  dem  trachen  wege  und  trat  neben  aieli  in 
die   nessin   und   lieas   sü   für   gan.      Du  frowe  kerte  sieh  umb    uud 

15  sprach  also:  „lieber  herr,  waz  meinent  ir  hie  mite,  daz  ir,  erbere 
herr  und  pnester,  [21']  mir  armen  frowen  als  demüteklich  wichend, 
und  ich  üch  vil  billicher  solti  han  gewichenV  Do  sprach  er:  „ey, 
liebii  frowe,  min  gewonheit  ist,  daz  ich  allen  frowen  gern  zubt  und 
ere  but  dur  der  zarten  gotes  mAter  willen  von  himelrich."     Si  hfih 

■21)  uf  irü  ogen  und  Ir  hende  gen  dem  hiniel  und  sprach  also:  „nu  bit 
ich  die  selben  erenwirdigen  frowen,  daz  ir  von  diser  weit  nienier 
gescheident,  üch  bescbefa  etwas  sunder  gnaden  von  ir,  die  ir  an 
Ans  allen  frowen  erent".  Er  sprach;  „dez  helf  mir  du  rein  frow 
von  hinielrich!" 

26  Es  geschah  kiirzlich  hie  na,   daz   er   na   gewonheit  in  grosser 

genügde  mcngerley  trankcs  einen  tnrstigen  mand  ab  tische  bat  ge- 
tragen. Do  er  des  nabies  nider  kom,  do  kom  fftr  in  stan  in  einer 
gesihte  ein  bimelsches  fruwliidies  bilde,  nnd  das  sprach  zfi  im  also: 
„ich  bin  es,  du  mQter,  du  dich   in  der  vordren  naht  bat  getrenket 

30  USB  dem  krüglin,  wnd  mein,  wan  dich  nls  übel  türstet,  so  wil  ich 
von  erbermde  dich  aber  trenken."     Do  sprach  er  vil  bluklich  zft  ir: 


1  mit  kehl  II  uiid  mit  /,.  Ii.  S  3  d»i  itmli  kiiralich  S  und  fehlt  A' 
M]  er  A'  10  iia|  mil  M  11  ste^'e  Kl'  12  atmüfthlt  M  erberfl]  er- 
beiten  P  13  ('[itwrich  J'  und  trst  ni-'beii  ^iuli  in  Ztik  14  nach  kertc  eich 
Dinb  ASi*  16  als  dfinüt.  fehlt  ASP  cntwichent  M  17  uuJ  ich  —  jfe- 
wicheo  fthll  A^P  entwichen  M  17  f.  acli  frow  liübü  M  13  luQtk'r 
gme»KP  von  iiiiiinlr.  willen  ,W  21  ewirdige  i'  22  (jn ad  AM  23  de«] 
iu  A'  26  gesclialj  aber  liural.  M  26  frowl.J  frolictiz  M,  fehlt  ASP  das 
/Ml  M        29  getrenket  hiil  A'        31  ^treucken  P        ir]  im  ASP 

H.  Stiiir,  Daiiii.cl>B  aebririeri.  4 


ijj 


50  Leben  Seoses.    Kap.  XVUI. 

^ach  reinü  fraht,  du  hast  doch  nit  in  der  baut,  da  mite  du  mich 
mugist  trenken.*  Do  eutwürt  8i  und  sprach:  ^ich  wil  dich  trenken 
mit  dem  heilsamen  tränke,  daz  von  minem  herzen  flüssef  Do  er- 
schrak er,  das  er  nit  konde  geentw&rten,  wan  er  sich  des  als  un- 
wirdig  erkande.  Do  sprach  si  gar  gütlich  zu  ime:  „wan  sich  der  6 
hi)nelseher  hört  Jesus  als  lieplich  in  din  herz  hat  gesenket,  und  daz 
selb  din  t&rrer  mnnd  als  snr  hat  erarnet,  so  sol  es  dir  ze  snnderm 
trost  von  mir  werden. '^  Und  sprach:  ^es  ist  nit  ein  lipliches  trank, 
es  ist  ein  beilsames  geischliches  trank  warer  luterkeit.'^  Do  Hess  er 
es  zfl  gan  und  gedaht  in  im  selb:  ^nu  solt  du  reht  gn&g  trinken,  lo 
daz  du  dinen  grossen  turst  wol  mugist  erlöschen. '^  Do  er  wol  hat 
getrunken  des  himelschen  trankes,  do  bleib  im  neiswas  in  dem 
munde  als  ein  vil  kleines  weiches  knöUeli,  daz  was  wiss,  als  daz 
himelbrot  geschafen  was ;  daz  behüb  er  in  dem  munde  neiswi  lang 
ze  einem  waren  urk&nde.  Dar  na  enbrast  er  an  ein  herzkliches  15 
weinen,  und  danket  gote  und  siner  lieben  mfiter  ire  grossen  gnaden, 
die  er  von  in  hate  enpfangen. 

Der  selben  naht  erschein  unse  frow  einer  gar  heiligen  person 
vor,  da  was  in  einer  andren  stat,  und  seite  der,   in  weler  wise  si 
in  [21^]  heti  getrenket,  und  sprach  zu  ir  also:   „gang  hin  und  sag  20 
roins  kindes  diener  von  mir,   als  man   vindet  geschriben  von  dem 
hohen  lerer,  der  da  heisset  Johannes  Chrysostomus,  mit  dem 
guldin  munde :  do  der  ein  schüler  was  und  vor  einem  altar  knüwete, 
da  du  himelsch  müter  och  in  der  form   eins  bülzin   bildes   ir  kind 
uf  ir  schösse  mftterlichen  tränkte,   do   hiess   daz   mfiterlich   bild   ir  26 
kint  ein  willi  uf  halten,  und  Hess  den  vor  genanten  schüler  och  von 
irem  herzen  trinken.     Da  selb  gnade  da  ist  im  och  nu  in  der  gesiht 
von   mir  worden,   und   ze   einem  Urkunde  der  warheit  so  nem  dez 
war,  daz  sin  lere,    du  von  sinem   munde  get,   vil   begirlicher  und 
lustlichcr    nu    fnrbaz  wirt  ze  hörene  denn  vor."     Do  er  dis  erhörte,  30 
do  hob  er   uf   sin  hende  und  herz  und  ogen   und  sprach:    „gelopt 

2  tii  ime  *V  4  f.  als  unwirdig]  mit  würdig  P  5  der]  min  M  7  als 
8ur  fehlt  M  8  trost  komen  und  von  mir  w.  M  9  geischl.  fehlt  M  11  ge- 
loschen iS  13  kleines  fehlt  A^  weiches  fehlt  S  weiches  kleines  P 
14  daz  —  lang]  er  hfib  ez  naiswic  lang  in  d.  munde  M  17  in]  ir  J.*  18  des 
8.  nachtz  M  gar  hiil.  fehlt  M  20 f.  hin  zu  mins  k.  d.  luid  sag  im  von 
mir  P  23  der)  er  ASPA'  26  hiez  SPK  dem  S  27  [du]  ist  MA' 
nu  wSrlich  [in  der  gesiht]  M  28  der  warheit  fehlt  M  30  nu  förbaz  nach 
denn  vor  M        zu  hör.  nu  fürbaz  würt  -S'        31  und  euch  sin  herze  S 

14  Das  Manna,  vgl.  II  Mos.  16,14 ff.:  IV  Mos.  11,7:  Ps.  77,24, 


r 


LeiiPii  SciiKM, 


aic  di'i  ader  der  ueüiesseudeit  goiheit,  und  i'ibcrlopt  siü  du  süss 
mflter  aller  gDaden  von  mir  arroen  unwirdigen  mensehen  diser 
biuiebcheii  gäbe!"  Ein  gliehes  vindet  man  oeh  an  dem  ersten  tail 
des  büchcB,  daz  da  haisset  Speetiluni  Vini^entii. 

6  Diüii  hciligä  pereon   hüb   aber  an  und  sprach   zfi   inie  also: 

„noh  eins  sol  ich  ü  sagen.  Ir  soud  wüssen,  daz  mir  unse  frow  mit 
ir  lieben  kinde  hinaht  in  einr  gesihte  für  koni,  oud  bat  unse  frow 
in  ir  h;ind  ein  ecbönes  trinkvae  mit  w.isg<'r.  Daz  kind  und  dt 
l'rowe   reddan    minneklicbii  wort   von    ttch.      Also   bot   sü    dnz   vass 

10  mit  dem  Wasser  gen  dem  kinddin  and  bat,  daz  es  sinen  segen  dar 
über  tete.  Es  tet  einen  heiligen  segen  fiber  daz  wasaer,  und  ge- 
Hwinde  do  ward  daz  wasser  ze  wine.  Und  sprach  also:  „es  ist 
aatig,  ich  wil  nüt,  daz  der  brfider  sich  me  hier  inne  übe.  daz  er 
MIC  ane  wtn  sie;  er  eol  nu  binnan  für  win  trinken  von  siner  ver- 

1&  /erter  natur  wegen."  Und  do  es  im  also  von  got  genrlobet  ward, 
iln  trank  er  fi'irbaz  win,  als  er  ocb  dnr  vor  hate  getan. 

[ä2'J  Er  waz  do  in  den  ziten  vil  krank  worden  von  dem 
überlaste  der  vordren  iibungen,  die  er  so  lange  hat  getriben.  Es 
orschein    unser   hene   vor  einem  heiligen    gotegfrund   und    hate   ein 

2(1  bAcbsen  in  der  hant.  Si  sprach  ztt  im:  „ach  lierr,  waz  meinet  du 
mit  der  böbsenV"  Er  sprach:  „do  wil  ich  minen  diener  arznen. 
der  ist  siech."  Also  [23']  gie  unser  herre  zö  dem  diener  mit  der 
biicbeen  und  det  die  uf,  do  was  in  der  büchsen  frisches  hl&l.  Des 
blätes  nam  er  her  us  und  gtreicb  es  an  des  dieners  herz,  daz  es 
I  £5  zemal  bIDtig  wart,  und  streich  Im  do  an  ein  hend  and  fusse  und 
SD  8in6  gelider  ellü  sament    Do  sprach  bi  z^  inie:  „ach.  min  herr 


1  da  —  »io  /«Art  P  2  disw  —  4  Viiicenlü  ffhti  M  3  gnbi^u  F 
•6  lunse  liebe  fr.  Ä>  7  hat  fMi  S  9  wnrt,  fehtt  M  10  nnd  bat/e/itt  M 
IX  f.  geswtnde)  kp  stunde  J'  12  do  fehlt  S  13  sich  der  brSdcr  S  mer 
■ich  M  hier]  dar  S  aicli  dnz  [?|  M  14  fiir|  bin  M  20  Itfichi-bn  dweh- 
ttriehen,  am  Ramlt  bOme  1'  23  f.  das  blSt  P  24  i'«  -  25  streicb /«/./(  S 
26  do]  daz  S        2ti  an  feMi  A 

4    riwcMJ    von    Btaurais.    .Sjite.    lüat.    VIII,  84    (eon    einem    krankm 

I         Klttiker).    Ähnliche»  uird  n-iähli  vom  hl.  Bernhard  (vgl.   Vacandard,   Vit  de 

Ä  Btrnard  II  [1895]  T8/.),  von  Lukardt*  von  Oherweimar  lii.  Jh.;  Analecta 

Bi>a(Mdiaaa  1839,  31&),    in   den   OffenhamngtH  dtt  Alanu»  de  Rupe   ff  U75  . 

vgLH.  HoUapftl,  St.  Domimkus  und  dir  Rnsenkrunc  1903,21  ff.)  and  anderen 

L      Marieniegenien   (A.  Poneekl,  Miraeulorum  B.  V.  Mariae  ».   VI— XV  Index, 
Anal.  Boll.  ISüS,  Ml  ff.  Nr.  184,  461,  514,  667).  16  In  AKRWB'it  ein 

im 


Leben  Sl'u 


Kap.  XVIII. 


and  min  got,  wie  zeichiiegt  da  in  so?  AM  wUt  du  ime  dinn  fücf 
zeicfaen  in  truken?"  Er  sprach:  „ja,  ich  wil  ein  herz  uud  alle  sin 
Datnre  mit  lidenne  niinneklicheu  zeichnen,  und  wil  in  denne  arznen 
Dnd  gesunt  gemacben,  ich  wil  einen  incnscbfin  us  im  machen  nah 
allein  minftn  herben." 


Ahh.  3. 

Do  der  diener  HÖlicli  iibig  leben  nach  dem  asseni  ineuschen, 
als  da  vor  enteil  stat  geecbriben.  hat  get'üret  von  siuem  ahtzehenden 
jare  nnz  uf  ain  vierzegst  Jar,  and  ellü  sin  natur  verwüstet  was,  daz 
aiti  me  dur  hinder  waz,  denn  sterben  ald  aber  von  derl^y  übunge 
lassen,  do  liess  er  dur  von,  und  ward  ime  von  got  gez6get,  daz  du  lo 


diuü]  die  Ä^        2  miiiiiEaichen  jlf 
fehlt  M        6  iiliiij]  rtiijiiü  A' 


2  f.  \,h 


strenkheit  untl  die  wieen  alle  sament  nit  andere  wen  gewesen,  denn 
ein  gfkter  anvang  nnd  ein  durprechen  sines  angebrochen  menschen, 
und  meinde,  er  mästi  noch  fürbaz  gedrungen  werden  in  einer  ander- 
ley  wise,  s&lti  im  iemer  reht  lieschelien. 


6  JtlX.  Kapitel. 

VCn)  er  wAi'd  gewi^et  in  die  verniinftigen  schiile  zii  aar  knnst 
rechter  gelni^senlielt. 

F,e  sass  der  diener  ze  einer  zit  nach  der  meti  in  sinem  stöle, 
und  in  einer  verdahtekeit  entsunken  im  die  sinne  und  duchte  in  in 

10  'ler  inren  gesiht,  daz  ein  gtoltzer  juugling  ohnan  ab  her  kemi  und 
riir  in  stiindi,  und  sprechi  zfi  im  also;  „du  biet  giiti  lang  in  den 
nidren  schi^leu  gewesen  und  hast  dich  gmlg  dar  inne  geiibet  und 
bist  zitig  worden.  Wol  uf  mit  mir!  leb  wil  dich  nu  fnren  zfi  der 
liübsten  achtele,  du  in  diser  zit  ist,   da  solt  du  nu  lernen  mit  fliese 

15  die  bÖbsten  kunst,  du  dich  in  gfitLicben  i'rid  sol  sezzen  und  dinen 
heiligen  anvang  zfi  eim  seligen  end  bringen."  Des  was  er  fro  and 
fitfind  uf.  Der  jungling  nam  in  hi  der  band  und  fürte  in,  als  in 
duhte,  in  ein  vernünftiges  land,  da  was  neiswaz  scbSnes  buses  und 
daz  was  glich,  als  ob  es  geiscblicher  lüten  wonung    weri.     In   dem 

20  wonten,  di  der  selben  kunst  pblageu.  Do  er  hin  in  kom,  do  ward 
er  gütlich  enpfangen  und  Ueplicb  griizet  von  in;  sü  ilten  hin  zfi 
dem  obresten  [23']  meister  und  seiten  ime,  es  weri  eine  komen,  der 
w&lti  och  sin  junger  sin  und  w51ti  die  kunst  lernen.  Er  sprach: 
,den  wil   ich    vor   under  ogeu  an  sehen,    wie  er  mir  gevalle."     Do 

35  er  in  gesab,  do  lachet  er  in  vil  gütlich  an  und  sprach:  „nu  wüssent 
d«z  von  mir,  daz  diser  gast  wol  mag  werden  ein  frnmer  scbfilpfaf 
diser  hohen  kunst,  wil  er  sich  gedulteklich  geben  in  den  engen 
notstal,  da  er  inne  mftss  bewerct  werden."  Der  diener  vei-stflnil 
der  verborgnen  Worten  dennob  nit;   er  kerte  sich  zö  dem  jungling, 

SO  der  in  hate  hin  in  gefuret,  und  fragte  in  also:  „eya,  lieber  gesell 
minr,  sag  mir.   waz  ist  da  h&bst«  schftle  nnd  ir  kunst,  von  der  da 

8  Er  A-  10  her  ab  J-  U  sprsch  F  U  scliöle  -  15  liSbgten  fehU 
A^  diaer]  der  P  nu]  iiim-  P,  fthU  S  18  lana  fehll  A'  da]  daz  M 
nwiwo  Bin  "ch.  hu9  P  18  t'.  hus  [und  —  gelich]  M  19  weri,  dem  wax 
dwt  hiiB  tätlich  M  21  liüi  iu  P  '24  under  ngeti  vor  nn  iS  :!5  sscb  SM 
VÜ  gStl.  in  i*         ^  geben  «;<h\.  F 

18  IT.      VqJ.  die  Sel'ihhru.1/,  Ilnr.  II,  I  ,<•,/.  S'ranf/c  t49fj. 


A 


f)4  Lelien  Seuses.    Kap.  XIX. 

mir  hast  geseit?"  Der  juDgling  sprach  also:  „üu  hohe  schul  und 
ir  kunst,  die  man  hie  liset,  daz  ist  nit  anders  denn  ein  genzä,  vol- 
komnü  gelassenheit  sin  seUis,  also  daz  ein  mensch  stand  in  sölicher 
entwordenheit,  wie  im  got  ist  mit  im  selb  ald  mit  sinen  creaturen, 
in  lieb  ald  in  leide^  daz  er  sich  dez  flisse^  daz  er  alle  zit  stand  5 
glich  in  einem  usgene  des  sinen,  als  es  denn  menschlich  krankheit 
erz&gen  mag^  und  allein  gotes  lob  und  ere  sie  ansehende,  als  sich 
der  lieb  Cristus  bewiste  gen  sinem  himelschen  vatter."  Do  der 
diener  dis  erhörte,  do  geviel  es  im  gar  wol  und  meinde,  er  w6lte 
der  kunst  leben,  und  es  enniöhti  nüt  so  swer  sin,  daz  in  des  möhti  10 
geierren;  und  wolte  da  buwen  und  vil  unmüssiges  werkes  haben. 
Daz  werte  im  der  jungling  und  sprach  also:  ,,disä  kunst  wil  haben 
ein  ledig  müssekeit:  so  man  ie  minr  hie  tfit,  so  man  in  der  warheit 
ie  me  hat  getan  ;^  und  meinde  ein  s51ich  tftn,  in  dem  der  mensch 
sich  selb  vermitelt  und  nit  luter  gotes  lob  meinet.  15 

Nah  diser  rede  geswinde  kom  der  diener  zu  ime  selben  und 
sass  also  stille ;  er  begonde  diser  rede  tief  na  gedenken  und  merken, 
daz  es  lutni  warheit  ist,  die  Cristus  selber  lerte.  Er  begond  in  im 
selben  mit  im  selben  einreden  und  sprach  also:  ^Ifig  inwert  genote, 
so  vindest  du  dich  selb  noch  eigenlich  und  merkst,  daz  du  nob  mit  20 
allen  dinen  ussren  ubungen,  die  du  dir  selb  usser  dinem  eigen 
grand  an  tet,  bist  ungelassen  ze  enpfahene  frömd  widerwertikeit. 
Du  bist  noh  als  ein  erschrockens  hesli,  daz  in  einem  huschen  ver- 
borgen lit  und  ab  iedem  fliegenden  blate  erschriket.  Also  ist  dir: 
ab  zfivallendem  lidene  erschrikest  [24']  du  alle  din  tag;  ab  dem  25 
anblik  diner  widersachen  entvarwest  du;  so  du  soltest  under  gan, 
so  fluhst  du;  so  du  dich  soltest  bloss  darbieten,  so  birgest  du  dich ; 
so  man  dich  denne  lobet,  so  lachest,  und  so  man  dich  schiltet,  so 
trurest.  Es  mag  wol  war  sin,  daz  du  einer  hohen  schftl  bedörftist. " 
Und  also  mit  einem  inneklichen  süfzen  sah  er  uf  zft  got  und  sprach  so 
also:  „eya  got,  wie  ist  mir  dii  warheit  so  bloss  geseit!**  und  sprach: 
,owe,  wenn  sol  ich  iemer  ein  reht  gelassenr  mensch  werden?** 


5  aldj  und  P        6  uf  j^eu  J/        oh  ftidt  F        9  dis]  daz  M        es]  er 

A'        er  wolte  fehlt  M        12  disü]  die  S        13  getöt  M  19  mit  im  selben 

fehlt  KA^   mit   im  selb  in   im  selb   M         [ein] reden  P  alscy  fehU  KPM 

20  daz  fehlt  SM        24  lit]  ist  A'        och  dir  ^f        27  üühst  [da]  PA*        [duj 
dich  S        28  lachestu  S        und  fehlt  P        29  trurestu  S 

18    ly.  Luk.  lOJlJ. 


Xeoeii  Sense«.    Kap.  J 

XX  K  api  tel. 
Von  wetnndeni  nndergeiie. 
Do  dem  diener  dei!ey  UBser  übungeo,  di  im  an  sio  lelien 
giengen.  worden  von  got  abgesprocbeo,  des  wart  sin  vermugtü 
6  natar  so  fro,  daz  er  weioetc  von  frSden.  So  er  hiuderdahte  ginä 
strengii  band,  und  viav.  er  eblicb  erliten  und  erstriten  hate,  8o  sprach 
er  in  im  selb  atgo:  „im  dar,  lieber  berr,  nu  wil  ich  hinnas  für  ein 
mÜEsig  und  ein  fries  leben  han,  und  wil  mir  vnA  lassen  sin.  Ich 
wil   minen   turst   mit   win   und   mit   wasser  wol  buzen,   ich   wil  un- 

10  gebunden  uf  minem  strosak  schlafen,  des  ieh  dik  mit  jamer  han 
begert,  daz  mir  daz  gemach  vor  minem  tod  vou  got  wurdi.  Ich 
han  mich  selber  gnft  lang  verderbet,  es  ist  zit,  daz  ich  hinnan  für 
geriiwe."  SSlich  vermessen  gedenke  und  derley  invelle  lüfen  im 
als  do  umbe  in  sinen  sinnen,  owe,  und  wüste  aber  nät,  waz  got  aber 

15  in  hate  gedaht! 

Do  im  mit  disen  ergezzlichcu  gedenken  neiswi  meng  wachen 
gar  wol  was  gewesen,  do  geschacb  eins  males,  daz  er  gesass  in 
ginem  gewonlichen  bctstül  und  kom  in  ein  betrahtunge  des  war- 
baften  wortes,  daz  der  lidend  Job  sprach:   militia  est  etc.,   des 

20  menecben  leben  nl'  diseui  ertrich  ist  nit  anders  denn  ein  riterschaft 
In  dieer  bctrahtnng  entsunken  im  aber  sin  sinne  und  dubt  in.  wie  d6rt 
her  in  kemi  ein  suber  Jüngling,  der  was  gar  mnnlich  gestalt.  und 
braht  mit  ime  zwen  klflg  riterschCih  und  endrü  kleider,  du  riter 
pdegent  ze  tragene.    Er  gie  zö  dem  diener  und  leit  im  an  dö  ritcr- 

2fi  kleit  und  sprach  z(t  im:  „bis  riter!  Du  bist  unz  her  kneht  gesin, 
und  got  wil,  daz  du  nu  riter  siest."  Er  sah  sich  selber  an  in  den 
riterscbühcn  und  sprach  mit  grossem  wunder  sines  herzen  r  „wafen 
gotl  wie  int  es  mir  ergangen,  waz  ist  uss  mir  worden!  Sol  ich  nu 
riter  siuV     Ich   pflege   hinnan   für   vil    lieber   mins  gemaches,"    und 

30  sprach  zQ  dem  jungling:  [24']  „sid  nu  got  wil,  daz  ich  riter  sie, 
weri  ich  denne  löblich  in  einem  strite  riter  worden,  so  weii  es  mir 


3  dryerlej  (1)  A'  4  ab  ijehrochen  K  desj  do  A'  vemudete  P 
B  M>1  gw  M  voBl  vor  .V  So  [er]  A'  6  sii]  do  M  9  tnrst]  irost  (t) 
A*  12  liin(f  gn'ig  SP  13  gerflwe]  mit  rfwe  K  ger6weti  A'  14  als 
fihU  A''  «ini'til  den  S  Hinein  sinn  M  22  hi  fehlt  P  23  klflg  fehlt  K 
26  kneht}  ritter  A*        27  sch'ihen  ASP        29  pflfige  AM/        vil  ffhli  .V 

18    Vgl  ohci,  i!,,-Kf.  19  Jolj  7,1. 


Mk 


56  Leben  Seuses.    Kap.  XX. 

dest  lieber."  Der  jungling  kerte  sich  einend  ab  und  lachete  und 
sprach  do  zfl  ime:  ;,bis  ane  sorge,  dir  sol  noh  strites  gnüg  werden! 
Wer  die  geischlichen  ritterschaft  gotes  wil  unverzageklich  füren,  dem 
sol  vil  me  grosses  gedranges  begegnen,  denn  es  ie  tete  hie  vor  bi 
den  alten  ziten  den  verriimten  beiden,  von  der  kechen  riterschaft  du  5 
weit  pfliget  ze  singen  und  ze  sagen.  Du  wenest,  got  hab  dir  dinä 
jocb  ab  geleit  und  dinü  band  hin  geworfen,  und  sülest  nu  gemaches 
pflegen:  es  gat  noch  nit  also,  got  wil  dir  din&  band  nit  ab  legen, 
er  wil  sü  allein  endren  und  wil  sü  vil  swerer  machen,  denn  sä  ie 
wurden."  Hier  ab  erschrak  der  diener  vil  übel  und  sprach:  „Eya  10 
got,  waz  wilt  du  nu  mit  mir  beginnen?  Ich  wände,  es  heti  ein 
ende,  so  gat  es  erst  her  für,  es  gat  mir  nu  erst  an  die  not,  des 
mich  dunket  Ach,  herr  von  himel,  waz  meinst  du  mit  mir?  Bin 
ich  allein  ein  sünder  und  ist  menlich  gereht,  daz  du  din  rflten  an 
mir  armen  also  übest,  und  si  an  mengen  menschen  also  sparest?  15 
Dis  tribest  du  mit  mir  von  minen  kindlichen  tagen,  in  den  du  min 
jung  natur  mit  sweren,  langwirigen  siechtagen  krüzgetest,  und  wände, 
ez  weri  nu  gnüg!"  Er  sprach:  „nein,  es  ist  noh  nit  gnüg.  Du 
müst  ze  gründe  in  allen  dingen  gesüchet  werden,  sol  dir  recht  be- 
schehen."  Der  diener  sprach:  „herr,  zog  mir,  wie  meng  liden  ich  20 
noh  vor  mir  habe."  Er  entwürt  und  sprach:  „lüg  ufwert  an  den 
himel:  mähst  du  die  unzallichen  mengi  der  Sternen  gezellen,  so 
roaht  du  och  diuü  liden  gezellen,  du  dir  noch  künftig  sint;  und  als 
die  Sternen  klein  schinent  und  doch  gross  sint,  also  son  dinü  liden 
klein  schinen  vor  ungeüpter  menschen  ogeu,  du  doch  na  eigenr  en-  25 
pfinduug  dir  gross  werden  ze  tragene."  Der  diener  sprach:  „ach 
herr,  z6g  du  mir  du  liden  vorhin,  daz  ich  sü  wüsse."  Er  sprach: 
„nein,  es  ist  dir  weger,  nit  ze  wissen,  dar  umb  daz  du  nit  vorhin 
erzagest.  Doch  under  den  unzallichen  liden,  du  dir  künftig  sint, 
so  wil  ich  dir  nüwen  drü  nemmen:  30 


1  ein  halb  ab  P  2  do  fehlt  P  4  grossere  P  hie  vor  det  P 
6  [den]  alten  M  von  der  kechen  r.  der  M  6  f.  din  joch  SP  8  es  gat 
—  ab  legen  fehlt  ÄSP        10  her  ab  ^P  11  nu  fehlt  S        13  hiraelrich  S 

16  manigein  SA^  16  von]  in  M  17  crüzigost  PM  19  ersuchet  K 
21  noh  fehlt  A^  hab  vor  mir  S  22  mengi  der  fehlt  K  24  und  —  25 
schinen  fehlt  P  gross]  klein  A^  26  f.  enphintnust  M  27  du  fehlt  MA^ 
28  weger  fehlt  M  ze  fehlt  SP  vorhin  nit  SÄ^  29  verzagist  MA^ 
den  feliU  S        30  nemen  S 

6  f.  Krinnert  an  die  erste  Strophe  des  Nibelungenliedes ;  es  tpird  aber 
wohl  an  die  Helden  der  Artussage  gu  denken  sein. 


iJaz  ein  ist:  du  si-lilügde  dich  selben  bie  ber  mit  diiien  eignen 
banden  und  bortest,  m  du  wnitest,  und  batest  erbermde  ftber  diob 
selb.  leb  wil  dicb  nu  dir  selber  iiemen,  and  wil  dieb  ane  alle  wer 
den  frftniden  ze  baiidcin  geben.  Da  mftst  dn  einen  berlieben  nnder- 
6  gang  [25']  ncmen  diner  iurnemekeit  in  etlichen  blinden  inenpchL'n, 
von  dem  truke  dir  uirs  sol  gescheben.  denn  von  dem  seharpfen  krüz 
(tiues  verwundeten  ruggen;  wan  in  dinen  vordren  Übungen  wurde 
<lit  in  den  lüten  groes  erbabeu,  aber  bie  wirst  du  under  gescblngeu 
und  mflst  ze  nibtCi  werden. 

10  Da7.  ander  liden  ist:  wie  mengen  bitlern  tod  du  dir  selb  hast 

angetan,  so  ist  dir  doch  daz  beliben  von  gotes  verhengde,  daz  da 
hast  ein  zart,  llebsttchende  natur;  und  es  wirt  gesebebende,  daz  an 
dien  steten,  da  du  suuderlicb  lieb  und  trfiw  sfthst,  daz  du  da  gross 
untruw  und   groSB   liden  und   nngemach  wirst   babende.     Üaz   liden 

IS  wirt  als  menigvaltig,  daz  denuoh  du  nienscben,  du  dicb  mit  sunder 
Irüwe  meinent.  müssen  mit  dir  von  erbermde  geliten  werden. 

Dax  dritt  bdeii  ist;  dn  bist  bis  ber  ein  suger  und  ein  ver- 
wenter  zertitng  gewesen,  und  bast  in  g&tlicber  süssekeit  als  ein  viech 
in  dem  mer  geswebt.    Daz  wil  ieb  dir  nn  zuken,  und  wil  dich  las- 

20  sen  darben  und  tonen,  daz  du  haide,  von  got  und  von  aller  der 
weit  solt  gelassen  werden,  und  mfist  von  (Winden  uml  vienden  her- 
lieh  dureiltet  werden.  Daz  ich  dir  es  kurzer  alles,  daz  du  an  vabeat 
dir  ze  lieb  ald  ze  trost,  daz  nitlss  alles  binder  slob  gan,  und  was 
dir  leid  und  wider  ist,  daz  sol  alles  fiir  sieh  gan." 

25  Der  diener  erschrak  bier  ab,  dnz  ellA  sin  natur  erzitrete,  und 

wüst  nf  toblicb  und  viel  da  nider  an  die  erde  in  krüzwise,  und 
röfte  7.Ö  got  mit  sebriendem  herzen  und  mit  hiiwlender  stimme  und 
bat  in,  m&bt  es  sin,  daz  er  in  denne  überhübe  dez  grossen  jamers 
dar  sin   milten  veterlicben   güti ;   möhti    es   aber  nüt  sin,   daz  denn 

80  der  bimelsch  wille  siner  ewigen  Ordnung  an  ime  volbraht  wurde. 
Do  er  also  gelag  in  den  n6ten  ein  gAt  wili,  do  sprach  netswas  in 
ime  also:    „gehab   dich  wol!     U-h  wil  selb  mit  dir  sin  und  wil  dir 


I  sclhon  f,-/,li  M  ■'  liiiiLdni.-ii  A  3  ja  idi  wü  K  [Höh]  dir  iiu  S 
nemmcu  ^V  4  fromdeu  enpliellien  niid  z.  li.  gebi/ji  M  kcrüchen  M  6  tmrst 
SP  8  under]  nider  A'  II  docli  dnz  dir  S  verheiignuBt  lU  du  da 
AS  IS  snniler  M  14  [gro^s]  üdeu  M  17  ist,  dax  du  bisher  e.  s.  M 
bi«]  nutz  P  1!)  da«]  dis  A'  -21  ii.  von  vieudeii  A'  23  lieb]  leid  (!)  S 
26  ersuttren  M  26  wiiat)  ffir  ,1/  27  uff  zfi  got  P  büwl.l  lierter  A' 
80  der]  sb  *        an  ime  fthti  M 


58  Leben  Seuses.    Kap.  XX. 

helfeDy  dis  wuuder  alles  gnedeklich  überwinden.^    Er  stand  uf  und 
ergab  sich  in  die  bend  gotes. 

Do  mornend  ward  na  der  mess,  und  er  in  der  cell  sass  trurig 
und  verdahte  af  disü  ding  und   in  fror,  wan  es  winter  was,  do 
sprach  neiswas  in  ime:  „tA  uf  der  celle  venster,  und  lüg  und  lern!''    5- 
Er  tet  nf  und  lüget  hin:  do  sah  er  einen  hund,  der  lüf  enmitteu  in 
dem   kruzgang   und    trüg  ein  verschlissen    ffisstüch   umbe   in   dein 
munde,  und  hat  wunderlich  geberde  mit  dem  füstüch;  [25^]  er  warf 
es  nf,  er  warf  es  nider,   und  zarte  löcher  dar  in.     Also  sah  er  uf 
und  ersufzet  inneklich,  und  ward  in  ime  gesprochen:  y,reht  also  wirst  10^ 
du  in  diner  brflder  munde. ^    Er  gedaht  in  im  selb:  „sid  es  andere; 
nüt  mag  gesin,  so  gib  dich  dar  in,  und  lüg  eben,  wie  sich  daz  füsn- 
tüch  swigende  übel  lat  handien;   daz  tu  och  du!"     Er  gie  hin  ab, 
und  behielt  daz  füstflch  vil  jaren  als  sin  liebes  kleined,  und  so  er 
wolte  US  brechen  mit  ungednlt,   so  nam  er  es  her  für,   daz  er  sich  l& 
selb  dar  inne  erkandi  und  gen  menlich  stille  swigeti. 

So  er  etwen  sin  antlüt  unwertlich  gekeret  hate  einend  ab  von 
etlichen,   die  in  trukten,  da  ward  er  von  innen  umb  gestrafet  und 
ward  gesprochen:    ^gedenk,   daz  ich,   din  herr,   min  schönes  antlüt 
nit  kerte  von  dien,   die  mich   an  gespözeten."     Es  gerow  in  übel.  20- 
und  er  kerte  sich  hin  wider  vil  gutlich. 

An  der  ersti,  so  im  ein  liden  begegnete,  so  gedaht  er  also: 
^owe  got,  wan  heti  dis  liden  ein  ende,  daz  ich  sin  were  ab  komen!"^ 
Do  erschein  im  vor  daz  kindli  Jesus  in  einer  gesiht  an  unser  frowen 
tag  ze  der  liehtmiss,  und  straft  in  und  sprach  also:  „du  kanst  noli  25 
nit  wol  liden,  ich  wil  dich  es  leren.  LAg,  wenne  du  in  einem  liden 
bist,  so  solt  du  nit  sehens  haben  uf  des  gegenwüiligen  lidens  ende, 
daz  du  wenest  denn  ze  rflw  komen;  du  solt  dich  under  dannen,  die 
wil  ens  liden  wert,  bereiten,  ein  anders  liden  gedulteklich  ze 
enphahene,  daz  höret  dur  zu.  Du  solt  tun  als  ein  jungfrow,  du  30 
rosen  brichet:   so  du  einen  rosen  ab  der   rosenstudeu  gebrichet,   so 


1  als  M         8  er  fehlt  K         7  eiiieu  .  .  .  fäzguder  ^S'         8  f&sgader  S 
10   und   (zweites)  fehlt  ASKA^  11   rannde  umbo  getragen  Ä^   munde  och 

geworfen  und  gezerret  S  Kr]  und  Ä^  12.14  der  (den)  fäzguder  S  14  sin 
sclbcrs  1.  k.  ^y  liebes]  selbes  A^  16  gen  fehU  M  swige  S  17  einent- 
halben  [ab]  P  20  [an]  yerspoitzten  P  an  spüwen  3/  an  spoteteu  A^  22  von 
anderer  Hand  am  Rande  Nö.  bn.  (=  Nota  Bemhardus)  A  er  feJdt  S  er 
also]  als  er  M  23  dis  liden]  ez  3/  25  ze  fehlt  P  26  wol]  volle  A^ 
29  ens]  ein  P        ])creiton  fehlt  S        30  als  fehlt  ^f 

19  f.     Js.  50,6. 


f'geoügt  ir  Dit,  si  nimt  in  ir  siniie  einen  fiiraaz,  wie  si  noh  me  her 
ab  gewinne.  Also  tö  och  du;  bereit  dich  Torbin  dnr  z&,  wenn  diB 
liden  ein  end  hali,  daz  dir  geswind  ein  anders  begegent," 

Under  andren  goteefninden,  die  im  sinii  künftigü  liden  vorhin 
5  kund  taten,  lin  koat  zu  ime  ein  fürnemer  heiliger  mensch  und  eeite 
ini,  daz  m  an  der  enge)  hohzit  na  meti  gar  ernstlich  got  über  in 
heti  gebeten;  do  dnhte  si  in  der  gesiht,  wie  si  wnrdi  gefüret  an  die 
slat,  do  der  diener  was,  nnd  sah,  daz  ob  im  uf  gie  ein  scheue  ros- 
boni,    lind  der  waz  wit  und    breit  unib  sich;  er  waz  einer  wiinnik- 

10  liehen  gestalt  und  was  vol  schöner  roter  roaen.  Si  Ifijtete  hin  gen 
dem  himel:  do  duht  si,  du/,  du  snnne  schon  uf  giengi  ane  alles  ge- 
wülk  mit  vil  glastes:  in  der  sunnen  glast  stflnd  ein  schönes  kindlio 
in  criizwisc.  Also  BJih  si,  daz  uss  der  sunnen  [26"']  gie  ein  glast 
gen   des   dicners   herzen,   der   waz   als   kreftig,   daz   alle   ain   adren 

IB  und  gelider  enztindet  wurden.  Aber  der  rosbom  neigte  sich  en- 
zwischen,  und  heti  gern  mit  sinen  diken  esten  der  snnuen  schin 
gen  sinem  herzen  gebindert.  Da/,  enmoht  er  nit  getan,  wann  du 
nebrechenden  glenz  waren  als  stark,  daz  sii  durdrungen  alle  die  e*te 
und  lullten  hin  in  in  daz  herze.     Dar  na  sab  si,   daz  daz  kind  bcr 

■20  US  kom  gende  uss  der  snnnen.  8i  sprach  zft  im  also:  „aeh  liebes 
kind,  war  wilt  du?"  Es  sprach:  ^do  wil  ich  gan  zft  uiinem  ge- 
minten  diener."  ti\  sprach:  „ach  zartes  kind,  waz  meinet  der 
Bunnen  glast  in  dines  geminton  herzen?"  Es  sprach:  ,,do  hab  ich 
sin  rainneriches  herz  als  klarlicb  durglestei,  daz  ein  widerschin  de» 

•2R  glasles  sol  von  sinem  herzen  us  dringen,  der  menscblichii  herzen 
8ol  minneklich  zO  mir  ziehen;  und  dt-r  diker  rosbom,  der  da  l>e- 
tütet  sinü  manigvaltigü  liden,  du  im  künftig  sint.  der  enmag  daz 
nit  gehtnderen,  es  mtiss  adelich  in  im  volbraht  werden." 

Wan  abgescbeidenbeit  eim  anvabcnden  menschen  als  nüz  ist, 

30  do  ward  er  ze  rat,  daz  er  bleib  in  sinem  kJoster  me  denn  X  jnr 
abgcscheiden  von  aller  der  weit.     So  er  ab  tisch  gie,  so  bcschloss 


I  benügt  M      mit  •'itieui  f.  A'       3  bagtgne  K       5  kündetea  ^      ü  I.  über 
in  ^t  betten  g.   M  8  [daz}  ob   im  iif  gen  A'  10  rolcr  schonir  M 

12  kindlin]  knebli  S  14  dor]  das  A'  15  eiieündet]  enzukct  M  1!>  [in] 
in  S  21  f.  geminleti  fthli  K  23  sprach  rA  im  also  M  25  sinem]  mim'iii  K 
UB]  ul  SM  id  iniieklicli  A'  29  iteueK  Kn,:  mit  der  Ühertvhrifl:  Wie  er 
rieh  ajnig  liidt  M        31  deii  dirr  .U 

6    Vfil.   Anm.  ru  :;0,iä.  2fl  ff,    Vgl   Ihi:  IT-If. 


.M^ 


ßO  Leben  Senses.    Kap.  XX. 

er  sich  in  giner  kapeil  und  bleib  alda.  Er  enwolt  weder  an  der 
port  noch  anderswa  mit  frowen  noh  mit  mannen  einkein  lang  red 
haben  noh  sü  an  sehen.  Sinen  ogen  hat  er  ein  kurzes  zil  geben, 
für  daz  su  uit  solten  sehen,  and  daz  zil  waren  fünf  fasse.  Er 
bleib  alle  zit  da  heime,  daz  er  weder  in  die  etat  noh  in  daz  land  5 
komen  wolte,  und  wolt  allein  siner  einikeit  pflegen.  Disü  hüt  ellü 
half  in  nit,  wan  in  den  selben  jaren  vielen  af  in  gar  berlichä  liden, 
von  den  er  ward  als  swarlich  gedrungen,  daz  er  im  selb  und  andren 
menschen  ward  ze  erbarmene. 

Daz  im  sin  gevangnüst  dest  lichter  wurdi,   als  er  sich  selber  10 
du  X  jar  ane  isen  hate  in  geschlossen  nah  blipnust  in  der  capell, 
do  frumt  er  von  einem  maier,  daz  er  im  entwarf  die  heiligen  alten 
veter  und  ire  sprach  und  etlich  ander  andehtig  materien,  die  einen 
lidenden  menschen   reizent  zu  gedultekeit  in   widerwertikeit.     Daz 
selb  wolt  im  got  nit  lassen  ze  lieb  werden,  wan  do  der  maier  hate  16 
entworfen  mit  koln  in  der  capell  die  alten  veter,   do  ward  er  siech 
an  den  ogen,   daz  er  nüt  me  gesah  us  ze  strichen.    Also  nam  er 
urlob  und  sprach,   daz  werk   müsti  also  beliben,   unz  daz  [26^]  er 
genesi.     Er  kerte  sich  zu  dem  maier  und  fraget  in,   wie  lang  dar 
giengi,   daz  er  genesi.     Er  sprach:   uf  XII   wüchen.     Der  diener  20 
hiess  in   die  nidergeworfen  leiter  wider  uf  zu  den  entworfen  alten 
vetem  rihten,   und    gie   die  leiter  uf  und   streich  sin   hende  an  du 
bilde  und  bestreich  dem  maier  sinü  wetfindü  ogen  und  sprach:  f,in 
der  kraft  gotes  und   der  heilikeit  diser  alter  veter  gebüt  ich   ü, 
meister,  daz  ir  morn  des  tages  her  wider  in  koment  und  an  üwern  25 
ogen  genzlich  genesen  siend."     Do  mornend  frft  ward,   do  kom  er 
frölich  und  gesunde  und  danket  got  und  ime,  daz  er  genesen  waz. 
Aber  der  diener  gab  es  den  alten  vetern,  an  der  bilde  er  die  hende 
hat  gestrichen. 


1  alda]  da  K  4  fuzz  M  5  uf  daz  land  M  6  nit  komen  w.  M 
allein  sin  in  siner  ein.  [pflegen]  M  höt  fehlt  A^  8  warlich  MÄ^  9  ze 
erb.  wart  A^  10  vanknust  M  12  frumt  er  von]  froget  er  noch  P  ent- 
würff  P  13  ainem  M  14  zö  gedultiklich  in  in  der  wid.  (!)  M  in  widerw. 
fehlt  6'  18  werk  fehlt  M  21  wider  fehlt  S  22  uf  fehlt  S  24  und  in 
der  h.  M        26  morn  her  w.  i.  k.  dez  tagz  M        in  fehlt  F        28  die]  sin  M 

1  Nach  H.  Mar  er,  Helvetia  Sancta  (Lueem  164S,  329)  war  Seuses  Kapeüe 
„in  dem  Prediger  Kloster  zu  Costantz,  neben  dem  Chor  su  der  rechten  Hand, 
wie  man  auff  den  Lethner  gehet,  ander  det  Stiegen^  noch  im  17.  Jh,  zu  sehen, 
12  flf.      Vgl    dazu  Kap.  Jö. 


Gut  der  tet  die  glich  do  in  den  selben  ziteu,  als  ob  er  di'n 
bösen  geisten  und  allen  menschen  über  in  erlobet  heti  in  zc  pingen. 
Unzalliehen  vil  erleid  er  do  von  den  b6aen  geisten.  die  im  mit  an- 
genomnen  jemeriichen  bilden  mit  wilder  freidkeit  so  vil  leides  und 
5  Hdens  an  taten,  baidü  tag  und  naht,  wachende  nnd  scfalaifende,  dar 
im  vil  we  dar  von  besehah, 

Ze  einer  zit  kam  er  in  ein  anvehtung,  daz  in  gelöste  fleisch 
ze  essene,  wan  er  waz  vil  jaren  ane  fleisch  gewesen,  Do  er  daz 
fleisch  geass   und  sinen  lust  erst  gebAzte,   do  kam  in  einer  gesihte 

10  für  in  stende  ein  ungchürü  helachä  person  und  sprach  den  vers  ^ 
Ädhuc  escae  eorum  erant  etc..  nnd  mit  bellender  stimme 
sprach  er  zO  den,  die  da  unil»  sti'inden:  „dise  niünch  hat  einen  tod 
verschuldet,  und  den  wil  ich  im  an  tön."  Do  sä  im  daz  nit  wollen 
gestaten,   do  zoh  er   us  einen   gn'ilichen   negber   und  sprach    zu   im 

16  also:  „sid  ich  dir  nu  anders  nit  getön  mag,  so  wil  ich  dinen  lip 
doch  mitdisem  negber  pingen  und  ze  dem  mund  in  boren,  daz  dir 
als  we  müas  geschehen,  als  gross  din  lust  mit  fleisch  essen  ist  ge- 
wesen," und  fftr  im  do  mit  dem  negber  gen  dem  munde.  Zehand 
geawnlleu  im  du  kinnbein  und  die  zene  und  vcrswal  im  der  mnnd, 

20  daz  er  in  nit  mobte  ut'  getnn  und  wol  uf  drie  tag  weder  fleisch  noh 
ander  ding  nioht  essen,   dennc  so  vil  er  dur  die   zene  mftst  sugeu. 


XXI.  Kapital. 

Ton  inrllchem  liden. 

Under  andren  sinen  liden  waren  dru  inrü  liden,  du  im  do  vil 
26  pinlicb  waren.  Dero  was  eins  unrelit  invelle  von  dem  globeii.  [2T] 
Im  viel  in  sinen  gedank  also;  wie  moht  got  mensch  werden?  und 
des  gelich  menges.  So  er  dem  ieme  begegente,  so  er  ieme  verierrete. 
In  dieser  anvehtung  liess  in  got  wol  uf  IX  jar  mit  schriendem 
herzen  und  weinenden  ogen  uf  zft  gote  und  ze  allen  heiligen  umb 
W  hilf.  Ze  jungst  neiawen,  do  es  got  zit  dahte,  do  half  er  im  genz- 
lich  dur  von,  und  ward  im  von  got  grfisaä  restekeit  nnd  erldhtunge 
des  glohen. 


■.i  vil  iirbeil.  5 
12  dar  iiiiib  Ä"         11.1 
20  wol  uf  get.  M 


iiii]  in  AS  5  «lafende  u.  wachende  S  S  gluit  S 
i.lti  näpper  K  negbor  P  uegebar  vi'  19  kinbocken  P 
3  innerlichen  3        28  wol  nf  feliU  S 


',80/.,  vgl.  IV  Mo».  11,3.1. 


J 


02  Leben  Seuses.    Kap.  XXI. 

Daz  ander  inrlich  liden  war  nngeordnetu  trurkeit.  Im  waz 
emzklich  aU  swer  in  sinem  gemute,  als  ob  ein  berg  nf  sinem  herzen 
leg;  and  waz  daz  ein  teil  da  von:  sin  geswinder  abker  waz  so 
scharpf;  daz  siner  leblichen  uatnr  vil  gross  gedrang  dur  von  besebah. 
DisA  not  werete  im  wol  VIII  jar.  5 

Aber  daz  drit  iurlicb  liden  waz,  daz  er  gewan  anvebtung,  daz 
siner  sele  niemer  rat  würdig  und  eweklicb  m&sti  verdammet  sin,  swie 
recbt  er  teti  ald  wie  vil  er  sieb  übti,  daz  daz  nibtes  nit  bulfi,  daz 
er  der  bebaltnen  eine  wurdi;  es  weri  alles  vor  ns  bin  verlorn. 
Hie  mite  bekümberte  er  sin  sinne  tag  and  uabt  So  er  solte  ze  kor  10 
gan  oder  6t  anders  gutes  tun,  so  kom  du  anvebtang  ber  f6r  and 
spracb  vil  kleglieb:  ,,waz  hilfet  dieb  gote  dienen?  Es  ist  dir  nu- 
wan  ein  flfleb,  din  wird  docb  niemer  rat.  Lass  nuwen  enzit  dar 
von,  da  bist  verloren,  wie  da  es  an  vabest.^  So  gedabt  er  denn: 
^eya,  icb  vil  armer  man,  war  sol  ich  mich  keren?  Gan  ich  uss  15 
dem  orden,  so  wird  ich  der  belle  ze  teil,  blib  icb  denne,  so  wirt 
min  docb  niemer  rat.  Ach  herr  got,  ward  ie  keinem  menschen  wirs 
denn  mir?^  Er  stflnd  etweu  verdabt  in  im  selb  und  lies  meogen 
erholten  sufzen  mit  niderwalenden  trehen;  er  klopfete  an  siu  herz 
and  spracb  also :  „owe  got,  sol  min  niemer  rat  werden  V  Wel  ein  20 
kleglieb  ding  daz  ist!  Müss  ich  hie  und  dort  erbetselig  siuV  We 
mir,  daz  ich  von  miner  mfiter  lip  ie  geboren  ward!" 

Disü  anvehtung  viel   im  zu  von  ungeordneter  vorte:   im  ward 
geseit,  daz  sin  enphahen    in   den  orden  weri  geschehen  mit  under- 
tragene  zitlichs  gutes,   dannen   du  s6nd   komet,   du   da  heisset  sy-  25 
monia,  da  man  ein  geischlicbes  umb  ein  liplichs  kofet.   Daz  sankte 


2  emzklich]  aue  underlas  S  Bin.  herzen]  im  S  5  im]  in  S  7  mus  3/ 
9  68]  er  P  US  fehlt  PA'  hin  fehlt  M  11  tön  götz  M  komen  P 
he  för  -4  11  f.  und  —  kleglieh  fehlt  M  121.  dienen,  daz  sprach  er  vil 
klaglich,  ez  ist  dir  doch  nun  ein  fl.,  dir  wird  niemer  r.  M  13  in  zit  8  ein 
zit  -4*  15  vil  armer]  grundarmer  M  19  erholten]  verholten  K  heimlichen  S 
20  also  fehlt  P        21  dort  und  hie  SP        23  von  fehlt  M        25  dannen  von  P 

23  ff .  /Scu,se  trat  schon  mit  13  Jahreti  (Vita  8,ÖJ  in  das  Dominikaner- 
hlo8t<.r  zu  Konstanz^  während  sonst  eine  Aufnahme  vor  dem  lö,  Jahre  ohne 
besondtre  Erlaubnis  des  Provinzialjiriors  verboten  war  (Generalkap,  von  1266, 
1.2S3,  J;,'Ü4,  13l:>,  MOPH  III,  129,  223,  273;  IV,  58).  Ob  wirklich  Simonie 
dabei  vorkam  (ein  blosses  Geschenk  wäre  solche  nicht  gewesen,  vgl.  A.  Leint, 
IMe  Simonie  1902,  Uff,  130 ff J,  wie  Preger  11,349  und  Seeberg  13  annehmen, 
wird  nicht  sicher  auszumachen  sein,  Boss  er  selbst  seine  Furcht  eine  „ww- 
geordnete*^  nennt,  spricht  eher  für  das  Gegenteil. 


er  in  »\a  lier/,  udz  er  hinder  Ah  liden  kom.  I)n  dJH  freidig  liden 
gewerete  wol  uf  X  jar,  da>;  er  sich  gelber  in  dem  zit  allem  nie  an 
^ah,  denn  für  einen  verdampneten  menschen,  do  kom  er  zö  [27''] 
dem  heiligen  raeister  Kgghart  und  klaget  im  sin  liden.  Der  half 
B  im  dnr  von,  und  also  ward  er  iTlöset  von  der  helle,  da  er  so  lang 
waz  inne  gewesen. 


XXII.  Kapitel. 
lan  dem  nsker  nf  sJnes  nebstea  heÜNKiuen  behulfenhelt. 


I 

^^^H    Do  er  ril  jareu  stner  inrkeit  liate  ptli'gen,  dn  ward  er  von  got 

l^^Kiben  mit  raengerley  oft'enbarnnge  uf  sines  nehsten  heil,  daz  er 
dem  och  gnTig  solti  sin.  Was  im  eblich  grosses  lidens  vieli  nf  dis 
gilt  werk,  daz  waz  ane  zal  nnd  ane  masH,  wie  menger  sei  och  dnr 
in  gehälfeii  wurdi.  Uaz  KÖgte  got  einest  eim  userwelten  gotesfrAnd, 
und  hiess  Anna  und  was  och  sin  gaiscblichü  tohter.    Uii  ward  eins 

95  males  in  ir  undafat  verzukct,  tind  sali  den  diener  uf  aiiiem  hoben 
berg  mess  sprechen.  Si  sah  ein  nnzallich  mengi  in  im  nnd  an  im 
hangen,  und  was  eins  nit  als  dnz  ander;  ein  iekliches  als  vil  ez 
me  gotes  hate,  als  vil  hat  es  och  nie  stat  in  ime,  nnd  als  vil  ez  im 
inrlicher  lag,  als  vil  hat  »ich  och  got  zft  im  gekeret.     Si  sab,   daz 

20  er  ernschlich  aber  su  ellii  bat  den  ewigen  got,  den  er  iu  sinen 
priesterlichen  henden  hate;  und  si  begert  von  got,  daz  er  ir  kund 
tele,  waz  du  gesiht  heluti.  Des  ward  ir  von  gote  geentwürt  also: 
„du  unmessig  znl  dero  kinden,  du  an  im  hangent.  daz  sind  elh'i  di'i 
menschen,  du  iu  siner  bibt  ald  lere  sind,  ald  in  ane  di<z  mit  sunder 

25  trfiwe  meinent.  Dö  bat  er  mir  alsu  in  getragen,  duz  ich  ir  leben 
nf  ein  gflt  ende  ivil  richten,  und  sü  von  minem  frilichen  antlüt 
niemer  gescbetden  son  werden.  Waz  im  eblich  lidens  hier  nf  mag 
Valien,  des  sol  er  alles  von  mir  wo!  ergezet  werden," 


1  üftz  liiU'u  M  2  tvcrl  M 
alleiD  PKA'  i  Dür]  das  A'  .'> 
lieh]  utUdi  M  1'2  f.  dar  in  A' 
Do  der  wz  iii  einer  uidälit.  'lo  wur 
diener  der  wizhait  3/  16  in  im 
och  inrklichBn  I.  M       19  inrlich  P 


gecnt.  A'         2G  richten]  uf  entholtcii  . 
g«Kh.  w.  il        eblicb]  ebelklitliz  .1/ 


XI  Jur  i'  lillem  'tun  ulleiii  koriiijiert  A 
so  fehlt  -4'  8  heilaanien  ffhll  M  1 1  eb- 
14  [und]  dir  h.  j1'  nud  hiess  —  15  diener) 
.  ai  verzukt  und  sali  in  dem  )^mi  den  eeLbeo 
und  fthlt  P  18  [me]  aUt  M  18  f.  im 
zäj  gen  M       20  [er]  ernachl.  A''       23  aUo 


'  brin^u  M 

■28  gevalleii  l'K 


27  I 


i]  Ion  A'        «I 
wol  fekU  SM 


64  L--'-i:  'j'var*.?.     K  *r-.  XXII. 

£  daz  ilü  selb  vor  ^enand  edel  creatur  den  liiener  der  ewigen 
wii^beit  erkandi,  do  gewan  si  von  got  ein  inrlieh  triben  in  ze  sehen. 
Und  geschah  aine«t,  do  ward  <i  verznket.  and  ward  za  ir  gesprochen 
in  der  gesibt.  daz  si  hin  kemi.  da  der  diener  waz.  und  in  gesehi. 
Si  sprach:  .ich  erkenne  sin  nit  nnder  der  menge  der  brAder.^  Do  6 
ward  zu  ir  gesprochen  als«:^:  ^er  ist  gut  ze  erkennen  ander  den 
andern:  er  hat  einen  grünen  ring  umb  sin  hobt,  der  ist  nmb  nnd 
nmb  mit  roten  and  wissen  rosen  vermischet  ander  enander  als  ein 
r6sin  schapel.  and  betütend  die  wissen  rosen  sin  laterkeit  and  die 
roten  rosen  sin  gedaltekeit  in  menigvaltigem  liden.  daz  er  müz  er-  lO 
liden.  Und  als  der  galdin  sinwel  ring,  den  man  den  heiligen  nmb 
daz  hobt  pfliget  ze  malene.  [2d ']  als  der  bezeichent  ir  ewigen  seli- 
keit.  da  s6  iez  besessen  hein  in  got,  also  bezeichent  der  rteelohte 
ring  menigvaltikeit  dez  lidens.  daz  die  lieben  gotesfriinde  mnssent 
tragen,  die  wil  sü  noch  in  der  zit  mit  ritterlicher  übang  got  dienend  15 
sind."  Dar  na  fürt  si  der  engel  in  der  gesiht  hin.  da  er  waz,  nnd 
si  erkand  in  balde  bi  dem  röselohten  ringe,  den  er  nmb  sin 
hobt  hate. 

In  dem  selben  lidenden  zite  was  sin  gröster  ufenthalt  von  innen 
der  himeiscben  engel   emzigü  behulfenheit.     Eins  males,  do  er  waz  20 
komen  in  ein  Vergangenheit  der   ussren  sinnen,   do  waz  im  vor  in 
einer  gesiht.  wie  er  wurdi  gefurt  an  ein   >tat.   da  waz  gar  vil  der 
engelschlichen   geselschaft.    and   ir   aine.    der   im   aller   nehst  waz, 
sprach  zo  im:   ^tü  din   liend   her  tur  und  lAg!''     Er  bot  die  band 
her  tur  und  läget,   so  siht  er.   daz  enmitten  uf  der  band  entsprang  25 
ein  schöne   rote  rose  mit  sinen  grünen   bletlin.     Der  ros  ward  als 
gross,  daz  er  die  band  unz  an   die  vinger  bedahte.  und  ward  als 
schön  und  liebtricli,  daz  er  den  ogen  grossen  Inst  brachte.    Er  kertc 
die  hend  umb  ussnen  und  innen,  do  waz  es  bedentbalp  ein  wnnnek- 
licher  anblik.     Er  sprach  mit  grossem  wunder  sines  herzen:   „eya.  30 
lieber  gesell,   waz  betütet  disü  gesiht?"     Der  jungling  sprach:    „es 
betütet  liden  und  aber  liden.  und  och  liden  und  aber  nnd  och  liden. 
daz  dir  got  wil  geben,   und  daz  sint  die  vier  rote  rosen  an  beden 


1    K   .l;iz  —   r,5,;3  jrot    fehlt  J/         -Kiz   h/dt   ^'         2   \oii  ffot  fehlt  S 

4  hin]  hfiii  A'  0  irut  fehU  A'^         10  ni.niiiivalti;:»  n  .S'         10  f.  erl.]  liden  P 

J2  als  f.hit  S  19  ileu  s.  1.  /iten  AW        24  d.r  spr«oli    nP        für  her   K 

2G  1»<TJ  «li<-  P  21  fi]  sü  P        tlif  junir'-r«!'  uniz  an  «lii-  liaiit  1>.  -4*        28  vil 

li»'lirr.  A'        *:v\  ^n  P        :V1  und  a)..T  —  ü.I.mi   ühU  SPK 


Iientleu  und  beden  riisseii.''  Der  diener  ersülzet  uuil  spi :il']i  :  „hiIi 
zarter  herr,  lUz  Hden  dem  menscfaeii  als  relit  we  tot,  und  rä  in  doch 
>:aisrblic)i  als  schou  /.irret,  daz  igt  ein  wönderlicU  gelese  von  got!" 


Alil..  l. 

A  Ih  AKUWlIcc  n'n  bum.  :u>Bi  Bilder;    VeiMC  mü  dtm  Ki-ant  um  dai 
Haupt  innitlrn  Mintr  üi-ädtr  und  Anna  mit  dem  Engfl  <Ahh.  4  nach  A  lil.  2tt" 
a.  Sruic.  D-niKb»  Schriften.  5 


1 

J 


()6  Leben  Seuses.     Kap.  XX III. 

XXIII.  K  apitel. 

[21)*^]  Ton  meni^Taltigem  lidene. 

Er  kom  eins  males  zA  einem  stetlin  gegangen,  und  bi  der  stnt 
nahe  was  ein  hülzin  bilde,  ein  crucifixuS;  daz  waz  mit  einem  hüslin 
iimbmachet;  als  etwa  gewonheit  ist,  und  meinden  die  lüte,  es  ge-  5 
schehin  vil  zeichen  da.  Dar  umbe  brabten  sü  wehsinü  bild  und 
vil  wahses  dar,  und  hankten  es  da  uf  got  ze  lobe.  Do  er  für  das 
crueifixus  ward  j^ende,  do  trat  er  hin  zft  und  knüwet  für  daz  cruci- 
tixus.  Do  er  ein  wili  gebetete,  do  stund  er  uf  und  gie  mit  sinem 
gesellen  hein  in  die  herberg.  Dis  knüwen  und  beten,  daz  er  vor  lo 
dem  bilde  hat  getan,  hat  gesehen  ein  töhterli,  daz  waz  ein  kind 
von  sibeu  jaren.  So  hin  wirt  in  der  naht,  do  kamen  diebe  zö  dem 
bilde,  und  brachen  uf  die  tür  und  verstalen  alles  daz  wahs,  daz  sü 
da  funden.  Do  ez  tag  wart,  do  kamen  du  mere  in  die  stat  und 
für  den  burger,  der  des  selben  bildes  pfleger  was.  Der  fragte  den  15 
dingen  na,  wer  daz  gross  mord  heti  getan.  Do  sprach  daz  vor  ge- 
nant kind :  es  wüsti  wol,  wer  daz  heti  getan.  Und  do  man  es  vast 
an  kom,  daz  es  verjehi  und  den  bSswiht  zogti,  do  sprach  es:  „es 
ist  nieman  schuldig  an  der  missetat  denn  der  brüder,^  und  meinde 
den  diener;  „wan,"  sprach  es,  „den  sach  ich  nehtind  spate  bi  dem  20 
l>ilde  knüwen  und  do  in  die  stat  gan."  Dis  rede  des  kindes  nam 
der  burger  in  für  ein  warheit,  und  seit  es  fürbas  umb  und  umhe. 
daz  der  b6se  lümde  also  dur  die  stat  wart  gend  über  den  brüder. 
und  ward  des  swachen  dinges  gezigen.  Es  ward  meng  bösü  urteil 
über  in  gende,  wie  man  in  sölti  verderben  und  als  ainen  bösen  man  25 
schier  ab  der  weit  tun.  Do  er  disü  mere  erhörte,  do  erschrak  er 
übel,  wie  gar  er  sich  unschuldig  wüste,  und  mit  einem  inneklichen 
süfzen  sprach  er  hin  zu  gote:    „ach  herr,  sid  ich  nu  liden  sol  und 

)i  und  jMt  AS  4  f.  lu'ilzin  hi'iseiin  übenuachet  M  5  f.  «^-eschehe 
vil   zeicbens   -V  6  f.    dar  nach  bild  SM  7  zÖ   gotz  ^►b  M  9  sinen 

Ka  10  bcin  fehlt  SP  in]  an  S  14  da  fehlt  K  kam  P  16  vor 
bildes  ist  kindes  durcJistrichen  M  17  wer  ez  li.  ^.  31  vaster  M  18  es 
spracb  M        20  n^bt  KM        23  also]  aU  MA\  fehlt  SK 

lU  gesellen.  JJic  reisenden  Predigerb  rüder  mussien  stets  einen  ^socins^' 
hei  sich  haben  {vgl.  Kap.  ,25  zu  Beginn),  durften  weder  Wagen  noch  Pferde  be- 
nutzen und  hatten  Uterac  testimoniales  initzuführen  (Constitutiones  in  ALKGM 
1^224:  \\  ödl :  Kontana  ^  Constitutiones.  Derlaraliones  aic.  O.  Praed. ,  liow 
76n5,  34a ß. :  MOPH  III.  12,  Ifj  u.  öfter). 


Loboii  ^>(Mir4t's.     Kap.  XXIIT.  (i7 

mäss,  ^ebist  du  mir  denn  gemeinü  liden^  du  mir  nit  nnerlicli  werin, 
du  wölti  ich  frolich  liden;  nu  grifest  du  mir  in  min  lierz  mit  dem 
undergang  miner  eren  mit  den  Sachen,  da  von  mir  aller  wirst  ge- 
schiht.**     Er  bleib  also  do  in  dem  stetlin,  unz  es  verredet  wart. 

o  Es  geschah  an  ainer  andern  stat,  daz  ein  gross  geschell  Aber 

in  ward  gende,  so  vil  daz  dii  selb  stat  und  ellü  dii  gegin  dnr  mit 
umb  gie.  Es  waz  in  der  stat  ein  kloster^  in  dem  waz  ein  steinin 
bilde,  ein  [29"^]  crucifixus,  und  daz  was,  als  man  seit,  ein  ebenlengi 
der  masse,  als  Cristus  was.    Da  fand  man  eins  males  in  der  vasten 

10  frisches  blut  an  dem  selben  bilde  under  dem  zeichen  der  wunden 
siner  siten.  Der  diener  kom  och  mit  den  andren  dar  lofende,  daz 
er  daz  wunder  gesehe.  Do  er  daz  blftt  ersah,  do  bot  er  sich  hin 
zu  und  enpfie  ez  an-  sinen  vinger,  daz  es  alle  die  sahen,  die  dar 
umb  stftnden.     Hie  ward  der  zftlof  aller  der  stat  gross,   und  triben 

15  in  dar  zft,  da/  er  must  uf  stan  oflFenlich  vor  der  weit  und  mftst 
sagen,  waz  er  gesehen  und  griffen  heti.  Daz  tet  er  und  seit  es, 
doch  in  der  gewarsamkeit,  daz  er  enkein  urteil  dar  über  gab,  ob 
es  weri  von  got  dar  komen  oder  von  den  menschen;  daz  Hess  er 
hin  zu  den  andren. 

20  Disü  mere  erschullen  verr  in  daz  lande,   und  Icit  ieder  man 

dur  zu,  daz  er  wolte,  und  ward  für  geben,  er  heti  im  selb  in  die 
vinger  gestochen  und  heti  daz  blftt  uf  daz  crucifixus  gestrichen,  daz 
man  wandi,  daz  daz  bild  blfiti  von  im  selb,  und  hat  einen  lof  ge- 
maohet  von  siner  gitekeit  wegen,  daz  er  der  weit  daz  gut  ab  neme. 

25  S61ich  bos  rede  treib  man  von  ime  in  andren  stetten  und  seiten: 
do  die  burger  der  seihen  stat  innen  wurden  der  grosen  valscheit 
do  möst  er  nahtes  endrinnen  von  der  stat,  und  sü  ilten  im  na  und 
woltan  in  han  verderbet,  wer  er  nit  endrannen;  sü  buten  gross  gelt 


2  mit  fefUt  M  8  von]  mit  tS  4  also]  ald  M  nutz  daz  M  5  ^ro88 
i^eseheli]  gröt  geselle  (!)  P  B  ^endo/e/*Z<  MA^  gej^i  K  6  f.  dur  mit  —  ixi^\ 
da  mit  z<^  schaffen  liet  M  H  ein  eb. ,  als  m.  sait  SM  9  f.  in  der  vasten 
hach  Inldt;  M,  nach  blÖt  A^  10  f.  siner  verwimten  siten  M  13  an]  in  M 
15  uf  fehlt  M  16  ireffriffen  PM  und  seit  es  fehlt  S  21  die]  den  M 
23  f.  dar  ffemacluMi  3/         24  ^ritikeit  P        26  und  seit<»-n  fehlt  ASa        28  ffelt] 

9 flf.  Ein  ganz  (Ihnliches  Vmhommni»,  wohei  zwei  brauen  1348  zu  Kon- 
stanz einen  Betrug  versuchten,  berichtet  der  Chronist  Heinrich  von  Diessenhoven 
(Böhmer j  Fontes  rer.  germanic,  IV  [1868]  66),  Ergählimgen  von  blutenden 
Kruzifixen  sind  ilhrigens  im  Mittelalter  häufig :  vgl.  E.  v.  Dobschütz.  Christus- 
hilder  (Texte  u.   Untei-s.  XV III)  1809,  281**  A.  3. 


(58  Leben  Seuses.     Kap.  XXlll. 

Über  in,  swer  in  brehti  lebent  oder  toden.  Üis  und  derley  bos  red 
was  vil.  Wa  disü  mer  hin  erschullen,  da  kripften  sü  es  uf  für  ein 
warheit,  und  enpfie  sin  nam  meng  schelten  und  flächen :  es  ward 
meng  freidig  urteil  über  in  geben.  Etlich  waren  och  da  in  der 
bescheidenheit,  die  in  erkanden,  die  sprachen,  er  weri  unschuldi^^.  > 
Die  wurden  als  gremlicb  widerworfen,  daz  sü  müsten  swigen  und  in 
lassen  under  gan.  Ein  erberä  burgerin  der  selben  stat,  do  du  horte 
daz  pinlich  wunder  alles,  daz  der  armer  man  mit  Unschulden  erleid, 
do  kom  si  von  crbermde  zu  im  in  sinen  n6ten  und  gab  im  einen 
rat,  daz  er  sölti  brief  und  insigel  nemen  von  der  stat  anderswa  hin  lu 
siner  unschulde,  wan  menlich  in  der  stat  wol  wüste,  daz  er  un- 
schuldig waz.  Do  sprach  er:  „eya,  liebü  frowe,  weri  dis  lideu 
alleine  und  keins  me,  daz  got  über  mich  verbeugen  wölte,  so  wölt 
ich  mich  wol  verbrieven;  nu  ist  daz  liden  und  dero  glich  also  vil, 
[30']  du  mir  teglich  zft  vallent,  daz  ich  es  niftss  got  enphelhen  und  15 
dur  zu  ungetan  lassen." 

Ze  einer  zit  für  er  abwert  in  Niderland  ze  einem  eapitel.  Da 
waz  im  vorhin  liden  bereit,  wan  es  füren  ire  zwen  fürneme  wider 
in  dar,  die  vil  unm&ssig  waren,  wie  sü  in  swarlich  betrüptin.  Kr 
ward  mit  zitrendem  herzen  hin  für  geriht  gestellet,  und  wurden  vil  20 
Sachen  uf  in  geleit,  dero  was  einü:  si  sprachen,  er  macheti  bücher. 
an  den  siündi  falscliü  lere,  mit  der  alles  lant  wurdi  verunreinet  mit 
kezerlichem  unflat.  Hier  umbe  ward  er  vil  übel  gehandlet  mit 
scharpfer  rede  und  ward  ime  getröwet,  wan  wölti  im  gross  liden  an 
tun,  wie  in  got  und  du  weit  dar  inne  unschuldig  wüste.  An  disem  25 
sweren  gedrang  gnüget  got  nit,  er  macheti  den  hufen  noh  merer. 
Er  sante  im  uf  der  widervart  siechtagen  an,  und  gewan  einen  starken 
riten;  dar  zu  erhfib  sich  ein  sorklich  geswer  inwendig  nah  bi  dem 


1  boöer   MA^         2  Wa]    da    M  kripften      -    nfj    be^neif  mau   si'i    .^ 

4  freidig  fehlt  S  5  uud  [die]  spracbeii  S  so  die  sprachen  MA^  er]  es  A' 
6  grimeclich  *.V  tpiiulich  M  7  iu  der  SM  14  daz]  der  M  15  all  tag  3f 
17  abw.  in  uid.]  aber  in  ander  lant  P  18  fi'ir  durcfistrichen  unter  wider  M 
20  zitr.]  zürnigein  A^  21  dem]  daz  M  falschfi  biicber  M  24  gar  s^tohs 
SK        25  dar  inne  fehlt  M 

17  ft".  Wahrscheinlich  das  I*rovinzialkapücl  zu  Antwerpen  Io:J7,  nicht 
das  von  Herzogenhusch  1335  {Freger,  Thiriot)  oder  das  General kapitd  von 
Brvgge  1336  (Denifle),  Es  kann  sich  nur  um  das  Bdw  handeln;  dieses  war 
aber  anfangs  13ii7  fertig^  und  nach  Vollendung  des  Bdew  {1328)  fürchtete 
Seuse  (Uor,  14),  es  möchte  „auch  dieses  fromme  Werk**  von  den  Zähnen  seina 
Gegner  zerrissen  werden. 


L»'hon  Seiisfs.     Kap.  XXni.  69 

herzen,  l'nd  also,  baidü  von  inrein  gedrang  und  ussrem  laste  kom 
er  von  nöten  unz  uf  den  tod,  daz  im  nienian  daz  leben  gehiess. 
Sin  geselle  luget  in  dik  an,  wenn  im  du  sele  us  giengi. 

Do  er  in  einem  fromden  convent  vil  ellendeklicli  ze  bet  gelag 
5  und  dez  nahtes  von  noten  des  grimmen  siechtagen  nit  mohte  schlafen, 
do  begond  er  mit  got  ein  rehmmg  her  für  nemen  und  sprach  also: 
^ach  gerehter  got.  daz  du  min  kranken  natur  so  gar  überladen  hast 
mit  bitenn  lidene,  und  min  herz  durwundet  mit  grosser  unere  und 
verschmeht,  dii  mir  geboten  ist,  und  daz  ich  also  mit  biter  not,  baidii 

10  ussnen  und  innen  umbgeben  bin!  Wenn  wilt  da  an  mir  boren,  milte 
vater,  ald  wenne  dunket  es  dich  gnfigV*'  Und  nam  in  sinen  mftt 
die  totlichen  angst,  die  Cristus  leid  uf  dem  berge.  In  diser  betrah- 
tungc  kroch  er  ab  dem  bete  uf  den  sessel,  der  vor  dem  bete  stund, 
und  gesass  also^  won  er  enmohte  von  dem  geswer  nit  ligen.   Do  er 

15  also  ellendklich  gesass,  do  was  im  vor  in  einer  gesiht,  wie  ein 
^Tossü  schar  dez  himelschcn  ingesindes  kemi  zft  im  in  die  kamer 
im  ze  tröste,  und  die  himelschar  vieng  an  ze  singen  einen  himelschen 
reyen;  daz  erklang  also  süsseklich  in  sinen  oren,  daz  ellü  sin  natur 
verwandlet  ward.     Do  sn  also  frolich   8ungen»und  der  siech  <liener 

20  so  trurklich  do  sass,  do  [SO""]  gie  ein  jungling  ztt  ime  und  sprach 
gar  gütlich:  „war  umbe  swigest  du,  war  umbe  singst  du  och  nit  mit 
uns?  Du  kaust  doch  moI  den  himelsang?^  Do  entwnrt  im  der  diener 
mit  besoftkeit  sines  trurigen  herzen  und  sprach  also:  „ach  sihst  du 
nit,  wie  we  mir  ist?  Wa  gefrowete  sich  ie  kein  sterbender  mensch V 

'2h  Sol  ich  singen?  Ich  sing  iez  den  leiden  jamersang.  Gesang  ich  ie 
fnSlich,  daz  ist  nu  ein  ende,  wan  ich  warten  nu  der  stunde  rains 
todes".  Do  sprach  der  jungling  gar  frolich:  „Viriliter  agitel 
Oehab  dich  wol.  bis  frolich,  dir  wirt  nit!  Du  wirst  noh  ein  sölich 
gosang  bi  dinen  tagen  tiinde,   da  von  got  in  siner  ewikeit  wirt  ge- 

.50  lopt  und  menig  lidender  mensch  getröstet."  In  den  dingen  volletan 
im  sinü  ogen  und  enbrast  an  ein  weinen,  und  geswinde  in  der  selben 
stund  zerbrach  daz  geswer,  daz  er  bäte  in  im,  und  fftr  von  ime, 
und  irenas  uf  der  stat. 


1  Vini  «Irin  ,y         2  iiiciiian  im  P        4  laii'  KA^         18  <la  vor  3/  14  won 

-     15   o^f'sar*s   fehlt   K        voiij    vor    M         21   nüt   och   PA^         26  im  <ler  st.] 

iintiiT  stimrlen  A^         27  atr«'   «*rc.  M        28  <ln         29  t\mdi}  f^hlt  M  29  von 
rthU  M        :i0  voll.l  wall.'t.Mi  P        IM  crbra-st  M 

27  Ps.  .7Ö,.'.V). 


70  Leben  Seuses.     Kap.  XXIV. 

Dar  na,  do  er  wider  heim  kom,  do  koni  ein  seliger  gotesfrund 
zft  ime  und  sprach  also:  „lieber  herr,  wie  daz  si,  daz  ir  of  diser 
vert  nie  denn  hundert  miie  von  mir  siend  gewesen,  doch  so  ist  mir 
üwer  liden  vil  gegenwärtig  gewesen.  Ich  sah  mit  minen  inren  ogeu 
eins  tages  den  goilichen  richter  sizen  uf  sinem  stille,  und  von  sincr  5 
verhengde  do  wurden  zwen  bös  geiste  us  gelassen,  und  du  triben 
lieh  urabe  dur  die  zwen  fürnemen,  du  üch  daz  liden  an  taten.  |)n 
röift  ich  zu  got  und  sprach:  „ach  milter  got,  wie  mäht  du  dis  gros> 
biter  liden  an  dinem  fründ  erlidenV"  Er  entwürt  und  sprach  also: 
„do  han  ich  in  mir  userweit,  daz  er  in  solicher  lidender  wise  na  10 
minem  einbornen  san  gebildet  werde;  und  doch  so  müss  von  miner 
gerehtekeit  daz  gross  unrecht,  daz  man  im  ttit,  gerochen  werden  mit 
zwein  jungen  toden  dero,  die  in  gepinget  hend.'*  Daz  geschah  also 
schier  dur  na  in  der  warheit,  daz  es  vil  kuntlich  ward  mengem 
menschen.  15 

XXIV.  Kapitel. 

Von  grossem  lideniie,  daz  ime  zä  viel  von  slner  liplicheu 

swoster. 

Der  diener'hate  ein  liplich  swöster,  du  waz  under  gehorsami 
geischliches  lebens.  Dis  fügte  sich,  do  der  brftder  anderswa  ward  jn 
wonende,  daz  si  begond  us  brechen  und  sich  zii  schedlicher  gesei- 
schaft  fügen.  Eins  males,  do  si  waz  usgevarn  mit  der  geselsehafr. 
do  misslang  [31*^J  ir  und  verviel  in  sünde;  und  von  leid  uiid  un- 
gemach,  daz  uf  si  gevallen  was,  do  gie  su  usser  ir  samnung  und 
verluf  sich,  er  enwüst  nit  war. 

Do  er  wider  hein  kom,  do  murmlet  man  du  leiden  mere:  eint» 
kom  zu  im  und  seit  ime,  wie  es  gevarn  waz.     Do  ersteinot  er  von 
leide,  und  erstarb  im  sin  herz,  daz  er  gie  als  ein  sinnloser  mensch 
Er  fraget,  wa  und  war  si  weri;  im  koud  nieman  gesagen  wa.     Er 
gedaht  also:    „nüwes  lidens   ist   reht   al)er  hiel     Xu  erzag  nit.  Ifig.  :;( 

)5  liiiiidertl  tust'iit  <!)  M        G  verlirngen  .1/  7  ücli  . . .  ücli|  in  ...  im  M 

10  userwclt /t'A/^   A'         18  Jun«ieiiJ  innigen  S  doroj  den  -V         14  kintlich  r 

iiini^eii  A         22  tugeti  Ä'         20  wjir|  wa  (!i  .1/  M)  m'iwos)  iiiines  .y         lid«> 
A  Vuhm  .SMA^a         vorzajr  .1/ 

18  Xacfi  Murer  (Helr.  sancttt  Jälf  suH  iSeuifcs  ^Srhircstt  r  in  dem  J/oumn- 
h'uuerianenklosler  6'L  Peter  zu  Kontfianz  {I:^ö7  ijtyriindet)  (,ewest.n  sein. 

21  \\.  VyL  dazu  den  letzten  Ah.'ichnift  des  Jirufes  (^hiomodo  j>utes1  m^ 
Kl  lifh. 


25 


Lebcu  Seur^es,     Kap.  XXIV.  71 

ob  <lu  ieiuer  der  armen  verdorbnen  sei  niu^ist  wider  gelieifen,  und 
opfer  reht  but  din  zitllch  ere  dem  muten  got,  wirf  hin  alle  mensch - 
lieb  schäme,  und  spring  zh  ir  in  die  tiefen  lachen  und  hab  si  nfl'' 
Do  die  bruder  in  dem  kor  stunden,  do  tet  er  ainen  gang  dur  den 
5  kor,  daz  im  ellu  sinü  varwe  engie,  und  ime  waz,  wie  ellu  sinu  herli'i 
ze  berg  giengin.  Er  engetorste  zft  nieman  gan,  wan  ieder  man  der 
schämte  sich  sin;  und  die  vor  sin  gesellen  waren,  die  Hüben  von 
ime.  So  er  rat  ztt  sinen  frftnden  sftchte,  so  kertan  su  ir  antlüt  un- 
wertlieh von  ime.  Do  gedahte  er  an  den  armen  Job  und  sprach : 
10  „nu  müss  mich  der  erbannher/ig  got  trösten,  sid  ich  von  aller  der 
weit  gelassen  bin.** 

Er  fragte  umb  und  umb,  war  er  sölti.  daz  er  der  verlornen 
sele  na  ilti.  Ze  jungst  do  ward  er  gewiset  an  ein  stat,  da  gie  er 
hin.    Nu  waz  es  an  der  lieben  sant  Angncsen  tag,  und  waz  kalt: 

15  es  waz  in  der  naht  ein  gus  wassers  komen,  und  waren  die  bcehe 
gross.  Do  er  über  einen  bach  soltc  springen,  do  viel  er  von  kraft- 
los! in  den  bacli.  Do  er  mohte,  do  stftnd  er  uf,  und  waz  siner  inren 
not  als  vil,  daz  er  der  usren  wenig  ahtete.  8o  er  hin  kuut.  do 
ward  si  im  in  einem  kleinen  häslin  dort  neiswa  gezoget.    Da  tet  er 

20  die  eilenden  trit  hin,  und  kom  ingend  und  vand  si  da.  Do  er  si  an 
blikte,  do  viel  er  nider  uf  den  bank,  da  si  sass,  und  geswand  im 
zwirent  uf  einander.  leso  er  zft  im  selber  kom,  do  hhb  er  uf  heiser- 
lich  ze  schriene  und  ze  weinen  und  die  hend  oi)  dem  hobt  zesamen 
ze  sehlahene,  und  sprach:  „owe,  min  got,  wie  hast  du  mich  gelaul'* 

25  und  vergiengen  im  denn  du  ogen  und  gestfind  im  der  nmnd  und 
geragetan  im  die  hende,  und  gelag  also  hingescheideu  in  der  unmaht 
ein  wili.  So  er  denn  aber  zfi  [31  ""J  im  selber  kom,  so  nam  er  sin 
geswiistergit  under  sin  arme  und  sprach:  „owe.  kind  mins,  owe, 
swüster  minü,  waz  hau  ich  an  dir  geleptl"  und  sprach:   „owe.  zartü 

:^j  jungfrow  sant  Angnes,  wie  ist  mir  din  tag  so  biter  worden I"  und 
seig  denn  aber  da  nider,  und  vergiengen  im  die  sinne. 

Do  stfind  sin  krenkü  sw6ster  uf.  und  viel  im  ze  frtssc  mit 
grossen    bitterlichen   trehen    und   sprach   kleglich    zu   im  also:    „ach 


1  arim'ii  fehlt  M        4  <lur]  do  M        5  vaivve]   naturc  A^         wio  im  M 

()  uetorste   SMA^        0  «Ion]    der  A        10  f.  [der]   weit  M  15  gusswus.ser  M 

1(>  bacli  fehll  K        20  f.  au  «,^eblikte  AK        22  Ic  do  SM  25  verijrieiiiiirii  A 

denn  fthlt  ASp        27  doini  fehlt  M        28  ^reswust.]  swester  P 

14  ^^/.  Jan. 


72  Leben  Souses.    Kap.  XXIV. 

heiT  uud  vater  mine.  wel  ein  kleglicber  tag  der  waz,  der  mich  in 
dis  ertrich  ie  brahte.  daz  ich  got  han  verloren  und  nch  so  grossez 
lidens  han  gestateti  Dar  umbe  we  und  scbam  und  süfzen  mineni 
eilenden  herzen  ienier  und  iemer  me!  Ach  getrüwe  widerbringer 
ininer  verlornen  sele,  swie  ich  üwer  red  und  beschowde  nit  wirdig  5 
sie,  so  nement  doch  in  uvver  getruwes  herz  und  gedenkent,  daz  ir 
got  niene  me  trüwen  mugent  geleisten  noch  im  glicher  gevvürken, 
denn  an  einer  verworfenen  Sünderin  und  einem  überladen  herzen. 
Got  der  hat  ü  doch  gen  allen  erberaiklichen  dingen  erbarmherzig 
gemachet;  wie  wend  ir  denn  mir  armen  hingeworfnen  sünderin  er-  10 
bermd  versagen,  und  ich  got  und  der  weit  bin  ze  erbaiinen  worden 
an  diser  stunde,  so  mich  min  sweren  schulde  so  balde  und  so  un- 
wüssent  allen  menschen  ze  einem  unwerd  hat  gemachet  V  Daz  ellu 
menschen  verwerfent  und  verpfuhzent,  daz  sfichent  ir;  da  sich  min 
ellü  menschen  von  billich  schament,  da  gant  ir  uwerm  wetündem  15 
laster  under  ogen  und  süchent  mich.  Herr,  ich  bit  ücb  mit  einem 
iemer  werenden  herzleide,  gestreket  und  geneiget  under  üwer  fiisse, 
daz  ir  got  an  mir  armen  vervallen  sünderin  erent  und  mir  luterlich 
dis  mord  und  übel  vergebent,  daz  ich  an  ü  und  wider  min  armen 
sei  han  getan;  und  gedenkent,  han  ich  an  diser  weit  üwer  ere  ge-  20 
sweeht  und  üwerm  lib  und  leben  abgebrochen,  so  gedenkent,  daz 
ir  sunderlich  ere  und  ewigen  trost  da  von  sond  enphahen,  und  land 
üch  erbarmen,  daz  ich  du  arme  müd  bin,  du  in  den  strik  bin  ge- 
vallen,  und  in  zit  und  in  ewikeit  daz  an  herzen  und  an  sele  iemer 
me  erben  müss,  und  mir  selben  und  allen  menschen  ein  burdi  muss  20 
sin,  und  land  mich  üwren  armen  dürftigen  hie  und  dort  sin.  Nüt 
h6hers  begert  [32']  min  herz  niemer  me,  daz  ich  na  rehte  üwer 
geswistergid  iemer  me  geheissc  ald  sie,  wan  nüwan  nah  erbermde 
so  land  mich  üwer  verlornes  geswistergit  sin,  und  na  rehte  uwern 
funden  wol  erarneten  dürftigen.  Und  diser  grund  der  ist  als  war  in  au 
minem  herzen :  so  man  mich  üwer  swöster  heisset  ald  mich  ieman 
in  diser  wise  zogan  w61ti,  daz  daz  minem  herzen  ein  sunderlicln'i 
biterkeit  ist.  und  ich  dike  ein  erbarmen  über  üch  han.  so  ir  da  sind, 

1  \vrl|  wio  ,SFKMcc  inj  iitt"  .^f  2  f.  ^ross  liih'ii  M  H  üvstatt-t] 
ircscliJiffcii  .V  5  u.  i'nver  Ix'schowiniüc  >V  0  liorz  mich  11.  i:.  <S'  und  fe/tlt 
KM  H  aimn  M         9  «'rbarmhtrziiren   .1/  10  denn  fe/iU  M  ]G  u.  du 

ütr^'n  M  einem  fehil  M  18  annen  sünderin.  du  vervallen  ist  J7  21  iiwvv 
SM  2a  ieh  arm  mfit  bin  (!)  .U  Mn]  ht  SPMa  24  daz  fehlt  M  2(i  hi.- 
t!iin  und  dort  M  27  lioln'r  M  2'<.29  yeswistcr  P  iemer  me)  nii-mer  ^ 
;>0  funden  t'cItU  ASP        durftiizcu  sin  M         32  in  m.  herzen  -V         suud«'r  -s 


Leben  Seiises.    Kap.  XXIV.  73 

daz  ir  mich  geg;en\viiiteklich  sehend  und  da  von  h'den  mfissent,  daz 
ich  an  u  weiss,  allez  daz  sich  ein  herz  von  natur  schämen  sol,  daz 
ir  11  dez  nit  erwerren  mngent.  Und  ander  gemeinsami  ensol  noh 
eninag  ich  niemer  me  von  ü  noh  mit  u  gehahen,  wan  daz  sich  üwrü 
o  ogen  und  oren  min  erschamen  und  crschreken  müssent.  Disü  wer- 
endü  ding  wil  ich  elh'i  liden  und  wil  sü  got  für  min  histerberend 
^\md  opfren,  daz  ir  ein  miltes  erbarmen  und  ein  getruwes  besren  für 
mich  armen  Sünderin  gen  got  habent,  und  miner  armen  sele  wider 
ze  huldcn  helfent." 
10  Diser  kleglichen  rede  entwürt  der  brüder,  do  er  zu  im  selber 

koni,  also:  „owe,  heissen  trehen,  brechent  us  von  einem  vollen  herzen, 
daz  sich  von  herzleid  nit  me  enthalten  mag!  Owe,  kind  mins,  owe, 
v'inigü  iVöd  mins  herzen  und  miner  sele  von  minen  kintlichen  tagen, 
an  dem  ich  wände  fröd  und  trost  geleben,  kum  her  und  lass  mich 
lo  dich  truken  nn  daz  tot  herz  dins  eilenden  brflder!  Lass  mich  daz 
<intlüt  mines  geswüstergids  durgiessen  mit  den  bitren  trehen  miner 
i>gen,  lass  mich  ob  minem  toten  kind  erschrien  und  weinen!  Owe, 
rusend  liplich  tode.  kleines  we.  owe,  sei  und  ercn  tod,  grosses  we! 
Owe.  leid  und  liden  mines  eilenden  herzen!  Ach  got,  owe,  erbarm- 
en herzige  got.  was  hau  ich  gelept!  Owe,  kind  mins,  kum  her  ztl  mir! 
Kht  ich  min  kind  noh  funden  hau,  so  wil  ich  min  klag  und  min 
weinen  ab  lassen,  und  wil  dich  hüt  enphahen  in  der  gnad  und  er- 
l)nnnde,.  als  ich  beger,  daz  mich  sündigen  menschen  der  erbarm- 
luMzig  got  enphah  an  miner  jüngsten  hinvart,  und  wil  dir  gern 
•J5  lutcrlich  vergeben  daz  unmessig  leid  und  liden,  daz  ich  hau  von  dir 
gehabt  und  nnz  min  ende  haben  muss,  und  wil  dir  din  missetat 
krel'tklich  helfen  biizen  und  besren  gen  got  und  gen  [32^ J  der  weit." 
Oaz  erbarmete  ellu  du  menschen,  du  es  sahen  und  den  jamer  be- 
denthalb  horten,  als  übel,  daz  sich  nieman  moht  enthalten,  er  müsti 
:^»  weinen.  Und  also  mit  kleglichem  gehabene  und  gütlichem  tröstene 
erweichte  er  si,  daz  si  gfiten  willen  gewan.  sich  schier  wider  in 
geliorsami  ze  gebene. 

Dar  na,   do  er  mit  unsäglicher   schäm   und   grosser  kost  und 
erbeiten  daz  verlorn  schefli  hate  dem  muten  got  under  sinen  armen 


1  ge^^tMiwurcklicb    .1/         4  uoh   mit    ü  fehlt  K         5  f.  weruiidü   A    \ve- 

tüücle  MctfS^         «)  ich  ffliU  K        10  f.  also  nach  ]>rü(ler  S        14  trost  halben  und 

iiv\.  S         Ui  niin>  liel»eii  g.  .1/         20  L^clopt  di  A/        21  «»htj  sid  M        24  an 

2.')  vt'igelM'n  fMt    M        25  t.  von    dir   hahv    PA^         29  n.    moh    molito    .1/ 

:>3  und  —  kost  fehlt  K        und  mit  gr.  k.  und  mit  arbeiten  M 


74  L(*b<*ii  Seuj«es.     Kap.  XXV. 

wider  braht,  do  fügte  der  erbarmherzige  got,  daz  si  an  einer  vil 
trostlicher  stat  ward  enphangen,  denn  si  vor  waz,  und  ward  dar  na  ire 
ernst  so  gross  gen  got,  und  ire  wol  behüte  heilig  wandel  so  bestetet 
in  tugenden  unz  an  ir  tod,  daz  er  ward  gen  got  und  gen  der  weit 
an  ire  wol  ergezzet  alles  leides  und  lidens.  so  er  ie  hat  gehabt.  5 
So  der  getrüw  brftder  sah,  daz  sin  liden  als  reht  wol  geraten  was. 
dar  an  hat  er  lust  und  fröd,  und  gedahte  au  gotes  heinlicheu 
Ordnung,  wie  ellü  ding  dem  guten  koment  ze  gute.  Und  denne 
so  sah  er  uf  ze  gote  in  grosser  dankberkeit,  und  zerfloss  im  sin 
herze  in  dem  gStlichen  lobe.  10 


XXV.  Kapitel. 

Von  swerem  lidene,  daz  im  einest  zä  viel  von  eini  sineui 

geselleo. 

Im  ward  eins  niales,  do  er  us  wolt  varn,  ein  gesell  geben,  ein 
leybrftder,  der  waz  nit  wol  besinnet.     Den   fürt  er  ungern,   wan  er  15 
hinderdahte,  waz  er  eblich  unertekeit  von  gesellen  hate  erliten ;  und 
gab  sich  doch  dar  in,  und  nam  in  mit  ime. 

Nu  fügte  sich,  daz  su  kamen  in  ein  dorf  vor  frügem  inbiss; 
da  was  des  selben  tages  jarmarkt,  und  kom  gar  vil  allerley  volges 
dar.  Der  geselle  waz  nass  worden  von  dem  regen,  und  gio  in  ein  20 
hus  zu  dem  füre  und  meinde,  er  enmöhti  nienr  komen,  daz  er  scliiiti 
ane  in,  daz  er  ze  schaflFen  heli,  er  w^ölti  sin  da  beiten.  Do  dtr 
brftder  erst  uss  dem  hus  kom,  do  stund  der  gesell  uf.  und  sa.ste 
sich  ze  tisch  zu  einem  wilden  gesinde  und  gütgewünnern.  die  och 
zu  dem  Jarmarkt  waren  komen.  Do  die  sahen,  daz  im  der  win  zr  25 
wol    ersehoss,    und   uf  waz   gestanden    und    under   der   hoftür   stninl 


2  troKtlithoii  Aö'PM        denn  fehlt  M        :\  inj  w.  brliutcii  haili^aMi  w.  A' 

4  iniz|    bis    M         5  ie|    liie   K         16  liindenl.J    vor   «lullte   S         <'h<'lklidi  M 

18  ffiirte  i's  s.  P        21  inohte  SKA^         iiieiirl  iiicdert  M  iiieiinr  ^1'         22  /.' 
Scilla  Hell  (lo  6'         25  /.('|  so   .1/ 

2  W'ftliJ  In  einem  ^heschlosstitcu"  ä.  Ii.  anter  Khuiaar  iftelainUi}  KloMn . 
Oh  die  in  einem  Brief  Hcinrivhx  von  Xördlingcn  an  Mnrijanto  IJnur  (Stnmch 
A'A'/.V,  o'i  iS.  :.'I4f  ifcnnnntc  Sussin  su  Höe/isfrtten  i Augu.stin.rinutnklostf ,• 
hei  Inllitnjen)  riue  Wrwnndie  Seusefi  oder  tjnr  de.ssen  Schwester  wnr^  läNst 
sich  nicht  entsr/tciden.  Aach  eine  Strasshurgtr  Patrizierfaniiii  dts  Jl.  .fh. 
hiiSfi  Sa.tffCj  »Süsec,  Sths''  (Vf/l.  tSlrassh.  Uli  V — VII passimK  H  Rom.  s.*>-. 


uiub  BJL'b  galeiide.  do  grifeii  sü  in  «iit;  und  spraclien.  i?r  heti  in 
cini^ii  kes  verütoln.  Under  iluiinen  do  dis  bösen  lüt  mit  imu  «1h<> 
freideklich  nnih  giengen.  do  komen  dort  her  fi'ir  vier  neiss  (üof 
verröchtpv  liaraelier.   uiid  vallend  in  och  an  und  spracheu,  der  bu^ 

i,  manch  weri  ein  gifttrager;  waii  es  waB  in  den  sellien  ziteu.  do  da/ 
[33']  gesi'hell  waz  vun  der  gift.  Also  riengen  sii  in  und  niachetuu 
ein  gross  gebreht,  daes  inenlich  zA  lüf.  Do  er  sah,  wie  e»  gie  iiml 
daz  IT  geyangen  waz,  do  heti  er  im  selb  gern  gehult'eii,  und  kerte 
sich   um   und   sprach  zti  in  also:    „haltent  ul'  ein  wili.    und   stand 

LI  stille  und  land  mich  v.e  red  komen.  so  wil  ich  ü  vergehen  und  sagen. 
wie  es  gevsrn  ist.  wan  es  ist  leider  übel  gevarn",  Sil  hielten  utillc, 
und  menlich  loset  zfi.  Er  hob  uf  und  spraeh  alsü;  „Ifigent,  ir  »lerkent 
wol  an  mir.  daz  ich  bin  ein  torc  und  ein  uuwieer  man,  und  hnt  man 
kein  übt  uf  mich.     Aber  min  geselle  der  ist  ein  wolkunnender  wiser 

b  man,  und  dem  hat  der  «rden  bevulu  giftseklb,  die  sol  er  in  die  brunncn 
versenken  hin  und  her  nnzint  gen  Elsas  abbin,  da  er  iez  hin  wil,  nnd 
wil  alles  dax  verunreineu  mit  böser  gift.  da  er  hin  kumt.  Lügent. 
daz  er  üb  bald  werde,  ald  er  stift  daz  mmd,  daz  uienier  me  geheilet: 
und  hat  iez  ein  sekli  her  hb  genomeu  und  hat  es  in  den  dorfbruunen 

1  getan,  dar  umbe  daz  alle  die.  die  her  knment  ze  markte,  müssin 
sterben,  alle  die  des  lirunuen  Irinkent.  liier  umbe  bleib  ich  und 
woU  mit  mit  im  bin  iis  fran.    wan  es  mir  leid  ist.      Und   zc   einem 


1  gi.iacbeiil  Jtii'liciil  &■  -2  inil.  iiw/r/Ul  M  Jf  tür/elUl  AfA'  iidMJ 
uus  S  na»  ji'  nee  M  4  verrftrlik'r|  icrre  liort  lier  A'  5  wiTJ]  ht  ■■• 
II  vei^C  M  \t  hUd  kS  in  M  13  i'iii  ton'  liin  S  14  I'.  wölk,  mau  und 
ein  wiaer  inuu  M  15  f.  er  triicren  iiml  liiii  in  d.  b.  ve».  und  hvr  i!)  Uf 
16  nn«  SKMA'         17  vrrgift  .li        is  ver!i--ilet  .v        21  nilc  /eklt  .1.1/4'« 

B  Htinriih  von  Diesaeiihiwru  L-rsählt  iBöhmtr,  Fnnits  t\',flfiff.l:  wilhrtnii 
Her  furehthareu  Ptit  ,  „nehirareer  Tod'  13*7—601  morden  reu  Nor.  l3tS  hü. 
Stpl.  134f>  alle  Juden  von  K'iln  bin  aneh  Örlerrtivli  hinein  rtrltfaiiat,  licnn  diit 
Vnlk  bi'Keliuldiglr  nie,  nie  hättfii  lelbut  ndcr  dnrrh  nitgtsUftelt  Cheialtit  du 
Brunnen  vrrgifttt.  In  Koimtuin  vtrarJiütteU  iimu  die  Wa/intrbt^liälUr  der  Jaden, 
besog  das  Trinlm-uimtr  aus  dtm  Bodensee  und  vtrbrannit  an  ij.  Märi  1114!' 
JiO  Juden  in  einem  ciytn»  ijtiinimtrten  ütbuude.  —  Margartla  Ebner  begehrt 
2u  wiesen,  ob  die  Jadeit  an  dtm  r-gemrinen  Sleiinn"  echuläiy  »ei»n,  und  e»  uird 
ihr  in  der  EnlrUrkUHi/  gtantworiel:  ,.(«  toüiv  icahr'  (Slraueh,  ilarg,  Ehitei 
15S,3ff.l.  Ein  JfVanitslianer  buekuldigte  1349  in  einer  Ihvtligl  eint  jjrosur 
Antaht  Straseburger  Üilrgtr,  nie  hätten  Oifl  bei  Meh  und  gebniKhlen  ta,  um 
Mensehen  lu  vergiften  (Strastb.  ÜB  V,  :;lö)!  Weitere»  ».  U.  Hinigtrr.  Dn 
»ehvari«  Tod  18n?.  tiß.  38ff.  L.  L-irtn^tcin.  (Itfeh.  der  .ladt-»  oi»  ll.'dri-- 
see  I  iismi. 


76  Leben  Seuses.    Kap.  XXV. 

iirkünd.  daz  ich  war  sagen,  so  sond  ir  wüssen,  daz  er  hat  ciueii 
grossen  bftclisak,  der  ist  vol  dero  giftseklin  und  vil  gnldinr,  die  er 
und  der  orden  von  den  Juden  hein  enpfangen,  uf  daz  daz  er  dis 
mort  volbringe."  Do  dis  red  erhörte  daz  wild  gesind  und  alle,  die 
dar  umb  stunden  und  hin  zu  waren  gedrungen,  do  tobten  si  und  5 
schrüwen  mit  luter  stimme:  „hin  bald  über  den  morder,  daz  er  uns 
nit  endrönne!"  Eine  kripfte  einen  spiess,  der  ander  ein  mordax. 
und  ieder  man  als  er  niohte,  und  lüfen  mit  wilden  tobenden  siten, 
und  stiessen  du  hüser  uf  und  klosen  und  wa  sü  in  wanden  vinden, 
und  stachen  mit  blossen  swerten  dur  du  bet  und  stro,  daz  der  jar-  lo 
markt  alle  zfi  ward  lofende.  Es  kamen  och  dar  frömd  erber  lüte, 
die  in  wol  erkanden,  und  do  si  in  horten  nenimen,  do  traten  sü  her 
für  und  sprachen  zfi  in,  sü  tetin  übel  an  ime,  er  weri  gar  ein 
frumer  man,  der  ungern  kein  s61ich  mord  hegicngi.  Do  sü  in  nit 
funden,  do  liessent  sü  dur  von  und  fürten  den  gesellen  gevangen  15 
für  des  dorfes  vogt,  und  der  hiess  in  besliessen  in  ein  gaden. 

Dis  zoch  sich  wol  uf  den  tag.  Von  disen  uöten  wüste  der 
diener  nit.  denn  do  es  in  zit  duht,  daz  es  vastender  |33^]  inbiss 
were,  und  sich  versah,  daz  sin  geselle  bi  dem  füre  wol  ertruchnet 
were,  do  kom  er  gende  und  wolt  enbissen.  Do  er  in  die  herberg  20 
kom,  do  hüben  sü  uf  und  Seiten  ime  du  leiden  mere,  wie  es  ergangen 
waz.  Do  lüf  er  balde  mit  erschrokem  herzen  hin  in  daz  hus,  da 
der  gesell  und  der  vogt  inne  waz,  und  bat  für  sinen  gesellen,  daz 
man  in  liessi.  Do  sprach  der  vogt,  daz  möhti  nit  sin,  er  wolti  in 
in  ein  turn  legen  urab  sin  missetat.  Daz  waz  im  swcre  und  unli-  25 
dig,  und  lüf  eins  hin  daz  ander  her  wider  unib  hilf.  Do  vant  er 
jiieman  der  im  dez  vor  weri.  Do  er  daz  lange  mit  grosser  schäme 
und  bitterkeit  getreib,  ze  jungst  do  schuf  er  mit  sinem  grossen 
schaden,  daz  man  in  Hess. 

Kr  wände  do,  daz  sin  liden  ein  ende  heti,  do  vil  es  erst  ane;  30 
wan  do  er  sich  mit  lidene  und  mit  schaden  von  den  gwaltigen  hat 

2    liuldin  SPKA'a          7    nit]    üt   M          kripttel    nam    S          8  [wildml 

Tob.  Stirnen  un«l  sitten  S        siten]  sinnon  P        14  frumer]  tYirnonuT  S  17  den 

mitten   dao-   p  18   vast   der   i.    //          11)   tniken    >          24   moliti]  maii    M 

28  izescliufl'  K  Bl  scliadenj  schänden  S  sehanie  P 

18  hiiiflc  638  wohl  anviclitiii :  fast  der  Imhiss  ^^  hohe  J^Jssentf.eit  (So 
nlleiii  l\  ! ) :  vielm-hr:  faatinider  Imhias  =  Morgvnmahl  an  einem  (für  den  Orden 
t'orgeschrii'henaii  J'asttof/.  In  dtii  Konstitutionen  (ALK GM  I,  1[is .  1.  ."».V6') 
sind  die  Tatje  am/eyclnn,  (in  denen  nur  .j/uadraffesiinnii,s  rif/us'^  „im na  dirtff 
fjenommen  nurden  durfte. 


erbvcelien.  do  ward  es  im  orsi  gende  an  sin  lein'ii.  Do  vr  von  dein 
vngt  gie,  wül  uf  die  vesjierzit,  do  waz  es  under  da/.  ;;eniein  volj; 
und  hi'iben  erscliidlen,  er  wpri  ein  gjfttrager;  und  die  »cbrüwen  uf 
in  als  of  einen  inorder,  daz  er  mit  niitii  g:etor8te  für  daz  dorf  konieii. 
D  Sü  zögtan  uf  in  and  sprachen:  „Idg  nientich,  daz  iHt  der  gil'ttrager! 
Kr  endrännct  tas  tala,  er  mfiss  ert6det  werden!  lu  iiilfet  eukoiu 
Pfenning  geu  uns  als  gen  dem  vogte."  So  er  denn  wolt  endrännen 
und  abwert  iu  daz  dorf  entwichen,  die  gchröwen  noh  vaster  uf  in. 
Ire  ein  teil  pprauhen:  „wir  BÜllen  in  ertrenken  in  dem  Rine,"  — 
10  »an  der  ran  bi  dem  dorf  ab,  —  die  andren  rOftan:  „neina,  der 
unrein  morder  verunreint  daz  wasser  alles,  wir  miUen  in  verbrennen!" 
Kiu  ungehüre  gebur  mit  einem  iftssigen  seLoppen  erwuste  einen 
spiess  und  trang  dur  sii  alle  hin  für  und  rfift  also:  „hSrent  mich, 
ir  herren  alle  sament!  Wir  knnnen  disem  höaen  kezzer  nit  läster- 
te licbei-s  todcB  an  getim,  denn  daz  i<-h  disen  langen  spiess  enmiten 
dur  in  ribe,  als  man  tfit  einer  giftigen  kroten,  die  man  spisset.  Also 
land  micb  disen  gifttragei-  also  nekent  an  disen  spiess  rihen  und 
niglingen  uf  haben  und  in  disen  starken  zun  vast  stossen  und  ver- 
sichern, daz  er  nit  valle;  lassen  den  anreinen  toten  c&rpcl  windturr 
ao  werden,  daz  cllü  du  weit,  dö  viir  in  uf  ald  ab  gat,  des  murdevs 
bab  ein  ansehen  and  ime  na  sinem  lästerlichen  tode  fli\che,  daz  er 
an  diser  weit  und  an  enr  weit  dest  feiger  [34']  sie,  wan  daz  hat 
der  g;'und  bös  wicht  wol  verschnldet."  Daz  horte  der  eilend  diener 
mit  mengcm  bitem  schreken  und  mit  erholten  sitfzcu,  da/  im  von 
2ß  angst  die  grossen  frehen  über  daz  antlüt  ab  runnon.  Ellü  du 
menschen,  du  umb  den  ring  stünden  und  in  sahen,  wurden  biterlich 
weinende,  und  etlichü  du  klopfeten  von  erbermd  an  ir  herz  und 
schiftgen  ir  hend  ob  dem  hopt  zesamen.  Aber  nieman  getorst  vor 
dem  fraidigen  volg  nnt  sprechen,  won  si  vortan,  daz  man  sü  och 
30  an  grilTe.  Uo  es  begond  nahten  und  er  gie  hin  und  her  und  bat 
mit  weinenden  ogen,  ob  sich  ieman  dnr  got  über  in  wolt  crharnien 


1  ^tbrnchen  Ä'  eubroubcii  A'  '^(.  volk  komeu  uud  [lifibeu]  erecli,  & 
6  data  A'  daland  S  dole  P  tnta  M  tiik'ii  A'  7  als]  oder  P  denn]  denen  A' 
dieD  A'  10  1>i]  ia  A'M  15  vomitea]  enent  S  17  gifterer  A  gifter 
PA^afS'  üekeiit]  iielieut  l!) -1'  19  luten]  bösfn  5,^'  körpper  P  20  abj 
nidor  P  murdes  SP  21  bab  ein]  gebain  (!)  .W  flachen  M  24  von] 
vor  M  26  aber  duK  wang  und  duE  untlttt  M  2%  iHe  wurden  M  27  [da] 
klopft.  K  29  fraiden  M  nät]  im  S  nütz  M  won  tiie  voriiml  von 
Turhten  M        31  w&ite  über  in  SM 


L 


78  Leben  Seuses.    Kap.  XX  V7. 

und  herbergoii,  do  vertreib  man  in  herteklich;  etlich  gutherzig  frowen 
lietin  in  gern  behuset,  do  engedorstan  si. 

Do  der  eilend  lider  also  in  des  todes  nöten  was,  und  ime  ellü 
menschlichü  hilfe  enpfiel  und  man  nüwan  wartet,  wenn  sü  in  an 
grifen  und  in  totin,  do  viel  er  nider  bi  einem  zune  von  jamer  und  5 
von  vorten  des  todes,  und  hfib  uf  sinu  eilenden  verswullen  ogen  zu 
•liem  himelschen  vater  und  sprach  also:  „owe,  vater  aller  erbennde, 
wenn  wilt  du  mir  hfite  ze  staten  komen  in  minen  grossen  n6ten? 
Owe,  miltes  herz,  wie  hast  du  diner  miltekeit  gen  mir  vergessen! 
<)we  vater,  owe  getruwe  milte  vater,  hilf  mir  armen  in  disen  grossen  lu 
nöten!  Ich  enkan  doch  in  minem  vorhin  toten  herzen  nit  ze  rat 
werden,  ob  mir  lidiger  si  ze  ertrinken  ald  ze  verbrennen  ald  an 
einem  spiess  ze  ersterben,  dero  tSden  ich  iez  müss  einen  nemen. 
Ich  bevil  dir  hut  minen  eilenden  geist,  und  la  dich  erbarmen  minen 
kleglichen  tod,  wan  sü  sind  nahe  bi  mir,  die  mich  wen  toden!"  15 
Disü  jemerlichü  klag  du  kom  für  einen  priester,  und  der  lüf  dar 
mit  gewalt  und  zukte  in  nf  uss  ire  henden,  und  fürt  in  hein  in  sin 
hus  und  behielt  in  die  naht,  daz  im  nit  geschah,  und  half  im  mor- 
nent  frfi  enweg  usser  sinen  nöten. 


XXVI.  Kapitel.  20 

Ton   dem   morder. 

Er  kom  einest  von  Niderland  und  gie  den  Kin  uf.  Do  hat 
-er  einen  jungen  gesellen,  der  moht  wol  gan;  und  geschah  eins  tages. 
daz  er  dem  gesellen  nit  wol  mohte  gevolgen,  wan  er  waz  do  vil 
raüd  und  krank  worden.  Der  gesell  vergie  sich  vor  an  hin  vor  im  od 
wol  uf  ein  halb  mile.  Er  lügte  hinder  sich,  ob  er  ieman  sehe,  mit  ^ 
dem  er  gienge  dur  den  wald,  an  den  er  vil  nach  [34^]  komen  waz, 
und  was  spate  an  dem  tage.  Der  wald  waz  gross  und  sorklich, 
wan  vil  menschen  dar  inne  ennordet  wurden.  Er  stund  stille  vor 
dem  wald  und  beitet  iemans.    Do  kamen  dort  her  an  zwei  menschen  :^o 


2  gehiiset  SPM        12  ertrenkcii  >y        ver])rinnet  ^f         13  [zc]  erat.  M 
19   usser]    von    M  24    gesellen]    selben    P  28    und    was    fehlt   SPM 

29  menschen]  Kit  M        30  und  do  k.  M 

15  V(jl.  Ps.  Ln,U.  21  if.     Dieses  Kap,  hat  eine  frappante  Parallele 

an  einem  Abtnteuer  im  Lehen  der  gleicheeüigen  Mystiken n  Luitijard  von  Wit- 
ticlien :  rgl.  Mone,  Quellensammlung  zur  hadischen  Landesgeschichte  IIT,  46Hf. 


Leben  Seiises.     Kap.  XXVI.  79 

und  du  gieiigen  gar  röschlich ;  dero  was  eins  ein  jungü  siibrü  frowe. 
daz  ander  waz  ein  vil  grülicher  langer  man  rait  einem  spiesse  und 
einem  langen  raesser,  und  bäte  einen  swarzen  schopen  ane.  Er 
(Mschrak  ab  dez  vortlichen  manues  ungestalt  und  Iftgete  umb  sich,  ob 
o  er  ieman  sehe  her  na  gan.  J)o  sah  er  nieman.  Ergedahte:  „owe, 
lier  got,  waz  lütes  ist  dis!  Wie  sol  ich  tala  dur  disen  langen  wald 
komen,  ald  wie  sol  es  mir  hüt  ergan?"  Und  machet  ein  krüz  über 
<in  herz  und  waget  es. 

Do  SU  in  den  wald   kamen  vast  hin  in,   do  trat  du   frow   hin 

10  lür  zu  ime  und  fraget  in,  wer  er  weri  ald  wie  er  hiessi.  Er  seit«. 
Si  sprach:  „lieber  herr,  ich  erkenn  üch  wol  von  dez  namen  wegen. 
Ich  bit  üch.  daz  ir  mir  biht  hSrent."  Si  hüb  an  und  bihtet  und 
sprach  also:  „owe,  tugenthafter  herr,  do  klag  ich  ü,  daz  mir  als 
{rar  übel  ist  geschehen.     Sehet  ir  den  man,   der  uns  na  get?     Der 

15  ist  ein  rehter  morder,  und  mordet  die  lüt  hie  in  disem  walde  und 
anderswa,  und  nimt  in  denn  ir  gelt  und  gewand,  und  schonet  nie- 
mans  uf  ertrich.  Der  hat  mich  betrogen  und  usgefüret  von  minen 
erberen  frunden,  und  raftss  sin  nvip  sin."  Er  erschrak  ab  diser 
rede,  daz  ime  na  geswunden  waz,  und  lügte  umb  sich  vil  jeraerlich. 

20  ob  er  ieman  sehi  ald  horti,  ald  ob  er  in  keinen  weg  möhti  end- 
rinnen. Do  ensah  noh  enhort  er  nieman  in  dem  vinstern  walde, 
denn  den  morder  im  na  gende.  Do  gedaht  er:  „fluhst  du  nu  also 
miide,  so  hat  er  dich  bald  erlofen  und  tödet  dich;  schrigst  du  denn, 
daz  höret  nieman  in  diser  wüsti,  und  bist  aber  tod."     Und  sah  uf 

25  vil  ellendeklich  und  sprach:  „ach  got,  wie  sol  es  mir  hüt  erganV 
Owe  tod,  owe  tod,  wie  bist  du  mir  so  nahe!"  Do  du  frow  gebihtet, 
do  gie  si  hinder  sich  zu  dem  morder  und  bat  in  heinlich  und  sprach: 
„eya,  lieber  geselle,  ga  hin  und  biht  och!  Sü  sind  da  heime  in 
gutem  globen  gen  ime:  wer  im  gebihtet,  wie  sündig  er  ist,  daz  den 

'^>  got  niemer  well  gelassen.  Dar  umb  tu  es,  ob  dir  got  joh  von  sinen 
wegen  an  dinem  jüngsten  sufzen  ze  helf  kom.'^  Do  sü  «also  runeten 
mit  enander.  do  erschrak  er  voll  und  gedahte:  „du  bist  verraten!" 
Der  morder  sweig  [35']  und  gie  hin  für.  Do  der  arm  man  sah, 
daz  der  morder  mit  dem  spiess  gen  im  trat,  do  erzitrot  und  erschrak 

36  ellü  sin  natur  abe  und  gedaht:  „eya,  nu  bist  verlorn!"  wan  er  en- 
wüst  nit  waz  sü   hatent  geredet.     Nu   waz  es   da   also   geschafen. 


10  seit  AVA^  8«dt  irs  *y  sagt  er  ir.  wie  er  hiesz  afS^  12  mir]  min  1' 
16  u.  ir  gewallt  P  20  im  keinen  w.  AK  in  keines  weges  S  26  owe  tod 
nur  einmal  M        81  dinen  M        35  ab  im  S        bist  du  4S'        36  also  do  M 


80  Leben  öeuses.    Kap.  XXVI. 

(laz  der  Rin  nebend  an  dem  wald  ab  ran.  und  gie  der  sniale  wr«: 
iif  dem  porte  und  sehikte  es  der  morder  also,  daz  der  brftder  müste 
^an  wassershalb  und  er  gie  vvaldeshalb.  Do  er  also  g\e  mit  zitren- 
dem  herzen,  do  hftb  der  morder  an  ze  bihten  und  verjah  im  alle 
die  totschlege  und  du  mord,  du  er  ic  begangen  hate.  Sunderlich  5 
seit  er  ime  ein  grüliehes  mord,  dar  ab  sin  herz  erstarb,  und  sprach 
also:  „ich  kom  einest  her  in  disen  wald  dur  niordens  willen,  als 
ich  och  nu  hau  getan.  Do  kom  mir  zu  ein  erbere  priester,  dem 
bichtet  ich.  Der  gieng  nebent  mir  hie,  als  ir  iez  ttind,  und  do  du 
biht  US  kom,"  sprach  er,  „do  zoh  ich  diss  messer  us,  daz  ich  bi  lo 
mir  trag,  und  stach  es  dur  in  und  stiess  in  von  mir  über  daz  port 
ab  in  den  Rin." 

Ab  diser  rede  und  geberden  des  morders  erbleichet  und  ertr»- 
det  er  als  gar,  daz  im  der  kalte  totsweis  über  daz  antlüt  und  dur 
den  bfisen  ab  ran,  und  erzagte  und  erstumbet,  daz  im  alle  sin  sinne  15 
entgiengen,  und  blikte  ie  neben  sich,  wenn  er  daz  selb  messer  in 
in  stechi  und  in  och  hin  ab  stiessi.  Da  er  von  angsten  iez  da 
nider  wolt  sin  gevallen  und  nüt  me  mohte,  do  lüget  er  vil  jemer- 
lich  hinder  sich  als  ein  mensch,  der  gern  dem  tod  weri  endrunen. 
Und  sin  jemerlich  antlut  daz  ersah  daz  fröwli,  und  loft  hin  zu  und  20 
kripft  in  also  nidersigenden  under  ir  arme  und  hüb  in  vast  und 
sprach:  „gute  herr,  fürtent  uch  nit,  er  tßtdet  üch  nit!"  Der  morder 
sprach:  „mir  ist  vil  gutes  von  üch  geseit;  des  sond  ir  hüte  ge- 
messen, daz  ich  ü  wil  lassen  leben.  Bitent  got,  daz  er  mir  ai*men 
morder  an  miner  jüngsten  hinvart  dur  üch  ze  staten  kome."  05 

Under  dez  waren  sü  uss  dem  wald  komen.  Sin  geselle  sass 
dort  vor  dem  walde  under  einem  bome  und  beitet  sin.  Der  morder 
und  sin  gespile  giengen  für.  Er  kroch  zu  sinem  gesellen  und  viel 
da  nider  uf  die  erde,  und  zitret  sin  herz  und  alle  sin  lip,  als  so 
eins  der  rite  schütet,  und  lag  also  stille  neiswi  lang.  Do  er  wider-  30 
kom,  do  stund  er  uf  und  volgie  den  weg,  und  bat  got  mit  ernste 
und  mit  einem  [35^]  inneklichen  süfzen  über  den  morder,  daz  in 
got  liessi  geniessen  sins  giften  globen,  den  er  zu  im  gewan,  und 
daz  er  in  an   sinem  jüngsten    süfzen    nit   liessi    verdamnet   werden. 


5  W  fehlt  M        6  erstarb]  eröchrak  P        11  vuu  mir  fehlt  P  IH  1^^. 

bärd  3/        20  sin]  daz  M        [daz]  ersah  M        21  kripft]  begreif  6'  22  cu- 

ffthrtent  üch  nit,  er  entfjt  üch  nit  noch  tötet  üch   iiit   ^f        23  vil  gutz   ist 

mir  M        29  und  a.  h.  lip  fehlt  M        alle  jMt  K                :U  folget«  *y 


Leben  Seiises.     Kap.  XXVII.  81 

Dez  ward  im  ein  solieher  gegenwurf  von  got,  dar  an  er  enkcinen 
zwivel  wolte  han,  daz  er  gölte  der  behaltnen  eine  wesen  und  von 
got  niemer  gescheiden  hier  umbe. 


XXVII.   Kapitel. 
5  Ton  waSNernot. 

Er  waz  aineet  gen  Strasburg  gevarn  nah  siuer  gewonheit. 
Do  er  wider  hain  wolte,  do  viel  er  in  einen  ungehären  giessen  des 
Rines  und  daz  nüw  büchli  mit  im,  dem  der  bös  vient  vil  gever 
waz.     Do  er  in  des   todes  not  vast  abwert  ran  unbebulfenlich,   do 

10  fftgte  der  getrüw  got,  daz  uf  die  selben  stunde  von  geschiht  ein 
junge  nüwe  ritter  von  Prüscen  dar  kam;  der  wagte  sich  hin  in  ztt 
im  in  daz  trüb  sturmig  wasser,  und  half  im  us  von  dem  jemerliehen 
tode  und  och  sinem  gesellen. 

Eins  males  für  er  us  in  einer  gehorsami,  do  es  kalt  waz.    Lnd 

15  do  er  also  spislos  allen  den  tag  unzint  spate  in  dem  kalten  winde 
und  frostigen  weter  hate  gevarn  uf  einem  wagen,  do  kamen  sü 
neiswa  zft  einem  trüben  wasser,  daz  waz  tief  und  schnei,  als  e& 
von  dem  regenweter  waz  worden.  Der  kneht,  der  in  fürte,  übersah 
sich  neiswi,  daz  er  ze  nahe  uf  daz  port  kom,  und  warf  umbe.    Der 

20  brüder  schoss  ab  dem  wagen  und  viel  in  daz  wasser,  daz  er  dar 
inne  an  dem  ruggen  gelag.  Der  wagen  viel  hin  na  und  viel  eben 
uf  in,  daz  er  sich  in  dem  wasser  noh  hin  noh  her  mohte  gekeren 
noh  kein  hilf  von  im  selber  han,  und  ran  also  man  und  wagen 
neiswi  verr  abwert  gen  einr  müli  sines  Undankes.    Des  lüf  der  kneht 

26  dar  und  ander  lüte,  und  Sprüngen  hin  in  in  den  wag  und  kripftan 
in  und  hetin  ime  gern  her  us  gehulfen;  do  lag  der  swer  wagen  uf 
im  und  trukt  in  hin  under.  Do  sü  mit  grossen  erbeiten  den  wagen 
ab  ime  brahten,  do  zugen  si  in  her  us  also  triefenden  an  daz  land. 
Und   do  er  her  us  kom.   do   gefror  <laz  gewand   bald  an   ime   von 

2  er  hie  uinh  M  :^  hier  muhe  fehlt  MA^  (i  Er  —  IS  i^esellen 
fefUt  M  9  abwart  vast  P  11  ritter  uaz  Strasburg  vou  prösseu  Ä^  hin 
[m]  SM  15  untz  SKM  17  tief]  trübe  P  18  der  übers.  M  19  neiswa  S 
21  hin]  im  M  eben]  obnau  3/  22  weder  hin  8  [uoh]  hin  M  23  wagen 
u.  m&n  S        26  in  [in]  SM       wagen  (!)  P       kripftan]  erwustcnt  S  begripfton  M 

8  Sehr  wahrscheinlich  ist  das  132ti  vollendete  Bdetc  gemeint  (gegtn^ 
Prtger  II,  317).  11  Ein  Ritter  des  Deut^chordens,  der  in  Strasshurg  eine 

Niederlassung  besass. 

H.  Sense,  Deatache  Sohriftan.  G 


S2  Leben  Seuse».    Kap.  XXVllI. 

grosser  keltiii.  Er  ward  zitrende  vou  frost,  daz  im  die  zene  in  ein- 
ander klaperten,  und  gestAnd  also  jamrige  still  ein  will  und  sah  uf 
ze  gote  und  sprach  also:  ^wafen  got,  wie  sol  ich  tön  ald  waz  sol 
ich  an  vahenV  Ez  ist  spate  gen  der  naht,  so  ist  einkein  stat  noh 
dorf  hie  umbe,  da  ich  mich  erwarmen  mug  ald  mich  raug  generen.  r> 
Mftss  ich  nu  hie  also  sterben?  Daz  ist  ein  kleglicher  tod!"  Er 
[36']  kerte  sich  hin  und  her,  do  sah  er  d6rt  verr  an  einem  berg 
ein  vil  kleines  wilerli,  und  da  kroch  er  hin  also  nasse  und  frostige, 
und  do  waz  och  du  naht  hie.  Er  gie  umb  und  umb  und  bat  her- 
berg  dur  got.  Des  ward  er  von  den  husern  vertriben,  daz  sich  lo 
nienian  wolte  über  sii  erbarmen.  Do  <::rbegond  im  der  frost  und 
erbeit  umb  daz  herz  gan,  daz  er  sins  leben8>  begond  fürten.  Er 
fiprach  mit  einem  luten  ruf  zfi  got:  „herr,  herr,  du  m6htist  mich  as 
mer  hau  lan  ertrunken,  so  weri  ich  dur  von  komen.  lieber  denn 
daz  ich  nu  von  frost  hie  an  diser  strass  müss  sterben."  Die  kleg-  15 
liehe  rede  erhörte  ein  gebur,  der  in  vor  hate  vertriben,  und  erbar- 
met sich  über  in  und  nam  in  under  sin  arme  und  fürte  in  hin 
wider  in  in  sin  hus,  und  also  vertreib  er  och  die  naht  mit  erbet- 
selikeit. 


XXVm.  Kapitel.  20 

Ton  einem  riiwlin,  daz  im  got  einest  liess  werden. 

Got  der  hat  in  des  gewönnet :  wenn  im  ein  liden  ab  gie,  so 
waz  geswind  ein  anders  da  bereit.  Hie  mite  spilt  got  mit  ime 
ane  underlass,  denne  einest  do  Hess  er  in  müssig  gan;  es  vverete 
aber  nit  lange.  25 

Er  kom  in  dem  selben  müssigen  zite  zu  einem  frowenkloster 
gende,  und  sinü  geischlichü  kind  frageten  in,  wie  ez  umb  in  stünde. 
Do  sprach  er;  „ich  fürte,  daz  es  iez  übel  umb  mich  stände,  und  ist 
da  von:  ich  bin  iez  wol  vier  wochen  gewesen,  daz  ich  weder  an 
lip  noh  an  eren  von  nieman  bin  angerennet  wider  min  alten  gewon-  30 

1  V.  grossem  frost  M  2  stund  ST  4  so  eiiist  S'P  4  f.  aiikaiii  st. 
noch  kain  d.  M  5  mich  [mug]  M  erneren  S'PM  6  sterben  also  M 
9  [und]  do  M  9  f.  der  hcrberg  M  11  sü]  in  iS"  11  f.  Do  heg.  im 
fürten  U  Do  [begond  —  lebens]  begond  er  im  fürten  ASPKA^afUS^  13  f.  as 
raS.r  7t  als  mer  S  15  ich  [nu]  M  hie  fehlt  SP  von  frost  nach  mfiss  M 
16  (Ue  erhört  M  17  hin  fehlt  K  18  [in]  in  M  21  rüglin  (so  stets)  P 
23  da  fehlt  PS        24  dennoht  M        26  den  s.  m.  ziten  P 


Lebeo  Seuses.     Kap.  XXVIII.  83 

heit,  und  fürte  leider,  daz  min  got  hab  vergessen.**  Do  er  also  ein 
vil  kleines  wili  bi  in  gesass  an  dem  venster,  do  kom  ein  brüder 
des  Ordens  und  rilfte  im  hin  us  und  sprach  also:  „ich  waz  nu  kürz- 
lich  uf  einer  bürg,    und   der   herr  fraget  ü   na,    wa  ir  werint,    vil 

5  herteklich.  Er  hüb  och  uf  sin  hant  und  swür  dez  vor  menlich,  wa 
er  üch  funde,  da  w61t  er  ein  swert  dur  üch  stechen.  Daz  selb  hein 
getan  ire  etlich  frcidig  harscher,  sin  nehsten  fründe,  die  üch  ze 
etlichen  kl6stern  hier  umbe  hein  gesüchet,  daz  sü  iren  bösen  willen 
an  üch  volbringen.     Dar  umb   sind   gewarnet  und   hutent  üch,   als 

10  lieb  üch  üwer  leben  sie!**  Ab  diser  red  erschrak  er  und  sprach  ztt 
dem  brüder:  „ich  vvüsti  gern,  wa  mit  ich  den  tod  verschuldet  heti.** 
Do  sprach  er:  „dem  hen*en  ist  geseit.  ir  habent  im  sin  tohter  als 
och  vil  ander  menschen  verkeret  in  ein  sunder  leben,  daz  heisset 
der  geist,   und  die  in  der  selben  wise  sind,  die  heissent  die  geister 

15  und  die  geisterin,  und  ist  ime  für  geleit,  daz  daz  sie  daz  verkertest 
volg.  dar  uf  ertrich  lebt.  Und  noh  [36^]  me:  ein  ander  freidiger 
man,  der  waz  da  und  der  sprach  von  üch  also:  „er  hat  mir  einen 
rob  genomen  an  einer  lieben  frowen:  si  zühet  nu  die  stuchen  für 
und  wil   mich  nit  me  an   sehen,    si  wil   nüwan   inwert  sehen;    daz 

20  mfiss  er  gearnenl"  Do  er  disü  mere  gehorte,  do  sprach  er:  ^gelopt 
sie  got!'*  und  ilte  bald  hin  wider  an  daz  venster  und  sprach  zu 
sinen  töhtrau:  „eya,  minü  kint,  gehabend  üch  wol!  Got  hat  an 
mich  gedaht  und  hat  min  noh  nit  vergessen,"  und  seite  in  du  herten 
mere,  wie  man  im  umb  wolgetan  übel  wolti  Ionen. 

2  vil  fehlt  M  5  och  fehlt  P  9  sint  ir  g.  M  14  der  geist  — 
heissent  fehlt  ASP  geister]  geist  P  18  stuchen]  stürtze  P  den  schloger  M 
19  nu  nit  me  S  20  eramen  M  20  ff .  sprach  er  gen  sinen  tohtran:  „eya, 
minü  kint,  gehahent  üch  wol,  gelopt  sie  got  I"  und  ilte  bald  zu  in  an  daz  v.  und 
«pracli :  „got  hat  etc.'*  M  21  wider  hin  in  4^  24  wie  —  Ionen  fehlt  P 
woltüne  S 

2  //*  den  Krauenklöstern  mit  atretiger  Klausur  durfte  und  darf  der 
Verkehr  mit  der  Aussenwelt  nur  durch  ein  Sprachgitter  (redevengter)  yeachehen. 
14  ff.  Die  ^Stelle  zeigt,  dass  man  die  Gottesfreunde  öfters  mit  den  Begharden 
■und  Brüdern  (Schwestern)  des  ^J^reien  Geistes^  zusammenwarf,  welche  in  der 
ersten  Hälfte  des  14.  Jh.  besonders  am  Oberrhein  auftraten  und  von  der 
Inquisition  wiederholt  verfolgt  wurden  (1310  zu  Mainz,  1317  zu  Strassburg, 
1319 ff.  zu  Köln;  1339  drei  Begharden  zu  Konstanz  hingerichtet,  Begesta 
eftiscoporum  Constantiensium  II  [1904]  n.  4567).  Auch  Luügard  von  WiUichen 
lourde  Betrügerin  und  Ketzei'in  gescholten  (Mone  a.  a.  O.  III,  443),  und  Tauler 
sagt,  dass  die  Gottesfreunde  von  ihren  Gegnern  die  „neuen  Geister^'  genannt 
und  mit  dem  Schimpfwort  ..Begharden"  bedacht  lüurden  (Böhringer,  Die  deutsche 
Mystik  [18ÖÖ]  ^36  mit  Quellenbelegen  822,  824). 


84  Leben  Scusoh.    Kap.  XXIX. 

XXIX.  Kapitel. 
Von  einer  mfnnekliclien  rechnung,  die  er  einest  mit  got  hate. 

In  den  selben  lidenden  ziten  und  in  den  selben  steten,  da  er 
do  wonte,  so  der  diener  underwiient  in  daz  siechhus  gie,  daz  er 
sinera  kranken  übe  eins  g:emecblis  gestateti,  und  so  er  ob  tisch  sass  .5 
swigende  nah  einer  gewonheit,  so  ward  er  geübet  mit  spotred  und 
mit  unverwüsnen  worten,  daz  ime  an  der  ersti  vil  we  beschah ;  und 
erbarmet  sich  selb  als  übel,  daz  im  dik  die  heissen  trehen  du  wangen 
ab  waletan^  und  daz  ime  die  trehen  mit  der  spise  und  mit  dem 
tränke  in  den  mund  trungcn.  Er  sah  also  swigende  uf  zu  gote  10 
und  sprach  mit  inneklichem  süfzen:  „ach  got.  gnüget  dich  nit  mit 
miner  erbetselikeit,  die  ich  tag  und  naht  lide,  nur  müss  och  min 
spisli  ob  tisch  mit  grosser  widerwertikeit  vermischet  werden?"  Dis 
geschab  im  dik  und  vil. 

Eins  males,   do  er  ab  tisch  gie,   do  moht  er  sich  nit  nie  eut-  15 
halten,  er  gie  an  sin  heimlichi  und  sprach  zu  got  also:  „eya,  lieber 
got  und   ein   herr   aller  der  weit,    bis  milt  und  tugenthaft  ^^en   mir 
armen  menschen,   wan  ich   mftss  hüt  ain    rechnung  mit  dir   haben, 
des  mag  ich  nit   enbern.      Und   wie   daz   sie,   daz   du   nieman   mit 
schuldig  noch  gebunden  siest  von  diner  grossen   herheit,    so   gezimt  •>«) 
doch  wol  diner  unmessigen  güti,  daz  du  ein  volles  herz  lassest  sich 
mit  dir  erküleu  von  dinen  gnaden,  daz  nieman  andern  hat,  dem  es 
klage  ald  der  es  tröste.     Herr,  ich  zügen  daz  an  dich,  wan  du  ellü 
ding  weist,  daz  mir  daz  hat  gevolget  von  niiner  muter  libe,  daz  ich 
en   miltes   herz   hau   gehabt  alle  min    tag.      Ich    gesah    nie    keinen  25 
menschen  in  leid  noch  in  betriibde,  ich  lieti  ein  herzklichs  mitliden 
mit  ime,  und  enmoht  nie  gern   hören  weder   hinder  den  menschen 
noh  [37']  vor  in  reden,.,  daz  ieman   beswcren   möhti.      Dez   müssen 
mit  mir  alle  min  gesellen  jehen,    daz  es  von  mir   selten  ie   gehöret 
ward,  daz  ich  ie  keins   bröders  oder  keins  andern   menschen   ding  3o 
bösreti  mit  minen  worten,  weder  gen  den  i)relaten  noh  ane  daz.  denn 


.")  ^omachos  M  ob  dem  tisch  M  0  mit  dfiii  fehlt  M  ]  1  luMiiigt  M 
nit  [mit]  PM  13  spise  PA^  ob  tisch  fehlt  A"  17  bis]  wis  3/  20  «r»-- 
bunden  noch  schuldigf  S  nocli  ^eb.  fMi  M  23  ziigoii  [dazj  K  26  leidl 
liebe  S  27  f.  dem  m.  noch  vor  im  M  29  mit  fehlt  S  29  f.  selten  urtch 
daz  ich  M        80  ding  fehlt  6' 

4  siechhus,  besondere  Abteilung  des  Klosters  für  die  kranken  Brüder. 


Leben  Seunes.     Kap.  XXTX.  85 

niler  menschen  din^  bessren,  als  verr  ich  inohte.  So  ich  daz  nit 
inoht  getAn,  so  sweig  ich  ald  ich  floh  dur  voD;  daz  ich  es  nit  horti. 
ÜA  menschen,  du  gelezzet  waren  an  ir  eren,  den  was  ich  von  er- 
bermde  dest  heimlicher,   uf  daz   daz  sü   dest  baz  wider  ze  ir  eren 

5  kerain.  Dero  armen  getruwe  vater  hiess  ich,  aller  gotesfründen 
snnder  frund  waz  ich-,  ellü  du  menschen,  du  trnrig  ald  beswerd  ie 
zu  mir  kamen,  dt  funden  iemer  etwas  rates,  da  su  i'r6lich  und  wol 
getröstet  von  mir  schieden,  wan  mit  den  weinenden  weinet  ich,  mit 
den  trurenden  truret  ich,  unz  daz  ich  si  müterlich  widerbrahte.    Mir 

li>  getet  nie  kein  mensch  so  gross  herzleid,  so  er  mich  nüwan  dur  na 
initlich  an  laehete,  so  waz  es  alles  da  hin  in  gotes  namen,  als  ob 
es  nie  weri  beschehen.  Herr,  ich  wil  geswigen  der  menscheit, 
dennoh  me:  aller  tierlin  und  v6gelin  und  gotes  creatürlin  mangel 
und  truren,   so  ich   daz  sah  ald  hört,   so   gie   es  mir  an   min  herz, 

15  und  so  ich  in  nit  moht  gehelfen,  so  ersofzet  ich  und  bat  den  obre&ten 
milten  herren,  daz  er  in  hulfi.  Alles  daz  in  ertrich  lebt,  daz  vand 
gnad  und  miltekeit  an  mir.  Ach  und  du,  milter  herr.  gestatest 
etlichen,  von  den  der  lieb  Paulus  sait  und  su  namd  sin  valschen 
binider.  ach  herr,  daz  klag  ich,  dnz  su  in  so  grosser  grimmkeit  sich 

2<>  gen  mir  bewisent,  als  du,  herr,  wol  weist  und  es  offenbar  gnftg 
ist.  Ach,  milter  herr,  daz  sich  an  und  ergezz  mich  sin  mit  dir 
i^elben  I  ^ 

Do  er  ein  g&t  wili  sin  herz  also  mit  got  erk&lte,   do  kom  er 
neiswi  in  ein  stilles  ruwli  und  luht  im  in  von  got  also:    „din  kint- 

2':}  Hchu  rehnuug,  die  du  hast  gen  mir  getan,  kunt  da  von,  daz  du  nit 
alle  zit  eben  war  nimst  dez  geliten  Cristus  worten  und  wisen.  Du 
solt  wiissen.  daz  got  nit  von  dir  gnüget  eins  gütigen  herzen,  daz  du 
hast,  er  wil  noh  me  von  dir,  er  wil  daz  och:  wenn  du  von  ieman 
wirst  mit  Worten  ald  wisen  berlich  gehandelt,  daz  du  daz  nit  allein 

Hü  gedulteklich  lidest.  du  mfist  dir  selb  als  gar  under  gan,  daz  du  nit 
gangest  schlafen,  c  daz  du  hin  zfi  dinen  widersachen  komest  und 
daz  du,  als  verr  es  denn  muglich  ist,  ire  wütiges  herz  machest 
riiwig  mit  dinen  süssen,  demütigen  [37 ""j  worten  und  geberden;  wan 
mit  sölicher  senftmütigen  demut   benimest  du  in  swcrt   und   messer 

1  daz   n.   m.   —   "2  daz    ich  fehlt   K  ü   lieswer   F         7   da]   daz   Sa 

9  trurigen  SPA'         10  f.  gütlich  dar  nach  3/  IH  milten  fehlt  S        18  von  — 

19  ich  fehlt   M        naradj    mante   A^    mciiide  P        29  Idaz]    nit   S         31  hin 
fehft  SM 

Ht.    Vfjl.  Rnm.  J:.\lö.  18  IJ  Kor,  11,'.6:  Gal.  :JJ. 


86  Leben  Scuses.    Kap.  XXJX. 

und  machest  su  unmehtig  iu  ir  schalkheit.  Sih^  dis  ist  der  alte 
volkomen  weg,  den  der  lieb  Cristus  lert  siu  junger,  do  er  sprach: 
^Iftgent,  ich  send  ü  als  du  scheflü  under  die  wolfe."  Do  der  diener 
zu  im  selb  kom,  do  duht  in  dise  volkomen  rat  ze  mülich,  und  waz 
ime  swer,  dur  na  ze  betrahten,  und  noh  vil  swerer  ze  ervolgene.  5 
Und  doh  gab  er  sich  dar  in  und  begond  es  lernen. 

Es  geschah  einest  dur  na,  do  hate  ein  leybrftder.  der  waz  ein 
suter,  vil  übermütklich  mit  im  geredet  und  berlich   missboten.     Do 
sweig  er  vil   gedulteklich   und  wolte  es   da   mit   gnüg   hau   lassen 
gesin.     Do  ward  er  von  innen  vermant,  er  müsti  noh  baz' tön.    Do  10 
ze  abent  wart  und  der  selb  brüder  in  dem  siechhus  ass,  do  gie  der 
diener   für   daz    siechhus   stan    warten,    wenn    der    eonvers   her   us 
giengi.     Und  neiswen,  do  er  her  us  koni,  do  viel  der  diener  für  in 
und  sprach  mit  demutigem  flehene:  „eya,  lieber  tugenthaftiger  vater. 
erent  got  an  mir  armen,   und  hab   ich  ü  betrübet,   so  vergend  mirs  15 
luterlich  dur  got!"     Der  brftder  gestund  still  und  sah  uf  mit  wunder 
und  sprach  mit  einer  hüwlender   stimme:    „wafen!   wes   begand   ir 
Wunders?   Ir  getatent   mir   doch  nie   kein    leid,    als  wenig  als  den 
andren;  ich  hau  üch  berlich  betrübt  mit  minen  schalkhaften  worten. 
ir  sond  mirs  vergeben,  daz  bit  ich."     Und  alsus  ward  sin  lierz  «re-  20 
stillet  und  kom  ze  fridc. 

Ze  aineni  male  do  er  ob  tisch  sass  in  dem  ^^asthus,  do  niisse- 
bote  im  es  ein  briider  mit  schalklicher  rede.  Do  kert  er  sieh  g(  11 
ime  vil  gütlich  und  lachet  in  ane,  als  ob  er  im  etwas  sunders  kleine- 
des  heti  geben.  Des  wart  der  brüder  in  sieh  selb  geschlagen,  daz  25 
er  gesweig  und  sin  antlüt  och  gütlich  her  wider  gen  im  kerte.  Dis 
seit  der  brüder  nah  inbiss  in  der  stat  und  sprach:  „ich  bin  hüt  als 
berlich  ob  tisch  geschendet,  als  ich  ie  ward:  do  ich  es  dem  diener 
ob  tisch  berlich  missbot,  do  neigte  er  sin  antlüt  vil  süsseklich  gen 
mir,  daz  ich  schamrot  ward;  und  daz  bild  sol  mir  iemer  gfit  sini"   K> 


4  Volk.]  nocli  koineii  F  t-ar  ze  lu.  M  o  dur  lui  swer«  r  ftldi  A^ 
G  lernen]  liden  .1/  0  hau  nachf/eiroffeti  A,  fcUh  SKM  10  sin  sV  iiincni  A 
13  kom]  g-ien«.-  6'  14  tu^enthafter  SFMA'  15  mir>J  mir  KM  U\  >\m\\  P 
der  i^cst.  M  17  hinvcUeudrr  S  18  wunder  S  don]  dir  ,S  2n  mir  M 
es  mir  A^  verii.  durch  got  A'  dez  M  ich  üch  >Sl'  2'-\  aber  aiu  ^in 
brüdrr  J/  24  f.  ain  sunder  klainet  h.  geg-ebiMi.  Do  wart  M  25  ib-r  l»nider! 
er  JI        27  f.  ob  tisch  als  brrlich  M 

'^  Lii/c.   Idyi.  12  cunverse,  coiiversus  ^r-r  Laicnhntdn-. 


Lt'ben  Seuses.     Kap.  XXX.  87 

XXX.  Kapitel. 
Wie  er  von  lldenne  eins  niales  kam  uf  den  tod. 

Es  geschah  ze  einer  zit,  daz  im  in  neiswi  menger  naht,  so  er 
erst  U88  dem  schlaflFe  uf  schrak^  —  do  vie  neiswaz  in  im  ze  an 
5  vahene  den  salmen  von  unsers  herren  marter:  Dens,  Deus  mens, 
respice  in  me;  [38 "^J  den  salmen  sprach  der  eilend  Cristns,  do  er 
an  dem  galgen  des  crüzes  in  sinen  nöten  von  dem  hinielschen  vater 
und  von  menlich  gelassen  waz.  Ab  disem  emzigen  insprechene,  so 
er  erst  erwachete,  erschrak  er  übel  und  vort  ime.     Er  ruft  zu   im 

jo  an  daz  krüz  mit  bitterlichen  trehen  und  sprach  also:  „owe,  min  herr 
und  min  got,  sol  und  miiss  ich  aber  ein  nüwes  krüzgen  mit  dir 
erliden,  so  ere  dinen  reinen  unschuldigen  tod  an  mir  armen,  und 
bis  mit  mir  und  hilf  mir  alles  min  liden  überwinden!"  Üo  daz  krüz 
kam.  als  im  vor  waz  gesin,    do  begonden  im  ungchürü   liden,    von 

1.5  den  hie  nit  ze  sagen  ist,  vil  vast  wahsen  und  von  tag  ze  tag  meren 
und  wurden  ze  jungst  als  gross,  daz  sü  ersuchten  den  kranken  man 
doch  als  gnote,  daz  sü  in  brahteu  uf  den  jüngsten  puncten  sins 
lebens.  Wan  do  er  eins  abendes  ussrent  des  conventes  was  nider 
an  sin  bet  gegangen  rüwen,   do  hindergie   in   ein   kraftlosi,    daz   in 

L>o  duhte,  daz  im  von  ainaht  wSlti  gebresten  und  daz  er  iez  miisti  aller 
ding  vergan.  Er  gelag  also  stille,  daz  sich  kein  ader  an  sineni  lip 
riürte.  Do  dis  innen  ward  ein  gctruwer  gütherziger  mensche,  der 
sin  do  pflag,  den  er  zft  got  hate  gezogen  und  in  vil  sur  erarnet 
hate,  do  lüf  er  dar  mit  leid  und  bitterkeit  und  greif  im  uf  sin  herz. 

25  daz  er  markti,  ob  kein  leben  noh  da  werc.  Do  waz  es  gelegen, 
daz  es  sich  als  wenig  rfirte  als  in  einem  toten  menschen.  Des  sank 
er  nider  von  grossem  leide  und  hüb  an  mit  nidergiessenden  trehen 
und  jemerlichcr  klag  und  sprach  also:  „owe,  got,  des  edlen  herzen, 
daz  dich,  minneklicher  got,   so  minneklich  mengen  tag   hat  in    inie 

:M)  getragen,  daz  dich  so  Instlich  mengem  wiselosem  menschen  trostlieh 
hat  usgesproelien  mit  Worten  und  scrift  in  allen  landen,  wie  ist  daz 

3  daz  man  im  K  ueiswi  fehlt  6'  4  f.  ze  anfechtende  S  7  dciu 
him.]  sinem  ö'  valer  fehlt  K  9  so  erschrak  M  11  aber]  iemer  S 
12  reinen  fehlt  v  IB  wahsen  (und|  A'  18  uzwendi^  6'  usser  M  19  Jicrt- 
liu  P  20  aniaht I  iiumaht  P  anduhto  ili  -V  22  tu',  wurden  dCi  getruwen  kalt- 
herzigen menschen,  du  sin  do  i)fia«j:en,  (hi  . .  si (24»  die  lüfen  dar grift'cn 

....  (25)  si  luarkden (26)  snnken  si  n (27)  und  ir  ainü  [hiil»]  au  M 

5  P.S.  :J1. 


^8  Leben  Senscs.    Kap.  XXX. 

lünalit  vergangen I  Wcl  ein  übel  mer  daz  ist,  daz  daz  edel  herz 
sol  fuleu,  und  daz  es  nit  noh  vil  lenger  got  ze  lobe  und  mengem 
raenschen  ze  trost  solte  leben!"  Und  alsus  mit  erbermklicher  klag 
und  mit  weinenden  ogen  neigte  er  sich  ie  dar  und  greif  im  uf  daz 
herz  und  gen  dem  munde  und  an  die  arme,  ob  er  noh  lepti  oder  tod  5 
weri.  Do  waz  kein  bewegde  da ;  daz  antlüt  war  ime  erbleichet,  sin 
mund  erswarzet  und  ellü  lebliehi  waz  da  hin  als  eines  toten  menschen, 
den  man  uf  die  bare  hat  geleit.  Daz  werete  wol  als  lang,  daz  man 
under  danneu  weri  ein  mil  weges  gegangen. 

Sines  geistes  gegen wurf,  [SS""]  under  daunen   do  er  also  ver-  10 
gangen  lag,  waz  nit  anders  denn  got  und  gotheit,  war  und  warheit 
na  ewiger  ins  webender  einikeit;  wol  geschah  daz.   e  daz  er  begöndi 
also  vast  swachen  und  von  im  selber  komen.     Do  vie  er  an  neiswi 
in  im   selben  ze  einkoscne  mit  got  und   sprach   also:   „ach,   ewigii 
warheit,    dero   tieffü   abgruntlichkeit   ist   verborgen   allen   creaturen,  15 
ich  din  armer  diener  versieh  mich,  daz  es  nu  ein  ende  sie  umb  mich, 
dem  min  vergangnu  kraft  glich  tttt.    Nu  red  ich  iez  an  miner  jüngsten 
hinvart   mit  dir,   gewaltiger   herr,   dem   nieman  liegen   noh   triegen 
kan,   wnn  dir  ellü   ding  offenbar  sint;   so  weist  du   alleine,   wie   es 
zwischen  dir  und  mir  stat.     Hier  umbe  such  ich  din  gnade,  getrüwer  20 
himelscher  vater,   und  wa  ich  ie  keinen  usbruch  han  getan  in  kein 
unglichheit  uss  der  nehsten  warheit,  ach  got,   daz  ist  mir  leid   und 
rüwet  mich  von  allem  minem  herzen,  und  bite  dich,  daz  du  daz  mit 
dinem  kostboren  blüt  verdiigest  nah  diner  gnade  und  miner  noturft. 
Gedenk,  daz  ich  daz  rein  unschuldig  blüt  han  alle  min  tage  mit  lob  25 
und  wirdekeit  höh  erhaben,  als  verr  ich  mohte.    und  daz  mftss  mir 
nu    au    tniner  jüngsten  hinvart   alle   min   sünde  ab  wescheu.     Eya, 
knüwent   nider,   daz   beger   ich,    alle   heiligen    und   sunderlich    min 
gnediger  herr  sant  Niclaus;  hütend  üwer  hend  uf  und  helfent  mir 

2  nocli  nit  SM  3  sol  M  erbarmbertziger  JP  erbarmherzlicbiT  M 
4  naiyton  .si  ...  i^rift'eii  M  i>  wol  ain  inil  wegz  war  g.  M  12  inswenben- 
(ler  A  ins\v«'nk«'ii(ler  S  12  f.  also  vast  beguiul  M  17  verganiiü  A  18  mit 
dir  fchU  AS  20  mir  und  dir  .1/  21  gegen  dir  ban  g.  A^  25  «redenkest  S 
29  irnc«!.  milter  b.  KM 

22  iiuirlicbbeit  dem  lateinischen  äissimilitudo  (Au(/..  Couf.  VIJ,  10:  in 
i'tfjfionc  diss'imih'tudinis I  nachgchildei  ^^  Entfernung  ron  Gott.  S.  fiuch  lldew 
K.  7  Anfnnfi  und  Heinrich  ron  Xördlinfffn,  bei  Strauch^  Martj.  Kbner  LH,  22, 
29  St.  Nikolaus,  am  Bodensce  viel  verehrt,  war  auch  Patron  des  Konstanter 
J'redigerhlosters :  doch  wurde  er  iilterhaujtt  als  Helfer  in  Not  und  Bedrängnis 
angerufen. 


Leben  Sense«.    Kap.  XXX.  89 

den  herren  biteii  umb  ein  gut  ende  I  Ach  reinü,  zartü,  miltü  muter 
Maria^  büt  mir  hüt  din  hant,  din  gnedigen  band,  und  an  diser 
jüngsten  stunde  enpfah  min  sei  uf  gnade  in  dinen  schirm,  wan  du 
bist  mins  herzen  trost  und  fröde  alleine.  Ach,  frow  und  mAter  minü^ 
5  in  manus  tuas  comroendo  spiritum  meum,  in  din  hende,  in 
din  gnedigen  hende  bevil  ich  hinaht  minen  geist.  Eya,  lieben  engel, 
gedenkent,  daz  min  herz  lachete  alle  min  tag,  so  ich  üch  nüwan 
horte  nemmen,  und  wie  dik  ir  mir  in  minem  eilende  hend  himelsch 
tVüd  geraachet  und  mich  heind  vor  den  vienden  behütet;  eya,  zarten 

In  ireist,  nu  get  es  mir  nu  erst  an  min  jüngsten  not  imd  bedarf  hilfe, 
eya.  nu  helfent  und  schirment  mich  vor  dem  grulichen  anblik  miner 
rienden,  der  bösen  geisten !  Ach,  herr  von  himelrich,  ich  loben  dich, 
daz  du  mir  nu  an  minem  tode  ein  so  reht  gfit  bescheiden  ende  und 
bekantnust  hast  verlüwen.  und  var  nu  von  hinnen  mitt  ganzem  cristam 

lö  globen  ane  allen  zwifel  und  ane  alle  vort,  und  vergib  allen  [39 'J 
den.  die  mir  ie  kein  leid  getaten.  als  du  vergebe  an  dem  criice 
den.  die  dich  toten.  Herr,  herr,  din  götlicher  fronlicham,  den  ich 
hüt  in  der  mess  enpfie.  wie  krank  ich  waz,  der  müss  min  behüter 
und   min   beleiter   sin   hin   zA    dinem   götlichen    antlüt.      Und    min 

*in  jüngstes  biten,  daz  ich  nu  tun  an  minem  ende,  ach  zarter  herr  von 
himelrich,  daz  get  über  minü  liebü  geistlichü  kind,  du  sich  mit 
sundren  trüwen  ald  mit  bihte  fruntlich  in  disem  eilend  zA  mir  hein 
keret.  Ach,  erbarmherzige  Cristus,  als  du  an  dinem  jüngsten  hin- 
seheidene  din  lieben  junger  dinem  himelschen  vater  mit  trüwen  beviel, 

*25  in  der  selben  minne  sien  sü  dir  bevoln,  daz  du  in  och  ein  gftt  heilig 
ende  verübest.  Nu  nim  ich  einen  lidigen  abker  von  allen  creaturen, 
und  ker  mich  hin  zft  der  blossen  gotheit  in  den  ersten  Ursprung  der 
ewigen  selikeit." 

Do  er  also  dis  und  derley  neiswi  vil  in  im  selben  geeinredete, 

3n  (\o  entgie  er  im  selb  und  kam  in  die  swachheit,  von  der  geseit  ist. 

1  zart«'  reine  K  luiltn  fehlt  *S  2  hend  ....  lieml  6'  din  giied. 
band  fehlt  M  :i  schirm]  .schriu  AS  5  in  din  hende  fehlt  M  7  daz  mir 
luin  KM  U)  nii  erst  fehlt  ,s  14  verli'ihen  PA^  verlihen  SKM  15  und 
[an»*l    s  17   h(?rr   [herr]    6'         19   heleiterj   behalter   S         dinem]    dem  K 

21  liehu  fehlt  SMA'  22  f.  [liein]  «rekeret  M  24  mit  trfiwen  fehlt  M 
hevelchte  SA"^  bcfnlht  .1/  eupfelcht  K  25  sfi  fehlt  M  heilijf  gut  FM 
21  f.  [der]  ewiger  sei.  .1/        29  iroredete  P        rK)  von  diT]  (h>  von  jP 

5  Ps.  3(t,(i :  Luk.  23,46:  auch  hn  kirchlichen  Abendgebet  (Komplet: 
in  mrinus  tuas.  domine  de j  und  in  den  Sterbegeheten  gebraucht,  16  Luk. 

^3,34.  23  f.  Joh,  ir,ifß\ 


,^^m 


90  L«>^>en  Seu»eö.    Kap.  XXXI. 

Do  er  und  eiidrü  menschen  wanden,  er  sölte  vergangen  sin,  dar  na 
neiswen  do  kom  er  wider  zu  im  selb,  daz  erstorben  herz  begond 
wider  leblich  werden  und  du  krenkü  gelider  wider  zft  in  selber  kernen, 
nnd  genas,  daz  er  ward  wider  lebende  als  ie  von  erst. 


XXXI.  Kapitel.  .5 

Wie  eiu  mensch  sin  liden  in  lobricher  wise  sol  got  wider  iif 

tragen. 

Üo  der  lidende  diener  disen  langwirigen  kämpf  mit  tiefer  be- 
trabtung  binderdahte  und  och  gotes  verborgnü  wunder  dar  inne  an 
sab,  do  kert  er  sich  eins  males  zu  got  mit  einem  inneclicben  süfzen  lo 
und  sprach  also:  „ach  zarter  berr,  disü  vor  genantü  liden  du  fiint 
uswendig  an  ze  sehene  als  die  scharpfen  dorne,  die  dur  Heisch  und 
bein  tringent;  dar  umbe,  /arter  herr,  so  lass  usser  den  scharpfen 
dornen  dero  liden  etwas  süsser  fruht  us  dringen  einer  guter  lere, 
daz  wir  erbetseligö  menschen  dest  gedultklicber  liden  und  unser  liden  15 
in  gotes  lob  dest  baz  kunnin  uf  tragen.^ 

Do  er  dis  neiswi  vil   zites  von   got  hat    begert  ernschlicb,    do 
geschah  eins  males,   daz  er  neiswi  ward  verzuKet  in  sich  und  über 
sich  selb,    und  in   entsunkenheit  der   sinnen    ward   in    im   sir/eküch 
gesprochen  also:  „ich  wil  dir  hüt  erzögen  den  hohen  adel  niins  lidons,  20 
und  wie  ein  lidender  mensch  sol    sin    liden   in   lobricher  wise   dem 
minneklichen  gote  wider  uf  tragen.'^     Von  disen  süzzen  ingesproehnen 
Worten  zerfloss  im  sin  sele  in  sinem  übe,  und  in  der  Vergangenheit 
der  sinnen  l^d""]  von  grundloser  volli  sines  herzen  do  zerspreiten  sich 
neiswi  die  arm  siner  sele  in  du  witen  ende  der  weit  in  himeln  und  25 
in  erde,  und  danket  und  lobte  got   mit  einr  grundlosen    herzklieh(Mi 
begirde  und  sprach  also:   ..herr,  ich  han  dich  unz  her  in  niinen  ge 
dihten  gelopt  mit  allem  dem,  daz  histlich  ald  minneklich  mag  gesin 
in  allen  creaturen.    Eya,  aber  nu  so  mnss  ich  aber  frölieh  uf  bivoluMi 
mit  einem  nüwen  reyen  und  selzenen  lobe,   daz  ich  nieme  (Mk:in(U',  :>(> 
denne  daz  es  mir  uu    bekant  ist  worden  in  dem   lidene.      Ind    da/ 
ist  also:  loh  beger  von  niins  herzen  grundlosen  nl)gnnule.   daz  clh'i 


5  lider  .1/          <>  loldidnT  3/         ufj  in  A'  S  So  jA'yP  laiikwiiirii  .1/ 

V>  liindenl.  fehlf   S         15  daz]    dar  ASPMA^  arlx'it    Miiiix    lideiidii    in.    M 

17  hrtt    ^(^n    liot    b.    .1/         10  wart  nriswic    K  21   l(d)]ichcr    .1/         27    iinz] 

liis  M         27  1.  in  niincni  ix^W\\\  M         M   rs|  er  P        «-rkant   J* 


Leben  öeuscs«.    Kap.  XXXI.  91* 

du  lideu  und  leid,  du  ich  ie  geleid^  uud  dar  zu  aller  herzen  we- 
tändes  herzleid,  aller  wunden  smerzen,  aller  siechen  abzen,  aller 
trurigen  geniüten  säfzen,  aller  weinenden  ogen  trehen,  aller  vertrukter 
menschen  verschmeht,  aller  armer  dürftigen  witwen  und  weisen  ge- 
5  bresten,  aller  tnrstiger  und  hungriger  menschen  törre  mangel,  aller 
martrer  vergossen  blüt,  aller  frölicher  blander  Jugend  willen  brechen, 
aller  gottesfründen  wetftnden  Übungen  und  ellü  du  verborgnu  und 
offenbarü  liden  und  leid,  du  ich  ald  ie  kein  erbetseliger  lidender 
mensch  ie  gewan  an  IIb,  an  gut,  an  eren,  an  frinden  ald  an  unmüt. 

10  ald  daz  hein  mensch  iemer  me  erliden  sol  unz  an  den  jüngsten  tag. 
daz  dir  daz  sie  ein  ewiges  lob,  himelscher  vater,  und  dinem  ein- 
bornen  lidenden  sune  ein  ewigü  ere  von  ewan  ze  ewan.  Und  ich, 
din  armer  diener,  beger  hüte  aller  lidender  menschen,  die  vil  liht 
iren  liden  nit  kondan  rehte  tön  mit  gedultigem  dankberen  gotes  lobe. 

15  der  getrtwer  fürweser  beger  ich  sin,  daz  ich  dir  irü  liden  an  ire 
stat  hüt  loblich  uf  trage,  in  weler  wise  sü  geliten  hein,  und  opfren 
dir  es  an  ire  stat,  als  ob  ich  selbe  daz  alles  sament  nah  mines  herzen 
wünsch  an  minem  Hb  und  herzen  allein  erliten  heti,  und  büt  ez  hüt 
ut*  an  ire  stat  dinem  einbornen  lidenden  sune,  daz  er  eweklich  dur 

20  von  gelopt  werde  und  du  lidenden  menschen  getröstet  werden,  sü 
sien  noh  hie  in  disem  jamertal  ald  an  enr  weit  in  dinem  gevvalt. 

^,0  ir  ellü  mit  mir  lidendü  menschen,  sehent  mich  an  und  losent. 
waz  ich  ü  sag :  wir  ermü  gelider  süllen  uns  trösten  und  fröwen  ünsers 
wirdigen  hoptes,  daz  ist  dez  minneklichen  einbornen  sunes,  des,  der 

2.5  uns  vor  geliten  hat  und  uf  ertrich  nie  [40 ']  gftten  tag  gewan,  Lügent, 
und  weri  in  einem  armen  geschlehte  nüwan  ein  richer  werder  man. 
daz  geschieht  alles  froweti  sich  sin.  Ach,  wirdiges  hopt  unser  aller 
lidcr,  bis  uns  gnedig,  und  wa  uns  gebristet  rehtcr  gednltekeit  in 
keiner  widerwertikeit  von  menschlicher   krankheit,   daz  volbring  du 

'6ii  gen  dinem  lieben  himelschen  vater!  Gedenk,  daz  du  einest  ze  hilf 
kem  eim  dinem  diener;  do  er  wolte  in  lidene  verzagt  sin,  do  sprechd 
du  zu  ime:  „gehab  dich  wol  und  lüg  mich  ane!  Ich  waz  edel  und 
arm,  ich  waz  zart  und  eilend,  und  waz  uss  allen  f roden  gebor n  uud 
waz  doch  vol  lidens."  Hier  umbe  wir,  dez  keiserlichen  herren  framen 

36  riter,   erzagen    nit,    wir,   dez   wirdigen   vorgengers   edlen   nahvolger. 


2  schinrrz  S        (5  froIicher  fehlt  -S'        5)  cre  ö'        13  armer  lideiulcr  d.  M 
14  irii  M        15  dir]  «liirch  P        23  amieii  lidor  31        frowen  u.  tr.  P        24  des 
der]  do  der  A'        25  erlitten  M        28  in  —  29  krankheit  fehlt  P        30  liobeu 
fehlt  A' 


'92  Leben  Seuses.     Kap.  XXXI. 

gehaben  uns  wol  und  liden  uit  ungern !  Wan  weri  nit  anders  nuzzes 
noch  gutes  an  lidene,  wan  allein,  daz  wir  dem  schönen  klaren  Spiegel 
•Cristus  so  vil  dest  glicher  werden,  es  weri  wol  angeleit.  Mich  dunket 
eins  in  der  warheit:  ob  joch  got  glichen  Ion  wölti  geben  den  lidenden 
und  den  nit  lidenden  nah  diseni  lebenc,  ji^ewenich,  wir  soltin  dennoch  5 
den  lidendeu  teil  uf  nemen  allein  durch  der  glichheit  willen,  wan 
lieb  glichet  und  hüldet  sich  liebe,  wa  es  kau  ald  mag. 

„Eya,  mit  waz  baltheit  geturren  aber  wir  uns  dez  an  nemen, 
daz  wir  dir  mit  ünserm  lidene  glich  sfilen  werden,  edelr  herrV  Owe, 
liden  und  liden,  wie  bist  du  so  gar  unglich!  Herr,  herr,  du  bist  10 
allein  der  lider,  der  lidene  mit  schulden  ursach  nie  gegab;  owe,  wer 
ist  aber  der,  der  sich  des  nmge  gesten,  daz  er  lidene  nie  kein  ursach 
hab  geben?  Wan  waz  er  einend  ane  schulde  der  lidenden  Sachen, 
so  hat  er  andrent  daz  busswirdig  was.  Hier  umbe  so  sezzen  wir 
uns,  ich  meine  ellü  du  lidenden  menschen,  du  ie  geliten,  zu  einem  15 
grossen  witen  ringe  umb  und  umb,  und  sezzen  dich,  zarter  truter 
unschuldiger  bftle,  enmiten  under  uns  in  den  ring  dero  selben  liden- 
den menschen,  und  zerspreiten  unser  turstigen  adren  wit  uf  ginende 
von  grosser  begirde  gen  dir,  usklinglender  gnadenricher  brunne. 
Lügent  wunder!  Daz  ertrich,  daz  aller  meist  von  türri  zerschrunden  20 
ist,  daz  enphahet  aller  meist  dez  nassen  regens  sturmige  flüsse,  und 
so  wir  gebresthaftigÄ  menschen  dir  ieme  schuldiger  [40^]  sien  worden, 
so  wir  ieme  mit  ufgezertem  herzen  dich  in  uns  schliessen  und  wellen, 
als  din  götlicher  mund  selb  hat  gesprochen:  wem  lieb,  wem  leid, 
<lar  din  lidenden  hintrieflfenden  wunden  geweschen  und  aller  ding  20 
unschuldig  werden  aller  missetat,  von  dem  du  ewiges  lob  und  ere 
solt  von  uns  haben  und  wir  gnade  von  dir  enpfahen,  wan  in  diner 
gewaltigen  vermügentheit  wirt  ellü  unglichheit  abgeleit." 

Do  der  diener  ein  göt  wili  also  stillr  gesasse,  uuz  daz  sich  dis 
alles  in  der  innigosten  inwendikeit  siner  sele  mit  gi-ossem  ernst  ge-  30 
offenbaret  liate,  do  stfind  er  frSlich  uf  und  dankete  got  siner  gnaden. 

2  daron  schonen  KA^  schonen  fehlt  M  4  ;^^ot  joch  1*  i\  der)  «les  A' 
7  hnldetl  hihh't  A^  liebe]  lieber  K  wa|  wan  iV  8  niit|  in  ASP  ge- 
waltkait    M         aber    muh   an    neniinen    M  9   mit    und    siner  liden    (!)   M 

1)  lierr  10  herr  (erstes)  fehlt  M  U  mit  seh.]  noch  schnld  M  IS  ehiet- 
halh  ,y  14  anderthalb  S  17  buhe  r  18  uf]  und  K  19  uskliuirondiT 
MA^  ^uadlicher    M         21    [stürmi^e]    ein    gcflüsse   F   sturmi^ßfen    Huzz    M 

22  schuldiir  -^  25  [hin]  triet!".  M  27  trinich-u  K  29  unz|  hi>  a.S''  und 
ASA'        :U)  iuniirosten  A'Ä/^  S 


Loben  Seiises.     Kap.  XXXII.  93'- 


XXXll.  Kapitel. 

Wa  mite  got  ergezzet  lu  der  zlt  einen  lidendeu  menschen 

sines  lidens. 

An  dem  frölichen  ostertag,  do  waz  dem  diener  eines  male» 
5  gar  huglich  /.e  mAte,  und  gesass  also  na  gewonheit  an  sinem  rüwlin. 
Do  begert  er  von  gote  ze  wussenne,  waz  ergezzunge  dfi  menschen 
in  diser  zit  von  got  söltin  enpfahen,  du  dur  in  menigvalteklich  hetin 
geilten.  Und  in  enr  entsunkenheit  luht  im  in  von  got  also:  fröwent 
uch  wol  gemüteklich,  ellu  lidendu  gelassnu  menschen,   wan  ire  ge- 

10  daltekeit  sol  herlich  gelopt  werden,  und  als  sii  hie  sind  vil  menschen 
ze  erbarmen  worden,  also  wirt  sich  eweklich  menger  mensch  frowent 
in  got  ire  wirdigen  lobes  und  ewiger  eren.  Sü  sind  mit  mir  erstorben, 
sü  son  och  mit  mir  frölich  erstan.  Drie  sunder  gaben  wil  ich  in 
geben^  die  sind  als  wirdig,  daz  sü  nieman  kan   geschezzen.     Einii 

15  ist:  ich  wil  in  geben  wiinsches  gewalt  in  himeln  und  in  ertrich,  daz 
alles,  daz  sü  iemer  gewunschent,  daz  daz  geschiht.  Daz  ander:  ich 
wil  in  mitien  götlichen  frid  geben,  den  weder  engel  noch  tüfel  noch 
mensch  noch  kein  creatur  mag  nemen.  Daz  dritist:  ich  wil  sü  als 
inneklich  durküssen  und  als  minneklich  umbvahen,  daz  ich  sü  und 

20  sü  ich,  und  wir  zwei  ein  einiges  ein  iemer  me  eweklich  sülin  hüben. 
Und  wan  langes  beiten  unrüwigen  herzen  we  tftt,  so  sol  für  dis  gegen- 
würtiges  stündli  eins  einigen  ogenblikes  lang  dis  liep  nit  gesparet 
werden,  denn  nu  an  vahen  und  es  eweklich  niessen,  als  verr  es  denn 
die  tddemlich  menscheit  nach  eins  ieklichen  gelegenheit   minr   und 

25  me  mag  erliden. 

Diser  frölichen  mcren  waz  der  diener  fro,  und  do  er  ztt  im 
selber  kom,  [41 ']  do  sprang  er  uf  und  ward  inneklich  lachende,  daz 
es  in  der  kapell,  da  er  inne  waz,  lute  erhal;  und  sprach  frölich  in 
im  selben  also:  „der  gellten  hab,  der  gang  her  für  und  klage!    Weiss 

2  menschen  fehlt  S  4  (lera|  ainem  KMa  8  erlitten  .V  enr] 
einer  S  9  gelassnu  fehlt  K  10  herzlich  M  11  men^er  m.  ewenklich  IS 
mensch  fehlt  M  15  himelrich  VM  16  d.  ander  ist  M  18  i^enemen  KA^ 
^eneramen  M  ist  fehlt  S  19  minn.]  inneklich  iS  20  sü  mich  SK 
21  biten  M  uiirnwigem  3/  für  J.  28  nu]  im  M  27  do  —  uf 
fMt  M 

15  Wunsches  j|rcwalt   (optio  omniuvi)        Vermögen   alles  Heil   und  Segen 
ßu  schaffen  (Lehrer  111,997):  vgl.  Jak,  Grimm,  Mythol.  i^  H-^ff- 
19  f.    Vgl.  Joh.  17,  n—QS. 


•94  Leben  Scuses.    Kap.  XXXJI. 

got,  ich  versprich  .mich  selb  wol,  daz  mich  des  dunket,  daz  ich  nie 
liden  gewunni  uf  ertrich;  ich  enweiss  uit,  waz  liden  ist,  ich  weiss 
wol,  waz  wüune  und  fr5d  ist:  Wunsches  gewalt  ist  mir  geben,  dez 
menig  veriertes  herz  müss  manglen,  waz  wil  ich  me?" 

Dar  na  kert  er   sich   mit  siner  vernünftekeit  zft   der  ewigen    f 
warheit  und  sprach  also:  i,ach  ewigü  warheit,  nu  bewise  mich  diser 
verborgnen  togenheit,  als  verr  man  es  den  gew6rten  mag;  du  war- 
lieit  mengem  blinden  menschen  so  gar  unkund^ist.^     Dez   ward   er 
von   innen  bewiset  also:   liig,  dien  menschen,  dien  reht  beschiht  in 
dem  durpruch,   den  ein  mensch  vor  an  hin  müss  nemen   mit  einem  k 
entsinkene  im  selben  und  allen  dingen,   dero  doch  nit  vil  ist,   dero 
^in  und  müt  sind  als  gar  vergangen  in  got^  daz  sä  neiswi  umb  sich 
selber  nüt  wüssen,  denn  sich  und  ellü  ding  ze  nemene  in  ire  ersten 
Ursprünge.     Und  dar  umbe  hein  sä  als  grossen  iust  und  wolgevallen 
in  einem  ieklichen  dinge,  daz  got  tAt,  als  ob  sin  got  lidig  und  müssig  ic 
atande  und  es  inen  na  ire  sinne  hab  geben  us  ze  würken.    Und  also 
in  diser  wise  gewännent  sä  Wunsches   gewalt   in   in   selb,   wan   in 
•dienent  himel  und  erde  und  in  sind  gehorsam  alle  creaturen  in  dem, 
daz  ein  iekliches  tut,  daz  es  tut,  oder  lat,  daz  es  lat.    Und  sölichü 
menschen  enpfindent  nit  leid  von  herzen  in  keinen  dingen ;  wan  daz  2( 
-heiss  ich  leid  und  liden  von  herzen,  daz  der  wille  mit  wolbedahter 
bescheidenheit  wölti  erlassen  sin.     Wan  nah  dem    ussern  ze  redene 
so  hein  su   empfinden  wol    und  we  als  ander  läte,   und   tringet  in 
etwen  naher  denn  andren  von  ire  entgrobten  Zartheit,  es  enhat  aber 
da  inne  nit  stat  ze  belibene,  und  nach  dem  ussein  so  blibent  sä  vest  2c 
vor  ungehabtkeit.     Sn  werdent  hie  äberges<ist,   als  verr  es  mäglicb 
ist,  von  ire  selbs  entgangenheit,  daz  ire  frod  ganz  und  stet  wirt  in 
allen  dingen ;  wan  in  dem  gütlichen  wesene,  da  sich  ire  herzen  band 
vergangen,  ob   in  reht  ist  beschehen,   enhat  leid   kein  stat  noh  be- 
trübde,  sunder  frid  und  fröd.     Als  vil   dich  nu  eigne   gebrest  [41^]  :k 
hin  zühet,  daz  du  sunde  tost,  da  von  billich  leid  und  betinibt  kumet 
einem  ieklichen  menschen,  der  si  übet,  als  vil  gebrist  dir  noh  diser 
selikeit;   als  vil  du  aber  sund  midest  und   dir  selben   dar  innc   us 


6  lind  warheit    fehlt   A^         9  dem    meusclien   dem  M         10  durch- 

brechen  ili  12  ninne  6'  0:1x1  fehlt  S  13  enwissen  3/  IG  ireu  sinneu  M 
«gegeben  M  20  in]  von  S  in  keinen  wei>-  und  dingen  .V  21  volbedahter  M 
23  enpfunden  kSPK  25  so  fehlt  PA^  26  vor]  not  (!)  M  liie  vverd.  si  M 
28  da]  daz  ^M         32  menschen  fehlt  KA^         33  f.  uf  gast   A' 

31  f.    Vgl,   Whn.  ^,9. 


Leben  Seuses.    Kap.  XXXII.  95 

^ast  und  in  daz  vergast,  da  du  noh  leid  noh  swarheit  luaht  haben, 
denne  daz  dir  leid  nit  leid  ist  und  dir  liden  nit  liden  ist,  daz  dir 
ellu  ding  ein  luter  frid  sind,  so  ist  dir  reht  in  der  warheit.  Und 
«laz  geschult  alles  in  der  verlornheit  des  eigen  willen ;  wan  sü  werdent 
5  von  in  selb  getriben  mit  einem  jamrigen  turste  bin  zu  dem  willen 
gotes  und  siner  gerehtikeit,  und  der  wille  gotes  smakt  in  so  wol 
und  hein  so  vil  günlichi  dar  an,  daz  alles  daz,  daz  got  über  sü 
verhenget,  daz  ist  in  so  lustlich,  daz  sü  nit  anders  enwellen  noh 
begerent.     Daz   sol  man   nüt  also  versten,   daz  hie  mite  dem   men- 

10  sehen  sie  abgesprochen  biten  und  beten  z&  got,  wan  gotes  wille  ist, 
daz  er  wil  gebeten  werden;  es  ist  ze  verstene  nah  dem  ordenlichen 
usgene  der  sinsheit  in  den  willen  der  hohen  gotheit,  als  geseit  ist. 
Nu  lit  aber  ein  verborgne  stoss  hier  inne,  der  mengen  men- 
schen 8t6s8ig  machet,  daz  ist  also:    „wer  weiss,"  sprechent  sü,  „ob 

15  es  gottes  wille  ist?"  Lug,  got  ist  ein  überweslichü  sacbe,  du  einem 
ieklichen  ding  inrlicher  und.  gegenwürtiger  ist,  denne  daz  ding  im 
selben  sie,  und  wider  dez  willen  kein  ding  mag  beschehen  noh  bestan 
einen  ogenblik.  Dar  umbe  müss  den  we  sin,  die  alle  zit  wider 
gotes  willen  strebent  und  ire  eigen  willen  gerne  fürtin,  ob  sü  m6htin; 

20  die  hein  frid  als  in  der  helle,  wan  sü  sind  in  betrübde  und  trurikeit 
alle  zit.  Aber  da  wider  einem  entplozten  gemüte  entwürt  got  und 
frid  alle  zit  gegenwürteklich  in  den  wi-derwertigen  dingen  als  och 
in  den  wolgevallenden,  wan  er  werlich  da  ist,  der  es  alles  tut,  der 
es  alles  ist;   wie  mag  inen  denne  der  lidend   anblik  swer  sin,    da 

25  sü  inne  got  sehent,  got  vindent,  gotes  willen  gcbruchent  und  umb 
den  iren  willen  nüt  wüssent?  Ich  wil  geswigen  alles  dez  liehtrieben 
trostes  und  himelschen  lustes,  mit  den  got  verborgenlich  sin  lidenden 
fründe  dik  uf  enthaltet.  Disü  menschen  sind  neiswi  reht  als  in  dem 
himcl[42'^]rich;    waz  in  geschiht  ald  nüt   geschiht,   waz  got  tut  in 

30  allen  sinen  creaturen  oder  nüt  tut,  daz  kumt  in  alles  zft  dem  besten. 
Und  alsus  wirt  dem  menschen,  der  wol  liden  kan,  sins  lidens  in  der 
zit  ein  teil  gelonet,  wan  er  gewinnet  frid  und  fröd  in  allen  dingen, 
und  na  dem  tod  folget  im  daz  ewig  leben.     Amen. 

2  leid  [is?t]  3/  3  sind]  yi  xV  7  dar  ione  P  11  ordenl.  fehlt  M 
12  dez  sinsli.  MA^  13  die  mengem  K  14  daz  ist  fehlt  S  16  innerklich 
u.  gegenwtirtig  M  21  f.  und  frid  fehlt  8  25  an  sehent  Ä'  27  siner  M 
28  ufenthaltent  K  reht  fehlt  M  31  kau  liden  M  32  wol  gel.  ein 
mil  M        33  amen  fehlt  PM 

29  f.    I  'gl  Rom,  i^.^ö. 


96  Leben  SeiiHCs.     Kap.  XXXIII. 


Zweiter  1  eil 

Hie  vahet  au  daz  ander  teil  dLss  ersten  bäclies. 

XXXIII.  Kapitel. 

Ton  dez  dieners  gelschllchen  tohter. 

Confide   filia!     Es  was   in   den   selben   ziten   dez   diener.s,    o 
von  dem  geseit  ist,   ein  geischlichu   tohter  bredier  ordens  in   einem 
beschlossen  klostcr  ze  Tozze.   dii  hiess  Elsbet   Staglin  mid    hate 
einen  vil  heiligen  wandet  von  ussnan  und  ein  eugelschliches  gemüt 
von  innen.    Der  edle  ker,  den  si  nam  zft  gote  mit  herzen  und  sele. 
was  so  kreftig,  daz  ir  enpfielen  alle  üpig  Sachen,  da  niit  sich  menger  lo 
mensch  sumet   siner  ewigen   selikeit.     Alle   ir  fliz  waz  stellen   nah 
geischlicher  lere,  mit  der  si  mohte  gewiset  werden  zu  einem  seligen 
volkomen  lebene,  dar  na  elh'i  ir  begirde  rang.     Si  scrcib  an,  wa  ir 
ut  lustliches  werden   mohte,   daz  si   und  endru   menschen   gefürdren 
mohte  zu  götlichen  tugenden.    Si  tet  als  du  gewirbigu  l)inlu.  du  daz  15 
süss  hong  uss  den  menigvaltigen  blflmen  in  tragent. 


2  Ubtrarhrift  fehlt  P  dissj  dcsz  KM  7  tozze  teilweise  radiert  A 
toHse  S  tose  A'  tezze  A^  Elisabet  S'  KlHahct  stei»»eiiiii  A^  11  st^Uent  M 
14  f.  zii  gotl.  tu^.  nach  werden  inoht«  M  daz  -  -  1.')  mohte  fehlt  P  15  <laz 
si  tet  M        rcht  als  >y         16  deiil  .lein  M 


5    Matth.   *J,:<i2.  7    Töss,    Dotiiinikancrinneukhstrr.   südwestlich   von 

Winterthur  am  J^'Iusm  2'öas  (jeU(jeu ,  1^3:i  mit  Hilft  der  Kyburgtr  Grqf'cn 
(jey rundet,  gdaiujte  bald  zu  grosser  Bliite  und  mar  ein  ilnnptsit:  des  mysti- 
schen Lebens.  Es  trurde  J5:Jö  row  Züricher  Rat  aufgehoben  und  ist  jetzt 
Fabrik.  Ton  d^r  Literatur  ist  besonders  beachtenswert  Greiths  Aufsatz  in 
Kath.  SehwcizerbWter  1860,  (JöJ/.  13}  f.  cii^y  fj\  und  H.  Sulzer,  Das  Domini- 
kanerinncnkloster  Töss,  1.  Teil:  (beschichte.  Mit  1:J  Textillustrationen  und 
4  Tafeln,  Zürich  1903,  4:^  S.  4"  (=  Mitteilungen  der  autitjuarischen  Gesell- 
schaft in  Zürich  XX  V'I,  :Ji.  —  Kl.sl)ctli  Staffel  oder  Stagflin,  Seu.ses  begabte 
geistliche  Freundin,  von  der  schon  in  der  Vorrede  der  Vita  die  Bede  war. 
stammt  aus  angesehenrr  Zürielier  Ji'amilie  (ihr  Vater  Rudolf  irar  Rat^herrj. 
trat  wohl  in  den  dreissiger  Jahren  des  14.  Jh.  zu  Tnss  ein,  wurde  um  1337  mit 


1d  dem  kloeter,  da  si  woiiete  nnder  den  swöatran  als  ein  Spiegel 

aller  lügenden,   do  braht  si   zft  mit  irem   kranken  libe  ein  vil  gft( 

btich;  da  Btet  an  under  andren  dingen  von  den  vergangnen  faeiligeo 

Bw&stran,  wie  selklich  die  leptan  und  vraz  grosses  Wunders  got  mil 

.']  in  wnrkte,  daz  ril  reizlich  ist  ze  andaht  gfttberzigen  menschen. 

Du  selig  tohter  gewan  kuntsami  dez  dieners  der  ewigen  wis- 
heit:  z6  dez  leben  und  lere  ward  &i  von  gote  mit  grossem  andabl 
gctriben.  Si  zoh  im  us  verborgenlich  die  wise  sines  durpruchcB  zft 
gote  nnd  sereib  es  an,  als  es  da  vor  und  hie  na  etet  gescbribcn. 

U)  In   irem    ersten    anevang  wurden   ir   ingetragen   von    neiswem 

hohe  und  veinünltlg  sinne,  die  vil  überswenk  waren:  von  der  blossen 
gotheit,  von  aller  dingen  nihtkeit,  von  sin  selbs  in  daz  [42*]  niht 
gelassenheit,  von  aller  bilden  bildlosekeit  und  von  derley  sinnen, 
die   mit  8ch6nen  Worten   bedaht  waren  und   dem   menschen   lust  in 

lö  trbgen.  Es  lag  aber  etwas  verborgen  schaden  da  hinder  einvaltigcn 
und  anvahenden  menschen,  wan  im  gebrast  alzemal  notnrftiges 
nnderschaides.  daz  man  du  wort  mohte  hin  und  her  ziehen  uf  geist 
nnd  uf  natur,  wie  der  mensch  gemftt  waz.  Disu  lere  waz  gfit  in 
Ire,  nnd  kond  im  aber  doch  nit  gettin.     Si  sereib  dem  dieuer,   daz 

20  er  ir  dar  inne  ze  staten  kerne  und  si  uf  den  rehten  weg  wisti. 
Jedoch  hat  si  des  vordren  lustes  in  der  selben  lere  geliket  und  dar 
umbe  meiude  si,  daz  er  grob  lere  underwegen  liessi  und  ir  von  den 
vordren  hohen  sinnen  etwas  sehribi. 


1  ei  fehlt  M  3  verj:.!  vor  genauteu  P  8  im)  in  M  (iie  Sbigeo 
vfia  aiiix  durbr,  M  9  t,'e»chr.  aiät  M  10  f.  von  najawl  hohen  a.  Temünf- 
tigCQ  sinnen  P  12  in]  Bin  M  15  verborgene  Schadens  M  16  uiBQgchen 
fthlt  M        -Jl  erlücket  i*  gellchet  ^>        33  hohcu  /ehlt  AS 

State  bekannt  und  »tarh  um  1360  (imch  andern  schon  e.  133V).  Vgl.  äbvraie: 
Preger  II,  365—69-  K,  Vattr,  Ein  Myalikarpaar  des  U.  Jh.  {E.  Slagel  und 
SmseK  Basel  1802  /=  Offmtl.  VoHriige  gehalten  in  der  Sehvtie  VI,  13).  Ihr 
Werk  -  sie  ist  die  trste  SehriftsttUirin  Zürichs,  vgl.  B'ichtold,  Literatur 
guchichtt  der  Sehvreis  16S2,  213  ff.  —  sind  uaitsef  dem  Grundstock  von  A'eutea 
Vila  und  der  Sammlung  »eintr  Briefe  (Gr  Bfbi  die  oben  erwähnltn  Lebens» 
btschrciliunyen  der  Schmestern  von  Töas,  welclit  Mu  den  besten  Produkten  ditstr 
Oatlung  gehören  und  tcokt  schon  vor  ihrem  Sekannluierden  mil  Seuse  begonnen 
Uiurden.  Bis  vor  kureem  Ufarm  nur  Aussäge  davon  fctt  JHurer  u.  Greith 
gedruckt:  eint  vollständige  kritische  Ausgabe  von  F,  Vetter  erschien  1S06 
f=  Deutsche  Tejie  das  Mittelaltere,  hrsg.  ron  der  Freuss.  Akademie  Bd.  VI). 
6  Vgl.  Prolog  der   Viia   (T,öß:i.  lü  ff.  Aus  der  Lehre  Meister  Eck- 

harls.   dit   Settsf    im  folijmden   einer   treffenden    Kritik   uiitenvirfl  .•    vgl.    auch 
lieniße  im  Archiv  II.  i-::7  f. 

a.  Ssntc.  Dtuuche  äcLcirieo.  7 


98  Leben  Seiises.    Kap.  XXXIII. 

Der  diener  screib  ir  hin  wider  also:  „gütü  tohter,  fragest  da 
mich  von  den  hohen  Sachen  uss  wunder,  uf  daz  daz  es  dir  bekant 
werd  und  daz  du  kunnist  von  dem  geist  wol  reden,  so  han  ich  dir 
schier  dar  us  berihtet  mit  kurzen  worten.  Dez  darfst  du  dich  aber 
nit  vil  fröwen,  wan  du  mäht  dur  mit  in  einen  schedlichen  iergang  5 
komen.  Rehtü  selikeit  lit  nüt  an  schönen  worten,  si  lit  an  göten 
werken.  Fragest  du  aber  nah  den  dingen  dur  ein  lebliches  ervolgen, 
80  la  die  hohen  fragen  noch  underwegen  und  nim  söiich  fragen  her 
für,  die  dir  gemesse  sind.  Du  schinest  noh  ein  jungü  ungeüptü 
swöster,  dar  urabe  dir  und  dinen  glichen  ist  nüzzer  ze  wiissene  von  lo 
dem  ersten  begin,  wie  man  sül  an  vahen,  und  von  übigem  lebene 
und  guten  heiligen  bilden,  wie  diser  und  der  gotesfründ,  die  och 
einen  götlichen  anvang  baten,  wie  sich  die  des  ersten  mit  Cristus 
leben  und  lidene  üptin,  waz  sü  eblich  erliddin  und  wie  sü  sich  von 
innen  und  von  ussnan  hieltin,  ob  sü  got  dur  süssekeit  ald  dur  herti-  15 
keit  zugi,  und  wenn  ald  wie  in  du  bild  ab  vielin.  Sich,  da  mit 
wirt  ein  anvahender  mensch  gereizet  und  gewiset,  fürbaz  in  daz 
nebst  ze  komen,  wie  daz  sie,  daz  got  dis  alles  m&hti  dem  menschen 
in  einem  ogenblik  geben;  daz  pfligt  er  aber  nit  ze  tüne,  es  möss 
gemeinlich  erstritten  und  [43']  ererbeit  werden.  20 

Du  tohter  screib  im  hin  wider  also:  „min  begird  stat  nüt  na 
klfigen  Worten,  si  stat  na  heiligem  lebene,  und  daz  hau  ich  müt, 
reht  und  redlich  ze  ervolgene,  wie  we  daz  iemer  mag  getün,  es  sie 
miden,  es  sie  liden  oder  sterben  oder  waz  daz  ist,  daz  mich  zu  dem 
nehsten  mag  bringen;  daz  müss  volhertet  werden.  Und  erzagent  25 
nüt  ab  miner  kranken  nature:  was  ir  geturrent  heissen,  daz  der 
natur  we  tut,  daz  getar  ich  ervolgen  mit  hilfe  der  götlichen  kraft. 
Vahent  dez  ersten  an  bi  dem  nidresten  und  wisent  hin  durch,  als 
man  ein  junges  schftlerli  dez  ersten  leret,  daz  zu  der  kintheit  höret, 
und  es  aber  und  aber  fürbaz  wiset,  unz  es  selber  wirt  ein  meister  :J(> 
der  künsten.  Ein  einig  bet  han  ich  zu  üch,  der  sond  ir  mich  ge- 
weren  dur  got,  dar  umbe  daz  ich  nit  allein  gewiset  werde  von  üch, 
mer  daz   ich    och   gesterket  werde  in   aller  widerwertikeit,    du  mir 


2  von  —  3  werd  fehlt  J»  4  bedarfst  M  aber  fMt  M  7  löb- 
liches P  8  sol.  [fragen]  M  11  übigem]  iibungeu  M  übiiigeu  P  14  ebel- 
klicb  M  16  ald  wie]  ad  wie  A  imd  wie  M  17  ain  vaheiider  m.  K 
18  niohti  fehlt  S       dem]  den  AA^       24  liden  . . .  miden  P       32  werd  gewiset  M 

3  geist,  vgl.  oben  83,  14  Jf\  18  daz  nebst  ==  die  höchste  Stufe  der 
Vollkommenheit. 


I  mag;."  Erfraget,  waz  da  bet  weri,  St  sprach: 
„lierr,  ich  han  gehöret  sagen,  daz  der  pellicsDUS  s6lieher  natur  sie, 
daz  er  in  eich  selben  bisset  und  sinn  jungii  kind  in  dem  neste  von 


veterlicher  miniio  mit  sinei 
i  mein  ich,   daz  ir  ze  glicher  wi 
tiigent  und  mit  geischlicüer  spi 


iigen  blät  spiset,  Acfa  herr,  und  da 
'ise  also  mir,  üwerm  luretigeo  kinde, 
ise  üwer  gftter  lere  f'ftrent,  und  nit  ze 
verr  ei^chent,  denn  daz  ir  üch  selb  nahe  grit'ent;  wan  so  es  üh  ie 
neher  ist  gewesen  in  usgewürkter  wise,  so  es  ie  enpfenkliclier  ist 
miner  bedingen  seie." 

Der  diener  gcraib  ir  hin  wider  also:  „du  zogtest  mir  nn  knrz- 
lieh  neiswaz  äherswcnker  sinnen,  die  du  dir  selb  batest  iisgelesen 
HS8  der  süssen  lere  dez  heiligen  maister  Eghards,  daz  du,  als 
billicb  ist.  so  zärtlich  handledest;  und  bin  in  grossem  wunder,  daz 
du  na  so  edelm  tränke  dez  hohen  meisters  dich  als  turstig  erzögest 
nn  des  klaiuen  dieners  grobem  trank.  Aber  so  ich  es  rcht  an  sihe, 
so  spür  ich  mit  fruden  din  grossen  wizze  in  der  saeb,  daz  du  als 
gewirbig  bist  mit  fragen,  wie  der  erst  anvaug  sie  eins  hohen  siebern 
lebens,  ald  mit  welen  Übungen  ein  mensch  dez  ersten  sül  dur  zD 
komeu." 


a^,  XXXIV.  Kapitel. 

Von  dem  ersten  begin  «Ins  anraheudeu  menschen. 

„Der  anvang  eins  heiligen  lebens,  tohter,  der  ist  misslich:  ainer 
sus,  der  ander  [43']  so.  Aber  dem  anvang,  dem  du  na  fragest, 
Ton  dem  wil  ich  dir  sagen.  Ich  weiss  einen  menschen  in  Cristo, 
•2b  do  der  an  vieng,  do  rurade  er  des  ersten  siner  geivusni  mit  einer 
ganzen  bihte  und  waz  do  alle  sin  Sizz,  wie  er  der  bibt  reht  gctete, 
daz  er  alle  sin  missetat  einem  wolbescheiden  bihter  für  leti,  dar 
umbe  daz  er  von  dem  bibter,  der  an  gotes  stat  da  sizzet,  daz  er 
von  dem  tnter  und  rein  giengi  und  im  alle  sin  sönd  vergeben  wenn. 


2  pellic]  venix  (!)  M  3  in  dem  nest*  fehlt  M  4  velerl.]  natur- 
li(^he^  M  5  (also)  mir  tiigent  als  öw.  t.  k.  S  6  öwer)  und  P  7  ir] 
ich  M  10  wider]  wiher  A  10  f.  hfirzlioh  fehlt  M  II  iiaisweun  M 
15  klainen  ftkll  K        18  erster  A        «lur  zS]  zfl  dir  SA'        29  werfent  S 

3  ff.  Vgl.  F.  LaueheH,  Gctck.  des  Pbytiologu»  lb89,  8,  170,  311 :  Konrad 
von  Megmberff,  Buch  der  Natur  eä,  P/eifftr  'JiO:  der  „Schtrar^wäld^  Prediger' 
(13.  Jh.)  bH  Griathaber,  De.ilsehe.  Predigten  I  flS44f,  lO'i.  2ö  Vgl.  oben 
Kap.  16  (43,  IS  f.). 


100  Leben  Senses.    Kap.  XXXIV. 

als  Marien  Magdalennn  beachah,  do  si  Gristus  mit  ruwigem 
herzen  und  weinenden  ogen  sin  g6tlicb  ffiss  wusch,  und  ir  got  alle 
ir  sünd  vei^b.  Daz  wat  des  selben  menschen  erster  anvang 
zft  gote." 

Dis  bilde  nam  du  tohter  vil  eben  in  ir  herze,  nnd  wolt  im  5 
geswind  genflg  sin  und  viel  mit  begirde  dar  uf,  daz  ir  der  selb 
diener  dar  zu  der  best  weri,  daz  si  ime  ir  biht  teti,  und  meinde 
och  dar  inne,  daz  si  von  der  biht  wegen  sin  geischlichu  tohter 
wurdi  und  im  dest  baz  in  götlichen  trüwen  beroln  weri.  Nu  lagen 
die  Sachen  also,  daz  du  bifate  nit  moht  mit  Worten  beschehen.  Do  ]0 
nam  si  alles  ir  leben  her  für,  daz  in  der  warheit  rein  und  luter 
waz,  und  wa  si  sich  ie  hate  nach  irem  sinne  verschuldet,  daz  screib 
si  an  an  ein  gross  wehsin  tavel,  und  sand  im  die  also  beschlossen  und 
bat  in,  daz  er  ir  aplass  sprechi  über  ir  sünde*  Do  er  die  bibttavel 
US  gelass,  do  stund  ze  hindrest  dar  an  also:  „min  gnediger  herr,  15 
nu  vall  ich  sündiger  mensch  für  üwer  fasse  und  bit  üch,  daz  ir  mit 
üwerm  minnerichem  herzen  mich  widerbringent  in  daz  gdtlich  herz, 
und  daz  ich  üwer  kind  heisse  in  zit  und  in  ewikeit.^  Ab  der  tohter 
wolgetrüwendem  andaht  ward  er  herzklich  bewegt  und  kerte  sich  zft 
gote  und  sprach  also:  „erbarmherziger  got,  waz  sol  ich,  diu  diener,  20 
hier  zft  sprechen?  Sol  ich  si  von  mir  stossen?  Herr,  daz  möhti  ich 
einem  hündlin  nit  getftn;  herr,  teti  ich  daz,  daz  stündi  vil  liht  dir, 
minem  herren,  übel.  Si  sucht  die  richheit  dez  herren  in  sinem  knehte. 
Eya,  zarter  herr  raine,  nu  vall  ich  mit  ir  für  din  tugenthafften  füsse, 
milter  got,  und  bite  dich,  daz  du  si  erhörest.  Lasse  si  geniessen  25 
ire  gftten  globen,  ire  herzklichen  getrüwens,  wan  si  scriet  uns  na. 
Wie  tete  du  der  heidinn?  Ach  miltes  herz,  Iftg,  din  gi-undlosü  milte- 
keit  ist  uns  als  herzklich  vil  genimet,  und  weri  es  noh  vil  me,  du 
soltist  es  vergeben.  [44']  Eya,  miltü  miltekeit,  ker  dinü  miltü  ogen 
zft  ir,  sprich  ein  einiges  wörtli  zft  ir,  sprich  also:  Confide  filia,  30 


2  und  mit  M  5  eben  war  *S'  8  geischl.J  gotliche  K  13  an  [an] 
MA^  14  er  [ir]  M  sünde]  schulde  S  19  hertzenandaht  K  21  herr 
fehlt  M       29  vil  miltü  m.  3/        30  und  sprich  e.  e.  trostlichz  w.  M 

1  ff.  Luk.  7,  37  ff.  4ä,  10  Elsheth  Slagd  war  zu  Töss,  Seuse  wahr- 

scheinlich  in  Konstanz.  13  Wachstaftln  wurden  im  Mitttlalter  noch  lange^ 

namentlich  für  Niederschriften  von  vorübergehender  Bedeutung^  mitunter  auch 
zu  Briefen  verwendet :  vgl.  Wattenbach,  Das  Schrifhcesen  im  Mittelalter  '  1896 f 
81  ff.;  Michael,    Gesch.   des  deutschen   Volkes  III  {1903),  3f  26  f.    Vgl. 

Matth.  lö,  22  ff.  die  Erzählung  vom  kananäischen  Weibe.  30  f.  Matth.  9.22. 


fides  tua  te  salvain  l'ecit,  din  gQte  glob  hat  dich  behalten,  nnil 
hab  68  Btet  an  rniner  slat,  wan  ich  hau  daz  miu  getan  und  ban  ir 
gewünHchet  ganzen  aphis  aller  ir  BÜDden." 

Er  Bchraib  ir  bi  dem  selben  boten  bin  wider  also:  „daz  du 
5  begert  hast  von  gote  dur  den  diener,  daz  ist  beechehen,  und  solt 
wuBseii,  daz  es  im  alles  vorhin  von  got  erzSget  ward.  Dez  selben 
morgens  frft  waz  er  nah  einem  gebete  nider  gesessen  in  ein  stilles 
1-üwli,  und  in  einr  Vergangenheit  der  ussren  sinnen  was  im  vur  vil 
der  götliclien  logoi.     linder  dem  andern  ward  im  neiswi  ingeliihtet, 

10  wie  got  die  engclschlichen  nature  heti  gesundert  in  ire  förmilicher 
wise,  und  wie  er  iekliohem  also  sin  sunderiiebeu  eigt^^nscfaaft  nah 
sanderlicher  ordeulicher  nagescheidenheit  heti  geben,  daz  er  nit  kan 
geworfen.  Do  er  ein  gßt  will  mit  den  eugelscb liehen  junglingen 
himelseh   kürzwil   hat   gehabt   und   im   sin   gemüle  fr&Hch  war.  von 

15  dem  übei-flnssigen  wunder,  daz  sin  scle  befanden  hate,  do  waz  im 
vor  in  der  selben  gesihte,  wie  dn  kemist  in  gende  für  iti  stan,  da  er 
sass  under  dem  engelsohliohen  gesinde,  und  mit  grossem  ernst  knü- 
wetast  du  nider  für  in  und  neigtast  din  autInt  eben  uf  sin  herz,  und 
knAwetast  also  mit  dinem  geneigten  antliit  uf  sinem  heiv.en  ein  gOt 

20  wil,  daz  es  die  bistenden  engel  au  sahen.  Also  nam  der  hröder 
wunder  ab  diner  getürstekeit.  und  doeh  do  stand  es  dir  als  beilkücb 
am-,  daz  er  es  dir  gütlich  geetatet,  Waz  dir  da  uf  dem  eilenden 
herzen  genciget  der  himelsch  vater  gnaden  teti.  daz  weist  du  vil 
wol,  nnd  man  sah  es  an  dir;    wan  nah   einer  göten  wüe  rihtest  du 

2B  dich  nf,  —  do  ward  din  antlöt  so  frölich  und  so  gnadenricli  gestalt, 
daz  man  es  kuntlich  brufen  mohte.  daz  dir  got  neiswas  sunder 
gnaden  hat  getan  und  noh  tun  wil  dur  daz  selb  herze,  also  daz  got 
dur  von  gelupt  und  du  getröstet  wii-st." 


3  fielt»«  hat  die  Beicht  iiaitt  kofiekl  nicht  als  iiakramtiitah  atifgefasst, 
aondent  nur  als  eint  Art  „  fftmHtentrtcheMtchaft"  i  Deuißi  14S  A.  3) :  er  sendtt 
ihr  dämm  nicht  die  Abtolalioii,  sondern  teiliuehl  lie  nur.  Eintm  abieesinden 
Prir*ter  schriftlich  in  beichttn  hat  Thomas  ron  Aquin  veruritill  (S.  Th.  6'ttpi)l. 
q.  9  a.  3)    und  Papst  Kttmens    VIII  1003   als   anffültig  vmcor/m   (Daatittgur, 

Enchiridion  symholorum  '  169il  n.  M'3}.-  vgl.  .fchanM,  Snkramenlunlthr»  1833,  583. 
10 ff.    Naeh   rf«f  Lnhre   des   Thomas  van  Agmn    (S.  Th.  I  q.  6ua.  4:   vgl. 

Lekhart  3TH,  3iif.)  bildet  jtdrs  Engdindiriilmim  sugleich  eine  ei/jene  Engtl- 
apsdes:    vgl.   SchesUn,   Handbuch   dtr   ktilli.    lJ<igm>ilik    II   flbTSK  .>e/.    und 

Denifie  i«  At-chio  II,  437  A.  1. 


102  Leben  Seuses.    Kap.  XXXIV. 

Dez  selben  glich  etwas  bescfaah  do  och  einer  götlichen  person, 
du  waz  ein  edlü  jungfrow  uf  einer  bürg  und  hiess  Anna,  und  waz 
och  alles  ir  leben  ein  luter  liden.  Mit  der  wurkte  got  sinü  grössü 
wunder  von  jugent  uf  unz  an  ir  tod.  E  daz  du  [44^]  den  diener 
erkandi  ald  von  im  ie  üt  heti  gehöret,  do  si  ainest  an  ir  andaht  5 
verzuket  waz,  do  sah  sie,  wie  in  dem  himelschen  hofe  die  heiligen 
got  schowent  und  lobent.  Do  begert  si  von  irem  lieben  herren  und 
boten  sant  Johansen,  zu  dem  si  sunder  gnad  hate,  daz  er  ir  biht 
horte.  Do  sprach  er  vil  gutlich  zfi  ire :  ^ich  wil  dir  geben  ein  guten 
bihter  an  miner  stat,  dem  hat  got  ganzen  gewalt  über  dich  geben,  la 
und  er  kan  dich  wol  trösten  in  dinem  manigvaltigen  lidene.^  Si 
fraget  in,  wer  der  weri,  ald  wa,  ald  wie  er  hiessi.  Des  ward  si 
alles  von  im  bewiset.  Si  dankte  got  und  hüb  sich  mornent  frfi  uf 
und  kom  hin  zu  dem  kloster,  da  si  hin  von  gote  gewiset  waz,  und 
fraget  im  na.  Er  kam  zfi  ir  an  die  port  und  fraget  si,  waz  ir  Sachen  15 
werin.  Si  hfib  an  und  seite  und  bihtet  ime,  und  do  er  horte  die 
götlichen  botschaft,  do  Hess  er  es  zfi  gan  und  rihte  si  us. 

Du  selb  heiligä  tofater  seit  ime,  daz  si  eins  males  heti  gesehen 
in  dem  geiste  einen  schönen  rosbom  wol  gezieret  mit  roten  rosen, 
und  uf  dem  rosbome  erschein  daz  kindli  JESUS  mit  einem  roten  20 
rosenschapelin.  Under  dem  rosbom  sah  si  sizzen  den  diener.  Daz 
kindli  brach  der  rosen  vil  abe  und  warf  si  denne  uf  den  diener, 
daz  er  zemal  mit  roten  rosen  bezetet  ward.  Do  si  daz  kindli  fragte, 
waz  die  rosen  bezeichetin,  do  sprach  es:  „die  mengi  dero  rosen  daz 
sind  du  mengvaltigü  liden,  du  im  got  wil  zu  senden,  du  er  fiüntlich  25 
von  got  sol  enphahen  und  sü  gedulteklich  liden." 


1  beschach  im  do  M  von  ainer  g.  p.  MA^  geistlichen  P  5  von 
im  nach  heti  M  7  irem]  ünserm  A^  7  f.  und  boten  fehlt  M  10  f.  geben 
über  dich  und  der  M  12  der]  er  SP  14  [hin]  v.  gote  M  20  dem  roten 
rosbom  (!)  M  20  f.  roterrosen  seh.  A  rotroselin  seh.  F  25  wil  got  M 
zÜ  fehlt  K 

2  Die  hier  genannte  Anna  ist  wohl  idtntiifvh  mit  der  in  Kap.  10  {44,14), 
aber  verschieden  von  der  in  Kap.  22  u.  37  erwähnten.  Die  Wolfenhütlhr  Hs. 
Bl.  6*7«',  die  erste  Druckausgabe  von  14b2  BL  Ö8^  und  die  zweite  von  1012 
Bl.  4ü^  haben  hier  ein  kleines  Bild:  Anna  in  der  Burg  betend.  —  J)ic  beidai 
bei  Seuse  vorkommenden  Anna  sind  wohl  nicht  zu  identifizieren  mit  der  in  einem 
Brief  Heinrichs  von  Nördlingen  (LIIj  61  i  vom,  Jahre  1348/49  genannten  Gottes- 
freundin  Anna  zu  Basel;  vgl.  Strauch,  Marg.  Ebner  389. 

8  Der  Apostel  Johannes  war  der  bevorzugte  Heilige  in  den  mystischen 
Kreisen,  besonders  der  Nonnenklöster,  aber  auch  im  Dominikanerordeyi  über- 
haupt:  vgl.  Greith  332  ff.  402:  Strauch,  Marg.  Ebner  292. 


Leben  Seuses.     Kap.  XXXV.  ]  03 


XXXV.  Kapitel. 

Ton  den  ersten  bilden  und  lere  eins  anyahenden  menschen^ 
und  wie  sin  ubunge  son  sin  mit  beseheidenheit. 

Do  der  diener  des  ersten  an  gevie  und  sich  mit  bihte  gnög 
o  bäte  geliitert,  do  machet  er  dar  na  im  selb  mit  gedenken  drie  kreiss, 
hinder  die  er  sich  in  geischlich  hüt  hate  beschlossen.  Der  erst 
kreiss  waz  sin  celle^  sin  capell  und  der  kor;  wenn  er  in  disem 
kreiss  was,  so  dufate  in,  er  weri  in  guter  Sicherheit.  Der  ander  kreiss 
was  daz  kloster  alles  ane  allein  d&  port.  Der  drit  und  der  ussrest 
lü  waz  du  porte,  und  hie  bedorft  er  guter  hütnust.  So  er  uss  disen 
drin  kreissen  kam,  so  duht  in,  im  weri  als  einem  [45']  wilden 
tierlin,  daz  usser  sinem  loch  ist  und  mit  gejegde  umbgeben  ist,  so 
bedarf  es  gftter  listen  mit  sin  selbes  hüte. 

Er  hat  im  och  do  in  sinem  anvang  ein  heinlich  stat,  ein  capell 
15  uss  erwelet,  da  er  sinem  andaht  nah  bildricher  wise  m6hti  gnüg 
sin.  Sunderlich  hat  er  im  in  siner  Jugend  heissen  gemalet  an  ein 
bermit  die  ewige  wisheit,  du  himel  und  erd  in  ir  gewalt  hat,  und 
daz  si  in  minneklicher  scbonfaeit  und  lieplicher  gestalt  ubertrifet  aller 
creaturen  Schönheit,  dar  umbe  er  si  do  in  siner  blünden  jugent  im 
20  selben  ze  einem  liep  hate  us  erkoren.  Daz  minneklich  bilde  fort  er 
mit  ime,  die  wil  er  ze  schul  für,  und  säst  es  für  sich  in  siner  celle 
venster  und  blikt  es  an  lieplich  mit  herzklicher  begirde.  Er  braht 
es  wider  bein  und  verwurkt  es  in  die  capell  mit  minneklicher 
meinunge. 

25  Waz  aber  endrü  sinü  bild  do  werin  nah  inrem  gegenwurf,  als 

es  im  und  andren  anvahenden  menschen  zu  gehöret,   daz  mag  man 


5  im  dar  nach  PM        selb  fehlt  M        10  f.  disen  kraisen  allen  drien  M 

13  list  SM        14  im  selb  M        16  in  sinen  jungen   tagen   S        malen  SPA^ 

17  hat  in  ir  g.  M  18  liplicher  S  19  si  fehlt  M  21  schulen  P  ie 
fAr  sich  M        26  anvah.  fehlt  M 

14   capell,   vgl.   oben   17,lö,  60,1,  16  ff.    Vgl.   das  Bild  der  ewigen 

Weisheit  und  die  dazu  gehörigen  Sprüche  vor  dem  Prolog  des  Exemplars, 
Von  der  Gemahlschaft  der  ewigen  Weisheit  handelt  das  dritte  Kap.  u.  Hör. 
15  ff,  21    Seuse    icurde    um    1324    an    das    Generalstudium    du-    Domini- 

kaner nach  Köln  geschickt,  wo  er  Schüler  Eckharts  war  (vgl.  Kap.  42  und 
Einleitung). 


104  Leben  Seuses.    Kap.  XXXV. 

merken  an  den  gemaleten  bilden  and  guten  Sprüchen  der  alten  veter ; 
und  dero  Bprucfa  ist  ein  teil  hie  na  geschriben,  als  sü  in  der  capell 
sind  entworfen,  und  die  sprechent  ze  tütsch  also: 

Der  altvater  sant  Arsenins  fragete  den  engel,  waz  er  sftlti 
tfin,  daz  er  behalten  wurdi.     Do  sprach  der  engel:  „du  solt  fliehen    5 
und  solt  swigen  und  dich  ze  r&w  sezzen." 

Dar  na  in  einer  gesiht  laz  der  engel  dem  diener  ab  der  alt- 
veter  buch  also :  ein  Ursprung  aller  selikeit  ist,  sich  selb  still  halten 
und  in  einikeit. 

Theodorus:  Luterlich  sich  halten  git  me  künsten  denne  vast  10 
studieren. 

Abbas  Moyses:  Sizze  in  diner  celle,  du  sol  dich  ell&  ding 
leren.  —  Halte  dinen  ussern  menschen  in  stilheit  und  den  inren  in 
luterkeit. 

Abbas  Johannes:   Der  visch  usrent  dem  wasser  und  der  15 
münch  ussrent  dem  kloster. 


4  Arsenius  auch  am  Rande  AS  8  seilikeit  A  10  ff.  die  Namen  stehen 
in  ASPKMA^  rot  am  Rand  oder  vor  den  betreffenden  Sprächen  (deren  Zuteilung 
in  einigen  Hss.  mitunter  unklar  ist,  in  andern  teilweise  abweicht)  Theod. 
abbas  AS        12  Moyses  abbas  AS        15  abbas  fehlt  AS 

1  ff.  Die  von  Seuse  öfters  genannten  und  so  hoch  geschätzten  (vgl. 
Hör.  41y  45,  116  f,  152,  172  ff.)  altveter  sind  die  Anachoreten  der  Wüste,  Das 
Altväterbuch  (VÜae  oder  Vitas  paiinim),  ein  aus  verschiedenen  Möncfis- 
geschichten  von  Athanasius,  Hieronymus,  Palladius  (Historia  Lausiaca,  vgl. 
die  Ausgabe  von  C.  Butler,  Cambridge  190 i)  und  andern  zusammengesetstes, 
nach  und  nach  immer  mehr  anschwellendes  Sammelwerk  (Ausg.  von  H.  Ros- 
weyde,  Antwerpen  1615 ;  bei  Migne  Patr.  Lat.  73  u.  74),  war  eines  der  ge- 
lesensten  Bücher  in  den  Klöstern  des  Mittelalters  (Seuse,  Hör.  116 :  collaciones 
ac  vitas  patrum,  quas  cotidie  legis  ac  relegis),  wurde  frühe  gedruckt  (vgl. 
F.  Falk,  Die  Druckkunst  im  Dienst  der  Kirche  1S79,  36,  85)  und  in  Über- 
setzungen und  Auszügen  weit  verbreitet  (poetischt  Bearbeitung  des  13.  Jh.  hrsg. 
von  Franke  1880,  1.  Heft :  ProsaausBug  in  mitteldeutschem  Dialekt  hrftg.  von 
Palm,  Lit.  Verein  72  [1863],  in  alemannischer  Mundart  [c.  1350]  von  Nebert 
in  Zfdph  1903,  371  ff.).  Seuse  hat  seine  Sprüche  aus  den  Verba  seniorum 
(apophthegmata  patrum),  bei  Rosweyde  in  lib.  III,  V — VII,  gesammelt.  Das 
AUväterbuch  galt  ihm  als  ,.nucleus  totius  perfectionis"^  (Hör.  175)  und  die 
Aht Ölungen  der  Anachoreten  sind  ihm  bis  ins  einzelne  vorbildlich  gewesen. 
1  i.  Hör.  173  f.  berichtet  Seuse  von  einer  Vision,  wie  ihm  ein  Engel  aus 
den  Vitae  patrum  vorlas:  fons  et  origo  omnium  bonorum  homini  spirituali 
est,  in  cella  jugiter  commorari  (vgl.  Migne,  Patr.  Lat.  73,  801  und  Hör.  173: 
x.uge,  tace,  quiescs :  haec  sunt  principia  salutis). 


Leben  Seases.    Kap.  XXXV.  105 

Antonius:  Liplicbu  kestung  und  berzenandabt  und  von  den 
luten  fliehen  gebirt  kinsebkeit.  —  Du  solt  enkein  kleid  tragen,  an 
dem  man  &pkeit  mug  merken.   —  Der  erst  strit  eins  anvabenden 
menseben  ist,  sieb  wider  frassbeit  kecblieb  sezzen. 
5  Pastor:  Da  ensolt  mit  keinem  menseben  zürnen,  anz  er  dir 

welle  din  rebtes  oge  us  breeben. 

Isidorus:  Ein  zorniger  menseb  ist  gote  missrellig,  wie  grössü 
zeieben  er  tut. 

[45'']  Iperieius:   Es  ist  minr  sAnde  fleiseb  essen,  so  es  ze 
10  miden  weri,  denn  sinen  nebsten  binderklafen. 

Pyor:  Es  ist  gar  b&s,  frömd  gebresten  her  für  nemen  und 
eigen  gebresten  ze  ruggen  stossen. 

Zaebarias:  Es  mfiss  ein  menseb  gross  versebmeht  liden,  sol 
im  iemer  rebt  bescheben. 
15  Nestor:  Du  mftst  vor  ze  einem  esel  werden,  solta  götlicb  wis- 

beit  besizzen. 

Senex:  Du  solt  nnbeweglieb  in  lieb  und  in  leid  stan,  als  der 
toten  bein  tut. 

Helias:  Blaiebü  varwe  und  ein  verzerter  lip  und  demütiger 
^  Wandel  zierent  wol  einen  geiseblieben  menseben. 

Hilarion:  Wan  sol  einem  ze  geilen  rosse  und  einem  un- 
künschem  libe  sines  füters  ab  breeben. 

Senex.    Ein  vater  sprach:  tfi  hin  von  mir  den  win,  wan  ein 
tod  der  sele  lit  dar  inne  verborgen. 
25  Pastor:  Der  ward  nie  ein  geiscblicher  menseb,  der  sich  nob 

klaget  und  an  zorne  und   nndergene  und  vilredc  sich  nob  nit  kan 
gelassen. 

Cassianus:  Als  sich  der  sterbend  Cristus  an  dem  erüze  be- 
wiste,  dar  nah  sol  unsrü  bewisunge  gebildet  sin. 
30  Antonius  sprach   zu  einem   brüder:   menseb,    hilf  dir  selb, 

anders  weder  ich  noch  got  wen  dir  niemer  gebelfen. 

Arsen  ins.  Ein  frowe  bat  einen  alten  vater,  der  er  ir  gedebti 
zu  got;  do  sprach  er:  „ich  bit  got,  daz  er  din  bild  usser  minem 
herzQn  verdiige." 


1   [und]   von   M         2  ensolt  kein  P         5  solt  M  11  prior  SP 

13  Zacharius  K       verschmachait  M        15  soltu  du  Ä  18  bein]  kein  (!)  M 

21  Hylarius  A'        26  [und]  von  vilr.  M       27  lassen  M  30  sprach  —  brüder 
fehlt  K       zä  einem  menschen  eime  brüder  S 

17  Senex  bedeutet  einen  mit  Namen  nicht  *bekantUen  Altvattr. 


106  Leben  Seuses.    Kap.  XXXV. 

Macharius:  Ich  tiün  minem  übe  vil  hertekeit  au,  wan  icb 
von  ime  vil  anvehtung  haD. 

Jobannes.  Ein  vater  sprach:  ich  behfib  minen  willen  nie 
noh  gelerte  nie  mit  worten,  daz  ich  selb  nit  tet  mit  werken. 

Senex:  Vil  schöner  worten  ane  werk  ist  üpig  als  der  bom, 
der  vil  lobes  treit  ane  frucht. 

Nil  US :  Swer  bi  der  weit  vil  mfiss  wandeln,  der  mflss  och 
meng  wunden  enpfahen. 

Senex:  Mugest  du  nit  anders  tfin,  so  solt  du  dur  got  diner 
Celle  hüten.  l 

Ipericius:  Der  sich  kunschklich  haltet,  der  wird  hie  geeret 
und  von  got  gekrönet. 

Apollonius:  Du  solt  dem  anvang  widerstan  und  dem  schlangen 
sins  hoptes  varen. 

Agathon.     Ein  vater  sprach:  ich  han  dru  jar  einen  stein  in  li 
minem  mund  [46']  getragen,  daz  ich  geleroeti  swigen, 

Arsenius:  Mich  hat  dik  gerüwen  reden,  aber  swigen  gerow 
mich  nie. 

Senex.  Ein  junger  fragte  einen  altvater,  wie  lang  er  swigen 
sölte:  do  sprach  er:  „unz  daz  man  dich  frage.**  21 

Sancta  Syncletices:  Wirst  du  siech,  dez  fröw  dich,  wan 
got  hat  an  dich  gedaht ;  wirst  du  krank,  daz  gib  nüt  dinem  vastene, 
wan  die  not  vastend,  die  werdent  och  siech;  wirst  du  geübet  mit  dez 
libes  anvehtunge,  fröw  dich,  daz  ein  andre  Paulus  mag  uss  dir  werden. 

Nestorius.     Ein   gute   brflder  sprach:   du   sunne  überschein  21 
mich  nie  essende. 

Johannes.     Der  ander  sprach:  noch  mich  zürnende. 

Antonius:  Die  gröst  tugent  ist:  mass  kunnen  haben  in  allen 
dingen. 

Paphnucius:  Es  hilfet  nüt  wol  an  vahen,  wan  bring  es  denn  in 
zu  ainem  guten  ende. 

Abbas  Moyses:  Waz  dich  eines  lutern  gemütes  mag  ent- 
sezzen,  daz  solt  du  miden,  wie  gut  es  schinet. 

Cassianus:  Ellü  vollkomenheit  endet  da,  wenn  du  sele  mit 
allen  iren  kreften  ist  ingenomen  in  daz  einig  ein,  daz  got  ist.  si 

7  'SihiH  fehlt  K  vil  mfisj*]  wil  müssig  M  20  daz  feldt  FM  21  sin- 
clccios  aS*  sinclerices  K  aiiklemles  (!)  .1/  24  us  dir  niügc  F  80  Pafuncius 
AFA'  Pafriiicius  3/,  fehlt  K        32  abbas  Moyses  fehlt  K 

21  Ihr  Name  lautet  sonst  Synchtica    (Miyui;,   Fatr.  Lat.  7o,  ÜVÖ  u,  o.). 
24    Vgl.  II  Kor.  IQ,  7 ff. 


Disü  bild  und  lere  der  alten  veter  sante  der  diener  siner  yeisch- 
■n  tohter,  und  si  Dam  es  in  sich  und  kerte  es  uf  den  weg,  daz 
er  raeinde  da  mite,  daz  si  nah  der  alten  veter  strenger  wise  iren 
lip  oh  mit  grosser  keetgnng  sölti  üheii,  und  vie  au,  ir  selben  ab  ze 
5  brechene  nud  sich  ze  pingen  mit  herinen  hemdem  und  mit  seilu  nnd 
^rülichen  banden,  mit  scharpfen  isninen  nageln  und  de/,  gelich  vil. 
Do  der  diener  dez  innen  ward,  do  enbot  er  ir  also:  „lii'hü 
tohter,  will  du  din  geiseblicbes  leben  nah  miner  lere  rihten,  als  du 
es  an  mich  hast  gevordret,   so  lasse   sÖlich    übrig  strenkheit  under- 

10  wegen,  wan  es  diner  frßwiichen  krankheit  und  wol  geordneten  uature 
nit  zft  gehöret,  Der  lieb  Cristits  sprach  nut:  „uement  min  krüz  uf 
üch,"  er  sprach:  „ieder  mensch  neme  sin  kruz  «f  sich!"  Du  solt 
nüt  an  sehen  ze  ervolgen  der  alten  veter  strenkheit  nob  die  herten 
übunge  dines  geischlii'hen  vaters,   da   solt   usser  dem  allen  dir  selb 

15  och  ein  valit  nemen,  daz  du  wol  niugest  emtigen  mit  dinem  kranken 
Übe,  daz  dfi  untugeud  in  dir  sterbe  und  mit  dem  Übe  lang  lebest. 
Daz  ist  ein  wirigü  iibunge  und  ist  dir  daz  beste," 

Si  begerte  von   im   ze  wüssene,   war  umhe  er  so  streng  [46') 
Übung  beti  gehabt,  und  er  daz  selb  weder  ir  noh  andren  menschen 

20  wßlti  raten,  Do  wiste  er  si  uf  die  heiligen  scrift  lind  sprach  also: 
„man  vindet  gescriben,  daz  hie  vor  ander  den  alten  vetern  ire  etlieh 
ein  unmenschlich  und  uugelobüch  strenges  lehen  fürten,  daz  ze  disen 
nüwen  ziten  etlieben  weichen  menschen  ein  gr&wel  ist  allein  dur 
von  boren  sagen;    und  merkent  nit,   waz  inbrünstiger  ernst  erzögen 

25  mag  mit  gÖtlicher  kraft  ze  tftn  und  ze  lidene  diir  got.  Einem  s6- 
lichen  inbrünstigen  menschen  werdent  ellü  nnmüglicbü  ding  mäglicb 
ze  volhringeo  in  gnte,  nls  David  seile,  er  wölte  mit  gotes  hilf  dur 
ein  gantz  mur  dringen.  Es  stat  och  an  der  nltvater  hflch  gescriben, 
daz  ire  etlieh  in  selber  sölich  gross  strenkheit  nit  an  taten,  die  doch 

:so  baide  uf  ainem   zil   enden  wollen.     Sant  Peter   und  sant  Jobans 


5  f.  und  mit  grül.  1 
fthit  K         17  würdige  P 


vil  -V        la  menacli]  man 
T  dsx  s.  M       23  grlil  U 


12  Mattli.  I6',JJ,  -20  Hitr  wie  oft  hat  (i^T  AaaürHck :  (heiliget  Schrift 

(aaera  gcrijitiira  oder  paginal  eine  viel  Weiler*  Bedintung  als  jdMt  un<{  6«- 
tekhnet  die  VättrUhre  oder  die  thtMiloffigefi*  WUtenechaß  überhaupt:  vgl. 
H.  Ftlder,  Gesehiehte  der  wiasenscbaftiührn  Studien  im  J^Vantiehnneronkn  bis 
um  die  MiUt  des  13.  Jh.  iyu4,  493ff..-  Michael,  Geschichte  da  drutuchtii 
Volkes  III  11903),  48  A.  1:  SchÖnbaeh,  Über  Hartmann  nm  Aue  IbUd.  W2U 
■26  f.    Vffl.  Phil.  4.1ä.  27  Pg.  J7,oO. 


108  Leben  Seuses.    Kap.  XXXV. 

wurden  ungelich  gezogen.  Wer  kan  na  da/,  wunder  alles  os  gerichten, 
-denn  daz  der  herr^  der  ein  wundrer  ist  in  sinen  frAnden,  und  der 
von  siner  grossen  herschaft  wegen  mit  mengerley  wisen  wil  gelopt 
werden?  Dar  zu  sien  wir  och  ungelich  genatürt:  dflz  eines  menschen 
gfite  füg  ist,  daz  füget  dem  andern  niht.  Dar  umb  sol  man  n&t  dar 
fär  haben,  ob  vil  liht  ein  mensch  sölich  strenkheit  nit  hat  gehabt, 
•dnz  er  dar  umbe  gehindert  werd,  daz  er  zfi  dem  nehsten  nit  müg 
komen.  Den  selben  weichen  menschen  sind  och  sölich  streng  Übungen 
in  andern  nit  ze  verwerfen  noch  in  arger  wise  ze  urteilen;  lüge 
allein  ieder  mensch  zu  im  selb  und  merk,  waz  got  von  im  well,  und 
sie  dem  gnüg  und  lasse  ellü  endrü  ding  beliben.  Qemeinlich  ze 
sprechen  so  ist  vil  bessrer  bescheiden  strenkheit  füren  denn  unbe- 
scheiden. Wan  aber  daz  mitel  mülich  ist  ze  findene,  so  ist  doch 
weger  enklein  dar  under  ze  hüben,  denn  sich  ze  vil  hin  über  wagen ; 
wan  es  geschiht  dik,  so  man  der  natur  ze  vil  unordenlicb  ab 
prichet,  daz  man  ir  och  dur  na  ze  vil  müss  unordenlich  wider  geben, 
wie  daz  sie,  daz  sich  hier  inne  menger  grosser  heilig  hab  übersehen 
von  inbrünstigem  ernste.  S61ich  strenges  leben  und  du  bild,  von  den 
geseit  ist,  mugen  den  menschen  nüzz  sin,  die  sieh  selber  ze  zart 
habent  und  ire  widerspenigen  natur  uf  [47']  ire  ewigen  schaden  ze 
mütwilleklich  bruchent;  daz  höret  aber  dir  und  dinen  glichen  nit  zu. 
Gott  der  hat  mengerley  crüzze,  mit  den  er  sin  fründ  kestget.  Ich 
versieh  mich  dez,  daz  dir  got  einer  anderley  krüz  well  uf  dinen 
ruggen  stossen,  daz  dir  noh  pinlicher  wirt,  denn  semlichü  kestgung 
sie;  daz  krüz  enpfah  gedulteklich,  so  es  dir  kome!" 


1  erzogen  M  3  gelopt]  geübt  -4*  7  dem]  den  M  9  in  andern 
menacheii  nit  ze  werfent  M  11  f.  am  Rande  Benihardus  AK  12  besser  SM 
ze  furen  K  13  am  Rande  In  collationibns  patruni  AK  mitel]  miden  K 
16  ze  vil  och  [dnr  na]  M  unord.  müs  PM  20  wider  spenigung  K  22  mit 
den]  da  mit  M        24  soliche  K 

2  Rs.  Ui,36.  11  ff.  VgJ.  Bern,  j  senno  3  in  drcumas.  n.  11:  hoc 
< /v/o  timendum  est  ei,  qui  tanta  ddeciatione  (sc.  in  devotionis  gratia)  omnia 
facit,  ntf  dum  sequilur  offtctionem,  corpus  destruat  per  immoderatam  eaerci» 
tationem,  ac  dtinde  ntcesse  haheai,  non  sine  magno  spiritnalis  exercitii  detH- 
mentOj  circa  debilüati  curam  corj;oris  occapuri,  Enjo  ....  necesse  est  lumine 
discretionis  . . . ;  haec  nimirum  docetj  ne  quid  nimis.  Vgl,  auch  Gw'go,  £p,  ad 
fratres  de    Monte   Bei   I,  11    (inter,   opp.    6'.    Btrft..    Venet.   1781,   III,  191). 

IB  ff.   Jo?i.  Cass. ,    CoUationis   Rat r um  II,  10,  17  Seuse  selbst   beging 

diesen  I\hler  (rgl.  Kap.  18  Schluss),  wie  ror  ihm  auch  der  /*/.  Bernhard 
(Vacandard.  Vic  de  S.  Bernard,  I  fJ69öJ  45  ß'.),  Franz  von  Assist,  Mechthild 
von  Magdeburg   (ed.  Gall.  Morel  94  f.)  n.  a. 


Dar  Dah,  do  nit  vil  ziteB  hin  kom,  do  greif  got  die  geischlicb 
tobter  an  mit  langwirigem  siechtageii,  daz  sie  wart  an  dem  übe  ein 
sieche  dürftig  unz  an  ir  tod.  Si  enbot  ime,  wie  es  ir  ergangen  waz, 
als  er  ir  vor  hate  geseit.  Er  screib  ir  bin  wider  also:  „liebü  tobter, 
ö  got  der  hat  nüt  allein  dich  dur  mit  getrofen,  er  hat  och  mich  in  dir 
gelezzet,  wan  ich  nieman  me  bab,  der  mir  mit  etlichem  ÜiBHe  und 
gätlicben  träwen  bebulfen  sie  minö  biichlü  ze  volbringen,  als  dn  tet, 
die  wil  du  gesund  werd.  Hier  umbe  bat  der  diener  got  getrnwlich 
aber  dich,  ni&hti  es  sin  wille  sin,  daz  er  dir  denne  gesuntheit  gebi. 

10  Und  do  in  got  nit  wolte  bald  erhören,  do  zurnde  er  mit  got  eines 
früntliches  zümens  und  meinde,  er  enwolte  von  dem  minneklichen 
gote  nit  me  bücblü  machen  und  wülti  och  sinen  gewonlichen  morgen- 
gT&z  underwegen  lassen  von  nnmiit,  ob  er  dich  nit  wider  gesund 
maeheti.    Do  er  also  in  der  unrfiw  sines  herzen  nider  gesase  in  der 

IQ  kapeü  nah  einer  gewonheit,  do  entsanken  im  naiswi  die  ginne  und 
ducht  in,  es  kemi  ein  engelschlicbu  schar  hin  in  für  in  in  die  kapeil; 
die  sangen  im  ze  tröste  ein  bimelsches  gesang,  wan  sü  in  do  in  der 
selben  zit  in  sunderu  liden  wüsten,  und  fragten  in,  war  umb  er  als 
trarkitch  gebareti  and  nüt  mit  in  och  eunge.     Do  verjah  er  in  sin 

20  nnordenlich  entrihtunge,  die  er  gen  dem  lieben  got  bäte,  daz  er  in 
in  der  bete  diner  gesimtbeit  nit  hat  erhuret.  Do  meinden  sü,  er 
sAlte  ab  lassen  und  sölti  nit  also  tAn,  wnn  got  heti  den  siechtagen 
über  dich  verhenget  dur  daz  aller  beste,  und  daz  sölte  din  krikz  sin 
in  diser  zit,  da  mit  du  siiltist  erwerben  gross  gnad  hie  nnd  manig- 

■23  valtigen  Ion  in  dem  himelrich.  Dar  umbe  bis  gedultig,  tobter  minü, 
nnd  nim  es  uf  allein  als  ein  fnintlicb  gäbe  von  dem  minneklichea 
gote." 

XXXVI.  Kapitel. 
[47^]  Ton  kintlichem  aiidaht  eins  jungen  anrahenden 
üQ  menscheU' 

Disü  siecbü  geischlicbü  tobter  bat  einest  den  diener,  do  er  dar 
waz  komen  und  si  gesehen  wolte  in  ire  krankheit,  daz  er  ir  etwaz 

3  sitche  dürre  iliirftige  Ä'  6  gi-strofl'et  i'  10  bald  fehlt  M  11  zoraes  S 
wütSM       14  machen  A'       SO  du:]  do  JVf       QOt:ii>[m]  PMA^       31  diafi]  die  S' 

6  ff.  Mitr  ist  wohl  nicht  die  Teihtakme  an  der  Äbfatsung  ätr  Vita  und 
des  Gr  Brfb,  sondern  das  Abschreibm  and  Verbreiten  des  Bdw  u.  Bdete  ge- 
meint. Dil-  aus  TSfs  stammtnde  Engelberger  Hk.  (AV.  U1>  dts  Itlsitren  Büch- 
leins ist  fielleicht  von  Elslitlh  gelbst  geschrirhtn.  31  f.  Naeh  TSiib. 


110  Leben  Seuses.    Kap.  XXXVI. 

Seite  von  götlichon  dingen,  du  nit  grossen  ernst  in  trugin  und  doch 
^inem  gotlichen  gemüt  lustlich  werin  ze  hören.  Und  er  seit  ir  von 
sinem  kintlichem  andaht  und  sprach  also: 

Do  der  diener  dennoch  einen  blanden  müt  hate  in  siner  jugende, 
do  hat  er  neiswi  vil  zites  ein  wise,  so  er  erst  geliess  ze  ader,  daz 
er  uf  der  selben  stunde  einen  ker  nam  zö  dem  geminten  gote  under 
daz  krüz,  und  böte  sinen  verwunten  arm  her  für  und  sprach  denne 
mit  inneklichem  süfzen:  ,,ach  herzeklicher  fründ  minr,  gedenk,  daz 
gewonlich  ist,  daz  lieb  ze  lieb  pfliget  ze  gene,  so  man  gelassen  hat 
umb  gutes  bli^t.  Nu  waist  du,  lieber  herr,  daz  ich  nit  liebes  denn 
^ich  allein  han ;  dar  umbe  kum  ich  zu  dir,  daz  du  mir  die  wunden 
segnest  und  mir  gflt  blöt  machest." 

In  den  selben  ziten  siner  Jugend,  so  er  etwen  hat  geschorn, 
und  dennoh  sin  antlät  in  schöner  ufgezünter  varwe  waz,  so  gie  er 
hin  zu  dem  schönen  herren  und  sprach:  „ach  zarter  herr,  weri  min 
gestalt  und  min  mund  als  rösloht  als  aller  roter  rosen  schin,  daz 
wölti  diu  diener  dir  behalten  und  nieman  andern  geben;  und  swie 
du  allain  daz  herz  an  sihst  und  dez  ussern  nüt  vil  ahtest,  geminter 
herr,  so  büt  dir  doch  min  herz  ein  minnezeichen,  daz  ich  dur  mite 
zft  dir  und  zu  nieman  anders  kere." 

[48']  So  er  denn  einen  nüwen  rok  ald  kapen  an  leite,  so  gie 
er  etwen  hin  dez  ersten  an  sin  gewonlich  stat  und  bat  den  himel- 
sehen  herren,  der  in  dez  kleides  beraten  hate,  daz  er  im  glukes  und 
heiles  dar  in  wunschti  und  im  hülfe,  daz  er  es  in  sinem  aller  lieb- 
sten willen  verschlissi. 

Hie  vor  in  siner  kintheit  hat  er  ein  gewonheit:  so  der  schön 
sumer  kam  und  du  zarten  blüralü  erst  entsprungend,  so  enthielt  er 
sich,  daz  er  der  blümen  nit  wolte  brechen  noh  handien  unz  an  daz 
zit,  daz  er  sin  geischliches  liep,  die  zarten  geblümten  röselochlen 
magd,  gotes  muter,  dez  ersten  gemeindi  mit  sinen  ersten  blümen. 
So  es  in  zit  duhte,  so  brach  er  der  blümen  mit  mengem  minnek- 
lichen  gedanke  und  trüg  sü  in  die  celle  und  raachete  ein  schapel 
dar  US,   und  gie  hin   in   den   kor  ald   in   unser  frowen  kapell  und 


1  von  geistlichen  dingen  oder  gotlichen  A^  2  war  M  8  herzlieber  M 
10  lieber  S  16  und  m.  mund  fehlt  M  24  dar  in  fehlt  M  27  blumlü] 
blümen  P  ernst  entspriiigent  M  30  dez  ersten  fehlt  S  gememdi  A 
sinem  MA^        31  f.  innekl.  K        32  e.  rainklich  schapel  M 

18    V'gl.  I  Kall.  16,7.  21  fl'.    Das   Glücktvünschen   und  Beschenken 

beim  Tragen   eines  neuen  Kleides  ist   noch  jetzt   in  ^Schwaben    Volksgehrauch. 


knöwcie  für  die  lieben  frowen  demütekücb,  und  saste  ir  bilde  da/ 
miDneklich   scbapei   iif  in   der  meinan^e,   wan   si  der   aller  scboiist 
bIQin  were   and  daz   si   sinee  jangeD  herzen   sunierwunne  weri.  da/, 
si  den  ersten  blüoien  von  ir  diener  uit  versmaiieti. 
ö  Eins  males  do  er  die  echunen  also  liate  gekr&net,  do  was  im 

%'or  in  einer  gesibt,  daz  der  bimel  offen  were,  nnd  sab  die  liebten 
engel  klar  uf  nnd  ab  varn  in  lichter  wat.  Also  hört  er  daz  aller 
schönet  gesang  in  dem  himelschen  hoi'e  von  dem  frolichen  ingesinde, 
daz  ie  gehöret  ward.     Sü  snngen   sunderlich   ein  gesang  von   unser 

lu  t'rowen,  daz  sprach  als  recht  süzeklich,  daz  es  sin  aele  von  grosser 
Wollust  zerfloste,  und  was  dem  glich,  daz  man  von  ir  singet  an  aller 
heiligen  tage  an  der  sequenci:  Illic;  regina  virginuui,  traus- 
cendcna  culmen  ordinum  etc..  und  ist  der  sin  dez  gesanges, 
wie  da  rein  küngin  obswebt  in  ereu  nnd  wirdekeit  allem  himelschen 

15  her.  Er  hob  och  uf  und  sang  mit  dem  himelschen  ingesinde;  siner 
sele  bleib  do  vil  hindisches  smakes  und  jamers  na  gote. 

Dar  mi  einest  do  bat  er  ze  ingendem  meyen  siner  aller  liepsten 
biraelschen  frowen  na  gewonlieit  ein  sohapcl  von  rosen  uf  gesezzet 
mit  grossem  andabt,  und  dez  selben  morgens  frfi,  won  er  neiswannen 

•20  komen  waz  und  müd  waz,  dez  wolt  er  im  selb  gnügd  an  schlafen 
han  gcstatet  und  [48']  wolt  die  jnngfrowen  ze  der  stund  nit  han 
grüzet.  Also  do  es  zit  waz  nah  siner  gewonheit  und  er  uf  solt  stan, 
do  waz  im  ze  glicher  wise,  wie  er  were  in  einem  himelschen  köre, 
und  da  sang  man  den  Magnihcat  gotes   miUer  ze  lobe.     Du  daz  us 

ü5  kam.  dt)  trat  dü  jungfrow  diTt  her  für  und  gebot  dem  brftder,  daz 
er  an  vieugi  den  vers:  0  vernalis  rosuln,  daz  sprichet:  o  du 
fines  sumerliohes  r&seti!  Er  gedabte,  waz  si  da  mite  nieiudi,  nnd 
doch  wolt  er  ir  gehorsam  stn  und  bfib  an  mit  einem  frättchen  gemüte: 
0  vernalis  rosula,  und  zehand  ire  drie  ueis  viere  jungling  des 


8  8.  herzen  jungü  s.  M  4  versiuahen  K  10  sÜKzeklich  reht  M 
■  iaiäRt.M  11  zerflosB  PJ/  12  sequeniz  M  IQ  Umelsioakx  M  2Ü  dea| 
do  M       gnSg  SM        22  gegrüzt  .^'M        'i7  suniiTrSseliti  Jlf       29  neis]  ald  K 


r  M 


12  f.  lUic  —  ordinum,  ej^citnet  np*td  Dominum,  noslrorum  laptas  crimi- 
num, i»l  eine  Strophe  des  Ht/mnus  Sapertiae  matrin  gaadia ,  rtpraaentet 
eeeUtia  (con  Adam  von  Si.  Viklor  verfaaxt) :  t'pl,  Ckevalitr,  Eepert.  hymnalog. 
Nr.l9S33  11,030/.  (IJI,S87I.-  Mone,  Lat.  Hymnen  111,10:  Daniel,  Theft. 
hymn.   V,  109.  36  Se/iuem   über   die    Antiphon  Alma   redtmpiorin   mnUr, 

vgl.  Gull  Morel,   Lai.  Hi/mneu    den  MiitelnUer»  IS6G,   139:    Chemiici   a.  a.   ü. 
jVi-,  1.1879  II,  :m: 


112  Leben  Senses.    Kap.  XXXVI. 

faimelschen  ingesiades,  daz  in  dem  köre  stand,  viengen  an  mit  im 
ze  singen,  dar  na  du  ander  schar  ellA  sament  widerstritz,  and  sungen 
so  wol  gemutklicfa,  daz  es  als  susseklich  erschal,  als  ob  ellü  Seiten* 
spil  da  erklungen;  und  den  überschal  mohte  sin  tödemlichu  natnre 
nit  lenger  liden,  und  kam  wider  zu  im  selben. 

An  dem  nehsten  tag  nah  unser  frowen  tag  Assumptio,  do  ward 
im  aber  grössu  fröd  erzöget  in  dem  himelschen  hofe,  and  wolt  man 
nieman  hin  in  dar  zu  lassen,  der  unwirdeklich  dar  keme.  Do  der 
diener  gern  heti  hin  in  gedrungen,  do  kom  ein  jungling  und  kripft 
in  mit  der  hant  und  sprach:  „gesell,  du  hörest  iez  ze  disen  ziten 
nit  hin  in;  belieb  hie  usse,  du  bist  in  schulden,  nnd  müss  vor  diu 
missetat  gebüzet  werden,  e  daz  du  daz  himelsch  gesang  magist 
hören« ^  Und  fflrt  in  neiswa  hin  einen  krumben  weg  in  ein  loch 
ander  der  erde,  daz  waz  vinster  und  waz  öde  nnd  jemerlich  gestalt. 
Er  enkonde  nob  hin  noh  her  komen  als  eine,  der  gevangen  lit,  da 
er  weder  die  sannen  nob  den  man  mag  gesehen.  Diz  tet  im  we, 
und  vie  an  ze  sAfzen  und  sich  übel  gehaben  umb  sin  gerangnust. 
Dar  na  schier  do  kom  der  jungling  zA  ime  und  fraget  in,  wie  er 
möhti.  Er  sprach:  „äbel,  übel!*'  Do  seit  im  der  jungling  also: 
„wüssist,  daz  du  obrest  fürstin  von  himelrich  ieze  mit  dir  zürnet 
umbe  die  schulde,  dar  umbe  du  och  hie  gevangen  bist  **  Der  diener 
erschrak  gar  übel  und  sprach:  „owe  mir  vil  armen!  waz  han  ich 
wider  si  getan?"  Er  sprach:  „do  zürnet  si,  daz  du  als  ungern  von 
ir  brediest  ze  ire  hohziten;  und  gester  an  [49']  irem  grossem  hohzit 
verseitest  du  diner  meisterschaft,  daz  du  nit  woltest  von  ir  bredien.**  : 
Er  sprach:  ^owe,  gesell  und  herr  mine,  lüg,  mich  dunket,  daz  si 
als  reht  grosser  eren  werd  sie,  daz  ich  mich  ze  klein  dar  zu  dunke, 
und  bevil  es  den  alten  und  den  wirdigen,  da  mich  dunket,  daz  si 
wirdeklicher  kunnin  von  ir  bredien  denn  ich  armer  mensch.**  Do 
sprach  der  jungling:  „wüssist,  daz  si  es  gern  von  dir  hat,  und  ist  : 
ir  ein  generaer  dienst  von  dir.  Dar  umb  tu  es  nit  me!"  Der  diener 
vie  an  ze  weinen   und  sprach  zu   dem  jungling:    „ach  herzklicher 


2  widerstrit  SPMA^a  3  erhal  S  5  lenger  fehlt  M  6  assump- 
tionis  Ka^  9  e.  gross  jungling  S  begreif  .S'  10  mit]  bi  SM  13  nais- 
wi  K  14  und  waz  jem.  g.  M  15  lit]  ist  A^  16  den  sunnen  n.  die 
man  S        19  übel  und  ü.  M        29  von  ir  k.  -5' 

6   AUo    am    10.   August.  15    In    einem    lieft-n    Burgverliess;   vgl, 

Lanzelot  1680:  In  einen  tum  er  in  warf^  Da  er  fnmnen  noch  den  mänen  sach 
{A.  Schultz,  Das  höfische  Lehen  I-  (I889)y  44  f.). 


Leben  Seuse«.    Kap.  XXXVI.  113 

jangling,  versun  mir  es  gen  der  reinen  mfiter,  wan  ich  geloben  dir 
bi  miner  trüwe,  daz  es  mir  nit  me  beschiht."  Der  jungling  lachete 
nnd  tröste  in  gutlich  und  ffirt  in  nsser  der  gevangnüss  wider  hein 
und  sprach:  ^ich  han  es  an  der  himelfürstin  g&tlichem  antlüt  und 
5  Worten,  die  si  hat  gen  dir,  gemerket,  daz  si  wil,  und  hat  iren  zorn 
gen  dir  ab  gelan  und  wil  iemer  mfiterlich  trüwe  gen  dir  han." 

Er  hate  do  ein  gewonheit,  so  er  uss  der  celle  hin  ab  gie  ald 

hin  wider  uf,  daz  er  gewonlich  sinen  weg  machete  dur  den  kor  für 

daz  sacrament,  und  gedaht  also:  swer  einen  herzklichen  fr&nt  ienc 

10  nf  siner  Strasse  hat,  der  machet  sinen  weg  gern  enklein  dest  lenger 

dur  eins  lieplichen  erkosens  willen. 

Ein  mensch  begerte  einer  vasnaht  von  gote,  wan  er  si  von 
keiner  creatur  haben  wolte.  Und  in  einer  entgangenheit  siner  sinnen 
do  waz  im  vor,  wie  der  lieb  Cristus  kemi   in  gende  in  der  gestalt, 

15  als  do  er  XXXjerig  waz;  und  meinde,  er  wölte  im  sin  begirde  er- 
füllen und  ein  himelsch  vasnaht  machen,  und  nam  einen  becher 
mit  wine  in  die  band  und  bot  in  den  drin  menschen,  du  och  da 
Sassen  ob  tische,  einer  nah  der  andren.  Du  erst  seig  da  nider  kraft- 
los, du  ander  ward  och  enklein  swach,  aber  du  drit  ahtet  sin  niht. 

20  Und  seit  im  do  den  underscheid  eins  anvahenden,  zünemenden  und 
volkomen  menschen,  wie  sich  die  misslich  haltent  in  götlicher 
süssekeit. 

Mit  disem  und  derley  götlicheu  kosene  nam  du  red  ein  ende. 
Si  screib  es  alles  an  heinlich  und  sante  es  neiswa  hin  ze  gehalten 
25  und  ze  verbergen  in  ein  beschlossen  lade.  Eins  males  do  kom  [49''] 
ein  gutü  swester  zu  der,  du  es  behalten  hate,  und  sprach  also:  „eya, 
liebü  swöster,  waz  hast  du  verborgens  götliches  wunders  in  diner 
lad?  Lüg,  mir  waz  hinaht  vor  in  einem  trome,  daz  ein  junger 
himelscher  knab  stünde  in  diner  lade,  und  hate  der  ein  süsses  seiten- 


1  ez  mir  M  7  am  Bande  Nö  bn  (=  Nota  Bemhardus)  A  8  hin  w. 
hin  uf  3f  9  also  fehlt  S  13  Vergangenheit  P  eigenheit  A^  16  und  im  K 
18  seig]  sag  M  24  behalten  M  25  lade]  lande  S  26  du  —  hate  fehlt  A^ 
28  in  einer  gesiht  M 

14  f.  Als  ydanger,  zierer  ÄeiTc**,  „ö/ä  er  waz  umb  drizzig  jar^  (d,  h,  zur 
Zeit  seiner  öffenüichen  Wirksamkeit)  erscheint  Christus  auch  den  mystischen 
Nonnen  in  Engeltal,  Adelhausen,  ünterlinden,  Töss;  vgl,  E,  Krebs,  Die  Mystik 
in  Adelhausen  (in  „Festgabe""  für  H,  Finke  1904)  93  A.  3, 

H.  Seme,  Deutsche  Schriften.  8 


114  Leben  Seuses.    Kap.  XXXVII. 

spil  in  sinen  banden,  daz  man  nemmet  ein  roböbli,  und  da  machet 
er  nf  geischlich  reyen,  die  waren  als  reislich,  daz  menlich  dur  von 
geischlichen  last  und  fröd  naro.  Ich  bit  dich,  gib  es  her  us,  daz 
du  beschlossen  hast,  daz  wir  endrü  es  och  lesen.  ^  Si  sweig  und 
wolte  ir  nit  dar  von  sagen,  wan  es  ir  waz  verboten. 


XXXVII.  Kapitel. 

Wie  er  üpigd  menschen  z6  gote  zoh  nnd  lidendü  mensehen 

tröste. 

Es  waz  der  diener  einest  lang  zit  gewesen,  daz  er  siner  geisch- 
lichen tohter  nihtesnit  hat  enboten.  Do  screib  si  im  einen  brief,  daz  lo 
si  wol  bedörfte,  daz  er  ir  etwaz  enbuti,  da  von  ir  lidendes  herz  er- 
lupfet wurdi,  und  sprach  also:  ein  armer  mensch  nimet  im  selb 
ein  trßstli  dar  ab,  so  er  etlichü  noh  ermrü  menschen  vor  im  siht, 
denn  er  sie,  und  ein  lidender  mensch  gewinnet  ein  gfit  mütli,  so  er 
höret,  daz  ander  sin  nahgebur  in  noh  grösren  nöten  sind  gewesen  15 
und  in  got  dar  us  hat  gehulfen. 

Und  screib  ir  also:  dar  umbe,  daz  du  dest  gedultiger  siest 
in  dinem  lidene,  so  wil  ich  dir  got  ze  lobe  etwas  von  liden  sagen. 
Ich  wüste  einen  menschen,  uf  den  vielen  von  gotes  verhengde  ber- 
lichä  liden  an  sinen  fürnemen  zitlichen  eren.  Des  selben  menschen  20 
gütü  begirde  lag  dar  an  alzemale,  daz  er  got  von  ganzem  grund 
sins  herzen  begerte  minnen,  und  daz  er  daz  selb  minneklich  liep 
allen  menschen  mohti  wol  gelieben  und  von  aller  ander  üpiger 
minne  ziehen;  und  daz  geschah  och  an  vil  personen,  baidü  mannen 
und  frowen.  Da  er  dem  tüfel  daz  sin  entfröradet  und  es  gote  wider-  25 
brachte,  daz  mute  den  bösen  geist  übel,  und  erschain  guten  menschen 
vor  und  trowte  im,  er  wölte  sich  an  im  rechen. 


1   rubobli  M  robobli  Ä'   roddel  P       3  und  frod  fehlt  M       4  lesen] 

losen  K        5  w.  verborgen  APKM  verborgen  waz  S  10  nütz  M  niht  S 

11  dorfte  K       16  geholfen  hat  M        20  zitl.  fehlt  Ä'  23  f.  üppiger  ander 
in.  3/        26  einem  guten  ni.  S 

1  robobli  (Lextr  II,  513:   rubeblin)  =  KuJttbe,   rebeU,  rebec,  arabisch 

rebah,  eine  kleine  eweisaitige  Geige,   Taschengeige,    roddel  (F)  =  rotte  (Lexer 

II,  509),   eine   Art   Zither  oder  Harfe,  später  identisch  mit   dem  PsaÜerium, 

Vgl.  0,  Fleischer  bei  H.  Paul,  Grundriss  der  gennan,  Philol  III  (1900),  672  f.; 

A.  Schulte,  Das  höfische  Leben  I-,  554  f. 


taeusea.    Kap.  SSSVH;'- ' 

Sunderlich  do  kom  er  aineet  zö  eitn  kloster  eine  aöUcheii 
ordenR,  in  dem  die  geiscfalichen  herren  pllegent  ir  anoder  woiidq; 
haD  nnd  die  geiBcliliclien  frowen  ir  ordens  och  siiiider  ze  sine.  In 
rlem  kloster  dti  waren  zwo  geiachlich  nnd  vil  gewesen  personen,  ein 
5  man  nnd  ein  frowe.  an  [50']  einander  verkleil)et  mit  grosser  minne 
nnd  scbcdlicher  hainliehi;  und  daz  hate  der  tiifel  bedeket  in  ire 
baidcr  blinden  herzen,  daz  sü  die  iniRHctat  an  sahen,  als  ob  es  kein 
fcelirest  noh  siind  weri,  und  in  von  got  weri  geurlobet.  Do  der 
diener  de»  bainlicb  gefraget  ward,  ob  es  also  mftbti  bestan  in  goles 

ui  willen  in  der  warheit,  do  sprach  er:  „nein,  mit  nihtfi!"  und  seit  in, 
daz  daz  lieht  falsch  were  und  wider  crietCLlich  lere,  und  schäf,  daz 
sü  dnr  von  Hessen  nnd  sich  luterlich  dur  na  hielten. 

IJiider  daunen  do  er  daz  tet,  do  waz  ein  heiligü  person,  hiess 
Anna,  an  ir  andaht  und  ward  verzuket  in  dem  geiste,  und  da  sah 

15  si,  daz  ob  dem  diener  in  den  lüften  ein  gri°iB8Ü  sclisr  tüfellicher 
geister  sieb  samnetan,  nnd  die  sehrüwen  alle  eament:  „mord  und 
mord  Aber  den  bösen  niünch!"  Sä  schalten  und  flftcfaeten  ime  dar 
nmbe,  daz  er  sü  von  der  selben  gevelligen  »tat  vertriben  hate  mit 
einem  rate,  und  swfiren  dez  alle  sament  mit  fraidigen  geberden,  daz 

20  BÜ  ieiner  w&ltin  uf  in  stellen,  daz  sü  sich  an  ime  gerechin,  und 
wan  BÜ  im  weder  an  übe  noh  an  gftte  nit  mübtin  7-fi  körnen,  daz 
sü  in  doch  an  der  fürnemekeit  siner  eren  vor  der  weit  grosslich 
woltin  bescbalken.  SCi  wöltin  unerlichü  ding  nt'  in  trecheu,  und 
hflä  sieb  joch  vor  ursach,   wie  gnot   er  iemer   möbte.   so  woltin  sü 

25  es  doch  mit  falschen  listen  zfl  bringen,  daz  es  geschehe.  Dar  ab 
erschrak  der  beiliger  mensch  gar  übel  und  bat  unser  frowen,  daz 
si  ime  zc  hilf  kemi  in  den  künftigen  nuten.  Do  sprach  d6  milt 
müter  gütlich  zfl  ire:  „sü  mngen  im  not  getün  ane  mins  lieben  kindes 
rerbenguus;  waz  der  über  in  verbenget,  das  ist  und  wirt  sin  uehstes 

3ü  und  sin  aller  bestes.     Dar  umb  haiss  iu  göten  m&t  haben!" 


2  S.  [geiscMcheu]  berren  phiegen  ainer  gustlieheo  sonder  womui^  ujid 
die  g.  fr.  och  ir  □rik'n.'^  besimder  sind  in  dem  kloster.  Dn  waren  ...  M  4  z. 
gar  geigcbl,  S  7  baiden  K  8  im  jtf  9  wart  gefraget  M  15  in  dem 
Inft  M  18  liette  vertriben  I>M  19  fradigen  A  mit  sinen  frdd.  g.  Jtf 
21  nit  fehlt  M        22  so  im  M        24  er  joch  iemer  wölte  S        28  zfl  ir  gutlicli  3f 

I  ff.  hopptlkh'gter  verachitdentr  Oiuleit  (Benediktiner,  Auguatintrehitr- 
herren,  Prämofstrattmter),  olivnhl  vom  kanoitüehen  Rtehl  verboten  (c.  33  C. 
X  VIII  y.  3),  bestand*»  auch  im  gpättren  MittcUdttr  eielfach,  lo  in  SüddnUseh- 
land  tu  Zvfitfalttn,  Obermaic/ital,  Wäsucnau,  Säckiiiffen,  KStüg^tldtn,  iCngel- 
herg,  St.  Johann  im  Th'irtal,  Sylo  (i.  El»aas}.  14  Vgl.  die  Aim.  tu  J03,S. 


116  Leben  Seuses.    Kap.  XXXVII. 

Do  si  daz  dem  brAder  geseite,  do  begunde  er  ime  vil  übel 
fürten  die  fientlichen  samnung  der  bösen  geisten  und  gie,  als  er  dik 
pflag  ze  tun  in  sinen  gedrangen,  hin  nf  uf  den  berg,  da  ein  capell 
staty  du  gewihet  ist  in  der  ere  der  heiligen  engel,  und  gie  nah  siner 
gewonheit  betende  ze  nun  malen  umb  die  capell  in  der  ere  der  IX  5 
kören  der  himelscben  scharen,  und  bat  sü  ernschlich,  daz  sü  sin 
gehilfen  werin  wider  alle  sin  fiende.  Do  mornent  frfi  ward,  do  ward 
er  gefüret  in  ainer  gaischlichen  gesiht  uf  ein  schön  veld.  Da  sab 
er  umb  sich  ein  vil  gross  schar  [50^]  der  engelschlichen  jnngherren, 
die  im  woltan  helfen.  Die  trostan  in  und  sprachen  zu  im  also:  „got  10 
der  ist  mit  dir  und  wil  dich  niemer  gelassen  in  kainen  dinen  DÖten ; 
dar  umb  lass  nit  abe,  du  zühest  dö  weltlichu  herzen  ze  götlicher 
minne!" 

Hier  ab  ward  er  gevestnet  und  varete  genot,  daz  er  wildes  und 
zames  got  widerbrechti.  Er  hat  einen  fraidigen  man  umbgangen  15 
mit  sinen  guten  worten,  der  waz  XVIII  jar  gewesen,  daz  er  nie  bäte 
gebihtet.  Der  gewan  von  gote  gnad  zu  im  und  bihtet  im  als  ruweklieb, 
daz  sü  baide  wurden  weinende.  Der  starb  kurzlich  dur  na  und  nam 
ein  selig  ende.  Er  hate  einest  XII  gemeiner  sünderinn  bekert  von 
ire  sündigem  lebene.  Waz  er  eblich  von  dien  erliti,  daz  ist  unsag-  20 
lieh.     Ir  bliben  aber  ze  jungst  nüwen  zwo  stet. 

Es  waren  hin  und  her  in  dem  lande  neiswi  meng  person,  fröw- 
lich  bildes,  baidü  weltlich  und  gaischlich,  du  waren  von  krankbeit 
ires  gemütes  berlich  vervallen  in  suntlich  gebresten.  Die  armen 
töhtran  baten  nieman,  dem  sü  vor  schäme  getörstin  verjeben  25 
ir  wetündes  herzleid,  denn  daz  sü  dik  von  angstlicher  not  in  die 
anvehtung  kamen,   daz  sü  sich  selber  woltan  han  ertödet.     Do  du 


1  ime  vil]  sich  gar  P  3  uf  [uf J  6'K  12  du  weltl.  fehlt  M  16  XXVI  S 
19  gemeiue  süuder  S  gemeiner  sünder  vil  P  20  ire  si'ind.  leb.]  iren  Bünden  S 
ebelklich   (so  stets)   M  21  a])er  fehlt   M  22  f.   froliclies  A^  25  die 

hetton  M       25  f.   ai  getörstin  verjehen   ir  schäm  ires  wetönden  berzlaidz  M 
26  vor  M        27  woltin  K 

27  Selbstmord  hezw,  Anfechtung  zum  Selbstmord  ist  im  späteren  Mittel' 
alter  nicht  so  selten,  wie  es  scheinen  möchte.  Die  Erzählungslittratur^  besonders 
Caesarius  von  Heisterbach  (Dial.  mirac.  4,4(j—4ö)  und  Thomas  von  Chan' 
timpre  bieten  manche  Bei^pide,  Vgl.  auch  Vita  K.  SU:  Büchlein  von  der 
Gnaden  Überlast  6,K\  und  das  bei  Strauch,  Ad.  Langmann  J17f.,  Inhofer, 
Der  Selbstmord  lbS6,  344 ff.,  Schönbach,  Über  Hartmann  von  Aue  466  ufid 
Michael  y  Gesch,  d.'  deutschen  Volkes  II  {18li9t,  'Ju:j  A,  1  zusammengesteüte 
Material. 


Leben  Seu8e8.    Kap.  XXXVm.  117 

menschen  vernamen,  daz  der  selb  diener  ein  miltes  herz  heti  gen 
allen  lidenden  menschen,  do  erbaldetan  sü  sich;  daz  sü  zfi  ime  kamen, 
ein  ieklichü  zu  der  zit,  so  es  ir  an  die  not  gie,  und  klagten  ime  ir 
angst  und  ir  not,  da  mit  sü  gevangen  waren.    So  er  sah  du  armen 

5  herzen  in  dem  jemerlichen  lidene,  so  ward  er  mit  in  weinende  und 
tröste  sü  gutlich.  Er  halfif  in  und  wägete  dik  sin  zitlich  ere  vast 
umb  daz,  daz  er  in  an  sei  und  eren  wider  gehulfi,  und  Hess  dar  uf 
Valien  mit  böser  zungen  rede,  was  gevallen  mohte. 

Unter  den  andren  kom  einü  zu  ime,  du  waz  von  hoher  geburt, 

10  und  seit  im  in  der  bihte,  do .  si  als  gross  rüwe  umb  ire  val  gewan, 
do  erschein  ir  unser  frow  vor  und  sprach  zu  ir  also:  ^gang  hin  zu 
minem  kaplan,  der  sol  dir  wider  helfen.*'  Si  sprach:  „owe  frow, 
ich  erkenn  sin  nit.**  Du  mfiter  der  erbermde  sprach:  „lüg  her  under 
minen  mantel,   da  han  ich  in  in  minem  schirme,   und  geschow  du 

15  vil  wol  sin  antlüt,  daz  du  in  bekennest;  der  ist  ein  nothelfer  und 
ein  tröster  aller  lidender  menschen  und  [51']  der  sol  dich  trösten." 
Si  kom  hin  zu  im  in  ein  fremdes  land  und  erkande  sin  antlüt,  als 
si  es  vor  in  dem  geist  gesehen  hate,  und  bat  in,  daz  er  si  begnadeti, 
und  seit,  wie  es  gevarn  waz.    Und  er  empfie  si  milteklich  und  half 

20  ir  wider  nah  allem  sinem  vermugen,  als  im  du  mfiter  der  erbermde 
hat  enboten. 


XXXVIIL  Kapitel. 
Ton  einem  ril  jemerlichen  lidene,  daz  im  hier  inne  begegente. 

In  sölicher  wise  kom  er  mengem  lidendem  menschen  ze  hilfe. 

25  Aber  daz  tugentlich  gut  werk  mfiste  er  vil  sur  erarnen  mit  marter- 
lichem lidene,  daz  im  dar  uf  viel.  Und  du  selben  künftigü  liden 
zogte  im  got  vorhin  in  einer  gesiht  also: 

Er  kom  einest  eins  abendes  an  ein  herberg,  und  do  es  ward  gen 
tage,   do  ward  er  in  einer  gesiht  gefuret  an  ein  stat,   da  wolt  man 

30  niess  singen  und  er  solt  selber  mess  singen,  wan  daz  loss  waz  uf 
in  gevallen.  Die  senger  hüben  an  die  messe  von  den  martrern: 
Multae  tribulationes  justorum  etc.,  daz  da  sait  von  menig- 
valtigem  lidene  gotesfründen.  Daz  horte  er  ungern  und  heti  es  gern 
gewendet  und  sprach  also :  „  wafen,  wes  töbeut  ir  uns  mit  den  martrern? 


7  u.  au  eren  M  u.  an  ere  SÄ^        25  tugentlich  nach  erarnen  P,  fehlt  K 
32  Anfang  des  Introüus  einer  Messe  von  mehreren  Märtyrern. 


118  Leben  Seuses.    Kap.  XXXVm. 

War  zu  singent  ir  hut  von  den  martrern,  und  es  hüt  enkaines  martrers 
tag  ist,  den  wir  begangen?^     Su  sahen  in  an  und  zögtan  mit  den 
vingem  uf  in  und  sprachen:  „got  der  vindet  sin  martrer  hnt  an  disem 
tage,   als  er  sü  ie  vand.     Berait  dich  nüwan  dur  zu  und  sing  für 
dich!^     Er  warf  die  bleter  dez  messbfiches,   daz  vor  im  lag,   hin   5 
und  her,   und  heti  gern  von  den  bihtern  ald  icht  anders  gesungen 
denn  von  den  lidenden  martrern;   waz  er  warf  und  umb  kerte,   do 
stand  es  alles  vol  von  den  martrern.    Do  er  sah,  daz  es  nit  anders 
mohte  sin^  do  sang  er  mit  in  und  sin  gesang  sprach  gar  trurklich; 
über  en  kleines  wili  hfib  er  aber  an  und  sprach:  „dis  ist  ein  setzen  10 
ding;  man  möhti  asmer  singen:  Gaudeamus,  von  fröden,  als  von 
trurenden  dingen,  den  martrern.^     Su  sprachen:   nS^^^  gesell,   da 
waist  noh  nit.    Es  gat  dis  gesang  von  martrern  vor  an  bin,  and 
dar  na  neiswen,  so  es  zit  wirt,   so  kunt  daz  frolich  gesang  hinna: 
Gaudeamus!"  15 

Do  er  wider  zu  im  selben  koro,  do  erzitert  im  daz  herz  ab 
diser  gesiht  und  sprach:  „owe,  got,  muss  ich  aber  marter  liden?*^ 
Do  er  uf  dem  weg  hier  ab  vil  trurklich  gebarete,  do  sprach  sin 
geselle:  „ach  vater,  waz  wirt  lich,  daz  ir  als  recht  trurlich  ge- 
barent?"  [51^]  Er  sprach:  „owe  lieber  geselle,  ich  mftss  hie  mess  90 
singen  von  den  martrern,^  und  meinde,  got  der  heti  im  kund  getan, 
daz  er  marterlich  müste  liden.  Und  dez  verstund  der  geselle  nit. 
Do  swiget  och  er  und  trukt  es  in  sich. 

Do  er  hin  kom  in  die  stat,  daz  waz  zu  der  zit  in  den  vinstren 
tagen  vor  den  winnahten,  do  ward  er  na  gev/onheit  gestehet  mit  25 
biterm  liden  als  swarlich,  daz  in  duchte,  na  menschlicher  wise  ze 
redene,  daz  im  sin  herz  in  einem  übe  s61ti  brechen,  ob  es  keinem 
lidenden  menschen  ie  weri  geschehen;  wan  du  liden  baten  in  do  als 
swarlich  umbgeben,  daz  im  nit  anders  entwürte  denn  ein  unverzogen 
klegliches  entsezzen  alles  dez,  daz  sin  ufenthalt  waz  nah  nuzze  und  30 
tröste  ald  eren,  daz  den  menschen  in  der  zit  mag  trösten.  Daz 
biter  liden  waz  also  geschafen: 


1  war  z&  —  mart.  fefüt  M  4  fiir  A  6  icht]  etwas  ilf  iht  üt  P 
11.15  Gadeamu8  A  13  von  den  mart.  M  14  naiswe  K  18  hier  ab  fthlt 
AP  da  her  ah  M  19  wurt  P  22  mart.  liden  müsd  M  23  swaig  SM 
24  vinstren]  jüngsten  M  25  wiheuahten  M  27  zerbrechen  M  28  gesch.] 
gebrochen  P  28  du  liden  du  haten  3/  29  nnverzegen  P  unverzigens  M 
31  ald]  und  M 

11.15  Anfang  des  Introitus  der  Messe  im  Commune   Virginam  non  Marty* 
mm  { IJominikantrritns)  utid  an  den  meisten  Marienfesten. 


Ucter  nndren  menechen,  di'i  er  gern  beti  zft  got  gezogen,  kom 
zft  im  ein  truglichev  ablietiger  mensch,  du  trüg  ein  wulfin  herz  under 
einem  gätigen  wandel  und  barg  daz  als  genote,  daz  es  der  brfider 
in  vil  langer  zit  nie  koud  gemerken.  Du  waz  vor  in  gross  si'inde 
ö  and  laster  mit  einem  man  vervallen  und  merete  ir  miBsetnt  da  mite, 
daz  si  die  gebiirt  einem  andern  gab  deun  dem  rechtscliuldigen,  der 
sich  selb  wol  unschnldig  seile  der  saclie.  Dia  tohter  Hess  er  ire 
missetat  nit  entgelten  und  horte  ir  bihte,  und  ward  im  dienstberr 
mit  noturftigen  erberen  diensten  me  denn  die  andern,  nah  gewonheit 

li>  geischliclier  li'iten  dez  landes.  die  termner  heissent.  Do  daz  lang 
zit  geweret,  do  ward  er  und  ander  warhaftigi'i  menschen  kuntlich 
innan,  daz  si  hainlii^b  BÖlicbii  bßsö  werk  treib,  als  ei  oeh  vor  iiate 
getan.  Dar  zfi  Bweig  er  stille  nnd  wolte  si  uit  gern  melden;  er 
brach  sich  aber  von  ir  und  von  ir  dienste.    Do  si  des  innen  ward, 

15  do  entbot  si  ime,  er  sAlti  nit  also  ttln,  und  brechi  er  ir  ab  dep  nuzz, 
den  si  von  im  hate,  dez  müsti  er  engelten,  und  si  wölti  im  ein  kiud 
geben,  daz  si  bi  ainem  weltlichen  manne  bat  gewunnen;  de/,  kindes 
vater  müsti  er  sin,  und  w61ti  in  also  gesehenden  mit  dem  kinde, 
daz  er  allenthalb  ze  ruf  wnrde. 

20  Er  erschrak  ab  diser  rede  und  gestund  stille  uf  im  selb  und 

ersfifzet  inneklicb  und  sprach  in  im  selben  also:  „angst  und  not 
[ö'J'j  hein  mich  allentbalb  umbgeben,  und  waisB  nit,  wa  ich  mich 
hin  Bol  keren;  wan  tiln  ich  daz,  so  we  mir,  tun  ich  sin  nit,  so  we 
mir  aber,   und  bin  also   mit  wc   und   not  allentbalb  umbgeben,  daz 

25  ich  dar  inne  mfihti  hesinken."  Dez  wartet  er  mit  erschrokera  herzen, 
waz  got  dem  tiifel  w61ti  über  in  Verheugen.  Er  wart  ze  rate  mit 
got  nnd  mit  im  selben,  daz  under  den  zwein  jemerlicben  geteilten 
im  weger   wen,   baidö   an    sele   und   an   iip,   der  vonker   von   dem 


S  gAleii  F        6  (Isz  et]  nod  gal)  M        9  ootdArf tigern  crberem  dienst  3f   ' 
10  tenimer  A  tcrinner  P        U  wilrhaften  M        13get«ii]  getribcn  S        19  er] 
es  iU        25  mit  eraclir.  herz,  fehlt  M        27  jcmerl.  fthll  S 

10  Jedti-  Konttnt  bei  den  BeUelordeti  liaUi:  ein  genau  beelimmUs  Gebiet 
flermini,  dtutfeh  Itrminie),  in  den  tr  allein  (lau  liecht  bctasg,  tu  predigen  und 
Almtitm  !u  xammeln :  vgl.  die  Erklärung  ätn  JnU.  Meyer  in  neiniin  ^Ämtrr- 
huch",  Freib.  Diüt.Archiv  XIII  (ltifif)),307  f.  und  Fontana,  Constitutionea  tte. 
leöS,  634  f.  Terminiere  tind  Abnatentiammler ,  nach  Ducange-Faitre  VIII, 
esf.  aber  auch  Manche,  „qui  kabrndis  per  ngros  cuique  conveittui  addietos 
ooneionibus  deslinanlur."  Beides  Tar  itohl  oft  vereinigt. 
23  f.   Vgl.  Dan.  3:i,TJ. 


±J 


120  Leben  Seuses.    Kap.  XXXVni. 

bösen  menschen,   wie  es  joch   umb   die  zitlichen  ere  iemer  gefure. 
Und  daz  tet  er. 

Hier  umb  ward  si  so  grimme  über  in  mit  ir  freidigem  herzen, 
daz  si  lüf  hin  und  her  zu  geischlichen  und  weltlichen,  und  wolte 
von  ire  unmenschlichen  bosheit  sich  selb  lasterlich  geschenden,  dar 
umbe  daz  si  den  armen  man  möhti  in  erbeit  bringen,  und  seite 
menlich,  si  hete  ein  kind  gewunnen,  und  daz  were  dez  selben  brfider. 
Dar  ab  ward  vil  gross  unbilde  in  allen  den  menschen,  die  ire  Worten 
gelopten,  und  ward  daz  unbild  so  vil  dest  grösser,  so  vil  sin  für- 
nemü  heilikeit  verrer  waz  erschuUen.  Daz  trang  im  dur  daz  inni-  ] 
gost  gemarg  sines  herzen  und  sele,  und  gie  sinkend  in  im  selb  mit 
jamer  und  not  umbgeben  und  hate  lange  tag  und  streng  nehte,  und 
sin  kurzes  rftwen  waz  mit  schreken  vermischet.  Er  sah  vil  kleglich 
nf  ze  gote  und  sprach  mit  inneklichen  süfzen  also:  „owe  got,  min 
jemerlichü  stunde  ist  komen!  Wie  sol  ald  wie  mag  ich  die  eilenden  ] 
not  mins  herzen  iemer  erliden?  Owe  got,  wan  weri  ich  tod,  daz 
ich  den  jamer  weder  sehi  noh  horti!  Herr,  herr,  nu  han  ich  alle 
min  tag  dinen  wirdigen  namen  geeret  und  vil  wit  und  breit  mengem 
menschen  geliept  und  zc  erene  geben,  und  du  wilt  minen  namen  in 
gross  unere  verwerfen  ?  Daz  ist  min  grossü  klag !  Lüg,  der  wirdige  2 
bredierorden  der  müss  nu  von  miner  person  also  geswechet  werden ; 
daz  klag  ich  hüt  und  iemer  me!  Owe  der  not  mins  herzen!  EUü 
du  reinü  menschen,  du  mich  vor  baten  in  eren  als  einen  heiligen 
man,  da  von  mir  ein  guter  müt  uf  stund,  we  mir,  du  sehent  mich 
nu  an  als  einen  bösen  trieger  der  weit,  dar  ab  min  herz  und  sele  s 
durwundet  und  durschossen  wirt!'* 

Do  der  arm  lider  in  der  klag  waz  neiswi  lange  und  im  lib 
und  leben  swein,  do  kom  ein  fröwlichü  person  zu  ime  und  sprach  also: 
„eya,  gfiter  herr,  wes  [52^]  verderbent  ir  üch  so  gar  kleglich? 
Gehabent  üch  woll  Ich  wil  raten  und  helfen,  wend  ir  mir  volgen,  £ 
daz  üch  nit  wirt  an  üwren  eren.  Dar  umb  sint  kcch!"  Er  sah  nf 
und  sprach:  „owe,  wie  wilt  du  daz  zu  bringen?''  Si  sprach:  „da  wil 
icli  daz  kindli  under  minen  mantel  heinlich  nemen  und  wil  es  nahtes 
also  lebend  begraben  ald   im  ein   nadlen  in  sin  hirni  rihen,   dar  ab 


9  «0  vil  so  M  9  f.  füriieinü  beil.]  fürueiiiikeit  P  10  waz  verrer  M 
10  f.  inrosto  mar«,^  S  12  und  mit  not  M  13  mit  fehlt  M  14  inneclichem  K 
jemerliclien  S  15  [wie]  mag:  ^^  16  wan]  und  M  18  mengen  K  21  also 
jelilt  M  23  [du]  reinü  K  25  und  min  sei  M  26  durschüssen]  durstochen  P 
28  frolichü  AM        29  iich  selb  M        34  Iiirnli  P  hirn  .1/        rihten  M  stechen  S 


Leben  Seusea.    Kap.  XXXVIII.  121 

es  tnüss  sterben;  und  so  daz  kind  her  under  kumt,  so  gelit  du  bös 
red  ellü  sament^  and  blibent  an  uwren  eren.^  Er  sprach  mit 
>vütender  stimme:  ^owe,  du  bösü  morderin,  dines  mürdigen  herzen! 
Woltast  du  daz  unschuldig  kindli  also  töden?  Waz  mag  es,  daz 
:o  sin  mfiter  ein  bös  wib  ist?  Wilt  du  es  also  lebend  begraben? 
Nein,  nein,  das  enwell  got  nit,  daz  daz  mord  iemer  von  mir  bescheh. 
Lüga,  daz  wirst,  daz  mir  dar  inne  mag  beschehen,  daz  ist  ein 
berobung  miner  zitlichen  eren;  und  stundi  eins  ganzen  landes  welt- 
lichü  ere  an  mir,   die  wil   ich   hut  alle  dem  werden  got  uf  geben, 

10  e  daz  ich  daz  unschuldig  blfit  well  also  lassen  verderben^.  Si 
sprach:  ^nu  ist  es  doch  üwer  kind  nit,  waz  band  ir  denn  not  dur 
mit?*"  und  zoh  us  ein  scharpfes  spizzig  messer  und  sprach:  „land 
mich  es  ainend  ab  von  üwren  ogen  tragen,  so  riss  ich  im  die  kelen 
ab,   ald  ich   stich   im  dis  messer  in  sin  herzli,   so  ist  es  schier  tod 

15  und  ir  koment  ze  rftwe."  Er  sprach:  „swig,  du  unreine  b6se  tüfel! 
Sie  wes  es  welle  uf  ertrich,  so  ist  es  doch  nah  got  gebildet  und 
mit  dem  kostberen  Gristus  unschuldigen  blfit  vil  sur  erarnet;  dar 
umb  wil  ich  nit,  daz  sin  junges  blutli  also  vergossen  werd.^  Si 
sprach   mit  ungedultigen   werten:    „wend    irs  nit  lassen    t6den,    so 

20  land  es  doch  heinlich  eins  morgens  frfi  in  die  kilchen  tragen,  daz 
im  geschech  als  andren  verworfnen  fundnen  kinden;  ald  ir  mussent 
aber  gross  kost  und  unlidkeit  dur  mit  haben,  e  daz  daz  knebli  werd 
erzogen".  Er  sprach:  „ich  getrüwen  dem  riehen  got  von  himel, 
der  mich  bis  her  alleinen  hat  beraten,  der  berat  mich  och  wol  selb 

25  ander."  Und  sprach  zft  ir:  „ga  hin  und  bring  mir  daz  kindli  vil 
heinlich,  daz  ich  es  gesehe." 

Do  er  daz  kindli  uf  sin  schoss  gesaste  und  es  an  sah,  do 
lachet  es  in  an.  Do  ersufzet  aber  er  als  grundlosklich  und  sprach : 
^solti  ich  ein  mich  anlachendes  hübsches  kindli  töden?     Zwar  nein 

30  ich!  Ich  wil  e  gern  liden  alles,  daz  [53']  dar  uf  mag  gevallen". 
Und  kerte  sich  zärtlich  zfi  dem  kind  und  sprach  disü  wort:  „owe, 
du  eilendes  armes  kindli,  wie  bist  du  so  gar  ein  armes  weisli! 
Wan  din  eigne  ungetrüwe  vater  der  hat  din  verlögent,  diu  mürdigü 
mfiter  wolt  dich  hin  werfen  als  ein  ungenemes,  hingeworfens  hündli. 

35  Nu  hat  gotes  verhengde  dich  mir  geben,  daz  ich  sol  und  mftss  din 
vater  sin,  und  daz  wil  ich  gern  tfin;    ich  wil  dich  haben  von  gote 


3  du  b.  m.  ASPK  7  wirst]  hoste  S  14  dis]  dz  M  17  dem]  des  M 
21  mussent]  werdent  S  22  mit  im  S  32  du  vil  armes  eil.  k.  S  [du] 
so  PKM        33  mürdigü  fehlt  S        34  hündli]  kindelin  .S 


122  Leben  Seuses.    Kap.  XXXVm. 

und  von  nieman  anders^    <nnd  wan  mir  der  lieb  ist,  so  mftst  ocb 
du   min   Hebs   kindli   8iD>.     Ach   herzenkind   mins!     Da  rizest  uf 
miner  trurigen  schösse  und   sihst  mich  gütlich  an,  nnd  kangt  doch 
nit  sprechen.     Ach,  so  sich   ich   dich   an   mit  verwundetem  herzen; 
mit  weinenden   ogen   nnd   mit    kössendem   munde   begiss   ich    din    5 
kintliches  antlät  mit  dem  bache  miner  heissen  trehen.*'     Do  dem 
hübschen   kneblin    des   weinenden    mannes   gross   trehen  ober  sinä 
6glü  als  yast  ab  runnen,   do  ward  es  och  herzklich   weinende  mit 
ime,   und  weineten  also  beidä  mit  einander.     Do  er  sah  daz  kindli 
also  weinen,  do  trukt  er  es  lieplich  an  sin  herz  und  sprach :  „swige,  10 
gelükd   mins!     Ach   herzenkind  mins,   sol  ich  dich  t6den,   dar  nmb 
daz  du  min  kind  nit  bist,  und  daz  ich  dich  sur  erarnen  mftss?    Ach 
schönes,  liebes,  min  zartes  kind,   Iflg,   ich  enmag  dir  reht  einkein 
leid  tön,   denn  daz  du  mflst  min   und   gotes  kind  sin,  und  die  wil 
mich  got  beratet  eins  einigen  muntvols,   den  wil   ich   mit  dir  teilen  15 
dem  minneklichen  got  ze  lobe,  und  wil  alles  daz  gedulteklich  liden, 
daz  mir  iemer  dar  uf  mag  gevallen,  zartes  min  kind!*' 

Do  dis  weinlich  zarten  sah  und  horte  daz  grimm  herz  dez 
wibes,  du  es  vor  wolt  han  ertödet,  do  ward  si  als  herzklich  bewegt 
ze  grosser  erbermde,  daz  si  erbrast  an  ein  weinen  und  an  ein  90 
hüwlen,  daz  er  si  müste  stillen,  wan  er  im  vorte,  daz  etwer  kemi 
und  daz  man  es  innen  wurdi.  Do  si  sieh  wol  erweinete,  do  bot 
er  ir  wider  daz  kindli  und  gesegnet  es  und  sprach  also:  „nu 
gesegen  dich  der  minnekliche  got,  und  die  heiligen  engel  beschirmen 
dich  vor  allem  übel!"  und  hiess  es  mit  siner  kost  wol  versehen  25 
«n  siner  noturft. 

Dar  na  neiswen  do  gie  daz  bos  wip,  dez  kindes  müter,  zft, 
und  als  si  den  brüder  übel  hat  gemasget,  daz  tet  si  noh  fürder- 
licher,  wa  es  im  mohte  geschaden,  daz  er  hie  von  mengem  reinen 
tugenthaften  herzen  ward  ze  erbarmen  und  ir  [öS""]  von  in  dik  90 
ward  gewünschet,  daz  si  der  gerehte  got  ab  der  erd  nemi.  Daz 
Iftgte  sich  ainest,  daz  siner  li[)lichen  fründen  eine  zft  im  kam  und 
sprach:  „owe,  herr,  dez  grossen  mordes,  daz  daz  b6s  wip  hat  an 
üch    begangen!     Waiss   got,   ich  wil    uch   an   ir  bederptlieh  rechen: 

If.  und   wan   —   kindli   sin   M,  fthlt  ASFKA'afUS'        13  kain   SM 
15  mnnt  vollen  M        18  wainklich  M        20  enbrast  M        21  hüwlen]  htiiien  S 
won  er  kam  in  vorbt  M        25  m.  sinen  kost<'ii  F        versoijjron  S        BO  tugenth. 
fehlt  6'        34  brderklich  SM 

24   !>/.  I  Mos.  48,16, 


a  SeDSH.    Kap.  SXXVm. 


12a    I 


icb  wil  mich  hcinlicli  uf  die  lau^n  briigß'e  ntelIeD,  tili  über  duz 
waEBer  get,  nnd  so  si  etwa  da  her  über  gct,  so  wil  ich  die  gotes- 
niorderiD  hin  ab  stossen  und  wil  si  ertrenken,  daz  daz  gross  luori 
an  ire  geioeheu  werde."  Kr  sprach:  „neina,  fründ  mine,  daz 
5  enwell  got  nit,  daz  kein  lebender  menech  von  minen  wegen  ertödet 
werde.  Waiss  got,  der  ellü  verborgnü  ding  walxR,  daz  si  mir  mit 
dem  kinde  unreht  hat  getan;  so  hevil  ich  die  Sache  in  sin  hand, 
daz  er  si  schier  töde  ald  leben  lasse  nah  einem  willen,  und  sagen 
dir:  w6lti  ich  min  sei  an  ir  tode  übersehen,  so  wÖlti  ich  doch  aller 

10  reinen  frowen  namen  an  ir  eren,  und  wälti  si  lassen  genesen,"  Der 
man  sprach  vil  übellich:  „mir  wen  ein  wip  ze  tfiden  als  ein  man, 
dn  mich  also  w&lt  beschalken."  Er  sprach:  „nein,  daz  weri  ein 
unvernünftigü  geborschheit  und  ein  übelstendü  freidikeit.  La  dar 
von  und  lass  reht  her  wichen,  lass  alles  äat  liden  her  komen,  daz 

15  got  von  mir  wil  gellten  haben!" 

Do  daz  liden  vast  wai'd  wahsende,  do  überwand  in  einest  sin 
krankes  gemüte,  do  siner  not  als  vil  waz,  daz  er  gern  Im  selb  in 
sinem  lidenne  etwaz  behulfenheit  und  ergezznng  heti  gemachet.  Und 
gie  US  und  söcbte  trost,  sanderlicb  von  zwein  fründen,  die  sicli,  die 

20  wil  er  dennoch  nf  dem  glükrad  sass,  gen  im  baten  bcwiset,  als  ob  sü 
getrüw  gesellen  und  fründ  werin;  und  da  wolt  er  suchen  trost 
sinem  lidentlen  herzen.  Ach,  do  Hess  in  got  innan  werden  an  in 
baiden,  daz  in  der  creatur  nüt  gantzheit  ist!  Wan  er  ward  von  den 
selben  und  von  ire  geselleschaft  berlichcr  under  druket,  me  denn  er 

26  vor  von  gemeinem  volg  ie  ward.  Der  ein  gesell  enplie  den  lidenden 
brftder  vil  faertklich,  und  kerte  sin  antliit  von  im  unwertlich  und 
gebarte  mit  sinen  schnidenden  Worten  vil  schmählich;  und  under 
andren  verserenden  worten,    die   er  gen   im  ledde,    hless  er  in,   dax 


3  bin  öher  ab  Äf  6  verhürgnft  fehlt  S  9  dir  nach  ich  duriiistr,  A 
IS  eebrtrachiiit  M  16  wil  von  mir  .1/  gel  wil  li.  SP  17  f.  im  selb  nach 
lidenne  M  21  sin  getr.  fränd  imd  ges.  M  23  [nüt]  gaoEhait  mit  ist  (!)  M 
24  barlioli  undergedmkt  M       26  vil  iiert  M       28  versereten  SA^       redik]  del  S 

1  WM  dit  Rheinbrüekt  bei  Konttaitg.  2  f.  gotesniorderin  =  »acri- 

Itga,  mtgtn  ihrtt  an  einer  goltgtveihtai  Pcrton  veräbUn  J-'nnuiU.  20  g\dk- 

rad,  das  sich  lirehemh  Rad  de»  Glückn  (Lexer  I,  829),  ah  Bild  du  Ktehgeln- 
dtn  Schtekiials.  litt  Vorslülutig  tehoH  bei  Oriyene»,  In  fit.  76,21  (Pitra,  An. 
Mcra  HI,  109)  und  Boethius,  Cims.  phil.  3,3.  Zur  Literatur:  WacherHagtl 
in  Zfdn  VI,  IS*  ff..-  Vogt  in  Zechr.  dte  Vertin»  f.  Volkskunde  III,  349  ff. 
IV,  195 ff.:  Weinhold  in  Silsungabtr.  der  Berliner  Akademie  11)03:  J.  Sann; 
Symbolik  des  Kiichti^gehäudea  19()2,S72ff. 


1 24  Leben  Seuses.    Kap.  XXXVm. 

er  im  nit  me  heinlicli  were,  waii  er  schamti  sich  siner  geselschaft. 
Ach,  daz  durtrang  alles  sin  herz,  und  [54']  sprach  vil  ellendklich 
hin  zfi  inie:  „owe,  lieber  geselle,  werist  du  von  gotes  verhengde  in 
<lie  trüben  lachen  geworfen  als  ich,  werlich,  ich  weri  zu  dir  hin 
in  gesprungen  und  heti  dir  fruntlich  her  us  gehulfen.  Owe  jamer,  5 
nu  gnüget  dir  nit,  daz  ich  tief  in  der  lachen  vor  dir  lige,  da 
wellest  och  dur  zu  uf  mich  treten!  Daz  klag  ich  dem  eilenden 
herzen  Jesu  Gristi.^  Der  gesell  hiess  in  swigen  und  sprach  zu  im 
vil  schmachlich:  ^^es  hat  hinnan  fiir  umb  uch  ein  ende;  man  sei 
nüt  allein  üwer  bredien,  wan  sol  och  iiwrü  bücher,  die  ir  gemacbet  lo 
heind,  verwerfen."  Er  entwürt  vil  gnedklich  und  sah  uf  ze  bimel 
und  sprach  also:  ^ich  getruw  dem  gAten  got  von  himelricb,  daz 
miuü  bücher  sülin  noh  werder  und  lieber  werden,  denn  8ü  ie 
getaten,  so  es  nu  zit  wirt."  Sölichen  kleglichen  trost  enpfie  er  von 
sinem  besten  gesellen.  15 

Im  waz  in  der  selben  stat  unz  an  die  selben  zit  sin  noturft 
vil  wol  zfi  gevallen  von  gutherzigen  menschen.  Und  do  er  also 
mit  disen  falschen  meren  zfi  in  vertragen  ward,  weli  disen  mer- 
sagern  wider  in  gelopten,  du  zugen  ir  hilf  und  früntschaft  von  im, 
unz  daz  su  von  der  götlichen  warheit  vermant  wurden,  daz  sä  einen  20 
bekanten  widerker  zfi  im  wider  namen. 

Eins  males  do  saste  er  sich  in  ein  stilles  rüwli  und  vergiengen 
im  nciswi  die  würkliche  sinne  und  duht  in,  wie  er  weri  in  ein 
vernünftigs  land  gefüret.  Da  sprach  neiswaz  in  dem  grund  siner 
sele  also:  „hör,  hör  ein  trostlich  wort,  daz  ich  dir  wil  lesen."  Er  25 
bot  sich  dar  und  loset  genote.  Do  vie  es  an  und  las  du  wort  in 
latine,  und  ist  daz  capitel  ze  noue  an  dem  heiligen  abent  ze  win- 
iiahten:  Non  vocaberis  ultra  derelicta  etc.;  daz  sprichet  ze 
tütsch:  „du  ensolt  nu  furbas  nüt  heissen  du  gelassen  von  gote,  und 
diu  ertrich  sol   nüt   heissen  daz   verwüstet  ertrich,    du   solt  heisssen:  30 


1  sich]  si  M  7  icli  J'Mt  K  10  predie  M  13  sülin  fehlt  M 
15  siiKMi  Kcc  gesellen  fehlt  S  18  discm  v.  mär  M  18  f.  mertagem  S 
vers;i<rerii  ^1*  20  initliclieii  M  24  dem]  den  K  25  daz]  was  K  27  an 
dem  h.   wincchtabeiit  S         28  vociibLs   (!)    M        29  nit  nu  haissen  fürbaz  M 

15  Unter  den  Freunden^  die  sich  Ini  dieser  Gelegenheit  von  Seuse  a6- 
irandteitj  befand  sieh  uUem  nach  auch  Heinrich  mn  Nördlingen.  Derselbe 
schreibt  Ende  1H47  oder  Anfang  134S  von  liasd  aus  an  Maryareta  Ebner: 
„mein  hertz  haltet  nit  m'jr  zu  dem  Siisen^  als  es  et  wan  ttt;  bit  got  für  unsM 
leid"  (Strauch,  Marg.  Ebner  LJ.i^üf.  u.  Anm.  6\  3öSi.  28 ff.  Is.  62,4. 


Kap.  XXXVni. 

gotea  wille  ist  in  ir,  und  din  ertricb  wird  gebuwen,  wan  der  bimelsch 
vater  bat  im  selb  ein  wolgevallen  in  dir."  Do  es  disii  wort  n» 
gelas,  do  vie  ea  du  selben  wort  wider  an  aber  und  aber  ze  lesen» 
wol   ze   vier   malen.     Er   epracb   von   wnnder:    „liebe,   waz  meinest 

3  du,  daz  du  mir  diso  wort  als  dike  vor  sprichst?"  Er  spracb:  „daz. 
Iftn  ich  dar  umbe.  daz  ich  dich  vestne  gote  ze  getrüwen,  der  siner 
fründ  ertrich,  daz  ist  [54"]  ireu  t&demliebea  lip  och  verseben  wii 
an  siner  notnrft,  und  wa  es  in  einend  ab  gat,  da  wil  er  andrent 
zfi   fügen,   dez   sü   bedürfent;   also   wil   dir   got   och  vaterlich  tun." 

D  Daz  geschah  alles  in  der  warheit  als  kuntlicb,  daz  meng  herz  voq 
fröden  ward  laehent  und  got  lobend,  dero  ogen  dur  vor  waren  von 
mitliden  weinende  worden. 

Dem    ltdenden   man    bescbah  do,   als   so  ein   totes  geschunden 
tierli  von  den  wilden  tieren  zerzerret  ist  und  nob  etwaz  smakes  da 

i  ist  beliben,  als  denn  ze  jungst  die  hungrigen  brcmen  dar  uf  vallent 
mit  ir  geselleschaft  und  daz  genagen  bein  zemal  enpU'izent  und  daz 
usgesogen  mit  in  verfürent  in  den  luft:  also  ward  er  jemerlich  zer- 
tragcn  in  verrü  land  von  derley  gttschinenden  menschen;  und  sii 
taten   daz   mit   sch&ner   rede   und   mit   bedabten    klagworten   in   er- 

j  z6gung  früntschaft,  da  kein  trüwe  waz.  Hier  inue  so  schose  im 
etwen  ein  ungedank  in  sin  herz  also:  ,acb  lieber  got,  der  von  JQden 
ald  von  beiden  atd  offnen  snndern  allein  liddi,  dem  k6nd  man  etni 
getan;  ah  schinent  disii  menschen  din  göten  fründe,  di  mich  da  so 
swar  pingent,  und  dar  umbe  ttit  es  so  vil  dest  wirs."    So  er  aber 

y  zii  im  selber  kom  und  es  mit  rehter  bescheidenheit  an  sah,  so  gab 
er  in  enkein  schulde,  denn  daz  es  got  dur  nü  beti  gewiirket,  und 
daz  er  es  also  s&lti  erliden,  nnd  daz  got  dik  sin  fnind  dar  sin 
fründ  bereitet  zä  dem  besten. 

Snnderlicb  einest  in  sines  gemütes   lidendem   gegenwurf  ward 

3  also  in  im  gesproclien:  „gedenk,  daz  Cristns  nit  allaiu  wolte  sinen 
lieben  junger  Johannes  und  den  getrüwen  sant  Peter  in  einer  reinen 
geselleschaft  han,  er  wolt  och  den  b&sen  Judaz  bi  im  liden,  und 
dn  begerest  ein  nahvolger  Cristi  sin,  und  wilt  nngern  dinen  Judaz 
liden?"     Dez    entwürt  geswinde    ein   inschiessender  gedank   also: 


t  ir]  liir  S  6  geapricheat  M  6  der]  da»  er  MA^  1  dolüchen  P 
8  ainhalb  M  Bf.  nnderhaJb  z.  L  in,  dez  b.  b.  M  11  f.  dero  ogen  din  und 
dur  waren  mit  lideu  dem  wainent  worden  (?)  .V  13  do  er  als  uin  M  14  zer 
zersl  |!)  M  smakea]  markea  M  16  benagten  M  17  nsg.  bl&t  P  so 
jem.  M  Ifl  f.  Worten  nnd  erzaiguiig  M  30  in  im  fehh  S  zfl  im  M  daz 
fthU  M        »4  Pez]  das  K  da/  M 


126  Leben  Seuaes.    Kap.  XXXVni. 

^owe  herr,  heti  ein  lidender  gotesfründ  nöwan  einen  Jadas,  so  weri 
^B  lidig;  80  sint  ze  disen  ziten  alle  winkel  vol  Jadaz,  nnd  wenn 
aine  ab  gat^  so  koment  vier  ald  fünf  her  für.^  Diser  red  wart 
von  innen  geentwürt  also:  „einem  menschen^  dem  reht  ist,  dem  sol 
kein  Judaz  Jndaz  sin  in  einem  sinne,  er  sol  im  ein  gotes  nütwärker  6 
ein,  dur  den  er  sol  ns  gewürket  werden  uf  sin  bestes.  Do  Judaz 
Gristus  mit  dem  kuss  verriet,  [55']  do  namde  in  Gristos  sinen  fründ 
und  sprach:  „fründ  mine  etc.*' 

Do  sich  diser  armer  man  neiswi  lang  also  geleid  vil   eilend- 
klich,  do  hangete  er  dennoch  an  einem  vil  kleinen  trösdin,  daz  alle  10 
sin  ufenthalt  waz,  und  daz  waz,   daz  du  trnkendü  burdi  dennoht 
nit  für  die  rihter  und  prelaten  dez  ordens  waz  komen.     Dis  trftstli 
zukte  im  och  got  ges winde,  wan  du  obrest  meist^rschaft  über  allen 
orden  und  du  meisterschaft  über  tütscbes  land  kamen  mit  einander 
in  die  stat,   da  das  bos  wip  den  biderman  hate  an  gelogen.     Do  16 
der  arme  man  anderswa  wonende  disü  mer  erborte,  do  erstarb  im 
sin  herz  ingruntlich  und  gedahte:  „wie  die  meister  dem  b&sen  wibe 
wider  dir  gelosent,  so  bist  du  tod;   sü  legent  dich  in  ein  sölichen 
notstal  der  bfisse,   daz  dir  vil  weger  weri  ein  liplicher  tod."     Daz 
pinlich  gedrang  weret  XII  tag  und  naht  an  einander,  daz  er  der  20 
marterlichen  büss  wartend  waz,  wenn  sü  dar  kemin. 

Elins  tages  von  menschlicher  krankheit  brach  er  us  mit  un- 
geberden  und  mit  unsitiger  gehabd  von  den  nöten,  in  den  er  was, 
und  in  der  kleglichen  gehabd  dez  inren  und  dez  nssern  mensehen 
gie  er  einend  ab  von  den  lüten  an  ein  heimlich  stat,  da  in  nieman  25 
sehi  noch  horti,  und  undenvilent  so  Hess  er  die  grundlosen  erholten 
süfzen.  Nu  waren  ime  die  trehen  in  den  ogen,  denn  gnssen  sü  her 
US  über  siuü  wangen  abc.  Er  enkond  von  angstlicher  not  uf  im 
selb  nicne  still  hüben:  nu  sass  er  geswinde  nider,  denn  so  wüst  er 


2  vol]  von  K  won  M  5  mitwürken  ÄSP  12  rUiter  waz  komen 
und  (die  S)  prelaten  S'P  13  f.  allen  orden  und  du  rot  durchMir,^  aber  wieder^ 
hergefftellt :  meisterschaft  über  (vor  tütsch.  1.)  am  Bande  nachgetragen  A 
15  biderben  man  SM  20  wol  zwelf  t.  M  23  unsiniger  ASPA^  von 
—  24:  gebabd  fehlt  PK  26  so  f€?tU  M  erholten  grundlosesten  S  28  von] 
vor  M        29  wischt  M 

8  Matth.  26,50.  13  f.   l)er  Ordensgeneral  und  der  Provineial  von 

Deutachland  (Provinz  Tentonia),  16  In   Ulm,  wohin  er  um  1348  versetii 

wurde.  19   Über  die  Bestraf umj  der  peccata  carniSj  die  besondere  etreng 

geahndet  icurden^  vgl.  Konstitutionen  I,  lö:  De  graviori  culpa  (ALKGM  /,  209; 
K,  647), 


Leben  Sense».    Kap.  SXXVm.  ' 

iif  uud  luf  hiu  und  her  in  der  katner  als  ein  meDBch,  mit  dem 
nngst  und  not  ringet.  Denn  stiees  im  ein  gedank  her  dur  sin  beiz, 
und  Bpracli  mit  zitrender,  einredender  Etimme  also:  „owe  got,  waz 
meinst  da  mit  mir?"  Under  dannen,  do  er  in  der  kleglicben  un- 
5  geliebd  waz,  do  sprach  neiswas  von  got  in  ime  also:  „wa  ist  na 
din  gelassenbeit,  wa  ist  glichstan  in  lieb  nnd  in  leide,  daz  du  dik 
hast  andren  läten  f'r6lich  geliept,  wie  man  sich  gote  lidklich  sül 
lassen  und  uf  niht  beliben?"  Dez  entwürt  er  vil  weinlich  hin 
wider  nlso:  „fragest  du  mich,  wa  min  gelassenheit  sie,  eya,  so  sag 

10  du  mir,  wa  ist  gotes  grundiosü  erbarmberzikeit  über  sin  frtinde? 
Ich  gan  doch  hie  wartende,  und  bin  in  mir  selb  verdorben  als  ein 
verteilter  man  libes  und  gutes  and  eren.  Ich  wände,  got  weri  milt, 
ich  wände,  er  weri  ein  gnediger,  tugenthafter  herr  allen  den,  die 
sich  getorstiu  an  in  gelassen;  owe  mir,  [55"]  got  ist  an  mir  erzaget! 

15  Owe,  dii  milt  ader,  du  nie  erseig  an  erberrode.  dft  ist  an  mir  armen 
ersigen!  Owe,  daz  luilt  herz,  von  dez  miltekeit  ellü  du  weit  schriet, 
bat  mich  ellendklich  gelassen!  Er  hat  sinü  sob&nli  ogen  und  sin 
gnediges  nntlüt  von  mir  gekeret.  Owe  du  gütliches  antlüt,  owe  du 
miltes  herz,  ich  heti  dir  es  nie  getrüwet,  daz  du  mich  so  gar  hetist 

so  rerworfenl  Owe  grundloses  abgrönd,  kum  mir  ze  staten,  wan  ich 
bin  vorhin  verdorben!  Du  weist,  daz  alle  min  trost  und  züversiht 
an  dir  allein  Ut  und  an  nieman  anderm  uf  ertrich.  Eya,  hÖrent 
mich  bfitc  dur  got,  ellü  lidenden  herzen!  Lügent,  es  endarf  nicman 
kein  nnbild  nemen  ab  miner  nngehabd,  wan  alle  die  wile.   do  mir 

25  gelassenbeit  allein  in  dem  mund  waz  mit  rede  dur  von  ze  sprechen, 
do  waz  mir  süss  dur  von  ze  redeu;  owe,  nu  hat  es  alles  min  herz 
durwundet  und  daz  inniges!  gemarg  aller  miner  adren  und  mins 
birnis  dursofet,  daz  kein  gelid  an  minem  libe  niene  ist,  es  sie  dur- 
martret  und  durwundet;  wie  kan  ich  denne  gelassen  BinV 

30  Do  er  in  diser  ungehabt  wol   einen    halben   tag  waz   und   sin 

hirni  verwüstet  hate,  do  gesass  er  also  stille  und  kerte  eich  von  im 
gelb  zi^  gotc  und  cr^ah  sich  in  sinen  willen  und  sprach:  „mag  es 
anders  nit  sin:  fiat  voluutas  tua!"  Do'  er  also  sase  in  einer 
entzogenheit    siner   sinnen,    do   duht   in   in    einer   gesiht,    daz    sincr 


4  f.  ungehttbe  SM  5  iin  /ihlt  M  7  hast  trolich  a.  1.  g.  Jf  11  selb 
/ehit  K  11  f.  ein  verdorben  man  der  verteilt  Ist  ä  13  tugenthafter  gued. 
b.  ^  14  verzogt  MÄ'  IT  f.  ogen  von  mir  gekert  u.  s.  g.  a.  M  24  ua- 
gelmb  SM         26  h.  es  lulr  MA'         27  inrost  S        marg  SFK        33  nnd  do  M 

33  MuttU.  ~'6.42. 


1 2S  Leben  Seuses.    Kap.  XXXVIII. 

heiligen  geischliehen  töbtran  einü  fär  in  kemi  8tan,  d6  im,  die  wi 
si  dennoh  lepte.  dik  hat  geseit,  er  müsti  vil  liden,  aber  got  w61t 
im  dur  von  helfen;  und  dA  erschein  im  vor  und  tröste  in  gütlich 
Daz  nam  er  von  ir  uf  vil  unwertlich  und  sprach  ir  an  ir  warheit 
Do  lachet  si  und  trat  hin  zA  und  bot  im  ir  heiligen  hand  um 
sprach  also:  „nement  hin  min  kristanlichen  tr&we  an  gottcs  stat 
daz  üch  got  nit  wil  lassen,  er  wil  uch  helfen  dis  liden  und  eüi 
üwrü  liden  überwinden."  Er  sprach:  „Iflg,  tohter,  min  gedrang  is 
als  gross,  daz  ich  dir  nit  me  mag  globen,  du  gebest  mir  denn  des 
ein  gftt  Wortzeichen."  Si  sprach:  „do  wil  uch  got  in  allen  gfttei 
reinen  herzen  selb  entschuldgen ;  den  bösen  herzen  entwurtent  di 
ding  nah  ir  selbes  bosheit.  daz  einem  wisen  gotesfrund  nit  zc  ahtei 
ist.  Und  bredierorden,  den  ir  klagent,  der  sol  got  und  allen  be 
[56 'Jscheiden  menschen  von  üwren  wegen  dest  gevelliger  sin.  Disei 
warheit  nement  ein  Wortzeichen  da  mite:  lügent,  got  der  wil  ücl 
schier  rechen  und  wil  sin  zornlich  hand  über  daz  bös  herz  lasser 
gan,  daz  üch  also  hat  betrübet,  und  wil  ir  daz  leben  ab  precber 
mit  dem  tode;  dar  zu  alle,  die  ir  sunderlich  in  der  sach  mit  bösei 
klaf  hein  gehulfcn,  an  den  mfiss  es  och  also  bald  gerochen  werden, 
dez  sint  sicher!"  Der  brüder  ward  hier  ab  wol  getröstet  und  wartet 
vast,  wie  got  die  sach  wölti  enden. 

Do  gar  kurzlich  dur  na  ward,  do  geschah  es  alles  in  der  war- 
heit, als  si  hate  geseit.  Wan  der  Unmensch,  der  in  also  hat  ge- 
pinget,  der  starb,  und  starb  eins  unbekanten  todes;  du  endrü  ire 
neiswi  vil,  von  den  im  aller  wirst  waz  geschehen,  die  znkte  der 
tod  von  hinnen,  dero  enteil  unverstandenlich  stürben,  etlich  ane  biht 
und  ane  gotes  fronlicham  vergiengen.  Der  selben  menseben  eins 
waz  ein  prelat  gewesen  und  hat  im  vil  we  getan;  der  erschein  im 
vor  in  einr  gesiht,  do  er  erstarb,  und  kunte  im,  daz  im  got  hier 
umbe  heti  ab  gebrochen  sin  leben  und  sin  wirdekeit,  und  daz  er 
etwi  lange  müsti  dur  von  in  der  bftsse  darbep  und  torren. 

Do  die  ungew6nlichen  rächen  und  och  töde,  die  got  über  sin 
widersachen  als  geswind  saute,  do  die  sahen  ire  vil  menschen,  dien 


9  mt-  fMt  PM  dez  fehlt  SP  10  gfit  fehlt  K  üch]  dich  iS 
ich  A^  ich  ücli  M  ^a'iten  fehlt  6'  13  der  fehlt  M  15  nam  er  ain 
w.  M  24  und  starb  fehlt  P  27  f.  waz  ains  e.  p.  M  29  do  er  erstarb 
fehlt  M  31  in  der  wis  und  in  der  bus  [darbt-n  und]  torren  M  32  gewon- 
licbon  A^        33  irej  wie  K 

13   Vffl.  oben  iL'tKQl. 


1 30  Leben  Seuses.    Kap.  XXXIX. 

Hier  na  do  half  ime  der  milt  got,  daz  sich  daz  nngebär  weter 
dez  lidens  gar  genedklich  nider  Hess  und  zergie,  nah  dem  als  in 
du  hailig  tohter  in  der  gesiht  wol  hate  getröstet.  Er  gedahte  dike : 
„ach  herr,  wie  ist  daz  wort  so  war,  daz  man  von  dir  seit:  dem  got 
wol,  dem  nieman  übel!"  5 

Och  sin  geselle,  der  im  in  der  sach  ungeselleklicb  hat  getan 
und  in  och  got  kürzlich  dur  na  hinnen  nam,  do  der  erstarb  and 
alles  mitel,  daz  in  der  blossen  götlichen  beschöwde  gesumet  bäte, 
do  daz  waz  ab  gevallen,  do  erschein  er  im  vor  in  liehtricher  gnl- 
dinr  wat,  und  umbfieng  den  diener  lieplich  und  trukte  sin  antl&t  lo 
an  sin  wangen  gutlich  und  bat  [56^]  in,  daz  er  im  vergebi,  da  er 
sich  gen  im  übersehen  heti,  und  daz  ain  getrüwü  himelscbü  frunt- 
Schaft  enzwischen  inen  zwain  eweklich  belibe.  Daz  nam  der  diener 
frolich  uf  und  umbfieng  in  och  früntlich;  und  also  verswand  er  vor 
im  und  für  in  die  götlichen  fröde.  15 

Dar  na  neiswen,  do  es  got  zit  duchte,  do  ward  der  lider  von 
got  ergezzet  alles  dez  lidens,  so  er  hate  gehabt,  mit  inrlichem 
herzenfrid  und  mit  stiller  rüwe  und  liehtrichen  gnaden.  Er  lopte 
got  inneklich  umb  daz  minneklich  liden  und  sprach,  daz  er  nit  alle 
die  weit  dur  wider  heti  genomen,  er  heti  es  alles  erliten.  Got  gab  20 
im  wol  ze  erkennen,  daz  er  von  disem  niderschlag  sin  selbs  adel- 
licher entsezzet  ward  und  in  got  übersezzet,  denn  von  allen  den 
mannigvaltigen  liden,  du  er  von  jugcnt  uf  unz  an  daz  selb  zit  ie 
hate  gewunnen. 

XXXIX.  Kapitel.  25 

[57^]  Von  inrem  lidenne. 

Under  dannen,  do  du  geischlich  tohter  daz  vorder  kleglich 
liden  las  und  sich  von  erberrade  wol  erweinete,  do  bat  si  in,  daz 
er  ir  och  seiti,  wie  inrü  liden  geschafen  werin.     Er  sprach: 

1  Hier  ua  —  15  frode  fehlt,  dafür  folgender  Zusatz:  Och  der  prelat 
über  tusch  laut  ontschuldget  in  und  sprach,  daz  er  und  der  meister  des  ordens 
heten  da  strenklich  visitiert,  als  man  sol,  und  fuuden  wider  in  niht,  denn  daz 
ain  bos  wib,  der  nit  ze  globen  waz,  hott  von  dem  biderben  man  bosschlich 
geredt,  und  daz  moht  noch  beschehen,  der  bösen  zungen  weit  gelosen  M  8  gotl. 
fMt  A"^  14  früntl.]  frolich  P  20  die]  dis  M  da  wider  M  21  schlag  M 
26   Üher.schrift  fehlt  K        iiiren  A        27  di.s  M  kleglich  fehlt  SM 

24  In  AKRWB^a  an  Bild:  Seusc  irird  von  den  bösen  Geistern  und 
durch   Verleumdung  der  Menschen  gepeinigt  {Abb,  5  nach  K  Bl.  S4^). 


Von  inren  liden  wil  ich  dir  zwai  ding  sagen.  Eh  waz  in 
einem  orden  ein  fürneiner  man,  ober  den  hat  got  verhenget  ein 
inreB  liden,  nnd  in  dem  Hdene  waz  dem  armen  brbder  ein  mbt  und 
herz  also  versunken,  daz  er  naht  und  tag  gie  weinen  und  hüwlen 
5  nnd  sich  übel  gehaben.  Der  brfider  kam  zfl  dem  diener  der  wis- 
heit  mit  grossem  andabt  und  klagte  im  sin  not  und  hegerct,  daz  er 
got  über  in  bete,  daz  im  gehulfen  wurde.  Eins  morgens  frft,  do 
der  diener  dar  über  bat  nnd  also  gesass  in  siner  tapell,  do  waz  im 
vor  in  einer  gesibt,  wie  der  selb  bös  geist   kemi   für   in   stau,   und 

10  der  waz  in  sinem  angenomen  bilde  geschafen  alB  ein  ungestalter 
raore  mit  fürinen  ogen,  und  hate  einen  belachen  erscbrokenlichen 
anblik  und  hate  einen  bogen  in  der  band.  Der  diener  sprach  zu 
im  also:  „ich  beswer  dich  bi  dem  lebenden  got,  daz  du  mir  sagest, 
waz  du  sießt  ald  waz  du  her  welliat."     Er  sprach  vil  tüfellicb:  „ich 

15  bin  es,  spiritue  blasphemiae,  und  du  wirst  wo)  innen,  waz  ich  wil." 

Der  diener  kert  sich    umbe  zu  dez   kores  türe.    do  kom  der 

lidende  brüder  zu  der  selben  türe  in  gende  und  wolt  in  den  kor  ze 

mess  gan.     Do  znkte  der  bös  geist  sinen  bogen  her  für  und  schoss 

ein  fürin  pfil  In  dez   bröder  herze,    daz  er  na   hinder   sieh  waz  ge- 

20  Valien,  und  moht  nit  in  den  kor  komen.  Daz  mute  den  diener 
[50']  und  strafte  den  tüfel  hier  nmbe  herteklich.  Dez  ward  der 
hofertig  tüfel  zornig  af  in,  nnd  zukte  den  bogen  in  mit  einem  füri- 
neu  pfil  als  och  vor,  und  wolt  im  es  och  in  sin  herz  hau  geschossen. 
Do   kert   er  sit^h   geswindc   ze   unser  frowen  umb  hilf  nnd  sprach: 

25  Nos  cnm  prole  pia  benedicat  virgo  Maria,  und  der  tüfel 
verlor  ein  kraft  nnd  verswand  vor  irae.  Do  mornend  ward,  do  seit 
er  es  dem  lidenden  brüder,  er  trost  in  und  seit  im,  waz  da  wider 
hilfet,  und  nit  anders,  als  er  es  screib  an  siner  bredien  einer,  du 
da  an  vahet:  Lectulus  noster  floridus. 

30  Ünder  vil  andren  inren  lidenden  menschen  kora  eins  males 

ein  weltlicher  man  zu  ime,   der  waz  von   einer  fromder  gegin,  nnd 

1  dir  och  M  4  f.  [gie]  weinete  u.  hün-lete  ....  gehöb  A'  höwleu] 
hfmea  S  16  plazlemiuen  (!)  M  20  mßgt  K  21  dar  nmb  M  22  bogen 
[in]  M        24  geawind  iirab  M        2S  einer  fthll  M        30  inren  fehll  MA' 

10  f.  Eint  »eil  alters  geläufige  Vor»teUung,  Schon  die  lU.  Ptripttua  (Pa»iio 
c.  10)  kämpft  in  der  Vigimi  mit  einem  -Aegj/plüi»,  foedit«  gpecie."  Vgl.  bei 
Bartmann  eon  Aue  (MFt.  211,5J  uml  Wallher:  helleinör;  Berthnld  von  Reg. 
1,413,  36 ff.;  Meehlhüä  von  Mofidebarg  93.  15  Matth.  12.31. 

25    Btnediktio»    vor    der     3.    Lektion    der    1.    Noiilurn    an    Marien/tsleii 
(Dominikanerbrevier),  29  Erste  Prectigt  Stu»e$. 


132  Leben  Seuses.    Kap.  XL. 

der  seit  im  also:  „herr,  ich  han  daz  aller  gröst  liden  in  mir,  daz 
ie  kein  mensch  gewan;  und  mir  kan  nieman  gehelfen.  Ich  hate 
nu  kurzlich  an  gote  verzwifelt  und  waz  als  verzagt,  daz  ich  mich 
selb  wolt  han  verderbet  von  übrigem  leide,  und  wolt  mir  selb  den 
tod  han  an  getan  an  Hb  und  an  sele.  So  ich  iez  in  der  not  bin  & 
und  in  ein  wütiges  wasser  wil  springen,  und  den  anlof  genam  und 
mich  selb  mQtwilklich  wolte  ertrenken,  do  hört  ich  ein  stimme  ob 
mir,  du  sprach  also:  „halt  uf,  halt  uf,  tu  dir  selb  nit  den  schant- 
liehen  tod  an!  Such  einen  bredier!**  Und  namte  im  den  diener  mit 
sinem  eigen  namen,  den  er  nieme  hat  gehöret  nemmen,  und  sprach :  lo 
„von  dem  sol  dir  gehulfen  werden,  daz  dir  reht  geschiht**  Er  waz 
fro  und  Hess  sich  selb  ungetödet,  und  suchte  in  mit  nafragen,  als 
er  geheissen  waz.  Do  der  diener  sah,  daz  sich  der  mensch  als 
kleglich  geh  üb,  do  kert  er  sich  zu  dem  lider  gütlich  und  tröste  in; 
er  machete  im  sin  herz  als  Hht  und  lerte  in,  waz  im  ze  tun  waz,  i& 
daz  er  mit  gotes  hilf  dur  na  in  solich  anvehtung  nieme  kam. 

XL.  Kapitel. 

Welü  liden  sien  dem  menschen  aller  nüzzest  nnd  got  aller 

lobllchest. 

Du  heilig   tohter   fraget  und   sprach   also:    „ich  wüsti   gern,  20 
welü  liden   under  allen  liden   dem   menschen  du  aller  nüzest   und 
gote  aller  loblichest  sien?"     Er  entwürt  und   sprach  also:   du   seit 
wüssen,  daz  man  vindet  mengerley  liden,  du  den  menschen  bereitend 
und  im  guten  weg  gebeut  zu  siner  selikeit,  der  in  reht  kan  tun. 

Got  verhenget  etwen  über  einen  menschen  swerü  liden  ane  25» 
alle  sin  schulde,  in  dem  Hdene  got  den  menschen  eintweder  wil 
versücheo,  wie  vast  er  stände,  ald  waz  er  an  im  selber  habe,  [58^] 
als  man  vil  liset  in  der  alten  e.  ald  aber  daz  got  dar  inne  allein 
meinet  sin  götliches  lob  und  ere,  als  daz  ewangelium  seit  von  dem 
blindgebornen  menschen,  den  Gristus  unschuldig  seite  und  in  gesehend  so» 
machte. 

Etlich  liden  ist  och  gar  wol  verschuldet,  als  dez  Schachers 
liden,  der  mit  Cristo  gekrüzget  ward  uud  in  Cristus  selig  machete 
von  dem  getrüwen  ker,  den  er  zu  im  nam  in  sinem  Hdene. 

Bf.  schamlichen  P  16  nimmer  me  kam  M  21  under  a.  1.  welü. 
liden  S        du  fehlt  M        29  meinet]  niemet  A 

29  Joh.  9,3,  32  ff.  Luk,  23,43, 


Etlicb  liden  hat  Bit  scbulde  in  der  lideiidea  sach,  du  iine 
denne  gegenwüitig  ist;  es  hat  aber  etwas  anders  gebresthaftiges  itf 
ime,  dar  umb  got  liden  über  in  verhenget,  als  vil  dik  beschibt,  daz 
got  übrig  hoffirt  drnkt  und  den  menschen  zfi  im  selben  wieet  mit 
5  einem  sweren  undergang  siner  Äbertragenbeit  in  einer  sölicber  sach, 
der  er  vil  liht  denn  zemal  gar  nnscbuldig  ist. 

Etlichü  liden  werdent  dem  menschen  von  gote  in  der  trüwe 
geben,  daz  der  mensch  dur  von  werd  noh  grösser  liden  überhaben, 
als  den  menscheu  ges(;hiht,  den  got  bie  ir  fcgfiir  git  mit  sieehtagen 
10  ald  mit  arniftt  ald  dez  glich,  daz  aü  des  nagenden  über  werden, 
ald  joh  daz  er  sü  lat  tüfellichü  menschen  üben,  daz  sü  an  dem  tode 
dez  anblikeg  überhept  werden. 

Etlichü  menschen  du  lident  von  rehter  inbrünstiger  minne,  als 
ilic  martrer,   die  mit  ire  manigvaltigen  sterbene  libes  oder  gemutes 
15  dem  lieben  got  gern  zogtin  ire  minne. 

Wan  vindet  och  in  diser  weit  meng  üpig  und  trostloses  liden, 
als  die  müssen  han,    die  der  weit  nah  weltlichen  sachen  gnüg  wen 
sin;    sü   müssen   die   helle   vil   siir   erarnen,    da   bi   ein   gotlidcnder 
mensch  im  selb  wol  möhti  behelfen  in  sinem  lidene. 
20  So  sint  etlichü  menschen,    du  got  inrlicb  dik  verniant,  daz  sü 

den  rehten  ker  zfl  got  nemen,  wan  er  in  gern  heinlich  were,  die 
da  widerstrebend  mit  hinlessifceit.  Du  zühet  got  underwilent  mit 
lidenne:  wa  sü  sich  hin  kereut  und  gern  got  endrnnnin,  so  ist  got 
da  mit  zitlicbem  nngeluk  diser  weit  ond  behebt  sü  mit  dem  bare, 
25  daz  BÜ  im  nit  mugen  endrünnen. 

Man  vindet  och  du  menschen,  du  nit  üdcns  hein,  denn  so  vil, 
als  sü  in  selber  liden  maehent  da  mite,  daz  sü  daz  gross  wegend, 
duz  nit  ze  wegen  ist.  Als  einest:  do  gie  ein  wolgeladenr  mensch 
in  lidene  für  ein  hus,  da  hört  er,  daz  sich  ein  frow  gar  übel  gebftb, 
30  Er  gedahte:  , gange  hin  in  und  träst  [59']  den  menscheu  in  sinem 
lidene!"  Er  gie  hin  in  und  sprach:  „owe,  liebü  frowe,  waz  wirt 
ücb,  daz  ir  üch  also  klagent?"  8i  sprach:  „da  ist  mir  ein  nndel 
enpfallen,  und  die  kan  ich  niene  finden."      Er   kert   sich   umb   und 


2  ftndera  fe)tlt  S  gebrieäth.  Ä  8  mensoli  uorh  grÖKZor  L  da  vi 
werd  aberh.  M  U  mabigvaltigen  A  IG  man  SM  18  sinu  A  19  g 
helfen  M  22  undenitrebend  .1/  23  gern  [got]  .S'  29  in]  mit  AT  g 
fthU  M  30  den  menscheu]  si  S  irem  S  31  f.  wirt  öch]  gebriat  dir 
wirret  üch  M 


28  Wahrgchtinlieh  Sense  selbst. 


J 


1S4  Leben  Seuses.    Kap.  XL. 

gie  US  und  gedahte:  owe,  du  tobe  mensch,  hetist  du  miner  burdinen 
eine  uf  dir,  du  weinetist  kein  nadlen!*"  Also  machent  etlicbü  zartü 
menschen  in  selber  ein  liden  in  mengerley  Sachen,  daz  kein 
liden  ist. 

Aber  daz  edelst  und  daz  best  liden,  daz  ist  ein  cristf&miig  5 
liden,  ich  mein  daz  liden,  daz  der  himelsch  vater  sinem  einbornen 
snn  und  noh  sinen  lieben  frunden'git.  Daz  ist  nit  also  ze  verstene, 
daz  kein  mensch  zemal  ane  alle  schuld  sie,  denn  allein  der  liep 
Cristns,  der  nie  sund  getet.  Mer  als  Cristus  sich  gedulteklicb  erzogte 
und  sich  hielt  in  sinem  lidene  als  ein  senftes  lembli  ander  den  lo 
Wolfen,  also  git  er  etlichen  sinen  liepsten  fruuden  och  underwilent 
gross  liden,  dar  umbe  daz  wir  unlidigü  menschen  bi  den  seligen 
menschen  lernen  gedultig  sin  und  alle  zit  mit  einem  süssen  herzen 
übel  mit  gut  überwinden. 

Dis  alles  solt  du  an  sehen,   tohter  minü,  und  solt  nit  ungern  15 
liden,  wan  swannen  liden  her  kumt,  so  mag  es  dem  menschen  nüzz 
werden,  ob  er  es  reht  alles  sament  kan  von  got  uf  nemen  und  68 
wider  in  got  tragen  und  mit  im  überwinden. 

Du  tohter  sprach:  ^daz  edelst  liden,  von  dem  ir  hie  ze  jungst 
heiud  geseit,  da  man  mit  Unschuld  lidet,  daz  hein  wenig  menschen.  20 
Ich  horti  gern,  wie  ein  verschulter  gebresthaftiger  mensch  sin  liden 
mit  got  mug  überwinden,   wan  die  hein  zwivalt  liden:  sü  hein  got 
erzürnet  und  werdent  von  ussnan  gepinget." 

Er  sprach:  daz  wil  ich  dir  sagen.  Ich  wüste  einen  menschen, 
der  hate  ein  gewonheit,  so  er  von  menschlicher  krankheit  hate  kainen  25 
gebresten  geübt,  der  büsswirdig  waz,  so  tet  er  als  ein  gutü  wösche- 
rin,  du  mit  irem  ingedrukten  und  geweichten  wat  hin  gat  zu  dem 
Intern  wasser,  und  es  da  alles  suber  und  rein  machet  mit  der  woschi, 
daz  vor  unrein  waz:  also  erwand  er  niemer,  e  daz  im  ward  dez 
unschuldigen  nieder  trieffenden  blütes  Cristi,  daz  er  ze  hilfe  und  ze  30 
trost  mit  unsäglicher  minne  dur  alle  sünder  vergoss,  daz  ime  geisch- 
lich  dez  selben  blütes  ward  ein  gnuhsamer  usfluss.  Und  in  dem 
hizzigen  [59^]  blute  so  wusch  er  sich  und  sine  masen  abe,  er  badet 
sich  in  dem  beilsamen  blutigen  bedlin,  als  so  man  ein  kindli  badet 
in  eim  warmen  wasserbad,   und  tet  daz  mit  herzklichem  andaht  in  35 


3  in  selber  fehlt  M  mit  meng.  s.  M  7  lieben]  ^äten  S  19  am 
Bande  von  anderer  Hand:  nö  von  verschultem  liden  A  27  wat]  gewand  S 
28  wasser]  bruunen  31  gemachet  M  in  dem  weschen  S  31  dur  fehlt  M 
32  influBS  S 


Leben  Seuses.    Kap.  XLI.  135 

einem  wol  getrüwendem  kristnnlichem  globen,  daz  es  im  alle  sin 
sünd  sölt  und  wölt  ab  wescben  und  in  rein  machen  von  allen 
scbulden  mit  siner  almogeuden  kraft.  Und  alsns,  wie  die  Sachen 
vielen,  siner  Unschuld  ald  siner  schuld,  so  endetan  su  alle  zit  glich 
5  in  dem  guten  gote. 


XLI.   Kapitel. 

Wie  er  etlichü  minnendd  herzen  von  zitllclier  minne  zA  göt- 

licher  mlnnc  zoch. 

In  den  ziten,   do  der  diener  mit  ernste  sich  dennoh  erbot,   du 

10  menschen  von  zitlicher  minne  hin  zti  got  ziehenne,  do  markte  er, 
daz  in  sumlichen  kl&stern  etlichä  menschen  waren,  du  geischlichen 
schin  trügen  und  aber  weltlichü  herzen  dar  under  baten. 

Under  dien  waz  einü,  du  hat  ir  herz  uf  zerganklich  minne 
vast  gekeret,  daz  da  heisset  spunzieren,    daz  da  ist  ein  gift  geisch- 

15  lieber  selikeit.  Do  seit  er  ir:  wölti  si  ze  einem  rüwigem  gotlichem 
leben  komen,  daz  si  denne  dur  von  liessi  und  die  ewigen  wisheit 
an  des  iren  liebes  stat  ze  einem  liep  nemi.  Daz  waz  ir  swer  ze 
tüne,  wan  si  jung  und  frisch  waz  und  mit  derlay  geselscliaft  ver- 
kiinbert  waz.     Er   braht  si  neiswen   dar  zu,   daz  si   guten  willen 

20  gewan  daz  ze  tüne,  und  do  ir  der  gut  wille  von  den  iren  ward  ab 
gesprochen,  do  sprach  er  zu  ire:  „tohter,  la  dur  von!  Ich  sagen 
dir,  tust  du  es  nit  frölich,  du  wirst  es  unfr61ich  tünde.'^  Do  si  sich 
nit  wolt  an  sin  getrüwen  red  keren,  do  bat  er  got  ernschlich  über 
si,   daz  si  got  dur  von  zugi,   es  weri  mit  liep  ald  mit  laid.     Eins 

25  tages  gie  er  uf  die  canzell  under  sin  gewonlicli  cruciiixus  und  uam 
uf  sinen  blossen  ruggen  ein  stark  disciplin,  daz  im  daz  blöt  dur 
na  trang,  und  bat  got  über  si,  daz  si  gezemet  wurdi.  Und  daz 
geschah  also ;  wan  do  si  wider  hein  kom,  do  wühs  ir  geswinde  ein 
ungeschafenr  hover  uf  dem  ruggen,  daz  si  hesslich  ward,  und  müste 

30  do  von  not  lassen,  daz  si  dur  got  nit  wolte  lassen. 

Es  waz  in  dem  selben  unbeschlossen  kloster  ein  jungü,  schönü, 
wolgebornü  tohter,  du  mit  dez  selben  tüfels  nezze  menig  jar  ir  herz 

1  wolgetrüwen  dem  ÄS  wol  getr.  [dem]  P  4  schulde  . . .  unschulde  P 
7  minn,  fehlt  M  9  mit  ernste  fehlt  A^  11  semlicheu  SP  14  sponsieren  A' 
spunzieret  M  gift]  gut  (!)  K  15  gotl.  rüw.  M  17  [des]  ir  1.  st.  M 
18  f.  bekünbert  SP  20  iren]  inren  K  26  f.  dur  na  trang]  ab  ran  P 
30  daz  si  —  lassen  fefdt  A^        32  nezze  fehlt  M        naiswie  menig  jar  M 


136  Leben  Seuaes.    Kap.  XLI. 

und  ir  zit  hate  äpeklich  verzeret  mit  allerley  gesinde,  und  da  waz 
80  vast  dar  inne  erblendet,  daz  si  den  selben  diener  der  wiBheit 
alle  zit  floh  als  ein  [60']  wildes  tier,  wan  si  vorte,  daz  er  ir  die 
wise,  die  si  fürte,  ab  spreche.  Nu  bat  in  der  selben  tobter  lip- 
lichü  swöster,  daz  er  sin  glükt  an  ir  versuchte,  ob  er  si  von  der  5 
schedlichen  wise  zu  got  möhti  bringen.  Daz  duhte  in  ein  nnmag- 
lichü  bete,  und  sprach,  in  duhti  m&glicher,  daz  sich  der  himel  her 
ab  neigti,  denn  daz  si  dur  von  liessi,  der  tod  der  müsti  ir  es  be- 
nemen.  Si  bat  vil  flehklich  und  sprach,  si  weri  in  dem  globen, 
wcler  sach  er  an  got  ernschlich  kerne,  daz  im  daz  got  nit  verseiti.  lo 
Mit  sölicher  rede  überwand  si  in,  daz  er  es  gelopte  ze  tüne. 

Und  wan  si  in  alle  zit  floh  und  nit  moht  zu  ir  rede  komen, 
do  nam  er  war  eins  tages  umb  sant  Margareten  tag,  daz  si  mit  den 
andren  jungen  swöstern  waz  us  gegangen  uf  einen  aker  ire  werk 
liechen.  Er  schleich  hinna  und  umbgie  den  aker,  daz  er  mit  glimpf  15 
zft  ir  kemi.  Do  si  war  nam,  daz  er  ir  begond  nahen,  do  kerte  si 
ime  gar  schalklich  den  ruggen  mit  einem  zomlichem  f&rinem  antl&t, 
und  rufte  vil  ungestumklich  hin  über  gen  im  also:  „her  muncb, 
waz  wend  ir  her  zu  mir?  Gand  reht  üwer  Strasse  von  mir,  daz 
rate  ich  u !  Lftgent,  e  daz  ich  ü  wolti  bihten,  ich  wölte  mir  e  lassen  20 
daz  hopt  ab  schlaheu;  e  daz  ich  ü  denne  wolte  volgen  und  min 
spunzieren  ab  lan,  ich  wölti  e,  daz  man  mich  also  lebende  begrübe. 
Dar  umbe  gand  reht  uwer  Strasse,  wan  ir  schaflFent  nüt  an  mir!" 
Du  gespil  du  bi  ir  aller  nehst  stund,  du  stillet  si  und  strafte  si  und 
meinde,  er  heti  es  nüwan  dur  gut  getan.  Si  für  mit  ir  hopte  tob-  25 
lieh  und  sprach:  „lüg,  ich  wil  in  nit  triegen,  ich  wil  im  mit  werten 
und  wisen  zögen,  waz  ich  in  minem  herzen  hau."  Ab  diser  frai- 
diger  rede  und  unsitiger  geberde  erschrak  der  diener,  daz  er  scham- 
rot ward,  und  gesweig  stille,  daz  er  nüt  sprechen  konde.  Dien 
andren  8w6stran,  die  daz  geschrei  über  in  horten,  waz  es  leid,  und  30 
gaben  ir  ungelimpf.  Er  gie  geswinde  einent  ab  und  entweich  ir 
und  sah  uf  und  ward   inneklich  süfzende,   und  wolte  dur  von   ban 


IB  war  fehlt  M  15  lüchen  K  glimpf]  ereu  K  17  gar  smähklich  M 
18  vil  zonilich  und  uncrest.  iS  19  ir  [her]  PA'  von  mir  fehlt  S  20  f.  d.  h. 
lassen  ab  sclil.  ^SK  27  und  wisen]  fünf  wis  (!)  31  28  unsinniger  PA^ 
31  einenthalben  [ab]  FA"^ 

13  S't.  Margaretentag  wurde  in  der  Diözese  Koustane  am  15,  Juli  gt^ 
feiertj  von  den  Dominikanern  am  13,  oder  2fJ,  Juli,  doch  fügten  sich  die  Orden 
meist  dem  Diözesangehrauch;  vgl.  Gmtefend,  Zeitrechnung  /,  llti;  II,  2y  35; 
FiaJa  im  Am,  f.  Schweiz.  (Jesch.  /,  ö — 6. 


^cUin,  deiine   daz  als  neiswas  inrliclis  tribens  von  goi  da  heleib, 

uud   daz   meinde:   wer   gen  gote  ald  gen   der  weit   üt  wil   schalen, 

der  endarf  nlt  als  bald  ab  lasBcn.     Dis  geschah  na  dem  miten  tage. 

Dar  iia  do  es  ward  abent,  na  dem  nahtmal,  do  die  awögtran 

5  ^emainlich  in  den  hof  wurden  gende,   daz  sü  daz  usgeloehen  werli 

rifletin.  und  du  [60']  selb  tofater  mit  in  gie,  und  sü  für  daz  gasthus 

mftsten  gan,   da  der  selb  diener  inne  waz,  do  bat  er  Ire  gespilen 

eine,    daz   sie   die  tohter  mit   etlichen    listen   bin  in  rA   ime   brebti, 

und  si  denn  hin  wider  us  giengi.     Und  daz  geschah  mit  n&teti. 

10  Do  si  hin  in  kam  und  under  dem  laden  bi  im  gesass,  do  hAb 

er  an  mit  inneklichen  süfzen  eines  vollen  herzen  uud  sprach;  ,eya, 

scb6nü,   zartü,   gotea  nserweltü  jungfrow,    wie   lang  wend  ir  üwem 

schönen  minneklichen  lip  und  üwer  zartes  minnekliches  herz  dem 

leiden  töfel  lassen?     Ir  sind  doch    von    gote    so   gar   gnadeniieh 

15  ;;fstalt  in  allem  üwerm  gelesse,  daz  es  ein  übel  mere  ist,  daz  ein 
sölicher  engelachlicher,  wolgestalter,  edelr  mensch  ieman  sol  ze  teil 
werden,  denn  dem  aller  hercsten  ze  einem  liebe.  Wer  sol  den 
schönen  zarten  rosen  hillicher  brechen,  denne  der,  des  er  da  ist? 
Neina,  trütä,   minneklichü  jungfrow,    tänd   üwrii   klaren   falkenogen 

20  uf  und  gedenkend  an  daz  schön  liep,  daz  hie  an  vahet  und  iemer 
und  iemer  weret;  und  nemcnt  oeh  her  für,  waz  knrabers  und  un- 
trüwen  und  laides  und  lidens  an  lip,  an  gut,  an  sei,  an  eren  der- 
ley  menschen  müssen  erliden,  es  sie  in  lieb  ald  laid,  die  des  pfle- 
gent,  denn   daz  sü   die  veraüsstü  gift  also  verblendet,  daz  sii  dez 

■Jb  grossen  schaden  itnder  dannen  vergessent.  der  in  da  volget  in  zit 
und  in  ewikeit.  Eva  dar  umbe,  du  engelschliches  bilde,  du  minnek- 
liebes  edels  herz,  ker  umb  dinen  natürlichen  adel  uf  den  ewigeu 
adel,  und  lass  dnr  von!  Ich  globen  dir  daz  bi  miner  trüwe,  daz 
dich  got  ze  einem  lieb  wil  nemen  und  dir  ganze  trüwe  und  reht 

30  liebi  hie  und  dort  wil  iemer  leisten." 

Gftt  waz  du  stunde!     Disü  fürinii  wort  scbussen  ir  glich  dur 
ir  herze   und   erweichten  si   also  gar,   daz  si    geswind   irü   ogen    uf 


2  Ötz  Af  3  Ifodarl'  M  6  mit  ir  M  S  hin  in  fthlt  M  brphliuf.  SA^ 
14  laidigen  K  16  engdscher  M  21  nemont  —  für  fehlt  M  21  f.  un- 
tröwe  -4'ß  unr&wea  AS  unrögeii  P  24  vor  blendet  M  bleudet  5  25  da 
^■on  A'        27  f.  nf  —  adel  fehlt  Ä        31  förinft]  fruioe  P 

8  Btsonderrs,  vom  Hnenllicheu  KJoghr  getrejmten  Gebäude  iw  Auf- 
nahme drr  fiäatc.  10  In  ihr  FeiiH«-Hi»chf ,  der  Schiehtichkeit  halbvr 
tDiep.'  läl). 


138  Leben  Seuses.    Kap.  XLI. 

hüb,  und  Hess  einen  grundlosen  süfzen  und  sprach  ingranüich  mit 
verwegnen  getürstigen  worten  zu  im  also:  „ach  herr  und  vater 
mine,  ich  ergib  mich  hüte  an  got  und  an  üch,  daz  ich  minem  yer- 
lassen  upigem  lebene  nu  an  diser  stunde  wil  ein  fries  urlob  geben, 
und  wil  na  üwerm  rate  und  hilfe  mich  dem  minneklichen  gote  ze  5 
eigen  geben,  und  wil  ime  allein  unz  an  minen  tode  dienen."  Er 
sprach:  „daz  ist  ein  frölichü  stunde;  gelopt  sie  der  milt  herr,  der 
ellü  widerkerendü  menschen  wil  frölich  enpfahen!" 

Under  dannen  do  su  [61']  zwei  heimlich  mit  einander  also 
von  gote  reddan,  do  stünden  ire  verlassen  gespilen  ussrend  an  der  10 
ture  und  verdross  sä  der  langen  rede,  wan  sü  vorten,  daz  si  nss 
ire  upigen  geselschaft  abdrünnig  wurde.  Die  ruften  ir,  daz  si  es 
ein  ende  machet].  Si  stund  ein  endrü  worden  uf  und  gie  mit  ime 
und  sprach  zu  in  also:  „min  gespilen,  got  der  gesegen  üch!  und 
heind  ein  fries  urlob  von  mir,  baide,  ir  und  alle  unser  gesellen,  mit  15 
dien  ich  leider  min  zit  han  üpeklich  vertriben,  wan  ich  wil  got  nn 
allein  haben  und  daz  ander  alles  varn  lassen.^ 

Die  tohter  vie  an,  alle  schedlich  geselschaft  ze  miden  und  sich 
abgescheidenlich  ze  halten;   und  wie  dik  es  dar  na  an  si  versübt 
ward,  ob  man  si  möhte  hin  wider  in  daz  alt  leben  bringen,  do  half  20 
es  nit.     Si  hielt  sich  also,   daz  si  mit  lobrichen  eren  und  götlichen 
tugenden  vest  und  stete  an  got  unz  an  ir  tod  bleib. 

Der  diener  gie  dur  na  eins  males  us,  daz  er  sin  nüwen  tohter 
in  gutem  lebene  gevestneti,  und  ob  si  in  keinem  liden  weri,  daz  er 
si  gütlich  trosti,  und  tet  im  selb  vil  we  mit  gene  in  der  krankbeit,  25 
in  der  er  do  waz.  So  er  dur  daz  tief  bor  also  trat  und  die  hohen 
berg  uf  klamm,  do  hüb  er  dik  sinü  ogen  uf  ze  gote  und  sprach: 
„erbarmherziger  got,  bis  ermant  diner  eilenden  füsstapfen,  die  du 
tet  dur  menschlich  hail,  und  behalt  mirminkind!^  Sin  geselle,  an 
den  er  sich  ie  erleinde,  der  sprach  von  erbermde:  „es  zimt  wol  30 
gotes  guti,  daz  meng  sei  durch  üch  behalten  werde." 

Do  er  fürbaz  gie,  unz  daz  er  nüt  me  mohte  und  gar  erlegen 
waz,  do  sprach  aber  der  geselle:  „eya,  vater,  got  der  sölti  wol  au 
sehen  üwer  krankheit  und  solti  üch  senden  ein  rössli,  daz  ir  geritend, 
unz  ir  etwa  zft  den  lüten  kemeiul."   Er  sprach:  „nu  komen  sin  baid  :-i5 


5  und  wil  —  G  geben   nuch   dienen   S  5  f.  erzaigen   und  z.  e.  g.    M 

10  verlas!>en  fthll  M        ussen  6'  ussnen  K  13  machetin  M        ein  e.  worden] 

anderw(.Tt  S        21  loblichen  S  lebrichen  P  29  mine  kinde  P         32  miz] 
und  M        3:>  [der]  «reaello  K 


Hii  gnt,  so  getriiw  ich,  daz  mich  got  iliner  tugeitt  lass  geniessen  nii<) 
daz  es  gescheh."  Also  lügete  der  cliener  iimb  sich,  do  »ah  er  zö 
der  rehten  haud  d5rt  her  iis  von  einem  walde  gan  ein  bübgcbee, 
wol  gezSmtes  und  gesatletes  rÖBsli  alleine.  Der  gesell  rfifte  mlf 
5  fröden;  „eya,  lieber  vater,  Ifigent  wie  ftch  got  nit  wil  lasBen!"  Er 
sprach:  „log,  snn,  omb  and  umb  nf  disem  braiten  veld,  ob  iemaa 
dur  mit  gange,  dez  es  sie."  Er  Iftgete  verr  und  nahe,  und  sah  nie- 
man  denn  daz  rössli  daher  zelten  und  sprach:  „vater,  werlleb,  got 
der  hat  üch  daz  gesendet;  sizent  uf  und  [Öl']  ritendl"    Er  sprach: 

]0  .Iflg,  geselle,  ist,  daz  daz  rossli  still  stat,  so  es  zd  uns  kurat,  so 
getriiw  ich  got,  der  hab  es  ze  unser  notdurft  her  gefüget."  Daz 
rössli  kam  senfteklicli  und  sttlnd  stille  vor  iu.  Er  sprach:  „wol  her 
iu  gotes  namenl"  und  der  geselle  half  im  uf  und  Hess  in  riten,  nnd 
gieng  er  mit  ime  neiswi  verr,  auz  er  gerüwete.    Und  do  so  kamen 

15  nahe  zfi  einem  dorfe,  do  sass  er  abe  und  leite  dem  rösslin  den  zom 
wider  uf  und  hiess  es  stn  strass  gan,  dannan  es  komen  were;  war 
es  do  kemi  ald  wes  es  weri,  daz  kond  er  dur  na  nie  crvarn, 

Do  der   diener   kam   hin.   da   er   bin  wolte,    do   geschah  eins 
abendes,   daz   er  also  gesass  bi   sinen  geischlichen  kinden  und  inen 

HO  leidete  zerganklich  liep  und  in  liepte  daz  ewig  liep.  Do  sü  von  im 
giengen,  do  waz  sin  herz  neiswi  erhizzet  von  siner  bcgirlichen  rede 
in  gütlicher  minne,  wao  in  duhle,  daz  ein  liep,  daz  er  meinde  und 
andren  menschen  gab  ze  miunene,  als  reht  vil  besser  were  denn 
ellü  lieb  dieser  weit.    Und  do  im  in  der  betrahtunge  die  sinne  neiswi 

25  entsunken,  do  dubt  in  in  einer  geeiht,  er  wurdi  gofüret  ufeinschiin, 
grünen  beide,  und  gie  ein  stoltzer  himelscber  jungling  bi  ime  und 
fftrte  in  an  siner  band.  Also  erhfib  der  selb  Jüngling  in  dez  brüder 
sele  ein  lied,  und  daz  erschal  als  fn'ilich,  daz  es  im  alle  sin  sinne 
verflogte  von  Überkraft  des  süssen  gedönes;    und  duhte  in,  daz  sin 

M  herz  als  refat  vol  wurdi  inbrünstiger  minne  und  jamers  na  gote,  daz 
daz  herz  ward  varnd  und  wütende  in  di*m  übe.  als  ob  es  von  übriger 
not  zerbrechen  wolle,  und  mfiste  die  rihten  band  legen  nf  daz  herz 
im  selber  ze  bilfe,  und  siuü  ogen  wurden  als  vol,  daz  die  trehen 
über  ab  runnen.     Do  daz   lied    us   kom,   do  ward   im    ein   bild  für 

35  geworfen,  in  dem  man  in  leren  wolte  daz  selb  lied,  daz  er  sin  nit 


1  jn^eQt  P  4  wol  gezeiutes  röäselin  mit  uiiium  satcl  daz  ktim  idlain  M 
6  snn  Ifige  PM  lU  uub  zu  k.  .1/  11  geetndei  .1/  20  ir  zerg.  liep  M 
21  erhitztet  SK  25  schön  /thU  K  '2H  Kimelscher  JthU  P  ime]  in  M 
28  f.  [es]  im  a.  s.  »m  und  mut  verdöff  M 


140  Leben  Seuses.    Kap.  XLL 

vergessen  möhte.  Also  Iflgete  er  dar  und  sah  unser  frowen,  wie  da 
ir  kind,  die  ewigen  wisheit^  geneiget  hate  an  ire  mAterliches  herze. 
Nu  stund  der  anvang  dez  liedes  dem  kindlin  ob  sinem  hobte  ge- 
schriben  mit  schönen,  wolgefiorierten  bfiehstaben,  und  waz  du  scrift 
als  togen,  daz  si  nit  menlich  gelesen  konde;  allein  du  menschen,  o 
•du  es  baten  erkriegct  mit  ubiger  enpfintlichkeit,  du  lasen  es  wol. 
Und  waz  du  schrift  also:  HEBZEXTBUT.  Die  schrift  las  der 
diener  behendeklich,  und  sah  denn  uf  und  blikte  in  denn  lieplich 
an  und  waz  im  denn  neiswi  enpfintlich,  wie  daz  als  reht  war  were, 
[62'']  daz  er  allein  weri  daz  zart  herzentrut^  in  dem  man  liep  ane  lo 
leid  heti^  und  trukte  in  denn  in  den  grund  sines  herzen,  nnd  büb 
denn  uf  und  sang  mit  dem  jungling  daz  lied  us  und  us.  Und  in 
der  inbrünstigen  herzklichen  minne  kam  er  wider  zu  im  selben  und 
vaud  sin  rehten  band  ob  dem  herzen  ligende,  als  er  si  der  unge- 
stümen bewegung  ze  hilfe  uf  daz  herz  hat  geleit.  15 

[62^]  Eins  males  waz  er  verr  gegangen,  daz  er  vil  müd  waz 
wordeU;  und  do  er  kam  ze  abent  an  ein  fromd  stat  zu  einer  klosen, 
da  sü  woltan  herberg  nemen  die  naht,  und  waz  kein  win  da,  weder 
in  dem  dorf  noh  in  der  klosen,  da  gie  ein  gütü  tohter  her  für  nnd 
Seite,  si  heti  ein  vil  kleines  fleschli  mit  wine,  wol  uf  ein  halb  mass,  t^' 
und  sprach,  waz  aber  daz  hulfi  under  der  mengiV  Wan  ire  waren 
wol  uf  XX  person  guter  kinden  mit  dien,  die  dar  waren  komeu, 
daz  sü  gotes  wort  usser  sinem  munde  bcgertan  ze  horene.  Er  biess 
daz  fleschli  her  für  tragen  über  tisch,  und  sü  baten  in,  daz  er  einen 
gütlichen  sogen  dar  über  teti.  Und  er  tet  es  in  der  hohen  kraft  dez  25 
minncklichen  nainen  Jesus,  und  vie  es  an  und  trank,  wan  in  turste 
nah  dem  genne,  und  bot  von  im,  und  sü  trunken  ellü  sament.  Daz 
fleschli  ward  nider  f;esezzet  oflfenbarlich,   da  sü  es  alle  sahen,   ane 

7  ahwechsdnd  rote  und  hlaue  Buchmtahtn  AK,  am  Rande  M  8  liepL] 
^nitlich  P  13  herzkl.  fehlt  P  15  ze  hüte  fehlt  M  16  ASPKfRUS^ 
haben  hier  neue  Linie  und  gross  n  Anfangsbuchstaben,  MA^  keinen  Absatz;  tmr 
aA'ir  und  darnach  Denifle  hnbcn  eigenes  Kapit-^l  mit  der  ÜberschHft :  wie  got 
«las  leiplich  tranck  seintMi  freunden  nient  (N  etwas  abweichend)  vil  fehlt  M 
19  g:ntijL,^e  S        21  warrn  fehlt  M        23  bcj^^erton  nach  wort  M 

15  //*  AKUWlVa  ein  Bild:  Maria  mit  dem  Jesuskind  erscheinen  dem 
Diener,  der  Jtsus  .Jhrzenlraat^^  nennt  (Abb,  6  nach  R  Bh  64V).  17  klose 

-—  kleine  Beghinenniedcrlassung.    Die  folgende  Erzählung  ist  ein  typisches  Sei* 
spiel,  wie  Seuse  unier  den  Gottesfreundinnen  ini.>sionierfe.  21  Vgl,  Joh.  6,9. 


alles  wider  in  gieBsen  wassers  oder  wines,  wan  kein   andre  win  da      ^^^| 
waz.    Sil  trunken  aber  und  aber  vast  usa  dem  selben  flesclilin,  und      ^^^| 
waren  als  begirig  von  im  ze  hören  gotes  wort,  daz  dez  gAtlichen      ^^^| 
wunder»  nietnan  ahtete.    Ze  jnngst  neiswen,  do  sü  zö  in  selber  kamea      ^^^| 

J 

' 

ö  und  gotes 
an  sahen 
die  getat 
daz  ist  n 
globen  la 

1  n 
nnd  kraft 

vermugendcD  kraft  in  der  merung  dez  trankes  al 
do  begonden  sü  got  loben  und  wollen  des  dieners 
geben.  Daz  wolt  er  mit  nibtü  gestaten  und  sprach 
nt  min  getat,  got  der  hat  der  reinen  geselscbaft 
ssen  genieescn,  und  het  si  liplicb  und  geiechllch  g 

der  aus  wider  korrigiert  A  wnnder  [in]  (tiessen  (!)  K        5 

kuntlieb    ^^H 
heilikeit      ^^1 

guten       ^^H 

Termttgent       ^^^H 
liepllch  M      ^^H 

142  Leben  Seuse».    Kap.  XLII. 


XLII.  Kapitel. 

Ton  etlichen  lidenden  menschen,  dd  mit  sonderlicher  trüw 

dem  diener  zä  gehorten. 

Es  wareu  in  einer  stat  zwo  fürnem  personen  an  heilikeit,   die 
im  heinlich  waren.     Diser  zweier  gotesfründen  geischlicher  zug  waz    6 
gar  ungelich.   Du  ain  waz  fümeme  vor  dem  volge  und  waz  begäbet 
mit  götlicher  süssekeit,  du  ander  waz  nüt  fümeme  und  got  ftpte  si 
emzklieh  mit  lidene.   Do  die  baid  erstürben,  do  heti  der  diener  gern 
von  got  gewüsset,  wie  mi88[63 ']lich  ire  Ion  an  enr  weit  wen,  wan 
8Ü  hie  als  ungelich  wisen  fürten.    Eins  morgens  frü  do  erschein  lo 
ime  du  ein  vor,  dt  da  als  fümeme  waz,  und  seit  ime,  daz  si  noh 
in  dem  fegfür  were ;  und  do  er  fragete,  wie  daz  möhti  sin,  do  meinde 
si,  daz  si  nit  ander  schulden  uf  ir  heti,  denn  daz  von  ire  fümeme- 
keit  etwaz  geischlicher  hofart  ir  in  viel,  dem  si  nit  gnü  geswinde  us 
gie;  es  solt  aber  schier  ir  liden  ein  end  haben.     Du  ander,  du  ein  15 
Terdrukter,  lidender  mensch  was,  du  für  ane  mite!  ze  gote. 

Dez  dieners  liplichü  mäter  waz  och  alle  ir  tage  ein  vil  grossü 
liderin.    Und  daz  kom  von  der  widerwertigen  unglichheit,  so  si  nnd 
ire  huswirt  baten:  si  waz  vol  gotes  und  heti  gern  dar  nah  götlich 
gelept,   do  waz  er  der  weit  vol  und  zoh  mit  strenger  hertikeit  da  20 
wider,  und  hier  uf  viel  liden. 

Si  hat  ein  gewonheit,  daz  si  alles  ir  liden  in  daz  biter  liden 
Cristi  warf  und  da  mit  ire  eigen  liden  überwand.  Si  verjah  im  vor 
ir  tode,  daz  si  inrent  XXX  jaren  ze  keiner  mess  nie  gestund,  si 
erweinti  sich  biterlich  von  herzklichem  mitlidene,  daz  si  mit  ünsers  25 
herren  marter  hate  und  siner  getrüweu  müter,  und  seit  im  och,  daz 
si  von  der  unmessigen  minne,  die  si  ze  got  hate,  ainest  minnesiech 
ward  und  wol  XII  wuchen  ze  bet  lag  also  jamrig  und  serwende  na 
gote,  daz  es  die  arzet  kuntlich  innen  wurden  und  gut  bild  dar  ab 
uamcn.  30 

3   gehorten  etc.   A'         10   wis   M         do  fehlt  M        13   schuld   PMÄ^ 

17  Ez  waz  des  dieners  1.  lu.  ocli  M       grosslü  A  21  f.  vil  vil  liden.  Si  hatten  M 

24  nie]  me  M  25  bit.  von  herzen  mit  lid(.'nt  M  27  ainest  fehlt  M  28  ser 
weinde  A^ 

16  ane  mitel  -  ■  ohne  Hindernis,  d,  h.  ohne  Fajfeuer.  24  ff.  K,  Schmidt 

(Theol.  Stud.  u.  Krit.  1S43,  S38)  und  Böhringcr  {Deutsche  Mystiker  1S55,  398) 
fassten  die  Stelle  so  auf  als  habe  sie  30  Jahre  lanr/  aus  Furcht  vor  ihrem 
Gatten  keiner  Messe  angewohnt ! 


Si  gie  einest  ze  angender  vaBten  in  das  münster,  da  dft  ab- 
!6snng  mit  gescbniten  bilden  uf  einen  alter  stat,  und  vor  den  bilden 
binderkom  si  neiswi  in  enpfintlichcr  wise  der  gross  smerz,  den  du 
zart  mflter  hate  uader  dem  krüze.  Und  von  der  nitt  gesebah  diser 
5  gfiten  frowen  och  als  we  von  erbermde,  daz  ir  herz  neiswi  erkrachete 
enpfintlich  in  ir  übe,  daz  üI  von  amabt  nider  seig  an  die  erde  und 
weder  sah  nob  sprach.  Do  man  ir  hein  gcbalf,  do  lag  si  siech  unz 
an  den  stillen  fritag  ze  none,  do  starb  s\,  under  dannen  do  man  den 
paesioD  las. 

10  In  den  selben  ziten  waz  ir  sun,  der  diener,  ze  Gölne  ze  scbftle; 

lind  si  erscbein  im  vor  in  einer  gesibt  und  sprach  mit  grossen  frfiden: 
„eya,  klnd  mins,  hab  got  liep  und  getrüw  im  wol,  er  lat  din  mit 
nütii  in  kainer  [63']  widerwertikeit.  Li'ig,  ich  bin  von  diser  weit 
gescbaiden   und   bin  nüt  tod,    icb  sol    eweklieh  leben  vor  got"*     Si 

15  koste  in  mölerlicb  an  sinen  mund  und  gesegnet  in  getrülicb  und  ver- 
swand also.  Er  vie  an  ze  weinen  und  rufte  ir  na:  „o-we,  geträwu, 
beiligCi  railter  minü,  bis  mir  getrüw  gen  gotel"  Und  also  mit  wei- 
nende und  säfzende  kom  er  wider  zii  im  selben. 

In  sinen  jungen  tagen,   do  er   ze   scbi)l   ftir,   do  beriet  in  got 

2ü  einest  eins  lieben  götlicheu  gesellen.  Eins  niales  in  einer  beinüchi, 
df)  SU  von  got  vil  baten  gekoset,  do  bat  in  der  geselle  durcb  ge- 
selleklicb  tniwe,  daz  er  im  zogti  und  in  liessi  sehen  den  minnek- 
lieben  nameu  Jesus  uf  sinem  hiM-zen  gezeichenten.  Daz  tet  er  un- 
gern, und  doch,  do  er  sinen  grossen  audaht  an  sab,  do  waz  er  im 

25  der  bet  gnftg,  und  zerliess  den  rok  ob  dem  herzen  und  liess  in  daz 
berzenkleinet  sehen  nah  aller  siner  begirde.  Dez  begnügte  den  ge- 
sellen nit.  Do  er  es  wol  gesah  scbinberlich  stan  an  dem  übe  en- 
miten  uf  sinem  herzen,  do  für  er  mit  siner  band  dar  und  mit  sinem 
antlüt,  und  streich  es  dar  an  und  leit  sinen  mund  dar  uf.    Er  ward 

30  herzklich  weinende  von  audabt,  daz  im  die  ab  walenden  trehen  über 
daz  herz  ab  rannen.  Und  der  diener  verbarg  den  namen  dnr  na, 
dnz  er  in  nie  keinen  menschen  wolt  me  lassen  sehen,  denn  ebt  ein 


2  ainem  KM  8  neiswaz  SA'  6  vor  üf  8  sdUen  fr.]  karfrita«  M 
10  kSlIe  P  17  mit  fthlt  MÄ'  18  und  also  süfzent  M  zi  i.  b.  Trider  M 
21  liettou  ril  M  21  f.  geselüch  M  24  [an]  sach  K  27  an]  in  MA' 
32  nie  wölt  SKA^  g'eaehen  AP  eht]  öch  P,  fthlt  MA'  ;-i2  I.  ein  aservi, 
gotfisfr.  also  einigen  M 

1  f.   AblSgHHff    CkrUti  vom  KrtuM   (Pietä).  8    Gharffeitag,   teo    dit 

Leidensge^chichtv  Jesu  nach  Joltannes  corgtleetn  vird.  10.19   Vgl.  103,31. 


144  Leben  Seuses.    Kap.  XLin. 

einigen  userweiten  gotesfründ,  dem  es  von  got  erlobet  waz;  der  ge- 
schowte  in  och  mit  glicher  andaht  als  och  dise. 

Do  die  zwen  lieben  gesellen  neiswi  meng  jar  bi  einander  mit 
götlicher  geselschaft  waren  gewesen   und  von  einander  solten  vam, 
do  gesegneten  so  einander  getr&lich   und  macheten   ein  geding  en-   & 
zwüschen  in^  wedre  vor  sturbi,  daz  im  der  ander  geselklich  trüwe 
na  dem  tode  leisti;  und  sölte  ime  ein  jar  alle  wnchen  zwo  messan 
sprechen^  ein  an  dem  mändag  Requiem  und  ein  an  dem  fritag  von 
ünsers  herren  marter.    Dar  na  über  neiswi  meng  jar,  do  starb  dem 
diener  sin  gesell  vor  an,  und  er  hat  vergessen  umb  die  gelubde  der  la 
vor  genanten  messen,   und  gedaht  sin  aber   ane  daz  getrulich.     Do 
er  eins  morgens  also  sass  ingezogen   in  sincr  kapell,   do  kam  der 
geselle  in  einr  gesiht   für  in   stan   und  sprach  vil  kleglich:   „eya, 
geselle,  diner  grossen  untrüwe!    Wie  hast  du  min  vergessen!"     Er 
sprach:  „ich  gedenk  din  doch  alle  [64']  tag  in  minen  messen."    Der  i& 
gesell  sprach:  „es  ist  dar  an  nit  gnflg,  laist  mir  unser  gelübte  amb 
die  messan,  daz  mir  dez  unschuldigen  blütes  hin  ab  werde,  daz  mir 
daz  streng  für  16sche,  so  wird  ich  schier  gelidget  von  dem  fegfür.* 
Und  daz  tet  er  do  mit  herzenklichen  trüwen    und  mit  grossem  laid 
siner  vergessunge,  und  im  ward  schier  gehulfen.  20 


XLIIl.  Kapitel. 

Wie  im  Cristns  vor  erschein  In  eins  Seraflns  bilde  und  in 

lerte  liden. 

Do  sich  der  diener  eins  males  hate  zö  got  gekeret  mit  grossem 
ernste  und  in  bat,  daz  er  in  lerti  liden,  do  erschein  im  vor  in  einer  25« 
geiscbiiehen   gesihte   ein   giichnüs   des  gekrüzgeten  Cristus  in  eines 
Serafins  bilde,  und  daz  selb  engelschlich  Serapfin  hate  VI  vetcben: 

2  «rlicher]  begirlicher  M  diser  KM  4  gutlicher  S  6  f.  enzw.  in] 
mit  enander  S  7  ein  jar  fehlt  M  im  [ein]  jar  A^  16  alle  tag]  all  weg  M 
18  gelediget  KM  24  zö  got  hate  SM  25  und  —  liden  fehlt  M  26  cristi  J^ 
27  ff.  fettachen  *S'  vettich  P  vetken  .V 

8  f.  Am  Montag  eine  Totenmesse  (Requiem),  am  Freitag  eine  Missa  dt 
passione,  27  ff.  Im  Leben  des  hl.  Franz  von  Assist  (Vision  auf  dem  Bergt 

Alvernia,  14,  Sept.  1224,  vgl,  Lamprecht  von  Begensburg,  St  Franzisken  Lehen 
ed.  Weinhold  1880,  3381  ff,  4052  ff.  nach  Thomas  von  Celano)  kommt  woM 
zum  erstenmal  die  Erscheinung  Christi  in  Gestalt  eines  gekreuzigten  Seraphs 
vor:  von  da  ab  uHederholt  sie  sich  öfters,  mit  und  ohne  Stigmatisation.  Vgl^ 
auch  Is.  6,2  u,  Strauch,  Marg,  Ebner  46,3. 


mit  zwatD  vetcheo  bedacht   es  daz  hobt,   mit   zwein  die  füsse,    und 
mit  zwein  flog  es.   An  den  zwein  nidresten  vetchen  stund  gescliiibeu: 
eiipfah  liden  willeklicb;  an  den  initlestcn  BtCiad  also:  trag  Hdeu  ge- 
dulteklich;  an  den  obresteu  stl^nd:  Lern  liden  cristffirmklicb. 
ö  Dis  niinneklicfa   geeiht  seit   er  einem  heiligen  fründe,  der  ein 

vil  beiliger  mensch  waz.  Do  sprach  si  hin  wider:  „wilasint  für  war, 
daz  öch  aber  näwii  liden  sint  berait  von  got,  daz  ir  erliden  niüssent." 
Er  fragte,  welerley  dn  liden  werin.  Si  seite:  „ir  müssent  nu  erhebt 
wi'rdeu  ze  einem  prelaten,  daz  die  äcb  dest  baz  mugen  trefen,   die 

lo  Ungunst  gen  üch  hein,   and  dest  tiefer  her  ab   schupfen.     Dar  umb 

sezzont  üch  uf  gedultekeit,  als   i'ich  in  dem  Serapfin  gezßget  ist." 

Er  ersäfzet    und   lüget  uf  ein   nüwea  künftiges  ungewiter.     Und  es 

ergieng  also  in  der  warheit,  als  im  der  beilig  mensche  hate  geseit. 

Es  fügte  Bich  in  den  selben  ztten,  daz  türü  jar  kamen  und  daz 

lö  man  sinem  konvent,  da  er  do  waz,  weder  brot  noh  win  gab,  und 
daz  der  konvent  waz  komen  in  gross  gülte.  Die  brflder  wurden  ze 
rate  gemeinlich,  daz  sü  in  der  grossen  türi  den  diener  namen  ze 
priol,  wie  leid  ald  widerwertig  es  im  waz,  wau  er  verst&nd  wol, 
daz  im  da  mit  nüwes  liden  bereit  waz. 

•20  üez  ersten  tages  hless  er  lüteti  ze  capitell  und  mante  eä,  daz 

81  sanl  Dominicus  an  rüfcin,  wan  der  heti  sinen  brödern  gelopt, 
wenn  sü  in  an  rüftin  an  den  n6ten,  so  w61/;  er  in  ze  helf  komen. 
Do  Sassen  zwen  brftder  bi  einander  in  dem  capitel,  und  runete  eine 
dem  andern  und  sprach  vil  spotlich  zu  ime:   „lAga,  waz  torohten 


1  dakt  S         1  f.    Iiind]   mit  M        3  dem  mitl.  ASSMaS'  4  dein 

obr.  S  cristfonulicli  M  5  jfottosfrüuile  Ka  7  aber  fehlt  M  8  fragt*) 
sprich  M  12  liimlt.  fthlt  M  18  Bld  wie  wid.  SP  16  f.  wau  —  ber. 
\rta  fehlt  ASP       31  der]  er  K        S4  ime]  in  M 

14  Von  Herbtt  1343  bis  Juni  13i4  war  in  Obetileatachimid  ein« 
gromc  Teuerung:  der  Bischof  von  KoMtant,  Nikolaus  noii  Ktntingen,  aptiste 
aMf  äfintm  Schlotn  Kaslcll  täglich  gegat  äO/MJ  Arme.  Bütge :  Joh.  Fitod.  id. 
W)/tt  J7Ö,  1S3,  ^10  f.;  Heinrieh  v.  DUsseiihnve»  bei  Böhmer,  Fontes  IF,39, 
46;  rnib.  Diöz^rehiv  lfi/4,  4(i;  IMl,  149;  Strauch,  Ad.  Langtmnn  109. 
20  capit«!  ^  Vtrgantmlung  dtr  Mönche  eineg  Kloelerg  oder  Ort,  wo  dies« 
rtattßndtt  (KapiteU»aat) :  vgl.  Dacange  k.  t>.  31  f.   Vgl.  Lacordaire,  LAen 

du  M.  Dominikaa,  deuUch  '  Ih'l,  309  nach  ASS  Aug.  I,  Ö18,  640  (vgl.  auch 
Vinceiu  V,  Beauvais,  Spec.  higt.  XXX,  113).  Dieima  tog.  Piivihgium  dignitattg, 
das  auch  bei  i-irlen  andern  Heiligen  rorkommt,  int  in  »ein  Officium  (nach  ßo- 
miaikanerritusl  übergegangen,  vgl.  liegp.  ad  Uct.  IX:  0  sjiim  miram,  quam 
dtditti  mortis  karat  te  flentibut,  dum  posi  mortem  proinisinti  tt  profuturam 
fratribus  *le. 

H,  Stsic,  DeadshB  SohiirieD.  10 


146  Leben  Seuses.    Kap.  XLHI. 

mannes  ist  dise  priol,  daz  er  uns  heisset,  daz  wir  mit  unser  not  an 
got  komen!  Wenet  er,  daz  got  den  himel  uf  tug  und  uns  her  ab 
trinken  und  essen  [64^]  sende?**  Der  ander  sprach  hin  wider:  „er 
ist  nit  allein  ein  tore,  wir  sien  toren  alle  sament,  daz  wir  in  ze  priol 
namen^  und  wir  vorhin  wol  wästan,  daz  er  unkunnent  ist  uf  zit-  i 
lichü  ding  und  nüwan  ufwert  ze  himel  gaffet.^  Und  ward  meng 
sp6tigA  urteil  über  in  geben.  Do  mornent  ward,  do  hiess  er  ein 
mess  singen  von  sant  Dominicus,  daz  er  sü  berieti.  So  er  also 
in  dem  kor  stat  verdahte,  do  kom  der  portner  und  rflfte  im  hin  ns 
zö  ainem  riehen  korherren,  der  sin  sunder  fränd  waz,  und  der  lo 
sprach  also  zä  ime:  ^lieber  herr,  ir  sind  nit  kündig  uf  zitlichü  ding, 
und  bin  hinaht  von  got  inrlich  ermant,  daz  ich  ü  helf  an  siner  stat, 
und  bring  üch  hie  XX  pfund  Costenzer  zu  ainem  anvang,  und  ge- 
trüwent  gote,  der  sol  üch  nit  lassen.^  Er  waz  fro  und  nam  daz 
gelt  und  hiess  win  und  kom  kofen.  Und  got  half  in  und  sant  15 
Dominions,  alle  die  wil  er  priol  waz,  daz  alle  rat  da  waz,  und 
vergalt  dur  zu,  daz  sü  nihtesnit  soltan  gelten. 

Der  selb  korherr,  von  dem  geseit  ist,  do  der  an  sinem  todbet 
gelag,  do  besaste  er  ein  vil  grosses  selgerete  hin  und  her,  da  er  gnad 
zft  hate.  Dar  na  sant  er  na  dem  diener,  der  do  priol  waz,  und  20 
beval  dem  neiswi  vil  gnldin,  daz  er  die  anderswa  under  arm  gotes- 
fründ  teilti,  die  ir  kraft  mit  strenger  Übung  hetin  verzeret  Daz 
wolt  er  nit  gern  tun,  wan  er  vorte  nahgend  liden,  als  och  geschah. 
Ze  jungst  ward  er  überkomen,  daz  er  es  nam,  und  für  us  in  daz 
land  und  teilte  daz  gelt,  als  er  im  gelopt  hate,  hin  und  her,  wa  er  25 
getrüwete,  daz  es  siner  sele  aller  nüzzest  weri;  und  tet  daz  mit 
gftter  gezügnüst  und  mit  widerrecbnung  sinen  obren.  Hier  uf  viel 
im  grosses  liden. 


5  wol  feJiU  M  8  Dominico  K  11  zu  im  also  M  13  pfund]  libras 
ASFA^  Cost.  phenning  M  16  prior  A"  17  nihtesnit]  nit  me  8  nütz  M 
gelten  solten  M  19  laff  SPA^  21  arm  fehlt  M  25  hate  gelopt  S  hate 
fehlt  M        27  siner  SMA^        hier  us  KA"^ 

13  Zu  Costenzer  ergänze:  phennic,  wie  M  liest.  Ein  phunt  (libra) 
=  :W  Schillimj  (solidi)  =  240  Pfennige  (Silhei'denare),  vgl.  Lexer  II,  238,  267  : 
zur  weiteren  Onentierung  vgl.  Poinsignon,  Kurze  Münzgeschichte  von  Konstanz 
1870,  und  die  Notizen  iiher  Kurs  utid  Kaufkraft  des  Geldes  zu  Konstanz  im 
14.  Jh.  in  Freih.  Dioz. Archiv  1902,  43.  19  selgerete  =  letzwülige  Ker- 

fiigung  zum  Heile  der  Seele  (remedium  animae),  besonders  Stiftung  von  Seelen" 
messen  und  Almosen  an  Arme,  die  dafür  beten  mussien,  dann  Testament  über^ 
haupt  (Lexer  11,865  f.;  vgl.  Schönbach,   Über  Hart  mann  t^on  Aue  44/.), 


Leben  Seäifia.  'Ißj: 

Der  hene  hat  einen  angeraten  kepsim;  der  hat  verzeret,  ilaz 
im  der  Uerr  bat  geben,  und  von  siner  verröebtkeit  greif  er  dft  ding 
an,  du  ime  scbedlicb  waren.  Der  heti  gern  daz  selb  gelt  gebabt, 
ond  do  im  da?,  nit  mohte  werden,    do  niderseit  er  dem  diener  und 


j  enbot  im  mit  einem  geewornen  eide,  wa  er  in  an  kern,  da  wölt  e 
in  tSden.  Dis  sorglich  vientaehaft  kond  nieman  understan,  wie  di 
es  verGächt  ward,  er  wolt  iu  nüwan  tSden.  Der  armer  man  wa 
in  angEten  und  in  nöten  lang  zit,  und  getorate  nit  wol  hin  noh  h( 


5  M 


3  geltj  g5t  M 


148  Leben  Seuses.    Kap.  XLIII. 

wandlen  von  vorten  eins  ermürdens  von  dem  verruchten  menschen. 
Er  hüb  sinü  ogen  dik  uf  ze  gote  und  sprach  mit  inrlichen  süfzeu: 
„ach  got,  waz  jemerlichen  todes  wilt  [6b^]  du  über  mich  Verheugen!^ 
Sin  not  waz  dar  umbe  dest  grösser,  viran  kürzlich  dur  vor  ward  in 
einer  andren  stat  ein  erbere  brüder  von  semlichen  Sachen  jemerlicb  5 
ermordet.  Der  arme  brüder  hat  nieman,  der  im  des  lidens  vor 
wölti  ald  getörsti  sin,  von  dez  wilden  menschen  fraidekeit.  Do  kom 
er  sin  an  den  obresten  herren,  der  enband  in  von  im  und  brach  im 
ab  sin  junges  starkes  leben,  und  starb. 

Zu  disem  liden  kam  och  do  ein  anders  biter  liden.  Es  waz  10 
ein  ganzü  gemeinde,  dien  der  herr  groslich  hat  geben.  Dar  an 
gnügt  sü  nit.  und  die  vielen  alle  ui  den  brüder  mit  grossem  Ungunst, 
daz  er  in  daz  selb  gelt  och  nit  alles  Hess  werden.  Und  ward  jemer- 
lich  hier  umb  von  in  durehtet  und  ward  von  in  getragen  für  welt- 
lich und  geischlich,  und  kam  verr  in  daz  land  in  verkerlicher  wise  1.5 
siner  schulden,  und  müst  undergan  vor  den  lüten  in  den  Sachen,  in 
den  er  vor  gotes  ogen  unschuldig  waz.  Disü  lidendü  sach,  so  der 
ein  wil  geswiget  ward,  so  nam  man  si  aber  und  aber  her  für,  und 
triben  daz  menig  jar,  unz  daz  der  arm  man  dar  umb  wol  gesibet  ward. 

In  den  selben  ziten  erschein  ime  der  selb  tote  korherr  vor  in  20 
einer  gesiht  und  hate  ein  schön  gewand  an,  daz  waz  grün  und  waz 
umb  und  umb  vol  roter  rosen.  Und  seit  im,  daz  es  wol  umb  in 
stünde  an  enr  weit,  und  bat  den  diener,  daz  er  gedulteklich  liddi 
daz  gross  unrecht^  daz  man  in  zeh,  wan  got  wölti  in  dez  alles  wol 
ergezzen.  Er  fragte  den  herren,  waz  sinü  schönü  kleider  betutin.  25 
Er  sprach:  „die  roten  rosen  in  dem  grünen  velde,  daz  ist  üwer  ge- 
dultiges  liden,  mit  dem  hend  ir  mich  gekleidet,  und  got  wil  üch  hier 
umb  mit  im  selben  eweklich  kleiden." 


1  und  [von]  vorhten  M  6  bröder]  man  S  11  der  herr]  er  M 
12  den  brüder]  in  M  IB  nit  och  M  15  und  für  g.  SP  16  schuld  M 
18  und  aber  fehlt  M  19  dar  umb  fehlt  M  24  ungereht  M  zihi  K 
zoch  P 

19  Zum  Ausdruck   vgl.  Luk,  22,31.  20  ff.   Vgl.   daeu  Strauch^    Ad. 

Langmann  t}b.34ff.  und  B.  von  der  Gnaden   Überlast  ed.  Schröder  41,36  ff, 

;.\S  In  AKRWB^a  ein  Bild:    Christus  erscheint  dem  Diener  in  Set'a2)?um8^ 
gistalt  (Abb.  7  nach  K  Bh  US^)^ 


Leben  Semea.    Kap,  XLIV. 


XLIV,  Kapitel. 

[ßü']  Wie  vestkllch  der  lu&ss  strlteu,  dein  der  geischlich  pris 
sol  werden. 

An  der  oiiwi  eines  anvanges  do  sti'ind  der  diener  uf  dem  sinne, 
5  ilaz  er  von  herzen  gerae  den  ogen  des  miitnekliclien  gotes  lieti  wol 
gevallen  mit  fürnemer  sunderheit,  aber  ane  lideu  und  ane  erbeit. 
Des  fögte  sich,  daz  ev  eins  mates  us  fßr  dur  brediens  willen  in  daz 
land.  und  do  er  kora  in  ein  gemein  schef  uf  dem  bodensew,  da 
inne   sass   under  den   andren   ein  weidenlicher  kneht,   der  trag  hof- 

10  licbü  kleidet  ane.  Zn  dem  machet  er  eich  und  trnget  in,  waz  maunes 
er  wen.  Er  sprach;  „ich  bin  ein  aventürer  und  bring  die  herren 
/esamen,  daz  su  hovieren,  und  da  sticht  man  und  turniert  und  dienet 
schönen  frowen;  und  wele  es  da  aller  best  tflt,  dem  git  man  die  ere 
und  im  wirt  gelonet."     Er  sprach:  „waz  ist  der  Ion?"     Der  kneht 

15  Seite:  „dii  schönst  frowe,  dii  da  ist,  dii  git  im  ein  guldin  vingerli 
an  sin  band."  Er  fraget  aber:  „sag  mir,  lieber,  waz  ml^ss  aine  ttin, 
daz  im  du  ere  werde  und  daz  vingerli?"  Er  sprach:  „wele  aller 
meist  streichen  und  gedranges  erlidet  und  dar  inne  nit  erzaget,  denn 
dnz  er  kecblich  und  manlich  gebaret,  der  vast  sizet  und  uf  sich  lat 

2u  schlahen,  dem  wirt  der  pris  geben."  Er  fraget  aber:  „ach,  sag  mir; 
der  DU  an  dem  ersten  anriteune  kech  ist,  weri  daz  genftg?"  Er 
sprach:  „nein,  er  mitss  den  turnei  us  und  us  herten,  und  wurdi  er 
geschlagen,  daz  im  daz  für  zft  deu  ogen  us  wüste  und  im  daz  blöt 
ze  mund  und  nasen  us  brechi,   daz  mi^ss  er  alles  lideti,   sol  er  daz 

■2ä  lob  gewönnen."  Er  fraget  aber:  „eya,  Heber  geselle,  getar  er  iht 
weinen  ald  trurklich  gebaren,  so  er  als  übel  wird  geschlagen?"   Er 


2  vestlich  M  8  ul  den  SK  9  waidellichei"  PM  trfl^f  fehlt  M 
12  daz  sü  »tecbent  und  horierent  iiud  tumierent  S  dieaent  SP  16  aag 
uiir/fAft  S  lieber  gesell«  ,4'  18  straich  u.  gedrang  M  31  anritun  M 
22  torner  SK  tmne  P  da»  tnmei  A'  23  wir«te  (!)  A  24  e6  muud  und  2» 
den  ogen  nud  /8  der  nasen  ns  dränge  S        und  ze  noaen  M 

11  aventfirer  =  a^^'  WaijntBSt  austiehendtr  Süler  (Lextr  1, 106};  vgl. 
Vita  56,5/.  Man  igt  hier  an  die  Dtfinilio»  von  „äiinnliure'  bei  Hartmann 
von  Aue  (Iwein  627 ff.:  äventiure,  wag  iel  daz  ete.)  trinntrt,  oder  an  Ulricht 
von  JAchtenstän  abtnlcuerliche  Fahrt,  der  jtdem  Spetrbrec/ter  einen  galdtntn 
Ring  versprach  (vgl.  den  geistvollen  Äuftatt  von  Schönbach  in:  Biographitchc 
SläUei;  hrsg.  von  Btttilheim  II  [1896],  15  ff.).  Zur  Schildtrung  de»  Tui-niera 
tgl.  A.  Schultz,  Da»  höj.  Leben  11',  106  und  das  Büd  ebd.  146. 


sprach 


fr61ich  and  weidenlich  gebaren,  anders  er  wiirdi  ze  spote  nnd  vertmi 
dar  mit  die  ere  ttnd  daz  TingerU."    Ab  diser  rede  ward  t 


■i  der  ^h  P  den  glich  .V       4  die]  nn  Jtf 


d  der  ^^H 


Leben  Seuses.    Kap.^ 

in  sich  selber  geschlagen  und  ward  herzklich  und  inneklich  siifKciide 
und  sprach:  „ach  wirdiger  herre,  mfissen  die  riter  diser  weit  söliclm 
liden  enpfahen  umb  so  klainen  Ion,  der  an  im  eelb  tiüt  ist,  ach  got, 


XmmCJiifV^*^. 


wie  ist  denn  so  bilJicb,  daz  man  umb  den  ewigen  pris  noh  vil  mc 
erbeten  erlide!  Owe,  zarter  herr,  wan  weri  ieh  dez  wirdig,  daz  ich 
din  geiscblicbe  riter  wen!  Eya,  sehönü,  minneklichü  ewigii  wisheil, 
dero  gnacleDTtchkeit  nit  glich  ist  in  allen  landen,  wan  mfihti  minor 


5  arbait  A'        7  f.  mplit  i 


.  l!)  ,V 


^ 


sele  von  dir  ein  viugerli  [66']  weiden,  ach  dar  iimbe  wÖlti  ich  lideD, 
waz  du  iemer  wSltist!"  Und  ward  weinende  von  groBBem  ernst,  den 
er  gewan. 

Do  er  kom    an    die   etat,    da  er  hin  wolte,    da   eant  got   nf  in 
grSsBä  und  berlichü  liden  so  vil,  daz  der  arme  man  na  erzaget  waz    & 
an  gote,  ond  daz  meng  oge  nase  ward  von  erbermde  über  in.     Do 
vergass  er  aller  verwegenlieber  riterschaft  und  gelübde,  die  er  bäte 
in  sinem  fürsazz  gehabt  zö  got  nmb  geischlieh  riterschaft,  und  ward 
trnrig  und  widennütig  gen  got,  weg  er  in  zigi  und  im  s&lichü  liden 
zü  Banti.    Do  mornent  der  tag  uf  gti',  do  kom  ein  Btilli  in  ttia  sele,  lu 
und  in  einer  Vergangenheit  der  sinnen  do  sprach  neiswas   in   inic 
also:   „wa  nn  färnemii  riterschaft,  waz  sol  ein  strSwine  riter  und  ein 
tüchine  man?    Gross  Verwegenheit  han  in  liebe  und  denn  verzagen 
in  leide,  da  mit  gewunnet  man   nit  daz  ewig  vingerli,  dez  du  be- 
gerest."     Er  entwürt  und  sprach;   „owe,  berr,  die  turney,   da  man  15 
dir  sieh  innc  mÜBs  liden,  die  sint  gar  ze  langwirig."    Dez  ward  im 
hin  wider  geentivilrt:  „do  ist  och  daz  lob  und  ere  und  vingerli  miner 
riter,  die  von  mir  werdent  geeret,   stet  und  ewig."     Do  ward  der 
diener   in   sich   selb  geschlagen   und  sprach  vil  demüteklich:  „herr, 
ich  han  unreht,   erlob  mir   allein   ze  weinen    in  minem  lidene,  wan  2ü 
min  herz  ist  als  reht  vol."    Er  sprach:  „we  dir,  wilt  du  wainen  als 
ein  wip?   Du  geschendest  dich  selb  in  dem  himelscbeu  hove!  Wusch 
dinü  ogen  und  gebar  frölich,  daz  es  weder  got  noch  menBch  innan 
werde,   daz   du  von   lidens  wegen   habest  geweinet!"    Er  vie  au  ze 
lachene  und  vielen   im  doch  dur  mite  die  trehen  über  die  wangen  -^ 
abe,  und  enthiess  gote,  daz  er  nit  me  weinen  wSlte,  nmb  daz  daz 
iin  daz  geischlieh  vingerli  von  im  wurde. 


iBsem       I 


[67'']  Do  der  diener  eina  males  ze  Cöln  brediete  mit  grossem 
ernst«,  do  sass  ein  anvabender  mensch  an  der  bredie,  der  sieh  BÜwes 

4  Do  er  kom  fehlt  S  5  venagen  M  7  f.  het  g'ehept  M  9  wider- 
wertig  S  9  f.  im  zu  s.  b.  1.  M  16  tumj  K  duniier  F  der  tiirot-r  S  der 
lumay  MÄ'  17  daz  vingerli  und  daz  lob  u.  ere  S  26  dEr  mite  fehlt  M 
26  er  enthieaB  M  27  wurd  von  im  üf  TS  N  und  Diepenbrock  lutben  Amt 
ein  neues  Kap.  mit  der  Überschrift :  wie  seiu  aotlit  wart  gesehen  in  klorheit 
der  diener]  er  M        kol  P 

27  bette.  158,7  in  ÄKÜWB'a  zwei  Bilder:  der  Diener  tmpfangt  «od 
Engeln  himmliselu  Tröstung  und  wird  mit  Ritterinaignien  bekleidet  (Abb.  8 
nach  W  Bl.  HS',  Abb.  9  nach  K  Bl.  95'-). 


zfl  got  hate  gekeret.  Do  ein  der  lidender  mensch  mit  flisse  war 
nam,  do  sah  si  niU  den  inren  ögen,  daz  sin  autlAt  sich  begoud  ver- 
wandleii  in  ein-  wiinneklich  klarheit,  und  ward  ze  drin  malen  glich 
der  Hechten  sunneu  nah  ire  höhsten  widerglaete,  uml  ward  im  dar 
)  inTie  sin  antlüt  als  Inter,  da/,  ei  Bich  selber  dar  Inne  scfaowete.  Und 
von  diser  gesibt  ward  si  in  ire  lidene  gar  wol  getröstet  uud  ge- 
vestnet  ia  einem  beiligeu  lehene. 


XLV.  Kapitel. 
Ton  dem  minneklleheti  namea  Jesus. 

10  Der  diener  der  ewigen  wisbeit  fflr  ainest  vnn  oberlande  ab  gen 

Ache  zft  unser  frowen.  [6'^']  Und  do  er  her  wider  kom,  do  erschein 
linse  frow  vor  einer  vil  heiligen  persnn  und  sprach  zu  ir  also:  „Iftg, 
der  diener  mines  kindeB  ist  kumen,  und  hat  siuen  süssen  namen 
Jesus  vil  wit  und  brait  mit  begirde  unib  getragen,  aU  in  och  hie 

15  vor  sin  junger  umb  trügen;  und  als  die  hegird  baten,  daz  sii  den 
naraen  allen  menschen  mit  dem  globen  ze  erkennen  gebin,  also  hat 
er  ganzen  fliss,  daz  er  den  selben  namen  Jesus  in  allen  kalten  herzen 
mit  nüwer  miune  wider  enziinde.  Dar  umbe  so  gol  er  nah  sinem 
tode  ewigen  Ion  mit  In  enpfahen."     Dar  ua  Iftgete  der  selb  heiliger 

2U  menscb  unser  frowen  an  und  sah,  daz  si  in  der  bant  hate  ein  soh&n 
kerzen,  du  bran  als  schone,  daz  si  dur  alle  die  weit  luhte.  und  an 
der  kerzen  waz  nmb  and  umb  geecbriben  der  name  JESUS.  Also 
sprach  unser  frowe  zft  der  persone;  „löge,  disü  briinneudü  kerz  be- 
tütet den   namen  Jesus,  wan  er  warlich  erlühtet  ellü  herzen,  dii  einen 

2ö  namen  andehtklieh  enpfabent  und  in  erenl  und  in  begirlich  bi  in 
tragent.    Und  min  kint  hat  sinen  diener  im  selb  dar  zf\  ob  erwellet, 


fehU  S 


oit  fliaae  felilt  P        6  ire]  L 
22  der  name  /Ml  A' 


1  iicli  SKM  och  }• 


2  S.  Das  Ltuchlen  dta  Antlittes  und  Dutv/isichligvcrdeii  des  Leibet 
—  tint  Aiitiiipation  der  himmltMchen  Verklärung  —  kommt  in  der  myalitchtn 
Memoirmlittialw  häufig  vor,  vgl.  die  Belege  bei  Erebs  a.  ii.  U,  71  f.  und 
E.  Sehilter,  Dru  myat.  Leben  tu  TSa»  1903,  19  ff.  11  Dit  Wall/alirt  nach 

Jnchtn  faehvarl)  tv  den  dortigen  grossen  Heiligtümern  ist  stit  dem  frühen 
Mitldatter  sehr  im  Schuung.-  sie  tearde  im  14.  u.  15.  Jh.  auch  als  Sohlte  für 
schicere  Virbrechen  auferlegt.  Vgl.  di»  Belegt  hei  Strauch,  Ad.  Langmann 
A.  tu  53,öjf.:  Staig.  Ebner  A.  ea  XLIF,  Uff.,  und  bes.  Sl.  Beissel,  Die 
Aachenfahrt   l^JS.  12  EUbtlh  Stogel. 


Lt^en  Sensca.    Kap.  XLV. 


^^B  154 

^^H  äa.7.  sin  niime  dur  in  begjrlicb  iu  mengem  tierzen  werd  enzündet  nnd 

^^^1  zb  tre  ewigen  selikcit  gefiirdert," 

^^H  Do  digü  vor  gcnantü    lieiligii   tohter  hat  gemerket  meoigralte- 

^^^1  klicb,  daz  Ire  gcisclilieh  vater  so  grodRen  andalit  und  gOten  j;lobea 


Iiate  y.6  dem  niinneklicben  namen  Jesus,   den  er  nf  sinem  herzen  h 
uiig,  do  gewan  Bi  ein  sunder  ininne  dur  zt,  and   in  einem  gftten 
aodabt  do  nate  ei  deu  selben   namen  Jesns   mit   roter   sideii   nf  ein 
kleines  tächli  in  diser  ^eetalt:  IHS,  den  si  ir  selben  wolte  heinlicli 

1  80  fthli  .V        u.  HO  gSten  e-  .V        7  oegt  SP        üä  M        8  kleine» 
felilt  M        in    -  IHS  /Ml  P        IHS  rot  AK  ilis  .im  Siindt  M 


traget).  Und  maehete  do  dez  selben  namen  glich  unzallicben  vil 
namen  und  schftf,  daz  der  diener  die  natnen  alle  uf  sin  herz  bloss- 
leit  und  sü  mit  einem  g6tticlien  segen  sinen  geischlicbeii  kinden 
hin  und  her  sante.  Und  ir  ward  knnd  getan  von  gote:  wer  den 
5  namen  also  bi  im  ti-üge  und  im  teglicb  ze  eren  ein  Pater  noster 
Sprech,  dem  w6lte  got  hie  gütlich  tön  und  wülti  in  begnaden  od 
siner  jüngsten  hinvart. 

Mit  sAlicben  strengen  Übungen   und  mit  gütlichen  bilden  Jesu 

Cristi    und   siner   lieben   fründen    waz    der   anvang    diser   heiligen 

10  tohter  gebildet. 


XL  VI.   Kapitel. 

[84*]  Gate  nnderschaid  enzwäschen  warer  und  falscher  rer- 

niinftbait  iu  etlichen  menschen. 

Sicnt  aquila  pvovocans  ad  rolandum  pullos  buos  etc. 

15  Do  disn   beiligü  tobter  nah   der  giften   1er  ires  geischlicben 

Taters  uf  ellü  stuk  bildricher  beilikeit  wol  waz  nab  dem  nssem 
menschen  geberret  als  ein  lindes  websli  bi  dem  füre,  daz  der  forme 
ilcz  insigels  enpl'enklich  ist  worden,  und  och  dur  daz  spiegelich  leben 
Cristi,  der  der  sicherst  weg  ist,  waz  ordeulich  lang  zit  gezogen,  do 

■20  schreib  ir  ire  geiscbliche  vater  also: 


5   xe   t^reu  ftlill   SA^  7    M  seiet   nach   lüuvart   hiitsu:   als   uii   Htm 

iiAwi-n  briefbfichin  (sic.'_l,  das  liie  ze  liindrost  och  ilet,  aigenlich  ist  geschriben 
8  etreugen  —  mit  fthtt  MA'  18  [in]  etlicher  M  14  grosse  gemalt»  Initial» 
ASK  17  menschen  fehlt  M  18  ingesigBls  SP  enphänk  M  19  [waal 
oril.  1.  2.  iat  gezogen  M 

10  In  AKRWB'a  ein  Bild:  die  ewige  Weisheit  hdU  den  Diener,  seine 
geistliche  Tochter  und  andere  ir'trelirei-  des  Namftis  Jesu  unter  ilirsm  SchulM- 
mantel  (Abb.  10  nach  K  BI.  90.  —  Hier  endet  der  inähltnde  Teil  der  Vita 
Seuses.  Die  folgenden  8  Kapitel  eiilhallen  theoretische  UnCeiioeisungen  übm-  die 
hficlulen  Fragen  der  Mgstik  (die  aller  überewenksten  materien,  Prolug  des 
Exemplars  5,U  f.).  U  V  Mos.  32,11.  17  Vgl.  AlbeH.  M.,  D*  adhatr. 

Den  c.  3:  Forma  animae  Dens  est,  cui  debet  imprimi,  eicut  eera  aigillo  et  eig- 
natum  signo  Signatur.  Ahnlich  der»,  im  Prol.  summae  theologiae,  Opp.  ed. 
Bmrgntt  XXXI,  3  und  David  von  Augsburg,  De  exterioris  et  interion's  hominis 
compositione  III,  63 n.  8  fed.  VnorcccÄi  1899,  346).  18/.   Vgl.  das  Kap.: 

„Christus  unser  Vorbild"  bei  Denifie,  Das  geistliche  I.rben  '1S6II,  14S  ff.  und 
Bdtw  Kap.  1. 


156  Leben  Seuses.    Kap.  XL  VI. 

Fro  tohter,  es  weri  nu  wol  zit,  daz  da  fürbaz  in  ein  nebers 
giengisty  und  dich  ass  dem  nest  biltlichs  trostes  eins  anvabenden 
menschen  uf  erlupftist.  Tu  als  ein  jnnger  zitiger  adler,  da  mite  daz 
du  die  wolgewahsen  vetchen,  ich  meine  diner  sele  obresten  krefte, 
erswingest  in  die  höhi  dez  schöwlichen  adels  eins  seligen  volkomen  5 
lebens.  Waist  da  nit,  daz  Cristas  sprach  zA  sinen  jungem,  die  an 
«iner  biltlicher  gegenwartikeit  ze  vast  kleptan:  „es  ist  üch  furder- 
lich,  daz  ich  von  üch  var,  sond  ir  dez  geistes  enpfenklich  werden"? 
Din  vordren  Übungen  sind  gewesen  ein  gütü  bereitange,  fürbaz  ze 
komen  dar  die  wüsti  eins  vihlichen  unbekanten  lebens,  hin  in  daz  10 
^eheissen  land  eins  lutren  rüwigen  herzen,  in  dem  hie  selikeit  an 
vahct  und  an  enr  weit  eweklich  blibet.  Und  daz  dir  der  hob  ver- 
nünftiger weg  dest  bekanter  sie,  so  wil  ich  dir  vor  lühten  mit  dem 
liebte  eins  gftten  underscheides,  wenn  du  den  underscheid  wol  be- 
grifest,  daz  du  mit  nihtü  mäht  verierren,  wie  höh  du  iemer  mit  den  15 
«innen  flügest.     Nu  merk  eben: 

Man  vindet  zwaierlay  wisen  ander  gütschinenden  menschen: 
•etlichü  fürent  ein  vernünftig  wise  und  etlichü  ein  unvernünftig.  Du 
ersten,  daz  sind  du  menschen,  du  ir  Vernunft  dar  na  rihtend,  daz 
alles  ir  verstau  und  ir  tOn  und  ir  lau  wirt  us  gewürket  mit  rehter  20 
bescheidenheit  nah  meinung  der  heiligen  cristenhait,  nach  gotes  lob 
und  aller  andren  menschen  rüwigen  fride,  mit  besorgunge  ire  worten 
und  wisen,  daz  menlich  dar  inne  irbalb  unstössig  belibet,  er  nem 
•es  denn  von  sin  selbes  gebrestlichen  gründe,  als  dik  beschiht 
S&lichen  behüten  wandel  und  selklich  wisen  ze  fürene  bewiset  du  25 
natur  und  der  nam  [85']  der  vernünftekeit.  Und  dis  ist  ein  got- 
formigü  loblichü  Vernunft,  wan  si  vviderlühtet  in  ir  selb  mit  togen- 
licher  warheit,  als  der  himel  tut  in  sinem  liehtrichen  gestirne.  Aber 
du  gütschinenden  menschen,  du  ein  unvernünftig  wise  fürent,  daz 
sind  du,  du  uf  ir  selbs  bilde  zilent  mit  einer  unerbrochenr  natnre  30 
und  allein  mit  ir  Vernunft  na  schowlicher  wise  du  ding  scharpflich 
au  sehent,  und  dur  von  übermüteklich  vor  unwüssenden  menseben 
kunnen  reden  in  einr  verabtunge  alles  des,  daz  dar  uf  möhti  ge- 
vallen   missvalleudes   mit  rede  oder   mit  geteteu.     Der  selben  ver- 


7  [ze]  vast  M  8  ücli]  hinnaii  S'  12  enwelt  Ä  13  vor  lüht.J  er- 
luhteii  M  17  wis  M  23  belibe  ASP  24  gebrestenlich  M  26  selk- 
lich] solklich  P  soliche  *S  bewisent  M  29  vemnnftig  3/  30  einer 
fehlt  M        34  f.  furnruit'ti^^^  M 

7  f.  Joh.  IG, 7.     Vf/L  dazu  die  Predu/t  Sctcses:  Iterum  relinquo  tnundum. 


Setises.    Kap.  XLVI. 


DÜnFtigea  licht  ist  ns  brechende  und  nüt  in  brechende  als  daz  ful  hnlt?,, 
daz  dez  nahtes  eehinet  etwaz,  und  ist  doch  nüt.    Also   bewiset  sich 
discr  menschen  inres  liebt  and  amet  wandel  überal  dem  ungelich, 
dem  es  glich  solti  jehen. 
ö  Disü  menschen  bmft  man  etwi  vil  an  ire  frien  und  nnbesorgeten 

Sprüchen,  die  bü  fürent;  und  dero  nemen  wir  allein  einen  sprucb, 
bi  dem  man  die  andren  alle  mag  schezzen.  Ee  ist  von  ire  eim  ge- 
sprochen in  einem  gediht  also:  „dem  gerehten  ist  einkein  mite!  ze 
Bchühen."     Oise  Bpruch  und   dero  glich  schinent  etwas  in  etlicbeu 

10  äbel  geeebenden  menseben,  sü  sind  aber  den  wol  gesehenden  nüt  ze 
lobene,  die  da  wol  verstand,  waz  8Ü  inno  tragent.  Und  daz  merkt 
man  eigenlich  in  dem  vordren  Spruch,  der  da  seit,  daz  dem  gerehten 
kein  mitel  sie  ze  miden.  Waz  ist  nu  der  gereht,  ald  waz  ist  daz 
mitel?   Der  gereht,  nah  gemeiner  helinng  der  rede,  daz  ist  ein  ge- 

16  rebter  mensch,  genomen  nab  siuer  geschafenbeit;  wan  gereht  bestat 
niit  uf  im  selben,  es  mbss  naiswaz  nnderstandes  haben,  nnd  daz  ist 
hie  der  gereht  mensch.  Waz  ist  denn  mitel?  Daz  ist  sände,  daz 
den  menscben  schaidet  von  got.  Sei  nu  ein  gerehter  mensch  kein 
mitel,  daz  ist  kein  sünd  miden  nob  schuhen?    Daz    ist   later  falsch 

20  nnd  wider  alle  vemunftikeit.  Wol  ist  daz  war,  daz  der  gereht 
menscb,  als  vil  er  and  eilü  ding  nah  ire  ewigen  ungewordenheit  in 
der  überweslicbcn  gotes  vernünflkeit  daz  selb  sind  in  keiner  förm- 
licher anderbeit,  so  mühti  man  im  etwi  get&n.  Aber  da  in  dem 
einvaltigen  überweslichen  gründe  ist  der  gereht  mensch  nüt  der  lip- 

25  liehe  mensch,  wan  es  ist  kein  liplichkeit  in  der  gotheit;  [85'']  da 
ist  och  enkein  mitel.  Aber  ein  ieklicber  mensch  bevindet,  daz  er 
dise  ald  der  mensch  ist  ussreut  dem  selben  gründe,  wan  er  ist  hie 
t&demlich  und  dArt  nit;   und  da  ist   er  iez   in   einer  gebresthaftigen 


I  not]  mit  K  2  ist  fehtt  M  9  sprtcl»  PM  16  underBcheitz  S 
18  f.  kein  mitel  iichuchen,  dus  i.  k.  ».  miden  {unii  HDliühen]  S  24  überweBSn- 
liehen  .V 

8  ..Dem  Vollkommtnen  tehadtt  keine  Sänäe  mehr,"  isl  rin  Säte,  dtr 
sich  bä  vergchiedenen  pattthtiatinth-quietisttgehett  Sekten  de»  Mittelalterg,  (im. 
bei  den  ketzeritchtn  BeyharJen  und  Brüdern  des  freien  Getetes  findet :  «gl. 
Preger  I,  461  ff.  (Kr.  15,  21,  24  u.  a.  k.)  Weitere  Belege  bei  Bmifle,  Der  Gottet- 
franid  im  Oberland,  Sep.Ahdr.  nu»  Ui»t.-pi,l.  Bl.  76  (18761),  36  f. 

20  ff.  Alie  Dinge  sind  dtr  Idee  nach  in  Gott,  und  dort  nicht  teeaetiUieh 
Kon  einander  noch  vom  Wesen  Gott*»  unterschieden.  Weileres  über  die  aeho- 
laaliache  Ideenlehre  in  Kap.  .J  des  Bdtc :  rgl.  Demfle  S2S,  517  f.  27  Ausser 

dem  GotUsgrundn ;  atufährliclier  darüber  in  Kap.  6  des  Bäte. 


158  Leben  Seuses,    Kap.  XLVn. 

^eschafenheit,  da  er  wol  bedarf  ellü  schedlichü  mitel  ze  miden. 
Wölti  ich  DU  in  miner  vemünftekeit  ze  nihtä  werden  und  amb  mich 
selb  in  diser  wise  nibt  wüssen,  nnd  wölti  ane  allen  nndersoheid  min 
und  gotes  ellü  liplichü  werk  würken,  als  ob  es  daz  nngeschafen 
wesen  wurkti,  daz  weri  gebrest  ob  allen  gebresten.  I 

Und  alsus  mag  man  merken,  daz  sölich  spr&ch  kein  reht  ver- 
Tiünftigkeit  inne  habent  in  der  warbeit.  Hie  mite  meinet  man  nit 
ab  sprechen  vemänftig  lere  ald  vemünfdg  wolbesorget  spräche  ald 
gdiht,  die  den  menschen  entgrobent  und  in  ze  vernünftiger  warheit 
ordenlich  wisent,  ob  sü  joch  nüt  menlich  verstat;  wan  daz  ist  kmit-  k 
lieh  war,  daz  grober  blintheit  und  unverwissner  vihlichkeit  enkan 
«ieman  gnä  eben  gereden. 

Du  tohter  sprach:    „gelopt  sie  got  dez  guten  underscheides! 
Ich  horti  gern  underscheid  zwischen  einer  rehten  vemunft  und  einer 
floierenden  vernünftkeit ,   und   enzwischen   falscher   und   warer  ge-  u 
lassenheit/ 

Der  diener  sprach: 

XLVII.  Kapitel. 

Underscheid  enzwischen  ordenlicher  und  floierender 

vernünftikeit.  2C 

Na  den  ersten  striten,  die  da  geschehent  mit  dem  untertmk 
üeisches  und  blAtes,  so  kunt  der  mensch  zft  einem  tiefen  wage,  da 
menger  mensch  inne  versinket,  und  daz  ist  ein  floierendü  vemünfle- 
keit.  Waz  ist  nu  daz  gesprochen?  Ich  heiss  daz  ein  floierend  ver- 
nünftekeit,  so  dem  menschen  gerumet  wirt  von  süntlicher  grobheit,  25 
und  geloset  wird  von  haftenden  bilden  und  sich  frilich  uf  erswinget 
über  zit  und  über  stat,  da  der  mensch  vor  entfriet  waz,  daz  er  sines 
natürlichen  adels  nit  konde  gebruchen ;  so  sich  denne  daz  vernünftig 
oge  beginnet  uf  tun,  und  der  mensch  geliket  eins  andren  bessren 
lustes,  der  da  lit  an  bekennen  der  warheit,  an  bruchene  götlichera^ 
selikeit,  an  dem  inblik  in  daz  gegenwärtig  nu  der  ewikeit  und  dez 
glich,  und  du  gescbafen  vernüuftekeit  beginnet  die  [86']  ewigen  un- 
geworden   vernunftekeit   enteil   verstau    in    im  selben  und   in  allen 

S  wJHe]  weit  M  11  unwissener  aV  14  ieli  —  underscheid  fehlt  jy 
15  florierenden  .S'AM/A>a  191.  Überschrift  fehlt  P  19.28  florierendd  KMA^a 
24  Waz  ist  —  fl.  (florierende  KÄ^cc)  vern.  fehlt  ASP  25  von  innan  ger.  w.  3f 
32  l)eginnet  —  33  Vernunft,  fehlt  A^        33  enteil  fehlt  M 


dingen,  8o  beschiht  dem  menschen  neiswi  wunderlich,  so  er  sich 
gelber  dez  ersten  &n  siht,  waz  er  vor  w»z  und  waz  er  nu  iet,  und 
vindet,  daz  er  vor  waz  als  ein  armer  gotloser  dürftig,  der  zetnal 
blind  waz  und  im  got  ven'  waz.  Aber  nu  so  dunkt  in,  daz  er  vol 
5  gotes  sie  und  daz  nüt  sie,  daz  got  nit  sie,  mer  daz  got  und  ellü 
ding  ein  einig  ein  sien;  uud  kripfet  die  eachen  ze  geswintlicb  in 
einer  unzitigen  wiae,  er  wirt  in  sinem  gemüte  floierende  als  ein  uf 
jesender  moat,  der  noh  nit  2Ü  im  selben  iet  komen,  und  vallet  uf 
daz,  daz  er  denn  verstat,  ald  ime  ane  underscheid  für  geworfen  ist 

10  von  ieuian,  der  daz  selb  ist,  dem  er  denne  allein  hat  ze  losene  und 
keinem  andern,  und  wil  denn  nah  siuen  wolgevallenden  sinnen  lassen 
gewerden  ellü  ding,  und  eupfallent  im  du  ding,  es  sie  helle  ald 
himelrich,  töfel  ald  engel,  in  ire  eigenr  natur  genomeu,  <och  Cristi 
gellten  menschheit  verahtend  8i>,  wan  sü  nüwan  got  dar  inne  ge- 

15  kripfet  hein,  und  die  sachen  sind  in  noh  nit  ze  grnnde  worden  ze 
erkennen  nah  underscbetde,  nah  ire  betipnuss  und  nah  Ire  Vergangen- 
heit, Dien  menscben  beschiht  als  den  binlin,  die  daz  hong  macbent: 
80  die  zitig  werdent  und  dez  ersten  us  stürment  usser  den  körben, 
so  fliegent  sä  in  verierter  wise  hin  und  her  und  enwissen  nit  war; 

20  etlichü  missfliegent  und  werdent  verlorn,  aber  etlichn  werdent  orden- 
lich wider  in  gesezzet.  Also  geschiht  disen  menschen :  wan  sü  mit 
ungesaster  Vernunft  got  schowent  al  in  al  nah  ire  unvolkomenr  Ver- 
nunft, so  wen  sü  dis  und  daz  lassen  vallen,  sü  enwüssen  wie.  Daz 
ist  wol  war,  es  möss  alles  ab,  dem  reht  sol  geschehen;  sü  verstand 

25  aber  noh  nit,  wie  der  abval  boI  gestellet  sin,  und  wen  ungelimpflich 
die  und  daz  lassen  und  sich  und  ellü  ding  got  nemen,  und  wen  dar 
US  wirken  ane  underscheid.     Und  dise  gebrest  kunt  eintweder  von 


2  [waz  er]  im  M  4  uml  —  wa/  fehlt  SP  5  mer  —  6  sien  fthll  M 
6  einig]  ewiges  K  7  f.  uf  iereuiler  M  8  kumuu  ist  MA'  11  ainen]  aincni  A 
12  im  denne  alle  die  diiig  P  13  och  —  14  verahtend  gi  M,  fehlt  ASPKA'afS'U 
14  nöwan]  nu  K  15  noh  nit  in  S  in  öch  noh  nit  P  17  byglin  S  ymlin  E 
19  [und]  8i  enw.  M 

10  dast  selb  ä.  h.  ginnlich  und  aufgtblaacn.  Sense  spielt  auf  da»  „sieh  einem 
£u  Grunde  lassen"^  an,  icie  es  bei  den  häretisehm  Gollesfreuriden  (t.  B.  bei 
Nikolaus  von  Basel,  vgl.  Denifie,  Der  Gottesfreund  im  Oberland  35  ff.)  vorkam. 
Die  Unterteeifutig  anter  die  Leitung  eines  andern  (auch  Laien)  findet  sieh  aber 
in  korrekter  Weise  auch  bei  kirchlichen  Golteafreundcn,  vgl.  Denifli  a.  a,  O.  51  /. 
13  f.  Die  Meinung,  da-  Gedanke  an  das  Leiden  Christi  sei  ein  Hindernis 
roUkommener  Beschallung,  ist  ein  Irrtum  der  Begharden,  den  das  Konzil  von 
Vienne  (ISIljW  verurteilte  (HefeU,  Kontiliengesch.  VI',  544). 


160  Leben  Seuses.    Kap.  XLVm. 

angelerter  einvaltekeit  ald  aber  von  UDerstorbenr  ablistekeit.  Hie 
wenet  menger  menscb,  er  hab  es  alles  ergrifen^  so  er  im  selb  hie 
mag  US  gan  und  sich  mag  gelassen;  und  daz  ist  nit  also^  wan  er 
ist  erst  geschlichen  über  die  vorgraben  der  unersturmter  vesti,  hinder 
den  schirm,  hinder  den  sich  der  mensch  togenlich  birget  und  noh  i 
nit  kan  under  gan  nah  sines  geistenriches  wesens  ordenlichen  [86 \] 
entwordenheit  in  ein  war  armüt,  der  da  enpfellet  in  etlicher  wise 
aller  frömder  gegenwurf  und  du  ie  wesendü  einvaltigü  gotheit  ir 
selb  entwürt  mit  dez  menschen  unverwerten  müssikeit,  als  hie  na 
mit  gutem  underscheid  wirt  bewiset.  U 

Lag,  dis  ist  der  punct,  in  dem  etlichü  menschen  verborgenlich 
meng  jar  hangent,  daz  sA  weder  us  noh  in  kunnen  komen.  Aber  dir 
sol  von  mir  mit  underscheid  geweget  sin,  daz  du  nit  kanst  verierren. 


XLVm.  Kapitel. 
Guter  underscheid  under  warer  und  falscher  gelassenheit.     15 

Es  ist  ze  wässen,  daz  man  vindet  drierley  Vergangenheit.  D& 
ein  ist  ein  ganzü  Vergangenheit,  als  so  ein  ding  in  im  selb  vergat, 
daz  sin  nät  me  ist,  als  der  schat  vergat  und  ze  nihtü  wirt.  Und 
alsus  vergat  nit  dez  menschen  geist  in  siner  usvart,  den  geist  wir 
ein  vernünftig  sele  nemmen ;  si  blibet  eweklich  von  irem  vemunf-  20 
tigen  adel  ire  gotförmigen  kreften,  wan  got  ist  ein  überweslichu  Ver- 
nunft, na  dem  si  vernünfklich  gebildet  ist.  Und  dar  umbe  so  ist  es 
unmuglich,  daz  si  also  ze  nihtü  werd,  als  der  tödemlich  lip  tfit,  so 
er  ze  nihtü  wirt. 

Ein  endrü  Vergangenheit  helsset  ein  helbü  Vergangenheit,  du  25 
ir  eigen  stund  und  zit  wil  haben,  als  den  menschen  beschiht,  du 
in  die  blossen  gotheit  na  schowlicher  wise  werdent  verzuket,  als 
Paulus,  ald  joch  ane  daz,  so  ein  mensch  in  entbildeter  wise  dik 
entwürket  wirt  und  im  selb  vergat.  Dis  ist  aber  unbliplich.  Do 
Paulus  her  wider  kam,  do  vand  er  sich  den  selben  Paulus,  einen  30 
menschen  als  ie  von  erst. 


1  imerstorbem  K  6  Aalstriches  M  jj:eistlichens  P  8  fromdeii  K 
9  autwurten  M  uit  wurt  (!;  P  15  under]  und  M  16  Du  —  17  vergang. /eÄZ*  S 
Dil  —  19  vergat  fehlt  Ä^  19  den]  dem  M  20  nennent  P  nemet  S  28  ald 
jochane  i=  Johannes !)  S        ainbildeter  K        29  wirt]  wir  M        unbeliplich  M 

9  f.  Die  Erklärung  folgt  besonders  in  Kap.  52.  19  usvart  aus  dtm 

Leibe,  d,  h.  beim  Tod.  28  //  Kor.  12,2  ff. 


Leben  Seuses.    Kap.  XLVm.  •  161 

So  heisset  eins  ein  entlentü  Vergangenheit,  da  der  mensch  mit 
einem  ufgebene  sines  frien  willens  sich  got  lasset  in  einem  ieklichen 
nu,  da  er  sich  vindet,  als  er  umb  sieh  selb  nüt  wüsse  und  got  allein 
der  herr  sie.  Und  disü  Vergangenheit  mag  nit  wol  ganz  bliben,  die 
5  wil  Hb  und  sei  bi  einander  sind;  wan  so  der  mensch  sich  selb  iez 
hat  gelassen  und  wenet  sin  vergangen  in  gote  nah  des  sinsheit,  sich 
selber  niemer  her  wider  ze  nemene,  geswind  in  einem  ogenblik  so 
ist  er  und  sin  scbalk  her  wider  komen  uf  sich  selben,  und  ist  der 
selb,  der  er  och  vor  waz,   und  hat  sich  aber  und   aber  ze  lassen. 

10  Der  nu  uss  diser  kranken  gelassenheit  w61ti  wtirken,  daz  weri  luter 
falsch.  Wol  ist  daz  war:  als  vil  sich  der  mensch  entfrömdet  im 
selben  und  wirt  ingenomcn  in  die  Vergangenheit,  als  vil  bestat  er 
in  rehter  warheit. 

Fürbaz  ist  ze  [87 ']  wüssen,  daz  man  vindet  zweierley  gelassen- 

15  heit:  einü  heisset  du  vorgendü  gelassenheit,  du  ander  heisset  du 
nagend  gelassenheit.  Und  des  nim  war  in  einer  bischaft.  Ein  diep 
hat  ein  heischen  in  ime  von  der  bosheit  siner  natur,  daz  er  stele. 
Da  wider  sprichet  sin  beschaidenheit:  du  solt  es  nit  tun,  es  ist  ge- 
brest.     Giengi   nu   der  diep  im   selber  us  und  liessi   sich   der  be- 

20  schaidenheit,  daz  weri  du  vorgend  und  du  edelst  gelassenheit,  wan 
er  blibi  in  siner  unschulde.  Aber  so  er  sich  hier  inne  nit  wil  lassen 
und  wil  siner  bossheit  gnög  sin,  dar  na,  so  er  wirt  gevangen  und 
siht,  daz  er  mfiss  erhangen  werden,  so  kunt  du  nagende  gelassen- 
heit, daz  er  sich   in   den   tod  gedulteklich  git,   wan  es  'anders   nit 

25  mag  sin.  Du  gelassenheit  ist  och  gut  und  machet  in  selig,  du  vorder 
waz  aber  ungelich  edelr  und  besser. 

Hier  umbe  ist  es  nit  ze  wagene  und  sich  in  die  gebresten  ze 
iassene,  als  etlichä  torohtü  menschen  sprechent,  daz  man  dur  alle 
gebresten   müss  waten,   der  zft  volkomenr  gelassenheit  wil  komen. 

30  Daz  ist  falsch,  wan  der  ist  ein  tore,  der  sich  mAtwilleklich  in  ein 
unsuber  lachen  wirfet,  dar  umb  daz  er  dur  na  dest  schöner  werde. 
Dar  umb   so   hein  die  aller  frumsten  gotesfründ   daz   inne,  daz  sü 


1  entlechneti  K  2  f.  in  [einem]  ieglichem  nu  -ff  4  blibet  (!)  M 
11  entfromendet  .1/  17  blosheit  S  bolheit  P  ex  fehlt  M  stelle  A  21  [er] 
blibi  M  hier  umme  AK  darumb  «  25  f.  aber  du  vorder  w.  [aber]  SM 
30  am  Rande  Thomas  AA^^  im  Kontext  K        31  lachen]  wasser  S 

4  ff.    Vf/l.  Stuses  Fredigt  Herum  rdinquo.  28  f.    Vgl,  die  heghardi' 

sehen  Sätze  hti  Preger  I,  461  ff.  (Nr,  21,  6ö,  bu,  106,  121)  und  Hefele  a,  a.  O. 
30  Das  Zitat  aus  Thomas  nicht  nachtceisbar. 

H.  Souse,  DeutBcbe  Schriften.  11 


162  Leben  Seuses.    Kap.  XLVIII. 

sich  gern  zc  grund  Hessin  und  in  der  vorgenden  gelassenheit  stet 
belibin  ane  alles  wider  nenien,  als  vil  es  menschliehü  krankheit  er- 
zügeu  mag;  und  so  daz  nit  gescbibt,  daz  ist  ir  klag.  Wol  hein  sü 
eins  vor  andren  menschen,  daz  sü  sieb  gericbtklicber  kunncn  von 
dem  mitel  entschlaben,  wan  in  der  selben  klag  entspringet  ein  nagendü 
gelassenheit,  du  den  menschen  geswind  wider  in  sezzet;  und  daz 
ist,  da  sieb  der  mensch  nob  menschen  vindet  und  sieb  also  got  ze 
lob  lidet.  Und  disü  nagendü  gelassenheit  wirt  och  etwen  nüzz  von 
ir  selbs  erkantbeit;  und  hie  verswiudet  du  klag  als  klag,  und  ge- 
birt  sich  aintalteklicb  wider  in  daz  selb  und  wirt  daz  selb^  als  ie  i< 
von  erst. 

Weri  nu,  daz  kein  s61icber  unganzer  mensch  im  selb  ocb  hier 
inne  wolti  düplich  behelfen  und  sprechi  also:   „da  sich  der  meusch 
wider  nimet  nah  dem  zftval  und   da  mit  etwas  gebresten  übet  nah 
dem   ussern,   waz  kan   im   daz  geschaden ,   cht   du   wesentbeit    dez  u 
menschen  glich  stat  ane  alles  wider  nemen?*  —  da  sprich  ich,  daz 
der  sich  selb  nit  verstat  und  nüt  waiss,  waz  er  [Sl""]  sait;  und  dez 
hein  alle  wolgelert  meister  ein  wüssen,  ob  ebt  sü  kunnen  verstan, 
was   der  nam   zftval   ist.     Wan   daz   heisset  zftval,   daz  der  under- 
standen  Wesenheit  zft  und  ab  vellet  ane  des  understandes  zerst6rung,  20 
als  du  varw  tut  an  dem  brete.     Also  ist  es  nit  hie,  wan   üb  und 
sei,  daz  sü  von  ire  unwüssentheit  heissent  zftval,  sind  zwai  weslichü 
stuke,  du  dem  menschen  wesen   gebent  und  im   nüt  in   zftvallicber 
wisc  bi  sint.   Dar  umbe  hat  ein  ioklicher  mensch,  wie  nah  er  iemer 
verstat  sich  selber  ze  lassen  und  wider  ze  nemen,  in  dem  er  tugend  25 
und  gebresten  mage  üben;  wan  dez  geistes  vernihlkeit,  sin  Vergangen- 
heit in  die  ainvaltigen  gotheit  und  aller  adel  und  volkomenheit  ist 
ze  nemene  nüt  na  Verwandlung  sin  selbes  geschafenheit  in  daz,  also 
daz  daz  selb,  daz  er  ist,  got  sie,  und  es  der  mensch  von  siner  grob- 
beit  nit  erkenne,  ald  daz  er  got  werde  und  in  sin  selbs  wesentbeit  30 
ze  nihtü  werd,   mer   es  lit   an   der  eutgangung   und  verahtunge  sin 


2  nemmcfii  M  5  entpsprinß-et  A  entsprichet  A^  7  lueusch  fe?üi  M 
1)  als  klajJT  fehlt  P  15  ol)  cht  M  17  sich  der  seil»  PJ/  19  atn  Rande 
Aristotiles  AA\  im  Koniexi  K  2'^  ntit  in  züv.j  mit  iiiizuv.  A^  25  Glider 
zc  ixebeut  nemeiit  (!)  M 

191V.  An'stoteley  Lehre  über  (im  j.ZufaU"  mccidens,  au|i3sßr,xös,  ^Hinzu» 
kommendes"')  findet  sich  au  mehreren  Orten  in  seinen  Schriften:  vgl,  Index 
Ar  ist.  740  a  :2(^  ß'.  Ohiffe  Definition  gehört  eigtntlich  Porphyrius  an  (Deniflt 
JÜäT  A,  :)).      VgL  Bdw  Kap,  4,  24  Zu  hat  ergänze  etwaz. 


Leben  Seuses.    Kap.  IL.  163 

selbs  na  angeblikter  wise.  Und  alsus  in  der  entnomenheit  verget 
sich  der  geist  ordenlich,  und  im  ist  erst  hie  reht  besehehen,  wan 
im  ist  got  ellu  ding  worden,  und  ellu  ding  sind  im  hie  nciswi  got 
worden;  wan  im   entwüttend  ellö  ding  in  der  wise,  als  sü  sind  in 

5  gote^  und  hübet  doch  ein  ieklich  ding,  daz  es  ist  in  siner  natur- 
licher wesentheit,  daz  ein  unverstandnü  blintheit  ald  ein  ungeüptü 
vernunftikeit  nah  disem  waren  underscheid  nit  kan  oder  nit  wil  in 
ire  wüstes  gemerk  lassen  komen. 

Von  disem  guten  underscheide  mäht  du  nu  furbaz  merken  die 

10  nagenden  vernünftig  Sprüche  und  lere,  die  den  menschen  entwisent 
von  siner  grobheit  und  in  wisent  zft  siner  höhsten  selikeit. 


IL.  Kapitel. 

Ein  vernünftiges  Inletten  dez  ussren  menschen  zu  siner 

Inrekeit. 

15  Hab  einen  ingetanen  wandel  und  bis  nüt  usbrüchig  weder  an 

Worten  noh  an  wandel. 

Tft  der  warheit  gnüg  ainvalteklich,  und  swas  dar  zfi  vellet, 
da  bis  dir  selben  inne  unbehulfen,  wan  swer  im  selb  ze  vil  behilfet, 
dem  wirt  von  der  warheit  nit  behulfen. 
20  So  du  bist  bi  den  menschen,   so  lass  vallen  ellü  ding,  du  du 

sihst  oder  h&rst,   und   halte   dich   allein   zfi  dem,   daz  sieb  dir  er- 
zöget hat. 

Flizz  dich,   daz  din  Vernunft   in  dinen  [69']  werken  hab  dez 
ersten  iren  fürbruch,  wan  swa  der  sinnelich  fürschuz  ze  schnei  ist, 
25  dannan  kumet  alles  übel. 

Wan  sol  den  lust  nüt  nemen  nah  den  sinnen,  wan  sol  in  nemen 
nah  der  warheit. 

Got  wil  uns   nit  beroben  lustes,   er  wil   uns   nah   allichkeit 
lust  geben. 
30  In  dem  kreftigosten  underwurf  ist  du  höhst  erstandung. 


10  den]  dem  A  13  f.  in  sin  inrekeit  M  15  f.  an  w.  noh  fehlt  K 
18  gehilfet  M        19  geholfen  M        20  dem  m.  M        24  sinnel.]   sumelich  A' 

1  if.  „/n  der  höchsten  Vereinigung  mit  Gott  geht  dei'  Blick  des  Geistes  ganz 
auf  Gott  über.  Er  wisiss,  weil  ohne  Beflexion  und  Diskurs^  von  sich  selbst 
geidssermassen  nichts^  nur  von  Gott.^    Denifle  ^38  A.  1, 


164  Leben  Seuses.    Kap.  IL. 

Wer  dem  innigosten  wil  sin,  der  mfiss  sieh  aller  menigYaltig^- 
keit  entschüten;  wan  mfiss  sich  sezzen  in  ein  verrüchen  nf  alle» 
daz,  daz  daz  einig  nit  ist.' 

Wa  du  natur  wurket  uss  des  sinsheit,  da  ist  erbet;  liden  nnd 
bedekunge  der  Vernunft  I 

Wenn  ich  mich  vinde  daz  ein,  daz  ich  sin  sol,  und  daz  al, 
daz  ich  sin  sol,  waz  ist  grösser  lustes? 

Ein  mensch  sol  in  siner  unbiltlichkeit  und  in  siner  UDeDtbalt- 
lichkeit  stan,  dar  inne  lit  der  maist  lust. 

Waz    ist   eins   wolgelassen    menschen    übunge?     Daz  .ist   ein  u 
entwerden. 

Swa  man  minnet  in  bild  ald  person,   da  minnet  zfival   zftval; 
dem  ist  unreht.     Doch  so  liddi  ich  mich  dar  inne,   unz  es  abvieli. 
Es  ist  neiswas  von  innen  cinvaltigs,  und  da  minnet  der  mensch  nut 
gegenwürtikeit  dez  bildes,   mer,   da  der  mensch  und  er  selbs   und  ll 
ellu  ding  eins  sind,  und  daz  ist  got. 

Der  sich  selben  liessi  an  begirlicben  usbrüchen  der  sinnen, 
daz  weri  ein  undergang  sin  selbes;  sus  ist  es  ein  behelfen  der  sinnen. 

Hab  ein  inliden  in  liep  und  in  laid,  wan  ein  inlidender  mensch 
nimet  me  zft  in  einem  jare  denn  ein  usbrechender  in  drin.  2( 

Wilt  du  allen  creaturen  nfizz  sin,  so  ker  dich  von  allen  creaturen« 

Ein  mensch  mag  die  Sachen  nit  begrifen:  sie  müssig,  so  be- 
grifFent  in  die  Sachen. 

Fliz  dich,  daz  kein  usbruch  beschehe,  der  dem  bilde  ungelich  sie. 

Ein  mensch  sol  war   nemen   der  neigunge,    du  sich  ze  allen  28 
dingen  bietend  ist  in  behelfwise  wider  der  ainvaltigen  warheit. 

Wilt  du  dich  nit  liden  in  einvaltekeit,  du  wirst  dich  lidende 
in  menigvaltekeit. 

Leb,  als  kein  creatur  me  uf  ertrich  sie  denn  du.    Sprich :  „als 


2  venfichten  M  12  in  minnet  bild  (l)  M  14  mit]  mit  FA^  29  me] 
ni«?  K 

14  JbJs  ist  hier  {vgl.  109,26)  der  ^Seeletigrund^'j  das  ,Mchte  Fünklein  der 
Sceh^  (ape.v  mentis,  ahditum  metitis,  intimum  et  snmmum  nientis^  scifUiUa  animae) 
gemeint j  von  dem  bei  den  Mystikern  so  häufig  die  Rede  ist  (vgl»  Eckhart  113, 
33  fi\  und  iJenifle  in  Hist.-pol.  Bl,  75,  76.5  und  Archiv  II,  576),  Beseichnungen, 
die  auf  Pseudodionys  und  weiterhin  die  Neuplatoniker  zurückgehen.  Vgl,  auch 
Orahmann,  Die  Lehre  des  h.  Thomas  von  der  scintiUa  animae  in  ihrer  Be^ 
deutung  für  die  deutsche  Mystik  im  PredigerorJen,  Jahrbuch  f,  Philos,  u.  Spekula 
TheoL  PJ(*(),413—:>7:  Prrger  II,:Jl2fi'.  19  inliden  =   Gelassmsein, 

29  Spnrh  zu  dtr  Kreatur. 


Leben  Seuses.    Kap.  IL.  105 

•du  mir  bist,   also  mag  ich   dir  nit  sin".     Natur  minnet  natur  und 
meinet  sich  selben. 

Etlicher  menschen   natur  ist    ze    ungebrochen    und    der   usser 
mensch  hie  ussnan  bliben. 
s  Ein  vermägeu  sich  nf  ze   enthalten  git  einem   menschen   me 

vermugens,  denn  du  ding  haben. 

Ein  Unordnung  bringet  die  andren. 

Lüg,  daz  du  natur  sie  ungeladen  und  [69""]  der  usser  mensch 
einförmig  mit  dem  inren. 
10  Nim  dez  inren  menschen  war,  dar  an  lit  usser  leben  und  inr  leben. 

Der  nehsten  gelassenheit  h6ret  zfl,  daz  man  alle  zit  die  natur 
in  einem  zom  habe. 

Ein  mensch  sol  sich  alle  zit  gegenwürtklich  halten,  daz  sich  du 
natur  nit  verlofe. 
15  Du  klagest,  daz  du  noh  siest  ze  würklich  und  ungelassen  und 

unlidig;  doch  nit  verzwifel:  ie  neher  ie  besser. 

Ein  Wurzel  aller  untugent  und  ein  bedeken  aller  warheit  ist 
zerganklichü  minne. 

Der  sinnen  undergang  ist  der  warheit  ufgang. 
^  Swenn  die  kreft  entwürket  werdent  und   du  dement  gelütert, 

die  kreft  stand  neiswi  als  in  irem  ewigen  sinne,  wan  sü  sich  dar 
mit  irem  vermügen  gerichtet  hein.  Alle  kreft  hein  ein  sin  und  ein 
werk,  daz  ist:  der  ewigen  warheit  gnfig  ze  sine. 

Es  ist  nut   lustlich,    denn   daz   einförmig  ist  dem    iunigosten 
25  gründe  götlicher  nature. 

Wan  vindet  etlichü  menschen,  du  hein  ein  nahrftren  gehabt 
und  dem  nit  gevolget;  ire  inrestes  und  ir  ussrestes  sind  verr  von 
einander,  und  hier  inne  gebristet  vil  menschen. 

Du  natur  stat  iez   in   richlicher  wise;  ie   me  usgegangen,   ie 
30  verrer,  und  ingegangen,  ie  neher. 

Swer  zu  siner  richheit  ist  komen,  der  würket  ellü  sinnelichü 
ding  dest  baz. 


15  [daz]  du  siest  noch  M  17  würzelin  aller  tii^eiit  (!)  M  20  gelürt  A' 
21  sinnen  P  sin  «  sine  AKA^  sinde  S  21  f.  dar  [mit]  M  23  daz]  als  M 
dir  der  e.  w.  M        24  lustliclis  M        daz  fehlt  K        26  nachruren  M 

5  Das  Vermögen  sich  über  den  Dingen  zu  halten  d.  h.  ühei'  sie  erhaben 
zu  sein  (Denifle  :241  A  6),  29   Wohl  =  die  Natur  ist  jetzt  (d.  h.  infolge 

der  Erbsünde)  ungeordnet  und  üppig-     Denifle  24:2  A.  6:  sie  unterliegt  nnserm 
Willen,  so  dass  wir  über  sie  gebieten  können. 


166  Leben  Seuses.    Kap.  IL. 

Swer  die  natur,  die  wil  si  ist  in  liiterkait,  inbegrifet  der  war- 
heit,  so  wirt  si  gerihtet,  daz  si  dest  besser  usrihtunge  git  in  usser- 
keit;  anders  vergct  si  in  die  zit  und  enkan  keinem  ding  reht  us- 
rihtung  geben. 

Luterkeit  und  verstentnüs  und  tugent  machent  rieh  in  der  natur ;    5 
und  in  dero  underzukung  geschiht  etwen,  daz  du  menschen  entwerdent 
vor  allen  creaturen,  und  da  es  wol  geratet,  werden t  neher  in  gewiset. 

Waz  ist  daz,  daz  den  menschen  jaget  arg  wisen  zu  suchen? 
Daz  ist  gesüchd  einer  gnugde ;  die  vindet  man  allain  in  dem  lassene, 
mit  in  den  argen  wisen.  10 

Dar  umb  etlichü  menschen  als  dik  in  gebrestlieh  beträbt  vallent, 
daz  kunt  da  von,  daz  sü  ir  selbs  in  nahlicher  wise  nit  alle  zit  war 
nement,  uf  ein  ieglich  puntlin  sich  ze  hüten  vor  sträflichen  dingen. 

Siglos  werden  ist  gotes  fründen  han  gewunnen. 

Blib  in  dir  selb;  ursach  ander  dingen  zöget  sich  als  ein  noturft,  15 
es  ist  aber  ein  behelfen. 

Daz  ist  bös,  vil  Sachen  anvahen  und  kein  enden.  [70']  Man 
sol  vast  haben,  unz  man  merk,  ob  got  oder  natur. 

Fliz  dich,  daz  du  natur  usser  irem  eigen  gründe  würke  ir  werk 
sunder  ursach.  20 

Ein  reht  gelassenr  mensch  sol  sich  vier  ding  flizen:  L  Er  sol 
sin  gar  sitig  an  dem  wandel,  daz  du  ding  sunder  in  uss  im  fliessen. 
II.  Sitig  und  rüwig  in  den  sinnen,  nüt  hin  und  her  woldenieren  — 
wan  daz  ist  gar  inzügig  der  bilden  — ,  so  wurdi  den  inren  sinnen 
ein  müssiges  spacieren.  III.  Nüt  anhaftig  sin;  er  sol  war  nemen,  25 
daz  nüt  vermischetes  da  sie.  IV.  Nit  wortwege,  sunder  lieplichi 
zft  dien  haben,  dur  die  in  got  wil  ab  würken. 

Hab  ein  vestes  bliben  in  dir  selb,  unz  daz  du  uss  dir  selb 
sunder  dich  selb  gewürket  werdest. 

Nim  war,  ob  göter   lüten   heinlichi   gange   uss   gunst   ald   uss  30 
einvaltekeit;  des  ersten  ist  ze  vil. 

Erbütt  dich  nieman  ze  vil:  da  aller  maist  erbietens  ist,  da  ist 


6  dero]  der  M  7  da]  daz  M  8  wis  .1/  9  g(!süch  M  12  ir] 
in  M  18  uf  eins  iekliclieu  puntliu  ASP  19  gründe]  gut  M  21  ff.  das 
erst,  das  ander,  das  dritt,  das  vierd  K,  I  U  fehlt  M  21  f.  er  sol  och  sin  [ji^ar] 
8.  M  23  Avolderun  6'  wol  demeren  P  woldernieren  .V  26  vermischz  M 
ücplichen  K  lieplich  M        32  erbütt  —  vil  fehlt  A^ 

6  f.  Gelassenheit  in  der  inneren  Verlassenheit  und  Darre  bringt  um  so 
weiter  in  der    Vollkommenheit. 


Leben  Senses.    Kap.  IL.  167 

etwen  aller  minst  gevelles;  dir  gezirat  ein  ingetane  demütige  wandel. 
Swenn  eins  wider  sin  wesen  tfit,  daz  gezimt  ime  niemer  wol. 

Selig  ist  der  mensch,   der  nüt  vil  wisen   noch   Worten   füret; 
ie  me  wisen  und  Worten,  ie  me  züvellen. 
5  Hab  dich  inne  und  erzog  dich  dem  nüt  glich,  anders  du  wirst 

lidende. 

Etlichü  menschen  würkent  us  enpfindene  in  wol  und  in  we; 
aber  wan  sol  sich  dar  inne  nüt  an  sehen. 

In  dem  undergang  werdent  ellü  ding  volbracht.     Do  Cristus 
10  gesprach:  In  manus  tuas,  zehand  do  waz  es:  Consuramatum  est. 

Got  und  der  tüfel  sind  in  dem   menschen ;   der  sich  selb   wil 
füren  ald  sich  selb  wil  lassen,  der  vindet  den  underschaid. 

Swele  mensch  w51ti  alle  zit  rüwe  haben,  der  behübi  sich  selb 
dar  inne  als  wol  als  in  andren  dingen. 
15  Swem  inrkait  wirt  in    usserkait,    dem    wirt   inrkait   inrlicher, 

denn  dem  inrkait  wirt  in  inrkeit. 

Daz  ist  gut,  daz  sich   der  mensch   in   kainer  sach   füre,   und 
dem  ist  reht,  dem  du  ding  der  bilden  entwürtend  in  dem  obren. 

Es  ist  vil  me  vernünftiger  menschen  denne  einvaltiger.  Du 
20  haissent  vernünftig,  da  du  vemunft  rengniert;  aber  der  ainvaltekeit 
von  ire  müssigkait  enpfellet  menigvaltikait  der  dingen  nah  dez  sins- 
heit  genomen,  und  hat  denn  nüt  söliches  schowens;  wan  einvalte- 
keit  ist  neiswi  sin  wesen  worden,  und  er  ist  ein  gez6w  [lO""]  und 
ein  kind. 
25  Swer  wil,   daz  im  ellü  ding  sien,   der  sol  im  selb   und  allen 

dingen  nichtesnit  werden. 

Eya,  wie  selig  der  mensch   ist,   der   stet  belibet   vor   manig- 
valtikait!     Waz  enpfindet  der  hainliches  inganges! 

Gütü  meinung  vermitelt  dik  wäre  einunge. 
BO  Daz  oge  sol  nüt  ussehens  han,    es  hab  denn  ein  ustragen  der 

bilden. 


1  getan  M        5  ndt  fehlt  M        15  inriich  M       20  fürnünftig  M       23  er] 
du  A^j  fehlt  P        gezüfife  A^        29  manung  F 

3  wise,   entspreche7id  dem   Taulerschen  ufsaz  =  sich  selbst  vorgesetzte 
Handlungen  (Lenifle  :i4ö  A.  4  und  Bvga  XXVIII).  5  nüt  bei  den  My- 

stikern häufig  =  Grund ^   Wesen  Gottes.    Seuse  handelt  darüber  im  Bdw  Kap.  1 
und  fJ:  vgl.  auch  Kap.  52  der  Vita,  10  Luk.  23,46:  Joh.  19,30,  18  In 

dem  oberen,  höheren  Teile  des  Menschen.  23  f.  Ein  Werkzeug  und  Kind 

Gottes;  vgl  Eckhart  402,  32;  526,  2  ff. 


168  Leben  Seuses.    Kap.  IL. 

Der  teil;  der  yod  Adam  ist,  den  sol  man  als  gern   liden,   als 
den,  mit  dem  wir  selig  sien. 

Ein  gelassener  mensch  bildet  enkein  ungelük  in  sieb. 

Daz  der  menscb  noh  klaget  und  leidig  ist,  daz  kunt  alles  von 
gebresten;  wan  mfis  es  uss  triben.  5 

Alle,  die  unreht  friheit  fürent,  die  zilent  uf  ir  selbes  bilde. 

Einer  gerehten  unledikeit  ledig  wellen  stan  ist  du  ungewerlichost 
ledikeit,  die  man  mag  han. 

Ein  gelassener  mensch  mliss  entbildet  werden  von  der  creatur, 
gebildet  werden  mit  CristOj  und  überbildet  in  der  gotheit.  lo 

Swer  sich  selben  in  Cristo  nemend  ist,  der  lat  allen  dingen 
ir  Ordnung. 

Swenn  ein  mensch  ein  mensch  ist  worden  in  Cristo  und  ent- 
worden im  selber,  dem  ist  reht. 

So  sich  ein  mensch  mit  einem  inker  zu  der  warheit  wil  ffigen,  15 
so  lühtet  im  in  du  entgaugenheit  sin  selbs  und  merket,  daz  creatur 
noch  in  im  ist,  du  den  vonzug  enpfie.  Hier  inne  lidet  er  sich  selben 
und  merket,  daz  er  noh  nüt  entwürkt  ist.  Sich  also  liden,  ist  iez 
ainvaltig  werden.  Du  entgangunge  gebirt  ein  müdi,  in  dem  vouker 
vellet  es  abe.  20 

Waz  ist  eins  reht  gelassen  menschen  gegen wurf  in  allen  dingen? 
Daz  ist  ein  entsinken  im  selb,  und  mit  ime  entsinkend  im  ellü  ding. 

Waz  ist  daz  minst  mitel?  Daz  ist  ein  gedank.  Waz  izt  daz 
maist  mitel V  Daz  ist,  da  du  scle  in  ire  namhafti  ires  eigens 
willen  belibet.  25 

Einem  gelassen  menschen  sol  enkain  stiindli  vergan  unangesehen. 

Ein  gelassener  mensch  sol  nüt  alle  zit  Iftgent  sin,  wes  er  be- 
dürfe, er  sol  lügend  sin,  wes  er  enbern  muge. 

So  sich  ein  gelassenr  mensch  fügen  wil  zu  der  warheit,  so 
sol  er  sich  flizzen,  daz  er  nem  einen  inbriich   der   sinnen,    wan   got  30 


3  bildet  fehlt  A^  enbildet  S  un^relük]  iiii.ijlich  M  5  ^^ebrestem  A 
7—8  fchll  M  8  man]  ein  niensrb  A^  9  von  —  10  überb.  fehlt  K  15  [zu 
der  w.  wil]  fiii^-ett  M        IG  im  [in]  M        24  manhafti  3/ 

1  f.  Damit  ist  jeder  ungesunde  Si^iritualismus  abf/elehnt.  9  f.  Kurse 

und  ireji'tnde  Z usammenfassung  des  mystischen  Weges  (via  purgativa,  illumi- 
nativa,  unitiva)j  wie  er  seit  Fseudodionys  gewöhnlich  gelehrt  wird  (vgl.  H.  Kochy 
Pseudodiotu/sius  1900,  174 ß'.),  16  ff.  Erklär uug  s,  T)e)ufle  :^4ö  A.  1. 

30  ff.    Dir   Abschnitt   kehrt   in    Kap.  7   des  Jidir   ctwtts   abgeändert   wieder. 
Vgl.  Joh.  4,24. 


Lebeu  Seusea.    Kap.  IL.  169 

ist  ein  geist.     II.   War   nemen,    ob    er    sich    iene    vermittelt   habe, 

III.  ob  er  sieb  selben  iene  [71']  für  in  keinem  fürgrif  dez  sinsheit. 

IV.  Und  8ol   denn   in   dem   lieht   merken   die   gegenwürtikeit   dez 
allichen  gütlichen  wesens  in  ime,  und  daz  er  dez  selben  allein   ist 

s  ein  gez&w. 

Als  vil  sich   der  mensch  keret  von  im    selb   und   von   allen 
geschafnen  dingen,  als  vil  wirt  er  geainiget  und  geseligot. 

Witt  du  ein  gelassenr  mensch  sin,  so  fliz  dich,  wie  dir  got  ist 
mit  im  selb  ald  mit  sinen  creatnren  in  lieb  ald  in  laid,  daz  du  alle 
10  zit  standest  glich  in  einem  usgene  des  dinen. 

Hab  ein  beschliessen  der  sinnen  vor  allen  gegenwürtigen  forman. 
Bis  lidig  alles  dez,  daz  du  uslfigendü  beschaidenhait  us  erwellet, 
daz  den  willen  beheftet  und  der  hügnust  wollust  in  trait. 
ßlib  uf  niht,  daz  got  nut  ist. 
15  Swenn  du  bist  da,  da  iemen  gebresten  übet  ald  unglichheit, 

so  gib  dez  dinen  nit  dur  zfi  und  hab  och  nit  dur  zfi. 

Der  bi  im  selben  alle  zit  wonet,  der  gewinnet  gar  ein  riches 
verniügen. 

Eins  gelassen   menschen  ergezzung  in  der  natur  sol  sin   ein 
20  beschnitnu  noturft  in  unvermisten  werken,  du  in  tragen  einen  lidigen 
vonker. 

So  vil  der  mensch  minr  und  me  gelassen  ist,  so  vil  wirt  er 
minr  und  me  betrübet  von  den  hinziehenden  dingen.  Und  alsus 
geschah  einem  halbgelassen  menschen:  do  er  in  der  empfindung  im 
25  selb  ze  nahe  lag,  do  ward  gesprochen  also:  „du  söltist  min  als  flissig 
sin  und  din  selbs  als  unehtig,  wenne  du  waist,  daz  mir  wol  ist,  daz 
dich  enrftchti,  wie  es  dir  giengi". 

Ein  gelassenr   mensch,   so   sich   der  in   inburgheit  sezzet   mit 
ingefürten  sinnen,  —  so  der  ie  minr  ufenthaltes  von   innan  vindet, 
30  so  im  ie  wirs  von  innen  geschiht,  und  ie  geswinder  stirbet  und  ie 
schnelleklicher  hin  durch  kumet. 

Ein  wltes  ussweifen   der  sinnen   cntsezet  den   menschen   siner 
inrkait.     Lüg,  daz  du  kain   ustragend   sach   siest  fürende;   so   dich 
die  Sachen  suchen,    so   la  dich   nit  vinden.     Hab   einen  geswinden 
35  inker  in  dich  selben. 

Natürliches  leben  bewiset  sich  in  beweglichkeit  und  in   sinne- 


1 — 3  das  auder,  das  drit,  das  vierd  K  2  kaineu  A  4  allein  fehlt  M 
14  ist  nit  M  16  und  —  dur  zu  fehlt  S  20  uuvermüschoten  S  liden- 
den M        27  gang  SV        28  der  [in]  Sr        36  f.  und  in  sinn,  fehlt  S 


170  Leben  Seuses.    Kap.  L. 

lichkeit;  der  sich  selb  da  lasset  und  entwirdet,  in  der  stillheit   be- 
ginnet übernatürliches  leben. 

Etlichü  menschen  hein  einen   ufgang  ane  hinderniss:  sü  hein 
aber  nüt  ein  stetes  bliben. 

Sezze  dich  in  ein  bloss  gelassenheit,  wan  nnmessigü  begerung,    5 
so  der  ze  vil  ist,  hier  zft  möhti  ein  [71^]  verborgen   mitel  werden. 

Ein  gelassenr  mensch  sölte  alle  siner  sei  krefte  also  gezemmen, 
wenn  er  in  sich  sehe,  daz  sich  daz  al  da  erzogti. 

Ein  gelassenr  mensch  blibet  sin  selbs  massig,  als  ob  er  umb 
sich  selb  nüt  wüsse;  wan  in  dem,  daz  got  ist,  so   sind  in   im   ellü  10 
ding  erlich  berihtet. 

Hab  flizz  och  zft   dinem   ussren   menschen,   daz  der  geainiget 
werd  mit  dem  inren  mit  underzogenheit  aller  vihlicher  gelüsten. 

Ein  gelassenr  widerker  ist  gote  dik  lieber  denn  ein  behangnü  steti. 

Samen  din  sei  zesamen  von  den  ussren  sinnen,  da  sü  sich  inne  15 
zerstr6wet  hein  uf  die  menigvaltekeit  der  ussren  dingen. 

Gang  wider  in,  ker  aber  und  och  wider  in  in  din  ainmüt,  und 
gebruche  gotes. 

Hert  vast  und  la  dir  niemer  begnügen,  unz  daz  du  erkriegest 
in  der  zit  daz  gegenwürtig  nu  der  ewikait,  als  verr  es  muglich  ist  20 
menschlicher  krankheit. 


L.  Kapitel. 

Von  den  hohen  fragen,  die  du  wolgeüptü  tohter  fragte   iren 

geisehlicheu  vater. 

Nah  dem  vernünftigen  inlaitene  des  ussren   menschen   in   den  25 
inren  erhüben  sich  in  der  tohter  geist  höh  sinne  und  meinde,  ob  si 
noh  getörsti  fragen  von  den  selben  hohen  sinnen.     Er  sprach:   „ja. 


3  etlichü  —  8ü  fehlt  A'        G  hier  us  K        7  aller  SM        8  [daa]  al  .1/ 
11    erlicli  fehlt  M  12   diiicn   MA"^  13   den  inren   M         17  armfit   P 

19  niemer  fehlt  M        heuüjjren  M        26  meinde]  main  Jf 

3  nf«i:an^,   nämlich   zu  Gott:   vgl,   Schwester  Katrei  hei  Ff d ff  er  464  j  16. 

5  Auch  ühennäs.sige  Btgehrung  des  Guten  ist  schädlich;  vgl.  a.  a.  0.  464^:^0. 

7  f.  Schw'.'ster  Katrei  468,:^(Jf.:  Ich  hete  aller  miner  scle  krefte  geeemt; 
wennt  ich  in  mich  sach,  so  sach  ich  got  in  mir  etc.  scheint  hier  Vorlage  zu 
sein.      Vgl.  übrigens   ohen   166.20 ff,  14    Eine   seV>stgtfüUige   und   deshalb 

Gott  missfnllige  Stetigkeit  im  Guten.     Denijle  :Jö2 :  hthagliche. 


Leben  Seuses.    Kap.  L.  171- 

wan  du  ordenlich  dur  du  rehten  mitel  bist  gezogen^  so  ist  nu  wol 
erlobet  diner  geistenrichen  vernünftekeit,  von  hohen  dingen  ze  fragen. 
Frag,  waz  du  wellest."  Du  tohter  sprach :  „sagent  mir,  waz  ist  got, 
ald  wa  ist  got,  ald  wie  ist  got?  Ich  mein,  wie  er  sie  einvaltig 
5  und  doch  drivaltig?" 

Er  sprach:  weiss  got,  daz  sind  höh  fragen.    Von  der  ersten 

.  frage,  waz  got  sie,  solt  du  wissen,  daz  alle  die  meister,  die  ie  wurden, 
kunnen  daz  nit  us  gerihten,  wan  er  über  alle  sinne  und  Vernunft 
ist.     Und  doch  so  gewinnet  ein  flissiger  mensch  mit  emzigem  sftchene 

10  etwaz  kundsami  von  got,  aber  gar  in  verrer  wise,  dar  an  dez  menschen 
obrestü  selikeit  lit.  Nah  diser  wise  sftchtan  in  hie  vor  etlich  tugend- 
haft heidenscbe  meister,  und  sunderlich  der  vernünftig  Aristotiles. 
Der  gniblet  na  in  dem  lof  der  natur,  wer  der  weri,  der  da  ist  em 
herr  der  natur.     Er  suchte   in  genote  [72']  und  vand.     Er  bewert 

15  uss  der  wolgeordneten  nature  lof,  daz  von  not  mfiss  sin  ein  einiger 
fürst  und  herr  aller  creaturen,  und  daz  heissen  wir  got. 

Von  disem  got  und  herren  haben  wir  wol  so  vil  kundsami,  daz 
er  ist  ein  substanzlich  wesen,  und  daz  er  ist  ewig,  ane  vor  und  an& 
na,  einvaltig,  unwandelber,  ein  unliplicher,  weslicher  geist,  dez  wesen 

20  sin  leben  und  wurken  ist,  dez  istigu  vernunftkeit  ellü  ding  erkennet 
in  im  selb  mit  im  selb,  dez  wesen  grundlose  lust  und  fröd  in  im 
selben  ist,  der  sin  selbs  und  aller  der,  die  daz  selb  in  schöwiicher 
wise  messen  son,  ein  übernatürlichü,  unsprechlichü,  wunnenberndü 
selikait  ist. 

25  Du  tohter  sah  uf  und   sprach:    „eya,   daz   ist  gfit  ze  hören, 

wan  es  daz  herz  ruret,   den   geist  uf  lupfet,   sursum,   höh  über  sich 
selb.     Da  von,  lieber  vater,  sagent  me  dur  von!** 


2  gaistrichen  MA^  4  ald  wa  ist  got  fehlt  A^  ald  wie  ist  got  fehlt  S 
9  mensch  fehlt  M  14  vand  in  M  19  und  unwand.  M  20  iUigü  (!)  A^ 
22  die  —  23  son  fehlt  S 

12  ff.  Die  Aristotelischen  Gottesbeweise,  die  Thomas^  S,  c.  Gent,  1,13  und 
S.  Th.  1  q,  X>a.  3  weiter  ausführt,  finden  sich  Fhys.  VII 241b  24 ff.:  VIII 258 b^ 
10 ff. :  Metaph.  a  994a  11;  9-  1049b  17 ff. :  X  1072a  19,  1073a  14;  l.  c,  1076a  4 
das  Homerische  Wort  (II.  B  204) :  elg  xoipavog  Ioxü),  auf  das  auch  Seuse  an- 
spielt.  Es  ist  hier  speziell  der  sogen,  physiko-theologische  oder  teleologische 
Gottesbeweis  gemeint,  dtr  weiter  unten  dargestellt  wird.  Vgl,  Schanz,  Apologie 
des  Christentums  I^  (1903),  470  ff. ;  Rolf  es.  Die  Gottesbeweise  bei  Thomas  t^on 
Aquin  und  Anstot.  1898,  18  ewig,   ane  vor  und   ane  na,  vgl.  Thomas, 

S,  Th,  1  q.  3  ff.     Weitere  Erkläning  und  Belege  bei  Denifle  254  A.  1  und  Bdw 
Kap,  5, 


172  Leben  Seuses.    Kap.  L. 

Er  sprach :  lug,  daz  götlich  wesen^  von  dem  geseit  ist,  daz  ist 
^in  sölichü  vernunftigü  sabstancie,  die  daz  tödemlich  oge  nit  gesehen 
mag  in  im  selb ;  wan  siht  in  aber  wol  in  siner  getat,  als  man  einen 
gfiten  meister  spürt  an  sinem  werke^  wan  als  Paulus  seit:  „die 
creaturen  sind  als  ein  Spiegel,  in  dem  got  widerlühtet."  Und  dis  5 
bekennen  heisset  ein  speculieren. 

Nu  lass  uns  ein  wili  alhie  beliben,  und  las»  uns  speculieren 
den  hohen  wirdigen  meister  in  siner  getat!  Lfig  über  dich  und  umb 
dich  in  du  vier  ende  der  weit,  wie  wit,  wie  höh  der  schön  himel 
ist  in  sinem  schnellen  lof,  und  wie  adelich  in  sin  meister  gezieret  10 
hat  mit  den  siben  ptaneten,  der  ein  ieklicher,  ane  allein  der  mane^ 
vil  grösser  ist,  denne  alles  ertrich  sie,  und  wie  er  gepriset  ist  mit 
der  unzallichen  mengi  dez  liebten  gestirnes.  Ach,  so  du  schön  sunne 
ungewulkt  heiterlich  uf  brichet  in  dem  sumerlichen  zit,  waz  si  denn 
eblich  fruht  und  gutes  dem  ertrich  git!  Wie  der  anger  schon  grünet,  15 
wie  lob  und  gras  uf  dringet,  die  schönen  blftmen  lachent,  der  wald 
und  heid  und  owen  mit  der  nahtgal  und  der  kleinen  fögelin  süssem 
gesang  widerhellent ,  ellü  tierlü,  du  von  dem  argen  winter  ver- 
schloflfen  waren,  sich  her  für  machent  und  sich  fröwent  und  sich 
zweient,  wie  in  der  menscheit  [72^]  jung  und  alt  werdent  von  wunne-  20 
bernder  fröd  frölich  gebarent!  Ach  zarter  got,  bist  du  in  diner 
creatur  als  minneklich,  owe,  wie  bist  du  denn  in  dir  selb  so  gar 
schön  und  minneklich! 

Lüg  fürbas,   ich    bite   dich,   schow   du   vier  element,   ertrich, 
wasser,  luft  und  für,   und   alles   daz  wunder,   daz  dar   iune  ist  von  25 
mengerlay  unglichen  menschen,  von  tieren,  von  vogelu   und  vischen 
und  merwundern;   daz   dar   inne  ist,   daz  rufet  allesament:  lob  und 


4  an  sincn  werken  PA^  sant  Paulns  S  6  haissent  wir  e.  sp.  M 
11  den]  dem  M  siben  fehlt  ASP A^  17  fiogelin  A  18  f.  verschlofen  AA^ 
20  lö^^  wie  ASP  21  ^rebarcnt  frolich  M  2^  wunklich  M  27  daz  —  ist 
fehlt  P        27  f.  loh  u.  ore  nnd  grundlos  wunderlich  unfern.  (!)  M 

2    Vgl.  II  Mos.  3o,:J0.  4  liöw.  J,'J(K  6    Vgl.  Thomas,  S.  Th, 

:i,2  q.  IbOa,  3  ad  ^ :  sjteculatio  diciinr  a  spcculo  .....  videre  anteui  aliquid 
j)ir  sptcuhdn,  est  i:idere  causam  ptr  effectum,  in  quo  eins  similitudo  Völuctt, 
futde  speculatJo  ad  meditationtm  reduci  vid-^iur.  Bonaventura,  Itiner.  c.  J2:  de 
sptcnlatifme  I)ei  in  veMigiis  suis  in  hoc  sensibili  mundo.  AVm^c,  Ilor.  61: 
omnis  creaturae  dtcor,  quid  aliud  est,  quam  qunddam  Sjnculuniy  in  quo  summi 
opificis  relucet  magisieiium?  Tochter  Syon  ed.  »Schade  3')  ff. ,  ed.  Merzdorf 
(l)Lr  Mönch  von  Ifeilsbronn  1670),  l:J9,llß.  11  Vgl.  Bn'thohh  von  Begens- 

hurg  Predigt  {ed.  Pf  ei  ff  er- Sir  ohl  I,  48  ff. :  II  :>33ff.):  Von  den  sihen  Planeten 
(Sonn:,  Mond,  Mars,  Merkur.  Juppiter,   Venus,  Saturn). 


Leben  Seuses.    Kap.  L.  173 

ere   der   grundlosen   wunderlichen    ungemessenheit ,    du   in   dir   ist! 
Herr,   wer  enthaltet   dis  alles,   wer  spiset  es  alles?    Du  beratest  es 
alles,   ein  iekliches   in   siner  wise,   gross  und  klain,   rieh  und  arm; 
du  got  tust  es,  du  got  werlich  got  bist! 
5  Nu  dar,  fro  tohter,  nu  hast  du  dinen  got  funden,  den  din  herz 

lang  hat  gesüchet.  Nu  sieh  ufwert  mit  spilnden  ogen,  mit  leehlichem 
antlüt,  mit  ufspringendem  herzen,  und  sieh  in  ane  und  umbvah  in 
mit  den  endlosen  armen  diner  sele  und  gemütes,  und  sag  im  dank 
und  lob,  dem  edeln  forsten  aller  creaturen.   Sich,  von  diesem  specu- 

10  Heren  dringet  bald  uf  in  einem  enpfenklichen  menschen  ein  herzk- 
liches  jubilieren;  wan  jubilieren  ist  ein  fröde,  daz  du  zung  nit 
gesagen  kan,  und  es  doch  herz  und  sei  krefteklich  durgusset. 

Ach  Iftg,   ich  merk  iez  an  mir  selb,   es  sie  mir  lieb  ald  leid, 
daz  mir  der  beschlossen  mund  miner  sele  gen  dir  ist  uf  gebrochen, 

15  und  müss  dir  aber  sagen  gote  ze  lob  neiswas  miner  verborgen  hein- 
lichi,  daz  ich  nie  keinem  menschen  geseit.  Lüg,  ich  wüste  einen 
bredier,  der  waz  an  sinem  anvang  wol  uf  zehen  jar,  daz  im  sölichü 
inswebendü  gnade  alle  tag  gemeinlich  zwirent  von  got  ward,  des 
morgens   und   des   abendes,    und  du   werte  wol   als   lang   als  zwo 

20  vigilien.  Er  versank  die  wil  als  gar  in  gote  die  ewigen  wisheit, 
daz  er  nüt  konde  dur  von  gesprechen.  Underwilent  hat  er  ein  minnek- 
lich  einreden  mit  gote,  denn  ein  jamriges  süfzen, ,  denn  ein  senliches 
weinen,  etwen  ein  stilleswigendes  lachen.  Im  waz  dik,  als  ob  er 
in  dem  luft  swepti,  und  enzwischen   zit   und  ewikeit  in  dem  tiefen 

25  wage  gotes  grundlosen  wundern  swummi.  Von  dem  ward  sin  herz 
als  vol,  daz  er  underwilent  sin  band  uf  daz  wütend  herz  [73']  leite 
und  sprach:  „owe,  herz  mins,  wie  wil  es  dir  hüt  ergan!" 


6  lachidem  S  liehtlichem  M  11  dii  feMt  K  20  in  die  ew.  w.  M 
21  nüt  da  von  kond  K 

11  Die  Definition  folgt  Thomas  von  Aquin,  //*  j^j?.  32,3 ;  vgl.  In  ps,  46,1 
(Opj),  Paris  188V,  XVIII,  410,  619 K  Weitere  Stiege:  David  von  Augsburg, 
De  compos.  III,  67 ;  EckhaH  ed.  Pfeiffer  553,23;  Mönch  von  Ileilsbronn  ed. 
Merzdorf  58;  Strauch,  Marg.  Ebner  XVII,  97  u.  A.  S.  339 ;  Buch  von  den 
fünf  Mannen  bei  K,  Schmidt,  Nikolaus  von  Basel  1866,  103 ;  Vifen  von  Kirch- 
berg  ed.  Roth  in  Alemannia  :il,  105  (gnad  jubilu«) ;  vgl.  auch  Denifle  257  A.2; 
Krebs,  Die  Mystik  in  Adel  hausen  74  f.;  Michael,  Gesch.  des  deutschen  Volkes 
III,  140.  17  Seuse  selbst,  20   Vigilie  hiess  im   Predigerorden  das 

täglich  zu  betende  2'oienofficium  (eine  Xociurn  u.  Laudes).  Vgl.  über  de^-artige 
Zeitljesiimmungen  Strauch,  Ad.  Langmami  lo7  (A.  zu  57,8)  und  Marg.  Ebner 
312  f.  (A.  SU  127,11). 


174  Leben  Seuses.    Kap.  L. 

Eins  tages  waz  im,  wie  daz  veterlich  herz  in  geiscbiicher  wise    . 
neiswi  nnsaglieh  ane  alles  mite)  an  sin  herz  zärtlich  geneiget  were, 
und  daz  sin  herz  eben  gen  dem  veterlichen  herzen  begirlich  nfgetan 
were,   und  duht  in,   wie  daz  veterlich   herz,   die   ewigen  wisheit, 
minneklich  und  formlosklich  in  sin   herz   spreche.     Er  hüb  uf  und    5 
sprach  frölich  in  dem  geischlichen  jubilieren:  ^nu  dar,  min  liepliches 
liep,  so  enblöz  ich  min  herz,   und  in  der  cinvaltigen  blossheit  alier 
geschafenheit  umbvah  ich   din   bildlosen   gotheit.     Owe,    du   über- 
trefendes  liep  alles  liebes!   Du  gröst  liebi  zitliches  liebes  mit  sinem 
liep  lit  dennoch  liebes  mit  liep  zerteilter  underscheidenheit;  owe  aber  lo 
du,   alles  liebes  grundlosä  vollheit^    du   zerflüssest  in  liebes  herzen, 
du  zergüssest  dich   in   der  sei  wesen,   du  bloss  al  in  al,  daz  liebes 
ein  einig  teil  nit  uss  blibet,  den  daz  es  lieplich  mit  lieb  vereinet  wiit." 

Du  tohter  sprach:   „ach  got,   waz  grosser  gnaden  ist  daz,   da 
der  mensch  also  in  jubilierender  wise  in  got  verzuket  wirt!    Nu  15 
wösti  ich  gern,   ob   daz  selb  daz  nehst  sie  oder  nit?"     Er  sprach: 
nein,  es  ist  allein  ein  reizlicher  vorlof,  ze  komen  in  ein  weslich  in- 
genomenheit.   Si  sprach:  „waz  heissent  ir  weslich  ald  nit  weslich?" 
Er  entwürt  und  sprach :   ich  heiss  den  einen  weslichen  menschen, 
der  mit  gfiter  steter  Übung  die  tugent  erstriten  hat,  daz  sü  im  nah  20 
dem  höbsten  adel  lustlich  und  beliplich  sind  worden,   als  der  schin 
der  sunnen   in  ir   ist  beliplich.     So   heiss  ich   unweslich,   dem  daz 
lieht  der  tugent  in  entlenter,   unsteter,   unvolkomenr  wise  lühtet,  als 
der  schin  in  dem  mane  tot.    Der  vorder  gnadenricher  lust  verlekert 
eins  unweslichen  menschen  geist,  daz  er  daz  alle  zit  gern  heti,  und  26 
als  im  der  gegenwurf  fr6d   birt,    also  birt  im  der  under/uk   unge- 
ordnet trurikeit,  und  wirt  unwillig  sich  andren  Sachen  ze  geben,  als 
ich  dich  bewisen  wil. 

Es  geschah  eins  males,  do  gie  der  diener  in  dem  capitelhuse, 
und  waz  sin  herz  vol  gotliclier  jubilierender  frSden.    Also  kom  der  30 
portner  und  hiess  in  gan  an  die  port  zu  ainer  frowen,  du  wolt  bihten. 
Er  brach  sich  ungern  von  dem  inrlicheu  luste  und  enpfie  den  portner 


10  f.  du  aber  M  18  ald  nit  weslicli  fehlt  A^  23  (Mitlenter  felüt  S 
entlcchneter  K  ciitlelienter  M  vollkomer  M  26  also  gebirt  MA^  30  gotl. 
fehlt  ^'        frode  SA' 

5  U.  h.  ohne  Bilder  und  Fot-men  (iJenifle  2ü8  A.  2j.  17  f.  Was  unter 

jngenomeiiheit  zu  verstehen  ist,  wird  gegen  Ende  des  folg.  Kap.  erhläri. 

19  ff.    Vgl.  die  Lehre  des  Thomas  von  Aquin,  der  auf  Aristoteles  fusst,  über 
die  hahituelle  Tagend,  S.  Th,  1,'J  ij.  49;  (j.  51  a.  2.  3. 


Leben  Seuses.    Kap.  L.  175 

herteklich  und  sprach,  [13^]  daz  si  na  eim  andern  santi,  er  w6Iti  ir 
iez  kain  bibt  hören.  Si  hat  ein  geladen  sündig  herz  und  sprach,  si 
heti  sunder  gnad  zft  im,  daz  er  si  trosti,  und  w6Iti  kaim  andern 
bihten.  Und  do  er  nit  wolt  komen,  do  vie  si  an  mit  einem  betrupten 
5  herzen  ze  weinen,  und  gie  ellendeklich  enweg  in  einen  winkel  sizzen 
und  erweinet  sich  da  vil  wol.  Under  dannen  do  zukt  im  got  ge- 
swinde  die  frölichen  gnade,  und  ward  im  sin  herz  als  bert  als  ein 
kisling.  Und  do  er  gern  heti  gewüsset,  waz  daz  meindi,  do  ward 
in  im  von  got  gesprochen  also:  ^lüg,  als  du  die  armen  frowen  mit 

10  einem  geladen  herzen  hast  von  dir  getriben  ungetröstet,  also  han  ich 
minen  gotlichen  trost  von  dir  gezuket."  Er  ersüfzet  inneklich  und 
schlfig  an  sin  herz  und  lüf  bald  hin  an  die  port,  und  do  er  die 
frowen  nit  vand,  do  gehüb  er  sich  übel.  Der  portner  lüf  umb  und 
umb  suchende;   do  er  si  vand  dort  sizend  weinende  und  si  an  die 

15  port  wider  kam,  do  enpfie  er  si  gütlich  und  tröste  ir  rüwiges  herz 
gnedeklich,  und  gie  von  ir  wider  in  daz  cäpitel,  und  geswinde  in 
einem  ogenblik  do  kam  der  milt  herr  her  wider  mit  sinem  gotlichen 
trost,  als  ie  von  erst. 

Du  tohter  sprach:  „der  mensch  möhti  liden  wol  erliden,   dem 

20  er  gebi  sölich  jubilierende  frSde."  Er  sprach:  „owe,  es  müst  dar  na 
alles  mit  grossem  liden  wol  erarnet  werden. **  Aber  ze  jungst  neiswen, 
do  es  sich  alles  hat  erlüfen  und  es  got  zit  dnhte,  do  kom  du  selb 
jubilierend  gnade  her  wider  und  ward  im  neiswi  in  beliplicher  wise, 
er  weri  da  heim  oder  füri  us,   bi  den  lüten  ald  ane  du   menschen, 

25  dik  in  dem  bad  ald  ob  tische  ward  im  du  selb  gnade;  aber  daz 
geschah  in  inbrüchiger  wise,  nüt  in  usbrüchiger  wise. 


8  daz]  68  M  11  süfzet  innerklich  M  14  do  er  si  vand]  und  vand 
si  S  sitzcnt  dort  M  und  si  —  16  wider  kam]  do  nam  er  si  und  fort  si 
wider  an  die  port  4^  16  wider  in  in  PKa  capitellius  S  20  müs  M 
21  werden,  als  da  vor  gesait  ist  M  22  erloffen  SKA^  erloffen  PM  26  in 
bröch.  w.  M 

18  Zu  der  Erzählung  vgl.  Meister  Eckhati  553,36  ff. :  teere  der  mensche 
also  in  eitne  insucke  als  sanctus  Paulus  was  unde  weste  einen  siechen  menschen, 
der  eins  suppelins  von  inie  bedörfte,  ich  ahte  verre  beeeer^  daz  die  liesest  von 
viinne  von  dem  zucke  unde  diendest  dem  dürftigen  in  merre  minne  etc.  Vgl, 
auch  Thomas,  >S'.  Th.  2,2  q.  182  a.  1  ad  3 :  Tauler  (Basel  1521)  /.  95*- ,  128*: 
20  er  =  Goii.  26  Ohne  dass  man  äusserlich  etwas  an  ihm  merkte. 


170  Leben  SeuseS.    Kap.  LI. 


LI.  Kapitel. 

Ein  usrihtunge^  wa  got  ist  und  wie  got  ist. 

Du  gtt  tobter  sprach:  „herr,  ich  ban  nu  wol  fanden,  daz  got 
ist;  aber  wa  got  ist,  daz  wüsti  ich  gern. '^    Er  sprach:  daz  solt  boren. 

Die  maister  sprechent,  got  der  enhab  enkein  wa,  er  sie  al  in  5 
al.  Xu  tu  du  inren  oren  uf  diner  sele  und  los  eben.  Die  selben 
maister  sprechent  och  in  der  kunst  Loyca,  wan  kom  etwen  in  ein 
kuntsami  eins  dinges  von  sines  namen  wegen.  Es  sprichet  ein  lerer, 
daz  der  nam  wesen  der  erst  nam  sie  gotes.  Zu  dem  [74']  wesen 
ker  dinü  ogen  in  siner  luter  einvaltekeit,  daz  du  lassest  vallen  dis  10 
und  daz  teilhaftig  wesen.  Nim  allein  wesen  an  im  selb,  daz  un- 
vermischet  sie  mit  nütwesen ;  wan  als  nütwesen  logent  alles  wesens, 
also  tut  wesen  an  im  selb,  daz  logent  alles  nütwesens.  Ein  ding, 
daz  noh  werden  sol  ald  gewesen  ist,  daz  ist  iez  nit  in  weslicher 
gegenwüitikeit.     Xu  kan   man  vermischet  wesen   oder  nütwesen  nit  16 


3  M  hat  hier  auch  daz  niciU  wa  (gegen  Denifle  261  A.7)  4  solt  du  S 
soltn  PJ.*  6  oren]  ogen  P  7  an  d.  k.  3/  8  am  Rande  Damasceniis 
AMA^^  im  Text  KS  11  am  Rande  Anshelmus  in  prosologio(n)  AMA^,  im  Text 
KS  11  f.  daz  vermüschet  sie  mit  mit  wesen  P  12.18  löget  S  IB  alles 
mit  wesen  P 

• 

5  Vgl.  Thomas,  ^S.  Th,  1  q.  Sa.  2  ad  3:  Deus  totus  est  in  omnibus  et 
singulis   entihus  (vgl.  I Kor.  ] 5.28),  6  Bonaventura,    Itinerarium  mentis 

in  Deum  c.  1,15  (Ausgabe  in :  Tria  opuscula  S.  Bonav.y  td.  II  Quaracchi  1696, 
413 n  aperi  igitur  oculos,  aures  spirituales  admovc  etc.  Ein  Teil  dieses  Kap. 
ist,  mitunter  tcörilich,  dem  Itinerarium  entnommen.  Bilege  nach  sitietier  Atis^ 
gäbe,  genauere  Xachtceise  bei  Denifle  261  ff.  8  f.  Itin.  5,2  (p.  453):  Damas- 

cenus  (De  fide  orthod.  /,  9)  igitur  sequens  Moys^n  {Exod.  3.14 >  dicit,  quod  .qui 
est'  est  primum  nomen  Dei.  Vgl.  dazu  Eckhart  108,28: 162,38:  262,39 ff.:  263,10 
und  im  Archiv  II,  543,3 :  578,24 :  ebd.  und  II,  436  ff.  Belegstellen  aus  Thomas, 
Bonaventura  u.  s.  w.  11  flf.  Der  Grundgedanke  der  folgenden  Ausführung 

findet  sich  bei  Anselm,  Monolog,  c.  1  und  zuvor  schon  bei  Augustin,  De  trinit. 
VIII,  3  n.  4:  der  Wortlaut  selbst  ist  aber  fast  ganz  Bonaventura,  Itin,  5,3.4 
('p.  453  ff. )  entlehnt.  Doch  ist  im  Texte  der  A-Gruppe  der  Frage  nach  dem 
Ersterkannten,  das  M  der  idtertn  Eranziskanerschnlc  (Bonaventura)  und  Eck- 
hart  folgend  mit  Gott  rerirechselt,  ausgewichen.  Viell  icht  hat  Seuse  den  ur^ 
sprünglichen  Text  (M).  welcher  der  offiziell  im  Dominikanerorden  vorgeschrie* 
bcnen  Doktrin  widersprach,  gehindert,  als  er  einen  Teil  der  Vita  dem  Provimial 
Bartholomaeus  rorUgte :  vgl.  auch  die  Einleitung  und  zur  Erklärung  Denifle 
263  A.  3,  ferner  ders.  in  Zfda  21,131  ff\  u.  Archiv  IL  520  f,  öoU,  587,  605. 


Leben  Seuses.    Kap.  LI.  177 

wol  bekennen,  denn  mit  einem  gemerke  dez  allichen  wesens.  Es 
ist  nnt  ein  zerteiltes  wesen  diser  ald  der  creatar,  wan  daz  geteilt 
wesen  ist  alles  vermischet  mit  etwaz  anderheit  einer  muglicbkeit  ilit 
ze  enpfahen.  Dar  urab  so  müss  daz  namlos  götlich  wesen  in  sich 
5  selb  ein  allicbs  wesen  sin,  daz  ellü  zerteiltü  wesen  afenthaltend  ist 
mit  siner  gegenwürtikait.  Es  ist  ein  wunderlichü  blintheit  mensch- 
licher Vernunft,  daz  si  nit  mag  briifen  daz,  ane  daz  si  niht  mag  er- 
kennen noh  sehen.  Ir  geschiht  als  dem  ogen:  so  dem  ernst  ist  ze 
lägen  die  raenigvaltekeit  der  varwen,  so  nimt  es  nit  war  des  lichtes, 

10  dar  daz  es  daz  ander  alles  sament  siht,  oder  siht  es  daz  lieht,  so 
nimt  es  sin  doch  nit  war.  Also  ist  es  umb  daz  oge  ünsers  gemütes: 
so  daz  ein  sehen  hat  uf  dis  und  daz  wesen,  so  verahtet  es  dez 
Wesens,  daz  da  Aber  al  Inter  einvaltig  wesen  ist,  dur  des  kraft  es 
du  endrü  in  nimet,  dez  nimt  es  nit  war.   Hier  umbe  so  sprichet  ein 

15  wiser  meister,  daz  sich  daz  oge  unser  bekentnüs  von  siner  krank- 
heit  halte  zft  dem  wesene,  daz  an  im  selber  aller  bekantlichest  ist, 
als  einer  fledermus  ogen  gen  dem  klaren  liebte  der  sannen;  wan  du 
zerteiitu  wesen  zerspreitend  and  blendend  daz  gemüte,  daz  es  nut 
mag  sehen  die  g6tlichen  vinsterheit,   da  da  an  ir  selb  ist  du  aller 

20  liehtstü  klarheit. 

Nu  tft  dine  inren  ogen  uf  und  sih  an,  ob  du  mäht,  daz  wesen 
in  siner  einvaltigen  Interkeit  genomen,  so  sihst  du  geswinde,  daz  es 
von  nieman  ist  und  nit  hat  vor  noh  na,  und  daz  es  weder  innan 
noh  von  ussnan  kein  verwandelkeit  hat,  denn  daz  es  einvaltig  wesen 

25  ist;  so  merkst  du,  daz  es  ist  daz  aller  würklichest,  daz  aller  gegen- 
wärtigest,  daz  aller  volkomenst,  [74'']  in  dem  nit  gebrest  noh  ander- 
heit ist,  denn  daz  es  ein  einiges  ein  ist  in  ainvaltiger  blossheit.  Und 
disä  warheit  ist  als  kuntlich  in  erlühten  vemünften,  daz  si  kein 
anders  mugen  gedenken,   wan   eins  bewiset  und  bringet  daz  ander 


1  wol  felüt  M  gemerke]  bekeiinen  M  nach  wesens  Zusatz:  won  so 
man  ain  ding  wil  vcrstan,  so  begegent  der  vemunft  des  ersten  wesen,  und  daz 
ißt  ain  aller  dingen  wirkendes  wesen  M,  fefhU  ASPKA^afUS^  2  zert.]  ge- 
tautes M  wan]  wa  M  4  namlos  —  6  gegenw.]  wesen,  von  dem  gesait  ist, 
sin  daz  gotlich  wesen  M  7  daz  si  nit  daz  prüft,  daz  si  vor  an  siht  und  an 
daz  M  13  f.  nacli  ist  Zusatz  und  Änderung :  wie  es  im  doch  des  ersten  be- 
gegent und  durch  daz  es  du  andrü  in  n.  M  17  fledramus  A  28  von  in- 
nan M       25  und  daz  aller  g.  M        27  einiges  [ein]  FA^        ist  [in]  A8K 

6  —  20  Fast  wörtlich  nach  Bonav.,  Itin.  5,4  (p.  456  f.)  12  f.  Itin. 

l.  c:  ipsum  esse  extra   omne  g&nus   ....   non   advertit.  15  Aristoteles^ 

Metaph.  a  993  b  9.  21  fif.  Das  Folgende  aus  Itin,  5,5.6  (p,  457 f.). 

H.  Sensal  DentBohe  Schriften.  12 


178  Leben  Seuses.    Kap.  LI. 

für.  Dar  umbe,  daz  es  einvaltig  wesen  ist,  dar  umb  mfiss  es  von 
not  daz  erst  sin  und  von  nieman  sin  und  ewig  sin,  und  wan  es  daz 
erst  ist  und  ewig  ist  und  einvaltig,  da  von  mflss  es  daz  gegen- 
würtigest  sin.  Es  stat  in  der  aller  hShsten  volkomenheit,  einvaltekeit, 
da  nüt  mag  zfi  noh  von  genomen  werden.  5 

Mabt  du  dis  verstau,  daz  ich  dir  geseit  hau  von  der  blossen 
gotheit,  so  wirst  du  etwi  vil  gewiset  in  daz  unbegrifenlich  liebt  der 
götlicben  verborgnen  warheit.  Dis  einvaltig  luter  wesen  ist  du  erst 
obrest  sacb  aller  sacblieber  wesen,  und  von  siner  bisinder  gegen- 
würtikeit  so  umbscblüsset  es  alle  zitlich  gewordenheit  als  ein  anvang  lo 
und  ein  ende  aller  dingen.  Es  ist  allzemal  in  allen  dingen  und  ist 
alzemal  uss  allen  dingen.  Dar  umb  sprichet  ein  meister:  got  ist  als 
ein  cirkellicher  ring,  des  ringes  mitle  punct  allenthalb  ist  und  sin 
urabswank  niene. 

Du  tohter  sprach:    »gelopt  sie  got!    Ich  bin  bewiset,   als  verr  16 
es  mir  denne  muglich  ist,  daz  got  ist  und  wa  got  ist.   Nu  wisti  ich 
gern,  wan  er  als  gar  ainvaltig  ist,  wie  er  da  mit  mug  drivaltig  wesen.** 

Er  hüb  aber  an  und  sprach:  ein  ieklich  wesen,  so  es  ie 
ainvaltiger  ist  an  im  selb,  so  es  ie  menigvaltiger  ist  an  siner  kref- 
tigen  vermügentheit ;  daz  nit  hat,  daz  git  nit,  daz  vil  hat,  daz  20 
mag  vil  geben.  Nu  ist  da  vor  geseit  von  dem  infliessenden  und 
überfliessenden  gute,  daz  got  ist  in  im  selb,  dez  grundlosü  über- 
natürlichü  gütheit  zwinget  sich  selb,  daz  er  daz  nüt  allein  wil 
haben,  er  wil  es  och  frilich  in  sich  und  uss  sich  teilen.     Nu  niüss 


1  dar  umb]  da  von  M  2  uiid  ewig  sin  fehlt  PMA^  5  mag  fehlt  M 
9  bi  sin  der  K  besinder  M  bisunder  A^  10  als  ein  fddt  S  1 1  Es  —  12 
dingen  fehlt  A"^  16  mir  fehlt  M  17  gar  fehlt  M  18  am  Rands  In  libro 
sententiarum  AM,  im  Text  K  22  dez  —  23  seil)  fehlt  P  23  zwyget  S 
24  in  sich  fehlt  M 

6  ff.  Vgl  Hin,  5,6—8  (p.  459—61).  12  Alanus  ah  Insults  (Regulae  7), 

d€n  auch  Bonaventura,  liin,  5,8  (p,  461)  und  Thomas  v.  Aquin,  De  rerit,  q. 
Üa,3  ad  11  zitieren  :  vgl  Eckhart  96,30  und  Archiv  II,  571,  16  f.  Der  Gedanke 
war  geläufig,  vgl  das  mystische  Gedicht  bei  Preger  I,  290.  18  ff.  Itin.  5,7 

(p.  460) :  quia  enim  simplicissimum  in  essentia,  ideo  maximum  in  viriute,  quia 
virtu.9,  quanto  2)lus  est  unita,  tanto  plus  est  infinita :  vgl.  dazu  Lih.  de  causis, 
prop.  17:  neuere  Belege  Denifle  267  A.  2  und  Archii:  11,474  A.  1. 

21 — 24  Itin,  6,2  (p,  463):  summum  igitur  bonum  summe  est  diffusivum  sui 
(vgl.  Dionys.,  De  dir,  nom,  4,1  und  Opp.  S.  Bouav.  \',  60  n,  7).  Hieher,  nicht 
nach  oben  ist  die  Zitierung  des  Petrus  Lombard us  {2  Sint.  dist.  1)  zu  beziehen, 
zwingen  (Z.  23)  ist  hier  =  drängen,  wie  das  folgende:  frilicli  —  teilen  zeigt 
(Denifle  267  A,  4). 


Leben  Seuses.    Kap.  LI.  179 

daz  sin  von  not^  daz  daz  obrest  gfit  die  h6hsten  und  die  nehsten 
entgiessung  )iab  sin  selbs,  und  daz  mag  uit  gin,  si  sie  denn  in  einr 
gegenwürtekeit  und  sie  inrlich,  substanzlicb,  persönlicb,  natürlicb 
und  in  unbezwungenlicher  wise  noturfklich,  und  sie  endlos  und  vol- 

5  komen.  Alle  ander  entgiessunge,  die  in  der  [75']  zit  ald  in  der 
creatur  sind,  du  kunt  von  dem  widerblik  der  ewigen  entgiessunge 
der  grundlosen  gotlicfaen  giütbeit.  Und  sprechent  die  meister,  daz 
an  dem  usflusse  der  creatur  uss  dem  ersten  Ursprung  sie  ein  cirkel- 
liches  widerbSgen  des  endes  nf  den   begin;    wan  als  daz  usfliessen 

10  der  personen  usser  got  ist  ein  förmliches  bilde  des  Ursprunges  der 
creatur,  also  ist  es  och  ein  vorspil  des  widerfliessens  der  creatur 
in  got. 

Nu  merk  den   underscheid   der  entgiessunge  der  creatur  und 
gotes.     Wan  du  creatur  ein  zerteiltes  wesen  ist,  so  ist  och  ir  geben 

15  und  ir  entgiessen  teilhaftig  und  gemessen.  Der  menschliche  vater 
git  sinem  sune  in  der  geburt  ein  teil  des  wesens,  aber  nüt  zemale 
daz,  daz  er  ist,  wan  er  selb  ein  geteiltes  gut  ist.  Wan  nu  daz 
kuntlich  ist,  daz  du  g5tlicb  entgiessunge  so  vil  inniger  ist  und  edelr 
ist   nah    der   wise    der   grössi   dez  gfltes,   daz  er  selb   ist,   und  er 

20  grundlosklich  äbei*trifet  alles  ander  gfit,  so  mflss  von  not  sin,  daz 
oh  du  entgiessung  sie  glich  dem  wesen,  und  daz  mag  nit  sin  ane 
entgiessung  sines  wesens  nach  persönlicher  eigenschaft. 

Kanst  du   nu  mit  einem   gelüterten   ogen   hin   in  bliken  und 
schowen  dez  obresten  gfites  lütersten  gütekait,  du  da  ist  an   irem 

25  wesen  ein  gegenwürteklicher  würkender  anvang,  sich  selb  natürlich 
und  willeklich  ze  minnen,  so  sihst  du  die  überswenken,  übernatür- 
lichen entgiessunge  dez  Wortes  uss  dem  vater,  von  des  geberene 
und  sprechen  ellü  ding  werdent  her  für  gesprochen  und  gegeben; 
und  sihst  och,   daz  in  dem  obresten  gfit   und  in  der  h6hsten  ent- 

30  gossenheit  von  not  entspringet  du  götlich  drivaltekeit :  vater,  sun, 
heiliger  geist.  Und  wan  du  höhst  entgossenbeit  dringet  von  der 
obresten  weslichen  gfitheit,  so  möss  in   der  gerivierten   drivaltekait 


2  sin  selb  M  5  aller  K  20  ander  fehlt  S  21  f.  ane  ain  gies- 
snng  (!)  M  22  personlich  AÄ^  24  güthait  M  29  sihst  och]  sicherlich  K 
32  obresten  fehlt  M        gotheit  P 

Iff.   Das  folgende  nach  Itin.  6,2  (p.463f),  7  flF.   Vgl.  Thomas,  In 

1  Seht,  d,  U  a.  2:  d,  32  q.  1:  Eckhart  165,24  ff.  (Denifle  268  Ä.  4).  16  f.  Vgl. 

Thomas,  De  verit.  q,  4  a,  4.  18  ff.  Itin.  6,2  (p.  463  f.).  23  ff.  Itin.  6,2 

(p.  464 f.). 


180  Leben  d^eufies.    Kap»  U. 

sin  du  aller  obrest  und  nebst  mitwesentbeit,  dt  böbste  glihbeit  und 
selbsheit  des  wesens,  daz  die  personen  bein  in  inneblibender  U8- 
gossenheit  nab  ungeteilter  substaneie,  ungeteilter  almehtikeit  der 
drier  personen  in  der  gotbeit. 

Du  tobter  sprach:    „wafen,  icb  swimm  in  der  gotbeit  als  ein   5 
adler  in  dem  lüfte!" 

Er  spraeb:  wie  der  götlicben  personen  drivaltekeit  [75^]  mog 
stau  in  eines  wesenes  eiuikait,  daz  kan  nieoian  mit  werten  fiur 
bringen.  Doeb  als  vil  man  dnr  von  mag  sprecben,  se  sprichet  sant 
Augustinus,  daz  der  vater  sie  ein  Ursprung  aller  der  gotheit  des  10 
sunes  und  des  geistes,  baidu  persönlicb  und  weslieb.  Dionysioe 
seit,  daz  in  dem  vater  sie  ein  usfluss  oder  ein  runs  der  gotbeit,  und 
der  runs  entgüsset  sieb  naturlicb  in  dem  usgrünendem  worte,  der 
ein  naturlicber  sun  ist.  Er  entgüsset  sieb  oeb  nab  minnericher 
miltekait  dez  willen,  daz  da  ist  der  beilig  geist.  U^ 

Dis  verborgen  sinne  entscblüsset  uns  und  bewiset  daz  klar 
liebt,  der  lieb  sant  Tbomas,  der  lerer,  und  spricbet  also:  zft  der 
entgossenbeit  dez  wortes  uss  des  vaters  berzen  und  vernunflt  mAss 
daz  sin,  daz  got  mit  siner  liebtrieben  bekentnuss  uf  sieb  selber  büke 
mit  einer  widerbögung  uf  sin  götlicb  wesen;  wan  weri  an  der  ver- ao- 
niinft  dez  vater  der  gegenwurf  nit  daz  götlicb  wesen,  so  enm6bte 
daz  enphangen  wort  nit  got  sin,  sunder  es  weri  ein  creatnr.  Daz 
weri  falscb;  aber  in  diser  wise  ist  es  götlicb  wesen  uss  wesen. 
Und  der  widerblick  dez  götlicben  wesens  in  der  Vernunft  des  vater 
mftss  gescbeben  mit  einer  nahbildender  wise  einer  natürlichen  glich-  25- 
heit,    anders   daz   wort  weri   nit  sun.      Hie  bat  man    einikeit  dez 

1  aller  nähst  M  10  Aujürustinus  auch  am  Rand  A  11  wesenlich  M 
Diouysius  aucfi  am  Rand  AA^  13  in  dem  us^And  bi  dem  worte  X*  grünen- 
dem A>SP  16  und  bewiset  fehlt  M  17  Thomas  auch  am  Rand  A5iA^ 
2':i  USS  wesen  fehlt  M 

7  ft'.  Dir  ftdy,  Funsus  hei  6'tU8e  ist  benutzt  in  deui  Lehraysiem  eines  «n- 
bekannten  Myatiker/i,  bei  Greith  VJ2  f  10  Aiuj.j  De  trinit.  IV,  HO  ii.  29: 

iotius  diviuitatift,  vel  si  melius  dicitur  deitalis,  principium  pater  est,  Voti  dtn 
Scholastikern  hüufiy  zitierte  Stelle,  rgl.  Archiv  II,  456  A.  3.  11  Dion,,  De 

dir.  noni,  2,  5.7.  15  Die  Ausgabe  von  li>12  f.  60^  und  Diep.  ^159  haben 

nach  willen  eine  längere  Interpolation.  17  Thomas.  S.  c.  Gent,  4,11  ist  tm 

fügenden  frei  benützt.  Seuse  spendet  dem  Dominikantrtheologen  xax'  SSoX''^^  auch 
Ilorol.  li)lf  grosse  Lobsprüche.  20  ff.  Vgl.  daziA  bei  Ff$iffer  II,  680,12 ff. 

den  nicht  ron  Eckhart  (rgl.  Archiv  II,  676i  stammenden  Traktat  (Glos*)  üIhx 
das  Kvangelium  Johannis  (Textverbess^rung  durch  Denifle  in  Hist,'-poL  Bl.. 
75,'Jjlf.  23   Vgl.  die  Erklärung  bei  iJeniJle  :J72  A.  :J. 


Leben  Seusec    Kap.  Li. 


IKl 


ivescüS  mit  anderbeit  der  personen.  Und  ze  eiueni  gftlen  iirkiind 
dez  Belheii  underseheidee  do  sprach  der  hobgetiogen  adler  saut 
JnliniiB:  „daz  wort  waz  in  dem  beginne  bi  gote." 

Aber   von   entgossenheit   dez    geistes    ist   zc   wüssene.    daz  dCi 

'  5  subslanci  der  gfitlicheTi  Vernunft  ist  ein  bekentnust,  und  du  rat\ss 
oh  haben  neigung  nah  der  forme,  dii  in  der  vernnufl  enpfangeu  ist. 
nah  ir  ende.  Die  neigung  daz  ist  wille,  dez  i)egerung  ist  lust 
sftclien  nah  dem  besten.  Nu  merk  och,  daz  der  gegenwurf  dez 
geminten  ist  in  dem    minner   nut    na  der   glichniist   der   forme   der 

•LI  natur,  aU  der  gegenwurf  der  vernünltikeit  in  dem  lieht  dez  bekent- 
niis.  Und  swenn  dis  wort  tlüsset  uss  dem  usblik  dez  vater  nah  der 
forme  der  natnr  mit  persönlichen  underscheid,  so  heisset  sin  ent- 
giesBunge  von  dem  yater  ein  gebnrt;  wan  [TU']  aber  disfi  wise  ab 
dem  usrunse  des  willen  nnd  der  minne  nit  also  ist,  da  von  du  drit 

'!&  pereon,  dii  nah  der  minne  flues  entgossen  ist,  baidu  von  dem  rater 
und  och  von  dem  nsgedrnkten  bild  nee  einem  innigosten  abgrunde, 
dar  umb  mag  es  weder  aun  beissen  noch  geborn.  Und  wan  dfi 
minne  vernünfteklich  oder  geischtich  ist  in  dem  willen  als  ein  nei- 
gnnge  oder  ein  minneband  inwendig  in  dem  minner  in  daz,  daz  er 

•ao  minnet,  dar  umbe  ist  zftgehörlich  der  driten  person  der  Ursprung, 
der  da  ist  nah  der  minnewise  dez  wjUeu,  daz  er  geiet  heisse.  Hie 
wirt  der  mensch  überbildet  von  dem  gütlichen  liebte  in  der  hein- 
lichkeit,  die  niemiin  kan  gemerken,  denn  der  es  bat  enpfunden. 

Dil  tohter  epraih:    „ach  herr,   wie  ist  dis  ein  so   überswenkü 

•26  kristanticbu  lere!  Aber  man  vindet  etlicbü  vemünfligu  menschen, 
du  sprei-hent  daz  alles  abe,  daz  hie  von  got  geseit  ist,  und  meinent, 
wer  zQ  dem  nehsten  welle  komen,  dem  sie  got  ein  schedlichea  mitel; 
er  mAsB  entgi'itet  werden,  er  mflsse  och  entgeistet  sin  und  alle  Vision 
ze  rnggeo  etossen,  und  sich  zfi  der  inluhtenden  warheit  allein  keren, 

30  die  er  selb  selber  ist." 

Er  sprach:  diso  red  ist  falsch  na  gemeiner  hellnng.  Dar  umb 
stand  ir  Itdtg  und  hör,  waz  cristanlichu  warheit  bie  von  haltet. 
Nah  gemeiner  wise  ze  redene,  so  nimet  man  got  als  einen  herren 

8  (der)  gegr.  M 
-  16  ist  fthlt  M 
L'E  Ulis  e.  1^.  M 


Sf.  Mut  Joh.  fihll  M        4  du]  do  Jf        6  g^tUcheti  M 

10  dfa]  der  Ä"  11  swenii  —  nah  der  fehlt  1'  14  da  von 
IT  da]  disü  M  '-'4  did{  daz  M  -Ja  krisU  fehlt  K  2i 
33  minni^t  il\  M 


3  Job.  l.l.  4  ff.   Vgl.  Thomas,  S.  c.  Gent.  4,W.  11  ff.   Vgl.  Eck- 

l  ns,34ff  25ff.  Lehrt  dtr  Kräder  dtafrtien  Geistes.    Einer  ihrer  Sätie 

let:  komo  nnn  est  bonu»,  nisi  dimittat  deum  jiropler  deum,  vgl,  Prtger  I,  4$3. 


182  Leben  Seuscs.    Kap.  LI. 

aller  der  weit,  der  kein  bossheit  lat  hin  gan  nugebüzet,  noh  kein 
gut  werk  ungelonet.  Wer  nu  sunde  tut,  dem  ist  got  ein  vortlicher 
got,  als  der  gut  Jop  sprach:  ^ich  ban  got  alle  zit  gefürtet  als  du 
schiflüt  die  grossen  wellan."  Wer  och  uf  grossen  Ion  got  dienet,  der 
hat  einen  grossen  got,  der  im  gröslich  gelonen  mag.  Aber  ein  wol-  i 
geupter  bekanter  mensch,  der  sich  gebrestlicher  dingen,  du  got  hasset, 
hat  mit  menigvaltigem  sterbene  entschätet  und  got  von  inbrünstiger 
minne  alle  zit  dienet,  der  nimt  got  in  sinem  herzen  nit  got  in  den 
vor  geseiten  wisen,  er  ist  im  wol  eutg5tet;  er  nimt  in  als  ein 
herzklich  minneklichs  lieb,  da  du  knehtlich  vorte  ab  gevallen  ist,  als  l< 
Paulus  seit.  Also  blibet  dem  götlichen  menschen  got  werlich  got 
und  herr,  und  stat  sin  doch  lidig  in  diser  grober  nemunge,  wan  er 
hat  ein  nehers  begrifen. 

Wie  aber  der  mensch  [76"']  engeistet  sül  werden,  da  h&r  den 
underscheid.     So  ein  mensch  in  sinem   anevang  beginnet   merken,  U 
daz  er  ein  creatur  von  Hb  und  sele  ist,   und  daz  der  Üb  t6demlich 
ist  und   aber  du  sele  ein  ewiger  geist  ist,   so  git  si  dem  libe   und 
aller  siner   vihlichkait  urlob,   und    haltet    sieh    zu    dem   geist   und 
machet   den    lip   dem    geist  undertenig,    und  ist  alles   sin  würken 
inwendig    mit   betrahtuug    gerihtet   gen   dem   überweslichen   geiste^  340 
wie  er  den  vinde,   wie   er  den    begrifife  und  sinen   geist  mit    dem 
geist    vereine.       Und    du    menschen    heissent    geischlichü,    beiligü 
menschen.       Dem    nu    reht    hie    beschiht,    so    er    sich    hier    inne 
lange    zit   geübet,    und    im    der    überweslicher   geist    alle    zit    vor- 
spilt,    und    im    doch    des    begrifes    vorget,    so    beginnet   der    crea-  25 
türlich  geist  sin  selbes  unmugentheit  an   sehen  und  mit  einer   ent- 
sunkenheit  sin  selbheit   sich  der  ewigen   götlichen  kraft  ze  grund 
lassen,  und  sich  von  im  selb  zft  dem  keren  in  einer  verahtunge  dez 
sinsheit  in  des  obresten  wesens   uugemesseuheit ;   und  in   der  inge- 
uomenheit  kunt  der  geist   neiswi   in   sin   selbes   Vergessenheit   und  30 
verlornheit,  als  Paulus  sprach:  „ich  leb  nüt  me  ich,"  und  Cristus 
sprach:  „selig  sint  die  armen  des  gcistes."     Alsus   blibet  der  geist 


1  luigeletzet  A  3  <^üt  lident  J.  M  7  von]  mit  M  8  nimt]  minnet  SP 
9  vorsiüten  M  vor  genanten  P  12  wan]  und  M  14  aber  fehlt  M  16  f.  ist 
nat'h  er  .1/        20  übennesslichen  K        25  begriffens  M         26  iinmtügiicheit  P 

3  Job  31,:^H.  11  Hörn.  8, In.        2i»  f.  inirenomenheit  (vgl.  obm  161,12  und 

J/4jlf  fJ  =^  Absorbiert wa'dr'H  in  (ioit  in  der  liövhsien  Beschauung  (Dentfle  376 

A.  3;  01:2  A.  ö).  31  Gai,  :>,20;    Matth.  öyi,  32—183,2  In  der  höcJisttn 

Vereinigung  mit  Citttf  rergisst  der  Geist  sich  selbst  und  wird  seiner  ungewalii^ 

Stiege  aus  Richard  ron  .St,  Viktor  bei  Uenijlt  :J7a  A.  6" ;  rgl.  ebd,  266  A.  7, 


Leben  Seuses.    Kap.  LI.  183 

nah  siner  wesentheit,  und  wirt  entgeistet  nah  besizlicher  eigenschaft 
dez  sinsheit. 

Den  underscheid  enzwuschen  luter  warheit  und  zwifellichen 
Visionen  in  bekennender  materie  wil  ich  dir  och  sagen.  Ein  raitel- 
5  loses  schowen  der  blossen  gotheit,  daz  ist  rehtu  lutrü  warheit  ane 
allen  zwivel;  und  ein  ieklichü  vision,  so  si  ie  vernünftiger  und  bild- 
loser ist  und  der  selben  blosser  schowung  ie  glicher  ist,  so  si  ie 
edelr  ist.  Etlich  profeten  baten  bildrich  vision  als  Jeremias  und 
die  andren.     Solich   bildrich  vision  werdent  noh  dike  gotes  hein- 

10  liehen  fründen,  etwen  wachende,  etwen  schlafend,  in  stiller  rftw 
und  abgescheidenheit  der  ussren  sinnen.  Und  sprichet  ein  lerer,  daz 
engelschlichü  gegenwürtikeit  diker  erschinet  etlichen  menschen  in 
dem  schlaf,  rae  denn  in  dem  wachen,  dar  umbe,  wan  der  mensch 
in  dem  schlaf  von  usser  menigvaltiger  würklichbeit  mer  gestillet  ist 

15  denn  in  dem  wachen. 

Wenn  aber  ein  vision,  du  dem  menschen  wirt  [77']  in  dem 
schlaf,  wenn  du  mug  ald  sul  heissen  ein  warsagendü  vision,  —  als 
in  der  alten  e  dem  künig  Pfarao'  von  siben  vaissen  rindern  und 
von  siben  magren  tromete,    und  dez  glich  vil  von   trömen,   daz  du 

20  heilig  scrift  seit,  —  wie  man  hie  kunne  underschaid  der  warheit 
vinden,  wan  die  tr6me  gemeinlich  triegent  und  och  ane  allen  zwivel 
underwilent  war  sagent,  da  solt  du  wissen,  daz  sant  Augustinus 
der  Seite  daz  von  siner  heiligen  mfiter,  daz  im  du  saiti,  daz  si  die 
gäbe    von   got   heti,    wenn   ir  üt  von  got  in   ganzen    schlaf  ald  in 

25  halben  schlaf  wurd,  so  ward  ir  dur  mitte  der  underschaid  von  innen 
geben,  daz  si  wol  erkande,  ob  es  allain  ain  gemaine  trom  waz,  der 
nüt  ze  ahten  waz,  ald  ob  es  waz  ein  biltlich  vision,  dar  an  sich 
ze  keren  waz.  Und  welem  menschen  got  die  selben  gäbe  git,  der 
kan  sich  dest  bas  hier  inne  beriliteu.     Es  kan  nieman  dem  andern 

30  wol  mit  Worten   geben,   denn  der  merkt  es,    der  es  enpfunden  hat. 


6  am  Baude  Thomas  in  summa  ÄÄ^  6 f.  u.  ie  bildL  M  7  f.  [ie]  edelr 
ASA^  8  profeten]  Sprech ent  P  18  pharao  KMA^  pharao  und  dez  wisaagen 
Daniel  M  19  daz  fehlt  M  daz  daz  A^  22  Augustinus  auch  am  Rande  A 
23  der  seite  fehlt  M        24  f.  ganzem  . . .  halbem  SM 

61f.  Thomas j  S.  Th.  2,2  q,  174  a,  2.3;  vgl.  Eckhart  31^,22  ff.  Über  die 
verschiedenen  Arten  von  Visionen  luindelt  tiach  dem  Vorgang  von  Augustinus 
(De  Genesi  ad  lit.  XII,  4  ff.)  auch  David  von  Augsburg,  De  compos.  III,  66. 

11  Thomas,  S.  Th.  2,2  q.  172  a.  1  ad  2  und  De  verit.  q.  12  a.  3  ad  2. 

12  D.  h.  Engelserscheinung.  18  /  Mos.  41,1  ff,  22  Aug.,  Conf  VI,  13. 


184  Leben  Seuses.    Kap.  LH. 

LH.  Kapitel. 

Von  dem  aller  höhsten  überflug  eins  gelepten  yemlinfligeii 

gemütes. 

Du  wisu  tohter  sprach:  „ich  vvüsti  nüt  als  gern  uss  der  schrift, 
als  den  uberswenken  sin,  wa  und  wie  eins  wolgeüpten  menschen  5 
l»eseheidenbeit  in  der  tiefsten  abgründkeit  uf  sin  höhstes  zil  enden 
solte,  also  daz  geleptü  enpfindung  mit  der  scrift  meinunge  ein 
gcliches  ustragen  gewunne."  Dez  nam  er  uss  der  scrift  ein  ver- 
nünftig entwürt,  und  du  hillet  nah  den  verborgnen  sinnen  in  diser- 
ley  wise  also:  lo 

Ein  sülicher  edelr  mensch,  der  nimet  war  mit  einvaltiger 
müssekeit  dez  sinnerichen  Wortes,  daz  der  ewig  sun  sprach  an  dem 
ewan<:elio:  „wa  ich  bin,  da  sol  och  min  diener  sin."  Wer  nu  daz 
wa,  daz  der  sun  nam  nah  der  menschhcit  in  sterbender  wise  an 
sinem  crüze,  wer  daz  streng  wa  in  nahvolg  nüt  hat  geschübet,  daz  15 
ist  wol  müglich  nah  siner  gehaiss,  daz  der  daz  lustlich  wa  siner 
sünlichen  blossen  gotheit  werde  in  vernünftiger  frödenbernder  wise 
niesseude  in  zit  und  in  cwikait,  als  verr  es  denn  müglich  ist,  minr 
und  mc. 

Eya,  wa  ist  nu  daz  wa  der  blossen  götlichen  sunheit?  Daz  20 
ist  in  dem  bildrichen  lieht  der  gütlichen  ainikeit,  und  daz  ist  na 
sinem  namlosen  namen  ein  nihtekeit,  nah  [11"']  dem  inscblag  ein 
weslicbü  stilheit,  nah  dem  inneblibendem  usschlag  ein  natur  der 
driheit,  nah  eigenschaft  ein  lieht  sin  selbsheit,  nah  ungeschafenr 
Sachlichkeit  ein  aller  dingen  gcbendü  istekeit.     Und  in  der  vinstren  25 


6  geübten  M  8  jjelichos]  gotliclies  S  15  naclivolguuge  SPM 
22  nah  d.  i.  —  23  stilheit  fefilt  6'  23  inneblil).  fehlt  M  uachlag  Ä  25  ge- 
bendö  fehlt  S 

7  f.   So  dasit  innere  Erfahrung  und  Lehre  der  Theologen  üherehistimme. 
1:J  Joh.  l:Jy'JfJ.  20  ff".   Von  hier  an  bis  gegtn  Ende  des  Kapitels  hat  Seuse 

Kckhartm  Traktat  vom  Überschau  (Ffdffer  1,  010  ff.)  und  Stückt  aiis  dem  fälsch- 
lich so  gc nannten  Liber positiitmnn  (Ffetß'erJ.dtiS — 71)  stark  benützt.  Genaue 
Xarhicr'isi'  hei  JJcnißc  2b()—92.  21  f.  Nähert  KrkJäi^ng  im  1.  Kap.  des  Bdw. 

22  f.    Vgl   Krkhart  389, :i ;  fWS,:j8,  f;:(),:J4ff.  24   Vgl.  Eckhart  669,18  f. 

25 — 185,2  Auf  der  höchsten  Stufe  dir  Vereinigung  mit  Gott  (contetnplatio 
in  caligine;  vgl,  Bonav.,  Itin,  7p,  47  off,  und  Xota  p.  475:  unteti  187,17:  dünster- 
heit)  reflektiert  der  (ieiftt  nicht  mehr  über  sich  und  über  sein  Denken,  sondern 
weiss  nichts  mein-  als  Gott  (Denifle  fJSO  A.  7),  Vgl.  auch  oben  183,1  f,  und  gegen 
Schluss  des  Kapiteh. 


wisflnsekeit  verget  ellii  menigvaltekcit,  mid   der  geist  verlüret  sin 
selbsbeit;   er  vergat  na  bId  eelbs  wurklichkeit.     Uud  dis  ist   dn/. 
h^bRte  zil  und  daz  endloB  wa,  in  dem  da  endet  alli?r  geisten  geiste- 
keit,  hier  inne  alle  zit  sieb  verlorn  han  ist  ewigü  Belikeit 
5  Und  daz  du  dis  dest  baz  merkest,  so  ist  ze  wÜBsene,   daz  iu 

dem  bildricheii  lieht  der  götlicben  einikeit  ist  ein  iuswebendü  ent- 
spi'iinglicbkeit  der  persönlichen  entgosseuheit  uss  der  almugenden 
ewigen  ^otbeit;  wan  dii  dribeit  der  pereonen  ist  in  der  einikeit  der 
natnre,    und   du  einikeit  der  nature   in  der  driheit  der  personen. 

10  Du  einikeit  bat  ir  wurklichkeit  an  der  dribeit  und  dö  driheit  hat 
ire  mngentbeit  an  der  einikeit,  als  sant  Augustinus  spricbel 
an  dein  böcb  von  der  drivaltikeJt.  Du  dribeit  der  personen  hat 
beschlossen  die  einikeit  in  ir  als  ire  natürlich  wesen.  dar  umbe  ist 
ein  ieklichü  penjon  got,  und  na  einvallekeit  der  natur  ist  es  gotbeit. 

IS  Nu  luhtet  dA  einikeit  in  der  dribeit  nab  underscbeidenUcber  wise, 
aber  d£t  dribeit  nah  dem  inswebenden  widerschlage  lübtet  in  der 
einikeit  einvaltekiich,  als  si  es  in  ire  beschlossen  hat  einvalteklicb. 
Der  vater  i-^t  ein  Ursprung  dez  suues;  dez  ist  der  sun  ein  uawal, 
von  dem  vater  eweklicb  geflossen  na  der  persone  und  inneblibende 

■80  nah  dem  wesene.  Der  vater  und  der  sun  entgiessent  iren  geist. 
Und  du  einikeit,  dii  da  wesen  ist  des  ersten  Ursprunges,  du  ist  daz 
selb  wesen  ire  aller  drier  personen.  Wie  aber  du  driheit  ein  sie, 
und  du  dribeit  in  der  einikeit  der  natur  ein  sie,  und  doch  ää  diiheit 
nsser  einikeit  sie,  daz  mag  man  nit  gewörteu  von  dez  tiefen  grundes 

S5  einvaltekeit. 

Alhie  her  iu  dis  ühervemünftig  wa  erswinget  eich  der  geist 
geistende,  und  etwen  von  endloser  höhi  so  wirt  er  fliegende,  denn 
von  grundloser  tiefi  so  wirt  er  swimmende  von  den  hohen  wundern 
der  gotbeit.     Und  dennoh  so  hübet  der  geist  hie  in  geistes  art  iu 

3ü  der  gebrfieblichkeit  [78'^]  dero  glich  ewigen,  glich  gewaltigen,  inue- 
blibenden  und  doch  uesfliessenden  personen,  abgeseheiden  einde  von 


3  f.  ^ai^hait  M 
AueiiatinüB    K  11   ■ 

seh eiii eillicher  P 


8  ff.  am  Rand;  Ängiistinas  de  Irinitste  AA',  nur 
.1  vermiifrentheit  M  15  einikeit]  aiiivaltkeii  M  iin- 
23  und  —  ein  sie  fehlt  S       28  swinende  J '       30  ewigrem  M 


6ff.  Erklärung  bei  Deniflt 281  A.  1:  ri)l.  Eckhart  526,3tff.  6}7,3tf. 
10—12  Hieher,  nicht  »ehon  J'nihtr,  das  Augitetintuntat  (Da  trin.  I  und  \'lll. 
Dtr   Satt  mörllieh   auch   M   Kckhart  517,30—37   (wirken   ttalt   wiiilekeit  su 
h»en!);  vgl.  ebd.  3bS^9f.  IB— 17  Kckhart  517.33/.  337,Sff.  18 ff.  Eck- 

hart il7.3Tff..  Archiv  II,  467:  Ö6B^  f.  22—35  Eckhart  669,37—39. 


186  Leben  Seuses.    Kap.  LII. 

allem  gewülk  und  gewerbe  der  nidren  dingen,  ansterende  du  g&t- 
lichu  wunder.  Wan  waz  mag  gr5ssers  wanders  sin,  denn  du  blössn 
einikeit,  in  die  sieh  der  personen  driheit  in  senket  nah  einvaltekeit, 
und  da  ellü  menigyaltekeit  wirt  entsezet  dez  sinsbeit?  Und  daz  ist 
also  ze  verstene,  daz  dero  entgossnen  personen  nsgeflossenheit  alle  ( 
zit  ist  sieh  wider  in  bietende  in  des  selben  wesens  einikeit.  Und 
alle  creaturen  nah  ire  inneblibenden  nsgeflossenheit  sind  eweklich  in 
dem  einen  nah  got  lebender,  got  wüssender,  got  wesender  istekeit, 
als  daz  evangelium  seit  In  principio:  daz  worden  ist,  daz  ist  in  ime 
eweklich  sin  daz  leben.  IC 

Disu  blossü  einikeit  ist  ein  vinster  stillheit  und  ein  mussign 
müssekeit,  die  nieman  kan  verstau  wan  der,  in  den  da  lühtet  du 
einikeit  mit  ir  selbsheit.  Uss  der  stillen  mussikeit  lühtet  rehtu  fri- 
heit  ane  alle  bossheit,  wan  du  gebirt  sich  in  entwordenr  widergebom- 
heit;  da  lubtet  us  verborgnü  warheit  ane  alle  falschheit,  und  du  15 
gebirt  sich  in  der  entekunge  der  bedahten  blossheit.  Wan  hie  wirt 
der  geist  entkleidet  von  dem  tinbern  liebte,  daz  im  na  menschlicher 
wise  gevolget  hate  nah  ofiFenbarunge  dero  Sachen,  von  dem  wirt  er 
da  enplözet,  wan  er  vindet  sich  da  einen  andern  eigenlicher,  denn 
er  sich  vor  verstund  in  des  vordren  lichtes  wise,  als  Paulus  sprach:  'HH 
^ich  leb,  nit  me  ich^,  und  wirt  alsus  entkleidet  und  entwiset  in  der 
wiselosekeit  dez  götlicben  einvaltigen  wesens,  Daz  lühtet  sich  ellü 
ding  in  ainvaltiger  stillheit,  und  da  wirt  der  blibender  underscheid 
der  personen  nah  sunderheit  genomen  verahtet  in  einvaltiger  wise- 
loser  wise.  Wan  als  du  scrift  seit:  du  person  des  vaters  allein  ge- ä 
uomen  git  nit  selikeit,  noh  du  persone  des  sunes  allein,  noh  dez 
heiligen  geistes  allein,  nier  die  drie  personen  inhangende  in  einikeit 

8  lobender  P  9  in  pr.  erat  verbum  etc.  K  10  siu  eweklich  M 
14  bossheit]   blosheit  P        17  dimern  K   timeni  M        26  f.  nah  d.  h.  g.  ASK 

9  Joh.  1,3  f,:  quod  factum  est,  in  ipso  vita  erat.  Die  meisten  Kirchen^ 
riitei\  besonders  Augustinus  {De  Gen,  ad  lit.  F,  14:  Tract.  in  Joh.  1),  und  die 
Scholastiker  zogen  den  Schluss  von  Vers  3  (ö  yiyoyey)  zu  V.  4  herüber,  und 
sahen  darin  einen  Hauptbeweis  für  ihre  Ideenlehre,  vgl.  z.  B,  Thomas^  S,  TL 
1  (j.  16  (/.  4:  S.  c.  Gent.  4,13.  Über  die  Geschichte  der  Exegese  dieser  Steife: 
J.  Maldonat,  Comment.  in  Kvang.  II  {Mainz  ^  lb03j,  395  ff. :  Schanz^  Kom- 
mentar zum  Kv.  dt^  hl.  Joh.  ]S8i),  70.  Bthge  aus  Kckharts  lateinischen 
Schriften  in  Archiv  II,  461  f.  11  ft'.  Kckhart  618, 13-15.  13  Vgl.  ebd, 
510,14 f.:  f'>66,:i2f.  17  ff.  IJvkhart  51b,:^5ff.  Das  natürliche  Licht  der  Ver- 
nunft  wird  von  dein  höheren  Lichte  d^r  Kontemplation  ahaorhieri  ( Denifle 284  A.  5). 

19  Vgl.  Richard  von  St.  Viktor,  De  conti  mpl.   V,  12  (s.  unten  188,13). 

20  Gal.  :>.:J().  22  ff.  Eckhart  068,36  1}'-  25  ff'.    Vgl.  Eckkart  215,9/. 


Leben  Seuses.    Kap.  LII.  187- 

dez  Wesens  ist  selikeit.  Und  dis  ist  wesen  der  personen  natürlich« 
and  wesen  gebend  allen  creaturen  genedeklich ;  und  dis  hat  aller 
dingen  bild  in  ime  beschlossen  einvalteklich  und  weslich.  Wan  sich 
nu  dis  bildrich  lieht  [IS""]  haltet  wesen,  so  sind  du  ding  in  ime  na 
5  sin  selbes  wesentheit,  und  nüt  na  inbildender  züyallikait;  und  wan 
es  sich  ellü  ding  Iahtet,  dar  umbe  haltet  es  lichtes  eigenschaft.  Und 
alsus  so  lühtend  ellu  ding  in  dem  wesene  in  einer  inwesender  still- 
beit  nah  des  wesens  einvaltekeit. 

Daz  selb  vernünftig  wa,   da  von   geseit  ist,   da   ein  bewerter 

10  diener  sol  dem  ewigen  sune  mitwonend  sin,  mag  man  nemmen  die 
istigen  namlosen  nihtekeit;  und  da  kamt  der  geist  uf  daz  niht  der 
einikeit.  Und  du  einikeit  heisset  dar  umb  ein  niht,  wan  der  geist 
enkan  enkein  zitlicb  wise  finden,  waz  es  sie ;  mer  der  geist  enpfindet 
wol,  daz  er  wirt  enthalten  von  einem  andern,  denn  daz  er  selber  ist*. 

15  Dar  umb  ist  daz,  daz  in  da  enthaltet,  eigenlicher  iht  denn  niht;  es 
ist  dem  geiste  wol  niht  an  der  wise^  waz  es  sie. 

Swenn  nu  der  geist  in  diser  verklerten  glanzenrichen  dunster- 
heit  na   sin  selbs  unwüssentheit  eigenlichen   hie  wonhaft  wirt,   so^ 
verlüret  er  ellü  mitel   und  alle  sin  eigenschaft,   als  sant  Bern  hart- 

20  sprichet.  Und  daz  beschiht  minr  und  me  nah  dem,  als  der  geist  in 
dem  libe  ald  von  dem  libe  uss  im  selb  in  daz  vergangen  ist.  Und 
du  verlornheit  sin  selbsheit  ist  von  der  götlichen  art,  du  im  neiswi 
ellü  ding  worden  ist,   als  du  scrift  seit.     In  diser  entsunkenheit  so 


1  persönlich  (!)  M  5  am  Rande  Augustinus  super  geuesim  A  10  ne- 
men  SP  11  f.  [der]  einikeit  M  12  und  —  niht  fehlt  M  dar  umb  —  14 
ist  fehlt  K  13  kau  M  zitlich  fehlt  M  19  und  —  20  sprichet  fehlt  A^ 
Bernardus  auch  am  Band  A        23  so]  si  M 

1  Eckhart  669,2  ff.  16—22,    Über  die  scholastische  Ideenlehre  vgl.  Denifle 

285  A,  5;  228  A,  6;  517  ff.  und  im  Archiv  II,  460  ff ,  Das  Augustinuszitat  (De 
Gen.  ad  lit.  II,  12;  V,  31)  gehört  zu  3  ff.  6  f.  Eckhart  669,31  f 

11  fF.  Vgl.  Eckhart  519,19  ff.  (Z.  19  der  su  lesen  staU  danU;  emikeit  =  Gott. 
Hier,  wie  öfters,  nennt  Setise  Gott  ein  Nicht,  vgl.  oben  167,5 :  Denifle  245  A.  5: 

286  A.  5;  511  ff.  17  ff.  7m  folg.  ist  Bernhard,  De  dil.  Deo  10  n.  27  und  28 
benutzt:  te  enim  quodammodo  perdere,  tanguam  qui  non  sis,  et  omnino  non 
ftentire  ieipsum  et  a  teipso  exinaniri,   et  paene  annullari,   caelestis  est  conver*- 

sationis,  non  humanae  affectionis toium  divinum  est,  quod  sentitur;  sie 

afficij  dtificari  est  ....  alioquin  quomodo  omnia  in  omnibus  erit  Deus  (I Kor. 
15,28),  si  in  homine  de  homine  quicquam  supertrit?  Manebit  quidem  subsiantia, 
sed  in  alia  forma,  alia  gloria  aliaque  potentia  etc. :  vgl.  Guigo,  Ep.  ad  fraires 
de  monte  Dei  l.  II  c.  3,16  (Opp.  S.  Bernardi  ed.  Mabillon,  Venedig  1781,  III, 
204)  und  Eckhart  519,25  ff.  Zu  unwüssentheit  (Z.  18)  vgl.  oben  182,32:  184,25 
und  Denifle  286  A.  7. 


188  Leben  Seases.    Kap.  LET. 

verget  der  geist,  und  doch  nit  genzlich,  er  gewinnet  wol  etliche 
eigenschaft  der  gotbeit,  mer  er  wirt  doch  naturlieh  got  nit;  daz  ime 
-gesehiht,  daz  geschiht  von  gnaden,  wan  er  ist  ein  iht,  geechaffen 
U8S  nihf,  daz  eweklich  belibet;  denne  so  vil  sie  geseit,  daz  in  der 
Vergangenheit  nah  ire  selbes  ingenomenheit  so  enget  ir  daz  zwivelich  0 
wunder  in  der  yerlornheit,  da  si  entsezzet  wirt  des  irsheit  in  dez 
sinsheit  na  ir  eigen  unwüssentheit.  Wan  na  gemeiner  red  ze  sprechen, 
so  wirt  der  ^^eist  mit  dez  götliehen  liehtrichen  wesens  kraft  geruket 
über  sine  natürlich  vermugentheit  in  diss  nihtes  blossheit,  wan  si 
ist  aller  wisen  bloss  von  creaturen,  mer  in  ir  selben  hat  si  ir  wise  10 
eigenlich  na  ire  weslichkeit.  Disü  wiselos  wise  ist  wesen  der  per- 
sonen;  die  habent  es  beschlossen  in  ainvaltiger  wise  na  rehter  dnr- 
[79']grüntlichkeit  als  ir  nature.  Dis  bekentnüs,  als  geseit  ist,  ent- 
sezet  den  geist;  und  daz  geschiht  in  dem  niht  der  einikeit  na  dez 
nihtes  nngrüntlicher  wüssentheit,  darbende  siner  eigenliehen  uemlich- 15 
keit;  wan  da  verlürt  er  sich  in  ein  sin  selbs  vermissen  und  in  ein 
aller  ding  vergessen.  Und  daz  geschah  im  do,  do  sich  der  geist  an 
im  selber  hat  gekeret  von  sin  selbs  und  aller  dingen  gewordenlicb- 
keit  in  die  blossen  ungewordenheit  der  nihtekeit. 

In  disem  wilden  gebirge  des  überg5tlichen  wa  ist  ein  enpfint-  20 
lichü  vorspilendü  allen  reinen  geisten  abgrüntlichkeit,  und  da  knnt 


6  nah  Ire]  sin  M  zwivelich  fehlt  M  6  da]  daz  M  [in]  dez  31 
7  am  Mande  Thomaz  AMA^,  im  Text  K  9  nihtes  fehlt  K  11  weslicbk.] 
Wesenheit  S  wislichkeit  A^  11  f.  am  liande  Paulus  A^  15  durchgrünt- 
licher  JM        darbender  K        17  beschiht  M        18  verkeret  M        19  gewordeu- 

heit  (!)  M 

5  f.  Seuse  unt^schiebt  hier  den  Begriff  Seele  (statt  Geist),  5 — 7  />.  A. 

y^die  Seele  verliert  gleichsam  das  Ihrige  und  geht  über  in  dcis  göttliche  Smn^ 
doch  ohne  Verlust  ihres  eigenen  Wesens^  (Dcnifle  288  A»  ti);  vgl,  Bernhard^  l,  c. 
10  n.  i>7 :  15  n,  39.  7  ff.  Thomas,  S,  Th.  2^:3  g.  176  a,  1.    Von  hier  bis  Z,  19 

ist  auch  Eckhart  519,31  —  520,4  benutzt  (Z,  36  zu  Usen  wise,  statt  wite). 

9  si  besieht  sich  auf  diss  nihtes  blosshcit  (=  das  göttliche  Wesen),  nicht  muf 
Seele  oder  Geist  des  Menschen  (so  Diep,  -166) ;  bei  Eck  hart  (Z,  84)  gehl  si 
auf  einikeit.  13  ff.  Sinn:  in  der  Entrückung  vergisst  und  vermisst  der  Gtist 

gleiciisam  sich  selbst  (nemlichkeit  —  Begriff',  Wesenheit),  da  er  das  unergründUehe 
Wesen  Gottes  zu  erkennen  sucht,  mit  nndrrn  Worten :  er  wird  entsetzt,  entglittet 
(vgl.  oben  162,32  ff.  und  188,6).  Richard  von  St.  Viktor,  De  contempL  V,12: 
cur  ntm  recte  dicatur  Spiritus  stinetipsum  non  habere,  quando  incipii  a  stmetipso 
deficere  et  a  suo  Cfise  in  supermundanum  quemdam  et  vere  plus  quam  huma* 
num  statum  iratisire  etc.'^  20  Das  Gleichnis  vom  Gebirge  nach  II  Mos, 

19,3  bei  Dionysius,  De  myst.  theol.  1,3.  20  f.  Eckhati  618,34  f. 


''EMen  Seusea.    Eap.  LII. 

»i  in  die  togenlichen  nogetiantheit  nnd  in  daz  wild  enpfr6mdekeit: 

ITnd  daz  ist  daz  grundlos  liefes  ftbgiiind  allen  creaturen  nnd  im. 

selber  gräntlicb;  daz  ist  och  verborgen  allem  dem,  daz  er  selber  nit 

ist,   denn   allein   dien,   den  er  sich  wil  gemeinden.     Und  die  selben 

5  müssen  in  gelassenlich  sftchen   und   in  etlicher  wige  mit  im  selben 

•'ekeniien,    als  du  schritt  seit:   „wir  Bi'ilen  da  bekennen,  als  wir  er- 

kacjt  tuen."    Dis  bekentnüs  hat  der  geist  nit  von  sin  selbsheit,  wan^ 

<lä    eiuikeil  zühet  in  in  der  dribeit  un  sich,  daz  ist  au  sin  rebten< 

ü beriiatärlicUen  wonenden  stat,  da  er  wonet  über  sieh  seih  in  dem, 

10  daa-  in   da   gezogen   hat.     Da   stirbet   der  geist   al  lebende   in   den 

wmidfm   der  golheit.     Daz   sterben    dez   geistes  lit  dar   an,   da/,  er 

anderecheidea  nit  war  uimt  in  siner  Vergangenheit  an  der  eigenlichen 

w-eslichkeit,  mer  nah  dem   usschlag  haltet  er  andei-scheid  nah  der 

porsonen  dribeit  nnd  lat  ein  ieklieh  ding  underseheidenlich  sin,  daz 

5  6S    ist,  als  der  diener  underscheidenlich  bat  us  geleit  an  dem  büchlin 

der  warheit.    Und  merk  noh  ainen  puncten:  daz  in  der  vordren  ent- 

?^*LX]gcnheit  echinet  nss  der  einikeit  ein  ainvaltiges  lieht,  und  dis  wise- 

'os««  lieht  wirt  gelähtet  von  den  dria  personen   in  die  luterkeit  des 

S^istes.     Von  dem  inblike   eutsinket   der  geist   im  selben   nnd  aller 

siner  selbsheit,  er  entsinket  och  der  würklichkeit  siner  kreften  nndi 

w^irt  entwürket  und  entgeistet.    Und  daz  lit  an  dem  inscblag,  da  er 

oms  sin  selbsheit   in   daz   frömd   sinslieit  vergangen   nnd  verlorn  ist, 

BÄ   stiUheit  der  verklerteu  glanzenrichen  dünsterheit   in   der  blossen 


4  geniendpn  Ä  6  als  —  befeenneni 
1  Ttx^t  SK  7  ertantQugt  M  13  er] 
■  k.  M        22  Iromd  fthlt  M        23  glanz- 


1  togenl.]  aigeniicben  |!|  MA 
/eAB  P  am  Bande  Paulus  AM, 
d«r  üf  20  er  fthh  M  aUcr  aiu 
lichtn  .1/        und  lin]  der  M 

I  si  =  die  SteU.  2— IttO,!    na<:h  Eckhart  61fi,33  —  äiy.iö   i51S,H9 

r»  Jm*.i  graiitlii'li,  alalt  untTontlichJ.  6f.  /  Kor.  13,12.  10  EckhaH 

5I»,6  ai  sterbende,     Ea   ist   di«  Rede   von    der  sogen,    mors   myatica. 

12  ff.  Weil  der  Geist  in  der  koc/mten  Vereinigung  nicht  Über  eich  und  seine 
■AUe  refiektiart   (Deaiße  231  A.  1:   392  A.  3:   ä3SA.4:   Ö4i  A.  1) :   vgl.   Bdv 
^fi.    Wenn  »dagegen  leieder  zu  sich  selber  kommt  (:=  asachla^  Z.  13)  und 
wird   er   seiner  eigenen  Kmsteiie   btwusst  und  unterscheidet  drd 
*  in  Oott.  19  ff.    Die  Lehrer  der  Mystik   sagen,    in   der   höchsten 

«  *«i  ein  Schlaf,  ein  Schteeigot.  eine  Masse  der  Kri^fte  (ennmus, 
'"^s,  lepHtcrum  animaej,  «eil  die  -Seele  teährtnd  dieser  Ruite  in  Gott  jeder 
''"^p***!  leie  entrUctt  rtnd  attem  ausier  Gott  teie  abgestorben  sei.  JJabei  sei 
**  Qeiet  und  Wille  in  hSehster  Weise  und  mit  grSeater  Leichtigkeit  tätig  in 
('*itm  Eingehen  auf  den  Zug  der  Gnade  und  der  Hingabe  an  Gott.  Vgl.. 
^ifieäHA.6;  mi  ff.     Bonar.,  Itin.  7,3.  H  (p.  473,476). 


190  Leben  Seuses.    Kap.  Lin. 

einvaltigen   einikeit.      Und    in    disem    entwistem    wa    lit    du    [TQ""] 
hohstü  selikeit. 

Du  tohter  sprach:  ^eya,  eya,  wunder!  Wie  sol  man  hier  in 
komen?"  Er  sprach:  dar  zu  lan  ich  entwerten  den  liebten  Dio- 
nysius;  der  sprich  et  also  zu  sinem  junger:  begerest  du  in  die  ver-  6 
borgen  togenheit  ze  komen,  so  trite  kechlich  ufwert,  und  la  vallen 
din  ussren  und  diu  inren  sinne  und  daz  eigen  werk  diner  Vernunft, 
•und  alles,  daz  gesihtig  ald  ungesihtig  ist,  und  alles,  daz  wesen  und 
nüt  wesen  ist,  —  zu  der  einvaltigen  einikeit,  in  die  solt  du  dringen 
unwüssende,  in  daz  swigen,  daz  do  ob  allem  wesen  ist  und  ob  aller  10 
meister  kunst  ist,  mit  einem  blossen  abzuge  des  grundlosen,  einval- 
tigen, reinen  gemutes,  hin  in  den  überweslichen  widerglast  der  g5t- 
lichen  vinstri.  Hie  muss  alle  haft  entheftet  sin,  ellü  ding  gelassen 
sin,  wan  in  der  überweslichen  drivaltekait  der  übergegöteten  gotheit 
in  dem  togenlichen,  überunbekanten,  überglestigen,  aller  höbsten  gibel  15 
•da  hört  man  mit  stillsprechendem  swigene  wunder,  wunder;  man 
enpfindet  da  nüwü  abgeschaiduü  unwandelberü  wunder  in  der  iiber- 
. liebten  dunklen  vinsterheit,  daz  da  ein  überoflFenbar  liehtriebe  schiu 
ist,  in  dem  da  al  widerlAhtet,  und  daz  die  ungesihtigen  Vernunft 
.überfüllet  mit  den  unbekanten,  ungesihtigen,   überglestigen  Hechten.  20 


LIII.  Kapitel. 

iDlss  bäehes  meinnnge  ein  beschliessen  mit  kurzen  einvaltigen 

Worten, 

Du  tohter  sprach :  „ach  herr,  ir  redent,  baidü  uss  eigem  gründe 
und  uss  der  heiligen  schrift,  als  gar  kuntlich  und  cristanlich  von  der  25 
togenheit  der  blossen  gotheit,   von   des  geistes   usgeflossenheit  und 
vwideringeflossenheit;  niohtind  ir  mir  die  togen  sinne  nah  üwer  ver- 


4  f.  da  wil  ich  zu  antwürten  lassen  den  1.  D.  M  Diouysius  auch  am 
Bande  A  5  sineii  jungern  Sl'M  8  ald]  und  M  12  widerglast  —  14 
liberw.  fehlt  A^        17  nüwü]  nuwent  ^S'  nö  wie  P        18  vinstren  dunkelhait  M 

4 — 20  iJionysiuSj  Jk  myst.  theol.  1,1  fVf/l.  1,3),  ist  hier  von  Seuse  frei 
benutzt  j  wohl  auch  Bonaventura .  Ithi.  7,5.6  (j/,  473  fi\),  der  ebenfalls  Di(h 
nysiuit  zitiert.  10  unwüssende,  vgl.  Bonav.,  Itin.  7,n  ip-  473):  ad  hoc  (sei. 

ad  trant<itum  et  e.vcc,sifuin   mentis)   nihil  potest   natura,   modicum  potest   indu' 
Stria  etc.:    Brevil.  5,7:   sjiiritas  ...  quadavi    ignorantia   docta   supra  se  ipsum 
rapitur  tn   valiginem   vt   t.vcetfsum.     Balegc   ans  Augustinus   und  Richard  von 
.St.  Viktor  bei  l)miflc  'Jir^  A.  :J. 


Leben  Seuses.    Kap.  Lin.  191 

stentDust  etwie  entwerfen  mit  bildgebender  glicbnus,  daz  ich  es  dest 
baz  verstünde!  Und  w61ti  och  gern,  daz  ir  mir  alle  die  hohen  sinne, 
die  da  vor  witsweiflich  geruret  sind,  daz  ir  die  mit  kurzer  bildlicher 
rede  zesamen  vassetind,  dar  umbe  daz  sü  minen  kranken  sinnen  dest 

b  beliplicher  wurdin.** 

Er  sprach:  wie  kan  man  bildlos  gebildeu  unde  wiselos  be- 
wisen,  daz  iiber  alle  sinne  und  über  menschlich  Vernunft  ist?  Wan 
waz  man  glichnust  dem  git,  so  ist  es  noh  tusentvalt  ungelicher,  denn 
es  glich  sie.     Aber  doch,  daz  man  bild  mit  bilden  us  tribe^  so  wil 

10  ich  dir  hie  biltlich  zögen  mit  glichnusgebender  rede,  als  verr  [80'] 

es  denn  müglich  ist,  von  den  selben  bildlosen  sinnen,  wie  es  in  der 

warheit  ze  nemen  ist,  und  lang  red  mit  kurzen  Worten  bescbliessen. 

Nu  hör:   es  seit  ein  wiser  meister,   daz  got  nah  siner  gotheit 

genomen  sie  als  ein  vil  wite   ring,   des   mitle  punct  sie  allenthalb 

15  und  der  umbswank  niene.  Hie  sezz  in  diner  biltlichen  betrahtung: 
wer  mit  einem  swereu  stein  enmiten  in  ein  still  stendes  wasser  vast 
wurfi,  da  wurdi  ein  ring  in  dem  wasser,  und  der  ring  von  siner 
kraft  macheti  ain  andern,  und  der  aber  ein  andern,  und  na  ver- 
mügentbeit  dez  ersten  wurfes  werdent  och  die  kreiss  wit  und  breit; 

20  daz  vermügen  dez  wurfes  möhti  als  kreftig  sin,  daz  es  daz  wasser 
alles  übergiengi.  Hie  nim  biltlich  in  dem  ersten  ringe,  daz  ist  in 
der  vermögenden  kraft  götlicher  nature  in  dem  vater,  du  grundlos 
ist,  —  du  birt  ir  gelich  einen  andern  ring  nah  der  person,  und  daz 
ist  der  sun,  und  die  zwo  die  driten,   daz  ist  ire  beider  geist,   glich 

25  ewig,  glich  almehtig.  Daz  bezeichnent  die  drie  kreiss:  vater,  sun, 
heiliger  geist.  In  disem  tiefen  abgründe  da  ist  du  götlich  nature 
in  dem  vater  sprechent  und  geberend  daz  wort  her  us  na  persön- 
lichkeit, inne  blibend  na  weslichkeit,  du  an  sich  nam  die  naturlichen 
mensch  hei  t. 

^  Wer  nu  daz  wil  bilden,  der  nem  eins  menschen  forme,  uss  dez 

herzen  innigosten  gründe  entspring  ein  glichü  gestalt,  also  daz  es 
alle  zit  hab  ein  steren  wider  in.  Disü  geischlichü  überweslichü 
geburt  ist  ein  volkomnü  sach  aller  dingen  und  geisten  her  für  ze 
bringen  in  ir  natürliches  wesen.    Der  obreste  überwesliche  geist  der 


1  bildberender  M  2  mir  —  8  ir  die  fehlt  P  3  bildricher  A4.*  5  be- 
lipcher  A  16  sweren  fMt  M  22  und  [du]  grundl.  M  31  entspringt  S 
glichü]  gotlichü  A^ 

13  Alanus  ab  Insulis,  vgl.  oben  178,12.  30  ff.   Vgl,   dazu   das  von 

Sense  entworfene  Bild  am  Ende  dieses  Kapitels,  32  ff.   Vgl,  oben  179.5  ft\ 


192  Leben  Senses.    Kap.  Lm. 

bat  den  menschen  geedelt^  daz  er  im  von  siner  ewigen  gotheit  labtet, 
und  daz  ist  daz  bilde  gotes  in  dem  vernünftigen  gemüte,  daz  och 
ewig  ist.  Dar  umbe  usser  dem  grossen  ringe,  der  da  betütet  die 
ewigen  gotheit,  flüssent  us  nah  biltlicher  giiehnüst  kieinü  ringlü,  du 
och  bezeichen  mugen  den  hohen  adel  ire  vernünftikeit  5 

Nu  sind  etlichü  menschen,  du  nement  den  scbediicben  vonker 
von  disem  vernünftigen  ade],  sü  verkleibent  daz  lühtend  bilde  und 
kerent  sich  uf  liplich  lüste  diser  weit;  und  so  sü  wenent  die  fröd 
besizzen^  so  kunt  der  grimme  tod  und  machet  sin  ein  ende.  Aber 
ein  bekanter  mensch  von  dem  liebten  fünklin  der  sele  kert  sich  wider  lo 
uf  in  daz,  [80^]  daz  ewig  ist,  usser  dem  es  geflossen  ist;  er  git 
allen  creaturen  ein  urlob  und  haltet  sich  allein  zu  der  ewigen 
warheit, 

Nim   och  nu   eben   war,   wie  der  widerfluss  dez   geistes  nah 
biltlicher  wise  in  rehter  ordenhafti  geschafen  ist.     Daz   erst  bilde  15 
ist  ein   lidiger  vonker  von  der  weit  lüsten  und  von  süntlichen  ge- 
bresten,  sich  vermügentlich  ze  keren  uf  ze  gote  mit  emzigem  gebete, 
mit  abgescbeidenheit  und  mit  tugentlicheu   bescheiden   Übungen,   uf 
ein  undertenig  machen  den  lip  dem  geiste.      Daz  ander  bild  daz 
ist:   sich  willeklich  und  gedulteklich  dar  biten  ze  lidene  die  unzal-  20 
liehen  niengi  aller  der  widerwertikeit,  so  im  von  got  ald  von  creatur 
mag  zu  gevallen.      Daz  drit  bilde   daz  ist,   daz  er  daz  liden  dez 
gekrüzgeten   Cristus    sol    in   sich    bilden   und  sin   süssen   lere   und 
senften  wandel  und   luters  leben,   daz  er  uns  vor  trüg,  im  nah  ze 
volgeu,   und  also  dur  in   fürbas  hin  in  tringen;   dar  na  mit  einem  25 
enpfallene  dez  ussern  gewerbes  sich  sezzen  in  ein   stillbeit  sins  ge- 
mütes  mit  einer  kreftigen  gelassenheit,  als  ob  der  mensch  im  selber 
tod  sie,  sich  selb  niene  ze  füren  noh  ze  meinen,  denn  allein  Cristus 
und  sins  himelsclien  vaters  lob  und  ere  meinen,  gen  allen  menschen, 
baidü  fründen  und  vienden,  sich  demütklich  und  früntlich  halten.      30 

Dar  na  kunt  ein  übiger  mensch  in  ein  entwürken  der  ussren 
sinnen,  die  vor  in  dem  usbrucb  gar  ze  würklich  waren,  und  der  geist 
kunt  in   ein   entsinken   siner   obresten   kreften   nah    ire   floierender 


6  schedl.]  beschaideiilichen  ( !)  M  19  dem  lip  M  19  f.  daz  ist]  ich  M 
20  dar  ze  bietent  M  21  ald  [von]  MA"^  25  [hin  in]  zu  tringon  P  31  ein- 
würken  S        32  [in]  dem  M  33  flogierender  .S'  Horierender  KMA^a 

5  Das  Gleichnui  von  den  Hingen^  die  der  Stein  im  Wajiser  bildet,  auch 
hei  Eckhart  165,16  ff.  An  Kmanationslehre  ist  dabei  nicht  zu  denken  (Benifle 
295  A,  6),  32  ff.   Vgl  oben  189,19  ff,  und  Denifle  29S  A.  3, 


natärlichkcit,  in  ein  li bcmatürlich  enpfinüictikeit.  Hie  dringet  der 
geiet  f&rbaz  in  mit  einer  veilornbeit  anhaftender  creatnrlichkeit,  dur 
den  ring  in,  der  da  betület  die  ewigen  gothelt,  und  kiint  da  in 
geistrich  volkomenheit.  Du  obrest  richheit  dez  geistes  in  ainer  eigen 
5  forme  lit  dar  an,  daz  er  BUnder  gcbrestlich  swarheit  sieb  uf  swinget 
mit  gStlicber  krait  in  sin  liehtrieben  vcrnünftkeit,  da  er  eiipfiudet 
bimelscbes  troBtes  enizig  ingefloBsenheit.  Er  kau  dö  ding  Ingenlicb 
an  Beben  und  vernunl'teklieh  ua  ribten  nah  ire  gtjten  underHcheide, 
und  8tat  nrdenlich    gefriet  dur  den  sun  in  [81']  dem  sun.     Er   stat 

10  aber  nob  als  in  dem  usscblag,  nab  der  dingen  in  ire  eigenr  natur 
warnemender  anschowunge.  Dis  mag  beissen  dez  geisles  übervart, 
wan  er  ist  bie  i^ber  zit  und  Aber  stat,  und  ist  mit  minnericher 
sehowunge  in  got  vergangen. 

Der  nn   im    selber   hie   noh  fiirbaz  kau   rumen,    und  dem   got 

15  groslicb  mit  snnderheit  wil  helfen  mit  einem  kreftigen  abzug.  als  er 
Paulus  tet  und  noh  müglicb  ist  zc  beschehen,  als  sant  Bernhart 
spricbt,  eo  wirl  der  creatürlich  geist  von  dem  überwesliehem  geist 
begrifen  iii  daz,  da  er  von  eigenr  kraft  nit  mobte  hin  komen.  Der 
inschlag  entschiebt  im  hild  und  form  und  alle  menigvaltekeit,  und 

2«  kuot  in  sin  selb»  und  aller  dingen  warnemenden  unwussentheit,  und 
wirt  d»  mit  den  drin  personen  wider  in  daz  abgründ  nab  insweben- 
der  einvaltekeit  in  geswungen,  da  er  gebruehet  siner  selikeit  nah  der 
b&hsten  warheit.  Hie  förbaz  ist  enkein  ringen  nob  werben,  wan 
daz   begin  und  ende,    als  es  bie  na  mit   bilden    ist  entworfen,   sind 

25  einß  worden,  und  der  geist  in  entgeisteter  wise  ist  eins  mit  im 
worden.  Wie  aber  du  Vergangenheit,  da  si  in  diser  zit  einem 
menschen  wurdi,  wie  du  na  be]i|dieber  ald  unbclipHcher  wise  sie 
geschafen,  ald  wie  der  menscb  niinr  und  me  in  der  zit  über  «it 
wirt  in  begrifeu  und  sin  selbs  entsczzet  und  in  daz  bildlos  ein  über- 

30  sezet,  daz  stat  da  vor  mit  gutem  underseheUl  geschribeu. 

Fro  tohter,  nu   merk  eben,   daz  disii  ellü  entworfuii  bild  und 
dtsü  negeleiten  verbildetö  wort  sind  der  bildlosen  warheit  als  verr 


5  am  Hunds  von  xpälerer  Ua'id  Nota  A  11  aiiscliow,  —  13  echowunKG 
fehlt  P  12  mit]  mir  K  18  mhvhU  K  20  warutmemier  M  24  aU  — 
entworfen  nach  26  worden  3t        26  f.  eiuen  ui.  A        31  dlsü  ellü  fehU  M 

9  Joh.  8,36.  II  Öbütvart   =  transilut   bei  Bonartnlura   (ryi.  oben 

190,10  Aiim.).  16  TI  Kor.  iS^  ff. :  Btmardu^,  De  grad.  hum.  6. 

24  Am  Schluss  de»  Kaiiitth.  30  In  A'ajj.  46  u,  yj. 

H.  S-uie,  Deuliohe  ScliHrtcB.  13 


194  Leben  Seuses.    Kap.  Lin. 

and  als  angelich,  als  ein  swarzer  mor  der  schönen  sannen,  and 
kunt  daz  von  der  selben  warheit  formlosen,  anbekanten  einvaltekeit. 
Du  tohter  sah  nf  andehteklich  and  sprach:  „gelopt  sie  d& 
ewig  warheit,  daz  ich  von  üweren  wisen  und  leblichen  werten  BO 
schon  bewiset  bin  dez  ersten  beginnes  eins  anvahenden  menschen, 
and  der  ordenlicher  mitel  midens  and  lidens  and  übens  eins  zft- 
nemenden  menschen,  and  mit  gAtem  anderscheide  in  togenlicher 
mse  der  aller  nehsten  blossen  warheit.  Dar  ambe  sie  got  eweklich 
gelopt!** 


Do   disü    heiligü    tohter   von    irem    [ßl""]    geischlichen   vater  lo 
adellich  waz  gewiset  na  ganzzer  kristanliclier  warheit  mit  gfltem 
anderscheid  uff  alle  weg,  die  da  endent  in  hoher  selikeit,  and  si 
daz  wol  hat  ergrifen,   als  man  es  denn  in  der  zit  mag  haben,   do 
schreib  er  ir  an  dem  jangsten  brief  ander  andren  dingen  also:  nn 
dar,  tohter,  gib  der  creatar  arlob  and  la  din  fragen  förbaz  sin,  los  15 
selb,  waz  got  in  dir  Sprech!     Da  macht  dich  wol  fröwen,  daz  dir 
worden  ist,  daz  mengem  menschen  vor  belibet,   wie  sar  es  dir  ist 
worden;  daz  ist  nu  alles  da  hin  mit  der  zit.     Dir  ist  na  fürbaz  nit 
me  ze  tüne,  denn  götlichen  frid  in  stiller  rAw  haben^   und  fr&lich 
ze  beiten  der  stunde  diner  zitlichen  Vergangenheit  in  die  volkomen  20 
ewigen  selikeit. 

Es  geschah  kürzlich  dar  na,  do  starb  du  heilig  tohter  and 
nam  ein  selig  ende,  als  och  alles  ir  leben  waz  selig  gewesen.  Si 
erschein  irem  geischlichen  vater  na  ir  tode  vor  in  einer  abgescheidenr 
gesiht,  und  luhte  in  schnewisser  wat  wol  gezieret  mit  liehtricher  25 
klarheit  vol  himelscher  froden.  Si  trat  hin  zu  ime  und  zogte  ime, 
wie  adellich  si  in  die  blossen  gotheit  vergangen  were.  Daz  sah  er 
und  hört  es  mit  lust  und  mit  fröden,  und  ward  sin  sele  ab  diser 
gesiht  vol  götliches  trostes.  Do  er  zft  im  selber  kom,  do  süfzet  er 
inneklich  und  gedahte:  „ach  got,  wie  selig  der  mensch  ist,  der  nah  so 


4  warheit]  wyszhait  A'  wort  {\)  P  liepliclien  S  7  menschen  fehlt  M 
14  al^o  untler  a.  d.  M  20  f.  in  —  selik.  fehlt  A^  24  von  hier  an  sind  in 
M  etwa  ö  Zeilen  grosnentdls  venvischt  und  nur  achwer  leserlich  abgesch. 
fehlt  M        28  ab]  von  .1/        29  ersüfzet  S 

24  f.  D.  h.  in  einer  mehr  infellektufUenj  ah  körperlichen  oder  imaginären 
Vision  (Deniße  501  A.  1):  vgl.  oben  183,6  ff. 


dir  allein  werbend  ist!     Er   mag   gern   liden,   den   du   sines  lidens 
also  ivilt  ergez/oTi.^  —  Oot  helf  i'ins,   düZ  wir  diser  boiligcn  tohter 


und  aller  einer  lieben  fränden  genieeseii,  daz  wir  ewekÜch  ein  gftl- 
lichee  antliit  werden  iiiessende!    Amen. 


4  In  AKRWS'a   ein  Bäd,   darstdhnd   dtn   mj/*(MCA««   W«g:   Ausflug» 
und  Rückkehr  der  viriiiinßigen  Kreaturen  in  Gott  (Abb.  11  nach  A'JBl aS').  J 


Zweites  Buch. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit 


[82""]  Hie  yahet  an  daz  ander  bnchli. 

Es  stund  ein  bredier  ze  einer  zit  nah  einer  metti  vor  einem 
kruzifixus  and  klaget  got  inneklich,  daz  er  nit  konde  betrachten  nah 
siner  martter  und  nah  sinem  lidenne,  und  daz  ime  daz  als  bitter 
waz;  wan  dar  an  hatte  er  bis  an  die  stunde  gar  grozen  gebresten  5 
gehabt.  Und  do  er  in  der  klage  stünt,  do  kamen  sine  inren^  sinne 
in  ein  ungewonlich  ufgezogenheit,  und  luhte  im  gar  geswinde  nnd 
klarlieh  in  also:  „du  solt  hundert  venjen  machen  und  iedie  venje 
mit  einer  sunderlichen  betrahtunge  mins  lidennes  und  die  betrahtunge 
mit  einer  begerunge,  und  ein  ieklichs  liden  sol  dir  geistlich  in  ge-  10 
druket  werden,  daz  selb  durch  mich  wider  ze  lidenne,  als  verre  es 
dir  muglich  ist."  Und  do  er  also  in  dem  Hecht  stund  und  sü  zellen 
wolte,  do  vant  er  nit  me  denne  nünzig.  Do  begerte  er  ze  got  also: 
„minneklicher  herre,  du  hattest  gemeinet  von  hunderten,  und  ich 
envinde  nit  me  denne  nünzig/*  Do  wart  er  gewiset  dennoch  uf  16 
zehen,  die  hate  er  vor  in  dem  capittel  genomen,  e  daz  er  nah  siner 
gewonheit  die  gelichnüs  sius   eilenden  usfürens  in  den  tot  hetti  be- 


A  =  Hs.  Berlin  4^  84() :  E  =  Engelberg  141;  E^  =  Engelberg  lö3; 
y  =  Freiburg  Univ.Bibl,  474 :  F^  und  F^  =  Freiburg  Erzbisch,  Archiv  (ohne 
Signatur);  H=  Heidelberg  Pal  gtrm,  446;  K=  Einsiedeln  710;  W=  Wolfen- 
büttel 76.  5  Aug. :  Z  =  Zürich  Siadtbibl.  C  172 :  a  =  l,  Druck  14S2. 

1  Überschrift  fehlt  E'FF'F-HZ  7  f.  und  klarl.  iu  fMt  F  9  mit] 
inre  F  13  vant  —  l.j  do  fehlt  H  15  vinde  E^  denne  fehlt  K  17  in 
dem  tod  7''* 

2  ff.  Vgl.  Vita  Kap,  13  und  16 :  Hör.  1.?,  7  ufj^^zogenheit  =  Ver- 
Zuckung  (quasi  in  extasi  positus ,  Hör.  l:JK  12  sü  =  die  100  Betrach- 
tungen.           17  «ins  =  Christi. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Prolog.  197 

gangen  und  under  daz  selb  krazifixus  were  komen.  Und  do  vant 
er,  daz  die  hundert  betrahtunge  sinen  bittem  tod  von  dem  anvang 
bis  an  daz  ende  gar  eigenlich  hatten  beschlossen.  Und  do  er  sich 
dar  an  begonde  üben  nah  dem,  als  er  bewiset  waz,  do  wart  im  du 
6  vorder  hertikeit  verkeret  in  ein  minneklich  süzikeit. 

Nu  begerte  er,  ob  vil  liht  ieman  me  in  dem  selben  gebresten 
were,  in  hertikeit  und  in  bitterkeit  der  betrahtunge  dez  minneklichen 
lidennes,  in  dem  ellü  selikeit  lit,  daz  dem  och  gehulfen  wurdl,  und 
daz  er  sich  hier  an  ftbti  und  nit  ab  liezi,  unz  daz  er  och  geheilti. 

10  Und  dar  umb  so  screib  er  die  betrahtunge  an  und  tet  daz  ze  tütsche, 
wan  sü  im  och  also  von  gotte  waren  worden. 

Dar  nah  gewan  er  mengen  Hechten  influz  gotlicher  warheit, 
dero  sü  im  ein  ursach  waren,  und  stünt  in  im  uf  ein  kosen  mit  der 
Ewigen  Wisheit;  und  daz  geschah   nit  mit  einem  liplichen  kosenne 

16  noh  mit  bildricher  entwürt,  es  geschah  allein  mit  betrahtunge  in  dem 
lieht  der  heiligen  schritt,  der  entwürt  bi  nüti  getriegen  mag,  also 
daz  die  entwürt  genomen  sint  eintweder  von  der  Ewigen  Wisheit 
munde,  die  si  selber  sprach  an  dem  evangelio,  oder  aber  von  dien 
hühsten  [83']  lerern;  und  begrifent  eintweder  du  selben  wort  oder 

20  den  selben  sin  oder   aber  sogtan  warheit,   du  nah   dem   sinne  der 
heiligen  scrift  geriht  ist,  usser  der  mund  du  Ewig  Wisheit  hat  geredet. 
Die   gesihte,   die  hie  nach   Stent,   die  geschahen  och   nüt   in 
liplicher  wise,  sü  sint  allein  ein  usgeleitü  bischaft. 

Die  entwürt  von  unser  vrowen  klag  hat  er  genomen  von  dem 

25  sinne  der  worten  sant  Bernhard  es. 

Und  die  lere  git  er  also  vür  in  vragwise,  dar  umb  daz  si  dest 
begirlicher  sie,  nüt  daz  er  der  si,  den  es  an  gehöret,  oder  daz  er  es 
von  im  selber  hab  gesprochen.  Er  meint  dar  inne  ein  gemein  lere 
geben,  da  beidü,  er  und  ellü  menschen,  mugen  an  vinden,  ein  iek- 

30  lieber  daz,  daz  in  an  gehöret. 


2  daz  fehlt  F  siues  b.  todes  F  4  dar  an  fehlt  F  7  [in]  bitt 
E^F^Ka  9  daz  —  geheilti]  er  daz  och  der  bi  lerneti  F  10  so]  do  E^ 
11  von  got  also  E^  13  dero]  daz  F  in  in  ^  15  bildlicher  FH  allein 
m.  betr.  fehlt  H         einem  vor  betr.  rot  durchsir,  Ä  16  betriegen  F^K 

18  an]  in  E^Fa  oder  aber  —  20  sin  fehlt  K  20  nah]  usser  F  21  heiL 
fehlt  F  ger.  hat  F  24  f.  von  den  sinnen  F^  26  als  JB»  27  an  ge- 
höre E'        28  meinde  E^        29  an  fehlt  E"^        30  [daz]  daz  E^        an  höret  E^ 

• 

22  f.  Hör.  10:  visiones  in  aequentibus  contentae  non  sunt  omnes  accipiendae 
secundum  literam,  licet  mültae  ad  literam  contigerint,  sed  est  figurata  locutio, 
24   Vgl  Kap.  17.  19.  20.  26  ff.   Vgl.  Hör,  10, 


198  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Prolog. 

Er  nimt  an  sich,  als  ein  lerer  tun  sol,  aller  menschen  person: 
na  redet  er  in  eins  sündigen  menschen  person,  denne  in  eins  vol- 
komen  menschen  person,  etwenne  in  der  minnenden  sele  bilde^  dar 
nah  als  du  materie  ist,  in  einer  gelichnäze  eins  dieners,  mit  dem  d& 
Ewig  Wisheit  redet.  5 

Es  ist  nahe  alles  in  tögenlicher  wise  us  geleit;  yil  stat  hie  in 
lerewise,  daz  ein  vliziger  mensche  im  selben  us  kiesen  sol  ze  an- 
dehtigen  gebeten. 

Die  sinne,   die  hie  stant,   sint  einvaltig;   so  sint  du  wort  noh 
einveltiger,  wan  sü  gant  nzzer  einer  einvaltigen  sele  und  geh&rent  lo 
zfl  einvaltigen  menschen,  du  noh  habent  gebresten  ab  ze  legen. 


Es  geschah,  do  der  selb  brfider  die  drie  materien:  daz  liden 
und  daz  nachvolgen  und  daz  ander  alles,  daz  da  stet,  hate  an  ge- 
yangen  ze  schribenne  und  komen  waz  bis  dar  von  der  ruwe:  nu 
wol  uf  sei  minü  etc.,  do  hatte  er  etwas  stozes  dar  inne.  Also  hate  15 
er  sich  ze  einem  mitten  tage  geneiget  uf  sinen  st&l,  und  in  einem 
liebten  schlafe  waz  im  vor  gar  bescheidenlich,  wie  zwei  verschultü 
menschen  in  geischlichem  schine  vor  im  sessin,  und  daz  er  sä  gar 
herteklichen  strafti,  daz  so  als  müssig  sazen  und  sich  uit  übten.  Do 
wart  im  ze  versten  geben,  er  s51te  inen  ein  nadlun  vedmen,  du  im  20 
in  die  haut  wart  gegeben.  Nu  waz  der  vadem  drivaltig  und  zwei 
teil  waren  gar  klein,  aber  der  dritte  teil  waz  ein  wenig  grözer. 
Und  do  er  du  drü  teil  zesaraen  wolt  trejen,  do  wolt  es  ime  nit 
wol  ze  banden  gan.  So  sihet  er  nebent  ime  ze  der  rehten  band 
vor  [83^]  im  unsern  lieben  herren  stan,  als  er  ab  der  sul  wart  ge-  25 
nomen,  und  der  stünt  vor  im  als  reht  gütlich  und  als  vetterlich,  daz 
er  gedaht,   ob  er  sin  vater  were.     Nu  nara  er  war,   daz  sin  zartter 


2  deiine]  etweime  £**  7  f.  andehtig:em  gebet  FF^  9  hie  nach  F  wort] 
sinne  F  12  f.  liden  [und]  E*  13  und  d.  nachv.  fehlt  AKcc.  23  wolt  zes. 
AKaZ  24  f.  stan  nach  hand  Z  25  wart]  was  E^  26  reht  vor  vetterl.  Z 
und  —  vett.  fehlt  E^ 

14  f.  Kap.  5,  17  liehter  schlaf  =  Vision  (Hör.  13:  in  visione).    Vgl, 

dazu  das  Bild  am  Schluss  von  Kap.  13.  21  drivaltij;,  Anspielung  auf  die 

drei  verschieden  grossen  Teile  des  Bdeic.  24  ff.  Ähnliche  Visionen,  die  an 

bildlichen  Darstellungen  ihre  Unterlage  haben,  finden  sich  namentlich  in  den 
Dominikanerinnenviten  des  14.  Jh.  öfters ;  Beletje  bei  E.  Krebs,  Die  Mystik  in 
Adelfiausen  81  f.  25  sul  =  Geisselsüule, 


lip  gar  ein  natürlich  varw  hatte:  er  enwaz  nüt  reht  ivii-,.  er  waz 
weiesenvar,  (iaz  ist  wiz  und  rot  wol  vermischet  onder  einander,  und 
daz  ist  du  aller  naturlichest  varw.  Und  nam  war,  daz  alle  sin  li[) 
recht  durchwunt  was,  und  die  wunden  waren  vrisdi  und  blfttig,  und 
5  etlich  waren  sinwel  nnd  etlich  eggeht,  ettich  waren  gar  lang,  als 
in  die  geislen  gezerret  hatten.  Und  do  er  also  minneklich  vor  im 
Btfint  und  in  so  gütlich  an  sab,  do  hftb  der  brediger  sin  hende  nf 
nnd  streich  eüi  an  sin  bititigen  wunden  bin  und  her,  und  nam  denne 
di'i  drü  teil  des  vadems  und  träte  sü  geswind  zesamen.     Und  do 

10  wart  im  gegeben  ein  verniugen  und  verstönt  es  also,  daz  er  es  gÖlti 
volbringen  und  daz  got  mit  rösvarwem  kleid,  daz  usser  sinen  wun- 
den wünklich  gewürkt  ist,  die  w61te  in  ewiger  Schönheit  kleiden, 
die  nu  ir  stunden  hie  mit  vertribin. 

Ein  ding  sol  man  wössen:  als  unglich  ist.  der  ein  süzcs  seiten- 

15  spil  selber  horti  snzklich  erklingen  gegen  dem,  daz  man  dn  von  allein 
h6rt  sprechen,  als  ungelich  sint  du  wort,  du  in  der  lutreu  gnade 
werdent  enpfangen  nnd  usser  einem  lebenden  herzen  dur  einen  leben- 
den munt  US  Üiezent  gegen  den  »elhen  Worten,  so  »ii  an  daz  tSt 
hermit  koment,  und  sunderiiche  in  tütscber  Zungen ;  wan  so  erkalteat 

20  sü  neiswe  und  verblichent  als  die  abgebrochnen  vosen,  wan  du  lust- 
iich  wise,  du  ob  allen  dingen  meusclilich  herz  riiret,  dn  erli'tscbet 
denne,  und  in  der  türri  der  türren  berzen  werdent  sn  denn  enpbangen. 
Es  enwart  nie  kein  selten  so  süze:  der  in  richtet  ul'  ein  tiirres  schit, 
er  erstumbet.    Ein  minnerichen  zungen  ein  nnminneriehes  herze  en- 

S6  kan  als  wenig  veretan,  als  ein  tütscber  einen  walhen.     Und  dar 

2  wejasenwar  Ä  wis  vanc  iL  4  reht]  gar  t"  6  aerzerret  £'  zerret  K 
7  80]  also  F  als  £'  8  lienne]  ^ü  ÄKa  10  er  [esj  f"  11  mit  /«ft«  AF 
\-l  wAiiklich]  miuuoclicb  A'  16  sas  ?'  16.1B  gen  I?FF*  Ifi  all.  da 
von  FF^  20  vorblaiclient  J''  20  f.  am  Bande  Gregorius  in  prologo  HW 
Jeroiiirous  F'Z  S.Jö  E'  luateklich  Z  24  am  Sande  Beniardus  snper 
Cantica  E'F'HWZ        £in  unminnrichea  herge  kau  v\a  minneriche  zungen  E' 

2  vm  nnd  rot  (HoM.  5,10),  vgl.  Tochter  Äyo«  td.  Weinhold  1934 ff.: 
Bim.,  termo  3i*  in  Cant.  n,  10;  Richard,  von  Sl.  Viktor  in  Cant.  e.  36.  Weitere 
Beltge  bei  Weitiiiold  617  und  von  Strauch  in  Afda  VIII  flS6'4),6.  19  Kf 

itt  auffallend,  xcie  Seuse  von  der  deutschet  Spi-aehf,  die  tr  doch  atttgttnchntt 
handhabte,  ao  gering  denkt.  Im  Hornlogium  igt  eein  Aufschwung  alltrdingt 
noch  höher.  24  f.  Bernardns,  icrmo  7ä  IR   Caitt.  n.  1 ;   omnino  non  poleH 

caper»  ignitum  elogaium  frigidum  pectug.  Quomodo  enim  graece  loqutnttm  tion 
intelligit.  qiii  graeiitm  non  »lotx't,  nec  laliac  loquenfem,  qui  latinus  non  tsl,  et 
ila  dt  caeterit,  «ic  lingua  amoria  ei,  qui  non  (imat,  horbara  er/t,  tritqiie  gicut 
Ott  gonans  aul  ej/mbalum  tinnien». 


200  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  I. 

ambe  so  sol  ein  vliziger  mensch  den  usvergangen  rängen  diser  suzen 
1er  nah  ilen^  daz  er  si  lerne  an  sehen  nah  dem  Ursprünge;  do  sti  in 
ir  leblichiy  in  ir  wünklicher  Schönheit  waren;  und  daz  waz  der  in- 
fluz  gegenwärtiger  gnade,  in  dem  si  totä  herzen  möhtin  ban  erkicket. 
Und  swer  sä  also  [88 ']  an  blicket,  der  mag  eigenlich  kumme  iemer  5 
dis  äberlesen,  sin  herz  roüze  inneklich  bewegt  werden,  eintweder  ze 
inbrunstiger  minne  oder  ze  näwem  liebte  oder  jamer  nah  gotte  nnd 
niissevalien  der  sänden,  oder  iemer  z&  etlicher  geistlichen  begeniDge, 
in  der  da  sele  denne  wurt  ernuwret  in  gnaden. 

Hie  hat  ein  ende  der  prologus,  daz  ist  da  vorrede  diss  bucblis.  10 


Erster  Teil. 

I.  Kapitel. 
Wie  etlichü  menschen  von  got  nnwissentlicli  werdent  gezogen. 

Hanc  amavi  et  exquisivi  a  iuventute  mea,  et  quae- 
sivi  mihi  spousam  assumere.  15 

Disü  wörtlü  stant  geschriben  an  der  wisheit  buche,  und  sint 
gesprochen  von  der  schönen  minnerichen  Ewigen  Wisheit  und  spre- 
chent  ze  tutsche  also:  „dis  han  ich  geminnet  und  us  gesüchet  von 
minen  jungen  tagen  und  han  mir  si  us  erkorn  ze  einer  gemahlen.^ 

Es  bäte  sich  ein  wilder  müt  in  sinem  ersten   usker  vergangen  20 
in  die  wege  der  ungclicbheit.   Do  begegent  im  in  geistlicher  unsäg- 
licher bildunge  du  Ewig  Wisheit  und  zoh  in  dur  süz  und  sur,   unz 
daz  si  in  brahte  uf  daz   reht  pfad  der  gotlichen  warheit.     Und  do 
er  sich  reht  hinderdahtc  uf  die  wunderlichen  züge,  do  sprach  er  ze 

2  [an]  sehen  F^  do\   das  /'*  3  in  ir]   mit  A  5  enmag  JB^'^JP 

7  und]  oder  zö  einem  F?         3  sünde  E^         9  denne  fehlt  F'  10  hie  — 

diss  (des  A)  büchlis  fehlt  T?FF^HZ  ein  ende  bat  die  vorrede  des  büchlins 
Wa  13  unwiss.  von  got  F  16  an  der  —  17  irespr.  fehlt  F^  18  also 
ze  tusche  E^  [us]  gesüchet  E^  19  und  han  —  gem.  fehlt  F  21  uf  die 
weg  E^        22  u.  durch  snr  F^ 

14   Weish.  6,-2.  21    ungelichheit    -  dis^simüitudo ,    v(jL   Vita  88,22 

und  Bern,,  sermo  42  de  dir,  n,  J.  Seinfe  spricht  hier  von  sich  ifclbst,  rgl,  die 
ersten  Kapitel  der    Vita^  namentlich  das  vierte  and  Hör,  16  ff. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  I.  201 

gotte  also:  „miimeklicher  zarter  herre,  min  gemute  hat  von  roinen 
kintlichen  tagen  neiswaz  gesüchet  mit  einem  ilenden  turste,  herr, 
und  waz  daz  si^  daz  enbab  ich  noh  nit  volkomenlich  begriffen. 
Herre,  ich  habe  im  menig  jar  hitzeklich  nah  gejaget,  und  enkonde 
6  mir  noh  nie  reht  werden,  wan  ich  enweiz  nit  reht,  waz  es  ist,  und 
ist  doch  neiswaz,  daz  min  herz  und  sele  nah  im  zühet,  und  ane  daz 
ich  niemer  in  reht  rftwe  kan  gesetzet  werden.  Herre,  ich  wolt  es 
in  den  ersten  tagen  miner  kintheit  suchen,  als  ich  vor  mir  sah  tun 
in  dien  kreaturen,  und  so  ich  ieme  suchte,  so  ich  ie  minre  vand, 
10  und  80  ich  ie  naher  gieng,  so  ich  dem  selben  ieme  verret ;  wan  von 
einem  ieklichen  inblikenden  bilde  hat  ich  ein  insprechen,  e  daz  ich 

* 

sin  genzlich  versftchti,  oder  mich  mit  rftwe  dar  uf  ergebi,  also :  daz 
ist  nit  daz,  daz  du  da  suchest.  Und  dis  vontriben  ist  mir  ie  und 
ie  in  allen  dingen  vor  gewesen.    Herre,  nu  wütet  min  herz  dar  nah, 

16  wan  es  hetti  es  gerne,  und  hat  wol  dik  als  [SS""]  einest  enphunden, 
waz  es  mit  ist,  herr,  aber  was  es  ist,  dez  ist  es  noh  unbewiset,  Owe, 
geminter  herr  von  bimelrich,  was  ist  es,  ald  wie  ist  es  geschaffen, 
daz  so  recht  togenlich  in  mir  spilt? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Erkennest  du  es  nit?  Es 

20  hat  dich  doch  minneklich  umbevangen  und  hat  dir  den  weg  dik 
understanden,  unz  daz  es  dich  uu  im  selber  allein  hat  gewunen. 

Der  dienen  Herre,  ich  gesach  sin  nie  noch  gehört  sin  nie,  ich 
enweis,  waz  es  ist. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Daz  ist  nit  unbillich,  wan 

26  der  kreaturen  heimlich!  und  sin  vrömdi  schüfen  daz.  Aber  nu  tu  uf 
dinü  inren  ougen  und  lüg,  wer  ich  si.  Ich  bin  es,  du  Ewig  Wis- 
heit, du  dich  in  ewikeit  ir  selber  hat  uz  erwellet  mit  dem  umbvange 
miner  ewigen  vürsichtikeit.  Ich  han  dir  den  weg  als  dik  under- 
standen,  als   dik   du  werist  von   mir   gescheiden,   ob   ich  dich  hetti 

80  gelazen.     Du  funde   in   allen  dingen   icmer  etwaz  widerstenes ;  und 


1  also  fehlt  E'  3  hab  A'^  [noh]  nit  F"^  voUeclich  ^?  4  im  nu  E^ 
im]  uu  F  koude  E^  6  waiss  F^  7  ges.  kan  w.  E^  11  inbliken  K 
12  f.  daz  ist]  icli  bin  A»  13  [daz]  daz  F         suchtest  K         16  es]  ich  E^ 

und  hab  E^  wol  nach  einest  E^  16  was  es  aber  E^F^a  20  doch  dik  F 
'22  noch]  und  Ka  noch  geh.  s.  nie  fehlt  AHZ  sin]  si  K^sa  ich]  und  A 
24  Entwürt  —  Wisheit]   die   ewig  wisheit  F^    (so  stets!)  26   creature  FP^ 

28  dik  fehlt  F^        30  widerstants  K 

1  ff.  Im  folgenden  sind  die  Confessiones  des  hl,  Augustinus  benützt,  be» 
sonders  X,  0. 


202  Bttchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  I. 

daz  ist  daz  gewerest  zeichen  miner  uzerwelten,  daz  ich  sü  mir  selber 
wil  haben. 

Der  diener:  Zartü  miuneklichu  wisheit,  und  bist  du  daz^  daz 
ich  so  reht  lange  han  gestehet?   Bist  du  daz,  nah   dem  min   roftt 
ie  und  ie  rang?    Owe,  got,  war  umbe  erzöigtest  du  dich  mir  nit  nn   6 
yil  lang?    Wie  hast  du  es  so  rehte  lange  gesparet!   Wie  han  ich  so 
mengen  müliehen  weg  gewatten! 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:   Hetti  ich   daz  do  getan, 
80  erkandist  du  nit  als  enphintlich  min  gut,  als  du  es  sus  erkennest. 

Der  diener:  Owe,  grundloses  gut,  wie  hastu  dich  nu  so  lo 
süzeklich  in  mir  gegütet!  Do  ich  nit  waz,  do  gebe  du  mir  wesen; 
do  ich  mich  von  dir  hate  gescheiden,  do  enwoltest  du  nit  von  mir 
scheiden;  do  ich  dir  endrinnen  wolt,  do  hattest  du  mich  so  süzek- 
lich gevangen.  Eya,  Ewigü  Wisheit,  wan  mt)hti  sich  nu  min  herz 
in  tusent  stuk  uf  brechen,  und  dich  mins  herzen  wunne  umbvahen  16 
und  mit  steter  minne  und  ganzem  lobe  alle  mine  tage  mit  dir  ver- 
zerren, daz  were  mins  herzen  girde!  W'an  gewerlich  der  mensch  ist 
selig,  den  du  also  minneklich  vurkumist,  daz  du  in  niene  reht  last 
gerüwen,  unz  daz  er  sin  rüwe  in  dir  alleine  suchet. 

Ach  uzerweltü,  minueklichü  wisheit,  [89']  sider  ich  nu  an  dir  90 
vunden  han,  den  min  sei  da  minnet,  so  versniahe  nit  din  armen 
kreatur;  sich  an,  wie  gar  min  herz  erstumbet  ist  gegen  aller  diser 
weit  in  lieb  und  in  leide!  Herr,  sol  ipin  herz  iemer  ein  stumbe  g^gen 
dir  sin?  Gib  urlob,  gib  urlob,  geminter  herre,  miner  eilenden  sei, 
ein  wort  ze  dir  ze  sprechenne,  wan  min  volles  herze  mag  es  nit  mer  26 
alleine  getragen;  so  hat  es  in  diser  witen  weit  nieman,  gegen  dem 
es  sich  erküle  denne  gegen  dir,  zarter,  uzerwelter,  geminter  herre 
und  brüder!  Herre,  du  sihest  und  weist  allein  die  natur  eins  minn- 
riehen  herzen  und  weist,  daz  nieman  mag  miunen,  daz  er  in  keiner 


1  ist]  ich  (!)  K  1  f.  sü  wil  alleine  mir  s.  li.  E'  4  reht  fehlt  E^f 
7  gewandelt  F  8  am  Bande  Thomas  E^HZ  do]  vor  F^  11  gutet  F 
17  begirde  FK  18  verkumest  Z  last  reht  E^  19  rQweu  F^  alleine 
in  dir  E^FF^  21  din]  min  F  22  verstumbet  F^  23  iemer  und  ienier  E^ 
24  min  geminter  h.  E^  25  eumag  AK  28  und  hriidcr  fehlt  F  29  enmag 
AFK 

6  f.  Vgl.  Weiffh.  5,7.  8  Stuse  hat  wohl  Thomaa,  S.  Th,  3  q,  1  a.  5  be- 

nutzt. 18  f.  y^gl.  Augustinus,  Confess.  I,  1:  quia  ftcisti  nos  ad  te,  et  inquie- 

tum  est  cor  nostrum,  donec  requiescat  in  ie.  21  i.  herre  und  bräder.     Über 

die  Bezeichnungen,  in  denen  das  Venvandtschafts r erhält ?iis  zirischen  Gott  und 
der  begnadeten  Seele  zum  Ausdruck  kommt,  vgl.  die  Zusammenstellungen  bei 
Weinhold,  Lamprechi  von  Heg.  534 f.:  Strauch,  Marg.  Ebner  316 f. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  I.  203 

wise  enkan  bekennen.  Dar  umbe^  sider  ich  dich  nu  allein  sol  minnen, 
so  gib  dich  mir  noh  fürbaz  ze  erkennene,  daz  ich  dich  och  genzlich 
geminnen  künne. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Den  h6hsten   usfluz  aller 

5  wesen  von  ir  ersten  Ursprünge  nimet  man  nach  natürlicher  ordenunge 
durch  du  edelsten  wesen  in  du  nidersten ;  aber  den  widerfluz  zfi  dem 
Ursprünge  nimt  man  durch  da  nidersten  in  du  höhsten.  Dar  umb, 
wilt  du  mich  schowen  in  miner  ungewordenen  gotheit^  so  solt  du 
mich  hie  lernen  erkennen  und  minnen  in  miner  gelitnen  menscheit, 

10  wan  daz  ist  der  schnellest  weg  ze  ewiger  selikeit. 

Der  diener:  Herre,  so  ermane  ich  dich  hüt  der  grundlosen 
minne,  daz  du  dich  neigtest  von  dem  hohen  throne,  von  dem  künk- 
lichen  stCile  des  vätterlichen  herzen  in  eilend  und  verschmeht  drü 
und  drizig  jar^  und  diu  minne,  die  du  zfi  mir  und  ze  allen  menschen 

16  hattest,  aller  meist  erz6igtest  in  dem  aller  bittersten  lidenne  dins 
grimmen  todes;  herre,  des  bis  eimant,  daz  du  dich  miner  sele  geist- 
lich erzögest  in  der  minneklichsten  gestalt,  dar  zu  dich  dfi  unmezig 
minne  ie  brahte. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:    So  ich  ie  versigner,   ie 

20  t6tlicher  von  minnen  bin,  so  ich  einem  reht  geordneten  gemüte  ie 
minneklicher  bin.  Min  grundlosü  minne  erz6igt  sich  in  der  grozen 
bitterkeit  mins  lidennes  als  du  sunne  in  ir  glaste,  als  der  schöne 
rose  in  sinem  smacke,  und  als  daz  starke  vür  in  siner  inbrünstigen 
hitze.     Dar  nmbe  so  höre  mit  andahte,  wie  herzeklichen  durch  dich 

25  gelitten  ist. 


1  kan  E^F  erkennen  K  nu  fehlt  F  8  kunne  gem.  E^  4  am 
liande  Thomas  AE^F^H  alle  E  6  [wider]fluz  E"^  13  und  ia  y.  F 

15  erzeiget  F  17  aller  minneklichsten  AKaEE'  du]  din  E^  18  be- 
trachte (!)  K        19  ich  [ie]  F^        ersigener  i'^        24  so  fehU  F^ 

4  Vgl,  Thomas j  S.  Th.  1  q,  44:  De  processiofie  creaturarum  a  Deo,  Seuse 
meint  hier  die  Schöpfung  (gegen  Den.  314  A,  2),  vgl.  Hör.  25 :  processus  emO' 
nationia  creaturarum  a  summo  verum  vertice  deo  secundum  ordinem  naturae 
fU  per  descetisum  ex  petfectioribus  ad  inperfeciiora ;  äfmlich  Hör.  205,  Zur 
Erklärung  Denifle  205  A.  1 :  519  A,  1.  An  Fantheismus  ist  wie  hei  Kap.  53 
der  Vita  u.  Kap.  3  des  Bdw  nicht  eu  denken.  8  ff.  Ein  den  Vätern  hehr 

geläufiger  Gedanke  (vgl,  Rom.  8,17),  die  via  regia  (Hör,  25)  der  Mystik  bezeich- 
nend; vgl,  Aug,,  Tract,  13  in  Joann,  n,  4:  per  Christum  hominem  ad  Christum 
Deum  (vgl,  Tract.  42  n,  8;  sermo  141  n,  4,  261  n.  7);  Thomas,  Comp,  iheol,  c.  2: 
Christi  humanitas  via  est,  qua  ad  Divinitatem  pervenitur  (vgl,  id,  in  Joann, 
14,6;  Quodl,  8  a.  20).  Eine  Zusammenstellung  aus  deutschen  Mystikeim  gibt 
Denifle,  Das  geistliche  Leben  » 1880,  309  ff. 


204  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  II. 

II.  Kapitel. 
[89 '^J  Wie  es  Yor  dem  krilzgenne  ergie. 

Nach  dem  jüngsten  nahtmal,  do  ich  mich  uf  deme  berge  ergab 
in  daz  liden  des  grimmen  todes^  do  ich  bevant,  daz  er  mir  gegen- 
wärtig was,  do  ward  ich  von  angsten  mines  zarten  herzen  und  von   5 
noten  alles  mins  libes  nature  hin  vliezende  von  dem  blutigen  sweis. 
Ich   wart  vientlich  gevangen,  strenklich  gebunden,  ellendklich  ver- 
füret;  ich  wart  der  naht   mit  streichen,   mit  verspöizenne,   mit  ver- 
bindenne   miner  ogen  lasterlich  gehandelt,   vrftje  vor  Cayphas  ver- 
sprochen  und   in  den  tode  vür  schuldig  ergeben.     Unsäglich   herz-  10 
leid  sah  man  an  miner  reinen  müter  von  dem  ersten  anblike,  in  dem 
si  mich  in   noten  sah,   unz   daz  ich   an   daz   krüze   wart  erhangen. 
Ich  wart  vür  Pylatus  schamlicb  gestellet,  valschlich  gerüget,  totlich 
verdamnet;  sü  stünden  gegen  mir  mit  grüwlichen  ogen  als  die  risen 
gewegenlich,  und  ich  stund  vor  in  als  ein  lämbli  senftmütklich.    Ich,  15 
du  Ewig  Wisheit,  ward  vor  Herodes  in  wissen  kleidern  torlich  ver- 
spottet,   min   schöne    lip   wart   so  gar   leitlich   von    dien   ungezogen 
geiselschlegen  zerfüret  und  zermüstet,  min  zartes  hobt  durgraben  und 
daz  minneklich  antlüt  mit  Speichel  und  mit  blftte  verrunnen;  und  wart 
also  verteilet  ellendklich  und  schamlich  mit  minem  krüz  us  gefuret  20 
in  den  tod.     8ü  schrüwen  uf  mich  vil  grüwlich,  daz  es  in  den  luft 
uf  trang:  „nu  henka,  henk  den  bösen  wiht!" 

Der  diener:   Owe  herr,   der  anvang   ist  als   gar  bitter,   wie 
sol  es  ein  ende  nemen?    Und  sehe  ich   ein  wildes  tier  also  vor  mir 
handien,  ich  möhte  es  kume  erliden;  wie  sol  mir  denne  so  billich  din  25 
liden  dur  min  herze  und  dur  min  sele  gan  I 

Aber  herre,  daz  ist  ein  groz  wunder  in  minem  herzen:  minnek- 
licher  herr,  ich  such  alles  din  gotheit,  so  hütest  du  mir  din  menscheit; 
ich  sfleh   din  süzigkeit,   so  hebest  du   vür   din    bitterkeit;   ich    wolt 
alles  sugen,   so  lerest  du  mich  striten.     Ach  herr.   waz  meinest  du  30 
hie  mitte? 

2  kruzi^^ang  A"        3  deine]  den  FF^         7  t'.  gcluret  F^         8  iu  der  naht  F 
8  f.   und  mit  verb.   F^FF^  9   schonen    ogen   F   claren   durchstrichen   1? 

11  reinen]  liehen  FF^  12  unz]  \m  E^  15  geweg.j  g«.'meinlich  F  18  zer- 
müschet  F^  20  f.  us  in  den  tod  gef.  F  24  vor  mir  also  7s'/''*  25  f.  din 
liden  00  b.  E^        28  mir  als  d.  m.  F        29  du  mir  /' 

18  durgraben  von  den  Dornen.  22  Hör,  :JS :  tolle,  toUtj  crucifige  mah' 

ficum!  29  f.  i.  c:  petenti  mamillas  sugere  das  rohusta  certamina  decertare. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  II.  205 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Es  mag  nieman  komen 
ze  götlicher  hocheit  noch  ze  ungewonlicher  suzikeit,  er  werde  denn 
vor  gezogen  dur  daz  bilde  miner  menschlichen  bitterkeit.  So  man 
ane  daz  durchgan  miner  menscbeit  ie  höher  uf  klimmet,  so  man  ie 
5  tieffer  vellet.  Min  menscbeit  ist  der  weg,  den  man  gat,  min  liden 
ist  daz  tor,  durch  daz  man  gan  müz,  der  zft  dem  wil  komen,  daz 
du  da  suchest.  Dar  umbe  tu  [90']  hin  dines  herzen  kleinheit  und 
tritte  zu  mir  in  den  ring  ritterlicher  vestekeit,  wan  dem  kneht  ge- 
zimt  nit  wol   Zartheit,   da  der  herre  stat  in   stritberlicher  künheit. 

10  Ich  wil  dir  minü  wafenkleit  an  legen,  wan  alles  min  liden  mftz  von 
dir  nah  dinem  vermugenne  werden  gelitten. 

Setze  dich  vorhin  uf  ein  Verwegenheit,  wan  din  herz  müz  dik 
ersterben,  e  daz  du  din  natur  überwindest,  und  von  angsten  den 
blutigen  sweis  switzen  von  mengem   pinlichem  lidenne,   in  dem  ich 

15  dich  mir  wil  bereiten ;  wan  ich  wil  dinen  wurzgartten  mit  roter  blüst 
tungen.  Du  müst  wider  alt  gewonheit  gevangen  und  gebunden 
werden;  du  wirst  von  minen  widersachen  dik  heimlich  gevelschet 
und  offenlich  geschamget;  manig  valsche  urteil  der  lüten  wirt  über 
dich    gände.     Min  marter   solt  du   emzeklich   in   dinem  herzen   mit 

20  mflterlicher  herzklicher  minne  tragen.  Du  gewinnest  mengen  argen 
rihter  dins  gotlichen  lebeus;  so  wirt  din  götlichü  wise  von  mensch- 
licher wise  dik  torlich  verspottet.  Din  ungeübter  lip  wirt  gegeiselt 
mit  dem  herten  strengen  lebenne;  du  wirst  spotlich  gekrönet  mit 
einem  vcrtrukenne  dins  heiligen  lebens.    Dar  nach  wirst  du  mit  mir 

25  US  gefüret  den  eilenden  krüzgaijg,  so  du  dins  eigennen  willen  us 
gest,  und  dich  din  selbs  verzihest  und  aller  kreatur  als  warlich  ledig 
stast  in  dien  dingen,  die  dich  dines  ewigen  heiles  mugen  ierren,  als 
ein  sterbender  mensch,  so  er  hin  zühet  und  mit  diser  weit  nit  me 
ze  schaffen  hat. 

30  Der  diene r:   Owe  herr,  daz  ist  mir  ein  müliches  spil!    Ellü 

min  natur  erkunt  sich  diser  wort,  herr,  wie  sol  ich  daz  iemer  alles 
erliden?  Zarter  herr,  ich  mftss  eins  sprechen:  enkondest  du  in  diner 


1  enmag  K^J^'  4  [uf]  climmet  F^  8  f.  zimmet  F^  13  sterben  FF^ 
15  rotem  blöt  F'  18  vasche  (!)  A  21  gutlichen  F^  24  heil.]  gotlichen  F 
26  dich  fehlt  E^  27  stat  F  in  d.  d.  —  ierren  fehlt  E^  ewigen]  eigenen  F 
30  diss  F^        31  erküt  sich  von  diser  red  F        alles  fehlt  AF 

5  f.  Vgl,  Vita  Kap.  13  (34,9  ff,).  10  Vgl  Vita  Kap.  44.  15  rote 

blöst  =  Leiden  (angustiae  et  iribulationes,  Hör.  !29).  IG  L,  c. :  inveteratas 

in  ie  consuetudines  vincendo  captivaheris  et  quasi  ligaheris. 


206  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    Kap.  IL 

ewigen  wisbeit  kein  ander  wise  vinden,  mich  ze  behaltenne  und  din 
niinne  mir  ze  erz6igenne,  daz  du  dich  des  grozen  lidens  und  mich 
dez  bittem  mitlidennes  hettist  überhebt?  Wie  schinent  dinü  geriht 
80  reht  wunderlich! 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Dem  grundlosen  abgr&nd  5 
miner  togni,  in  der  ich  ellä  ding  us  riht  nah  miner  ewigen  Yursich- 
tikeit;  sol  nieman  nah  gan,  wau  sü  kau  nieman  begrifen.    Und  in 
der  so  waz  beidä,   dez  und  menges  anders  ein  vermugen,  daz  doch 
niemer  geschiht. 

Doch  so  wissest  daz^  daz  in  der  ordnunge  nn  du  [90^]  usgefloz-  10 
nü  wesen  sind,   daz  enkein  beh&glicher  wise   enmoht  werden.     Der 
herr  der  natur  nimet  nit  war,  waz  er  vermag  in  der  natur,  er  nimt 
war,  was  einer  ieklicher  kreatur  aller  gezemest  ist,  und  dar  nah  so 
würket  er. 

Wie  moht  nu  der  mensch  baz  erkennen  die  g6tlichen  verhör-  I6 
genheit,  denn  in  der  angenomenen  menscheit? 

Der  von  ungeordneter  woUust  hate  vröd  verlorn,  wie  moht  der 
ordenlicher  ewiger  vröde  bewiset  werden? 

Wie  moht  der  ungeübt  weg  eins  harten  verschmehten   lebens 
getribenr    werden ,     denne     so    er    von    got    selb    selber    getriben  20 
wurde? 

Legist  du  denne  in  dem  gerihte  des  todes:  der  den  totschlag 
vür  dich  enphienge,  wie  könde  er  dir  mer  trüwen  und  liebi  erzöigen, 
oder  dich  hin  wider  gereizen  sich  ze  minnenne? 

Swen  denn  min  grundlosü  minne,  min  unsaglichü  erbarmherz-  26 
keit,  min  klarü  gotheit,  min  aller  lützeligistü  menscheit,  brüderlichü 
truwe,   gemahellichfi  vrüntschaft  nit  beweget  ze  inneklicher  minne, 
was  sölti  denn  daz  ersteinte  herz  erweichen? 


3  bitteru  fehlt  F         h  am  Bande  Thomas  E^  8  menges  feMt  F^ 

10  als  im  AKa  11  daz  fehU  E^F^  behagenlicher  E"^  moht  E^F^ 

12  am  Rande  Augustinus  E^Z         13  einer  fehlt  E^         ist]  si  E*  15  be- 

kennen F        20  getriben  werden  AKaFZ        23  dir  der  mer  E^         tröw  F^ 
24  hin  wider  fehlt  F        sich  fehlt  F  dich  F^        27  gemahelte  F^ 

3  Böm.  11^33.  6  ff.  Weitere  Ausfahruiiy  Hör.  oO.     Das  Thomaszitai 

bezieht  .sich  wohl  auf  S.  Th.  3  q.  1  a,  2,  12  Dan  Augustinuszitat  (De  TriniU 

Xlllf  10  n.  i),  wohl  aus  Thomas  h  c,  entnommen,  gehört  zu  Z.  lö.  17  Vgl, 

Hör.  31:  qualiter  ordinatius  quam  per  temporalem  iribulationem  ainissa  (gaudia) 
recuperare  d'tbuerat  ?  19  L,  c. :  cum  tna,  quae  ducit  ad  ritam,  sit  arta  et 

semitae  angustae  ei  ante  incarnationem  fuennt  minus  tritae  etc. 


Büchlein  der  Ewigen  WeiBheit.    Kap.  m.  207 

Vrag  aller  kreatur  sch6n  ordnunge,  ob  ich  in  keiner  wank- 
lieber  wise  min  gerehtkeit  m6bti  beb  alten,  min  grundlosen  erbarm- 
herzkeit  erzögen,  mensehlicb  natar  geedeln,  min  g&ti  entgiessen,  himel- 
rieb  und  ertricb  versünen,  denn  mit  minem  bittern  tode? 
6  Derdiener:  Herre, gewerlicb,  icb  beginne  eigenlicben  merken, 

daz  es  also  ist;  und  swen  unverstandenbeit  nut  bat  geblendet  und 
sieb   bier  uf  rebt   hinderdenket,    der  mflz  dir   des  jehen   und   die 
8cb6nen  mineklicben  wise  ob  aller  wise  rumen.    Aber  einem  tr&gen 
libe  tfit  daz  nacbvolgen  we. 
10  Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:   Erschrik  nät  ab  deme 

nabvolgenne  mins  lidens;  wan  swem  got  als  inr  wirt,  daz  ime  daz 
liden  lieht  wirt,  der  bat  nüt  ze  klagenne. 

Mich  nüzet  nieman  me  nah  ungewonlieber  s&zikeit,  denn  die, 
die  mit  mir  stant  in  der  bertsten  bitterkeit. 
15  Es  klaget  nieman  als  vil  bitterkeit  der  hulsehen,  als  der,  dem 

unkunt  ist  du  inre  sfizikeit  dez  kernen. 

Es  ist  halb  erstritten,  swer  bat  einen  gtiten  gebilfen. 

Der  diener:   Herr,   dinü  trostliehen  wort  hein  mich   als  ge- 
berz  gemacbet,  daz  mich  dnnket,  icb  vermuge  in  dir  ellü  ding  tfln 
20  und  liden.    Dar  nmbe  beger  icb,  daz  du  mir  den  hord  dins  lidens 
genzlich  uf  scbliessest,  und  mir  noch  me  da  von  sagest. 


III.  Kapitel. 

[91']  Wie  es  an  dem  krüz  nmb  in  stund  nah  dem  nssren 

menschen. 

25  Entwürt  der  Ewigen  Wisheit;    Do  icb   an  dem  hohen 

aste  des  kruzes  vür  dich  und  ellü  menschen  von  grundloser  minne 
erhangen  ward,  do  wart  ellü  min  gestalt  vil  jemerlich  verkert.  Minü 
klaren  ogen  erlaschen  und  wurden  verkeret;  minü  g6tlicben  oren 
wurden  spottes  und  lasters  erfüllet,  min  edels  riechen  waz  verwan- 


1  creaturen  F         6  nüt]   nü  -4  7  bedenket  F^         8  ob  aller  wiac 

feUt  F'        einen  K        18  [herr]  disü  F        19  ellü  d.  in  dir  Z        26  Entw. 
—  Wisheit  fehlt  AF^HK        27  f.  minü  kl.  o.  —  verkeret  fehlt  F^ 

1  ff.  Die  Kongruenzgründe  für  Chi-isti  Menschwerdung  und  Leiden  (nuUus 
pulchrior  et  congruentior  modus,  Hör.  31)  gibt  Seuse  ganz  im  AnscMuss 
an  die  Scholastik  (Thomas^  S.  Th.  3  q.  19  sqq.;  Comp,  theol  verit.  IV,  6.  9,  19). 
19  Fhil.  4,13. 


208  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.     Kap.  III. 

delt  mit  b6sem  smak,  min  suzer  mund  mit  bitterm  tränke,  min 
zartü  berürde  mit  herten  schlegen.  Do  gebrast  mir  alles  ertriches 
ze  einer  kleinen  rftwe,  wan  es  waz  min  g6tlichs  hobt  von  ser  and 
Ungemach  geneiget.  Min  gemeitü  kele  waz  vil  ungezogenlich  be- 
streichet; min  reines  antlut  mit  Speichel  gar  veranreint,  min  lutrü  6 
yarw  erbleichet.  Sich,  de  ertodet  min  schönü  gestalt  als  gar^  als 
ob  ich  es  were  ein  ussezling,  und  ich  es  du  schön  wisheit  nie  were 
worden. 

Der  diene r:  0  du  so  reht  Kitzeliger  Spiegel  aller  gnaden, 
in  dem  die  himelschen  geiste  ir  ogen  eimeient  und  erwitterent,  wan  10 
hetti  ich  din  gemintes  antlut  in  der  tötlichen  wise,  unz  daz  ich  es 
mit  mins  herzen  trehnen  wol  durchgusse,  unz  daz  ich  du  schönen 
ogen,  die  lichten  wangen,  den  zartten  mund  so  erbleichet  und  er- 
todet durschoweti,  daz  ich  min  herz  mit  inneklicher  klag  ob  im  wol 
erkülti !  «  16 

Ach  minneklicher  berr,  din  liden  gat  etlichen  lüten  als  nah  ze 
herzen,  die  kunnen  dich  als  iuneklichen  klagen  und  mugen  dich  als 
herzklichen  weinen ;  ach  got,  wan  könd  und  ni6ht  ich  nu  ellü  min- 
nenden  herzen  mit  klag  verwesen,  wan  ni8hte  ich  aller  ogen  liebte 
trehen  gereren  und  aller  zungen  kleglichü  wort  gesprechen,  so  w51t  20 
ich  dir  hüt  erzöigen,  wie  nahe  mir  din  eilendes  liden  lit! 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Es  erzöiget  nieman  baz, 
wie  nahe  im  min  liden  gat,  denn  der  es  treit  mit  mir  an  erzoigunge 
der  werke.  Mir  ist  lieber  ein  lediges  unbekümhert  herze  von  aller 
zerganklicher  minne  mit  stetem  vlize  ze  ervolgenne  daz  nehste  nah  25 
einem  uswürkenne  mins  vorgebildeten  lebens,  dennc  ob  du  mich 
iemer  klagtist  und  als  mengen  trehen  von  weinenne  miner  marter 
rertist,  als  meng  tröphli  wassers  von  himcl  ie  geregnet;  wan  daz 
nahvolgen  waz  ein  sach,  dar  [91""]  unib  ich  den  bittern  tod  leit, 
swie  mir  die  trehen  och  gar  minnklicb  und  geneni  sien.  30 

Der  dien  er:   Owe,  zarter  herr,    sid  dir  denne  ein   liepliches 
nahvolgen   dins   senftmütigen  lebennes   und  dins   minncrichen  lidens 


2  «»:ebraht  i»'  3  [es]  min  g.  höhet  waz  Jjy  4  waz  ftfdt  F  7  [es] 
weri  ein  ussozziger  mensche  /*'  were  nach  iissezlinir  E^  ussezig*  K  10  er- 
witrcnt  E^UKZ  11  ffomintes]  ircmeites  AK  minii^klichcs  «  14  an  scho- 
weti  F  16  rainncker  «!)  A  23  mit  mir /t/W/  I?  erzoo-rn  /.^  30  innec- 
lich  [und]  F        31  zarter /e/J/  F'        Ah  fehlt  AK 

6  f.    Vgl.  Is,  53A.  10  Hör.  33:  iocundi.^^simis  ohtniihus  suos  gaadent 

ocnlos  defigerc  felicitate  indefessa. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Eap.-r 

80  gar  minneklich  iBt,  so  wil  ich  nu  vürbaz  mineu  äiz  me  legen  Bf 
ein  luinnekliches  nabvolgen  denn  nf  ein  weinliohes  klagen,  me  ich 
fiä  beidi'i  nah  dinen  worten  büI  haben.     Und  dar  nmb  so  lere,   wie 
ich  mich  dir  6ul  geliehen  an  diBem  lidenoe. 
5  Entwiirt  der  Ewigen  Wisheit:  Brich  dinen  lust  an  ver- 

lasener  gesiebt  niid  üppiger  gehörde;  laae  dir  wol  schmaken  von 
minuen  und  histig  sin,  daz  dir  vor  wider  waz,  leg  ab  dur  mich  zart- 
heil  dins  libes.  Du  solt  alle  diu  rfiwe  in  mir  sQchen,  liplich  nn- 
gemach  minnen,  vrümdes  übel  willeklich  liden,  veraehmebt  begeren, 
10  dinen  begirdea  erbleichen  und  allen  dinen  gelüsten  ertoden.  Daz 
ist  der  anevang  in  der  schule  der  wisheit,  den  man  tiset  an  dem 
nfgetanen  zertenneten  btlcb  mines  geki'üzgeten  libes.  Und  löge,  so 
ein  mensch  geti'it  alles  sin  vermugen,  ob  mir  dennoh  ieman  in  aller 
diser  weit  si,  als  ich  im  bin? 


jri6  IV.  Kapitel. 

Wie  reht  getriiTrUch  sin  llden  wu. 

Der  diäner:  Herre,  so  ich  vergisse  diner  wirdekeit,  diner 
gäbe,  des  nutzes  und  aller  ding,  so  rüret  mich  dennoch  ein  ding  ab 
reht  nahe,  daz  ist,  so  ich  recht  hinderdenk  nit  allein  die  wise  ansere 

20  heiles,  och  die  grundlosen  getrüwen  wise.  Herr,  es  git  menge  dem 
andern,  daz  man  sin  liebi  und  sin  triiwe  baz  an  der  wise,  denn  an 
der  gäbe  verstat:  ein  kleinü  gäbe  in  getrüwlicher  wise  tfit  dik  baz, 
denne  ein  grözü  ane  die  wise.  Herr,  uu  ist  nit  alleine  din  gäbe 
groz,   och    du  wise   dunket  mich   als  reht  grundlos  getruwlich.     Dn 

S&  hast  nit  allein  den  tot  vür  mich  gelitten,  du  hast  och  daz  aller 
hnnderste,  daz  aller  nehste,  daz  verborgnest  aller  minne  gesüchet,  in 
dem  man  liden  kiesen  kan  oder  mag.  Du  hast  reht  getan,  als  ob 
da  sprechist:    „Iftgent  ellü  herzen,  ob  ie  kein  herz  so  vol  minnea 


1  m.  flia  fürha«  /■'  me  fthll  F  2  intnnericheB  E'  3  lere  mich  F 
4  an  dia.  1.  fehlt  F  5  d.  lust)  diuem  lip  a.\>  F  7  Inatlicb  E'  8 1.  1.  nng. 
minnen  fehlt  AKaH  11  d.i  liaet  AKall  Vi  kratzefcoteii  i'"  13  in  — 
14  weit  fehlt  F'  14  diaer)  der  E'  im  fehlt  K  16  getrüwe  E'  17  d. 
^f,aet  fthU  AF^H  -iämlfthUF  24  duok.  mich]  iit  i''  85  Tür]  durch  F' 
och  dttz  —  27  du  hast  fehlt  K  25  [.  daz  aller  h.  fthll  FU  26  fanud.] 
pinlichust  A.''        27  kiesen]  soeben  /■'■        als  [ob]  F 

9  vromdes  übel  =  mala  illaia  (Hm:  33).  11    Vgl.  l  c:  hate  »unl 

inquam  prima  prineipia. 

a.  Btuia,  Svaliolig  SoliHfiBu.  14 


210  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  IV. 

wurde?  Sehent,  werin  eliu  minü  gelider  daz  edelste  gelid,  daz  an 
mir  ist,  daz  ist  daz  herz,  daz  wolt  ich  lazen  durwunden  und  töten 
und  uf  zerren  und  in  kleinü  stuk  zermalen,  daz  nüt  in  mir  nob  an 
mir  belibe  nngegeben,  daz  ir  [92']  min  minne  erkandent.^  Ach 
herr,  wie  waz  dir  ze  mfite,  oder  wez  gedehte  du?  Du  wärest  es  5 
doch  wol  noh  naher  zu  komen? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Do  begerte  nie  kein  in- 
turstiger  mand  so  bitzekiiehen  eins  kalten  brunnen  noch  kein  ster- 
bender mensche  des  vrölichen  lebtagen,  als  ich  begerte^  daz  ich 
allen  sündem  gehulfe  und  mich  inen  geliebti.  E  hat  man  die  ver-  10 
farnen  tag  her  wider  braht,  e  hat  man  alle  ertorreten  blümen  wider 
ergrunet  und  ellä  regentröphlü  wider  gesamnet,  e  man  min  minne 
ze  dir  und  ze  allen  menschen  niug  gezellen.  Und  dar  umb  so  bin  ich 
als  gar  us  gegossen  von  minnezeicheU;  daz  man  einer  nadlen  püntli 
nit  möhti  han  gesetzet  an  minem  durmarterten  Übe  ane  sin  sunder-  15 
lieh  minnezeichen. 

Lüg,  min  rebtü  band  waz  durnegelt,  min  linggü  band  dur- 
schlagen,  min  rechter  arm  zerspannen  und  min  lingger  gar  ser  zer- 
tennet,  min  rechter  vüz  durgraben  und  min  lingger  gruwlich  dur- 
höwen.  Ich  hanget  in  ungewalte  und  in  grozer  müdi  Aiiner  g6tlichen  20 
bein.  Ellü  min  zarten  glider  wurden  unbeweglich  gephrenget  an  den 
engen  notstal;  min  liitziges  blüt  gewan  von  nöten  mengen  wilden 
uzbruch,  von  dem  min  sterbende  Hb  verrunnen  und  blAtig  waz,  daz 
ein  jemerlich  angesiht  gab.  Sich  ein  kleglich  ding:  min  junge, 
schöne,  blüender  lip  der  begonde  valwen,  torren  und  darben.  Der  25 
müde  zarte  rugge  hate  an  dem  ruhen  krüz  ein  hertes  lenen,  min 
swere  lib  ein  nidirsigen;  alle  min  lip  waz  durwunt  und  durseret, 
—  und  daz  alles  trüg  min  minnendez  herze  minneklich. 


1  wcriii]  vor  an  AKa  tlaz  ed.  glid  —  2  ist,  daz  ftidt  /•'*  2  und  fMi 
AFF"^  5  [du]  Du  HK  es]  sin  K"^  6  noh  fehlt  E^F  noch  wol  F^ 
7  f.  turstiger  F  8  kalten]  külen  F^  9  daz]  wie  F^  10  mich]  ich  F  10  f.  ver- 
variiden  E^  11  ha.t  fehlt  F  13  zellen  K  14  ussaelesen  F^  usgesessen  (!)  K 
18  ^^HY  fehlt  F  ser  fehlt  AKE^  21  lider  E^  22  notstal  des  kruzes  AKaE^ 
23  ufliruch  AKaFF^Z  25  türreu  Z  26  ruhen /f////  AK  28  alles  sament  E^ 
mhuiendez  fehlt  F 

14  f.  Hnr.  34:  quoil  non  inveniehatur  tue  spatium  unius  pnncti  in  meo 
corjtore  crucißx'Oj  f/uod  nou  dolore  ft  amore  singiilari  rJuceret.  20 f.  X.  c: 

cruni  admndam  fessa  et  violenti  qnadam  tancellatione  constricta ;  reapice  deli" 
cata  corporis  mcmhm,  tarn  artae  inclusioni  mancipaiu. 


Bücbiein  der  Ewigen  Weisheit.    Küf.W.- 

V.  Kapitel. 

ffie  dd  sele  uiiiler  dem  krilz  kuiit  ze  einem  herzklicheii 
rdwenne  aud  ze  einem  milteii  vergebenne. 

Der  dieiier;  Nu  wo!  uf,  sei  minü,  sameD  dich  genzlicb  von 
5  aller  nsserkeit  in  ein  etilles  swigen  rehtcr  inrkeit,  daz  rlu  mit  ganzer 
kraft  uf  brechest,  daz  du  dicb  Terloffest  und  verwildeet  in  die  wilden 
wüsti  eins  grundlosen  herzleideB,  uf  die  bohen  velsen  dez  hinder- 
dahten  eilendes,  und  schriest  mit  dinem  versenedem  herzen,  daz  ea 
über  bcrg  und  tal  hohe  dur  die  lüfte  in  den  himel  vur  alles  himel- 

10  scbes  her  uf  tringe,  und  sprich  in  diner  [92'']  kleglichen  stimme 
also:  ,ach  ir  lebenden  stein,  ir  wilden  rein,  ir  liebten  5wen!  wer 
git  mir,  daz  daz  inbrünstig  vür  mins  vollen  herzen  und  daz  beisse 
wasaer  mincr  kleglichen  trehen  6ch  erweke,  daz  ir  mir  bclfent  klagen 
daz  grundlos  leid,  leid,  herzleid,  daz  min  armes  herze  so  tÖgenlich 

15  treit!  Owe,  mich  hatte  der  bimelsche  vater  über  alle  liplich  kreatur 
gezieret  und  im  selber  ze  einer  zarten,  minneklichen  gemahel  ua  er- 
wellet; nu  bin  ich  im  endrunnenl  Owe,  ich  hau  in  verlorn,  ich  bau 
min  einges  uzerweltes  liep  verlorn!  0*ve  und  owe,  und  minem  eilen- 
den herzen  iemer  we,  waz  hau  ich  getan,  waz  hau  ich  verlorn!  Ich 

20  han  mich  Helber  und  alles  bimelscbes  her,  —  alles,  daz  wnnne  und 
vr6d  niobt  geben,  daz  ist  mir  endrunnenl  Ich  sitze  bloz,  wan  min 
valscheu  ininner,  mine  waren  trieger,  owe  mord,  hein  mich  valsch- 
lich  and  ellendklich  g<-lazen  und  ab  mir  gezerret  alles  daz  gut,  da 
mit  mich  min  einges  liep  hate  gekleidet.     Owe  ere,  owe  rräde,  owe 

25  alle  trost,  wie  bin  ich  din  so  gar  berohet!  Wan  ach  und  we  sol  min 
trost  iemer  sin.  War  sol  ich  mich  keren'r'  Mieh  hat  doch  ellü  disü 
weit  gelazeii,  wan  ich  miu  einiges  liep  han  gelazen.  Owe  und  owe, 
daz  ich  daz  ie  getet!  Wel  ein  jemerlichü  stunde  daz  waz!  Lügent 
an  mich  speten  zitlosen,  sebent  mich  an  einen  schleehdorn,  alle  rolen 


imeij  J-'  6  verköffest  !•'  15  krco- 
17  in  feliH  K  171.  ich  hau  m.  — 
löf.  Ich  htm  —  her  fehlt  Ü  20  and 
23  heiu  nieh]   ich  ban  /''<        26  din 


4  A.  diener  fehlt  F'HK        und  i 
toren  AKF^        16  und  mich  im  a.  F 
verlorn  fehlt  /'        18  [und]  minem  F 
ftUes,  daz  AKa        21  gehen  moht  F 
fthü  AF       26  doch  fihh  K 

1    Kap.   5    aVKh    in    W.   Wacktmagth    Deulschtm    Lttebuelt  1'  (1861) 
1034  ff.,  von  F.  Pfeiffer  nach  AFZ  bforbcittl.  20  Nach  her  a-yänte  ver- 

lorn?   Vgl.Uor.3ti:  mtmttiiitum  el*niia  amisi  tl  omne»  cetexte» »pirilug  offtndi. 
21  L.  c:  sedea  nuda,  vidua  et  dtaolata. 


k. 


212  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  V. 

rSsen,  wissen  lylicD,  nnd  nement  war,  wie  schier  verblieben,  erdorret 
und  erdarbet  ist  der  blfime,  den  disA  weit  brichet!  Wan  ich  sol  na 
iemer  me  also  lebend  sterben,  also  blujend  torren,  also  junge  alten 
und  also  gesunder  siechen. 

Owe,   zarter  herr^  es  ist  aber  alles  klein  ze  wegenne,  daz  ich  5 
lide,  gegen  dem  allein,  daz  ich  din  vätterliches  antl&t  han  erzAmet, 
wan  daz  ist  mir  ein  helle  und  ein  liden  ob  allem  lidenne.     Owe, 
daz  da  mich  so  minneklich  hattest  vArkomen,  so  zärtlich  mantest  and 
so  lieplich  zage,  owe,  nnd  daz  ich  des  alles  so  gar  yergasa!    Owe 
sterben!  Owe,  menschliches  herze,  waz  macht  da  erliden!  Owe  herz  lo 
mins,  wie  bist  da  so  stählin,  daz  da  nit  alles  von  leide  zerspringest! 
Ich  hies  doch  hie  vor  sin  liebü  [93']  gemahel,  owe,  we  und  iemer 
we,  ich  bin  nät  wirdig,  daz  ich  na  heisse  sin  ärmü  wöscherin !   Ich 
engetar  doch  minä  5gen   vor  bittere  schäm  nieroer  me  nf  erhaben. 
Min  mand  mfiz  doch  iemer  me  ein  stnmbe  gegen  im  sin  in  lieb  und  16 
in  leide.    Owe,  wie  ist  mir  in  diser  witen  weit  so  enge!  Owe  got, 
wan  were  ich  in  einem  wilden  walde,  da  mich  nieman  sehi  noch 
horti,  unz  daz  ich  mich  wol  erschruwe  nah  alles  mins  herzen  begirde, 
daz  joch  dem  armen  herzen  so  vil  dest  lichter  wurde,  wan  anders 
trostes  han  ich  nit.    Owe  sAnd,  war  z&  hastu  mich  bracht !    We,  we,  20 
valschA  weit,  dem  der  dir  dienet!  Wie  hast  du  mir  gelonet,  daz  ich 
mir  selben   und   aller  der  weit  ein  burdi  bin  und  iemer  mfiz  sin! 
Owe,  gesah  got  die  riehen  künginnen,   die  riehen  seien,   die  mit 
vrömdem  schaden  sint  witzig  worden,  die  in  ir  ersten  unschulde  und 
reinikeit  an  Hb  und  an  mfit  beliben  sint;  wie  sint  die  so  unwüssent  25 
selig!  Owe,  lutrü  consciencie,  lediges,  vries  herz,  wie  ist  dir  so  un- 
kunt,  wie  es  umb  ein  sündig,  geladen,  sw§.rnmtig  herzstat!  Owe  ich 
aimes  wip,   wie  waz  mir  so  wol  bi  minem  gemaheln,   und  ich  daz 
do  so  wenig  erkande!    Wer  git   mir  des  himels    breit  permit,    des 


2  ist  fehlt  AKaFF'Z  3  sterben  lebent  K  6  allein]  allem  -E* 

7  mir  fehlt  E^  8  verkomen  Z  13  doch  nüt  F^Z  14  getar  E^F^  16  so] 
ze  A'»i^*  17  f.  horti  n.  sehi  E^F  18  unz]  bis  i'^  nah  —  begirde /«W/  E^ 
20  han]  enhab  AK  22  iemer  me  E^  23  riehen  8.]  reinen  s.  FA  24  witzig 
B.  worden  E^  unschulde]  Ursprung  F  25  [an]  miit  AZ  unwissentlich  Z 
26  so  gar  JE;^         27  sündig  gel.  fehlt  F        20  do  fehlt  F 

9  fP.  Hör.  37:  o  motiis  infelicis  optata  praehcniia,  ad  quid  retardas?  Cur 
me  non  tolUs?  0  cordis  humani  fotiitudo  praevalida,  tjuia  tanta  patiendo  non 
deficio!  13  i.  c:  focaria^  lotricis  ofßcio  depatnnda.  22  Job  7,20. 

29  ff.   Hör,  39 :   quis  mihi  det  memhranas  celi  habentes  latitudinem,  atra* 
menium  maris  excedens  quantitatenu  et  caJamos  tot  quot  arhorum  folia  et  pra^ 


r  Ewigen  WeiihEnt. 


KrP- 


21? 


mers  tieffi  ze  tinkten,  lob  und  g^ras  ze  vedren,  daz  ich  Tolschribe 
min  berzleid  and  daz  unwiderbrinklieh  ungetnacb,  daz  mir  daz  leit- 
lich scheiden  vou  minem  geniinten  hat  getan!  We  mir,  daz  ich  ie 
geboren  ward!  Waz  ist  mir  du  me  ze  tünne,  deniie  daz  ich  mich 
5  selber  verwerfe  in  daz  abgründ  der.  leitlicfaen  verzwiflens?" 

Entwiirt  der  Ewigen  Wiaheit:  Du  soll  nit  verzwiflen; 
ich  bin  doch  dur  dich  und  alle  siinder  in  dis  weit  komen,  daz  ich 
dich  widerbringe  minem  himclseljen  vater  in  ala  grozer  gezierde, 
klarheit  und  Interkeit,  als  du  ei  ie  gewnnne. 

10  Derdiener:  Owe.  waz  ist  daz,  daz  da  so  süzeklich  erklinget 

in  einer  erstorbnen,  uugenemen,  hingeworfneu  sele? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Erkennest  du  mich 
nit?  Wie  bist  dn  so  nider  gesigenV  Oder  ist  dir  von  unmessigem 
berzleide   geswunden?     Min  zartes  kint,   ich  bin  es  doch,   du  zarte, 

15  du  erbamiLerzig  Wisfaeit,  du  dn  hat  daz  abgrimde  der  grundlosen 
erbarmherzkeit,  du  da  allen  heiligen  nah  ir  abgrmide  verborgen  ist, 
wit  uf  geschlossen,  [ft3']  dich  und  ellü  rüwigen  herzen  millklicli  ze 
enphabenne.  Ich  bin  es,  dii  süsse,  du  da  arm  und  eilend  wart,  daz 
ich  dich  zö  diner  wirdekeil  widerbrechti ;  ich  bin  es,  du  den  biltern 

20  tod  hat  gelitten,  daz  ich  dich  wider  lebent  macheti.  Ich  stin  hie 
bleich,  blätrar  und  minneklich,  als  ich  stund  an  dem  hoben  galgen 
des  krüzee  enzwüscbcnt  dem  strengen  gerichte  mins  vatters  und 
dir.  Ich  bin  es,  dio  brftder,  Iftg,  ich  bin  es,  diu  gemahel!  Ich  hao 
als  gar  vergessen  alles,   daz  du  ie  wider  mich  getet,  als  ob  es  nie 

S6  were  geschehen,  ob  du  dich  allein  nu  genzklich  zQ  mir  kerest  und 
dich  nit  me  von  mir  scheidest.  Wesche  dich  in  minem  minnerichen, 
rosevarwem  blftte,  richte  nf  diu  h6pte,  tfl  uf  dimi  ögen.  und  ge- 
winne einen  guten  müt!  Nim  hin  ze  einem  Urkunde  einer  gantzen 
B&ne  min   gemabelvingerlin  an  din  band,  din  erstes  kleid,   scliöhe 

30  an  din  füsse  iind  den  minneklicben  namen,  daz  du  min  gemahel 
eweklicb  heissest  und  sieet. 


1  timkten  Ä  ^f.  we  mir,  daz  ich  daz  ie  ^etct,  ive  mir,  daz  ich  ie  g. 

w.  F  4  ward  irehoren  £'  8  dich]  si  J-'  10  da  f'hlt  E'F'  so]  als  ÄKti 
15  [du]  ^rliannh.  y  16  dfi|  daz  AKa  dA/ehll  £>  18  suze  wieheit,  dfl  [da]  £• 
19  iah  b.  —  20  raacbPti  fthlf  E'        35  beschehen  weri  E'        30  miDnericbeu  F 

tomm  gramitut,  ut  persln'ngere  parniem  dohirrm  gimulqut  damnum  irrecaperabiU, 
quod  incurri,  ijuia  dittetum  matm  deirliqai!  Zu  diesen  und  ähnliehen  formel- 
hafitn  Windungen  (»gl.  auch  Bdeit  Kaji.  34  Anfang  und  Em:  76}  reiche  Beitge 
hei  E.  Kilhhr,  Ekine  Sehfiflen  III  flÜ/iO},  äÜS—SlS  iS.  300  Stuge);  Mäüen- 
hoff  und  Scherer,  Denkmälei-  II',  t63ff.  29f.  I.uk.  15,23. 


214  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  V. 

Sihe,  ich  han  dich  als  reht  sar  erarnet ;  dar  nmbe,  were  alles 
ertrich  ein  inbrimstiges  vür  und  legi  enmitten  dar  inne  ein  handvol 
Werkes,  daz  were  von  siner  naturlichen  art  nit  so  geswind  enphenk- 
lieh  der  fürinen  flammen,  als  daz  abgründ  miner  grundlosen  er- 
barmherzkeit  einem  widerkerenden  menschen.  5 

Der  diener:  Owe  vater  miner,  owe  brüder  miner,  owe  alles, 
daz  min  herze  erfröwen  mag,  und  wilt  du  mich  ungenemen  sei  noch 
begnaden?   Owe  waz  gnaden,  waz  grundloser  erbarmherzkeit!     Dez 
valle  ich  vur  din  y&ze,   himelscher  vater,  und  sagen  dir  dank  von 
allem   gründe  mins  herzen  und  bitte  dich,   daz  du  an  sehest  dinen  lo 
minneklichen  einbornen  snn,  den  du  von  ininnen  in  den  bittem  tSd 
gebde,   und  miner  grgzen  missetat  vergessest.     Gedenk,   himelscher 
vatter,    daz  du   hie  vor  Noe   gelübd   und  spreche:    „ich   wil  minen 
bogen  zerspannen  in  die  lüfte,  den  wil  ich  an  sehen,  und  der  sei  sin 
ein  sfinzeichen  enzwischen  mir  und  dem  ertriche.*'   Eya,  na  sihe  in  15 
an^  zarter  vater,  wie  zerspannen  und  zertennet  er  ist,  daz  man  alles 
sin  gebein   und  sin  rippe   m5hti  zelleu!    Lüg,  wie  gerötet,  ergrünet 
und  ergilwet  in  du   minne  hat!    Nu  durschowe,   himelscher  vater, 
dins  [94 ']   zarten   einbornen   minneklichen   kindes  hende  und  arme 
und  füze  so  jemerlich  zerdennet,   sihe  an  sinen  schönen  lip  so  r5s-  20 
varw  und  durchmartret,  und  vergis  dines  zorues  gegen  mir!  Gedenk, 
war  umb  heissest   du  der  erbarmherziger  herre,    der  vatter  der  er- 
barmherzkeit,  denne  daz  du  vergebest?    Daz  ist  din  name.     Wem 
hast  du  din  aller  liepstes  liep  gegeben?  Den  sündem!  Herr,  er  ist 
min,  herre,   er  ist  reht  unser!     Ich  ujnbschlüz  mich   hüt  mit  sinen  25 
zertanen  blozen  armen,  mit  einem  inneklichen  umbvang  des  grundes 
mines  herzen  und  miner  sele,  und  enwil  von  im  weder  lebent  noch 
töte  niemer  me  werden  gescheiden.     Dar  umb  so  ere  in  hüt  an  mir 
und  laze  gnedklich  varn,   wa  ich  dich  ie  erzurnde;  wan  muglicher 
dühte  mich  den  tot  ze  lidenne,  denn  dich,   minen  getrüwen  himel-  90 
sehen  vater  iemer  me  swarlich  ze  erzürnenne.    Wan  alles  liden  und 
vertruken,    noch    helle    noch   vcgfür    klage    ich   nit  so   vil   und   tut 


3  enwere  E^  3  f.  nit  als  enpfenclich  so  geswinde  E^  6  einen  A 
8  owe  w.  gnaden  fehlt  AKU  9  ich  hüt  F  gnade  and  dank  E^  10  allem 
fehlt  F  14  f.  sin  nach  sänz.  AK  16  zarter]  milter  E"^  19  hende  [und]  ^ 
20  f.  rosevarweclich  und  so  durchm.  F  22  erbarmh.]  uiilte  E^  22  f.  der 
vatter  d.  erb.  fehlt  F  erbarmh.]  erbermde  E^  32  helle  und  v.  E^  und 
tat  —  216,1  we  fehlt  F^ 

13 ff.  IM08,  9,13.  81  f.  Ergänze:  was  ich  ah  Strafe  verdient  hübe. 


minem  herzen  ii6t  so  we,  als  daz  ich  dich,  minen  scbepher,  ininen 
herren,  minen  got,  ininen  löaer,  ach,  und  alle  mine  TiSde  nnd  berzen- 
wunne,  ie  erzurnde  und  dir  kein  unere  ie  getet.  Owe,  m6ht  ich 
dar  uiiibe  dur  alle  himd  herzleid  schrien,  daz  min  hei-z  iti  dem  libe 
5  in  tnscnd  Btnk  zerepninge,  daz  teti  icli  gerne.  Und  so  du  mir  min 
miBsetat  ie  luterlicher  vergibeat,  so  e»  mir  ie  berzleider  ißt.  daz  ich 
dinem  grozen  gfite  als  undankber  bin  gesin. 

Und  du,  min  einiger  trost,  zartü  nzerweltü  Ewigü  Wiaheit, 
wie  kan  ich   dir   iemer  voldanken  des  übergüldens  alles  gfites,    daz 

10  du  mit  dinen  wunden,  mit  dinem  ser  versünet  hast  und  gefaeilet  hast 
den  bruch,  den  alle  kreaturen  nit  mohteu  widerbringen!  Und  dar 
umbe,  min  eingü  vröde,  eo  wise  mich,  wie  ich  dinö  minnezeichen 
an  allen  minem  libe  getrage,  in  miner  gehägde  ze  allen  ziten  habe, 
daz  ellü  disü  weit  und  alles  himelsches  her  sehe,  daz  ich  dankber 

16  sie  dem  grundlosen  gut,  daz  du  mir  armen  verlorneu  sele  hast  getan 
allein  von  diner  grundiosen  unmezigen  güti. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Du  solt  dich  und  daz 
diue  mir  vrilich  geben  und  niemer  wider  uemen;  alles,  daz  notdurft 
nit  ist,  daz  sol  von  dir  iinberfirt  stan:  so  sint  din  hende  warlich  an 

20  min  krüz  genegelt;  in  gütü  werk  vrdlich  treten  und  dar  inne  veste 
beliben:  so  ist  din  lingger  vflz  geheftet;  din  unstetes  gemüte  und 
ungesamneten  gedanke  in  mir  steten  und  vestnen:  [94"]  so  ist  din 
rehter  vüz  an  min  kräz  gestecket.  Din  geistlich  und  liplich  krefte 
SOQ  nät  in  lawkeit  lomeu,  sü  son  nach  glichnüs  miner  arme  in  minem 

25  dienste  sin  zertennet  und  zerapannen.  Din  kranke  Hb  sol  ze  lobe 
minen  gfitlichen  heiu  in  geistlicher  äbunge  dik  ermüden  und  in  un- 
gewalte  stan,  sin  eigen  begirde  ze  erfüllenne.  Manig  unbekantes  liden 
pbrenget  dich  zfl  mir  an  mines  krüzea  engen  notatal,  von  dem  du 
wirst  nach  mir  minneklich  und  blötrar. 

30  Diner  natur  darben  sol  mich  machen  wider  blüjend ;  din  willek- 

lichea  ungemach   sol    minem   mieden    ruggen    betten ;   din   kreftiges 


i^net  [hast]  £>£« 
16  gnmdloBeui  gröaseo  J-''H,  fehit  F 
27  erfftU.  fthU  K        SO  mich]  dich  F 


2  eriÖaer  AKE^       3  dir  kein]  dekein  FZ  kein  AKF' 
7  als  fthU  A        gewesen  E'        9  to]  gedankt 
12  [bo]  bewiae  m.  E'         13  an] 
19  eniat  AK       26  minen)  K 
80  f.  williges  E' 

3  f.  Hör,  43:  «t  poatem  »wnc  omrte«  cotlos  replert  elamoribitt  ■'< 
bilibiit  elc.  12  Vsl.  Gal.  6,17.  18  f.  Hör.  1.  e. :  non  aolvm  a  luperßui», 
ttd  tliam  inlerdatn  a  lic'Us  abetineaB.  31  Sor.  43:  dulce  recUnatorium 
ad  quieeetndiim  facia»  per  incommodorum  rnluMaHam  perpesaionem. 


k. 


216  Bttchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  VI. 

widerstan  den  sunden  sol  mir  daz  gemüte  lichteren ;  din  andehtiges 
herz  sol  alles  min  ser  senften,  und  din  nfflammendes  herze  min 
minnendes  herz  enzünden. 

Der  dienen   Ewigü  Wisheit,   na  vollebringe  minen   gflten 
willen  nah  dinem  höhsten  lobe  und  nah  dime  aller  liepsten  willen,    6 
wan  gewerlich  din  joeh  ist  senfte  und  din  burdi  ist  lichte;  daz  wAssen 
alle  die,   die  sin  hant.  enphunden  und   mit  dem  sweren  laste  der 
Sünden  ie  wurden  überladen. 


VI.  Kapitel. 

Wie  betrogen  der  weit  nodnne  ist  nnd  wie  minneklich  aber    lo 

got  ist. 

Minnekliches  göt,  swie  klein  ich  einen  ker  us  dir  tftn,  so  be- 
schiht  mir  als  einem  rehlin,  daz  siner  möter  hat  vermisset,  und  daz 
in  einem  starken  gejegde  ist  und  mit  flühtigen  wenken  sich  uf  ent- 
haltet, unz  daz  es  hin  wider  an  sin  stat  endrinnet.  Herr,  ich  vlühe,  16 
ich  jage  ze  dir  mit  hitzigem  inbninstigem  ernste,  als  der  hirze  z& 
dem  lebenden  brnnnen.  Herr,  ein  einiges  stündli  ane  dich  ist  ein 
ganzes  jar;  ein  tag  dir  vrömd  gesin,  daz  sint  tusent  jar  einem 
minnenden  herzen.  Eya  dar  umbe,  du  seldenzwi,  du  meienris,  du 
roter  rosen  blüjendü  stude,  schlus  uf  din  arme,  zertfl  und  zerspreit  20 
die  geblümten  este  diner  gStlichen  und  menschlichen  nature!  Herr, 
din  antlüt  ist  so  vol  gnaden,  din  mund  so  vol  der  lebenden  werten, 
aller  din  wandel  ist  so  gar  ein  luter  Spiegel  aller  zuht  und  senft- 
mutkeit!  0  du  lütseliger  anblik  aller  heiligen,  wie  reht  selig  der 
ist,  der  diner  süzen  gemahelschaft  wirdig  isti  25 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Es  ist  vil  menschen  dar 
zft  gerufet,  ir  ist  aber  wenig  uz  erwellet. 

Der  diener:  Zarter  herr,  weder  sint  sü  denne  von  dir  oder 
du  von  in  versprochen? 

[95']   Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:    Dez   hab   uf  dinü  30 
inren  ogen,  und  nim  war  diser  gesiht. 

2  herze  sol  min  E^FF^  d  enzündet  AK  4  uu  fehlt  K  5  hohsten 
—  dime  fehlt  AK  8  sÄndo  E"^  10  aber  fehlt  F  12  Der  diener  Fa 
(Z  von  apätaer  Hand)  tüu  von  dir  F  13  hat  fehlt  Z  20  stunde  (!)  K 
21  blugenden  F       22  [der]  lebender  werten  F 

6  Matth,  11,30.  16  f.  Pmhn  41,2,  19  seldenzwi,  wohl  Anspielung 

auf  dm  ÖUweig  hei  der  Sintflut.  26  f.  Matth.  :23,14. 


Der  diener  sah  iif  and  erschrak  und  sprach  gar  mit  einem 
inneklichen  siifzen:  „owe,  geminter  herr,  daz  ich  ie  geborn  ward! 
Weder  ist  mir  reht  oder  troiiiet  tnirV  Ich  sah  dich  vor  in  so  riUcher 
»■chonbeit  und  in  so  lieplicher  Zartheit;  nu  sich  ich  iiit  denne  einen 
fi  armen  vertribnen  eilenden  bilgrin,  der  stat  d5rt  eibermklich  geneiget 
uf  sinen  Stab  vor  einer  alten  zergaognen  stat.  Die  graben  sint  ver- 
Valien  und  daz  gemüre  riset  gar  sere,  denne  daz  noch  hin  und  her 
die  hohen  spitze  dez  alten  gezimbers  höh  af  gagent.  Und  in  der 
stat  ist  neiswas  grozer  raengi,  und  under  dien  ist  gar  vil,   die  schi- 

10  nent  als  wildü  tier  in  meQschlicheii  bilden.  Und  da  gat  der  eilend 
bilgrt  nmb  und  umbe  und  lieget,  ob  im  ieman  die  band  welle  bieten; 
owe,  BO  sihe  ich,  daz  in  du  meuigi  gar  unwertlich  vertribent  und 
von  unniftz,  die  Bii  hant,  kumm  an  gescheut.  Aber  ir  etlichü  und 
doch  wenig  bietent  im  die  baut;  so  koment  du  andren  wilden  tier 

15  und  widerzuckent  daz.  Also  h6r  ich.  daz  der  eilend  bilgri  von  in- 
grund  ellendklicb  ersüfzet  und  spricbet:  „o  himeinch  und  ertricb, 
land  Qch  erbarmen,  daz  ich  dia  stat  so  sur  bau  erarnet,  und  es  mir 
hie  als  reht  Abel  wirt  erbotten,  und  daz  die.  die  nie  kein  arbeit  dar 
umb  gewunnen,   so  lieplich   hie  werdent   enphangen!"   —    Herr,  dia 

20  ist  mir  vor  gesin.  Owe,  minneklicher  got,  waz  meinet  diz?  Weder 
ist  mir  reht  oder  unrecht?" 

Entwurt  der  Ewigen  winheit:  D6  gesiht  ist  ein  gesiht 
der  Intren  warbeit.  Hör  ein  kleglich  ding  und  laze  es  din  milteg 
herz  erbarmen.     Sihe,   ich    bin    der   eilend  vertriben   bilgri,   den  da 

25  sehe;  ich  waz  etweune  in  der  stat  in  grozer  wirdikeit,  du  bin  iofa 
ermkliehe  verellendet  und  vertriben. 

Der  dienet:  Owe,  geminter  herr,  wellti  ist  dii  stat  oder  daz 
Volk  in  der  etat? 


1  uf  fehlt  £'*•*'  2  min  gem.  h.  K  5  armen  fthlt  £■'  7  die 
muren  riaent  AK  U  lieiide  E^F  IS  in  dO  menigi]  bQ  in  f  vertribet 
AKa  15  widerKÜhent  E'  17  so  reht  snr  AKa  18  daz  fehlt  FF'  en- 
kein  AEE'        23  hör]  lierr  K       34  vertriben  fthll  FF'       26  jemerlich  AKa 

1  £f.  Der  folgende  PasnM  itt  im  Hör.  Kap.  6  (43  ff.,  rgl.  äli)  btäeutend 
erweitert  untfr  d*r  Übersehrift :  Planctus  auper  extincto  fertore  devolionif  kt 
divtraU  pert&nU  utriiigquc  ttJ.-us  modtrai  tevtpon's  tte.  Sengt  echßdert  im  ein- 
gelntn  den  Verfall  der  Khetertuc/it  und  fügt  die  alhgoriaehe  Vition  vom  Streit 
du  Widders  gegen  die  Söhne  Gotit»  (=  Kampf  Ludwig  de»  Baiern  gegen  die 
Kurie   und   ihre  Anhänger)    an.  10   Hör.  44 :   quaedam    animalia   veluli 

moneira  marüia  in  tfßgie  huviatia.  20  vor  gesin,    näniUe/i  in  der   Vision. 


218  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  VI. 

Entwärt  der  Ewigen  Wisheit:  Du  zergangen  stat  daz  ist 
ernsthaftes  geistliches  leben,  in  dem  man  mir  hie  vor  so  einberlichen 
dienet,  und  da  man  inne  so  heiliklichen  und  sicherlichen  lebte;  daz 
beginnet  nn  an  menger  stat  gar  ser  zergan.  Die  graben  beginnent 
yervallen  und  die  muren  zerrisen,  daz  ist:  du  andehtig  [95^]  gehör-  6 
sami,  du  willig  armüt  und  abgescheidnü  luterkeit  in  heiliger  ein- 
valtkeit  beginnet  vergan,  denn  so  vil  man  die  hohen  gezimber  etwas 
nswendiger  haltunge  nah  eime  schine  noch  spürt.  Aber  daz  groz 
Yolk,  du  wilden  tier  in  menschlichen  bilden,  daz  sint  welÜichA  herzen 
in  geistlichem  schine,  die  von  üppiger  unmüz  zergankliches  kumbers  10 
mich  von  ir  herzen  vertribent.  Aber  daz  etlichü,  du  mir  ir  hende 
butten,  von  den  andern  underzucket  wurden,  daz  ist,  daz  etlicher 
menschen  gftte  wille  und  anvang  von  der  andren  reten  und  b&sem 
bilde  wirt  verkeret.  Der  stab,  uf  dem  ich  geneiget  vor  in  stftnt, 
daz  ist  daz  krüz  mins  bittern  lidens,  mit  dem  ich  sü  ze  allen  ziten  16 
erman,  daz  sü  dar  an  gedenken  und  mit  ir  herzen  minne  allein  ze 
mir  keren.  Aber  daz  eilend  rufifen,  daz  du  hortest,  daz  ist,  daz  min 
tSd  hie  an  vahet  ze  ruffenne,  und  iemer  me  schriet  über  die,  da 
weder  min  grundlosü  minne  noh  min  bitter  t6d  so  vil  vermugen  in 
ir  herzen  geschaffen,  ich  werde  von  in  Verstössen  und  vertriben.       90 

Der  diener:  Owe,  zarter  herr,  wie  schnidet  daz  durch  min 
herze  und  dur  min  sele,  daz  du  so  reht  minneklich  bist,  und  in 
mengem  herzen  mit  allem  dinem  erbietenne  so  reht  unehtig  bist! 
Ach,  zarter  herr,  wie  wilt  du  es  aber  dien  bieten,  die  dir  nu  in 
diner  eilenden  forme,  in  der  du  von  der  mengi  verworfen  bist,  ir  25 
hende  mit  rehter  trüw  und  liebi  bietentV 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Sweii  durch  mich  zer- 
ganklich  minne  lassent,  und  mich  mit  rehter  trüw  und  minne  allein 
enphahent  und  dar  an  stet  belibent,  die  wil  ich  hie  mit  miner  gbtr 
liehen  minne  und  süzikeit  mehellen,  und  wil  in  an  ir  t5de  min  hende  80 
bieten,  und  wil  sü  in  den  tron  miner  ewigen  wirdekeit  vor  allem 
himelschen  her  erhöhen. 


2  emberlichen  A  4  gar  fehlt  F  5  ser  risen  E^  9  in  mensch- 
licliem  bilde  FF^  12  widerzucket  Fa  13  red  F^  19  [min]  grundl.  m.  A 
20  gesch.  —  von  in]  daz  sü  daz  ungewürme  von  ir  herzen  AKa  (von  ir  fehlt  K) 
23  herzem  A        24  herr  zarter  AK       31  den]  dem  A 

2  Gemeint  ist  das  Klosterleben  (sanciae  religionis  fih'i  ac  professarta^ 
Hör,  45),  Vgl,  die  Schilderung  in  Mersunns  Bilchlein  von  den  neun  Felsen, 
ed,  K.  Schmidt  1859,  29  /.  10  in  geistlichem  Bchine  =  in  habitu  reUgioso 

(Hör.  4öJ. 


'  'S^'cfläi'dM  ÄWigen  Wwäieil.    BMp.  TL 


;  Herr 


i  vil,  die  t 


a  (lieh 


811  wellen  d 
I  zerganklicher  minne  üit  lazen.  Herr,  sü  wen 
dir  gar  lieb  siti,  und  wen  doch  zitlicher  liebi  nüt  deBt  minre  han. 
Entwiirt  der  Ewigen  Wisheit:  Üaz  ist  als  unmuglieh,  als 
5  den  himel  zesamen  trucken  und  in  ein  klein  nuzschalen  beschliezen. 
Sil  beschönent  sich  mit  schönen  werten,  sit  buweut  uf  den  wint  und 
zimbrent  uf  den  regenbogen.  Wie  solt  daz  [96']  ewig  bi  denie  zit- 
liehen  beliben,  bo  ein  zitliches  daz  ander  nüt  niag  erlidenV  Ertrüget 
BJch  selber  berlich,  der  den  künig  aller  klinge  wenet   setzen  in  ein 

10  gemeines  gaethuB  oder  stossen  in  ein  gesundertes  knecbthns.  In 
blozer  abgescheidenheit  »Her  kreatttre  niüz  er  Bich  halten,  der  den 
werden  gast  reht  wil  enphahen. 

Der  dienen  Ach  süzü  wisheit,  wie  siut  sä  so  gar  verz&bert, 
daz  eü  dis  nit  an  sehent! 

16  Entwiirt  der  Ewigen  Wisheit;   Si'i  stant  in  tieffer  blint- 

heit,  Bii  bant  menig  grozes  rechten  nach  vr&deu,  du  in  doch  weder 
ze  lieb  noch  ze  ganzer  vröd  nieiner  werdent.  E  in  ein  liep  beschehe, 
80  begegent  in  zehen  leid,  and  ao  sü  ir  begirde  le  nie  nach  gant, 
80  sü  ie  ungenüklicher  werdent  rerwiset.   Sih,  gotlosü  herzen  müzent 

20  doch  ze  allen  ziten  sin  in  vorhten  und  in  schreken.  Daz  selb  knrz 
rr6dli,  daz  inen  wirt,  daz  wirt  in  als  gar  snr,  wan  es  gat  in  zu  mit 
arbeiten,  und  behabent  eB  mit  grozen  angsten,  ach,  and  verlierent  es 
mit  grozer  bitterkeit.  Du  weit  ist  vol  untrüwen,  valschheit  und  un- 
stetikeit;  wan  des  nutzes  ein  ende  ist  och  der  rrunlscbaft  ein  ende. 

9&  Und  daz  ich  dir  es  kurze:  weder  reht  liep  noch  ganz  vröde  noch 
sleteu  herzenvrid  gewan  nie  kein  herz  in  der  kreatuie. 

Der  dienen  Owe,  zarter  herre,  wel  ein  klegUch  ding  daz 
istl  Owe,  80  menig  edlü  aele,  so  meng  minnendes  herz,  so  menig 
8Ch&n  wünklich  nach  got  gebildetes  bilde,  die  in  diner  gemahelschaft 

SO  kängin  und  keiBeriu  sAltin  sin,  die  himelriches  nnd  ei-triehs  gewaltig 
mAhtin  sin,   daz  sich   die  so  torlichen  verwerrent  und  vemidrentl 


2  herr  —  3  hau  fehll  K  8  zitlioheit  A  IG  wehten  ü'F'  doch 
fe/at  F  32  behaltent  BZa  24  wan  so  F  wod  wa  J-"  igt,  ist  Z  ist,  so 
(da  f )  ist  FF^Ha  2Ö  berz]  raennche  F  in  den  creaturen  F  27  zarter 
ftUt  AKZ        wel]  wie  F'a        30  [die]  himelr.  K' 

7  zimbrent  uf  d.  r.,  im  SprichKort  oft  gebrauchtes  Bild,  t.  B.  Fyttdank 

1,7  •■  vgl.  J.  V.  Zingtrh,  Die  deuitchen  Sprichtoörttr  im  Mittelalter  ISßi,  119 f. 

21—23  Vgl.  Bern.,  sfrmo  43  de  die.  n.  3.  28  Frinrurt  an  WalAer  von 

der  Vogtlweide:  diu  wcrlt  ist  allenihtdbin  ungenädtn  votftd.  Pfeifftr  '1880,  306): 

triuwe,  zuhf  und  em  ist  in  der  weriU  161  (a.  a.  0.  303). 


220  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  VI. 

Wafen,  wafeii;  zarter  got,  daz  sü  sich  selb  so  willeklich  verlierent^ 
wau  nah  dinen  waren  Worten  weger  were  in  d6  grimme  schidange 
der  sei  von  dem  libe^  denn  daz  du  dich,  daz  ewig  leben,  von  der 
sei  mftst  scheiden,  da  du  enkein  stat  vindest.  Owe,  ir  tamben  toren, 
wie  wahset  üwer  groz  schade,  wie  meret  üwer  gr5z6  verlast,  wie  5 
lant  ir  daz  schön,  daz  edel,  daz  wunneklich  zit  da  hin  gan,  daz  ir 
käme  oder  niemer  mugent  widerbringen!  Und  wie  gebarent  ir  hier 
inne  so  vrölich,  als  ach  nät  dar  umbe  si!  Owe,  miltu  wisheit,  wan 
w6stin  sü  and  befanden  ir  selbs! 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Hör  wander  and  jamer:  10 
dis  wAssent  sü,  daz  bevindent  s6  alle  stände,  and  lant  doch  da  von 
nit.  Sü  wüssent  [96^]  es  und  wenn  es  doch  nit  wussen.  S6  be- 
schönent  alles  den  nnganzen  grand  mit  liehtem  schine,  der  doch 
der  blozen  warheit  ungelich  ist,  als  ir  vil  ze  jüngste  bevindent,  so  es 
ze  spate  wirt.  15 

Der  diener:  Ach  zartü  wisheit,  wie  sint  su  so  ansinig,  oder 
waz  meinet  es? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Do  wen  sä  angemach 
and  lidenne  von  mir  endninnen,  und  vallent  enmitten  dar  in;  and 
wan  sä  mich,  daz  ewig  gftt,  und  min  süzes  joch  nit  wen  tragen,  so  20 
werdent  sä  von  der  verhengde  miner  strengen  gerehtikeit  mit  menger 
sweren  burdi  überladen.  Sü  vürchtent  den  rifen  und  vallent  in 
den  sehne. 

Der  diener:  Eya,  zartü,  erbarm herzigü  Wisheit,  gedenk,  daz 
nieman  ane  din  kraft  nüt  enmag.  Ich  ensihe  kein  ander  hilfe,  S5 
denne  daz  sü  ir  eilenden  ögen  uf  zfl  dir  bieten  und  vür  din  gne- 
digen  vüsse  vallen  mit  bitterlichen  trechnen  ir  herzen,  daz  du  sü 
erlüchtest  und  enbindest  von  den  sweren  banden,  da  mit  sä  ge- 
bunden sint. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Ich  bin  in  ze  allen  ziten  30 
bereit  ze  helfenne,  weren  echt  sü  mir  bereit;   ich  gan  inen  nüt  ab, 
sü  gant  mir  ab. 

Der  diener:  Herr,  es  tut  we,  liep  sich  von  liebe  ze  scheidenne« 


1  wafen  nur  einmal  E^  2  waren  fehlt  FF^  grimme  feJilt  F  3  leben] 
gut  AK  4  scheiden  mÄst  E^  7  enmügent  Z  9  sü  es  AKa  11  daz] 
dis  F  des  F^  stunde]  samd  K  17  waz  radiert  Z  21  strengen  fMt  F^ 
22  am  Bande  Job  E^F^Z  24  eya  zartü]  zarter  herre  und  ewigü  F  25  de- 
kein  F^Z       33  scheidenne]  brechenne  Z 

2  f.   Vgl.  Matth,  18 fi,  22  Joh  6,16. 


•Üftehlein  lier  Ewigen  WeisbeiL    K»p."i%- 

Entwürt  der  Ewigen  Wiaheit:    Daz  ist  war,  könde  und 
w61t  ich  nit  iu  liebes  herzen  alles  liep  lieplich  venvesen. 

Der  diener:  Owe  herr,  so  ist  mälich  alt  gewonbeit  ze  lasBenne, 

Entwürt  der  Ewigen   Wisheit:    Es  wirt  aber  noch  vil 
5  mülicber,  die  künftigen  niarter  ze  lideune. 

Der  dienerr  Herre,  bü  sint  vil  lieht  als  geordnet  iu  in  selber, 
ilaz  es  inen  unschediich  ist. 

Entwürt  der  Ewigen  Wiaheit:  Ich  waz  der  bae  geord- 
netest  und  doch  der  lieblosest.  Wie  ma^  daz  geordnet  sin,  daz  von 
10  einer  natur  daz  herz  entribtet,  den  müt  verwirret,  daz  von  inrkeit 
znbet  und  herzenvrides  beröbet?  Es  brichet  du  tor  uf,  hinder  dien 
gAtlich  leben  verborgen  ist,  da/,  sint  die  fünf  sinne.  Es  beruhet 
blugkeit  und  bringet  baltfaeit,  gnadlosi  und  gottee  vr&mdi,  des  inren 
menscben  lavvkeit  und  des  nssern  tragkeit. 
15  Der  diener:  Herr,  sü  dunkel  nit,   daz  sü  so  vil  gehindert 

werden,  oh  echt  daz,  daz  sü  da  minnent,  ist  in  einem  Bchine  eins 
geistlichen  lebennes. 

Entwürt  der  Ewigen  Wiaheit:  Es  wirt  etwenoe  ein 
Inter  5ge  als  schiere  geblendet  von  wiesem  melwe  als  von  bleicher 
20  eschen.  Sich ,  wart  [97  ■]  ie  kein  bisin  dekeines  menscben  so 
UDScbedlich  nlse  daz  min  bi  minen  lieben  Jungern'?  Da  waz  nüt 
unnützer  wort,  da  waz  nüt  verlazner  geberden,  es  wart  da  nit 
höh  in  dem  geiste  an  gevangen  und  in  tieffi  unendlicher  werten 
nider  gelassen;  da  waz  nit  anders  denn  rehter  ernst  und  ganzü 
as  warheit  ane  alle  valscbeit.  Und  doch  so  mfiste  in  min  liplichü 
gegenwürtikeit  enzogen  werden,  e  daz  sü  des  geistes  enphenklich 
weren.  Waz  sol  da  menselilicb  bisin  hindemüs  geben!  E  daz  bü 
von  einem  in  gefüret  werden,  sü  werdenl  von  tusenten  ue  gefürt;  e 
sü  einest  mit  lere  werden  gewiset,  aü  werdent  dike  mit  b6sem  bilde 
30  verwiset.  Und  daz  ich  es  kürze:  als  der  kalt  rife  in  dem  meien 
die  wönklichen  blflst  tcrret  und  verSset,  also  terret  zerganklichü 
minne  allen  gütlichen  ernst  and  geistlich  zuht.  Und  zwiflest  da 
noch  üt  hier  inne.  so  lüg  umb  dich  in  die  blüjenden  achönen  win- 


12  verborgen)  beeuluzeu  £*  14  nsseni   menscben  J^         15  f.  werden 

geh.  K'  16  int  nach  echt  daz  Fl-''  22  ^eberde  E^F  23  und  [iu]  F 
28  tusenten]  vil  tnenirem  AKH        30  verwraet  A        33  achonen  bl&genden  Aa 

25  f.  Vffl.  Joh.  16,7.  Ztenifit  342  Ä.  3  beltgt  dm  Gedanken  ans  Augiuitin, 
Gregor,  Btrtihard,  Hugo  von  St.  Viktor  und  Thomaa;  auch  Stute»  Predigt 
Herum  felinqun  ttt  su  vergkiehen.  33  f.  wiogarten  =  Klöster,  wie  nach- 

her waragarte.     Vgl,  rutn  Folg.  Bern.,  Mrma  63  in  Canl.  n.  G.  7. 


222  Bttchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  VI. 

garten,  die  hie  vor  so  wunklich  in  ir  ersten  blAst  stünden,  wie  gar 
die  verblichen  und  verrisen  sint,  daz  man  inbrünstiges  ernstes  nnd 
grozes  andachtes  wenig  me  spürt.  Aber  daz  tut  den  unwiderbrink- 
liehen  schaden,  daz  es  komen  ist  in  ein  gewonheit  nnd  in  ein  geist- 
lich erberkeit,  daz  da  so  verborgenlich  verwüstet  alle  geistlich  seli-  6 
keit  Es  ist  so  vil  schedlicher,  so  vil  es  nnschedlicher  schinet.  Wie 
ist  so  menge  edle  wnrzgarte,  der  schon  gezieret  waz  mit  wünklichen 
gaben,  und  waz  ein  himelsches  paradis,  in  dem  got  Instlich  waz  ze 
wonene,  der  na  von  zerganklicher  liebi  ze  einem  nnkrntgarten  wor- 
den ist!  Und  da  vor  die  roseu  und  die  lylien  wüchsen^  daz  stat  lo 
nu  vol  dornen,  neslen  und  tistel,  und  da  hie  vor  die  heiligen  engel 
phlagen  ze  wonenne,  da  wülent  nu  du  swin.  We,  we,  we  an  der 
stunde,  so  man  ellü  unnütze  wort,  alles  verlorn  zit,  alles  versumet 
gut  sol  widerrechnen,  so  man  ellü  unnützü  wort,  gesprochnü,  ge- 
dahtü  oder  geschribnü,  heimlich  oder  ollenlich,  wirt  vor  gotte  und  lö 
aller  der  weite  ofFenbarlich  lesende  und  ir  meinunge  ane  alles  bergen 
verstende ! 

Der  diener:  Ach  herre,   disü  wort  sint  als  gar  scharph,  es 
müs  joch  wol  ein  ersteintes  herze  sin,  daz  da  von  nit  bewegt  wirt. 

Minneklicher  [97 '^^J  herr,  nu  sint  etlicliü  herzen  als  zarter  20 
natur,  daz  sü  schierer  von  minnen  denn  von  vorhten  gezogen  wer- 
dent;  und  wan  du,  der  berr  der  natur,  nit  bist  ein  Zerstörer  der 
natnre  —  du  bist  der  natur  ein  volbringer  — .  da  von,  minneklicher 
herr,  so  geben  diser  trurigen  rede  ein  ende,  und  sag  mir,  wie 
du  siest  ein  niüter  der  schonen  niinne,  und  wie  siize  aber  din  25 
minnc  si. 


2  und  feJilt  K  8  tut]  bringet  AK  5  da  fehlt  K'F  6  f.  am  liande 
Bemardus  Z  7  edle]  schone  F^  8  und  [waz]  A  14  so  —  wort  fehlt  F 
16  und  vor  F  10  joch  fehlt  E^  versteinotes  A"^  21  f.  am  Rande  Augfu- 
fltinus  Z        V.  m.  gez.  werdent  denn  von  v.  Z       22  f.  zerst.  [der  nature]  2^ 

7  Dasselbe  Bild  vom  Wurzffarten  bei  E.  S  tag  eh    Viteu  von  Töss  li},  16. 
16  Beim  jünf/sten  Gericht  (Hinnnus  Dies  irae  von  Thnmati  ron  Celano  /"-j-  c. 
I:?ö5] :  Liber  scrijßtus  profcretur^  in  quo  totnm  continttur,  undr  tnundus  iudi^ 
eetur).  21  ff.   Wohl  nicht  Auyustinufi  iai  benutzt,  sondern  Thomas,  6\  Th. 

Iq,  1  n,8  ad  2:  cum  gratia  nou  tollat  natnrnm  sed  perjiciat,  oportet  qund  wa- 
turalis  ratio  subserriat  fidei,  sicut  et  uaturalifi  inclinatio  roluntatiff  obsequitur 
caritati.  Übrigens  lautet  ein  scholastisches  A.riom :  Ijcas  nmi  desttniit  naturam, 
8€d  perficit  eam,  25   1///.  Siravh  :J4,:Jl. 


r 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  Tll. 


Vil.  Kapitel. 
Wie  miiiaekliclie  got  ist. 


Der  (liener:  Herre,  ich  liinderdenk  den  ininiiezng,  als  du 
spricbest  von    dir  selben   in    der  wisbeit   buch:    Transite   ad   me 

5  omnes  etc.,  koment  zft  mir  alle  die,  die  min  begerent,  von  minen 
gebarten  werdent  ir  erfüllet.  Ich  bin  ein  mftter  der  schünen  minne, 
min  geist  ist  süzer  denne  honig  und  min  erbe  über  Lonig  und  bonig- 
Beiu.  Edle  wiu  und  süz  gedöne  erfröwt  daz  herze  nnd  ob  in  beiden 
der  wisbeit  minne. 

10  Zarter  herr,  du  kanet  dich  selber  ab  minneklich  nnd  als  zärt- 

lich erbieten,  daz  ellii  herzen  din  mi^hti  gelüsten  und  einen  seneden 
jamer  nah  diner  minne  haben.  Es  fliezent  du  minnewort  so  leblicb 
iiSBer  dinem  süzen  munde,  daz  sfi  menig  herze  als  krefteklieh  ver- 
wunten  in  Ir  blitjenden  tagen,  daz  in  inen  ellA  zerganklicbü  minne 

15  geiizklich  erlasch.  Eya,  zarter  herr,  dar  nah  jaiiiert  min  herze,  dar 
nah  ellendet  minem  mttte,  von  der  hoi-ti  ich  dich  gerne  sprechen. 
Nu  ßpriche,  min  einiger  uzerwelter  trost,  ein  einiges  w5rtli  ze  minei 
selc,  ze  diner  armen  dirnen,  wan  under  dinem  schatten  bin  ich 
süzklicb  entschlafTen  und  min  berze  daz  wachet. 

20  Entwürt  der  Ewi|2:en  Wisbeit:  Nu  hör,  min  tobler.  nnd 

sihe,  neige  ze  mir  dinü  oren,  tö  einen  kreftigen  inker  nnd  vergisse 
diu  selbes  und  alter  dinge. 

Ich  bin  in  mir  selben  daz  unbogritTen  gilt,  daz  ie  waz  und 
iemer  ist,  daz  nie  gesprochen  wart  und  niemer  gesprochen  wirt.  Ich 

25  mag  mich  wol  dem  herzen  inrlicb  ze  enphinden  geben,  aber  enkein 
zunge  mag  mich  eigenlich  gewfirlen  noh  gesprecbeu.  Und  doch, 
wau  ich  mich,  duz  übernatürüchea,  unwandelberes  gut,  einer  ieklichen 
kreatui'  gib  nah  ir  mngentbeit  in  der  wise,    als  si  min  enpheuklich 

8  der  äienci  fehlt  Jl  5  omiies,  qui  coiiciipiBcitia  me  £'F'  etc.  fthU 
FZ  [die]  die  E*F  7  und  m.  e.  —  honii;  fiMl  F  8  erlrowent  K^F' 
12  Ueblich  ÄFF'  13  suzeii  fthU  F  16  min  F*a  minen  F  25  den 
herEcn  Ka  26  enmag  Z  gewörteu  Z  am  Rande  Difoniaiu«  K'Z  JtXO- 
nimna  F'        27  äl>erna(.,  lelien  F        fi8  nah  ir  wirdckeit  und  ir  muglioheit  F 

4  Sirach  ■J4,2t>.  34:  40,L>0.  18  Hohil.  ä,3:  6,S.  30  Pt.  44,11. 

Vgl,  ium  Folgtnden  Kap.  4  H«r  Vita,  das  Seiue  auch  Mum  Teil  in  die  n-weiterle 
Dantütung  den  Ufr.  c.  H  heretntitla.  23  f.  Denifie  345  A.  3  dtnkt  Mtr  Kohl 

mit  Unrecht  an  den  Irinitariiiehm  Proteia:  die  Erklärung  gibt  vielmehr  der 
folgende  Sau.  27  ff.    Vgl  Dionys.,  De  nom.  Dti  I,  I ;  De  eotl.  hier.  Jl,  3. 


BfichleiD  der  Ewigen  Weisheit.    Ksp.  ^^^ ^ 

ist,  80  bewinde  ich  der  BunoeTi  glast  in  ein  tficfa  und  gibe  dir  g«isi- 
lioheD  sin  in  liplicben  Worten  von  mir  und  miner  eüzen  minne  also: 
ich  stelle  mich  [9S']  zärtlich  vür  ilioes  herzen  Ögen,  nn  xier  und 
kleide  mich  in  geistlicbem  sinne  und  mache  mich  vinlicb  nf  nah 
wnnsobes  gewalt  und  gib  mir  alle«  daz,  daz  zfi  eunderlicher  minne 
und  liebi  und  ze  ganzem  berzluete  diu  herze  bewegen  kan:  sihe, 
daz  ist  alles  und  alles,  daz  du  und  ellü  menschen  k6ndin  erdenken 
von  geatall,  ron  gezierde,  von  gnaden,  in  mir  nnh  wbnklicher.  deiia 
es  ieman  geeprechen  muge.  Und  diserley  sint  du  wort,  in  dien  ich 
mich  mag  ze  erkennen  geben, 

Nu  htir  me:  ich  bin  von  hoher  geburt,  vou  edlem  gescfalecblp; 
ich  hin  daz  minneklich  wort  dex  veterlichen  herzen,  in  dem  nah 
dem  minnerieben  Abgründe  miner  naturlichen  eünlichkeit  in  siner 
blozen  veterlicheit  bein  ein  wiinklich  wolgevallen  sinä  minneklichen 
ogen  in  der  süzen  ufflammenden  minne  dez  heiligen  geistea.  Ich  U 
bin  der  wünne  thron,  ich  bin  der  seiden  krön,  min  ogen  sint  »o 
klar,  min  mnnd  so  zart,  minü  wengel  so  liehtvar  nnd  so  röeesrit 
und  ellü  min  gestalt  so  seh&ne  und  so  wünklich  und  als  dur  wol 
gestalt:  und  sält  ein  mensch  unz  an  den  jongsten  tag  in  eine 
glujenden  oven  sin,  daz  im  nüiwan  ein  anblik  würde,  der  were  den- Jl 
noch  unverdienet.  Sich,  ich  bin  als  wünklich  gezieret  mit  listet 
wat,  ich  bin  so  finlich  umbgeben  mit  gebltmiter  missevarw  dei 
lebenden  bltimen,  von  roten  rosen,  wizeu  lylien,  schönen  violn  und 
allerley  blftmen,  daz  aller  meien  6ch6nü  blüst,  aller  liebten  owen 
gnuiü  ris,  aller  schönen  beiden  zartü  blümlü  gegen  miner  gezierdefl 
sint  als  ein  ruhe  tistel.  Ich  spil  in  der  gotbeit  der  vröden  «pil, 
daz  git  der  engel  schar  vruden  als  vil,  daz  inen  tusenljar  sint  als 
ein  kleines  stündli.  Alles  himelscbes  her  von  nuwen  wundem  gebenl 
mir  ögen  und  nement  min  war.  Irn  5gen  sint  in  minü  gebleukd, 
ir  herz  gegen  mir  geneiget,  ir  sei  und  ir  m&t  ane  underlaz  inmickS 


K  S  gnade  £>  dean  —  9  gcffr. 
!  Wort)  gfit  F  12  f.  nah  [den)  K 
■26  Bchonen  fthlt  F         Sfl  gdeikM 


1  dir  der  ».  gl  Ä"       7  erd.  kondi 
f*kU  ]•'        10  zerkennen  «nag  g.  £' 
82  wat]    varw  i"         so]  als  AKal''' 
ÄKa   gelilendet  F 

I2ff.  T)it  nähert  Erklärung  gibt  Sta»e  Vita  Kap.  öl.  I9ff.  Htr.«». 

fulchritudn  quippt  mta  tania  ett,  ut  ti  qiiii  mafffis  crvciatibtu  mtUtU  ai^ 
«f  txponertt,  at  itl  ad  ieCutn  ocuU  mt  in  decore  tanto  eonapietre  po«»ett  ai«fW 
omni  dubio  lab'ir  proemio  miHu«  adhuc  reipimdtrtt.  26   ümichnibm^  •• 

Bor.  6J.  29  irfi  ögen  dnt  in  mJnA  geblenket  ='  oculoa  iu^iter  in  meJ^su 

habent,  tlaiU  giupinsU  tmltibtu  (l,  c.K 


^^"  Biicbleia  der  Ewigen  WeiBbeil.    Eap.  VU.  225 

geböget.  Wol  im,  der  daz  minnespil,  den  vvbdenta.nz  in  himelscber 
wuone  an  miner  siten,  an  miner  Bchönen  hant  in  vr61icher  eicher- 
beit  iemer  eweklich  tretten  sol!  Ein  eiogee  w6rtli,  daz  da  so  leb- 
lich  ns  klinget  von  minem  süzen  munde,  übertritfet  aller  engel  san^, 
niler  bsrphen  klang,  ellü  süzen  seitenspil,  Eya,  hlg,  ich  bin  ale 
trnt[98']lich  ze  minnenne,  icb  bin  als  lieplich  ze  umbvabenne  nnd 
Bo  zärtlich  der  reinen  minnenden  sele  ze  küssenne,  ä&z  ellü  herzen 
□ab  mir  sÖltln  brechen.  Ich  bin  kleinfäg  und  z(\tetig  und  der  lutren 
sei  ze  allen  ziten  (legenwürtig.  Ich  wone  ir  togenltchen  bi  ze  tische, 
ze  bete,  ze  wege,  ze  stege;  ich  ker  mich  hin,  ich  ker  mich  her. 
In  mir  ist  nüt,  daz  misst^valle;  in  mir  ist  alles  daz,  daz  dn  wol 
gerallet  nah  berzenwnnscb,  nah  sei  begirde.  Sich,  ich  bin  als  gar 
ein  tuter  gfit;  dem  dennoch  in  zit  min  ein  einges  trüphli  wirt,  dem 
wirt  ellü  vröde  und  woUust  diser  weit  ein  bitterkeit,  alles  g&t  und 
ere  ein  hinwerf  und  ein  unwert.  .Sü  werdent,  die  lieben,  von  miner 
süzen  minne  umbgeben  und  verswemmet  in  daz  einig  ein  ane  ge- 
bildet minne  nnd  gesprochnü  wort,  und  werdent  gefrict  und  geäüzet 
io  daz  gät,  dannan  sü  geflossen  eint.  Min  minne  kann  ocb  anva- 
hendä  herzen  entladen  von  dem  swcrcn  laste  der  sünden,  nnd  in 
ein  vries  wolgemQtes  luter  herze  geben  und  ein  rein  ungestrafet 
conscienci  machen.     Sag  mir,   waz  ist  in  alter  diser  weit,  daz  dis 

1  wan  wol  ira  E  der  fröden  tanz  E'  himelschlichet  Z  8  iemer 
fehtt  E*  3  f.  liepUch  FR  4  am  Saiitl  Bernardns  iu  Jnbüo   E>F'F^Z 

6  f.  und  [bo]  K  9  ziten]  dingen  K  ir]  in  A'  9  f.  ze  bet  ze  tisch  F 
10  re  St.  ze  wege  £"         11  [daz]  das  E'Fß         du  fehlt  F'Za  13  [ein] 

einges  K  16  yersweinet  [in]  F  19  sünde  E'  in  fehlt  E'F^  20  rein 
fihlt  F 

1  vrSdenlanz,  ryJ.  Strauch,  Marg,  Ebntr  XLVIII,  4u  und  Anm.  S.  383. 
3  ff.  Vgl.  Slrojih«  2  aus  dem  ^Hj/mnus  rißhmicu»  de  Nomine  Jesu"  (iruer 
opp.  S.  Bemardi,  ed.  Maiilloit  Vtnetiü  1781  III,  797 f.J:  nÜ  canittr  tnaviun, 
nä  auditw  iucandius,  nil  cogitatur  dulciiu,  quam  Jesus  Bei  filiue,  und  Strophe 
ZSt  Jesus  decus  angelicum,  in  aure  dulce  canticum,  in  ore  tnel  tnirifleum,  in 
tordc  nectar  eotlicum.  Der  Byrnnug  ist,  wenn  nicht  vom  hl.  Bernhard  selbst, 
so  doch  in  seinem  Geiste  und  in  seiner  Schule  gedichtet:  vgl.  W,  Bremme,  Der 
Hj/mnui  J.  d.  m.  1899.  Auch  im  folgeiuten  sind  Gedanken  aus  dem  JvbHu« 
vermtriet.  9  f.   Hm:  62:  praesens  in  ehoro,  iiraeaens  in  thoro,    in  menta, 

im  via,  in  claustro,  in  forn.  Vgl.  dazu  Vita  Eap.  5(J  (175,32  ff.)  und  Strophe  6 
des  JubiluS:  Jesum  guaeram  in  leetulo,  clausa  cordis  eubiculo,  privatim  et  in 
pulflico,  quaeram  amore  sedulo.  15  Phil.  3,8.  16  f.  daz  einig  ein  ^  Gatt, 

Belegt  bei  SCraacli,  Marg.  Ebner,  Anm,  eu  Hä,  27.  Hör,  62 :  ipaos  tuo  aeterno 
eopukU  prineipio.  —  ane  gebildet  minne  =  nhne  die  imagines  ei  simtUtudinte 
iHor.  60),  d^en  vAr  auf  Erden  sum  Verständnis  bedürfen. 

U.  S<Bis.  »«BUiibfl  SsbHrMB.  16 


226  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  VII. 

allein  verwegen  muge?  Ellü  disü  weit  m&hti  ein  8ogtan  herz  nit 
widerwegen,  wan  der  mensch,  der  mir  allein  sin  herze  gibet,  der 
lebt  wänklich  und  stirbet  sicherlich,  und  hat  hie  himelrich  und  dort 
eweklich. 

Nu  lüg,  ich  han  dir  vil  worte  gegeben,  und  stan  von  dien  6 
allen  in  miner  minneklichen  Schönheit  als  unberuret,  als  daz  firroa- 
ment  von  dinem  minsten  vingerlin,  wau  es  5ge  nie  gesach  noch  ore 
nie  gehorte  und  in  kein  herze  nie  komen  mohte.  Doch  so  si  dir 
dis  entworfen  ze  einem  underscheide  miner  süzen  minne  und  der 
valschen .  zerganklichen  minne.  10 

Der  dienen  Ach,  du  zarter  wünklicher  veltblftme,  du  ge- 
mintes  herztrut  in  dien  umbvangnen  armen  der  reinen  minnenden 
sele,  wie  ist  daz  so  kuntlich  dem,  der  din  ie  rehte  enphant,  und 
wie  ist  es  so  selzcn  ze  h6renne  dem  menschen,  dem  du  unkunt  bist, 
des  herz  und  mfit  noch  liplich  ist!  Ach  herzkliches,  unbegriffen-  16 
liches  gut,  dis  ist  ein  liebü  stunde,  dis  ist  ein  süzes  nu,  und  in  dem 
müz  ich  dir  uf  tön  ein  verborgen  wunden,  die  min  [99']  herze  noh 
treit  von  diner  suzen  minne.  Herr,  gemeinsami  in  minne  ist  als 
Wasser  in  füre:  minneklichcr  herr,  du  weist,  daz  rehtü  inbrünstigu 
minne  nit  enmag  kein  zweiheit  erliden.  Ach,  zarter  einger  herr  20 
mins  herzen  und  miner  sele,  dar  umbe  so  begert  min  herz  als  innek- 
lichen,  daz  du  sunderlich  liebi  und  minne  zu  mir  hettist,  und  daz 
dinü  götlichen  ogen  hettin  ein  sunderlicbes  lustlich  wolgevallen  in 
mir.  Owe  herr,  du  hast  als  vil  minnender  herzen,  die  dich  herzek- 
lichen  minncnt  und  die  vil  mit  dir  kunnen,  owe,  zarter  truter  herr,  25 
wa  bin  ich  denn  dar  au? 

Entwürt    der    Ewigen    Wisheit:    Ich    bin    ein    solicher 
minner,  der  in  einikeit  nit  wirt  verklemmet  noch  in  der  mengi  ver- 


1  widerwegen  faus  verwegen  korr.)  Z  eniuohte  FZ  7  dinem]  minein 
AK  noch]  und  AKZ  14  den  mensclien  den  F  17  wunder  F  18  [in] 
minne  AF^  24 f.  herzkl.  fehlt  F  27  am  liande  I^>ornardus  super  Cantica 
E'F'F'Z        28  verkleinct  F^        noch  —  28  f.  vermeng.t  fehU  F 

3  Ho7\  6:2:  quodmnmodo  in  pracstnii  r/audia  inchoat,  quae  xur  aeferna 
saecida  durant.  7  f.  /  Kor,  5,<>.  9  Hör.  l.  c. ;  quasi  ax  abrupto  proiecta 

poiius  quam  dicta.  11  Hohel.  2,1.  20  IIor.f!3:  amor  iniensus  socium 

non  paiitur.  non  sustinet  pluraUtatem.  27  tV.  lUrnarduSy  sermn  69  in  Cani, 

n.  2:  pnmo  quidem,  quod  haheat  in  natura  simplicisfiima  sj/'tnsi  diriniias  quasi 
unum  respicere  multos  et  quasi  multos  unum.  Kec  ad  mulfiiudintm  muüus 
eritj  nee  ad  pauvitalem  rarus  etc.     Vgl.  Hör.  05  (verklemmet  =  minoratur). 


menget.  Ich  bio  mit  dir  allein  ze  nllen  ziten  als  gar  bekümbcret 
and  geflissen,  wie  ich  mich  dir  allein  geliebe  und  volhringe  allen, 
daz  zfi  dir  gehöret,  als  ob  ich  aller  ander  dinge  ledig  stände. 

Der  diener;  Anima  mea  ligue facta  est,  iit  djlectns 
5  locutue  est.  Waten,  wafen,  wa  bin  ich  hin  verfüretv  Wie  hin 
ich  so  gar  verwiset,  wie  ist  min  sei  so  gar  zerHoBsen  von  des  ge- 
minten  vröntlichen  süzen  worten!  Eyii,  ker  dinä  liechtä  6gen  von 
mir,  wan  si  hein  mich  gar  verflöget.  Wa  ward  ie  her/  so  hert, 
wa   wart   ie   sei   so   kalt  und    so    lawe,    die    dinü    siizen    lebenden 

10  minnendü  wort  horti,  du  da  so  übermesseklich  fürin  sint,  es  müz 
erweichen  und  erhitzen  in  diner  süssen  minneV  Owe,  wunder  und 
wunder  ob  allem  wunder,  der  dich  also  mit  dien  5gen  sins  herzen 
sehowetj  daz  sin  herz  von  minnen  nit  alles  zerfliizet!  Owe,  wie 
selig  der  minner  ist,   der   din   gemahel  beisset   und  ist!     Wnz  mag 

15  er  eblich  snzes  trostes  und  verborgene  liches  von  dir  enphahen!  Eya, 
si'izü,  znrtü  jungfrow  sant  Agnes,  der  Ewigen  Wisheit  oiinnerin, 
wie  roohtest  du  dich  dins  lieben  gemahels  so  wol  gesten,  do  da 
spreche:  „sin  blftt  hat  minä  wengel  rSsvarwklich  gezieret!"  Owe, 
zarter  heiT,  wan  were  ich  wirdig,  daz  min  aele  hiessi  din  minnerinl 

20  Sich,  were  denn  muglich,  daz  ellÄ  wollust,  eliü  vrAde  und  minne, 
die  diBÜ  weit  gelcisten  mag,  legi  au  einem  nieuscben,  den  wült  ich 
vriliche  dar  umb  uf  geben.  Ach,  [99 'j  gesach  in  got,  daz  er  ie 
geborn  wart  an  die  weit,  der  din  minner  heisset  nnd  ist!  Hetti  doch 
ein  menschi  tusent  libe.   die  sölt  er  dar   umb   wagen,   daz   er   dich 

25  k6nde  erwerben.  0  ir  alle  gottesvründe,  alles  hinielschcs  her.  und 
du,  liebü  jungfrow  sant  Agnes,  helfent  mir  in  bitten,  wan  ich  enwiste 
nie  reht,  waz  sin  minne  was!     Ach,  herze  mins,  leg  abe,  tö  hine 


1  f.  am  Bande  Augustiiii 
5  est  Mit  P       ö  war  AF 
Ihtz  r  10  mÜKle  AKaFF 

22  f.  au  diee  w.  ie  geb.  w.  fP 


18  J'J'F'yZ        ze  a.  z,  alieiu  Ä"        i  aninw  — 
7  liechtä]  muten  J-'       8  gar  fehlt  K'        ie  kuin 
'         17  dich]  dick  K        23  diir  umb  fehlt  AK 
28  dn]  du  h?Z 


I  ff.  Aitgaitinus,  Conf.  III,  11 :  o  tu  hone  oninipoteng,  qui  m'c  curan  unum- 
quemque  nnglrum,  laiiquam  solam  curtf,  U  nie  omnet,  taiiguavt  singulog. 

■i  Hofi*i.  Sß.  7  A.  a.  0.  6,4.  10  es  =  da*  Bert  15  vorborgiMis 

liebes  cie.  ^  quanta  duli-edine  mbi  quideni  soli  noia,  ab  oculin  auletii  catietorum 
t!7vtniium   ahgeondita  pa-fi-aetur   (Hör.  6T_I !  18  Mtl  rf   \at   ex  nre   tius 

tuKipi,  et  »angvi»  eiu»  omar-.it  gaian  meas,  Antiphon  au»  der  Malaiin  de» 
i'ettts  der  hl.  Agnes  (31.  Jart.l  nach  dem  Ilominikanir'  und  römischen  Bre- 
vier. 25  Hör.  l.  e.:  adiuro  vo»  omneg,  o  aelernae  aapiitUiae  ni-dentisHmi 
amatorit,  huiu«  diviniaaimae  »j>on»at  felirittimi  diltrlore».' 


228  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  VH 

alle  tragkeit  und  Ifige,  ob  du  vor  dinem  tSde  dar  zu  mugest  komen, 
daz  du  siner  suzen  minne  enphindest!  Wie  hastu  so  traklich  und 
80  lawklich  da  her  gelebt! 

Owe,  zartUy  schSna,  uzerweltü  Wisheit,  wie  kanst  du  so  reht 
wol  ein  minneklicbes  liep  sin  ob  allem  dem  liep  diser  weltl     Wie   5 
ist  din  minne  und  der  kreatur  so  nngelich!    Wie  ist  es  ein  so  be- 
trogen ding;  alles,  daz  in  diser  weit  minneklich  schinet  und  etwas 
wenet  sin^   so  man  es  mit  heinlichi  reht  beginnet  erkennen!    Herr, 
wa  ich  minü  ögen  ie  hin  gekerte,  da  vand  ich  iemer  ein  ,ni8i^  und 
ein  ^enwere  daz';  wan  waz  da  ein  schön  bilde,  so  was  es  gnadlos,  10 
was  es  schön  und  minneklich,  so  gebrast  im  wise,  oder  hatte  es 
daz  iohy  so  vand  ich  iemer  etwas,  eintweder  von   innen  oder  von 
nznen,   dem  der  ganze  ker  mins  herzen  widersprach.     In   heinlichi 
und  in  kantschaft  fand  ich,  daz  es  sin  selbs  ein  verdriessen  uf  im 
trfig.     Owe  aber  du,  du  Schönheit  mit  grandloser  lützelikeit,  gnad  15 
mit  gestalt,  wort  mit  wise,  edli  mit  tagenden,  richtüm  mit  gewalte, 
inwendigü  vriheit  und  uzwendigA  klarheit,  und  ein  ding,  daz  ich  in 
zit  nie  vand,  daz  ist:  ein  rehtes  widerlegen  nah  genügde  an  kunnenne 
und  vermugenne  und  einem  begirlichen  wellenne  eins  reht  minnenden 
herzen!   So  mau  dich  ie  bas  erkennet,  so  man  dich  ie  lieber  gewinet;  20 
so  man  dir  ie  heinlicher  ist,  so  man   dich  ie  minneklicher  vindet 
Wafen,  wafen,   wie  bist  du  ein  so  grundloses,   ganzes,  luter  g^t! 
Schöwent  ellü  herzen,   wie  die  sint  betrogen,   die  ir  minne  an  üt 
anders  legent!     Ach  ir  valschen  minner,    vliehent  verre  von  mir, 
genahent  mir  niemer  me,  wan  daz  einig  liep  hau  ich  minem  herzen  25 
US  erkorn,  da  herze,  sele,  begirde  und  alle  mine  krefte  allein  gesattet 
werdent   von   inneklicher  liebi,   du   da    niemer   zergat.     Owe   herr, 
könd  ich  dich  uf  min  herz  gezeichen,  könde  ich  dich  in  daz  innigoste 
mins  herzen   und    miner    sele   mit  guldinen   büchstaben   gesmelzen, 
daz  du   niemer  [100']   in  mir  vertilget  wurdist!     Owe  jamer   und  80 
not,  daz  ich  min  herz  nüt  ie  und  ie  da  mitte   bekumberte!     Was 


2  siner]  diner  F  6  f.  [so]  betrogen  FF^  14  früntscbaft  F  18  f.  an  k. 
n.  vermug.  fehlt  F^  19  und  an  v.  F^  reht  minn.]  herrlichen  F^  22  ganzes 
fehlt  E^  25  in  minem  h.  AFF^  26  gesattet]  gesamnet  F^  28  geziechen  A 
geziehen  F 

9  ff.  Hör.  68:  fateor  me  . ..  invenisse  hoc,  quod  in  jn'overbio  dicitur:  qui 
caruere  nüti,  non  sunt  oculis  mihi  visi,  . . .  nam  si  aderat  pulchrüudo  corporis^ 
deerat  formosita^  mentis:  subiectum  delicatum  nonnunquam  morum  incompo- 
ftiiioiie  ...  peccabat:  wise  =  Art  sich  zu  geben ^  feine  Sitte  (eulU)  im  Gegen* 
satz  zur  rusticitas  generis  (l.  c.j.  16  wort  mit  wise  =  Text  und  Melodie, 


habe  ich  von  allen  minen  minnerD,  denn  verlornes  zit,  vervarnu  wort, 
ein  1er  band,   wenig  guter  werke   und  ein   geladen   gewissen!   mit 
gebresten?     Zarter   herr,    tide   mich   e   in   diner   nnnne,   wan   von 
dinen  minneklichen  vüzen  enwil  ich  nienier  me  gescbeidenl 
S  Entwiirt  der  Ewigen  Wisheit:  Ich  värknm  sü.  die  mich 

sftchent  nnd  enphahe  sü  mit  lieplieher  vröd,  die  rainer  minne  be- 
gerent.  Alles,  daz  du  6ch  in  zit  enphinden  mäht  miner  sGzen  minne, 
daz  ist  als  ein  trfiphlin  gegen  dem  mer  gegen  der  minne  der  ewikeit. 


Viri.  Kapitel. 

lu  Ein  nsrichtnnge  drier  dinge,  dii   einem   luinner  aller  meist 
mohtin  an  got  widerslan.     Daz    ein  ist:   wie   er  so  zornlich 
luag  gescblnen  und  doch  so  minnklicli  »in. 

Der  diener:  Ach  zarter  herre,  nu  wundert  mich  drier  dinge 
als  inneklichen  vastc.     Daz  ein  ist;  daz  du  als  überm innekli eh  biet 

lö  an  dir  selben,  und  da  doch  ein  als  gar  strenge  richler  bist  der 
missetat.  Herr,  wenn  ich  mich  hinderdenk  an  diu  grimmen  gerehti- 
keit,  80  schriet  min  herz  mit  senlicher  stimme:  we,  wc  allen  dien, 
die  ieuier  gesündent,  wan  wüstin  sü  die  strengen  rehtvertikeit,  die 
du  also  swigende  will  ane  alle  widerred  haben  von  einer  ieklichen 

20  sünde,  dennoch  von  dinen  aller  liebsten  vriindeii,  sft  söltin  in  selber 
e  die  zene  und  daz  har  ns  zerren,  e  daz  sü  dich  lemer  erzumdin. 
Owe,  din  zomlicbes  antiät  ist  so  gar  grimme,  din  unwertliches  von- 
keren  ist  so  unlidig,  we  mir,  nnd  dinn  vientlichen  wort  sint  so  gar 
fürin,  daK  sü  durchschnident  durch  herz  und  durch  sele.    Owe  herr, 

25  beschirme  mich  vor  dinem  zornlichen  antlüt,  und  gespar  din  räche 
gegen  mir  nit  an  ene  weit.  Sich,  so  ich  allein  einen  arkwan  bab, 
daz  du  von  mineu  verschulten  gebresten  din  antlüt  habest  unwert- 
lich von  mir  gewendet,  berr,  daz  ist  mir  so  nnlidig,  daz  mir  nüt 
in  diser  witen  weit  so  reht  bitter  ist.    Owe,  herre  und  getrüwe  vater 

80  mine,  wie  sSIti  denn  min  herz  din  grüwlicbes  antlüt  iemer  erliden  t 
Ach.  wenne  ich  reht  gedenk  an  din  entstaltes  zomlicbes  antlüle,  so 
wirt  min  sei  als  gar  ergremmet,  ellü  min  kraft  erzittret  als  gar,  daz 


6  m.  BÜzen  minne  F'        11  an  got  fehlt  A 
diener  fehlt  E'H        20  f.   [in  aelber]   e  die   Kene 
23  so  reht  unl.  f        we  mir  fthU  y 
26  nit  g.  mir  E'Z       27  f.  Ton  m.  unw. 


an  s;.  mohtin  Ka         13  d. 

(1.  Iiar  in   lagseo  uz  e.  /' 

id  [durch]  Fa        die  sele  AK 


230  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  IX. 

ich  im  enkein  gelich  kan  geben^  denn  als  so  der  himel  beginnet 
tnnklen  und  swarzen  und  [lOO""]  daz  für  in  dien  wulken  watet,  nnd 
ein  starke  tonre  den  wölken  zerret^  daz  daz  ertrich  erbidemet,  nnd 
denn  du  färin  strale  schüsset  gegen  einem  menschen.  Herr,  nieman 
laze  sich  an  diu  swigen,  wan  gewerlich  diu  stilles  swigen  geratet  5 
ze  jüngste  ze  einem  grimmen  tonren.  Herr,  din  zornliches  antlüte 
dins  vetterlichen  zornes  ist  dennoch  einem  menschen,  der  dich 
vürchtet  ze  erzürnenne  und  ze  verlierenne,  ein  helle  ob  aller  hell, 
—  ich  wil  geswigen  dez  grimmen  antlütes^  daz  die  bösen  an  dem 
jüngsten  tag  mit  herzleide  müssen  sehen.  We,  we  und  iemer  we  lo 
dien,  die  des  grozen  jamers  beitent  sint! 

Herr,  dis  ist  in  minem  herzen  ein  groz  wunder,  und  du  doch 
spricbest,  daz  du  als  minneklicb  siest? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Ich  bin  daz  unwandelber 
gut  und  stan  gelich  und  bin  gelich.  Aber  daz  ich  ungelich  schine,  15 
daz  kumt  von  ungelicheit  dero,  die  mich  ungelich  mit  sünde  und 
ane  sände  sehent.  Ich  bin  minneklicb  an  niiner  nature,  und  bin 
aber  doch  ein  vorhtliche  ribter  der  missetat.  Ich  wil  von  minen 
yründen  kintlich  vorbte  und  lieplich  minne  haben,  daz  sü  die  Yorhte 
zc  allen  ziten  uf  enthalt  vor  sünden,  und  du  minne  mir  vereine  mit  20 
ganzen  trüwen. 


IX.  Kapitel. 

Daz  ander :  war  umbe  er  sich  sinen  vriinden  dik  nah  herzlaste 
enztihet,  und  wa  bi  man  sin  waren  gegenwürtkeit  erkennet. 

Der  diener:  Herre,  es  ist  alles  nah  herzen  wünsch  denn  eins.  25 
Gewerlichen,  berre,  so  ein  sei  recht  kreftlos  wirt  nah  dir  und  nach 
dem  süzen  minnekosen  diner  süzen  gegenvvürtikeit,  herr,  so  swigest 
du  und  sprichest  ein  einig  wort  nit,   daz  man  mug  gehören.     Owe, 
min  herr,   sol  daz  nit  we   tftn,    so   du,   zarter   herr,   bist  daz   einig 


3  daz  daz  —  erbid.  fehlt  AK  7  din  vetterliche  zoru  AZ  10  sehen] 
jehen  F  iemer  me  E^  16  mit  sfmdeii  FZa  17  und  bin  fehlt  K  24  be- 
kennet jP        25  d,  diener  fehlt  H 

19  ff.  Hör,  72:  elecios  meos  in  hoc  mundo  timorem  paritei'  et  amorem  iugittr 
habere  expedit,  ut  et  timor  semper  animam  aoUicitaiis  a  nojciis  reirahat  exces- 
sibusj  et  amor  laetificans  erigat   ad  superna,  23  X.  c. :  suhlractio  diUcti 

contra   votum   diligentia.     Vgl,  zum  ganzen  Kapitel  David  von  Augsburg,   Dt 
compos.  Uly  69,  23  Hör,  73:   nulluni  omnino  das  intelligibile  responsumm 


CaT^Ü  flft*"Effi^üÖ  'iVHBlItat'  ''ääPTUC." 

Hzerweltes  herzliep.    nnd  du  dich  denne  ah  vrßmdeklicli  gebarest 
und  als  stille  swigest? 

Entwürt   der   Ewigen   Wialieit:    Micb    rfttent   doch   alle 
kreaturen,  daz  ich  es  Bi. 
5  Der  (liener:    Owe,  herr,  es  ist  einer  verseneden  sei  hier  aa 

nit  genäg. 

Entwiirt  der  Ewigen  Wisheit:  So  ist  ein  ieklicb  wort, 

daz  Yun  mir  geeprocheD  wiit,  ein  minneb&tlin  zfl  ir  herzen,  und  ein 

ieklicb  wort  der  heiligen  schrift,    daz   von   mir   geschriben   ist,   ein 

10  süzer  minnebrier,   als   ob    ich   in   ir   selber  bete  geschriben.     Sol  si 

dar  an  nit  genügen? 

Der  dienert  Owe,  zartes,  uz[l01 'jerweltes  liep,  nu  weiNt  du 
doch  wol,  daz  einem  minnenden  herzen  ungenftg  ist  allfs,  daz  siu 
einig  lieb,  sin  einig  trost  nit  selber  ist.  Herr,  dn  bist  als  gar  ein 
15  trntlichs,  uzerweltes,  grundloses  liep,  sich,  und  daz  dich  mir  aller 
engel  zungen  sprecfain,  so  tringet  und  ringet  du  grundelos  minne 
alles  nah  dem  einen,  den  si  da  begert.  Ein  minncndü  sele  neme 
dich  doch  vur  daz  himelricb,  wan  du  bist  ir  bimelrich.  Owp  herr, 
du  sAltist,  getörste  ich  es  sprechen,  dien  armen  minnenden  herzen 
so  ein  klein  gel&biger  sin.  du  da  nah  dir  darbeut  und  torrent,  du  so 
mengen  inneklichen  grundlosen  süfzen  naeh  dir,  ir  einigem  liebe, 
lazent  dii  so  ellendklich  nah  dir  uf  scheut  nnd  mit  herzklicher 
stimme  sprecbent:  „revertere,  reyertere!"  und  mit  in  selber  einredent 
und  Bprcchent:  „owe,  wenest  du,  ob  du  in  habest  erzfirnet,  und  ob 
95  er  dich  welle  lazeu  varnV  Weuest  du.  ob  er  iemer  me  dir  welle 
wider  geben  sin  minnekliehen  gegenwnrtikeit,  daz  du  in  mit  dien 
armen  dins  herzen  minneklich  umbvaheBt  und  in  diu  herz  truckest, 
daz  alles  diu  leid  verswindeV" 

Herre,  dis  hörst  dn  und  weist,  und  swigestV 


8  f.  am  Jiandr  Pauli.»  J-^F'F'Z        5  owe,  zniler  herr  AKa        18  wau 
—  himelr.  fehit  F  10  gesprechen  FZ  20  turrenl  nu*  tnirent  korr.  £' 

21  gnudloBeo  /«A»  J"  22  dö  do  eo  /•'  26  f.  üb  er  dir  ieiii<^r  me  nider 
welle  g.  F>        29  du  /eAif  K 

S  Vgl.  Rom.  1,20.  11,36.    Hör.  l.  c:  magnitiido  rt  /.alchntudo  euituliba 
ereatvrac  polerit  pro  m»  rtspondcre.  9  f.  L.  e. :  guamlibtt  paginam  (gacrat 

»eriplurati  pro  Ultra  amorota  . . .  auscipial.  Vgl.  Greg.  M.,  Reg.  V,  46  (Man, 
Orrm.  Ep.  I,  34Ö):  quid  tat  aultm  scriptwa  tacra  nui  guaedatn  epintota  omni- 
polenlig  dei  ad  erealuram  euamy  15  dnz  =  etiamgi  fHor.  74). 

23  Hohtl.  0,12;    einredent  =  eectim  oiifabiUanlur  (Hör.  l.  c.k 


232  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  IX. 

Entw6rt  der  Ewigen  Wisheit:  Ich  weiss  es  and  sihe 
es  mit  begirlichem  herzlaste. 

Du  Wisheit  vraget:  Nu  entw&rt  mir  och  einer  yrage,  sider 
du  als  togenlichen  fündlest :  waz  ist  daz,  daz  dem  h&hsten  geachaf- 
nen  geist  aller  best  smacket  under  allen  dingen?  5 

Der  diener:  öwe  herr,  daz  beger  ich  von  dir  ze  wissenne, 
wan  da  vrage  ist  mir  ze  hohe. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:   So  wil  aber  ich  dir  es 
sagen.     Dem  obresten  engel  smakt   not   baz,   denn   minem   willen 
gnüg  sin  in  allen  dingen;   und  wästi  er,   daz  min  lob  gelege  an  lo 
neslan  uz  brechen  und  ander  unkrut,   daz  were  im  daz  begirlichest 
ze  volbringenne. 

Der  diener:  Ach  herre,  wie  schiehest  du  mich  an  diser 
yrage!  Wan  du  meinest^  daz  ich  mich  halte  ledklich  und  gelazenlich 
an  luste^  und  din  lob  allein  suche  in  hertikeit  als  in  der  sfizikeit.  15 

Entwärt  der  Ewigen  Wisheit:  Ein  gelazenheit  ob  aller 
gelazenheit  ist  gelazen  sin  in  gelazenheit. 

Der  diener:  Owe  herr,  es  tut  aber  als  gar  we. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Wa  wirt  du  tugent  be- 
weret,  denn  in  der  widerwertikeit?  Aber  doch  so  [101^]  wussest,  flo 
daz  ich  dik  kum  und  beger  eines  inganges  in  min  hus^  so  es  mir 
verseit  wirt;  dik  wird  ich  enphangen  als  ein  bilgri,  und  wird  un- 
wirdeklich  gehalten  und  schiere  us  getriben.  Aber  ich  kum  zft  miner 
geminten  selb  selber^  und  hab  ein  minnekliches  wonen  bi  ir;  aber 
daz  geschiht  als  togenlich,  daz  es  gar  verborgen  ist  allen  menschen,  85 
denn  allein  dien,  die  als  gar  abgescheiden  sint  und  miner  weg  war 
nement,  die  ze  allen  ziten  uf  der  läge  stant,  daz  sü  miner  gnade 
gnüg  sien.  Wan  ich  bin  nah  miner  gotheit  ein  luter  wesentlicher 
geist,  und  wirde  geistlichen  in  den  luteren  geisten  enphangen. 

Der  diener:  Zarter  herr^  mich  dunket,  du  siest  gar  ein  tSgen-  80 
lieber  minner;  dar  umb  beger  ich,  daz  du  mir  etlichü  zeichen  gebest 
diuer  waren  gegenwürtikeit. 


5  smakc  E^  6  daz]  des  E^  9  den  obersten  cngeien  F  10  lege  JE^ 
13  diser]   diner  F  15  herzeleit  F         der  fehlt  E'F         21  daz  daz  FF^ 

22  und  w.  —  23  us  getr.  fehlt  K       25  daz  —  tog.  fehlt  F       29  in  d.  1.  geisten 
fehlt  AK  ivL  dem  1.  geist  F 

16  f.  Dieser  Spruch  wird  in  dem  Traktat  von  den  drei  Fragen  (ein  lerer 
sprichet:  ein  gdassenheit  etc,  bei  Denifle,  Taulers  Bekehi'ung  1879,  140)  und 
darnach  in  Rulman  Mersivins  Traktat  von  den  drei  Durchbrüchen  (Jundt, 
Kistoire  du  panthiisme  populaire  au  moyen^äge  1875,  217)  zitiert. 


Eotwärt  der  Ewigen  WisLeit;  Min  waren  gegenwArtikeit 
bekennest  dn  in  keiner  wise  als  wol  als  hier  inne :  ewenne  ich  mich 
birge  und  daz  mine  von  der  seie  gezuhe,  so  wirst  du  eret  inDan, 
wer  ich  bin  ald  du.  Ich  bin  daz  ewig  gfit,  ane  daz  gnt  nieman 
6  DÜt  gutes  hat;  und  dar  umb,  so  ich  mich,  daz  ewig  göt,  als  gütlich 
nnd  als  minneklich  entgösse,  so  gület  sich  alles  daz,  da  ich  )iine 
käme,  da  bi  man  min  gegenwürtikeit  mag  erkennen,  als  die  sunnen 
bi  ir  glaste,  die  man  doch  an  ir  subetanci  nät  sehen  mag.  Befunde 
du  min  ie,    so  gang  in  dich    selber,    und   lerne   die   röeen   von   den 

10  dornen  scheiden  und  die  blümen  von  dem  grase  us  lesen. 

Der  diener:  Herr,  gewerlich,  ich  sftch  und  vinde  in  mir  ein 
gar  groz  unglicheit.  Swenne  ich  etan  in  gelassenheit,  so  ist  min 
sele  als  ein  sieche  mensch,  dem  mit  wol  smaket,  dem  ellö  ding  un- 
lustig sint;  der  lib  ist  trege,  der  müt  ist  swere,  inwendigü  hertikeit 

16  und  BBwendigü  trurikeit.  Mich  verdriizet  denne  alles,  daz  ich  aihe 
und  h&re  und  weis,  swie  gut  es  ist,  vvan  mir  enphallet  alle  glimpf. 
Ich  bin  denne  geneiget  ze  gebresteu,  krank  ze  widerstene  dien 
vienden,  kalt  und  law  ze  allen  guten  dingen,  Swer  mich  an  kumet, 
der  vindet  ein  ödes  hus.    wan    der   wirt  ist   da   beime   nit,   der  da 

2ü  hohon  rat  git  und  von  dem  daz  Ingesinde  alles  wolgemät  ist. 

Herr,  so  aber  der  lichte  niorgensterne  uf  blichet  enmttten  in 
miner  sele,  so  zergat  alles  leid,  es  verswindet  etlü  vinstri  und  gat 
nf  die  lieht  beitri,  herr,  so  lachet  min  herz,  so  [102'']  hüget  sich 
min  gemüte,  so  vröwet  sich  min  sele,  so  ist  mir  als  reht  bohzitklicb, 

26  und  alles,  daz  in  mir  und  an  mir  ist,  verkert  sich  in  diu  lob.  Swaz 
denne  sweres,  müliches  und  unmnglicbes  waz,  daz  wirt  alles  lihte 
und  söze:  vasten,  wachen,  betten,  liden,  miden  und  ellü  strenkeit 
wirt  genzklicb  vernihtet  in  der  gegenwürtikeit.  Ich  gewinne  denn 
menig  groz  vermessen heit.  der  ich  doch  ab  gan  in  gelazenheit.    Di 

80  sei  wirt  mit  klarheit  nnd  warbeit  und  s&zekeit  durchgossen,   daz  si 


4  wer  ich  [hin]  ald  du  bist  E'FF^    (bist  radiml  /.'.J  7  miu  waren 

gegenw.  AKaF  aU  die  9.-8  sehen  mag^  fthit  AK  9  giüg\  lang  K 
11  herr  fehlt  AK  11  f.  [ein]  gar  AK  13  dem  nöt  «-.  smaket  fehlt  AK 
15  allea  des,  daz  AKaF^        16  wan  fehü  AK       26  wirt  dii'  FF' 

9  f.  Domen  und  Gras  btifeuteii  den  tnermehlichen,  Sosen  vnd  Blutnen  dtn 
gBUlkhen  Trogt.  14  Hör.  79:   cordi»  durüia  ac  Spiritus  trigtitia  tentitur. 

19  ir.  c-  pattifamiliag   omnes   domMtieos   btn«dietione  et  hilaritaU  repltus 
abaeueil.  28  f.   Hoi\  SO  deutlkher:   in  ea  quoqut  kora  gmtiae  gpiritvatin 

vitam  tmendare,  morts  corrigere  ac  mulla  bona  facere  propoiio,  •/uae  gratia 
recedenie,  heu,  minimt  ad  effeetwm  perduto. 


234  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  IX. 

aller  arbeit  vergisset.  Daz  herz  kan  siizklieh  betrahten,  dii  zunge 
hob  spreeheD,  der  lip  ellü  ding  geriugklich  an  grifen^  und  swer 
nüwan  gftchet,  der  vindet  denne  hohen  rat  alles,  des  er  begeret 
Mir  ist  denne,  wie  ich  habe  übergangen  stat  und  zit,  und  stände  in 
dem  vorhove  ewiger  selikeitt  Ach  herr,  wer  git  mir,  daz  es  nüwan  6 
lang  werti !  Wan  geswind  in  eime  ogenblike  wirt  es  verzucket,  und 
bin  denn  bloz  und  gelazen,  etwenn  gnü  nah,  als  ob  ich  es  nie  hetti 
gewunnen,  unz  daz  es  aber  nach  herzklichem  jamer  wider  knmt. 
Ach  herr,  bist  du  daz,  oder  bin  ich  es,  oder  waz  ist  es? 

Entwurt  der  Ewigen  Wisheit;  Du  bist  und  hast  von  dir  lo 
nüt  denn  gebresten;  ich  bin  es,  und  dis  ist  der  minne  spil. 

Der  dienen  Herr,  waz  ist  der  minne  spil? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Alle  die  wile  liep  bi 
liebe  ist,  so  enweis  liep  nit,  wie  liep  liep  ist-,  swenu  aber  liep  von 
liep  gescheidet,  so  enphindet  erst  liep,  wie  lieb  lieb  waz.  15 

Der  diener:  Herr  dis  ist  ein  raüliches  spil.  Ach  herr,  wirt 
du  wandelberkeit  üt  ab  geleit  an  keinem  menschen  in  zit? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  An  vil  wenig  menschen, 
wan  du  unwandelberkeit  gehört  zu  der  ewikeit. 

Der  diener:  Welü  sint  du  menschen?  20 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Du  aller  lutersten  und 
der  ewikeit  du  aller  glichsten. 

Der  diener:  Herr,  welü  sint  du? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Daz  sint  du  menschen, 
du  alles  mittel  aller  genötest  hein  ab  geleit.  25 

Der  diener:  Zarter  herr,  lere  mich,  wie  ich  mich  nach  miner 
unvolkomenheit  hier  inne  sül  halten. 


2  beringklich  AK  3  des]  daz  K  5  esj  ich  (!)  iC  11  dis]  da«  £* 
17  unwandeibarkeit  FF"^  18  avi  Rande  Bernardus  E^F'F^Z  26  nach] 
in  AK 

13  ff.  L.  c;  hoc  enim  proprium  amoris  esse  solet^  utj  quanitis  stt,  jyraesente 
amahili  lateat,  recedente  vero  magis  percipiaiur,  17  wandelberkeit  =  Weclisel 

etvischen  fühlbarer  Gnade  und  geistlicher  Trockenheit  (vicissitudo  visitatioms^ 
Hör.  l.  c.  /  ähnlich  auch  Bernardus,  sermo  3:^  in  Cant.  n.  2).  18  Bernardus^ 

De  dilig.  Deo  10  n.  27 :  15  n.  39,  Vgl.  auch  Bdw  Kap.  4  gegen  iSchhiss.  Bor, 
l.  c. :  pauciasimi:  nimirum  tanta  divinorum  in  homine  participatio  siabilitatis 
est  quasi  quaedam  incitoaiio  aeiernitatis.  21  Hör.  Sl:  hi  sunt,  qui  videlicet 

purissimis  affectihus  ah  infimis  abstracti  et  longo  tarn  usu  et  exercitio  deiformes 
quodammodo  effecti  divinis  rebus  continue  uniuntur,  25  L.  c. :   qui  per 

secessum  mentis  perfectissime  omne  medium  dividens  deum  et  animam  tota  ala^ 
critafe  deposuerunt.  27  hier  inne  bezieht  sich  auf  wandelberkeit  gurUck' 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  IX.  235 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Du  solt  in  dien  gAten 
tagen  die  bösen  an  sehen ,  und  in  dien  bösen  der  gftten  nit  ver- 
gessen, so  enkau  dir  weder  übermutikeit  in  der  gegenwürtikeit,  noch 
swarmütikeit  in  gelazenheit  geschaden.  Enmaht  du  von  diner  klein- 
5  heit  dich  noh  nit  min  verzihen  nah  laste^  so  hab  [102^]  doch  min 
ein  gedultig  beiten  and  ein  minnekliches  suchen. 

Der  diene r:  Owe  herr,  langes  beiten  daz  tftt  we! 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Nu  müzz  er  wol  und  we 

tragen,   swer  in  zit  kein  liep  wil  haben.     Es  genüget  nit  dar  au, 

10  daz  man   ein   zit  des  tages  mir  git,   er   mAz  ein   stetes  innebliben 

han,  der  gotes  inrlich  bevinden  wil  und  sinü  heimlichi  wort  gehören 

und  sin  tögen  sinne  gemerken  wil. 

Eya,  wie  last  du  dinä  ogen  und  din  herze  so  unbedahteklicb 
umbe  gan,  und  du  daz  wünklich,  daz  ewig  bilde,  hast  vor  dir 
15  st&nde,  daz  mit  einem  ogenblike  niemer  ab  dir  gewenket!  Wie 
lazest  du  dir  dinn  oren  endrinnen,  und  ich  zu  dir  so  manig  minnek- 
lich  wort  spriche!  Wie  vergissest  du  din  selbes  so  berlich,  und  du 
mit  dem  ewigen  gute  so  gegenwärtiklich  umbgeben  bist!  Waz 
suchet  du  sei  in  keiner  usserkeit,  da  daz  himelrich  so  togenlich  in 
20  ire  treit? 

Der  diener:  Herre,  waz  ist  daz  himelrich,  daz  in  der  seieist? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Daz  ist  gerehtikeit  und 
vrid  und  vröd  in  dem  heiligen  geiste. 

Der  diener:  Herre,  ich  erkenne  an  diser  red,  daz  du  mengen 

26  verborgnen  wandel  hast  in  der  sele,   der  ir  gar  verborgen  ist,   und 

daz  du  die  sele  zühest  in  tögenheit  und  wisest  wol  müzklich  in  die 

minne  und  bekantnüsse  diner  hohen  gotheit,   du   da   vor  allein  be- 

kümbert  waz  mit  diner  süzen  menscheit. 


1  am  Rande  Salomon  E^F^HZ         7  herre  rot  durchgtr,  E^  8  am 

Bande  Bemardus  E^Z  9  benüget  mich  nit  F  16  so  endr.  Z  21  herre 
fehlt  AK  [daz]  himelr.  AK  22  am  Rande  Paulus  E^F'Z  24  rede  wol  E^ 
26  togenlicheit  Z 

1 — 2  Sirach  11,27.     Vgl,  David  von  Augsburg  7.  c,  (ed,  Quaracchi  371), 
3  f.  Hör,  l.  c. :  sie  te  quidtm  nee  in  praeseniia  gratiae  ultra  modum  extoüaSf 
nee  in  ahaentia  ultra  quam  expedit  depHmas.  7   Vgl.  Sprichw,  13,13, 

8   Vgl,  Bemardus j  sermo  51  in  Cant,  n,  1,  10  Hör,  82:  unam  hondam 

temporis.  13  f.  L,  c.:   cur  inquam  vagabundo  corde  et  oculis  tremulis  ac 

in  fines  orbis  terrae  rotatis  stare  coram  tanta  sponsa  praesumis  etc,  ? 
19    Vgl.  Luk.  17,21.  22  f.  Born.  14,17. 


236  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  X. 


X.  Kapitel. 

Daz  drite:  war  nmbe  es  got  slneii  yründen  als  reht  übel  In 

zit  gestattet. 

Der  diener:  Herre,  so  ist  ein  ding  in  minem  herzen,  getfirste 
ich  daz  zu  dir  gesprechen?     Ach,  süzer  berre,  wan  getörste  ich  na  6 
mit  dinem  urlob  mit  dir  disputieren  als  der  heilig  Jeremias!    Zarter 
herr,  nu  zürn  nit,  und  hör  es  gedultklich!    Herr,  sü  sprecfaent  also: 
wie  inneklich  suze  din  minne  und  din  vrüntschaft  si;  so  last  da  si 
doch   dinen  vrAnden   uuder  standen   gar  sur  werden   mit  mengem 
bitterlichem  lidenne,  daz  du   inen  zft  sendest  von  versmechte  von  lo 
aller  der  weit  und  von  menger  widerwertikeit^  beidä  uzwendig  nnd 
inwendig.     So  ein  mensch  doch  erst  getrittet  in  din  vrAntscbaft,  so 
ist  der  erste  trit  dar  nah^  daz  er  sich  bereite  und  bewegenlich  setze 
uf  liden.     Herr,   dar  dinü  giiti^   waz  mugen   sü  süzikeit  hier  inne 
han,   ald  wie  macht  du  es  alles  erliden  an  [103']  dinen   yründen?  15 
Oder  gerüchest  du  es  nit  ze  wissenne? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Als  mich  min  vater 
minnet;  also  minne  ich  mine  vründc.  Ich  tun  minen  vründen  na, 
als  ich  in  han  getan  von  angengc  der  weit  bis  an  disen  hütigen  tag. 

Der  diener:  Herr,  daz  ist,  daz  man  klagt,  und  dar  umb  so  20 
sprechent  sü,  daz  du  so  wenig  vründen  hast,  wan  du  inen  es  so 
gar  übel  in  diser  weit  gestattest.  Herr,  dar  umbe  ist  ir  och  vil,  so 
sü  dine  vrüntschaft  erwerbent  und  sü  in  lidenne  beweret  son  werden, 
daz  sü  dir  abe  gant,  owe,  und  daz  ich  mit  herzklichem  leid  und 
mit  bitterlichen  trehnen  mins  herzen  müs  sprechen,  daz  sü  denne  25 
wider  hinder  sich  gant  uf  daz,  daz  sü  gelazen  durch  dich  hatten. 
Herr  mine,  waz  sprichest  du  hier  zu? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Disü  klage  ist  dero  men- 


4  d.  diener  fMt  F'  5  nu  fehlt  AK  16  nit  fehlt  F         17  am 

Bande  Ewangelium  F^Z        19  in  fehlt  ÄFa        disen]  den  F       20  ist  och  E^ 
da  kla^  F^  21  es  in  Z         22  gest.  in  d.  w.  E^  23  son  bew.  w.  JE* 

28  ayn  Hand  In  collacionibus  patrum  F^F'Z        disü]  du  FF^ 

1   Kaj).  10—12  auch  hei  Wackernagel  a.  a.  0.  1039—52.    Kap.  10  ist 
im  Hör.  83  ff.  (c.  9)  in  titctiterier  und  grossartiger   Weise  durchgeführt, 
6  Jei-m.  12,1  f.  7  sü  =  die  Menschen.  12  f.   Sirach  2,1  f 

17  f.  Joh.  15,9.    Ergänze  nach  dem  Hör.  87 :  mein  (Christi)  Lehen  war  vM 
Leiden^  der  Jünger  ist  aber  nicht  über  dem  Meister  [Joh.  15,18;  Luk.  6y40)» 
28—237,2  Joh.  Cassianus,  Collat.  VI,  2  (Hör.  88). 


"^chlein  der  Ewigen  WeiaSHf.- 

schen,  du  krankes  globen  sint  nnd  kleiner  werke,  lawes  lebenes  und 
ungeübtes  geigtee.  Aber  da,  gemintü,  wnl  uf  mit  diiieni  mflte  osaer 
dem  horwe  und  der  tiefen  lachun  liplicher  wollnet!  EntscblilB  diu 
inren  sinne,  tA  of  dinü  geietlichen  ogen  nnd  \üg,  nim  eben  war,  waz 
6  du  biet,  wa  du  bist  und  war  dn  hurest;  eicb,  so  mäht  du  grifen, 
daz  ich  minen  vründen  daz  aller  minneklicbest  tAn. 

Du  bist  nacb  dinem  naturliehen  wesen  ein  Spiegel  der  gotheit, 
dn  biet  ein  bilde  der  drivaltkeit  und  bist  ein  esemplar  der  ewikeit. 
Und  als  ich  in  miner  ewigen  ungewordenheit  bin  daz  glüt,    daz  da 

10  ist  endlos,  also  bist  du  nach  diner  begirde  gruudelos;  und  als  wenig 
ein  kleines  tröpbli  erschiiBset  in  der  hohen  tiefi  des  raeres,  als  wenig 
erscbnsse  an  der  erfullange  diner  begirde  alles,  daz  du  weit  ge- 
leisten mag. 

So  bitit  du  in  dem  eilenden  jamertal,   in  dem  liep  mit  leide, 

15  lachen  mit  weinenne,  vrM  mit  trurkeit  vermischet  ist,  in  dem  ganz 
vr6de  nie  berz  gewan;  wan  es  trüget  und  lüget,  als  ich  dir  sagen 
wil,  es  gefaeisset  vil  und  leistet  wenig,  es  ist  kurz,  unstet  und 
wandelber;  hut  liebes  vil,  morne  leides  ein  herze  vol,  sich,  daz  ist 
dis  zites  spil. 


)  XI.  Kapitel. 

Von  iemer  werendem  we  der  helle. 

Eya,   min   uzerweltü,    nu   lüg   von    allem   gründe   dins   herzen 
den  kleglichen  jamer.     Wa  sint  nu  alle  die,  die  sich  bis  her  mit 


2  mit  d.  mfite  fehlt  AK        fi  wa  du  b.  fehlt  F        7  am  Bande  I  Äugu- 
BtinuB  Z,  blfiaa  August.  y'F'        8  bilder  F'        14  am  RtMde  HZ        16  ein 
21  we]  not  F' 


herze  leides  vol  AK 


3  f.  Hör.  l.  e. :  Jm  mUem  i»  no«tta  sptrituaU  philotophia  aliler  ingtiluOts 
COHfUrge,  ....  aurge  igitur  dt  vitcosa  obscoettitate  iemporalium   delectationum .' 

7  ff.  L.C.:  tu  namqiu  m  speeulum  dieinitati»,  eo  quod  in  U  prineipaUu» 
quam  in  eeteri»  crtaUtris  dtiis  reluc«at ;  tmago  IHnäatis,  eo  guod  eiu*  imago 
in  te  ngplendeat  (nämlieh  in  den  divt  obersten  Kräften  der  Serie  I :  exemptar 
aeternitali» ,  eo  quod  invialabili  ineamtptione  gaadeas.  Vgl.  Aag.,  He  Irin. 
IX,  3  ff.;  KI,  7  lt.  12;  Bern.,  sermo  46  de  div.  n.  ß:  Thomas,  S.  Th.  1  q.  93  a.  5. 

16  es  :=  was  in  dieaem  Jammertal  i»t.  21  Auch  dieeefi  KapHel  i*l  im 

Hör.  {69 ff.  c.  11)  bedeutend  ei-weittrt;  die  Bestrafung  der  tintelnen  Sünden  leird 
ganz  in  dantesken  Farben  geschildert.  Vgl.  dasu  MeehlhUd  von  Magdeburg, 
Flieasendts Licht  der  Gottheit  ed.  Gull  Morel  1869,  S2ff.;  Hugo  von  Langeinlein, 
Martina  ed.  Keller  1S56.  60.  4.'i—73,  90  und  deuten  t^iullen  .-  Iimocent.,  De  ron- 
temptu  minidi  III.  4  und  Hugo  de  Argent.,   Comp,  tlieol,  veritatia  VII,  33. 


238  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    Kap.  XL 

rftw  und  laste  nider  liczen  in  diz  zit,   mit  Zartheit  und  des  libes 
gemach?    Eya  jamer,  waz  hilfet  sü  [lOS'^]  ellü  d6  vröde  in  dem 
zite,  du  so  balde  mit  dem  kurzen  zit  ist  vervarn,  als  ob  si  nie  were 
worden  ?    Wie  ist  daz  lieb  so  schiere  rbr,  des  leid  iemer  und  iemer 
weren  m&s!   0  ir  tumben  toren!   Wa  nu^  daz  ir  so  vrölieh  sprachent:  5 
„wol  her,  ir  wolgemftten  kinder,  wir  sülen  trurkeit  urlob  geben  und 
sülen  hoher  vr6den  phlegen!"     Waz  hilfet  nu  ellü  du  vröd,   die  ir 
ie  gewunnent?    Ir  mugent  wol  mit  jemerlicher  stimme  rufen:  j,we, 
we  und  iemer  we,  daz  wir  an   dis  weit  ie  geborn  wurden!     Wie 
hat  uns  daz  kurz  zit  betrogen,  wie  hat  uns  der  tot  so  hinderschliohenl  10 
Owe,    ist  ieraan  uf  ertrich   me,   der  noch  betrogen   werde,   als  wir 
armen  eilenden  betrogen  sien?    Oder  ist  ieman,  der  an  vrömdem 
schaden  witze  welle  nemen  ?    Hetti  doch  ein  mensche  aller  menschen 
liden   tusent  jar,   daz  were  gegen  disem   als   ein   ogenblick.     Owe, 
wie  ist  der  so  selig,    der  nie  vröde  wider  got  gesuchte,   der  darch  15 
in  nie  gftten  tag  in  zit  gewan!     Wir  unsinnigen  wanden,   sä  werin 
von  gote  gelazen  und  vergessen,  eya,    wie  hat  er  sü  nu  so  trutlich 
in  siner  ewikeit  umbvangen  und  in  so  grozen  eren  vor  allem  himel- 
schera  herel     Waz  konde  inen  geschaden   alles  daz  liden   und  ver- 
smehte,   die  inen  zu  so  grozen  vr6den   geraten   ist?     W^ie  ist   aber  20 
alles  unser  lieb  so  gar  verswunden!     Ach  jamer  und   not,  es  mfis 
doch  iemer  weren I    Owe,  iemer  und  iemer,  waz  bist  du?   Owe,  end 
an  alles  ende,   owe  sterben  ob   allem   sterbenne,   alle  stund   sterben 
und  doch  niemer  mugen  ersterben !     Owe,    vatter  und  m&ter  und 
alles  lieb  mit  einander,   got  gnad   üch   iemer  und   iemer,   wan   wir  25 
gesehen  üch  ze  keinem  liebe  niemer  me,  wir  müzen  doch  iemer  me 
von  uch  gescheiden  sin!  Owe  scheiden,  owe  ieuier  werendes  scheiden, 
wie  tftst  du   so   we!     Owe   hendschlagen .   owe  grisgramen,   sufzen 
und   weinen!     Owe   iemer  hüwlen   und   rufen,   und  niemer  erhöret 
werden!     Unser  eilenden  ogen  mugen  doch    niemer  anders  gesehen  ao 
denn  not  und  an^st,   unser  oren  nicht  anders  boren  denne  ach  und 
we.     Owe,  ellü  herzen,   laut  üch  daz  kleglieh  iemer  und  iemer  er- 
barmen,  laut  üch  daz  jemerlich   iemer   und    iemer  ze   herzen    gau! 
Owe  und  owe,   ir  l)erg  und   tal,   wes  beitent  ir,   wes    haltent   ir  so 


5  0  ir]  (lio  A  13  witze]  wis  /'  in'men  wello  Jj^  26  iemer  [me] 
AKa  2J»  u.  weinen  fthU  F  30  eilenden  fehlt  A  32  f.  erb.  —  und  iemer 
fthU  F' 

6  Vf/l  Wcish.  i>fi.  16  if.  Wi'lsh.  5,4  f.  25  ^n)t  gfnad  i'ich  =  valete 
(Hör.  03),             34  ff.    Vgl.  Oseas  loß :   Luh.  K>3,30. 


lange  iif,  wes  vertragent  ir  nnsV  War  nmb  beaturzent  ir  uns  nit 
vor  dem  jenierlichen  anblicke?  Owe,  üden  enr  weit  nod  liden  diser 
weit,  wie  bist  du  po  ungelicb!  Owe  [104']  gegen wÄrtikeit,  wie 
blendest  du,  wie  trügeat  du!   Daz  wir  dis  in  unser  blüjeiidenjugent, 

3  in  unsren  schonen  wünklichen  lagen  nit  versahen,  die  wir  so  äppek- 
lichen  verzarten,  owe,  die  niemer  noch  nieiner  her  wider  koment! 
Ach  und  owe,  wan  hcttin  wir  ein  einiges  stündli  aller  der  langen 
vervarnen  jaren,  daz  uns  von  gottes  gerehtikeit  verzigen  ist,  und 
ieraer  ane  alle  züversiht  verzigen  mAz  sinl    Eya,  leid  und  not  niid 

Q  jaraer  iemer  und  iemer  in  disem  vergesenen  lande,  da  wir  vnn  allein 
liebe,  ane  allen  trost  nnd  zTiversicht,  iemer  ine  miizen  gescheiden 
ein!  Owe,  wir  gertin  nit  anders,  wan  were  ein  mftlistein  als  breit 
als  alles  ertrich  und  umb  sich  als  groz,  daz  er  den  himel  allent- 
halben rurti,   nnd  kemi   ein  kleines  vögelli    ie    über   hundert   tusent 

5  Jar,  und  bissi  ab  dein  stein  als  groz,  als  der  zehende  teil  ist  eins 
birskArnlins,  nnd  aber  über  hundert  tiisent  jar  so  vil,  also  daz  es  in 
zehent  stuut  hundert  tnsent  jaren  als  vil  ab  dem  stein  geklubeti,  als 
gi'oz  ein  ganzes  hirskSrnii  ist,  —  wir  armen  begertiu  nit  anders, 
denn,   so  dez  eteines  ein  ende   were,    daz   och    ÜDsrii   ewigft   matter 

0  ein  ende  bete,  —  und  daz  mag  nit  sinl" 

Sieh,  daz  ist  der  jamersang,  der  da  nach  volget  dien  vriinden 
dis  zites. 

Der  diener:   Owe,   strenge  ricUter,   wie   ist  mio  herz  so  in- 
gruntlich  ersuhroken!     Wie  siget  min  eele  so  kraftlos  da  hin  von 

3  jamer  und  erbermde  über  die  armen  seien  1  Wer  ist  doch  in  aller 
der  weit  so  Terrftchet,  der  dis  horti,   er  erzittreti  ab  diser  grimmen 


fi  minnenclicheu  !■'  färsohen  I'J'  9  iemer  me  ASa  10  i,  u.  iiiui^r 
lae  I?  11  ane]  vou  F  II  f.  ein  geaclj.  AK  12  mfilateiii  K'F'H  miiliii- 
alein  A  13  ertrirh  ist  AK  17  kJubeti  K  18  grus  fehlt  F  20  eniuag  /,' 
26  und  von  e.  >'       26  diser]  iler  £' 

10  Hör.  94:    in  terra  kac  oblivionii.  12  ff.   Dasselbe  Gleichnü  cmi 

der  Ewigkeit  mit  der  Einleitung ;  pogita  per  impoasibile,  quod  esMl  etc.  im  Hor. 
l.  e.  Et  begegnet  atm  tucret  bei  Seuge,  dann  sehr  oft  com  15. — IS.  Jh.  im 
Kinäemäi-chtn,  im  Volkilied  und  in  der  Kunttdiehtmig  (t.  E.  bei  S.  Mingwaldt 
und  Ängelu»  Süesiu»),  ging  in  die  religiöse  Erbauangtliteratiti-  über,  und  lebt 
jetst  nu<.'A  im  katholischen  und  prettstanlisvhen  Kirchenlied:  «gl.  die  Belege 
hei  B.  Köhler,  Ein  Bild  der  Emgkeil,  Gtrmania  VIII  (7863),  305—307,  ei-- 
ireileH  in  Kleine  Schriften  II  (J9üO),  37— iT.  Die  Fastung  des  Hor.  findet 
sieh  bei  Ludolf  von  Sachsen  (f  1377  9),  Vita  Christi  c.  88  und  bei  Sionysins 
Siekcl  i\  14711,  Cordiatt  de  quatuor  novingimis,   Cöln   14D3  Bl.  SO'. 


240  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    Kap.  Xu. 

not!  Owe  und  owe^  min  einiges  liep,  laze  min  nit!  Owe,  min 
einiger  uzerwelter  trost,  scheide  dich  niht  also  von  mir !  Owe,  siUe 
ich  also  iemer  und  iemer  von  dir,  minem  einigen  liebe,  gescbeiden 
sin  —  ich  wil  dez  andern  geswigen  —  owe,  jamer  und  not,  ieh 
w61te  doch  e  alle  tage  tusent  stunt  gemartert  werden.  So  ich  doch  6 
nfiwan  an  die  scbidunge  gedenk,  so  möhte  mir  von  angsten  gebrestra. 
£ya,  herr  mine,  zarter  vatter,  tb  mir  hie,  wie  du  wilt,  dez  habe  von 
mir  ein  vries  urlob,  allein  erlaze  mich  dez  jemerlichen  scheidemieSi 
wan  dez  möhti  ich  bi  nüti  erliden. 

Entwurt  der  Ewigen  Wisheit:  Erschrik  nit!    Es  belibet  lo 
in  ewikeit  ungescheiden,  daz  in  zit  ist  vereinet. 

Der  diener:  Owe  herr,  wan  hortin  dis  ellü  du  menschen, 
du  ir  schönen  tag  noch  so  torlich  vertribent,  daz  sä  gewitziget 
wurdin  und  ir  [104'']  leben  bessertin,    e  daz  in  5ch  also  beschehe! 


XII.  Kapitel.  15 

Ton  unmessiger  vröde  des  himelrichs. 

Du  Ewig  Wisheit:  Nu  hab  och  dinn  ogen  uf  und  lüg,  war 
du  hörest.  Du  hörest  in  daz  vaterlant  dez  himelschen  paradyses; 
du  bist  hie  ein  vrömder  gast,  ein  eilender  bilgri.  Und  dar  umbe, 
als  ein  bilgri  ilet  wider  hin  in  sin  heimüt^  da  sin  die  geminten  90 
lieben  vrände  wartent  und  mit  grozem  jamer  beitent,  also  sol  din 
ilen  sin  in  daz  vatterlant^  eya,  da  man  dich  so  gern  sehe,  die  so 
inneklichen  ser  nach  diuer  vrölichen  gegen wurtikeit  belanget,  wie 
sfi  dich  minneklich  gegruzen,  zärtlich  enphahen  und  zu  ir  vrölichen 
geselleschaft  eweklich  vereinen.  Sihe,  und  wistist  du,  wie  su  nach  26 
dir  türstet,  wie  sii  begerent,  daz  du  frumklichen  strittest  in  lidenne, 


9  enmohti  FZ  12  [du]  menschen  F  17  am  Rande  Jeronimus  J^^F^Z 
du  ewig  w.]  der  diener  (!)  F,  fehlt  H  hebe  ÄKa  [och]  iif  d^,  0.  F  20  hin] 
hein  ÄKaF\  fehlt  F  22  hin  in  d.  v.  E^K  24  f.  zu  in  vr.  [ges.  ew.]  ver- 
einen AK        26  von  hier  an  Schluss  des  Buches  tritt  E  ein 

14  Der  U.  Druck  von  1512  hat  hier  (Bl  90^)  wie  auch  Diepenbrock 
(^212)   einige   Zeilen   Zusatz,   der  aber  sicher   unecht  ist.  17  Nimmt  die 

Aufforderung  in  Kap,  10  (237,4)  wieder  auf,  der  jetzt  die  Erklärung  folgt. 
Das  Zitat  bezieht  sich  auf  Hieron,,  ep.  98  (Migne,  Fair.  Lot,  22,  792  f.):  feHi- 
nemus  supemae  laetitiae  festa  celebrare  et  jüngere  nos  angelorum  choiHs,  ubi 
coronae  et  praemia  et  certa  victoria  est  et  desiderata  iriumphantibus  palma 
proponitvr  etc. 


BUchleiu  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  Xn. 

und  dich  ritterlich  haltest  in  aller  widerwertikeit,  die  si'i  überwunden 
bant,  und  na  mit  grozer  süesikeit  äberdenkent  die  strengen  jar,  die 
BÖ  hatten,  dir  were  alles  liden  (teste  lidigur;  wan  so  dn  ic  bitter- 
licher gelitten  hast,  so  du  ie  wirdeklicher  enpliangen  wirst.  Eya, 
5  wie  tfit  du  ere  denn  so  wol,  wie  dnrcligat  die  vr6d  deune  her/,  nnd 
müt,  80  du  sei  von  mir  vor  minem  vatter  und  vor  allem  himelschen 
here  so  erlich  geriimet,  gelobt  und  gepriset  wirt,  dnz  si  hie  in  dem 
stritlichem  zite  so  vil  erlitten,  so  vil  gestritten  und  überwunden  bab, 
da«  meagem  so  vr6mde    wirt,   der  ane   liden    ist  gesin!    Wie  wirt 

10  du  kröne  so  wunklicb  äberschinent,  du  hie  so  sur  erarnet  ist,  wie 
werdent  die  wunden  und  du  zeichen  so  inbrunstküeh  glenzcnde,  du 
hie  von  miiier  minne  enphangen  sint!  Sich,  du  bist  da  in  dem 
vatterlande  als  wol  gefrünt,  daz  der  vrömdest  der  unmezigen  zal 
minnet  dich  miuneklicher  und  getrüwlicber,   denne   kein  vater  oder 

15  kein  müter  ir  einiges  herzklicbs  kint  ie  gomint  in  diser  zit. 

Der  diener;  Owe  berre,  dnr  din  güti,  wan  gctörste  ich  dir 
tiu  gemüten,  daz  dn  mir  noch  me  von  dem  vatterlande  seitist,  daz 
mich  dest  me  dar  nach  jamreti,  und  alles  liden  na  dest  bnz  erlitti! 
Eya,  min  herr,  wie  ist  es  da  in  dem  lande  gesehafen,  oder  waz  tOt 

20  man  da?  Oder  ist  ire  üt  vil,  oder  wiissen  bü  als  wol,  wie  es  hie 
nrab  ÜDB  Btat,  als  dinü  wort  lücbtentV 

Entwürt  der  Ewigen  Wishcit:  Nu  mache  dich  nf  mit 
mir,  ich  wil  dich  [105']  da  hin  vüren  in  betrabtuiige,  und  wil  dich 
einen  verren  anblik  lazen  tun  nach  einer  groben  gltchDÜsse. 

25  Sihe,  oh  dem  uünden  himel,  der  unzallichen  me  denn  hundert 

tusent  stunt  witer  ist  denn  alles  ertrich,  da  ist  erst  ein  ander  himel 
ob,  der  da  heisset  coelum  enpyrenm,  der  fürin  himel,  also  gebeissen 


4  wirst  enph.  A''  5  Jai  liurz  AKa  7  gerumet]  t,'egTiizet  !■'  iinil 
^lobt  AF'Z  dem]  dieem  F  8  erstritten  F  hat  AKa  9  wie  —  10 
ist  fdtU  £■  10  [über]8chiuent  AKaE  12  dum]  diaum  £  13  g^iitmlAK 
in  der  n.  z.  E'  14  ia  dekein  ß'  15  geniinoBÜn  K'  18  doBt)  noch  /' 
19  ea/(Att  £'        20  fit  da  vil  K       27  am  Äant/e  Tliouits  EE'IIZ       der  [diij  J" 

11  Uor.  HB:  solt  elan'u»  ...  micatiunl  mlnera ,  livorea  et  gtigmafa  pro 
noiitint  mto  hie  recspta.  26  Hör.  9<i  nimmt  Sewe  nw  ae/U  Sphäi-w  an, 

nach  welcliiii  das  cotlum  empi/rcum  kommt.  Ühcr  ditii:  miltttalterlichen  Theorien 
vgl.  R,  Wolf,  Handbuch  der  Astronomie,  ihrer  Orxchiehiv  und  Literatur  I 
(1H90),  ha^S.;  Michael,  Oeseh.  des  dwtieken  Volkes  111(1903),  SUlff.:  Phila- 
lethes,  Dante»  G^itl.  Komödie,  E.tkura  zu  Gelang  I  det  ParadiMee  (III,  12  ff.). 
Zur  Beechreibung  der  Fretdun  drg  Himmels  rgl.  Httgo  von  Langenglein,  Mar- 
tina U5,61— ^57,78:  Comp,  theol.  rerit.  Vll,31.  27  Thoma».  In  3  Smt. 
di»t.  3  q.  3  a.  .'.'  und  öfter  •  t.  die  Btltge  bei  Dat.  STä. 


iiioha  SBluitUD, 


16 


McÜMnoerl 


.mgen  » 


mit  von  dem  füre,   allein  von  der  nnmessigen  durg:len2CDde!i  klar 
beit,  die  er  an  siner  nature  hat,  unbeweglich  und  nnt&demlich.    Und 
daz   ist    der  berlicb  bof,    in  dem  daz  liimelsch   ber   wonet.    to  dem 
mich  mit  einander  lobet  daz  mettigeetirne  und  jubiliereut  ellü  gölten 
kint.     Da  Btant  die  ewigen   stüle  umbgeben  mit  unbegrifTenlicheni  i 
Hechte,  von  dien  die  bösen  Reiste  wurden  verstosseo,  dar  die  oztr- 
welten  börenl.    Sihe,  du  wunklich  stat  glenzet  hin  von  durecfaUgem 
golde,  fii  lühtet  hin  von  edlen  margariten,  durlcit  mit  edlem  gegteine. 
durkleret  als  ein   krigtalle,   widersobinent  von  röten  rösen.  wissen 
lylien  und  allerley  lebenden  blQmen.    Nu  Ifig  selber  nf  die  schÖDcn  lo 
himelscben   beide:    bey,    hie    ganzü   sitmerwunne,   bie   dee   lieoblen 
meien  öwe,  bie  der  rebten  vr6den  tal!    Hie  sihet  man  vr6licb  ögeii- 
blicke  von  Heb  ze  liebe  gan;  bie  harpben,  gigen,  bie  singen,  springen, 
tanzen,  reien  und  ganzer  vröde  iemer  phlegen ;  bie  Wunsches  gewall,    i 
hie  lieb  ane  leid  in  iemer  werender  Sicherheit.     Nu   Iflg   nmb  dicb  II 
die  unzallicben  mengi,  wie  sii  uz  dem  lebenden  usklingenden  bmuneD 
trinkent  naeb  aller  ire  herzen  girde.    Lüge,  v/ie  sü  den  lutreu  klares 
Spiegel  der  blozen  goiheit  an  sterent,  in  dem  in  ellü  ding  kund  vai 
offenbar  sint. 


6  dien]  ilem  i'        7  am  Hände  Johaimts  in  apociiljpsi  KE^Z        9  wider 
achinot  E'Fa  10  lebender  AKa  11  gumerweide  F  14  IroideD  K 

17  trinket  E        begirde  E^Fa        16  in  fehlt  F 

II.  Hör.  l.  e.:   uniforme,  irnmobile,  luminositatig  perfeetM  et  capaeltdb 
immtnaae  .*  ontÖdemlich  ^  irtcoi-ru-pUbile.  4  Job  38,7.  6  Bor.  l.  e.:  A 

quäiH*  ille  infelix  »urntrun  eptrituum  malitfnorum  coirums  eleclorvm  nunmv 
r^arandu«  erit.    Ifack  scholwitiechtr  Anskhi  AÖnnsn  durch  GoIUm  Gnadi  lU* 
Mengehtit   den  Enyeln  der  einMlntn  Chüre  in  der   Glorie  glHehkammm  aarf 
sollet»  die  Zahl  der  gefallenen  Engel  »-leiten ;   vgl.  Thoma»,  S.  Th.  1  q.  61  a.  ^ 
nd  3;  q.  IVB  a.  8:  Comp,  theol.  vtrit.  II,  34.  7  ff.  Äpok.  H.iOß. 

11  ff.  Hur.  97:  hie  vemnlis  atHoenitas,  auiumtiali«  fecvndittu,  terenüa*  ttiH — ' 
valis,  iocunditae  nupttalie  (vgl.  Comp,  theol.  ver,  l.  e.) ;  hie  taüie  gauäiofa,  tim^ 
awarMa.  Jfi'e  eaelestex  hartnoniae  pereonant,  divinae  figiBae,  rocee  itibihia^^ 
decantant.  Hie  laetahutida  plavdvnt  agmina  ae  latUe  se  miectitl  moditlawa»^ 
chorie,  hie  choreae  virginum  curaitanltt  poal  dominum,  Ate  utta  ox  laeUtnUmm- 
et  unui  ardor  cardittm.  14  wniucbeB  gcwalt  =  deleelabiliuui  eopta,  ajUr- 

büium  afßuentia  iHoi;  l,  c.t.  16  lubender  usklingender  bninne,  «yl.  Vü^ 

Kap.  3t  (9ä,iy}.  Hör.  l.  c:  fanialt  principium.  Di*  AuKhauung  i*t  ir^ 
mütelallerlichen  Symbolik,  an  Pa.  41,3  anldtnend,  sehr  geläufig  (Dwanättm 
national«  aß2  n.  ^6).  Seuea  SehUdcung  erinnert  an  das  Mittelbild  dee  GttOtr^ 
AUarta  (Anbetung  de»  Lamme* I  von  den  Brädem  van  Epck.  18  Ber.Le^ 

apecvliim  illud  divinietimum ,  in  quo  omnia  relueenl.  Nach  der  XcW«  4>^ 
Theologen  »ehen  die  Seligen  atle»  m  Golt,  vgl.  Kirthentei:.  XI',  93:  I*,  8?8/. 
Hör.  176:  haec  (beatH  in  ilro  perftcle  inluenlar. 


ä 


VerstU  dich  noch  värbaz  und  \iig,   wie  du  säx  känigin  des 

[     hinielacben  landes,  die  du  so  herzklich  minneet,   mit  wirdikeit  und 

I      vr6deii  obswebct  allem  himelscbem  ber,   geiieiget  von  Zartheit  uf  ir 

geminteD,  umbgebeii  mit  dien  blfimen  der  ruseD  und  dien  lylieD  con- 

16  vfiUiiim.     Lftg,    wie   ir   wiinklicbü   scfaonbeit   wtinne   und   vi&d   und 

waiider  pt  allem  bimelecbem  ber.     Eya,  tö  nu   ein  gesiht,  du  din 

herz  und  dineii  mflt  erbüget,  und   Ifig,   wie   dii   mfiter   der   erbarm- 

beneikeit  du  ügcn,  dil  millen  orbarmberitigen  ögen  hat  so  milleklich 

gekeret  gegen  dir  und  gegen  allen  sündern,  und  wie  ge[l Oö'^jwaltklich 

rsi  schirmt  und  sünet  gegen  ir  geminten  kinde. 
Nu  kere  dich  mit  den  5gen  der  iutren  verstentnüsse  und  Kig 
''  ocb,  wie  die  hoben  Serapbin  und  die  rainnrichen  seien  des  selben 
i  koreb  ein  inbrünstiges  ufflammen  hein  aue  nnderlaz  in  mich,  wie 
die  lieehten  Cherubin  und  ir  geselscbuft  bein  einen  liecbten  influz 
und  usguz  mines  ewigen  und  unbegriffenlichen  tiehtcs,  wie  die  hoben 
throne  und  dii  schar  bein  ein  niizes  röwen  in  mir  und  ich  in  in. 
So  schowe  denue,  wie  du  ilriheit  der  anderen  schar,  die  heracber, 
kreftger  und  gewaltscber  ordeulicbeu  volbringeut  die  wiinklicben 
ewigen  ordnunge  in  der  allichcit  der  nature;  lag  öcb,  wie  du  drit 
iBchar  der  engelscblieben  geisten  volbringent  min  hohen  botschaft  und 
rain  gesatzd  in  dien  sunderlichen  teilen  der  weit.  Ach,  nu  log, 
berz-klicben  wünkÜL-h  und  ungelich  di'i  gros  mengi  geordenot 
Vel  ein  sehSne  anblik  dis  ist! 
So  ker  daz  Öge  hin  und  lüg,  wie  min  iixcrwelten  junger  und 
■in  aller  liepsten  vn'tnd  sitaent  in  so  grozer  rflw  und  ere  uf  dien 


3t.  am  fiandd  BernardUB  Al.'Z  6  nu  l.ü  Al'''tt  nii  tfi  im  KK  11  f.  am 
I  *»»■«*!  Dyonisius  de  (in  fJ'F')  celosü  ierarchja  EK'^F'Z  12  och  fMl  F 
}  lÖ  js-vigeu  [und|  AKKK'H  16  uinl  ich  in  io  fthll  F'  ich  io  im  vJ  17  sei 
J^etiS-wtc  —  23  anblik  dis  ist  fehlt  AK  drifaltilteit  FF'  18  ordunlicliet  F'F 
"       und  in.  gcsiiK<l  fflUt  E        2:2  wfmkliclien  Ea 

2  ff.    Bernardm,  «ermo  I  in  Axsumpt.  B.  V.  Mariac  und  snmo  in  Nativ. 

Äntterdem   ist   der    ViUi    Kap.  30   llll,lS)   tÜitrU   Alitrhäli'jmhymnm 

"•****(.  3  Hohe!.  tt,ö.  4  Ebd.  3,1  lAnli/ikon  btim  Magnifikat  m  drr 

f  0«««  t   poH    Mariü    Himmt\fahn    nach   dem    Dominilianerbreokr).  8    ^'gl. 

B  Begina:  illos  tuog  müericordM  ovitlor  ad  ttn»  convtffr.  9f.  Hör.  I.  q.: 

«  imperitm»  H  p'iltnter  omnibiis  imprrat,  miifros  defmdit  H  rtos  mtonciliat, 

[  ''s*-    Birnardw/,  »ermo  iii  Naiie.  B.  V.  Mariae  ii.  7;  »trma  ä  in  ftutii  Pentec.  n.  4. 

1 1  ff.   Dionynina,  De  cotl.  Ai«c.  c.  7  ff.    Vgl.  Pkilakthct,  Dante,  Note  IM  tu 

G<**Hijf  iW  d^ls  PaiadiMt»  (III,  34Hß.l.  12    Vgl.  Anm.  eu  343,6. 

17  ff.  Die  iieeitt  (Hermehafteit,  GtiralUn,  M/Itihtt)  '■eiic.  dritte  fFOrtttnlümei; 
i^etnytl,  Enget)  Uierarfhie.  24f.  Hör.  96:  ajioMoli  et  amici  mti prateipui. 


244  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  Xu. 

erwirdigen  rihtstulen,  wie  die  martrer  schineDt  in  iren  risenroten 
kleidern,  die  bihtere  iuhtent  in  grünender  Schönheit^  wie  die  zarten 
jungfröwen  glenzent  in  engelscher  Interkeit,  wie  alles  bimelsches  her 
hin  vlüsset  von  götlicber  süzikeit.  Eya,  wel  geselBchaft,  wel  vrftlich 
lant!   Gesach  in  got^  daz  er  ie  gebom  wart,  der  iemer  hie  wonen  sei!  6 

Sibe,  in  dis  vatterlant  vüre  ich  ze  base  min  lieben  gemahel 
ander  minen  armen  von  dem  eilende  mit  der  hohen  richeit  irre 
riiicben  morgengabe.  Ich  zier  si  inwendig  mit  der  schönen  wate 
des  Hechtes  der  glorie,  daz  si  uf  erbebt  ob  alle  ir  natürlichen 
mngentbeit.  Si  wirt  uswendig  gekleidet  mit  dem  geklerten  libe,  der  10 
siben  stant  liecbter  wirt  denn  der  sannen  scbin,  schnei,  kleinfug  und 
anlidig.  Ich  setze  ir  nf  ein  wankliche  guldin  kröne,  und  dar  uf 
ein  guldin  krentzli. 

Der  diener:  Zarter  berre,  waz  ist  du  morgengabe,  und  waz 
ist  da  kröne  und  daz  gemeite  krenzliV  16 

Entwürt  der  Ewigen  Wisbeit:  Du  morgengabe  ist  ein 
offenbares  schöwen  des,  daz  du  hie  allein  gl5best,  ein  gegenwärtiges 
begriffen  dez  du  hie  dingest,  und  ein  minneklicb  lustliches  niessen 
des,  daz  du  hie  roinnest.  So  ist  da  schön  kröne  wesentlicher  Ion, 
aber  daz  gemeit  krenzli  ist  zfivallender  Ion.  20 

Der  diener:  Herr,  waz  ist  daz? 


1  ewirdigen  E^  en^idigen  A  wirdigen  J''  ewigen  F^  4  hin  vlüssent  AK 
wel  ein  ges.  AKaKH  6  daz  E^FF^  7  von  dem  eUende  u.  m.  armen  E^ 
9  ob]  über  AKaF^  10  so  wirt  ai  F  gekleid]  gekleret  AK  12  guldin] 
gemeite  F^  16  am  Hände  Thomas  EE^F^Z  18  des  das  K,  das  von  aii- 
derer  Hand  Z        20  aber  —  Ion  fehlt  F 

1  f.  L.  c. :  martyres  ititilant  roseo  colortj  confessores  radiatU  igneo  ful^ 
fjore^  virgine^que  emicant  niveo  candore.  An  den  Festen  der  Bekenner  gc^ 
brauchte  m<in  im  Miiielalier  in  manchen  Diözesen  yrüne  Paramente,  vgl. 
Kirchenlex.  JF*,  1230.  9  liecht  der  glorie.  lumen  gloriae  (vgl,  Ps.  35, JO) 

=  übernatürlich  verliehene  Fähigkeit  zur  Atischauung  Gottes  {Kirchenlex.  /*, 
881  ff.:  vgl.  iJenifle  Bvga  XXXIXy  208).  11  Eigenschaften  des  verkläfien 

Leibes  sind  nach  den  Theologen:   clariias,   agilitaSy   snbtilitas,   impassibilitaa ; 
vgl.  Comp,  iheol.  verit.  VII,  :J6:  Kirchenlex.  r\  IfJOOf.  12  Vgl  II  Mos.  26,25. 

16  if.  Thomas,  In  4  Sent.  dist.  40  q.  4  a.  5  (vgl  6\  Th,,  Suppl  q.  95)  handelt 
von  den  dotes  animae:  visii),  dilectio  (bei  Stuse  comprehcnsio),  fruitio,  tcelche 
den  theologischen  Tugenden  des  Erdenhbens  €ntsprech(.n.  Vgl  auch  Comp,  iheol. 
verit.  VII j  24  ff.  19  Uor.  l.  c:  per  coronam   auream  praemium  intfllige 

essentiaUj  per  aurtolam  vero  }/raemium   accipe  accideniale :  vgl.  Thomas,  In 
4  Sent,  dist.  49  q.  5  a.  1. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  Xu.  245 

Entwart  der  Ewigen  Wisheit:  Zftvallender  Ion  lit  an 
sonderlicher  vröde,  die  du  sei  gewinnet  von  sunderlichen  und  erwir- 
digen  werken,  mit  dien  si  hie  gesiget  bat,  als  die  hoben  lerer,  die 
starken  martrer  und  die   reinen  jungfrowen;   aber  wesentlicher  Ion 

5  lit  an  scfaöwlicher  vereinunge  der  sele  mit  der  blosen  gotheit,  wan 
e  gerüwet  si  niemer,  [106']  e  si  gefüret  wirt  über  alle  ir  krefte  und 
magentlieit,  und  gewiset  wirt  in  der  personen  natürlich  wesentheit 
und  in  des  weseus  einvaltigen  blozheit.  Und  in  dem  gegenwurfe 
vindet  si  denne  genügde  und  ewig  selikeit;  und  ie  abgescheidner 

10  lediger  usgang,  ie  vrier  ufgang,  und  ie  vricr  ufgang,  ie  neher  ingang 
in  die  wilden  wüsti  und  in  daz  tief  abgründe  der  wiseloson  gotheit, 
in  die  sü  versenket,  verswemmet  und  vereinet  werdent,  daz  sü  nüt 
anders  mugen  wellen,  denn  daz  got  wil,  und  daz  ist  daz  selb  wesen, 
daz  da  got  ist,   daz  ist,   daz  s6  selig  sint  von  gnaden,   als  er  selig 

15  ist  von  natur. 

Eya,  nu  hab  uf  vr6Iich  din  antlüt,  vergisse  ein  wile  alles  dines 
leides,  verkül  din  herz  in  diser  vinstren  stilleheit  mit  der  lieben 
geselleschaft,  die  du  so  t5genlich  schöwest,  und  lüg,  wie  rosenrot^ 
wie  durwünklich  du  antlüt  schinent,   du  hie  so  dik  schamrot  durch 

20  mich  wurden.  Hab  uf  ein  wolgemütes  herze  und  sprich  also:  „wa 
nu  du  bitterlieh  schäme,  die  üwer  reinen  herzen  so  gar  durchtrang? 
Wa  da  geneigten  höbt,  du  nider  geworfenen  ogen,  wa  du  vertruckten 


2  sunderl.  froden  E^  2  f.  ewirdigeu  E^  3  hohen  1.  —  4  und  die 
fehlt  AK  4  Ion  —  5  schowl.  feMt  F  10  und  ie  v.  ufg.  fehlt  F  [und]  ie 
frier  [ufgang]  E^  11  und  [in]  ÄKE  12  am  Bande  Bernardns  ad  fratres 
de  monte  (Dei  E)  EE^F'F^Z  13  wesen  —  14  daz  ist  fehlt  AK  16  din 
frolich  antlüt  £' 

Iff.  Hör,  l,  c,  wöi'tlich  nach  Thomas  l.  c:  accidentale  pramiium  (Thomas: 
aureola)  est  quoddam  gaudium  de  operibus  a  se  factisy  quae  habent  rationem 
victoriae  excelletitis.  Zur  Sache  vgl.  Comp,  theol,  verit,  VII,  29 f.;  Blume  der 
Schauung  bei  Preger  11,430:  Kirchenlex,  l'\  1696  ff.  4  f.    Hör.  l.  c.  wie 

Thomas:  praemium  essentiale  consistit  in  perfecta  coniunctione  animae  cum 
Deo  (Thomas:  ad  Deum)^  in  quantum  eo  perfecte  fruitur  ut  viso  et  amato  per- 
fecte*  10  2/.  c;  quanto  nunc  perfectius  temporalia  cuncta  reliquerit,  tanto 

liberius  ad  contempkUionem  spiritualium  consurgit.  11  wilde  wüsti  der 

gotheit,  vgl.  Strauch,  Marg.  Ebner  301,  A,  zu  76,18:  Denifle  im  Archiv  II,  456. 
12  ff.  Guigo  Carthusiensis,  Epistola  ad  Fratres  de  Monte  Dei  II,  3  n.  16 
(inter  opp.  S.  Bern.  ed.  Mabillon  III,  204,  Venetiis  1781) :  vgl.  Bernardus,  De 
dil.  Deo  15  n.  39.  Die  Lehre  von  der  deificatio  ist  in  Kap.  5  des  Bdw  aus- 
führlicher behandelt.  17  Hör,  99:  in  hac  quietissima  pausatione  iocundissi- 
fiM4  soci$tatis. 


246  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    Kap.  XIL 

berzleid^  die  inneklichen  8Üfzon  und  die  bitterlichen  trehne?  Wa  du 
bleichen  antlüt,  du  groz  armut  und  gebi*esten,  wa  nn  du  erbermklich 
stimme:  „ach  herr,  owe  got,  wie  ist  mir  so  herzklich  wel"  Wa  alle,  die 
üch  versmaliten  und  vertrukten?  Wan  h6rt  nit  me:  „wol  her  striten, 
wol  her  kcmphcn^  wol  her  vehten!^  nacht  und  tag,  als  der  an  die  5 
heiden  vihtet.  Wa  nu,  daz  ir  inwendklicb  ze  tusent  malen  spracbent 
in  gegen würtikeit  der  gnade:  ,,bist  du  bereit  vesteklicfa  ze  stenne 
in  gelasi^enheit?^  Wan  b6rt  nüt  me  den  kleglichen  eilenden  rfif, 
den  ir  do  tatent:  „owe  herr^  wie  bast  du  mich  gelassen!^  Ich  h&re 
minneklich  erklingen  in  uweren  oren:  „koment  ber  zfi  mir,  min  lo 
geminten,  besitzent  daz  ewig  rieb,  daz  üch  bereit  ist  von  nngengc 
der  weite."  Wa  alles  liden,  leid  und  ungemacb,  daz  ir  uf  ertrich  ie 
gewunnentV  Owe  got,  wie  ist  daz  alles  als  ein  trom  scbnelleklich  da 
bin  vor  gevarn,  als  ir  nie  leid  gewunnint!  Wafen,  zarter  got,  wie 
sint  dinü  gericht  so  gar  verborgen  der  weit!  Eva,  ir  uzerweltcn,  e»  16 
ist  nüt  me  in  die  winkel  sich  gan  verslieffeii  und  verbergen  vor  der 
andren  unsinigen  tobiieit.  Owe,  wcren  doch  ellü  berzen  ein  herz, 
sü  könden  nit  überdenken  die  grozen  ere,  die  unmessigen  wirdikeit, 
[100^]  daz  lob,  die  günlicbi,  die  ir  iemer  und  iemer  haben  sont. 
0  ir  hinielfürsten,  ir  edlen  küng  und  keiser,  o  ir  ewige  gotteskinder,  Sü 
wie  ßint  üwcr  iintlütte  so  wünklich,  üwer  herzen  so  vrölicb,  wie 
haut  ir  einen  so  hohen  mftt,  wie  erklinget  üwcr  stimme  so  vrölich 
diz  gesang:  ^eya,  oya,  dank  und  lob,  heil  und  selde,  gnad  nnd 
wünne  und  iemer  werendü  cre  si  im  geseit  von  ewen  ze  e>ven  von 
allem  gründe  unsers  herzen,  von  des  gnaden  wir  dis  alles  iemer  25 
eweklich  besessen  haben!-*  Sili,  hie  vatterlant,  hie  ganzes  rftwen, 
hie  herzeklich  jubilieren,  hie  grundloses,  iemer  werendes  loben! 

Der  dien  er:  Owe  wunder  ob  allem  wunder!  Ach  grundlose« 
gftt,  waz  bist  duV    Eva,  zarter,  uzerwelter.  minneklieher  herr,  wie  ist 
hie   so   gar   gut   ze  siime!    Owe,   min  einiges  liep,   laze  uns  albie  30 
beliben ! 

Kntwürt   der   Ewigen   Wisheit:    Es  ist  nit   hie   blibens 
noch ;   du  müst  noch  mengen  kirnen   strit   durbrechen.     Dise  anblik 


2  im  fv/ili  AKI:F'  G  inwendi^^  Jh?  7  bereitet  AK  8  eil.  klegl.  A*» 
13  [als]  i'iii  AF  iü  gan  vrrs.  und  fehlt  AK  18  verdi-nken  A  23  diz 
jresang  ß'/dt  J''  seldi^  fchll  K  24  und  zc  ow.  AKF  29  uiinnekl.  fehlt  ^' 
30  alle  hit;  Fa 

9  MattfL  27,46.  10  f.  Maüh.  :>öjciJ.  14  f.  Hörn.  llyiS, 

23  ff.  Apok\  7\n\  30  f.  Maith.  17,4. 


ISfi^em  der  Swigen  WMäheuTK^^m^^^^^^^gi? 

igt  dir  allein  gez&iget,  daz  du  dar  einen  geswinden  ker  kunnoat  tbn 
in  allem  dinem  lidenne,  —  8ih,  so  kanat  du  niemer  erzagen,  —  nnd 
vergissest  alles  dins  leides,  und  ze  einer  antwurt  der  klage  der  nn- 
verstandnen   menschen,   die  da   sprechent,   daz  ich    ea  Abel    gestalte 

5  minen  vntnden.  Nu  lüg,  wel  unglicheit  ist  zwäschent  miner  und 
dia  zites  vräntscbafc,  und  wie  ungelich  wol  ich  es  minen  gründen 
gestatten  nach  der  warheit  ze  nemenne,  —  ich  wil  geswigen  dez 
grozen  kumbers,  der  arbeiten  and  menges  sweren  lidens,  in  dem  sü 
Bwimment  und  wehtent  nacht  und  tag.   denn  daz  sü   also  geblendet 

10  sint,  daz  su  es  nit  verstaut.  Es  ist  doch  min  ewigä  ordenunge, 
daz  ein  ungeordnetes  gemiit  im  selber  ein  marter  und  ein  swerA 
bfiz  ist.  Min  vründe  heiu  liplich  nngemacb,  und  hein  aber  herzen- 
rftwe;  aber  der  weit  vrände  süclient  liplich  gemach,  und  gewinneut 
herzen,  sele  und  mfltes  nngemach. 

15  Der  dicner:  Herr,  sä  sint  unsinnig  und  t6big,  die  din  waren 

vriintscbaft  und  der  valschen  weit  iemer  zesamen  zellent,  dar  nmb, 
daz  du  wenig  vründen  hast,  —  wan  daz  ist  ir  grozen  Idintheit 
schulde,  —  und  die  von  keinem  liden  iemer  me  geklagent.  Owe, 
wie  ist   diu  vetterlichü   rüte  so  minneklich!   .Selig  ist  der,   vor  dem 

20  du  sie  nie  gespnrtesti  Herr,  ich  sich  nu  wol,  daz  liden  [lOT]  nit 
knnt  von  bertikeit,  es  kunt  von  minneklicber  Zartheit.  Nieman 
spreche  me,  daz  du  dincr  vruiiden  habest  vergessen!  Du  hnst  dero 
vergessen,  —  wan  du  hast  an  in  verKwiflet,  —  an  den  du  hie  liden 
sparest.     Herr,  sft  son  billich   niemer  gftten  tag,   niemer  liep  noch 

^5  gemach  hie  gewinnen,  die  du  dort  beschirmen  wilt  vor  der  ewigen 
not,  und  dien  du  geben  wilt  die  iemer  werendeu  vrMe,  Owe  herr, 
gib  mir,  daz  dis  zwen  anbüke  von  den  ogen  mins  herzen  niemer 
gescheiden,  daz  ich  diu  vräntBchaft  niemer  verliere. 


2  yerzagen  AKuK  4  f.  minen  fr.  (i,  ^'eet.  i,''  5  wel  ein  E'  6  es 
fehlt  £'  9  wettent  F  vechtent  AKaF'  10  am  Hand  ÄugQBtinnB  EF'F'F'Z 
11  f.  ist  »ach  marter  HZ  12  bSz]  liurdi  F  ung.)  erbeit  E'F  14  ade] 
ser  F  16  giizellent  Z  IS  kleinem  E  2Bf.  vran  au  den  hagt  du  ver- 
Evivelt  nach  Epareat  E'  25  wilt  beach.  E'  26  not]  mEtrler  E'  du  dort  Z 
die  feiM  AF        28  veri.  ameo  f ' 

3f.  Ygl.  oben  Kap.  10.  8  aä  =  dit  f\tHnde  düner  Zeit.  lOf.  Aagu- 
Btinu»,  Cotif.  I,  13:  iustiati  eni'rn  tt  kic  esl,  ut  poena  sita  tibi  sit  omnis  itiordi- 
natiis  animita.  19  Vgl.  Spriehto.  3,13.  27  snen  anbllke ,  der  Hölle 

und  des  Himmelt. 


248  Bttchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  SHI. 

XUI.  Kapitel. 
Ton  unm  essiger  edli  zitliches  lidennes. 

Zarter  harre,   nn  sag  mir,   weles  liden  meiDest  da,  daz  da  so 
inneklich  nütze  und  gut  ist?  Und  wie  beger  ich  so  herzklich,   das 
da   mir  da  von  me  sagest,  ob  du  mir  es  zu  sendest,   daz  ich  es  6 
lieplich  and  vrölich  als  von  diner  vetterlichen  band  enphahei 

Entwärt  der  Ewigen  Wisheit:  Ich  mein  ein  ieUiches 
liden,  es  si  willeklich  angenomen  oder  unwilleklich  zA  gevallen,  da 
echt  ein  mensche  nsser  der  notdarft  ein  tugent  machet,  daz  er  ein 
ane  minen  willen  nit  wölte  ledig  stan,  und  es  ordnet  in  min  ewiges  lob  lo 
mit  einer  minneklichen  demütigen  gedultikeit;  und  so  es  ie  williger 
ist,  so  es  ie  edler  ist  und  mir  ie  genemer  ist.  Sich,  von  derley 
liden  so  hör  me,  und  schrib  es  in  den  grünt  dins  herzen,  und  hab 
es  ze  einem  zeichen  vor  dien  geistlichen  ögen  diner  sele. 

Min  vvonunge  ist  in  der  reinen  sele  als  in  eiroe  paradys  aller  16 
Wollust;  dar  umb  mag  ich  nit  liden,   daz  si  mit  liebi  oder  luste  of 
kein   ding  valle.     Si  ist  von  natar  geneiget  uf  schedlich   wollust, 
dar  umb   verdürne   ich   ir   die  straze,  ich   bestecke  ir  alle   luckan 
mit  widerwertikeit,  es  si  ir  liep  oder  leid,  daz  si  mir  nit  endrünne; 
ich  beströwe  ir  alle  wege  mit  lidenue.  daz  si  niene  den  vüz  ir  herz-  20 
lustes   kunne   gesetzcn,   denn   in  der  hoheit   miner  götlichen   natur. 
Sihe,   weren  ellü  lierzen  ein  herze,  sü  enmöbten  nit  getragen  in  zit 
den  minsten  Ion,  den  ich  geben  wil  in  e>vikeit  umb  daz  minste  liden, 
daz   ein  mensche   von  minnen  dur  mich  lidet.     Daz  ist   min  ewigü 
ordnuuge  in  aller  der  nature,  der  ich  nit  ab  ^an:  waz  edel  und  göt  25 
ist,  daz   müz   sur   erarnet  werden;   der  da  belibet,   der  belibe.     Vi! 
ist  der  gerüften,  weni^  der  uzerwelten. 

Der  dienen  Herr,  es  mag  wol  sin,  daz  liden  ein  unmessiges 
gut  ist,  da  es  nit  auc  niaze  ist,  und  da  es  nit  als  gruwlich  und  als 

3  d.  diener  F^Ka  da  fehlt  E'F'  4  ^Qt  u.  n.  L'  6  frolich  u. 
1.  E'  7  am  Rande  l^bomas  in  Scripto  KF'F'llZ  10  led.  wolle  AKEF' 
11  f.  willijrer  ist  so  es  ie  fehlt  AK  12  und]  so  es  AK  16  oder  mit  Ir'a 
18  und  [ich]  best.  K^  201*.  niene  nach  licrzl.  AKaE^  21  denue /Mi<  K 
24  f.  am  Rande  Jeronimus  in  epistolis  EE^F^F-HZ        29  da  (eweites)']  daz  K 

7  Thomas,  In  4  Sent.  dist.  15  q.  1  a.  4;  q.  ;>  ad  J.  13  f.  Vgl.  V  Mos, 

6M ß\  18    V(/L  Oseas  Hiß.  25  f.   V<il.  Ifieront/muti,   ep,  58  ad  Paulin. 

(Migne^   Fair.  Lat,  22,586) :    nihil   sine   magno   lahore   vita   dedit    mortalibus 
(Horat.,  6'at,  /,  Uy59).  26  f.  Matth.  20,16. 


ungehört  ief.  Herr,  du  erkeDoest  [107"]  allein  ellü  verborgnü  ding 
Qnd  hast  eltä  ding  in  zal  und  in  masBC  geschaffen;  du  weist,  daz 
min  liden  über  alle  maese  int,  es  ist  ober  alle  mine  kraft.  Herr, 
ist  iciiian  in  aller  diser  nelt,  der  pinliubrü  liden  die  steti  hat>  denn 
5  ich,  daz  ist  mir  unenphintUch.  Wie  sol  ich  su  erliden?  Herr,  gebist 
du  mir  gemeinii  liden,  die  ni6hti  ich  erliden;  ich  ensllie  nit,  wie 
ich  dii  vrömden  liden,  dii  sn  verborgenlicli  min  sei  und  roinen  mfll 
engent,  dii  du  allein  ze  gründe  erkennest,  iemer  niuge  erliden. 

Eutwürt   der   Ewigen  Wiebeit:    leder  siech    wenet,   daz 

10  im  aller  wirst  si,  und  teder  dürftig,  daz  er  der  aller  crmst  Bi.  Hetti 
ich  dir  endrü  liden  gegeben,  es  were  daz  selb.  Gib  dich  vrilich  iu 
oiinen  willen  in  allem  lidenne,  daz  ich  von  dir  wil,  ane  alle  us- 
genomenheit  ilez  oder  dez  lidennee.  Weist  du  nit,  daz  ich  uAwan 
din  aller  bestes  wit  als  vriintlich  als  du  selb  selber?  So  bin  ich  du 

15  Ewig  Wisheit  und  weis  bas,  waz  din  aller  bestes  ist;  so  macht  du 
des  enphunden  han,  daz  mintt  liden  vil  naber  söcheut  und  tiefer 
gant  und  balder  tribent  denne  eliü  angenoinnü  liden,  der  in  rebt  t&t. 
Wes  klagest  dn  denne?  Sprich  zu  mir  also;  „min  aller  getniwster 
v;itter,  ti'i  mir  überal,  daz  du  wilt!" 

■20  Der  diener:   (>we  herr,  es  ist  als  lieht  ze  sprechenne,    aber 

du  gegenwürtikeit  ist  als  mülich  ze  lidenne,  wan  es  tQt  als  rebt  we. 

Entwürt   der    Kwigen    Wisheit:    Teti   liden   nit   we,    eo 

hicsse  CS  nit  liden.     Es  ist  nüt  piulichers  denn  liden,  und  ist  nüt 

vrolicfaers  denn  gelitten  han.     Liden  ist  ein  kurzes  leid  und  ein 

iJ5  langes  liep.  Liden  tut  dem  liden  liden  ist,  daz  dem  liden  nit  liden 
wirt,  Hettist  du  als  vi]  geistlicher  siizikeit  und  götliches  trostes  und 
Wollust,  daz  du  ze  allen  ziten  hin  flussest  von  dem  bimelsciien  tfiwe, 


\  4  in  a.  li,  weit  fehU  AK        8  augoiit  1'        12  wU  haben  AKa        16  dir 

:  diu  beste  £.'         16  enpltnüeu  i^'         23  müat  uüt  piolicber  AKK'        und  [iet] 

;  AKE        25  liden  tht  —  26  wirt  fehlt  F        26  du]  doch  A'' 

'  2  Weiih.  11,31.          7  Vgl.  Vita  K.  21  a.  S3.          17  trilent  «u  Gott:  an- 

]  genomnü  1.  =  aclbitgeieäldte  Leidtn.             18  f.    V'nl.  Matth.  :>e,43.             21  Hör. 

I  119:  tribulatioHum  prettKnlium  eaci'a  nulntra  «unf  valde  a/ßictiva. 

I  23f.   i'cAAart  4S3,36 f.  gang  wit  Seust,  vgl.  443^5ff.!   434,^}  aber  tagt 

Kekbart:   allin   ir   (der   Tugtnd)   nilikeil    i«t   liden   dur  yot,   ntVit  geUten   Aän, 

I  Wtittrt  AuBiiprüche   dir  Myatihtr  über   Wert  und  Bcdrutung   des  Leidens  bei 

Strauch,  Marg.  Ebnir  äS7 /.,  Veniflt,  Da»  tieisil.  Leben  "1860,301  ff. 

I  24  f.    Hör.  l,  c:   brevem  habet  amaritudinem  tt  longam  eonsolationem :  fre- 

',  quene  Iribvtatio  conauetudin*  tandtm  vincitttr,  ut  tarn  guati  non  eeae  tr^ulaCia 

\  aul  levis  eave  ridtatw. 


250  Bttchlein  der  Ewigen  Weisheit    Kap.  XIU. 

du  were  dir  nit  als  loDber  an  ir  selber;  wan  ich  hetti  dir  von  der 
aller  sament  nit  so  vil  ze  dankenne,  si  machti  mich  nit  dinen 
Bchnldner  als  vil,  als  ein  minnriches  liden  oder  ein  gelazenheit  in 
hertikeit,  in  der  du  mich  von  minnen  lidest.  Es  sint  e  zebnA  nmb 
geswenket  in  grozem  luste  und  vrölicber  suzikeit,  e  eins  nmb  swenke  6 
in  emzigem  lidenne  und  widerwertikeit.  Hettist  du  als  yil  kanst 
als  alle  stemseher,  köndet  du  als  wol  von  gotte  sprechen  als  aller 
menschen  engelslichen  zungen  und  hettist  aller  meister  [108'] 
kAnstigen  richheit,  daz  enkönd  dich  niht  als  vil  ze  einem  gftten 
leben  gefbrderen,  als  ob  du  dich  in  allem  dinem  lidenne  got  kanat  lo 
geben  und  lazen;  wan  daz  ist  g&ten  und  bösen  gemein,  aber  dis 
ist  allein  miner  uzerwelten.  Swer  reht  könde  gewegen  zit  and 
ewikeit,  der  s&lti  lieber  wellen  hundert  jar  in  eime  vArin  oven  ligen, 
denn  des  minsten  lones  umb  daz  minst  liden  wellen  enbem  in 
ewikeit;  wan  daz  hat  ein  ende,  diz  ist  ane  alles  ende.  15 

Der  dien  er:  Ach  suzer,  minneklicher  herre,  wel  ein  suzes 
harphen  dis  ist  einem  lidenden  menschen!  Herr,  woltist  du  mir 
also  minneklich  psalterjen  in  minem  lidenne,  so  w61t  ich  gern  liden, 
so  were  mir  baz  mit  lidenne  denn  ane  liden. 

Entwürt  der  Ewigen  VVisheit:  Nu  h6re  daz  süz  seilen- 90 
spil  der  zertenneten  selten  eines  gotlidenden  menschen,  wie  rilicb  es 
d6net  und  wie  süzklich  es  erklinget. 

Liden  ist  vor  der  weit  ein  Verworfenheit,  und  ist  aber  vor  mir 
ein  unmessigü  wirdekeit.     Liden  ist   mines  zornes  ein  erlöscherin 
und  miner  hulde  ein  erwerberin.     Liden  machet  mir  den  menschen  25 
minneklich,   wan  der  lidende  mensch  ist  mir  anlich.     Liden  ist  ein 
verborgen  gflt,    daz  nieman   vergelten   kan;    und  daz  ein   mensch 


4  am  Bande  Bemardus  EE^F^F^HZ  5  umbgeswenke  A  8  he- 
tistu  E^  9  künftigen  (!)  F  10  kanst  got  ARE  14  umb]  und  K 
wellen  radieH  Z  19  denn  a.  1.  fehlt  F  26  angelich  E  27  f.  am  Bande 
In  vitas  patrum  EE^F^HZ 

4  Von  dem  got  liden  spricht  Eckhart  öfters j  so  4,14:  15,24 ff,;  16,3, 
Vgl,  Har,  l.  c;   totum  te  deo  in  omni  irihulatinne  committere.  4  f.   Ber^ 

nardus,  De  consid,  II,  13;  sermo  2  in  dorn.  Palm.  n.  3.  6  ff.  Her,  h  c;  «t 

in  astroloyca  disciplina  florti'es  et  omnium  liberalhnn  artium  secreia  pene^ 
(rares,  si  admirahilis  in  omni  sapientia  appareres^  si  cunctos  rhetores  et  dialec^ 
ticos  facundia  et  argutiis  praeires  etc.  18  psalterjen  {Hör.  120:  psallere) 

=  Psalmen  singen,  auf  dem  Psalterium  (jysalterje,  psalteri,  eirie  Art  Harfe,  ähn- 
lich dem  späteren  Hackbrett;  vgl.  Bild  12)  spielen;  vgl.  Lexer  II,  304:  A,  SdmUg, 
Hof.  Leben  I\  653:  H,  Faul,  Grundriss  der  german.  Philol.  III-,  572. 

26  Hör,  l.  c:  Christo  passo  aesimilatur. 


BÜcWein  d«l 


ibeit. 


261 


Inuuiuit  jar  vor  mir  knAweti  umhe  ein  vrtintliclice  liiJen,  cb  wi 
nnverdienet.  Es  machet  iizzer  einem  irdenschen  menschen  einen 
himelschen  meneclieD.  Lidcn  lirioget  der  weit  vr&mdi  uad  git  aber 
min  emzig  hctnlichi.  Es  mincet  vi'ünde  und  m(^ret  gnade.  Er  totz 
5  gen/lieh  verloggcnt  und  gelnzen  werden  von  aller  der  weit,  dez  ich 
mich  vrlintlich  underwinde.  Es  ist  der  Bicberiitc  weg  und  ist  der 
kürzest  und  der  nehste  weg.  Sich,  swer  reht  wüsti,  wie  nütz  liden 
ist,  er  s&ltt  es  als  ein  werde  (;abc  vnn  gotte  enphahen.  Eya,  wie 
ist  so  iiicnig  menscli,   daz  ein  kint  wnz   des  ewigen  lödes   und  ent- 

lu  schlafen  waz  den  tietfen  schlaf,  daz  duz  lidcn  liat  erkicket  und  er-i 
mftndert  in  ein  gut  leben!  Wie  ist  so  meng  wildes  tier  und  unge- 
zeintes  v&gclti,  daz  mit  emzigem  Hdenne  in  geschlossen  ist  als  in  ein 
kevi,  der  im  stund  und  stat  lieeai,  wie  es  siner  ewigen  sellkeit 
endrunni!  Liden  behütet  vor  aweren  vellen,  es  machet  den  menschen 

15  sich  selber  erkennen,  in  im  selben  bestan,  siuem  nehsten  glfiheu. 
Liden  behallet  die  Bcl  in  demi'itikeit  und  lerct  gedultikeit;  si  ist 
ein  hüterin  der  reinikeit,  si  bringet  die  kröne  ewiger  selikeit.  Es 
mag  kume  dekein  mensch  sin,  er  euphahe  etwaz  gülcs  von  lidenne, 
er  si  in  gebresten  [lOH']  oder  in  eime  anvange  oder  zQuemennc  oder 

^0  in  volkomenheit,  wan  es  l'iirbet  daz  iscn,  es  lütret  daz  gold,  es 
zieret  daz  edel  geeraide.  Liden  daz  leit  sünd  ab,  es  minret  daz 
vcgfür,  vertribet  beknrunge,  verswendet  gebresten,  ernüwret  den 
geist;  CR  bringet  war  zhversiht,  ein  Inter  gewissen  und  steten  hohen 
mßt.     Wüssist,  es  ist  ein  gesundes  trank  und  ein  heilsames  krat  ob 

26  allen  krütern  des  parndyses.  Es  kestget  den  IIb,  der  doch  falen 
mftz,   und  spiset   aber   die   edlen  sele,    dii    da   eweklich    bliben  sol. 


8  bim.  [menselieiil  Ali  git  aber]  bringet  Z  4  vrundpj  sfmde  F 
G  sich.]  schieroHt  J-''  und  [ist]  E'I'r^  7  iiühal«  |weg]  A  reiit.  fMi  Ah' 
14  T.  swerem  willen  A'  rtoii]  die  A  15  inj  und  AKE'P  22  und  vertr. 
AE'Z 

2  fF.  Hör.  131:  hfniiitiem  vamahin  J'aeit  »fiiriiuaitm,  ...  mundi  Awi'u« 
ipxQ  ilritiulatiol  gtruirat  tknerttinKin,  ted  liivinam  paril  familiarifatfin,  ,.., 
ipaa  esl  arta  via  atä  ßecura  «  cowptndioaa  dacens  ad  vilam  {vgl.  Eckharl  493Ji3). 
11  If.  Hör.  1. 1. :  o  quol  »unt  in  mundo  eajitim,  qui  per  manun  lätigtimi  vtlut 
animalia  imlmmta  et  aviculae  incaeealae  tribulationibu»  »«  jtrrmeHtibiu  inchwi 
ttntHlur,  quibuä  ti  fricultn»  adenget,  olifi  regoluli  a  tiatu  diffugi:rtnt  propriat 
aalutinl  15    L.  c:   humiUler  in  stipao  eotisiattre   ac  limgre,  .  .  .  proximo 

patienti  eondegccndert.  16  f.  si  buxieht  ticli  ,iuj'  gedullikeit,  20  f.  ieeD 

SS  die  kündige,  gold  ^  die  an/angttide  und  forlrehreilende,  gumide  ^  i^i«  Volt- 
iamtiitHe  Stele.  22  vcinwt'odct  gebrcBten  ^  titinguil  carnulünttm  fHor.  133). 


252  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XTTT. 

Sihe,  du  edel  sele  trujet  von  lidenne,  als  die  schönen  rosen  von  dem 
süzen  meient5we.    Liden  machet  einen  wisen  mfit  und  einen  ge&bten 
menschen.     Ein  mensch^  der  nit  gelitten  hat,  waz  weis  der?  Ljden 
ist  ein  minneröt,   ein  vetterlicher  schlag  miner  nzerwelten.     Liden 
zAhet  und  zwinget  den  menschen  z&  gote^   es  si  im  lieb  oder  leid.   6 
Der  sich  vrölich  in  lidenne  haltet,  dem  dienet  lieb  nnd  leid,  vrftnd 
und   viende.     Wie  dik  hast  du   dien  anzennenden  vienden   isninä 
gebiss  in  geschlagen  und  sü  unmechtig  gemachet  mit  dinem  vrölichen 
lobe  und  senftmütigen  lidenne!  Ich  schüfe  e  liden  uzzer  nAti,  e  ich 
min  vründe  ane  liden  liezi;   wan   in  lidenne  werdent  alle  tngent  10 
beweret,  der  mensch  gezieret,  der  nehste  gebessert,  got  gelobt    6e- 
dultikeit  in  lidenne  ist  ein  lebendes  opher,  es  ist  ein  suzzer  smak 
dez  edlen  baisamen  vor  minem  götlichen  antlAt,  es  ist  ein  nf  tringen- 
des  wunder  vor  allem  himelschen  here.     Es  enwart  nie  kein  so  groz 
kaphen  uf  einen   wol  turnierenden  ritter,    als  alles  himelschea  her  15 
kaphet  uf  einen  wol   lidenden   menschen.     Alle  heiligen   sint  eins 
lidenden  menschen   crcdencier,   wan  sä  hein  es  vor   wol  versftchet 
und  rufent  mit  gemeinem  munde,   daz  es  aller  giflt  ane  ist  und  ein 
heilsames   trank  ist.     Gedultkeit  in  lidenne   ist  gr6zer  denn   toten 
machen  uf  stan  oder  andrü  zeichen  tftn;  es  ist  der  enge  weg,  der  da  20 
rilich  tringet  hin  ze  der  himelporte.    Liden  machet  der  martrer  genoz, 
es  füret  hine  daz  lob,  es  füret  hin  den  sig  wider  alle  viende.    Liden 
kleidet  die  sele  mit  röslim  kleide,  mit  purpurvar;  si  treit  der  r6ten 
rosen  schapel,   dez  grünen  palmen  zepter,   si  ist  ein  us  glenzender 
rubin   in   eime  jungvröwlichen   vürspan.     Si  singet  vor  in   ewikeit  25 
mit  süsser  stirome,   mit  vricm   mfite  einen   nüwen  reien,  den  aller 
cugel  schar  nie  gesingen  konden,  wan  sü  dez  lidennes  nie  befunden. 
Und  daz  ich  es  kürze :  die  lidenden  hcissent  von  der  weit  die  armen, 
und  heissent  aber  von  mir  die  seligen,  wan  sü  sint  min  nzerwelten. 


1  trüget  FF^H  trugeti  Z  2  suzen]  liehtcn  J'^^F^  4  ein  minner. 
fehh  AK  6  der  —  leid  feldt  F  lidenne]  dem  A  12  ein  leb.  o.  es  ist 
fehlt  A  16  f.  eins  w(»l  lid.  E^  19  am  liande  Gregorius  in  dyalogo  E^F^F^HZ 
29  sint  von  mir  die  usenv.  E^ 

1  trfijen  (Lt.v.  11^  1587)  =  gedeihen  {Hör,  l.  c;  saginatur),  3  Sifneh 

34y9.  7  If .  Vgl.   Vita  Kap,  :29.   Hör.  /.  c;  inimicift  fremim  ftileniii  impoauitti, 

14  L.  V. :  totam  coelestem  curiam  in  admirationem  suftpcndit,  19  Greg., 

Dial.  If  'J:  tgo  itiini  virtuiem  patitntiae  8ignif<  tt  miracuUa  maiorem  credo. 

23  f.  Die  roteti  Rosen  sind  Zeichen  des  Leidens,  der  Palmawaig  Syntbol  den 
Sieges  (Apok,  7,9), 


* °SSoS3ein3flr*fiSigän' WöMÜeitr^figf,  . 

[lOO'J  Der  dienen    Eya,  wie  schinet  so  wol,  da/,  du  du 

Ewig  Wishelt  biet,  daz  du  so  inueklichen  wol  die  warheit  kanst  ze 

veide  bringen,  daz  nieman  dar  an  lian  uoh   mag  gezwiäen!    Es  Ut 

nit  wunder,  daz  er  lideo  mag  erliden,  dem  du  Hden  also  kauet  ge- 

5  lieben.     Herre,  du  hast  mit  dinen  siizen   Worten  gemachet,  daz  mir 

I  nit  allein  alles  liden  iemer  deste  lidiger  und  deete  vrÖlicher  möz 

I  ein,  hcrre  mine  und  getrüwe  vatter,  ich  kniiwen  hüt  vor  dich,  acb, 

und  loben  dich  inneklichen  nmb  gegen würtiges  liden   und  ocb  nmb 

da  vcrvarnen  unmezigeu  liden,  da  mich  do  so  groz  duhten,wan8ä 

I     lu  so  vientlicb  lubten. 

1  Du  Ewig  Wisheit;  Wie  dunket  dich  aber  nu? 

I  Derdiener:  Herr,  roicli  dunket  daz  eigenlicb:  wenn  ich  dich, 

I  mins  herzen  wunklichen  Agenweide,  mit  lieplichen  ögen  an  eihe,  daz 

du  starken  grozen  liden,  mit  dien  du  mich  als  vetterlich  hast  geübet, 

15  von  dero  angesiht  an  mir  dennoch  diu  frunien  vründe  erschraken, 

da/  dii  ellö  sien  geweeen  als  ein  eüzes  meientowe. 

^^^^  Do  der  selb  bredier  bäte  an  gevangen  von  lidenne  zc  schri- 
I  benne,  do  waz  im  vor  in  der  selben  wiee,  als  och  vor  an  geschriben 
I  etat,  wie  db  selben  zwei  menschen,  du  in  liden  nnd  in  betrübte 
■    20  waren  gesin,  vor  im  sessin,  und  begert  ir  einä,  dnz  man  ir  pealler- 

jeti.     Daz  enpbieng  er  unwertlich  utid  meind,  es  were  ungeistlich. 

Do  wart  geaproeben,  daz  ir  begirliches  psalterjen  nit  ungeistlich 
Und  do  zehant  do  waz  ein  jnngling  da,  der  bereite  uf  ein 


2  innekl.]  nj inneklichen  A,  fehlt  F.'  kanst  il.  w,  Z       8  Am  iin  nach 

mag  K'F'        6  lind  d.  vrSl.  fthU  AKa  12  d.  dieui^r  fehlt  i?        de«  FHZ 

14  groBseii  Btoirkeii  S        15  diu)  die  E'  IG  gaw.  aieii  i,"'        18  vor  lanj  £' 
19  und  {inj  E'F' 

2  Hot:  133:   vcHtatoK  agnitam  meilifiun  qaodam  aapofe  et  euavittima 
eruclatione  ad  luctm  proäucis.  9f.  L.  c:  giiia  ex  hosläi  neveritate  prodire 

putabantar, 

16  In  AKJiWB'  (in  a  tum  Teil  schon  nach  Vita  Kap.  3i)  tin  Süd: 
obrn  dvr  Diener  vor  dtiii  gekrtusigten  Christus  und  dtm  Jtsiuhind  ewÜKheu 
Bosenheeien.  unten  der  Diener  mit  dtm  Ptalieritim  vnr  dent  g»gei»aelttn  Heitand, 
recht»  die  iteei  liidmden  MtMchen  (Abb.  12  nach  A  Bl.  lOÖ"), 

17  der  seil)  bredier  =  Seilet.  18  In  Prolog  des  Bdtw:  vgl.  auch  Bor. 
111  Mnd  13. 


254  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XIV. 

psalteri,  und  do  er  si  gereiset,  do  spieu  er  die  zwen  vedem  Aber 
die  Seiten  in  kräzwis  and  gab  si  dem  brüder  in  die  band,  und  do 
hüb  er  an  %c  spreehenne  von  lidcnne: 


XIV.  Kapitel. 

[IIO'J  Von  unsäglicher  güti  der  betrahtniige  des  götUehen      5 

lidens. 

Der  dieuer:  Herre,  gewerliclie,  es  ist  vor  allen  berzen  ver- 
borgen daz  grundelos  güt^  da%  man  in  dinem  liden  vindet,  der  dem 
zit  und  stat  git.  Wafen^  wie  ist  der  weg  dines  lidens  so  gar  ein 
geweres  pbad  dar  den  weg  der  warheit  hin  ufden  höbstcn  tolden  10 
aller  volkomenhcit !  Wol  dir,  edels  lieht  uuder  allem  himelschen  ge- 
stirne,  Paule,  daz  du  als  hohe  werd  gezogen  und  als  tief  in  gefi&ret 
in  die  verborgnen  togni  der  blozen  gotheit,  da  du  heilest  die  tiellisn 
worty  die  nieman  gespreehen  mag,  und  dir  doch  daz  selb  minnek- 
licb  liden  ob  im  allem  so  süzklieh  ze  herzen  gieng,  daz  du  spreche:  16 
„ich  enkan  nit  denn  Jesum  Üristum  und  den  also  gekruzgeten.* 
Gesegnet  siest  du  5cli  uuder  allen  lerern,  süzer  herr  sant  Bern- 
hart, des  sei  so  durluhtet  waz  mit  dez  ewigen  wortes  blozheit, 
und  daz  diu  süzu  zunge  so  süzklieh  us  towet  von  einem  vollen 
herzen  daz  liden  siner  menseheit,  do  diu  miunendü  sei  sprach:  „daz  90 
gebliiinet  minenbusehelli  des  bittren  lideiiues  mins  geminten  herren 
hnl)  ich  minneklich  gevasset  entzwusehent  minü  brustlu  und  zärtlich 
geiieiget  enmitten  in  min  herz.  Ich  ensficlie  nit  als  du  gemabel, 
\Va  er  umb  dtMi  mitten  ta^  rfiwe,  den  ieh  enmitten  in  minem  berzen 
umbevahe.  Ich  enirage  nit,  wa  er  umb  den  mitten  tag  werde  ge-  85 
spiset,  den  min  sei  so  minnklich  an  dem  kruz  an  blikct.  Ena  ist 
wol  hoher,  aber  dis  ist  sir/er  und  bereiter.    Usser  dem  minneklichcn 


1  [dir]  zwen  E        J  f.  über  die  s.  fvhU  K        7  der  clieiuT  dufchstr,  £*, 

fehlt  H         8  f.   dem    e   zit    A         \)  ein   so   lirnr)    7v'7''"  12  werd]    were  A 

M)  am  Haiiih  P:nilu8  KE'F'F'llZ  P.»  Aaa  fehli  K' 11         20  f.  am  Rande 

!>«'iiiardus  siiprr  eaiitiea  AKF^ F' HZ        27  (lriii|  di>«'m  AKF 

1  i»salt«^ri,  TV/Z.  ohin  .?.v>,2.s.  181.  Jl  Kur.  i:jj.  lü  /  Kor.  L\:i\ 

17  tV.    Nor.    1:^4:   siinHiti.r  et  tu,  roeifstis  ß/ft/ln,  sntiritatt'  scrmoiiin  dah'itcr 

jteronuitn  ntfjuc  rtrhi  a-.trrni  iiirinissimfi  imtiestotc  il/minnnta.  hcnthshne  Hetfi' 

hanifj  tili  V(.rhnm  inctwuntuni  ((  nt  rnwc  sttspcnsmn  tnm  flulcit.r  napiihat  etc. 

20  11.    Jientaniits,  ^cnno  4o  tu   Cuut.  ( l.l.'J)  ?i.  4  J'rti  itcnützt. 


lidcnne  nim  ich  ein  v&lligee  erBetzeo  miDs  kleinen  verdienene.  Hier 
inne  lit  min   vollkomnü  gerechtikcit;  di«   betrHliten  heia  ich  ewig 


Abb.  12. 

wieheit,  aller  kunst  volleheit,  alles  heilee  richeit,  alles  lones  ein  ganz 
gennhtsamkeit.     Es  truket  mich  in  geliicke  und  baltet  mich  in  wider* 

voll.]  vögelli  (!)  K'        i  in  gel    —  h.  mich  fthU  F 


1  nim  |iph]  AFZ 
L  mich  nl'  ii,'   oobbaltet 


\ 


werlikeit;  es  enthaltet  micii  eutzwüschen  lieb  and  leid  diser  well 
in  rehter  glicheit,  und  behütet  mich  \ov  allem  übel  in  ganzer  aieber- 
heit.  Ich  hau  dar  üb  ander  stunden  enphangcn  ein  trank  siner 
bitterkeit,  och  under  wilent  ist  mir  dar  us  worden  ein  trank  gfitlichee 
trostes  und  geistlicher  sunikeit."  B 

Ach  dar  umb,  süzer  herr  sant  Bernfaart,  ßo  ist  billicb,  daz 
din  zunge  hin  flüsse  von  süzikeit.  wan  din  herz  mit  dem  (tÜBseu 
iidenne  so  gar  versÜBset  vvsz. 

Ewigü  Wisheit,  ich  merke  hier  imie:  swer  grosses  lones  nud 
ewiges  heiles  begert,  swer  hoher  kunst  und  tieft'er  wishett  begeri,  lO 
swer  glich  in  iiob  und  in  leid  welle  stan  und  ganz  Sicherheit  vor 
allem  übel  welle  han.  und  ein  trank  dines  bittren  lidennes  und  an- 
gewonlicher  süzikeit  welle  enphahen,  der  sol  dich,  den  gekrnzigeleu 
Jesum,  ze  allen  ziten  vor  den  ögen  sins  herzen  tragen. 

Entwürt  der   Kwigen  Wisheit;    Du  enweist  nit  [110*]  IB 
recht,   waz   grozes   gutes   hier   inne  lit.     Sich,    emzigü  betrahtnnge 
mins  minneklichen   lidennea  machet  us   einem   einveltigen  mensclien 
einen  hoben  künstrichen  meister. 

Es  ist  doch  ein  lebendes  bftcb,  da  man  ellü  ding  aa  rindet: 
wie  ist  der  mensch   so  reht  selig,   der  es  ze  allen  ziten  vor  sinen  20 
Dgen  bat  und  dar  an  studieret !    Waz  mag  der  wisheit  und  gnaden, 
troBtes  imd  süzikeit,  ein  ablegen  aller  gebresten  nnd  mincr  emzjgen 
gegen würtikeit  erwerben!  Und  hie  von  so  h6r  eine: 

Es  geschah  vor  vil  jaren,  do  bat  ein  brcdier  in  einem  anrang 
ein  bitterliches  lidcn  von  ungeordneter  swermütikeit,  dn  in  ze  etlichen  % 
ziten  also  überladen  bäte,  daz  es  enkein  herze  möbt  ergründen,  daz 
sin  nie  bevant.  Und  do  er  ze  einer  zit  also  sas  in  der  zelle  nach 
dem  imbis,  da  hat  in  daz  liden  überwunden,  daz  er  enmoht  weder 
studieren  noch  betten  noch  nüt  gtltes  getön,  denne  daz  er  also 
trurige  sas  in  der  zelte  und  sin  bende  in  die  scboz  leit,  als  ob  er  ^ 
der  zelte  w6Ue  got  ze  lobe  hüten,  wan  er  ze  allen  andren  geistHchtn 
dingen  unnütz  were;  und  da  er  also  sas  trostlos,  do  waz  im,  aU  zA 
im  dise  sin  vernünftiklich   gesprochen  würde:   „wes  sitzest  da  bicV 

11  f.  welle  vor  a,  i.  E'  16  trro'sen  A  E  gfltes)  lones  F*  23  oms- 
gen  Ä  aS  und  —  eins  fMt  AK  24  ein]  der  selb  J-'  27  f.  nach  d.  i. 
—  30  in  d.  mUu  fthil  Ä  ai  wolte  hüten  Za  hui.  wnlM  ?."'  andren  frhtt  F 
an  als]  wie  AKa        33  diae  sin  fehlt  F 

19  Bor.  laß:  vttitt  qaidam  Ubtr  vita«.  24  ein  bredier  =  5««*e  f^iM. 

dam  difcipulns  sopüntiae.  Hur.  12T).  25   Vgl.  Fi/a  Kap.  21.  33  Bor. 

I.e.:  facta  e»t  ad  tum  detupcr  qaani  vox  inldleclualü  dict 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XIV.  257 

Stant  uf  und  vergaug  dich  in  min  liden,  so  überwindest  du  din 
liden!**  Und  er  stünt  geswinde  uf,  wan  im  was,  wie  daz  reht  von 
himel  were  erschollen,  und  nam  her  vnr  daz  liden,  und  in  dem  lidenne 
verlor  er  alles  sin  liden,  daz  er  es  in  sogtaner  wise  nieme  dar  nah 
5  enphant. 

Der  diener:  Owe,  min  sftzü  Wisheit,  nu  erkennest  du  ellö 
herzen^  du  weist,  daz  mir  ob  allen  dingen  begirlich  were,  daz  mir 
din  pinliches  liden  vor  allen  menschen  ze  herzen  gienge,  und  daz 
es  usser  minen  ogen  einen  vliezenden  brunnen  der  bitterlichen  trehen 

10  nacht  und  tag  hetti  gemachet  Owe,  nu  hat  min  sei  ein  herzekllch 
klag,  daz  es  mir  nit  als  ingrüntlich  ze  herzen  gat  ze  allen  ziten, 
noh  als  minneklich  dar  nah  enkan  betrahten,  als  du,  zarte,  uzer- 
weite,  wirdig  werest.  Dar  umbe  so  wise  mich,  wie  ich  mich 
halten  sule. 

15  Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Du  betrahtuug  nach  miner 

marter  sol  sin  nit  mit  einem  ilenden  übervarne,  so  man  zit  und  stat 
mag  han,  mer  si  sol  sin  mit  herzklicher  minne  und  mit  einem  kleg- 
liehen  übergenne,  wan  anders  daz  herz  blibet  als  unberurt  mit  an- 
daht,  als  der  mund  mit  unzertribnem  süzholze.   Macht  du  min  liden 

20  nit  von  der  bitterlichen  not,  die  ich  leid,  mit  weinenden  ogen  über- 
trahten,  so  solt  du  es  aber  mit  lachendem  herzen  übergan  von  dem 
vrölichen  gftt,  daz  du  dar  inne  vindest.  Enmaht  du  aber  weder 
lachen  noch  weinen,  so  solt  du  es  mir  ze  lob  in  der  türri  dins 
herzen  ubergan;  und  hier  inne  solt  du  nit  minr  han  getan,  denn  ob 

25  du  von  trehen  und  s&zikeit  da  hin  flussist,  wan  so  würkest  du  von 
minnen  der  tugende  ane  ansehen  din  selbs. 

Und  daz  es  dir  iemer  nie  deste  baz  ze  herzen  gange,  so  hör  me: 


1  stant  uf  und  fehlt  F  2  uf  geswinde  AKa  3  liden  unsers  herren 
AK  7  und  [du]  weist  AKaE  11  klagen  AE  ze  allen  z.  fehlt  AKE 
15  nach  fehlt  E^  25  und]  in  AKa  und  von  s.  E^F  25  f.  am  Bande 
Bemardus  EE^F^F^ 

3  daz  liden,  nämlich  Chnsti,  25  f.  Bemardus,  sermo  6  in  Quadrag. 

n,  7:  multo  vinlius  agunt^  si  virtutes  ipsas  non  pro  delectatione,  sed  pro  vir» 
tutihus  ipsis  et  pro  solo  beneplacito  dei  tota  intentione,  etsi  non  tota  affectione 
sectantur.  27  ff.  Hör.  127 f.  führt  Seuse  genauer  aus,  dass  die  Betrachtung 

des  Leidens  Christi  besonders  nützlieh  sei  ad  poenam  purgatarii  diminuendam» 
Es  handelt  sich  in  dem  zunächst  Folgetidsn  nicht  um  Vergebung  der  Sünden- 
schuld,  sondern  um  Abbüsaung  der  zeitlichen  Sündenstrafen,  welche  nach 
vergebener  Schuld  auf  Erden  oder  im  Fegfeuer  zur  satisf actio  condigna  (Hör,) 
abzubüssen  sind.  Weiter  unten  unterscheidet  Seuse  deutlich  zwischen  Schuld  und 
Strafe  (bäze).     Ähnlich  wie  Seuse  Nikolaus  von  Strassburg  (Pfeiffer  I,  2B2f,), 

H.  Seuse,  Deutsche  Sohriften.  17 


258  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XIV. 

Min  ßtrengü  ^^erechtikeit  lat  kein  unrcht  in  aller  [111']  der 
natur  so  klein  noch  8o  grozes,  es  müze  gebüsset  und  gebessert  wer- 
den. Wie  söit  nu  ein  grozer  sänder,  der  vil  liebt  me  denn  hundert 
totsünde  hat  getan^  und  unib  ieklich  totsünde  s51te  nach  der  scrift 
siben  jar  büzen,  oder  die  ungeleisten  büsse  in  dem  beissen  eitoven  3 
dez  grimmen  vcgfnres  müstc  leisten,  eya,  wenn  sölte  du  eilend  sei 
ir  büze  vol  uz  gelcisten,  wenne  solte  ir  langes  ach  und  wc  ein  ende 
neraenV  Wie  wurd  es  ir  so  gar  ze  lang!  Sih,  daz  hat  si  bebendek- 
lieh  gebüsset  und  gebessert  mit  minem  unschuldigen  wirdigen  lidenne: 
si  mag  als  wol  in  den  edlen  schätz  mines  verdienten  lones  kunnen  lü 
grifen  und  zft  ir  ziehen.  Und  s61te  si  tuscnt  jar  in  dem  vegfür 
brinnen,  si  hat  es  in  kurzer  zit  nah  schuld  und  bftze  ab  geleit,  daz 
si  ane  alles  vegfür  in  die  ewigen  vrode  vert. 

Der  dien  er:  Owe,  min  zartü  Ewigü  Wisheit,  daz  1er  mich 
dur  din  ^ütin;  wie  künde  ich  so  gern  einen  sogtanen  grif  tön!         15 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Der  grif  beschiht  also: 
I.  daz  ein  mensche  mit  einem  rüwigen  herzen  als  dik  und  als  swar- 
lichen  wiget  die  gr6zi  und  die  mengi  siner  grozen  missetat,  mit  dien 
er  so  berlicbe  erzürnet  hat  du  ogen  sins  himelschen  vatters ;  IL  und 
dar  nach  mit  einem  vernihtenne  der  werke  siner  eigenen  bessernnge.  20 
wan  du  sint  gezellet  gegen  den  süuden  als  ein  trophli  gegen  dem 
tieflfen  mer;  III.  und  denn  mit  einem  huglichen  wcgenne  der  numes- 
sigen  grozheit  miner  besserungc,  wan  daz  minste  trophli  niins  kost- 
beren  blütes,  daz  da  unniesseklich  allenthalb  us  minem  minneriehen 
Übe  vloz,  daz  vermöhte  vür  tusent  weit  sünde  besseren;  und  doch  25 
so  zühet  ieder  mensch  der  bessernnge  als  vil  zfi  im,  als  vil  er  sich 
mir  mit  niitlidenne  gclichet.  IV.  Und  dar  nach,  daz  ein  mensche 
als  demütklichcn  und  als  vlohlichen  die  kleinheit  des  sinen  in  die 
grozheit  miner  bessernnge  versenke  und  verhefte. 

l  iinir»'ivht  AKaKF^  4  solti  bnzcn  l?  G  miizi  l'J  eya  radiert  E^ 
10  \v(»l  /•.>/■  kunnen  h?  14  am  Itande  Nota  Bernhardus  F^  17.19.22.27  am 
linmh  1  II  III  IV  A1:E'Z  18  jrruzen  fdtU  J?  di»^n]  dem  K^F'Ii  21  den] 
(liscn  AKa  24  allenth.  fdiH   AKK         25  bin    Hos    AA*         26  am  Ramh 

Tliunuis  in  tenia  parte  IJ-^F^F-Z       der]  des  AF       28  dennitkliehe  A        imJ 
a.  vlirhl.  feliK  F        29  iiyZ'/a  F' 

4  f.  Ubtr  diese  t/wolof/isrhe  Mtinuiuj  vgl.  'Thmnas^  ISu}ipl.  q.  8  a,  7 :  Z^ecret, 
c.  44  J).  L.;  f.  .)  D.  LXX XII:  R<n/mundus  df  Feimaf.^  Summa  (Paris  172;^ t 
L,  III  tit.  :J4  p.  43fjf.  25  Hör.  l:^U:  pro  rrdcmj/tioiu  et  satisf actione  tolius 

mundi  suffecisset.     Zur  Sache  riß,  Thomas^  In  S  Scnt.  dist.  i}(t  a,  3  ad  4;  Ä  TA. 
3  q.  4(i  a.  ö  ad  o.  26  Thomas,  S.  Th.  ,V  q.  40  (/.  J  ad  .?,  im  Hör.  li}9  f.  fant 

trürtUch  zitiert. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit,    Kap.  XV.  259 

Und  (laz  ich  dir  es  kürze,  so  wüssest,  daz  alle  meister  von 
zal  noch  von  maze  enköndin  gerechnen  daz  unmezig  gftt,  daz  ver- 
borgen ist  in  emziger  betrahtunge  mins  lidennes. 

Der  diener:  Eya,  zarter  herre,  dar  umb  lazze  alle  rede 
5  underwegen,  —  ich  bin  gar  verfuret,  —  und  tu  mir  noch  me  uf 
des  verborgen  hordes  dins  rainneklichen  lidennes. 


XV.  Kapitel. 

Ton  dem  minnekosen,  daz  du  sei  mit  got  liate  gehebt  nnder 
dem  krdze,  keret  si  sieli  wider  zu  slnem  lidenne. 

10  Der  diener:   Du  hast  mir  geoffenbaret  die  unmessigen  not, 

die  din  usser  mensch  hatte  an  dem  hohen  galgen  des  krüzes.  wie 
diirmartcrt  er  waz  und  umbgeben  mit  dien  banden  des  jemerlichen 
todes.  Ach  herr,  wie  stünt  es  aber  [111'']  under  dem  krüze,  alder 
waz  ieman  da,   dem   din  klegliche   tod  ze  herzen  gienge,  oder  wie 

15  hielt  du  dich  in  der  not  zii  diner  trurigen  müter? 

Entwfirt   der   Ewigen    Wisheit:    Da  höre  ein   kleglich 
ding  und  daz  lazze  dir  ze  herzen  gan. 

Do  ich,  alse  du  hast  gehöret,  in  aller  der  angst  und  tötlicher 
not  stünt  vor  in  uf  erhenket  jemerlich,  do  stünden  sü  gegen  mir  und 

20  ruften  mich  an  mit  ire  stimmen  vil  spotlich;  sü  wegten  irü  höbter 
gegen  mir  gar  smachlich,  sü  vernihteten  mich  in  ir  herzen  genzklich, 
reht  als  ob  ich  ein  ungenemer  wurm  were.  Aber  ich  stund  hier 
inne  vestklich  und  bat  minen  lieben  vatter  über  sü  minneklich. 
Sich,  ich,  daz  unschuldig  lembli,  wart  zft  dien  schuldigen  gelichet, 

25  ich  wart  von  ir  einem  verspottet,  aber  von  dem  andren  an  geriifet. 
Ich  enphieng  in  geswinde  und  vergab  im  alle  sin  missetat;  ich  tet 
im  uf  daz  himelsche  paradys. 

Ach  hör  ein  kleglichs  ding:  ich  lüget  umb  mich,  do  vant  ich 
mich  ellendklich  von  allen  menschen  gelazen,  und  die  selben  vründe, 

30  die  mir  nach  hatten  gevolget,  die  stünden  verre  von  mir,  min  lieben 


6  hordes]  ordens  F"^  9  keret  —  lid.  fehlt  F^  10  d.  diener  fehlt  H 
15  zö]  gen  F^F  16  am  Rande  rot  wie  es  under  dem  krüz  umb  in  stünt  EE^F^^ 
von  anderer  Hand  Z  22  ich  es  ein  AKE  26  und  [ich]  tet  E  30  gev. 
hatton  ^» 

1  f.   Alle  Arithmetiker  und  Geometer.  5  verfüret  =  weggeführt,  ah' 

geschweift  (Hör,  130:  digressionem  fecitnus).  19  ff.   Vgl,  Matth,  27,39  ff. 

25  Von  den  zwei  Schachern;  vgl,  Luk.  23,39.4^,  30  Luk,  23,49. 


260  Büchlein  der  Ewi^n  Weisheit.    Kap.  XV. 

junger  waren  von  mir  geflohen.  Ich  stftnd  also  nackent  and  aller 
miner  kleider  berobet.  Ich  waz  do  worden  der  nnmehtig  and  der 
siglos.  Sil  handleten  mich  unerbermklicb,  aber  ich  hielt  mich  als 
ein  swigendes  lembli  senftmütklich. 

Ich  waz  mit  herzeleide  und  mit  bitter  not  umbgeben,  wa  ich  6 
mich  hin  kerte.  Es  stftnt  under  mir  du  trurig  m&ter,  and  leid  ir 
mAterliches  herz  ze  gründe  alles,  daz  ich  an  dem  libe  leid.  Min 
miites  herz  wart  da  von  inneklich  bewegt,  wan  ich  allein  ir  grozes 
herzleid  ze  gründe  erkande,  ir  seneden  geberde  an  sah  nnd  ini 
kleglichü  wort  horte.  Ich  tröste  si  vil  gütliche  in  der  totlicbea  10 
scbidunge,  und  bevalh  si  minem  geminten  junger  in  mfiterlicb  tr&we 
und  bevalh  den  junger  ir  in  kintlich  triiwe. 

Der  diener:  Ach  min  milter  herr,  wer  mag  hie  enbern,  er 
müze  inneklichen  süfzen  oder  bitterlichen  weinen?  Eya,  min  scbönu 
Wisheit,  wie  mohten  sü  gegen  dir  süzen  lemblin  so  gar  unmilt  sin,  15 
die  wütigen  lowen,  die  miirdigen  wolfe,  daz  sü  dich  also  handleten? 
Ach,  wafen,  zarter  got,  wan  were  din  armer  diener  da  gesin,  daz 
ich  hetti  ellü  menschen  verwesen,  daz  ich  vür  minen  herren  dar 
were  gestanden,  ald  aber  mit  minera  eingen  liebe  in  den  bittem 
tod  were  gegangen,  oder,  w61tcn  sü  mich  nüt  [112']  mit  minem  -20 
lieb  lian  getötet,  daz  ich  den  hertcn  stein  diues  krüzes  heti  mit  dien 
armen  mins  herzen  in  jamer  und  klag  umbvangen,  do  er  von  mit- 
lidcnne  zersprang,  daz  och  min  eilendes  herz  mit  im  nach  dem  ge- 
minten were  zersprungen ! 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Es  waz  min  ewigü  ord-  25 
nunge,  daz  ich  zc  der  stunde  den  kclch  luiner  bitteren  marter  allein 
litte  vür  ellü  menschen.  Aber  du  und  alle  die,  die  mir  nach  wellen 
gan,  die  verloigen  ir  selbes,  nenien  nu  ir  eigen  kruz  uf  und  gangen 
mir  nach!  Wan  daz  sterben  ist  mir  als  minueklich,  als  ob  sfi  do 
mit  mir  in  den  bittern  tod  weren  gegangen.  30 

Der  diener:  Zarter  herr,  nu  lere  mich,   wie  ich  mit  dir  er- 


6  hin  fehlt  I?  iiiuler]  wider  K  11  ^em.]  lieben  J'?  17  ich  diu  IT 
ich  uac/igctraf/en  KF^  18  het  tVirwesen  1?  22  u.  in  klae:  AaE^F  26  bit- 
teren fehlt  F        30  do  tot  mit  ni.  K^ 

3  f.  Jir,  11,19,  6  Hm:  131:  i<tahat  innc  inxta  crucem  filii  pen dentis 

umtir  maestissima  etc.     Seust  scheint  die  Sequenz  'Stahat  mater  des  Jacopone 

da  Todi  (|  1306)  (jckmint  zu  haben.  11  f.  Joh,  tU,:^ti  f.  21  den  herten 

fltein.  den  Feh,   in  den  das  Kreuz  tinr/erammt  war   (pedcm  cruciSf  Hör,  l,  e,). 

23  f.    Vgl.  Matth.  :J7\:j1.  27  f.  Maiih.  1(U4. 


Büchleiu  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XV.  261 

sterben  sül,  und  weles  min  eigen  krüz  si,  wan  gewerlich,  min  herr, 
ich  ensol  nit  me  mir  leben,  sider  da  mir  tot  bist. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Swenne  du  dich  vlizest 
daz  aller  best  ze  tünne^  daz  du  dich  verstast,  und  du  denn  da  von 
5  von  dien  menschen  spotlichu  wort  und  smahlich  geberde  enphahest, 
und  SU  dich  als  gar  vernihtent  in  ir  herzen,  daz  sü  dich  da  vär 
hein,  daz  du  dich  weder  kunnest  noh  geturrist  gerechen,  und  du  nit 
allein  vestklich  und  unbeweglich  hier  inne  stest,  mer  daz  du  och 
den  himelschen   vatter  lieplich   über  sü  bittest  und  sü   minneklich 

10  gegen  im  entschuldigest:  sich,  als  dik  du  von  minnen  alsus  dir  selb 
erstirbest,  als  dike  ergrauet  und  erblüjet  sich  min  tod  an  din  Swenne 
du  dich  haltest  luterlich  und  unschuldklich,  und  dinü  guten  werk 
also  vertrucket  werdent,  daz  man  dich  mit  wolgevallenne  dins  herzen 
zellet  zu  dien  schuldigen,  und  du  gegen  dien,  die  dich  pingent  oder 

15  diner  sün  begerent,  als  behend  bist  von  gründe  ze  vergebenne  alles 
daz  Ungemach,  daz  dir  ie  von  in  beschah,  als  ob  es  nie  were  be- 
schehen,  und  inen  dar  zft  beholfen  und  diensthaft  bist  mit  Worten 
und  werken  dur  die  glicheit  mins  vergebennes  minen  krüzgern:  so 
stast  du  warlich  bi  dinem  liebe  gekrüziget.    Swenne  du  dich  denne 

20  aller  menschen  liebes,  nutzes  und  trostes  verzihest,  denn  so  vil  es 
din  b&rü  notdurft  ist:  so  verwiset  din  lieblosi  alle,  die  mich  do  ze 
der  stunde  Hessen.  Swenne  du  aller  diner  vründe  als  ledig  stast 
dur  mich,  als  ob  sü  dich  nit  an  hören,  in  allen  dingen,  da  ein  mittel 
mag  gevallen:   so  han   ich   einen   lieben  junger  und  brüder  ander 

25  dem  krüze  stende,  der  mir  min  liden  hilfet  tragen.  Du  ledig  vriheit 
dins  herzen  kleidet  und  zieret  mine  blozheit.  Swenne  du  denne  in 
aller  widerwertikeit,  [112^]  du  dich  von  dem  nechsten  an  gat,  von 
minnen  durch  mich  siglos  wirst,  und  du  aller  menschen  ungestümen 
zom,   wannan  er  wejet,   wie  geswinde   er  kumet,   du   habest  recht 

30  oder  unrecht,  als  senftmütklich  enphahest  als  ein  swigentes  lembli, 
also  daz  du  mit  dinem  suzmütigem  herzen  und  mit  dinen  senft- 
mutigen  worten  und  gütlichem  anllüte  der  andren  übli  überwindest: 


4  da  [von]  E^F  8  beweglich  E  10  selb  dir  alsu8  Aa  dir  s.  a.  EK 
14  gegen  fehlt  E^  16  nie]  nit  E  20  f.  ist  nach  es  EK  21  ein  barü  n. 
AKaEE"^        fürwiset  E^        29  weget  EFK        31  süzm.]  senftmütigen  E^ 

6 f.  Hör,  132:  ut  hoc  non  virtuti  2>atientiae  ascribant  ...  sed  impotentiae 
et  ignaviae,  21  Hör,  133:   desertionetn  meam,   qua  ab  omnibus  derelictua 

fui,  lyer  hanc  recompensas  voluntariam  abstractionem.  26  f.  L,  c, :  exspoliatio 

tuae  propriae  voluntatis  vestimenta  sunt  nudüatis  meae. 


262  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XVL 

sich,  so  wirt  daz  war  bilde  mins  todes  in  dir  us  gewürket.  Eja,  da 
ich  dis  gelicheit  vinde^  waz  hab  ich  da  in  dem  lustes  und  wol- 
gevallens  mir  selber  und  minem  himelschen  vatter! 

Trage  minen  bittem  t5d   in  dem  grnnde  dins  herzen  and  in 
dinem  gebette  und  in  erzöigunge  der  werke:  so  yolltürest  da  daz  5 
leid  und  die  truwe  miner  reinen  mflter  und  mins  lieben  jangem. 

Der  diener:  Ach  minneklicher  herre,  min  sele  begert,  daz 
du  US  wurkest  daz  bilde  dines  eilenden  todes  an  minem  Übe  and 
an  rainer  sele^  es  si  mir  liep  oder  leid^  nah  dinem  höhsten  lobe  and 
dinem  aller  liebsten  willen.  10 

Ich  beger  och  sunderliche,  daz  du  noch  me  ein  klein  rurest 
daz  groz  herzleid  der  trurigen  müter  und  mir  sagest,  wie  si  sieb 
ze  der  stunde  under  dem  kriize  hielte. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Des  vrage  si  selber. 


XVI.  Kapitel.  15 

Yen  dem  wirdlgen  lobe  der  reinen  künigeu  von  hlmelrich. 

Der  diener:  0  hohü  richeit  der  götlicheu  kunst  und  wisheit, 
wie  sint  tlinü  gericht  so  unbegriflFenlich  und  diu  wege  so  unerkant! 
Wie  hast  du  so  mengen  vromden  weg,  die  armen  seien  wider  ze 
briugenne!  Wes  gedecht  du,  oder  wie  was  dir  so  wol  ze  niüt  in  20 
diner  ewigen  unwandelberkeit,  do  du  so  adellicben  schüfde  die  reinen, 
die  zarten,  die  wirdigen  kreatur  ob  allen  lutren  kreaturen!  Herre, 
du  mochtest  wol  sprechen:  „Ego  cogito  cogitaciones  pacis, 
ich  gedenk  die  gedenke  des  vrides."  Herr,  du  hast  uzzer  dem  ab- 
gründe  dines  wesentlichen  giitcs  dir  selber  in  ir  widerlühtet,  in  dem  du  25 
ellü  verflossnü  wesen  hast  wider  in  den  Ursprung  geleitet.  Eya,  himel* 
scher  vatter,  wie  getorste  ein  sündiger  mensche  ze  dir  komew,  es 
were  deune,  daz  du  iins  hettist  gegeben  din  einiges  uzerweltes  kint, 

1  sicli  fehlt  AKK  eya  —  B  h.  vatter  feJiH  AE\  nachgciragen  E  da] 
wii  K  2  in  dem  fehlt  E  8  in  mir  ^^.  und  in  m.  h.  v.  E  14  daz  FZ 
17  d.  diener  fehlt  II        19  vromden  fehlt  F 

4 f.  L.  f.:  in  operatione  per  imitatiomm  affectiiosain.  14  Die  Antwort 

folgt  Kap.  17.     Im  Hör.  (134 — 136)  ist  Kap.  lü  mit  Kap.  15  vereinigt. 

17 f  Böm.  11,33.         22  Maria:  hitre  kreaturen  =  Eiujil.  23  Jerm,  29,11, 

24 f.  Sinn:  durch  Christus,  der  von  Maria  geboren  ivurdc,  hat  der  Vattr 
alhs  wieder  in  sich  zuriickgcführt:  rgl.  Bonaventura,  Brevil.  IV,  2  (ed.  Qua" 
racchi  IbiKh  17 UJ:  id.,  In  3  Sott.  dist.  1  a.  :*.  q.  3. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XVI.  263 

die  Ewigen  Wisheit,  ze  einem  leiter?  Eya,  Ewigü  Wisheit,  wie 
getörste  ein  armer  sandiger  mensche  iemer  die  baltbeit  gewinnen, 
daz  er  viir  sogtane  luterkeit  sine  nnreinkeit  getörste  gezöigen,  es 
were  denn,  daz  er  die  mftter  aller  erbarmherzikeit  ze  einem  schirme 
5  nemi?  Ewigü  Wisheit,  bist  du  min  bröder,  so  bist  du  och  min  herre; 
bist  du  ein  warer  mensche,  owe,  so  bist  du  och  wäre  got  und  ein 
vil  strenge  rihter  der  missetat. 

Eya  dar  umbe,  so  iinser  armen  seien  [113']  sint  in  dem  engen 
notstal  grundloses   berzleides  und  wir  enkunnen  noh   hin  noh  her 

10  komen,  so  blibet  uns  nit,  denn  daz  wir  unser  eilenden  ogen  uf 
bieten  ze  dir^  uzerweltü  küuigin  von  himelrich!  Eya  dar  umbe,  du 
der  ewigen  sunnen  glastes  wid erglenzender  Spiegel,  du  der  verborgen 
hört  der  grundlosen  gotlichen  erbarmherzkeit,  bis  hüt  gegrüzet  von 
mir  und  von  allen  sündigen   rüwigen  herzen!   Ach  ir  hohen  geiste, 

15  ir  reinen  seien,  trettent  hin  vür,  rument  und  prisent,  lobent  und 
gimlichent  daz  wuneklich  paradys  aller  woUust,  die  hohen  künegin, 
wan  dez  bin  ich  nit  wirdig,  si  gerftch  mir  es  dennc  ze  erlobenne 
von  ir  güti! 

0  du  gottes  uzerweltes  herztrut,   du  schöne  guldine  thron  der 

20  Ewigen  Wisheit,  erlobe  mir  armen  sünder  joch  von  mineu  gebresten 
ein  klein  sich  mit  dir  ze  erkosenne!  Min  sele  vallet  vür  dich  mit 
blugen  ogen,  mit  schamlichem  antlüte  und  mit  nidergeworfnen  ogen. 
Ach,  ein  mftter  aller  gnaden,  mir  ist  aber  als  neiswie  als  weder 
min  sei   noch  kein   endrü   sündigü   sei  bedürfe   keines  urlobes  noch 

25  enkeins  mitlers  gegen  dir;  du  bist  doch  daz  mittellos  mittel  aller 
sünder.  8o  doch  ein  sele  ie  sundiger  ist,  so  si  ie  billicher  dunket, 
daz  si  einen  zfigang  zft  dir  habe;  so  si  ie  missetetiger  ist,  so  si  ie 
billicher  hin  vür  dich  tringet.  Dar  umb,  sei  minü,  so  gang  vrilich 
hin  vür!   Vertribet  dich   din  grozü   missetat,   ach,   so  ladet  dich  du 

30  grundelos  miltekeit. 

Eya  dar  umbe,  du  einiger  trost  aller  sündigen  herzen,  du  einigü 
vluht  der  verscbulten   menschen,   zu  der  manig  nasses  öge,   mani 


8 


1  leiter]  lerer  F^        2  die  b.  iemer  I'?  4  erbermde  AKaK        5  min 

h.  —  6  och  fehlt  F        19  thron]   krön   F'  23  gnade  E'FHa        24  keines 

fthli  K'        27  daz  si  baltliche  E^        habe  zu  dir  E'       meintetiger  F       29  [hin] 
vür  E^        vertribe  E^        32  zft  dir  FF' 

5  ff .  V^(jL  Bernardus,  senno  in  Dom.  infra  (Jet.  Assumpt,  «.  1.2:  sermo 
in  Nativ.  n.  7.  Zum  Gedankengang  des  ganzen  Abschnittes  vgl.  Vacandard, 
Vie  de  S.  Bernard  II  (Paris  1895),  93  f. 


264  Büchlein  der  Ewipen  Weisheit.    Kap.  X^^. 

verwundet  eilendes  herze  uf  geborten  wirt,  bis  ein  gnedig&  mitlerin 
and  sünerin  entzwusehent  mir  und  der  Ewigen  Wisheit!  Gedeuk, 
gedenk,  miltü  uzerweltü  künegin,  daz  du  alle  dine  wirdikeit  von 
ans  siindigen  menschen  hast.  Waz  hat  dich  gemachet  ein  mfiter 
gottes,  einen  schrin,  in  dem  die  Ewig  Wisheit  suzeklich  gerfiwet  5 
hat?  Vrowe,  daz  hein  unser  armen  menschen  sünde.  Wie  wöltest 
du  heissen  du  müter  der  gnaden  und  der  erbarmherzikeit,  denn  von 
unser  ärbeitselikeit,  die  diner  gnade  und  erbarmherzkeit  bedarfen? 
Unser  armftt  hat  dich  rieh  gemachet,  unser  gebresten  hein  dich  über 
alle  luter  kreatur  geadelt.  10 

Eya  dar  umbe,  ker  dinü  5gen  der  erbarmherzkeit,  du  din 
railtes  herz  nie  gekerte  von  keinem  sünder,  von  keinem  trostlosem 
menschen,  ze  mir  armen  menschen,  nim  mich  under  dinen  schirm, 
wan  min  trost  und  Zuversicht  lit  an  dir.  Wie  ist  so  menig  eündigu 
sei,  so  si  gote  ein  urlob  hate  gegeben  und  allem  himelscheni  her,  15 
[113^]  so  si  flottes  verloigent  hate,  so  si  an  gote  verzwiflet  bäte 
und  von  im  jemerlich  gcscheiden  waz,  du  sich  au  dich  hankte, 
owe,  du  so  uiilteklich  von  dir  uf  enthalten  ist,  unz  daz  si  von  diner 
gnade  wider  ze  gnaden  kam!  Wer  ist  der  sünder,  der  ie  so  vil 
mordcs  und  meines  begangen  hab,  so  er  an  dich  gedenke,  er  ge-  20 
winne  einen  mftt?  Uzerwelter.  einger  trost  unser  armen  sünder,  du 
grundlos  giiti  gottcs  du  hat  dich  als  lustlich  gemachet  allen  sündem, 
daz  uns  sin  von  diner  übervliezendcn  güti  gelüsten  müz.  Sieh, 
wenne  min  sele  sich  nach  dir  recht  hinderdenket,  so  hugt  mir  der 
müt,  so  düchte  mich  billieh,  ob  es  muglich  were,  daz  min  herz  mit  25 
weinenden  ogen  zu  dem  munde  us  von  vroden  Sprunge,  so  zer- 
vlüzet  diu  iiam  in  uiiner  si»l  als  ein  honigsein.    Du  hoisscst  dorh  du 


H  ^a'taii  nach  sünde  von  späfeirr  Hand  K  7  düj  ein  AKaK  &niade 
J:^F^H  9unseri»-cb.  --  li)  ^oeMt  fehlt  F^  lü  kroatiiren  AK  11  ker 
her  AKa  du  oiren  diner  erh.  I-?  12  f.  von  k.  s.  nie  i^rekert  noch  von  k.  t. 
in.  I'?  Di  ze]  jxeiren  E  ze  -  menschen  Mit  AKa  n.  mich  frowe  K^ 
14  und  miu  z.  A*  17  im]  y^otte  1?  was  aesch.  K^  du  —  haukte  fthli 
AK  19  koni  ze  ^^  F.^  '22  [du]  hat  AKFFH  25  ob  -  were  fehlt  AKK 
2Ü  von  vroden  (frod  E)  ze  d.  ni.  us  spr.  AKal-l        27  in  minem  herzen  AKK 

1 1*.  Bern.y  serm<t  ii  de  adrinin  Doniini  n.  ft:  per  ie  accesswn  haheamuv 
ad  filium^  n  hutedicta  invenln'.r  (jratiar,  genetn'.r  vitae,  mater  salutis  ...  domina 
nostra,  inediatrix  nostra.  adrocala  nostra,  iuo  ßli'o  iiom  reconcilia  etc.  Vgl, 
oben  :J43,,'ff.  11   \'(jJ.  das  ISalve  regina  und  Bern.,  sermo  4  in  Assumpt,  n.  0. 

14    Vgl,  Bern.j  sermo  in  Katir.  n.  7 :  haev  (Maria)  pcccatornm  scala,  hate 
mva  maxima  ßdnvia  est^  hau-  tota  ratio  tipri  wcae. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XVI.  265 

müter,  du  künginue  der  erbarmherzkeit;  eya,  zartü  muter,  eya, 
miltü  küulgin  der  grundlosen  erbarmherzkeit!  Owe,  wel  ein  name! 
Wie  ist  daz  wesen  so  grundlos,  dez  nam  so  gnadenrich  ist!  Erklang 
ie  kein  seitenspil  so  wol  in  einem  wilden  herzen,  als  der  reinen  nam 
^  tftt  in  unseren  rüwigen  herzen?  Disem  hohen  namen  son  billich  ellü 
höbter  nigen  und  ellü  knie  sich  biegen.  Wie  dik  hast  du  die  vient- 
lichen  band  der  bösen  geisten  von  uns  vlüchtig  gemachet!  Wie  dik 
hast  du  des  strengen  richters  zornlichen  gerehtikeit  nntfif standen ! 
Wie  dik  hast  du  uns  gnad  und  trost  von   im  erworben!    Eya,  wir 

10  armen  sündigen  menschen,  waz  wellen  wir  hier  zu  sprechen,  wie 
sülen  wir  ir  dez  grozen  gutes  iemer  gedanken  ?  So  si  alle  engelsch- 
liclien  Zungen,  alle  luter  geiste  und  seien,  himelrich  und  ertrich  und 
alles,  daz  dar  inne  beschlossen  ist,  ir  wirdikeit,  ir  wunne,  ir  gnade 
und  ir  grundlosen  ere  nit  volloben  kan,  ach,  waz  sülen  wir  sündigen 

15  herzen  denne  tun?  Tüjen  wir  unser  vermugen,  und  sagen  ir  gnade 
und  dank,  wan  ir  grozü  demütikeit  siht  nit  an  die  kleini  der  gäbe, 
si  siht  an  ricbheit  des  willen. 

Ach,  süzü  künigin,  wie  mag  sich  din  so  billich  vröwlicher  nam 
gesten!  Wa  nu:  verfluchet  si  Eva,  daz  si  der  vrucht  ie  enbeiz?  Ge- 

^20  segnet  si  Eva,  daz  si  uns  die  süzen  himelschen  vrubt  ie  brahte! 
Nieman  klage  me  daz  paradys,  —  wir  haben  ein  paradys  verlorn, 
und  haben  zwei  paradys  gewunnen.  Oder  ist  si  nit  ein  paradys, 
in  der  da  wuchs  du  vruht  dez  lebenden  [114']  bömes,  in  der  ellü 
Wollust  und  vröde  mit  einander  beschlossen  waz?  Oder  ist  daz  och 

25  nit  ein  paradys  ob  allen  paradysen,  in  dem  die  töten  wider  lebent 
werdent,  so  sü  siner  vruht  versftchent,  von  dez  henden  und  vüzen 
und  siten  vlussen  die  lebenden  brunnen,  die  da  alles  ertrich  be- 
giessent,  unerschöphter  erbarmherzikeit,  grundloser  wisheit,  über- 
viiessender  süzikeit,  inbrünstiger  minne,  und  der  brunne  des  ewigen 


1  f.  [eja]  miltü  E^  4  rein(e)  K^Fa  8  des  zornlichen  richters  gereht. 
AKE  12  erde  AKE  16  demut]  guti  AKaE  die  fehlt  AKE  19  der 
vruht  —  20  uns  fehlt  K         20  Eva]   Maria  von  späterer  Hand  E  22  am 

Rande  Bernardus  AEE'FZ  23  du]  der  E'F'  24  und  vrode  fehlt  AK 

och  daz  is'i  och  fehlt  FF'        26  vrühte  E 

1  In  dem  Gebet:  Salve  Regina^  mater  misericordiae  etc,  20  Hier  ist 

Maria  gemeint,  die  hei  den  Vätern  die  zweite  Eva  genannt  und  der  ersten  gegen» 
über  gestellt  wird:  vgl.  Scheeben^  Dogmati k  III  (1882),  Ö96  ff.  22  Maria 

und  Christus.  In  dem  Tractaius  ad  laudem  gloriosae  virginis  matris  (inter 
opp.  S.  Bernardi,  Migne  I*atr.  Lat.  182,  1144)  wird  Maria  paradisus  deli- 
darum  genannt.  25  Bezieht  sich  auf  Christus.  27  Vgl,  I  Mos.  2^10  f. 


266  Büchlein  der  Ewigeu  Weisheit.    Kap.  XVI. 

lebens?  Geworlich,  berr,  der  diser  vruht  hat  versftchet,  der  diser 
brunnen  hat  getrunken,  der  weis,  daz  disü  zwei  paradis  übertreffent 
verre  daz  irdensch  paradys. 

Uzerweltü  kungln,   du  bist  och  der  gnaden  tor,   der  erbermde 
porte,   du  nie  zft   geschlossen   wart.     Himelrich    und  ertriche   mag  5 
zergan,  e  daz  du  ieman,  der  es  mit  ernste  sfichet,  lazest  ungehiilieo 
von  dir  gan.     Sich,  dar  umb  bist  du  miner  sele  erster  ogenblik,  so 
ich  uf  stan,   du  bist  ir  jüngster  anblik,   so  ich  schlaffen  gan.     Daz 
din   rein   hende  entwürten    und   ansihtig    machen,    von    dez   botten 
wirdikeit,    daz   da  an  im   selber  klein  ist,    wie  mag  es   verworfen  10 
werden,   daz  du,   reinü,   entwürfest  dinem  lieben  kinde?    Dar  amb, 
zartü   uzerweltü,   nim   die  kleinheit  miner  werke   und  trag  sü  vür, 
daz  sü  etwas  schinen   von  dinen  henden   vor  den  ogen  dez  almeli- 
tigen  gottes.     Du   bist  doch   daz  rein   rotguldin   va%,    durschinelzet 
mit  gnaden,  durleit  mit  edlen  smaragden  und  Saphiren  und  allerley  15 
tugenden,  des  einiger  anblik  übertriffet  in  dien  ogen  des  bimelßchen 
künges  aller  luter  kreatur  anblik.     Ach  uzerweltü,  minneklicbu  gotes 
gcmahl,  ward  der  küng  Aswerus  gevangen  in  sinem  herzen  von  der 
sclioni  der  minneklichen  Hester,  vaud  si  ein  wolgevallen  in  sinen 
ogen  ob  allen  frowen,   vand  si  gnade  vor  in  allen,   daz  er  tet,   waz  20 
si  begerte:   owe,   du  röter   rosen    und  aller  lylitMi    übergülden,    wie 
mag  denne  der  himelsch  künig  von  diner  lutren  reinikeit,  von  diner 
senftmütigen  demütikeit,    von  der  wolriccheuden  apotek  aller  tugen- 
den und  gnaden  so  wol  gevangen  werden!  Oder  wer  hat  den  wilden 
einhorn  gevangen  denne  du  ?    Waz  grundlosen  wolgevallennes  hat  io  25 
sinen  ogen    vor    allen    inenseben   din   minueklicbü    zartü    Schönheit, 
ge^en  der  ellü  selionheit  erlöschet  als    ein  schinuendes  nachtwürmli 


4  «loch  AKaKF^  5  cun  lUnuk  Bonianlus  I^hU'^Z  G  daz  feJdt  Z 
7  iiiiiuT  —  Mg.]  min  erster  aiihlik  AKE  8  irj  min  AK  14  waz  A 
\\)  l'niwen  Hester  AKct,  20  ob  a.  fr.  fikli  AKK  vi.r  i.  a.  fMt  F  21  der 
rot.  r.  AKa         24  jrnade   /-.'«         2<i  din]  dii  AF 

5  f.  Bernardus,  stnnn  4  in  As,s^nnpt.  v,  s.  \)  Zu  t'ntwürtcn  erijunzt: 
(tott,  19  1!".  Kstlicr  :Jj9.  25  einhorn,  sa^ßonhaffes  Tier  mit  spitzifftm 
Ilom,   ila.ss  tfirJi  nur  ron  (fiucr  Juiif/frau  fanfjcn    lasfie   ( lAiucherij    Geach,  dt» 


jjn  ,myn  ava  j\.,  -^Tiiinntn  uaa  .nana  imiilii  ^.s  iJ^ir:  iiu  oojf,;  j±,  oc/lucf^, 
Die  Lef/cnde  com  J.ebcu  der  Juwifrau  Maria  und  ihre  iJarstcUung  in  der  bild. 
Kunst  deff  MittelaUirs  I67b,  05/. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XVI.  267 

gegen  der  glenzenden  sunnen  glaste!  Waz  übervliezender  gnade 
hast  da  vor  im  vunden  dir  und  uns  andren  gnadlosen  menschen! 
Wie  sol  oder  mag  dir  denne  der  himelsch  künig  üt  versagen?  Du 
macht  wol  sprechen:  [114"^]  „min  geminter  mir  und  ich  im**;  ach, 
5  du  gottes  und  got  din,  und  ir  zwei  ein  ewiges  grundloses  minne- 
spil,  daz  enkeine  zweiheit  niemer  me  gescheiden  mag!  Gedenkent 
und  vergessent  nit  unser  armen  dürftigen,  die  so  jemerlich  noch 
wallent  in  dem  sorklichen  eilende! 

Eya  nu,  ein  vrow  himelriches  und  ertriches,   nu  stand  uf  und 
10  bis  ein  mitlerin,   ein  gnade  erwerberin  gegen  dinem  zarten   kinde, 
gegen   der  Ewigen  Wisheit!   Ach,  Ewigü  Wisheit,   wie  wilt  du  mir 
nu  iites  versagen?   Als  ich  dich   dem  ewigen  vatter  vür  büte,   also 
büt    ich    die    reinen    zarten    uzerwelten     müter    vür    dinü    milten 
ogen;   eya,    miltü  schönü  Wisheit,    nu   sich   si  an,    nu   schowe  d6 
15  milten  ogen,  du  dich  so  gutlich  dik  hein  an  gesehen,    erkenne  du 
sch6nen   wengel,   du  si  so  dik  an   din  kintliches  antlät  so  lieplich 
hat  getrucket!    Ach,  lüg  an  den  süzen  mund,  der  dich  dike  so  zärt- 
lich hat  durküsset,  sich  an  die  reinen  hende,   die  dir  so  dike  hein 
gedienet!  Ach,  du  miltü  miltekeit,  wie  macht  du  der  ütes  versagen, 
20  du   dich   so  minneklich   sogte   und  an  ir  armen  trüg,   leit  und  hüb 
und  so  zärtlich  zoch? 

Herre,  ich  ermanen  dich  alles  des  liebes,  so  du  in  dinen  kint- 
lielien  tagen  ie  von  ir  gewunne,  do  du  si  uf  der  müterlichen  schoz 
so  inneklichen  zärtlich  mit  dinen  spilenden  öglin  an  lachetest,  mit 
25  dinen  kintlichen  armen  lieplich  umbschlusse  mit  grundloser  minne 
und  liebi,  die  du  ze  ir  hattest  ob  allen  kreaturen.  Gedenk  och  an 
daz  groz  herzeleid,  daz  ir  möterlich  herze  allein  mit  dir  trüg  under 
dem  galgen  dines  eilenden  krüzes,  do  si  dich  in  sterbender  not  sah. 


3  (leiine  dir  E^  6  niemer  [me]  AKK  14  eya  —  16  wengel  fehlt  A 

eya  —  15  ogen  fehlt  Fa  schonü  miltü  E^  15  dich  dik  so  g.  E        16  si 

so]   sich  A   si  fehlt  A»  17  dike  fehlt  E  23  von  ir  ie  E'F         25  liepi. 
fehlt  F 

4  f.  Hohel,  2^16:  du  gottes  und  got  diu  etc.  erinnert  an  ähnliche  Wen^ 
duiKjtn  der  weltlichen  Minnepoesie^  vgl.  die  Belege  hei  Strauch,  Ad.  Langm. 
103 f.  12 f.  Hör.  142:  sicut  te  (Christum)  caelesii  patri  ac  gtnitori  tuo  ad- 

cocatum  ej-hibeo,  sie  tibi  dilectam  matrem  ut  meam  exhiheo  auxüiatricem. 

14  ff.  Man  fühlt  sich  hier  (vgl.  auch  Hör.  142)  an  die  aus  dem  Geiste  der 
Mystik  geborenen  Mariendarstellangen  der  alten  Kölner  Schule  (Madonna  mit 
der  Wickenblüte)  und  des  Fra  Angelico  da  Fitsole  erinnert. 


268  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XVII. 

und  ir  herze  und  ir  sele  mit  dir  in  jamer  und  not  dik  erstarb,  daz 
du  mir  gebest  von  ir  gnaden  alles  mittel  ab  ze  legenne,  diu  gnade 
ze  erwerbenne,  und  die  niemer  ze  verlierenne. 


XVII.  Kapitel. 
Ton  Ire  uDsaglicliem  herzleide.  5 

Wer  git  mineu  ogen  als  mengen  trehen  als  mengen  büchstaben, 
daz  ich  mit  liebten  trehnen  geschribe  die  eilenden  trehen  des  grand- 
losen herzleides  miner  lieben  vröwen?  Reinü  vrow  und  edlü  klingln 
himelriches  und  ertriches,  rüre  min  ersteintes  herz  mit  einem  diner 
hitzigen  trehen,  die  du  vcrgusse  von  der  bitteren  not  dines  zarten  10 
kindes  under  dem  eilenden  krüze,  daz  es  erweiche  und  dich  ge- 
merken  kunne;  wan  herzleit  ist  der  natur,  daz  es  nieman  reht  er- 
kennet, denne  den  es  rüret.  Ach,  nu  rür  min  herze,  uzerweltu  vrow. 
mit  dinen  trurigcn  Worten,  und  sag  mir  mit  kurzen  sinneriehen 
Worten  allein  ze  [115']  einer  manunge,  wie  dir  ze  müt  were  und  16 
wie  du  dich  gehübist  under  dem  krüze,  do  du  din  zartes  kint,  die 
schonen  Ewigen  Wisheit,  sehd  als  jemcrlichen  ersterben. 

Entwurt:  Daz  solt  du  hören  mit  jamer  und  herzleide;  wan 
swie  ich  nu  alles  leides  vri  si.  do  ergie  es  doch  ze  der  zit  nit  also. 

E  daz  ich  under  daz  krüz  kerne,  do  hat  ich  menig  groz  und  20 
unsäglich  herzleid  enphan^en,  sunderlich  von  der  stat,  da  ich  den 
ersten  anblik  nam  des  schlahennes  und  stossens  und  übel  bandlens 
mins  kindes,  da  von  ich  so  kraftlos  wart  und  also  kraftlosu  wart 
dem  lieben  sun  nach  gefiiret  bis  under  daz  krüz.  Aher  dem  du 
nah  vragest,  wie  mir  do  ze  int\t  were  und  wie  ich  mich  gehübi,  25 
daz  hur.  als  vil  es  muglich  ist  ze  wissenne:  wan  enkein  herz,  daz 
ie  geborn  wart,  mochte  es  genzlich  ergnuiden. 

1  und  in  n.  AKccE  3  di«»  fehlt  1?  G  der  dienur  AKa  13  den] 
der  F  18  (»ntwürt  der  ewigen  wijshrit  V  am  liandc  Y.x  sensu  verborum 
B<Tnardi  KI?Z  19  nu  fehlt  ]?  nit  ze  d.  z.  als(»  AKKF^  21  und 

sunderl.  AKKH        23  m.  lieben  kindes  AKK        24  niineni  i.  sun  K^        27  eu- 
molite  Z 

18  Vgl.  Frolofj  des  Bdeir  197,^4  f.  Seuse  bezieht  m'ch  auf  die  pseudobern- 
hardische  Schrift  Liher  de  pasnione  Christi,  de  dolorihus  et  jdanctiftus  matris 
eius  (inter  opp.  S.  Jiernardi,  Mi(jne  Patr.  Lnt.  I^:J,  1133 ß\)j  die  auch  in  Kap,  19 
und  :i()  benutzt  ist.  ^fanch*^s  in  diesen  Abschnitten  erinnert  an  die  Marien- 
klufjrfi  des  Mittelalters ;  vtjL  A.  E.  Schönbach,  Über  die  Marienklagen  1874, 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XVII.  269' 

Sich,  ell&  du  herzleid;  du  kein  herz  ie  gewan,  du  werin  als 
eiu  tröpheli  gegen  dem  niere  gegen  dem  grundlosen  herzleide,  so 
min  mäterlich  herz  do  gewan.  Und  daz  verstand  da  bi:  so  daz 
liep  ie  lieber  ist,  so  es  ie  minneklicher  und  ie  süzer  ist,  so  sin  ver- 
5  lust  und  sin  tod  ie  unlidiger  ist.  Owe,  wa  wart  nu  uf  ertrich  ie 
zarters  geborn,  ie  minneklichers  gesehen,  denn  min  einiges  minnek- 
Hohes  liep  waz,  an  dem  und  in  dem  ich  hate  genzklich  besessen' 
alles,  daz  disü  weit  geleisten  mohte?  Ich  waz  mir  selber  vor  tot 
und  lebt  in  ime,  und  do  mir  min  schönes  liep  ertödet  wart,  do  er- 

10  todet  ich  do  erst  genzklich.  Als  min  einges  liep  einiges  waz  und' 
liep  was  ob  allem  liebe,  also  was  min  einig  leid  einig  und  leid  ob 
allem  dem  leide,  daz  ie  gesprochen  wart.  Sin  schönü  lützeligü 
menscheit  was  mir  ein  lustliches  ansehen,  sin  wirdigü  gotheit  waz 
minen  ögen  ein   süzes  ansteren,   an  in  gedenken   waz  mins  herzeU' 

15  vröide,  von  im  sprechen  was  min  kurzwil,  sinü  süzü  wort  hören< 
was  miner  sei  seitenspil.  Er  was  mines  herzen  Spiegel,  miner  sele 
wunne;  himelrich  und  ertrich  und  alles,  daz  dar  inne  waz,  hatte 
ich  an  siner  gegenwürtikeit.  Sich,  do  ich  daz  liep  alles  sament 
sah  also  vor  mir  uf  erhenket  stau   in  sterbender  not,   owe   des  an- 

20  blickes!  Owe,  wel  ein  Sgenblik  daz  was!  Wie  erstarb  in  mir  min? 
herze,  wie  ertodet  min  müt!  Wie  wart  ich  so  kraftlos,  und  wie 
verswunden  mir  alle  min  sinne !  Ich  l&gete  uf,  do  enmoht  ich  minem 
lieben  kinde  nit  ze  staten  komen;  ich  l&get  nider,  do  sach  ich  die 
mit  minen   ogen,   die  mir  min   kint  so  jemerliche  handleten.     Wie 

25  eng  mir  do  waz  uf  allem  dem  ertrich!  Ich  was  herzlos  worden, 
min  stimme  was  mir  engangen,  [115^]  ich  hate  min  kraft  zemal 
verlorn.  Und  doch,  do  ich  zu  mir  selber  kam,  do  hftb  ich  uf  mine 
heiser  stimme  und  sprach  zä  minem  kinde  gar  in  kleglicher  wise 
diserley  wort  under  andren:   ^owe  min  kint,  owe  kint  mins,  owe 

30  mins  herzen  vrödenricher  Spiegel,  in  dem  ich  mich  dik  mit  vroden 
hau   ersehen,   wie   sihe  ich  dich   nu  so  jemerlich  vor  minen  5gen! 

2  niere   —   dem  fahlt  F  4  und   [ie]  AKaE  5  wa  fehlt  AKE 

6  zartes  AE'H  7  genzlich  hat  E^F^  9  do  mir  do  KZ  13  mir  —  goth. 
waz  fMi  AK  lustl.]  lütseiiges  E^  19  stan  nach  not  AKa?J  23  [nit]  ze 
keinen  staten  E^  do]  so  AKaE  24  mir  fehlt  E^  m.  liebes  kint  als 
jem.  AKE  27  f.  uf  nach  stimme  AEF  28  gar  fehlt  FF^  29  owe  m. 
kint  fehlt  AK  o.  kint  mins  fehlt  E^ 

21  f.  Hör.  144  f. :  virtus  omnis  evanuit,  sensus  a  me  recessit  . . .  defeci 
prae  dolore,  corrui  prae  maerore.  Dies  war  im  Mittelalter  weitverbreitete  An- 
sicht (Den,  416  A,  o). 


270  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XVU. 

Ovve,  ein  hord  ob  aller  diser  weit,  min  mfiter,  min  vatter  und  alles^ 
daz  min  herze  geleisten  mag,  nime  mich  mit  dir!  Oder  wem  wilt 
du  din  eilenden  mftter  hinder  dir  lazenV  Owe,  kint  mins,  wer  git 
mir,  daz  ich  vür  dich  sterbe,  das  ich  disen  bittren  tod  vür  dich 
lide?  Owe,  ellcndü  not  einer  lieblosen  militer,  wie  bin  ich  beröbet  5 
aller  vröden,  liebes  und  trostes!  Owe,  begirlicher  t6d,  was  vcrtreist 
du  mir?  Nim  hin,  nim  hin  zu  minem  kinde  die  armen  müter,  der 
leben  bitterer  ist  denn  kein  sterben.  Ich  sihe  doch  sterben  den,  den 
min  sei  da  minnet.     Owe,  kint  mins,  ach  min  liebes  kint!" 

Sich,  und  do  ich  mich  als  jcmerlich  gehAb,  do  trost  mich  min  lo 
kint  gar  gütlich  und  sprach  under  andren  werten :  mensciilich  künne 
enmöchti   anders  nit  erlöset  werden,   und  er  w61te   an  dem   dritten 
tage  erstan  und  mir  und  den  jungern  erschinen,  und  sprach:  «vrow, 
laze  din  weinen  sin,  nit  weine,   min  schonü  mftter!    Ich  enwil  dich 
niemer  eweklich  gelazen."     Und  do  mich   min  kint  als  gütlich  ge-  16 
tröste   und   mich   dem  junger   bevalh,    den   er   da  minnet  und   och 
vol  herzleidcs  da  stftnt,   —   du  wort  wurden   so  jcmerlich  und  so 
besöftklich  in  min  herze  gestecket,  daz  sü  durchschniten  min  herz  und 
sei  als  ein  spitziges   swert,  —  do  gcwunnen  och   du  herten   herzen 
gar  groz  erbermde  über  mich.     Ich   httb  min  hende   und   arme  uf  20 
und  hetti  gerne  von  jamor  mins  herzen  min  lieb  umbevangen,    und 
daz  selb   enmoht   mir  nit  werden.     Und   von   rechtem   überwundem 
herzleide  do  seig  ich  nider  under  dem  krüze  neiswie  dik  und  ge- 
leit  die  spräche;    und   so  ich    wider   zft   mir  8ell)er  kam   und    mir 
anders  nit  moht  werden,  so  kuste  ich  daz  biftt,  daz  von  sincn  wun-  25 
den  da  nider  flos,   also  daz   min  erbleichtü   wangcn   und  mund  gar 
bliitvar  wurden. 

Der  dien  er:  Owe,  grundlosü  miltekeit,  waz  grundloser  marter 
und  not  ist  disü  not!  Wa  sol  ich  mich  hin  keren,  oder  zu  wem  sol 
ich  minü  ogen  bieten  ?  Sich  ich  die  schonen  AVisheit  an,  owe,  so  30 
sih  ich  not,  da  von  min  herze  besinken  sölti :  wan  rufet  doch  uf  in 
uzwendig,  tötlichü  ani^est  ring(*t  mit  im  inwendig,  [116']  alle  sin 
adren   spanent,   alles  sin   blttt  zerrünnet.     Da  ist  ach   und  we    und 


1  m.  v.'itor  m.  müter  K^  )J  o.  min  kint    K^  (\   frotle   J'?         ver- 

trerst  A  7  nim  hin  3  mal  AK  8  dtMi  [den]  l'?F  10  jom.]  kieglich  E^ 
15  alsny  [irntlich]  F  1(>  enphalh  K' FF' IIa  mich  enph.  d.  j.  K^  er 
[da]  K'  18  heslosson  und  hcstock^t  F  18  f.  und  min  s.  AKaKK^  20  und 
a.  uf  fehlt  AF       22  über\>'undnen  AK       2!)  zwom  K        32  totl.  —  inw.  fehlt  F 

3   Viil  II  König f  1S,3J. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XML  271 

liebloses  sterben  ane  alles  genesen.  Kere  ich  denne  minü  ogen  zu 
der  reinen  nifiter,  acb,  so  sihe  ich  daz  zart  herze  durwunt,  als  ob 
tusent  messer  dar  in  stecken,  so  sihe  ich  die  reinen  sele  durmar- 
teret. Der  seneden  geberde  wart  nie  gelich  gesehen,  der  mftter- 
5  liehen  klage  wart  nie  gelich  gehöret.  Ir  kranker  lip  ist  da  nider 
von  leide  gesigen,  ir  schönes  antlut  mit  dem  ertöten  blute  bestrichen. 
Owe,  hie  jamer  und  not  ob  aller  not!  Sines  herzen  marter  lit  an 
der  trurigen  möter  leide,  der  trurigen  mfiter  marter  ist  an  des  lieben 
kindes    unschuldigen  tode,    der  ir  vil   pinlicher  ist  denne  ir  eigen 

10  tod.  Er  sihet  si  an  und  tröstet  si  gutlich,  si  hütet  ir  hende  kleg- 
lich  uf  gegen  im,  und  wölt  gern  vür  in  sterben  jemerlich.  Ach, 
werderm  ist  hie  wirs?  Wedrent  ist  du  grözer  not?  Si  ist  beident- 
halb  als  grundelos,  daz  ir  nieme  gelich  wart.  Ach  des  möterlichen 
herzen,  dez  zarten  vröwlichen  mütes!  Wie  mohte  dis  unmessig  liden 

15  din  müterliches  herze  alles  ie  getragen?  Gesegnet  si  daz  zart  herz, 
gegen  des  leide  alles,  daz  ie  gesprochen  und  geschriben  wart  von 
herzleid,  ist  als  ein  trom  gegen  der  warheit!  Gesegnet  sist  du,  uf- 
brechender  morgenrot,  ob  allen  kreaturen,  und  gesegnet  si  der  ge- 
blümte   roselochter   anger   dines   schönen   antlütes,   daz  da  gezieret 

20  ist  mit  dem  rubinroten  blute  der  Ewigen  Wisheit! 

Owe,  du  lütseliges  antlüte  der  schönen  Wisheit,  wie  todest  du ! 
Owe,  du  schöne  lib,  wie  hangest  du!  Owe  und  owe,  du  reines  blftt, 
wie  rinnest  du  her  abe  so  hitzig  uf  die  müter,  du  dich  gebar !  Owe, 
alle  mütren ,  lant  üch  daz  leid  geklegt  sin !  Ellü  reinen  herzen,  laut 

25,  üch  ze  herzen  gan  daz  rosvarwe  rein  blüt,  daz  die  reinen  müter 
also  begüzet!  Schowent,  ellü  herzen,  du  ie  herzleid  gewunnen,  und 
Iftgent,  daz  disem  herzleid  nie  glich  wart!  Es  ist  nit  wunder,  daz 
ünsrü  herzen  hie  von  jamer  und  erberrade  zervliessent ;  du  not 
wart  doch   als  groz,   daz  si  die   herten  steine  zerspielt,   daz  ertrich 

30  erbidmet,  du  sunue  erlasch,  daz  sü  ir  schöpher  mit  littin. 


4  eiiwart  AKKE^  5  n.  g.  gesehen  noch  gehört  1?  5  f.  von  leide 
da  nider  AK  6  etoten  A  8  ist]  lit  AEE'F  10  f.  uf  gen  im  kl.  E"^ 
11  gern  und  iemer  E^  14  geniütes  AK  wie  —  15  getragen  fehlt  AK 
15  alles  fehlt  E  ie  fehlt  E'E  16  leide]    herze  F  und]   ald  AKE 

17  alles  als  E^        28  zerflussent  E 

4.27   VgL  Klagel.  1,12, 


272  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XVIIL 


XVIII.  Kapitel. 

Wie  es  ze  der  stund  nah  dem  inren  menschen  umb  in  stund. 

Der  diener:  Ewigu  Wisheit,  80  man  dinem  nnmezigen 
lidenne  lerne  nah  gat,  so  es  ie  grandioser  ist.  Diner  not  waz  alii 
gar  vil  under  dem  krüze,  do  waz  ir  noch  me  an  dem  krnze  nach  ^ 
dinen  nssren  kreften,  die  ze  [116"^]  der  stunde  waren  in  dem  enphin- 
denne  dez  smerzen  dez  bitteren  todes.  Ach,  min  zarter  herre,  wie 
stftnt  es  aber  umb  den  inren  menschen,  umb  die  edlen  sele?  Waz  dA 
in  keinem  tröste  oder  süzikeit  ze  der  zit  als  ander  martrer,  daz  diu 
grimmes  liden  joch  so  vil  dest  senfter  were  gesin,  oder  wenne  nam  lo 
es  ein  ende? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Da  h6re  ein  not  ob  aller 
noty  die  du  noch  gehöret  hast.  Swie  daz  min  sele  nach  ir  obresten 
kreften  do  were  in  einem  schoweune  und  niessenne  der  blozen  got- 
heit  als  adellich,  als  si  nu  ist,  sich,  do  waren  doch  die  nideren  i& 
krefte  des  inren  und  des  usseren  menschen  als  gar  in  selber  ge- 
lazen  uf  daz  jüngste  püntli  grundloser  bitterkeit  in  ganzem  trost- 
losem liden,  daz  der  marter  nie  gelich  wart.  Ach  h6re :  und  do  ich 
genzklichen  als  gar  hilflos  und  gelazen  also  stünt  mit  nider  trieflfen- 
den  wunden,  mit  weinenden  ogen,  mit  zerspannen  armen  und  zer-  ^ 
zognen  adren  aller  miner  gelider  in  sterbender  not,  do  hüb  ich  uf 
ein  jemerlich  stimme  und  rufte  ellendklich  zu  minem  vater  und 
sprach:  „min  got,  min  got,  wie  hast  du  mich  gelazen!"  Und  doch 
so  waz  min  willc  mit  sinem  willen  in  ewiger  ordnunge  vereinet 
Sieh,  und  do  min  blüt  und  ellü  min  kraft  so  gar  vergossen  und  2^ 
verrunnen  waz,  do  wart  mich  von  sterbender  not  bitterlich  tärstende, 
—  aber  mich  turste  noch  wirs  nach  aller  menschen  heile.  Do  wart 
in   dem   grimmen   turste   gallo   und  essich   minem   turstigen  mnnde 


3  der  d.  J'.hH  HZ  13  swie  [daz]  AK  obren  AKE  16  am 
Baude  (Trci^oriiis  Nazianzenus  (Nazareiuis  [!]  KF)  KK^F^Z  und  [des]  EF^ 
18  martrer  All        28  csslcli  u.  g.  Z        galle  u.  e.  nach  munde  E^ 

13  ff.  Hnr,  134:  onima  verho  perfecte  frutbaiur,  tt  tarnen  divinitas  p$r- 
misit  carni  agere  et  paU\  quae  proprio  siln  erant :  et  quia  vires  inferiores  ifibi 
ipsis  reh'nquehantur,  pastuhiles  valde  reddehantur  Dies  ist  die  Lehre  des  hl, 
Thomas,  6\  Th.  3  q.  46  a.  fJ  et  8  und  öfters;  ryl,  Kckhart  :^9;2,18f  Das  Zitat  zu 
Zeile  16  bezieht  sich  wohl  nicht  auf  Gregor  von  NazianZj  sondern  auf  die  klas^ 
f<ische  .b'tille  bei  Joh,  Damasctnus,  De  fide  orthod.  III,  16»  23  MatÜi,  27^46^ 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XVm.  273 

gebotten.  Und  do  ich  also  menschlich  heil  hate  volbiaht,  do  sprach 
ich:  „Consummatum  est!**  Ich  leiste  vblkomen  gehorsami  minem 
vatter  bis  in  den  t6d;  ich  bevalh  minen  geist  in  sine  hende  und 
sprach:  „In  manus  tuas"  etc.,  und  do  schied  min  edlü  sei  von  minem 
5  gütlichem  libe,  du  beidü  ungescheiden  von  der  gotheit  beliben.  Dar 
nah  wart  ein  scharphes  sper  dur  min  rehten  siten  gestochen:  do 
wiel  her  us  ein  runs  des  kostberen  blütes,  und  da  mit  ein  brunne 
dez  lebenden  vvassers. 

Sich,  min  kint,  mit  solicher  jemerlicher  not  han  ich  dich  und 

10  die  uzer weiten  erarnet  und  mit  dem  lebenden  opher  mines  unschul- 
digen blutes  von  dem  ewigen  tode  erlöset. 

Der  diener:  Ach,  zarter,  minnekliclier  herre  und  brftder,  wie 
hast  du  mich  so  jemerlichen  sur  erarnet!  Wie  hast  du  mich  so 
minneklich   geminnet  und   so  vrüntlich   erloset!     Owe,   min  schönü 

15  Wisheit,  wie  sol  ich  dir  diner  [117']  minue  und  dines  grozen  lidens 
gedanken  ?  Sich,  herre,  hetti  ich  Sampsons  sterki  und  Absalons 
schoni,  Salomons  wisheit  und  aller  künge  richtüm  und  wirdikeit,  die 
w61te  ich  dir  ze  lobe  in  dinem  dienste  verzerren.  Hen',  nu  bin  ich 
nüt,   so  enmag  ich  nüt,   so  enkan   ich  nit.     Owe  herr,   wie  sol  ich 

20  dir  gedanken? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Hettist  du  aller  engel 
Zungen  und  aller  menschen  gfttü  werk  und  aller  kreatur  vermugen, 
du  enmöhtist  mir  nit  des  minsten  lidennes  gedanken,  daz  ich  dur 
dich  von  minnen  ie  erleid. 

25  Der  diener:    Zarter  herr,   so  gib  und  1er  mich,   daz  ich  dir 

von  dinen  gnaden  minneklich  werde,  sider  dinen  minnezeichen  nieman 
kan  widerlegen. 

Entwiirt  der  Ewigen  Wisheit:  Du  solt  min  trostloses  krüz 
vür  dinü  ogen  stellen,   und  solt  dir  min   bitteren   marter  ze  herzen 

30  lazen  gan  und  alles  din  liden  dar  nach  bilden.  Swenne  ich  dich 
lan  in   trostlosem  lidenne,   in  hertikeit   erdarben    und  ertorren   ane 


1  also  nach  heil  E^  3  beval  im  E^  14  min  fehlt  E^  16  iemer 
ged.  E  sich  —  20  gedanken  fehlt  K  sterki  [und]  E^  17  und  Sal.  w. 
[und]  /;^  19  kan  ...  mag  E^  23  nit  ged.  E'  26  gib]  wise  F  gib  du  AK 
27  wid.  kan  E' 

2  Joh,  19,30:  vgl.  Phil  Qß,  4  Luk,  23,46,  16  f.  Samsons  Stärke, 
Ahsalotis  Schönheit  und  Salomons  Weisheit  werden  oft  formelhaft,  namentlich 
als  Beispiel  dtr  Eitelkeit  weltlicher  Dinge  verwendet:  vgl,  Tochter  Syon  ed. 
Weinhold  360  ff,  und  Anm.  S.  öOl. 

H.  Seuse,  Deattche  Schriften.  18 


274  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XVm. 

alle  süzikeit,   als  mich  min  himelscher  vatter  lie,  80  solt  du  enkein 
gcsAch  vromdes  trostes  haben.     Din  eilendes  r&fifen  sol  af  sehen  zft 
dem  bimelschen  vatter  mit  einem  verzibenne  din  selbs  in  laste  nah 
sinem    vetterlichen    willen.     Sib,    so  denne    din  liden   uzwendig  ie 
bitterr  ist,  und  inwendig  ie  gelazener  bist,  so  du  mir  ie  glieher  and  5 
dem  bimelschen  vatter  ie  minneklicher  bist;  wan  hier  inne  werdent 
die  frumsten  uf  daz  aller  nechste  versuchet.    Swenne  5ch  din  begirde 
hat  ein  turstiges   heischen,   genügde  und   last  in  üte  ze   sftcbenne, 
daz  dir  gar  lustlich  were,  da  solt  du  dich  von  minnen  lazen,  so  wirt 
mit  mir  din  turstiger  munt  mit  bitterkeit  getrenket     Dich  sol  nach  lo 
aller  menschen  heil   türsten;   du   solt  dinü  guten  werk   uf  ein  vol- 
komcn  leben  rihten  und  bis  an  daz  ende  volbringen.    Du  solt  haben 
einen  undertenigen  willen  in  schneller  gehorsami  diuer  meisterschaft, 
ein  ufergeben  sei  nah   aller  eigenschaft  in   des  bimelschen   vatters 
hende,  und  einen  hinscheidenden  geist  von  zit  in  ewkeit  nach  einer  16 
nachbildunge   dins  jüngsten    hinzuges.     Sih,    so  ist  din    krüz    nah 
minem  eilenden  krüz  gebildet  und  wirt  in  ime  adellichen  volbraht 

Du  solt  dich  in  min  ufgeschlossen  situn  zft  dem  minnewunten 
herzen    minneklich    verschliessen,    und   da  ein   wonen    und  beliben 
suchen,   [117'']   so   wil   ich   dich   mit   dem  lebenden   wasser   reinen  20 
und  mit  minem   rSsvarwen  blute  rosvarwklich  zieren,    ich  wil  mich 
zö  dir  verbinden  und  dich  mit  mir  eweklich  vereinen. 

Der  diener:  Herr,  es  wart  nie  enkein  adamas  so  kreftig, 
daz  herte  isen  an  sich  ze  zieheune,  als  din  vorgebildetes,  minnek- 
liches  liden  ellii  herzen  zu  ime  ze  vereinen.  Ach,  minneklicher  25 
herre,  nu  zühe  mich  dur  lieb  und  dur  leid  von  aller  diser  weit  zu 
dir  an  din  krüz,  volbringe  in  mir  dins  krüzes  nehsten  glicheit,  daz 
min  sele  dich  werde  niessende  in  diner  aller  höchsten  klarheit. 


G  80  werdent  F  8  eisclien  FF'  10  mit  bitt.  fehlt  F  11  f.  vol- 
kcmen  A  17  und  in  im  wirt  es  E'  22  Miidrii  FJ  23  kein  F^Z  24  [ze] 
zieli.  /'.'         27  aller  nehsten  AKaK 

6  f.  llor.  180:  per  qu(nl  milites  probatis.simi  in  ocie  Christi  co^istituti 
stricli.s,sime  e.vaminanlur.  13  d.  meistersehaft  =  superioribus  fuis  ( /.  c). 

15  L.  c:  sie  (e  lihere  in  omni  facto  {d-.be.si  ttnere  <jtiasi  homo^  qui  in  pro^ 
cinctu  mi//ratiirus  cüt  dv  hoc  mundo. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.     Kap.  XIX.  275 


XIX.  Kapitel. 

Ton  der  ablosunge. 

Der  diener:   Ach,  reinü  mfiter  und  zartü  vrowe,   wenn  nam 
din  groz  und  bitter  herzleid  ein  ende,   daz  du  an  dinem  geminten 
5  kinde  hattest? 

Entwürt:  Daz  höre  mit  einer  kleglichen  erbermde.  Do  min 
zartes  kint  verscheiden  waz  und  also  tote  vor  mir  hanget,  und  minem 
herzen  und  sinnen  so  gar  aller  kraft  gebrosten  waz,  do  ich  nit  an- 
ders mochte,  do  hate  ich  doch  menig  eilendes  ufsehen  nach  minem 

10  toten  kinde.  Und  do  sü  kamen  und  in  wolten  ab  losen,  do  waz 
mir,  als  ich  von  dem  tode  wurde  erkicket.  Ach,  wie  mfiterlichen 
ich  do  sin  töten  arme  enphieng,  mit  welen  truwen  ich  sü  an  min 
blfltvarwen  wangen  trukte,  und  do  er  mir  her  abe  wart,  wie  grunt- 
lieplich   ich  in   mit  minen   armen  also  töten  umbvieng,   zft  minem 

15  mftterlichen  herzen  daz  einig  uzerweltes  zartes  liep  trukte,  und  sin 
blutig  vrischen  wunden,  sin  totes  antlüte  durkuste,  daz  doch,  als 
och  alle  sin  lip,  gar  in  ein  wünklich  Schönheit  waz  verkeret,  daz 
enköndin  ellu  herzen  nit  betrahten !  Ich  nam  min  zartes  kint  uf  min 
schoze  und  sah  in  an,  —  do  waz  er  tot :  ich  Iftgt  in  aber  und  aber 

20  an,  do  enwas  da  weder  sin  noch  stimme.  Sich,  do  erstarb  min 
herze  aber  und  möchti  von  dien  tötwunden,  so  es  enphieng,  in 
tusent  stuk  sin  zersprungen.  Do  lies  es  mengen  inneklichen  grund- 
losen süfzen;  du  ögen  rerten  mengen  eilenden  bitterlichen  trehen, 
ich  gewan   ein  gar  trurklich  gestalt.     So  minü  kleglichü  wort  zu 

25  dem  munde  kamen,  so  wurden  sü  von  we  underzucket,  daz  sü  un- 
ganz bliben.  Ich  sprach:  „we,  we!  Wa  wart  ie  kein  mensch  uf 
ertrich  so  übel  gehandlet,  als  daz  unschuldig  gemint  kint?  Owe,  min 
kint,  min  trost  und  min  eingü  vröde,  wie  hast  du  mich  gelazen! 
Wie  bist  du   mir  so  gar  verkeret  in  bitterkeit!    Wa  nu  vröde,   die 


3  d.  diener  fehlt  F^HZ        4  groz  [und]  E^F       6  am  Bande  Ex  Bern- 
hardo  EF^Z  ex  sensu  Bemhardi  F-  7  vor  mir  also   tote  E^  10  ah  l. 

wolten  AKE         13  war  FF"^         14  und   zu   E"^  16   zartes  fehlt  AKaE 

16  totlich  AKE  17  och  fehlt  £•*  20  enwas  [da]  FF^  21  dien]  der  F 
22  zerspr.  sin  E^  gmndl.  fehlt  F  24  gar  ein  AKaE  25  würden  A 
26  f.  uf  erde  ie  k.  m.  E^  27  so]  als  E^  als  daz]  so  du  E^  28  min 
trost  fehlt  F        wie  hast  —  29  bitt.  fehlt  K        29  die  vrode  AKa 

6  Vgl  den  oben  hei  Kap.  17  zitietien  Traktat.  20  Vgl  IV  Kön.  4,31, 


276  BUchleiu  der  Ewi^^en  Weisheit.    Kap.  XIX, 

ich  hate  von  diner  geburt,  wa  der  lust,  den  ich  bäte  von  diner 
minneklichen  kiutheit?  Wa  du  ere  und  wirdikeit,  [118']  die  ich 
hatte  von  diner  gegenwürtikeit?  War  ist  alles  daz  komen,  daz  beri 
ie  gefr6wen  mochte?  Owe,  angest  und  bitterkeit  und  herzleid!  Es 
ist  doch  nu  alles  verkeret  in  ein  so  grundlos  herzleid  und  in  einen  5 
t6tlichen  smerzen!  Owe,  kint  mins,  owe  min  kint,  wie  bin  ich  na 
so  lieblos!  Wie  ist  min  herz  so  gar  trostlos  worden!*  —  Dyserley 
und  nienig  kleglich  wort  sprach  ich  ob  minem  toten  kinde. 

Der  diener:  Ach,  reinu  und  schönu   m&ter,   erl6b  mir,  laze 
mich  noch  einest  min  herz  mit  dinem  liebe  und  mit  minem  berren,  10 
mit  der  minneklichen  Wisheit  in  disem  anblike  sich  erkülen,  e  daz 
es  gange  an  ein  scheiden,  daz  er  uns  ze  grab  verzucket  werde. 

Reinü  mftter,  wie  grundlos  diu  herzleid  were  und  wie  reht 
inueklichen  es  ellü  herzen  bewegen  muge,  so  dunket  mich  doch,  daz 
du  noch  neiswaz  lustes  fundest  in  den  minneklichen  umbevengen  I5 
dines  toten  kindes.  Owe,  reinu  zartü  trowe,  nu  beger  ich,  daz  du 
mir  diu  zartes  kint  in  der  totlichen  angesiht  bietest  uf  die  schoze 
miner  sele,  daz  mir  nach  minem  vermugenne  geistlich  und  in  be- 
trahtunge  werde,  daz  dir  do  wart  liplicb. 

Herre,   ich  kere  minu   ogen  zu   dir  in  der  spilendosten   vr6de  20 
und   herzklichstcn   minne,    so  kein   einiges  liep   ie  wart  von   sinem 
genanten  an   gesehen.      Herr,   min  herze   schlösset  sich   uf  dich  ze 
enphahenne,  als  der  zarte  rose  gen  der  klaren  sunnen  glaste.    Herre, 
min  sei  du  zertftt  wite   gegen  dir  die  arme  ire  grundlosen  begirde, 
eya,  minneklicher  herr,   und  in   der  inbrünstigen   begirde  umbvahe  25 
ich   dich   hüte   mit  dank  und  lobe,  und  truk   dich   in  daz  innigoste 
mins  herzen   und   miner  sele  und   ermanen   dich   der  minneklichen 
stunde,  daz  du  die  niemer  lazest  an  mir  verlorn  werden,  und  beger, 
daz  Aveder  leben  noch  tot,  noch  liep  noch  leid  dich  von  mir  niemer 
gescheide.     Herr,  minü  ogen  durschowent   din  totlichez  antlüt,    min  30 
sei   durküsset   alle  dine  vrischeu   blutigen  wunden,  alle  min  sinne 
werdent  gespiset  von  dieser  süzen  vruht  under  disem  lebenden  bome 
des  krüzes.     Und  daz  ist  billicb:  herr,  eins  tröstet  sich  sins  anschul- 
digen lebens,   eins  grozer  übunge   und   strenges   lebens,   eins  dises, 


1  wa  nu  (1.  1.  E  5  so  fehlt  K  gniiidl.]  gros  F  [in]  einen  FF^ 
7  trostl.]  kraftlos  F  8  menig]  wenig  K  10  mich  durchstr,  E  11  daz 
durchitir,  K  15  noch  fehlt  AKaE^F^H  16  zartü  fehlt  E^  frowe]  mötex 
AKa  19  lipl.  ward  E^  22  schlisset  E  24  du  fehlt  EE^Ha  26  [dichl 
dik  in  A        28  verl.  w.  an  mir  E^        29  der  tut  AK        31  dürküsset  A 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XX.  277 

daz  ander  des,  aber  alle  min  trost  und  Zuversicht  lit  genzklieh 
an  dinem  lidenne,  an  diner  besserunge  und  an  dinem  verdienten 
lone.  Und  dar  umb  so  sol  ich  es  ze  allen  [118^]  ziten  in  dem 
gründe  mins  herzen  bügelichen  tragen,  und  daz  selb  bild  au  worten 

5  und  werken  uswendig  nach  allem  minem  vermugen  erzögen. 

0  wünneklicher  glänz  des  ewigen  Hechtes,  wie  bist  du  nu 
dur  mich  so  gar  erlöschen!  Erlösche  in  mir  die  brinnenden  begirde 
aller  Untugenden.  0  ein  luter  klarer  Spiegel  der  g&tlichen  majestat, 
wie  bist  du  nu  verunreint!  Reine  die  grozen  masen  miner  missetat. 

10  0  ein  schönes  bilde  der  v&tterlichen  guti,  wie  bist  du  so  entsübert 
und  so  gar  entstellet!  Widerbring  das  entstelt  verblichen  bilde  miner 
sele.  0  du  unschuldiges  lembli,  wie  bist  du  so  jemerlich  gehandlet! 
Büz  und  besser  vär  min  schuldig  säntliches  leben.  0  du  küng  aller 
künge  und  ein  herre  aller  herren,  wie  sihet  dich  min  sei  so  jemer- 

15  lieh  und  totlichen  hie  liegen !  Verlihe  mir,  als  dich  nu  min  sele  mit 
klage  und  jamer  umbvahet  in  diner  Verworfenheit,  daz  si  von  dir 
umbvangen  werde  mit  vröden  in  diner  ewigen  klarheit. 


XX.  Kapitel. 
Ton  der  jemerllcheu  schidange  von  dem  grabe. 

*20  Der  dien  er:   Nu,  zartü  vrowe,  nu  gib  dinem  leide  und  der 

rede  ein   ende,  und  sag  mir,   wie  daz  scheiden   were   von  dinem 
geminten. 

Entwürt:   Es  was  jamer  ze  höreune  und  ze  sehen.     Ach,  es 
waz  aber  alles  lidig,  die  wile  ich  min  kint  bi  mir  hate;  wan  do  sü 

25  min  totes  kint  von  minem  erstorbnen  herzen,  us  minen  umbvangnen 
armen,  von  minem  getrukten  antlüte  brachen  und  es  begrüben,  wie 
kleglich  ich  mich  ze  der  stunde  gehftb,  daz  möcht  man  kum  glöben. 
Und  do  es  gieng  an  ein  scheiden,  waz  man  do  jamers  und  not  an 
mir  sah!    Wan  do  sü  mich  von   minem   begrabneu   liebe  schieden, 

30  daz  scheiden  rang  mit  minem  herzen  als  der  bitter  tot.  Ich  tet 
under  ire  banden,  die  mich  dannan  vürten,  die  eilenden  vüzstapfen, 
wan  ich  waz  beröbet  alles  trostes ;  min  herze  waz  in  einem  seneden 


4  und  durchstr,  E^  5  und  an  w.  AKa  7  so  gar  d.  m.  E^  8  un- 
tugende  E^EF^a  klarer  fehlt  AK  9  nu  fehlt  AI'E^  10 f.  so  ents.  und 
fehlt  AK  13  schuldig  A  15  und  verl.  F  20  d.  diener  fehlt  HZ  23  ze 
sehen  u.  ze  h.  Z        28  ergie  i*'        30  m.  minnenden  herzen  F 


278  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXJ. 

jamer  hin  wider  zA  minem  liebe.  Min  züversibt  waz  ganz,  ich 
leiste  im  allein  ander  allen  menschen  ganz  träw  and  recht  rrünt- 
schaft  unz  in  daz  grab. 

Der  diener:  MinneklicbA  zartu  vrow,  dar  nmbe  gr&zent  dich 
ellü  herzen  und  lobent  alle  zungen^  wan  alles  daz  gut,  daz  ans  daz  s 
vetterlich  herze  wolte  geben,  daz  ist  dar  din  hende  geflossen.    Dn  bist 
der  anvang  und  daz  mittel,  du  [119']  solt  och  daz  ende  sin.     Ach, 
zartn  reinü  rnüter,  nu  bis  hüt  der  eilenden  schidunge  ermant,  gedenke 
an  daz  bitter  scheiden,  daz  du  von  dinem  zarten  kinde  tet,  ond  hilf 
mir,  daz  ich  von  dir  noch  von  sinem  vrölichen  anblik  niemer  werde  lo 
gescheiden.   Eya,  reinü  mAter,  und  als  nu  min  sei  mit  erbermklichem 
mitlidenne  bi  dir  stat  und  dich   mit  inneklicher  begirde  enphahet, 
und  in  betrahtunge  mit  herzklicher  girde,  mit  dank  und  lobe  von 
dem  grabe  dur  daz  tor  ze  Jerusalem  hin  wider  in  daz   hns  vuret, 
also  beger   ich,   daz   min   sei  an  miner  jüngsten   hinvart  von  dir,  15 
reinü  zartü  mftter  und  ein  ende  alles  mines  trostes,  wider  zft  ir  vatter- 
lande  werde  gefüret  unde  in  ewiger  selikeit  bestetet.    Amen. 


Daz  ander  teil. 

XXI.  Kapitel. 

Wie  mau  sol  lernen  sterben,  und  wie  ein  uuberelter  tot      20 

geschalTen  ist. 

Ewigü  Wishcit,  der  mir  alles  ertrich  ze  eigen  gebe,  daz  were 
mir  nit  so  liep,   als  du  warheit   und  der  nutz,   den  ich  fanden  hab 

2  rehte  trüw  11.  ^auze  fr.  E^  4  dar  u.  so  ^^rüz.  FHZ  5  am  liandt 
r>erm\rdu8  EE^F'Z  6  ijreh,  wolte  E^  8  nu  fehlt  AK  10  antlüt  ÄKa 
1:3  begirde  EKZ        16  mines  fehlt  AE        22  der  diener  AKaE^ 

1  Die  Zuversicht  auf  Christus  und  sein  Wort^  vgU  Bernardus,  eermo  in 
Xaiic.  u,  14:  nuuifjuid  non  sperabat  continuo  resurrecturunii^   Et  fidetiter, 

5  f.  Bernardus^  L  c.  ti.  7 :  rotis  omnibus  Mariain  hanc  ceneremur,  quin  sie  est 
roluntas  fius,  quitotum  nos  habere  coluit  per  Mariavi.  13  f.  Vgl,  Vita  Kap,  13 
gegen  Schlus.^,  20  JJitscs  Kapitel  wurde,  am  Eingang  etwas  gekürzt.  rteJ- 

fach  separat  ah  S'terbebüchlcin  verbreitet:  älteste  Druckausgabtn:  Venedig  1463, 
Augsburg  1496,  löOIj  Sirassburg  lÖuS,  KOfn  löOf^:  vgl.  E.  Ealk,  die  deuischtn 
Sttrhebiichlcin  1690,  ooff,    Text  auch  bei  M.  Iluttler,  Ars  moriendi  1878,  46— -59, 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXI.  279 

in  diner  süzen   lere.     Dar  unibe  beger  ich   von  allem   gründe  mins 
herzen,  daz  du,  Ewigü  Wisheit,  mich  noch  me  lerest. 

Herr,  waz  gehöret  einem  diener  der  Ewigen  Wisheit  alier  eigCL- 
lichest  zfi,  der  dir  allein  begert  ze  sinne?  Herr,  ich  horti  gern  von 
5  der  vereinunge  der  blozen  Vernunft  mit  der  heiligen  drivaltikeit,  da 
si  in  dem  waren  widerglanze  der  ingeburt  des  wortes  und  wider- 
geburt  ir  selbs  geistes  ir  selber  wirt  benomen  und  von  allem  mittel 
geblozet. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Der  ensol  nüt  vragen  nach 
10  den  höhsten  an  lere,  der  noch  stat  bi  dien  nidersten  an  lebenne.    Ich 
wil  dich  leren,  daz  dir  nütze  ist. 

Der  diener:  Herr,  waz  wilt  du  mich  leren? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  I.  Ich  wil  dich  leren  sterben, 
II.  und  wil  dich  leren  leben;  III.  ich  wil  dich  leren  mich  minneklicb 
15  enphahen,    IV.  und  wil  dich   leren   mich  inneklichen  loben.     Sich, 
daz  gehöret  dir  eigenlichen  zu. 

Der  diener:  Ewigü  Wisheit,  und  hetti  ich  Wunsches  gewalt, 
ich  cnwiste  nit,  daz  ich  in  zit  icht  anders  von  lere  wünschen  s61te, 
denn  daz  ich  mir  und  allen  dingen  könde  sterben  und  dir  alleine 
20  leben,  dich  von  allem  herzen  minnen  und  minneklich  enphahen  und 
wirdeklich  loben.  Ach  got,  wie  ist  der  mensch  so  selig,  der  dis 
wol  kau  und  alles  sin  leben  hie  mit  verzert!  Herre,  weder  meinest 
du  aber  ein  geistliches  sterben,  daz  mich  din  eilender  tot  so 
minneklich  hat  bewiset,  oder  ein  lipliches  sterben? 
25  Entwürt    der  Ewigen   Wisheit:    Ich    [119'']    meine    sü 

beidü. 

Der  diener:  Herr,  was  bedarf  ich  lere  des  liplichen  tödes? 
Er  leret  sich  selber  wol,  so  er  nu  kumt. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Swer  die  lere  unz  denne 
30  sparet,  der  ist  denn  versumet. 

Der  diener:  Owe,  herre,  nu  ist  mir  noch  etwas  bitter  von 
dem  tüde  ze  hörenue. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Sihe,  dannan  riechent 
ietzent  die   unbereiten,    erschrokenlichen  tode,    dero  die  stette    und 

1  80  beger  AKa  8  enblozet  Z  9  sol  FF^Z  am  Bande  Criso- 
stomua  AEE^HZ  10  den  . . .  dien]  dem  . . .  dem  FHa  11  nutzer  AKaE 
12  mich  denne  1.  E^  13  ff.  I— IV  rot  am  Bande  AEE^F'Z  18  von  lere 
üt  anders  E'        23  dez  AKE        24  bew.  hat  ^Ä'        34  [die]  stette  E^ 

13  ff.   Dies  wird  in  den  folgenden  vier  Kapiteln  behandelt. 


280  Bttchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXI. 

kloster  vol  sint.  Sich,  und  der  selbe  der  hate  dich  dike  verborgen- 
lieh gezömet,  und  wolte  dich  also  von  hinnan  han  verfüret^  als  er 
die  unzallichen  mengi  tat,  under  dien  ich  dir  iez  eins  zöigen  wil. 
Nu  t&  uf  dine  inreu  sinne  und  sihe  und  höre,  sih  die  gesch&phde 
des  grimmen  todes  an  dime  nechsten,  nim  eben  war  der  kleglichen  5 
stimme,  die  du  hörest. 

Der  diener  horte  in  siner  verstantnüs,  wie  du  grimme  ge- 
schöphde  des  unbereiten  sterbenden  menschen  schrei,  und  du  sprach 
mit  gar  kleglichen  werten  also: 

Circumdederunt  me  gemitus   mortis.     Owe,    got  von  10 
himelriche,   daz   ich  in  dis  weite  ic  geborn  wart!    Nu  waz  der  an- 
vang  mins  lebens  mit  schrien  und  weinenne,  nu  ist  min  usgang  mit 
bitterlichem   schrienne  und   weinenne.     Ach,   mich  hein   doch  umb- 
geben  die  siifzen  des  tödes,  die  smerzcn   der  helle  hein   mich  umb- 
geben,     Owe  tot,   owe  grimme  tot,   wie  bist  du  ein   so  leider  gast  15 
minem  jungen  vrölichen  herzen!    Wie  hetti   ich  mich   din   noch  so 
wenig  versehen !  Nu  bist  du  hindnan  uf  mich  gevallen,  du  hast  mich 
erilet.     Owe,   du  fürest   mich   in  dinen   banden,   als  der  einen  ver- 
damneten   menschen   gebunden   füret  an  die  stat,   da  mau  in   töten 
wil.     Nu  schlahe  ich  min  hende  ob  minem  hopt  zesamen,  ich  winde  20 
8Ü   von  leide  in  einander,   wan   ich  endrunni  im  gerne.     Ich  Iflgen 
umb  mich  in  ellü  ende  diser  weite,  ob  mir  ieman  geraten  oder  ge- 
helfen muge,   und  es  enmag  nit  sin.     Ich  hör  doch  den  tod  totlich 
in  mir  sprechen  also:   „noch  vründ  noch  gut  noch  kunst  noch  witz 
hört  da  wider,  es  muz  recht  sin."     Owe,  und  müz  es  sin?  Ach  got.  *25 
und  muz  ich  doch  von  hinnan?  Gat  es  iezent  an  ein  scheiden?  Daz 
ich  ie  geborn  wart!  Ach  tod,  owe  tot,  waz  wilt  du  an  mir  beganV 

Der  diener  sprach:  Liebe,  wie  gehebst  du  dich  so  recht 
übel?  Dis  ist  ein  geraein  geriht  des  riehen  und  des  annen,  des  jungen 
[120']  und  des  alten;    ir  ist  vil  nie,    die  vor  ir  zite  denn   in  ir  zit  *» 

1  [der]  liate  A'*/'  H  iezent  /:/''  8  und  dfi  —  9  Worten  fehlt  F 
10  me  fehlt  K  11  in]  an  Z  12  und  mit  w.  AH  nu  ist  —  13  wein. 
feldt  K  21  leidrj  jamor  F^  22  diser]  der  I-^  23  f.  in  mir  totlich  Z 
20  do(.h|  do  K'        23  sju-acli  fehlt  AK        recht]  pir  T?        29  Daz  A 

1  der  selbe  =  der  Tod  {m<>rs  cjUimdam  tibi  fjncqu:  frequtHtiuif  frenuin 
vn/nfsurrtit,  JJor.  löd).  4  f.  lior,  löi :  ridtf  tn/o  nunc  K^imilündinem  fiominü 

marientis.  10.1)31".  Fs.  17, ß  f  27  7/or.  /.  c:  o  mortis  imnicnsa  crudelita^^ 

fi  iiiifnutas  rt  imhynatio  miseranda  !  20  tf.  Hör.  /.Vn;  ixrsonam  non  accipit 

nee  alicui  pan-it,   sid  f^e  ae'/nah'dr  omnilms  vfmdiridit,   ....   quinimmo   plurea 
ante  perfcitant  romjdetionein  annoram  snormn  de  niedio  siddati  sunt. 


Büchlein  der  Ewigeu  Weisheit.    Kap.  XXI.  281 

tod  sint.     Oder  wandest  du   allein  dem  tode  endrinnen?     Daz  waz 
ein  grozü  unverstandenheit! 

Entwürt  des  unbereiten  sterbenden  menschen:  Owe 
got,  wel  ein  bitters  trösten  dis  ist !  Ich  bin  nit  unverstanden,  die  sint 
5  unverstanden,  die  ime  nit  gelebt  hant  und  nit  ab  dem  t5de  erschrekent. 
Sü  sint  blint,  sü  sterbent  als  du  vihe,  sä  wüssen  nit,  waz  sü  vor  in 
hein.  Ich  klag  nit,  daz  ich  sterben  müs,  owe,  ich  klag,  daz  ich  nnbereit 
sterben  möz.  Ich  stirbe  und  bin  unbereit  ze  sterbenne !  Ich  weinen 
nit   allein  daz  ende  mines  lebens,   ich  schrie  und  weine  die  wünk- 

10  liehen  tage^  die  so  gar  verlorn  sint  und  da  hine  sint  ane  allen  nutz. 
Ich  bin  doch  als  ein  unzitigü,  verworfnu  geburt,  als  ein  abgerisnu 
bläst  in  dem  meien.  Min  tage  sint  doch  balder  verloffen  denn  daz 
phil  von  dem  bogen.  Min  ist  vergessen,  ob  ich  ie  wart,  als  des 
weges,  den  der  vogel  durch  die  läfte  machet,  der  sich  nach  im  wider 

15  zä  schlusset  und  allen  menschen  unkund  ist.  Dar  nmb  sint  minä 
wort  vol  bitterkeit  und  min  rede  vol  smerzen.  Owe,  wer  git  mir 
armen  menschen,  daz  ich  si,  als  ich  hie  vor  waz,  daz  ich  daz 
wünklich  zit  vor  mir  habe  und  wisse,  daz  ich  nu  weis!  Owe,  do  ich 
in   dem  zit  waz,   do  enwag  ich  sin   nit  reht,  ich  lies  es  äppeklich 

20  und  torlich  vürlofen;  nu  ist  es  mir  gezuket,  ich  enmag  sin  nit  her 
wider  bringen,  ich  enmag  sin  nit  erlofen.  Es  enwaz  kein  ständli  so 
kurz,  ich  s61t  es  kostberlicher  han  gehebt  und  dankberlicher  denne 
ein  armer  mensche,  der  im  ein  kängrich  ze  eigen  gebe.  Sich,  dar 
nmb   rerent  minä   ogen   die  lichten  trehen,   wan  sä  daz  nit  mugen 

25  widerbringen.  Owe,  got  von  himelrich,  daz  ich  so  mengen  tag  han 
äppeklich  versessen,  und  mich  daz  nu  so  wenig  hilfet!  Owe,  war 
umbe  lernet  ich  nät  daz  zit  alles  sterben?  Eya,  ir  blüjenden  rosen, 
die  äwer  tage  noch  vor  ä  haut,  sehent  mich  an  und  lernent  witze, 
kerent  üwer  jugent  ze  gote  und  yertribent  das  zit  mit  im  allein, 

30  daz  äch  nit  also  geschehe.  Owe,  jugent,  wie  han  ich  dich  verzeret! 
Herr  von  himelrich,  laze  dir  es  iemer  geklegt  sin.  Ich  enwolt  nieman 
globen,  min  wilde  müt  enmohte  nieman  gelosen;  ach  got,  nu  bin 
ich  in  die  vallun  gevallen  des  bittren  todes!  Daz  zit  ist  hin,  da  jugent 


5  uit  erschr.  iV*        G  und  [sü]  sterb.  FF^     *  7  ich  klag  —  owe  fMi  F 
12  blüt  FFF^         verflossen  AK         13  ie  geborn  ward  F^  20  ich  —  21 

bringen  fehlt  F        21  waz  AKK^         24  so  rerent  F^Z        25  von  hira.  fehlt 
AKa        25  f.  üpp.  han  E"^        28  ü]  in  AKaEFH 

5  ime  =  der  eben  ausgesifrochenen  Wahrheit.  12  ff.  Weiah,  5,1^,  11. 

15  f.  Job  23/J.  0,3. 


282  Büohleiu  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXI. 

ist  vür;  mir  were  besser  gesin,  daz  mir  der  mflter  Hb  ein  [120^^] 
grab  were  worden,  denn  daz  ich  daz  schöne  zit  alles  so  nnendlieh 
hau  vertriben. 

Der  dieuer:   Ker  dich   ze  gote,   hab  riiw  urab   din   snnde; 
ist  das  cnd  gut,  so  ist  es  alles  gut.  5 

Entwurt  des  unbereiten  sterbenden  menschen:  Owe, 
waz  rede  ist  disV  Sol  ich  nu  ruwen,  sol  ich  mich  keren?  Sihest  da 
nity  ich  bin  doch  als  ser  erschrocken,  miner  not  ist  doch  als  gar 
vir?  Mir  ist  beschehen  als  einem  ergremten  vögellin,  daz  under  eins 
krimvogels  klawen  lit  und  von  sterbender  not  sinnelos  worden  ist.  lo 
Ich  enkan  recht  nüt,  denn  daz  ich  gerne  endrnnne  und  doch  nit 
endrinnen  mag;  mich  trnket  der  tot  und  daz  bitter  scheiden.  Owe, 
rüw  und  vrier  ker  des  wolmiigenden  menschen,  wie  bist  da  ein  so 
sicher  ding!  Der  sich  din  sumct,  der  mag  gesumet  werden.  Owe, 
langes  ufschlahen  miner  besserunge,  wie  bist  du  mir  ze  lang  wor-  15 
den!  Die  guten  willen  ane  werk,  die  guten  geheisse  ane  leisten 
hein  mich  verderbet!  Ich  hau  gote  getaget,  unz  daz  ich  in  die  nacht 
des  tödes  bin  gevallen.  Owe,  almehtiger  got,  ist  daz  nit  ein  jamer 
ob  allem  jamer V  Sol  mir  daz  nit  we  tun,  daz  ich  alles  min  leben, 
minü  drizig  jar  also  han  verlorn?  Ich  enweis  doch  nit,  daz  ich  ie  20 
keinen  tag  verzarti  nach  gottes  willen  genzklich,  als  ich  von  billich 
solte,  ob  ich  gotte  ie  keinen  recht  genemen  dienst  getet.  Owe, 
daz  sehnidet  mir  dur  min  herze;  ach  got,  wie  wird  ich  so  nnerlich 
stende  vor  dir  und  vor  allem  himelschen  her! 

Xu  var  ich  von  hinnan,  nu  vrowti  mich  me  an  diser  stunde  25 
ein  einig  Ave  Maria  mit  andacht  gesproclien,  owe,  denne  der  mir 
tusent  mark  goldes  in  min  hende  gebe.  Ach  got,  waz  han  ich 
eblich  versumet,  wie  han  ich  mir  selber  so  übel  getan!  Daz  ich  dis 
nit  an  sach,  die  wiie  ich  mocht!  Waz  ist  mir  der  stunden  en- 
gangen,   wie  liez  ich  mich  so  kleinü   ding  so  grozer  selikeit  irren!  30 

5  rs  fihlt  AF         7  bekert'ii  K^         8  ist  [doclij  AKaZ         10  ^immen 
vo«r».'ls  FF^  11  nüt  nie  AKa  13  frigi'i  bekerde  E^  17  die  hein  AF 

gute  fvhlt  F  19  .sol  ich  daz  nit  Wf«z-en,  sol  mir  duz  n.  w.  t.  F  20  drizen 
{ Korrektur t  im   Te.'t,  am  Rund',  drisri;-  K^         21  von  fehlt  AKaKH 

It'.  Jntf  lO.lsf,  7  lliir.  HjO:  dihro  jK>rnitc'r€j  deheo  me  conrerürt? 

i*t'.  L.  r.:  qutmadmodum  ptrdi.r.  cum  6tib  nni/uihi(.s'  accipitrifi  mox  diacerpenda 
cumprimiturj  jjrae  augastia  mortis  (/uodammitd»  c.iatiimis  redditur,  nie  omnis 
scn.sK.t  a  me  nressit  ttc,  16  IK  llor.  Wl :  jovintsifum  honum  sine  inchoationty 

uohfufas  sin  operationt,  protitistm  hoiin  sine  e.iec'ttiom  perdidirunt  me,  ()  craf. 
vras,  f^uaiu  lnnf/(un  rtsttm  ftcisti,  tt  in  Ifum/rnm  mortis  mc  procrasUnandf^ 
pa'tr(uisti ! 


Bttchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXI.  283 

Mir  were  nu  lieber,  es  brechti  mir  me  ewiges  lones,  daz  ich  mines 
lustes  in  einem  anblike  mins  vründes,  der  wider  gottes  willen  ge- 
schah, von  minnen  hetti  enborn,  denn  ob  der  mensch  drissig  jar  nf 
sinen  knüwen  mir  an  got  Ion  vordereti.  Hörent,  hörent,  ellu 
5  menschen,  ein  kleglich  ding:  ich  gan  umb  und  nmb,  wan  mir  zites 
gebrosten  ist,  und  han  gebetlet  der  kleinen  almüsen  des  verdienten 
lones  göter  lüten  vär  mich  ze  besserunge,  und  mir  ist  verseit,  wan 
sü  vürchtent,  daz  inen  oleis  in  dem  lampad  gebreste.  Ach,  got  von 
himelrich,   daz  laze  dich  erbarmen,   [121']  daz  ich  so  grozen   Ion 

10  und  richeit  mochti  han  verdienet  in  so  mengem  tage  mit  minem 
gesunden  libe,  do  ich  müzig  gieng,  und  mir  nu  daz  klein  almüsen, 
ni'iwan  ze  besserunge  not  ze  lone,  ze  dank  were,  und  mir  sin 
nieman  git.  Ach,  daz  lazent  nch  ze  herzen  gan,  jung  und  alt,  und 
die  wile  ir  mugent,  so  samnent  in  dem  lieben  zite,  daz  ir  nit  wer* 

15  dent  an  der  stunde  betlere  und  verschicket  als  ich. 

Der  diener:  Ach,  liebe  vrönt,  din  not  gat  mir  an  min  herze. 
Ich  beswer  dich  bi  dem  lebenden  gotte,  daz  du  mir  etwas  rates 
gebest,  daz  ich  in  die  not  nit  kome. 

Entwärt   des  unbereiten  sterbenden  menschen: 

20  Der  beste  rat,  da  gr6st  wisheit  und  värsihtikeit,  da  uf  ertrich  ist, 
daz  ist,  daz  du  dich  mit  gantzer  bichte  und  mit  allen  dingen,  da 
du  haft  weist,  bereitest,  und  dich  dar  nach  haltest  ellü  zit,  als 
ob  du  dez  tages  oder  zu  dem  lengsten  der  wnchen  von  hinnan 
sulest  scheiden.     Setze  in  din  herze  iezent,  als  din  sele  in  dem  veg- 

25  für  si  und  umb  ir  missetat  zehen  jar  da  sAle  sin,  und  dir  allein 
dis  jar  verlihen  si  ir  ze  helfen.  Sih  si  also  dik  an,  wie  ellendklich 
si  zu  dir  raffe  und  spreche:  „owe,  min  aller  liebste  vrünt,  büt  mir 
din  hand^  erbarm  dich  über  mich,  hilf  mir,  daz  ich  schier  usser 
disem  grimmen  vüre  kome,  wan  ich  bin  als  eilend,  daz  mir  nieman 


3  f.  uf  (an  A'*)  s.  kn.  mir  dr.  jar  EE^H  uf  8.  kn.  hundert  j.  mir  AKa 
6  gebetten  AKa  7  besserenne  AKaEE^  8  oles  AKa  lones  (!)  F  in 
der  ampuUeu  F  in  der  ampel  K  12  sin]  sü  AF  des  E^  14 f.  an  d.  st.  werd.  Z 
26  si]  Sil  A        28  schier]  sicher  F^ 

6  f.  Hör,  16:2:  pettns  deemosynam  sterilem  et  tenuem  mihi  dari  de  dbun* 
dantia  divitiarum  spiritualium  et  bonorum  operum  suorum  in  suppletionem 
egestatis  meae  ei  in  emendam  delictorum  meorum,  8  Matth,  2ofi, 

12  f.   Vgl.  Luh,  16^1.  17  Matth.  26,63,  21  f.  Hör,  l,  c. ;  ut  per  veram 

contritionem  et  puram  ac  integralem  conftssionem  te  disponas  sanus  et  fortis 
et  per  satisf actio nem  condignam,  cuncta  quoque  noxia  a  salute  aeterna  te 
retrahentia  ac  impedientia  proicias  etc. 


284  Bftchlein  der  Ewigeu  Weislüeit.    Kap.  XXI. 

mit  tniwen  hilfet  denne  du  alleiu.     Min  ist  vergessen  von  aller  der 
weit,  wan  ieder  mensche  schaffet  daz  sine." 

Der   diene r:   Dis   were   ein   uzervveltu  lere,   der  es  an  dem 
lierzen    hetti    in  einem    gegenwürtigen   enphindenne   als   du.      Wie 
durchschnidende  nu  dinii   wort  sint,  so  sitzeut  su  hie   und    achtent  6 
ir  wenig;  sü  hein  oren  und  gehörent  nit,  su  heiu  5gen  und  gesebent 
nit.     Es  wil  nieman  sterben,  e  im  du  sei  us  gat. 

Entwürt  des  unbereiten  sterbenden  menschen:  Dar 
umb,  so  su  nu  och  gehangent  an  dem  angel  des  bittem  todes  und 
rufent  von  we,  so  werdent  sü  nit  erh6ret.     Sich,  als  miner   Worten  lo 
under  hundert  menschen,   du   geistlichen   schin  tragent,   —  ich  wil 
der  andren  geswigen,  —  nit  eins  achtet  ze  bekerde   und  ze  besser- 
ungc  des  lebens,  also  ist  es  nu  dar  zu  komen,  daz  under  hunderten 
nüt  eins  ist.  es  valle  unbereit  in  den  strik  des  tödes,  als  ich.    Wol 
geschihet   dien  nu,   die  nit  zemale   unbekantlich   und  unbescheiden-  15 
lieh    sterbent.      t'ppigu  ere,   des  libes  gemach,  zerganklichu  minne 
und  daz  gitig  suchen  ir  iiotdurft  blendet  die  mengi.     Wilt  aber  du 
mit  der  kleinen  zal  dez  jemerlichen  unbereiten  todes  ledig  werden, 
so  volge   miner  [121'']   lere.     Sihe,   emziger  anblik  des  todes,   dii 
getrüw  hilfe   diner  armen  sele,   du  da  zu  dir   als  ellendklich    rufet,  20 
bringet  dich   schier  dar  zA,   daz  du  nit  allein   anc  vorht  stast,    mer 
daz  du  sin  och  beitest  mit  ganzer  begirde  (lins  herzen.     Hinderdenk 
echt  du  mich  alle  tag  dik  ze  grund,  schribe  minü  wort  in  diu  herze. 
Sihe  an  min  bittren  not,  was  dir  geswind  künftig  ist;  Iftg,  wel  ein 
nacht  disü  ist!  Gesah  in  got,  daz  er  ie  geborn  wart,  der  wol  bereit  25 
zft  diser  stund  kunit,  wan  der  vert  wol,  swie  bitter  joch  sin  tod  ist, 
wan    die    lichten    engel  hütent  sin,    die   heiligen   beleitent    in,    der 
himelsche    hof  enphahct   in,    sin   jüngster  hinzilg  ist   ein   ingang  in 
daz  ewig  vatterland.     Owe.  got,  wa  sol  aber  min    sei  noch  binaeht 
herbergen  in  dem  vrönuleni  unhekantiu  landV  Wie  wirt  min  sei  so  *.^ 
gar  gelazen,  ach  got,  wie  wirt  si  so  gar  eilend  under  allen  eilenden 
seien!  Wer  ist  der,  der  ir  mit  ganzen  trüwen  helfe? 


1  ch^iine]  Willi  Z  «>  liorent  //'  7  r  «lüz  l?  0  lutterii  fMt  AKa 
12  un.l  [zr]  Z  14  als  ndi  i.-li  AKa  17  flu  fehlt  1?  28  echt  fehlt  J-F^ 
21  iiiin.M-  AKEIMI  27  lielit.]  hriliirni  AKa  2i»  irot  fehlt  AKa  m  im- 
kuiidon  VJ         :V2  [dor]  der  AKaK^ 

4  Hur.  1H3:  jter  'Jinriaitiam.  (>  Vijl.  I's.  U.lJ>.f>.  15t.  Hnr,  164: 

f/ui  ufnt  rehit  ptcnra    ainc    nintri    rntioue    iiiffriuntit.-.  17  L.  c:  sojficiiudo 

niuüa  tjintistus  ref  funHiari.s. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXI.  285- 

Nu  gib  ich  ein  ende  miner  jemerlichen  klage.  Du  stunde  ist 
komeu,  owe,  nu  sih  ich,  daz  es  anders  nit  mag  sin.  Mir  beginnent 
die  hende  töden,  daz  antlüt  bleichen,  du  5gen  vergan.  Ach,  des 
grimmen  todes  stösse  ringent  mit  dem  armen  herzen!  Ich  beginne 
5  den  äten  vil  tief  suchen,  daz  Hecht  diser  weit  beginnet  mir  ab  Valien, 
ich  beginne  an  ene  weit  sehen.  Owe,  got,  wel  ein  anblik!  Es 
samnent  sich  du  grüwlichen  bilde  der  swarzeu  moren,  du  heischen 
tier  hein  mich  umbgeben;  sü  lügent  der  armen  sele,  ob  si  in  mug 
werden.     Owe,  rechte  richter,  des  strengen  gerihtes!  Wie  wigest  du 

]0  du  aller  minsten  ding  so  groz,  dero  nieroan  von  kleini  ahtet!  Mir 
tringet  der  kalt  totsweis  von  angst  dur  den  lib.  Owe,  zornliche 
anblik  des  strengen  richters,  wie  reht  scharph  dinü  gericht  sint! 

Nu  ker  ich  mich  mit  dem  gemüte  an  ene  weit,   da  hin  ich^ 
geswinde   verfüret  wirde,   in  daz   vegfür;   und  da  sihe  ich   in  dem 

15  mai*terlande  angst  und  not.  Owe,  got,  ich  sihe  die  wilden  heissen 
flammen  höh  uf  schlahen  inen  ob  dem  hobte  zesamen ;  sü  varent  in 
der  vinstren  flamme  uf  und  ab  als  die  gneiste  in  dem  vüre.  Sü 
schrient:  „we  und  ach,  und  groz  ist  unser  ungemach!"  Ellü  herzen 
enm6htin  die  manigvaltkeit  und  die  bitterkeit  unser  not  nit  betrahten. 

20  Wan  höret  mengen  eilenden  ruf:  „helfa,  helfe!  Owe,  wa  ist  ellü  hilf 
unser  vründen,  wa  ellü  gut  geheiss  unser  valschen  vründen?  Wie 
hant  si  uns  gelazen,  wie  haut  si  unser  so  gar  vergessen!  Owe,  er- 
barment  üch,  erbarment  üch  über  uns,  joch  ir  unser  [122']  aller 
liebsten  vründe!   Wie  haben  wir  üch   gedienet,  waz  haben  wir  ge- 

25  minnet,  und  wie  ist  uns  gelonet!  Ach,  wie  laut  ir  uns  nu  in  dem 
heissen  kalchoven  brinnen!  Owe,  daz  wir  dis  selber  nit  ab  uns 
rihten,  und  wir  daz  mit  so  kleinen  dingen  hettin  getan!  Es  ist  doch 
du  minste  marter  hie  mere,  denn  keines  marterers  uf  ertrich  ie 
wart.     Owe,  ein  stunde  in  dem  vegffire  hundert  jar  lang!  Owe,  nu 


2  enmag  AK  3  bleichen  . . .  toden  AKa  7  der]  die  AK  11  angsten. 
AKF  20  helfa  h.  fehlt  F  22  f.  erb.  üch  nur  einmal  AH  25  dem]  disem 
AKEE'  27  so  fehlt  AH  28  am  Rande  Augustinus  EE'F^F'Z  29  f.  am 
Rande  Crisostomus  EE^F^F^Z 

3  ff .   Hör.  165:  en  manus  invalidae  incipiunt  rigescere,  faciea  pallescere,. 
visiis  obumhrari  et  oculi  profundari  ac  transverti,  ....  en  pulsus  incipit  capri^- 
sare,  halitus  deficere  et  quasi  ex  profunda  se  colUgere,  7  f.  Z.  c. :  en  cruentae 
bestiae,   larvales  daemonum  faciesy   nigri  aethyopes  innumerabiles  circumdant 
me.          23  Job  19^21.          28  Aug.^  sermo  10 i  (in  append.)  n.  ö;  in  ps,  37  n.  3.. 
Vgl.  auch  Thomas^  In  4  Sent,  diaU  21  q,  1  a.  1:  q.  3.    Comp,  theol.  verit.  VII,  3.. 


286  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.     Kap.  XXI. 

sieden  wir^  du  braten  wir,  nu  rufen  wir  umb  hilf!  Aber  ob  allen 
dingen  tut  we,  daz  wir  des  vrölichen  anblikes  so  lange  mfizen  en- 
beren;  daz  sweinet  herz,  sin  und  mfit."     Und  also  verscheid  ich. 

Der  diener:  Ach,   Ewigü   Wisheit,   hast  du   mich    gelazen? 
Owe,  got,   wie  ist  mir  der  tot  so  gegen würtig  worden!     Ach,  sei  5 
minü,   bist   du  noch   in  dem  übe?    Herr  von  himelrich^   leben  ich 
noch  ?  Ach,  herrc,  ich  loben  dich  und  geloben  dir  bessemnge  bis  in 
den  tot.    Wie  bin  ich  so  gar  erschrocken!   Ich  enwiste  doch  nie,  daz 
mir  der  tot  als  nach   waz.     Gewerlich,   herre,  dise  anblik   aol  mir 
iemer  gut  sin ;  herr,  ich  wil  alle  tag  gan  uf  die  läge  des  todes,  und  10 
wil  mich  umb  sehen,  daz  er  mich  nit  hinderschliche.    Ich  wil  lernen 
sterben,   ich  wil  mich  an  ene  weit  richten.     Herr,  ich  sihe,   daz  es 
hie  nit  belibens  ist.    Herr,  gewerlich,  ich  sol  min  rüwe  und  bftz  nüt 
bis  an  den  tot  sparen.     Wafen,  ich  bin  doch  erschroken  von  disem 
anblike,  daz  mich  wundert,  daz  min  sele  bi  dem  libe  ist!   Tfi  hin,  16 
tfi   hin  von  mir  wol   ligen,  lang  schlafen,   wol  essen   und  trinken, 
zerganklich  ere,    Zartheit  und  wollust!    Mir  tut  hie  ein   klein  lideo 
als  we,  owe,  wie  solti  ich  denne  daz  unmezig  liden  iemer  erlidenV 
We  mir,  got,  were  ich  also  tot,   stürbe  ich  ietzent,   wie  s61t  es  mir 
ergan!   Wie  hau  ich  noch  so  vil  uf  mir!    Herre,  ich  wil   hüt  einen  20 
dürftigen  setzen  min  eilenden  sele,  und  sidcr  alle  vrunde  lazent,  so 
sol  ich  ire  vrüntlich  tun. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Sih,  dis  solt  du  emzklich 
an  sehen,  die  wile  dn  noch  in  diner  jugent  bist,  die  wile  du  noch 
gesunt  und  stark  bist,  und  die  wile  du  es  wol  gebesseren  macht.  25 
Aber  so  du  in  der  warheit  an  die  stunde  kumst,  und  du  es  nit  ge- 
besseren macht,  so  solt  du  nüt  uf  ertrich  an  sehen,  denne  minen  tot 
und  min  grundlosen  erbarmherzikcit,  daz  din  Zuversicht  gantz  belibe. 


3  und  sin  AKaFF^  8  nie]  nit  E  9  als  nach]  so  gregen wirtig  J** 
13  f.  nit  sparen  K^  21  si  nach  sider  nachf/vfraf/cn  F  24  f.  noch  ges.  — 
d.  wile  du  fehlt  AKa 

1  Ein  Chnjsostomuüzitat  zu  :}S5,2*J  f.  Uisut  sich  nicht  auffinden:  Hom,  21 
in  Act.  redet  nur  im  allgnntinen  vom  Fe(jfca:r.  1  f.  Hur.  166:  super  omnia 

cetera  tormentorum  (jenera  laedit  nimium  illius  divinae  faciei  fclicissimae  abseniia. 
12  f.  Hehr,  13,14,  201t.    Vgl  oben  ;J8o.:^0ff.    Hör,  167:  dilectam  aniviam 

meam  non  sie  ptrire  permittam,  sed  ei  in  transitorio  et  hrevissimo  hoc  tempore 
per  tolerantiam  labonim  et  exercitium  rirtntnm  pmcidebo,  27  f.  Hör.  166: 

tt  miscricordiae.  dei  solius  connnittas  et  passionem  meam  inter  ie  ti  iudicium 
meam  intcrponas,  ne  institinm  meam  ultra  tjuam  necessc  est  pertimescens  €xcidas 
a  spt  tua. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXI.  287 

Der   diener:   Owe,   herre,   ich   valle  dir  ze   vüz  mit  bitter- 
lichen  trehnen   und  bitte  dich,   daz  du   mich  hie  büzest,   8wie   du 
Avilt,  spar  mir  es  allein  nit  dorthin.   [122^]  Owe,  herr,  des  vegfüres, 
der  grundlosen  marter!  Wie  was  ich  so  unsinnig  da  her,  daz  ich  daz 
h  so  gar  ring  wag,  und  wie  vürchte  ich  es  nu  so  übel! 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Gehab  dich  wol!  disü 
vorht  ist  ein  anvang  aller  wisheit  und  ein  weg  ze  aller  selikeit. 
Oder  hast  du  vergessen,  wie  ellü  du  schrift  rüflfet,  was  grozer  wis- 
heit lig  an  vorhte  und  emziger  betrahtunge  des  todes?   Du  solt  got 

10  iemer  loben,  wan  under  tusent  menschen  ist  es  einem  nit  ze  erkennen 
geben  als  dir.  H6r  jamer:  sü  hörent  dur  von  reden,  sü  wüsseu  es 
vorhin  und  lant  hine  gan,  s&  lazent  vür  gan,  su  achtent  sin  nit, 
owe,  unz  daz  su  da  von  verschlunden  werdent;  und  denne  rüffent 
sü,   denne   hüwlent  und  weinent  sü,  —  so  ist  es  ze  spate.     Tu  du 

15  ogen  uf,  zelle  an  dien  vingern,  lüg,  waz  ir  eblich  bi  dinen  ziten  bi 
dir  tot  sint.  Hab  ein  kosen  in  dinem  herzen  mit  in,  setze  dinen 
alten  menschen,  als  er  tod  sie,  zu  in,  vrage  sü  mit  einander,  lüg, 
mit  welen  gruntlichen  süfzen  und  bitterlichen  trehen  sü  sprechent: 
„ach,   gesah    in  got,    daz  er  ie  geborn  wart,    der  dem  süzen   rate 

20  v^olget  und  an  vrömdem  schaden  gewitzget  wirt!"  Setze  dich  recht 
uf  ein  hinevart,  wan  gewerlich,  du  sitzest  als  ein  vögelli  uf  dem 
zwie,  und  als  ein  mensch,  der  an  deme  porte  des  wassers  stat  und 
lüget  des  geswinden  ab  vliezenden  schifes,  da  er  in  sitze  und  hin 
vare  in  daz  vrömde  land,  do  er  niemer  me  her  wider  kumet.     Da 

25  von  so  rihte  reht  alles  din  leben  dar  nah,  wenne  er  kome,  daz  du 
bereit  siest  und  vr61ich  von  hinnan  varest. 


5  [nu]  80  gar  F  6  am  Bande  David  EE^F^Z  7  ze  aller  wish.  AKa 
9  lit  E^Z  10  nit  einem  AKa  11  gegeben  FZ  12  vor  in  AEE^F^Z 
14  hüwelent  sü  u.  vv.  [sü]  FF^  17  zö  in  fehlt  F  19  dem]  disem  FF^ 
21  reht  als  e.  v.  FF^        ^2  [und]  als  A        23  hinnen  AK 

7  Sir  ach  1,16.  8  Ehd,  7,40.  20  f.   Hör.  169:   di»pone   domui 

tuae  (Is.  38,1),  praepara  ie  ad  viam  universae  camis,  ad  horam  mortis. 


288  Büchloin  der  Ewigen  Weit^heit.    Kap.  XXII. 

XXII.  Kapitel. 
Wie  man  inrlicli  leben  sol. 

Der  dien  er:  Hcrre,  der  übungc  ist  vil,  derieben  ist  niengez, 
eins  sust,  daz  ander  so;  der  wise  ist  vil  und  meogerley.     Herr,  du 
Schrift  ist  grundlos,   der  lere  ist  ane   alle  zal.    Ewigü  Wisheit,  lere  5 
mich  mit  kurzen  Worten  usser  dem  abgninde  dero  aller  sament,  war 
uf  ich  mich  aller  meist  halten  säle  in  dem  wege  eins  waren  lebens. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:.  Du  wärest,  du  nützest, 
du  behendest  1er,  du  dir  in  aller  der  schrift  mag  werden,  in  der  da 
mit  kurzen  Worten  aller  warheit  überswcnklich  bewiset  wirst  nach  lo 
der  höhsten  volkomenheit  eines  luteren  lebens,  ist  disii  lere :  I.  halte 
dich  abgescheidenlich  von  allen  menschen ;  11.  halte  dich  luterlich  von 
allen  ingezognen  l)ildeu;  III.  vric  dich  von  allem  dem,  daz  zft- 
val,  anhaft  und  kumber  mag  bringen ;  IV.  und  rieht  din  gemute  ze 
allen  ziten  [123^]   uf  in  ein  togenliehes  gütliches  schowen,   in  dem  15 


3  «1.  dieiier  fehlt  F^HZ         5  lerer  -1  8  am  Rundt  In  collaciouibua 

patriim  «hi  fine  ui(maclii  Moyses  (inoii.  al>biis   31.  AZ)  AKE^F'Z  9  und  «lü 

beh.  AKa         11  ff.  I— IV  rot  am  Jiandf  AEK^F^HZ        12  von  (zweiUtf)]  vor 
AKccFFF'Z        13  von]  vor  KaKFUiZ        15  [in]  ein  AF 

2  Hoi'.  Ki'J    Überavhnft:  Fonnula  coinj/cndiosa  rüae  spiritualis. 

8  ff.  Hör.  UVjf, :  mundus  diversitatt'  doctrinnrum  nplctus  est,  Mille  sunt  modi 
rirtndi,  aliuH  qiiidtm  sie,  aliu^  vero  sie.  Tot  sunt  Codices  de  vitiis  et  rirtuiibus 
mar/istruliitr  tractantes,  tot  sunt  qaaterni  (\,KoUegheft€'\)  quaestioncs  subtili^fAi- 
mas  et  propositiones  diversas  pcrtractantesj  ut  prius  cita  hrevis  deficiat,  quam 
omnia  .sfudere,  sed  ntcdum  pevleyere  contingat.  (Jitifi  dinumerare  passet  omnia 
}'(itiotialia,  naturalia  (Philosophie  und  Natur ui'ss:HMchaften),  historialia,  moraJia 
ac  diiHiia  ( Thcoh(jie)j  omnia  scripta,  cuncta  comtnaita  nova  et  vciera,  elementar 
iioneSy  compilationes,  siiujulosqne  tractatns  ac  summas,  quibus  universa  super* 
ficies  terrae  tanquam  ßurio  inundante  irrigata  est?     Vgl,  auch  Hör,  149 f, 

8 ff*.  Die  1.  CoUation  Joh.  ('assians  ist  im  ganzen  Kapitel  benutzt,  besonders 
c,  4,  1 ,  ti,  12,  13:  vgl,  Alhcrtus  M.,  De  adhntr,  Deo  c,  5.  Scusc  scheint  übrigens 
die  ö'd'Ue  2(y^,ll—269M  direkt  aus  Kckhart  49:2,34—498,1  herübergenommen  zu 
haben.  Die  ausführlichere  Fassung  des  Hör.  (ji.  170  ff.)  ist  zum  Teil  in  die 
Octo  puncin  perfectionis  assequendae  übergegangen,  welche  unter  den  unechten 
]Vfrken  des  hl.  Bernhard  { Opp,  ed,  Mabillon  III,  715  f.)  stehen. 

12 — 15  Hör.  170  f.:  cordis  ostia  aformis  sensibilium  et  imaginationibus  terrt' 
norum,  quantum  possibile  est,  habeas  diligenter  serata,  , . .  affectum  tuum  cum 
omni  diligentia  absolvas  ah  his  omnibus,  quae  libertatem  ipsius  impedire  possenty 
tt  ah  omni  re  jtossibilitattm  habente  aUigandi  et  ttnendi  ipsum  affectum  ad  •«- 

hacrendum animum  tuum  iugitvr  sur.sum  in  contemplatione  divinarum  e/€- 

vatum  habeas,  ut  divinis  rebus  ac  deo  mens  semptr  inhaereat. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXII.  289 

du  mich  ze  allen  ziten  vor  dinen  ogen  tragest  mit  einem  steten 
gegenwarf,  ab  dem  din  oge  reht  niemer  gewenke.  Und  swaz  ander 
übunge  ist,  es  si  armüt,  vasten,  wachen  und  alle  ander  kestigunge, 
die  richte  zu  disem  als  uf  ir  ende,  und  hab  ir  als  vil,  als  vil  sü 
5  dich  hier  zu  gefürderen  mugen.  Sich,  so  gewinnest  du  daz  höhste 
ende  der  volkomenheit,  daz  under  tusent  menschen  nut  eins  begrifet, 
wan  sü  mit  ir  ende  allein  uf  andere  übunge  bestant  und  dar  umbe 
du  langen  jar  irre  gant. 

Der  diene r:   Herre,  wer  mag  in  dem  unverwenkten  anbüke 

10  dins  götlichen  gegenwurfes  ze  allen  ziten  bestan? 

Entwört  der  Ewigen  Wisheit:  Nieman,  der  hüt  lebt  in 
zit.  Es  ist  dir  allein  geseit  dar  umb,  daz  du  wissest,  wa  du  solt 
lenden  und  war  nach  du  solt  stellen  und  war  du  din  herz  und  müt 
solt  tennen.     Und  wenn  dir  der  aublik  wirt  underzogen,   so  sol  dir 

16  sin,  wie  dir  din  ewigü  selikeit  si  benomen,  und  solt  geswinde  wider- 
keren  in  daz  selb,  daz  es  dir  wider  werde,  und  solt  din  selbs  acht 
haben ;  wan  swenne  es  dir  engat,  so  ist  dir  als  einem  schifman,  dem 
in  starkem  gewille  du  rüder  sint  engangen  und  nit  weis,  wa  er  hin 
sol.    Enkanst  du  aber  noch  nit  blibens  hier  inne  haben,  so  sol  dich 

20  du  mengi  dero  inkeren  und  emzigü  vluht  in  daz  selb  bringen  ze 
stetikeit,  als  verre  es  muglich  ist. 

H6r,  hör,  min  kint,  die  getrüwen  lere  dins  getrüwen  vatters^ 
nim  ir  eben  war,  schlös  si  in  den  grund  dines  herzen !  Gedenk,  wer 
der  ist,  der  dich  dis  leret,  und  wie  gar  er  daz  von  gründe  meinet. 

25  Wellest  du  iemer  türr  werden,  so  nim  sü  vür  dinü  ogen;  swa  da 
sitzest,   stest  oder  gest,   so  si  dir,   als  ob  ich   dich   gegenwürtklich 


2  niemer  mer  E^  8  daz  lang  jar  E  11  lebte  E^  13  lenden  — 
du  solt  fehlt  F  17  so  ist  dir  fehlt  AF  18  nit  enweiz  Z  20  fruht  F 
20  f.  ze  stet.  br.  E^  21  als  —  ist  fehlt  AKa  verre]  vil  E^  22  kint 
mins  AKa        24  ist]  si  FF' 

3 ff.  L,  c:  puritas  cordis  inttr  omnia  exercitia  spirituälia  ...  tanquam 
quaedam  finalia  intcniio  sibi  vindicat  principatum :  ....  corporis  casiigatio, 
ieiunium  vel  vigüiae  et  similia  virtutis  exercitia  quasi  secundaria  et  inferiora 
iudicanda  suiU  et  tantum  expedientia^  quanium  ad  cordis  proficiunt  puHtatem. 
Beli-ge  aus  Thomas  u.  a.  hei  Denifle  447  A.  1 ;  ders.,  Luther  und  LutJiertum 
/»  (1904),  365  ff.  9—10  Coli  I  c.  12.  11  ff.  L.  c.  c.  13,  20  f.  Hör. 

172:  quod  frequentia  actus  similem  sibi  habitum  generare  consuevity  ein  schola- 
stischer Gnmdsate.  22  Sprichw.  1,8.  26  türr  =  tiur,  trefflich,  ausge^ 
zeichnet  (Denifle:  vollkommener j,  oder  =  dürre,  trocken,  lau?  Letgtere  Bedeu- 
tung ist  wahrscheinlicher. 

H.  SeuBC,  Deutsche  Schriften.  19 


290  Büclileiii  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXHT. 

mane  und  spreche:  „min  kint,  halte  dich  inrlich,  luterlicb,  ledklicli 
und  ufgezogenlichl**  Sich,  so  wirst  du  schier  innan  miner  Worten, 
dir  wirt  och  daz  gut  bekant,  daz  dir  noch  vil  verborgen  ist. 

Der  dien  er:  AcIj,  Ewigü  Wisheit,   gelobt  sist  du  eweklich! 
Herre  mine  und  min  gctrüwste  vrünt,  wölte  ich  es  ane  daz  nftt  tun,  5 
so  zwingest  du  mich  mit  dinen  süzen  worten  und  mit  diner  zarten 
minneklichen   lere   dar  zu.     Herr,  ich  sol   nnd  wil  allen  mineo  vliz 
dar  an  legen. 


XXIII.  Kapitel. 
Wie  man  got  miuneklich  enphahen  sol.  10 

Ewigü  Wisheit,  kondi  min  sei  nu  komcn  über  den  heinliehcu 
schrin  diner  götlichen  togni,  so  wölte  ich  noch  me  von  minnen 
vragen,  und  ist  min  vrage  also:  herr,  du  hast  daz  abgründ  diner 
grundlosen  minne  als  gar  us  ge[123'']gossen  in  dinem  minneklichen 
lideune,  daz  mich  wunder  nimet,  ob  du  üt  me  minnezeichen  geleisten  15 
mugist. 

Entvvürt  der  Ewigen  Wisheit:  Ja,  als  daz  gestime  an 
dem  himel  unzallich  ist,  also  sint  du  minnezeichen  miner  grundlosen 
minne  ungezellet. 

Der  dienen  Ach,  süzü  minne  minü,  ach  zarter  minncklicher  20 
uzerwelter  herr,  lüg,  wie  min  sele  nah  diner  minne  kalet!  Kere  din 
minnekliches  antlüte  gegen  mir  verworfnen  kreatur,  lüg,  wie  ellü 
ding  in  mir  verswindent  und  vergaut  unz  an  den  einigen  hört  diner 
inbrünstigen  minne,  und  sag  mir  etwas  me  von  dem  edlen  verborg- 
nen hoide.  Herr,  du  weist,  daz  der  minne  reht  ist,  daz  si  von  25 
irem  geminten  nihtes  begnüget;  so  si  ieme  hat,  so  si  ieme  begert, 
swie  unwirdig  si  sich  dar  inne  bekennet,  wan  daz  würket  dii  über- 
kraft  der  minne.  Owe,  schöuü  Wisheit,  nu  sa^  mir,  weles  ist  daz 
gröste   und   daz   lieplichest  minnezeiclien,   so  du  ie  in   diner  ange- 


1  inrlich  fehlt  F        5  getn'iwer  E^FF^         vi-üiit]  vatter  F         11  der 
diener  F^F-,   nachgetragen  E  14  jji^rundl.]   gotlichen  AKtx.  in]   mit  E} 

13  mizallichen  AK        27  erkennet  /;'        29  ie  fehlt  AKE 

1  f .    Vgl.   Hör,  173   die   Lehre   des  Altvaters  Arsenius  (Vita  104y4ff.): 
fuge  et  face  et  quiesce.  2  f.  Hör,  l.  c. :  in  qua  (docirtna)  si  diligenier  8tudueris 

et  fideliter  effectai  mancipare  ciiraveris,   heatns  eritt  et  quodammodo  aeternam 
feUdtatem  in  hoc  fragili  corpore  inchoahis. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXm.  291 

nomnen   menscheit  erzöigtest  ane   das   grundlos  minnezeichen    dins 
bittren  4;ode8? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Nu  entwirtmir einer  vrage: 
waz  ist  daz,  daz  nnder  allen  minneklichen  dingen  einem  minnenden 
5  herzen  von  sinem  geininten  aller  minneklichest  ist? 

Entwürt  des  dieners:  Herre,  nach  mineni  verstenne  seist 
nüt  roinneklichers  einem  minnenden  herzen  denne  sin  geminter  selb 
selber  und  sin  minneklichü  gegenwürtkeit. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Daz  ist  also.     Sich,  und 

10  dar  umb,  daz  minen  geminten  nüt  ab  gienge,  daz  ze  rehter  minne 

höret,   do  zwang   mich   min   grundlosü   minne  dar   zu,   do   ich   von 

diser  weit  scheiden   wolte  mit  dem  bitteren  tode  ze   minem  vatter, 

—  wan   ich  vorhin   wiste  den  jamer,    den   meng  minnendes    herze 

wurde  nach  mir  habent,  —   daz  ich   mich  do  selb  selber  und  min 

15  minnekliche  gegenwurtikeit  ob   dem   tische  des   jüngsten   nahtmals 

minen  lieben  jungem  gap,  und  noch  alle  tage  minen  uzerwelten  gibe. 

Derdiener:  Owe,  minneklicher  herre,  und  bist  du  aber  selb 

selber  eigenlichen  da? 

Entwürt  der   Ewigen   Wisheit:     Du   hast  mich   in  dem 

20  sacramente  vor  dir  und  bi  dir  als  gewerlich  und  eigenlich  got  und 

menschen,   nah  sei  und  libe,   mit  vleische  und  blute,   als  gewerlich 

mich  min  reinü  möter  trfig  an  ir  arme,  und  als  warlich  ich  bin  in 

dem  himel  in  miner  volkomenen  klarheit. 

Der  diener:  Ach,  zarter  herr,  nu  ist  ein  ding  in  minem 
25  herzen,  getörst  ich  daz  mit  urlob  zu  dir  gesprechen?  Herr,  es  kunt 
nit  von  ungloben;  ich  gl5be,  waz  du  wilt,  daz  du  daz  vermacht. 
Aber,  zarter  [124']  herre  mine,  mich  wundert,  ob  ich  es  getar 
sprechen,  wie  der  schöne  wünneklich  glorifizierte  lip  mins  minnek- 
lichen herren  in  aller  siner  grözi  und  ganzheit  sich  mug  verbergen 
30  als  togenlich  under  der  kleinen  forme  des  brötlins,  das  diner  masse 
so  ungemessen  ist.  Zarter  herre,  nu  zürne  sin  nit!  Wan  du  min 
uzerweltü  minneklichü  Wisheit  bist,  so  w61t  ich  gerne  von  dinen 
gnaden  etwaz  da  von  us  dinem  süzen  munde  hören. 

13  wan  —  14  habent  fehU  AKa  14  habent  wurde  E^  do  mich  AF 
16  gib  m,VL  E        22  als  warl.  als  AKEF       29  f.  als  tog.  mug  v.  EH 

27  ff.  Hör,  177:  valde  mirahile  videtur,  si  fas  est  dicere,  qualiter  corpus 
domini  mei  formosum  cum  suis  dehitis  dimensionibus  et  otnnimoda  perfectione 
contintri  possit  siU)  formis  minutis  speeierum  sacramentalium  stbi  improportio^ 
naliler  tncomtnensuratarum.    Die  Erklärung  ist  Hör.  179  angedeutet. 


292  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXIII. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Wie  min  schöne  lip  nod 
sele  nach  ganzer  warheit  sie  in  dem  sacramente,  daz  enkan  kein 
zunge  gesprechen,  vvan  es  cnmag  kein  sin  bcgrifen,  es  ist  ein  werk 
miner  almcchtikeit.  Dar  umb  so  solt  du  es  einvalteklich  gldben 
und  solt  im  nit  vil  nach  gan.  Und  doch  so  mflz  ich  dir  ein  klein  5 
hie  von  sagen;  ich  wil  dir  dis  wunder  mit  einem  andern  wunder 
uz  stozen.  Sag  mir:  wie  mag  daz  sin  in  der  natur,  daz  ein  grozes 
hus  sich  erbildet  in  einem  kleinen  Spiegel  und  in  iedem  stake,  ob 
er  geteilt  wirt?  Oder  wie  mag  daz  sin,  daz  sich  der  groz  himel  als 
kleinfügklich  truket  in  daz  klein  oge,  und  doch  an  der  grözi  ein-  10 
ander  unglich  sintV 

Der  diener:  Herr,  gewerlich,  des  enkan  ich  nit  vinden;  e« 
ist  ein  wunderlichs  ding,  wan  das  oge  ist  als  ein  püntli  gegen  den 
himel. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Sih,  swie  nu  weder  15 
dis  noch  einkein  ander  ding  in  der  natur  dem  glich  si,  doch,  und 
mag  daz  du  natur  getfin,  war  umbe  enmöcht  ich  denne,  der  herre 
der  nature,  nit  noh  vil  merü  ding  übernatürlich  getön?  Nu  sag  mir 
me:  ist  das  nit  ein  als  groz  wunder,  himelrich  und  ertrich  und  alle 
kreatur  uzzer  nute  schephen,  alse  daz  brot  in  mich  ungesihteklich  20 
verwandlen  ? 

Der  diener:  Herr  es  ist  diu  halb  als  muglich  nah  minem 
verstene  üt  in  üt  wandlcn,  als  üt  usser  nute  scliephen. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Und  wundert  dich  denne 
daz    und  dis  nüt?    So  sag   mir:    du  globest,    daz   ich    vünf  tusent  25 
menschen    usser  fünf  broten  spiste;   wa  waz  du  verborgen  materie, 
du  minen  worten  do  dienet? 

Der  diener:  Herr,  ich  cnweis. 


3  iiiatr  AKa  4  so  fi'hli  1?  8  und]  ald  AKa  12  d.  diener  — 
'21  vt-rwaiidlen  fcidi  F  fi^ew.  hcrre  1?  15  wodiM-  filiU  E^  16  kein  A'* 
19  als  fdih  EFMIZ  winidor]  dinir  AKaF  20  unges.  in  m.  AKaZ 
25  sag:  »li'*  !»<'  AKa 

4  t'.   //or.   /?/.•  cavenihnn  (tibi  i,stf  a  praesumptnnt<n  jterticnitatione. 

15  tt'.  L.c:  et  lictt  in  hoc  exemplo  simplici  malnr  ,sU  disjiimiUiudo  quam 
fiinfiliUiilOy  fiicut  ei  guaelibtt  res  ftaturalis  maiorem  imp<n'lat  in  jtroposito  dijtsi' 
mHitudimm  quam  similitudin-m^  nihilominua  tftmm  efr.  19  ff.  L.c:  qtiare 

tarn  imiiosftibilifi  rideiur  hatc  tntnsmukUio  ?  Kt  sici-  niaior  sit  actus  isie  trati^* 
8uh)<tantiationi8  (  Wtsenifvtncandlufig)  creatione,  ftire  minor  aive  aequalis,  non 
inconsoiium  tarnen  ralioni  est  credere,  qund  hie,  qni  mundum  e.r  niltilo  pro^ 
dncere  potuit,  viHiUem  suam  nequaquam  ad  hnnc  solum  actum  limitaveHt. 


BBcUein  der  Bwigeir  Wdahdt  Kap.  XXni. 

Du  Wisheit:  Aid  glSbest  du,  daz  du  ein  sei  habest? 

Der  dieDCr:  Herr,  daz  gl5b  ich  nit,  wan  ich  weis  es,  wan 
anders  enlebte  ich  nit. 

F-ntwi'irtder  Ewigen  Wisheit:  Nu  enmacht  du  doch  die 
ö  sei  mit  keinen  liplichen  ägen  gesehen:  glöbest  du  denn,  üb  kein 
ander  wesen  si,  dem  du  man  mag  gesehen  und  gehören? 

Der  dieiier:  Herre,  ich  weis,  daz  dero  weaen  vil  me  int,  dl 
ungesihtig  sint  von  allen  liplichen  ögen,  denn  du  man  mag  gesehen. 

Du  Wisheit:  Nu  Iflg,  so  ist  manige  mensch  als  grober  sinne, 
10  daz  [124']  er  dennoch  kume  glöben  wil,  daz  üt  si,  denne  daz  er 
mit  sinen  sinnen  begriffen  mag,  dar  Aber  die  gelerten  ein  wissen  hein, 
daz  da7.  nit  also  igt.  Ze  glicher  wifte  ist  es  hie  nach  menscblichem 
verstenne  gegen  dem  gÖtlichen  wüseenne.  Hette  ich  dich  nu  gefraget 
also:  wie  sint  geschaffen  die  ingange  des  abgründes,  oder  wie  siiit 
15  gestellet  du  wasser  ob  dien  himelny  du  sprechest  vil  licht  also:  ^es 
ist  mir  ze  tief,  ich  engan  im  not  nach  und  ich  enkam  in  daz  ab- 
grfinde  nie  noh  uf  den  bimcl  nie."  Nu  hau  ich  dich  gevraget  irden- 
scher dinge,  dii  dn  sihest  und  hörest,  und  begriffest  ir  nit;  wie 
wütest  du  denne  begrifen  daz,  daz  alles  ertricb  und  hlmel  und 
20  alle  sinne  übertriffetV  Oder  wie  wilt  du  dem  nach  gefragen?  Sihe, 
sogtan  wandten  und  schüzzig  gedenke  koment  allein  von  grobheit 
der  sinnen,  die  giitlicbü  und  übernatürlich ü  ding  nement  nach  glich- 
nuste  irdenscher  und  natürlicher  dinge,  und  also  enist  es  nit.  Gehere 
ein  vröw  ein  kint  in  einem  turne,  und  so  es  dar  inne  erzögen  wurde 
•26  und  im  du  mttter  seile  von  der  snnnen  und  von  den  Sternen,  es 
neme  daz  kint  groz  wunder  und  dftchte  es  nnbilltch  und  unglÖblich, 
daz  doch  der  mfttir  gar  knnd  ist. 

Der  diener:    Herre,   gewerlich,   ich    enkan   reht   nüt  me  ge- 

2  wan  ilaz  wti«  ich  K'  3  lebli  £'  5  keinem  1.  oge  FZ  8  geg. 
mag  £'  10  wil  globen  AKaK'  11  mit  —  niag]  mafr  geselieD  and  gehören 
ASu  dar  über  daz  ft*'  hKin  e.  w.  Z  15  dem  liimel  K^  18  kom  F'Z 
21  wuödnitig  AKa        inatbözzige  !■'       28  ial  FZ        24  wirrde  A 

2  Nach  Ihomieligeher  Lfhre  I  Di  veril,  q.  14  a,  9>  kann  derselbe  Vtrfland 
ditseibt  Sacht  aklMll  nicht  Buglcich   glauben  und  leiaaen.  S  f.    ttor.   178: 

alipta  cntia  invisibilia.  10  f.  L.  c:  t-xptritntta  ducet,  iiuod  multi  Ulittrati 

pro  impo»gibili  häbent  ea,   ds  quilmg  periti  habent  dtmongtratianem  certüti- 
mam,  sieul  pattl  jrrateipue  in  gtometria  et  tulrologia.  17ff.   l'f/l.  Joh.  3,13. 

81  Hör.  179:  iolw  dubilnlionM  et  conceptioneg  errontae.  2ü  ff.  Ilor.  mt: 

ixemplum   eommttn«  sali»  dt  hoc  habta  de  puero  in  cnrctre  imio  '.-4  diu  hu- 
Irito  e 


294  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXTTT. 

sprechen,  wan  du  hast  mir  mincn  gl5ben  erl&htet,  daz  ich  einkeiu 
wunder  an  minem  herzen  niemer  me  darf  gewinnen.  Oder  wie  wil 
ich  den  höhsten  nach  gegan,  so  ich  du  nidersten  nit  begrifen  kan? 
Du  bist  dö  warbeity  die  nüt  geliegen  mag;  du  bist  du  obreste  wis* 
heit,  dö  cllü  ding  kan ;  du  bist  der  almehtig,  der  ellü  ding  vermag.  6 

Eya^  minneklicher  schöner  herre,  nu  han  ich  dicke  von  hencü 
begerty  daz  ich  dich  mit  denn  gerechten  Symeon  in  deoi  tempel 
m6hte  han  enphangen  liplich  an  min  arme,  owe,  minneklicher  herr, 
und  dich  mit  minen  armen  in  min  sei  und  in  min  herze  möhte  han 
getrucket,  daz  mir  der  geistlich  knss  diner  waren  gegenwfirtikeit  lo 
weri  worden  als  warlich  als  ime.  Herre,  nu  sihe  ich,  daz  ich  dich 
als  warlich  enphahe  alse  er,  und  so  vil  adellicher,  als  vil  din  zarter 
Hb  nu  glorifizieret  und  unlidig  ist,  der  do  lidig  waz.  Ach  minnek- 
licher herr,  dar  umb,  hetti  min  herze  aller  herzen  minne,  min  ge- 
wisseni  aller  engel  klarheit  und  min  sei  aller  seien  Schönheit,  daz  15 
ich  es  von  dinen  gnaden  wirdig  werc,  herr,  so  wölt  ich  dich  hat 
alse  minneklich  cnphahen  und  in  den  grund  mines  herzen  und  miner 
sei  versenken,  [125']  daz  mich  von  dir  weder  leben  noch  t6d  niemer 
geschiedi.  Ach^  süzer  minneklicher  herre,  und  hettist  du,  min  uz- 
erweltes  lieb,  mir  nüwan  dinen  hotten  gesendet,  ich  enwüsti  in  aller  dO 
diser  weite  nit,  wie  ich  im  es  gnü  wol  solti  han  erbotten;  wie  sei 
ich  mich  denne  gebaren  gegen  dem,  mit  deme  selben,  den  min  sele 
da  minnet?  Du  bist  doch  daz  einig  ein,  in  dem  beschlossen  ist  alles, 
daz  min  herze  in  zit  und  in  ewikeit  begereu  mag.  Oder  ist  noch 
üt,  daz  min  sele  mit  dir,  daz  du  nüt  bist,  begerV  —  ich  wil  ge-  25 
swigen  des,  daz  wider  dich  und  anc  dich,  wan  daz  were  mir  ein 
Unlust.  Du  bist  doch  dien  ogen  der  aller  schönste,  dem  munde  der 
aller  süzeste,  der  berürde  der  aller  zartest,  dem  herzen  der  «Her 
minneklichest.  Herr,  ich  ensilie  nocli  enhörc  noch  enphindet  min 
sele  nit  in  allem  dem,  daz  ist,  si  vindc  ein  iekliches  tusent  stunt  JO 
minneklicher  in  dir,  niineni  uzerwelton.  Ach,  minneklicher  herr,  wie 
so!  ich  mich  gegen  dir  halten  von  wunder  und  von  vröden?  Din 
gegen wiirtikeit  erzündet  mich,  aber  din  grozheit  erschreket  mich; 
min  bescheidenlieit  wil  ir  lierren  eren,  aber  min  herze  wil  sin  einiges 

1  kein  E'F'  2  me  fehlt  K"^  B  giui  AKaE'F'  11  als  warl.  w. 
w.  AKa  16  hiit  fi'hU  AK  18  der  tod  AK  IJ»  fxoticheide  ]'?F  24  und] 
ald  K^  26  iuie  dich  ist  AKaJ^?  2Ö  beirirde  7-'*  31  in  dir  —  ininnekl. 
fehlt  F 

1  f.  L.  c:  admirationes  no.iias  iimidattque  voqitationes  tollis. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXIII.  295 

liep   minnen   and   minneklich   umbvabeD.     Da   bist   min   lierre   und 
min  got,  80  bist  min  bröder,   und  ob  ich  es  getar  gesprechen,   min 
geminter  gemahel.     Owe,   waz  liebes,  waz  wunne  und  waz  vr6den, 
waz  wirdikeit  han  ich  an  dir  einem! 
5  Ach,  süzer  herre,  mich  dachte  daher:  und  were  mir  allein  du 

gnade  widervarn,  daz  ich  usser  mins  geminten  oflFen  wunden  von 
sinem  herzen  ein  einig  blfttes  tr6phli  sölte  han  enpbangen  in  minen 
mund,  wie  ich  Wunsches  gewalt  heti  gehebt.  Ach,  her/kliches,  un- 
begriflFenliches  wunder,  nu  han  ich  nit  allein  von  sinem  herzen,  noch 

10  von  henden  und  vüzen  und  alb-n  sinen  zarten  wunden  enpbangen, 
ich  han  nit  allein  eins  oder  zwei  tröphlü,  ich  han  5ch  alles  sin 
rosvarw  hitzige  blftt  dur  minen  mund  zft  minem  herzen  und  sele 
enpbangen.  Ist  daz  nit  ein  groz  ding?  Sol  ich  daz  nit  wegen,  daz 
allen  hohen  engelen   tür  ist?    Ist   daz   nit   ein    minneklichs   ding? 

15  Herre,  ich  wölte,  daz  ellü  mini  gelider  und  alles,  daz  ich  bin  und 
kan,  verkeret  wurde  in  ein  grundelos  niinne  umbe  dis  minnekliche 
minnezeichen.  Herr,  waz  ist  noch  in  aller  diser  weite,  daz  min 
lierze  erfröwen  oder  begeren  muge,  so  du  dich  mir  als  minneklich 
ze  niezenne   und   ze   minnenne  gist?    Es  heisset  wol  ein  sacrament 

20  der  minne.  Wa  wart  ie  minneklichcrs  gehöret  oder  gesehen,  denne 
die  minne  selb  selber  in  gnaden  werden  ?  Herr,  ich  ensihe  dekeinen 
underscheit,  denne  [l^ö'']  daz  dich  herr  Symeon  gesihteklich  en- 
phieng  und  ich  ungesihteklich.  Aber  als  wenig  nu  min  lipliehes 
oge  din  waren  menscheit  da  mag  gesehen,  als  weni^'  mocht  sin  lip- 

25  liebes  oge  do  din  gotheit  gesehen  denn  in  dem  globen,  als  och  ich 
nu.  Herre,  waz  lit  mir  kraft  an  diser  liplichen  gesiht?  Dem  des 
geistes  ogen  sint  uf  getan,  der  bat  nit  vil  sehennes  uf  liplich  gesilit, 
wan  du  ogen  des  geistes  gescheut  eigenlicher  und  warlicher.     Herr, 


2  fj^ot  80  b.  m.  fehlt  AK         4.9  habe  AKa         7  minem  Aa  9 f.  von 

sinen  wunden,  von  henden  und  fuzen  und  von  sinem  zarten  herzen  i'*  19  gi- 

best  Aa          21  keinen  FF^Z          23  f.  nu  nach  oge  AK          26  lipl.  fehlt  r 
28  am  Randt  Bernardus  AE\F^Z 

13  ff.  Hör.  ISlf.:  nonnc  istud  est  maximum  et  praecipuum  donum  et 
dignis  laudibus  extoUendumj  ad  quod  ntque  angelica  natura  audeat  aspirare? 
Aique  ideo  utinam  omnea  artus  mei  et  tota  virtus  mea  et  omnia  iniei-iora  mea 
in  laudem  tuam  reffolverentur,  ut  amori  tuo  pro  passe  meo  respondere  possem! 
19  f.  Hör.  182:  bene  itaque  appellatur  sacramentum  hoc  sacramentum  amoris, 
26  L.  c. :  sed  quid  mihi  de  visu  corporeo,  cum  beati  dicaniur  oculi,  qui  non 
vident  secundum  carnem   (Joh.  20,29)   etc,  28   Vgl,  Bern.,  sermo  33  in 

Cant,  n.  3, 


296  Büchlein  der  Ewigeu  Weisheit.    Kap.  XXTTL 

echt  ich  weis  in  dem  globen,  als  verre  man  es  wissen  mag,  daz 
ich  dich  da  han.  waz  wil  ich  denn  nie?  —  so  han  ich  alles,  daz 
min  herz  begert.  Herr,  mir  ist  tusent  stunt  nAzzer,  daz  ich  dich 
nit  gesehen  mag;  wie  möhte  ich  daz  iemer  an  minem  herzen  vindeD, 
daz  ich  dich  also  gesichtkliche  nasse?  Aber  alsus  so  blibet  daz,  6 
daz  da  minneklich  ist,  und  vellet  ab,  daz  da  unmenschlich  ist.  Herr, 
so  ich  hinderdenk,  wie  grundlos  wol,  wie  minneklich,  wie  ordenlich 
du  cllü  ding  hast  geordenet,  so  rufet  min  herz  mit  luter  stirome: 
o  höhü  richheit  des  abgrundes  der  götlichen  wisheit,  waz  bist  da 
in  dir  selber,   so  du  als  recht  vil  bist  in  dinen  schönen  asvlAzzen!  lO 

Nu,  rainneklicher  herre,  nu  sihe  an  die  begirde  mins  herzen! 
Herre,  es  enwart  nie  kein  kAnig  noch  keiser  so  wirdeklichen  en- 
phaugen,  nie  kein  lieber  vrömder  gast  so  minneklich  umbvangen,  nie 
kein  gemahel  so  schone  noch  so  zärtlich  ze  huse  gefnret  noch  so 
erlich  gehalten,  als  min  sei  begert,  dich,  minen  aller  werdesten  keiser,  15 
mines  herzen  niler  süssesten  gast,  miner  sele  aller  minnekliehesten 
gemahel  hüte  cnphahen  und  in  füren  in  daz  inwendigest  und  daz 
beste,  daz  min  herz  und  min  sei  gelcisten  mag,  und  dir  es  bieten 
als  wirdeklich,  als  es  dir  ie  von  keiner  kreature  erbotten  wart.  Herr, 
dar  umb  so  ler  mich,  wie  ich  mich  gegen  dir  halten  süle,  wie  ich  20 
dich  gnü  sclionc  und  minuekliche  cnphahen  sül. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Du  solt  mich  enphahen 
wirdeklich  und  solt  mich  niessen  demütklich  und  solt  mich  behalten 
ernstlich,  in  gemahellicher  minne  unibsehliezen.  in  gotlicher  wirde- 
kcit  vor  ogen  haben ;  geistlicher  hunger  und  gegenwürtiger  andacht  25 
sol  dich  zu  mir  triben  nie  dennc  gewonheit.  Du  sele,  du  min  in 
der  heinlichen  kluse  eins  abgescheidenen  lebens  inrlich  enphinden 
und  süzklich  niessen  wil,  du  müz  vorhin  von  Untugenden  sin  ge- 
fürbet,  mit  tagenden  gezieret,  mit  lidikeit  umbhenket,  mit  roten  rosen 
inbrünstiger  minne  bestecket,  mit  schönen  violn  demütiger  verworfen-  3ö 

1   mag  wissen  AKcc  B  gert    X  4   viuden]    han   AK   gehoben  a 

5  misse  (!)  Ä  6  [daz]  da  m.  /V*  nnd  —  unin.  ist  fehlf  AK  7  gniudlosc- 
lieh  /'.*  9  am  Bande  Paulus  A  11  d.  innckhchcu  bog.  AK  12  [herre] 
es  AK  18  frnmdor  lii'l)er  1?  17  f.  in  daz  best  u.  in  d.  inw,  K  19  von 
ie  k.   I^F^         20  so  fehlt   1^         2\)  sin   -irz.   /•;         30  sin  best.  E  umh- 

steeket  F^HZ 

41".  llnr.  W3:  f/uvi  enini  tantae  ponsei  esst^ff-rocitatis^  ut  ipsum  pratsunurti 
sah  forma  cartii,s  et  sanyainis  ma-sticarct^  9  Röin.  ILoo.  9 f.  Ifor.l,c.: 

qualia  tu  in  tjtsa  esstnüa,  </ui  talis  es  av  tantns  in  rtrain  craUarum  tffluentia 
tarn   n'riuofia  ! 


Etacm^  der  Ewigen  Weüheit.    K&p.  3 


£111. 


297 


heit  und  wiseeu  lylien  rehter  reinikeit  hezetet.  Si  »ol  mir  betten 
mit  herzen vri de,  ivan  in  dem  vride  ist  min  [liiJß']  stat;  si  sol  mieh 
in  ir  arme  umbRChliesBen  mit  usgeBchloggenheit  aller  vrämder  miune, 
wau  ich  acbübe  si  und  flüb  si,  als  der  wilde  vogeJ  tftt  die  kevi. 
5  Si  sol  mir  singen  des  gesanges  von  8yon,  <Ihz  ist  ein  inbrünstiges 
minnen  mit  einem  grundlosen  lobenne;  denne  Avil  ich  si  umbvahen, 
und  si  sol  sich  uf  min  herze  neigen.  Werde  ir  da  ein  stilles  rftwen, 
ein  blozes  seliüwen,  ein  ungewonlicbg  niessen,  ein  vorsmak  ewiger 
süzikeit  und  ein  enphinden  ewiger   selikeit,    da»   hab  ir,   bebabe  es 

10  ir  selben,  wan  der  vrfimde  enphindet  sin  not;  sprecb  also  mit  einem 

grundlosen  siifzen:    „gewerlich,    da   bist   der  verborgen  got,   du  bist 

daz  heinlich  gQt,  daz  nieman  kan  wissen,  der  sin  nit  hat  enphimden." 

Der  diener:  Owe  miner  grozen  blintheit.  in  der  ich  bis  her 

bin  gestanden  I    Ich  brach  die  roten  rosen  und  smakt  ir  mit;  ich  gie 

15  under  den  schönen  blAmen  und  sah  ir  nut;  ich  wav.  als  ein  ti'irres 
zwi  in  des  süzen  meien  töwe.  Owe,  mich  enkan  niemer  me  ver- 
rüwen,  daz  du  mir  so  manigen  tag  so  nahe  bist  gewesen,  und  ich 
dir  80  veiTC  bin  geein,  Owe,  du  süzer  gast  der  reinen  sele.  wie  ban 
ich  dir  es  bis  her  gebotten,  wie  hau  ich  dir  es  so  dike  missebotten! 

30  Wie  unbegirlich  ich  ab  der  süzen  engetspise  gebaret!  Ich  bäte  den 
edelen  baisam  in  dem  mtmde  und  enphant  ein  nit.  Ach,  du  vröden- 
richi'i  Sgenweide  aller  engel,  ich  gefröwte  mich  din  doch  nie  recht! 
Und  sölt  mir  ein  liplieher  vrtint  des  morgens  ein  komen,  ich  het 
mich   alle   die   nacht   dar   nf  gefr6wet,     Ich  bereite   mich  doch  nie 

26  gegen  dir  werden  gaste,  den  himelrich  und  ertrich  eret,  als  ich  bil- 
licbe  solle.  Ach,  wie  kerte  ich  mich  so  geswinde  von  dir,  wie  ver- 
treib ich  dich  so  balde  us  dime  eigen!  Owe,  uiinneklicber  got,  und 
bist  du  selber  hie  als  gegenwärteklich,  und  ist  der  enge!  schar  bie, 
und  ich  dar  zfi  hIs  binlicbe  han  getan!    Herr,  ich  wil  din  geswigen, 

3u  gewerlicb,  herr,  ich  enweis  kein  stat  iilier  vil  milen,  da  ich  vür  war 
hette  gewisset  der  heiligen  engein  gegenwürtikeit,  der  hohen  geisten, 


1  rebt  rein,  fehlt  F  ein  bez.  JKEE'  beten  ARE'  4  wan  dö 
diih  n.  flcli.  ich  K'  9  daz  bebabo  ir  AKat:^  11  gnindl,]  herzkliuhen  AKa 
19  bevunden  K  enpli.  hat  £'  17  ^ew.  biet  A''  IH  bun  lieh]  Z  26  f.  bill.] 
K  rehte  £,"'  28  »elb  sell'er  AKaK  30  eiikt'iii  AK  da]  duz  AF^  81  ge- 
wisBen  A 

•i  Ps.  TS^.  *b  Vgl.  fa.  I3<i,3.  7  ff.  Hm:  Jöö:  «i  eimcet/ia  Jua-it 

rftdupci-  iHtffahilü  pauaatio,  rapltea  guacdata  conlemplatio  et  inasUula  fruitio 
iiliuit  stimmt  et  veri  praegtniis  buni,  ....  gralias  rtferat  bonorum  amnium  lar- 
gilori  nee  se  vtrbis  effundai,  sed  stcreiun  seeftlmn  tcntui  eh: 


298  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XX]  IL 

die  dich  schowent  ze  allen  ziten,  ich  were  mit  willen  dar  gegangen, 
und  mocbt  ich  8&  joch  nit  han  gesehen,  ro  hette  sich  doch  min 
herze  in  minem  Übe  ab  inen  gefröwet.  Ovve,  suzer  herre,  und  daz 
du  selber,  aller  engel  herre.  gegen würtkliche  hie  werd,  und  bi  dir 
vil  der  engel  schar,  daz  ich  der  stat  nit  me  war  nam,  daz  mäz  mir  b 
iemer  leid  sin!  Ich  solte  doch  der  stat  han  genigen,  da  ich  dich 
also  hetti  gewist,  und  m6ht  mir  anders  nit  sin  worden. 

[126^]   Owe  got,  wie  bin  ich  dik  an  der  stat,   da  du  vor  mir 
und  bi  mir  werd  in  dem  sacramente,  so  recht  unbesintklicb  und  un» 
andechtklicb  gestanden!    Der  lip  stftnt  da,  aber  daz  herze  waz  anders-  lo 
wa.    Wie  han  ich  dik  so  mauigen  ker  da  hin  vür  dich,  werden  herren, 
getan  so  gar  unbedachtklich,  daz  dir  min  herz  nit  einen  herzklichen 
grftz  bot  mit  einem  andechtigen  nigenne!    Herr,   zarter  herre  mine, 
minü  ogen  söltin  dich  han  an  gesehen  mit  spilender  vröde,  min  herz 
sölte  dich  han  gemeinet  mit  gantzer  girde,  min  mund  s61te  dich  han  I5 
gelobt  mit  inbrünstigem   herzklichem  jubilierenne,  alle  min   krefte 
söltin  sin  zervlozzcn  in  dinem  vrölichen  dienste!  Waz  tet  diu  knecht 
David,  der  vor  der  arke,   da  allein  lipliches  himelbrot  und  liplichA 
ding  inne  warent,  so  vrölich  mit  allen  sinen  kreften  sprang!    Herre, 
nu  stan  ich  hie  vor  dir  und  vor  dien  heiligen  engein,  und  valle  dir  ao 
ze  vflze  mit  inneklichen  trehen  mins  herze.    Gedenk,  gedenk,  zarter 
herre,   daz  du  hie  vor   mir  bist,   min  fleisch   und   min   brüder,    und 
laze  varn,  vergib  mir  hut  alle  die  unerc,  die  ich  dir  ie  erbot,  wan 
daz  ist  mir  leit   und   uiüs   mir   iemer  leid  sin,   wan   daz  Hecht  der 
wisheit  beginnet  mir  erst  liicliten;  und  du  stat.  da  du  bist,  nit  allein  25 
nach  der  gotlieit,   oeh   nach   diner  schönen  ni inneklichen  nicnscheit, 
sol  iemer  me  von  mir  vürbaz  geeret  werden. 

Ach,  minnekliches  gut,  vvirdiger  herre  und  süzer  gast,  min  sele 
vragti  ^ar  gerne  einer  vrage:    zarter  herre,   sag   mir,    waz   bringest 

1  ze  a.  z.  dich  seh.  /'.'*  3  siizer  fehlt  K'  4  were  AKaE^  5  schare 
AK  nit]  iiio  AF  9  wert-  Act  V>  ich  dir  [min  herz]  F  13  mine  fMt  K^ 
14  spilenden  tVodeii  E^         20  vor  allen  din«*n  enjjrelu  AKa  21  vüzeii  AaK 

inneki.J  bitterlichen  AKa  23  hut  fthh  AKccE  27  vfirb.  v.  ni.  AKaEF 
2i»  ein  vr.  AccK^F^ 

«)t'.  Hör.  IS't  :  nam  uhi  dominum  mcuin  jtracsmtem  sriri,  humiliUr  inclinare 
(lel'Ui,    cum  nliitd  siynum  rererentiae  sil»i  tJc/iilnre  non  potni.  11  f.  L.  c: 

fi  (/uniiens  lorum  fnttir,  in  (/ko  ^'ub  f<acramn(o  /losp'S  dulcissijnus  prticsfns 
fui.vti ,   iief/li(ff'uUr   rt  ftstinaitfcr  practeni !  14  (T.    llar.  ISS:    idto   tnat 

))i'(i€Si'iitiat  dihuit  cor  adc/nudfrcy  nniuiHs  <iji}ilainlerr.  nruli  laetanter  arridert, 
OS  iufiil(in\  Inbin  te  benedicere  vi  (florifirarv,  d  siminhi  (/anegiie  tnembra  et  artur 
tui  Offtcnderc  siijna  nmoriy.  17  fl'.   //  A'^m.  <;,/-/. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXm.  29^' 

du  diner  geminteD  mit  diner  waren  gegen würtikeit  in  dem  sacra- 
mente^  so  si  dich  minneklich  und  begirlirh  enphahet? 

Entwurt  der  Ewigen  Wisheit:  Ist  dis  einem  minner  ein. 
zimlichü  vrage?  Waz  han  ich  bezzers  denn  mich  selben?  Der  sin 
5  liep  selb  selber  bat,  wem  bat  der  nach  ze  vragenne?  Der  sich- 
selben  git,  waz  hat  der  verseit?  Ich  gib  mich  dir  und  nime  dich 
dir  und  vereine  dich  mit  mir;  du  verlürest  dich  und  wirst  verwandelt 
in  mich.  Waz  bringet  dt  sunne  in  ir  aller  schönsten  glenzendem 
widerglaste  dem  ungewülkten  lüfte  V  Waz  bringet  der  ufbrechende 
10  liechter  morgensterne  der  vinstren  nacht?  Oder  waz  bringet  du 
schön  sumerwunne  wünklicher  gezierde  nach  dem  kalten  winterlichen 
trurigen  zite? 

Der  diener:  Owe,  herr,  du  bringent  rilich  gaben. 

Entwurt  der  Ewigen  Wisheit:  Sü  dunkent  dich  rilich, 
15  wan  s6  dir  gesibtklich  sint.  Sih,  du  minst«  gnade,  d6  von  mir 
vliezent  ist  in  dem  sacrament,  ist  in  ewikeit  widerglenzender  denne 
kein  der  liplichen  [127']  sunnenglaste.  Si  ist  lühtender  denne  kein 
morgenstern,  si  ist  in  ewiger  Schönheit  dich  wünklicher  zierende, 
denne  kein  sumerlichü  gezierde  daz  ertrich  ie  gezierde.  Oder  ist 
20  min  liechtü  gotbeit  nit  glenzender  denn  kein  sunne,  min  edlü  sele 
lüchtender  denn  kein  Sterne,  min  klerter  lip  wünklicher  denn  kein 
sumerwunne,  du  du  warlich  hüt  hast  enphangen? 

Der  diener:  Owe,  herr,  war  umb  sint  sü  denne  nit  enphint- 
licher?.  Herr,  ich  gan  dicke  zu  in  sogtaner  hertikeit,  daz  mir  als 
25  türe  ist  alles  lieht,  gnade  und  süssekeit  nach  minem  verstenne  als 
einem  menschen,  der  blint  geborn  ist  und  daz  Hecht  nie  gesach.  Herr, 
getörste  ich  es  sprechen,  so  gönde  ich  diner  waren  gegen würtkeit 
wol,  daz  du  diu  selbs  mer  Urkunde  hettist  gegeben. 

Entwurt  der  Ewigen  Wisheit:   So  der  Urkunde  ie  minr 

6  am  Rande  Augustinus  EE^F^Z  6  f.  und  nime  d.  d.  fehlt  F  7  mit 
fehlt  E  8  am  Rande  Nota  Bemhardus  F^  aller  glenzendem  schönsten  (!)  E^ 
10  morgenrot  AK  13  bringet  AE"^  gäbe  E^  15  gesihtig  E^  21  klerter] 
zarter  F  25  1.  und  gn.  [und  süss.]  AKa  26  der]  daz  AKa  27  ge- 
sprechen  E^FF^        29  am  Rande  Paulus  EF^Z 

6  ff.  Aug.,  Conf  VII,  10:  nee  tu  me  in  te  mutahis,  sicut  cibum  camis 
tnae,  scd  tu  mutaheris  in  me.  15  Hoi\  169:  minima  gratia  gratum  faciens 

(heilig machende,  im  Unterschied  von  der  aktuellen  Gnade).  21  i.  Hör.  191: 

nonne  melius  esset,  ut  evidentioribus  indiciis  et  manifestiorihus  experimentis 
fidem  tantof-um  ifistaurasses  mysteriorum?  29  f.  L.  c:  an  ignoras,  quia  per 

fidem  ambulamus  et  non  per  sptciem  (IL  Kor,  5,7)  ? 


300  Büchleiu  der  Ewigeu  Weisheit.    Kap.  XXIII. 

igt,  so  der  globe  ie  latere  ist  und  din  Ion  ie  mer  ist.  Es  wurket 
der  herre  der  natur  so  togenliehe  in  mengem  schonen  bome  ein 
wunklichs  zflnemen,  daz  doch  kein  oge  noch  kein  sin  die  wile 
enphinden  mag,  e  daz  es  vollbracht  ist.  Ich  bin  da  nit  ein  uslüh- 
tendes  Hecht,  ich  bin  nüt  ein  uzwurkendes  gut,  ich  bin  ein  inwfir-  s 
kendes  gftt,  und  daz  ist  so  vil  edeler,  so  vil  es  geistlicher  ist. 

Der  diencr:   Owe,  got,  wie  ist  so  wenig  menschen,  die  daz 
wegen  von  gründe,  daz  si  da  enphahent !  Sü  gant  zfi  als  die  andern 
gemeinlich  in  einer  schichten  unbedahten  wise,  und  dar  amb,  als  st 
lere  dar  gant,  also  gant  sü  gnadlos  dannen;  s&  zertribent  der  spise  lO 
nit,   daz  su  wegen,  waz  sü  da  enphahent. 

Üü  Ewig  Wisheit:  Ich  bin  dien  wolbereiten  daz  lebende 
brot,  dien  kleinbcreiten  daz  trucken  brot,  aber  dien  unbereiten  ein 
zitlicher  schlag,  ein  totlicher  val  und  ein  ewiger  vlfich. 

Der  dienen    Owe  herre,    wie  ist   dis  ein   so  erschrokenlich  15 
ding!   Ach,  zarter  herre,   weli  heissest  du  die  wolbereiten    oder  die 
unbereiten? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Die  wolbereiten  sind  die 
geluterten,  die  kleinbereitcn  die  vermittelten,  aber  die  unbereiten  die 
sündigen,  die  mit  willen  oder  mit  werken  in  totsünden  stant.  SO 

Der  diener:  Owe,  zarter  herr,  ob  denn  ze  der  stunde  dem 
menschen  sine  sünde  von  herzen  leit  sint  und  sin  vermugen  dar 
inne  tftt,  daz  er  ir  nach  der  kristeuheit  reht  ledig  werde? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  So  ist  der  mensch  ieze 
nit  nie  in  sünden.  25 


1  «Hu  trlobe  AKa  1  f.   am  Rande  Nota   Uernhardu.s  F^         4  da  fehlt 

E'F  5  f.  ich  b.  0.  inw.  «rüt  fehlt  F  9  uubt'd.  fMt  AH  11  da  fehlt 
K  FF'Z  14  lind  f.  t.  val  A1':F  15  ilis]  daz  AKa  16  ach  fehlt  AKa 
21  di'iiij  d«Mi  AKE         221".  dar  zii  AKa. 

4  ff.  llur,  1U:J:  jiraesentia  dirina  ilddem  cxisicn^-  lux  est,  non  quidem 
tffh's,  (/nue  ah  oculo  cor^torm  vidtri  jntssif  rcl  quae  k<:  ad  cj:ieriora  diffuntlit, 
md  t/iiae  a  solo  infelh'itn  divino  rcl  stdtern  ah  ipso  htaiißcato  videri  poitsit,  .  . . 
nnm  tt  suhsinnfiai  spiri/uahs.  qunnto  fw  rint  nohihnrcs,  tantn  simplivi'ore«. 

IUI".    /..  <::    lii  sunt  fdruf  animalia  nnn  ruminantia,  18  ff.   Hör.  193: 

oninino  indlspoHiti  ....  htut:  diftpositi,  sicnt  p:rft'rti^  ....  (juidam  media  modo 
se  liahcnt,  sivut  indevoti.  21  iV.   L.  c:  si  hninn  ....  in  jtrocinvtu  acvedendi 

d'.'  pecratis  cfniftrifar  tf  facif  mcutidam  statuta  ecclcsiae  hoc  quod  pott'M,  ntiin- 
qaid  aadilfif  dt  tna  tjratia  homo  Uir  ptrcaiar  tutedirc  c*  Sa }t  i cntia ;  si  vert 
t'outiritur  et  vonsilio  spiritualium  atitur  innliionim  id.  h.  trenn  er  btreui  und 
hiichtctK  iam  proprio  loqueiido  pevvalnr  non  t'st. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXTTI.  301 

Der  diener:  Herr,  nach  minem  dunke,  es  ist  der  grösten 
dingen  eins,  so  alles  zit  geleisten  mag.  Herr,  wer  lebt  in  zit,  der 
sich  gnü  wirdeklich  zu  dir  bereiten  muge? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:   Der  [127^]  mensch  wart 
5  nie  geborn,  und   hette  ein   mensch   aller   engel   naturliche  luterkeit^ 
aller  hailigen  reinikeit  und  aller  menschen  gütü  werk,  er  were  min 
dennoch  unwirdig. 

Der  diener:  Owe,  minneklicher  herre,  mit  welem  zitter  sAlen 
denn  wir  unvervanklich&  gnadlosü  menschen  zu  dir  gan? 

10  Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:   Swenne  der  mensch  ge- 

tüt  sin  vermugen,  so  wirt  nit  me  von  im  gevordert,  wan  got  vol- 
bringet  daz  unvolbrachte.  Ein  siech  sol  alle  blugkeit  hin  werfen 
und  sol  dem  arzade  nahen,  des  bisin  sin  genesen  ist. 

Der  diener:   Minneklicher  herr,   weder  ist  aber  besser  dik 
15  oder  selten  dich  in  dem  wirdigen  sacrament  enphahen? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Swelen  menschen  gnad 
und  andacht  enphintlich  da  von  wahset,  dien  ist  du  emzikeit  nütze. 

Der  diener:  Herr,  da  denn  ein  mensch  nach  sinem  versten 
glich  stat  oder  dike  in  grözer  hertikeit  ist? 

20  Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Der  mensch  sol  sich  von 

der  hertikeit,  so  echt  er  daz  sin  getüt,  nit  merklich  enziehen,  wan 
daz  heil  der  sele,  du  von  gottes  geleze  in  hertikeit  stat,  wirt  dik 
allein  in  dem  lieht  des  lutren  globen  als  adellich  volbracht,  als  in 
grozer  süzikeit.    Ich  bin  ein  gut,  daz  gebrucbet  wahset  und  gesparet 


8  aus  cit  nachträglich  cittren  korr.  E  11  mugen  AK  15  dich  nach 
sacr.  E^  16  am  Rande  Augustinus  EE^F^Z  16 f.  swelem  ...  dem  FF^ 
23  volbr.  als  ad.  i'» 

1  es  bezieht  sich  nach  dem  Hör.  auf  das  Sakrament  überhaupt,  nicht 
auf  die  Vorbereitung  dazu,  4  f.  Hör,  l,  c. :  inter  natos  mulierum  non  sur- 

rexiij  qui  ex  sola  virtnie  et  iusiüia  operum  suorum  tanquam  ex  condigno  se 
sufficienier  praeparare  possit.  16  f.  Hör.  196:  super  hac  re  communem  ac 

Hotam  egregii  doctoris  Augustini  (ep.  64  n.  2.  4)  accipe  sententiam,  qui  utrum" 
que  pro  loco  et  tempore  dicit  esse  commenddbiU,  ut  et  pro  reverentia  interdum 
ahstineatur  et  ex  devotione  nihilominus  accedatur,  Quihus  vero  ex  frequenti 
accessu  reverentia  sacramenti  pariier  et  devotio  accrescit,  his  frequeniatio  ipsius 
utilis  erit.  Seuse  hat  übrigens  auch  Thomas,  Li  4  Sent.  diM.  12  q.  3  a.  1:  q.  2 
benütst.    Vgl.  Denifle  466  A.  4.  23  Hör.  196:  cum  solo  fidei  suhsidio  anima 

innititur  nee  aliqua  dulcedine  spirituali  fulcitur.  24  f.   Opusc.  68  (inier  opp. 

S.  Thomae)  c.  14:  corpus  Christi  dum  manducaiur  augmentatur. 


302  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    Kap.  XXIU. 

swinet.  Es  ist  besser  von  miimen  zft  gan,  denne  von  vorchten  von 
stan ;  es  ist  besser  nlle  wachen  einest  zfi  gan  mit  einem  tiefen  gründe 
relitcr  demutkeit,  denne  einest  in  dem  jare  mit  einem  überhebenne 
in  sin  selbes  billicheit. 

Der  diener:  Hcrre,  ze  weler  zit  beschiht  der  influs  der  gnaden  5 
von  dem  sacramentV 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  In  dem  nu  des  gegen- 
würtklicben  niezens. 

Der  diener:   Zarter  herr,   ob  ein  mensch   nu  in  grundlosem 
jamer  nach  diner  liplichen  gegen würtikeit  des  sacramentes  stat,  und  10 
er  din  enbern  mftz? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Meniger  mensch  wirt 
min  nüchterlingen  vol,  und  manigcr  gewinnet  min  ob  dem  tische 
mangel;  die  küweut  mich  allein  liplich^  aber  dise  niezent  mich 
geistlich.  15 

Der  diener:  Zarter  herr,  hat  aber  der  mensche  üt  vürb,iz, 
der  dich  liplich  und  geistlich  enphahet,  denn  der  dich  allein  geist- 
lich nüsset? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Weder  hat  der  mensch 
me^  der  mich  und  min  gnad(^  hat,   oder  der  min  gnade  allein  hat?  20 

Der  diener:  Herr,  wie  lange  blibest  du  in  liplicher  gegen- 
würtikeit  bi  dem  menschen,  so  er  dich  enphahet  V 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Alle  die  wile  daz  bilde 
und  glichnüsse  des  sacramentes  belibet. 


1  am  Rande  In  collacionibus  patrum  abbas  Cbrrcmon  EK^Z  5  gnade 
E^F^  7  am  Rande  Thomas  EE^F^Z  7  f.  gegenwurtigen  Z  10  liep- 
lichen  F        14  [mich]  allein   tJ        23  am  Rande  Thomas  EE'F^Z 

1 — 4  Coli,  :?3  c,  !21  (abhas  Thconas,  nicht  Chaeremon).  Hör,  L  c:  melius 
est  singulis  hebdomadis  vcl  etiam  dicbus  acctdere.  Vgl.  auch  David  von  Aug9^ 
burgj  De  comp.  III,  10.  7  f.  T ho  man,  S.  Th.  3  q.  ^(J  a.  8  ad  6:  in  ipsa  »ump- 

Hone  huius  sacramenti  ....  ptrcipitur  sacramenti  effecius.  12  flf.   Seuse 

redet  von  der  geistlichen  Kommunion  {Thomas^  S.  Th.  3  q.  SO  a.  1—3),   Zar  Er^ 
klürung  Denifle  4^)8 f.  Anm.  19  f.   Hör.  197:   revera   ampliorem  materiam 

dtvntionia  et  gratiae  habet   qui  nti'umquc  suscipity   quam   qui   alter  um   tantumj 
quin  aimul  habet  donantem  cum  dono,  causam  cum  eß'ectu.  23  f.  ThomtUf 

S.  Th.  3  q.  7(i  a.  6  ad  3:  corpus  Christi  remanet  in  hoc  sacramento  ....  quou^ 
que  Speeres  sacramtntales  mancnt. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXIU.  ,  303 


Dis  solt  du  sprechen,  so  du  zu  gast. 

[128']  Eya,  du  lebendü  vruht,  du  suzü  gimme,  du  wuuneklicher 
paradisöphel  dez  ^eblüraten  vetterlichen  herzen,  du  süzer  truhel  von 
Cypcr  in  den  wingarten  Engaddi,   wer  git  mir,   daz  ich  dich  hütte 

5  als  wirdeklich  enphahe,  daz  dich  gelüste  zö  mir  ze  komen,  bi  mir 
ze  blibenne  und  von  mir  niemer  ze  scheidenne?  Eya,  grundloses 
gtit,  daz  da  himclrich  und  ertrich  erfüllet,  neige  dich  hüt  gnedek- 
lich  zu  mir  und  versmahe  nit  din  armen  kreature!  Herr,  bin  ich 
din  nit  wirdig,  so  bin  ich  din  aber  notdürftig.    Ach,  zarter  herr,  bist 

10  du  nit  der,  der  himelrich  und  ertrich  mit  eime  einigen  worte  ge- 
schephet  hat?  Herr,  mit  einem  einigen  worte  macht  du  min  siechen 
sele  gesunt  machen.  Owe,  zarter  herr,  tu  mir  nach  diner  gnade, 
nach  diner  grundlosen  erbermde,  und  nit  nach  minem  verdienenne. 
Du  bist  doch  daz  unschuldig  osterlembli,  daz  hüt  vür  aller  menschen 

15  sünde  wirt  geophert.  Ach,  suzes  wolgesmackes  himelbrot,  daz  da 
allen  süzen  smak  in  im  hat  nach  iedez  herzen  begirde,  mache  hüt 
lästig  in  dir  den  türren  munt  miner  sele;  spise  und  trenke,  Sterke 
und  ziere  und  vereine  dich  minneklich  mit  mir!  Ach,  Ewigü  Wis- 
beit,   nu  kum   hüte  als  krefteklich   in  min   sele,   daz  du  alle   mine 

20  viende  vertribest,  alle  mine  gebresten  versmelzest  und  alle  mine  sünde 
vergebest.  Erlühte  min  verstentnüsse  mit  dem  Hechte  dins  waren 
geloben,  enbrenne  minen  willen  mit  diner  süzen  minne,  erklere  min 
hügnisse  mit  diner  vrölichen  gegen würtikeit,  und  gib  allen  minen 
kreften  tugent  und  volkomenheit.     Bewar  mich  an  minem  tSde,  daz 

^5  ich  dich  oflFenbarlich  werd  niessende  in  ewiger  selikeit.     Amen. 


1  8olt  d.  spr.]  sprich  F       4  dem  w.  AF  10  f.  geschaffen  F     15  geoph. 

Wirt  A^        da  fehlt  i>        16  in  im  selbe  E^  17  dir]  mir  AF       23  gehüg- 
nüsse  E^F       24  mich  gnedecliche  F 

3  f.  Hohel.  1,13.            11  f.  Matth,  8,8.  15  f.  Weish.  16,20, 


304  ^  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXIV. 

XXIV.  Kapitel. 
Wie  man  got  grundlosklich  alle  stunde  loben  soL 

Laiida  anima  mea   dominum^   landabe  dominam  in 
vita   mea.     Ovve,   got,   wer  git  minera   srollen  herzen,   daz   es  sin 
begirde  erfülle  vor  minem  tode  in  diuem  lobe?  Wer  git  mir,  daz  5 
ich  in  minen  tagen  gelobe  wirdeklich  den  geminten  hcrren,  den  min 
sei  da  minnet?  Ach,  zarter  herr,  wan  giengi  als  manig  schönes  ge- 
done   von    mineui    herzen,    als   menig    vrörader   snzer   seitenspil   ie 
wart  und  als  menig  lob  und  graz  ist,  und  du  ellä  nf  geriebt  wereu 
hine   vür   dich   in   den  himelschen   hof,   daz   von  minem  herzen   uf  lo 
trunge  ein  so  wünneklichs  ungehörtes  lob,   daz  es  den  5gen  dines 
herzen  gevellig  were  und  allem  himelschen  here  vr6debere !  Minnek- 
licher  herre,   bin  ich   dins  lobes  nit   [128'']  wirdig,   so  begert   doch 
min  sele,  daz  der  himel  dicli  lobe,  so  er  in  siner  aller  wunneklichsten 
schonlieit  mit  der  sunnen  glaste  und  mit  der  Hechten  Sternen  unzal-  15 
liehen  mengi  in  siner  hohen  klarheit  widerluhtet,   und  die  schönen 
beiden,  so  sü  in  sumerlicher  wunne,  in  manigvaltiger  geblümter  ge- 
zierde,   nach    ire   naturlichen  adel  in  lustlicher  Schönheit  widerglen- 
zent,  ach,  und  alle  die  stizen  gedenke  und  inbrünstige  begirde,  die 
kein  rein  minnendes  herze  ie  nach  dir  gewan,  so  es  in  heiterlicher  20 
suramerwunne  dins  inlülitenden  geistes  umh/iceben  waz. 

Herr,  so  ich  aliein  an  diu  hohes  lop  gedenke,  so  möchti  miu 
herz  in  minem  lip  zerfliezen.  mir  vergent  die  gedenke,  mir  gebristet 
Worte  und  ellü  wise  engat  mir.  Es  lülitet  neiswas  in  dem  herzen, 
daz  nieman  gewurten  kan,  so  ich  dich,  daz  wiselose  gftt,  loben  wil:  iS 
wan  ^^an  ich  in  die  aller  schönsten  kreature,  in  die  höhsten  geiste, 
in  du  lutersten  wosen.  daz  überpist  du  alles  unsäglich,  gan  ich 
denne  in  daz  tief  abgründe  dines  eigen  gutes,  herre,  da  verswindet 
alles  lop  von  kleinheit.    Herre,  so  ich  hül)schü  lebendü  bilde,  lutzelig 

2  >tuii(l«'ii  A'  <)  winl.  Lr<'lol»e  7-.*  lu  von]    ii8  7^'  14  dich  der 

b.   /•.'  sill.'r  h/il/  F         18  1.  Avid«-rq]('uzt't  /;»  21  wunne  t?         25  dich 

/VA//   UZ 

)i  P.V.   I4.'t,i.  'J4  tt".    Jfor.  lOH:    tiom   gtunidam    inejß'ahiU  de^derium^ 

qvod  omnem  natnrae  sujiert/redihir  /(uultalcm,  (e  suinmuin  bonum  laudandi  in 
mv  invi'fiio,  fjuod  tatnen  infnrme  relitn/ai  sim  (\r  inj/ossibilitate  deploro.  Nam 
si  tff  iiifeUitj-  ntiis  seit  inttlhcindlifius  crea1nris:  coinintran'  rolucrOj  in  infinitum 
ff  sup.ifjrcdl  i.umtas  crtaiiiras  rerfissime  iui'(nio.  20  Jlor.  iiOO:  pulchrae 

spedes  (t  ad  ridtndum  dilectabtlcs  haftih\**f/ue  ad  amandum. 


BücUein  der  Ewigen  Weisheit    Kap.  XXIV.  305 

kreaturen  an  blike,  so  sprechent  sä  zft  minem  herzen:  „eya,  Ifig,  wie 
reclit  16tzelig  der  ist,  von  dem  wir  geflossen  sin,  von  dem  ellü 
Schönheit  komen  ist!^  Ich  durchgan  himel  und  ertrich,  die  weite 
und  daz  abgründ,  wald  und  beiden,  berg  und  tal:   du  schrieet  ellA 

5  sament  in  min6  oren  ein  rilich  gedöne  dins  grundlosen  lobes.  So 
ich  denne  sihe,  wie  grundlose  schone  und  ordenlich  du  ellü  ding 
ordnest,  beidü  Abel  und  gftt,  so  wird  ich  wortlos.  Herre,  swenne 
ich  aber  gedenke,  daz  du  daz  loblich  gAt,  der  bist,  den  min  sele 
hat  uss  erwellet,  und  den  min  sei  ir  selber  allein  hat  us  erkorn  ze 

10  einem  einigen  geminten  liebe,  owe,  herr,  so  möchte  min  herze  von 
lobe  in  im  selben  zerspringen. 

Eya,  zarter  herr,  nu  sihe  an  die  inneklichen  begirde  mins 
herzen  und  miner  sele  und  1er  mich  dich  loben,  lere  mich,  wie  ich 
dich  wirdeklich  gelobe,  e  daz  ich  von  hinnan  scheide,  wan  dar  nach 

15  türstet  min  sei  in  minem  libe. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:    Loptist  du  mich  gerne? 

Der  diener:  Owe,  herre,  wes  reizest  du  mich?  Du  erkennest 

doch  ellü  herzen,  du  weist,  daz  min  herze  in  minem  libe  sich  möcht 

verwandelen   von  rechter  begirde,   die  ich  dar  nah  han  gehebt  von 

20  minen  kindlichen  tagen. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Den  gerehten  gezimt  mich 
ze  lobenne. 

Der  diener:  Owe,  herre,  ellü  min  gerehtkeit  [129']  lit  an 
diner  grundlosen  erbarmherzikeit.    Minneklicher  herre,  nu  lobent  dich 

25  doch  die  fr6schen  in  den  graben,  und  mugent  sü  nit  singen,  so 
gewzent  sü  aber.  Owe,  zarter  herre,  ich  weis  und  erkenne  wol,  wer 
ich  bin,  herr,  ich  erkenne  wol,  daz  ich  billicher  umb  mine  sünde 
sölti  vlehen  denne  dich  loben;  aber  doch,  du  grundloses  gut,  ver- 
smahe  nit  von  mir  ungenemen  wurme  min  girde  dines  lobes.   Herr, 

30  so  dich  nu  Seraphin  und  Cherubin  und  du  groz  zal  der  hohen  geisten 
alle  lobent  nach  ire  aller  grösten  vermugenne,  waz  mugen  sü  denne 


1  kreatur  EF'  4  beide  AKaE^F^  12  miniieklichen  Fa  18  wie] 
daz  EFE  17  owe]  ach  EF  18  f.  verw.  mohte  E^  21  am  Rande  David 
EE^HZ  25  dem  AFF^a  26  geuzent  F  gew&tzend  F^  rohlent  H  27  f.  solti 
bin.  £^  biU.  solti  AK        30  engel  und  geisten  F       31  lob.  aUe  Z       allem  E^ 

21  Fs.  32,1.    Hör,  201  fügt  Sirach  15,9  hinzu.  23  f.  Vgl.  Aug.,  Conf. 

IX,  13;  In  ps.  139  n.  18,  144  n.  11.  24  ff.   Hör.  l.  c:  nonne  et  vermes  et 

ranae  immundae  ex  putredine  generatae  coaxitantes  in  paludihus  te  suum  crea- 
torem  laudare  cupiunt  prout  aciunt  et  posaunt  ? 

H.  Seuse,  Deutsche  Schriften.  20 


306  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXIV. 

vürbaz  getün  gegen  der  loblosen  ungemessen  wirdekeit,  denn  du 
aller  minste  kreatur?  Herre,  du  stest  aller  kreatnr  unnotdürftig,  aber 
din  grundlosen  güti  küset  man  so  vil  mer,  so  vil  du  dich  unver- 
dienter gist. 

Entwürt  der  Ewigen   Wisheit:   Swer  mich  wenet  nach  6 
wirdikeit  voUoben,  der  tftt,  als  der  dem  winde  nach  jagt  and  den 
schatten  ergriffen  wil;  und  doch   so  ist  dir  und  allen  kreatoren  er- 
I5bet,  mich  ze  lobenne  nach  allem  vermugenne.   Wan  es  enwart  nie 
kein  kreatur  so  klein  noch  so  groz,  noch  so  gftt  noch  so  bös,  noch 
enwirt  niemer,  eintweder  si  lobe  mich^  oder  si  erz6iget  mich  loblich;  lo 
und   so  si  mir  ieme  vereinet  ist,   so  ich  ir  ie  loblicher  bin^  und  so 
din  lob  ie  glicher  ist  dem  lobe  der  ewigen  gloric,  so  es  mir  ie  lob- 
licher ist.     Und  daz  lob   ist  so  vil  glicher,   so  vil  es  me    von  allen 
kreaturen  nach   inbildunge  geledget  ist  und  mit  mir  in  rebtem  an- 
dacht    vereinet    ist.      Es    dönet    baz    in    mincn    oren    ein    inrlichs  15 
betrahten,  denn  ein  lob  allein  von  Worten,  und  ein  herzklichs  süfzen 
erklinget  baz,   denn  ein  hohes  rufen.     Ein  demütigu   Verworfenheit 
sin  selbs  in  rehter  versmechte  undcr  got  und  ellu  menschen  in  eime 
nüt  wellen   sin  dönet  vor  mir  ob   allen   schonen  klenken.     Ich   er- 
schein vor  minem  vatter  uf  ertrich  nie  so  loblich,   als  do   ich  stftnt  ä) 
an  dem  krüze  aller  totlicheste.     tätlich  lüte  lobent  mich   allein  mit 
schonen  Worten,  aber  ir  herz  ist  verre  von  mir;  und  dez  lobes  achte 
ich  wenig.     So  lobent  mich  etlich  wol,    so  es  in   nach  wünsch  gat, 
aber  wenne  es  inen  übel  beginnet  gan,  so  verget  daz  lob;  und  daz 
lob  ist   mir  ungenem.     Aber  daz  ist  ein  werdes  lob  vor  minen  göt-  25 
liehen   ogen,   daz  du  mich  mit  herzen,   mit  Worten  und  mit  werken 
als  inneklichen  lobest   in  leide  als  in  liebe,   in  aller  widerwertikeit, 
als    so    es    dir    aller   best    get,    wan   denne   meinest  du   mich    und 
nit  dich. 


1  gviXL'u  fe/i/t  AH  2  hvTTv  -  krrat. /<////  2*'  3  f.  unverdienet  i»'!^* 
0  lolnii  I'IFF^  7  wil  (.Tirr.  J-^  8  a.  ir  venu.  AKcc  9  enkeiu  AK,  fMt 
KF  so  irr<»z  noch  so  klein  K^  11  ieme  mir  /v*  nnd  so  ich  ir  AKFF^ 
14  p'li«li;ost  F  15  tun  Hände  Nütü  Hcriihardiis  i«'*  iniirkliches  F^  20  nie] 
mit  F  21  f.  am  lUmde  Ysaias  FF'F'Z  alK-iii  fehlt  AKa  23  am  Handt 
Groj^-orius  FF'F'Z        24  Im.-.  nl»el  F'        25  da/.]  ilis  AKH 

2  L.  c:  honnium  mtorum  nnn  lndi(j*'s  t  Pa.  löy>!K  3 f.  L.  c:  quanto 
ma'jis  ....  gi'iü'mtii  (jratis  tu:  s(dn  lih{.r(ditoh-  /(irt/iri.'i.  14  nach  inhildun^ 
jLr«dt'(lir«'l  =  j''  vvr(/fi.'i!if/ta'  und  reiner  ron  SimilicIdLit  e.s  ist.  21  f.  I^f.  ^tt,i:i, 

23  ff.   (jirer/.  J/.,  Moral,  T,  71. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    Kap.  XXIV.  307 

Der  diener:  Herr,  ich  begeren  nit  lidens  von  dir,  ich  enwil 
och  enkein  [129^]  ursach  disen  dingen  geben;  aber  ich  laze  mich 
selber  nn  ze  gründe  nach  begirde  mins  herzen  dinem  ewigen  lobe, 
da  ich  mich  selber  von  mir  selber  nie  reht  konde  gelazen.  Herr, 
6  verhangtist  du  6ber  mich,  daz  ich  der  versmehtest  mensch  wurde, 
den  dis  ertrich  geleisten  mag,  herr,  daz  wölte  ich  von  minnen  dir 
ze  lobe  liden.  Herr,  ich  ergibe  mich  hüt  an  din  gnade,  und  daz 
man  mich  des  grösten  mordes  zige,  daz  ie  kein  mensch  getet,  swer 
mich  an  sehe,  daz  der  min  antlüt  yersp6zeti:  herr,  daz  wölt  ich  dir 

10  ze  lobe  gern  liden,  echt  ich  vor  dinen  ogen  unschuldig  stunde.  Were 
ich  aber  schuldig,  so  w51t  ich  es  aber  liden  diner  wirdigen  gerehti- 
keit  ze  lobe,  der  ere  mir  tnsent  stunt  lieber  ist  denne  min  eigen  ere, 
und  w&lte  ze  einer  ieklichen  versmechte  dir  ein  sunderliches  lob 
geben,   und  w&lt  mit  dem  Schacher  an  dem  kruze  sprechen:    „herr, 

15  ich  lide  es  billich,  aber  waz  hattest  du  getan?  Herre,  gedenk  an 
mich  in  dinem  riebe  !^  Und  wöltist  du  mich  ietzent  von  hinnan  nemen, 
und  es  din  lob  were,  ich  enwölte  nit  hinder  mich  sehen  umb 
dekeinen  ufschlag;  aber  ich  begerti  des:  und  s61t  ich  als  alt  sin 
worden  als  Matusalam,  daz  ein  ieklich  jar  der  langen  zit  und  ein 

20  ieklich  wuche  der  jaren,  ein  iekliche  tag  dero  wuchen,  ein  ieklich 
stundli  der  tagen  und  ein  ieklicher  Sgenblik  der  st&ndlin  dich  von 
mir  lobtin  in  als  wünneklichem  lobe,  als  dich  ie  kein  heilig  gelobte 
in  dem  waren  widerglanze  der  heiligen,  als  unzallich,  alse  daz  ge- 
stuppe  ist  in  der  sunnen  schin,   und  min  guten  begirde  volbrechtiu, 

25  als  ob  ich  es  selber  alles  in  zit  hetti  volbraht. 

Herr,  des  halb  nim  mich  zfi  dir  über  kurz  ald  über  lang,  wan 
diz  ist  mins  herzen  girde.  Herr,  ich  sprich  noch  me:  und  daz  ich 
iezent  von  hinnan  sölte  scheiden,  und  din  lop  were,  daz  ich  vünfzig 
jar  in  dem  vegfür  sölte  brinnen,  herr,  ich  neige  mich  iezent  dinem 

30  lobe  under  dine  vüze  und  enpbahe  es  willeklich  dir  ze  einem  ewigen 
lobe.  Gesegnet  si  daz  vegfür,  in  dem  din  lob  an  mir  volbraht 
wirt!  Herr,  du  und  nit  ich,  du  bist  daz  selb  selber,  daz  ich  da  mein, 


2  kein  FF^  4  von]  vor  AKa  8  zihe  E  9  verspoizet  E  9  f.  gern 
d.  ze  I.  AKa  dir.  g.  ze  I.  EFF'H  15  [es]  billich,  waz  du  wilt  F  16  iez  F 
von  fehlt  E^       17  wolti  EF      18  begeren  2^       19  f.  jar  —  u.  e.  ieklich  fehlt  AK 

20  f.  und  e.  i.  tag und  e.  i.  stöndli  AKaF       24  ist /cAft  E^       girde  AK 

25  in  zit  alles  AKE^H       28  f.  in  dem  v.  s.  br.  fünfzeg  j.  E'        30  dir  fehlt  AF 

2  f.  Hör.  202:  me  iotum  in  holocaustutn  voluniati  tuae  offa'o. 
15  f.  Luk,  23,41  /.  22  f.   Vgl  Ps.  109,3. 


308  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    Kap.  XXIV. 

daz  ich  da  minne;  daz  ich  da  suche,  und  nit  ich.    Herr,   da  weist 
ell&  ding  und  erkennest  ell6  herzen,  du  weist,  daz  mir  vesteklich  ze 
sinne  ist:  und  wnsti  ich  dennoch,  daz  ich  in  deme  grande  der  helle 
iemer  s61te  sin,  swie  we  minem  eilenden  herzen  teti  dfi  berSbange 
[130']  diner  wunneklichen  beschöwde,  so  enwölte  ich  dir  dar  uinbe  6 
nit  ab  brechen.     Und  möcht  ich  aller  menschen  verlomä   zit  her 
wider  bringen,  ir  missetat  gebesseren  und  alle  die  unere,  du  dir  ie 
widervftr,  volleklich  mit  lob  und  ere  ersetzen,  daz  wölte  ich  willek- 
liche  tftn ;  und  were  es  dennoch  muglich,  so  müsti  von  dem  nidersten 
gründe  der  helle  ein  schönes  lob  uf  brechen  von  mir,  daz  durch*  lo 
trunge  helle,  ertrich,  luft  und  alle  bimel,  unz  es  keme  v6r  diu  gut- 
liches antlüt.     Aber,   wan   daz  unmuglich  were,  sich,   so   wölt  ich 
dich   hie  deste    me   loben,    daz  ich    mich   din    doch    hie    dest    me 
genieti. 

Herr,  tft  mir,  diner  armen  kreaturen,  daz  din  lob  ist;  wan  15 
gange,  wie  es  welle,  din  lob  wil  ich  sprechen,  die  wile  ein  etemlin 
in  minem  munde  ist.  Und  so  ich  die  spräche  gelege,  so  beger  ich, 
daz  ein  ufbieten  mines  vingers  si  ein  besteten  und  ein  beschliessen 
alles  des  lobes,  daz  ich  dir  ie  gesprach;  und  dennoh,  wenne  min 
lip  verpulvert  wirt,  so  begere  ich,  daz  von  einem  ieklichen  pülverlin  20 
ein  grundloses  lob  uf  tringe  dur  den  hcrten  stein,  dur  alle  bimel 
hin  vur  din  götliches  antKite  untz  an  den  jüngsten  tag,  daz  sich  Hb 
und  sele  wider  gesamnet  in  dinera  lobe. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  In  diser  begirde  bis  stete 
unz  in  den  tod,  daz  ist  mir  ein  lieplicbes  lop.  25 

Der  diener:  Ach,  minneklicher  herr,  sider  du  nu  gerächst 
von  mir  armen  sündigen  menschen  lobes,  so  beger  ich,  daz  du  mich 
bewisest  diser  dingen :  herr,  ist  daz  uzzer  lob,  daz  man  mit  werten 
und  gelange  tut,  icht  vürderlich  V 


2  daz  mir  daz  A'i'^*  2  f.  ze  siinien  AKZ  4  eil.]  minueuden  J*' 
berobunüfc  A  5  dir  fehlt  AF  11  himle  AK  12  wan  aber  E^  13  deste 
—  hie  fefiH  F  lo]>en]  le]»en  A  doch  din  K^F^  14  genieteti  E^F^ 
20  einem  fddi  E^Z        26  f.  gerüchcst  nach  lobes  A'* 

3  ff.  Hör,  id03:  «i,  quod  ahsit,  rolimtatis  iaac  bcneplacitiim  et  laudis  itrae» 
coninm  in  hoc  consisterctj  quod  anima  a  corpore  cxuia  auf  i^nan  purgatorii 
aut  ccrte  inferni  supplicium  in  poenam  suorum  criminum  recipere  deberet,  nihil 
de  lande  domini  mei  vettern  dinnnutrc.  0  L,  c;  supposiio  per  impossibiU, 
quod  in  infernOj  uhi  tuae  laudis  nulla  est  confessio^  anima  mea  . . .  esset  po» 
Sita  etc.  17  L.  c. ;  cum  virtus  loquendi  mortis  hora  defecerit.  19  f.  L  c; 
quando  corpus  meum  fuerit  in  pidceres  minutissimos  redactum  et  lapidc  clausum. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXIV.  309 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Eis  ist  wol  vürderlich, 
und  sunderlich,  als  yil  es  den  inren  menschen  gereizen  mag,  der  vil 
dike  da  von  gereizet  wirt,  und  sanderlich  an  anvahenden  menschen. 
Der  diener:  Zarter  berre,  so  han  ich  5ch  alles  ein  heischen 
5  in  mir,  sider  man  gern  in  zit  an  vahet,  daz  man  in  ewikeit  triben 
sol,  daz  ich  ein  emziges  loben  in  mir  gewänne,  und  daz  daz  niemer 
80  yil  als  ein  ogenblik  underzogen  wurde.  Herre,  ich  han  dik  ge- 
sprochen von  des  selben  begirde:  „owe,  himel,  wes  ilest  du?  Wie 
lofest  du  so  halde!  Ich  beger:  stand  in  disem  p&ntlin  stille,  unz  daz 

10  ich  minen  einigen  uzerwelten  zarten  herren  durlobe  nach  mins  herzen 
girde!"  Herr,  so  ich  etwenne  ein  kleines  wili  bin  gesin,  daz  ich 
nit  waz  in  gegenwürtigem  inker  dines  lobes,  und  so  ich  zA  mir 
selben  kam,  so  sprach  ich:  „owe,  herr,  es  sint  tusent  jar^  daz  ich 
an  minen  geminten  nie  gedachte!^     Eya  nn,  minneklicher  herre, 

16  nu  1er  mich,  als  vil  es  muglich  ist,  die  wile  der  lip  noh  [130^]  bi 
der  sei  ist,  daz  ich  ein  stetes  ungewenktes  lob  gewunne. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Swer  mich  in  allen  dingen 
meinet  und  sich  vor  sünden  hütet  und  sich  tugenden  flizet,  der  lobet 
mich  ze  allen  ziten.     Aber  doch,   wan  du  dem  höhsten  lob  nach 

20  gest,  so  hör  noch  naher.  Dt  sele  gelichet  sich  ainer  lichten  flum- 
vedren:  so  du  enkeinen  anhang  hat,  so  wirt  si  gar  lihte  von  ir 
natürlichen  beweglicheit  in  die  höbi  gegen  dem  himele  höh  uf  ge- 
furet;  swenn  si  aber  üt  geladen  ist,  so  siget  si  nider.  Ze  glicher 
wise  ein  gelüterter  mfit  von  gebrestlicher  swarheit  wirt  als  von  sinem 

26  naturlichem  adel  von  lichter  hilfe  geistlicher  betrachtunge  in  himel- 
schü  ding  uf  erhebt;  und  dar  umb,  swenne  daz  beschihet,  daz  ein 
gemüte  aller  liplicher  begirde  wirt  geledget  und  in  stilleheit  wirt 
gesetzet,  daz  ellü  sin  meinunge  dem  unwandelberen  gute  ungescheiden- 
lich  ze  allen  ziten  an  klebt,  —  der  volbringet  min  lob  ze  allen  ziten. 

80  Wan  in  der  luterkeit,  als  vil  man  es  gewörten  mag,  so  wirt  mensch- 


6  gern  fehlt  F        8  Wie]  wes  AK         11  wüi]  stündeli  F  16  [nu] 

1er  F         20  am  Rande  In   coUationibus  patrum  EE^F^Z         noch  fehlt  E^ 

20  f.  flumwedern  Ä  22  f.  uf  gefloget  E'  23  ist]  wirt  AEE^F  29  der 
volbr.  —  310,3  würket  fehlt  F 

1  ff.  Vgl  Thomas,  S,  Th.  2yü  q,  83  a.  12.  8  f.  Hör,  204:  o  primi  mobilst 

motus  velocissimuSj  quid  festinas?  Cur  tarn  v€locüer  pertransis?  Quam  ob  rem 
sie  properas  ?  Obsecro  te,  hoc  quod  est  impossibile  fac  possibile  et  sta  paulisper! 
Morosius  age !  20—26  Coü.  IX,  4,  auch  bei  Eckhart  360 fi  ff,  benützt. 

26  ff.  Coli  IX,  6. 


310  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXIV. 

icher  sin  als  gar  versöffet  und  von  irdenscheit  ze  einer  geistlichen 
und  engelschlichen  glicheit  verbildet;  waz  der  mensch  von  nssen 
in  enphahet,  waz  er  tftt,  waz  er  würket,  er  esse,  er  trinke,  er 
schlaffe,   er  wache,   daz  ist  nit  anders  denne  daz  aller  luterste  lop. 

Der  diener:  Ach,  zarter  herre  miner,  wel  ein  reht  susrA  lere  5 
dis  ist!  Minneklichü  Wisheit,  so  wurde  ich  als  reht  gern  noch  vier 
dinge  von  dir  bewiset.   Daz  ein  ist:  herr,  wa  vinde  ich  die  meisten 
Ursache  dich  ze  lobenne? 

Entwärt  der  Ewigen  Wisheit:  In  dem  ersteu  Ursprünge 
alles  gfttes,  und  dar  nach  in  den  usfliezenden  rünsen.  10 

Der  diener:  Herre,  der  Ursprung  ist  mir  ze  hohe  und  ze 
unbekant;  da  s&lnt  dich  loben  die  hohen  zederbome  uf  dem  Ijban 
der  liimelschen  geisten  und  engelschlichen  gemüten.  Und  doch  so 
wil  ich  als  ein  ruhe  tistel  5ch  hin  vür  tringen  mit  lobe,  dar  umbe, 
daz  sü  von  einem  anschowenne  miner  begirde  volendens  unmugent-  15 
heit  werden  ermant  ire  hohen  wirdekeit,  daz  si  in  ire  lutere  klar- 
heit  geraisset  werden,  dich  inneklich  ze  lobenne,  also  daz  der  goch 
der  nachtgal  ursach  gebe  eins  wünklichen  gesanges.  Aber  der  oswal 
diuer  güti  ist  mir  ze  frumen  ze  lobenne.  Herr,  so  ich  mich  recht 
hiuderdenke,  wer  ich  waz,  wa  vor  und  wie  dicke  du  [131']  mich  20 
behütet  hast,  us  welen  vreisinen,  von  welen  banden,  von  welen  striken 
du  mich  geledget  hast,  ach,  ewiges  gut,  daz  min  herze  alles  sament 
nit  zerflüzet  in  dime  lobe!  Herr,  wie  lange  hast  du  mir  gebeitet, 
wie  vräntlich  hast  du  mich  enphangen,  wie  süzklich  hast  du  mich 
dik  verborgenlicb  vürkomeo,  inrlich  ermant!  Swie  undankbar  ich  25 
hier  inne  ie  wart,  do  lieze  du  doch  nie  abe,  unz  daz  du  mich  ze 
dir  hast  gezogen.     Sei  ich  dich  hier  unib  nit  loben?  Ja  gewerlich, 


2  waz]  wan  AE^  3  in  fehlt  E'  6  dis]  daz  AK  7  ein]  erst  F 
10  fliesseiidcn  EEH  11  herre  fihlt  AKa  13  geisten  fehlt  E  14  her 
vür  AF  15  des  voUendens  FF^  ervoUens  Z  21  us]  von  FF^  vreisen 
AKa  striten  A  22  i.  nit  a.  sament  E^  23  zeflüsset  A  26  lieze  ich 
doch  AF        nie]  nit  EF 

9 f.  Hör.  ^06:  in  contcmpJatione  illius  summae  ac  divinissimcie  et  suptr- 
e.vcdlcntismmae  maicMatiSy  in  qua  sicut  in  suo  fontali  itnncipio  omnia  bona 
aimplicisaime  ac  unifonniter  ab  aeterno  continentur :  deinde  in  rivülis  bonorum 
particularium  ab  illo  summa  bona  profluentiunij  quae  diversimode  a  Cf^aiuris 
participantur  secundum  plus  et  minitif,  prout  ea  causa  causarum  dignatur  */»- 
(julis  communicarf.     Vgl.  Thomas^  jS.  c.  Gent.  2.:i,  12  Hör,  l,  c;  hoc  cedrü 

Libanij  viddiai  fortioribas  relinquo. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    Kap.  XXIV.  311 

herre!  Min  zarter  herre,  ich  beger,  daz  hier  umhe  ein  riliches  lob 
vor  dinen  ogen  uf  tringo  nach  dem  grozen  vrödenrichen  lobe,  als 
die  engel  hatten  in  dem  ersten  anblik,  do  sü  schoweten  ir  bestan- 
denheit und  der  andern  Verworfenheit,  und  in  der  vröde,  so  die 
5  eilenden  seien  hein,  so  sü  koment  von  dem  kercher  dez  gi'immen 
füres  hin  vür  dich  und  din  vrölichs  minnekliches  antlüte  dez  ersten 
an  blickent,  und  in  dem  grundlosem  lobe,  daz  in  dien  hiroelschen 
gassen  uf  brichet  nach  der  jüngsten  urteil,  so  die  uzerwelten  von 
dien  b5sen  in  iemer  wemder  Sicherheit  gescheiden  wcrdent. 

10  Herr,   eins,   daz  ich   och  beger  ze  wissenne   von   dinem  lobe, 

daz  ist,  wie  alles  min  naturlichs  gut  in  din  ewiges  lob  von  mir  ge- 
zogen werde. 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Wan  nieman  in  zit  dekeinen 
eigeniichen   underscheit  nach  kuntlichem  wissenne  under  natur  und 

15  gnad  haben  mag,  dar  umbe,  es  si  von  nature,  es  si  von  gnaden,  so 
üt  lützeliges,  üt  vröliches  oder  hügliches  in  dinem  mute  oder  libe 
uf  stet,  so  hab  einen  geswinden  ker  mit  einem  uftragenne  in  got, 
daz  es  in  minem  lobe  verzerret  werde,  wan  ich  ein  herr  der  nature 
und  der  <:nade  bin;  und  alsus  so  wirt  dir   ietzent  natur  übernatur. 

20  Derdiener:    Herre,   wie  gezuhe  ich  denne   och  der  bösen 

geisten  inbildunge  in  din  ewiges  lob? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Da  sprich  in  des  bösen 
geistes  ingeleze  also:  „herre,  als  dicke  diser  böser  geist  oder  kein 
andre  sogetan  ungeneme  gedenke  in  mich  sendent  wider  minen  willen, 

25  als  dike  si  dir  mit  verdachtem  willen  daz  aller  schönste  lop  an  siner 

2  als]  da  EF  6  vegfüres  AKa  7  himelschen  grundl.  1.  AKa  dien] 
die  AF  16  oder  [üt]  vrol.  AKaE  dinem]  dem  AKa  oder  au  dinem 
libe  E"^       19  so  fthlt  AEF       20  gezien  AKEH       24  anderen  E      sendet  EFa 

1  ff.  Uor.  Üü6:  opto  et  desidero,  ut  tdlis  tamque  iocunda  laudatio  sit  tibi 
ex  mCf  qualis  fuit  beatorum  spirüuum  laus  tunc,  cum  in  primo  aspectu  tuae 
dioinissimae  maieslatis  gaudebant  se  aeternaliter  in  tua  laude  confirmatos,  maloa 
vtro  a  te  sine  fine  detrusos,  2.4.7  Sinn:  ähnlich  dem  Lobe  und  der  Freude. 

11  f.  L.  c. :  qualiter  affeciiones  inierdum  in  me  exurgentes,  de  qaibus  dubito 
utrum  naturales  sint  an  gratuitae,  in  laudem  tuam  possim  convertere,       "^ 

14  f.    Zicischen  Affekten  der  Natur  und  der  Gnade.  16  ff.    Hör,  207: 

has  pingues  et  irriguas  affectiones  staiim  ut  senseris  debes  devota  quadam  eX" 
hibitione  sursum  ad  rerum  omnium  auctorem  erigere  ad  modum  acceptabilis 
sacrificiij  ....  et  sie  gratiae  tales,  quae  ut  sie  sunt  naturales  nee  meritoriaef 
ex  fine  suo  quodammodo  possunt  fieri  supernaturales,  id  est  meritoriae.  Zu 
Z,  16  j\  vgl,  oben  2'.i2,20  f,  20  f.  L.  c:  immissiones  malignae,  blaspJiemae 

suggestiones  (ingeleze). 


312  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    Kap.  XXIV. 

Btat  von  mir  uf  gesendet  in  iemer  wernder  ewikeit,  in  dem  dich 
der  selb  bös  geist  in  iemer  werender  ewikeit  heitti  gelobet,  ob  er 
bestanden  were,  daz  ich  siner  yertribenheit  ein  vürweser  8i  in  dinem 
lobe ;  und  als  dik  er  daz  angeschaffen  bös  genine  in  sendet,  als  dik 
si  dir  daz  gut  uf  gesendet.^  S 

Der  diener:  Herr,  ich  sihe  nu,  daz  dien  guten  ell6  ding 
koment  ze  gfite,  so  inen  daz  aller  böste  dez  bfisen  geistes  also  ze 
gut  mag  gekeret  [131'']  werden. 

Nu  sag  mir  noch  eins:  ach,  minneklicher  herre,  wie  gekere 
ich  denne  alles  daz  in  din  lop,  daz  ich  gesih  oder  geb&re?  lo 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Als  dik  da  kein  groz  zal 
sihest,  als  dik  du  kein  usgenomen  schöni  oder  meng!  an  blickest, 
als  dik  sprich  von  gründe  dins  herzen:  „herr,  als  dicke  and  als 
schone  müzen  dich  hütte  die  tusent  stunt  tusent  engelschlicher  geisten, 
die  dir  dienent,  minneklich  an  miner  stat  gr&zen,  and  die  zehen  15 
tusent  stunt  hundert  tusent  der  geiste,  die  vor  dir  stand,  dich  bat 
vär  mich  loben  und  alle  heilig  begirde  aller  heiligen  vür  mich 
begeren,  und  aller  kreaturen  wunklichü  Schönheit  vür  mich  eren.* 

Der  diener:    Wafen,  minneklicher  got,   wie  hast    da  minen 
mfit  ergrünet  und  ergrüzet  mit  dinem  lobe!  ^ 

Herre,  aber  dis  zitlichs  lob  hat  min  herze  ermant,  es  hat  min 
sele  versenet,  eya,  nach  dem  ewigen  iemer  werenden  lobe!  Owe, 
min  uzerweltii  Wisheit,  wenn  sol  der  Hechte  tag  uf  gan,  wenne  sol 
du  vr61ich  stunde  komen  eins  volkomen  bereiten  hinscheidennes  von 
disem  eilende  hin  zu  minem  geminten,  owe,  daz  ich  dich  lieplicfa  25 
schowe  und  lobe?  Herr,  gewerlich,  mir  beginnet  als  ser  eilenden, 
mich  beginnet  als  inneklicheu  belangen  nach  mins  einigen  herzen 
wünne.  Owe,  wenne  sol  ich  iemer  da  hin  komen?  Wie  lenget  es 
sich,  wie  spetet  es  sich,  daz  ich  mins  herzen  ogenweide  von  antlüt 
ze  antlüt  an  sehe,  und  mich  din  nach  alles  mins  herzen  lust  genietel  dO 
Ach  eilend,  wie  bist  du  so  eilend  einem  menschen,  der  sich  in  der 
warheit  haltet  eilende!  Herr,  lug,  es  ist  lützcl  ieman  uf  ertriche,  er 
habe  etwen,  den  er  suche,  er  habe  etwas  niderlazes,  da  sin  vüz  ein 


3  si  e.  vürw.  JlF  7  f.  mag  ze  g.  gek.  w.  E^  gek.  mag  w.  AK  14  der 
eiigelschlichen  g.  Z  16  der  fehlt  K^  21  aber  lierre  E^  26  gew.  herre  E^ 
27  f.  mins  lierzen  einigen  w.  E^        herzen]  herreu  F       3:3  s&chet  F 

3  bestanden,   nämlich  hei  der  Prüfung.  4    Hör.  L  c:   nefaiida  «m- 

surriii  immissa.  G  Rom.  Syi^ö.  14  ff,  Vi)L  Dan,  7,10.  24  f.  Vgl.  Rom. 

7.24;  Phil  1,23  (Hör.  2f/ö),  28  f.    Vgl.  Pa.  11U,Ö. 


Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.    Kap.  XXIV.  313 

wili  gerüwe;  owe,  min  einiges  ein,  daz  min  sei  da  suchet  und  be- 
geret,  so  weist  du^  daz  ich  der  ein  bin,  der  dir  allein  gelazzen  ist. 
Herr,  swaz  ich  sihe  und  höre,  da  ich  dich  nit  vinde,  daz  ist  mir  ein 
marter,  aller  menschen  bisin,  denne  dnr  dich,  ist  mir  ein  bitterkeit. 
5  Herre,  waz  sol  mich  ermüten,  oder  waz  sol  mich  uf  enthalten? 

Entwürt  der  Ewigen  Wisheit:  Da  solt  du  dich  dik  ergan 
in  disen  schönen  wänneklichen  bSngarten  mins  geblümten  lobes.  Es 
ist  in  zit  nit  eigenlicbers  vorspiles  himelscher  wonunge,  denne  die 
got  in  wolgenifiter  vröde  lobent;  es  enist  nüt,  daz  einem  menschen 
10  also  erluphe  sinen  mftt  und  erlichtere  sin  liden,  daz  die  bösen  geiste 
vertribe,  daz  swarmütkeit  verswende,  als  vrölich  lop.  Got  der  ist 
inen  [132'']  nahe  bi,  die  engel  sint  in  heinlich,  sä  sint  in  selber 
nätze;  es  gebessert  den  nehsten  und  erfröwet  die  seien,  alles 
himelsches  her  wirt  von  dem  wolgemüten  lobe  geeret. 

16  Derdiener:   Minneklicher  herr,    min   zartü  Ewigü  Wisheit, 

ich  beger,  swenne  minü  5gen  dez  morgens  erst  uf  gant,  daz  och 
nun  herz  uf  gange,  und  von  ime  uf  breche  ein  ufflammendä  vürinü 
minnevackel  dins  lobes  mit  der  lieplichesten  minne  des  minnendesten 
herzen,  daz  in  zit  ist,  nach  der  hitzigosten  minne  des  hfihsten  geistes 

20  von  Seraphin  in  ewikeit,  und  der  grundlosen  minne,  als  du,  himel- 
scher vatter,  din  gemintes  kint  minnest  in  der  usblikenden  minne 
üwer  beider  geistes,  uud  daz  lob  als  süzklich  erklinge  in  dinem 
vätterlichen  herzen,  als  in  zit  in  sincr  achte  kein  süz  ged5ne  aller 
minneklichen  seitenspil   in  keinem  vrien  gemüt  ie  gedonde,   und  in 

25  der  minnevackel  uf  tringe  ein  als  suzer  smak  des  lobes,  als  es 
usgenomenlich  von  allen  edlen  krutern  und  würzen  und  allen  apo- 
tekan  aller  lügenden  in  ir  hfihsten  luterkeit  zesamen  pülverlich 
geröchet  weri,  und  sin  anblik  als  schone  in  gnaden  geblümet  si,  daz 
nie  kein  meie  in  siner  wünneklichen  blflst  so  schon  geblümet  wart, 


3  dich]  din  KF  4  daz  ist  EFH  S  am  Bande  In  collationibus  pa- 
trum  Et?F^HZ  9  ist  FF^Z  10  lihtre  E^  am  Rande  abbas  anthonius 
EE^F'HZ  21  usclingenden  F  27  zesämne  A  28  gerochet  E  werin 
ÄKEE'FF'Z 

8flf.  Coli  X,  6,  10  f.  Vgl  Vita  b.  Antonii  c,  8  u.  9  (Migne,  Patr,  Lat. 

73,13:^).  20  if.  Hör,  209:  ad  exemplar  nihilominus  iUius  supersubstantialis  et 

miperesscntialis  ac  ineffahüis  caritatiSj  in  qua  tu,  o  pater  coelestiSy  ferventissime 
diligis  tuum  unigenitum  in  Spiriiu  sancto.  25  ff.  L.  c, :  odorifera  fumi  vir- 

gula  tarn  graciosa,   ac  si  esset  composita  ex   omnibus  aromaiibus  myrrhae  et 
thuris  et  universi  pulveris  pigmentarii. 


314  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    III.  TeiL 

daz  es  dinen  götlichen  igen  und  allem  himelscheD  here  werde  ein 
lustliches  ansehen;  und  beger,  daz  du  minnevackel  ze  allen  siten 
inbrünstklieh  uf  scblahe  in  allem  minem  gebette,  uz  dem  munde, 
in  dem  gesange,  an  gedenken,  Worten  und  werken,  daz  si  alle  mine 
viende  verjage,  alle  mine  gebresten  verswende,  gnade  erbitte  und  5 
ein  heiliges  ende  erwerbe,  daz  ein  ende  dises  zitlichen  lobes  si  ein 
anvang  des  iemer  werenden  ewigen  lobes.    Amen. 


Daz  dritte  teil 

hat  die  hundert  betraehtunge  und  begerunge  mit  kurzen  werten, 
als  man  sü  alle  tag  mit  andacht  sprechen  sol.  10 

8wer  begert,  kurzlich,  eigenlich  und  begirlich  kunnen  be- 
trachten nah  dem  miuneklichen  lideune  unsers  berren  Jesu  Cristi, 
an  dem  alles  unser  heil  lit,  und  sinem  manigvaltigen  lidenne  begert 
dankber  sin,  der  sol  dis  hundert  betrahtunge,  die  hie  nach  usgeiiomen- 
lich  stant,  sunder  nach  den  sinnen,  die  in  den  kurzen  Worten  sint  15 
begriffen,  usnan  lernen  und  andechtklich  mit  hundert  venjen,  oder 
wie  es  im  aller  best  vfiget,  alle  tag  übergan,  und  ze  ieder  venje  ein 
Pater  noster  sprechen,  [132'']  oder  ein  Salve  regina  oder  aber  ein 
Ave  Maria,  da  es  üuser  vrowen  an  gehört.  Wan  also  wurden  sü 
einem  bredier  von  gotte  ze  einer  zit,  do  er  noch  metti  vor  einem  20 
kruzifixus  stönt  und  gotte  inneklichen  klagte,  daz  er  nit  konde  be- 
trachten nach  siner  marter  und  daz  si  im  so  bitter  ze  betrachtenne 
waz;  wan  dar  an  hatte  er  och  bis  an  die  stunde  grozen  gebresten 
gehebt,  und  der  wart  do  ahe  geleit.  Die  begerunge  leite  er  von  im 
selben  dar  nach  hin  zu  in  der  kürzi,  dar  umbe  daz  ieder  mensch  2& 
im  selber  ursach  vinde  ze  bcgerenne,  als  er  denne  gem&t  ist 


1  f.   iins.  werde  E^  fi  f.  ein   anv.   .si   E^  9  hat]  sint  -£'*    daz  hat 

AKaZ         die]   liie   Z         und  bei?,  fehlt  F'  10  sol]   mag  jP*  11  eig. 

kurzlich  K^        15  f.  begr.  sint  E^        16  and.  sprechen  E        17  vöget]  kumet  F 
ze  felilt  AK        19  an  lioret  E^        22  f.  waz  ze  bctraclit.  E^ 

19    Wt'un  sich  die  BetrachUingspunktt:  auf  Marin  beziehen, 
20  ft'.    Vgl.  Prolog  des  Bdew.     Die   meisten  der  hundert  Betrachtungen  iitind 
schon   im    ersten  Teile  des  Buchleins    corg  kommen.     In    das  Horologium    sind 
sie  der  Kürze  halher  (cgl,  ebd.  1!^)  nicht  aufgenommen. 


Die  hundert  Betrachtungen.  315* 

1.  Eya,  Ewigü  Wisheit,  min  herze  ermanet  dich,  als  du. 
nah  dem  jüngsten  nachtmale  uf  deme  berge  von  angsten  dines  zarten 
herzen  ward  hinvliezende  von  dem  blfitigen  sweize^ 

II.  Und  als  dn  wurde  vientlich  gevangen,  strenklich  gebnn- 
5  den  und  ellendklich  yerfüret; 

III.  Herre,  als  du  wurde  in  der  nacht  mit  herten  streichen^ 
mit  verspöizenne  und  verbindenne  diner  schönen  5gen  lasterlich  ge- 
handelty 

IV.  Friije   vor  Gayphas   versprochen    und   in   den  t5d   vür 
10  schuldig  ergeben, 

V.  Von  diner  zarten  müter  mit  grundlosem  herzleide  an  ge- 
sehen. 

VI.  Du  wurd  vor  Pylato   schamlich  gestellet,    valschlich  ge- 
ruget,  totlich  verdampnet, 
15  VII.  Du,  Ewigü  Wisheit,  wurd  vor  Herodes  in  wissen  kleidern 

torlich  verspottet, 

VIII.  Din  schöner  lip  wart  so  gar  leitlich  von  dien  ungezognen 
geiselschlegen  zerfüret  und  zermüstet, 

IX.  Din  zartes  höpt  mit  spitzigen  dornen  durstochen,  da  von^ 
20  din  minneklichs  antlüte  mit  blftt  waz  verrunnen, 

X.  Du   wurd   also  verteilet   ellendklich   und   schamlich   mit 
dinem  krüze  us  in  den  tot  gefüret. 

Ach,  min  einigü  züversiht^  dez  siest  du  ermanet,  daz  du  mir 
vätterlich  ze  hilf  komest  in  allen  minen  nöten.  Enbinde  mich  von< 
25  minen  süntlichen  sweren  banden,  behüt  mich  vor  beinlichen  sünden 
und  offenbarem  lasten  Beschirme  mich  vor  dez  viendes  valschen 
reten  und  vor  ursach  aller  sünden;  gib  mir  dins  lidens  und  diner 
zarten  müter  leides  ein  herzklichs  enphinden.  Herr,  rihte  ab  mir 
an  miner  jüngsten  hinvart  erbarmherzklich,  lere  mich  weltlich  ere 
30  versmahen  und  dir  dienen  wislich.  Alle  mine  gebresten  werden  in 
dinen  wunden  verheilet,  min  bescheidenheit  in  dem  sere  dins  höptes 
vor  aller  anvechtunge  gesterket  und  [133']  gezieret,  und  alles  din 
liden  nach  minem  vermugenne  von  mir  ervolget. 


1  ff.  Die  Zaiden  von  hier  an  bis  Schluss  rot  am  Rande  AKEE^HZ,  im 
Kontext  JP«,  fehlen  F^FK  In  A  ist  die  Verteilung  dei-  Ziffern  nicht  immer 
richtig,  1  dich  hüte  E^  2  zarten  fehlt  E^  6  inrent  der  n.  wurde  E^ 
15  Du  EH  20  aUes  waz  E^  22  usgeföeret  in  d.  t.  E^  23  min  ewigÄ 
wisheit  und  z&v.  F  27  sünde  E^F^  30  wislich  dienen  E^  32  nach  an- 
vecht.  später  werde  eingefügt  A 


:S16  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    m.  Teil. 

I.  Minneklicher  berre,   als  an  dem  hohen  aste    des   krüzes 
dinü  klaren  ogen  erlaschen  und  wurden  yerkeret, 

II.  Dinä  g5tlichü  oren  wurden  spottes  und  lästere  erfället, 

III.  Diu  edels  riechen  verwandelt  mit  bösem  smake, 

IV.  Din  süzer  munt  mit  bitterem  trank,  6 
V.  Din  zartä  berurde  mit  herten  scblegen: 

Also  beger  ich,  daz  du  but  minü  5gen  behütest  vor  verlazner 
gesibt,  minä  oren  vor  üppiger  gehorde.  Herr,  benim  mir  smakbafti 
liplicher  dingen,  mache  mir  unlustig  ellü  zitlichü  ding  und  benime 
mir  Zartheit  mins  eigen  libes.  10 

I.  Zarter  heiT,  als  din  götliches  höbet  waz  von  sere  und 
•Ungemach  geneiget, 

II.  Din  gemeitü  kele  vil  ungezogenliche  gestreichet, 

III.  Din  reines  antlüte  mit  speichel  und  blfit  gar  verruDnen, 

IV.  Din  lutrü  varwe  erbleichet,  15 
V.  Ella  din  schönü  gestalt  ertodet: 

Also  gib  mir,  min  herr,  liplich  ungemach  minnen  und  alle 
min  rfiw  in  dir  sflchen,  vrömdes  übel  willeklich  liden,  veremecbt 
begeren.  minen  begirden  erbleichen  und  allen  minen  glüsten  er- 
t5den.  jO 

I.  Minneklicher  herre^  als  din  rechtu  band  ward  dumegelt, 
II.  Din  lingu  band  durschlagen, 

III.  Din  rechter  arm  zerspannen 

IV.  Und  din  lingger  ser  zerdennet, 

V.   Din  rehter  vüz  durgraben  25 

VI.  Und  diu  linger  grülich  durcbhowen; 
VII.  Du  bangetest  in  ungewalt 
VIII.  Und  in  grozer  raüdi  diner  götlichen  bein, 
IX.  EUü   dinii  zarten   lider  wurden  unbeweglich   gephrenget 
an  den  engen  notstal  dez  krüzes,  SO 

X.  Diu   lip   waz   von   dem   hitzigem   blute  an  menger   stat 
berunnen : 

Ach,  minneklicher  herre,  also  beger  ich,  daz  ich  in  lieb  und  in 
leide  unbeweglich  zft  dir  werde  genegelt,  alles  min  vermugen  libes 


1  ast4i]  jraliren  F  4  waz  vrrw.  F  11  f.  waz  f^eneiget  E^  14  be- 
runnen K'  29  solider  AKaFF'  Hl  dem  fehlt  EF  32  vemmnen 
AKaEF          34  iiinbewe!?licli  A 


Die  hundert  Betrachtungen.  317 

uud  sele  an  din  kräz  zerspennet;  min  vemanft  and  min  begirde  z&. 
dir  geheftet.  Gib  mir  unmngentbeit  liplich  Yr6de  ze  volbringenne^ 
snellbeit  din  lob  und  ere  ze  süchenne.  leb  beger,  daz  kein  gelid' 
sie  an  minem  libe,  es  habe  dines  tödes  ein  sanderliches  tragen  und. 
5  dines  lidens  gelicheit  ein  minneklichs  erzeigen. 

I.  Zarter  herre,  din  blüjender  lip  hatte  an  dem  kräze  eia- 
darben  und  ein  dorren, 

II.  Din  m&de  zarte  ragge  an  dem  ruhen  krüze  ein  bertes 
lenen, 
10  III.  Din  swere  lip  ein  nidersigen, 

IV.  Alle  din  lip  waz  durwant  und  durseret, 
V.  Herr,  und  daz  alles  trftg  din  herz  minneklich. 
Herre,   din  darben  si  mir  ein  ewiges  widergrunen,  din  bertes 
lenen  ein  geistliches  rüwen,  din  nidersigen  ein  kreftiges  ufentbalten ; 
15  alles  din  ser  müsse  daz  mine  senften  und  din   minneriches  herze- 
daz  mine  inbränstklich  enzünden. 

[133^]    I.  Minneklicher  herre,   in   der  tötlichen  not  wart  din> 
gespottet  mit  spehen  werten, 

II.  Mit  spotlicher  geberde, 
20  III.  Und  wurde  gar  vernichtet  in  ire  herzen; 

IV.  Du  stünde  hier  inne  vestekliche, 
V.  Und  bete  dinen  lieben  vatter  über  sü  minneklich; 
VI.  Du  unschuldiges  lembli  wurd  zft  den  verschulten  gelichet, 
VII.  Von  deme  linggen  verdumet, 
25  VIII.  Von  dem  rechten  an  geruflfet; 

IX.  Du  vergebe  ime  alle  sine  sünde, 
X.  Und  tete  im  uf  daz  himelsche  paradys. 
Nu  lere,  geminter  herr,  dinen  diener  ellü  spechü  wort,  spotlich 
geberde  und  alles  vernichten   vesteklich   dur  dich  liden,   und   alle 
SO  mine  widersachen  minneklich  gegen  dir  entschuldigen.    Ach,  grund- 
losu  miltekeit,  ich  bute  h&te   dinen  unschuldigen  tot  v6r  du  ogen 
dez   himelschen  vatters  vür  min   verschultes  leben.     Herr,   ich  rufe 
zfi  dir  mit  dem  Schacher:    „gedenke,   gedenk  min  in  dinem  rieh!** 
Verdume  mich  nit  umb  mine  missetat,  vergibe  mir  alle  mine  sunde, 
35  tfi  mir  uf  din  himelsches  paradys. 


2  [ze]  volb.  E^         3  snellekeit  AKaE^         lid  E^         4  an  m.  L  me  J; 
7  dürren  Z        23  schuldigen  AEF^a        31  hüt«  fehlt  i«        35  din]  daz  1^ 


318  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    HL  TeiL 

I.  Zarter  herr,  an  der  stunde  wnrde  da  daroh    mich   von 
allen  menschen  gelassen, 

II.  Dine  vrände  hatten  sich  din  yerzigen, 

III.  Da  stund  nackent  and  aller  ere  nnd  kleider  beröbet, 

IV.  Din  kraft  erschein  do  sigelos;  S 
V.  Su  handleten  dich   unerbermklich,   und  dn  litte  es  alles 

stille  und  senftmutklich. 

VI.  Ach,  dins  muten  herzen,  do  du  diner  zarten  müter  hera- 
leid  allein  ze  grund  erkandest, 

VII.  Ire  seneden  geberde  an  sehde,  10 

VIII.  Und  irü  kleglichü  wort  hortest, 
IX.  Und  in  der  tötlichen  schidunge  si  beveld  dinem  junger 
in  mfiterlich  tniwe, 

X.  Und  den  junger  ir  in  kintlich  truwe! 
Eya,  zartes  exemplar  aller  tugenden,  benim  mir  aller  menschen  16 
schedlich  minne,  aller  vr&nde  ungeordnet  trüwe.     Enblös  mich  von 
aller  unlidekeit,  gip  mir  vestikeit  gegen  allen  bösen   geisten   and 
senftmütkeit  gegen  allen   ungestümen  menschen.     Milter  herre,   gip 
mir  dinen  bittem  t5t  in  den  grünt  mines  herzen,  in  min  gebet  and 
in  erzöigunge   der  werke.     Owe,   zarter  minneklicher  herre,  ich  be-  20 
vilhe  mich   hütte  in  die   stete  trüwe  und  hüte  diner  zarten   reinen 
müter  und  dincs  lieben  geminten  junger. 
Salve  regina  oder  Ave  Maria. 

» 

I.  Eya,    reinü   zartü  mflter,    ich   ermanen  dich    hiitte   dez 
grundlosen   herzleides,   daz  du   enphienge  in  dem  ersten  anblik,   do  25 
du  din  liebes  kint  also  sehde  uf  erhenkt  in  sterbender  not  stau. 
II.  Du  eiiniochtcst  im  do  uit  zc  hilf  komen, 

III.  Du  hattest  dines  kindes  ertötere  ein  pinlichs  ansehen, 

IV.  Du  klagtest  in  vil  jemerlich, 

V.  Und  er  tröste  dich  gar  [134^]  gütlich.  30 

VI.  Siuü  gütlichü  wort  durwunten  din  herz, 
VII.  Din  kleglichü  geberde  erweichte  du  herten  herzen, 
VIII.  Din  müterlichen  hendc  und  arme  hatten  ein  eilendes  uf- 
bieten, 

IX.  Aber  din  kranke  lip  ein  kraftloses  nidersigen,  35 


4  kleider  11.  ero  /v'  12  bovelli  aKF  d.  i»eminteii  junger  JP^  15  zar- 
ter Aa  17  unledikeit  Act  20  [in]  iv  crz.  Z  26  liebes  fehlt  A  28  er^ 
toden  A'  ersk^rbeii  a        31  durwiiten  i'' 


Die  hundert  BetrachtuDgen.  319 

X.  Din   zarter  munt  gines  abgeruiiDeD   bifites   eiu  minuek- 
liches  küssen. 

Eya  nu,   ein   mfiter  aller   gnaden,   behüte   mich   mfiterlich   in 
allem  minem  lebenne,  bewar  mich  gnedklich  au  minem  t6de.     Owe, 

5  zartü  yr5w,  gihe,  daz  ist  du  stunde,  umb  die  ich  beger  alle  mine 
tage  din  diener  ze  sine,  daz  ist  du  grulich  stunde,  ab  der  herze 
und  sei  erschriket;  denn  so  ist  us  bitten  und  rufen,  denne  so  en- 
weis  ich,  zfi  weme  ich  arme  mensch  keren  sol.  Eya  dar  umb, 
du  grandioses  abgründe  der  götlichen  erbarmherzikeit,  so  valle  ich 

10  dir  liiitte  ze  vfize  mit  inneklichen  sufzen  mines  herzen,  daz  ich 
denne  wirdig  werde  diner  vrölichen  gegenwürtikeit.  Wie  mag  der 
verzagen,  oder  vvaz  mag  dem  geschaden,  den  du,  reinü  mfiter,  wilt 
behüten  ? 

Ach,  einige  trost,  beschirme  mich  denne  vor  der  b5sen  geisten 

16  jemerlichem  anblicke,  bis  mir  beholfen  und  behut  mich  vor  den 
vientlichen  henden.  Min  eilendes  sfifzen  werde  von  dir  getröstet, 
min  tötlichü  kraftlosi  von  dien  ogen  diner  erbermde  gutlich  an  ge- 
sehen, dine  milten  hende  werden  mir  denne  gebotten,  mine  ellendfi 
sele  von   dir   enphangen  und  mit  dinem   rosvarwen  antlüt  vfir  den 

20  hohen  richter  gefüret  und  in  ewiger  selikeit  bestetet. 

I.  0  du  gemintes  wolgevallen  dez  himelschen  vatters,   wie 
du  an  der  stunde  an  dem  kruze  zfi  allen  dem  usseren  smerzen  dez 
bitteren   todes  och   von  innen   genzklichen  wurde  von  aller  süzikeit 
und  tröste  gelazen! 
25  II.  Du  hattest  ze  dinem  vatter  ein  eilendes  rüffen, 

III.  Dines  willen  mit  dem  sinen  ein  ganzes  vereinen; 

IV.  Herr,  dich  turste  von  rechter  türri  liplich, 
V.  Dich  turste  von  grozer  minne  geistlich, 

VI.   Du  wurde  bitterliche  getrenket, 
30  VII.  Und  do  es  alles  volbracht  waz,  do  Sprech  du:  Consum- 

matum  est! 

VIII.  Du  werd  dinem  geminten  vatter  gehorsam  unz  in  den  tot, 

XI.  Du  bevelhde  dinen  geist  in  sine  vetterlichen  hende, 

X.  Und  do  verschied  din  edlü  sele  von  dinem  gStlichen  libe. 


7  f.  weis  Z       10  inneklichem  KFa,       14  einige]  e^vige  AKaKF^       denne 
fehlt  F        22  den  uss.  sm.  AF        32  wero  A 

21    Vgl  Matth.  17,5. 


320  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    m.  Teil. 

Ach,  minneklicher  berr,  in  der  minne  beger  ich,  daz  du  mir 
in  allem  lidenne  milteklicb  bi  sist^  daz  du  dinn  vetterlichti  oreD  ze 
minem  rufenne  ze  allen  ziten  uf  schliezest,  und  mir  mit  dir  einen 
vereinten  willen  in  allen  dingen  gebest.  Herr,  erl&sche  in  mir  allen 
tnrst  liplicher  dinge,  maebe  mieb  durstig  nah  [134^]  geistlieben  5 
dingen.  Zarter  herr,  din  bitters  trank  müsse  alle  mine  widerwerti- 
keit  in  süzikeit  verkeren.  6ip  mir,  daz  icb  in  rechten  sinnen  mid 
göten  werken  stet  bis  an  den  tod  belibe  und  usser  diner  gehorsami 
niemer  getrette. 

Kwigu  Wisbeit,  min  geist  si  büt  in  dine  hende  ergeben,  daz  10 
er  an  sinem  jüngsten  binscheidenne  von  dir  vr61ich  werd  enphangen. 

Herr,  gip  mir  ein  leben,  daz  dir  gevellig  si,  einen  t5d,  der 
wol  bereit  si,  ein  ende,  daz  von  dir  gesichert  si.  Herr,  din  bittere 
töd  erscbözze  minü  kleinu  werk,  daz  an  der  stunde  scbnld  and  bftze 
genzklich  ab  geleit  si.  l& 

I.  Ach  herr,  gedenke,  wie  daz  scharphe  sper  dnrch  din  g6t- 
lichen  siten  wart  gestochen, 

IL  Wie  daz  rösvarw  kostber  blüt  dar  us  trang, 

III.  Wie  daz  lebende  wasser  dar  us  ran, 

IV.  Owe,  herr,  und  wie  sure  du  mich  hast  erarnet,  20 
V.  Und  wie  vrilich  du  mich  hast  erlöset! 

Minneklicher  herre,   din  tieffü  wunde  behüte  mich    vor   allen 
minen   vienden,   din   lebendes   wasser  reine  mich  von   allen  minen 
Sünden,  dins  rosvarwes  blüt  ziere  mich  mit  allen  gnaden  und  tagen- 
den. Zarter  herre,  din  sures  erarnen  binde  dich  zfi  mir,  din  vriliebes  25 
erlösen  verein  mich  eweklich  mit  dir. 

I.  Ach,  uzerwelter  trost  aller  sünder,  süzü  küngin,  bis  hüt 
ermant,  de  du  under  dem  krüz  stund  und  din  kint  waz  verscheiden 
und  also  tote  vor  dir  hanget:  wie  hattest  du  do  so  menig  eilendes 
utsehen,  30 

IJ.  Wie  mftterlichen  sin  arme  von  dir  wurden  enphangen, 
III.  llit  welen  trüwen  an  din  blfttvarwcs  antlüt  getrucket, 


7  daz  ich  fthU  AZ         10  ^a'^reben  AFF"^         13  bereitet  A         20  herr 
fdih  F       und  fMt  Z        erarnet  hast  Aa        20  dich  ew.  m.  mir  E!^ 

1  ///  da'  von  Chriaius  in  seinem  Leiden   erzeigten  Minne,  14    Vgl. 

Kai).  ^^  Ü^U^'*^  '>'chlu8ü  {:iö7,Ü7  ff,). 


t)ie  hundert  Betrachtungeii.  321 

IV.  Sine  vriscben  wunden,  sin  tötlich  antlüte  von  dir  dur- 
kässet! 

V.  Wie  iiiänig  totwanden  din  herze  do  enphieng, 
VI.  Wie  nienigen  innekliehen  grundlosen  sufzen  du  lieze, 
6  VII.  Wie  mengen  bitterlichen  eilenden  trehen  du  rertest! 

VIII.  Dinü  eilenden  wort  waren  do  so  gar  klaglich, 
IX.  Din  lützeligü  gestalt  so  gar  trurklich, 
X.  Aber   din   eilendes  herz  waz   von    allen    menschen   un- 
tröstlich. 
10  Eya,   reinü  vrow,   dez  siest  du  hat  ermant,  daz  du  sist  alles 

mines  lebennes  ein  stetü  hüteriu  und  ein  getr&wü  wiserin.  Ker  dinü 
ogen,  d&  milten  dgen  ze  allen  ziten  gegen  mir  erbermklich,  enphahe 
mich  in  allem  sfichene  müterlich,  behüte  mich  vor  allen  minen 
vienden  under  dinen  zarten  armen  getrüwlich.  Din  trutlichs  küssen 
16  siner  wunden  si  mir  gegen  im  ein  liepliches  sünen,  din  tStlichen 
wunden  erwerben  mir  ein  herzkliches  rüwen,  din  innekliehen,  sufzen 
bringen  mir  ein  stetes  begeren,  und  din  bitterlichen  trehen  müssen 
min  [ISO""]  hartes  herz  erweichen.  Dinü  kleglichü  wort  sien  mir 
aller  üppiger  rede  ein  ablegen,  din  trurklichü  geberde  aller  ver- 
20  lazener  geberde  ein  hinwerfen,  din  trostloses  herze  aller  zergank- 
licher  minne  ein  versmahen! 

I.  0  wunneklicher  glänz  dez  ewigen  Hechtes,  wie  bist  du 
nn  in  disem  anblicke,  als  dich  min  sele  selber  under  dem  krüze  uf 
der  schösse  diner  trurigen   mdter  also   tSten  mit  klage  und  danke 

25  umbvahet,  so  gar  erlöschen!     ErlAsch  in  mir  die  brinnenden  begirde 
aller  untugende! 

II.  0  ein  luter  klarer  Spiegel  der  götlichen  majestat,  wie 
bistn  von  minnen  dur  mich  vernnreinet!  Reine  die  grozen  masen 
miner  missetat! 

30  III.  0  ein  schönes  lichtes  bilde  der  v&tterlichen  guti,  wie  bist 

du  so  entsübert!  Widerbringe  daz  entstelt  bilde  miuer  sele! 


1  von  dir  fehlt  F  6  do  fehlt  ÄaFH  10  hfit  fehlt  ÄKaE  11  wserin  A 
12  ogeii  du  fehlt  FF'  enphahe  —  13  müt.  fehlt  F  17  und  fehlt  F^  und 
—  18  erw.  feldt  FE       26  unmugenden  A       28  grozen  fehlt  E'       29  so]  nu  Z 

22  ff.  iJie  fünf  folgenden  Betrachtungen  und  Begehrungen  standen  mit 
geringer  Abweichung  schon  an  Schluss  von  Kap.  19.  Vgl.  auch  den  Prolog 
(196,16  ff.  K 

H.  SeusCf  Doutdche  Schriften.  21 


ä22  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    III.  iTeil. 

IV.  0  du  iiDschaldiges  lembli^  wie  bist  da  so  jemerlich  ge- 
handelt!   Busse  und  besser  v\\r  min  schuldig  suntliches  leben! 

V.  0  du  künig  aller  känige  und  ein  herre  aller  herren,  rer- 
lihe  mir,  als  dich  nu  min  sele  mit  klage  und  jamer  umbvahet  in 
diner  yerworfenheit,   daz  si  von  dir  umbvangen  werde    mit  vr6den  i 
in  diner  ewigen  klarheit! 

I.  Minneklichü  reinü  mftter^  biz  h6te  ermant  der  kleglichen 
gehab;  die  du  hattest^  do  s&  diu  totes  kint  von  dinem  herzen  brachen, 
II.  Des  jemerlichen  dannan  scheidens, 

III.  Der  eilenden  vfizstaphen,  10 

IV.  Des  jamrigen  herzen,  so  du  hin  wider  hattest, 

V.  Und  der  geträwen  stetikeit,   die  du  ime  allein  in  allen 
sinen  nöten  unz  in  daz  grab  leistest, 

Und  erwirbe  mir  von  dinem  zarten  kinde,  daz  ich  in  dinem 
leide  und  in  sinem  lidenne  alles  min  leid  und  liden  überwinde,  15 
daz  ich  mich  zfi  ime  in  sin  grab  vor  allem  zitlichem  kumber 
verschliesse,  daz  mir  ellü  disu  weit  bringe  ein  eilenden,  daz  ich 
nach  ime  allein  trage  ein  grundloses  jameren,  und  daz  ich  in  sinem 
lobe  und  in  dime  dienst  hab  unz  in  daz  grab  ein  stetes  bliben. 
Amen.  20 


Do  dis  alles  bereit  waz  und  an  papyr  geschriben  waz,  do 
stfint  im  dennoch  usse  ein  wenig  ze  machcnne  an  einem  ende,  daz 
unser  lieben  vrowen  zu  gehörte^  und  hatte  dem  selben  ein  spacium 
gelazen,  unz  es  im  och  von  gotte  wurde,  wan  er  waz  do  neiswe 
mengen  manode  gestanden  in  undergczogenheit,  daz  es  ime  nit  konde  25 
werden.  Also  kam  er  sin  an  unser  vrowen,  daz  si  es  volbreehte. 
Und  do  wart  [135'']  an  sant  Dominicus  abent  ze  nacht,  do  man 
hatte  von  im  metti  gesungen,  do  waz  ime  vor  in  dem  schlafe,  wie 
er  in  einer  kamer  were;   und  do  er  also  saz,  do  kam   ein   schöne 


12  allein  im  i''  13  sineii  fehlt  FA  18  alHn  fetdi  Z  21  Do  — 
324,2  fMi  F^  22  ein  weu.  usse  AaK  25  uiulorzotfenh.  Z  25  f.  werd. 
kondü  K^ 

11  hin  wider  =  zu  deinem  toten  Kinde  zurück.  22  Besieht  sich  trohJ 

auf  Kap.  P*.  25  undergezogenheit.  =  geistige  Trockenheit^  Entgiehung  der 

fühlbaren    Gnade.  27  In  der  Nacht  vom  4. — 5.  August  {F^est  des  A/.  Do* 

minikusy  früher  am  5.,  jetzt  am  4.  August). 


Nachwort.  ä2ä 

jungliDg  in  gande  mit  einer  wünklichen  harphen,  und  mit  ime  vier 
ander  junglinge  mit  scbalmien.  Also  sas  der  jungling  mit  der 
harphen  zfi  dem  brfider  und  begonde  sin  harphen  reisen  und  schone 
uf  klenken.  Daz  waz  dem  brtder  gar  lustlicb  ze  hörenne,  und 
5  sprach  zfi  im:  „owe,  wan  kemist  du  an  die  stat,  da  ich  wonen, 
daz  du  mir  etwenne  also  hohen  mfit  mahtist!^  Do  vraget  der  jung- 
ling den  brfider,  ob  er  noch  neiswaz  übunge  heti,  die  er  neiswe 
lange  hatte  gehabt.  Do  sprach  er:  ;,ja!"  Do  entwörte  er  und 
sprach:   „daz  ist  ein  hertes  spil.^    Also  kerte  sich  der  jungling  zu 

10  den  vieren  mit  den  schalmien  und  sprach  zfi  in,  daz  si  uf  bliesen. 
Do  antworte  ir  eine  und  meinde,  es  were  gnfig  an  zwein.  Dar  an 
enwolte  dise  nit  gnüg  han  und  sprach,  sä  söltin  alle  sament  uf 
dSnen,  und  wiset  in  uf  neiswaz  tones,  den  der  selb  wol  verstfint; 
wan  der  brfider  kond  sin  nit  verstau.     Und  daz   geschah  also.     In 

15  den  dingen  geswinde  do  ensah  noch  enhorte  er  kein  seitenspil,  denne 
daz  er  sah,  daz  die  junglinge  under  banden  hatten  gar  ane  alle 
masse  ein  lützeliges  bilde  finserre  lieben  vrowen,  und  daz  waz  ge- 
wiirket  an  ein  tficb,  und  waz  des  bildes  mantel  gar  in  rot  und 
purpurvar  mit  beidenschem  selzemme  werke,  daz  einen  wünneklicben 

20  anblik  gap,  und  daz  velt  daz  waz  wiss  als  ein  sehne'  Also  waz  der 
brfider  in  einem  grozen  wunder  und  hafte  lust  an  der  gesibt, 
und  nam  war,  daz  sü  es  wolten  volbringen;  und  vollewurkten  des 
ersten  daz  velt.  Do  sprachen  sü:  „lüg,  wie  es  wachset!**  Und  do 
sah  er   es  us  würken,  und  do  nam  ir  einer  die   nadlun   mit  dem 

25  vaden  und  machet  vornan  uf  den  mantel  enzweres  über  gar  klfig 
stricke,  und  die  stfinden  als  recht  finlich  und  zierten  die  lieben 
vrowen  als  wünneklich.  Und  in  dem  giengen  im  du  ogen  uf  und 
do  verstfint  er  daz,  daz  er  nach  enkeinen  zwivel  dar  an  wolte  haben, 
ime  were  gegeben,  daz  er  daz  velt,  daz  lere  spacium  und  daz  geist- 

30  lieh  bilde  volbrecbte,  daz  im  so  lange  vor  beschlossen  waz;  wan  er 
waz  dez  gewennet,  daz  im  daz  vorder  gnfi  nach  alles  sament  wart 


1  sclionen  wtinkl.  h.  Z  12  wolt  Z  dise]  er  F  16  alle  fMi  F 
17  lieben  fehlt  AaE  waz  daz  E^  20  der]  ein  Z  22  f.  von  ersten  E^Z 
25  vor  au  E^Z  den]  dem  Z  27  do  giengen  Aa  29  der  lere  sp.  E^ 
31  waz  nach  gew.  Aa 

7  ubunge  wohl  =  Kasteiung,  Denifle  (501  A,  2)  denkt  an  das  leere 
Spatium.  19  heidensch  =  morgenländisch,  saragenisch.  81  f.  Vgl.  Hör,  13: 
notandum,  quod  originale  huius  operis  (=  Bdew)  certis  temporibus  et  non- 
nisi  in  praesentia  magnae  gratiae   conscripium  fuiU     Non  enim  praedictus 


§24  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit    ftegiBtei^. 

in  eüicber  glicheit  [136']  der  selben  wise.   Und  do  zehant  monicnt 
wart  es  voUebracht  af  sin  ende. 


Dis  bücblin,  daz  da  heisset  der  Ewigen  Wisheit 
bücbli,  dez  sin  ist,  die  g5tlicben  rainne,  du  in  disem  jüngsten  zite 
beginnet  in  mengem  herzen  erlöschen,  in  etlichen  wider  enzünden;  6 
und  dez  materie  ist  von  dem  anvange  bis  an  daz  ende  änsers  herren 
Jesu  Gristi  minnerichcs  liden,  und  wie  ein  frumer  mensche  daz  selb 
bild  nach  sinem  veniiuiccDiie  mfiz  ervolgen,  und  von  dem  wirdigen 
lobe  und  unsäglichem  leide  der  reinen  küngin  von  himelriche.  Und 
hier  inne  sint  vermischet  in  tSgenlicher  wise  zehen  materieD,  die  lo 
usgenomenlich  edele  und  nütze  sint: 

I.  Wie  etlichu  menschen  von  gotte  unwissentlich   werdent 
gezogen. 

II.  Von   einem  herzklichen  rüwenne   und  einem  muten  ver- 
gebenne.  15 

III.  Wie    minneklich    got    ist,    und   wie   betrogen    der    weit 
minne  ist. 

Ein  usrichtunge  drier  dinge,  du  einem  minner  aller  meist 
mochtin  an  gote  widerstan: 

3  da  fehlt  Z  B  herzen]  menschen  J*'  etlichem  E  6  und  ist  des 
materig  F  10  hie  inne  Z  11  nach  sint:  als  ob  jj^eschriben  stät  K  (nicht  A^ 
wie  Denifle  5(J3  A.  1  angibt!),  das  folgende  fehlt  in  K  12flF.  die  Ziffern  I  ff. 
rot  am  Rande  AEZ,  felden  E^FF^U  unwiss.  v.  got  E^HZ  19  au  got 
moht.  E^Z 

discipulus  ....  videbatur  ibidem  habere  modum  agentis  vel  dietarUis  (=  fihUnj 
schriftlich  abfassen) ,  sed  modum  quetndam  divina  patientis,  Nam  ....  per 
revelationes  spirituales  habuit  ei  quando  scribere  debuü  et  pene  singulas  ma" 
terias,  quas  scn'psit.  4  f.  L.  c.  9:  heu  modernis  temporibus  mundo  tarn  aenes' 

cente  hie  amor  divinus  in  multorum  cordibus  tantum  refriguit  (vgl.  Matth,  24^12)^ 
ut  pene  sit  extinctus  ....  Divina  sapientia  . . .  in  pratsenii  opere  inttndit  pi  i'n- 
cipaliter  non  quidem  informare  nescientes  . . .  sed  reaccendere  exiinctoe,  frigidoe 
inflaftimare,  movere  tepidos  etc.  Die  Ausdrücke  finden  sich  fast  wdrtiich  in  der 
Dominikuslegende  (Lcct,  IV^  der  Matutin)  des  Dominikanerbreviers.  Die  Klagt 
über  die  Verdtrbtheit  der  Zeit  und  Betonung  der  Nähe  des  Weltendes  kehrt 
bei  jSeuse  öfters  wieder  (Hör.  50,  loö,  1(j8,  1(j4,  '^24;  Britf  Gusiate  im  Qr  Brfb). 
Vgl.  auch  Gertrud,  Legatus  divinae  pietatis  IV,  4  (ed.  Fl*,  Solesmens.  /,  316): 
ut  (nämlich  durch  die  Offenbarung  der  Liebf  Jesu)  recalescat  tarn  senescens  et 
amore  dci  (orpescens  mundus. 


Nachwort  der  separaten  Büchlein  der  Ewigen  Weisheit.  325 

IV.  Daz  eine  ist:  wie  er  so  zornlieh   muge  gesebinen  und 
doch  so  minneklich  sin; 

V.  Daz  ander:  war  umbe  er  sieb  sinen  minnem  dicke  nach 
herxhiste  enzühet^  und  wa  bi  man  sin  waren  gegen wärtikeit  erkennet; 
5  VI.  Daz  dritte:  war  umbe  es  got  sinen  vrfindcn  als  reht  übel 

in  zit  gestattet.     Und  dis  hat  beschlossen  in  ime: 
VII.  Von  iemer  werendem  we  der  helle; 
VIII.  Von  unmessiger  vröde  des  himelriches; 
IX.  Von  unmeziger  edeli  zitliches  lidennes; 
10  X.  Von  unsäglicher  giiti  der  betrachtunge  des  gStlichen  lidens. 

Das  ander  teil  dis  büchelins: 
I.  Wie  man  sei  lernen  sterben. 
II.  Wie  man  inrlich  leben  sol. 
III.  Wie  man  got  minneklich  enphahen  sol. 
15  IV.  Wie  man  got  grundlosklich  alle  stund  loben  sol. 

Daz   dritte   teil   hat  die   hundert  betrachtunge  mit   kurzen 
Worten,  als  man  sü  alle  tage  mit  andacht  sprechen  sol. 


Swer  dis  büchli,  daz  mit  fliss  geschriben  und  geriht  ist,  well 
ab  schriben,  der  sol  es  alles  sament  eigenlieh  au  Worten  und  sinnen 

20  schriben,  als  es  hie  stat,  und  nät  dar  zA  noh  dur  von  legen  noh 
du  wort  verwandten,  und  sol  es  denne  einest  oder  zwirunt  hier  ab 
durnehtklich  rihten,  und  sol  nät  sunders  dar  us  schriben,  denne  die 
hundert  betrahtung  ze  hindrost;  die  schrib  dar  us,  ob  er  well.  Wer 
im  ut  anders  tut,  der  sol  vürchten  gottes  räch,    wan  er  berSbet  got 

25  des  wirdigen  lobes  und  da  menschen  der  bessrung  und  den,  der 
sich  dar  zu  gearbeit  hat,  siner  arbeit.  Und  dar  umb,  wer  es  hier 
umb  nit  well  lassen,  das  müss  gerochen  werden  von  der  EWIGEN 
WISHEIT. 


4  bekennet  E^F  10  Von  —  lid.  fehlt  F  unsagl.]  unmeziger  AE 
11  dis  buch,  fehlt  ÄaE  dez  b.  F^HZ  15  stunden  Ä  16  betr.  und  bege- 
mnge  La  16  f.  mit  k.  w.  fehlt  F  23  ob  er  well]  oder  F  24  im  fehlt  F 
26  f.  nit  h.  umb  F        27  must  fälschlich  bd  Denifle  504  A.  1. 

18  ff.  Das  hier  iiach  E  gegebne  Nachwort,  dessen  Vorschriften  von  den 
Schreibern  aber  keineswegs  immer  befolgt  wurden  (in  der  Cueser  Hs.  Nr,  116 
Bl.  67^^  polemisiert  ein  solcher  dagegen!),  findet  sich  nur  in  den  separaten 
Büchlein  der  eicigen  Weisheit;  es  fehlt  daher  in  AKa,  doch  euch  in  E^  u.  F^, 
Vgl,  dazu  noch  Wackernagel-Martiny  Gesch.  der  dtschn  Lit,  V  (1879) j  430. 


Drittes  Buch. 


Büchlein  der  Wahrheit 


Hie  yaht  an  daz  drit  buch: 
Yon  inrelicher  gelazenheite  und  vou  gutem  underscheide,  der 

ze  habenne  ist  In  yernunftikelte. 

Ecce  enim  veritatem  dilexisti,  incerta  et  occnlta 
sapientiae  tuae  mauifcstasti  michi.  5 

Es  waz  ein  mensche  in  Cristo^  der  hatte  sich  in  sinen  jungen 
tagen  geübet  nach  dem  ussern  menschen  uf  ellü  da  stäke,  da  sich 
anvahendä  menschen  pflegent  ze  ubcnne,  und  beleip  aber  der  inr 
mensch  ungeübt  in  sin  selbs  [136^]  nehsten  gelazenheit  und  bevand 
woly  daz  im  neiswaz  gebrast^  er  enwiste  aber  nit  waz.  Und  do  er  daz  lo 
langü  zit  und  vil  jarcn  getreib,  do  wart  im  eins  males  ein  inken 
in  deme  er  wart  getriben  zft  im  selben,  und  ward  in  im  gesprochen 
also :  du  solt  wissen,  daz  inrlichu  gelazenheit  bringet  den  menschen 
zA  der  nehsten  warheit. 

Nu  waz  im  dis  edel  wort  dennoch  wild  und  unbekant,    und  15 
hatte  doch  vil  minne  dar  zi\,   und  wart  uf  daz  selbe  und  des  glich 
gar  vcstiklich  getriben,   ob   er  vor  sime  tode   iemer  dar  zft  mochte 
komen,  daz  er  daz  selb  bloz  erkandi  und  zc  gründe  ervolgti.    Also 
kam  er  dar  zft,   daz  er  wart  gewarnet  und  wart  ime  für  geworfen, 


Handschriften:  Ä  K  N  S S^  Wf,  vgl  oben  S,  H:  B  =  Berlin  4^  191; 
C  —  Cohnar  2tHi :  a—  1.  Druck  (1482), 

1  f.  Hie  vohot  an  das  diirtt'  buch  dcö  dienere  der  ewigen  wiszhei^  daz  er 
jremaht  liet,  und  poit  von  innerlicher  ^elossenheit  .  .  7^,  Überschrift  fthlt  N 
drit  blich]  ander  biichclin  {Bdew  fehlt Ü  S  2  inneclicher  K  7  da]  die  ö' 
9  nehstes  C        IG  wart]  war  S        17  mohte  dar  zu  S 

4  f.  P.S.  öOfi.  —  Im  ernien  iJruck  und  bei  I)it  penbrock  ist  der  Prolog  fälsch- 
lieh  als  1.  Kap.  gesuhlt.  13  Vgl,  die  Frag-  aSluscs  an  Kckhart  Vita  23,4 ff. 


Büchlein  der  Wahrheit.    Prolog.  327 

daz  in  dem  schine  des  selben  bildes  verborgen  legi  valscber  grünt 
ungeordenter  friheit  und   bedecket  legi   groze  schade  der   heiligen 
kristenheit.     Und  hier  abe  erschrak  er  und  gewan  etlicb  zit  einen 
widerstoz  des  inren  rftfes  in  im  selben. 
5  Und  eins  males  do  wart  im  ein  kreftiger  inschlag  in  sieh  selb 

und  luhte  im  in  von  gütlicher  warheit,  daz  er  hier  abe  kein  gedrang 
s61te  nemen;  wan  daz  ist  ie  gesin  und  müz  iemer  wesen,  daz  sich 
daz  böse  birget  hinder  daz  gute,  und  daz  man  dar  umb  daz  gute 
nüt  sol  verwerfen  von  des  bösen  wegen.     Und  meinde,   daz  in  der 

10  alten  e,  do  got  durch  Moysen  sinü  waren  zeichen  tet,  do  würfen  die 
zobrer  irü  falschen  dar  under;  und  do  Gristus  der  wäre  Messias  kam, 
do  kament  etlich  andere  und  erz6gten  sich  valsohliche,  daz  sü  dor 
selb  werin.  Und  also  ist  es  überal  in  allen  dingen,  und  dar  umbc 
ist  daz  gftte  nit  mit  dem  bösen  ze  verwerfenne,   mer  mit  gutem 

15  underscheide  ze  us  kiesenne,  sam  der  götlich  mund  tAt.  Und  also 
meinde  es,  daz  gutu  vernünftigü  bilde  nät  werin  ze  verwerfenne,  du 
ir  klaren  vernünftikeit  underwurfliche  haltent  nach  meinunge  der 
heiligen  kristenheit,  noch  vernunftig  sinne,  die  gut  warheit  inne 
tragent  eins  durnechtigen  lebennes,  werin  nit  ze  sch&henne;  wan  s& 

20  entgrobent  den  menschen  und  zögent  im  sinen  adel  und  des  göt- 
lichen  wesennes  übertreffenlicheit  und  aller  andere  dingen  nihtikeit, 
daz  den  menschen  von  billich  ob  allen  dingen  reizet  zA  rehter  ge- 
lassenheit.  Und  also  kam  er  wider  uf  daz  vorder  getrifte,  da  er  zA 
vermant  waz,  einer  warer  gelassenheit. 

25  Nu  begerte  er  von  der  ewigen  warheit,  daz  sü  im  gAten 

underscheid  gebi,  als  verre  es  muglich  were,  enzvvüschent  dien  men- 
schen, die  da  zilent  uf  [137"^]  ordenlicher  einvaltikeit,  und  etlichen, 
die  da  zilent,  als  man  seit,  uf  ungeordenter  friheit,  und  in  dar  inne 
bewisti,  weles  weri  ein  rechtö  gelazenheit,   mit  der  er  kemi,  da  er 

30  hin  sölte.     Also  wart  im  in  liehtricher  wise  geantwürt,  daz  dis  alles 


1  valHcher  —  2  legi  fehlt  KN  5  do  fehlt  B  6  keinen  B  8  ver- 
birget  under  d.  g.  J9  11  ir  valscheit  B  13  weri  A"  14  den  b.  K 
15  sam]  also  B  16  du]  durch  C  17  haltet  8  18  sune  (!)  A  21  we- 
sennes] adels  B  übertriflicheit  S  übertriffetilicheit  AB  22  dem  m.  B 
23  ul]  US  S       28  im  B        29  keimi  A 

1  f.  Es  ist  hier  die  quietisiische  Oelassenheit  der  Be^harden  und  Brüder  des 
freien  Geistes  gemeint  (ihre  Sätze  bei  Preger  J,  468,  besonders  Nr,  78, 111,  121), 
9.16  Subjekt:  Das  Einsprechen  der  göttlichen  Wahrheit,  10 f.  II  Mos, 

7,3  ff.  11  ff.   Vgl,  Matth,  24,5,  11.  15  Jerem,  16,19. 


328  Büchlein  der  Wahrheit    Kap.  I. 

gölte  geBchehen  nach  der  wise  einer  usgeleiten  biscbaft,  als  ob  der 
junger  fragti  und  du  warheit  antwärti.  Und  wart  des  ersten  ge- 
wiset  zfi  dem  kernen  der  heiligen  schrifty  us  der  d&  ewig  warheit 
redet;  daz  er  da  s&chti  und  lAgti,  waz  die  aller  geiertesten  and  ge- 
leptesten,  dien  got  sine  verborgenen  wisheit  bat  nf  getan,  als  da  vor  6 
stat  in  latine,  dur  von  liettin  gesprochen,  ald  waz  du  heilig  kristen- 
heit  dur  von  hielti,  daz  er  uf  sicherre  warheit  blibi.  Und  hier  ns 
luhte  im  in  also: 

I.   Kapitel. 
Wie  ein  gelazener  mensche  beginnet  und  endet  in  einikeite.  lo 

Allen  den  menschen,  die  wider  in  gefüret  son  werden,  den  ist 
fürderlich  ze  wissennc  ir  und  aller  dingen  erstes  begin,  wan  in  deme 
selben  ist  och  ir  jüngstes  lenden.  Und  hier  umbe  sol  man  wissen, 
daz  alle  die,  die  von  warheit  ie  gespraehen,  die  koment  des  öl)er 
ein,  daz  neiswaz  ist,  daz  liberal  daz  erste  ist  und  daz  einveltigest  15 
und  vor  dem  nut  enist.  Nu  hat  dis  grundelos  wesen  Dionysius 
in  siner  blozheit  an  gesehen  und  sprichet  daz  und  och  ander  lerer, 
daz  daz  einveltig,  von  dem  geseit  ist,  mit  allen  namen  blibet  alze- 
male  ungenemmet;  wan  als  da  stat  an  der  kunst  Lojca,  der  name 
sölti  US  sprechen  die  nature  und  redeiicheit  des  genemten  dinges.  Nu  20 
ist  daz  kuntlich,  daz  des  vor  genanten  einveltigeu  wesennes  natur 
ondelos  und  ungemessen  ist  und  unbegriflen  aller  kreatärlicher  ver- 
nünftikeif.  Dar  umb  so  ist  kund  allen  wolgelertcn  pfaffen,  daz  daz 
wiselos  wesen  och  namelos  ist.    Und  dar  umb  sprichet  Dionysius 


3  geschrift  B        4  f.  gek-btcu  C  gelobtesten  .S'         6  hetti  C  hettiii 

-    7  (liir  von  fehlt  K         7  erj   es   6'         11  die  fihlt  C         in   sond  gef.  K 

werdent  B  12  f.  den  selben  S  13  hier  inne  S  14  ie  fehlt  K  20  ge- 
nanten 7^  genemmen  C       23  ist  es  C  ist  das  KX 

Bf.  Im    Vorspruch  des  Prologs.  16  f.    iJe  dir,  nom.  I,  4 — 6:   VII,  3. 

17  Justin^  Aptd.  II  c.  6';  Gregor  von  Naz.,  Or.  theol.  ii:  Joh,  Damaitc.f 
De  fide  nrihod,  J,  4;  August.,  In  Joann.  tr.  13  n.  6:  'Thomas,  S.  Th,  1  q.  13  a,  1; 
Eckhart  J1:>,SJ  ff.  Weitcrc  Belege  bei  K.  Krtbs,  Meister  DiUnch  (Theodoricug 
Teutonicus  de  Vriberg),  sein  Leben,  sdn*f  Wurke,  seine  Wissenschaft  (=  Bei-' 
träge  zur  Geschichte  der  Phüosophie  des  Mitte/alters^  hrsg.  ron  Bätimker  und 
Hertling  V,  ö;6)   1900,  6;),  :>l(i*f  19    Vgl.    Vita  176,7,     Thomas,  Ä  Tiu  1 

q.  13  «.  4  (nach  Aristoteles,  Metaph.  5  lo:24  b  4):  ratio,  quam  significat  itomeit, 
est  conceptio  intellectus  de  re  significata  per  nomen:  vgl»  auch  ib.  a,8  ctd  2, 

24  f.  De  dii\  nom.  I,  h  6;  Jh  myst.  Theol,  V. 


Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  U.  329 

in  dem  buche  von  den  götlicben  naraen,  daz  got  si  nitwesen  oder 

ein  nihty  und  daz  ist  ze  verstenne  nach  allem  deme  wesenne  und 

ihte,    daz    wir   ime    mugen    nach    kreaturlicher   wise   zfi   gelegen; 

wan  waz  man   ime  des  in  sölicher  wise  zft   leit,   daz  ist  alles  in 
6  etlicher  wise  falsch,  und  ire  löggenungc  ist  war.     Und  us  dem  so 

m5hte  man  ime  sprechen  ein  ewiges  niht;   aber  doch,   so  man  von 

eime  dinge  reden  sol,   wie  ubertreffenlich   ald  äbermerklich  es  ist, 

so  mfiz  man  im  etwaz  namen  schepfen. 

Diser  stiller  einveltikeit  wesen  ist  ir  leben  und  ir  [137^]  leben 
10  ist  ir   wesen.     Es  ist  ein  lebendä,    wesendä,   istigä  yernftnftikeit, 

daz  sich  selber  verstat,  und  ist  und  lebt  selber  in  im  selber  und 

ist  daz  selb. 

Nu  enkan  ich  es  nit  me  fürbaz  her  us  bringen,   und  dis  heis 

ich  die  ewigen  ungeschaffen  warheit,    wan  ellü  ding  da  sint  als  in 
16  ir  nüwi  und  in  ir  ersti  und  in  ire  ewigen  beginne.   Und  hie  beginnet 

und  endet  ein  gelazener  mensche  in  ordenlicher  ingenomenheit,  als 

hie  nach  wirt  bewiset. 


II.   Kapitel. 
Ob  in  der  höhsten  einlkeit  kein  anderheit  muge  bestan. 

20  Der  junger  fragte  und  sprach  also: 

Mich  nimt  wunder,  sid  daz  also  ist,  daz  dis  eine  so  gar  ein- 
veltig  ist,  wanuen  denne  kome  da  manigvaltikeit,  die  man  ime  zu 
leif.  Eine  kleidet  in  mit  wisheit  und  sprichet  im  du  wisheit,  eine 
mit  guti,  eine  mit  gerehtikeit  und  des  glich ;    so  sagent  die  pfaffen 

25  US  dem  globen  von  der  götlichen  drivaltikeit.     War  umbe  lat  man 
es  nit  bcliben  in  siner  einvaltikeit,   die  es  selber  ist?  Mich  dunket 


1  von  dem  g.  n.  SN  6  von  ime  C  10  in  stetigü  (!)  C  11  und 
—  im  selber  fehlt  S  15  nüwi  [und]  K  ewigen]  eignem  C  21  eine  fehlt  S 
also  gar  B        22  manigvalkeit  A        24  eine  mit  ger.  —  glich  fehlt  S 

4  f.  Bionysius,  De  coel.  Hier.  II,  3,  6  Zu  niht  vgl  Vita  167,5;  184,22: 

187,13;  Deniflt  511  A.  5  u,  ders.  im  Archiv  II,  452,  10—12   Die  Stelle 

ist  aus  Eckhart  188,29  f,;  istigü  vemönftikeit  =  suhsi stierende  Vei-nünftikeit 
(Den.  512) ;  istikeit  =  Sein  (esse),  odtr  =  Existens  (existeniia),  von  Gott  oder 
der  Kreatur  ausgesagt.  Beide  Ausdrücke,  die  bei  Eckhart  häufig  sind,  gibt 
Lextr  J,  1460  unrichtig  mit  essentialis,  ess:ntia  wieder,  wesen  kann  sowohl 
das  Sein  als  die  Wesenheit  (essentia)  bezeichnen.  Vgl.  Di^iifle  im  Archiv  II, 
439  A.  4,  442.  14  f.  Alle  Dinge  haben  ihre  Ideen  in  Gott,  vgl.  Kap.  3  des  Bdw, 


330  Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  ü. 

alles,   daz  dis  einig  ein  ze  vil  Werkes  habe  and  ze  vil  anderheite; 
ald  wie  mag  es  als  gar  ein  blozes  ein  sin,  da  so  vil  meniglieit  ist? 

Da  warb  ei  t  antwürt  und  sprach:  Disü  menigheit  ellä  ist  mit 
dem  gründe  und  in  dem  bödme  ein  einveltigä  einikeit. 

Der  junger  sprach :  Waz  heissest  du  den  grund  und  den  nr-   6 
Sprung,  ald  nit  den  grünt? 

Entwurt  der  warheit:   Ich  heisse   den  grund   den   usqual 
und  den  Ursprung,  us  dem  die  usflüsse  entspringent. 

Der  junger:  Herr,  waz  ist  daz? 

D6  warheit:   Daz  ist  du  natur  und  daz  wesen  der  gotheit;  ]0 
und   in  disem  grundelosen  abgründe  siget  du  drihcit   der  personen 
in  irc  einikeit,  und  ellu  mengi  wirt  da  ir  selbs  entsetzet  in  etlicher 
wise.     Da  ist  och  nach  discr  wise  ze  nemenne  ufit  frömdes  werkes, 
denne  ein  stillü  inswebende  dünsterheit. 

Der  junger  sprach:  Ey,  lieber  herrc,  sag  mir,  waz  ist  denne  16 
daz,   daz  den   ersten   usblik  git   disem  selben  ze  werke,  und  aller 
meist  zfi  sinem  eigenen  werke,  daz  da  ist  geberen? 

Du  warheit  sprach:  Daz  tftt  sin  vcrmugendü  kraft. 

Der  junger:  Herre,  waz  ist  daz? 

Du  warheit:   Daz  ist   gütlich   natur  iy  dem  vatter;    und  da  20 
in   dem  selben   ogeblicke   ist  es  swauger   berhaftikeit   und   werkes, 
wan  alda  hat  sich  in  der  ncmunge  ünserrc  Vernunft  gotheit  ze  gotte 
geswungen. 

Der  junger:  Lieber  herre,  ist  dis  nit  eins? 

Du  warheit  sprach:  Ja,  gotheit  und  got  [138']  ist  eins,  und  25 
doch  so  würket  noch  gebirt  gotheit  nit,  aber  got  gebirt  und  wurket. 
Und  daz  kumt   allein  von  der  anderheit,   du  da  ist  in  der  bezeieh- 
nunge  nach  nemlicheit  der  Vernunft.     Aber  es  ist  eins  in  dem  gründe; 


;i  (lisu|  du  C  7  am  liaudc  In  libro  scntcntianiiii  AK  8  ufflüi^se  A' 
11  singet  .y  12  crlichor  C  IJi  nenimenno  ABCK  15  eya  C  16  disen  C 
17  ninen  ei^^  werken  C       ^'(^  herben  (!)  C  gehen  A'        19  ist  [daz]  K 

3 f.  Vgl.  Kckhart  781^3.13  (grundj  bodi-m,  river  und  tjudU  der  gotheit); 
114.33 f.:  (:3:J,:JöJ\  7  Vgl.  Petr.  Lomh.,  1  S'int.  dist.  5.  10  Kckhart  668,30: 
daz  bildtrichc  lieht  götUchcr  eimkeit  daz  ist  einreltig  und  ist  doch  tcesen  und 
ndtürc.  16  ff.   Vgl.  Echhart  181^10 — li2:  got  wirket^  diu  gotheit  wirket  niht, 

si  enhdi  niht  ze  ivirkeune,    in  ir  ist  kein  wen- :  si  geJuogete   uf  nie  kein  werc. 
20  ff.   Vgl.   Vita  l&ofiff.:  Kckhart  67:J,f!ff.:  3SK;2Sff.;  160,15.     Thomas y  In 
1  ö'cnt.  dist.  5  7.  1  a.  1:  pater  gcnerat  virtutc  tastntiae  rel  nnturae.  25  ff.-  Vgl. 

die  eben  zitierten  Stellen  bei  Kckhart  und  Thomas,  6\  Th,  1  q.  3V  a.  5.      Wf^iter$ 
Belege  bei  JDenifle  515  A.  3. 


Büchlein  der  Wahrheit    Kap.  m.  831 

wan  in  der  götlicfaen  nature  ist  nit  anders  denne  wesen  und  die 
widertragenden  eigenscbefte,  und  die  legent  Aberal  nibtesnit  zfi  dem 
wesenne,  sä  sint  es  alzemale,  wie  sü  undersebeit  haben  gegen 
dem  sü  sint,  daz  ist  gegen   ir  gegenwurfe.     Wan  g6tlicbä   nature 

5  nach  dem  selben  gründe  ze  nemenne  ist  nibteznit  einveltiger  an  ir 
selb,  denne  der  vatter  in  der  selben  nature  genomen,  ald  kein  andrü 
persone.  Du  bist  allein  in  der  inbildunge  betrogen,  du  daz  an  büket 
nach  der  wise,  als  es  in  der  kreature  ist  in  getragen.  Es  ist  an 
im  selber  einig  und  bloz. 

10  Der  junger  sprach:    Ich  merk  wol,  daz  ich  bin  komen  uf 

die  gruntruri  der  nehsten  einveltikeit,  fär  die  nieman  inbaz  mag 
kommen,  der  warheit  wil  füren. 


III.  Kapitel. 

Wie  sich  der  mensche  und  alle  kreaturen  ewkllch  haben 
15  gebalten,  und  von  Irem  gewordenllchen  usbruche. 

Der  junger:  Ewigü  warheit,  wie  hein  sich  aber  die  kreaturen 
ewklich  in  gotte  gehalten? 

Entwürt:  Sü  sint  da  gesin  als  in  irem  ewigen  exemplar. 

Der  junger:  Waz  ist  daz  exemplar? 

20  Du  warheit:  Es  ist  sin  ewiges  wesen  in  der  nemunge,  als 

es  sich   in  gemeinsamklicher  wise  der  kreature  git  ze  ervolgenne. 

Und  merke,  daz  alle  kreaturen  ewklich  in  gotte  sint  got  und  hein  da 

enkeinen  gruntlichen   undersebeit  gehebt,   denn  als  gesprochen  ist. 


2  [und]  die  leg.  A  3  als  ze  [male]  C  14  sich  der]  sicher  (!)  C 
14  f.  [haben]  geh.  und  haben  und  von  8  16  von  irem]  uf  iren  C  16  d. 
junger  fMi  CN        20  meinunge  S        23  ist  fehü  C 

Iff.  In  Gott  sind  nur  das  Wesen  und  die  Wechselbegiehungen  ( Rela- 
tionen) j  und  diese  sind  mit  dem  Wesen  eins :  vgl,  Thomas,  S.  Th.  1  q.  29  a.  4  ; 
q.  28  a,  3:  Denifle  im  Archiv  II,  438,  15  usbruch  ist  Übersetzung  von  pro» 

cessio  wie  Bdew  203,4  usfluz.  16  fif.  Zu  der  hier  vorgelegten  scholastischen 

Ideenlehre  vgl.  Vita  157,20;  187,1;  Eckhart  281,20  ff,;  324,31  ff,;  378,39  f.; 
390,30  ff,;  602,22;  Blume  der  Schauung  hei  Preger  II,  429 f,  Erklärung  mit 
weiteren  Belegen  bei  Denifle  617  A,2u,3;  518  A,  1;  ders,  in  Hist,'pol.  Bl, 
75,  914  ff,  und:  im  Archiv  II,  463  ff,;  530  ff,;  Krebs,  Meister  Dietrich  66,  218*, 
Thomas,  S,  Th,  1  q,  44  a,  3  schreibt  in  Übereinstimmung  mit  Seuse:  licet  (formae 
exemplares)  multiplicentur  sec,  respectum  ad  nos,  tarnen  non  sunt  realiter  aliud 
a  divina  esseniia,  prout  eius  simHitudo  a  diversis  paHicipari  potest  diversimode, 
Sic  igitur  ipse  Usus  est  primum  exemplar  omnium.     Vgl,  auch  l,  c.  q.  16. 


332  Büchlein  der  Wahrheit    Kap.  m. 

Sü  sint  daz  selb  leben,  wesen  nnd  vermügeD,  als  verre  sfi  in  gotte 
sint,  und  sint  daz  selb  ein  und  nit  minnre.  Aber  naeh  dem  ns- 
schlage,  da  sü  ir  eigen  wesen  nement,  da  hat  ein  ieklichs  sin  sander 
wesen  usgescheidenlich  mit  siner  eigenen  forme,  du  im  natürlich 
wescn  gibt;  wan  forme  gibt  wesen,  gesündert  und  gescheiden,  beidü  6 
von  dem  götlichen  wesenne  und  von  allen  andren,  als  du  natürlich 
forme  dez  Steines  git  im,  daz  er  sin  eigen  wesen  hat.  Und  das  ist 
nit  gottes  wesen,  wan  der  stein  ist  nit  got,  noch  got  ist  nit  der 
stein,  wie  er  und  alle  kreaturen  von  im  sint,  daz  s6  sint.  Und  in 
disem  usfluzse  da  hant  alle  kreaturen  iren  got  gewunneu,  wan  lo 
da  kreature  sich  kreature  vindet,  da  ist  si  vergichtig  irs  sehephers 
[138^  und  ir  gottes. 

Der  junger:  Lieber  herre,  weder  ist  daz  wesen  der  kreature 
cdeler  nach  dem  und  es  in  gotte  ist,  nid  nach  dem,  als  es  in  im 
selben  ist?  15 

Du  warheit:  Daz  wesen  der  kreature  in  gotte  ist  nit  krea- 
ture, aber  die  kreaturlicheit  einer  ieklicher  kreature  ist  ir  cdeler 
und  gebruchlicher,  denne  daz  wesen,  daz  si  in  gotte  hat.  Wan 
waz  hat  der  stein  dest  me  oder  der  mensche  oder  kein  kreature  in 
Ire  kreaturlichem  wesenne,  daz  su  ewklich  in  gotte  got  sint  ge-  20 
wesen?  Got  hat  du  ding  wol  und  recht  geordent,  wan  ein  ieklichs 
ding  hat  ein  widerkaplien  zft  simc  ersten  Ursprünge  in  nnder- 
wfirliicher  wise. 

Der  junger:  Ach  herrc,  wannen  kumet  denn  sunde,  ald  boz- 
hoit,  ald  hello,  ald  vcgfür,  ald  tüfel  und  des  glich?  25 

Entwurt:  Da  du  vernünftig  kreature  sölte  ein  entsinkendes 
widerinjeheii  hau  in  daz  ein,  und  si  da  blibet  uz  gekeret  mit  un- 
rehter  angesehner  eigcnschaft  uf  des  sinsheit,  dannen  kumet  tüvel 
und  ellü  bozheit. 


7  g-esteines  B  im]  in  ^S'  9  von  f^hlt  C  11  verichtij?  AS  ver- 
jchon  B  13   creatureu    BN  IH  kreaturen   BC         22  widerkaffen  BC 

24  f.  ald]  oder  (dreimal)  B  26  ald  helle  fehlt  B  2«  da  fehlt  S  28  an- 
iresehcnder  B 

5  Nach  aristotd'mdi- scholastischer  Lehre  ist  die  Form  das  bestimmende 
Prinzip  der  Materie^  durch  das  sie  erst  aktuelles  Sein  gewinnt  (Aristot,,  3/e- 
taph,  1017  h  14:  10l>:J  a  14;  Thomas,  S,  TL  1  7.  4:>  a,  1  ad  1  u.  ö.).  Vgl.  Hert- 
linij,  Materie  und  Form  1871.  11    Vgl.  Kckhart  :3S4,1^ ;   181,5  f.     Da  dit 

Kreatur  in  Gott  (iott  selbst  ist,  so  bekennt  sie  ihren  o'chöpfer  und  Gott  erst  in- 
folge ihres  Ausjlusse^,  d.  h.  wenn  sie  ein  wirkliches  Geschöpf  icird,  16flf.  VgL 
dagegen  Eckhart  630ß:  alle  creature  sind  edeUr  ingote,  denne  sie  an  in  seWen  sint 


^Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  lY.  33^ 


IV.  Kapitel. 

Von  dem  waren  iukere,  den  ein  gelazsener  mensche  durch  den 

elnbornen  snn  nemen  sol. 

Der  junger:    Von  der  kreaturen  gewordenlichem   usbrache 
6  habe  ich  die  warheit  wol  verstanden.     Ich  horti  nu  gerne  von  dem 
durchbruche,    wie  der  mensch  darch  Cristum  sol  wider  in  komen 
und  sin  selikeit  erlangen. 

Du  warheit:  Es  ist  ze  wissenne,  daz  Cristus,  gottes  sun, 
etwas  gemein  hatte  mit  allen  menschen,  und  hatte  etwas  sunders 
10  vor  andren  menschen.  Daz,  daz  im  gemein  ist  mit  allen  menschen, 
daz  ist  meuschlichä  natnre,  daz  er  5ch  ein  wäre  mensch  waz.  Er  nam 
an  sich  menschlich  nature  und  nit  persone;  und  daz  ist  in  der  wise 
ze  nemenne,  daz  Cristus  menschlich  natur  an  sich  nam  in  einer 
unteillichi  der  materien,  daz  der  lerer  Damascenus  heisset  in 
15  athoroo,  und  also  der  angenomennen  gemeinen  menschlichen  nature 
entwürte  daz  rein  blütli  in  der  gesegneten  Marien  Hb,  da  er  liplich 
gez6w  von  nam. 

Und  dar  umbe  so  hat  menschlichü  nature  an  ir  selben  ge- 
nomen  kein  solich  recht,  —  wan  si  Cristus  hatte  an  genomen  und 
20  nit  persone,  —  daz  ieder  mensche  dar  umbe  s&l  und  mag  in  der 
selben  wise  got  und  mensch  sin.  Er  ist  der  allein,  dem  da  uner- 
völgklicli  wirdikeit  zA  gehört;  daz  er  die  nature  an  sich  nam  in 
der  luterkeit,  daz  im  nüt  hat  gevolget  weder  von  der  erbsünde, 
noch  von  keiner  [139']  auderre  sünde;  und  dar  umb  waz  er  der 
25  alleine,  der  daz  verschulte  menschlich  künne  erlösen  mohte. 

Daz  ander:   aller  anderre  menschen  verdientü  werk,   die  sü 
t&nt  in  rebter  gelazsenheit  ir   selbes,    die  ordenent   eigenlich   den 


!^  eingebomen  BCN  4  usbruchc  fehlt  C  7  sin]  in  K  sol  er- 
langen C  10  [daz]  daz  K  13  nam  fehlt  B  14  Damascenus  auch  am 
Rande  A  15  achonio  (!)  C  17  gezügnüsse  C  18.26.334,14  am  Bande 
I  11  III  A 

14  Joh.  Damascenus y  De  fide  orihodoxa  III,  11,  —  in  einer  unt.  der 
matenen  ==  eine  individuelle  menschliche  Natur  (Den,  531  A,  3).  15  f.  Vgl, 

Thomas,  8,  Th,  3  q,  31  a.  5  und  Eckharts  Kommentar  zu  Ekklesiastikus  (Archiv 
II,  663,  20):  Christus  secundum  hominem  ex  jmrissimis  virginis  sanguinibus  est 
formatwt,  ul  ait  Damascenus  (De  fide  oHh,  III,  2),  17  gezow  =  Organum, 

instrumenlum,  wie  die  Theologen  die  menschliche  Natur  in  Christus  nennen 
(vgl.  Thomas,  S.  c,  Gent,  4,41). 


334  Büchlein  der  Wahrheit    Kap.  Vf. 

raenschen  z&  der  selikeit,  du  da  ein  Ion  ist  der  tugende.  Und  dA 
selikeit  lit  an  der  voller  götUcber  gebruebange^  da  alles  mittel  und 
anderbeit  ist  ab  geleit.  Aber  du  einunge  der  infieiscbonge  Cristi, 
sit  daz  si  ist  in  einem  persönlicben  wesenne,  so  Aberget  si  und  ist 
boher,  denne  da  einunge  des  geuutes  der  seligen  zfl  gotte.  Wan  6 
von  dem  ersten  beginne,  do  er  enpbangen  wart  der  mensch,  do 
waz  er  werlicbe  gottes  sun,  also  daz  er  enkein  ander  selbstandange 
hatte,  denne  gottes  sun.  Aber  ellA  andrü  menschen  dt  hant  ir  na- 
turlicb  understandunge  in  irem  natärlichen  wesenne,  und  wie  genz- 
klich  s&  in  selber  iemer  entgant  ald  wie  luterlich  sü  sich  iemer  lo 
gelazsent  in  der  warheit,  so  geschihet  daz  nit,  daz  sü  in  der  g&t- 
liehen  persone  understandunge  iemer  übersetzet  werden  und  die  iren 
verlieren. 

Daz  dritte:  dirre  mensch  Cristus  hatte  daz  och  ffir  eDü 
menschen,  daz  er  ist  ein  höbt  der  kristeuheit^  nach  glicher  wise  ze  15 
redenne  dez  menschen  höbtes  gegen  sinem  libe,  als  da  stat  ge- 
schriben,  daz  alle  die,  die  er  hat  fürsehen,  die  hat  er  vor  bereit, 
daz  sü  würdin  mitförmig  mit  dem  bilde  des  sunes  gottes,  daz  er 
der  erstgeborn  si  under  vil  andren.  Und  dar  umb,  wer  einen  rehten 
wid^ringang  welle  haben  und  sun  werden  in  Gristo,  der  kere  sich  20 
mit  rehter  gelazsenheit  ze  im  von  im  selb,  so  kumet  er,  dar  er  sol. 

Der  junger:  Herre,  waz  ist  rehtü  gelazsenheit V 

Du   warheit:  Nim   war   mit    merklichem    underscheit   diser 
zweier  werten,   du  da  sprechent:  sich  lazsen.     Und  kanst  da  du 
zwei  wort  eben  wegen  und  ze  gründe  prüfen  uf  ir  jüngstes  ort  und  25 
mit  rehtem    underscheide   an   sehen,    so   macht   du  snelleklich   der 
warheit  bewiset  werden. 

Nu  nim  des  ersten  her  für  daz  erste  wort,  daz  da  heisset: 
sich  ald  mich,  und  lüg,  waz  daz  si.  Und  da  ist  ze  wissenne, 
daz  ein  ieklicher  mensch  hat  fünfley  sich.  Daz  eine  sich  ist  im  SO 
gemein  mit  dem  steine,  und  daz  ist  wesen;  ein  anders  mit  dem 
krute,  und  daz  ist  wahsen;  daz  dritte  mit  den  tieren,  und  daz  ist 
enphinden;   daz    vierde    mit  allen    menschen,    daz  ist,    daz  er   ein 


1  tugen  B  2  lit  fehlt  S  5  eiiiigun^  B  16  mensch  A  18  uit- 
forinig  (!)  C  mit  tormit  K  23  mercklicber  K  28  mi]  so  K  30  fünf  C 
eine]  erst«  B        BOf.  das  ist  im  g.  C        32  ist  mit  d.  t.  K       33  ist  mit  a.  m.  A" 

3  inflcischnnge  =  incarnatio  ;  v(jh  Thomas^  S.  TJu  3  q.  2  a,  9.  7.9  selb- 
Btandnnge,  understandunge  =  «ufem^cn^*«,  rersöulichkeit,  14  f.   Vgl,  Epht$, 

1,22  f,  16  ff.  Rom.  8^9:  vgl,  Thomas,  S,  Th,  3  q.  8  a,  L 


Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  IV.  335 

gemeine  menschlich  nature  an  im  bat,  in  dem  du  andern  ellä  eins 
sint;  das  fünfte,  daz  im  eigenlich  zugehört,  daz  ist  sin  [139^]  per- 
sönlicher mensch,  beidä  nach  deme  adel  und  och   nach  dem  zAval. 

Waz  ist  nu  daz,  daz  den  menschen  irret  und  in  selikeit  be- 
5  röbet?  Daz  ist  allein  daz  jüngste  sich,  da  der  mensch  den  usker 
nimet  von  gotte  uf  sich  selb,  da  er  wider  in  solte  keren,  und  im 
selb  nach  dem  züval  ein  eigen  sich  stiftet,  daz  ist,  daz  er  von 
blintheit  im  selber  cigent,  daz  gottes  ist,  und  zilet  da  und  verfl&sset 
mit  der  zit  in  gebresten. 

10  Der  aber  dis  sich  ordenlich  wölti  lazen,  der  sölti  drie  inblike 

tftn:  den  ersten  also,  daz  er  mit  eime  entsinkenden  inblike  kerti 
auf  die  nihtekeit  sins  eigenen  siches,  schowende,  daz  daz  sich  und 
und  aller  dingen  sich  ein  nifat  ist,  us  gelazsen  und  us  geschlozsen 
von  dem  ichte,   daz  da  einig   würkende  kraft  ist.     Der  ander  in- 

15  blik  ist,  daz  da  nit  äbersehen  werde,  daz  in  dem  selben  nehsten 
gelezse  iedoch  sin  selbs  sich  alwegent  blibet  uf  siner  eigen  gezöw- 
licher  istikeit  nach  dem  usschlage,  und  da  nüt  ze  male  vemihtet 
wirt.  Der  dritte  inblik  geschiht  mit  einem  entwerdenne  und  friem 
ufgebenne  sin  selbs  in  allem  dem,  da  er  sich  ie  gefürte  in  eigener 

20  angesehner  kreatärlichkeit,  in  unlediger  manigvaltikeit  wider  die 
götlichen  warheit,  in  liebe  ald  in  leide,  in  tünne  oder  in  lazenne, 
also  daz  er  mit  richem  vermügenne  sich  wiseloseklich  vergange,  und 
im  selb  unwidernemklich  entwerde  und  mit  Cristo  in  einikeit  eins 
werde,   daz  er  us  disem  nach  einem  injehenne  all&  zit  würke,  ellü 

25  ding  enphahe,  und  in  diser  einvaltikeit  ellü  ding  an  sehe.  Und  dis 
gelassen  sich  wirt  ein  kristförmig  ich,  von  dem  du  schrift  seit  von 
Paulo,  der  da  sprichet:  j,ich  leb,  nit  me  ich,  Cristus  lebt  in  mir." 
Und  daz  heiss  ich  ein  wolgewegen  sich. 


3  och  fehli  B  12  sich  es  schowendes  K  14  einig]  eine  C  17  iti- 
keit  C  nüt]  mit  S  18  einem  fehU  C  26  f.  von  saute  P.  BN  28  heiss 
[ich]  B 

3  2>.  h,  sowohl  dem  Geiste  (adel),  aU  dem  Leihe  ( züval,  accidens;  ähnlich 
Eckhart  168,12  f.)  nach:  vgl.  dagegen  Vita  16:^,19 ff.  13  Die  geschaffenen 

Dinge  im  Vergleich  mit  Gott  als  Nicht  zu  bezeichnen  ist  den  Mystikern  ge- 
läufig; vgl.  AugusUy  Soliloq.  /,  1,3:  Deus  . . .  extra  quem  nihil;  Inps.  134  n.  4; 
Conf.  VII,  11;  Bernardus,  De  consid.  K,  6'/  Thomas,  De  verit.  q.  8  a.  7  ad  2; 
8.  Th.  2,2  q.  5  a.  1  ad  2;  Eckhart  136,23  ff;  222,35  f.  Weitere  Belege  im  Archiv 
II,  515  /.  14  icht  =  das  göttliche  Wesen,         22  wiseloseklich  3=  ohne  auf 

dies  oder  jenes  zu  achten  (^wise  =  die  Art,  sich  zu  geben).  27  GaL  2,20. 


^36  Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  tV. 

Nu  nemen  wir  daz  ander  wort  her  für,  daz  er  spricht:  lazsen. 
Daz  meinde  er  ufgeben  oder  verahten,  nut  also,  daz  man  es  m&g 
gelazsen,  daz  es  zenial  ze  nihti  werde,  denn  allein  in  der  verahtonge, 
und  denn  ist  im  gar  reht. 

Der  junger:   Gelobet  si  da  warheit!  Lieber  herr^   sag  mir,  6 
blibet  eime  seligen  gelazenen  menschen  ützet? 

Du  warheit:  Es  geschihet  ane  zwifel,  wenne  der  gftt  and 
und  getruw  kneht  wirt  in  gefuret  in  die  fröde  sins  herren,  so  wirt 
er  trunken  von  dem  unmessigen  Überflusse  des  gütlichen  hnses;  wan 
ime  [140"^]  geschihet  in  unsprechelicher  wise  als  einem  tranken  lo 
menschen,  der  sin  selb  vergisset,  daz  er  sin  selbes  nit  ist,  daz  er 
im  selb  zemal  entworden  ist  und  sich  zemal  in  got  vergangen  hat 
und  ein  geist  mit  im  worden  ist  in  aller  wise,  als  ein  kleines  wassers 
tröphlin  in  vil  wines  gegozsen.  Wan  als  daz  im  selber  entwirdet, 
so  es  den  smak  und  die  varwe  an  sich  und  in  sich  zühet,  also  ge- 15 
schiht  dien,  die  in  voller  besitzungc  sint  der  selikeit,  daz  dien  in 
unsprechelicher  wise  ellü  menschlichu  begirde  entwichet,  and  in 
selber  entsinkent  und  ze  male  in  dem  götlichen  willen  versinken! 
Anders  möhti  du  schrift  nüt  war  sin,  da  da  sprichet,  daz  got  sol 
werden  ellu  ding  in  allen  dingen,  were  daz  des  menschen  in  dem  ao 
menschen  üt  blibi,  daz  nit  zemal  uz  im  gegozsen  wurdi.  Da  blibet 
wol  sin  wesen,  aber  in  einer  anderu  forme,  in  einer  anderä  glorie 
und  in  cime  andern  vermugenne.  Und  daz  kumet  alles  von  ir  selbs 
grundlosen  gelazsenheit. 

Und  sprichet  dennc   uf  den   vordem   sin   also:  ob  aber   kein  85 
mensche  in  disem  lebenne  als  gelassen  si,  daz  er  daz  volkomenlich 


2  maint  Ä  7  am  Bmide  BeriiarduB  AS^  hn  'Text  K  9  den  unm. 
überflözen  C  10  unussprechenlicher  B  12  zemal  fehlt  S  14  wan]  und  C 
17  uiisprechenlicher  B  17  f.  im  selber  A'  18  entsinket  C  22  [andertü] 
forme  C        23  eime]  einer  S 

1  er  bezieht  sich  wohl  auf  Christus  (vgl.  Matth,  16^24:  si  quis  vuli  po$t 
me  venire^  abneget  semetipsum  etc),  7  BernarduSy  De  dilig,  I)eo  c.  10  ti.  16 

(vgl.  Epist.  11  n.  8)  ist  von  hier  bis  337 yC*  teilweise  wörtlich  beniUet:  vgl,  Vita 
lti7,17  ff.  Dass  Bernhard  (und  Sense)  das  Kingehen  der  Seele  in  Gott  nicht 
in  }tanthtfistischem  Sinne  fasst,  sondern  scharf  ihre  Selbständigkeit  wahrt,  tPtiit 
J.  ItieSj  Das  geistliche  Leben  in  seinen  Entwicklungsstufen  nach  der  Lehre  des 
hl  Bernard  1906^  3(W  f   gut  gegen  Harnack  nach,  7  f.   Matth,  25,23. 

9  Vgl.  Ps.  3i)M.  13  I  Kor.  6,17:  tjui  adhaeret  domino,  unus  sjnHtus  est. 

19  f.   Ebd.  15y2ti.  25.337,4  Nämlich  dir  hl.  Bernhard,    De  dil.  Deo  15 

//.  39  und  Ep.  11  n.  S. 


Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  IV.  337 

begritfen  habe,  daz  er  des  sinsheit  niemer  ane  gesehe  in  lieb  noch 
in  leide,  denn  daz  er  alzemal  sich  selb  dar  got  minne  und  meine 
nach  der  aller  volkomnesten  begriflfenheit,  des  kan  ich  mich  — 
sprichet  er  —  nit  verstau,  ob  es  ist.  Die  gangen  her  für,  die  im 
5  gelebt  hein,  wan  nach  minem  verstenne  zc  sprechenne,  so  danket 
es  mich  nüt  muglich. 

Usser  diser  rede  aller  macht  da  merken  ein  antwiirt  diner  frage, 
wan  ein  rehtü  gelazsenheit  eins  solichen  edelen  menschen  in  der 
zit   du   ist  nach   gebildet    und  gestellet  nach    der  gelazsenheit  der 

10  seligen,  von  den  du  schrift  seit,  minr  und  me  nach  dem,  als  denne 
du  menschen  minr  und  me  geeiniget  ald  eins  sint  worden.  Und 
merk  sunderlich,  daz  er  sprichet,  daz  sü  da  entsetzet  werdent  dez 
iresheit  und  übersetzet  in  ein  ander  forme  und  in  ein  ander  gün- 
lichi  und   in  einen   andern   gewalt.     Waz  ist  nu   du  ander  frömde 

15  forme,  denn  du  götlich  nature  und  daz  götliche  wesen,  in  daz  sü, 
und  daz  sü  in  sich  verflözent,  daz  selbe  ze  sinne?  Was  ist  denne  ein 
ander  glorie,  denn  verkleret  und  vergünlichet  werden  in  dem  istigen 
lichte,  daz  nit  Zuganges  hat?  Waz  ist  denne  ein  anders  vermügen, 
denn   daz  von   der   selbsheit    [140^]    und   der   selben   einikeit  dem 

20  menschen  wirt  gegeben  ein  götlichü  kraft  und  götliches  vermügen 
in  tünne  und  in  lazsennne  alles,  daz  ir  selikeit  zft  gehöret?  Und 
also  wirt  der  mensch  entmenschet,  als  geseit  ist. 

Der  junger:  Herre,  ist  dis  muglich  in  der  zit? 

Du  w arbeit:   Du  selikeit,   von  der  gesprochen  ist,    mag  er- 

25  volget  weiden  in  zweierley  wise.  Ein  wise  ist  nach  dem  aller  vol- 
komnesten grade,  du  über  alle  müglicheit  ist,  und  daz  mag  nit  gesin 
in  diser  zit ;  wan  zu  des  menschen  nature  höret  der  lip,  des  manig- 
valtig  gedrang  widersprichet  disem.  Aber  die  selikeit  ze  nemene 
nach  teilhafter  gemeinsamkeit,  also  ist  es  muglich,  und  dunket  doch 

30  menigen   menschen   unmuglich.     Und  daz  ist  nit  unbillich,   wan  hie 

1  niemer]  in  ainer  K  5  verstände  S  10  nach  —  11  me  fehlt  BN 
12  sü  fehlt  B  13  in  mit  ein  a.  f.  S  13  f.  [ein]  ander  g.  B  geliche  (!)  S 
14  einem  a.  g.  S  16  sinde  S  17  itigen  C  21  zu  höret  S  23  der] 
dirre  S        26  überal  muglich  ABKS        29  teilhaftiger  S 

12  Bernardus  l  t\  17  f.  I  Tim.  6,16,  25  f.    V(jh  Thomas,  8,  Th. 

2,2  q.  184  a,  2.  28  ff.   Vgl  Bdew  234,16  ff.  und  Beruardus,  De  dil  Beo  10 

n.  27:  beaium  dixerim  tt  sanctuniy  cui  tale  aliquid  in  hac  moftali  vita  raro 
interdum  aut  vel  scmd,  et  hoc  ipsum  raptim  aut  unitis  vix  mometUi  spatio 
experiri  donaium  est;  senno  ö5  in  Cant.  n.  13:  dulce  commercium,  breve  mO" 
mentum  et  txpenmenium  rarum.     Zur  Erklärung  Ries  a,  a.  0.  298  ff. 

U.  Seuse,  Deatsche  Schriften.  22 


338  Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  V. 

her  enmag  kein  sin  noch  Vernunft  gelangen.  Wol  sprichet  ein  Schrift 
daz  man  vindet  einer  hande  menschen,  usges&ndertä  und  geleptü 
menschen,  da%  die  sijen  so  gar  ;:elutertes  und  gotf6rroiges  gemütes, 
daz  die  fügenden  in  in  standen  nach  götlicher  glicheit;  wan  sft  sint 
entbildet  und  überbildet  in  des  ersten  exemplars  einikeit,  und  koment  6 
neiswi  in  ein  volles  vergessen  zergankliehs  und  zitliches  lebennes, 
und  sint  verwandelt  in  götliches  bilde  und  sint  eins  mit  im.  Aber 
es  stet  dur  bi,  daz  dis  zft  gehöret  allein  dien,  die  diso  selikeit  in 
ir  höhsten  hein  besessen,  ald  aber  etlichen  menschen,  wenigen  nnd 
den  aller  frArasten,  die  noch  mit  dem  libe  in  dem  zite  galid.  lo 


V.  Kapitel. 

Ton  den  hohen  und  ntitzen  fragen^  die  ime  du  warheit  lies 
werden  von  der  glichnüsse  eins  gelassen  menschen. 

Dar  nah  kam  der  junger  in  eine  begirde,  ob  in  keinen  landen 
ein   sSlich  edeler  gelazner  mensch  weri,   der  dur  Cristum  warlich  IB 
wer  in  genomen,  daz  im  der  von  gotte  bekant  wurde  und  zft  siner 
heimlicher  rede  keme.    Und  do  er  in  disem  ernste  waz,  do  wart  er 
sinkende  in  sich  selb  und  in  der  Vergangenheit  siner  sinnen  dachte 
in,   er   wurde   gefüret   in   ein   vernünftiges  land.     Und   da  sah  er 
entzwüschent  himel   nnd  erde  sweben  ein  glicbnüst,   als  ob  es  eins  20 
menschen   glichnüs  wcre,  bi  einem   krüze  in  gütlicher  gestalte   und 
daz  zweierley  menschen  giengen  dar  umbe  und  kamen  nit  hin  zu: 
und  die  einerley  sahen  die  glichnus  an  nüwan  von  innan   und  nüt 
von   ussen,   die  andern  von  ussen  und   nit  von  innen,   und   waren 
beide  gekeret  mit  schlage   und  hertikeit  gegen   der  glichnus.     Also  25 
duchtc  [141']  in,  daz  sich  die  glichnus  her  abe  liezsi  als  ein  wes- 
lieber  mensch,  und  sas  zu  ime  und  meinde,  daz  er  fragti,  waz  er  le 
fragenne  hetti,  dez  wurdi  im  geantwürtet. 

1  am  Rande  Thoma-s  in  summa  A  gesclirift  K  2  hande  f^hlt  S 
die  so  gar  iisges.  C  2 f.  gelebtü  [menschen]  S  4  tuirend  in  in  standet  S 
9  ir]  ircm  BN  drin  S  10  mit]  nit  <V  in  den  zitcn  C  23  die  sahen  C 
26  f.  wescloser  6' 

1  Thomas,  S.  Th.  1,2  q.  fil  a.  5,  ico  er  von  den  virtutes  tarn  assequentium 
dirinam   similitudinem  handelt.  5    V'gl.    Vita   166,9/,    und   Krth^,   M, 

Bieirich  129,  221*.  24  f.    Beide   sträuhttn    s^ieh    yetjen    die   richtige   Auf- 

fanaang  und  Nachahmung   des  Vorhildes   {Denißes  Erklärung  63f)  A,  2  ftoM 
unrichtig). 


BÜctilein  der  \\'alirheit.     tvnp.  t 

Er  Iifib  uf  und  Bprfich  mit  inrlicben  süfKen  Ginsberzen:  „Ach, 
evvigü  warheit,  waz  ist  dis,  ald  waz  betütet  disü  wanderlichü  gesiebt?" 
Also  wart  im  geantwüitet  und  sprach  daz  wort  in  im  also: 

Oisä  glicbiiÜHt,  die  du  hast  geseben,  belütet  den  einbüruen  sun 
B  gottea  nab  der  wise,  als  er  raenseblich  nature  bat  an  sich  genomeo. 
Und  daz  du  cüwan  ein  blld  sehe  und  duz  selb  doch  unzallich  iiiaoig- 
valtig  waz,  daz  beti'itet  ellii  du  inenscben,  Aü  sinä  gelider  sint,  die 
öeb  süne  oder  eun  worden  sint  dur  in  und  in  ime,  als  du  zaie  vil 
liplicher    gelider  an   cime   libe.     Aber   daz    daz   hopt   Übertreffelich 

10  schein,  daz  meiaile,  daz  er  der  erste  und  eingeborne  sun  ist  nach 
der  übertreffenden  annemunge  in  die  selbsheit  der  götlieben  persooe, 
und  aber  die  andern  in  die  innemunge  überffirmiger  einikeit  des 
selben  bildes.  Daz  krüze  hettilet,  daz  ein  warer  gelazaener  mensobe 
nach  dem  ussern    nnd   inren  menschen   alle  zit  so!  stan  in  sin  selba 

ib  ufergebenlicbi  in  alles  daz,  daz  got  wil  von  im  gelitten  han.  wannen 
daz  kumt,  daz  er  geneiget  st  in  sterbender  wise  daz  ze  enpbabenue 
dem  bimelsehen  vatter  ze  lohe.  Und  solichu  menseben  staut  adel- 
licb  von  innen  und  gewerlich  von  uasen,  Daz  du  gestalt  ala  güt- 
lich waz  hi  dem  kräze,   daz  bezeicbent:    wie  vil  sä   lidennes   hant, 

20  des  hein  sä  ein  verachten  von  ir  selbs  gelazsenheit.  Wa  sich  daz 
böpt  hin  kerte,  da  kerte  sich  och  der  lip  hin:  daz  betiitet  die  eiu- 
mütikeit  der  getrüwen  nachvolge  sines  reineu  sptegellichen  lebennes 
und  göter  lere,  zfi  der  ßü  sich  vermügentlieh  kerent  und  sich  dem 
glich  haltent. 

21^  Die   einerley   menschen,   dd   in  von   innen   an  sahen   und   nüt 

von  ussen,  bezeiebnent  du  menschen,  die  Cristi  leben  an  sebent  nii- 
wan  in  der  Vernunft  nach  gch6wlicher  wise  und  mit  in  abwnrkender 
wiee,  da  sü  ir  eigen  nature  söltin  durbrechen  in  nachvolgklicber 
übunge   des   Reiben    bildes.     Sü   zühent  es  alles   nah  diser  angesiht 

30  zu  der  nature  wollust  und  lediger  fribeit  in  selb  ze  hilfe,  und  dunkt 

I  inrlichem  CN  2  geachilil  C  4  eingebomen  BCtf  10  lueinde] 
mein  S  II  anvenutiKe  (!)  S  einimge  Nma  peraonea  BC  12  inveii- 
nngre  (!)  S  13  gewarer  S  15  erjrebenlichi  K  21  hin  das  —  22  nachv. 
fehU  K  22  nachvolgonge  CS  29  den  5  28  d»]  die  0  nacbvSUik- 
lieh«  C       80  lebiger  S 

II  Vgl  hei  Thomas,  S.  Th.  3  y.  4  a.  3:  q.  33  a.  4  die  Lthre  non  ia-  a»- 
stitapUn  humaaae  natura»  in  divinam  ptreonam.  12  Die  Menschen  kSnntn 
MUr  Vereini^itg  mit  Gott  nicht  aufgenommtn,  aondtrn  nur  eingenommen  trcr- 
dta.  Vgl.  II  Kur.  3, IS:  Nos  rem  ...  in  eamdem  intagintm  trimsformamar 
(übertonnig). 


340  Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  V. 

8U  menglich  grob   und  unverstanden,    du  inen  des  selben    ntt  ge- 
bellent. 

Etlichu  sahen  es  och  an  allein  nach  der  ussem  wise  und  nit 
nach  dem  inren,  und  du  schein  herte  und  strenge ;  und  us  dem  ubent 
sü  sich  strengklich   und  lebent  behütklich   und  [Hl""]  tragent    den   5 
lüten  vor  einen  erberen  heiligen  wandel,  und  übersehent  aber  Cristum 
von  innen.   Wan  sin  leben  waz  senfte  und  milte,  aber  disü  menschen 
haut  vil  slahennes  und  urteilent  ander  lüte,  und  dunket  sü  alleR  daz 
unreht,   daz  ir  ^vi6e  nit  füret.     Disü  menschen  haltent  sich  anglich 
dem,   den   sü  doch   meinent   und   daz   merket  man   da  bi:  der  su  lo 
suchet,   sü  stant  nüt  in  eime  lazsenne  ir  selbz  noch  entsinkenne   ir 
nature   und  nach  Verlust   der  dingen,   du   da  schirment  den  willen, 
als  gern   und   ungern  und   des   glich.     Und   hie   mit  wirt  der  wille 
behalten   und   beschirmet,   daz   der   mensch   nit  kumet  ze   götlichen 
tugenden,   als   gohorsami,    lidberi,    unbehabenlichi    und   dero    glich:  15 
wan  sogtan  tugende  tragent  den  menschen  in  daz  bilde  Cristi. 

Der  junger  vieng  an  ze  fragenne  noch  me  und  sprach  also: 
»Sag  mir,  in  weler  benentcn  wise  kumet  ein  mensch  zfl  siner  selikeitV 

Entwürt:  Man  mag  es  nemmcn  ein  geberlich  wis,  als  da  stet 
geschriben  an  sant  Johans  ewangelio,  daz  er  hat  gegeben  macht  20 
und  mügen,  gottes  sün  werden  allen  den,  die  von  nihti  anders  denne 
von  gotte  geborn  sint.  Und  daz  goschihet  in  glicher  wise,  al8  man 
gcberunge  nach  einer  intragender  gemeiner  wise  nemmet,  Waz  nu 
daz  ander  in  solicher  wise  gebirt,  daz  bildet  es  nach  im  und  in  sich 
und  git  ime  glichheit  sins  wesens  und  würkungc.  Und  dar  umbe,  25 
in  einem  i;elaz8enen  menschen,  da  got  allein  vatter  ist,  in  dem  sich 
nüt  zitliches  gebirt  nach  eigenscliaft,  dem  werdent  sinü  ogcn  uf 
getan,  daz  er  sich  da  verstnt,  und  nimet  da  sin  selig  wesen  und 
leben  und  ist  eins  mit  im,  wan  ellü  dinge  sint  hie  eins  in  eime. 

Der  junger  sprach:   Ich   sich    doch,    daz   berg  und   tal    ist  30 
und  wasser  und  luft  und  manigerley  kreature;   waz  seist  du  denne, 
daz  nüwan  eins  siV 


4  (U'ii  iiinern  .V  scheinen  X  herti  iinil  strenffi  6'  5  behütsaiu- 
klich  y;  10  daz  fehlt  C  13  und  als  u.  ö'  15  i>-oIi(»r8am  ABa  18  be- 
nanten  Ji  19  nemen  AJiCKSS^a,  der  Konte.rt  rvrlanijt  ncmmen  {vgh  Zeile 

lö  u,  !>3i        21  niii^endf  B        22  ^xliclior]  jirotlicher  ,S'        30  ist  fehlt  B 

20  Jnh.  1,1^*  f.  '27  eigenscliaft  :=  K/iordentliche  Anhänglichkeit   an 

sich  ,sflh{>t   oder  an   irdische  Dintjc   {^dbstitjhdi),   das  (jegifkieil  der  Gelassen- 
hat;  vgl,  Krebs,  M.  Dutrich  147,  :J22*. 


Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  V.  341 

Daz  luter  wort  entwürt  und  sprach  also:  Ich  sagen  dir  noch 
me:  es  si  denn,  daz  der  mensch  zwei  contraria,  daz  ist  zwei  wider- 
weiiiigü  ding  verstände  in  eime  mit  einander,  —  fürwar  ane  allen 
zwifel,  so  ist  nüt  gut  lihte  mit  ime  ze  redenne  von  sölichen  dingen; 
6  wan  so  er  dis  verstat,  so  ist  er  aller  erst  getretten  dez  halb  uf  den 
weg  des  lebennes,  daz  ich  mein. 

Ein  frage:  Weles  sint  du  contraria? 

Entwurt:    Ein  ewiges  niht  und   [142']  sin   zitlichü  gewor- 
denheit. 
10  Ein  widerwerfunge:    Zwei   contraria  in   eime  sinde  nach 

aller  wise  widerwerfent  alle  künste. 

Entwürt:   Ich  und  du  bekomen   einander  nit  uf  einem   rise 

ald  uf  einem  platze;  du  gast  einen  weg  und  ich  ein  andern.    Dine 

fragen  gand  us  menschlichen  sinnen,  und  ich  antwürt  us  den  sinnen, 

15  die  da  sint  über  aller  menschen  gemerke.   Du  müst  sinnelos  werden, 

wilt  du  hin  zu  komen,  wan  mit  unbekennen  wirt  du  warheit  bekant. 


Es  geschah  in  den  selben  »iten  ein  vil  grozü  endrunge  in  ime. 
Er  kam  underwilent  dar  zu,  daz  er  etwie  dike  zehen  wochen,  ald 
minre  ald  me,  so  kreftekliche  entwürket  wart,  daz  im  mit  offenen 
20  sinnen,  in  der  lüten  biwonunge  und  ane  die  lüte,  sin  sinne  also 
entgiengen  nach  eigener  würklicher  wise,  daz  im  überal  in  allen 
dingen  nüwan  eins  antwurte  und  ellü  ding  in  eime  ane  alle  nianig- 
valtigkeit  disses  und  jenes. 

Daz  wort  hftb  an  und  sprach  in  im:  Wie  do,  wie  ist  es  nu 
25  gcvarn,  hab  ich  reht  geseit? 

Er  sprach:  Ja,  daz  ich  vor  nit  moht  glöben,  daz  ist  mir  nu 
worden  ein  wissen;  aber  mich  wundert,  war  umb  es  vergange. 

3  verstanden  AB  5  altererst  AaS'  aber  erst  C  13  ein  pl.  AK  ein] 
den  SN        18  ettwen  K        23  jenes]  enses  S        24  wie  do  fMt  K 

8  Seine,  d.  h.  des  Mtaschcn  zeitliche  Geivordenheit  und  das  eivige  Nicht 
(=  Gott)  sind  für  den,  der  auf  den  Werj  den  Lebens  (zur  mystischtn  Vtr- 
einiijung)  gdan(jt  ist,  eigentlich  keine  Gegensätze  mehr,  die  Kreaiilrlichkeit  fällt 
geirissermassen  ab  und  Gott  allein  bleibt.  Nähere  Erklärung  und  Belege  bei 
Denijle  534  A,  4,     Vgl.  auch  Krebs  a.  a.  0.  133,  16  August,^  De  ord.  II,  16 

n,  44:  iJeus  scitur  mtlius  nesciendo.    Vgl,  Vita  187,17 :  100,10  und  unten  34(J,bff, 
17  ff.    Vgl.  Vita  175,^3  J^,  22  eins  =  Gott, 


342  Büchlein  der  Wahrheit.    Kap,  V. 

Uaz   wort  sprach:   Da  ist  es  vil  liht  noch   nit  gesuuken  af 
sineii  weslichen  grünt. 

Der  junger  vieng  aber  an  und  fraget  also:  Wa  lendet  eins 
^elazsenen  menschen  verstandenheit? 

Entvvurt:  Der  mensch  mag  in  zit  dar  zA  komen,  daz  ersieh  5 
verstat  eins  in  dem,  daz  da  niht  ist  aller  der  dingen,  die  man  be- 
sinnen alder  gewörten  mag;  und  daz  niht  nemmet  man  nach  ver- 
hengter  wise  got,  und  ist  an  im  selber  ein  aller  weslichostes  iht. 
Und  hie  erkennet  sich  der  mensch  eins  mit  disem  nihte,  und  dis 
niht  erkennet  sich  selb  ane  werk  der  erkantnisse.  Aber  es  ist  bie  10 
verborgen  neiswaz  noch  inbaz. 

Ein  frage:  Seit  du  schrift  üt  von  dem,  daz  du  hast  genemmet 
niht,  nit  von  sime  nutsinde,  mer  von  siner  übertreffender  unbe- 
griffenheit? 

Entwürt:   Dionysins  schribet  von   eime,   daz  ist  namelos,  15 
und   daz  mag  sin   daz   niht,   daz  ich  meine;  wan  der  im   sprichet 
gotheit  oder  wesen,   oder  waz  namen   man  im  git,   die  eint  im  nit 
eigen  nach  dem,  als  die  namen  sich  bildent  in  der  kreature. 

Ein  frage:  Waz  ist  aber  daz  verborgen  inbaz  dis  vorgenan- 
ten nihtes,   daz  da  in  siner  betütung  nach  diner  meinnnge  alle  ge-  20 
worden  ihtikeite  us  schliezende  [142^]  ist?     Es  ist  doch  Intru  ein- 
valtikeit;   wie   mag  daz  aller  einvaltigest  haben   inbas  ald  usbas? 

Entwürt:  Alle  die  wile,  so  der  mensche  verstat  ein  einnnge 
oder  solich  ding,  daz  man  mit  rede  kan  bewisen,  so  bat  der  mensch 
noch  inbaz  ze  gänne ;   daz  niht  mag  inbaz  in  sich  selber  nite,   mer  ^ 
nach   dem,   so  wir  verstau  mugen,   daz  ist,   so  wir  ane  alle   fSrm- 
lichü  lieht   und  bilde,   die  sin  mugent,   werden  verstände,   daz  doch 

5  der  mag  A  6  in  dem]  sinden  C  9  disem]  dem  K  18  f.  unbe- 
^riflicheit  D  19  dis]  des  ^lA^b'^a  22  haben  fehlt  C  24  ding  feMt  C 
reden  Ji        25  inbaz  nia^  S 

10  ane  werk  d.  erkantu.  =  in  einem  blossen  /Schauen,  15  De  dir, 

«om.  1,4—0:   VII,  3:  vgl.  oben  3;^6yl6  ff.  und  Kap.  ä.  26  ff.   Alle  mysti- 

schen Krkenntnishilder  sind  imiu/ines  spcculatoriae  ei  umbratibiles  (Bemardus, 
sermo  41  n.  11),  welche  Gott  nicht  zeigtn,  wie  er  ist,  und  was  der  3ftnsch  da- 
von redet,  ist  dem  Geschauten  niemals  adäquat  (Bern.,  De  grad.  humil.  6  n,  ;?:.': 
ibi  ridet  invisibilia^  audit  ineffabilia,  quac  non  licet  homini  loqui;  vgl,  sermo  bö 
in  Cant,  n.  14  i.  Die  höchste  Stufe  der  Ekstase  aber  ist  das  Schauen  der  Wesen- 
heit Gottes  ohne  ..Bilder  und  lormen^"  d.  h.  ohne  Phantasiehilder  und  ohne 
geschaffene  species  intelligibilis.  Vgl.  lirief  X  i Estote  perfecti)  im  KlBfh  und 
Krebs  a.  a,  O.  13^  f. :  Thomas,  S.  Th.  ;.^;>  q.  174  a.  :*  sq. 


Büchlein  der  WithrbeiL     Kap.  ^ 

eiiikuir)  verstentnisse  mit  formen  und  bilden  mag  erlaugen.  Und  hie 
von  kan  man  nit  gereden.  wan  ich  aliten,  daz  Bie  geredet  vnn  einie 
dinge,  daz  man  mit  der  rede  kan  bewleen;  waz  man  nu  hie  von 
redet,  so  ivirt  doch  daz  niht  nihtesnit  bewlset,  waz  es  ist,  daz  noch 
ö  als  vil  lerer  und  bücher  werin.  Aber  daz  diz  niht  sie  selb  du  Ver- 
nunft oder  wesen  oder  nieseen,  daz  ist  och  wol  war  nach  ilem,  als 
man  uns  dar  us  reden  mag;  es  ist  aber  nach  warheit  dez  selben 
iils  verre  und  verrer,  denn  der  einer  finen  berlen  eprechi  ein  hakbank. 

Ein  frage:   Waz  ist  daz  gesprochen:   so  daz  geberlich   niht, 
10  da/  man  got  nemmet,   in  sich  selber  kumet,  so  weis  der  raensehe 
sin  und  des  keinen  underscheid'? 

Entwürt:  Oennc^  ist  dis  niht  niät  in  im  selber  unser  halb,  die 
wile  es  soiich  ding  in   uns  ist  würkende;  wenne  es  aber  in  sich 
selber  kumet  unser  halb,  so  wissen  wir  und  och  es  unser  halb  von 
lö  discn  dingen  mit. 

Ein  frag:   Des  bewise  mich  baz! 

Entwürt:  Verstast  du  nit,  daz  der  kreftiger  entworden  liehe 
inschlag   in  daz  niht   entschiebt   in    dem   gründe   allen   undcrscheid, 
uüt  nach  wesunge,  mer  nach  nemtinge  unser  halb,  als  geseit  ist? 
■20  Ein  frage:  Mich  rijret  noch  ein  wort,  daz  da  vor  gesprochen 

ist:  daz  der  mensch  dar  zä   muge  komen  in  zit,  daz  er  sich  ver- 
stände eins  in  dem,  daz  ie  ist  gewesen.     Wie  mag  daz  sin? 

Entwürt;  Es  spricbet  ein  meister,  daz  ewikeit  ist  einleben, 

daz  über  zit  ist  und  alles  zit   in  sich  bescblüzset,   ane  vor  und  ane 

'25  nach.    Und  wer  in  penomen  wirf  in  daz  ewig  niht,  der  besitzet  al 


Ü  geredent  B        -1  iiu  /ehll  C       6  uiJer  niewen  ffhli  K       7  man  /eAft 
ABS         8  eine  f.  berlin  B  hachbank  oder  ein  atill  N  11  klaiaen  K 

12  nsserlialp  B  U  och  [es)  G  15  diseiu  K  16  dia  hewisent  S  17  eis- 
wontenlich  B  1!)  ■a.ftt]  mit  S  21  möge  dar  zä  C  23  am  Rande  Boecius  Ä, 
im  Text  S        24  rit  [iBt]  KS        25  nach  /thlt  C 

12ff.  Zur  Erklärung  vgl.  FHa  Anin.  tu  1S9,}S  ff.  und  Dtnifle  53!,  Ä.  4. 

18  iiiachla^  ^  ingenomenheit ;  tu  in  dem  gmndc  ergänn:    GolUg. 

23  ff.  BoethiUi,  De  coiuol.  philo».  V,6  (td.  Feiper  139,7):  aeltmita»  ent 
interminabüi»  vilae  tnta  eimiil  tt  ptr/ecia  potgtiifio.  Vgl,  Vila  173,18  und  den 
gelthilen  Kommtutar  bei  JJeniße  2ö4  Ä.  1 ;  540  A.  1  und  im  Archiv  II,  4öO.  — 
WtH  beim  höc/uim  Grade  dtr  Bree/tauvng  (Intnsfoi-maiio  my«lfca,  rgl.  oben 
339,13  Mnd  Vita  lil,23)  keine  äc/wiob  »(a(t/tnd«(,  «o  weiss  dit  Stele  nicht,  ob 
da»  -Eittgetiommengein"  kare  oder  lang  dauert,  äie  ist  über  Zeit  und  Maum. 
Eekhart  ISO,  37 — 39:  dar  untbr  der  mtneche,  der  über  Bit  erhaben  isi  in  etcikcit, 
dtr  iciirket  mit  gott,  da:  gnt  vor  tusent  undc  nach  liisenl  jären  gtvorhl  hiil. 


344  Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  V. 

in  al  und  bat  da  nit  vor  noch  nach.  Ja,  der  nienscb.  der  hfit  wurdi 
in  ^cnomon.  der  weri  nit  kurzer  da  gesin  nach  ewikeit  ze  6]>rcebeuDe, 
denn  der  vor  tuscnt  jaren  in  wart  genomen. 

Ein    widersprcchenne:    Di»   innemennes   ist   der    mensch 
allein  wartende  nach  sime  tode,  als  du  schritt  seit.  5 

Entwurt:    Daz  ist  war  nach  einer  wirigen  und  volko-[143^] 
mener  besitzunge.  aber  nüt  nach  einem  vorversüchennc,  niinr  und  me. 

Ein  frage:    Wie   ist  es   al)cr   umb  daz  mitwurken  des  men- 
schen mit  gotte? 

Entwurt:  Daz  da  von  gesprochen  ist,  daz  ist  nit  ze  verstenne  lo 
nach  Mo/.scr  hellunge,  als  du  wort  hellent  nach  gemeiner  rede,  es 
ist  ze  nemenne  nach  der  ent;:angunge,  da  der  mensch  im  selber  nüt 
ist  l)lil)en  und  sich  in  daz  eine  hat  vergangen  und  eins  ist  worden; 
und  da  wurket  der  mensch  nüt  als  mensch.  Und  us  disem  grunde 
ist  ze  vcrstenne.  wie  dirre  mensch  in  imc  hat  alle  kreatiiren  in  eini-  15 
keite  und  alle  wolluste,  ja  dennoch,  die  man  hat  in  liplicben  werken, 
ane  liplichü  und  geistlichü  werk,  wan  er  ist  es  selber  in  der  vor 
gesprochenner  einikeit. 

Und  merk  hie  einen  underscheit.  Die  alten  naturlichen  meister 
giengen  dien  natürlichen  dingen  nach  allein  in  der  wise,  als  sii  sint  20 
in  ir  natürlichen  Sachen,  und  also  sprachen  sü  och  dar  von,  und 
also  smakten  sü  inen  und  nit  anders,  (hieb  die  götlicb  kristan 
nuMster  nnd  gemeinliche  die  lerer  und  heilig  lüte  nement  du  ding, 
alse  sü  von  gotte  sint  us  getlozsen  und  den  menschen  nach  sinie 
natürlichen  tode  wider  in  brin^zent  mit  deme,  daz  sü  hie  in  sinem  25 
willen  lebent.  Aber  disü  ingenomnü  menschen  nement  von  über- 
swenker  inneblibendfr  einikeite  sieh  und  rllü  ding  als  ie  und  ewklich. 

Ein   t'ra^e:   Ist  kein  anderheit  da? 

Entwurt:  Ja,  der  elit  es  reht  hat,  der  weis  daz  und  erkennet 


))  (Irm  [ilorl  <'  7  v«'rM'i(li»'iiii«-  -V  lo  da  >«»i-  S  12  nüt]   nü  V 

Ui  vonlrii  .1  ^20  jilN'iiiJ  aUcm  X  25  (Iriiu- /«/<//  ^  20  f.  üborswenkigrei  IhS 
2^  .hl  J.iili  li  2!»  rs  .-ht   cy 

f.innlf/-',  .,'t  yrfUc'"  idf.ijh'iti'yi .  vjK  Au<i>isi .,  de  Irin.  XJ  \\  LS  H.  :J4.2Ö  :  Jitt'" 
iiftrd-is.  JJe  dil.  l)r  il  .•■■.  ;'>  i.sjc  cfflci  deircnvl  i sH :  Th'nitns.  Jn  3  *Seni.  disf,  H4 
ff.  1  o.  1 :  r.^'.lmrt  j.'fh'.:'»:  :J4n.l': :  :-;i.-jnf'.:  /»/././''..>  //.  ö.:  rjf.  Vita  ;.'.;,::, 
Aii<t'i'.>rhrln  r  nh- r  di-.'-r  J.'/nr  hei  Jfcuiflt:  :'>  / 1  A.  1:  />/,''  A.  :J :  (let'A.  Itrna 
X\\VIIJ.:  Xl.y f.:  idnr  ihr.  f' rm/dln,/:/'  f>*i  Pinnirsius  rt}?.  li,  K'tch, 
}'svn'h,di".oisin^    J!jOf.    H'O j}'.  \{\  imTlivl.    lii'"i'<t«'l-,    r(jL  Si'.fJS, 


Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  V.  345 

sich  kreature,  uit  gebrestlich,  mer  voreintlich;  und  do  er  mit  waz, 
do  waz  er  daz  selbe  unvereiDCt. 

Ein  frage:  Waz  ist  daz  gesprochen:  do  «r  nüt  waz,  do  waz 
er  daz  selb? 
5  Entwürt:   Es  ist,  daz  sant  Johans  sprichct  an  sinie  ewau- 

gclio:  „daz  geworden  oder  geschaffen  ist,  daz  waz  in  im  daz  leben." 
Ein  frage:  Wie  mag  nu  dis  bestan  in  der  warheit,   wan  es 
hillet,  als  ob  du  sele  zwei  iht  si,  geschaffen  und  ungeschaffen?   Wie 
mag  daz  sin,  wie  mag  der  mensch  kreature  sin   und  nüt  kreature? 

10  Entwürt:   Der  mensch    mag  nüt  kreature   und   got  sin  nach 

unser  rede,  mer  got  ist  drivalt  und  eins;  also  mag  der  mensch  in 
etlicher  wise,  so  er  sich  in  got  vergat,  eins  sin  in  dem  verlierenne 
und  nach  usserlicher  [143^]  wise  schowende  niessende  sin,  und  des 
gliel).     Und   des   gib   ich   ein   glichnüst.     Daz   öge  verlüret  sich  in 

15  sincm  gegenwärtigen  sehenne,  wan  es  wirt  eins  an  dem  werke  der 

gesihte  mit  sinem  gegenwurfe,  und  blibet  doch  ietweders,  daz  es  ist. 

Ein  frage:  Wer  ie  die  schrift  bekande,  der  weis,  daz  du  sele 

in  dem   nihtc   eintweder  müz  überförmet  werden  ald  aber  ze  nihte 

werden  nach  dem  wesenne;  und  daz  ist  hie  nüt  also. 

"20  Entwürt:  Dü  sele  blibet  iemer  kreature,  aber  in  dem  nihte, 

so  si  da  ist  verlorn,  wie  si  denne  kreature  si  oder  daz  niht  si,  oder 
ob  si  kreatur  si  oder  nit,  des  wirt  da  nütznüt  gedaht,  oder  ob  si 
sie  vereinet  oder  nit.  Aber  da  man  noch  Vernunft  hat,  da  nimet 
man  es  wol,  und  dis  blibet  dem  menschen  mit  einander. 

25  Ein  frage:  Hat  dirre  mensch  noch  daz  beste? 

Entwnirt:  Ja,  nach  der  wise,  daz  im  daz,  daz  er  hat,  nüt 
wirt  benomen,  und  ein  anders,  ein  bessers,  gegeben.  Er  wirt  daz 
selb  nie  und  hiterlicher  verstende,  und  blibet  im  daz.    Aber  er  kam 


9  und  nüt  k^  sin  S  10  kreatur  sin  und  got  [sin]  7?  15  wan]  und  *S 
16  ietvveder  B  17  le  fehlt  C  der  gescbrift  A'  bekennet  C  21  f.  oder 
ob  —  gedabt  fehlt  C        23  vereint  sie  kS        25  besten  A' 

1  Vor  seiner  Erschaffung  war  er  als  Idee  in  Gott  Gott  seihst  und  des- 
fuilb  unvtrtint,  5  f.  Joh,  1^3 f.    Vgl.  Vita  186,9,  11  ft".    Die  Seth  ivird 

,.in  etlicher  Weise''  (dieselbe  Limiticrung  begegnet  öfters  auch  bei  Tauler,  vgl, 
Deniße  JJvga  XXXVII f.),  d.h.  von  Gnaden,  nicht  von  Natur,  eins  mit  Gott, 
sie  verliert  ihr  Weseyi  nicht  und  ist  mit  ihren  eigenen  Kräften  tätig  (vgl.  oben 
33G.:Hf.  und  Vita  166Jff.:  189,10  ff.).  Das  GlHchnis  vom  Auge  ist  nach  Ari" 
stoteUs,  De  anima  f  ^,4'Jö  b  :J(J :  vgl.  431  a  1:  431  b  :*ii ;  (ihnlich  auch  Bernar- 
dus,  s  rmo  31  in  Cant.  n.  2.3  und  KcJchari  193,1  ff.  22    Vgl.   Vila  189,11  ff. 

und  Deniße  544  A.  1. 


34»)  Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  V. 

noch  uut  dar  mit  disein  allem,  da  von  gesprochen  ist,  nach  dem  us- 
schlage.  Sol  er  dar  komen,  so  niftz  er  sin  in  dem  gründe,  der  ver- 
borgen lit  in  dem  vor  genemten  nihte.  Da  weis  man  mit  von  nute, 
da  ist  nit,  da  ist  och  kein  da;  waz  man  da  von  redet,  so  verhonet 
man  es.  Nochdenn  so  ist  dirre  mensche  sin  nut,  in  dem  im  blibet  5 
dis  alles  nach  dem,  als  vor  geredet  ist. 

Ein  frage:  Des  bewise  mich  bas! 

Entwürt:  Die  lerer  sprechen t,  daz  der  sele  selikeit  lit  ze 
vorderlichest  dar  an:  so  si  schowet  got  bloz,  so  nimet  81  alles  ir 
wesen  und  leben  und  schepfet  alles,  daz  si  ist,  als  verre  si  selig  ist,  10 
von  dem  gründe  dis  nilites,  und  weis,  nach  disem  anblike  ze 
sprechenne,  von  wissenne  nüt,  noch  von  minne,  noch  von  nute  alze- 
male.  Si  gestillet  ganz  und  alleine  in  dem  nihte  und  weis  nit  denue 
wesen,  daz  gor  oder  daz  nit  ist.  So  si  aber  weis  und  bekennet,  daz 
si  daz  niht  weis,  schowet  und  bekennet,  daz  ist  ein  usscblag  und  15 
ein  widerschlag  us  disem  ersten  uf  sich  nach  naturlicher  ordenunge. 
Und  wan  disu  innemunge  us  der  selben  adren  getrnngen  ist,  hier 
umb  so  macht  du  verstan,  wie  es  sich  gruntlich  haltende  ist. 

Ein  frage:  Ich  verstünde  es  gerne  noch  baz  us  der  warheit 
der  Schrift.  20 

Entwürt:  Es  sprechent  die  lerer:  swenne  man  bekennet  die 

1  allem]  allein  C  2  da  sin  S  5  mensche  fehlt  S  6  geret  B 
8  sele  fehlt  C  9  öchowent  C  nimet]  minnet  B  10  u.  leben  fehlt  C 
12  minnen  C        16  f.  und  [ein]  B        21  Augustinus  vor  swenne  K 

1  f.  usschlag  (v(jl.  Vita  169^13)  =  exitus  hei  Thomas  (De  verit.  q,  J2  a. ;? 
ad  :j),  d.  i.  das  Wiederzusichkommen  des  Geistes,  auf  das  der  widerschlag  (Z.  16) 
=  redituSj  die  Befle.don  folgt.  Den  Vorgang  schildert  anschaulich  der  hl.  B^m^ 
hard,  sermo  41  in  Cant,  n,  3:  De  dil.  Deo  10  n.  U7.  5  Der  Mensch  ist  seiner 

selbst  ungewaltig  (vgl.  die  zu  Vita  18tiyl3  ff,  zitierte  Stelle  aus  Richard  von 
St.    Viktf/r).  8  ff.   />  ist  hier  die  Bede  ron  der  höchsten  Kontemplations- 

stufe  (unio  sea  mors  mystica,  matrimoniam  spirituals):  vgt.  darüber  die  Anm. 
zu  Vita  Ibyjy  ff.  und  besonders  Deniße  045  A.  5:  546  A.  2;  ders.^  Brga  XL  VL 
Albertus  M.y  De  adhaer.  Deo  6  (ed.  Sailer  Q41):  et  sie  transformatur  quo^ 
dammodo  in  Dennis  quod  nee  cogitare  nee  intelligere  nee  amare  nee  memorart 
potest,  nisi  Deum  juiriter  et  de  JJeo.  Eckhart  4U1,7  f.:  so  diu  abegescheidenheii 
kumet  üf  daz  höchste,  so  icirt  si  ron  erkennen  kennelös  und  von  minne  y/itMiie- 
los  unde  von  lichte  vinster :  ö(hi^5:  si  (diu  sHe)  sol  so  gar  ze  nihte  werden  an 
ir  selben,  daz  da  niht  enbllbe  dun  got;  ähnlich  auch  500,8;  5(JS,1;  50y,14ff.; 
5Vj,.*öff,  lüf.    Vgl.  Bernardus,  sermo  Ü3  in  Cant.  n.  16:  hie  vere  quiescitar, 

tranquillus  Daus  tranquillat  omnia.  21  ff.  Augustinus,  De  Gen.  ad  lit,  IV.ii2 

n.  'jüff.:  rgl.  Comp.  theoL  verit.  VJI,  'Jfi  und  Kckharl  ;>63ji?:Jff.;  die  Lehre 
Dietrichs  ron  Vrdbtrg  bei  Krebs  a.  a.  t>.  i/o*. 


Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  V.  347 

kreature  [144']  in  sich  selber,  daz  heisset  und  ist  ein  abcntbe- 
kentnisse,  wan  so  siht  raan  die  kreature  in  bilden  etlicher  under- 
scheide;  so  man  aber  bekennet  die  kreature  in  gotte,  daz  heisset 
und  ist  ein  mörgenbekentnisse,  und  so  schSwet  man  die  kreature 
5  ane  allerley  underscheit,  aller  bilden  entbildet  und  entglichet  aller 
giicheit  in  dem  einen,  daz  got  selber  in  sich  selber  ist. 

Ein  frage:   Mag  sich  der  mensch  dis  nibt  verstau  in  disem 
zite? 

Entwurt:  Nach  geistes  wise  verstau  ich  nit,  daz  es  mugsin; 
10  aber  nach  der  vereinter  wise  so  verstat  er  sich  vereinet  in  dem,  da 
sich  dis  niht  nüsset  und  geberlich  ist.   Dis  ist  wol,  so  der  lip  uf  der 
erde  ist  nach  gemeiner  rede,  aber  der  mensch  ist  über  zit. 

Ein  frage:  Weder  geschiht  du  vereinunge  der  sele  mit  dem 
wesen  der  sele  ald  mit  ir  kreften? 
15  Entwurt:  Daz  wesen  der  sele  wirt  vereinet  mit  wesenne  des 

nihtes,  und  die  krefte  der  sele  mit  werken  des  nihtes,  die  werk  daz 
niht  hat  in  im  selben. 

Ein  frage:   Ob  5ch  dem  menschen  sin  gebresten  enphallen, 
ald  ob  er  keinen  gebresten  müge  dar  nach  erzögen,   so  er  sich  er- 
20  kennet  nochdenne  kreature,   nit  in  gebrestlicher  wise,   mer  in  ver- 
einter wise? 

Entwurt:  Als  verre  der  mensch  im  selber  blibet,  als  verre 
mag  er  gebresten  üben,  als  sant  Johannes  sprichet:  „nemen  wir 
uns  des  an,  daz  wir  mit  sünde  haben,  so  triegeu  wir  Ans  selb  und 
25  ist  kein  warheit  in  üns.^  Aber  als  verre  der  mensch  im  selb  nut 
hübet,  als  verre  würket  er  nit  gebresten,  als  och  sant  J oh  ans 
sprichet  an  siner  epistele,   daz  der  mensch,   der  us  got  geborn  ist, 


2  bilder  B  6  ist  fehlt  B  7  niht  f$hlt  B  9  ich]  iht  S  daz  daz  B 
15  wirt  ver.  —  16  sele/e«^  C  16  und  —  nihtes  fehlt  S  17  niht]  nihtes  ABS 
19  erzugen  A  erzügen  BC       24  betriegen  C       25  nüt]  mit  C       26  nit]  mit  C 

10  nach  der  vereinter  wise  =  in  der  Vereinigung  mit  GotU  Die  Mystik^ 
reden  sonst  von  „überfomUer^   Weise  (transformatio  mystica),  15  ff.   VgL 

Eckhart  525,24  ff, :  diu  Glichen  dinc  (daz  ist  ir  geschaffenheit  an  den  kreften) 
diu  blibent  üf  den  persönen,  und  daz  blöze  wesen  wirt  enpfangen  von  der 
blozen  einekeit  gotes  äne  widerfliezen.  Über  die  Lehre  vom  Wesen  der  Seele 
oder  Seelengrund  (vgl.  Vita  164,14)  Denifle  in  Hist.'poL  Bl,  75,  785  und  Krebs 
a.  a,  0.  136  ff,,   70*  ff,,  219* y  222*.  23  I  Joh,  1,8,  26  ff.  Joh.  3,9.  — 

Die  mit  Gott  vereinigte  Seele,  lehren  die  Mystiker,  wirke  non  humana  simpli- 
ciier,  sed  quodam  modo  divina  (Thomas,  In  3  Sent,  dist.  34  q,  1  a,  1),  und  für 
den  Augenblick  der  Vereinigung  sei  ihr  die  Sünde  unmöglich.  Weiteres  bei 
Denifle  548  A.  7 ;  549  A,  2;  ders.  in  Zfda  24,  502  und  Bvga  XL  VII. 


348  Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  V. 

entut  nit  süude,  uoch  übet  uit  gebresten,  wan  der  götlich  samc  hübet 
iu  ime.  Und  dar  unib  dem  nienscheu,  dem  hie  rebt  bescbiht,  der 
würket  uiemer  werk  nie  denne  ein  werk;  wan  es  ist  ein  geburt  und 
ein  grünt,  ja  nach  vereinange. 

Ein  wider  werfen:   Wie  mag  daz  bestan,   daz  der    mensch   5 
nit  me  wiirke  denn  ein  werk?   Xu  hatte  doch  Cristus  zwivalt  werk. 

Entwürt:  Ich  achte,  daz  der  mensch  nit  me  würke  denn  ein 
werk,   der   nit  sehens   hat  zu  keinem  werke,   n&wan   als   du    ewige 
gehurt  es  würket.     Gebere  got   »inen   sun  nit  ane  nuderlaz,  Cristus 
hette  naturlich  werk  nie  gewürket.   Da  von  alite  ich  es  nit  wan  ein  10 
werk,  man  welle  es  denne  nemen  nach  menschlicher  verstentnüst. 

Ein  w  i  d  c  r  w  e  r  f  e  n :  Nu  sprechent  doch  die  heidenscheu 
mcister,  daz  enkein  ding  [144'']  entsetzet  wirt  siner  eigener  wür- 
kungc. 

Entwürt:    Der  mensch  wirt  nit  entsetzet  siner  eigenen  wür-  13 
kunge,  nier  si  blibet  da  unangesehen  nach  der  wise. 

Ein  frage:  Ob  du  kreatürlichü  werk,  die  dem  menschen 
blihent  ze  würkenne,  weder  er  du  si  würkennde  ald  wer? 

Entwürt:  Sol  der  mensch  komen  zfi  dem  vordem,  so  inözer 
tot  sin  der  widergeburt,  die  in  im  ist,  und  du  selb  widergeburt  niAz  20 
erstanden  sin.  Als  wie,  daz  merke.  Alles,  daz  in  uns  kumet,  wan- 
uan  daz  ist,  wirt  es  niit  in  uns  anderwerb  geborn,  so  ist  es  uns  nüt 
nütze.  l)ü  widergcl)urt  ist  so  frömde  und  hat  so  wenig  me  ze  tüne 
mit  dem  libe  nah  ir  urstendi,  daz  du  nature  würket  in  dem  men- 
schen als  in  eime  vernünftigen  tiere  solichü  werk,  du  zfi  dez  men-  25 
sehen  lebenne  höreiit,  und  hat  der  mensch  neiswie  nüt  me  ze  timne, 
ja  in  würkonder  wise,  als  er  hatte  vor  siner  urstendi;  mer  in  be- 
sitzonler  wiso  so  würket  es  disü  werk.    Und  dez  nim  ein  glichnisse 


10  hette]    liat  K        11  m<Mis<'lii.]   njitiirlifhrr  C        15 f.  Entw.  —  wörk. 
f-hU  CN        IS  si  zo  wi'irkriKh'  C        22  ainh-nvi-it  s        25  drz]  deui  X         26  tre- 

h5ri-iit    n         28  rs]  er  .V 

12  I".    Arisfofvl  s.   I)c  culIu  fi  .V<so'  (f  .s,   rt/l.    Tltomas.  S,  Th.  1  q.  lO't  tt.  Ct, 
15  t.    Iiit    ]V'trl's(nnl:.H  thr  S  dcuL-vilft     i-'^f    '^i    der  höchsten  Koittcmithitinn 
i.iihi  au/tjch"i„  lt.    is  /intcrfth  iht    nur   dv'  Ktjie.iiun    (iorüher,     VijL   iJeiiijle  Ctoa 
A.  :J  iiinl  Kr.lts  a.  a.  (K   /T".  ,Vi^-    mit    liiUiint   (tus   Tht^nna;  u.  ü,  19  ft".    It^r 

fnlijemh:  A/isrhuitf  }it\tit  dmi  Wrslündiiis  i/ritssi  •^chiri^rigkeii.  iWjc/*  J)inifU 
c't.'tl  A.  'i'  iutiLr,^(h:.id  i  .s\.ufi<.-  t:i',,t.  rein  nnii'rliclir  Wiedinjjnirt,  die  der  ^.leuyvh 
ni'tdiiii  Ticrt  li'.in^in  hat.  unl  eint  i/i'^tlicht.  nt>  runturhchi,  die  in  der  uiithattn 
Antirnrt  trhl-irt  nir^l,    \\(fi.aKih  Prtjr r  IL  :>:■'>'>.  .'J'ji.i  f.  25  veni.  tier  =  aui' 

iiifil  rntiimah.  27  i.  in  lM;<itz.  wi-»!'  =  /i'if'/f't':h'i:r.  28  es  =  daz   v.  tii*r. 


Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  V.  349 

an  dem  gebranten  wine:  der  hat  nit  minre  materilicheit,  ein  kref- 
tiger  und  stiller  uswürken,  denne  der  win,  der  in  siner  ersten  ge- 
burte  ist  bliben. 

Ein  frage:  Gib  einen  underscheit  z wüschen t  der  ewigen  ge- 
5  biirt  und  der  widergeburt,  die  in  dem  menschen  ist! 

Entwürt:  Die  ewigen  geburt  heiss  ich  die  einigen  kraft,  in 
der  ellu  ding  und  aller  dingen  Sachen  hein,  daz  su  sint  und  daz  sä 
Sachen  sint.  Aber  die  widergeburt,  du  deme  menschen  allein  zu  ge- 
höret, heis  ich  ein  widerlenken  eins  ieklichen  dinges,  daz  gevellet, 
10  wider  in  den  Ursprung,  ze  nemenne  nach  dez  Ursprunges  wise,  ane 
alles  eigen  anesehen. 

Ein  widerw  erfen:  Waz  würkent  denne  die  wesüchen,  natür- 
lichen Sachen,  von  dien  die  natürlichen  meister  schribent? 

Entwürt:  Sü  würkent  natürlich  alles,  daz  du  ewig  geburt  in 
15  dem  menschen  würket   in  irem  geberenne,   aber  in  dem  gründe  ist 
hie  von  nüt  ze  sagenne.  . 

Ein  frage:  So  du  sele  in  der  innemunge  vergat  nach  bekent- 
nüsse  und  aller  ir  kreatürlichen  gebruchunge,  waz  ist  daz,  daz  denne 
her  US  lüget  nach  usrichtunge  der  usseren  Sachen? 
20  Entwürt:  Alle  die  krefte  der  sele  sint  ze  krank,  daz  sü  mu- 

gin  komen  in  diz  niht  nach  solicher  wise,  als  da  vor  geseit  ist;  aber 
nochdennc,  so  man  in  disem  nihte  sich  also  verlorn  hat,  so  würkent 
die  krefte  daz,  daz  ir  Ursprung  ist. 

Ein  frage;  [Hö'']  Wie  ist  daz  verlieren  gestalt,  in  dem  sich 
25  der  mensche  in  gotte  verlüret? 

Entwürt:  Hast  du  mich  eben  gemerket,  so  ist  es  dir  vor  gar 

eigenlich  gezoget,   wan  wenne  der  mensch  im  selben  also  wirt  ent- 

nomen,  daz  er  weder  von  sich  noch  umb  nüt  niht  waiz  und  ze  male 

gestillet  in  dem  gründe  des  ewigen  nihtcs,  so  ist  er  wol  verlorn  im 

30  selber. 

Ein  frage:  Ob  der  wille  zergange  in  dem  nihte? 
Entwürt:  Ja,  nach  sinem  wellende,   wan  wie  fri  der  wille 
ist,  so  ist  er  alrerst  fri  worden,  wan  er  bedarf  nit  me  wellen. 


8  f.  zu  gehorent  ABC  17  dii]  disil  C  23  ir  fehlt  S  26  mich] 
mit  S       27  erzeiget  B        32  wellende]  willen  C       33  werden  C 

13  die  natürl.  meister  =  die  Philosophen,  besonders  AristoteleSj  im  Unter- 
schied von  den  Meistern  der  ^göttlichen  Kiinst^,  den  Theologen;  vgl.  Denifle 
Bcga  iiOS,  Ib  Zu  in  dem  gninde  ergänze:  des  Xichtes. 


350  Büchlein  der  Wahrheit    Kap.  V. 

Ein  wider  werfen:   Wie  mag  dem   menschen  sin  wille  zer- 
gan?  Cristo  beleip  sin  wille  nach  wellender  wise, 

Entwürt:  Dem  menschen  vergat  sin  wille  nach  dem  wellende, 
daz  er  wil  usser  eigenschaft  würken,  uu  dis,  nn  daz;  und  hie  hat 
er  nit  werk  soliches  wellendes  in  gebrestlicher  wise,  als  da  vor  ist  6 
geseit,  mer  sin  wille  ist  fri  worden,  also  daz  er  nit  me  denne  ein 
werk  würket,  daz  er  selber  ist  nach  vereinter  wise,  und  ane  zit 
würket.  Mer,  der  es  nimet  nach  unser  rede,  so  wil  er  nihteznit 
Abels  würken  und  wil  ellü  gfiten  ding;  aber  eigenlich  so  ist  alles 
sin  leben  und  wellen  und  würken  ein  stlllü  unberürtü  friheit^  die  lö 
sicher  ane  allen  zwifel  sin  enthalt  ist;  und  denne  ist  er  sich  haltende 
in  geberlicher  wise. 

Ein  wider  werfen:   Der  usbruch  dez  willen   ist  nüt  in  ge- 
berlicher wise. 

Entwürt:  Dirre  wille  ist  vereint  mit  gütlichem  willen  nnd  ist  16 
nut  wellende,  denne  daz  er  selber  ist,  als  vil  daz  wellen  in  gotte 
ist.  Und  daz  vor  gesprochen  ist,  daz  ist  nit  ze  verstenne  nach  einer 
insetzunge  sin  selbs  in  got,  als  es  gemeinlich  hillet,  es  ist  ze  ne- 
raenne  nach  entsetzunge  sin  selbs,  wan  der  mensch  wirt  so  ^ar  ver- 
einet, daz  got  sin  grünt  ist.  äO 

Ein   frage:    Ob   dem   menschen   blibe  sin  persönlich   ander- 
scheiden  wescn  in  dem  gründe  dez  nihtes? 

Entwürt:  Dis  ist  alles  sament  ze  verstenne  allein  nach  des 
menschen  nemunge,  in  der  nach  dem  inswebenden  inblike  in  ent- 
wordenlicher  wise  diz  und  daz  unangesehen  ist,  nüt  in  der  wesnnge,  25 
in  der  ein  icklichs  blihet,  daz  es  ist,  als  saut  Angnstinns  sprichet: 
la  Valien  dis  und  daz  gftt  in  verahtungc,  so  blibet  Iftter  gftti  in  sich 
8 webende  in  siner  blozsen  witi,  und  daz  ist  got. 

Ein  frage:  Der  mensch,  der  sich  verstat  daz  niht,  von  dem 
gesprochen  ist,  in  gebruchl icher  wise,   blibet  diz  dem  menschen  al-  90 

wegent? 


5  brestenlichcr  C  7  ane]  alle  li^S  in  «  11  sicher]  sich  B  12  ber- 
licher  C  trebrnlichcr  S  i:)f.  berlicher  C  16  als  v.  als  daz  B  17  sprechen  Ä" 
18  in  jj^-ot  -  10  selbs  fefiU  K  25  wes^nutife  (!)  A'  26  Augustinus  auch  am 
Bande  A        27  liiter  j^^t  li        29  verstat]  uer«!)  A' 

5 f.   V(jl  oben  347,:>:iff,  11  f.   Kr  wirkt  dann  die  Werke  Gottes, •  vgl. 

oben  347,Ütiff,  26  De  trin.  VII L  3  n,  4. 


Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  V.  351 

Entwürt:   Nein   es  in   gebruehlicher  wise,    mer  es  blibet  in 
einer  [Mö""]  behaltlicher,  unverlorner  wise. 

Ein  frage:  Oder  irret  daz  usser  daz  inre  üt? 

Entwürt:   Weren  wir  usser*  zite  nach  dem  übe,   so  w^ere  es 

5  minre  hindrunge  verre  nach   etlicher  wise   an  hunger,  erbeite   und 

och  anders;  aber  die  usser  geistliche  schowunge  irret  nüt  daz  inre, 

da  si  in  friheite  ist.     Ouch  geschihet  es  underwilent,  so  die  nature 

ie  näher  getrungen  wirt,  so  dfi  götliche  warheit  ie  richlicher  stat. 

Ein  frage:  Wannen  kumet  swarmütikeit? 
10  Entwürt:    So    sölich   ding  nit    kumet  wan   von   natürlichen 

Sachen,  und  der  mensch  inwendig  fri  ist,  so  enahte  sin  nüt,  es  zer- 
gat  mit  dem  übe.  Were  aber  daz  inre  da  mit  vermischet  von  gründe, 
dem  were  nit  rehte. 

Ein  widerwerfunge:  Du  schrift  der  alten  e  und  der  nüwen 
15  US  dem  ewangelio  lühtet,   wie   man   in   zit  dar  zu  nüt  mug  komen, 
daz  geseit  ist. 

Entwürt:  Diz  ist  war  nach  besitznnge  dez  selben  und  voller 
bekennunge ;  wan  daz  er  hie  versuchet,  daz  ist  alles  dort  volkomen- 
lieber,  wie  es  daz  selb  ist,  und  für  verstände  mag  es  sin  uf  erden. 
20  Ein  frage:   Ein  mensch,   der  sin  ewiges  niht  beginnet  ver- 

stau, nüt  von  übertreffender  kraft,  mer  allein  von  hören  sagenne, 
alder  ane  daz  von  ingetragnen  bilden,  waz  ist  dem  ze  tünne? 

Entwürt:   Der  mensche,   der  noch  nit  so  vil  verstat,   daz  er 

weis  übernatürlich,   waz  daz  vor  gesprochen   niht  ist,   da  ellü  ding 

25  werdent  inne  vernihtet  nah  ir  selbs  eigenschaft,   der  laze  ellü  ding 

sin,  als  sü  sint,  waz  im  für  kumet,  und  halte  sich .  an  die  gemeinen 

lere   der   heiligen   kristenheit,   als   man   sihet  vil   guter   einvaltiger 


5  erbeiten  C  6  irrüt  A  7  da]  das  C  19  es]  er  ACS  für  ver- 
standen  B  fürverstend  S^fa  erde  AK  20 f.  beg.  verstan]  verstat  B  22  [al] 
der  [ane  daz]  C       24  wisz  K        26  im]  m  JT        27  guter  fehlt  K 

1  Die  Wirkungen  der  mystischen  Vereinigung  sind  der  Seele,  wenn  sie  treu 
bleibt,  unverlierbar  (habitualiter)  eigen,  aber  nicht  in  geniessender  Weise  (actua- 
littr):  vgl.  Denifle  651  A.  1  und  Ries  a.  a,  0.  3(X)  A.  4,  9  Vgl  Vita  62,1  ff. 

19  für  verstände  =  über  Verständnis,  oder  =  anstatt  des  Verständnisses. 
Denifle  (nach  B):  vorher  verstanden,  21  von  übertreff.  kraft  =  infolge  der 

göttlichen  Kraß.  23flf.   Die  Mystiker   betonen,  dass  die   Gnade  der  Be* 

schauung  nicht  durch  eigene  Bemühung,  sondern  nur  durch  Geschenk  Gottes 
erreichbar  sei :  nicht  alle  sind  daßu  berufen.  Vgl.  Bemardus,  sermo  87  de  div, 
n,3:  sermo  3  in  Circumcis,  n,  10;   Taulers  Lehre  bei  Denifle,  Bvga  XXVI  f, 

26  f.   Vgl.  Eckhart  498,22  f 


352  BUchlein  der  Wahrheit.    Kap.  VI. 

menscben,  die  in  loblicher  heiiikeit  lendent,  dien  doch  hier  zfi  n&t 
ist  gcrüffet.  Aber  ie  näher,  ie  besser.  Ist  im  aber  worden  der 
sicher  punct,  da  halt  er  sich  an,  und  ist  nf  dem  rehten  wege;  wan 
der  pnnct  haltet  sich  mit  der  heiligen  schrift.  Anders  dnnket  mich 
sorgklich  ze  tunue,  wan  der  sich  hier  inne  versummet,  der  verget  6 
sich  eintwcder  in  unledikeit,  ald  geratet  aber  dik  in  ungeordent 
friheit. 


VI.  Kapitel. 

Uff  >i'elcu  puncten  dien  menschen  gebristet,  die  valsche 

friheit  furent.  lö 

An  einem  lichten  sunncntage  do  sazz  er  eins  males  in  gezogen 
und  verdaht,  und  in  der  stilli  sins  gemüles  begegnet  ime  ein  ver- 
nünftiges bilde,  daz  waz  subtil  an  sinen  werten  und  waz  aber  un- 
geübet  an  sinen  werken,  und  waz  usbrüchig  in  flogierender  richheit. 
Er  hftb  an  und  sprach  zft  im  also:  „wannen  bist  du?"  Es  sprach:  15 
„ich  kam  nie  dannen."  Er  sprach:  „sag  mir,  waz  bist  du?"  Es 
sprach:  „ich  bin  nilit."  [146']  Er  sprach:  „waz  wilt  du?"  Es 
antwürtc  und  sprach:  „ich  wil  nüt."  Er  sprach  aber:  „dis  ist  ein 
wunder;  sag  mir,  wie  heizsest  du?"  Es  sprach:  „ich  beisse  daz 
namelos  wilde."  20 

Der  junger  sprach:  Du  mäht  wol  heissen  daz  wilde,  wan 
diuü  wort  und  antwürtc  sint  gar  wilde.  Xu  sag  mir  eins,  des  ich 
dich  frage:  wa  lendet  din  bescheidenheit? 

Es  sprach:  In  lediger  friheit. 

Der  junger   sprach:    Sag  mir,    waz   heissest   du   ein   ledige 
friheit? 

Es  sprach:  Da  der  mensch  nach  allem  sinem  mbtwillen  lebet 
sunder  anderheit,  ane  allen  anblik  in  vor  und  in  nach. 


2  im]   in  .S'         S  liiilt]    hab  C         [und]    do  ist  er  C         9  VII  rot  nach 

fnront  .l.V       12  in  [der]  stiller  ('       14  floriciTde  C       15.16  Es]  er  C  18  ant- 

wurtot  Ji        22  gar  fehlt  AJiS        des]   daz  //         23  fragen  wil  S  25  Der 
junger        2(>  friheit  fthlt  KX 

9  f.    Vgl.    Jirga    Iti  ff. :    Unferacheit    hu  ehr    //oilicher  friheit    und    ungt» 
onhnttr  fn'heii.  27  f.  (remeint  ist  die  tibtrtinistische  Lehre  dtr  Bruder  de» 

freien  Geistes.  —  sunder  anderheit  =  ohne  zwischen  Gott  und  der  Welt  tmem 
Untti'schied  ::u  muchcn. 


Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  VI.  353 

Der  junger  sprach:  Du  bist  nüt  uf  dem  rehten  wege  der 
warheit,  wan  sölichä  friheit  verwiset  den  menschen  von  aller  seli- 
keite  und  entfriet  in  siner  waren  friheit;  wan  swem  underscheides 
gebristet,  dem  gebristet  ordenunge,  und  waz  ane  reht  ordenunge  ist, 
5  daz  ist  böse  und  gebreste,  als  Cristus  sprach :  „der  sünde  tut,  der 
ist  ein  kneht  der  sünde".  Aber  wer  mit  einer  luteren  gewissem 
und  behütem  lebenne  in  get  in  Cristum  mit  rehter  gelazsenheit  sins 
selbs,  der  kumet  zft  der  rehten  friheit,  als  er  selbe  sprach:  „löset 
üch  der  sun,  so  werden t  ir  warlichen  fri.*^ 
10  Daz  wilde  sprach:  Waz  heissest  du  ordenhaft  ald  nüt  ordenhaft? 

Der  junger  sprach:  Ich  heis  daz  ordenhaft,  wenn  alles  daz, 
daz  der  sache  zügehßrlich   ist  von   innen  ald  von   ussen  nüt  under- 
wegen  blibet  unangesehen  in  dem  uswürkenne;  so  heis  ich  daz  un- 
ordenhaft,  weles  under  disen  vor  genanten  underwegen  blibet. 
15  Daz  wilde  sprach:   Ein  ledigü  friheit  sol  dem  allem  sament 

undergan  und  es  alles  verahten. 

Der  junger  sprach:  Du  verrftchtekeit  were  wider  aller  war- 
heit und   ist  der  falschen   ledigen  friheite  gellch,   wan   si  ist  wider 
die  ordenunge,   die  daz  ewig  niht  in  siner  berhaftkeit  hat  gegeben 
20  allen  dingen. 

Daz  wild  sprach:  Der  mensche,  der  in  sime  ewi«j:en  nihte  ze 
nihte  ist  worden,  der  weis  von  underscheide  nüt. 

Der  junger:  Daz  ewig  niht,  daz  hie  und  in  allen  gerehten 
vernünften  ist  gemeinet,  daz  es  niht  si  nüt  von  sime  nütsinde,  mer 
25  von  siner  übertreffender  ihtekeit,  daz  niht  ist  in  im  selber  aller 
niinste  underscheides  habende,  und  von  im,  als  es  berhaft  ist,  kumet 
aller  ordenlicher  underscheit  aller  dingen.  Der  mensch  wirt  niemer 
so  gar  vernihtet  in  disem  nihte,  sinen  sinnen  blibe  dennoch  under- 
scheit ir  eigennes  Ursprunges  und  der  Vernunft  dez  selben  ir  eigen 
.30  kiesen,  wie  daz  alles  in  sinem  [146^]  ersten  gründe  unangesehen 
blibet. 

Daz  wild:   Ob  man  es  denne  ze  male   nimet  niergen  denne 
in  dem  selben  und  us  dem  selben  gründe? 

Der  junger:  Der  nemi  es  uit  rehte,  wan  es  enist  nit  allein 
35  in  dem  gründe,   es  ist  och   in  im  selbe  ein  kreatürlichs  iht  hie  usse 


3  entfiert  B  8  sprach  selber  C  10.11  ordenschafft  B  ald  nüt  ord. 
fehlt  K  IB  f.  unordenschafft  B  22  wisz  A'  23  gerehten  fefüi  S  24  mit- 
sinde  S       32  nieuen  K        35  usse  fehlt  S 

5f.  Joh.  8,34,        8 f.  Joh.  8,36.        35  hie  usse  =  ausser  dem  Gottesgrunde. 

U.  Seuse,  Deutsche  Schriften.  23 


354  Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  VI. 

und  blibet,  daz  es  ist,  nud  nach  dem  so  intiz  man  es  och  nemen. 
Were,  daz  ime  engienge  sin  uuderscheid  nach  der  wesunge  als  nach 
der  nemungc,  so  möht  es  bestan;  und  des  euist  nit,  als  da  vor  ge- 
seit  ist.     Hie  von  sol  man  alweg  haben  gftten  underscheit. 

Daz  wilde  sprach:  Ich  hau  vernomen,  daz  ein  hoher  nieister   5 
si  gewesen,  und  daz  der  ab  sprechi  allen  underscheit. 

Der  junger  sprach:  Daz  du  meinest,  daz  er  allen  underscheit 
ab  sprechi,  —  nimst  du  daz  iu  der  gotheit,  daz  moht  man  ver- 
stan,  daz  er  meindi  der  personen  eins  ieklichen  iu  dem  g^runde, 
da  sü  inne  sint  iinunderscheiden,  aber  uüt  gegen  dem  sü  sich  wider-  10 
heblich  haltent;  und  da  ist  ze  haltenne  sicherlich  persönlich  under- 
scheidcnheit. 

Nimest  du  es  och  von   eins  vergangnen  menschen  entworden- 
heit,  da  von  ist  genüg  da  vor  geseit,  wie  es  ist  ze  verstenne  nacli 
der  neraunge,  nit  nach  der  wesunge.     Und   merke  hie,    daz   es  ein  15 
anders  ist  underschidunge   und   underscheidenheit,   als   kuntlich  ist, 
dnz  Hb  und  sei  haut  nit  imdersehidunge,  wan  eins  ist  in  dem  an- 
dern,  und   kein   lid    mag  leben,   daz   usgeschidet  ist.     Aber  uuder- 
scheiden  ist  du  sele  von  dem  libe,  wan  du  sele  ist  nit  der  lib,  noch 
der  lib  du  sele.     Also  verstau  ich,  daz  in  der  warheit  nüt  ist,  daz  «jo 
underschidunge   muge   han  von   deme  einveltigen  wesenne,    wan  es 
allen  wcscnne  wesen  git,  aber  nach  underscheidenheit,  also  daz  daz 
gotlich  wesen  nit  ist  des  Steines  wescn,  noch  des  Steines  wesen  daz 
götlicb  wesen,    noch  kein  krcature  der   andern.     Und  also   meinent 

1  oi:li  fdih  >)  3  (It'sj  daz  11  6  fali]  sprechi  C  9  eius]  ainer  K 
ii'WvY  X  10  iindorschi'id»'!!  CK  du  sich  A'  13  och]  joch  K  15  ne- 
muujj:]  nioiiiuii*r  'V  IH.17.21  uiHUTscheidunire  .SN  17  iinderscheiduuire  B 
18  glide  li  usireschcidcn  7>A  22  und«'rschoiduiige  li  23  f.  [daz]  srot- 
liclics  wesen  li 

2  f.  T///.  oben  .'ii'tO,:Jo  Jf.  5  Meister  Krkhart:  vgl.  unter  stinai  vtr^ 
LirteilUn  t^älccn  (Archiv  IL  ii:iS  f.,  (ibSt  Xr.  :*:;  und  :J4  ( von  Gott),  10  und  13 
{rom  „rtTf/oftelew^  Mensclun).  y  /'Jn/äiiiv  jiach  lueiiidi:  unterscheit.  — 
eins  iiiklichen  =r-.  d(*s  Vaicrti,  Snhne^  und  hl.  Otisfes.  „Jede  Person  tW  einit 
mit  dirn  Wesen,  und  bctnichfif  man  nur  das  Wesen  ah  aolchefff  80  sieht  man 
Utimn  Unfirsvhi.d  in  O'ott:  diesir  tritt  aber  ulsbahl  zu  Tage,  sobald  man  die 
dniflnt-n  Persontn  bdravhttt ,  die  sich  durch  ihre  J{*'laiion*tfi  von  einander 
unt-r.srhcidtn"  ( Jjenißc  nfJu  A..'H:  r///,  f/hcn  :i:;0.'Jö  ff.  16  underschidunge 
=   l'rrnnuutj  (.'^rpurulioi,  iiiidci'scIieidL-nhcit   -.^   Verschiedenheit  (distinctio), 

20  1V.  Seuse  irklurt  hin'  die.  Lehre  C(tn  der  Itnnmnen::  und  'Transccnd^nz 
(r'iftcs  /^au.:  l'orrt'kt :  die  Scholusiihw  jit^hcn  aen-nhulich  dds  Verhältnis  von  Leih 
and  Serie  zur  V<rdcu  lichnmj  bti.     Vf/l.  iJ-'nij/e  itOL  A.  1  u.  JJ  und  Archiv  II,  497  f. 


Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  VI.  355 

die  lerer,  daz  disü  underscheideDheit  eigenlich  ze  sprechenne  nit  si 
in  gotte,  mer  si  ist  von  gotte.  Und  sprichet  über  der  wisheit  bftch: 
als  nüt  innigers  ist  denn  got,  also  ist  nüt  underscbeideners.  Und 
dar  umbe  so  ist  du  hellunge  valscb  und  disü  meinunge  gerebt. 

6  Daz  wilde  sprach:  Der  selb  meister  hat  vil  schone  geseit  von 

eiiTie  kristmessigen  menschen. 

Der  junger  sprach:  Der  meister  sprichet  an  einer  stat  also: 
Cristus  ist  der  eingeborne  sun  und  wir  nit,  er  ist  der  natürlich  san, 
wan  sin  geburt   zilet  in  der  nator,  aber  wir  sien   nit  der  naturlich 

10  sun,  und  unser  geberunge  [147']  heisset  ein  widergeburt,  wan  si 
zilet  in  einförmikeit  siner  nature;  er  ist  ein  bilde  des  vatters,  wir 
sien  gebildet  nach  dem  bilde  der  heiligen  drivaltikeit.  Und  sprichet, 
daz  ime  hier  inne  nieman  kan  gelich  gemessen. 

Daz  wilde  sprach:  Ich  han  vernomen,  er  sprechi,  ein  s61icher 

15  mensche  würke  alles,  daz  Cristus  wurkte. 

Der  junger  entwürt:  Der  selbe  meister  sprichet  an  einer 
stat  also:  der  gerehte  der  würket  alles,  daz  du  gerehtikeit  wirket; 
und  daz  ist  war,  sprichet  er,  da  der  gereht  eingeborn  ist  von  der 
gerehtikeit,  als  geschriben  stat:  „daz  von  fleische  geborn  ist,  daz  ist 

20  fleisch,  und  daz  geborn  ist  von  geiste,  daz  ist  geist."  Und  daz  ist 
allein  war,  sprichet  er,  in  Cristo,  und  an  keinem  andern  menschen, 
wan  er  hat  nit  wesen  denne   daz  wesen   des  vatters,   noch   geberer 

1  disse  underscheit  B  si]  ist  B  2  und  er  spr.  K  4  so  ist  hie  B 
nemunge  C  niemuge  S  7  einer  andren  st.  B  8  einbome  S  9.12  sint  B 
15  daz  daz  K  wurkte]  würcket  B  17  [der]  wurket  BCSa  19  von  dem 
fl.  B        22  wan]  war  S        hat  feldt  B        denne  allein  B 

2  f.  Eckhart  in  dem  von  Denifle  wieder  aufgefundenen  Kommentar  zum 
Liber  Sapientiae :  Dens  est  indistinctisaimus  ah  omni  et  quolibet  creato  .... 
Omne  quod  indistinctione  distinguitur,  quanio  est  indistinctius,  tanto 
disii nctius^  distinguitur  enim  ipsa  indisttnctione  (Archiv  II,  498).  Die 
Übersetzung  von  „indintinctius^  mit  innigers  gibt  aber  nicht  den  vollen  Begriff 
im  Sinne  Kckharts  wieder.  Vgl.  auch  Eckhart  163,3 ff.:  ez  meinet  ouch,  das 
got  ungescheiden  ist  von  allen  dingen,  wan  er  ist  in  inniger  dan  si  in  selber 
sint.  6  20.  Satz  Eckhart s:  quod  bonus  homo  est  unigenitus  filius  Dei;  vgl. 
Satz  12  u.  21  (Archiv  11^  638)  und  die  Ausführungen  Eckharts  in  seinem  Kom^ 
mtntar  zu  Ecclesiasticus  (a.  a.  0.  572  ff.,  vgl.  608,  609  f,)  und  in  Predigt  LIX 
bei  Pfeiffer.  14  f.  Vgl.  den  13.  Satz  Eckharts.  16  ff.  Seuse  lässt  Eck- 
harts Satz  nur  von  Christus  im  vollen  Sinne  gelten,  Eckhart  selbst  aber  bezieht 
ihn  in  Konsequenz  seiner  Lehre  von  der  Gottesgehurt  auf  jeden  Gerechten,  vgl. 
Äusserungen  toie:  jusius  per  essentiam,  inquantum  huiusmodi,  amat  solam  fu- 
stitiam;  iustus  ut  sie  per  essentiam  habet  iuste  agere  (Archiv  II,  608;  vgl.  die 
oben  zitierten  Belege).          19  f.  Joh.  3,6. 


356  Büchlein  der  Wahrheit    Kap.  VI. 

denne  den  himelschen  vatter;  und  dar  umb  workte  er  alles,  daz  der 
vattcr  wurket.  Aber  in  allen  andern  menschen,  sprichet  er,  so  yelet 
dis,  daz  wir  niinr  und  nie  mit  im  wurken  nach  dem,  als  wir  minr 
und  me  von  im  sien  geborn.  Und  disü  rede  bewiset  dich  eigen- 
liehen  der  warbeit.  5 

Daz  wilde  sprach:  Sin  rede  lühtet,  daz  alles,  daz  Cristo  si 
gegeben,  daz  si  och  mir  gegeben. 

Der  junger:  Daz  al,  daz  Cristo  ist  gegeben,  daz  ist  vol- 
komnu  besitzunge  der  weslichen  selikeit,  als  er  sprach:  ,,omnia 
dedit  mihi  pater,  der  vattcr  hat  mir  al  gegeben^;  und  daz  seih  10 
al  hat  er  uns  allen  gegeben,  aber  in  unglicher  wise.  Und  er  sprichet 
an  vil  stetten,  daz  er  daz  al  hat  mit  der  infleischunge,  und  wir  mit 
der  gotförmigen  vereinunge;  und  dar  umbe  hat  er  daz  so  vil  adel- 
licher, so  vil  er  sin  adellicher  enphenklich  waz. 

Daz  wilde  zoh  aber  für  und  meinde,  daz  er  ab  sprecbi  alle  l& 
glicheit  und  vereinunge,  und  daz  er  uns  sazti  bloz  und  entglicbet  in 
die  blozsen  einikeit. 

Der  junger  antwurt  und  sprach:  Dir  gebristet  ane  zwivel, 
daz  dir  nit  lühtet  der  underscheit,  von  dem  da  vor  gcseit  ist,  wie 
ein  mensche  ein  sulle  werden  in  Cristo  und  doch  gesündert  bliben,  30 
und  wa  er  vereinet  ist  und  sich  unvereinet  eins  nemende  ist.  Wes- 
lich  lieht  hat  dir  noch  nit  gclühtet,  wan  weslich  lieht  lidet  orde- 
nunge  und  underscheit,  entwiset  von  usbrüchiger  manigvaltikeit.  Din 
scharphes  gemerke  richset  mit  günlichi  dez  lichtes  der  natore  in  be- 
hender vernünftikeit,  daz  da  vil  glich  lühtet  dem  lichte  der  götlichen  25 
warheit. 

1  wurkte]  würcket  B  >\iircke  C/  '6  mit  im  —  4  me  fehü  C  4  und 
me  fehlt  S  disor  s  7  ^-eboii  B  8  al  fMf  S  9  wesentlichen  B 
13  ßfeformiijen  C  14  adellirhor  nach  waz  C  enpl'enlichen  B  20  der 
mensche  S       eins  XS\f        24  richsfuet  B        25  von  dem  liehte  K 

6  f.    V()L   den    IL  Satz  EckU-irtfi:    quivquid  JJeus  Pater  dedit  Filio  suo 
nuigenitn  in  humana  Natura^  hoc  tntnm  dedit  mihi:  hie  nihil  excipio,  nee  unio' 
tum,  ncc  sanctitatem,  sed  totum  dedit  mihi  stellt  ,sibi :  ähnlich  Pfeiffer  56,lSff. 
Of.   Joh.  ;.9,.V   («?/;/•  M(ffth.  11,  J? :  ^bjb),  11   er  spr.  =  EckhaH,   vgl 

Pfeif.:)'  l:j;.40:  r>31,31 :  G71,o:>J}\  12  er  =  Christus,  15  f.   Eckhart 

aprevlic  nicht  r<ni  Vercini</nnf/,  sondern  von  attsoluter  Einheit  und  hebe  jeden 
Unterschied  auf:   rgl,   seinen  10   ti.  i.V.  S'atfs.  26  Zu    der  vorangehenden 

indirekten  Verteidigung  Evkharts  den  Btgharden  gegenüber  vgl,  noch  Uenijle 
561  Ä.  4:  dens.  in  IIist.'))ol.  Bl.  75,  f^03  f.:  Archir  II,  013,  Seuse  nimmt  keinen 
der  inkriminierten  Sätze  .selbst  in  Schute,  deutet  sie  auch  nicht  orthodox  (SO 
K,  Schmidt  in  Theol.  Stud,  u.  Krit.  1843,  üö3f,   er  lässt  sie  vielmehr  auf  sich 


Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  VIL  357 

.  Daz  wilde  gesweig  und  bat  in  mit  ergebenlicher  underteni- 
keit,  daz  er  fürbaz  rürti  den  nützen  underscheit. 

Er  entwürte  und  sprach  also:  Der  meiste  gebreste,  der  dich 
und  dine  glichen  entsetzet,  der  lit  dar  an,  daz  üch  gebristet  [147^] 
5  gutes  underscheides  vernünftiger  warheit.  Und  dar  urabe,  wer  sin 
nehstes  welle  ervolgen  und  nüt  in  dise  gebresten  Valien,  der  sol  diser 
togenlieh  lere  flizsig  wesen,  so  kumet  er  ungehindert  zft  eime  seligen 
lebenne. 


VII.  Kapitel. 

10     Wie  adellichen  sieli  haltet  ein  reht  gelazsener  mensch  in 

allen  dingen. 

Dar  nah   do  kerte   sich   der  junger  aber  mit   ernste   zu    der 

ewigen  warheit  und  begerte  och  etwas  underscheides  nah  einem 

gemerke  des  usseren  bildes  eins  menschen,  der  sich  warlich  gelazsen 

Iß  hetti,  und  fragte  also:  Ewigü  warheit,  wie  haltet  sich  ein  solicher 

mensche  in  dien  gegen  würfen  eins  ieklichen  dinges? 

Entwürt:  Er  entsinket  im  selben  und  mit  im  ellü  ding. 

Ein  frage:  Wie  haltet  er  sich  zu  dem  zite? 

Entwürt:  Er  stat  in  einem  gegen würtigen  nu  ane  behangnen 
20  fürsaz,  und  nimt  sin  nehstes  in  dem  minsten  als  in  dem  meisten. 

Ein  frage:  Paulus  sprichet,  daz  dem  gerehten  enkein  gesetzde 
gegeben  ist. 


7  togenlicher  BCS  11  V  rot  nach  dingen  S  12  do  fehlt  K  13  wis- 
heit  B  15  wiaheit  S  17  am  Bande  In  collacionibue  patrum  (fratram  C)  AC, 
im  Text  K        21  gesetz  -S'        22  ist]  syge  BX 

beruhen  und  entwickelt  teils  seine  eigene  Lehre  dainiber,  teils  stellt  er  ihnen 
andere  richtige  Aussprüche  des  Meisters  gegenüber.  Auf  diese  Art  weist  er  die 
Berufung  des  „  Wilden'^  auf  Eckhart  als  unberechtigt  zurück,  wobei  natürlich 
die  Frage  offen  bleibt,  ob  nicht  dessen  falsches  Grundprinzip  das  esse  rerum 
betreffend  in  seiner  Konsequenz  die  Auffassung  der  Häretiker  von  selbst  nalte- 
legte.  Eckhart  wurde  zum  Verhängnis,  was  er  im  Prolog  zum  Opus  Tri- 
partitum  (Archiv  II,  63ö)  schreibt:  nonnulla  in  sequentibus  propositionibus, 
quaestionibus  et  exposttionibus  primo  aspeciu  monstruosa,  dubia  aui  falsa 
apparebunt,  secus  autem,  si  sollerter  et  studiosius  pertractentur.  Vgl.  auch 
Stuses  vorsichtige  Beurteilung  seiner  Lehre  in  Vita  97,10  ff,  17  Collat.  X,  7. 

19  f.   behangner   fiirsaz  =  selbstsüchtiger    Vorsatz,     Ähnlich  ist  auch   wise 
gebraucht  (  Vita  167,3).  20  Er  profitiert  beim  Erhabensten  sowohl  aJs  heim 

Getvöhnlichsten.  21  I  Tim,  1,9. 


358  Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  VII. 

Eütwürt:  Ein  gerehter  mensch  haltet  sich  nach  siner  ge- 
wordenheit  underwürflicher  denne  andrü  menschen,  wan  er  veretat 
in  dem  gründe  von  innen,  waz  von  ussen  eime  ieklichen  gezem  ist, 
und  nimet  ellü  ding  also;  aber  daz  er  nit  bandes  enhat,  daz  ist  da 
von,  wan  er  daz  selb  wurket  usser  gelazsenheit,  daz  dii  gemeinde  5 
würket  usser  bezwungenheit. 

Ein  frage:  Der  in  diser  inniger  gelazenheit  übersetzet  ist, 
ist  der  nit  entlediget  von  usseren  Übungen? 

Entwürt:  Wan  sihet  wenig  menschen  mit  unverzerten  kreften 
dar  zft  komen,  da  von  du  seist,  wan  daz  abwArken  ersuchet  ir  inni-  lo 
gostes  gemarg,  dien  es  wirt  in  der  warheit.  Und  dar  umbe,  wenne 
sü  denne  erkennent,  waz  ze  tünne  und  ze  lazsenne  ist,  so  blibent 
sü  uf  gemeinen  Übungen,  minr  und  me  nach  ire  vermngentheit  alder 
nach  aiiderre  gelegenheit. 

Ein  frage:    Wannen  kumet   etlicher  gütschinender  menschen  15 
groz  gedrauge  un<l  übrigü  engi,  du  su  hein  an  der  gewizseni,    und 
aber  etlicher  anderre  menschen  ungeordentü  witi? 

Entwürt:  Sü  zilent  noch  beidü  uf  ir  selbs  bilde,  aber  misse- 
liehe,  die  ersten  geistliche,  die  andern  liplich. 

Ein   frage:   Gat  ein   solicher  mensch   alle  zit  müssig^    alder  20 
waz  ist  sin  tun? 

Entwürt:  Kines  wolgelazsenen  menschen  tun  ist  sin  lazsen, 
und  sin  werk  ist  sin  müssig  blihen,  wan  sines  tünnes  blibet  er 
rüwi^  und  sins  wcrkes  blibet  er  müzsige. 

Ein  frage:  Wie  haltet  er  sich  gegen  sinem  nehsten?  25 

Entwürt:  Er  hat  gemeinsami  der  lüten  ane  inbildunge  und 
minlichi  ane  beheftunge  und  mitlidunge   ane  sorge  in  rehter  friheit. 

Ein  frage:  Ist  ein  solicher  mensche  [148']  üt  schuldig  ze 
bihtenne? 

Entwürt:    Du   bihte,   du    da   gesebihct   von   minnen,   du   ist  30 
edeler,  denne  du  von  schulden  gat. 

4  het  i>'  5  gemein  i?  0  gezwuiiireulieit  Jl  zwun^cnheit  6'  lOf.  iu- 
rosti's  mar^r  ^b'  12  orkeimct  C  18  vermoircliclieit  B  17  anderre  fe/dt  C 
23  l.lil»et  Ur]  ('        26 f.  und  an  mini.  .V  und  »ün  mini.  C        31  du  da  v.  seh. -S 

15 if.  S'.iise  ndtt  vom  skrupalöstu  und  laxen  Gt wissen:  vgl,  oben  3,MfJf)ß\ 

22  ff.  Du  Fruvht  dur  Veriinitjung  mit  Gott  ist  die  vollkommene  Freüitit  des 

Gastes   in  der  äusseren  Tätigkeit   ivit   in    der  Znrihkyezoyenheit.  26  ane 

inbilduDirt'  =  'dine  duss  d<ts  Irild  eines  Manschen  in  ihm  Insmiders  haften  bhiU, 

30  t".    Weil  ohne  schwere  ^^chnhl  ist  er  an  sirh  nicht  verpflichtet  zu  beichten^ 

tut  es  alter  dennoch,  um  sich  von  leichten  lu'hf.rn  zu  reiniijen. 


Büchlein  der  Wahrheit.    Kap.  VII.  359 

Ein  frage:  Wie  ist  eins  solichen  menschen  betten  gestalt,  ald 
hat  er  och  ze  betteune? 

Entwurt:  Sin  gebet  ist  fruhtber,  wan  er  nimet  einen  inbruch 
der  sinnen,  wan  got  ist  ein  geist  und  nimet  war,  ob  er  sich  iergent 
5  vermittelt  habe,  ald  ob  er  sich  iergent  füre  in  keinem  fürgriffe  des 
sinsheit.  Und  da  wirt  ein  lieht  erzöget  in  der  obresten  kraft  mit 
einem  erzögenne,  daz  got  ist  daz  wesen  und  leben  und  daz  wirken 
in  im  und  er  dez  selben  alleine  ist  ein  gezöwe. 

Ein   frage:   Wie  ist  gestalt  eins  solichen   edelen   menschen 
10  essen  und  trinken  und  schlaffen? 

Entwurt:  Nach  usserkeite  und  nach  sinnelicheit  isset  der  usser 
mensche,   aber  nach  einem  injehenne  isset   er  nit,   anders  gebruchti 
er  der  spise  und  rüwe  in  vichlicheite.    Und  also  ist  es  och  in  andren 
Sachen,  die  zft  dem  menschen  hörent. 
15  Ein  frage:  Wie  ist  geschaffen  sin  ussere  wandel? 

Entwurt:  Er  hat  nüt  vil  wisen  noch  worten,  und  du  sint 
schiebt  und  einveltig;  und  hat  einen  sittigen  wandel,  daz  du  ding 
sunder  in  durch  in  flizsent,  und  ist  rüwig  in  den  sinnen. 

Ein  frage:  Sint  sü  ellü  also? 
20  Entwurt:   Minr   und  me   nach   unglicheit  dez  züvalles;  aber 

der  weslich  punct  blibet  gelich. 

Ein  frage:  Ist  ein  sölicher  mensche  komen  ze  einem  gantzen 
wissenne  der  warheite,  ald  blibet  im  noch  dünken  und  wenen? 

Entwurt:  Da  der  mensch  im  selber  blibet,  da  blibet  im  och 
25  daz  dünken  und  wenen ;  aber  da  er  ime  selber  entgangen  ist  in  daz, 
daz  da  ist,  da  ist  ein  wizsen  aller  warheit,  wan  es  ist  es  selb,  und 
er  stat  sin  unangenomen. 

Und  hie  mitte  si   dir  genüg  geseit;   wan  kumet  dar  nüt  mit 
fragenne,  mer  mit  rehter  gelazsenheit  kumet  man  zu  diser  verborgnen 
30  warheit.     Amen. 


4.5  iergent]  ieiian  KS        7  ergetzenne  B       8  gezoge  B       18  ist  fehlt  S 
24  und  [da]  blibet  C        30  Amen  fehlt  BS 

1  flf .   Vgl    Vita  95,9  ff.  3 — 8    mit  geringer   Abweichung  schon    Vita 

168,30—169,6;   vgl   auch   Eckhart  36,30  ff.  4   Joh.  4,24,  5    Oh   ihn 

das  eigene  Ich  hei  seinen  Handlungen  noch  leite,  12  nach  einem  injehenne 

=  indem  der  innere  Mensch  immer  auf  Gott  zurückschaut.  16  ff.  Ähnlich 

schon    Vita  167,3  .•    166,23.  21    Vgl.   Bvga  160,5  ff.  26   daz  da  ist 

=  Gott.  26  f.  Gott  ist  die  Wahrheit  selbst,  und  der  Mensch  nimmt  in  der 

Vereinigung  mit  ihm  sich  selber  nicht  an,   da  er  sich   entgangen  (gelassen)  ist. 


Viertes  Buch. 

Briefbüchlein. 


Hie  valiet  au  daz  yierd  bächll. 

Disü  lor  ist  us  gelesen  uss  den  ^ciiieiiuMi  brieven, 
Jit*  der  dieiier  der  ewigen  wisheit  siner  geiscblichen 
toliter  und  andern  dineu  geiscblichen  kinden  santte. 

Wan   eines  geiscblichen  menschen   sin   nit    mag   ze    5 
allen   ziten  in  abgescheidenr  blosheit  spanen   and  och 
seliedlich  kurzwil  verr  sol  fliehen,   hier  umbe   ze  einer 
underlibi  dines  gemütes  so  macht  du  diz  brief  lesen. 


I.  Brief. 

You  eins  auvaheurten  lueuscheu  ledigen  vonker  von  der  weit  lo 

zu  got. 

[I4.s^]  Kengnuni  muudi  et  ouineni  ornatum  saeruli 
contenipsi  propter  amorem  domini  mei  Jesu  Cristi. 

Handschriften:  A  C  K  X  P  S  i'  Wf  ( n/l  oben  S.  3  und  326': 
m  =  Cfjm  hilf:  a  =  1.  JJruck  (14h:Ji, 

1-11  fehlt   P  (Irit    .V  2—4  fehlt   m  4  andern  fehlt   xXCS 

geischl.]  ireisfhcn  A  8  underlibuug  St'  widrilibi  C  so  so  (!)  ^  10  le- 
diireii  t'rhlt  A(\SU 

M.  s.  «rciHchl.  tühtcr  =  der  KlsUdlt  Star/el,  an  trthhe  der  3,  und  ^.  Bn\f 
adrefiyiert  ist.  Vtfi.  auch  den  Prolofj  des  Kjemjihtrs  (J^ltiß'.)  uftd  die  Kin- 
leitunr/.  l*Jt'.    Worte  aus  der  lienalivtio  tt  vunsccratio  virginum  (ftierlicht 

Kinsegnunfj  drr  t/'tttgctriihttn  Juniffrauen)  narh  dtm  Pont  i fiedle  Roman  um  (ed, 
tg/t.  Ratishnnae  I  llf^SSJ,  141  ß.K  hrr  Prüf  ist  an  ein'-  Xonne^  toelvhe  tben 
die   M'elf  i^crlasycn  hat.  (firifhttt. 


Briefbüchlein.    I.  Brief.  361 

Disen  frölichen  reien  und  jungfrowlichen  uszog  einer  userwelten 
gottes  gemahel,  do  ich  den  ob  dir  horte  singen,  do  gedahte  ich 
also:  der  mag  wol  frölich  liep  lassen,  der  im  selber  ein  liebers  hat 
umbgangen!    Und  daz  ist  dir  hüte  gewerlich  beschehen.    Dar  umbe 

6  solt  du  diser  falschen  weit  ein  fries  urlob  geben. 

Lögent,  alle  minner,  an  der  weit  spil!  Ich  hatte  einen  schaten 
umbvangen,  ich  hate  einen  trom  gemehelt,  ich  hate  den  wan  be- 
sessen! Eya,  wa  nu  des  wanes  bilde,  des  troraes  gelübde?  Hetti 
ich  dich  nu,  fro  weit,  tusent  jar  besessen,  wa  weri  es  nu?   Als  ein 

10  ogenblik  bald  da  hin!  Diner  natur  eigen  ist  ein  hinscheiden.  Ich 
wände  dich  haben  umbvangen,  —  ach,  wie  bist  du  mir  verswunden! 
Der  dich  nit  vorhin  lat,  den  last  aber  du.  Owe,  du  morderin !  Dar 
urabe  adi,  ade,  got  genade  dir  hüt  und  ieme  me!  Trüg,  die  dich 
nit  erkennen,  du  trügst  mich  niemer  me.      Rengnum  mnndi  etc. 

15  Kind  mins  in  dem  almehtigen  gotte,  gedenk,  daz  du  alle  din 

fründe  und  ere  und  gut  mit  besintem  müt  hast  uf  geben,  und  bis 
vest  an  disem  willen!  Tu  nit  also  etlich  toroht  megde,  die  sich 
glichend  den  wilden  ingeschlossen  tieren:  so  man  den  du  tor  be- 
schlüsset,  so  gugent  sü  dur  die  zun  us.    Die  da  sind  halb  usse,  halb 

20  inne,  we  mir,  waz  verlierent  die  grosser  erbeit  mit  kleinen  dingen! 
Gote  dienen  ist  in  ein  kercher,  geischlichü  zuht  ein  notstal ;  dar 
umbe,  daz  in  der  epfel  nit  mag  werden,  so  ginend  sü  na  dem  smake. 
Für  du  rosinü  schapel  legend  sü  uf  floriertü  tücher,  und  für  roten 
scharlat  prisent  sü  sieh   in  einen  wissen   sak,   und   für   die   elichen 

25  gemahelschaft  bekümbrent  sü  sich  mit  zitverlierender,  herzberoben- 
der  und  alles  geiscblichen  lebens  zerstörerin:  üpiger  fründschaft. 
8ü  versendent  sich  mit  wünschen  und  einredent  mit  dem  irem  bild 
als  ein  turstiger  mensch,  dem  von  kaltem  wasser  tromet.  Und  so 
sü  es  hin  und  her  gekerent,   so  verswindet  es  und  vindent  ein  1er 


1  inzog  C  8  wa  nu]  wann  KU  wan  CS  9  wa]  wie  P  was  miV 
10  ein  fehlt  C  13  aide  aide  ^6'  14  Begnum  (!)  A  20  mir]  in  U  21  got- 
liche  zuht  KU        23  roten  fehlt  S        28  und  [so]  C        29  vindet  P 

18  Tiei'gärten  mit  ausländischen  Tieren  zu  halten  war  im  Mitttlalier 
Liehhaherei  mancher  Fürsten  und  Klösiei\  vgl.  Michael,  Gesch.  d,  dtsch.  Volkes 
III,  418  f. ;  Schönbach^  Hartmann  v.  A.  328  f.  24  wissen  sak  =  das  weisse 

Ordenskleid  der  Dominikanerinnen.  Hör.  105  f.  tadelt  Seuse  scharf  die  Mode- 
sucht  seiner  Zeit,  die  auch  in  geistliche  Kreise  eindrang  (pannus  pretiosissimus, 
rugae  per  scapulas  descendentes,  plicae  centuplicaiae,  chyrothecae,  calcii  stricti 
afque  rostrati  et  quasi  ad  saltandum  apti,  tunicae  dissoluiae,  manicae  scissae 
et  adeo  sirictae,  tahulae  eburneae  dependentes,  zonae  sericeae  fulgentes). 


362  Briefbüchlcin.    I.  Brief. 

band,  ein  trurig  herz  und  ein  gnadlos  sele.  Inen  gesehibt  als  dem 
altvater,  dem  der  tiifel  uf  die  maten  sass,  die  er  für  einen  langen 
mantel  hate  an  geleit,  und  zu  ime  in  spotes  wise  sprach:  „anner 
man,  m&htist  me,  du  tetist  och  me!^  Daz  ist  ein  armes  eilendes 
leben  und  ein  vorhof  der  helle:  die  weit  nit  mugen  han  und  gottes  5 
ane  sin,  weltliches  und  g&tliches  trostes  berobet  sin,  bedenthalb 
[149']  verlorn  han.  Wie  werdent  die  so  lasterlich  und  so  kläglich 
stendc  an  dem  jüngsten  tage  vor  fründen  und  iienden!  Aber  gotte 
flizzeklich  dienen  ist  ein  sicher  fries  leben  hie  und  dort,  wan  sü 
gant  hie  mit  dem  libe  uf  ertrich,  und  ist  aber  ir  wonunge  steteklich  lo 
in  dem  himelrich.  Es  ist  werlich  ein  suzzes  joch  und  ein  lihtA 
bnrdi.  Müssent  su  undcnvilent  liden  han,  daz  ist  nit  ze  ahten ;  wer 
ist  in  der  zit  ane  liden?  Nieman,  noch  bürg  noch  stette  mugen 
lidenne  endrünnen,  noch  rot  mentel  ald  vech  gewand  mugen  lidens 
dar  nmbe  ab  komen,  wan  es  schinet  dik  uswendig  ganz,  daz  in-  15 
wendig  vast  verseret  ist.  Dar  umbe  lidet  ein  mensch  och  dur  ein 
fries  götliches  wartspil;  daz  ist  nit  ze  ahtcnne.  Daz  erbrechen  daz 
tut  des  ersten  we,  als  billich  ist;  dar  na  kumet  ze  jungst,  daz  mao 
US  lust  würket,  und  so  vellet  ens  abe. 

Eya,  gedenk  an  die  alten  tage,  nim  her  für  du  langen  jar  und  ä) 
lüg,  wie  recht  lang  du  geschlafi'en  hast!    Oder  ist  es  nüt  alles  sament 
als  ein  trom  ge weisen,    da  mit  dir  do  na  dinem  dunk  so  wol  waz? 
Stand  uf,  es  beginnet  ziten,  der  iierr,  den  du  so  dik  hast  vertriben, 
der  wil  nüt  ab  lan.   Es  ist  nüt  gut,  der  sinem  fründ  ze  lang  verseit. 
Schlüss  uf  din  herze,  lass  in  den  geminten,  ergezz  dich  dez  langen  25 
zites.  daz  du  versumet  hasti    Der  sinem  liej)  spat  uf  tflt,  der  bedarf 
wol  eins  geswinden  ilens.     Es  ist   nit  unib  dich    als   umb  vil  ander 
menschen,   du  lawc  sint  und  weder  got  noh  die  weit  minnend,   got 
dcM'  wil  din  minneriches   herz    haben   in   allen   zügen  geischlieh,  al? 
rs  vor  waz  weltlich.    Und  dar  umbe,  leg  allen  dinen  tiizz  und  wizze,  30 
die  du  do  verkertfst  uf  daz  zitlich,  —  daz  solt  du  nu  keren  uf  daz, 
dnz  da  ist  wirig  und  ewig. 

1  und  |iinj  K       2  matzuii  FXS       4  mühttst  du  me  SU       5  die]  der  AT 
dis  P         t)  sichtr  ein  C  11   Es         1l>  mii^ss.  ßhlt  C         14  lideune)   liden 

^'.V/',V        liden    CK         1<>  vast]   gur  .V        17  t'.   [daz]   tut   A'  19  iens  rS 

20  nrnia  >i       25  sdiluss  .1        2(3  uf  stat  S       '27  wul  fehlt  P       30  waz  vor  ACS 

1  tf .  Jj'nSfUn:  Kr  Zählung  auch  Ihn',  lüH  (Sthhias  ehd.:  o  monavhe,  /ti  plujt 
/^av.s-c.v,  ntir/u€  il  /f/ns  farensf.  lUf,   T///.  PhiL  3j'.0.  11  f.  Mnith.  lUZO, 

17  warlsnil  ^—  Kmnpf spiel,    Juni  kr:    njl,   1  Kor.  4.H   und  Bdew  J2ö:^yl4i'.: 
daz  i erstes. t  _-  u',t.s  er  leidd.  2^    Vul.  If^.  ."»^^Z ;   liOm.  13,11, 


Briefbüchleiu.    IL  Brief.  363 


IL  Brief. 
You  einem  dematigen  undergang  eins  g&tlichen  menschen. 

Habitabit  lupus  cum  agno. 

Do  der  herr  der  Datare  her  ab  kam  und  meosch  ward,  do 
5  wolt  er  würken  nüwü  wunder,  und  maebete  daz  wilde  zara,  daz 
grimme  senftmütig,  als  der  wissag  Isaias  vorhin  seite. 

Min  kint,  ich  laz  einest  ein  wort  in  der  schrift,  daz  beginne 
ich  nu  erst  verstau,  daz  ist:  liebi  gelichet  unglichA  ding.  Dar  umbe 
malet  man  fro  Venus  blind  und  ogenlos,  wan  si  in  liebes  o«;en  ver- 
10  lüret  ir  eigen  rehtes  kiesen.  Und  als  daz  war  ist  na  zitlicher  minne, 
vil  me  ist  es  och  nah  geischlicher  minne,  daz  es  mengem  hohen 
vvirdigen  menschen  alle  sin  herheit  hat  ab  geleit.  Etlich,  die  hob 
fürsten  ze  Rome  waren,  die  gaben  es  uf  und  wurden  armer  lüten 
diener,  dar  umbe  daz  sü  sich  dem  götlichen  [MQ""]  lieb,  dem  kleinen 
15  kindlin  gelichetin.  Dar  umbe,  kind  mins,  gib  uf  den  verborgen 
überm&t  diner  liplichen  edli  und  falschen  trost  diner  früuden,  du 
unz  her  betrogenlich  waz  in  dir  mit  einem  geischlichen  schine  be- 
trochen, und  neig  dich  hüte  zu  dem  kindlin  in  sin  kripe,  in  sin  Ver- 
worfenheit, daz  es  dich  erhebe  in  sin  ewigen  wirdekeit.  Der  kark- 
20  lieh  seget,  der  schuldet  och  ermlich,  aber  der  rilich  seiet,  der  samnet 
och  rilich.  Tu  es  recht  ze  frumen,  und  neig  dich  under  die  füsse 
aller  menschen,  als  ob  du  ire  füstöch  siest.  Daz  fftstüch  zürnet  mit 
nieman,  wie  man  im  tut,  wan  es  ein  fiüstftch  ist. 

Ein   warhafter   undergang   dez   menschen    ist    ein    würz   aller 


3  Die  lat.  Vorsprüche  fehlen  von  hier  an  stets  F  6  f.  des  grimmen  C 
9  blind]  bild  S  10  als]  alles  KU  11  mengem  Sm  14  dar  u.  —  15  gelich. 
fehlt  KU  19  ewig.]  eigen  C  Paulus  vor  Der  0  20  seiet]  seget  CS 
21  under]  wider  C        24  wurtzel  Fm 

3.6  Is,  llyü.  8  Ähnlich  auch    Vita  92,7,     Vgl,  die  Sentenz:  amidtia 

aut  pares  invenit  aut  facit.  12  f.   Seuse  denkt  wohl  an  die  im  Mittelalter' 

so  beliebte  Altxiu^-  und  Eitstachiuslegende  (vgl.  Hör.  116  und  zu  Alexius  auch 
Hermann  von  Fritslar  ed.  Ffeiffer  160 ff.:  Schürebrand  ed.  Strauch  1903,  39.). 
16  liplichen  edli.   In  den  alemannischen  BominikanerinnenJclöstern  waren  sehr 
viele  Nonnen  von  adeliger  Abstammung,  19  f.  II  Kor.  9,6,     Vgl.  Tauler 

(bei  K,  Schmidt,  J.  Tauler  1641,  86) :  wer  sperlichen  seiet,  der  mäs  krenglichen 
sniden;  also  du  üsmissest,  also  misset  man  dir  ouch  wider  in.  Ähnlich  auch 
Tochter  Syon  ed.  Weinhold  1280 ff.;  Freidank  3,6.  22 f.   Zu  füstüch  vgl 

Vita  Kap.  UO  (58,6  ff.),  den  Schluss  des  folgenden  Briefes  und  Abb.  5. 


364  BriefbUchleiu.    II.  Brief. 

tugenden  und  selikeit;  hier  iis  dringet  denne  ein  senftmutigü  still- 
heit in  sin  selbes  rehten  gelasseuheit  gen  dem  minsten  als  gen  dem 
meisten,  üis  tut  we:  wol  kunnen  reden  und  doch  swigen,  bös  un- 
red  enpfahen  und  sich  nit  rechen,  ein  wolkünnender,  vvirdiger  mensch 
einem  unehtigen,  gebresthaftigen  menschen  geswigen.  Daz  ist  nah  5 
dem  edcln  Cristus  gebildet  werden.  Waz  mag  dem  menschen  nüzzer 
und  got  loblicher  werden?  Hier  zu  ist  nüzz  swigen  und  den  munt 
nit  uf  tön  ze  reden ne,  da  si  denn  bi  rehtü  senftmütikeit,  ordenlichA 
bescheidenheit,  also  daz  da  nüt  werd  geredet,  denn  ein  berü  noturft, 
du  entweder  got  loblich  sie,  ald  aber  dez  nehsten  nüzz  da  sie.  lo 

Lüg,  daz  ich  cnkeiner  grossen  strankheit  dir  zu  muten:  du 
solt  essen  und  trinken  und  schlaffen  din  noturft,  und  hab  mit  urlob, 
daz  du  bedarft  ze  diner  krankheit. 

Wellest  du  selig  werden,  so  solt  du  dich  an  den  vor  gespro- 
chenen dingen  üben,  und  erzag  nit,  ob  es  nit  bald  beschiht.  Wie  16 
werc  daz  müglich,  daz  alles  daz  gerünbel,  daz  sich  zwenzeg  jar  an 
ein  stat  sein  not,  daz  sich  daz  als  bald  lass  us  stossen?  Es  wirt  von 
tag  ze  tag  ns  gende,  so  es  siht,  daz  es  sin  stat  nit  vindet.  Heilig 
betrahtunge,  andehtig  gebet  und  geischlichu  unmöss,  daz  wirt  hel- 
fende. Hast  du  nit  vil  süzzekeit,  daz  solt  du  dich  nit  lassen  be-  20 
sweren,  du  solt  dich  sin  unwirdig  dünken;  lig  vor  sinen  milten 
füzzen,  unz  er  dich  begnade,  und  lass  got  würken,  wie  er  welle. 
Es  mftss  noch  menig  wandelber  weter  über  dich  gau,  e  daz  du 
himelsch  heitri  in  dir  bestetet  werde.  Gieng  es  dir  hie  vor  glich 
eben  wol?  Nein  es,  es  waz  liep  und  leid,  leid  und  liep,  dar  na  als  25 
es  gab  der  Glükd  rad.  Daz  selb  nim  och  gen  dem  werden  gote. 
dem  du  billich  warten  solt,  des  niinneklich  zürnen  besser  ist,  denn 
falsches  liepkosen;  übersieh  gen  ime,  [150  "^J  zwar,  er  hat  gen  dir 
och  übersehen!  Hab  reht  ein  ganz  getrüwen  zu  gotte,  wan  er  lat 
din  nit.    Liig,  er  ist  als  reht  tugenthaft,  daz  er  es  an  sinem  milten  30 


2   in  —  gelass.  fehlt   KU         4  volkomonder    CNSin  9   als   [daz]    S 

15  wie]    wan  *S'  16  ^erümel   PSÜ  17  samlet   KSU         22  begnadet  6^ 

25  leid  u.  liep  fehlt  KU        26  daz  glökrad  NPSm         29  zö]  in  .S' 

2 f.    Sowohl  dem  Kitclrig.sten   als  dem  Höchbtstehenikn   ffCf/f^nüber.      Vtfl. 
Gr  Bfb  IV.  12  f.    Vpi  Beg,  S.  Augustini  (Holsfenius-Brockie,  Codex  Re- 

gidarum  I  [ITnU],  349):  carnem  rcstram  domate  jejnnns  et  alistincntia  escae  et 
potuSj  quanium  valetudo  pcrmittit.  26  Glükd  ist  hier  personifiziert  =  Glücks- 

göttin (fro  Seide,  Gr  Bfb  X) ;  vgl.   Vita  l'JS.QO. 


herzen  nibt  mähti  vinden,  d&z  er  den  menschen  möhti  Inn,  dev  sieh 
genzklicli  an  in  mag  gelassen. 

Es  waz  ein  meuscb,  der  waz  gelaseeii  von  allem  dein,  daz  im 
lieb  ald  trost  niotit  geben  nacb  zitlicliev  wise.  Eins  males  dn  bat 
S  er  einen  fr6liehen  gegenwnrf,  do  gedaht  er  also:  „ach,  herz  mins, 
wes  friwat  dn  ilicli  so  reht  inneklichV"  Do  entwürt  im  sin  inrkeit 
nnd  sprach  also:  „in  aller  diser  weit  ist  niht,  des  ich  mich  frßwe, 
weder  gfttes  noch  eren  noch  friinden  noch  keins  Instes  diser  weit, 
deiiii  daz  ist  min  fr6de,  daz  got  alR  rebt  gftt  ist  und  daz  daz  min- 
neklk'h  gAt  min  fründ  ist,  des  ich  ein  git  zfirersicht  han." 

Min  kiüd,  wie  daz  si,  daz  lüzzel  ieman  ist,  er  kom  etwen  in 
lawekeit  einest  fürbaz  denn  andrcst,  doch  so  mfiss  ich  dir  eins  sagen: 
der  berg  ist  hohe  und  der  weg  schlipfrig,  es  eumag  mit  einem  just 
nit  ergäbet  werden,  es  heisset  aber  und  aber,  unz  es  ervohteu  wirt. 
Es  ist  ein  weiche  ritcr,  der  von  fiberkraft  dez  heres  einest  hinder 
sich  gewichet,  der  dar  umbe  aber  nit  kechlich  hin  wider  tringet. 
Die  Btriten  ist  guter  menschen  eigen  in  disem  zite. 

Ich  weiss  einen  bredier,  so  der  von  menger  starken  wellen  waz 
hinder  sich  getriben,  nnd  nach  sincm  dunke  genzlich  entsezet  waz  dez 
rebten  ernstes  und  berzklichea  andahtee,  so  gieng  er  in  sich  selb 
nnd  sprach :  „eia,  got,  wie  ist  cr  mir  ergangen,  wie  bin  ich  so 
rebt  unwtissende  her  ab  geschlichen  1  Wol  rebt  her  frilicb,  und 
werben  nmb  ein  anders  gut,  daz  alt  ist  gar  da  hinl"  Und  vie 
deon  wider  an,  im  selber  ab  ze  brechene,  den  lip  ze  kestigenne, 
den  lüten  ze  I'r6inden ,  ernscMich  ze  gebarene ,  sich  selber  ze 
hüten,  nüwes  gebet  ze  erdenkene,  nüw  üimng  an  sich  ze  nemene, 
und  alle  die  weg,  da  er  vor  gescblipfet  waz,  ze  veraezene;  und 
treib  daz  tag  nnd  nacht,  unz  er  in  einem  götliefaen  ernst  und  berzkli- 
chem  nndabt  wider  erhizzcte,  und  daz  nagende  dik  nl  besser  wart, 
denn  daz  vorgende  ie  wurdi.  Und  mit  betrahtnnge  sines  herzen 
80  begrftb  er  den  alten  menschen,  als  ob  er  nie  wurdi,  und  vand 
denn  mengen  weg,  sich  ze  hüten,  daz  er  vor  nie  gedahte,  und  ward 
Also  ie  wiser  und  ie  wiser.    Und  so  er  aber  her  ab  kam,  so  vie  er 


II  iat]   t>ie  P         IT  in  disen  »ten  S 
28  nacht  u.  tag  NSm         dnea  CS 


4  ald)  nnd  C         8  ere  KU 
her  recht  K         27  daj   die  5 

ASU 
HB,   DU  fotgejtdt  Ereiihtting   wie   die  weiter   unten   t'O«   tinem  l'rtdigtr 
sieh  »ohl  auf  StMe  stlhul.  IS   Vyl.  Tochter  Stjon  ed.  Wtinhold 

int  hoch  und  enge  gar.  31    \'gt.  Ephts.  4,3:3  ff. ;  Kol.  3,9/. 

ber  alt  kam  ^  lauer  wurde. 


366  Briefbüchlein.    II.  Brief. 

an,  als  ie  vod  erst.  Also  mag  im  unzallich  dik  geschehen  sin.  Sich^ 
daz  lert  du  ewig  wisheit  dar  sant  Bernhards  mund,  der  sprichet: 
daz  ist  daz  einig  püntli^  daz  da  scheidet  die  userweiten  von  den  nit 
userweiten,  [150^]  daz  die  abgezelten  blibend  ligende,  da  die  us- 
erweiten iemer  me  dar  wider  uf  kerent,  wan  ein  alwent  stilles  tan  5 
mag  nieman  in  der  zit  han. 

Ein  anvahender  mensch,  e  daz  der  in  got  beliplich  gevestnet 
werde,  der  majc  als  reht  lihte  veriert  werden.  Ich  kan  hier  zft  nit 
besserz  vinden,  denn  daz  sich  ein  mensch,  als  Ten*  er  mag,  orden- 
lich allen  ustragenden  Sachen  entsage  und  in  sich  selber  einen  weg  lo 
mache  und  in  im  selber  belibe;  wan  er  treit  herzenfrid  veile,  der 
sich  vil  ane  groz  noturft  usserkeit  git.  Man  seit  von  dem  grossen 
meister  AI  brecht,  daz  der  sprechi:  ich  gan  niemer  an  die  port, 
ich  gange  minre  her  wider  in. 

Ein  mensch   sol  sich  herzklich   mit  got  alle  zit  vereinen,   und  n 
dar  zu  höret  stille  swigen   und   höh   betrahten,   wenig  wort  und  vil 
strenger  werk.    Swaz  got  einem  menschen  git  ze  lidene,  daz  sol  er 
fr6lich   enpfahen,   aller   menschen  gebresten  gednlteklich   übersehen, 
sicli   von   den   anzügigen   dingen   kercn,   nieman    vil   gelosen,   siner 
sinnen  hüten,  lüzel  zites  ald  werten  ieman  geben,  sin  selbes  flissek-  2C 
lieh  war  uemen,  sich  under  got  und  under  ellü  menschen  verdruken, 
von  allen  menschen  wol  sprechen  und  sich  selb  vernüten,  gote  fr6- 
lich  dienen   und   den  menschen  gut   bild  vor   tragen,   sich  vor  dem 
minsten  als  vor  dem  meisten  hüten,  got  in  allen  dingen  meinen,  und 
also  mit  got  ze  allen  ziten  umb  gan;  wan  hie  mit  so  mag  ein  mensch  25 
in  got  gevestnot  werden  und  daz  verlorn  zit  widerbringen  und  nüwen 
hord  von  got  erwerben.     Amen. 


2  Beriiardus  auch  am  Bande  A         12  vil  fehlt  F  15  alle  zit   [mit] 

got  C  17  got  git  C  21  und  [under]  C  23  f.  den  minsten  AS  24  den 
meisten  .V        27  Amen  fehlt  PS 

2    \'gl.  BejfiarduSy  De  graiici  et  lihtro  arhitrio  c.  !) ;  s.-ruio  1  in  Septuacf. 
n.  1.  13  m.  Albrecht  =  Alhtrtus  Magnus,  von  dem  viehy  wohl  nur  aus  dem 

Lateinischen  übersetzten  Sprüche  bei  dtn  deutschen  Mystikern  zitiert  werden 
(vgl.  Pregtr  II,  39 f.:  Wackernagel,  Deutsche  Lit.-Gesch.  '  lö79,  4'^3f:  J.  Bach, 
M.  Eckhart  lb64,  4/  A.  19,  49  A.  ^4).  Der  Ausspruch  findet  sich  ähnlich  auch 
in  der  Imitat io  Christi  I,  J20  (quoties  inter  homines  fui,  minor  homo  redii),  und 
ist  jenem  Senekas  in  Epist.  7  (ararior  redeo,  amhitiasior  ...  inhumanior,  quia 
inter   homines  fui)   nachgebildet.  23  f.    Vor   dem    kleinsten    wie    vor   dem 

grössten  Eehler.      Vgl.  dagegen  364,:^  f 


Briefbüchlein.    IIT.  Brief.  367 


111.   Brief. 


Wie  sich  ein  mensch  sol  geben  niilleküch  in  liden  nach  dem 

bilde  Cristi. 
ELsbeten  der  Stagliu  ze  Tözz. 

5  Nigra  sum  sed  formosa. 

AIbo  stat  geschriben  an  der  miniie  böch  von  der  minneuden 
sele.  Die  t6btran  von  Jerusalem  baten  ein  wundren  von  herr  Salo- 
mons  des  kuniges  niler  liepsten  frowen;  du  waz  ein  mörin,  und  dar 
ab  namen  sü  wunder,  daz  sü  so  swarz  was,  und  im  doch  under  der 

10  grossen  zal  aller  siner  frowen  du  liepst  waz. 

Waz  meinet  nu  der  heilig  geist  hier  inne?  Du  swerzü  lut- 
seligü  mörin,  die  got  vor  andren  wol  gevellet,  ist  ein  gotlidender 
mensch,  den  got  mit  emzigem  lidene  übet  und  in  mit  gedultiger  ge- 
lazsenheit  begäbet.     Lftg,  tohter,  es  ist  liht  von  lidene  ze  sprechene 

15  und  ze  hörene,  es  tut  aber  vil  we  ein  gegenwurtiges  enpfinden.  Ein 
lidender  mensch  kumt  underwilent  von  gedrang  dar  zu,  daz  er  mohti 
wenen,  daz  sin  got  heti  vergessen,  und  sprichet  in  sinem  sinne:  „ach 
got,  hast  du  unser  vergessen,  weist  du  uns  nit  lebende?  Wes  hast 
du  gedaht  über  uns?     Wie  mag  din  band  so  [151']  swer  sin,   und 

20  din  herz  doch  so  recht  milt  ist?**  Disem  lieplichen  zürnene  entwurt 
er  und  sprichet:  „lüg  an  die  grossen  zal  der  heiligen,  sib  an  daz 
schön  lebend  gemüre  der  himelschen  Jerusalem,  wie  du  durlühten 
steine  der  stat  vorhin  beschniten  und  gewürket  sint  mit  lidene,  die 
nu  so  schon  ^lenzend  mit  klarem  lichte!     Wie  geschah  der  lieben 

25  sant  Eisbete nV  Paulus  waz  diser  weit  ein  hinwerf;  Job, 
Tobias  giengen  daz  selb  pfad.  Der  heilig  Atbanasius  leid,  als 
ob  ellü  disü  weit   sinen   tod   heti   gesworn.     Lüg,  wie  alle  heiligen 


4  Elsb.  —  Tozz  fdiU  KFm  Elizabeth  [der]  S  staiglin  ü  tüzz  C 
7  wunder  C  9  f.  [der  gr.  zal]  allen  sinen  fr.  S  11  gest  (!)  A  12  frow 
die  morin  aS  13  cmszigen  liden  K  14  von]  us  C  24  und  mit  S 
25  Elisabethen  PS        26  pfad  fihlt  S 

4  Über  die  Adrtssaiin  dieses  und  des  6.  Briefes  vgl,  Vita  Kap.  33  und 
oben  360,3.  5  Uohel.  1,4.  14  f.    Vgl.  Bdeic  ^49,20  f.  22  f.    Vgl. 

Apok.  21,10  ff .  (schon  Bdexv  242,7  ff.  zitiert)  und  den  alten  Kirchioeihhymnus : 
ürhs  Jerusalem  heata,  dicta  pacis  visio,  qnae  construitiir  in  coelis  viris  ex 
lapidibus  , . .  Tunsionibus,  ])i'essuris  eupoliti  lapides  suis  coaptantur  locis  etc. 
25  ff.  Hör.  115  f.  zählt  Seuse  dieselben  und  noch  weitere  Vorbilder  des 
geduldigen  Leidens  auf.  Elisabeth  von  Thüringen  irar  bei  den  deutschen 
Mystikern    hoch    verehrt,    vgl.    Mechthild    von    Magd.    lOfJ ;    Lamprecht    von 


368  Brief  btichlein.    III.  Brief. 

eintvveder  herzenblftt,  ald  aber  libes  uud  herzen  blüt  hein  vergossen!" 
Diz  s61t  ein  lidender  mensch  an  sehen  und  sich  fröwen,  daz  got  in 
mit  lidene  sinen  aller  liepsten  fründen  vvil  gelich  machen.  Dar  nmbe, 
so  lass  töden  und  martren^  darben  und  torren,  sid  uns  liden  zfi  als 
grossem  gut  mag  bringen.  5 

Ob  aber  ein  mensch  zc  allen  ziten  nit  glich  ergebenliche  hier 
innc  stat,  dar  umbe  hat  er  got  doch  nit  verlorn,  —  morgen  und 
abund  ist  ein  ganzer  tag,  —  eht  ein  mensch  veiderspenklich  wider 
got  nit  wil.  So  einem  lidenden  menschen  sin  antlut  bleichet,  sin 
mund  torret  und  sin  natürlichu  lutselikeit  darbet,  so  seh  uf  und  lo 
Sprech:  Sicut  pellis  Salomonis,  daz  ist  der  usser  mensch  des 
künges,  der  da  an  dem  kniz  erdarbete,  daz  er  einem  menschen  un- 
glich  waz.  Der  tret  her  für,  der  sich  ime  an  jemerlicher  Verworfen- 
heit mug  geliehen!  Er  sprichet:  Ego  sum  vermis,  ich  hin  ein 
wurm.  Owe,  du  lühtender  wurm  ob  der  sunnen  glänz,  der  dich  an  15 
sihet,  der  sol  nit  klagen,  er  sol  sich  under  ein  ieklichs  liden,  daz 
im  zu  vellet,  mit  fröliehem  mute  neigen! 

Min   kind,   du   gedenkst  vil   liht,    wan   dich    got  als   vast   an 
griffen  hat,   daz  dinü  liden  du  aller  gr6sten   sien.     Daz  solt  du  nit 
gedenken.     leder  mensch   lit  im   selber  aller  nehst;   und  hier  inne  20 
vind  ich  mich  selb  och,  daz  underwilent  in  mir  gedenk  uf  stünden, 
die  min  liden  gar  ^noskliehen  wa^en.    Aber  daz  sol  man  got  beveln. 

Hie  von  solt  ich  dir  nit  han  geschriben,  denn  daz  mich  du 
gütlich  minne  dar  zu  zwinget,  daz  ich  min  absei  hüte  under  din  burdi, 
daz  si  dir  dest  lichter  werde.  So  arm  dürftipen  zesameu  koment,  so  25 
machent  sü  etwen  in  selber  ein  kür/wil,  daz  si  ires  hungers  ver- 
gessen. Ich  wolte  dir  han  gesendet  daz  fösstftch,  daz  ich  dem  hund 
nani  und  mir  es  ze  einem  bilder  han  behalten,  so  ist  es  mir  als  lieb, 
daz  ich  es  nit  von  mir  mag  gelan.  Nu  haben  guten  mftt  und  liden 
gedulteklich,  wan  dar  nach  volget   Iröd  in  dem   schonen  himelrich!  30 


Sabent  KSU  10  f.  sih  ...  .sprich  P  11  daz]  dt^T  AKSU  14  f.  ein 
wurm  und  nit  aiu  mensch  L  21  in  mir  fthlt  S  28  bilde  CjSU  29  habe 
. . .  lide  CXm    habent  . . .  lidont  KS        30  cwigu  frod  CNrn 

Itc<jtnsbnr(/,  I^yanzifikug  In  Mi  ff,:  liüchhm  rtm  der  Gnaden  ÜberlaM  1^15  ff.  ; 
Viien  von  Tnss  112/J5Jf.:  Hermann  ron  Fritölar  :J4:JJf"'  Schürehrand  39,13: 
yü'.  r.  Hast!  106 f.,  169:  Kckhart  in  Zfda  XV ^  400,74 ff,  —  Zu  Paulus  rgj. 
I  Kor.  4,13.  Bei  Atltanasiu.s  üt  an  seine  fünfmalige  Verhöhnung  und  tcied  r- 
holte  Todesgefahr  zu  denken,  11  Bohel  1,4.  14  P.v.  ^^J,?.  19  ff.   Vgl, 

Bdetr  ^41f/jff.  und  Hör.  116,  27  ff.    Vgl.  vorigen  Brief  363,'^:^.     Die  Wurte 

sind  eigentlich  nur  im  Gr  Bfb  {XII)  verständlich. 


|151*]  "Wie  ein  ungelebter  nieiiscli  Mich  zu  im  selber  allein  sol 
Iceren  nnil  endrii  menschen  nuberlchtet  sol  lassen. 

Qaomodo  potest  caecas  caecum  ducere? 

Under  vil  andren  geigchlichen  hindeii,  da  der  diener  ztl  got 
hat  gezogen,  waz  ein  tobter,  du  waz  eine  weichen,  unsteten  gemiites. 
Si  wolte  und  wolle  doch  nit,  ifi  wolle  gar  selig  sin  und  da  mit  ir 
selben  na  lust  und  gemacb  d(>s  libes  ocb  gar  gn&g  sin,  und  wolt 
daz  mit  gcfaönen  glosan  zft  bringen.     Der  screib  er  also: 

Liebü,  wie  last  du  dich  an?  Wie  wirfest  du  die  getrüwen 
lere  dines  geischlicbeii  vatters  so  ze  ruggen,  daz  du  dich  hin  widur 
den  dingen  beginnest  geben,  von  den  ich  dich  so  reht  komme  hau 
gebrochen,  die  dir  sele,  lip  und  ere  haind  geswechet?  Dankt  dich 
iezent,  da/,  du  sülist  gan  tfln,  waz  dir  in  dinen  ein  kamt?  Bist  du 
iez  besletet,  da/,  du  dir  selb  ellu  ding  erlübest?  Owe,  war  umb  ge- 
denkst du  nit  hinder  dich,  waz  dir  got  iiborseben  bat,  und  wie  rebl 
käme  du  bier  zft  bist  komen  und  wie  gar  du  noch  nüt  bist,  und 
nemist  din  selbes  war  und  liessest  ellä  endrü  aienschen  underwegenV 
Sihst  du  nit  den  tüfel,  der  dir  einen  sidin  vaden  umb  die  kelen  hat 
I  gebunden  und  dich  gern  na  im  fflrti?  Du  enkondest  doch  dich  selber 
nie  gelercn,  du  bist  doch  krenker  denn  Eva  in  dem  paradise,  und 
will  ander  lul  zii  got  ziehen?  Du  will  stro  zfi  dem  fiirin  brand 
legen,  der  nüwan  enklein  bedcket  ist  uud  noch  nie  reht  erlasch? 

Du  sprichst,  du  weilest  es  nu  in  ein  geiscblicb  wiee  ziehen, 
i  —  weiss  gott!  es  mag  wol  in  dem  geist  an  vahen.  es  wirt  aber 
schier  in  dem  Heisch  endende.  Bist  du  nit  gnftg  gewizget?  Danket 
dich  nit,  daz  dir  got  gnög  bah  vertragen?  Gewerlieh,  du  wilt  nit 
erwinden,  e  daz  du  an  de/-  ti'ivels  sail  wirst  gebunden.  Ich  han 
dir  es  dik  gcseit;  ir  wenent  als  got  und  die  lut  höflich  triegen,  und 
>  so  man  es  denue  umb  keret,  so  sind  ir  selbe  betrogen.  Du  mfist 
vast  stan  und  mCist  allen  anhang  lan,  anders  du  macht  niemer 
bestan.  Lass  dich  wol  begnügen,  ob  du  selb  dem  tüfel  mabt 
enpfiteben  1 


2—3  fehlt  Nm  uiigpliebter  (!)  K  nnpeühter  U  allein  fthlt  SU  8  na] 
tn  Ä  10  lieber  K  lieb  docbter  U  11  bin  /Ml  C  13  und  lip  KSU 
14  dinenl  den  S  16  dich]  sich  KSU  22  (örbrand  ,S'  23  nüt  r.  erlöschen  P 
38  e  dnz  da^  [du]  P       32  beuügea  KSU        3S  entfliegen  (!i  S 

2  ungelebt  =  uneifahren  im  gtistlichen  Lebtti.  4  Luk.  6,39. 


rha  SibrlRin. 


24 


I 


370  Briefbüchlein.    IV.  Brief. 

Ich  mflss  dir  eins  sagen:  Iftg,  der  diener  waz  eins  tages  ns 
gegangen  und  hate  hinderstanden  einen  geischlichen  rob,  den  er  dem 
tufel  wolte  nemen  und  in  got  wider  geben;  und  der  rob  waz  ein 
mensch  in  geischlichem  schine,  als  du  bist.  Der  mensch  hat  sin 
herz  mit  üpiger  minne  verstriket  und  kond  da  von  nit  komen,  wan  6 
er  wolt  gefüg  suchen,  da  kein  gelinpf  noch  füg  zfi  horte.  Und  do 
der  mensch  von  des  dieners  gftter  1er  wegen  ein  triben  gewan,  sich 
von  den  Sachen  ze  keren  und  sich  ze  got  halten,  do  begonden  sich 
die  b6sen  geiste  leichen  umb  ire  verlust  und  ir  den  vonker  swer 
[152']  machen,  daz  sü  duchte,  es  weri  ein  swere  berg  uf  ir  herz  10 
gestossen.  Des  selben  nahtes  na  der  meti  waz  im  vor  in  einer  ge- 
siht,  wie  ein  grftssü  schar  micheU  gefögels  kemi  für  sin  celle  stür- 
mend, und  die  waren  gar  ungestalt  und  waz  eine  nit  als  der  ander. 
Also  bot  er  sich  zfi  dem  venster  us  von  wunder  und  fraget  einen 
jungling,  der  stund  bi  ime,  waz  frfimdes  gesindes  daz  were.  Do  15 
sprach  er:  „lüg,  daz  wandelber  gesinde  daz  ist  ein  tüfellichü  sam- 
nung,  und  sint  zornig  und  wütig  umb  den  menschen,  daz  er  sich 
von  in  wolte  scheiden,  und  swenkent  dar  umb  hie,  wie  sü  in  ierren 
in  dem  gfiten  fürsazz  und  in  wider  verwisen  in  daz  alt  leben." 
Momendes  frü,  do  es  tag  ward,  do  screib  er  ir  einen  brief  und  20 
enbot  ir  also: 

Viriliter  agite  etc.  So  ein  ersamcr  ritter  einen  knapen  dez 
ersten  in  den  ring  füret,  so  spricht  er  wakerlich  zft  ime:  „eia, 
werder  held,  tu  hüt  als  ein  frumer  man  und  gebar  kcchlich  und 
wer  dich  frischlich!  Lass  dir  din  herz  nit  enpfallen  als  ein  zage;  25 
es  ist  besser  erlich  sterben,  denn  unerlich  leben.  So  der  erste  just 
übertruket  wirt,  so  wirt  es  lihter."  Also  tut  geischlich  ze  nemene 
der  heilig  David  gen  aime  frumen  gotes  ritcr,  so  er  sich  an  sinem 
anvang  sol  und  mftss  von  zitlichen  dingen  scheiden;  so  spricht  er 
also:  Viriliter  etc.,  daz  sprichet:  gebarend  kfinlich  und  manlich  30 
ir  alle,  die  got  getrüwent! 

Des  bedarfst  du  wol,   tohter  minü,   daz  du   vast  standest  und 
den  bösen  reten  dez  tiefeis  nit  volgest.   Du  bist  iezo  in  dem  bitersten, 


1  log  fehlt  K  13  eins  P  14  zu]  von  /'  18  sweben  NUm  19  ver- 
wisten  P  22  knaben  Sü  26  uiierlich]  inncrlicb  (!)  P  30  etc.  fehlt  AC 
33  dem  b.  rote  P 

3  f.  ein  mensch  i.  g.  seh.  =  eine  Klosterfrau.  IG  wanilelber.    ^ach 

dem  Gr  Bfb  verwandelten  sich  die  Vögel  fortwährend,  22  Fs.  30jQ5.    Vgl. 

auch  Vita  Kap,  44. 


Brief büohlein.    IV.  Brief.  371 

60  da  macht  komen ;  kämest  du  über  disen  schmalen  steg,  so  kamst 
da  schier  färbaz  af  die  witen  schönen  heide  eins  ruwigen  geisch- 
lichen  lebens.  Wölti  got,  dass  ich  in  den  fässtapfen  dines^kanpfes 
für  dich  sölti  stan  and  die  herten  schleg  für  dich  enpfahen,  die  din 

£  angevohten  herz  iez  enpfaheti    Daz  weri  dir  schad,   wan  wa  weri 

denne  der  grün  balme,  den  da  als  och  ander  sander  gotes  riter  in 

ewiger  wirdekeit  solt  tragen,  ob   da  gesigest?    Als  manig  pfil  dir 

wirt  geschossen,  als  mengen  rnbin  wirst  da  in  der  kröne  tragende. 

Ach  dar  ambe,  kind  mins,   bis  veste,  stand  vast,  gebar  kün- 

10  lieh !  Es  ist  kurz,  daz  da  lidest,  and  ist  ewig,  des  da  dar  ambe 
wartest.  Tfi,  als  da  weder  sehest  noch  höret,  anz  da  disen  ersten 
jast  dines  götlichen  anvanges  überwindest.  Nach  den  grossen  wetern 
koment  gern  die  liebten  tage.  Gedenk,  daz  menger  schöner,  janger, 
edeler  and  zerter  mensch,   denn  da  bist,   dinen  [152^]   strit  heind 

15  riterlich  überwunden,  and  die  in  dem  gevehte,  in  dem  da  iez  stast, 
menig  zit  stünden  und  och  yil  bitterlicher  wurden  an  gevohten,  and 
daz  ist  nu  ire  herzen  fröde. 

Eja,  kind  mins,  dar  umbe  so  büt  mir  din  band  und  hab  dich 
vaste,   nüt  an  mich,   sunder  an   den  starken  herren,  dem  du  nu  ze 

^  dienst  in  disen  strit  bist  komen.  Wüssist,  er  lat  din  nit,  ist  daz  du 
dich  genzlich  an  in  lassest.  Zwei  ding  sint,  du  dir  ellü  ding  helfent 
überwinden:  eins  ist,  daz  du  nieman  gestandest,  noch  gesizest,  noch 
gelosest,  es  si  friend  oder  vient,  der  dich  keinen  abweg  wil  wisen; 
daz  ander,  daz  du  nit  hoflich   klubest,   noch   mit  linsen  zügen  den 

ittS  sagenden  natren  dines  herzen  na  gangest.  Folg  mir:  wilt  da  nit 
morn  wider  in  keren,  so  zerr  im  daz  höpt  us!  Tu  es  geswinde  und 
bederbklich,  wan  wilt  du  sü  allein  an  dem  sweif  riiren,  so  kleibent 
sü  sich  dest  vester  und  bissent  dest  wirs.  Enbüt  in:  fridus,  fridus! 
die   din   herz   so   berlich   mit   falschheit   entfridet   band.      Flüh   ze 

^  gote,  lass  die  tumben  torren  uf  dich  rufen,  swie  vil  sü  wen,  lüg  bi 
nütü   hinder  dich,  —  sich,  so  hast  du   alle   din  vient  schier  über- 
wunden und  bist  von  dinen  sweren  banden  behendeklich  entbunden. 
Nu  wil  aber  ich  zft  dir  noch  eins  sprechen,  und  hab  es  nit  für 
übel.    Ich  han  gemerket  an  dir,  daz  du  noch  unganzlich  in  got  mit 

3b  dinen  sinnen  stast,   daz  du  dich    noh   nit  verwegenlich  aller  dingen 


5  wa  fehlt  C  9  vast]  uf  6'  11  als  ob  P  13  komeent  A  16  bil- 
licher  P  17  nu]  in  KU  22  noch  gesiz.  fehlt  C  24  kuplest  U  lisen  CS 
26  zerr]  kere  P  28  sich  fehlt  C  fridus  nur  einmal  P  32  Nm  haben 
hier  einen  späteren  Zusatz  von  3  Zeilen  (Preger,  Briefe  64)       3Ö  dinem  sinne  AC 


372  Briefbüchlein.    IV.  Brief. 

hast  ab  getan.  Gewerlich,  du  müst  eintwedcr  haben  oder  lassen^ 
anders  dir  geschiht  niemer  kein  selde.  Mag  ieman  zwein  herren 
dienen  ?  Nein  es,  werlich !  Tft  einen  frien  sprang,  so  macht  da  be- 
liben.  Lass  von  grande  den  menschen,  —  dn  merkst  mich  wol,  — 
und  la  alles  daz  gewerbe,  daz  in  sölicher  zerganklicher  minne  mag  & 
sin  an  gegenwürtikeit  und  an  botsehaft,  und  lass  dich  dar  ab  nit 
wisen,  weder  mit  tr5wene  noch  mit  liebkosene.  Gib  ein  kuntlichs 
nrlob  aller  der  gespilschaft,  du  dir  dis  arbeit  waz  ratende  oder 
helfende,  oder  die  noch  die  wise  fürent,  die  du  wilt  und  müst  lan, 
wan  ane  alle  glose  sind  sü  dir  ein  gift,  und  daz  weist  du  vil  wol.  i(^ 
Du  solt  dich  aller  usverten  geloben  und  aller  nebelmentelin,  wie  du 
ursach  vindest,  von  noturft  wegen  ein  usvertli  ze  erwerben ;  got  und 
du  lüt  wissen  wol,  daz  hie  von  nit  vil  gutes  ist  komen.  Du  solt 
frfi  und  spate  bekunbert  sin,  wie  du  din  süntliches  leben  gebessrest, 
wie  du  diner  [153']  manigvaltigen  gebresten  lidig  werdest  und  wie  i& 
du  dich  mit  dem  grimmen  richter  versünest.  Gewerlich,  du  hast 
dar  an  nit  genüg,  daz  du  an  den  kle  wol  hoflich  bissest,  du  mftst 
dinen  tapfern  lip  an  griffen,  dinen  geschlifnen  zungen  binden,  dinen 
ungesamneten  müt  wider  samnen,  daz  din  herz  nit  sie  als  ein  ge- 
mein gastbus,  als  ein  offen  winhus,  ein  tabern,  da  ieder  man  sinen  20 
niderlass  vindet  und  da  ieder  man  bestanden  ist,  wes  er  erdenken 
kan.  Eia,  trib  us,  trib  us  daz  uuvolg,  oder  sicherlich,  du  enmacht 
den  zarten  herren  niemer  enpfahen!  Gedenk,  daz  er  dich  im  hat 
gevordret  ze  einer  geraahel,  und  dar  umbe  so  hüt,  daz  du  üt  werdest 
ein  havendirnne!  2& 


7  kuntl.]  kintliches  P  friges  U  10  vil  fehlt  C  11  userten  AS 
nebentment^Iin  S  12  ufvertli  A  16  hast]  gewinnest  C  19  uzsamneten  C 
24  einem  PSin        nüt  P 

2  f.   VyL  Luk,  16,13.  6   Vgl,  Hör,  36:  dulces  liier ae  crebraque  mu- 

nuscula  (ähnlich  Regula  S,  August,  c.  9).  11  usverten  =  Ausgänge  in  die 

Stadt;  vgl.  V^ita  70,21  ff.    —    nebelmentelin  =  Bemäntelungen,  gleichbedeutend 
mit  glose.  17  Ks  taugt  nichts,  das  geistliche  Leben  mit  weichlicher  Selbst* 

achonung  zu  beginnen. 


Briefbüchlein.    V.  Brief.  373 


V.  Brief. 

Ton  jubilierender  fröde^  die  die  engel  und  engelschlichü 
menschen  enpfahent,  so  sich  ein  sünder  bekeret. 

Exultet  iam  angelica  turba  coeloram. 

j5  Es  sprichet  unser  herr  an  dem  ewangelio,   daz  sich  engelseh- 

lichü  natur  fr6wet,  so  sich  ein  sünder  bekeret,  und  der  engel  frSde 
ist  ein  himelsches  jubilieren. 

Es  kam  einest  zä  des  dieners  kundsami  ein  mensch,  dur  den 
luhte  du  weit  nah  grosser  gevellikeit,  daz  von  dem  reizlicben  bilde 

iO  menig  herz  entrihtet  ward.  Daz  heti  der  diener  gern  understanden 
und  es  zu  dem  minneklichen  got  gezogen,  daz  got  weri  dur  von 
gelopt  und  des  selben  menschen  engel  und  alle  engel  mit  im  ge- 
fröwet  und  du  menschen  gebesret.  Diser  bete  über  den  menschen 
kam  er  ernschlich  an  got  und  sunderlich   an  unser  frowen,   du  da 

J.5  ist  ein  lichter  morgensteme,  und  bat  si  flehklich,  daz  si  dez  men- 
schen weltlichen  mQt  und  ir  yinster  herz  erluhti  und  si  von  sched- 
lichen  dingen  hin  zfi  got  zugi.  Des  ward  er  von  ir  gewert,  daz 
dem  weltlichen  herzen  du  gnad  von  got  ward,  in  der  si  sich  ge- 
swinde  von  der  weit  zu  got  getrülichen  kerte.     Dar  ab   entsprang 

-QO  ein  so  grossü  himelschü  fröde  in  sinem  herzen,  daz  er  neiswi  in 
himelscher,  jubilierender  wise  ir  disen  brief  santte. 

Dar  na  lange,  do  er  uss  allen  sinen  brieffen  diz  klein  ding 
zesamen  machote  und  daz  ander  alles  dur  kurzrung  underwegeu 
Hess,  und  do  er  disen  brief  och  her  fär  nam,   do  gedaht  er  also: 

•25  diser  brief  ist  nüt  denn  ein  jubilierendü  rede,  und  so  die  tärreii 
seien  und  hertü  herzen  daz  werdent  lesende,  so  wirt  es  in  ungesmak ; 
und  also  verwarf  er  den  selben  brief  och.  Do  mornent  ward,  — 
daz  waz  in  der  heiligen  engel  octave,  —  do  kom  in  einer  geisch- 
lieben  gesiht  für  in  weiswi  menger  jungling  der  engelschlichen  ge- 

ÜO  selschaft  und  straften  in,  daz  [loS""]  er  den  selben  brief  hate  ver- 
diiget, und  meinden,  er  müsti  in  wider  scriben.  Und  daz  tet  er, 
und  vie  an  und  screib  also: 


2  und  die  e.  m.  C      23  küzrung  A      25  nüt  anders  denn  S      32  an  fehlt  P 

4  Anfang  des  dem  hl,  Augustinus  zugeschriebenen  Hymnusj  der  am  Kar- 
samsiag  zur  Weihe  der  Osterker ze  gesungen  wird.  5  f.  Luk.  15,10. 

8  mensch  wie   öfters  =  weibliche  Person.  15   raorgensterne ,  vgl.   den 

374y5  gitterten  Hymnus.  22  diz  klein  ding  =  eben  dieses  dem  Exemplar 

£inverleihte  kleine  Briefbüchlein.  28  6\  Okt.  (vgl.   Uta  20,25). 


374  Briefbtichlein.    V.  Brief. 

Exultet  iam  angelica  turba  coelorum.  Do  der  liehte 
morgenstern  Maria  heiterlich  durprach  die  leiden  vinstri  dines  tan* 
kein  herzen,  do  ward  er  frölich  gegruzet.  Ich  hftb  nf  an  der  lieben 
stunde  mit  schalle  ein  frödenrich  stimme,  daz  es  in  der  h6hi  er- 
klang: ^ach,  got  gruze  dich,  praeclara  maris  Stella,  got  gruze  & 
dich,  ufgender,  wünneklicher,  zarter  morgensterne,  von  dem  grund- 
losen grnnde  aller  minnenden  herzen!"  Ich  reizte  die  gesellen,  daz 
sü  schallich  den  glenzenden  morgenstemen  grüztin,  owe,  ich  mein 
die  süzzen  küngin  von  himelrich,  d&  mit  ir  usbrehenden  liehtrichen 
glenzen  din  tinber  herz  hat  erlühtet,  nach  dem  als  ich  es  an  si  lo 
togenlich  komen  waz.  Min  hoher  m(üt  enbot  ein  fries  loben  in  daz 
himelsch  land,  nnd  bat  die  hohen  galander  und  die  süzzen  lerchan 
der  himelschen  beide,  daz  s6  mir  hälfin  rumen,  loben  und  prisen 
den  herren.  Ich  hftb  uf  minü  ogen  mit  einem  vollen  herzen  und 
sprach  also:  1& 

„Exultet  iam  angelica  turba  coelorum!"  Wafen,  got! 
gewan  ich  ic  leid,  daz  verswand  do;  die  güldin  tag  baten  mich 
umbgeben,  ich  wände,  daz  ich  swebti  in  dem  meiental  der  himel- 
schen fröden.  Ich  sprach:  „fröwent  üch,  ir  werden  engelschar  der 
himelschen  owen,  jnbilierent,  springent  und  singent  umb  die  lieben  20 
botschaft!  Lftgent  alle  mit  wunder:  der  junger  sun  ist  wider  komen, 
daz  verlorn  tod  kind  ist  funden,  ach,  daz  tod  lieb  ist  wider  lebend 
worden!  Der  naturlich  geblümter  anger,  da  daz  vih  uf  geschlagen 
waz  und  verwüstet  waz,  beginnet  in  übernatürlicher  schöni  wider 
schinen,  daz  vih  ist  us  getriben,  die  schönen  blftmen  beginnent  schon  2& 
uf  tringen,  daz  tor  ist  beschlossen,  daz  eigen  ist  wider  worden.  Dar 
umbe,  ir  himelschen  seitenspil,  leichent  üch,  machent  uf  einen  nüwen 
reien,  daz  man  es  innen  werde  in  dem  himelschen  hofe,  daz  da  en- 
kein  gasse  sie,  sie  werd  sin  vol !  Fröwent  üch  so  vil  dest  me,  wan  der 
minnegütin  fro  Venus  ist  ir  herze  berobet,  ir  förnemes  sumerliches  30 
krenzli  ist  ir  ab  gesprochen,  ein  frfidenberndes  spil  ist  ir  erstumbet. 


1.  16  Ex.  —  coel.  fehlt  P  2  Maria  fehlt  S  8  glenz.  fehlt  P  10  tinber] 
inner  C  tunbes  P  13  beiden  P  20  owe  NPm  22  kind  —  lieb  fehlt  U 
30  minnegottin  CNPSm       31  ein]  din  P        frodenbares  aS' 

5  AvCj  praeclara  maris  Stella,  in  lucem  gtntium^   Maria,  diviniius  ortaj 

erste  Strophe  eines  Hermannus  Contr actus  zugeschriebenen  Marienhymnus  (Che' 

valier,   liepei-t.  hymnoL  Nr,  ^045  I,  liiO;  Mone,  Lat,  Hymnen  II,  356  ff.);  er 

wird  auch  in  den  Offenbarungen  der  Christina  Ebner  zitiert  (Afda  IX,  136) r 

21  f.    Vgl  Luk.  15,24. 


BriefbüchleiD.    V.  Brief.  375 

^Eia,  falschü  weit,  eia^  triegendü,  zergaDgklichü  minne,  tft  din 
hopt  under!  Wer  wil  dich  nu  prisen?  Mit  wem  wilt  du  es  nu  mit 
so  hof Hoher  lütselikeit  vorgan?  Din  gemeiter  leitstab  ist  under  ge- 
tan^  er  ist  worden  ein  ansihtiger,  götiieher  leitstab.  Des  fr6wen 
5  sich  die  himel  alle,  und  ellä  götlichü  minnendü  herzen  sprechen: 
Gloria  tibi.  Domine,  umb  die  [154']  grossen  wunder,  die  du, 
herr,  allein  würkest  in  so  mengem  sündigen,  helflosen,  verzwifletem 
herzen. 

„Ach,  schöner,  gewaltiger  herr,  wie  reht  schön  und  minneklich 

10  du  siest  in  allen  dinen  geteten,  so  bist  du  aber  neiswi  noch  tnsent- 
valt  roinneklicher  und  loblicher  uns  armen  sündigen  menschen,  du 
du  als  gar  unverdienet  gerüchest  ze  begnadene  und  zfi  dir  ze  ziehene. 
Herr,  es  gezimt  dir  ob  allen  dinen  werken  als  reht  wol,  es  stat 
diner  güti  als  reht  zimlich.     Owe,  du  minnekliches,  grundloses  göt, 

15  da  in  dem  werke  zerspaltet  der  stehlin  berg  diner  strengen  gerehtikeit. 

„Nu  tretend  hüt  zft  mir,  ellü  menschen,  du  got  also  minneklich 

begnadet  hat,   und   land   uns  schowen,   minnen  und  loben  daz  gftt, 

owe,  daz  grundlos  gut  unsers  herren   und  milten  vatters!    Eya,  ge- 

minter  got,  Iflg  ein  wunder:  du  herzen,  du  vor  umbfiengen  den  mist, 

20  herr,  die  minnent  und  umbvahent  dich  hüt  mit  grundloser  girde ;  die 
gester  waren  verkererin,  die  sint  hüte  diner  süzzen  minne  bredierin. 
Herr,  es  ist  ein  wunder  und  ein  lustlich  ding  ze  hörene:  die  vor 
von  Zartheit  sich  selber  kumme  getrügen,  die  brechent  in  selber  abe 
und  vindent  nüw  fünde  grosser  strenkheit  und  minneklicher  Übung 

25  in  dinem  lobe,  daz  sü  sich  luterlich  mit  dir  gesüuen.  Den  ir  eigen 
lip  ze  liep  waz,  den  ist  er  worden  ein  frömder  gast;  die  sich  vor 
finlich  uf  machetan,  wie  sü  der  minne  gelagetin,  die  bergent  sich 
nu,  daz  sü  got  wol  gevallen ;  die  vor  in  zom  waren  als  die  grimmen 
wolve,   die  sind  nu  an  übersehene  als  die  swigendü  lemblü;   owe, 

30  die  da  vor  swarlich  gelestet  und  gebunden  waren  mit  stehlinen  reifen 
in  trurkeit  und  swermfitekeit  der  strafenden  gewüssne,  owe,  milter 
herr,  sich,  die  swingent  nu  frilich  uf  über  alles,  daz  ertlich  geleisten 


2  es  fehlt  U  3  under  —  4  leitet.]  dir  gezuket  C  6  minn.  fehlt  Kü 
15  da]  das  P  16  also  mmn,  fehlt  C  17  f.  daz  gut  ovfe  fehlt  C  23  kuDme  A 
25   dinem]  dem  S       27   begerent  (!)  KC       sieh  fehU  KU       32  awigent  (!)  CS 

3  leitstab  =  leitender  Stab^  Anführer  (Lexer  /,  1874).  Jene  bekehrte 
Person  icar  vorher  gleichsam  Vorkämpferin  der  weltlichen  Minne,  6  Ab' 
kürzung  der  Doxologie:  Gloria  Patri  et  Filio  etc.,  jetzt  noch  vor  dem  Evangelium 
in  der  Messe  gebraucht. 


376  Briefbüchlein.    V.  Brief. 

mag^  in  wolgeroftter  entladeDr  friheit,  sü  floierent  gefriet  in  daz 
himelsch  Vaterland,  sü  wnndret^  daz  sü  ie  so  blind  und  so  sinnelos 
gen  der  vinstren  naht  der  valschen  minne  mohtan  werden.  Herr, 
daz  ich  hie  vor  laz,  daz  han  ich  nn  enpfunden:  so  daz  liplich  zA 
dem  geischlichen  und  daz  wolgenatürt  zu  dem  ewigen  geratet,  daz  5 
denne  ein  grosse  funk  diner  gnadenrichen  minne  dar  us  wirt.  Eya, 
ewigü  wisheit,  daz  ist  du  Wandlung  diner  rehten  hand,  zartu  frowe 
von  himelrich,  daz  sind  du  werk  diner  grundlosen  miltekeit." 

Nu  hör  och,  min  kind,  waz  ich  und  du  und  unser  glichen  gen 
dem  geminten  got  tftn  son.     Wir  sülen   nu   fürbaz  also  leben,   daz  lo 
uns  nieman  got  [154'']  mug  uf  gehaben,   wir  sülen  tun,   als  ob  ein 
edle  küng  sin  kuchidirnen  sasti  über  sin  frowen.     Ovve,  wie  dank- 
berlich  du  dirne  den   herren   urabfiengi,   wie  trutlich   si  in  minneti, 
wie  herzklich  si  in  lobti,   und  so  si  ie  unwirdiger  weri,   so  er  ie 
minneklicher  von  ir  geminnet  wurdi !   Wir  sülen  reht  den  lutren  un-  ib 
schuldigen  menschen  fiir  gebieten,   daz  wir  sü   überschallen.     Tfint 
sü  ime  eins,  so  sülen  wir  im  zwei  tön ;  minnent  sü  in  einvalteklich, 
ach,  so  sülen  wir  in  tusentvalt  minnen.    Lügent  reht:  alle  die  wise, 
als  wir  hie  vor  in  unsren  tunben  tagen  uns  fiissen,  daz  wir  sunder- 
bar  stundin  in  aller  klükheit,  daz  wir  ellü  herzen  in  wolgevallender  20 
wise  zö  uns  zügiu,   —  also   sülin  wir  nu   naht   und  tag  dar  nach 
studieren,  wie  wir  ellü  herzen  gebesren  und  gote  usgenomenlich  wol 
gevallen. 

Ach,  kind  mins,  gedenk,  in  den  toben  tagen  wie  tet  uns  so 
reht  wol,  so  man  uns  sunderlichen  rftmde,  meiiule  und  rainnete,  daz  25 
wir  wanden!  Ovve,  wie  recht  wol  uns  wirt,  so  uns  nu  daz  gemint 
lieb  wirt  sunderlichen  minnende  und  meinende!  Ach,  kind  mins,  ge- 
denk, wie  recht  sur  daz  zitlich  liep  erarnet  wirt,  daz  wir  do  etwen 
von  vort  wegen  lüzel  kein  kurzwil  da  von  mohtan  gehaben,  —  ach, 
dar  umbe  ist  billicb,   ob   uns   dis  och   etwen   sur  wirt.     Lftg,   kind  30 


1  floriereiit  CNUm  2  und  [so]   AKNma         7  gerehten  C         8  du 

fekU  KU  9  du]  die  K  [und]  unser  C  11  uf  geben  C  12  versasti  C 
17  im  z.  t.  —  18  s.  wir  fehlt  C  20  blögbeit  C  21  nu  —  22  wie  wir 
fehlt  ASPKUfa  (Hotnoioteleuton!)  28  daz  z.  liep  so  reiit  nur  S  zitl.  fehlt  C 
29  kurwil  A   kürtzel  C        80  och  dis  P 

7   Vgl.  Ps.  76^11.  15 f.  Sinn  wohl:  wir  sollen  die  ganze  Lauterkeit 

und  Unschuld  unserer  Natur  zeigen^  dass  wir  die  andern  Minner  Gottes  übertreffen. 
Vgl  auch  Gr  Bfb  XIV,  27  ff.   Vgl,  Bdew  2 19, '^0  ff,  30  dis  =  die 

Gewinnung  des  ewigen  Liebes, 


Brief  liticilleiii. 

mins,  eins  des  beger  ich:  daz  du  menschen,  du  ein  tiit  enpfiniden 
hein,  daz  dii  wenent,  daz  eB  vil  me  kurzwil  bringe,  denoe  es  tfit; 
Sil  wenent,  daz  nieman  wol  sie,  denne  dem  mit  dem  roten  asse  an 
dem  ki'umben  angel  gelfidert  ist.  Acb,  ewi^ii  wisheit,  miuneklicbes 
5  lieb,  wan  eehin  dich  eliö  sölicbü  herzen,  als  dich  min  herze  siht,  so 
zerstube  in  in  ellü  zerganklißhii  liebil  Herr,  mich  kan  niemer  ver- 
wnndren,  swie  fr&md  es  mir  och  hie  vor  waz^  daz  kein  grundlos 
minnendes  herz  in  üte  denn  in  dir.  tiefer  wag,  grnndloBes  mer.  tiefes 
abgränd  aller  minneklicher  dingen  gelenclen  mag.     Herr  mine.   min 

10  achfines  liep,  war  timbe  zögest  du  dich  inen  nitV  Lfig,  ewigü  wis- 
heit,  wie  die  falschen  minner  tünd:  waz  unlütseliges,  ntigestattes 
und  gebreßthaftiges  an  in  ist,  daz  bergent  bi'i  genote,  berr,  hein  sä 
aber  üt  düplicher  gestifter  achöni  oder  lätselikeit,  daz  bietent  sä  her 
für  und  weri  in  leid,  daz  üt  in  lieb  were,  daz  liebes  ogen  vergiengi; 

IB  lind  so  eil  es  hin  und  her  getribent,  owe,  so  sind  sü  nit  anders,  denn 
ein  sak  vol  mistes.  So  gedenk  ich:  owe,  der  dir  nüwan  die  obren 
hiit  ab  zugi,  wie  sieh  denn  die  warbeit  in  dir  erzogt!,  wel  ein  im- 
tier  man  an  dir  sehi!  Owe  aber  du,  gemintes  lieb,  ewigü  [155'] 
wisheit,   du  verbirgest   din   minneklicbes   und   zögest  din  leides,    du 

SO  z&gst  duz  sur  und  behaltest  daz  süz.  Owe,  gemintes  zartes  lieb,  war 
umb  tost  du  daz? 

Acb,  geminter  herr,  erlöb  mir,  lass  midi  sündigen  menschen 
ein  einig  wflrtli  zfi  dir  sprechen,  gewerlich,  berr,  ich  enmag  sin  nit 
enbern.     Owe,  gemintes  lieb,   wan  hetist  du  mich  lieb!     Ach  herr. 

26  herr,  hast  du  mich  liep"?  Wafen,  wan  weri  ich  din  liep!  Owe, 
wenet  ieman  uf  ertrich,  oh  mich  der  gemint  berr  lieb  habV  Min 
scle  einredet  dur  uab.  owe,  min  herz  ruret  sich  in  ininem  Übe,  so 
ich  geding  ban,  daz  du  mich  lieb  habest.  So  es  mir  in  minen  mOt 
kunt,  ach,  so  wird  ich  als  reht  fr&lich  gestalt,   daz   man  es  an  mir 

90  brufen  möhtc,  der  es  oemi  war;  alles,  daz  in  mir  ist,  daz  zerttüsset 
von  rebten  frieden.  Lfig,  herr,  hetli  ich  wi'inscbes  gewalt,  so  weri 
daz  aller  hSbste   uud  begirlicbost   und   lustlichest,   so  min  herz  und 


3  uMe]  also  C  a,\n  S  f>  aol.j  frolicheii  P  Ijerzo]  sei  S  7  Joch  S 
12  Itegetent  KU  13  liüpl.l  UülBchea  P  24f.  berr  einmal  P  2B  micli 
[Uep]  K      27  ftiurot  Nvt      lUr  norh  P      30  war  neme  PU      32f.  uud  sc\e  fehlt  C 

2  ea  btettht  gieh  wohl  atif  da»  tieigt  Li'tb   (geytn  Dfniflt  S90  A,  II. 
lOff.   Vgl.  Hör.  2&f.,  37 f.,  Ulf.  16  dir  =  drm  faUchtn,   «■iltlichm 

Lieb.  26  fr.    Da»  folgtuät   berührt   aich   mehrfach    mit    Kap.  7  des  Jtdeif 

iKgl.  nainenilich  337,4  ff.,  336,20ff.,  224,17 ff.). 


378  Briefbtichlein.    VI.  Brief. 

sele  erdenken  könde^  daz  da  mich  sunderlich  lieb  hetist,  ach,  owe, 
und  daz  du^  trater  herr,  ein  sanderlicbes  minnekliches  iiebsehen  af 
mich  hetist.  Lögent,  ellü  herzen,  weri  daz  nit  ein  himelrich?  Herr, 
dinü  ogen  sind  ob  der  lichten  sannen  glanz^  owe,  din  suzer  götlicher 
mnnd,  dem  der  kant  wirt,  dinü  liehtberndü  wengel  gfitlicher  und  & 
menschlicher  nature,  din  schönu  gestalt  ob  alles  zitliches  Wunsches 
gewalt!  So  man  dich  ie  blösklicher  von  aller  materi  entwiset,  so 
man  dich  ie  minneklicher  in  luter  frödenbernder  wanne  schowet;  so 
man  aller  lätselikeit,  gezierde^  Schönheit  ie  grundlosklicher  na  ge- 
denken kaU;  so  man  es  ie  überswenklicher  in  dir,  zartes  lieb,  vindet.  lo 
Liügy  ist  ut  minneriches,  wolgevallendes  an  keinem  minneklichen 
menschen,  daz  nit  in  luter  wise  tusent  stund  minneklicher  in  dir, 
gemintes  lieb,  sie?  Nu  schowent,  ellu  herzen,  scheut  in  eben  an, 
lügent:  Talis  est  dilectus  meus,  alsus  niinneklich  gestellet  ist 
min  süsses  lieb,  und  er  ist  mins  HERZEN  TRUT!  Daz  sie  üch  15 
kunt  getan,  ir  töhtran  von  Jerusalem!  Wafen,  zarter  got,  wie  selig 
der  ist,  des  lieb  du  bist  und  dar  inne  eweklich  bestetet  ist! 


VI.  Brief. 

Wie  sich  ein  mensch  sol  halten  nnerschrokenlich^  so  es  gat 

an  ein  sterben.  20 

Absalon,  fili  mi,  quis  mihi  det,  ut  ego  moriar  pro  teV 

Dem  diener  lag  siner  liepsten  geischlichen  kinden  eins  au  dem 

tode,  und  do  er  horte,   daz  es  sterben   müste   und  es  sich  ab  dem 

tod  als  übel  gehüb,   do  trost  er  es   und  screib  im  disen  brief  also: 

Kind  mins,  wer  git  einem  getrüwen  vatter,  daz  ich  für  min  25 
liebes  wolgeraten  kind  sterbe?  Stirb  ich  nit  liplich,  so  stirb  ich  aber 
herzeklich  mit  dem  geminten  kinde  mins  herzen.  Ich  bin  liplich 
verr  von  dir,  aber  min  herz  stat  vor  dinem  todbete  mit  bitren  trehen 
und  getrüwer  klage.  Büt  mir  din  siechen  band,  und  sie,  daz  got 
[155'']  über  dich  gebiete,   so   bis  vest  an   kristan  globen   und  stirb  30 


6  wirt  kuut  S  wengeliu  CS  9  schon,  fehlt  S  10  übersw.]  miii- 
nenklicher  S  11  minnerichers  CS  12  luter]  purer  C  minneklicher  fehlt 
ASPKUa  uft  in  dir  C         IB  eben]   aUe  S  14  Talis  —  meus  fehlt  P 

15  mins]  min  F      19  e.  ieklich  mensch  S      es]  er  S      23  er]  es  K      und  e* 
—  24  geh.  fehlt  C       als  reht  ü.  F        26  liebes]  selbe  ^S^        30  gehütet  P 

14f.    Hoheh  5,16,     Vgl  Vita  140,7.  21  //  Kön.  18,33, 


Briefbüchlein.    VI.  Brief.  37^ 

frölicb.  Fröwe  dich,  daz  din  schönü  sele,  d&  da  ist  ein  Inter,  ver- 
nÖDftiger;  gotfftrmiger  geist,  daz  du  uss  dem  engen  jemerlicben 
kercber  sol  erlöset  werden,  und  daz  sä  nu  fürbaz  ane  alle  binder- 
nust  frölicb  mag  gebrucben  ir  selikeit,  wan  got  spricbt  selber:  kein 
5  menscb  mag  mich  sehen  und  leben. 

Ein  ding  ist,  daz  mengem  unbekanten  menschen  an  dem  tode 
erzöget  und  im  einen  strengen  tod  machet,  daz  ist:  so  er  sinü  ver- 
gangnü  jar  und  sin  üpeklich  verzeret  leben  her  für  nimt,  daz  er 
sich  denn  einen  grossen  Schuldner  gotes  vindet  und  daz  er  an  siner 

10  jüngsten  stunde  nit  waiss,  waz  im  dar  zu  ze  tüne  ist.  Da  wil  ich 
dir  einen  sicheren  weg  geben  uss  der  heiligen  scrift  und  uss  der 
warheit,  wie  du  dem  macht  us  gan  in  ganzer  Sicherheit. 

Hast  du  bi  dinen  tagen  ie  gebrestklich  gelebt,  als  wenig  men- 
schen dar  ane  ist,   dar  ab   solt  du   nit  ze  vast  erschreken  an   der 

15  stunde  dines  todes.  So  du  dinu  kristanlichä  reht  hast,  ob  du  macht, 
ordeulich  enpfangen,  so  tu  eins  und  nim  daz  cruzifixus  für  dinä 
ogen  und  sich  ez  an  und  truk  es  an  din  herz,  und  neig  dich  in  die 
blutgiessenden  wunden  siner  grundlosen  erbarmherzekeit  und  bit  in, 
daz  er  mit  den  blütnassen  wunden  ab  wescb  in  siner  götlichen  kraft 

20  alle  din  missetat  nach  sinem  lobe  und  dincr  notnrft,  und  bis  denn 
sicher  uf  mich :  nach  kristanlichem  globen,  der  mit  nütä  triegen  kan, 
maiit  du  daz  vesteklich  in  dir  han,  daz  du  denn  von  allem  mitel 
genzlich  wirst  gelütert  und  frölicb  mäht  sterben. 

Es  ist  noh  eins,  daz  du  an  der  stunde  solt  her  fär  nemen,  daz 

25  du  den  tod  dest  hast  mugist  verahten.  L&g,  es  ist  ein  land,  da  ist 
ein  gewonheit,  wenn  ein  mensch  wirt  geborn,  so  koment  alle  sin 
frünt  zesamen  und  scrient  und  weinent  und  gehabent  sich  übel,  so 
er  aber  stirbet,  so  lachent  sü  und  habent  alle  fröde;  und  meinent 
da  mite,   daz  nieman  weiss   die  grossen  erbetselikeit,   du  mengem 

30  menschen  erahtet  ist,  und  dar  umbe  weinent  sü  in  der  geburt,  und 
wan  du  ein  ende  nimet  von  dem  tode,  des  fröwent  sü  sich.  Der  es 
reht  hinderdenket,   so  mag  des   menschen  geburt  in  dis  eilend  weit 


1  luter  fehlt  S  2  du]  du  P  4  f.  der  mensch  mag  mich  nit  s.  u.  1.  C 
6  men^^en  CNma  7  erzeget  AK  erzaget  a  20  notuft  A  24  her  f.  solt 
n.   C        29  wiss  K        32  reh  A 

7  erzogen  mit  Bat,  der  Person  =  sich  erweisen ,  erzeigen;  vgl, 
Lexer  I,  104;  JbWB  III,  1018  ff,  Denifte  602:  versagt  macht.  15  kristanl. 

reht  =  Sterhsakramente  (Schmeller  /J*,  27).    Vgl.  ßum  folgenden  Bdtw  258,16  ff., 

286,26  ff. 


380  Briefbäohlein.    VL  Brief. 

wol  heissen  ein  tod  von  der  not  und  erbeit,  du  im  bereit  ist,  so  mag 
aber  der  liplich  tod  wol  heissen  ein  nüwü  gebürt  von  dez  sweren 
libes  abval,  von  dem  frien  ingang  in  die  ewigen  selikeit. 

Swem  nu  sinu  ogen  sint  uf  getan,  dis  warbeit  kuntlich  ze  be- 
kennen, dem  wirt  sin  tod  dest  lihter;  der  aber  diz  nit  kan  [156']  6 
an  gesehen,  des  klag  wirt  gross  und  sin  unbekanter  tod  dest  strenger. 
Lflg,  waz  jamers  in  diser  weit  ist,  was  lidens  eblich  und  angst  und 
not  hie  ist  allentbalb,  wa  man  sich  hin  keret!  Und  weri  nit  anders 
me  denn  vorht  libes  und  sele  und  du  wandelberu  unstetekeit  diser 
weit,  uns  sölti  hinnan  belangen.  E  daz  dem  menschen  ein  liep  be-  10 
scheh,  so  begegend  im  zehen  leid.  Es  ist  menger  mensch,  der  in 
des  frageti,  er  sprechi:  „ich  gewan  nie  noch  nie  guten  tag  uf  ertrich.** 
Du  weit  ist  vol  striken,  falschheit  und  untruwen,  nieman  mag  sich 
an  den  andern  gelan,  wan  ieder  mensch  suchet  sinen  geniess.  Der 
denn  dar  umb  begeret  lang  ze  lebene  durch  merung  sines  lones,  daz  15 
ist  gar  zwifelich,  ob  sin  Ion  ald  sin  grossen  schulden  me  werden 
zu  legende.  Er  hat  lones  übrig,  der  daz  minneklich  zart  antlut  des 
schönen  herren  iemer  me  schowen  sol,  acb,  und  bi  der  lieben  himel- 
schen  geselschaft  wonen  sol.  Tut  du  stund  des  todes  we  und  ist 
si  bitcr,  so  müss  es  doch  neiswen  sin;  des  todes  stunde  ward  nie  20 
kein  mensch  überhabt.  Der  denn  hüt  unbereit  ist,  der  mag  mom 
noh  vil  unbereiter  sin:  ie  elter,  ie  böser.  Man  vindet  vil  me,  die 
sich  bösrent,  denn  die  sich  besrent.  Ist  des  todes  gegenwürtikeit 
biter,  so  machet  er  doch  aller  biterkeit  ein  ende. 

Dar  umbe,  min  kind,  so  riht  diu  herze  imd  hend  und  ogen  uf  26 
in  daz  himelsch  Vaterland,  und  grüz  es  mit  begirde  dins  herzen  und 
gib  dinen  willen  in  gotes  willen.  Stande  der  sache  lidig;  waz  er 
mit  dir  tüge,  es  sie  sterben  ald  leben,  daz  nim  uf  von  gote  für  daz 
beste,  wan  es  ist  och  daz  beste,  ob  du  es  joh  nit  uf  dem  puncten 
erkennest.  Fürt  dir  nit,  die  heiligen  engel  sint  bi  dir  imd  umb  dich,  30 
der  milte  erbarmherzige  got  der  wil  dir  vaterlich  helfen  uss  allen 
dinen  nöten,  ob  du  allein  siner  gutikeit  macht  getrüwen.  — 

Do  dise  trostliche  brief  der  sterbenden  tohter  wart  geantwürt, 
do  ward  si  fro  und  liiess  ir  in  zwirent  vor  lesen;   und  do   si  horte 


5  f.  nun  nit  k.  gesellen  S  8  wa]  war  KU  9  unstet.]  wustekeit  C 
13  untr.]  untuj^ent  S  18  scliow.  sol  fehlt  S  25  [und]  ogeu  C  29  f.  nit 
wol  erk.  S 

7  ff.    V(fl.  Bdew  219,15  ff.  13   Vgl  Bdew  2 19 ,.'23  f.  14    Vgl 

Phil  2,21. 


Briefbüchlein.    Vn.  Brief.  381 

die  gnedigen  rede,  do  ward  ir  ir  herz  neiswi  reht  erkicket  dar  abe 
und  vergiengen  ir  die  vordren  todschreken,  und  gab  sich  do  frilicb 
in  gotes  willen  und  nam  gar  ein  beilig  ende. 


VII.  Brief. 
5     Wie  sich  ein  mensch  in  astragenden  emptem  siil  halten. 

Cristus  factus  est  pro  nobis  obediens  usque  ad 
mortem. 

Swer  da  widerstrebet,  daz  er  von  gehorsami  mflss  tfin,  der 
machet  im   selb   ein  sweres  leben,  wan  enklein   ding  unwilleklich 

10  getan  tut  wirs  denn  vil  getan  [156^]  mit  willen.     Dar  umbe,   sider 

dis  ampt  von  gotes  ordnunge,   von  dem  alle  gewalt  kunt,   als  sant 

Paulus  sprichet,   üch  zft  gevallen  ist  ane  üwern  willen,   so  ordnent 

es  och  also,  daz  got  da  von  nit  werd  enteret  und  ir  berlich  entrihtet. 

Es  tut  üch  enteil  not,  daz  ir  ungern  an  dem  ampt  sind;  wan 

15  da  ir  hilf  un^  rat  söltind  han,  da  heind  ir  betrubde  und  unrat,  da 
ir  denn  söltind  han  undertenikeit,  da  heind  ir  frevel  widerspenikeit. 
Dar  umbe  ze  diser  zit  meisterschaft  und  pflegamt  haben  und  dem 
rehte  tun,  daz  ist  nit  gemaches  pflegen,  es  ist  ein  marterliches  leben. 
Dar  umbe  so  nemend  dis  krüz  uf  üwern  ruggen  dur  den,   der  daz 

20  eilend  krüz  dur  üch  uf  sich  nam,  und  land  üwern  müt  nider,  die 
wil  man  es  von  üch  well  haben,  und  kla^nt  nit  üwer  unvermügent- 
hait  und  üwer  unkünentheit;  wenn  ir  getfind  daz  beste,  daz  ir  üch 
verstand,  so  sind  ir  ledig,  ob  es  joh  nit  daz  beste  ist. 

Ir  sond  in  allen  dingen  got  me  an  sehen  denn  liplichen  nuzz, 

25  und  sond  nit  gestaten,  da  ir  es  mugend  wenden,  daz  kein  üwer 
schefli  gekrenket  werde  an  siner  sele.  Sind  gemein  in  den  haltungen, 
daz  fründ  und  fient  glich  daz  joch  tragen,  daz  gebirt  fride.  Die 
jungen  sond  ir  in  meisterschaft  haben,  wan  übel  gezognü  Jugend  ist 
ein  zerstorunge  geischliches  lebens.   Einen  süssen  ernst  sond  ir  haben, 

1  ir  [ir]  CXUm  reht  feliU  C  2  schreken  .S^  12  das  üch  C  15  da 
h.  —  16  han  fehlt  C  16  frevel  und  wid.  PNÜm  18  materieliches  (!)  C  23  joh] 
docli  S        25  da]  das  CN 

5  Der  Brief  ist  an  eint  Klostervarsieherin  gerichtet,  wohl  als  Antwort 
auf  eine  vorhergehende  Anfrage.  6  Phil.  2ß.  12  Uöm.  13,1, 

29  f.  Vgl.  Reg.  S.  Augustini  c.  21:  ipsa  (praeposita)  non  se  existimet  po* 
tcstate  dominante,  sed  charitaie  serviente  felicem;  c.  22:  quamvis  uirumque  sit 
necessarium,  tarnen  plus  a  vobis  amari  appetat  quam  timeri. 


382  Briefbüchlein.    VH.  Brief. 

ond  me  von  minnen  denn  von  vorten  gebieten.  Daz  üch  ze  über- 
kreftig  sie,  daz  sond  ir  uweren  obren  für  legen,  und  da  ir  nit  ma- 
gind  bissen,  da  bellent  aber.  Mngint  ir  geisüblich  znht  nit  genzlich 
für  bringen,  so  ahtend  doch,  daz  nit  ablasses  noh  sweres  inbraches 
ander  üch  geschehe.  Der  ein  zerbrochens  altes  kleid  nit  wider  5 
bäzzen  wil,  so  ist  es  schier  alles  zerschlichen.  So  daz  geischlich 
zergat,  so  ist  man  schier  us  an  liplichen  dingen.  Der  des  niinsten 
nit  ahten  wil,  der  vallet  in  du  meisten. 

Ir  sond  üwem  andertanen  gut  bild  vortragen,  and  mit  werken 
me  denn  mit  werten  leren.  Verwegent  üch  eins,  wan  daz  müss  sin:  10 
80  ir  üch  flissent,  daz  aller  beste  ze  tüne  in  den  dingen,  daz  man 
daz  für  daz  böst  von  üch  wirt  uf  nemende;  und  gen  dien,  da  ir 
üch  aller  meist  tagenden  flizzent,  da  wirt  üch  mit  Untugenden  ge- 
lonet.  Es  mag  nieman  glich  menlich  wol  gevallcn;  wend  ir  aber 
menlich  willen,  so  heind  ir  got  und  der  warheit  ungewillet.  Böser  15 
lüten  schelten  ist  giüter  lüten  lob. 

Nement  war,  daz  ir  inwendig  frevel  geselschaft  und  uswendig 
schedlich  früntschaft  zerdrennent  mit  kraft.    Tünt  daz  üwer,  so  sind 
ir  ledig.    We  dem  kloster,  da  disü  zwei  in  gebrechent!  Wan  [157'] 
daz  wirt  fridlos  und  ze  jungst  erelos.     Ir  sprechent:   grif  ich   daz  20 
an,  so  gewin  ich  unfrid.    Ich  sprich:   selig  ist  der  unfrid,  wan  der 
nnfrid  gebirt  den  ewigen  frid.     We  dien,  die  da  land  hin  gan  und 
ires  herzen  frid  hier  inne  süchent!    Von  den  sprichet  Isaias:  pax, 
pax,    et  non   est  pax; ,  daz   ist  als   vil   gesprochen:    so    sagent 
frid,  frid,   und  ist  doch  nit  frid.     Die   suchent  ir  gemach,   so   hein  25 
gern  zerganklich  ere,  und  kofent  die  mit  einem  zcrgene  aller  geisch- 
liehen  eren.     Und  we  den!    wan   sü   hie  iren  Ion  bein  enpfangen. 
Aber  ir,  min  kind,  ir  sond  nit  also  tun.    Süchent  gotes  lob  und  ere, 
als  der  lieb  Cristus  suchte   sines  ewigen  vaters  ere,   und  dar  umbe 
Hess  er  sich  henken.     Ir   klagent  üch   ze  vaste,  —  nu   rünnet  üch  30 
daz  blüt  noch   nit   uss   den  enpfangnen  wunden  daz  antlüt  abe,  als 


If.  überkrepfig  AC  2  und  fehlt  C  G  zerslissen  CNSma  9  m.  den 
werken  KU  12  bost]  best  K  da  fehlt  Pü  13  untuj?.]  uutruwen  P 
18  zerdennent  S       28  dar  inne  C        25  hettint  K        26  einem  fehU  6' 

If.  überkreftig  =  zu  schwierig  oder  die  Befugnisse  überschreitend, 
7 f.    VgL  Sirach  19,1  und  oben  366,24.  9  Vgl.  lieg,  S.  Aug.  c.  22:  circa 

omnes  seipsam    bonorum    operum   praebeat    exempluvi.  23   Nicht  Isaias, 

sondern  Jeremias  6,14:  8,11.  27  Matth.  6,2.  29   Vgl.  Joh.  8,49 f. 

301   Vgl  Mehr.  12,4. 


Biiefbüchlein.    YII.  Brief.  383 

€S  den  martrern  tet.     Wan  nara  hie  vor  die  aller  verwegenstun  zft 
solichen  emptern,  und  nit  die  daz  ire  suchten. 

Ir  hetind  gern  rüwe  ze  belrahten  und  schowene,  —  sant  Gre- 
gorius  sprichet,  daz  volkomnA  meisterschaft  ietwederm  sol  sin  ge- 

5  nftg  nach  ordnunge  der  Sachen.    Aber  leider,  wan  ir  dar  zft  noh  nit 

sind  komen,  so  nement  her  für  üwer  kleinheit  und  hütend  uch  vor 

hofart!    Gedenkent,  wer  ir  sient,  und  wie  schier  ir  verswunden  sind. 

Dar  umbe,  wenn  ir  ieman  wend  strafen,  so  strafent  üch  selber  vor. 

Ir  sond   üch   flissen,  daz  ir  übel   mit  gftt  überwindent.     Ein 

10  tüfel   tribet  den  andern   nit  us.     Ir  sond  uss  einem  senften  herzen 
hertü  und  senftü  wort  lassen  hellen,  als  es  denn  geschafen  ist. 
Gotes  dienst  fürdren  sol  üch  ob  allen  dingen  bevoln  sin. 
Ir  sond   och  üwer  selbes  nit  vergessen,   dik  an  dem  tage  in 
üch  selber  keren,  und  snnderlich  zwirend,  daz  ist  spat  und  frft,  üch 

16  selber  suchen  und  ein  wile  der  ding  vergessen,  und  üch  uf  zft  got 
haben  und  alles  Viwer  leid  und  liden  in  im  enpfahen,  durch  in  liden, 
mit  ime  überwinden  in  ergezzlicher  wise.  Ir  mugent  in  eim  stündlin 
eins  ganzen  tages  ergezzet  werden. 

Volkomen  leben  lit  nit  an   trost  habene,   es  lit  an  einem  uf- 

20  gebene  sines  willen  in  gotes  willen,  daz  sie  sur  oder  süss,  in  under- 
tenikeit  einem  menschen  an  gotes  stat  in  demütiger  gehorsami.  In 
dem  sinne  weri  mir  lieber  ein  truchenheit,  denne  ane  daz  ein  hin- 
fliessendü  süssekeit.  Und  daz  bewerte  du  edel  gehorsami  dez  ewigen 
sunes,  du  in  truchenr  biterkeit  ward  volbraht. 

26  Dis  sprich   ich   nit  dar  umbe,   daz  ir  üch  dar  zft,  als  ire  vil 

tünd,  erbietent,  mer  daz  ir  diz  joch  gedulteklich  lident  und  daz  best 
tügent,  daz  ir  vermugent.  Weri  es  daz  nit,  üch  wen  vil  licht  ein 
[lö?""]  anders,  ein  bosers  ze  banden  gangen.  Der  herr,  den  ir  da 
meinent.  der  üch  daz  hat  zft  geworfen  ane  üwer  zfttftn,  der  mag  üch 

30  wol  dar  inne  nah  üwerm  besten  versehen,  nah  sinem  lobe  und  üwer 
ewigen  selikeit. 


5  noch  dar  zö  SU  8  selber  fehlt  S  9  überw.]  verdienent  S  17  mit 
i'Tg.  w.  C  18  jj^auzen  fehlt  C  22  truclienkeit  A  25  dest  e  dar  zu  S 
29  ininuent  S        der  [üch]   C 

3  t'.  Gregor ius  M.,  lieg.  Fast.  11,  ö:  ut  rector  sit  aiiigulis  compassione 
jyroxi'musy  prae  cunctis  contetnplalione  suspetisus;  vgl.  Moral,  VI,  57  und  August, 
De  Ciü.  Bei  VJ,19,  —  ietwederm  =  sowohl  der  äusseren  Tätigkeit  als  dem  6e- 
scha ulichen  Gebete,  13  ff.  Ähnlich  hei  Mechthild  von  Magdeburg  174  f 

17  in  ergezzl.  wise  mrd  erst  durch  das  Gr  Bfb  recht  verständlich. 

19  ff.    Vgl  Bdew  301,20  ff.  25  dar  zä  =  zum  Amte  der  Vorsteherin, 


384  Briefbtichlein.    VUI.  Brief. 


Vm.  Brief. 

Wie  sich  ein  götlicher  mensch  in  götlicher  süzzekeit  sol  haben. 

Elsbeth  Staglin. 

Annunciate  dilecto^  qaia  amore  langueo. 

Sessi  ein  mensch  vor  einem  kelr  und  weri  nach  eines  herzen  & 
girde  wol  getrenket,  und  ein  andre  weri  uf  der  türren  heide  bi  einem 
ruhen  rekolter  und  iesi  also  turstige  du  her  her  abe,  daz  er  tempfigu 
menschen  gesunt  macheti,  —  frageti  der  wol  getrenket  den  mit  dem 
türren  munde,  wie  er  sich  gen  dem  suzen  seitenspil  leichen  sölti, 
daz  bi  dem  win  ist,  er  gebi  im  ze  antwürt  und  sprechi  unwertlich :  lo 
„dise  mag  wol  trunken  sin;  er  wenet,  daz  allermenlich  ze  mfit  sie. 
als  ime;  mir  ist  iht  anders  ze  mute,  wir  sien  ungelich  gefüret.  Uf 
dem  vollen  lip  stet  daz  frölich  hopt.** 

Min  kind,  daz  mag  ich  eigenlich  zu  dir  sprechen  von  der  bot- 
schaft,  die  du  mir  hast  getan,  und  du  waz,  daz  ein  inbrünstigü  15^ 
vakel  enbrunnen  sie  in  diuem  herzen  von  rehter  begirlicher  inhizziger 
minne  zu  der  minneklichen  ewigen  wisheit,  und  von  dem  nüwen 
lichte  und  unbekanten  wundern,  du  si  in  dir  würket,  und  wie  diu 
herz  hat  dar  inne  enpfunden  ein  süsses  we  und  ein  liepliches  zer- 
fliessen  und  ein  überswenkes  enpfinden,  da  von  du  nit  kanst  gesagen;  20 
und  begerest  wisunge,  wie  du  dich  ime  aller  minneklichest  hier  inne 
sülist  erzögen  und  dich  gen  den  wundern  halten. 

Tohter,  es  stat  ein  unmessigü  frod  uf  minem  herzen,  daz  sich 
der  minneklich  got  so  minneklich  erzöget  und  daz  er  git  ze  enpßnden 
dir  und  etlichen  me,  daz  ich  mit  den  worten  vil  und  dik  sagen,  daz  25- 
er  als  reht  minneklich  ist;  und  daz  daz  ellu  herzen  als  wol  hetin 
enpfunden,  dar  umb  w61t  ich  gern  turstig  beliben.  Es  ist  ein  gross 
wunder  in  mir,  daz  du  in  so  kurzen  jaren  hier  zu  bist  komen;  und 

3  Elisabeth  staglin  S  Elsb.  staiglin  U,  fehlt  NFS'mf^  4  dilecto  meo  C 
5  kelr]  kali  C  6  werij  verri  C  16  inhizz.  fehlt  C  17  f.  den  n.  liehten  P 
18  wi'irkent  6'       25  eüichem  A'       26  daz  [daz]  ACFS       28  f.  [undj  daz  CNm 

2  Vgl.  JJavid  v.  Augsburg ,  De  compos.  Uly  fW:  Quomodo  in  aensibilihus 
dulcedinis  experientiis  st  homo  habei-e  debeat.  4  Hohel.  ö,6,  17  £r^ 

ganze:  und  die  BotscJiaft  war  auch  u,s,w.  19  ff.   Vgl.  Bdw  336,7  ff.     Es 

ist  die  Hede  von  der  geistlichen  Trunkenheit  da'  begnadeten  Seele,  David  von 
Augsburg  handelt  l.  c.  III,  64  von  der  ebrieias  Spiritus,  iueunditas  spiritualis  und 
liqutfactio  animae.  Vgl.  auch  Strauch,  Ad,  Langmann  114  f.;  M.  Ebner  385 f.  ; 
Tochter  Syon  ed.   Weinhold  4'JtO  ff.  und  Anm.  S.  543  f. 


daz  hat  aber  gemachet  der  ganze  ker  ze  gote  und  volkomoe  vonker 
voD  allen  dingen  und  der  grundlose  ernst  und  lipliclier  pin,  mit  den 
du  din  nltee  lebeu  gedilget   hast    und   elM   ding   so   gar   under  die 
fiisoe  getruket  hast. 
5  Ein  mensch,  der  des  ersten  win  trinket,   dem  wirt  er  yil  en- 

pÜDtlicb;  also  versieh  ich  mich,  daz  dir  geschcbcn  sie  von  der  klaren 
süzzen  minne  der  ewigen  wisheit,  du  dich  also  krefteklich  hat  über- 
wunden. Oder  es  meinet  aber  daz,  daz  dich  gnt  reizen  wil  und  dich 
schier  hinnan  wil   nemen   ztl  dem  grundlosen  brunnen,    uss  dem  dn 

10  nu  ein  [158']  tröpflin  hast  versuchet;  oder  es  meinet  aber,  daz  er 
sinu  wunder  hie  an  <lir  wil  zögen  nah  dem  iiberlluss  siner  güti. 
Hier  inne  halte  dich  also,  daz  du  sines  willen  lügest  ane  lust  eftchen 
dine  selbsheit.  Du  endarft  dar  inne  nit  vort  haben;  es  ist  alles 
sament  von  gote  und  ist  ein   minnelfider  gotes  in  der  eele,  es  gat 

15  eben,  im  sol  also  sin.  Doch  solt  du  diner  liplicheii  kraft  war  nemen, 
daz  du  nit  ze  vil  dar  inm;  verzeret  werdest.  Es  mag  sich  fiigen. 
so  der  lof  für  kunt,  daz  es  dir  ze  göter  mass  benomen  wirt  und  da/, 
du  uf  ein  noh  nehers  gesezaet  wirst. 

Du  sch6nü   gesiht,    du   dir   an   dem    heiligen   tag   ze    winnaht 

■20  ward,  in  der  dn  sehd,  wie  klarlich  und  minneklich  du  ewige  wisheit 
in  frädenricber  wise  mit  des  dieners  sele  vereinet  were,  und  enbut 
ime,  er  möhti  wol  sin  ein  frSIicher  diener  der  ewigen  wisheit,  — 
dis  bat  gemachet,  daz  icb  bcrzklicb  han  gesüfzet,  wan  ich  bin  nit 
sin  minner.     Mich  dunket^   ich  sie  sin  karrer   und  var  ufgescburvLi?! 

2b  durch  die  lachen,  wie  ich  du  menschen  tiss  der  tiefen  lachen  ire 
süntlichen  lebens  an  die  sch&ni  bringe;  dar  umbe  sol  mir  genügen, 
so  er  mir  einen  ruggtn  leib  an  min  band  git.  Und  doch  so  mOss 
ich  dir  eins  von  dem  geniinten  sagen,  dax  er  neiswi  dik  in  mir  hat 
gepflegen : 

3<i  Des  liebten    morgens,    do   man    daz   frfilich   gesang   von   dem 


3  [80]  lisc  C        8  Idazi  daa  ON«i         V.i  lUr  inuu  nach  haben  A'         15  im| 
und  S        16  daz]  dar  C        17  es]  er  AVPSU        34  kwcher  P  ckrer  K 

1  ff.  Vgl.  Vita  96,9  ff.,  lOf>,Sß.,  K/iJff.  9  bninneti,  ej/.  Sdtm  MS,lß. 

I5f.  Vgl.  David  «.  A.  i.  c.  IllßH:  comilium  datar  hi»,  qui  ex  dtnotioni»  vehe- 
mtntia  dehililati  »unt.  17 f.  Sinn:   M  teerden  dir  oielUicht  jene  Btgiinsti- 

SpaigeHi  uelche  Anfängern  im  myititchen  Lthtn  gegeben  werden,  enttogen,  damit 
du  darauf  aertichtend  noch  höher  9ieigtet.     Vgl.  Vita  166,6  f.  u.  Bdeto  301,23^. 

27  ruggin  leib  =  Soggenlaib.  Stuse  meint,  er  verdiene  vim  Oatt  nicht  jtnr 
auenerardenUidvm  Gnaden,  mie  die  Stagiin. 

».  Sbiii»,  DwUsht  ttobrllMD.  25 


386  -toefbftdiiem.    tili  fiiief. 

veterlichen  glänz  der  ewigen  wisheit  solt  sikigen  ze  messe:  Lux 
fulgebit^  do  waz  der  diener  des  morgens  in  siner  kapell  in  ein 
stilles  r&wli  siner  ussren  sinnen  komen.  Do  waz  im  vor  in  einer 
gesiebt,  wie  er  wurdi  gefüret  in  einen  kor,  da  man  mess  sang.  In 
dem  kor  waz  ein  grössü  schar  dez  himelschen  Ingesindes,  von  gote  5 
dar  geschiket,  daz  sä  sungin  ein  süss  melodie  dez  himelschen  ge- 
dönes.  Daz  taten  sü  und  sangen  ein  nöws  frölich  gedöne,  daz  er 
nieme  hat  gehöret,  und  daz  waz  als  süzz,  daz  in  dachte,  da«  sin 
sei  zerflussi  von  rehten  fröden.  Aber  sanderlieh  do  wart  daz  Sanctas 
so  gar  herlich  gesungen,  und  er  hfib  och  an  und  sang  mit  in.  Do  lo 
man  kam  an  daz  wort:  Benedictus  qui  venit,  do  erhAben  sü 
ire  stimmen  gar  hohe,  und  do  hfib  och  der  priester  unsem  herren  nt 
Den  sah  der  diener  an  mit  einem  demütigen  erbietene  siner  waren 
liplichen  gegenwärtikeit,  und  ducht  in,  daz  neiswaz  minneklichen  ver- 
nfinftigen  glastes  von  im  trungi  gen  siner  sele,  daz  unsprechlich  ist  15 
allen  zungen.  Und  in  dem  so  ward  sin  herz  und  sele  als  yoI  nfiwer 
inhizziger  begirde  und  inres  lichtes,  daz  es  im  zemal  alle  sin  kraft 
benam;  es  waz  neiswi,  als  so  sich  herz  mit  herzen  in  blosser  ver- 
nünftklicher  wise  vereinet.  Und  kam  also  in  ein  zerflossenheit  siner 
sele,  daz  er  ime  kein  [158^]  liplich  glichnuss  kond  geben.  Do  er  90 
also  kraftlos  ward  und  swachlich  gebarete,  do  lachete  der  hiraelsch 
jungling;  der  bi  im  stfind,  des  er  nit  erkande.  Do  sprach  der  diener 
zu  ime:  „owe,  wes  lachest  du?  Sihst  du  nit,  daz  mir  iez  von  rebter 
amaht  und  inbrünstiger  minne  wil  gebresten?"  Und  in  den  werten 
seig  er  also  da  nider  an  die  erde  als  ein  mensch,  dem  von  nnkraft  25 
gebrosten  ist.  Und  in  dem  nidersigene  kam  er  wider  zfi  im  selben 
und  tet  du  usren  ogen  uf ;  du  waren  vol  trehen,  und  sin  sd  waz  vol 
liehter  ^nadeu.  Und  gieng  hin  für  den  alter,  da  unsers  herren  *fron- 
lichnam  waz,  und  tonde  verborgenlich  daz  gedöne:  Benedictus 
qui  venit,  als  die  geischlichen  klenke  dennoh  in  siner  sei  waren.  30 


2  des  inorg.  fehlt  S  12  ir  stimme  K  16  und  sin  sele  [als  vol]  ^S" 
21  8  warlich  C  22  des]  das  AN  Um  enkante  ANPm  24  und  rehter 
iubr.  m.  S        25  sanck  K        26  nidersinken  KU 

1  f.  Anfang  des  Iniroitus  der  2.  Weihnachtsmesse ,  die  „in  aurora^  ge- 
sungen wird.  9  ff.  Sanctus,  Teil  der  Messe  (THsagion)  nach  Beendigung 
der  Präfaiion  vor  Beginn  des  Kanon;  den  Ahschluss  des  Sanctus  bildet  das 
Benedictus  (iy.  Maith.  31.9).  16  ff.   Vgl   Vita  Kap.  5. 


BriefbücUein.    IX.  Brief.  387 

IX.  Brief. 

Wie  ein  mensch  ze  rfiwe  sines  herzen  in  got  sül  komen. 

In  omnibas  requiem  quaeBivi. 

Also  sprichet  die  ewige  wisheit:  ich  hab  mir  rüw  gesAchet  in 

5  allen  dingen,  and  leret  veriertä  menschen^  wie  sü  in  dem  mislichen 

lofe  ire  lebens  ze  frid  sülen  komen,  als  verr  es  denn  mAglich  ist. 

Wie  daz  sie^  daz  da  warheit  an  ir  selben  bloss  und  ledig  sie, 

doch  von  unser  natArlichen  eigenschaft  so  ist  Ans  angeborn^  daz  wir 

si  in  biltlieher  glichnAss  müssen  nemen,  unz  daz  der  nidersenkend 

10  lip  wirt  ab  geleit  und  daz  gelAtert  oge  der  sele  vernAnftikeit  in  der 
ewigen  sannen  rad  blosklicb  wirt  gesteket;  wan  unz  dar  so  gangen 
wir  als  die  blinden  schlichen,  und  greifen  umb  Ans  and  wissen  nit 
wa  ald  wie.   So  wir  joch  etwen  haben  die  warheit,  so  enwissen  wir 

-    nit,  ob  wir  die  warheit  haben,  und  tagen  als  der  ein  ding  sAht,  daz 

15  er  in  der  band  hat.  Der  mensch  lept  in  zit  nit,  der  diss  genzlich 
lidig  Stande,  wan  es  ist  ein  nahklank  der  erbsAnde. 

Nach  minem  verstene  so  weri  gar  begirlich  ze  wissene  einer 
gotsAchender  sele,  daz  si  möhti  wAssen,  waz  gotes  aller  liepster  wille 
von  ir  were,  uf  daz  daz  si  im  minneklich  und  gevellig  machet!,  daz 

20  er  sunder  liebi  und  minne  and  heinlichi  zA  ir  gewänne ;  wan  ein  reht 
minnekliches  gemüt  kant  dik  dar  zA,  daz  es  dar  umbe  einen  tod 
wölti  liden,  daz  er  des  einen  liebten  underscheid  in  einer  ieklichen 
züvallenden  Sache  möhti  gewinnen.  DisA  begirde  machete  den  ge- 
trüwen  Abraham  us  gende  von  sinem  lande  und  von  sinen  lieben 

25  frunden ;  er  enwist  war  und  sAchte  got  verre,  daz  er  in  nahe  fAndi. 
Diz  hat  gejagt  und  getriben  ellA  nserweltA  menschen  von  angeng 
der  weit  unz  an  disen  hAtigen  tag  und  tAt  fAr  sich  iemer  me,  wan 
daz  lieb  wartspil  zAhet  me  an  sich  denn  kein  adamaz  daz  isen,  und 
bindet  me  denn  tusent  seil.   Wol  ime,  daz  er  ie  geborn  [159']  wart, 

30  der  es  vindet  und  sich  niemer  dar  von  keret! 


5  f.  in  den  m.  loiffen  FNm  7  bloss  fehlt  P  9  nidersinkend  Ca 
12  grifen  -^4^        23  f.  tröwen  CNm        24  von  (erstes)]  uz  8 

3  Sir.  24,11.  Ober  denselben  Text  mehrere  Predigten  van  Eckhart, 
Pfeiffer  149  ff.,  152  ff.,  324  ff.,  und  eine  von  Tauler,  Leipzig  1498  fol  223r  ff. 

9  f.   Vgl.  Weish,  9,15.  22  er.   Seuse  substituiert  den  Begriff  Mensch.  — 

des  =  von  Gottes  liebstem  Willen.  24  /  Mos.  12,1. 4.  26  Hebr.  11,8. 

28  adamaz,  Edelstein,  Diamant,  hier  =  Magnet  (Lexer  I,  2()) ;  vgl.  Megen- 
berg,  Bach  der  Natur  432 f. 


'388  Brief  bttohlein.    DL  Brief. 

Ach  hier  umbe  so  vellet  mir  iez  ein  spruch  iu,  den  las  ich  in 
der  schale  der  natürlichen  knnst;  ich  las  in  und  verstund  sin  aber 
do  nit.  Der  höh  meister  der  spricbet  also:  der  alliche  f&rst^  ein- 
valtig  wesende,  der  bewegt  ellü  ding  und  ist  er  unbeweglich.  Er 
bewegt  als  ein  begirliches  minnekliches  lieb  sol  tftn:  er  git  den  5 
herzen  ilen  und  begirden  lofen,  und  ist  er  stille  als  ein  unbeweglich 
zil,  dez  ell&  wesen  varent  und  begerent.  Aber  der  lof  und  zug  ist 
ungelich:  er  machet  mit  des  himels  lof  die  anbeiss  kriechen,  den 
geswinden  hirz  lofen^  und  den  wilden  falken  fliegen.  Ire  wise  ist 
ungelich  und  hein  doch  e  i  n  ende,  daz  ist  ein  ufenthalten  ire  wesens,  10 
daz  von  dem  minnezil  d^  ersten  wesens  us  flösset. 

Disses  gelich  vinden  wir  in  der  grossen  ungelichheit,  die  man 
under  gotesfrunden  brüfet,  die  da  dez  selben  gutes  enpfeuklich  sint; 
wan  eins  lofet  mit  grosser  strenkheit,  eins  ilet  mit  luter  abgescheiden- 
heit,  eins  flüget  mit  hoher  schöwlichkeit,  ieder  mensch,  als  er  denne  10 
gezogen  ist.    Waz  under  den  allen  daz  nehst  sie,  daz  ist  un verborgen   - 
in  der  scrift;  aber  waz  einem   ieklichen   menschen   sunderlich   und 
usgescheidenlich  daz   nahest  sie  nah  siner  zftgehörliclikeit,   daz  kan 
man  n&t  wol  gesagen.   Allerley  versftchen,  als  Paulus  spricht^  und 
eigens  befinden,   als  sant  Gregorius  sprichet,   und  götlichü  erläh<  20 
tunge,   als  Dionysius  seit,   helfent  dem  menschen  ze  rüwe.     Lip- 
lichü  übunge  hilfet  etwaz,  da  ir  nit  ze  vil  ist;  aber  rehtü  gelassen- 
heit  uf  allen  puncten,   in  allen  wüssenden   und  unwussenden  Sachen 
in  dez  obresten  aller  dingen  wüssenden  willen,  daz  hilfet  dem  men- 
schen usser  allen  den  wellan  und  sezzet  in  ze  fride  in  allen  dingen^  2d 
der  sü  ordenlich  kan  nemen. 


3   ph  XII  Metaphysice  am  Rande  A,   im  Text  KNUm  [der]   sprich. 

GNm  8   den   a.  C  die  einmeissen    P  16   eins   H.   —   schow.  fehU  S 

17    und    fehlt  SU  19   und  —  20   sprichet  fehlt   P  21    sant  Dion.    P 

22   am   Rande   Beriiardus  AC  23   und  unw.    fehlt  6'  24   wussenden  A 

25  wallen  P 

2  natiiriiche  kunst  =  Philosophie.     Vgl.  Bdw  349,13.  3  Aristoteles^ 

Metaph.  XII  c.  7  X  1072a:>5ff.h3ff.  hat  die  Stelle  dem  Sinne  nach. 

12  f.  Vgl.  Vita  107, 2 J  ff,,  142,4  ff.  u.  Tauler,  Jf^ankfurter  Ausgabe  II  (1826), 
323  ff.,  430.  16  f.  Vgl.  Luc.  10,42 :  Maria  optimam  2)artem  elegit,  und  daran 

anknüyfend  Greg.  M.,  Moral.  VI, 18;  Bern.,  sermo  3  in  Assumpt.  B.  M.  V,n,3: 
Thomas,  S.  Th.  2,  2  q.  182  a.  1 :  Eckhart  328 ß.  19  /  Thess.  5,21. 

20    Vgl.  Greg.  M.,  Moral.  VI,  Ö7.  21    Dion.,   Myst.  Theol.  1. 

22  Sieht'  die  schon  zu   Vita  108,11  ff    sitierie  Stelle  des  ZU.  Bei^hard 


Briefbttchlein.    X.  Brief.  389 

E8  waz  ein  mensch,  der  hat  etwas  an  gevangen,  daz  er  got  ze 
lob  woltc  volbringen.  Der  ward  gefraget,  ob  er  wüsti,  daz  es  gotes 
wille  weri.  Er  sprach:  pnein^  ich  enw61ti  sin  nit  wissen,  mir  ist 
dis  lieber;  wan  heti  ich  sin  ein  wissen,  dar  abe  nemi  min  selbsheit 
5  ze  vil  geischliches  gebruchens,  aber  alsns  ist  es  mir  ein  undergang.'' 
Ein  wiser  mensch  sol  sin  inrkeit  in  der  nsserkeit  nit  bin  werfen, 
noh  der  nsserkeit  von  der  inrkeit  nit  verlognen,  er  sol  sich  selber 
in  den  ussren  werken  mit  heiligen  begirden  nnmflsgen,  daz  er  ge- 
swinde  wider  in  sie  kome,  und  sol  in  der  inrkeit  also  gelassen  sin, 

10  daz  er  der  nsserkeit  mug  gnfig  [159^]  wesen,  so  es  zit  und  redlich 
ist.  Und  also  gat  er  us  und  in  und  findet  sin  rüwe  in  allen  dingen 
nach  der  wisheit  lere,  da  von  sin  sele  gespiset  wirt,  als  Gristus 
sprach. 

Dis  scrib  ich  ü  dar  umbe,   sid  ir  got  verr  in  daz  eilend  ge- 

15  volget  heind,  daz  ir  in  nahe  und  verr  kunnint  vinden,  wan  er  in 
allen  dingen  hat  wonen.  Ich  weiss  einen  menschen,  der  kam  sines 
eilenden  lidens  eins  males  under  einem  krucifixus  an  den  eilenden 
Gristus;  do  antwurt  er  ime  her  ab  inrlich  und  sprach  also:  „du  solt 
dar  umb  lieblos  sin,  daz  du  mir  ze  einem  liep  werdest,  und  dar  umb 

20  verschmeht  sin,  daz  du  mir  ze  einem  lob  werdest,  so  solt  du  dar 
umbe  unwert  sin,  daz  du  mir  ze  eren  werdest." 


X.  Brief. 

Von  etlichen  stdken^  du  ze  volkomenhelt  börent. 

Estüte  perfecti! 
25  Also  sprichet  du  ewig  wisheit  zft  sinen  userwclten  jungem,  die 

nah  hohem  lebene  stalten:  „ir  sond  volkomen  wesen!" 


3   enw.  —  4  wau  fehlt   S  8    ummfisgen   A  9   komen    ASPK 

14  f.  nochgevolget  P         15  kunint  A         vinden /eÄ/<  C         18  inneklichen  S 

6  f.  Ähnlich  in  dm  Sprüchen  Vita  168 f.  und  Bß  383,3  ff.  Vgl.  Denifle, 
Das  (jeistL  Leben  160 f,;  Greg,  M,,  Mor.  XXXI,  12:  ille  (praedicator)  ad 
fterfectionis  culmen  erigitur,  qui  non  activa  solummodo,  sed  etiam  coniemplativa 
vita  aolidatur.  9  sie  =  die  Innerkeit  (Gr  Bfb:  in  die  heimeliche). 

11    Sir.  24,11.  12   Joh,  10,9,  14    eilend  weist  wohl  auf  Nminen 

hin,  welche  wegen  Beobachtung  des  Interdiktes  aus  ihrem  Kloster  vertrieben 
wurden,  15  f.    Vgl.  Ps.  138,7  ff,  18  ff.   Vgl.  den  Spruch  der  Anna  von 

Klingnau  in  Töss :  le  siecher  du  bist,  ie  lieber  du  mir  bist.  le  verschmächter  du 
bist,  ie  necher  du  mir  bist.  Ie  ermer  du  bist,  ie  gelicher  du  mir  bist  fViten 
von  Töss  37,16  ff.)-  28  MaUh.  5,48. 


390  Briefbttchlein.    X.  Brief. 

Der  lieht  ÜioDysius  an  dem  buche  von  den  engelschlichen 
Jerarchien  sprichet  also,  daz  die  nidren  engel  von  den  obren  werdent 
geläterty  erlühtet  und  volbraht;  und  daz  beschiht  alles  mit  dem  os- 
brehendem  glänze  der  Aberweslichen  sännen,  mit  einer  gemeinsam! 
dez  hohen  usflusses  in  nüwer  inlühtender  warheit.  5 

Dis  bildes  gelichnuss  vinden  wir  in  der  zit  in  yil  menschen. 
Daz  färben  lit  an  usgetribenheit  alles  des,  daz  oreatar  ald  creatär- 
lieh  ist  nach  ierreklichem  hafte  and  begirde  and  kumbre,  daz  den 
menschen  in  keiner  wise  vermitlen  mag,  and  weri  daz  der  höhst 
geist  von  Seraphin  oder  der  heilig  sant  Johans  oder  waz  daz  ist,  lo 
daz  creatar  ist:  dem  sol  er  ns  gan.  Und  es  m6htin  gutä  menschen 
hier  inne  von  den  Sachen  wol  verwirret  werden,  ob  sü  es  in  gftter 
meinnng  tetin;  aber  gfitü  meinnng  gnüget  nit  in  allen  dingen.  Es 
gebot  unser  herr  hie  vor  dar  den  milten  Moyses  nnd  sprach:  „daz 
gereht  and  gut  ist,  daz  solt  du  reht  and  ordenlich  tftn";  anders  daz  15 
reht  wirt  ungereht. 

Nah  der  fürbung  gat  denn  lieht  und  warheit,  wan  warheit  ist 
lieht,  daz  die  tinbern  vinstri  der  nnwüssentheit  vertribet.  Und  daz 
lieht  wirt  etwene  mit  mitel,  etwen  sunder  mitel  enpfangen,  daz  die 
sele  in  fröd  ernüwert  und  si  mit  götlichen  forman  erfüllet.  So  dez  20 
dem  menschen  in  zit  ieme  werden  mag,  so  im  ellü  irdeschheit  ieme 
enpfellet,  und  daz  untödemklich  kleit  dez  künftigen  iemcr  werenden 
lichtes   ieme  wirt  geeigent   in   einer  Verdrossenheit  aller  zitlichkeit. 

Und  in  dem  entspringet  warü  volkomenheit,  du  da  lit  an  der 
vereinunge  der  höhsten  kreften  der  sele  in  den  Ursprung  der  wesent-  25 
heit  in  hohem  schowene,  iu  inbrünstigem  minnene  und  suzzen  niessene 
dez  höhsten  gutes,  als  vil  si  vor  krankheit  dez  [160']  sweren  libes 


1  am  Rande  Dyonishis  de  celesti  Jerarchia  ^1  7  fi'irboren  (!)  C  9  in 
keinen  wiscn  C  11.  13  ^itii  A  12  verwerret  S  verirret  PU  16  unger.J 
unreht  NPSm        18  tunben  P        19  daz]  die  ACPS       23  geeiniget  S 

1  ff.  De  eod,  Uierarchia  8yt.  7,:^.  3,  4,3  und  darnach  Thomas,  S.  Th.  1 
q.  106  sq.  Die  „Läuterung*^  bezeichnet  die  Befreiung  von  den  Mängeln  der  un- 
vollkommenen ErkefintniSj  und  int  insofern  identisch  mit  der  „Erleuchtung^. 
überwesliche   sunne  =  Gott.  7  ff.    Ln  folgenden   ist   der  »Stufengang   des 

mystischen  Lehens:  via  purgativa  (daz  furben),  via  illuminativa  (lieht  und 
warheit  Z.  17),  via  unitiva  (vereinunge  Z.  2ö)  kurz  beschrieben.  Vgl.  Krebs, 
Dietrich  von  Freiherg  128,93  *.  8  Das  Haften  an  den  Kreaturen  mü  Ver- 

langen oder  Trauer  ist  ein  irreyides  und  irreführendes  und  muss  daher  auf- 
gegeben werden.  13  Vgl  Vita  167,29,  14  ff.   V  Mos,  16^, 


Brief bttcUein.    XI.  Brief.  391 

mag.  Wan  aber  du  sele  von  dez  sweren  libes  krankheit  dem  lutern 
gfit  in  entbiltlicher  wise  nit  mag  blosseklich  alle  zit  an  gehaften,  so 
mfisse  si  etwas  biltlichs  haben;  daz  si  wider  in  leite.  Und  daz  beste 
dar  zft;  daz  ich  yerstan,   daz  ist  daz  minneklich  bilde  Jesu  Cristi; 

5  wan  da  hat  man  got  und  menschen,  da  hat  man  den,  der  alle  hei- 
ligen hat  geheiliget;  da  vindet  man  leben,  daz  ist  der  höhst  15n 
und  obrester  nuzz.  Und  so  er  in  daz  selb  bilde  wirt  gebildet,  so 
wirt  er  denne  als  von  gotes  geist  in  die  götlichen  gunlichi  dez  himel- 
sehen  herren  überbildet  von  klarheit  ze  klarheit,  von  klarheit  siner 

10  zarten  menschheit  zu  der  klarheit  siner  gotheit.  Wan  so  wir  in  ie 
diker  mit  begirlichen  ogen  minneklich  an  büken  und  alles  unser 
leben  nah  im  bilden,  so  wir  in  ewikeit  sin  weslich  selikeit  ie  adel* 
lieber  werden  niessend. 


XL  Brief. 

15  Wie  sich  ein  mensch  zft  dem  götlichen  namen  Jesus  sol  an- 

dehtkllch  halten. 

Pone  me  ut  signaculum  super  cor  tuum! 
Eis  begert  der  ewig  got  von  der  reinen  sele  einer  bet  und 
sprichet  also:  „leg  mich  als  ein  minnezeichen  uf  diu  herze !^ 

20  Ein   bewerter   gotesfründ   sol   alle  zit  etwas  gfiter  bilde  ald 

sprach  haben  in  der  sele  mund  ze  küwene,  da  von  sin  herz  enzändet 
werde  zft  gotc;  wan  dar  an  lit  daz  höhste,  daz  wir  in  zit  mugen 
haU;  daz  wir  dik  an  daz  g6tlich  liep  gedenken,  daz  herz  dik  nah 
im  versenden,  dik  von  im  reden,  sinü  minneklichü  wort  in  nemen, 

25  dur  in  ellü  ding  lassen  und  tügen,   nieman  denn  in  allein  meinen. 
Daz  oge  sol  in  minneklich  an  bliken,  daz  ore  sich  zfi  siner  meinung 


1  miigen  P  3  mos  PS  biltlicheit  C  5  got  —  hat  man  fehlt  S 
9  verbildet  C  10  in  fehlt  CU  13  [werden]  niessen  CNm  15  f.  in  P 
nur  die  Überschrift ,  der  Brief  selbst  fehlt  16  Zusatz  von  späterer  Hand : 
and  disz  sol  man  leszen  am  ingonden  nüwen  jor  C        22  wirt  S 

1  V^gl.  Weish.  9,15  und  Bemardus,  sermo  3  in  Ascens.  Dom.  n.  1  sqq., 
wo  dasselbe  Zitat.  2  in  entbiltlicher  wise  =  ohne  Phantasiebilder,  in  rein 

(jeistigem  Schauen,  welches  das  höchste  ist  (Thomas^  S,  Th.  2,  2q.  174  a.  2). 
Vgl.  Vita  174,5  (formlosklich) ;  193,19  u.  Bdw  342,26  ff.         4  ff.  Vgl.  Bdew  203,8  ff. 
und  Ries  a.  a.  0. 290 f.  7  er  =  der  Mensch.  9   Vgl.  II  Kor.  3,18 

u.  Bdw  336,7 ff.  17  Hohel.  8,6.  18  bet  prägnant  =  Erfüllung  einer 

BiUe. 


392  Bnefbücbleiii.    XI.  Brlei 

nf  bieten,  hei*ze  und  sinne  und  müt  in  minneklich  umbyahen.  So 
wir  in  erzürnen,  so  sälin  wir  in  flehen ;  so  er  ans  übet,  so  s&len  wir 
in  liden ;  so  er  sich  birget,  so  sülen  wir  daz  gemint  lieb  suchen  und 
niemer  erwinden,  e  wir  in  aber  und  aber  wider  vinden;  so  wir  in 
vinden,  so  sülen  wir  in  zärtlich  und  wirdeklich  behalten.  Wir  6 
standen  ald  wir  gangen,  wir  essen  ald  trinken,  so  sol  alwent  daz  gnl- 
din  fürspan  IHS  uf  unser  herz  gezeichent  sin.  So  wir  nit  anders 
mügen,  so  sülen  wir  in  dur  ünsrü  ogen  in  die  sele  troken;  mr 
sülen  sinen  zarten  namen  lassen  in  dem  mund  umbgan,  uns  sol 
wachende  als  ernst  sin,  daz  uns  nahtes  dur  von  trome.  Sprechen  lo 
mit  dem  wissagen  also:  „owe,  du  geminter  got,  du  ewigü  wisheit, 
wie  bist  du  so  g&t  der  sele,  du  dich  suchet,  du  din  allein  begert!"* 

Sehent,  dis  ist  du  best  ubungc,  du  ir  haben  mugent;  wan  ein 
kröne  aller  ubung  [160^]  ist  emziges  gebet,  und  daz  ander  alles  ist 
uf  daz  als  uf  sin  ende  ze  richtene.  Waz  tfind  su  in  dem  himelschen  15 
land  anders,  denn  daz  gemint  lieb  schowen  und  minnen?  minnen 
und  loben?  Dar  umb,  so  wir  daz  götlich  liep  ie  lieplicher  in  unsrü 
herzen  truken,  und  so  wir  es  ie  diker  an  büken  und  es  trutlich  mit 
den  armen  unsers  herzen  umbschliessen,  so  wir  ie  minneklicher  hie 
und  in  ewiger  selikeit  von  im  werden  umb^angen.  2U 

Sehen  an  zfi  einem  bilder  den  gotesminner  Paulus,  wie  der 
den  minneklichen  gotes  namen  Jesus  in  den  tiefen  grund  sines  herzen 
hat  gevasset.  Do  man  im  daz  hobt  von  sinem  heiligen  libe  hat  ab 
geschlagen,  do  sprach  dennoch  daz  hobt  ze  drin  malen:  „ Jesus,  Jesus, 
Jesus! ^  Und  der  hailig  Ignatius,  do  der  in  sinem  grosen  lidene  2ß 
als  Jesus  emzklich  nannde  und  er  gefraget  ward,  war  umb  er  daz 
tete,  do  entwürt  er  und  sprach,  daz  Jesus  in  sinem  herzen  gescriben 


1  in  fehlt  C  4  wider  fehlt  Cü  '  7  ut  iinsern  herzen  S  9  und 
8ül  uns  ('  10  sprechent  KNÜm  13  dis]  daz  KU  14  am  Bande  In 
eollacionibus  patrum  A  16  schouen  .4  17  und  dar  umb  CNm  23  ge- 
vasset] gresetzet  Sm 

2  f.  übet  mit  Leideii :  in  iiden  =  uns  gegen    Gott  niciU  auflehnen. 

11  f.    V'gl.  Jeremiasy   Klaget.  3^25.  14  f.    Die  ganze  erste  ColkUio  {bes. 

c.  o,  7,  8)  führt  aus^  das  alle  äusseren  Übungen  auf  das  Ziel^  die  puntas  cordvt 
und  contemplatio  divina  hin  ßu  richten  seien.  Vgl.  Bdew  Kap.  22  u.  die  Belegt 
bei  Denifle,   Brga  XL  VII.  21  ff.   Vgl.  das  Heiligenleben  Hermanns  von 

Fritslar  149;  Legenda  aurca  (ed.  Graesse)  383.  25  ff.  Legenda  aurea  157 : 

Vineens  von  Beauvais,  Spec.  hist.  X.57:  Hermann  von  Fritslar  78 f.  Die  Sage 
ist  erst  im  Mittelalter  aus  dem  Beinamen  .Jrottesträger"'  entstanden :  vgl.  Th.  Zahn, 
Ignaiius  üoit  Antiochien  1673,  72, 


were.  Uo  niaD  in  ertote  unil  sü  im  von  wtinder  sin  herz  nf  echniten, 
(io  l'unden  bü  mit  guldinen  bj^chstaben  allenthalb  dar  inne  geecttriben : 
Jesus,  Jesas,  Jesae.  Der  sie  och  von  uns  allen  iemer  eweklicli  gelopt, 
und  dez  wünschen  mit  mir  ellft  gotminnendii  mensebcn  von  grund- 
5  loBem  herzen  und  sprechen  frSlich:    Amen,  Amen. 


[Ziuätxe  Euni  Brferbiichleiii :  Erzählung  von  der  Verehriiii;^  des 
Nnmens  Sesa,  Morgen^rass  and  Sprüche.] 
DiBen  jüngsten  brief  sant  der  diener  och  siner  geistlichen  tohter. 
lind   do   die  selb  gottesminnerin  bet  gemerket  manigvRlliclich,   daz 

10  ir  geistlicher  vntler  so  grosse  andaht  und  guten  globen  bet  zu  dem 
minuiclichen  natnen  Jesus,  und  er  ir  in  gütlicher  heimlichi  het 
verjehen,  wie  er  den  selben  namen  nf  sin  bloss  herze  hct  ergraben, 
(Io  gewan  si  sunder  minne  dar  zfl,  und  zfi  einer  reizung  ira  herzen 
du   nät   si   den   namen  mit  roter  sidin  nf  ein  kleines  wisses  tuchlin 

16  in  diser  gestslt  also:  IHS,  den  si  ir  seibor  wolt  tragen;  und  machet 

5  qirechent  KU  siirecheot  mit  trode  iha  ihs  «uu  Duvidit  erliiuine  dich  an« 
Amen  U        einmnl  ÄmeD  C,  dreimal  S        Zutntx  am  Sehlimt:  wer  sich  dorch 

got  lidcndcs  fröwet  der  wirt  durch  ^ut  üebex  erfiillet  in  ?Xl  und  in  ewikeit  V 


G«.  HandaehrifU»:  N R  S'  W f  {vgl. oben S.3}:  h  =  Heidtiber g SbH^: 
m  =  Cgm  819;  »•  =  SluOgarl  Theol.  et  pliil.  8'  19:  a  =  1.  Druck  (1482). 
R  enthält  mtr  die  Ereähluvg  und  da»  Gebet,  «'  nur  die  Sprache.  —  Die  folgenden 
Stilekt  gehören  ttgentlich  nicht  jntm  Exemplar  und  sind  auch  in  keiner  alten  He. 
entitaltta.  Nach  Vita  18,11—13  echrieb  Stuee  dan  Moi-geitgtbet  Anima  mea  an 
etliche  „rttue"  d.  h.gekürttt  Biiefbiichiein  (nie  Anhang  tum  letHeii  Brief),  tmd 
eugleieh  wold  auch  die  datu  gehörigt,  aehan  in  Kap.  46  der  Vita  kurz  gegebene 
Ertählitag  und  die  Sprüche;  vgl.  Denifle,  Zfda  21,136ff.  und  die  JürUeitimg. 
■i'piiter  irurden  ditae  Stücke  auch  in  die  Hm.  des  Exemplars  aufgenommen  und  als 
Briefe  behandelt;  inS^Wfa  stehen  die  Spräche  mit  ihrer  Einleituftff  neisehen  /lern 
10.  und  11.  Brief,  die  Eredhlung  und  das  Gebet  folgen  am  Sehlusa.  Ob  die  Ober- 
Mcliriflender  Hnielnen  Abschnitte  alle  <eon  Seties  »tlhet  stammen,  ist  eweifelhaft. 


9  selb  fehU  ES^Wfa 
13  FqI.   Vita  Kap   4 


12  . 


n  JeBua  Nm 


14  kl.  seiditLa  \ 


.  IIA 


J 


394  Zusätze  zom  Brief  btichlein. 

do  des  selben  namen  glich  unzallicb  vil  namen  och  also  in  der  selben 
wise.  Und  do  der  diener  der  wisheit  dar  kam,  do  bat  si  in  mit 
grosser  andahty  daz  er  die  namen  alle  nf  sin  herz  mit  g6tlicher  be- 
girde  striche  und  si  ir  denn  wider  gebe.  Und  daz  tet  er.  Und  si 
nam  den  iren  namen  m^d  haft  den  an  iren  anderrock,  da  in  nieman  6 
sach,  und  tet  daz  in  der  begirde,  daz  irs  herzen  andaht  zu  got  dest 
me  wüchse  und  daz  ir  gelück  und  seid  da  von  dest  me  volgete;  und 
sant  die  andern  namen,  die  si  och  also  bereit  het  bi  im,  allen  sinen 
geistlichen  kinden,  die  er  do  het,  daz  si  es  bi  in  trugen  och  in 
diser  selben  meinung.  Und  daz  teten  si.  Und  si  trüg  iren  namen  lo 
also  heimlich  an  ir,  bis  daz  er  ir  in  daz  grab  volgete. 

E  daz  die  zit  kom,  daz  got  irem  heiligen  leben  ein  selig  end 
wolt  geben,  do  füget  sich,  daz  der  diener  zu  dem  jüngsten  mal  zfl 
ir  kom.  Und  si  hüb  an  und  sprach  also:  „ach,  lieber  herr,  ich 
han  vil  gutes  von  got  durch  üch  enpfangen,  dar  nmb  got  ewiclicb  15 
gelobet  si.  Nu  han  ich  noch  ein  bet  zu  üwrem  tugenthaften  herzen, 
des  gewerent  mich,  lieber  min  herre  und  min  geistlicher  vatter! 
Und  s&llent  wissen,  daz  ich  der  bet  an  üch  von  dem  minniclichen 
got  in  miner  höbsten  andaht  neiswi  dick  bin  ermant,  der  es  von 
üch  wil  han.^  Er  sprach:  „liebe  tohter,  was  du  in  got  wilt,  daz  90 
sol  geschehen."  Si  sprach:  „ach  hen*e,  wer  üwer  rainnicliches  herz 
erkennet  als  wol  als  got  und  ich,  und  wer  üwrü  hitzigü  wort  hört 
und  üwer  begirliche  geschrift  liset,  der  merket,  daz  der  götlich  nam 
Jesus,  von  des  lobricher  wirdekeit  ellü  du  geschrift  seit,  daz  der 
gelückhaftig  nam  so  tief  in  üwer  herz  ist  gesenket,  daz  allen  25 
menschen  neiswi  reht  ein  nüwü  kraft  dannen  enpiintlich  möht  dringen. 
Dar  umb  ich  armer  lidender  mensch  bitt  üch  an  gottes  stat  durch 
des  selben  edlen  namen  wirdiges  lobes  willen,  e  daz  ir  vergangent 
und  es  selb  nit  me  mügent  getün,  daz  ir  an  diser  stunde  legent 
üwer  gesegnet  band  bloss  uf  den  heilsamen  namen,  der  uf  üwrem  90 
herzen  von  inbrünstiger  götlicher  minne  ist  ergraben,  und  machent 
mit  der  selben  band  ein  crüz  über  uns  ellü,  die  von  üwer  begirde 
wegen  in  ir  meinung  daz  nement,  daz  si  den  selben  glückhaftigen 


4  ir  si  NUm  [und]  daz  RS'  Wfa  6  haftj  iiät  RS'Wfa  da]  daz  Nm 
6  t'.  dest  me  zö  got  S^f  7  dest  me  da  von  S\f  da  von  [dest]  me  Nhm  9  bi  im 
S'Wh  10  diser]  der  .S'^TT/a  12mitirem6'»/  18  \md  stiM  fehlt  h  lOf.wül 
von  euch  RS 'Wfa  21  mynnreichs  i^m  24  löblichen  Ra  du  fehlt  NS'fhm 
25  ist  nach  tief  RS 'Wfa  26  entpfintlicher  S'f  33  glückhaiftigen  fehlt 
RS'Wfa  .    *    • 


Zusätze  zum  Brief  büchlein.  39Ö 

namen  Jesus  ocb  wellent  t&glich  einest  eren  mit  dem  lobrichen 
niorgengrftz,  der  üch  von  got  in  lucht^  in  lieplich  da  mit  ze  grussen 
und  alle  creatnr  in  sin  wirdiges  lob  ze  reizen,  als  man  hie  nach 
vindet  geschriben,  oder  aber  mit  einem  Pater  noster  und  Ave  Maria 

5  mit  einer  venje  dem  herren  ze  lob,  dem  ell&  knie  von  billich  biegen 
sAllent  in  bimelrich  und  in  ertrich,  daz  si  der  milt  got  beschirm 
vor  aller  schedlicher  widerwertikeit,  und  in  helf  ir  liden  überwinden 
nach  sinem  lob  und  irem  ewigen  nutz.^ 

Do  der  diener  sach   des  heiligen  menschen  ernst  und  andaht 

10  und  er  verstund  gottes  willen  dar  inne,  do  tet  er  es  mit  grosser 
andaht,  und  leit  sin  band  bloss  uf  sin  herz  uf  den  namen  Jesus 
ein  wili  und  bot  si  da  uf,  und  in  der  allmehtigen  kraft  des  selben 
namen  machet  er  das  heilig  cr&z  und  tet  einen  begirlichen  sogen 
über  alle  die,  die  mit  begirde  wellent  den  vor  genanten  morgeügrflz 

15  dem  namen  gottes  ze  eren  sprechen,  und  bat  got,  daz  er  in  ein 
heiliges  end  verlihe  und  in  ewige  selikeit  gebe.  Und  des  helf  uns 
got  allen  durch  sines  heiligen  namen  willen! 


Dis  ist  der  vor  genant  lobrich  grftz  und  gewer 
morgensegen,  den  ein   mensch  got  ze  lob  für  ungelück 

20  sol  sprechen,  der  her  nach  in  latin  ist  geschriben. 

0  du  aller  ^ch6nstü  liehtrichü  ewigü  Wisheit,  min  sei  hat 
hinaht  nach  dir  belanget,  und  nu  an  disem  morgen  frü  in  der  herz- 
licheit  mines  geistes  bin  ich  zfi  dir,  min  lieb,  erwachet  und  bit 
dich,   genediger  min  herre,   daz   din  begirlichü  gegenwertikeit  von 

25  mir  alles  übel  an  lib  und  an  sei  vertribe,  und  die  guadlosen  winkel 
mines  herzen  mit  sinen  sundern  gnaden  rilich  durchgiesse,  und  min 
kaltes  herz  in  dem  für  siner  götlichen  minne  inbrünsticlich  enzünde. 
Eya,  aller  süssester  Jesu  Griste,  nu  ker  din  lieplichs  antlüt  frünt- 
lieh  her  gen  mir,  wan  an  disem  morgen  so  keret  sich  min  sei  mit 

80  allen  iren  kreften  hin  zu  dir,  und  gr&sse  dich  hüt  begirlich  von  dem 
innergosten  gründe  mines  herzen  und  beger  och,  daz  die  tusent  stund 
tusent  engel,   die  dir  dienent,  dich  hüt  von  mir  grussent,   und  die 

17   durch  siiieii  h.  ii.  [willen]  S'f  Amen  Rtn  18  Das  liS^Wfa 

löblich  Ha  morgengrösz  hm  19 f.  für  ungelfick  got  ze  lob  (und  er  h)  sprechen 
soll  [der  —  geschr.]  hm  27  dem  für  fehU  HS^Wfa  28  f.  früntl.  fehU  hm 
31  gründe /eWf  hm        32  und  [die]  ES^Wfha 

Iff.    Vgl    Vita  18,11  ff^  f)  f •   Phil.  2,10.  21  f.  Js,  26,9:  Ps.  62,1, 

Vgl  zum  gangm  Gehet  Bdew  313,15  ff.  und  Har.  209,  .31  ff.  Dan,  7,10. 


396  Znstttze  zum  Briet  bttchleiu. 

zehen  tuBent  stund  hundert  tusent  himelschen  geiste,  die  hi  dir 
wonent,  dich  wirdecHch  von  mir  prisen,  und  dar  zu  ellu  die  wunnec- 
lieh  schön  gezierd  aller  creatur  dich  hat  von  mir  loben,  eya,  und 
dinen  wirdigen  namen,  unsern  trostlichen  schirm,  dankberlich  hut 
gesegnen,  nu  und  in  iemer  werender  ewikeit.    Amen.  6 

Hie  stat  der  lolirich  grüz  und  segen  in  latin. 

Anima  mea  desideravit  te  in  nocte,  sed  et  spiritu  meo  in  prae- 
cordiis  meis  de  mane  evigilavi  ad  te,  o  praeclarissima  Sapientia, 
petens,  ut  desiderata  praesentia  tua  cuncta  nobis  adversantia  removeat, 
penetralia  cordis  nostri  sua  multiform!  gratia  perfnndat  et  in  amore  lo 
tuo  vehementer  accendat.  Et  nunc,  dulcissime  Jesu  Chris  te,  ad 
te  dilucnlo  consurgo,  teque  ex  intimo  cordis  affectu  saluto.  Millia 
quoque  millium  coelestium  agminum  tibi  ministrantium  te  ex  me 
salntenf,  ac  decies  millies  centena  millia  tibi  assistentium  te  ex  me 
glorificent.  Universalis  etiam  harmonia  omnium  creaturarum  te  ex  16 
me  collaudent,  ac  nomen  tuum  gloriosum,  protectionis  nostrae  clypeum, 
benedicant  in  saecula.     Amen. 


Ton  heillgeii  bilden  und  gbten  .Sprüchen,  die  einen  menschen 

reizent  nnd  wlsent  zu  got. 

Vocatum  est  nomen  eins  Jesus.  20 

Den  minniclichen  namen  Jesus  schflf  der  diener  der  ewigen 
wisheit  entwerfen  in  sin  capell  wo!  geflorieret  und  mit  guten  sprächen 
gezieret,  ze  einer  getrüwen  reizung  aller  herzen  zfl  dem  minniclichen 
got.    Und  daz  dem  lidenden  menschen  liden  dest  lidiger  werde,  do 


1  die  him.  i^^eisto  RS^Wfa  2  vou  mir  fehlt  RS^Wfa  2  f.  schön 
wnnn.  hm  0  Hie  —  17  Amen  fehlt  Rhm  14  ox  me  fehlt  a  24  den  lid. 
m.S'Wfct 

18  Die  folgenden  Sitrüche^  welche  sich  z.  T.  mit  den  den  Bildei'n  des 
Exemplars  beigegebenen  (a.  Einleitung)  nahe  berühren,  sind  t^on  Seuse  ursprüng- 
lich lateinisch  ahgefasst  und  von  Elsbeth  Stagel  in  deutsche  Reime  übertragen 
worden.  Schönbach,  Über  die  Marienklagen  1874,  51  hielt  sie  nach  dem  Abdruck 
von  Mone  im  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1838, 183  fälschlich 
fikr  eine  Parodie  der  Marienklagen,  20  Luk.  2,21.  21  ff.   Vgl.   Vita 

Kap   ao  (60,12  ff.)  u.  36  (103,14  ff,). 


Zusätee  zum  Briet  büchiem.  397 

hie88  er  den  trostliehen  rosbom  zitliches  lidens  in  die  capell  och 
entwerfen  und  noch  einen  andern  bom  des  underscheides  zitlicher 
und  götiieber  minne.  Und  wie  sich  die  zweierley  minne  uss  der 
geschrift  widerwertlich  bewisent,  daz  stat  da  in  latin  einvalteclioh 
5  gescbriben ;  aber  sin  geistlichä  tohter  braht  es  ze  tütsch  und  tet  daz 
in  geriinter  wise,  dar  umb  daz  ein  nügiriger  mensch^  der  nit  alle 
zit  mag  in  glichem  ernst  stan,  daz  der  mengerley  vinde,  daz  in  zfi 
g6tlichen  tugenden  gereizen  mAg. 

Uie  elagsprüch  dez  lidenden  menschen  under  dem 
10  rosbom  vahent  an  also: 

Herzenfir6d  han  ich  verlorn, 

ze  grossem  leid  bin  ich  geborn. 

Min  grossü  clag  die  lit  dar  an, 

daz  ich  müss  sin  ein  armer  man. 
15  Eigenwillen  miüss  ich  lan, 

ich  mfiss  durch  got  gezomet  gan. 

Er  hat  mir  min  er  da  hin^ 

menglichs  ffisstüch  mftss  ich  sin. 

Die  äblen  hund  hant  mich  zerkretzet, 
20  böse  Zungen  hant  mich  geletzet. 

Ach^  waz  ich  erlitten  han, 

daz  nieman  wol  gesagen  kan! 

Got  zühet  mich  mit  dem  har, 

daz  nim  ich  von  im  uf  gar  swar. 
26  Eya,  wie  ist  min  vergessen! 

min  not  ist  gross  und  ungemessen. 

Wenig  Mnde  solt  got  han, 

wan  er  ist  in  mit  liden  gran. 


4  bewis.]  haltent  S^  Wfa  4 f.  geschr.  einv.  in  lat  6*  Wfa  6  gerfimter 
Wha  geruweiiter  S^f  7  vindet  Nhm  9f.  under  d.  rosb.  fehlt  S^  Wfa  10  nach 
also  Übef8chrift :  die  klagsprich  eines  leidenden  menschen  XII  (=cap.)  S^Wfa 
12  geb.]  erkom  S^  Wfa  13  am  Rande  Job  Nh  die  fehlt  a^a  16  ge- 
zomet] gen  mettin  S^  Wfa  18  mengl.  --  19  mich  fehlt  8^  müss]  sei  Nhm 
1J>  am  Bande  psal  N         gekretzet  S^  Wfa  22  daz  ichs  s^  24  von  im 

fehlt  S^f        uf  fehlt  hs^        27  got  sol  S^Wfa 

1  ff.  Über  den  Rosenbaum  vgl.  Vita  Kap.  ^  (69,6  ff.)  u.  34  (102^19  ff.), 
hie  roten  Rosen  bedeuten  Leiden  ( Vüa  64^26  ff.).  13  f.    Vgl.  Job  Kap.  3  ff. 

18  Vgl.  Vita  Kap.  20  (66,8  ff.).  19  Vgl.  PsJil.W.  23  Vgl  Vüa  133,24. 

27  f.   Vgl.  Bdeio  336^  f. 


398  ZtaUze  ztim  Brief  bttchlein. 

Antwort  der  ewigen  wisheit: 

Man  sol  hnt  umb  hat  geben, 

daz  wil  ich  uf  min  trüwe  nemen. 

Wer  sunder  lieb  von  got  wil  han, 

der  sol  in  leid  von  billich  stan.  5 

Lidens  sol  er  tragen  vil, 

der  gottes  früntsebaft  haben  wil. 

Rosen  wil  ich  brechen, 

and  wil  lidens  uf  si  trechen. 

Schow  die  martrer  unverdrossen,  lo 

die  ir  blftt  durch  got  bant  vergossen! 

Ir  frumen  ritter,  gehabent  üch  wol, 

kein  liden  &ch  erschrecken  sol! 

Alles  liden  wenden  tftt, 

wer  ewikeit  treit  in  sinem  mfit.  15 

Eya,  bis  frisch  und  unverzagt, 

nie  weicher  müt  kein  er  bejagt! 

Der  underscheid  zitlicher  und  götlicher  minne. 

Der  lip  spricht: 

Man  seit  uns  als  von  minne  vil,  20 

minen  lip  ich  selber  minnen  wil; 

was  mag  dem  bessers  gesin, 

denn  gütü  mursel  und  starker  win? 


1  Die  Überschriften  fehlen  von  hier  an  stets  a^  antwurt  die  ewige 
weishait  (so  stets!)  Nhm  6  von]  och  S^Wfa  6  trafi:en]  arnen  S^Wfa 
8  in  brechen  S^Wfa  9  wil]  vü  S^Wfa  si]  in  Wfd  12  gehalten  Nhm 
17  wan  nie  Nm  19  desz  leibes  rede  Nhm  20  am  Rande  Epicorns  Nh 
als  fehlt  Nhms'  22  dem]  den  sinnen  S^Wfa  »in  S^Wfha  23  mutt- 
schellen  s^ 

2  Job  2y4,  4  —  9  Dieselben  8i)rüche  heim  1:3,  Büd  10  f.  Beim 
Umbau  des  Konstanger  Dominikanerklosters  (1874)  fand  man  an  der  Wand 
des  nördlichen  Seltenschiffes  der  Kirche  zahlreiche  Fresken  in  Form  von 
Medaillons,  welche  Märtyrerszenen  darstellen  und  wohl  dem  14.  Jh.  angehörefi 
(vgl.  Kraus,  Kunstdenkmäler  des  GrossherM.  Baden  1  [1887],  'J46f.),  Eb,  von 
Zeppelin  in  Schriften  d^s  Vereins  für  Gesch.  des  Bodensees  VI  (1876),  20  f.  u. 
Peltzet,  Deutsche  Mystik  und  deutsche  Kunst  1899, 100 f.  möchten  sie  auf  den 
Einfiuss  Seuses  suriickführen.  12  f.  Vgl  Vita  yL,H4f  14  f.  Derselbe 
Spruch  aiu:h  beim  l'J.  Bild  (aber  Jesus  statt  ewikeit).  16 f.  Vgl,  Brief  4 
(870,22 ff.).            22  f.    Vgl    Vita  13 Jl. 


Ziuktse  sum  Briefbttchlein.  399 

Antwnrt  der  ewigen  wisbeit: 

0  da  böser  lastersack^ 
din  Ion  ist  bös  und  nngesmack. 
Ein  tambes  herz  hie  fröden  sucht, 
5  der  wise  der  hat  dar  an  verrucht. 

Die  minne  des  gfltes  und  der  eren  spricht: 

Fränd  und  eren  und  gAtes  ril^ 
ist  der  weit  seitenspil; 
wer  daz  bat^  der  ist  vil  werd, 
10  dar  amb  es  och  min  sei  begert. 

Antwurt  der  ewigen  wisbeit: 

0  witz  und  gftt  und  weltlich  er, 
wie  triegent  ir  so  grimme  ser! 
Dis  zergenklich  böses  gut, 
15  hat  verderbet  mengen  mAt. 

Dar  umb  so  wil  ich  fliehen  dich, 
zu  got  so  wil  ich  keren  mich. 

Die  weltlich  minne  spricht: 

Ob  allen  fröden  machet  wild, 
20  reiner  frowen  zartes  bild; 

daz  miden  ist  herzennot, 
and  ist  als  streng  alsam  der  tod. 

Antwart  der  ewigen  wisbeit: 

Ach  wipliches  bildes  inval, 
25  du  verderbest  vil  and  ane  zal; 

noch  witz  noch  kraft  mag  da  gesigen, 

da  hört  nit  zfl,  denn  verre  fliehen. 

Der  sich  kert  an  din  liebliches  erbieten, 

aeh  got,  wes^  mflss  sich  der  genieten ! 
BO  Also  zergat  der  minne  pris, 

des  hntent  &ch  and  werdent  wis! 

Ach,  knrzes  lieb  and  langes  leid,  > 

ist  ir  beider  minner  kleid. 


Y 


2  am  Rande  Salomon  iV  lasterachalk  S^f  4  hie  ir.]  die  freüde  S^fa 
6  versucht  Nhma^  7  ert  hms^  ■^  10  sei]  herz  S^W  12  0  witz  —  23  wish. 
fehtih  0  wita]  unweisse  S^Wfd  20  reioer]  schöne  a^  22  d.  bitter  töd  S^f 
25  und  fehlt  S^f  26  sigen  hs^  29  was  NWhma  leides  g-en.  S^Wfa 
30  vergat  6'»TF/Äa        83  minneklaid  ^y^TFirA«  "      ' 


400  ZuBäUe  zum  Brief  bttchiem. 

Von  der  g6tlichen  minne: 

Ein  ussflaz  der  wisheit, 

ist  daz  ewig  wort  in  der  gotheit; 

in  anbekanter  wiselosekeit, 

stat  ir  natArlich&  blossheit.  5 

Ellü  herzen  hant  z&  ir  ein  jagen, 

und  kan  doch  nieman  nit  dar  nss  g^ssagen. 

Der  sannen  bild  ist  nit  so  iin, 

si  &bertriffet  der  sterne  schin. 

Si  rfiwet  in  der  sele  grand,  10 

si  wirt  nmbvangen  tasent  stund. 

Daz  herze  wil  si  nieman  lan, 

si  wil  es  ir  selber  han. 

Nach  ir  so  sol  man  stellen, 

und  si  zfi  einem  lieb  erwellen.  15 

In  allen  landen  ist  ir  nit  glich, 

si  haben  ist  daz  himelrich. 

* 

Ach,  wie  selig  ist  der  und  fr6denvol, 
der  bi  ir  steteclich  wonen  sol! 

Von  dem  namen  Jesus:  20 

Jesus  in  der  sele  grnnd, 

ist  allez  zartes  ein  Überbund; 

Jesus,  din  nani  ein  starker  turn, 

den  nit  zerstöret  enkeiner  stum. 

Kein  schönü  fürspang  so  wol  gezieren  kan,  26 

sam  tfit,  Jesus,  din  finer  nam. 

Ein  s&ssä  harpf  uf  tringet, 

so  Jesus  nam  erklinget. 


1  Von  —  20  Jesus  fehlt  s^  7  dar  uss]  da  von  S^  Wfa  8  nit  fehlt  Nhm 
13  es  will  si  selb  im  (in  S^f)  selber  han  S^Wfa  14  ir  fehlt  Ntn  16  aasz- 
erwellen  Nm  17  daz  ist  Nm  18  Ach  —  19  sol  fefdt  S^Wfa  20  dem  minnic- 
lichen  n.  J.  S^Wfa  21  der]  unser  S^Wfa  22  überkunt  S^f  23  din] 
ain  Wa  24  erstöret  Wa  keiner  S^Wfa  26  kein]  ein  S^Wfa  [so] 
wol  zieren  S^Wfa  26  din  f.  nam]  den  seinen  nam  (man  Wa)  8^ Wfa  27  uf 
fehU  S'  Wfa 

6   Vgl.  Bdmo  Kap.  1.  8  f.  Der  gleiche  Spruch  auch  beim  1,  Bild. 

11  Vgl.  Vita  UySSff.y  15,7  ff.         21  fif.  Vgl.  den  Hymnus  Jesus  dtOcis  memoria 
(Bdew  326,3 ff.).  25    fürspang,   vgl.  11.  Brief  393,7  u.  Hör.  126  (moniU 

jjretiosum  in  pectore  partatum) 


o 


Zusätze  zum  Brief büchlein.  401 

Ach  Jesus,  durch  den  namen  diu, 
vergiss  der  grossen  sünden  min! 
Jesus  min  herz  verwundet  hat, 
gezeichent  da  min  Jesus  stat. 
Jesus,  vil  lieber  herre  min, 
ain  schirm  müss  mir  din  name  sin. 
Gesegen  mich  der  Jesus  zart, 
nu  und  an  der  jüngsten  binvart! 


2  simde  Ws^        4  bezaichnet  s^a        da  min]  dar  in  S^  Wfa        6  schirm] 
schrill  S^Wfa 

3  f.  Auch  beim  12.  Bild,  6   Vgl  die  Spi-üche  beim  10,  Bild, 


H.  Seuse,  Deutsche  Sehriften.  26 


Zweite  Abteilung. 

Die  nicht  in  das  Exemplar 

aufgenommenen  deutschen 

Schriften  Seuses. 


I. 


Das  grosse  Briefbuch 


Wan  eines  geistlichen  menschen  sin  nüt  mag  zu 
allen  ziteu  in  abgescheidener  blossheit  spanen  und  5ch 
schedliche  kurtzwil  verre  sol  fliehen,  hier  umb  zö 
einer  underlibi  dines  geniütes  so  mäht  du  dis  götlich 
5  brief  lesen.  Die  sante  ein  diener  der  ewigen  wiszheit 
hin  und  her  sinen  g&tlichen  fründen  und  meinet,  daz  er 
ein  minnebotte  gottes  si  ze  dir  und  ze  einem  ieklichen 


Ha  ndschriften  des  grossen  Bri  efh  uchs  im  allgemeinen :  h  =  Bei'lin 
^%y:  C  =  Colmar  266;  c  =  Cues  116;  d  =  Darmstadt  1847;  g  =  St.  Gallen 
970:  (f  =  Göttingen  Theol  292;  h  =  Heidelberg  358,38;  m  -^  Cgm  819;  N  = 
Nürnberg  VII,9ü;  n  =  Nüi'nberg  VI,56;  R  =  Breslau  Domkap.  Bibh;  s  =^ 
:Stutt(jürt  Theol.  tt  phil  4%7 ;  s^  =  Stuttgart  Tlieol.  et  phil.  8^19;  U=  Über- 
lingen 22:  z  =  Zürich  Stadtbibl  C  96. 

Prolog.    Hss.:    h  c  g  h  R  s  z. 

Rote  Überschrift:  Das  slnt  gäti  gaistlioh  miunbrieffe  g  Prologus  libri 
(.pistolaruin  s  {auch   der  folg.  Prolog  rot)  1    geistl.]  iegeliclien  hs  in 

mach  e  2  gespannen  hsc  och]  all  p  3  von  billich  ver  g  ßol  verre  z 
öol  fdilt  bg  har  umb  s  hie  von  g  hier  u.  —  4  gem.  fehlt  s  4  under- 
libunge  bgR  ufinthalt  c  gotl.]  geistliche  R  4  f.  disen  geistlichen  brief  h 
disen  brieff  götlich  s  dis  gotlich  minnen  briefif  ze  ainer  vertribung  vnredlicher 
bekoruug  leszen  g  5  ewigen]  gotlichn  g  6  har  s  gotl.]  gäten  gs  geist- 
lichen R  geistl.  gäten  h  fründ.]  kinden  h  daz  er  dar  inn  g  6f.  si  nach 
er  bcs  7  minneb.]  minne  b  minnebrief  s  ze  dir  und  fehlt  g  iekl.  —  406,4 
uemeu  fehlt  s  (icegcn  Defekt  des  Blattes)  7  flf.  iekl.  andähtigeii  und  begirigen 
herzen   [mit  nameu]   dz  ietz  ist . . .  ist  g 

1  ff.  Vgl,  hier  u.  künftig  die  entsprechenden  Abschnitte  des  Kl  Bfb  und 
die  dort  gegebenen  Erläuterungen.  7  minnebotte  gottes,  vgl,  Bdetc  231,8. 


406  Grosses  Briefbuch.    Prolog  und  I.  Brief. 

hertzen  mit  namen,  die  ietze  sint  oder  noch  künftig 
siut,  die  der  valschen  minne  wen  urlob  geben  und  die 
ewigen  wiszheit  wellen  ze  einem  einigen  geminten  lieb 
nemen. 


I.  Brief.  5 

Bex  David  senuerat. 

Do  der  künig  David  sine  jugent  in  gottes  dienste  hatte  ver- 
tribcn,  do  er  begunde  alten,  do  hegunde  er  kalten.  Und  daz 
sahent  sine  getruwen  diener,  und  die  fftrent  durch  alles  lant  und 
sühtent  ime  eine  gemeite  jungfrowe;  und  funden  ein  usgenomen  lo 
schön  me^etin,  hies  Abisag,  und  die  fügeten  sü  ime  zö,  daz  sü  in 
wermete  und  im  dienete. 

Wer  nu  wunder  welle  schSwen,  der  sehe  nit  an  daz,  daz 
beschach  in  den  alten  tagen;  er  sol  sehen  daz  klegliche  ding,  daz 
nüwes  beschehen  ist,  daz  der  volle  mane  gebrochen  ist,  daz  die  15 
spilnde  sunne  erloschen  ist,  der  liebe  ostertag  zu  dem  stillen  fritage 
worden  ist,  ach,  und  die  heisse  summerwunne  zft  dem  kalten  riffen 
geraten  ist.     Dez  sint  trurige,  ir  wolsingenden  kleinen  v6gelin,  die 


1    yetzund  hRc  sint  fehlt  c  oder  die  noch   bc  2   valseh  z 

minne]   liebe   hR  wen]   wellen  nach  geben  g  3  wellen  nacJi  lieb  her/ 

3  f.  ze  eygener  lieb  nemen  und  behalten  /*  ze  ainem  besunder  und  ainigen  fründ 
und  lieb  wennd  nemen  g      gem.]  geliebten  li^  fehlt  b  c        4  nement  b 

I.  Brief,    Hss,:    b  c  h  m  N  B  s  ü. 

liote  Überschrift :  bredige  b  Hie  geit  au  der  prologus  ader  profatio  dat 
is  eync  vürrede  deses  buchelgjns  c  gar  ain  hüpschen  brieflf  wie  der  diener  sine 
gaistlichen  kind  lert  wie  sy  den  hymelscheu  gespontzen  Jesum  ob  allen  andren 
lieben  sollent  in  vsser  kyesen  vnd  erwellen  won  kain  soUichs  lieb  in  hy  (!) 
noch  vff  erd  mag  erfunden  werden  als  disser  gespontz  ist  U  6  Rex  D.  —  8 
kalt<?u,  12  im  dienete  —  16  stillen,  407,2  suunen  —  407,6  unwand.  fehlt  s  (wie 
oben  4(J5,7)  7  syne  jonge  dage  c  8  zu  alten  h  beg.  er  und  hüb  an  zu  k.  /* 
9  sah.]  sagen  c  alle  mNUc  10  ime  fefilt  mN         gemeite]  geminte  ü 

schöne   Rc         11  mait  hR         die  hies  htnXc         und  [die]  b  12   und  im 

dienete  fehlt  U  13  wer  —  schowen]  ist  nun  iemand  der  w.  ietz  wöl  schawen  mN 
will  hc  ensech  rnNc  dat  einmal  c  14  geschah  mXR   geschiet  is  c 

ansion  c  15  newlich  geschehen  ist  mN  daz  —  gebr.  ist  fehlt  U  [daz] 
do  der  v.  m.  bhs  [daz]  die  hR  16  verleschen  e  und  d(T  1.  0.  c  lieblich  U 
stillen  fehlt  c        18  dez]  herum  c        ir]  die  R 

6  ff.  //.  Kon.  1,1  ff. 


Grosses  Briefbuch.    I.  Brief.  407 

den  summer  in  lachender  fröde  enpfiengent  und  üch  gegen  der 
schönen  sunnen  glast  erswungent! 

Ach,  nu  merkent,  ir  werden  kint,  wen  ich  meine:  min  herze 
meinet  den  usglentzenden  widerglast  des  summerlichen  lichtes  der 
5  klaren  vätterlichen  gotheit,  den  vollen  mane  siner  lütseligen  menscheit, 
die  sumraerliche  gestalt  siner  unwandelberen  ewigen  wiszheit,  wie 
gar  daz  alles  so  veraltet  und  verkaltet  ist  in  den  ogen  und  hertzen 
der  geistlichen  menschen,  die  bis  her  sin  ingesinde  hiessen  und  sin 
gemahelvingerlin  trügen. 

10  Eya  nu  dar,  ir  reinen  megde,  ir  schönen  rosen !    Wele  wil  die 

schöne  jungfrowe  sin,  wele  wil  die  künigliche  ere  besitzen  und  ein 
wörmerin,  ein  pflegerin  des  geminneten  ewigen  küniges  wesen? 
Die  trette  her  für  und  lasse  sich  schowen!  Sehe  nüt  an,  waz  sü 
ist  oder  waz   sü   ist  gewesen,   löge  allein,   war  zu  er  sü  von  sime 

15  gewalte  wil  machen. 

Ach,  zarten  kint,  nu  kerent  nwer  antlit  her  zu  und  losent,  waz 
ich  meine!  Min  herre,  der  mich  zu  uwerm  hertzen  hat  gesendet, 
daz  ich  sine  botschaft  tüge,  der  ist  ein  als  minneklicher  herre;  so 
wissent  ir  wol,   daz  ein  glich  minnet  sin  glich,  und  dar  umb  neme 

20  ich  ein  minnendes  hertze  für  tusent  ander.    Es  sint  ietzc  vil  menschen, 
die  tra^rent  geistlichen  sehin  und  haut  got  nie  berlich  erzürnet,  und 

1   enpfieiidend  mN  enpfachent  U  üch]  auch  liB  gegen]  in  mN 

2  schonen  fehU  c         glast]   glancz  mN         erswingent  ü         3  kinder  bmNR 

4  den  —  lichtes]  das  vssglentzcnd  lieht  fJ      widerglancz  mNc       sonnerichen  c 

5  volkomen  R  mane]  namm  (!)  (J  7  alles  so]  alles  also  B  allet  [so]  c 
[verjaltet  ntN  veraldet  is  und  verk.  [ist]  c  und  verk.  fehlt  ü  erkaltet  b 
8  [der]  geistlicher  m.  c  [sin]  Inges,  b  hiess.]  sint  geheyssen  s   waren  c 

10  darumb  mN  wele  —  11  sin  fehlt  s  wele]  wie  b  11  schonest  U 
und   welche   c          die  krön  der  küniglichen  er  ü         die  küniclichen   eren  m 

11  f.  ein  fehlt  ßweimal  c  12  wermerin  sein  R  und  ein  pfleg.  bmR  ge- 
minn.]  lieben  /*  geliebten  B  [ewigen]  küniges  [wesen]  ü  weszens  (!)  R 
13  tretend  mN  har  für  /w  laszend  mN  sehe]  sehent  hsU  vnd  insiehe  c 
an  fehlt  b  13  waz  —  14  oder  fehlt  b  14  waz]  wa  mN  gewesen  ist  h 
\\^ge]  seh  B  seiner  mN  15  wöll  mN  16  zarten  kinder  rein  h  uwere 
antlitte  b  her  zu  fehlt  hmNBs  her  [zö]  c  zö  mir  U  losent]  haben 
lieht  h  hörend  mN  16  f.  was  ich  üch  sag  und  was  ich  meine  ü  17  ewTen 
mXB       18  ein  als]  als  ein  hU  als  einer  mN  ein  so  c       minnekl.]  lieplicher  iJ 

19  glich  lieb  hat  sein  glich  lieb  h      minnet]  liebt  R       19  f.  so  nement  [ich]   U 

20  ich]  he  c  minnendes]  liebhabendes  h  21  die  fehlt  c  und  —  erz. 
fehlt  U       nie]  me  8  nit  hB        berlich]  schwerliche  hmN  groszlich  B 

4  ff.  Im  folgenden  ist  Christus  (=  die  ewige  Weisheit)  gemeint. 

8  geistliche  menschen  =  Klosterfrauen,        19  Vgl,  die  Änm.  zu  363,8. 


408  Grosses  Briefbuch.    I.  Brief. 

des  gestent  sü  sich  und  lebeut  also  an  hin  lewekliche,  minnelos  und 
gnadelos.  So  sint  ander  menschen,  die  in  grossen  gebresten  sint 
gevallen  und  ir  natürlichen  adel  uf  die  creature  hant  gekeret,  wan 
sü  vil  lihte  des  geminneten  gutes  nie  befunden.  Ovve,  wcnne  sü 
sich  aber  unib  kerent,  so  tiint  sü  als  die  wilden  edeln  valken  und  6 
tönt  einen  frigen  swank.  Und  wenne  die  natürlichen  edeln  hcrtzen 
denne  inne  werdent  siner  göttelichen  heimlichi  und  siner  togen 
minne,  so  werdent  sü  reht  wütende  in  siner  minne  und  ruwet  sü 
denne  und  sprechent:  „ach,  grundeloses  gut,  las  dir  geklaget  sin, 
daz  ich  dis  nüt  nu  lange  ane  vieng,  daz  ich  dis  nüt  von  erste  lo 
wüste;  ich  han  doch  nüt  in  keiner  minne  funden  denne  we  und 
unstetikeit  und  valscheit,  aber  nu  han  ich  funden  den,  des  min  sele 
begert."  Und  geschiht  dicke,  so  sü  ie  vergangner  warent  in  ge- 
bresten, daz  sü  in  dem  minneklichen  umbvange  ie  herzeklicher 
umbvangen  werdent.  15 

Gewerlich,  gewerlich,  es  ist  ein  friges  leben,  gotte  minnek- 
lichen dienen  in  der  wise,  als  ich  es  meine,  daz  ist,  daz  ein  mensche 
nüt  gange   slewenzen;   er  sol  sich  alles  liebes  und  leides  mit  siner 


1  gestent]  frewend  mNli  roement  c  an  hin  lew.  fehlt  h  an  hin] 
für  sich  mX  vort  an  c  lewekl.]  sleiflferlichen  c  minnelos]  on  liebe  h  lieb- 
losz  U  und  trechelich  c  2  grosz  mX  geprechen  7^  2  f.  gev.  sint  /tJ{ 
3  creaturen  bcmX  4  des  gem.  gutes]  der  liebha])enden  gotheit  und  obersten 
gutes  /i  gutes]  gottes  binN  nie]  in  in  U  bef.  haben  h  enpfandend  mX 
owe]  und  /*  4  f.  si'i  sich]  solliche  b  sich  die  c  5  aber]  schon  h.  fMt  li 

umb  k.]   bekerent  Uli  edeln   wilden  li    edeln  fddt   U  und  —  6  swaiik 

fehlt  U  und  tfint  feJdt  c  6  und  also  w.  7/*^"  [und]  so  w.  U  und  wanne  dan  c 
7  denne  fehlt  c  heiraclykeit  mXli  und  fehlt  U  tugen]  ver])orgeuer  »i-.V 
heymelicher  c  tauglichen  li  gnad  reichen  h  8  minne]  lieb  liH  9  denne 
fehlt  h  dan  ir  gebrechen  c  grundlose  gute  inXc  sin  gekl.  h  10  daz 
—  ane  vieng  fehlt   mX  dis]  dich  hli   das  .v    dit  leuen  c         nüt  [nu]  1.   es 

nun  nit  vil  lange  U  nu  [nit]  vil  1.  h  [nu]  vil  1.  nit  7i*  dis]  dich  7i*  daz  hfi 
dit  guet  c  von  erste]  ee  c  11  enwest  mX  doch]  dich  *•  lu'it]  nve  c, 
fehlt  fimX  anders  dan  c  we  we  mX  12  und  valsch.  felilt  U  [ich] 
funden  [den]  b  den  fonden  c  des]  den  li  srle]  hertz  U  13  geschieht 
es  mX  vergangen  weren  hs  13  f.  gebrechen  Xl(  14  uinbvange]  umb- 
vangen s  unibvaher  mX  14  f.  ie  herz.  \\va\)\,  fehlt  s  Iierzekl.]  minniclicher  mX 
15  wurdent  b  16  gewerlich  nur  einmal  bs  werlich  werlich  hRc  16  f.  got 
liebhaben,   got  mynn.  dienen  R  minneklichen]    .yiinenclichen  c  freilich    mX 

17  [in]  der  weise  auch  wie  ich  es  m.  h  einj  das  A  18  schlewenzende  /' 

slentzen  s  schlewen  U  slewszen  h  slowssen  oder  schlaffent  li  [gange]  lasz  werd 
mX  I gange]  in  sal  sleiftorlich  vnd  trege  syn  c 

3    Vgl.    Vita  137.rtf.  12  f.  Bnhel  3,4. 


Grosses  Briefbuch.    I.  Brief.  409 

emsigen    minne    ergetzen,    wanne    minne    und    liebe    machent    al 
ding  lihte. 

Ach,  min  lieben  kint,  nu  han  ich  üch  in  mime  hertzen  ge- 
lichet  zft  den  lutseligen  minneklichen  rosen.  Und  wie  daz  sieb  der 
6  ros  dem  himeltowe  lange  habe  vor  beschlossen  und  sich  gegen  der 
vinstern  nabt,  gegen  dem  kalten  riffen,  hab  uf  getan  in  siner  natür- 
lichen lütselikeit,  doch  so  begert  der  überminnekliche  veltblftme, 
der  lütseiige  herre  aller  herren,  daz  ir  wolstenden  rosen  werdent, 
da  mite  sin  götlich  höbet  finlich  gezieret  werde.     Und  erscbreckent 

10  nüt!  Wanne  so  ir  ie  berlicher  entferwet  und  entstellet  siut  in 
üppigetn  lebenne,  so  man  sine  ewige  wiszheit  und  sine  grossen 
erbarmhertzikeit  an  den  wunderlichen  zügen  ie  bas  erkennet  und 
vor  allem  engelischen  her  wirt  gelobet. 

Zarten  kint,  wer  wil  das  trurig  ertrich,   den  blossen  walt,  die 

15  dürre  beide  noch  hure  so  lütselklich  ergrünen  und  so  minneklich 
zieren,  die  ime  ietze  in  dem  winterlichen  zit  so  unglich  sint?  Wer 
mag  daz  erzügen,  denne  der  minnekliche  herre,  der  ietzent  vor 
uwerm  hertzen  stat  und  gemahelschaft  begert?  Eya,  tfint  uf,  tönt 
uf  dem  zarten  herren  uwer  hertzen,  bietent  ime  die  haut  und  lögent, 

20  obe  ir  üch  uf  ertrich  ie  so  hoch  gefründeten?  Man  liset,  do  der 
kneht,  der  Isaac  umb  ein  frowe  warp,   do   der  zfi  ir  kam,  daz  die 


1   einziger  hhs    stetigen  mN         minne,   das   ist  mit  got  /*  minne 

(zweites)]  die  gnade  h  [minne  und]  lieb  machet  U  3  f.   gelichet /«/*/<  h 

4  zu  fehlt  c  lüts.  und  zu  den  minn.  rosen  h  und  fehU  es  wie  doch  das 
?imNH  wie  das  sy  das  sich  U        der]  die  hchmNRs         6   d.  himelischen 

t.  Hc  vor  beslossen  habe  s  h.  [vor]  verschlossen  ü  fAcYi  fehlt  mK  gegen] 
vor   h   nach   mN  6  gegen]   und  nach  mN  und   gein   e.         siner]  irer  lic 

6  f.  natürlichen]  lewtseligen  li  7  die  überm,  veltblömc  Rs  überwunic- 
lich  mN         8   werdent]   verdynen   h  9    das    damit   /*  gotlich  fehlt   c 

finlich]  zirlich  h  10  nüt  fehlt  ü  ir]  er  s  berl.]  gröszlicher  E  bloisse- 
licher  c  sint]  sin  s  werdent  U  12  barmhertzikeit  hR  den]  dem  mN 
dison  s  13  gelobet]  gelost  mN  14  wer]  wie  mN  blossen]  brossenden  U 
15  erirrünet  h  16  ime]  nu  sc  in  m  ietze  fehlt  bcmN  in  den  w.  ziten  b 
17  erzaigen  mNU  herre  fehlt  hRs  18  uwern  hc  gemah.]  f renn  tschaft  mN 
soichet  vnd  begert  c  tänt  uf  nur  einmal   bhRs  19  herren  fehlt  bcmN 

hertze  hsU  und  biedet  c  hendt  R  20  oh  er  euch  ere,  der  so  hoch  ge- 
freundet ist  mN  ir]  er  mNU  gef rundete  shU  do]  so  /*  doch  dat  c 
20  f.  der  kneht  fehlt  U     21  Hier  fehlt  mN      der  dem  I.  hR      der  (sweites)]  er  R 

If.   Vgl,  Augustinus,  De  bona  vid,  c.  21:  nullo  modo  sunt  onerosi  labores 
amaiitiumj  nam  in  eo  quod  amatur,  aut  non  lahoratur,  aut  et  labor  amatur, 

3 f.  Oben  407,10,  13  Subjekt  zu  gelobet;  seine  Weisheit  u,  Bai-nüierzig- 

heit,  16  ime  bezieht  sich  auf  herre  (Z,  8),  20  ff.  I  Mos,  24, 


410  Grosses  Brief  buch.    II.  Brief. 

frowe  iren  willen  gar  geswinde  da  zft  gab.  do  sü  horte,  daz  es 
gottes  getat  was;  sü  sprach  balde:  ja.  Es  was  ein  wunder.  Sri 
lies  balde  vatter  und  mfiter  und  alle  ir  frunt  und  für  in  ein  frörn- 
des  unbekantes  lant,  su  fürsorgete  nüt  alle  wege,  sü  bevalch  sich 
gotte  und  wägete  es;  und  von  der  kommen  och  die  heiigen  gesiebte. 
Nu  sint  ir  ettelich  ietze  also  fürwitzig,  daz  sü  vörhtent,  do  kein 
vorhte  ist.  Der  der  ewigen  wlszheit  wil  pflegen,  der  mfis  es  wagen, 
und  mus  menschlicher  witze  ein  fries  urlop  geben. 


IL  Brief. 

Regnnni  mnndi  et  omnem  ornatnm  saecnli  contempsi  propter  lo 

amoreni  domiui  mei  Jesn  Christi. 

Disen  frölichen  reigen  und  jungfrowelichen  uszog  der  uss- 
erwelten  gottes  gemaheln  von  der  valschen  weit  in  ein  himelsches 
leben,  do  ich  den  ob  mir  horte  singen,  do  gedahte  ich  also:  der 
mag  wol  liep  frolich  lassen,  der  ime  selber  ein  liebers  hat  nnib-  15 
gangen.  Und  daz  ist  mir  gewerlich  hüte  beschehen.  Dar  umbe  so 
sie  dir,  valsche  weit,  ein  friges  urlop  von  mir  gegeben!  Lügent, 
alle  minner,  der  weite  spil!  Ich  hatt  einen  schatten  nmbvangen, 
ich  hatt  einen  trom  gemehelt,  ich  hatt  den  won  besessen.  Eya,  \va 
nu  des  wones  bilde,  des  trömes  gelübede  ?    Hette  ich  dich  nu  tusent  20 


1  dar  zu  UmX  1  f.  das  es  were  der  wille  gottes  h  2  getatj  orde- 
iiuiig  mX  3  lies  [balde]  b  4  fiirsorg.]  versorgete  I{i>  sorget  mX  für  011  e 
sorge  h  mit  fehlt  h  5   kam  auch  daz  heilig  gesl.  mX  6  ir]  ewr  i»', 

fehlt  ch  ietze  fehlt  c  sü  fehlt  N  7  vorhte)    fürchten  mX  Der] 

Wer  cinN  ewigen  fehlt  niN         8   witze]   wysen  c   wetz  mX  Weisheit  h 

IL  Brief  (=  Kl  BJb  I).  Hss,:  b  c  d  g  h  n  li  s  s'  U  z.  In  bU  fehlt 
der  erste  Teil  bis  413,17  und  der  tSclduss  von  416,3  an,  in  g  der  zweite  Teil 
(413,10— 416,2(J),  in  n  der  Sc?du6'S  von  416,2'^  Daz  ander  an, 

10  propter  —  11  Christi  fehlt  ghU  14   hört  ob  mir  g  15   [liep] 

frolich  sin  und  lät^sen  z  16  werlichen  nc  geschehen  gne  so  fddt  cd 

17  [dir]  der  valsclien  hlis^  din-e  valschen  .<?        Ifigent]  sehent  und  bekennent  g 

18  spil  und  ir  hetrügnüst !  von  ir  so  mag  ich  wol  sprechen:  ich  hat  .  .  .  </ 
schatten]  Schemen  d  19  einen  trüwen  gemachel  .v^  gemeh.]  gen  ime  ge- 
hebt z  den]  einen  s  eya]  ach  g  owe  n  19  f.  wa  ist  nun  konicn  des  w. 
b.  und  des  tr.  g.  g        20  gelubte  und  dez  schatten  vmfange  n 

14  ff.  Sense  sj/richt  im  erstell  Abschnitt  drs  Brief  es  in  der  Person  der 
Adressatin,  welche  eben  die  feierliche  Profess  abgelegt  hat. 


Grosses  Brief  buch.    II.  Brief.  411 

jar  besessen,  waz  wer  es  nu?  Als  ein  Sgenblik  balde  da  hin! 
Diner  natur  eigen  ist  ein  hinscheiden.  Ich  wonde  dich  han  umb- 
vangen:  wie  bist  du  mir  verswunden!  Der  dich  nüt  lat,  den  last 
aber  du;  der  dir  nut  git  ein  willekliches  scheiden,  dem  lonest  aber 
5  du  mit  eime  leitlichen  scheiden.  Owe,  du  mörderin!  Dar  umb  adi, 
ade,  got  ^^nade  dir  hüt  und  iemer  me!  Trüge,  die  dich  not  er- 
kennen, du  trügest  mich  niemer  me.     Regnum  mundi  etc. 

Owe,   kint  mins   in  dem  alraehtigen  gotte,   nu   höre  och,   waz 
ich   zu   dir   spriche!     Gedenke,   gedenke,   daz   du  alle   dine  fründe 

10  und  ere  und  gfit  mit  besinnetem  mute  hast  uf  gegeben,  und  bis 
veste  in  disem  willen!  Tft  nüt  als  etteliche  torahten-  megde,  die 
sich  glichent  den  ingeschlossenen  wilden  tieren  in  dem  tiergarten: 
so  man  den  die  tor  beslüsset,  so  guggent  sü  durch  die  züne  us. 
Die  do  sint  halb  usse,  halb  inne,  we,  we,  waz  verlierent  die  grosser 

15  arbeit  mit  kleinen  Sachen!  Got  dienen  ist  in  ein  kerker,  geistlich 
zuht  ein  enge  notstal,  und  dar  umb,  do  in  der  öpfel  nüt  mag  werden, 
do  ginont  sü  gegen  dem  smaeke.  Für  die  rosinun  schappel  legent 
sü  uf  gefloriertü  tücher,  und  won  sü  den  roten  scharlat  nüt  mügen 
han,    so   prisent   sü   sich    in   einen   wissen   sack,   owe,  und  für  die 

20  liplichen  gemahelschaft  so  nement  sü  die  zit  verlierenden,  die  hertze 
berobenden,  die  alles  geistlichen  lebens  zerstörerin:  zergengliche 
früntschaft.  Daz  in  mit  werken  verseit  ist,  daz  niessent  sü  mit 
Worten,  und  daz  unmuglich  ist  ze  geschenne,  daz  habent  sü  mit  ge- 
denken.    Sü  versendent  sich   mit  wünschenc  und  einredent  mit  den 

25  inren  bilden  reht  als  ein  türstiger  mensche,  dem  von  kalten  wasser 


1  waz  —  2  hinscheiden]  daz  war  alsbald  da  hin  als  ein  ogenblik  won 
diiior  natur  aigen  ist  vnd  zö  gehorlich  dz  hinscheiden  g  nu  nicht  anders  denn 
ein  Gg.  [balde  da  hin]  n  2  ich  w.  —  3  verswunden]  ich  gedacht  ich  het  dich 
bt'griffen  so  bist  du  mir  unter  den  henden  verschwunden  n  wone  8  wolt  kB 
4  dir  fehlt  ss  5   morderin  owe  du  felscherin  n  5  f.   ade  ade  dits  aide 

aide  gk         6  f.   trüge  —  erkenn,  fehlt  ch  trüge  —  niemer  me  fMt  d  be- 

kennent  e  7  niemer]  nit  gn  10  [und]  ere  chlta^  uf]  und  (!)  8  und 
—  11  willen  fthU  n  12  glichnend  e  dem]  den  cä*  13  tor]  tür  *'/* 

14  die  do  sint]  und  sint  also  gn  halbes  .  .  halbes  8  und  halb  i.  chnRs^ 

die]  solch  person  n  15  nu  merk :  got  d.  g  in  ft^hlt  dh  16  do]  so  g  wa  n 
(lasz   lid  w^erden  mag  gn  17   gegen]   nach   lis^  rosen    cdhnUas^ 

18  won]  wenne  hnlUs^  Scharlach  nÜ  mohtent  z  20  lieplichen  dghUsz 
so  fehlt  cn  verliszen  nE  20  f.  verlierinen  .  .  .  beroberinen  <7  21  f.  zerst.  sind 
und  zergenglicher  fr.  z  22  Daz  —  23  f.  gedenken  fehlt  cdhl<88^  23  f.  mit 
gedenke  z  mit  den  gedenken  gn  24  versenen  nR  versehen  ch  versenkent  z 

versinnent  s*        enredent  8  redend  n   akoisent  c 


412  Grosses  Brief  buch.    II.  Brief. 

tromet;  und  80  su  es  hin  und  her  an  gelegent,  so  verswindet  es  und 
vindet  nüt  me,  denne  ein  lere  haut  und  ein  truriges  hertze.  Sü  tünt 
als  der  altvatter,  den  da  glustet  eines  langen  mantels;  und  do  er 
ime  nüt  moht  werden,  do  leite  er  da  für  an  eine  lange  matten,  die 
ime  uf  der  erde  nach  gie,  und  Ifigete  ie  hinder  sich,  wie  wol  sü  im  5 
stünde.  Also  sas  ime  der  tüfel  hinden  uf  die  matten  und  spottet 
sin  und  sprach:  „arm  man,  mßhtest  du  me,  du  tetest  och  me!" 

We,  got  von  himelrich,  ist  daz  nüt  ein  armes  leben,  ist  daz 
nüt  ein  vorhof  der  helle,  die  weit  nüt  mugen  han  und  gottes  ane 
sin,  aller  diser  weite  tot  sin  und  doch  geistliches  trostes  berobet  sin,  10 
beidenthalb,  gegen  gotte  und  gegen  der  weite,  verlorn  han?  Wie 
werdent  die  so  reht  lasterliche  stende  an  enr  weit  vor  iren  fründen 
und  vor  aller  der  weite!  Wie  werdent  sü  sich  selber  vor  leide 
gnagend,  daz  sü  sich  mit  so  kleinen  dingen  so  grosses  unmessiges 
gutes  lieind  berobet!  15 

Owe,  kint  mins,  aber  gotte  frilich  und  frölich  mit  einem  Intern 
hertzen  dienen,  eya,  wie  ein  wunnekliches  leben  daz  ist!  Ach,  daz 
wunnekliche,  minnekliche  gftt  umbvahen  mit  eime  vollen  hertzen, 
Avie  ein  lustlich  ding  daz  ist!  Du  solt  wissen,  und  enweri  kein  Ion 
nach  diser  weite,  es  lonote  ime  selber.  Sich,  sü  gant  uf  ertrich  und  20 
wonent  in  dem  himelrich.  Eya  reinekeit,  wie  schön  du  bist!  Niemau 
dienen,  nieman  denne  gotte  leben,  wie  fri  du  bist !  Ach,  zarter  herre, 
minnekliche  wiszheit,    dich  meheln,   minne  durch  minne  lassen,  wie 


1  [und]  so  z  versw.  es  uud  fehlt  g  3  altv.  von  dem  man  list  daz 
in  ^lust  g  4.  6  matzen  hufi  uatte  d  5  der]  die  dsz  6  hindenau  dUft 
uff  den  nacken  (!)  «*  7  sprach  do  ss^  [du]  so  tetest  h.s^  och  fehlt  dhnUs^ 
8  owe  cdlis^       daz  (zweites)]  dis  gz      9  vorloff  g      10  aller  d.  w.  —  doch  fehlt  hU. 

—  her.  sin  fehlt  s^  weltliches  und  götliches  trostes  hl<  (vgl.  Kl  Bfb  36:^,6) 
sin  (zweites)]  sint  sc         12  lasterl.]  schamlich  g         enrj  gyner  ä*  vor  i.  fr. 

—  13  weite  fehlt  g  14  nagen  s  fressen  n  verzoren  und  zernagen  g  17  wie] 
wel  z  wie  gar  n  wunnekl.]  mynneklich  nlis  18  wunu.  und  minnekl.  dh 
mit  —  hertzen]  mit  den  armen  des  hertzens  imd  der  andacht  n  volkomen  h.  g 
19  wie]  wer  s  wol  z  weilch  d  wie  gar  gn  Du  s.  wissen  ./VA?^  .v  wwd.  fehlt  dhh 
were  gnll,s  einkein  z  20  es  helonte  sich  uff  dem  ertrich  [selber]  g  uf 
dem  ertrich  ghuR  21  wonent  doch  gn  21  f.  n.  dienen  denne  got  gss^ 
22  n.  leben  denn  got  allein  gc   n.  denn  got  allein  1.  u 


2  vindet  =  viudent  (Kl  Bfb  361,:^U),  20f.  Vgl.  Phil.  3,':0.  23  Welt- 

liche Minne  um  der  ewigen  willen  lassen.      Vgl.  Mtchthild  v.  Magdcb.  40,6. 


Grosses  Briefbuch.    II.  Brief.  413 

rehte   minneklich   daz   ist!     Dir   willeklich   dienen,   wie   ein  süsses 
joch,  wie  ein  lihtü  burdi  daz  ist! 

Herre,  sü  sprechent,  du  gebest  liden.    Eya  liden,  eya  froliclies 
liden,  daz  mich  dir  mag  gelieben,  daz  dich  mir  mag  vereinen!   Herre, 

5  min  zarter  gemahel,  der  reinen  sele  ein  einiger  geistlicher  umbvang, 
in  dem  du  in  eime  ogenblicke  tusent  stunt  von  der  minnenden  seien 
wirst  umbvangeu,  verwiget  alles  liden.  Herre,  wer  ist  in  zit  äne 
liden  V  Gewerlich,  nieman  uf  ertrich!  Wie  hoch  die  bürge  sint, 
wie  wit  die  stette  sint,   noch  rot  mentel  noch  vehe  kappun  mugen 

10  des  vor  gesin.  Lögi*,  du  sihst  es  mit  reht  an:  daz  glentzent  ist  in 
uswert  geslagen,  aber  daz  smertzent  ist  in  inwert  geslagen.  Eya 
dar  umb,  du  zarter  herre,  sol  ein  mensche  nüt  ein  klein  liden,  daz 
er  dich  mug  erwerben,  daz  er  in  daz  schöne  wunnekliche  leben 
muge  komen?     Und  hette   sich   eime   ein  vinger  erhaben,  er  müsti 

15  liden,  untz  er  im  wurdi  us  gelassen.  Herre,  von  den  dingen  sich 
des  ersten  brechen,  daz  tfit  we;  dar  nach  wirt  es  lidig,  ach  got, 
aber  hin  nach  wirt  es  lustlich  ob  allen  zitlichen  dingen. 


Min  kint,   du   solt  dich  fiissen  gemeiner  haltung  dines  ordens, 

und   vor   allen   dingen   solt  du   dich   flissen,   daz  du  zitlich  zu  kor 

20  gangest  und  zuhteklich    da   standest  mit  ernst  und  mit  andaht,  und 


1  Dir  —  2  daz  ist  tiach  8  bürge  sint  (!)  z  willekl.]  gewilleklychen  ad 
miiiiienklicli  sUi  lieblich  h  frölichen  n  wie]  wel  z  1  f.  ein  süsses  ding, 
jocb  wel  ein  1.  b.  z  2    und  \\ie  e.  1.  b.  [daz  ist]   hRs^  lihtü]  süss  gd 

4  gelieben  —  mag  fehlt  a^  5  min  einiger  zarter  gem.  z         einiger  fehlt  z 

7    überwiget   ghUs^c  Herre   —   8   liden   fehlt  hlias^  8   wärlich  gnc 

9  noch  rot  m.  —  10  gesin]  wie  rot  die  mentel  sint  wie  vehe  die  kürsen  sint, 
noch  mügent  sie  nicht  vor  sein  dem  leiden  n  noh  ist  liden  da,  es  mugent  weder 
rot  mentel  noch  guldin   da  vor  gesin  g  vehe]  bunte  cd  rot  8^  10   in 

fMt  hli         11  uswert]  us  gn  aber  —  geslagen  fehlt  da  schmertzen  e 

in  fehlt  ghUs^  12  du]  min  e         herre]   Jesus  g         13  wunnekl.]  mynnek- 

licbe  nliac  land  und  leben  z  14   einem  ettwas   we  in  einem  vinger  jK 

erhaben]  gesworen  d  erb.  und  weit  schweren  g  erb.  daz  er  swer  n  15  es 
leiden  R  sich  liden  d  liden  haben  g  den]   disen  nc  16   daz  fehlt  nc 

aber  dar  nach  gn  17    hin  nach]   ze  dem  lesten  so  g  dingen  pis  an  daz 

ende,  dammb  Regnum  mundi  et  ommem  ornatum  etc.  n  18  rote  Uberachrifl: 
wie  er  sy  lert  zu  jeder  zitt  wie  sy  sich  halten  soltend  ü  dich  zu  dem  ersten 
raole  11.  b  gemeinü  z  19  solt  —  flissen  feJilt  c  20  zühtekl.]  zitlich  ba 
zierlichen  c  getzogenlichen  n        da]  zu  kor  ?iR 

6  f.    Vgl.    Vita  16^7 jß^,  14  f.  Seuse  illustriert  an  einem   Vorgang  de^ 

t ('f glichen  Lebens  die  Notwendigkeit  des  Leidens:  seibat  eine  Schwellung  am 
Finger  niuas  ertragen  ioerdeti,  bis  der  Eiter  durch  operativen  Eingriff  entfernt  icird. 
Ein  ähnliches  Beispiel  gebraucht  Eckhart  SOO,i:iff. 


414  Grosses  Brief  buch.    II.  Brief. 

nüt  dicke  us  loffest;  du  solt  dich  selben  negeln  iu  den  stül,  voll  U8 
ze  stennC;  und  sanderlich  die  messe  in  der  minne,  als  Cristus  voll 
as  stänt  an  dem  krütze.  Du  solt  under  dannen  nit  anders  tun,  so 
du  nit  siech  bist,  denne  daz  och  der  covente  tut  an  singen  und  an 
lesen,  daz  du  dinu  zit  denne  mit  sprechist,  daz  du  dar  nach  deste  5 
lediger  siest,  noch  kein  ander  langes  gebet  tun,  daz  dich  des  singens 
m6hte  ierren. 

Das  ander,  kint  mins:  du  solt  dich  hüten  vor  gehem  zorn,  daz 
du  nut  entwegen  werdest  mit  zornlicher  geberde  gen  dien  swestern ; 
wan  als  dicke  du  dinen  willen  brichest  an  zorn,  als  dicke  wil  dir  10 
got  ein  sunderlich  kröne  geben.  Und  ein  nüt  rechen,  da  du  dich  wol 
roöhtist  rechen,  daz  ist  reht,  als  ob  du  im  hundert  march  opfretist; 
verhab  dinen  munt  und  lass  es  in  dir  ersterben,  so  wirt  es  dir  liht. 

Das  dritte,  daz  du  dich  stillekliche  haltest;  daz  zieret  einen 
geistlichen  menschen  als  ein  lichter  karfunkel  daz  guldin  gesmide.  15 
Etlichü  menschen  sint  als  unrüwig,  daz  sü  niena  gerasten  mugen, 
und  durloffent  daz  closter  mit  unrüw  und  gebrehte,  daz  man  sü 
dicke  e  höret,  e  man  sü  sehe.  Senftmütig  geberde  und  stille  rede 
gezimt  gar  wol  eime  seligen  menschen. 

Daz  vier  de,  daz  du  dinem  offenen  munt  ein  sloss  an  slahest,  20 
^az  du  gewonest,  daz  du  die  porte  niemer  uf  getügest,   du  habest 
denne  notdurftigü  oder   nütze   sach,    und   mit  urlop   etliches  guten 
menschen,   den   du   in   dime   hertzen   ze  hüter  solt  setzen;   und  nüt 


1    dicke  iiüt  s^h         3  Du  —  tftn  fehlt  hs  5  diner  zit  bhu   dyiie  ge- 

zyde  cd  mit]  nit  dhnRs^Uc,  fehlt  bs  9  entw.]  erwegt  Jis^  bewegt  uTc 

intfredit  d  dien]  dinen  dhUc  diseu  s  11  nüt]  mit  .v  12  ist  im  hRs^ 

im]  nu  hs  13  munt]  mnt  U  iinmut  s  in  fMt  z  14  dritte]  ander  b 
16  geistl.]   guten   Uz  goldgesm.  hEss^ü  16    niena]    niergend   hcd   nie- 

man  sU  nymer  hRs^  gerasten]  gebasten  z    gebesten  U  gestan  h   geruwen 

hRss^  mugen]  künnen  dsc  kan  ü  kunnen  noch  mugen  ß  17  dur  loffet  z 
18  dicke  fehlt  dz  [e]  boret  bs  siht  Rna^  19  selig.]  gaistlichen   Cc 

20  dirte  b  21  wonest  dns         niemant  hRs^         22  denne  fehlt  da         not- 

durft  Ra^U       oder]  und  Uz  aller  s        23  zu  eime  hiiter  ss^n        setzen  solt  z 

3  f.    Vgl,  Regula  S.  August,  c,4:    in  oratorio  neun)  agat,   nisi  ad  quod 
est  factum,  unde  et  nomen  accepit,  4  f.  singen  =  die  kanonischen  Hören, 

das  Offizium  (=  zit,  vgl,  416,1)  singen;  lesen  =  rezitieren.  Vgl,  Grcith  40()ft\; 
Viten  von  Töss  41,78;  61, 1.1.44.  6  lediger.    In  den  Constituiiones  Sororum 

ord,  Fraed,  c.  17  (Holstenius-Brockie,  Codex  Regularum  IV  [lliW],  134) 
toird  als  levis  culpa  aufgeführt :  si  quae  designatum  sibi  legendi  vel  cantandi 
officium  nun  attente  compleverit,  22  ff.   Vgl.    Vita  38,5 ff. 


Grosses  Brief  buch.    11.  Brief.  415 

reden,  dich  duhti  denn,  und  weri  er  gegenwärtig,  er  gebe  dir  urlop, 
und  solt  denne  reden,  als  obe  er  gegenwürtig  were. 

Daz  fünfte  ist,  daz  du  uüt  zfi  ieder  8 wester  loffest  und  kurtz- 
wile   und  sunder  gesellscliaft  an  sü  suchest.     Du  solt  dien  holt  und 

5  heimlich   sin,   die   dich   gebessron   mugent  und  die  selben  götlichen 
wiae  och  begerent  zu  füren. 

Zwei  zit  des  tages  sont  dir  sunderlich  kostper  sin:  nach  metti 
ein  gut  vvilli  mit  gotte  vertriben  in  sunderlichem  gebet  mit  einem 
ordnen   und   fürsaz,   wie   du   den   tag   wellist  vertriben  nach  gottes 

10  willen  und  dinem  geistlichen  nutz,  und  nach  complet,  wie  du  dich 
des  tages  in  allen  dingen  habest  gehalten;  und  umb  daz  gut  lobe 
^'ot,  umb  daz  sumig  und  gebresthaft  habe  ein  missevallen  mit  eime 
guten  willen  zu  bessran.  Und  gang  dir  dis  alles  nüt  zu  allen  ziten 
wol  zu   banden,   dar  umb  soltu  nüt  verzwifleu,   lass  allein  nüt  abl 

15  Kunstu  nüt  ze  aller  höhst  uf  den  berg,  so  wirstu  doch  uf  dem  weg 
diner  ewigen  selde  funden. 

Zwei  ding  soltu  och  han,  die  dir  gar  nütz  sint,  daz  ist,  daz 
du  emsklich  mit  ünsers  herren  marter  umb  gangist;  und  so  du  un- 
bedahteklich  umb   den   krützgang  gest  oder  ob  dime  werk  sitzest, 

20  ach  so  sprich:  „min  geminnter  herre,  waz  tüstu  ietzo,  wo  bistu  ietz? 
Zarter  min  herre,  kume  zu  mir,  sitz  bi  mir,  gang  mit  mir  und 
gescheide  dich  niemer  von  mir!"  Daz  ander:  du  solt  sunderlichen 
unser  lieben  frowen  und  unser  zarten  müter,  die  himelschen  künigin, 


1  duiicke  hRss^Ud         und  fehlt  cdn        ze  gegenwürtig  s         er  gebe 

—  2  were  fehlt  h  2  obe]  als  &,  fehlt  z  3  daz  vierde  daz  ist  h  3  f.  und 
kiirtzw.  fehlt  Uz  4  sunderlich  hss^  Ucd  gespilschaft  s^  U  an  sü  such. 
fehlt  hü  dien]  disen  8  dem  8^  in  allen  n  6  füren]  sfichent  üz  suchen 
oder  ze  füren  n  7  sint  hRs^  dir]  ir  h88^  U  sin  fehlt  hRs^  8  ein 
zit  gfite  w.  88^  einem  fehlt  cU  9  fürbas  (!)  z  nach]  in  hc  mit  U 
11  in  allen  dinen  dingen  h8  gehebt  z  13  gang]  gat  hchn  nit  alles  nUd 
zö  allen  z.  nach  14  banden  z         16  diner]  der  rf**         selikeit  nUs^        17  die 

—  sint  fehlt  U  och  gar  bcd8U  daz  ist  fehlt  ch  18  eintzliche  8 
marter]  leiden  hn  19  tisch  oder  werk  hRs^  20  herre  zweimal  hhR8U 
wo  b.  ietz  fehlt  s  ietz  feJdt  C8^  21  min  fehlt  hRs^  sitz]  siest  8  bi] 
zu  z        gang  m.  mir  fehlt  8h        22  besunder  z        23  lieben  fehlt  bc88^  ü 

7  ff.   Vgl,  Kl  Bfb  383,13 ff,  19  werk  =  die  gemein8ame  Handarbeit 

der  Nonnen,  das  Spinnen  im  ,werhhti8^\  vgl,  Viten  von  Töss  :26,32:  34,16;  61,26: 
xcenn  man  ze  tverk  lut,  u,  ebd.  29,2 f.:  59,38 ff.,  was  vo7i  Mezzi  Sidicibrin  und 
Sojjhia  von  Kling nau  erzählt  wird. 


416  Grosses  Brief  buch.    II.  Brief. 

liep  han  und  ir  metti  und  ellü  ir  zit  ordenlich  sprechen.  Gewerlich,  nim 
si  zfi  einer  sunder  möter  in  allen  dingen,  so  kan  dir  niemer  misse- 
lingen.  Du  solt  XV  Salve  Regina  sprechen  in  diser  begirde:  die  ersten 
fünfe  in  der  minne  ir  V  sinnen,  mit  dien  sü  flisseklich  und  wirdeklich 
und  minneklich  ir  kint  gedienet  mit  ir  zarten  ogen,  mit  ir  reinen  g 
munde,  denn  im  ie  kein  luter  creatur  gediente;  und  bitt  su,  daz  sü 
dir  ab  leg,  wa  du  in  mit  dinen  V  sinnen  ie  erzurndest.  Die 
andern  V  allein  dem  leide  und  sunderlich  dem  aller  bitterlichsten 
liden,  so  sü  hat  mit  ir  kind:  daz  erste  der  ersten  stunt,  in  der  sü 
innan  wart  ir  hertzeleides,  daz  ander  dem  sehen  sines  eilenden  ic 
nssfürens,  daz  dritt  dem  anblik  sines  abziehens  under  dem  krütze 
und  des  annegelns,  daz  vierde,  do  si  in  also  toten  von  dem  krütz 
enpfie,  daz  fünfte  dem  eilenden  weg,  den  sü  tet  wider  hein  von  ir 
toten  begrabnen  kinde.  Die  dritte  V  den  V  usgenomen  frSden: 
die  ein,  als  ir  die  hohen  mär  wurden  gekündet,  daz  ander,  als  sü  15 
den  himelschen  keiser  gebar,  daz  dritte,  als  er  ir  frölich  erschein, 
do  er  von  dem  tode  erstünt,  daz  vierde,  als  sü  in  frölich  sach  zft 
himel  varn,  daz  fünfte,  als  sü  mit  lip  und  mit  sele  in  die  himel- 
schen fröde  enpfangen  wart. 


1  ellü  fMt  b        2  nim  si]  das  sü  myn  sye  (!)  s  myiine  si  d        3  f.  ersti 
fiinfi   z  4  iren   hRszd  dien]    disen  hs  5   dienet  zH   ged.  hat    s^c 

6  denn  —  ged.  fehlt  s^  luter  fehlt  dhRs         8    allein]   cdR         sunderlich 

fünf  dhBs  dem]   den   cdR    disem  s  9  sü  es  hat  s^R  mit]  an  ,s^It 

das   erste  —  14  kinde  fehlt  s^  12    daz  vierde   —   13   enpfie   fehlt  cdhRs 

13  dem]    den  da  14   den  fehlt  s         V  (zweites)  fehlt   dhRs^  15    mär] 

botschaft  8^cd        verkündet  hRss^  15. 16. 17. 18  daz  ander . . .  daz  dritte  . .  . 

daz    vierde  ...  daz    fünfte   fehlte     dafür    viermal  und    hRss^  16   keiser] 

kunig  hRs^  17   von   d.   tode  fehlt   chRss^  sach   frolich   z  17  f.   ze 

himel   sach   hR        19  froiden  sh 

1  Die  TJominikanemonnen  haben  täglich  ausser  dem  gewöhnlichen  Chor- 
gebet das  Officium  de  Beata  Virgine  zu  verrichten  (Gonsiit,  c.  1).  9  if.    Vgl. 
Vita  35,31  ff.;  36,16  f,  Qlf               15    die   hohen    mär   von  der  Menschwerdung 
Christi.            16    Über  die  Bezeichnung  von  Gott  und  Christus  als  keiser  odep- 
künec  vgl.   W,  Grimm,  Goldene  Schmiede  JS4(J,  XX  VI,  XL  VII. 


Grosses  Brief  buch.    III.  Brief.  417 

III.  Brief. 

Snrrexi^  nt  apeiirem  dilecto  nieo. 

Also  stat  geschriben  an  der  minne  buch :  ich  stAnt  uf,  daz  ich 
minem  geminneten  uf  tet. 
5  Eines  rehten  minners  art  ist,  daz  er  niemer  ab  lat,  wie  dick 

man  ime  verseit,  untz  daz  er  sin  gemintes  liep  nach  wünsche  er- 
worben hat.  Ach,  ewige  wisheit,  wie  bistu  ein  so  hoher  meister, 
wie  spilest  du  so  togenlich  der  minne  spil,  wie  kanstn  so  wol  tagen ! 
Gewerlich,  alle  die  minner,  die  ie  wurdent  uf  ertrich,  die  sint  gegen 

10  dir  als  ein  niht.  Wer  wolte  so  lange  nach  gan  als  du?  Weler 
wolt  als  gedulteklich  beiten  als  du?  Weler  wolt  vergüt  haben,  daz 
man  in  als  dik  vertribi,  als  du,  zarter,  truter,  geminter  herre  und 
gemahel  aller  minnenden  seien?  Und  dar  umb  so  neiget  sich  dir 
min  sele,  wan  du  bist  daz  gut,  daz  mit  siner  guti  alle  verreheit  ze 

15  im  zühet. 


///.  Brief,    Hss.:    b  c  d  g  h  m  N  n  R  s  U  e, 

2   Rote  Überschrift:   wie  man   sich   soll  schicken  zö  der  liebi  gottes  ü 
nach  meo:    Canticorum  g  caü  V  n  3   an  der  minnenden  sei  böch  gmN    an 

dem  b.  der  lieb  hR  in  dem  b.  der  mjnnc  n  5  f.  wie  dick  man  im  versaget, 
daz  er  noch  nymmer  ablat  n  abe  gelat  gs  6  untz]  bis  hmNcd  daz 
fehlt  Hz       nach  w.  fehlt  d  nach  wünschen  mN  nach  allem  wünsche  n       7  wie 

—  meister  fehlt  z,  dafür  nach  8  spil:  du  hoher  meister  z  [wie]  bistu  gll 
ein  so]  so  ein  viNn  alszo  ein  7*  so  gar  ein  g  doch  so  ain  U  8  du  [so]  mN 
so  gar  tog.  g  togenl.]  tugentlich  h  heimlich  mN  verporgenlichen  n  wie 
k.  s.  w.  tagen]  wie  kant  it  gesagen  d  so  gar  wol  g  tagen]  taugen  hm 
togen  N  tavgenlich  ümb  gen  R  9  werlich  n  w&rich  (!)  g  alle  [die]  n  min- 
ner] meister  bcdhmNRs  hie  uff  disem  e.  n  9  f.  gegen  dir  ze  schätzen  reht 
als  e.  n.  /*  10  als  fehlt  g  ein  fehlt  hU  wolte  einem  n  also  1.  b  als 
1.  mN  10. 11  weler]  wellicher  hs  wer  mN  11  als]  so  h  gedult.]  ge- 
tiiiweliche  b  als  du  fehlt  bmNnRaU  för  gut  bcgmNs  12  als  dich  du  n 
truter]  getruwer  h,  fehlt  bdgs  13  minn.]  gemynneten  hdghs  liebhabenden  R 
und  —  14  sele  fehlt  d  neiget]  nahet  mN  ze  dir  ^  14  sele]  hertze  n 
daz  do  mit  n  verreh.]  yerrikait  g  worheit  sU  freiheit  hR  alle  weit  mN  de 
werelt  d 

2  HoheL  5,6.  8  der  minne  spil,  der  weltlichen  Liebeslyrik  entlehnter 

Aufdruck,  vgl,  Strauch,  Ad,  Langmann  93,^1  u,  Anm,  S,  W4;  Bdew  ^34,11  ff. 

—  tagen  wohl  =  tagen,  tougen,  tugen,  angemessen,  passend  sein  (Lex.  11,1569: 
Wnnhold^  Alem.  Grammatik  §  33  u.  38^),  schwerlich  =  tougen,  tougenen,  heim- 
lich tun  (Lex.  11,1482). 

H.  Seuse,  Deutsche  Sohrifteo.  27 


418  Grosses  Brief  buch.    UI.  Brief. 

Min  zartes  kint,  mich  wil  niemer  gewundern,  daz  sant  Gregorius 
sprichet,  daz  die  heiigen  in  dem  himelrich  sunderlich  fröde  dar  ab 
gewinnent,  so  ir  sunderlich  lieben  fründ  von  disem  eilende  zu  gotte 
koment,  won  mine  sei  hat  der  fr5de  ietzo  einen  anfang  an  äch  von 
der  sunderlichen   necherunge,   in  der  6ch  got  zu  ime  hat  gezogen.     5 

Eya^  min  kint,  gedenkent  an  die  alten  tag,  nement  her  für  die 
alten  jar  und  lügent,  wie  rehte  lange  ir  geschlaflfen  haut!  Oder  ist 
es  nüt  alles  sament  als  ein  trom  gewesen,  da  mit  uch  do  nach 
üwerm  dunk  so  wol  was?  Owe,  valscher  trSm,  wa  nü  din  gflt  ge- 
heisse?  Stant  uf,  kint  mins,  staut  uf,  es  beginnet  ziten!  Din  ge-  LO 
mahel,  den  du  so  dicke  von  dem  betrogenen  last  der  tröme  vertribe, 
der  wil  nüt  ab  lau.  Gedenk,  ob  ie  kein  frowe  so  lang  verseite, 
frag  din  minnendes  hertze,  waz  der  minne  reht  si.  Gedenk,  waz 
da  von  kumt,  der  sinen  guten  fründ  zu  lange  reisset.  Tu  uf  die 
tür,   schlüss   uf  din   hertze,   läss  in  den  geminten,   ergetz  dich  mit  15 


1   zBTtCB  fehlt  n  wil  mich  z  verwundern  gmNnU         daz]  als  n 

daz  da  ^  2  in  dem]  im  U  sunderl.  ftJilt  d  dar  an  g  da  von  n  her  abe  h 
3  sunderl.]  besundem  h  lieben  fehlt  g  3  f.  zu  got  und  zu  in  k.  n  4  min] 
sin  6r  4  f.  hat  ytzunt  der  selben  fröude  ein  wenig  enpfunden  an  dir  von  der 
sund.  neherung,   in  der  dich  got  nu  hat  zu  im  gezogen  n  frouden  bcgmX 

letz  gmM  ietzent  hs  5  nahunge(n)  bhs  nehung  R  neigung  mNc  hevmlicheit  d 
6  eya]  ach  g  mine  b  gedenk  mNn  6  f.  nym  . .  .  lug ...  du  ?/.  .v.  w.  Singular 
fast  durchweg  bis  zum  Schluss  n  7  alten]  aller  (!)  s  rehte]  gar  mN  lange 
fehlt  U  oder]  ob  mN,  fehlt  n  7  f.  [ist]  .  .  .  gewesen  sey  mX  8  alles 
[sament]  gmNn  recht  als  n  da  mit]  dasz  h  do]  doh  g,  fehlt  bchmXnll 
8  f.  nach  üw.  d.  fehlt  n  9  dünken  bcmXBU  bedunken  h  hie  vor  so  w.  mX 
so]  also  n  gar  g  wol  fehlt  b  was]  gewesen  ist  mX  Owe  —  geh.  fehlt  h 
Owe]  0  z  owe  nun  U  wa  nu  wa  nu  dmX  wa  ist  nu  gnJi  9  f.  geheiszen 
mX  verheiszen  n  10  ste  auf  k.  m.  ste  auf  Rn  uf  (zweites)  fehlt  z  10  f. 
wan  dein  gem.  n  11  bis  her  also  dick  n  von  dez  lustes  wegen  dises  be- 
trogen traumes  n  v.  den  betr.  lüsten  U  vertribest  R  vertriben  hast 
ghmXncd  12  ie]  nye  h  ie  k.  frowe]  eynich  mynner  d  verseit  hRsd 
versaity  U  verseitt  hab  g  habe  versaget  als  du  «  13  frage  nun  selber  n 
din  —  si]  dyne  minne  oflf  sy  recht  si  d  minne]  minner  g  14  da  von 
Schadens  k.  der  do  n  guten]  gemynden  d  reisset]  verzieh ett  II  die] 
din  gR  14  f.  das  tor  h  15  schlüss  —  hertze  fehlt  h  und  lasz  in  h  den 
gem.  deiner  sele  n      15  f.  erg.  dich  mit  im  in  ewiclicher  hertzl.  m.  mX 

1  ])ial.  IV,  33   (Migne  77, 373 f):    boni   bonos  et  mali  malos  agnoscunt  : 
. , .  in  qua  videlicet  cognitione  utriusque  partis   cumulus   relribuUonis   cjcrescit, 
ut  et  boni  amplius  gaudennt,  qui  secum  eos  laetari  conspiciunt,  quos  amarerunt  etc. 
6  ff.    Das  folgende   bis  Schluss  auszüglich  in  Brief  I  (Regnum  mundi)  des 
KlBfb  362,20—32,  9  f.  Vgl.  oben  410,19  und  Bruder  Wernhers  Lied  bei 

V.  d.  Hagen,  Minnesinger  11,233.  10  Vgl.  Is.  52,1:  Rom.  13,11. 


inneklicfaer  hertzklicher  minne  des  langen  zites,  daz  du  versnmet  hast! 
Der  Binem  geminten  spat  uf  tftt  und  hertzklicher  minne  pflegen  wil, 
der  bedarf  wol  eins  geewmden  ilens. 

Min  kint.  es  ist  nüt  umb  iicli  ala  umb  vil  andrü  bertzloee 
5  menschen,  die  weder  got  noch  die  weit  minnent;  der  ewige  minoer 
wil  üwer  iiertze  haben  in  allen  dien  zagen  geiBtlich,  als  es  muglich 
were  nach  siner  naturlichen  art  sich  keiner  creatur  zfi  gebenne. 
Ir  Ront  ndt  wennen,  daz  ir  minne  ein  nrlop  süllent  geben;  sehend, 
die  da  spräcbent,  daz  sii  üch  licp  bettint,  gewerlicb.  bü  künden  nüt 

10  ntinnen.  Owe,  ir  sint  erst  nmbgeben  mit  dem  geminten  liebel  Und 
wer  üwer  herfze  von  minnen  als  daz  grandios  mer,  daz  würde  alles 
von  dcB  schönen  minners  minne  uss  gesogen;  nnd  daz  ir  minen 
Worten  untz  her  nit  woltent  geloben,  des  werdent  ir  nu  selber 
enplinden.     Cnd  dar  umb,  alle  die  wise,  die  ir  vor  kertent  uf  daz, 

IS  daz  do  zitlich  was,  die  verkerent  nu  geutzlich  in  nnwer  wise  in  daz 
ewige  geminnete  gftt! 


1  iunekl.]  innerlicher  U  dazl  des  /imA"»iI  die  e  dn  im  pis  her  ver- 
saget hast  fi  2  le  spat  »  uud  doch  n  3  tarff  mN  i<;esvi,]  behenden  n 
i  mal'  ücii]  mit  tbs  n        vi\  fehlt  dgni       ander  vil  hHU       hertzl.]  gotiose  et 

6  recht  luinneut  n  6  üwer  h.]  fre;  hertzen  mN  die  hertzcn  »  dieo]  disen  «, 
fehU  n  ^iatUeben  zügeii  n  aU  es  —  7  geheime]  er  wü  »Ih  vtJ  8Je  ver- 
tuilgent  nach  irer  nat.  Hit  duz  sie  sich  keiner  er.  gehent  ti      also  vil  [es]  hmN 

7  keiner]  einer  R  8  du  aolt  nit  w-  daa  du  mjnnen  sullest  ein  u.  g.  n  nftt] 
mich  (!)  e  ein  fehlt  g  sftllent  ein  n.  g.  s  geben  gitUent  hU  a^bent 
an  j^  9  die  die  gn  da]  etwenn  mN  sprechen  R  wfirlich  g  en- 
fcundeD  dhic  enkännent  Ei  kunnent  g  cwcb  njt  hR  nüt]  nie  g  10  minnen] 
lieb  haben  mN  owe]  wenne  h  a  sint]  dn  pist  n  erat]  aller  erat  mN 
ua  alre  eirst.en  A  10  ff.  mit  dem  rechten  gem.  1.  Tmbgeben,  wan  wer  dem 
herta  als  daz  grundlose  mer,  es  wurd  von  der  acbonen  mynne  diae»  mynnera 
auBs  geaogen  ti  11  hertze]  minn  g  von  minueD  JthH  gnU  [daz]  so 
wurd  üch  all  g  alles]  also  b  12  von  des  schönen  und  lUBÜicben  minnera 
minn  g  minne]  lieb  mN  gegossen  (!)  mNd  und  —  14  enpf.  /«Alt 
bcdhmNRs     und  fehlt  n     umb  daz  daz  ^       12  f.  du  . .  .  wollest . .  .  wirst  du  n 

13  nutz]  pis  gii        nit]  nie  z        geloben /e/ili  *        des]  daz  ntf        nu]  min  g 

14  enpfindeut  i  {und]  dar  umb  mein  kint  it  wiae]  lieh  g  [die]  du  vor- 
kert  hast  n  vor  kert.]  vor  keret  M  verkertent  s  dar  vor  kertent  U  haftend 
geleit  g  daz  fehlt  liR  15  do]  bo  »,  fehlt  U  15  f.  daz  soll  dn  nn  gantz 
keren  in  disea  ewig  gemjnnt  gut  Ameu  n  verker.]  kerend  U  legend  g  in  n. 
wiae  ffhlt  nU       nuwer]  ewer  h       in]  \ifS  gV      16  ewige  fihlt  U      gute  mN 

12  f.    Vgl.  Kl  Bfl>  384^3 f. 


420  Grosses  Briefbuch.    IV.  Brief. 

IV.  Brief. 
Habitabit  Inpns  cum  agno. 

Die  vvil  die  natur  in  irem  natarlichem  loffe  was,  do  hat  ein 
iegliches  tier  daz  sin  werk;  do  aber  der  heiTe  der  nature  her  ab 
kam,  do  wolt  er  würken  nüwe  wunder,  der  wunderlich  got,  und  5 
machet  daz  wilde  zam  und  daz  grimme  senftmütig,  als  der  lieb 
Isaias  hat  geseit.  Der  seit,  daz  ein  wolf  solte  wonen  bi  eime 
schäfflin  und  ein  b&re  geweidet  werden  bi  den  kelblin,  und  ein  lowe 
solti  als  ein  rint  fftter  essen,  und  ein  vil  kleines  kindelin  sölti  ir 
huter  sin.  10 

Hörent  nüwe  wunder,  die  hüte  und  alle  tage  gesehehent  in  der 
sele,  da  daz  liebe  kindeli  in  kunt:  da  wirt  der  wülfin  mensch  ver- 
keret  in  senftmütikeit  und  der  zornig  in  stillheit  und  der  grimme 
in  ein  süsse  miltekeit;  daz  da  hochfertig  was,  daz  wirt  demütig, 
und  daz  da  unlidig  was,  daz  wirt  gefellig,  wan  do  sich  die  hohe  15 
gotheit  als  gar  hat  genidert  zu  eime  kindlin,  wer  wil  sich  do  uf 
biegen  ? 

Ach,  zartes  min  kint,  ich  las  einest  ein  wort  in  der  geschrift, 
daz  beginne  ich  erst  verstau,  daz  ist:  liebi  glichet  unglichü  ding. 
Wan  liebi  bringet  sin  selbes  Vergessenheit,  und  benimet,  als  vil  es  20 
mag,  alle  zweiheit  und  schlüsset  in  einvaltig  einberkeit.  Dar  umb 
malet  man  fro  Venus  ogenlos,  wan  sü  in  liebes  5gen  machet  ein 
gebürin  zft  einer  keiserin  und  ein  keiserin  machet  zu  einer  gebürin. 
Eya,  nu  schowent  alle,  ob  daz  wunder  sie!  Mag  daz  die  arm  Venus 
geleisten,   owe,   waz  sol  denn  die   zart   minneklich   minne  der  ge-  25 


IV.  Brief  {=  Kl  Bfb  II).     Hss.:    b  c  d  g  h  n  U  s  z. 

3  in]  an  hhs      4  daz  fehlt  cdghUs       seine  hli  sin  uigen  w.  gc       7  g-e- 
sprochen  gc         eime]  dem  g  den  z         8  und  —  kelb.  fehlt  hli  9  also  ein 

rint  solti  ad  vil  fehlt  hU  11  nüwe]  nä  wie  (!)  *  12  liebe  fehlt  gz 

13  in  ein  stille  s  14  ein  s.  milt.]  senftmütikeit  bhlts  daz  da  hochf.  — 

demütig  nach  15  daz  da  unlid.  —  gefeilig  hUs  daz  [da]  hochf.  dhlt  16  und 
fehlt  hnUs  da  fehlt  ghlis  do]  das  z  16  do]  dar  z  denn  gc  mer  n, 

fehlt  hli  18  in  fehlt  z  schrift  b  19  ungelichen  dingen  b  21  flösset 
in  zn  einvaltikeit  einbarkeit  b  22  ogenl.]  blind  g  nach  ougenlos:  die  ist 
der  minnen  gottin  b         22  f.  ein  geb.  machet  zc  machet  fehlt  b  23  machet 

fehlt  hli        24  dis  die  z        25  f.  geminten /M/^  hcdhlis 

2  /.s\   11,6.  5    Vgl  Ps.  67,36,  6  f.  Is.  11,6  ff. 


s  Briofbuch.    IV.  Bift*** 

miiiteii  ewigen  wiesheit  schaffen  1  Diser  minne  trnnckenbeit  bat  sti 
allen  ueerwelten  meoBcben  alle  berheit,  edelkeit,  Zartheit,  Mnd  und 
göt  verkeret  ia  ein  Verworfenheit.  Die  hoch  företen  von  Köm  waren, 
die  wurden  arm  diener  gotteefründen ,  dar  nrnb  daz  8Ü  sich  dem 
5  zarten  liebe,  dem  kleinen  kindUn  gelichetin.  Hat  aber  du  minne 
ieman  me  geblendet  denn  in  »elberV  Hat  ie  kein  liep  dureh  lieb 
me  gelassen  denn  erV  Nein  es,  gewerlich!  Dar  umb,  kint  mins, 
so  stant  hüte  nf,  und  gib  nf  din  herheit  und  den  verborgnen  iiber- 
mfit  diner  tiplieben  edli  und  berheit  diner  friinden,  die  bis  her  in 

10  dir  nuwen  mit  einem  geistlichen  schin  bedroehen  was,  und  neig  dich 
zt\  dinem  lieb  in  die  kripfen!  L(\ge,  wie  still  d6  ewige  wissbeit 
swiget!  Sil  enkan  niit  reden.  Der  in  dem  bimel  was,  der  lit  in 
dem  stalle,  der  bi  den  engeln  was,  der  lit  under  dem  vihe!  Sprich 
also:   „owe,  du  herzentrut,  du  lieber  Jesus,  ich  neig  mich  hüt  ze  dir 

15  in  dine  verworfenbeit,  daz  du  mich  erhebest  in  din  ewigen  ivirdekeit." 
iVIinü  kint,  volgent  Äwerm  getrüwen  vatter,  und  machent  usser  einer 
notdnrft  eine  tugent  und  gent  nf  von  grnnd  üwers  herzen  tiwer  zit- 
lichen  wirdekeit  umb  die  ewigen  ieraer  werenden  wirdekeit! 

Qui  parce  seminat,  parce  et  metet,  der  karklich  seiet, 

20  der  snidet  öch  ermklicb.  aber  der  rilich  seiet,  der  samnet  och  rilicb. 
Eya,  dar  umb  tfint  es  reht  ze  frumen  und  neigent  uch  under  die 
fÜBse  aller  ewestran,  daz  ir  mit  allein  inen  begerent  glich  stau,  ir 
sont  5ch  hinnan  für  ir  fiisstücb  sin;  daz  enzürnt  nit,  swie  man  im 
tftt,  wan  es  ist  ein  föestftcb.    Sehent,  dis  ist  ein  wurtzel,  dis  ist  der 

25  giTint  aller  fiwer  selikeit.    Hier  us  get  denne  ein  stillii  senftmütikeit, 


1   gescliaffen  s  diso  gud  diser  miunfrin  kleioheit  3  die  kieinhdt 

diMr  ^mjQten  ri  nji]  yn  cd,  fehlt  tn  2  aJleu  —  422,S  bi  nltti  /Ml  wegtn 
Au^nll  eineii  Blattta  «  Lerschafl  gn  Iierlicheit  hcd  3  von  Bom  ftfUt  g 

waren  fehlt  bd         4  und  goltesMod  A»  der  fnind  ^ttea  gc  dar  umb 

~  6  gelber  fehlt  h  5  liebe  gelictietiii  nnd  deiu  kl.  k.  gel.  ;  T  wLrIich  guR 
8  bäte  fehlt  tn         9  edelkeit  h  diues  I.  utel  hUe         10  dir)  dirre  b  n6t 

wan  t  betrogun  eR    verdckt  g   bedecket  n  11  Ifige]  B;h  nlt  sich  an  g 

ewige  fMt  g  12  knii  dijImR  14  ze  dir  fehlt  b  15  diner  f  diu]  die  (m 
jiiner  h  der  g  18  iimli  —  wird,  fihlt  re  Ifl  der)  wer  haed  21  tflnt  — 
und  fthU  g  ach  rebt  z  22  allein  inen]  in  allen  b  23  hinnau  hin  fAr  £ 
uit]  niemer  b  uymant  Hd  nymunta  h  im]  uQ  «  24  wan  —  ffiast.  fehh  hs 
der]  ein  i 

14    Vgl.    l'ita   140,7.  19  //  Kor.  9.'i.  23  fosstficb,  vgl.  Kl  Jifb 

363J2:  3iifi,3i. 


422  Grosses  Briefbuch.    IV.  Brief. 

nüt  allein  gen  den  prelaten,  5ch  gegen  den  minnesten  kuchischwestran; 
wan  es  ist  billich,  daz  man  ein  füsstftch  ander  die  füsse  trette,  der 
minste  als  der  meiste. 

Dis  tftt  we,  so  es  gegen wurtig  ist:  swigen  und  unred  enpfaheo 
und  sich  bi  nüti,   weder  an   Worten   noch   an   werken,   rechen;   dis    5 
wunden  gant  tiefer  denne  swertslege  an  der  ersti,  e  daz  man  es  ge- 
wonet.     Es  ist  ob  allen  h&rinen  bemden,  es  truket  ob  allen  isninen 
kettinnen:   ein   würdiger  mentsche   eime  unwürdigen  mentschen  ge- 
swigen  und  zfl  eime  stummen  werden  und  sich  nüt  rechen.     £ya, 
gesach  in  aber  got,  daz  er  ie  geborn  wart!   Wan  er  truket  sich  in  10 
die  tiefen  götlichen   wunden,    er  vereinet  sich   mit  dem   götlichen 
hertzen,    er  glichet  sich   dem   obresten,   er  liebet  sich  got  und  der 
weit,  er  erlöschet  allen  sinen  gebresten.     Und  als  er  sinen  willen  in 
zorne  und  in  räche   brichet,   also  machet  er,   daz  im  got  in  allen 
dingen  willet  und  sin  räch  gen   dem   menschen  gentzlicb  varn  lat,  i& 
ob  er  joch  hundert  tusent  totsünden  hette  getan. 

Sihstu  nn,  min  kint,  waz  dir  hie  liebes  und  lones  wahset? 
Dar  umb  so  setze  dich  gewegenlich  alle  zit  dar  uf  und  verbisse; 
tug  es  dir  we,  daz  lid,  es  wirt  schier  weger.  Ob  allen  dingen  hört 
hie  zu,  daz  ein  mensche  swige  und  den  munt  besliesse  und  bi  nuti  20 
den  munt  uf  tug,  es  si  denne,  daz  er  drie  des  rätes  bi  im  hab  der 
götlichen  stat,  daz  ist:  rehtü  senftmütikeit,  ordenliche  bescheidenheit 


1     sunder  och  b       kuchischw.]  vndertan  g       2  wan  —  3  meiste  fehlt  g 

5  bi]  mit  gc         weder  fehlt  hch         an  worten]  verantwürteu  z        noch]  und  b 

6  gat  lisd  an  dem  ersten  Ba  [e]  daz  s  7  iserin  hs  8  ketten  hs 
8  f.  [mentschen]  gesw.  ghR  swigen  z  11  tiefen  wunden  gottes  (der  got- 
hait  g  Christi  n)  hgn  mit  fehlt  s  12  glichet  [sich]  bhBs  liebet  [sich] 
dhRs  13  verlöschet  shcd  erlost  g  16  het  er  joh  .  .  .  getan  gn  hat  z 
17  [nu  min]  liebes  kint  b  18  verwegenlich  gc  gewonlich  zdn  20  hie]  dar 
ghE  dir  n  den]  sinen  znc  besl.  —  21  miint  fthlt  li  21  den  munt  fehlt  dh 
rätes]  tages  (!)  s  21  f.  von  der  g.  stat  gn  22  senftmutig  lisd  in  orden- 
licher besch.  z 

1  Mit  prelaten  sind  wohl  die  Priorin  und  Subijriorin  des  Klosters  ge- 
meint. —  kuchischwestran  =  Laienschwestern,  welche  die  Küche  besorgen  und 
am  Chorgebet  nicht  teilnehmen,  7  f.    V^gL  Vita  107,5  f.     Der  Brief  ist  also 

wohl  an  Elsbeth  Stagel  gerichtet.  11   Ergänze:  Christi,  20 ff.    Vgl. 

oben  414,20 ff.  —  drie  des  rätes.  Diejenigen  Nonnen,  welche  die  höheren  Ämter 
in  den  Dominikanerinnenklöstern  bekleiden,  bilden  zusammen  den  „Bat''  zur 
Unterstiitzung  der  Friorin  bei  wichtigen  Fragen.  Vgl.  das  Ämterbuch  des  Joh. 
Meyer  im  Freiburger  Diözesanarchiv  XIII  (IbSO),  ^01. 


Grosses  Brief  buch.    V.  Brief.  423 

einer  baren  notdurft,  eintweder  got  zu  lob  oder  dem  raentschen  zu 
besserunge. 

Ach,  min  kint,  nu  lüge,  daz  ich  dich  zärtlich  neig  uf  daz  hertz 
dines  geminten  und  daz  ich  keiner  strangheit  von  dir  beger;  is  und 
5  trinke  und  slaflf  din  notdurft  und  hab  mit  urlop,  daz  du  bedarft  zft 
diner  krankheit.  Und  wellestu  ein  usserwelter  mensche  werden,  so 
übe  dich  an  disen  dingen,  so  mahtu  schier  ein  usserwelte  mentsche 
werden.     Amen. 


V.  Brief. 

10  Sonet  Tox  tna  in  auribos  meis,  tox  enim  tua  dulcis  et  facies 

tua  decora. 

Also  sprichet  die  minnende  sele  von  irem  geminneten:  lasse 
din  stimme  erhellen  in  minen  oren,  wan  din  stimme  ist  süsse  und 
din  antlit  lütselig. 

15  Min  kint,  ich  bitte  die  ewige  wiszheit,  daz  sä  in  dime  hertzen 

zu  huse  vach  und  alles  daz  kreftklich  dar  us  stosse,  daz  ie  dar  inne 
gestüiet.  Minü  kint,  ir  enbietent  mir^  ir  habent  noch  vil  iertümes 
von  manigvaltikeit.  Ist  daz  ein  wunder?  Wie  were  daz  muglich, 
daz  alles  daz  gerümbel,   daz  sich  zweinzig  jar  an  ein  stat  samnet, 

20  daz  sich  daz  als  bald  gentzlich  lasse  us  stossen?  Es  wirt  von  tag 
ze  tag  uss  gende,  so  es  siht,  daz  es  sin  stat  nät  me  vindet.  An- 
dehtig  gebet,  heilig  betrahtunge,  dicke  nach  gotte  gedenken,  geist- 
liche unmfisse,  von  gotte  dicke  sprechen  und  daz  edel  verlorn  zit 
dicke  mit  bittrem  hertzen  wegen,  sond  uwer  gehilfen  sin. 


1  baren]   waren   hnE         zu   einem   lobe  z         oder]  noch  8  oder  aber  g 
mentschen]  nehsten  ghnRc  3  Ach  —  6  krankh.  fehlt  g  4   deiner  hsd 

5  des  z        6  Und  —  8  werden  fMi  c        8  Amen  fehlt  cdghR 

V.  Brief.    Es 8,:  bcdghmNnlisz, 

10  vox  enim  —  11  decora  fehlt  hR  14  lüts.]  lustlicb  mN  zirlich  hR 

16  alles  [daz]  ?iz  17  gestüiet]  gesasz  tnNd  irrung  hmNnR  18  were 
[daz]  nRs  19  gerümel  hgn  20  als  fehlt  dh  bald  fehlt  8  21  n.  me 
in  vindet  z  23  und  fehlt  z  24  sond  —  sin  fehlt  gmN 

3  f.    Vgl.  Hohel  8,5.  10  f.  Hohel.  2,14.  IS- ^24,22  entspricht 

einem  Abschnitt  in  Bn'ef  HdbitahU  des  Kl  Bfh  (oben  364,15—29), 


424  Grosses  Briefbuch.    V.  Brief. 

Ach,  liebes  min  kint,  gedenke,  wie  reht  betrogen  diser  weite 
minne  ist  und  wie  rebt  selig  der  ist;  der  sieb  da  von  briebet  und 
gotte  dienet.  Sprecbent  ir  denne:  „owe,  daz  ist  war,  der  es  enzit 
tut,**  —  da  sond  ir  wissen,  wie  dem  nüt  gelich  ist,  docb  so  sibt 
got  nit  an  einen  guten  anvang,  er  sibt  ein  gfit  ende  an.  Sant  5 
Bern  hart  spricbet,  daz  gotte  nieman  ze  jung  noch  ze  alt  ist,  er 
git  und  tut,  waz  er  wil  und  swie  er  wil. 

Hant  ir  nut  vil  sussikeit,  des  sont  ir  nät  ahten,  ir  sont  uch 
sin  unwirdig  dünken.  Ligent  got  vor  sinen  fassen,  nutze  daz  sine 
gute  überwunden  werde,  und  laut  nüt  abe !  Ich  globe  daz  eigenlicb,  lo 
daz  er  ücb  nüt  vigentlicb  vertribet.  Laut  ücb  nüt  wundern,  ob  es 
ücb  alles  sament  nüt  eines  tages  nach  wünsche  zu  banden  gat. 
Nach  der  vinsiri  gat  die  heitri,  und  aber  nach  dem  tage  kumet  die 
naht.  Es  müss  noch  menig  wandelber  wettcr  in  ücb  uf  stau,  e  daz 
die  blibent  heitri  in  ücb  bestetet  werde.  Gieng  es  ücb  hie  vor  —  15 
ir  merckent  mich  wol  —  glich  eben  wol?  Nein  es,  gewerlich!  Es 
was  liep  und  leit,  leit  und  liep,  dar  nach  als  es  gap  fro  Venus 
glückrat. 

Daz  selbe,  min  kint,  nement  och  gegen  dem  schönen,  zarten, 
minneklichen  minner,  dem  ir  billich  wartent,  des  minneklicli  zürnen  20 
besser  ist  den  aller  minner  liepkosen;  übersehent  gegen  im,  zwar, 
er  hat  och  gegen  ücb  übersehen.  Nement  war  siner  minnewencke, 
siner  togen  minne.  Sehent,  er  ist  als  reht  gut;  ein  vil  klein  ist 
von  ime  besser  denn  von  andern  tusentvalt.  Lant  unverstandnü 
bertzen  slewezen  und  swingent  ir  ücb  in  ein  minnen.     Die  minnende  25 


2  und]   nu   h^  fehlt  mN  3   enzit]    in   zit  hd  bei   zit   hlic  yetzeut  8 

4  da]  daz   hcdhRs  da  —  wissen  fehlt  g  wie  daz   dem  hg  9  sin] 

im  z  des  dmN  11  er  üch]  üch  got  gnz  vertribe  dhmNnUs  nüt  alles 
sam.  hdhn  nüt  fehlt  gmN  13  wan    nach  gX  14  uf  st.]  bestan  z 

[e]  daz  a  16  ir  —  wol  fehlt  dmN  19  gegen  den  h,s  20  mynniklichen 
zürnen  s  21  übers.  —  22  übers,  fehlt  d  zwar]  wanne  b  22  minnen 

wercke    hm   umbveng    hR  23   siner  t.  minne  ft^hlt  gnz  kleines    hinX 

24  tusentvaltig  h  tusentstunt  g  25  slewezen]  ßlentzen  s  slewtzen  /*  sclilawzen  g 
schlissen  mX  trege  syn  c  varen  und  sagen  h  gen  R 

4  dem  =  der  frühzeitigen  Bekehrung.  5  f.    V'gL  Bernardus,   Epist. 

185  n.  :>,3,  13    Vgl,  Tob,  3,23  und    die  bekannte   Sentenz:    Fast    nuhila 

Phoebus  (schon  im  Doctrinalc  des  Alanus  ab  InsuliSy  vgl.  Büchmann,  Geßügelte 
Wotie   ^""1900,406).  23  f.    Vgl  Ps.  83,11,  25   slewezen  {iric  ohm  4ü\}S 

slewenzen),  in  den  Wörterbüchern  fehlende  Erweiterung  von  sUwen  =  trüge, 
matt  .sein,  hezu\  werden  (Lexer  11,972;  Schmelhr  II '-,  ö30 :  Wacker nagel,  AU- 
deutsche  Predigten  1876,ö08). 


Grosses  Briefbuch.    VI.  Brief.  425 

«ele  getorst  einest  nüt  gemftten,  daz  er  sich  ir  erzSigte  oder  daz  er 
zA  ir  kerne,  si  batt  in  alleine ,  daz  er  mit  einem  don  siner  Worten 
in  ir  hertz  erklankti,  nnd  do  sprach  si:  Sonet  vox  tua  in  auribus 
meis  etc. 


5  VI.  Brief. 

Vineae  florentes  odorem  dedernnt,  et  tox  tnrturis  andita  est 

in  terra  nostra. 

Also  stet  geschriben  in  der  minne  buch. 

Wer  ein   fruhtlosen   winterhalden   sähi   hin    glentzcn   von    ge- 

10  hlümter  gezierde  in  sumerlicher  Schönheit,  und  einen  swartzen  rappen, 
mit  fulem  ässe  erzogen,  horti  in  des  lieben  turteltüblis  art  verwandlet 
sin,  der  mShte  wol  dem  schönen  herren  zarten,  der  so  grossü  wunder 
allein  mag  erzügen.  Mit  welen  fröden  wennent  ir,  daz  sich  der 
herre  in  dem  schönen  wingarten  ergienge,  der  sich  so  reht  wol  ge- 

15  stellet  hetti,  und  wie  wol  och  sinen  getrüwen  knehten  ze  mute  weri, 

so  der  süsse  smack  als  rehte  wol   trahti,   daz  er  umb  sich   allen 

menschen  lust  brehti  und  die  leiden  slangen  von  siner  kraft  v^rtribi? 

Ach,  ir  jungen,  schönen,  zarten  wingarten  des  himelschen  vatters, 

ir  schönen  lutseligen  turteltübli  des  göttelichen  gemahels,  gedenkend, 

20  wie  lange  ir  wüste  sint  gelegen,  wie  manigen  schönen  tag  ir  müssig 
sint  gewesen,  —  und  wölte  got,  daz  ir  müssig  wärint  gesin  und  nüt 
mit  dornen  und  mit  bramen  wärint  erfüllet,  die  ir  nu  so  arbeitseliklich 
US  rütent!  Owe,  ir  kalten  winde  üppiger  worten,  ir  starcken  riffen 
zerganklicher  minne,  ir  tiefen  sne  böser  unreiner  geselleschaft,  waz 

26  hant  ir  ebenlich  versumet  und  mordes  begangen  an  so  manigem 
menschen!  Wie  reht  selig  der  ist,  der  von  üch  gelidiget  ist  und 
mit  der  lichten  sumerzit  eins  tugenthaften  lebens  durlühtet  ist! 


1  törst  g         sich  [ir]  dRs  3  erkl.]  erkante  h         und  fehlt  s         do 

fehlt  bgn  si]  also  gn  4  etc.  fehlt  hdgh 

VI.   Brief     Hss.:    bcdghmNnUsUz.     In  g  steht  nur  der 
Anfang  bis  4,25,15,  das  übrige  fehlt. 

8  also  —  buch  fehlt  nü  in]  an  bds  9  wer]   schwel  mentsch  s 

9f.  gebKimten  gezierden  b      11  ahsse  *      12  herren]  hertzen  h      13  erzogen  ^  CT 
erzeigen  inN  16  smack]   rauch   mXd  17   laidigen  nBU  18  zarten 

schonen   Uc  schonen  fehlt  dh  zarten  fehlt  sz  20  geleg.  —  21  sint  fehlt  s 

22  und  [mit]  bmXs  bremen  chtnXR  25  ebenlich]  e>viglich  hÜc 

6  f.  Hohel  2,12  f,  14  wingarten,  vgl,  Bdew  221,33  f. 


426  Grosses  Briefbuch.    VI.  Brief. 

Minä  zarten  kint,  waz  sol  ich  6ch  me  schriben,  denn  daz  minü 
5gen  hein  manigen  frölichen  5genblik  getan ,  so  icb  gie  über  die 
schönen  beide  florieren  al  durch  die  blümen  hin,  und  ich  horte  die 
himelschen  harpfen  der  lieben  vögellin  iren  zarten,  schönen,  min- 
nenklichen  Schöpfer  loben,  daz  es  durch  den  luft  uf  trang?  Aber  i 
gewerlich,  ob  in  beiden  so  fröwet  sich  min  hertze,  so  üwer  anevangens 
heilig  leben  in  so  maniger  geblümter  gezierde  also  süssekiicb  in 
gfltem  lämdeu  smacket,  da  von  die  ewig  wissheit  wirt  gelobet  und 
die  menschen  gebessret.  Wan  ir  aber  noch  nüt  erstarcket  sint,  so 
sont  ir  6wer  selbes  dester  bas  war  nemen,  und  sont  üch  selber  i( 
umbzänen  als  ein  junges  zwi  vor  dem  vih  aller  menschen  geselle- 
Schaft,  die  dis  sinnes  nät  sint. 

Eines  dinges  sont  ir  vorhin  gewarnet  sin :  so  die  schönen  win- 
garten  beginnent  blügen,  daz  5ch  denne  die  bremen  und  die  leiden 
k&fer  beginnent  stürmen;  und  da  der  böse  geist  mit  ime  selber  ig 
nüt  kann  zfl  komen  gegen  eime  gesitten  menschen,  da  reisset  er 
aber  sin  gesinde  zu  mit  bittern  schalkhaften  worten  oder  mit  bösen 
raten,  mit  valschem  wissagen  in  liep  oder  in  leit.  Und  daz  ist  nüt 
unbillich,  wanne  wissent  für  war,  daz  üch  in  keinem  abbrechende 
uwers  eigen  willen  niemer  so  we  geschiht,  im  beschehe  noch  vil  20 
wirs,  so  er  von  siner  eigen  stat  scheiden  müs,  die  er  so  lange,  so 
gerüweklich  hat  besessen. 

Und  dar  umb,  mine  jungen  kint,  mine  zarten  userwelten  kint, 
stant  vast  in  gotte  und  heint  reht  ein  gantzes  getruwen  in  got,  wan 
er  lat  üwer  nüt!  Ach,  Ifigent,  er  ist  als  reht  tugenthaft,  er  ist  als  26 
reht  hertzklich  gutig,  daz  er  es  an  sime  muten  hertzen  nüt  möhte 
vinden,  daz  er  den  menschen  möhte  lan,  der  sich  gentzlich  an  in 
mag  gelan. 

Eya,  minneklicher  ewiger  vatter,  ich  bevilhe  dir  dine  kint  in 


3  florieren  und  ns  al]  als  hRUj  fehlt  mXn  4  himel  harpfen  hliz 
der]  die  hR  9  noch  fehlt  b  11  zwi]  swin  b  13  minü  zarten  kinder,  eines  d.  j 
gewarnet]   gemant   z  14  f.   beginnent  fehlt    hR  bliigen]    bluimnen    j 

und  —  15  kafer  fehlt  U  und  euch  die  l.  Rmz  leidigen  mXIi  15  beg.] 
werden  hR  da]  daz  zd  16  gesitt.]  sittigen  mXSy  fehlt  dn  17  ingesinde  bmK 
18  valschen  mnRUzc  leid  .  .  .  liebe  b  oder]  und  nU         20  besebiht  b 

21  eigen  stat]  eigenschaft  z  22  ruweklich   Uz  rastlichen  mX  23  mine 

zarten  US.  k. /e/i/^  rfm^Vj  24  truwen  z  zu  got  ii^c  25  \\\\^r]ixc\\hmXnRd 
tugenth.  —  26  reht  fthlt  ns  25  f.  och  als  reht  h.  g.  z  26  mohte  —  27  an 
in  fehlt  mN  28  lan  bmXaU  29  myn  kinder  cd 

23  —  28  etwas  gekärst  in  Brief  Habitabit  des  Kl  Bfb  {364,29— 3ti5,2L 


diiie  gätteliche  wUsheit,  daz  du  bii  ziibcBt  nach  dim 
willen.     Anieo, 


VII.  Brief. 

Trahe  tue,   po»jt  te  curremus  iu  odore  luiguentornin  taorum! 

5  Der   einen  minnelosen  mentscheii  welle  machen  minnend,    der 

sol  im  sinen  geminteD  zbgeo,  wan  daz  geminte  dem  bertzen  züliet 
es  zh  im  als  der  ageBtein  daz  isen.  Nu  Bint  etlicbü  menschen  als 
blint,  wan  sii  daz  ewig  Hebt  an  im  selber  nüt  mögen  gesehen,  60 
vallent  bü   mit   ir   minne   uf  das   geaihtlich,   als   der   sich  von   der 

10  sunnen  glnatz  keret  zft  dem  kegeibodem,  als  die  fledermuB,  da  den 
tag  tlübet  und  die  vinstren  naht  minnet.  Und  die  mensuhen  mfts 
got  zti  im  ziehen  mit  grossem  liden  oder  des  glich,  als  der  einen 
bäieu  von  dem  bong  sieht.  Aber  die  gottes  userweiten  die  nement 
es.   als  SD  son,  und  mugent  sü  der  sunnen  glast  nut  gesehen,  so 

15  kapfent  bü  an  der  sunnen  widerglantz  uf  den  hohen  bergen;  und 
heint  sü  noch  mit  der  süssen  apotek  des  inren  gütlichen  hertzlostes 
enpfunden,  so  loffcnt  bü  doch  nach  dem  Bussen  smack,  der  da  us 
rüchet  von  sinie  heinlichen  ingesiude,  ala  die  tier  dem  siissea 
trabt,  der  da  ns  trehet  von   dem  pantier.      Und   in  dem  smaeke 

20  werdent  sü  dicke  hcrtzeklich  ernüwret  und  gewinnent  ein  jagendes 
ilon    hin   zu   dem    iemer  werenden   gftte,   und   stiint  in  dem  vorhof. 


2  Amen  fehti  UdmSUÜ 


VII.  . 


iff.     Has. 


1  d  h  m  N  n  R  » 


ü  z 


4  odorein  h  6  [dem]  hertze  buiSii  de»  hertzen  he  7  ime  zu  Aß 

8  lieht]  liep  bhmNReU       im]  in  £        10  kesseln  bodem  giicd  keseel  hodeu  mNn 
keUel  boden  b  fledramaa  i        dd  frhll  s  da  da  £  12  gliches  cdha 

13  Dement]  meinend  mN  minnend  Vd         14  so  fehlt  t         15  gaflend  bcmNU 
lÖgent  z  16  inren  fehlt  dh  götl.]  büsbi-u    Ud  hortzl.]  herteen  dmN 

18  himelischeD  nd        19  trabt]  rauch  cdhniNnE        ae  trabet  be  an  rächet  Ued 
ansz  rcuchet  mNR        20  dicke  fehlt  z         jag.]  iu  gendea  ^  21  und  — 

vorhof  felilt  bcdhmXRU         atcut  wartend  in  d.  v.  n 

4    Uohd.   1,3.  6f.    Vgl.  Taultr,   Basti   löL'lf.   43-:     wan    nfa    der 

agstein  nach  jtn  zeucht  dan  ej/neii,   fUtn  zeucht  nach  jm  Jesus  alle  herften,    dh 
da  Hört  Jm  berärt   icerdm,  13   Vgl.  Mtgenbvrg,   liuch   der  Kalur  163,8  ff. 

19  pantier,  vgl.  Vita  lUfi  «nd  Hugo  von  Langenelein,  Martina  S6,  lll—l')3.i.'i. 

20  f.  jagendes  üen,  vgl.  Sdcte  301,3 ff",  und  3ie,!G. 


428  Grosses  Brief  buch.    VII.  Brief. 

untz  8U  och  werdent  in  gelassen.  Aristotiles  sprichet,  daz  ein 
klein  des  unbekanten  lustlicher  ist^  denn  vil  Sicherheit  des  bekanten. 
Sant  Thomas  spricht,  daz  ein  vil  klein  des  enpfundnen  götes  in 
schowlicher  togni  ist  besser  denne  vil  anders. 

Min  kint,   ich  müss  dir  sagen  ein  gewonheit,  die  ich  hott  an    6 
miner  ersti.     So  ich  mich  selben  als  gnadenarm  vant  and  ich  von 
mime   grossen   gebresten   nüt  getorste  hin  für  komen  zft  dem  tisch, 
^a  liep  von  liebe  sunder  mittel  gespiset  wirt,  als  die  zarte  jungfrow 
sant  Angnes  sprach:  mel  et  lac  ex  ore  eins  suscepi,  so  stalt 
ich  mich  in  eines  dürftigen  bilde  hin  zfi  dem  tor  und  wartet,  wenn  lo 
die  himelscben  gemassen  her  us  giengin,   daz   ich  sü  besprech,  daz 
mir  jocli  ein  süsse  traht  würdi  von  ir  völli.     Und  vergich   dir  eins 
gewerlich:  es  beschach  mir  etwenn,  daz  mir  von  ir  volheit  ein  un- 
gewesclinü  schüssel  wart  dar  geworffen,  daz  ich  also  gespiset  wart 
und  von  dem  süssen  wintraht  also  getrepket  wart,  daz   ich   etwenn  15 
miner  armöt  vergass  und  wond,  ich  wer  ein  richer  herre.   Ich  sprach : 
„owe,   richer  herre,   so  du  mich  also  trunken  hast  gemachet  nuwen 
von  winsmack  us  dinen  fründen,  waz  bist  du  denn  in  inen?"    Sich, 
also  sfichte  ich  daz  klein  golt  in  dem  sande.     Ich  grup   nach:   ich 
saste  einen  priester,  einen  brediger  zu  den  fassen  eines  sines  fründes  20 
und  lüget  im  in  den  munt,  ob  kein  himelscher  rose  da  her  us  fieli,  daz 
ich  den  gezuckti.     Und  daz  machet  mich   denn   frolich   loffent  den 
andern  nach. 


1  och  feJdt  hUs      3  enpf.]  unbekanten  dmN      5  min  kint  fehlt  h      hat 
ich  hcfuN         6  selben  fehlt  dmXn  an  gnaden  also  arm  b  und  [ich]  z 

7  mime]  meinen  mXR  nüt  hin  f.  komen  mäht  z  8  da]  das  sü  mittel 
fehlt  hU  9  ex  eins  ore  hBz  11  genossen  mllV  gespreche  b  an 

spreche  dmN  12  joch]  och  hRU  doch  cdmN  nocli  b  tralit]    rauch   ncd 

trank  mN         eins  fehlt  dh  13  geschach  bmN  14  dar  wart  g.  }ihHsU 

15  wintrank  mNRsU  winroch  c  win  dh  16  wone  s  Ich  —  17  h&rxe  fehlt  U 
17  nuwen]  nu  s  allein  n  nit  mer  dan  dhmN  18  winrauch  mXd  winsnialtze  b 
in  fehlt  s  19  sander  mN         grabete  b  grebte  j         20  sasz  jnXnc  sach  ü 

21  [her]  us  dmN  22  den]  die  cdhnRs  zuckte  hnR   suchte   mN  ge- 

suchte d 

1  ff .  AristotekSy  JiJth.  Nie.  X,4  (1174  b  19  sr/q,,-):  De  part.anim.  1,5  (fiUh 
24  sqq.  31  sqq,),  —  Thomas^  S.  Th.  2,2  q.  180  a.  7 :  contemplatio  divinorum^  quae 
habetur  in  via,  eist  sit  imperfecta,  tarnen  est  delectabilior  omni  alia  contcmplatione. 
propier  excellentiam  rei  contemplatae.  7  f.  Vgl.  Tochter  Sion  2424 f. :  ich  mein 
die  f/eistlichen  weide,  da  diu  sele  uirt  gespiset.  9  Angnes,  vgl.  Bdeic  227,1b. 
20  Mit  priester,  brediger  meint  Seuse  sich  selbst,  sines  =  (iottes.  22  f.  Vgl. 
den    Vor  Spruch. 


Grosses  Briefbuch.    Vm.  Brief.  429 

Owe,  got,  waz  sol  ein  mensche  loflfen,  der  weder  got  noch 
sinen  heimlichen  frinden  nie  heimlich  wart,  der  nnwen  mit  usserkeit 
ist  nmb  gegangen?  6at  er  joch,  der  gang  mag  wol  treg  und 
hinkent  sin;  aber  die  heimlichi  machet  I5ffent  nach  dem  geminten. 
5  Sich,  wenne  mir  ein  gottesfrünt  üt  seit,  eya,  so  wart  ich  so  wol 
gemüt,  so  was  mir  reht,  ich  hetti  einen  hört  funden.  Und  wissist, 
ich  gehielt  daz  so  trntlich  und  sprach:  „eya,  geminter  herre,  wie 
glust  mich  din!  Sol  ich  iemer  dar  zA  komen,  daz  ich  Sprech:  ,,du 
min  und  ich  din?"  Und  disü  begirde  sol  noch  in  mir  und  in  dir 
10  sten  von  unser  unvolkomenheit. 

Min  kint,  dis  han  ich  dinem  versinten  mfit  vor  gesprochen, 
daz  du  rosen  us  den  blümen  lesest  und  dich  selb  zil  dime  ewigen 
heil  mit  semlichen  dingen  reissest. 


vm.  Brief. 
15  Gnstate  et  yidete^  qaoniam  snayis  est  dominus. 

Es  sprichet  der  wissag  an  dem  salter:  versflchent  und  lügent, 
wie  süsse  der  herre  ist 

Lieben  minü  kint,  es  sprichet  sant  Gregorius,  daz  got  dienen 
si  ein  friges  leben.  Und  gewerlich,  daz  müssent  ellü  hertzen  von 
20  gantzer  wärheit  jehen.  Swer  uf  den  tolden  eines  versmahens  aller 
zitlicher  dinge  ist  geflogen,  in  die  hoheit  des  unwandelberen  gfttes 
ist  gesessen,  mit  den  armen  des  geminten  ewigen  liebes  ist  umb- 
vangen,  ach,  lieben  kint,  wes  gebristet  dem  uf  ertrich  ?  Waz  wil 
er  me?     Wie  mag  der  so  wol  manigen  frölichen  tag  uf  ertrich 


2  himelischen  mNd  nnwen]  nun  e  nit  denn  dmN  allein  n  mit] 

in  bdmNRs  U  3  er]  der  e  3  f.  und  hinkent  fehU  z  4  heimlikeit 

mNnKc        5  sich  fehlt  b        üt  heimlichi  s  icht  heimliches  n        7  hieltmNBs 
8  sprach  dhs  10  vollkomenheit  hmNRsU 

VIII,  Brief,    Hss,:    bcdghmNnRss^Uß.     In  g  steht  nur 
der  SchlusB  von  431,15  an, 

15  quouiam]  quam  mNn  16  an]  in  bcdhnRss^  20  den]  dem  hss^ 

tolden]  zwyg  s^d  22  und  mit  dmN  liebes  [ist]  hRs  23  wes] 

was  bdhmRs  24  wol  fehlt  hn  uf  ertr.  feldt  z 

8  f.   Vgl.  HoJiel,  2,16  und  die  Belege  bei  Strauch,  Ad.  Langmann  103  f, 
u.  Bolte,  Zfda  34  (1890),  161  ff,  15  P«.  33,9.  18  Gregorius,  Hom.  3 

in  Eztch.  n,  11  (Migne,  Patr.  Lat,76ßl0):  iUe  Deo  servire  appetit,  qui  ab  hoc 
saeculo  mente  tratmre  didicerit.  Vgl,  Expos,  in  I  Reg,  V,  2  w.  12  (Migne  79,333), 


430  Grosses  BriefbucL    VIII.  Brief. 

haben!  Gesach  in  got,  daz  er  ie  geborn  wart!  Wie  mag  er  got 
«o  wol  loben^  so  er  ander  sich  siht  and  in  dem  stareken  gewille  des 
tiefen  meres  eins  ungötlichen  lebens  so  manig  freisinen  hertzen,  libes 
und  sele  ane  siht! 

Es  was  ein  mensche  einest  in  einem  so  frölichem  gegenwnrf  5 
•der  Blassen  götlichen  gegenw&rtikeit,  und  was  doch  so  gelassen  von 
aller  creaturlicheit,  daz  er  gedahte:  „ach,  hertze  mins,  wes  fröwest 
da  dich  so  reht  inneklich?"  Do  antwurt  ime  sin  bescheidenheit 
and  sprach:  „in  allen  disem  ertrich  ist  nat,  des  ich  mich  fröwe, 
weder  an  gftt  noch  an  frinden  noch  keinem  last  diser  weite,  denne  lo 
daz  ist  min  fröde,  daz  got  als  rehte  gut  ist  and  daz  minneklich 
^öt  min  frunt  ist,  des  ich  gantz  zAversiht  ban.^ 

Lieben  minü  kint,  daz  schribe  ich  üch  dar  umb,  daz  ir  einen 
«eneden  jamer  hier  nach  gewinnent  nnd  einen  hertzlichen  last  dar 
nach  habent.  Trettent  frilich  in  die  bant  der  ewigen  wiszbeit,  sü  16 
werdent  üch  geswinde  verkert  in  galdin  krönen  ewiger  sälikeit.  Lant 
:äch  nit  binderen,  daz  der  zal  ietze  so  wenig  ist^  die  daz  rehte 
pfat  des  engen  weges  wellen  gan,  die  ir  eigen  gemach,  als  vil  sü 
mngent,  sfichent,  daz  üwer  ernst  da  von  nüt  geminret  werde.  Nement 
für  üwer  5gen  die  fromen  Vorbilder  eins  heiligen  lebens,  die  da  war-  20 
lieh  hattent  versmahet  alles  daz,  daz  ertrich  geleisten  mag,  und  mit 
hertzen  and  sinnen  ze  allen  ziten  in  dem  himelschen  vatterlande 
wontent,  die  in  sanderlichem  andaht  als  der  morgensterne  lachten, 
—  den  volgent  nach,  den  tretent  nach! 

Lieben  kint,   die  weit  beginnent  alten,   die   minne  beginnet  26 
kalten,  die  schönen  rosen  heiliges  andahtes  beginnent  sere  risen; 
man  vindet  na  vil  me  scharpfer  slehdome  denne  wisser  lylien.   Eya, 
ir  zarten  rosen  des  geblümeten  geistlichen  lebens,   stant   vast,   ver- 
dürnent  üch   mit  nsgeslossenheit  aller  creataren,   schlüssent  üch  zft 


2  gewilde  bcdmNRss^U         3  f.  und  libes  [und  sele]  liRss^U         4  [ane] 
fliht   8  8    mynneklich   bcRss^  9  des]   das   mXz  10  weder  fehH  s 

11  rehte  fehlt  bs^  13  schribe]  sprich  b  14  glust  zn  17  verdriessen 

hinderen  r  17f.den  rehten  pf.  bcdhs  18  engen]  trostlichen  e  19  süchint  z 
nüt]  iht  bcdnsU  20  [die]  frome  z  die  fronen  h  21  haben  versm.  climNnli 
[daz]  daz  cdsUz  mit]  in  hRss^U  22  und  in  sinnen  hRss^  und  mit  s.  cii 
23  lüchtent  bdmNnRss^U  27  wisser]  schöner  z  28  [stant]  und  vaste  sU 
^9  usgelossenheit  hfi^  creatur  nRs^ 

5  —  12  ist   in   Brief  Habitabit  des  Kl  Bfb   aufgenommen   (oben  3(i5,3 
bis  306 flu),  18  Die   Konstruktion    ist   sehr   hart;    man   loiirde  encarten: 

«0  vil  aber,  die  u,  s.  w.  25  f.    Vgl.  Bdew  3:i4,4f.  u.  Gr  Bfb  406,6. 


GroaneB  Briefbiieh.    Vm.  Brie#' 


gegen  aller  diser  weite,  acta,  nnd  tänt  üwer  hertzen  nnd  twer  girde 
uf  gegren  dem  soBeen  tneientowe  der  bimelschen  Bunnen,  daz  ir  war 
nemeiit,  waz  er  von  ücli  wil,  wenne  er  ßinen  ingang  haben  wil, 
ilaK  er  kein  vertriben  von  üch  gewinne.  Gebent  ime  stund  nnd 
5  stat,  daz  er  ein  werk  in  ilch  gewAiken  muge,  daz  üwer  hert/e  werde 
ein  appotccke  der  gotbeit,  üwer  munt  ein  fasz  der  reinekeit  und 
nller  i'iwer  wandel  ein  bilde  bimelscher  beilikeit,  daz  got  an  üch 
gelobet  werde,  üwer  lieben  engel  gefr&wet  und  ellü  menscben  ge- 
liesBrot.     Heilig   betrahtnnge  sont  üwer   kamber  sin,   mit  gotte  oder 

10  von  gotte  reden  sol  zft  allen  ziten  inver  ampt  Bin,  Bwaz  ir  eehent 
oder  börent,  daz  Bol  ücb  ein  ufCragen  ze  gotte  sin. 

Einen  ewigenden  munt  tragen  machet  üwer  hertze  fridsam  und 
den  lüten  minnesam.  Tünt  üch  abe  menschlicher  beimlicbe.  so 
werdent  ir  gewerlieh  innen  g^ttelicber  beimlicbe.     Einen  abgezaÜen 

15  menMchen  von  diser  weite  höret  nüt  zft.  knrtzwil  und  trost  bie 
aftchen.  In  aller  gehorsami,  die  uf  usserbeit  zühet,  heint  ein  inne- 
bliben  oder  aber  ein  emziges  inkeren  wider  in  üch  selben,  daz  ir 
üch  selber  nüt  verüerent.  Swaz  ücb  nit  bevolben  ei,  da  mit  sint 
unbekümbert. 

SO  Vor   allen    dingen   so  setzent   üch  gewegenlich  alg  alle  sunder 

gottesfrund  uf  zitliches  liden.  wan  gewerlicli,  daz  wissent  f6r  war: 
sol  üch  üt  sunders  von  gotte  werden,  daz  müs  ocb  erarnet  werden. 
Aber  eins  ist  war:  git  er  leit,  er  git  och  liep;  kan  er  herzleit  geben, 
ach,  80  kan  er  5ch  hertzliep  in  bertzeliebes  bertzen  machen.  Gangent  her 

2Ö  für,  ellfi  hertzen,  und  sagent,  wa  sie  liep  ane  leil  ie  fanden  ?  fieminter 
berre,  dn  bist  allein  daz  gCtt,  in  dem  man  stete  fr6de,  gantzen  fride, 
und  liep  ane  leit  findet,  als  verre  man  es  in  zit  haben  mag.  Es 
tut  nüt  wirB,  denn  sich  gelber  überwinden,  es  tut  aber  nüt  bas, 
denne  sich  selber  überwunden  han.     Und  dar  umb  so  gant  hüte  dis 

1  hertee  bd/irnNKttH!  begrirde  mNuR^'c  3  weune  —  wil /Mt  h 
7  ein]  eime  s  bilder  bkRsU  büdner  «'  bilduuge  c  9  HontJ  eol  chnRim' 

12  üwer]    dts   hliss'U  13    die   lüt   g'B  13.  U  beimükeit  mJfnSt' 

14  gew.  innaii]  gewar  dmlf  göttel.]  gottee  m  16  zS  soeben  i/hntnU 

n  einaigcH  c  16  bevoUien]  beholffeii  *s'  19  bekümbyrt  s;  20  be- 

wegeulich  b  verwegenlich  rICU  aiinder  fehlt  hBtt'üi  22  Aaz  —  werdeii 
fehlt  fü  23  er  git  c  leit]  liden  Ai>  auch  hertzlett  ka  34  ach 

fehlt  Rs'  in  liebes  herbsen  bcmN  27  f.  es  tit  miiir  ivirB  .'  28  tflt]  (rrftf«)] 
ist  hmN        29  noch  böte  nHn'        dia)  des  hnH 

7  f.    Vgl.  Matlh.  5,16.  10  f.  Vgl.  Bdrjc  313,11' ff.  16  Vgl  Brief  IX 

de»  Kl  Bfb  (,36»,tiff.).  27  liep  ane  leit,  vgl.  l'ila  I40,1'J.  28  f.  Gam 

Hhnlich  BdetB  249,23 f. 


J 


432  Grosses  Briefbuch.    IX.  Brief. 

tages  maDigii  menscben  guggen  über  den  dornigen  hag,  and  umb- 
gant  den  graben  ir  lange  tage  und  getArrent  Bich  nüt  wagen  durch 
die  dorne  einer  frier  Verwegenheit,  daz  su  kemin  hin  uf  die  schönen, 
witen,  geblümeten  beide  geistlicher  Schönheit.  SA  lobent  die  fruht 
and  hettint  su  gerne,  aber  sA  verdrusset  der  arbeit;  und  die  arbeit, 
die  sü  da  flübent,  die  volget  in  anderswa.  Gesach  in  got,  der  sin 
arbeit  hie  wol  an  leit,  wan  nach  diser  kurzen  zit  volget  im  ewigu 
selikeit!    Amen. 


IX.  Brief. 
Qnsm  dilects  tabemsculh  tna,  domine  virtutum!  la 

Also  sprichet  der  himelsche  barpfer  David  von   dem   frSlichen 
himelscben  lande. 

Owe,  minü  lieben  kint,  wie  mugent  wir  uns  selber  so  wol 
erbarmen,  daz  wir  eilenden  kempfen  nüt  anders  begerent  denue  der 
kleinen  tröpflin,  die  da  vallent  von  der  himelscben  Jerusalem,  da  15 
die  reinen  megde  von  Syon  messen  daz  ewige  gut  an  alles  mittel 
nach  alles  ir  bertzen  begird,  mit  fröden,  mit  rüwe  und  mit  Sicher- 
heit! Owe,  wie  mugen  sü  uns  so  kleine  geloben!  Wie  mag  daz 
schön  rosenzwi  des  himelscben  paradises,  daz  zft  allen  ziten  eint- 
weder  bat  ein  süsses  meigentow  oder  aber  der  liebten  siinneu  glantz,  20 
geloben  eime  armen  türren  tistel,   der   uf  der  berten  beide  wabset! 

Ach,  minü  lieben  kint,  nu  tröstent  uns  mit  der  armüt,  die  wir 
haben,    bis   daz    der  liebte   morgensterne   werde  uf  gende,   und  ge- 
denkent   an   die  schönen  roten  rosen,   die   nu  versenket  sint  in  daz 
wiselose    wesen    des    göttelichen   abgründes,    da    die    minneklichen  '^5 
töbtern   von  Syon   frilicben   trettent  den   frölicben   reicu   in  schalle 


1  iiianigü]  vil  hHs^  2  nüt  sich  z  gewogen  (jn  3  kument  h  komen  ha^ 
5  erdrns8et  h  und  die  arbeit  fehlt  mNs  6  anderswa  nach  mXU  7  im] 
ain  Ud        wissheit  und  selikeit  z        9  Amen  feldi  cdgmXU 

IX.  Brief.     Hss,:  b  c  d  g  h  m  X  n  R  ,v  s^   U  z. 

lOixm  fehlt  s  12  lande /eÄ/f  *•  14  kempffer  niV«*  tT  begerten  ctMii**'^  j 
16  niesscn]  gebrucheu  cdmX  17  aller  hmN  froide  säg  und  mit  r.  ds 
18  kleine]  lutzel  z  wenig  nlt  19 f.  eintw. /t;//Z/  mXU  21  armen  fehlt  z 
türren  fehlt  Ich  ty stelin  h,ss^  der]  das  //.y  22  tr.  wir  uns  viXnJi 

23  werde  uf  g.]  wider  uff  gange  s  26  frilich.]  froliche  h  Uy  fehlt  viN 

10  Vs.  cS5,4?  23    r^/.  IIFet,  1,19.  24  Zu  rosen  vgl  oben  409 Äff. 

25  ff.    Vgl.  Bdew  :^42,l()ff. 


GroaseB  Brief butb.    iX.  BtilA'' 

und  in  fröden,  der  da  heisset  ewikeit,  und  die  vor  kuitzen  siteo 
eins  tistelB  natnr  hatten,  do  bü  in  disemjamertal  bi  uns  waren.  Dea 
sond  wir  uns  tr&Bten,  wenne  wir  eint  von  sinen  gnaden  des  selben 
alle  tage  wartent.  Und  denne  in  dem  selben  ersten  aneblik,  ach, 
5  des  süssen  minneklichen  autlites,  so  ist  vergangen  alle  die  faertekeit 
und  daz  liden,  daz  wir  nu  also  swarlicb  wägen. 

Owe,  minü  lieben  kint,  wenne  sol  der  früliche  tag  komen, 
(lax  uns  daz  liepliche  ewige  gdt  gekündet  werde,  an  dem  tage  nnser 
eilenden   seien   nrabvangen   werden,    daz   sü    werden   gefüret   in  die 

10  einikeit,  der  sii  bie  als  inneklicbe  hegerent,  «ne  die  su  alles,  da/. 
diso  weit  bat,  nüt  bertzklicb  gefröwen  noch  getrösten  mag?  AcIj, 
minü  lieben  kint,  senden!  unser  eilenden  bertzen  in  den  minnekliehen 
umbvang,  bis  daz  die  sele  hin  nach  kome!  Lftgent,  wie  ^'ar  ver- 
swindet elJö  unser  hertikeit  und  unser  leit,   so  wir  uns  vereilenden 

IB  in  daz  abgrönde  der  götteliehen  kinrbeit!  Acb,  da  süUent  wir  dicke 
mit  hertzklicher  begirde  wonen  und  mit  menigem  ogenblick  dar 
keren,  so  gewinnen  wir  ein  frölich  eilend  und  ein  eilende  fröde,  so 
mag  öeb  der  herte  tistel  mit  so  oianigem  süssen  meientowe  be- 
gossen werden,  daz  er  vergisset,  obe  er   ein   tiatel  oder  ein  rose  ist, 

20  Nu,   ir   geminneten   kint,   lant   üch   üwera  lidens,    äwer  arbeit 

nut  verdriessen!  Habent  nf,  habent  uf  liwer  hertze  in  den  achfinen, 
summerlichen,  iemer  werenden  meien,  der  üch  bereit  ist  in  dem  ab- 
gründe  der  g&tlichen  klarheit!  LJigent  an  die  sch&nen  roten  rosen 
und  au  die  wissen  lylieu,   die  disen  langen  trtirigen  winter  also  ge- 

'2b  dultklich  gebeitet  beint,  bis  daz  sü  daz  summerliche  zit  bringe  uf  ir 
schönen  natürlichen  blugende  art,  und  merkent,  daz  discn  urdrutz 
zft  vertriben  nüt  besser  ist,  denne  stellen  nach  dem  süssen  meigen- 
towe  der  götlicheu  guadcn  in  eraziger  gegenwürtikeit;  wau  swaz 
die  sunne  verselwet,  daz  bringet  daz  tow  kreftklieh  wider.     Doch 

30  mugent  ir  zft  allen  ziten  nüt  hier  inne  stan,  dar  umbe  sont  ir  nüt 

4  selben  fthh  ghRg^V  5   aublickea    nU  <lie  fMt  brdmXnU 

7  lieben  fehlt  dg  10  mjaneklicb  vdmSV  <Irz  dax  s  11  gefr.  ma^ 

noch  gett.  [mag]  e  12  kint,  aoli  minuiciicbeu  kiud  dinN  seiident  ^irnmal  ba 
13  gar]  war  hR  13  f.  f  erswindent  s  14  bIIü  fehlt  hliaa^  U  19  ein  üstel  si 
oder  ein  r.  [ist]  adn  21  Habent  —  2»  kJarheit  fehlt  p  bubent  nf  ein- 

mal  hnRg'Dc        dem    6«'  24  nnd  —  lylien  fehlt  g  25  ir]   die  iiiAV 

26  natnrl.  fehlt  dmN  27  iat  ntit  besser  bhiaNHss'rr  28  gnad  gU  in 
emz.  geg.  fehlt  gmN  eiotziger  hgz  29  der  Ww  bcdviNnae'V  30  nit 
dar  inne  gn  dar  innen  nit  R»' 


434  Grosses  ßriefbuch.    X.  Brief. 

verzwifeln,  wann  also  sprichet  ein  meister  von  minnen  Ovidius: 
nee  violae  sempei';  nee  lilia  Candida  florent,  daz  sprichet, 
daz  die  viol  noch  die  schönen  lylien  nut  zfi  allen  ziten  blügent,  —  eht 
dis  geistlich  blügen  dicke  in  üch  beschiht,  bis  daz  ir  noch  naher 
as  gedringent  us  üwerme  natürlichem  wesen.  Und  waz  üch  nu 
jerlich  ist,  als  sant  Bernhart  sprichet,  daz  wirt  üch  denne  tegelicb 
und  stündlich. 


X.  Brief. 

Revertere,  revertere  Snnamitis,  revertere,  revertere,  ut 

intneamnr  te!  lO 

Dise   minnekliche  wort  stant  geschriben   an  der  minne  buch. 

Der  durch  die  6den  wüste  und  durch  den  wilden  walt  eines 
anegevangen  gStlichen  lebens  begert  uf  die  schönen  beide  eines  ge- 
blümeten  volkomen  lebens  zfi  komene,  dem  begegent  mauigü  wildü 
Strasse  in  der  vinstri  des  waldes  und  manig  enger  uubekanter  weg,  15 
da  er  dur  bramen  und  dorne  sich  streiflfen  rafis;  da  istetwie  maniger 
tiefer  grabe  und  kleine  stige,  da  er  mit  zittrendem  hertzen  über  niüs. 


1  von  dem  gotlichen  minnen  [OvidiusJ  g  2  fiola  cbnN  3  schonen 
fehlt  ghRs^  eht   his   Schluss  fehlt  g  5   üwerme  fehlt  z  6  jerlich] 

erlich  (!)  s   seiczen  mN  7  Amen   ns^  Zusatz  {rot):  hilff  reine  maxia  s 

X.  Brief,  Hss.:  b  c  d  g  h  m  N  n  11  a  U  z.  In  d  sieht  nur  ein  kleiner 
Teil  dt^i  Anfanges  und  Schlusses,  in  g  fehlt  der  Schluss;  in  n  weicht  d*^  Text 
stark  ah  und  ist  teilweise  umga^iellt, 

9  iit  fehlt  ds  12  öden]  toten  dmN  wnisten  ghEszc  13  gutlichen  s 
heg.  —  14  \eheu9  fehlt  hü  heiden  hghüsU  15  enger  fehlt  hmNliU  16  dur 
die  bramen  s  und  durch  dorne  gü  s.  durchstreiffen  hdhnüs  nach  mäs 
Zusatz:  untz  er  ze  wege  kunt  zg  bis  er  wider  kumpt  au  den  rechten  pfat  n 
17  Stege  gns  steg  cmN  überstig  h  bricklin  h  überstigen  raus  h 

1  Ovidius,  Ars  amntoria  11,  115  f,  (Ovidii  cannina  ed.  Biese  I  [1S71], 
lö^) :  nee  violae  semperve  hyacinthina  lilia  florent,  et  riget  amissa  spina  relicta 
rosa,  über  die  Kenntnis  Ovids  im  Mittelalter  vgl,  K,  Bartsch,  A  Ihrecht  von  Haiher- 
stadt  1861,    Einhitung    I—CXXVII:    über    die   ars  amat,  ebd.  XXX  VII  ff. 

6   Vgl.  sermo  2  in  Purif  n,  3,  9  f.    ll^hel  GA2.    Vgl,   Bdew  231,23. 

17  stige  =  Stic,  stig,  Inisssteig,  oder  wahrscheinlicher  (vgl.  die  Varianten!) 
=  stigel,  Voiyichtung  zum  Übersteigen  eines  Zaunes  oder  einer  Hecke^  wie  noch 
jetzt  in  der  Schweiz  und  im  Ällgäu  üblich  (vgl,  Schmeller  II-,74o :  Martin  u.  Licn- 
hart,  Elstfss.  Wörterbuch  II,  ö79f.). 


Und  daz  ist  der  weg  tnauigvHltigen  unbekanten  lidens.  in  dem  er 
des  ersten  müs  vereflchet  werden.  Man  hSret  etwa  daz  süsse  ge- 
döne  der  totbringeDden  wilden  Sirenen,  vor  dem  man  die  oren 
verhaben  mfts.     So   man  bin  in  bas  knnt,    bo   begegent  fro  Venus 

5  mit  ir  losen  blicken,  mit  den  fiirinen  Straten;  bü  hat  honig  in  dem 
munde  nnd  gift  in  dem  bertzen.  Und  dis  hat  manigen  zieren  belt 
sigeloa  gemaßhet.  Da  sitzet  fro  Seide  mit  irem  gläktr.id  und  zöget 
daz  wol  geziert  Oberteil  des  rades,  aber  den  umbnwanek  hat  sä 
sere  verborgen. 

10  Eines  tiefen  wages  ban  icb  da  war  genomen,  da  manig  stoltze 

birtze  nach  hitzigem  ernste  eich  bat  nider  gelan  und  da  erweichet 
und  nnmehtig  worden  ist,  und  daz  ist  läwes  leben  nach  eime  hitzigen 
anvang.  Und  usser  dem  selben  vonker  wider  in  einen  kreftigen 
inker    ruffet    der   gemahel   einer   sele    neiewie    dick    und    spricbet: 

16  „Revertere,  revertere,  ker  wider,  ker  wider,  Sunamitis  —  daz 
betutet  ein  verschenit  bertz,  —  ker  wider,  daz  wir  dich  an  geBehen: 
der  vatter  mit  sime  gewalte,  der  dir  alle  diue  unmngentheit  beneme, 


nnbek.  fehlt  hll         2  etwan  hU 

lerenen  s        dem]  der  '-  deu  j/mNU 

liegeg.  ime  b       5  inne  1.  blicke  b 

und  mit  gs  färinenj  unreines  h 

9  Bere  ßMl  hü       10  weges  hmNB 

md]  nnmehtig  m  umnehteklicli  «Ä 


I  daz]  da  a  des  manigv.  yinX 

«tn-enn  niA'n        9  wilden  /Ml  hmNE 
oreo]  (lugeo  h        4  man  deno  h.  in  ffliB 
loBen]  lösen  e  plosseii  li   anhüaeii  nuV 
rainn  <)      7  irem  fehlt  es      8  hat  [srt]  b 
li  sich  —  12  hitzigen  /Ml  U  12 

ist  worden  j:  13  n'idcr  fehlt  hchmNltKÜ  14  neiawie]  ich  enweis  wie  h 

nein  wie  »  etwe  hwNR  16  versmehet  bcmNU  verBehent  Im  veraeiiiiet  R 

an  sehen  gfnNBU      17  henjmt  « 

3  Sirenen  (Har.  38:  syrtnai:),  mythürht  Zviltergesehdpfe  ewitclien  Menteh 
und  Tin-  mit  einem  l-'isehschiranz.  Vgl.  Lauehcrl,  Phyaiologm  18,  143,  314; 
Mrgtnbtrg,  Buch  der  Natur  SiOßff.  (eirtnc  =  merwtip).-  Sautr,  .'üfftuholik  da 
Kirehmgebaudt»  ISOä,  314 f.  4  f.  Venös  iX  eine  der  veniiien  im  deutschen 

Mia^atter  eingfbüryrrtm  mythologischen  Mgarm,  bei  deit  Minntsängtm  s^  vrou 
Minnr,  vüehe  mit  Bogen  and  Pfeilen  (stralen)  ausgeslattet  erscheint  and  ton  der 
Santt  nfttrg  eo  dargt«UUt  wurde:  vgl.  Bartsch  a.  a.  0.  LI  f.  u.  LKIIIf.; 
Weinhold,  Lamprecht  vim  Begentbiirg  633.  Kl  Bfb  374,30/.  im  Ktim..  dagegen 
als  VoT»pirlerin  btim  sommerlichen  Tante  gedacht.  Zu  toien  blicke  «gl,  ühiand, 
Volksliedtr  II,Tfl7:  ick  ec  it  an  jticen  ogen  icoi,  gi  (Frau  Vmu»)  sint  ein 
dOvelinne.  6  lierer  helt,  bdMßg  gebrauchte  Formel  bei  Bichtern  des  13.  Jahr- 

hunderts, egl.  die  Belege  bei  Lexer  III,  1106.  7  fro  Seide,  Per'sanißkation 

des  Glückes,  btew.  des  Schiekeols  (t=  Fortuna,  cgi.  oben  364^6  HlOfcd),  mit  dtm 
nch  toOlienden  Bad  als  AOribtit  (das  aber  424,17  fro  Venue  beigelegt  mrd!), 
ao  tchon  im  13.  Jahrhundert  viyrtommend;  vgl,  J.  Grimm,  Deutsche  Mythologie 
II*  (1H64),  832ff..-   Germania  VIII,4Uff.;  Sense,  Vita  123JIÜ. 


436  Grosses  Briefbnch.    X.  Brief. 

der  sfin  mit  siner  wiszheit,  der  dich  bewise  sinen  aller  liebsten 
willen,  der  heilige  geist,  daz  er  dich  inbrünstlich  wider  enzünde  als 
ie  von  erst." 

Min  kint,  wie  daz  si,  daz  lutzel  ieman  ist,   er  kum  etwenn  in 
läwekeit  einest  fürbas  denne  andrest,  doch  so  müs  sich  ein  mensch    5 
reht  da  zu  flissen,  so  er  da  zä  komet,  daz  er  eine  frige  ernuwerunge 
ime  selber  an  gewinne,  als  der  fenix  in   dem  füre,   also  der  hirtz 
und  der  wis  slang,   dero   einem  die  hom,   dem  andern  die  hat  zu 
dick  wirt,  und  sich  denn  mit  gezwungenheit  ernüwrent.     Der  berg 
ist  hoch   und   der  weg  schlipfrig,   es  enmag  mit  eiuem  just  nüt  er-  10 
gäbet  werden,  es  heisset  aber  und  aber,  untz  daz  es  ervohten  wirt. 
Es  ist  ein   weiche  ritter,  der  von  kraft  des  heres  einest  hinder  sich 
gewichet,  der  dar  umbe  aber  nüt  kecklich  hin  wider  tringet.     Und 
erscbricke   hier  abe   n4t,  wan   dis  streiten   ist  guter  luten  eigen  in 
disem  eilende.    Begerstu  aber  zfi  wissende,  wie  der  ernüwerung  80I  15 
sin,  daz  wil  ich  dir  sagen. 

Ich  weis  einen  brediger,  so  der  von  maniger  starken  wellen 
was  hinder  sich  getriben  und  nach  sime  duncke  gentzlich  entsetzet 
was  an  rehtem  ernst  und  an  hertzklichem  andaht,  so  gieng  er  in 
sich  selber  und  sprach:  „eya  got,  wie  ist  es  mir  ergangen,  wie  bin  20 
ich  so  rehte  unwissenklich  her  abe  geslichen !  Wol  reht  her  frilichen, 
und  werben  urab  ein  nüwes  gut,  daz  alte  ist  gar  da  hin!"  Und 
vieng  denne  wider  an,  ime  selber  abe  zu  brechenne,  den  lip  zu 
kestigenne,  den  lüten  zft  frömdenne,  ernestlich  zu  gebarenne,  sich 
selber  zu  hütenne,  nüwes  gebet  zu  erdenkenne,  nüwe  Übung  zu  25 
vindenne  und  alle  wege,  da  er  vor  slichen  was,  zft  versetzen nc,  und 


1  aller  fehlt  bcghRs  U  2  daz  er]  der  b  iübrünsteklich  bg  wider 
feMt  Üz  4  si]  ist  gnU  5  denne  daz  ander  nlis  6  so  —  komet  fehlt  g 
8  dero]  so  der  8  so  dem  c  do  [der]  b  9  [denn]  nüt  ä*  ernüwert  hchmNsU 

10  schlipfrit  s         just]  wünsch  hR  11    aber  und  aber  und  aber  hgmnNsU 

daz  fehlt  hhnEsU  12  von  der  kraft  bchmNBsU  13  nüt  aber  gz  14  er- 
schricket  ghmNnBsU  dar  ab  ghmNB,  bloss  abe  sU  das  str.  hm  15  die 
em.  cmNsU  19  hertzklicher  tnNns         21  [her  abe]  ersuchen  b  26  vor 

verslichen  bchEU        versetz.]  versüssende  b  verzünen  U 

4  bis  Schluss  aussüglich  in  Brief  Habüabit  des  Kl  Bfb  (365,11—366,0). 
7  Der  Phänix  war  im  Mittelalter  beliebtes  Sinnbild  der  Auferstthung  und 
der  Unsterblichkeit  der  Seele,  vgl,  Lauchert,  Fhysiologus  JOff.  u,  ö,;  Konrad 
von  Megenberg  186  f;  Hugo  von  Langenstein,  Martina  87,36 — 88,67  (u.  dazu 
Germania  VIII,;i6ff.);  F.  Scholl,  Vom  Vogel  Ph.  1890,  8  f.  Über  die  M'eis- 
heiten  der  Schlange  vgl,  Physiologus  15 f,  174;  Martina  15,84 — 47,29. 


treip  daz  naht  udiI  tag,  nntze  er  in  dem  gßtlicben  ernst  nnd  hertzk- 
licheii  andabt  wider  erhitzet,  und  daz  nacbgende  dicke  vil  besser 
wart,  deune  daz  vorgeade  ie  wurde.  Und  begröp  denne  den  alten 
menschen  in  sime  bertzen,  rehf  als  ob  er  nie  wnrdi,  nnd  vaut  denne 

5  manigen  weg  sieb  zfi  hütent,  daz  er  vor  nie  gedahte,  und  wart 
also  ie  wiser  und  ie  wiser.  Und  so  er  aber  her  abe  kam,  so  vieng 
er  aber  an  als  ie  von  erst.  Also  mag  ime  nnzallicb  dicke  be- 
schehen  sin. 

Sich,  kint  mina,  daz  leret  in  die  ewigen  wissheit  durch  sant 

lüBernhardes  munt,  der  spricbet,  daz  dis  ist  daz  einige  piinctli, 
daz  da  scheidet  die  usei-welteo  von  dien  nüt  usaerwelten,  daz  die 
abegezelten  biibent  ligecde.  do  die  usserwelten  iemer  me  dar  wider 
uf  kerent,  wan  ein  alwent  stillestau  mag  nieman  in  zit  hau. 


XL  Brief. 
15  Audi,  Sli  ml,  disclpllnain  patris  tnil 

Also  «prichet  die  ewige  wiBzheit:  bSrent,  mine  lieben  kint, 
mit  kurtzen  worten  die  getrüwen  mannng  ilwere  vatters,  und  echribeot 
sft  in  den  grünt  üwers  bertzen  1 

Begerent   ir   luterkeit,   gottes   beimelichi  und  warer  volkomen- 

20  heit,   so  sont  ir  wenig  ussers  gewerbes  mit  keinem  kuniber  haben. 

Eine  sele,  e  sü  in  got  gefestnet  werde,   mag  als  rebt  libt  verierret 


1  tag  u.  naht  Jm  den  bcz  8  Und  big  SchlugK  fehlt  g  4  ob 

fchU  hmNgü  ö  und  ie  wiser  fthlt  bmN  Und  —  7  trat  fehlt  hStU 

9  lert«  b  10  ein  einiges  p.  hiti'  II  gescheidot  htd  daz  —  12  aeaerw. 
fehU  bhE        18  enmag  «        haben  r 

XL   Brief.     Utn.:     b  e  d  g  h  ni  X  n  U  »  n'  U  c.     In   gn:  fehU   die 
ameite  Hälfte  fvoii  438,13  an). 

16  lieben /eW(  6dj7        17  mainnng  s'f        l»  unA  fehlt  bg       20  usacw] 
uwers  b        kleinem  6        21  gef.  wirt  mNRd        reht  fehli  i 

3  f.    Vgl.  Eph.  4,22 ff.;   Kol.  3,9.     KlBfb  (365,30 f.)  deutlicher:   mit  be- 
trahtnnge  sinea  herzen  ho  begrflb  er  ite.  9 f.  De  gratia  ttUhera  arbitrio  c.S; 

iermo  1  in  Sept.  n,  1.  15  Spriehtc.  1^.  16  —  438,9  tberseheii  hat 

S.  Merimin  Mehl  überarbeitet  in  seinen  Tmlitat  von  den  drei  Durchbrüchen 
fjundt,  Hi»toiri  du  pantheigme  popiUaire  1875,  239,4—24)  aufgenommen;  vgl. 
Senißti  in  Zfda  !il,llSf.;  Strauch  in  Zfdph  24,335.  21   öw  Schlune  ent- 

spricht einem  Teil  des  Briefes  Habitabit  im  El  Itfb  (3tl6,7  bis  Schluss,  teils 
gekilrtt,  teils  vermehrli. 


438  Grosses  Briefbach.    XI.  Brief. 

werden.  Ich  han  nach  miner  wise  vil  gestudieret  und  vinde  nut 
neherS;  denne  daz  sieh  ein  mensche  wislich  und  ordenlich  allen 
dingen,  als  verre  er  mag,  entsage,  und  in  sich  selber  einen  weg 
mache  und  in  ime  selber  blibe,  —  wan  er  treit  hertzenvride  feile, 
der  sich  vil  ane  grosse  notdurft  usserkeit  git,  —  und  daz  sich  ein  5 
mensch  hertzklich  mit  got  zu  allen  ziten  vereine.  Und  dar  zu  h6ret 
stille  swigen  und  hoch  betrahten,  wenig  wort  und  vil  strenger  werk, 
swaz  got  einem  menschen  zä  liden  git  frSlich  enpfahen  und  aller 
menschen  gebresten  gedultklich  übersehen,  sich  von  allen  dingen 
ziehen,  nieman  vil  gelosen,  siner  sinne  hüten,  lützel  zites  und  worte  10 
ieman  geben,  niemans  uf  ertrich  denne  sin  selbes  war  nemen,  sich 
selber  under  got  und  nnder  alle  menschen  verdrucken,  von  allen 
menschen  wol  sprechen  und  sich  selber  vernihten,  gotte  fr61ich 
dienen  und  allen  menschen  ein  gfit  bilde  vortragen,  sinen  orden 
strenklich  halten,  sich  vor  dem  minsten  als  vor  dem  meisten  hüten,  15 
guten  lüten  heimlich  sin,  heilig  gebet,  andehtlg  betrahtung,  himel- 
scher  wort  voll  sin,  zu  allen  ziten  rehten  ernst  haben,  zu  allen  stunden 
nuwes  lichtes  oder  trostes  warten. 

Ach,  min  lieben  kint,  und  als  ich  üch  och  nu  bat  und  lerte,  do 
ich  bi  üch  was,  daz  sont  ir  tun,  und  sont  uwer  hertz  von  allen  zer-  20 
genglichen  dingen  brechen  und  sont  es  uf  zu  gotte  rihten.  Lügent,  wie 
gar  alles  daz  ein  nüt  ist,  daz  in  zit  ist !  Lügent,  wie  es  trüget  und 
lüget  und  lat,  so  man  es  wenet  haben !  Und  dar  umb,  so  sendent 
uwer  hertze  uf  zu  dem  iemer  werenden  ewigen  gut,  daz  da  niemer 
zergat,  so  gewinnent  ir  hie  ein  rüwiges  hertz  und  dort  den  iemer  25 
werenden  Ion. 

Legent  uwers  hertzen  minne  an  in  alleine,  der  do  alleine  daz 
gemint  hertzentrut  ist,  des  minne  do  alleine  die  sele  edelt,  wann  alle 
ander   minner  sint  ir  edele  berober.     Ach,  gedenkentj  wie  die  ge- 


1  han  —  und  fehlt  g  2 f.  in  allen  ^,  hU         3  als  er  verrest  ma^  z 

[in]  sich  s.  cd  4  [in]  ime  ss^  5  zu  usserk.  mNli  6  vereine  zu  a.  z.  hUs^ 
7  betrahtung  cdhmNnRs^  8  und  —  9  übers,  fehlt  h  10  losen  hss^  12  [under] 
got  dh  und  [under]  bdhmNRss^U  14 f.  sinen  —  hidtcn  fehlt  hcdhniNh'ss^U 
16  den  .  .  .  den  dhs  19  Ach  —  20  tön  fehlt  .v^  och  fehlt  dR         21  es] 

üch  b  Lüg.  —  22  zit  ist  fehlt  Rs^  22  f.  und  lüg.  u.  lat  fehlt  ch  24  hertzen 
dhRs.s^  ewigen  fehlt  hRss^         25  geruwiges  ss^hRc         28  do  fehlt  cmNs^ 

29  berobet  hmN 

12  sich  under  got  und  under  alle  menschen  verdrucken,   vfjl.  Marg,  Ehner 
20jl0  u,  die  Stellen  aus  Tauler  bei  Denifle,  Bvga  XXXIII, 


Grosses  Brief  buch.    Xu.  Brief.  439 

minte  minnerin,  die  liebe  sant  Angnese  in  so  zärtlich  minnet  und 
die  gpehen  valschen  minner  vernihtet!  Lägent,  bettent  ir  du  daz 
5ch  alle  uwer  tage  getan,  wie  fro  ir  nu  werent !  Waz  nu  gesebehen 
ist,  daz  ist  do  hin.  Flissent  uch  nu,  daz  ir  üch  von  allen  menschen 
5  scheident,  seleklichen  haltent  und  mit  gotte  in  uwerm  hertzen  zu 
allen  ziten  umb  gangent,  wanne  hie  mit  so  mügent  ir  daz  verlorne 
widerbringen  und  nuwen  bort  von  gotte  erwerben. 


Xn.  Brief. 

Nigra  suiii,  sed  formoss,  flliae  Jernsaleni,  sicnt  tabernscnla 
10  Cedar,  sicnt  pellis  Salomonis. 

Also  stat  geschriben  an  der  minne  bfich  von  der  minnenden  scle. 

Die  töbtren  von  Jerusalem  hatent  ein  angaffen  mit  einem  wundor 
her  Salomonis  usserwelten  frowen,  daz  sü  so  swartz  was  und  ime 
doch  wol  under  vierzig  und  hundert  frowen  die  liebste  was. 
15  Des  antwürt  sü  in  togenlich  und  sprichet  also:  „Nigra  sum 
etc.,  ich  bin  swartz  und  bin  aber  doch  lätselig  und  minneklich'', 
reht  als  ob  sü  spreche:  „mir  ist  lieber  ein  gnadrich  lütseligü  swertzi, 
denn  ein  schin  einer  gnadlosen  wis^i.** 

Ach,  nu  hftrent,  ir  sch6nen  töbtren,  waz  meinet  der  heilige  geist 

20  hier  inne?   Wer  ist  disü  swartzü  lütseligü  mörin,  die  dem  himelschen 

Salomon  so  reht  minneklich   ist?     Sehent,   daz  ist   ein  gotlidender 

mensche,    den  die  ewige  sunne  mit  grossem  bitterlichem  liden  eut- 

ferwet  und  mit  eime  lebenden  sterbenne  diser  weite  entstellet,   und 


1  Angnese]  Katherina  b      3  och  fehlt  bahlis^  U     4  ir  [üch]  b      7  Ameu  Rss^ 

XIL  Brief.  (=  Kl  Bfb  III).  Hss.:  b  c  d  g  g^  h  n  U  s  s.  In  g 
fehlt  ein  grosser  Teil  des  Briefes  (440,3—441,17  u,  441,:^9  bis  Schluss),  in  h 
ist  tr  zweimal  (Bl.  68*' u.  166*')  abgeschrieben:  die  Varianten  der  ztceiten,  un- 
vollständigen Abschrift  (bis  442ß  reichend)  werdtn  mit  b*  bezeichnet. 

9  filiae  —  10  Salom.  fehlt  gn         12  an  kaphen  s  [an]  kapfen  c,n        14 

vierzig  u.  h.  frowen]  sibenzig  künginen  g  15  gar  togenl.  sM         sprach  bdhn 

also  fehlt  hn          16  aber  fehlt  cg^hMsz  doch]  da  bi  z          17  ob  fehlt  dns: 

18  ein   schöner  schin   in  einer  gn.  w.  z  20   dar  inne  hl<s          disü]  du  bh 

21  so  rehte  mynneklich  gevellet  und  ist  s  22  f.  entv.  hat  gn 

1  f.    Vgl,  Lectio  IV  der  Matutin  vom  21.  Januar  nach  dem  Dominikaner- 
brevier; Legenda  aurea  ed.  Grösse  113 f.;  Hermann  von  Fritslar  67. 
9  f.  Hohtl.  1,4.  14  f.  Hohtl.  6,7 f 


440  Grosses  Briefbnch.    Xu.  Brief. 

aber  den  inneren  menschen  mit  gnadricher  minneklicher  lütselikeit 
kleidet.  Wer  ufiF  der  himelschen  beide  sich  ermeijet  bat,  der  ahtet 
n4t  vil  uflf  des  zitlicben  meien  wat;  oder  waz  sol  ime  rosenrot, 
vyol,  lylien  und  allerley  varwe  der  blümen,  so  sin  bertz  da  von 
in  keiner  wise  kan  gerfiwen?  6 

Min  kint,  min  kint,  war  zu  gibe  icb  dir  scb6ne  wort,  so  min  ogen 
Wassers  und  min  hertze  vol  füres  ist?  Und  daz  macbet  daz  lieplieb 
tSten,  in  dem  uns  got  in  diser  weite  vor  vil  andern  menseben  tötet. 
Acb,  minneklicber  got,  es  ist  libte  zfi  sprecbenne  und  libte  zu  boren, 
es  tfit  aber  als  gar  we  ein  gegenwfirtiges  enpfinden.  Kint  mins,  lo 
bat  unser  got  vergessen,  weis  er  uns  nut  lebent?  Owe,  scbSner, 
zarter,  truter  berre  von  bimelricb,  wes  bastu  gedabt  über  uns  ?  Wie 
mag  dine  bant  so  swer  sin,  und  din  bertze  docb  so  rebte  milte  ist ! 

Acb,   zarter  berre,   so   daz   manigvaltig  sterben   mins  bertzen 
und  libes  mit  mir  ringet,  so  zurnde  icb  gerne  mit  dir;  owe,  so  wider-  15 
stossest  du  es  mit  einem  versüsten  gedanke,  rebt  als  ob  du  sprecbest: 
„icb   tun   dir  nüt  zu   zürnen,   icb   tun  dir  zfi  minnen.     Lüg  in  die 
scbSnen  allicbeit   der  weite,   Iftg  an   daz   scböne  lebent  gemüre  der 
bimelscben  Jerusalem,   wie  die  lübtenden  klfigen  stein  der  stat  vor 
geverwet  sint  mit  liden,  die  nu  so  glentzent  sint!    Gedenke  ocb  an  20 
vil  diner  sunder  fründen,  an  den  icb  liden  sparte,  war  zfi  die  worden 
sint.     Wie  gescbacb  aber  der  lieben  sant  Elisabetben?   Paulus 
was  diser  weit  ein  binwerf,   Job,   Tobias,   David  giengen  daz 
selb   pfat.     Der  beiige  Atbanasius    leit,    als  ob   alle  disü  weit 
sinen  tot  gesworen  betti.     Log,  wie  alle  beiigen  eintweder  bertzen  25 
blut,  oder  aber  libes  und  bertzen  beint  gerert!" 

Herre,  dis  stosset  micb  rebt  in  mich  selber,  und  so  icb  gerne 
etwenne   einen   ungedultigen    gedank   betti,   so  erscbamen  icb  mich 
berlich  und  gedenke:  „owe,  wer  bin  ich,  daz  du,  geminter  alniehtiger 
herre,   mich   geriicbest   dinen   lieben   fründen,   dinen    zarten  heiigen  30 
glichen  ?   Ich  bin  doch  nüt  wirdig,  daz  du  an  mich  armen  verschulten 

2  sich  nac?i  Wer  bb*n  3  vil  fehlt  dnz  5  getruwen  (!)  s  ger. 

kau  hR         6  dir]  üch  z         dirre  schone  w.  ^:         7  so  vol  f.  Jtb*d  9  und 

[lihtc]  bb*h7i  10  als  fehlt  s  11  uns]  unser  bb*dhl{s  16  versussesten  hb* 
17  Log  —  18  weit«  fehlt  s  18  lebent  fehlt  bb*  19  vor  fehlt  bdhlis  vor- 
hin n  21  [an]  den  bcdhRs  22  Siber  fehlt  ?is  23  hinwerffen  ds  hinwerlfer  b 
hinvart  und  hinwerf  z  David  felUt  b  daz]  den  bn  24  Anastasius  (!)  d 
leit  es  als  ob  z  26  aber  fehlt  bb*n8  und  hertzeublüt  hb*c  31  nüt  glich 
noch  wirdig  z 

18  ff.  Vgl.  Apok,  21,10  ff.  22  f.  Zu  Paulus  vgl.  I  Kor.  4,13, 


menach<?ii  gedenkest.  Owe,  8ch6ner  herre,  m^ht  ich  aber  din  minne 
unil  dine  liebe,  din  zarten  süssen  heimolicbe  erwerben!  Eya,  herre, 
so  tode,  80  marter,  so  vertrag  mir  mit  uff  ertricb !  .Sieh,  herre,  wer 
ich  denne  der  zartest,  minneklichest  mensche,  der  uff  allem  ertricb 
5  lebet  nach  aller  M'irdekeit,  daz  müsse  an  mir  erdorren,  und  so  daz 
erdorroti,  ao  wöiti  ich,  daz  dennoht  tusent  audrü  mensebeu  uatür- 
lichü  blügende  schön!  ir  jungen  natur  in  minem  hertzen  und  übe 
erdorren  solti." 

Herre,  dis  spriche  ich,  so  ich  bt  mir  selber  bin,  owe,  mer,  so 

10  du,  geminter  schöner  herre,  bi  mir  bist.  Uerre,  ob  ich  aber  zfi 
allen  ziten  hier  inne  nibt  stan  nach  dem  gegenwärtigen  anblicke, 
dar  umb  ban  ich  dich  doch  nüt  verlorn,  —  morgent  und  abent  ist 
ein  gantzer  tag.  Herre,  min  verecbuUcs  leben  oder  aber  din  ge- 
niintes  usserwelen  hat  mich  vor  der  weite  entstellet.     Daz  si.    Sol 

IB  ich  daz  klagen?  Nein  ich,  gewerlich!  Herre,  din  kncLt  Paulus 
spricbet:  „geviele  ich  noch  dien  menschen  wol,  so  wer  ich  nüt  Cristi 
kneht."  Herre,  so  ich  sihe  min  antlit  bleichen,  minen  munt  dorren 
und  alle  min  natürlichen  lütselikeit  darben,  eo  gihe  ich  itlT  und 
lipricbe  also :  „Sieut  pellis  Salomonis,  daz  ist  der  usser  mensch 

20  des  geminten  zarten  Salomonis.  der  da  an  dem  kn'itze  erdarbet  und 
erdorret,  daz  er  einem  menschen  unglicb  wart.  Der  tret  her  für, 
der  sich  im  an  jcmerlicher  verworffenheit  muge  geliehen!  Herre, 
icb  trncke  min  antlit  an  daz  dine,  so  ist  es  als  gar  ungelich;  alles 
min  liden,  versmebt,  entstellung,  ersterben,  verworffenheit  verswindet 

26  als  ein  tröpfli  in  dem  mer.  Du  epnchest  doch:  Ego  sum  vermis 
et  non  homo.  Owe,  du  schöner  wurm,  versmehet  von  aller  diaer 
weite,  der  da  mi  lübtet  ob  der  snnnen  glantz,  der  dich  dicke  vor 
im  hat,  wie  mag  der  iht  klagen? 

„Herre,   ich  weis,  du  minnest  din  glich,   daz  ist  dir  catürlicb. 

30  Herre,  na  enweis  ich,   waz  hlmelrich  ist  denne  dine  minne.     Dar 


3  tode]  tfiD  Ä  er  natfirUl  warlerUchö  z  7  in  ir  .[.  n.  dz  8  sulü 
nach  minem  eig^ien  eopfioden  z  9  jner]  uir  bh'h  10  schöner  fehlt  e 
11  <IaT  iune  UR  13  morttena  und  abens  s  17  antlit]  nasze  g  19  um- 
erweite  s  20  zarten  fehl!  dy  21  Der  —  25  mer  ftlüi  g  23  als)  alles  * 
aber  als  6  24  veratelliiage  hlt  25  doch]  mich  sg,  felitt  du  30  [en] 
weis  dh«x 

4  ff.  Vffi.  Bdew  373,16 ff.  It  Kl  lifb  36bfi  deutUchir:  nit  glich  er- 
gebenliehe.- vgt.  Gr  Bfb  433,30.  15  f.   üal,  1,10.  Ifi  Hohtl.  1,4. 

25  f.  1'*.  Sl,7.  29  Vgl.  Kl  S/h  3SJ,S. 


J 


442  Grosaes  Briefbuch.    XII.  Brief. 

unibe  80  mache  mich  dir  glich,  es  si  sur  oder  süss,  es  sie  mir  liep 
oder  leit.  Herre,  min  zarter  truter  herre,  bin  ich  von  der  weite  hin 
geworflfen,  so  bin  ich  aber  von  dir  enpfangen,  wie  we  mir  denne 
geschiht;  bin  ich  der  weite  versmehet,  so  bin  ich  aber  dir  rainnek- 
lich.  Wel  ein  wehsei  joch  daz  ist!  Gista  mir  liden,  so  gistu  rair  ß 
aber  dar  umbe  dine  minne.  Owe,  minnekliches  liden,  daz  mir  die 
zarte  minne  mins  geminneten  herren  mag  bringen!  Under  daz  so 
wil  ich  mich  iemer  mit  frSlichem  mute  neigen.** 

Min  kint,  du  gedenkest  vil  lihte,  wanne  dich  got  als  vast  hat 
an  gegrififen,  war  umb  ich  mich  dir  gliche?  Des  soltu  nüt  ge-  lo 
denken.  Liden  sint  der  nature:  so  sü  ie  verborgener  sint,  so  sü  ie 
scbnidender  sint;  ieder  mensche  ist  ime  selber  der  nehste.  Dis 
spriche  ich  dar  umb  nüt,  daz  ich  ie  üt  gotte  genemes  liden  habe  ge- 
habet, wan  sol  mir  üt  gfites  von  gotte  widervarn,  daz  müs  von  der 
grossen  erbermde  sines  lidens  geschehen.  Doch  die  selben  liden  sint  15 
mir  dicke  so  nahe  gedrungen,  so  ich  sach  veltsiechü  menschen  oder 
meniger  leyge  in  grosser  versmehte  und  krankheit,  daz  ich  gedahte  : 
„owe,  herre,  wie  ist  dem  menschen  so  wol  wider  mir!" 

Dich  duncket,  daz  din  liden  grosz  si.  Ich  spriche:  gewerlich, 
und  wer  es  gottes  wille  und  solt  ich  vor  mir  han,  daz  ich  han  er-  20 
litten,  oder  din  liden:  löge,  wie  einer  nalden  spitz  si  gegen  einer 
Stange,  also  lihte  wer  mir  daz  din  für  disü.  Und  wie  sü  mich 
grosz  duhten,  so  hab  ich  es  doch  da  für,  daz  ein  einiger  tag,  in 
dem  du  es  willeklich  und  frSlich  lidest,  got  lobelicher  si  und  ge- 
nemer,  denne  waz  ich  gelitten  han.  Doch  solt  ich  dir  hie  von  nüt  26 
han  geschriben,  wan  daz  mich  die  götliche  minne  dar  zu  zwinget, 
daz  ich  min  ahsel  biite  under  dine  bürde,  daz  sü  dir  dester  lidiger 
werde. 

Kint  mins,   gehaben   uns  wol!     Wir  sint  nüt   allein  die  ver- 
smehten,  der  mer  teil  des  himelschen  hoves  sint  da  unser  gesellen.  30 
Sint   wir   den   lüten  unnütz:   daz   widin   holtz  ist  unfruhtber,    man 
machet  aber  gar  schöne  lütseligü   bilde  dar  us,  dien  nie  eren  wirt 
erbotten,  denne  den  hohen  zederbomen.     Nemen   unser   glichen    her 

4  versmehte  nz  5  wel]  wol  bb*      7  zarte  fehlt  z       herröii]  hertzeu  hd 
9  du  fehlt  z      hat  also  vaste  bs       10  nüt]  mir  b^  fehlt  hU       11  iemer  verb.  z 

13  gotte  fehlt  dhsz  lidens  z         16  vil  sieche  menschen  (!)  b         18  ho  rehte 

wol  bd          21  nolen  s  si]  ist  ?«,  fehlt  s          22  daz  fehlt  s          23  duht<»  s 

24  gfewilleklich  bds  24  f.  genemer]  gemeiner  z         26  twang  h         27  liliter 

shyiK         29  wir  uns  b  sint]  sten  hR        31  widin]  wild  g^hR         32ere  hns 
33  glich  nRs 


für  und  eikosen  uns,  laesen  uns  reht  wol  sin!     So  arme  dürftigen,  j 

die  in  huDgersnot  sint,  zu  Bamea  koment,   so  gewinnent  sü  etwenn  , 

ein  kiirtzewile,  daz  sü  ires  huugers  vergesBent. 

Acb,  kint  mins,  ich  mÜB  dii-  eins  sagen,  daz  du  enklein  dester  I 

5  bas  dines  lidens  vergessest,  und  eolt  du  es  heimlich  hau.  Lüge, 
ea  gesehach  eins  moles,  do  was  icli  in  grossem  versmehtem  liden, 
nüt  von  miner  persone,  es  was  von  auder  menschen  person.  Do 
sasz  ich  in  der  zelle  und  saeh  einen  hunt,  der  lieff  enmitten  in  dem 
krützgang   und   tans   da   ein   ffistäcfa    umbe,   und   warf  es  dennc  iif 

10  und  warf  es  denne  nider.  Also  ereüfzet  ich  gar  innekÜch  und  B]irach  : 
„gewerlicb,  herre  von  himelrich,  reht  also  bin  ich  in  der  brüder  munde 
als  daz  fÖBstöeh."  Also  gedaht  ich:  „nu  nira  eben  war:  dax  ffls- 
töeh  lat  sich  handeln  deu  hunt,  wie  er  wil,  er  werffe  es  hoch  oder 
nider  oder  er  trette  dar  nff,"   —  gedaht  ich:    „also   soltn   och   tön; 

15  man  böte  dich  hoch  oder  nider  oder  man   vcrspßzze  dich,  so  solt  i 

du  es  in  einer  biliichi  uff  nemen  als  daz  tilch,  ob  es  k6nde  sprechen." 
Und  nam  daz  fiistfich  und  leite  es  iu  min  keppelin  nebent  minen 
stftl,  da  ich  es  dick  mit  ussern  und  mit  innern  ögen  an  siehe,   wie  . 

min  hovertig  herEze  doch  nie  dar  umb  teti,  als  es  billicb  sfilti.    Ich  | 

20  wolti  dir  es  ban  gesendet,  daz  dir  din  liden  dest  lidiger  wer  gesin,  I 

so  ist  es  mir  als  rehte  liep,  dax  ich  es  nüt  von  mir  mag  gelan.  I 

Na,  min  kint.  hab  dinen  mät,  heud  und  ögen  uff,  und  lobe  den  1 

geminteo  vattcr  getrütich  und  enpFach  sin  süssen  vetterlichen  scbüssel 

2  äi«  fthh  hlt  4  ein  kleiuca  b»  ein  wenig  Uc  4  f.  dester  ba« /<A'(  a 
8  in  (eiceitt»)]  vnder  Rs  durch  t  9  tantzet  i:  tausKel  fl  zauHot  s'  denste  n  dn'ig  h 
da  /MÜ  cdh  denne  —  10  ea  fihlt  k  U  reljt  fuhll  U-dit  bröderl  meu- 
achm  g'hUs      12  mi  fehlt  bilhnR      13  oder]  er  werf  es  i      14  da  ged.  ich  dÄ  I 

Kolt  öch  e  Holt  oueh  du  li       15  verspACze  b  verspnt  hli  spot  du       17  kaplin  s  I 

c&'^QÜt  cd;/' hH  zene.  n      17 1.  neh^at  m.  ntt\  fehlt  lU      IS  ich  fehlt  b      a  fehlt  s  i 

19  gedcte  .V        21  gelan  mag  e        22  hant  dhHv         23  herren  und  vatter  ne  | 

Hiuen  vetterl.  anssen  aliisscl  (!)  n  1 

6CF,    Vgl,    l'ita  ÖHfiff.  dientVte   Erz/Ihluni/   etwas  gekam ;   Ampirlungtn  1 

darauf  Kl  Bfh  36H^il  «.  3Gti,Sr ff.;  Gr  Bfb  iäl^Hf.    Du  ÄdrcMatin  de»  Briife»  ' 

Nigra  ttum  ist  alhm  nach  Eltbelk  Slagtl,  trflche  dif  Gnehiehte  in  die  Vita 
aufnahm.  9  tans  von  dintrn,  dmnin,  tenten,  gnraltsam  tsiehett,  seMeppm 

(Lej:rr  I,  436 f.).  17  keppelin  ist  hier  Dänin,  von  kappel  =  Meine  Kapäle, 

nicht  von  kappt  (Mantel  mit  Kapuse),  «gl.  Schwtierrischea  Idiotikon  III,3SZ 
(Chä}iptU)  u.  Schmrtter  r',12ti9.    Ühtr  tieusef  Kapelle  ».  Vita  17,JB.-  60,1;  103,14. 
19  f.   Übi'r  die  Sitte  der  Gotttgfrrtinde  und  -l-'reundinnen,  emandfr  Gttchmke 
la  macht»,  vgl,  Strauch,  Marg.  Eliiter  LXIIIf.  23  Bchössel    Das  Leidiii 

vird  mit  tintm   Gerichte  der  himwliavhen  Tafel  verglichrn. 


iJ 


444  Grosses  Briefbuch.    XTTT.  Brief. 

frölicb,  wan  dar  nach  gat  nüt  anders,  denne  sin  minne  und  sin 
heirnelichi  in  zit  und  iemer  werende  fröde  in  iemer  werender  selikeit. 
Amen. 

XIII.  Brief. 

Absalon,  Ali  mi,  Ali  ml  Absalon,  qnls  mihi  det,  ut  ego  moriar    i 

pro  te! 

Owe,  kint  mins,  min  hertzliebes  kint,  wer  git  mir,  daz  ich 
für  dich  sterbe?  Wer  git  einem  getrüwen  vatter,  daz  ich  für  min 
liebes  wolgeratens  kint  sterbe?  Stirbe  ich  nit  liplich,  so  stirbe  ich 
aber  geistlich  mit  dem  geminten  kinde  mins  hertzen.  Ach^  min  kint,  ic 
ich  bin  liplich  verre  von  dir,  aber  min  hertz  daz  stat  vor  dinem 
bettlin,  da  du  list  in  grosser  krankheit,  und  mit  vollen  ogen  und 
bitteren  trehen  klaget  dich  min  sele,  wan  ellü  minü  inrekeit  ist  be- 
^veget  in  bitterkeit  von  dime  liden. 

Min  kint,  min  liebes  kint,  büt  mir  diu  haut,  und  sie,  daz  got  is 
über  dich  gebiete,  so  bis  veste  an  dem  tode  und  bis  stete  nach  dem 
tode,  wan  wissist  für  war,   daz  ich  dir  nu  erst  rehte  trüwe  wil  er- 
zögen.    Die  kint  diser  weite  die  hein  liep,  untz  es  dar  an  get,  und 
denn  lant  sü.     Also  get  es  uns  nüt:   ich  enpfach  dich  erst  zu  eime 
kinde  und  trag  dich  für  minen  lieben  herren  und  sprich  also:  „ach,  2C 
hcrre,  erbarm  dich  über  min  kint,  tö  im  gütlich!    Herre,  gewerlich,  es 
mag  anders  nit  gesin:   herre,   eintweder  verwirflf  mich   mit  mineni 
kinde,   oder  enpfach   aber   min  kint  mit  mir,   und   tu  im  vetterlich 
an  diser  stund,  wan  ich  neig  sü  in  die  tiefen  wunden  diner  grund- 
losen erbarmhertzikeit,  in  der  sü  von  allem  mittel  gentzlich  gelütert  2E 
werde.  ** 


1  frolich  fMt  z  3  Amen  felilt  chz         späterer  Zusatz :    quod  nobis 

concedat  ille  qui  pasaus  est  pro  nobis  (vgl.  Zfcla  21^111)  mN 

XIIL  Brief  (=  Kl  Bfh   VI).     Hss.:    c  d  h  n  B  s  r. 

5  fili  nii  nur  einmal  cz  7  min  (mins  c)  hertzen  kint  chB  [min]  hertzeu- 
kint  ds  daz]  da  ä  8  git  mir  dz  einen  sz  9  liebes  und  w.  r  10  aber 
doch  ß  12  list]  bist  cdhBs  13  so  klaget  z  sele]  hertz  hB  innickeit  JiB 
13  f.  bewegen  z  15  sie]  ist  B  ist  h  ist  es  dn  15  f.  daz  es  got  geb.  über 
dich  r  16  und  —  17  tode  fehlt  cns  stete]  veste  z  22  sin  z  du  ver- 
wirff  dhBs  23  ald  du  enpf.  dz  oder  aber  du  e.  hB  aber  —  mir]  mich  mit 
minera  kind  nhB        vetterlich]  gutlich  hB        25  der]  dem  s 

5  //  Kön.  18,33.  7  ff .    Vgl.  die  Einleitunfj  im  Kl  Bfh  (378,^2). 

18  dar  an  =  an  das  Sterben, 


I  Briefbuch.    XIH.  Brfdf 

Owe,  znrtos  min  kiot,  wan  wer  die  Btnnd  komen,  daz  ieb  mit 
dir  solte  varn!  Owe,  langes  beiten,  wie  tftstu  so  we!  Owe,  eilendes 
jamertal,  wie  lang  sol  icli  bi  dir  ein!  Eya,  bimelscbei»  latit,  wonn 
will  du  mir  g:nade  tun  V  Geeach  üch  got,  die  ietze  da  siot  oder  die 
5  ietze  nff  eitne  uabec  wart8pil  sint!  Die  aol  nieman  weinen,  sü  eo! 
oiemHü  klagen,  wan  klage  denn  von  jamer,  ocli  bald  dar  ze  koinen, 
Owe,  Ifig,  waz  Jamers  in  diser  weit  iet,  waz  lidens  und  atigst  liie 
iet!  Uod  wer  nüt  me  denne  ein  einzige  vorhte,  in  der  ein  menscb 
müEs  stan,   und  die  jeroerlich   wandelberkeit,   uns  sölti  da  hin  be- 

10  langen.  Die  weit  ist  also  vol  atriken  worden,  daz  er  es  wo]  mCts 
künuen,  der  dien  mag  endrinnen.  Nieman  sag  mir  von  Icne:  e  dnz 
man  ietze  einen  Ion  verdiene,  wan  ist  e  in  zehen  schulden  gevallen. 
Er  bat  lones  übrig,  owe,  der  daz  minneklich  zarte  antUt  des  scfaöneu 
berren    iemer   echowen    boI    und   id    der   lieben   geBellschaft  sin  sol. 

In  Tat  die  stunde  des  lodes  we  und  ist  bitter,  so  müsz  es  doeh  neis- 
wenu  sin.  Oder  wart  ie  kein  mensebe  so  zart  oder  so  here,  daz 
der  stunde  über  wurdi?  Der  denn  hiit  unbereit  ist,  der  mag  morne 
vil  unbereiter  ein:  ie  elter,  ie  zeber.  Man  vindet  vil  me,  die  sieb 
dar  nach  bösront,  denn  die  sich    bessront.     Ist   sine   gegenwürtikeit 

■M  bitter,  so  macht  er  5ch  aller  bitterkeit  ein  ende. 

Dar  umb,  -  zartes  min  kint,  so  ribt  din  hertze  und  bend  und 
ögen  uff  bin  in  daz  lieb  vatterlant  und  grüsae  es  mit  begirde  dines 
hertzen,  und  welle  es  got,  so  welle  5eb  du.  Sieb,  er  ist  ein  als  rclit 
guter  berre:  die  minste  wunde,  die  er  ie  erleit,  versoffti   in  ir  tiefli 

25  und  verswaint  tusent  totsünde  als  eine,  der  es  an  rAwiger  girde  an 
in  kan  gesftchen.  Furcht  dir  nftt,  bis  vest  an  dime  gel5ben,  so 
kau  dir  mit  gescbaden.  Got  der  wil  und  latis  für  dich  stnn  und 
alle  dine  wunden  enpfaben. 

Min  kint,  und  so  du  für  den  ^'eminten  };ot  erst  kumest,  so  bit 

1  f.  8Ölt  mit  dir  i  3  lebtn  und  lunt  e  i  oder  —  B  sint  /rliU  hR 
4f.  oder  die  jocb  ietae  *  6  wnu  weine  und  klage  r  7  waz  lid.  —  8  ist  f'hlt  d 
8  emzige]  einUige  n  ringe  da  9  f.  gelangen  s  10  also  fthll  e  II  dien] 
deone  ha  äa.  d  12  einen  loa  ietze  dliMa  ist  [e]  dliRa  schult  dhüa 

13  owe  fehlt  HR  14  der]  des  *  15  f.  etwen  b«H  16  here]  edel  hR 

17  überig  hR  unbereit]  bereit  r  18  ye  elter  ,ve  heiter,  je  reicher  je  karger  n 
Willi  man  t.  *  20  öch  wol  z  ein  fehlt  Ra  22  girde  '/*  23  ala  ein  g 
24  gät  bertie  s  Terkufte  *  besenfit  c  llberBoffti  c  25  verswant  »  v«- 

Bwendet  cdhS  girde]  bcgerden  erfn  genad  hR  genaden  a  26  im  cdRa 

BÖcheti  dhRa         dir]  dich  cdRa        rebt  ntt  s         27  für  fehlt  s 

8  Kl  Bfb  äSO.9:  vorbt  libes  und  «ele.  19  sine  =  des  Todes. 

=   Christas. 


A 


446  Grosses  Briefbuch.    XTV.  Brief. 

für  dinen  getrüwen  lieblosen  geistlichen  vatter  und  über  dinü  geist- 
liehu  geswistergit.  Ich  bitt  alles  himelsch  her  und  die  lieben  engel, 
daz  s&  din  wiser  und  leiter  sien,  und  ob  ich  dem  geminneten  gotte 
ie  keinen  dienst  getete,  daz  es  dir  ze  statten  kome.     Amen. 


XIV.   Brief.  i 

Exultet  iani  angelica  tnrba  celorum! 

Do  der  lichte  morgensterne  heiterlich  durchbrach  die  leiden 
Yinstri  dins  dunckeln  hertzen,  do  wart  er  frölich  ^egrüsset.  Ich  hüb 
uf  an  der  lieben  stunde  mit  schalle  eine  frödenriche  stimme,  daz  es 
in  der  höhi  erklang:  „ach,  got  grusse  dich,  praeclara  marisic 
«tella,  got  grusse  dich,  ufgender,  lichtender,  wunnenklicher,  zarter 
morgensterne,  von  dem  grundelosen  gründe  aller  minnender  hertzen !  ** 
Ich  reissete  die  gesellen,  daz  sü  schallichen  den  glentzenden  morgen- 
sternen  griiztin,  owe,  ich  meine  die  süsse  küngin  von  himelrich,  die 
mit  iren  usbrechenden  fürin  blicken  din  timber  hertze  hat  erlühtet,  u 
nach  dem  als  ich  an  sü  togenlicb  komen  was.  Min  hoher  müt 
enbot  ein  fries  loben  in  daz  himelsche  laut,  und  bat  die  hellen  cal- 
lander,  die  süssen  lerchen  der  himelschen  beide,  daz  sü  mir  hulfin 
rümen,  loben  und  prisen  den  herren.  Ich  hüp  uflF  min  ogen  mit  einae 
vollen  hertzen  und  sprach  also:  2( 

„Exultet  iam  angelica  turba  celorum!"  Waffen,  got! 
gewan  ich  ie  leit,  daz  verswant  do;  die  guldin  tage  hattent  mich 
umbgeben,  ich  wonde,  ich  swebti  in  dem  meiental  der  himelschen 
fröden!  Ich  sprach:  „fröwent  üch,  ir  werden  engelschar  der 
himelschen  5we,  jubilierent,  springent  und  singent  umb  die  frölichen  2{ 
mere,  umb  die  lieben  botschaft!  Lügent  alle  mit  wunder:  der  junger 
sün  ist  wider  komen,  daz  verlorn  tote  kint  ist  funden,  ach,  daz  tote 


1  liebl.  fehlt  s  über]  für  cdhn  2  geswister  dhs  3  und  din  1.  cds 
4  es]  er  z        Amen  fehlt  cz 

XIV,  Brief  (=  Kl  Bfh  V).     Uss.:    c  d  h  n  s  z. 

9  frodenr.]  ffoliche  h  11  [lücht.]  mynnenklicher  s  zsiTter  fehlt  hnz 
13  reysze  zh  16  irem  nz  blikkende  zd  timber]  tumbes  dhs  17  f.  die 
i.  call,  fehlt  hs  18  süsse  leriche  hs  hulflFe  hs  19  und  loben  s  prisen] 
eren  z  mit]  in  s  20  also  fehlt  cdz  22  ie  fehlt  ds  23  ich  w.  —  24  froden 
fehlt  d      24  engelscharen  z       25  umb  —  26  mere  fehlt  cdhs        27  ach  und  s 

6  Anfang  des  hei  der  Weihe  der  Osterkerze  gesungenen  Hymnus, 
7  ff.    Vgl  die  Einleitung  im  Kl  Bfh  (373,6  ff.).  26  f.    Vgl.  Luk.  15,24. 


Bsse«  Briefbueh.    XIV,  Brit 

liep  ist  wider  lebent  worden !  Der  aller  natürlicheBt  jB^eblümt  iiDger, 
da  daz  vich  uff  gesla^'CD  was  und  verwüstet  wbr,  begionet  in  über- 
natürlicher BcboDheit  wider  schinen,  daz  rieh  ist  ds  getriben,  die 
schönen  blömen  beginnest  schon  ufT  triiigen,  daz  tor  ist  beelogsen, 
5  daz  eigen  ist  üch  wider  worden.  Dar  umb,  ir  himelschil  eeitenspil, 
teichent  ücb,  macheut  uff  einen  iiuwen  reven,  daz  man  es  inuan 
werde  in  dem  hinielscben  hofe,  daz  da  kein  gaese  si,  si  werde  ain 
vol!  Fröwent  üch  so  vil  dest  nie,  wau  der  minnegätin  fro  Venus 
ist  ir  hertze  berSbet,   ir  fi!irneaies  Bumerliches  krentzli  ist  ir  ab  ge- 

lü  sprnclien,  ein  frodeberendes  epil  ist  ir  erstumbet. 

„Eya,  valscbe  weit,  eya,  triegendu  zergenglicbü  minne,  ^aug  in 
tniren,  tfi  din  hopt  nnder!  Wer  wil  dich  nu  prisen?  Mit  wem 
wiliu  es  nn  in  so  hofenlicher  lütselikeit  vorganV  Din  gemeiter 
leitslap  ist  dir   nnder  getan,    er  ist  worden  ein  ansihtiger  g5tlicher 

15  leitstap.  Des  fr&wen  sich  die  himel  alle  und  alle  gdtliehü  minnendä 
bertzen  sprechen:  Gloria  tibi,  Domtne,  umb  du  grossen  wunder, 
die  du,  herre,  allein  winkest  in  so  manigen  sündigen,  helfflosen, 
verzwifleten  herzen. 

„Ach,  schöner,  gewaltiger  herre,  wie  rehte  Bchoo  nnd  tninneclich 

211  du  siest  in  allen  dinen  geteten,  so  bistu  doch  aber  neiawie  tusentvalt 
miiinekliclier  und  lobelicber  in  uns  armen  sündigen  menschen,  die 
du  also  gar  nnverdienet  gerfichest  zu  begnaden  nnd  zu  dir  zh 
ziehende,  Herre,  es  gezinit  dir  ob  allen  dinen  werken  als  reht  wol, 
es  stal  diner  grossen  güti  also  rebt  zimlich.     Owe,  du  minnekliches 

2ö  grundeloses  gQt,  da  in  dem  werk  spaltet  der  stählin  berg  diner 
strengen  gerehtikeit,  da  zertät  sich  uff  wite  din  grundelosü  rer- 
borgnu  erbarmhertzikeit, 

^Tretent  hüt  zä  mir.  ellü  menschen,  die  got  also  minneclich 
begnadet   hat,   und    lant  uns   minnen,   scboweu   und    loben  daz  gut, 

30  owe,  daz  grundelose  gut  ansers  berren  und  niilten  vatters !  Eya, 
geminter  got,  lüge  ein  wunder:  die  hertzen,  die  vor  nmbviengen  den 
mist,  herre,  die  minnent  und  nmbvahent  dich  hüte  mit  grnnde- 
loser  begirde;  die  gester  waren  verkererin,  die  sint  hüte  diner  süssen 


2  der  beginnet  hn  8   frowent  —  10  erstumbet  ffhlt  d  9  Jiertze] 

hört  '  10  frödebrinnoudes  s  11  Eja  t,  weit  fehJl  dhs  II  f,  g&ag  in 
tniren/«Mf  tdli*  I^-IB  liechtatal  n  17  sündigen /eUt  »s  20  giost]  sitzest  t 
neiswie  fehJt  dh»  26  da]  das  s  26  f.  verborgnö]  göttliche  ctüw  29  das 
g6t  /Ml  ! 

8  f.    Vgl.  oben  435.4. 


J 


448  Grosses  Briefbuch.    XIV.  Brief. 

minne  wise  bredierin.     Herre,   es  ist  ein  wunder  und   ein   lustlicb 
ding  zu  hören:   die  vor  von  Zartheit  sich  selber  kum  getragen,  die 
brechent  nu  in  selber  ab  und  vindent  nuwe  fünde  grosser  stren^heit 
und   minneklicher  übnnge  in  dime   lobe^   daz  sü   sich  Interlich  mit 
dir  gesünen.    Den   ir  eigen  lip  ze  liep  was,   den  ist  er  worden  ein    i 
frömder  gast;   die  sich   vor  vinlich  uflF  mahtent,  wie  sü  der  roinne 
gelagetin,   die  bergent  sich  nu,  daz  sü  gotte  wol  gevallen;  die  vor 
in  zorne  warent  als  die  grimmen  wolfe,    die  sint  nu  an  übersehen 
als  die  swigenden  lembeli.     Owe,    die  da  vor  bwarlich  gelestet  und 
gebunden  waren   mit   stehelinen   reiflfen  in  trurekeit  und  in   swer-  k 
mütikeit,   owe,   milter  herre,   sich,   die  swingent  sich  nu  frilich  und 
frölich  ob  alles,  daz  ertrich  geleisten  mag,  in  wolgemflter  friheit,  sü 
floierent  frilich  gefriet  in  daz  himelsche  vatterland;  sü  wundret,  daz 
sü  ie  so   blint,   so  sinnelos   gegen   der  vinstern   naht  der  valschen 
minne  mohtend  werden.  IC 

„Herre,  daz  ich  hie  vor  läss,  daz  han  ich  nu  enpfunden:  so  daz 
liplich  zft  dem  ^geistlichen,  daz  natürlich  ze  dem  ewigen  geratet 
daz  ein  grosser  funk  diner  gnadrichen  minne  dar  us  wirt.  Eya 
ewigü  wissheit,  dis  ist  die  Wandlung  diner  rehten  haut,  zartü  frow 
von  himelrich,  daz  sint  die  werk  diner  grundlosen  miltekeit!'*  2( 

Nu  höre  och,  min  kint,  waz  ich  und  du  und  unser  glichen 
gegen  dem  geminten  gotte  tun  sond.  Wir  sollin  hinnan  für  also 
leben,  daz  uns  uieman  got  muge  uflF  gehaben;  wir  söllin  tön,  als 
ob  ein  edel  künig  sine  küchidirnen  satte  über  sin  efrowen:  owe, 
wie  dankberlich  die  dirne  den  herren  umbvienge,  wie  trutlich  sü  2c 
in  minnete,  wie  hertzklich  sü  in  lobete,  und  so  sü  sin  ie  un- 
wirdiger  were,  so  er  ie  wirdeclicher  von  ir  geminnet  wurde!  Wir 
söllint  reht  den  Intern  unschuldigen  gottes  gemahlen  für  bieten. 
Tünt  sü  ime  eins,  so  süln  wir  ime  zwey  tön,  minnent  sü  in  ein- 
valtklicb,  ach,  so  süln  wir  in  tusentvaltklich  minnen.  Lügent,  reht  30 
alle  die  wise,  als  wir  hie  vor  in  unsern  tumben  tagen  uns  flissen, 
daz  wir   sunderbar   stunden   in  aller  klükheit,   daz  wir  ellü  hertzen 


1  lustig  hz  5  versünen  sc  6  uff  felilt  s  7  gekla^eten  s  8  als 
—  10  stehe],  fehlt  d  grimmen]  üblen  z  8 f.  an  übers,  nadi  lembeli  z  9  [da] 
vor  hns  11  swigent  [sich  nu]  z  11  f.  und  frolich  fehlt  cds  12  allem  h 
allein  s  13  florierent  chz  lant  dh  22  gotte  fehlt  z  Wir  —  23  ge- 
haben fehlt  hs  23  och  tun  z  24  sine]  ein  nz  satte  —  25  herren  fehlt  z 
25  trureklich  (!)  s  27  von  ir  fehlt  8  dur  minnet  z  28  vor  bieten  es 
32  sunderberlich  s 

17  f.  Vgl  Benifle,  Bas  geistl.  Lehen  468.  19  Vgl  Ps,  76,11  u.  Bernardus, 

EpisU  109  n.  1. 


artNMoa  Briefbncti.    XIV.  Brief. 

zd  uns  ziigin,  also  sSUint  wir  nu  naht  und  tag  dar  uaiih  studieren, 
wie  wir  ellü  hertzea  gehessern  und  got  nsgenomeDlich  vor  andern 
menschen  wot  gevallent. 

Ach,  kint  mins,  gedenke,  in  dien  toben  tagen  wie  tet  uns  so 
6  reht  wol,  so  man  uns  sunderlich  mtnaete  und  meinde.  des  wir  wanden, 
—  owe  wie  rebte  wol   uns  wirt,  so  uns   na  daz  gemint  liep  wirt 
sundertieh  minnende  und  meinende! 

Ach,  kint  mins,  gedenke,  wie  rebte  aur  es  erarnet  wirt,  daz 
wir  etwenn  von  rebter  vorhte  lützel  kein  kurtzwil  da  von  mohtin  ge- 

10  haben!  Acb,  dar  nmb  ist  billieh,  ob  uns  dis  och  etwenne  vil  sur  wirt. 
Lbge,  kint  niina,  eines  dings  de?,  beger  ich:  daz  du  Inte,  die  sin 
nät  enpfunden  hant,  daz  die  wennent,  daz  es  vil  nie  kurtzwile  bringe. 
denne  es  tllt.  Owe,  kurtzea  üep  uud  litnges  leit!  Owe,  got,  wan 
hettin  eü  din  nuwen  ein  vil  klein  enpfunden,  wan  hettin  sü  nuwen 

15  ein  vil  klein  an  gebissen  1  Gedeucke,  min  kint,  wie  reht  tobe  bü 
sint;  SU  wennent,  daz  nieman  wol  so,  denne  der  mit  dem  roten 
ftsse  an  dem  krumben  nngel  gelAdert  ist.  Aeh,  ewigü  wiszheil, 
minnekliches  liep  ob  allem  liebe,  wan  sebin  dich  ellü  solichu 
liertzen,   als  dich   min   hertz   siht,    so   zerstubi   in    in   ellü   zergeng- 

20  lichü  liebi!  Herre,  mich  kan  niemer  verwundren,  swie  frömde  es 
mir  öeh  hie  vor  was,  daz  kein  grundelos  minnendes  hertze  in  icht 
denne  in  dir,  tieffe  wag,  grundeloses  mer,  tieffes  abgründe  aller 
minneklichen  dinge  gelenden  mag.  Herre  min ,  min  schönes  liep, 
war  umb  zögeelu  dich  inen  nüt?     Löge,  ewige  wiszheit,   wie  die 

25  valsehen  minnerin  tfind:  swaz  uniütseliges,  ungestaltes  and  gebrest- 
hafk'a  an  in  ist,  daz  bergent  eü  genote,  herre,  heint  sü  aber  icht 
düplicher  gestifter  Bch&no  oder  lütselikeit,  daz  bütent  sü  her  für. 
Denn  tönt  bh  läse  Sgenblicke,   denn   r5tent  sü  den  bleichen  munt. 


1  uch  ulso  h»  dur  uff  r  2  gebosBregint  s  und  —  3  gefall,  ff  litt  tl 
5  wanea  «  61.  aunderücb  wirt  f  0  kein  frhlt  line  10  nucli  dis 'i  Hwie  s 
11  eio  ding  cdh«  13  ^ot  frhlt  eilhs  14  nuwtn]  iiütwati  (ziftimal)  z  ein 
vil  eiu  kleiü  t  enpf.  —  15  klein  ffhU  »  IB  lil  du  klein  2  16  f,  der 
r.  am  g  17  den  kr.  a.  cht  18  ob  a..  liebe  ffhlt  cdhx  19  «erstnbi]  ver- 
ging dh  in  in  feMi  z  20  enkan  cdg  erwiiudern  n  21  ocb  fehll  e 
•2b  valsche  m.  ifit  «A  26  f.  und  unge bresthaftes  «  "iß  axt  [in]  i  begerent  bA 
licli  gen.  M      üS  Denn  *-  460,3  vergiengi  fehlt  h»       denn  rot  —  munt  fehlt  cd 

2B  Kl  Bfb  (377,11)  gehreiht  Stase:  minner,  und  littst  das  DfUitl  (Z.i^ff.) 
wtg.  28  f.    Sehon  BerthiAd  von   Uegemburg   (I,4t4,2mi    tadelt    die  SilU 

dcM  Sehminkena,  noeh  melir  apälera  Prediger,  vgl.  L.  Kotdmann ,  Oegundheitf 
pßrgr  im  Miltdalltr.    kulturgvch.  Studien   nach  I'i-edigttii   des  13.— 16.  Jnhrh. 

i8S'i,  mff. 


450  Grosses  Briefbuch.    XIV.  Brief. 

denn  färwent  8u  die  uDgestalten  wengel,  denne  sussrent  sä  die 
kruroben  wort,  den  bietent  sü  ber  für  die  gezwagnen  hende,  und 
were  in  leit,  daz  lebt  an  lieb  were,  daz  liebes  ogen  vergiengi;  und 
so  sü  es  bin  und  her  getribent,  owe,  so  sint  su  nüt  anders  denne 
ein  sak  vol  mistes.  So  gedenk  ieb:  owe,  der  dir  nuwan  die  obern 
hui  ab  zugi;  wie  sich  denne  die  warheit  in  dir  erzogti;  wel  ein 
Untier  man  an  dir  sehi!  Owe,  aber  du,  gemintes  liep,  ewigü  wisz- 
heit,  du  verbirgest  din  gemintes  und  zögest  din  leides,  du  zögest 
daz  sure  und  behaltest  daz  süsse.  Owe,  gemintes  zartes  liep,  war 
umbe  tüstu  daz?  ] 

Ach,  geminter  herre,  erl5be  mir,  lasse  mieh  sündigen  menschen 
ein  einig  wörteli  zu  dir  sprechen,  gewerlich,  herre,  ich  enmag  sin 
nüt  enbern.  Owe,  gemintes  liep,  wanne  hettist  du  mich  liep!  Ach 
herre,  hastu  mich  liep?  WaflFen,  wan  were  ich  din  liep!  Owe, 
wennet  ieman  uff  allem  ertrich,  ob  mich  der  geminte  herre  liep  habe?  ] 
Min  sele  einredet  dar  nach,  owe,  min  hertze  ruret  sich  in  mime 
libe,  so  ich  gedinge  habe,  daz  du  mich  liep  habest.  So  es  mir 
in  minen  mAt  knnt,  ach,  so  wirde  ich  so  rehte  frölich  gestalt,  alles 
daz  in  mir  ist,  zerflüsset  von  rehten  f roden,  Lüge,  herre,  hetti  ich 
Wunsches  gewalt,  so  were  daz  aller  höhste  und  begirlichest  und  s 
lüstlicbest,  so  min  hertze  und  sele  erdenken  köndi,  daz  du  mich 
snnderlich  liep  hettist,  ach,  owe,  und  daz  du,  truter  herre,  ein  sonder- 
lich minnekliches  liebsehen  uff  mich  hettist.  Ach,  wie  wol  mir  denn 
were!  Lügent,  ellü  hertzen,  were  daz  nüt  ein  himelrichV  Herre, 
dinü  ogen  sint  lühtender  denne  der  liebten  sunnen  glantz ,  owe,  din  s 
süsser  reiner  munt,  dem  der  liepliche  wirt  kunt,  dinü  lieht- 
berenden  wengel,  dinü  schöne  gestalt  ob  alles  zitliches  Wunsches 
gewalt!  So  man  dich  ie  bloszlicher  von  aller  materi  enblösset, 
so  man  dich  ie  minneclicher  in  lutrer  frödenbernder  wunne  schowet; 
so  man  alle  lütselikeit,  gezierde,  hofelich  gestalt  ie  luterlicher  von  « 
iedem  menschen  us  gesamnet,  so  man  es  ie  ei^enlicher  in  dir,  zartes 


2  getwagen  n  geweschen  c      3  icht  —  were]  iet  liefliches  an  in  were  c 
ir  lieb  die  wil  icht  bi  in  were  8  5  die]  din  cz  6  in]  an  cd         zogti  z 

wel]  wie  hs         wel  —  7  sehi  fehlt  d  7  owe  fehlt  hn  9  zartes  gem.  £ 

13  owe  —  liep  fehlt  d  14  wan  fehlt  ce  wanne  hs  17  es]  er  ftz  18  mime  hs 
munt  /*  19  rehter  froiden  scdh  21  künden  8  22  ach  und  owe  [und]  dhs 
23  Ach  —  24  were  (erstes)  fehlt  cdha        26  reiner  fehlt  cdhs 

2  gezwagnen,  Partie.  Prnet,  von  twahen^  zwahen  =  waschen. 


Grosses  Brief bach.    XV.  Brief.  451 

liep;  vindet.  Lüge,  ist  üt  minneclicheS;  wolgevallendes  an  keinem 
minneklichen  menschen,  daz  mit  in  purer  wise  tusent  stunt  minnek- 
licher  in  dir,  gemintes  liep,  si? 

Na  schowent,  ellü  hertzen,  sehent  in  an,  ach  gent  in  ogen 
5  minem  geminten,  lägent:  Talis  est  dilectus  mens,  et  ipse 
est  amicns  mens,  filiae  Jerusalem,  alsus  minneklicb  ge- 
stellet ist  min  süsses  liep,  und  er  ist  mines  hertzen  trat;  daz  si 
üch  kunt,  ir  tohtren  von  Jerusalem!  Waffen,  zarter  got,  wie  selig 
der  ist,  des  liep  du  bist,  und  dar  an  eweklich  bestetet  ist! 


10  XV.  Brief. 

Sarge  aquilo  et  yeni  auster^  perfla  hortam  meum^  et  flaant 

aromata  Ullas  I 

Also  stet  geschriben  an  der  minne  b&ch.     Die  heilig  cristen« 
heit  singet  von  einer  Sünderin,   mer  von  einer  götlichen  minnerin 
15  also:  Flavit  auster  et  fugavit  aquilonem,  quando  lavit 
cor  Mariae  poenitentis  imber  spiritus  sancti  etc. 

Nach  dem  als  uns  die  meister  von  natur  schribent,  so  sint 


I  mynneclichers  hsz  wolgevallenders  ^  2  f.  minneklichers  z  4f.  [ach 
—  ogen]  minen  cdhs  5  et  fehlt  dhs  6  f.  gestellet  fehlt  ha  7  und  [er] 
ist  och  z  9  ist  der  z  ist  (zweites)  fehlt  s  nach  ist  Zufügung  (rot) :  min 
lieber  herr  begnade  z 

XV.  Brief.    Hss.:    hCcdhmNnRsUz. 

II  fluent  bCnU  13  —  16  fehlt  n  geschriben  fehlt  hRsü  14  mer 
denne  von  bC        16  umbra  bC 

5  f.  Höhet.  Oyl6.        11  f.  HoheL  4,16.        15  f.  Flavit  auster imber  sancti 

iSpiritus:  liquefecit  et  refecit  solutam  in  lamentiSj  Verbum  missumcoelitus  =  6.  Be- 
sponsorium  der  Matutin  von  Maria  Magdalena  (22.  Juli)  nach  dem  Dominikaner- 
brevier.  17  flf.  Vgl.  Konrad  von  Megenberg,  Buch  der  Natur  7 9,26  ff. :  der  wind 

sint  vier,  die  fürsten  sint  aUer  anderr  wind.  Der  erst  haizt  der  sudenwint  oder  der 
sudener,  dar  umb,  daz  er  von  sudem  fleugt,  daz  ist  von  mitiem  tag  her  gegen 
norden  ....  Der  toint  haizt  ee  latein  auster  und  ist  fäuht  und  warm,  dar  umb 
ist  er  fruhtpaer  und  den  frühten  nütz.  Der  ander  haizet  der  nordenwint . . . 
der  wint  ist  kalt  und  fäuht . .  .  Der  wint  haizt  ee  latein  aquilo  . . .  Der  wifU  iegleicher 
hat  zwen  gesellen . . .  Also  hab  wir  über  al  vier  stunt  drei  wind,  daz  sint  zwelif.  —  In  der 
mittelalterlichen  Symbolik  (vgl.  Sauer  a.  a.  0. 88  ff.)  gilt  der  Norden  als  Ausgang  alles 
Unheils,  Sitz  des  Bösen,  der  Süden  mit  seiner  Lichtfülle  als  Sinnbild  Gottes,  besonders 
des  hl.  Geistes  und  seiner  Gnade.  Vgl.  Gregor  M.,  hom.  2  in  Ezech.  n.  9  ( Migne76,799 ): 


4r)2  Grosses  Briefbuch.    XV.  Brief. 

vier  widerwertig  winde  an  dem  liplieben  himel,  und  iekliche  hat 
zwen  gesellen,  daz  ir  also  zwelff  werdent,  mit  den  der  harre  der 
natur  sin  ertrich  ernüwret.  Under  dien  ist  einer,  lieisset  aquilo 
und  ist  grimmer  denne  die  andern;  der  ist  kalt  und  truehen  und 
bringet  sne  und  beslüsset  daz  ertrich.  Wider  den  ist  ein  ander,  der 
heisset  auster,  der  ist  warm  und  uasz  und  bringet  den  schönen  owen 
süssen  regen ;  er  machet  die  wissen  blujeiit,  die  grünen  sät  wahsent, 
daz  ertrich  berhaft,  er  priset  schone  die  beiden  mit  blflmen,  den 
walt  mit  lobe,  den  anger  mit  süssem  smack,  und  allem  ertrich  git 
er  lust  und  fröde.  ii 

Eya,  kint  mins,  nu  verstaut  balde,  wa  min  hertze  hin  wil, 
wan  ich  mein  den  süssen  himelschen  wint  der  gnade  des  heiligen 
geistes,  der  da  kunt  von  der  hohen  mittli  des  himels  und  ein 
kalt,  sündiges,  rüwiges  hertze  durweget.  Ach,  ellü  minnendü  rüwigen 
hertzen,  enpfundent  ir  des  himelschen  vvindes  ie,  so  mugent  ir  n 
mich  wol  gemerken!  Er  brichet  isinü  hertzen,  er  zerflösset  gefrornes 
is  süntlicher  gebresten,  er  ernüwert  die  sele,  er  machet  alle  die  krefte 
der  sele  schon  widerglenzent  in  ir  zarten  lutselikeit,  und  der  vor 
als  ein  fules  ass  von  dem  kalten  wind  smakte,  der  wirt  als  ein 
pantier  sinen  süssen  smak  wite  zerspreiten.  2i 

Also  geschach  6ch  der  minneklichen  rüwcrin,  der  süntlich 
leben  ir  den  eigen  namen  hat  verlorn,  do  su  zu  den  milten,  zarten, 
usserwelten  fassen  der  geminten  wiszheit  knüwet  und  mit  disem 
süssen   wind   was  durchweget,   ach,   und  ime  sin  götlichü  fasse  mit 


3  der  heisset  chmN  5  wider  —  6  heisset /e/iZ/  C  wider]  uuder  b  den] 
dem  dz  denne  hRs  ander  wind  [der]  e  6  owen  fehlt  bC  7  bliij.]  blnmel  s 
8  heide  CctiU  9  gesmack  hCdhRs  10  froiden  sdviN  11  mine  b  nu 
fehlt  z  wa  hin  x:  13  [der]  hohem  b  14  rüwiges  fehlt  s  15  des]  die  bcnsü 
16  merken  Cchs  iserinne  bCc  19  ass]  waz  s  20  süssen  fehlt  CdUs 

22  zarten  fehlt  bs 

non  incongrue  Äquilonis  nomine  torpor  maligni  spiritus  designatur ;  hom.  6  tu  24 
(Migne  76,1011):  per  Aquilonem  rede  peccatores  accipimus :  suptr  Cant.  c,  4  n.  21 
(Migne79f516):  per  Austrum  vero,  calidum  seil,  ventum,  Spiritus  sanctu^  figuratur, 
Hugo  von  St.  Viktor,  De  bestiis  1,12:  Austtr  Spiritus  sancti  gi'atiam  designat, 
flatus  Austri  benignitatem  SpiHtus  sancti,  calor  amorem,  Auster  igitur  vtnit, 
quoties  gratia  Spiritus  sancti  mentem  cuiuslibet  accendit.  In  der  deutschen 
asketischen  Literatur  tritt  an  Stelle  des  Auster^  wohl  wegen  des  Gleichklangs, 
öfters  der  Ostmnd  (ostenvint),  vgl.  Wackernagel,  Altdeutsche  Predigten  und 
Gebete  1876,  LXVIII,24üff.  u,  634,111  ff.;  Strauch,  M.  Ebner  XXXIV,3Sf' 
21  ff.  Vgl.  Luk.  7,37  f.:   Et  ecce  mulier,  quae  erat  in  civitatc  peccatrix  etc. 


ir  hertzkliehen  trelien  durcbgoaz.     Die  gosz  ubs  ein  edel  salbe,   daz 
alles  hus  crfülte  mit  sime  gßtcn  smake, 

Oive,   rüwe,   wel  ein  edel  diog  du  bist!     Wie  selig  der  ist, 

dem  der  wäre  grünt  einer  reliten   rüwe  wirt!     Waii  dem  werdent 

5  sine  Bünde  luterlich  vergeben,   und  were  ir  als  vil,  aU  grienea  in 

dem  mer  ist,  nnd  ua  einer  asgenoraen  Sünderin  wirt  ein  usgenomnil 

minoerin. 

Wiltö  aber  ein  rehti'i  rüwerin  echowen,   die  sol  liaben  dis:  bü 
8ol  hertzleit  ob  allem  hertdeid  tragen,  owe,  daz  aü  daz  milte  hertzo 

10  ie  erzuruete.  Und  daz  erzÖgent  die  grossen  abvallenden  hitzigen 
tretien,  die  inbrünstigen  liitzigen  süfzen,  daz  eilend  ufsehen,  die 
fürin  stralen  bitterlicher  schäm,  die  bleich  varw,  die  geswullnen 
dgen,  die  verücbte  usser  gezierde  und  daz  klegelich  einreden  mit 
dem  geminten,  daz  heutilahen,  daz  hertzklopfen  und  sin  selbes  von 

15  bitterui  hertzletd  vergessen.  Sü  sol  och  ein  gutes  getruwen  zfi  gölte 
haben,  daz  er  der  milte  berre  ist,  der  mag  nnd  wil  ir  alle  ir  sünde 
vergeben.  Daz  er  es  müge,  daz  ist  kiint;  aber  daz  er  es  welle, 
daz  hat  der  gesprochen,  der  nüt  liegen  mag:  Nolo  mortem  pecca- 
''oris.    Sil  sol  ocb  haben  eines,  daz  sü  einen  gantzen  vesten  willen 

20  nnd  müt  habe,  nüt  allein  die  sünde,  Üich  ursacb  der  süude  iemer 
me  fliehen.  8u  sol  nut  zwifelhaft  sin  als  Eva,  die  do  sprach:  „vil 
liht  ist  es",  sü  sol  nüt  sin  weich  und  unstet,  als  die  da  veste  sint, 
untz  man  in  nrsach  gibet. 

Owe,  got,  vil  ist  der  sünder,    aber  wenig  rehter  ruwer!    Sich, 

25  were  in  reht:  e  sü  widerkertin  mit  der  minsten  sünde,  —  und 
läge  ir  eigen  vatter  und  müter  da  und  alle  ir  fründe  an  der  stat 
des  todes,  und  bette  man  ietze  blossü  swert  ob  ir  kelen  erzogen 
und  möhten  sÜ  die  fründ  mit  eime  einigen  widerker  von  dem  tode 
erl&sen,  den  s&ltin  sü  nüt  lün,  daz  sü  got  erzumdin.    Sant  Thomas 

80  sprichet:  und  möbte  ein  mensche  alle  seien  von  dem  fegfür  erlösen 


2  i^Bmacke  Cdl>li/i  H  wel]  wol  t'C  wie  edhmNR  4  Wan  ime  bcänNn 
8  irilt  aha  du  bcilh»  9  f.  sä  ftol  haben  h.  kRs  9  i>b)  vor  »  bcrtze]  gSt  U 
13  einrede  b  14  ilea  b  15  vergeaaen  fMt  b  16  f.  haben  k'i  g.  b  17  daz 
idrilten)]  oh  3  16  lint  er  ^espr.  hmNHz  der  fehlt  bCc  20  urs.  der  afinde 

imd  alle  (aller  O)  «ände  xUi         21    kS  Hieben  C'dmKn         24  weni^]  weint  t 
der  rrhter  r.  dmN  rüme  e  26  reht]  rehter  h.it  26  da  fehU  bGdn 

27  gpzogen  CcmN         28  abker  dn  ker  bCmNRsU         29  den]  des  cd         er- 
i-.amen  dhn»        <K)  erlösen  fMt  »U 

18  f.  KKch.  33,11.  21  f.  Vyi.  I  Mon.  3,3.  29  ff.  S.  Th.  3,3  q.  110  o.  3 
ad  1  ist  obiger  Gtdankf  im  ailgevieintn  iiuagtHpTochen. 


454  Grosses  Briefbucli.    XVI.  Brief. 

nnd  alle  sünder  bekeVen  zfi  eirne  gAten  leben,  dar  umbe  sölte  er 
nät  ein  einig  sünde  tän. 

Wa  von  wenestn,  daz  es  ietzo  kome,  daz  so  vil  an  yahent 
und  80  wenig  blibent?  Owe,  da  ist  der  angel  nut  vast  in  geslagen, 
er  ist  in  nut  vernietet.  S&  heint  ein  zipfel  räwe,  daz  ist:  su  wen  5 
g&t  sin,  untz  daz  es  in  we  tfit.  Also  spriebet  es  nüt,  es  sprichet 
also:  Neque  mors  neque  vita  neque  creatura  alia  etc. 
Herre,  mich  rüwet  h&te  min  sünde  und  ist  mir  als  leit,  daz  ich 
einen  so  getanen  mflt  gentzlich  habe  in  mime  hertzen,  daz  mich 
weder  liep  noch  leit,  noch  leben  noch  tot  niemer  von  dir  gescheidet;  10 
des  habe  ich  gantzen  willen  und  vesten  müt. 

WaflFen,  got,  waz  würket  ebenlich  so  getan  inbrünstiger  erüst! 
Ime  werdent  ellü  ding  muglich  und  ist  ime  nüt  mulich  noch  un- 
muglich.  Ein  ubergülden  dis  alles  ist,  daz  es  nüt  kome  von  ge- 
zwungenheit, es  sol  komen  von  einer  kintlichen  hertzeklichen  minne,  15 
als  eime  tugenthaften  kinde  ist  leit,  daz  es  sinen  getrüwen  vatter 
ie  erzumde. 

XVI.   Brief. 

In  exitu  Israhel  de  Egypto  etc. 

Wir  lesen,  do  unser  herre  daz  volk  von  Israhel  füren  wolt  von  20 
Egypto  in  daz  geheissen  laut,  do  fürt  er  sü  umb  wol  XL  jar,  e  daz 
sü   da  hin   kemin.     Und  daz  tet  er  dar  umb,   daz  er  sü  versücbti 


1    und  fehlt  bCdhUsU  4  ist  in  der  chmNnHU  der]    ein   b 

nagel  bCcdhmNRsü  6  ist  [in]  hCcdhmNRsU  daz  ist  die  rüwe  zcdhsU 
wenet  hsd  6  sin  göt  s  6  f.  es  spr.  also  fehlt  z  8  rüwent  scähtuKnü 
Sünden  cd  10   [noch]   leben  hü  n.  der  tot  bU  11   vesten]   guten  z 

13  In  z  [ime]   nichtes  z  mul.  noch  fehlt  dhmNK  mulich]   mtige- 

lich  bCs  14  kerne  s  14  f.  Ungezwungenheit  e  15  hertzekl. /eA/<  *• 

16  als  ein  tugenthaft  kind  dem  ist  leit  z        es  fehlt  dU 

XVI.  Brief     Hss.:    b  c  d  h  m  N  n  B  s   ü  z. 

21  geheissen]  gelopt  ctnNn        22  koment  bn 

7  Böm.  6,56»'/.  16  f.  Stuse  folgt  hitr  der  Lehre  Autjustins  und  der 

Scholastik,  tvotmch  die  Reue,  welche  ex  timore  simpliciter  seiriHy  d,  h.  au^  d&r 
Furcht  vor  der  göttlichen  Strafe  hervorgeht  und  die  Abwendung  von  der  Sünde 
in  sich  schliesst,  zwar  lobenswert  und  nützlich  ist  (vgl.  Sirach  7,16),  aber  an 
Wert  von  der  Reue  ex  mera  caritate  weit  übertroffen  wird.  Vgl.  Thomas, 
S.  Th.U,2q.  19a.  2 sqq.:  Schanz,  Sakramentenlehrt'  1893,  561  f.  u.  die  treffenden 
Bemerkungen  Denißes  in  Zfda  21,99  f  gegen  Bregcr,  ebd.  :.0,3t>2f. 
19  Ps.  113,1. 


(trosfleB  Brietliudi.    XVI.  Brief 

tiiid  daz  ineu  kuot  wurdi,  wa?.  sä  in  ir  bertzen  triigeD,  and  sunder- 
lieh  dar  umb,  daz  eu  von  tag  ze  tag  ein  vergeseen  hettin  dcB  alten 
InndeB  und  daz  nüwe  in  der  begirde.  Und  wie  er  daz  alles  wol 
in  eimo  ögenblick  hetti  gewürkct,  doch  enwolt  er  des  mit  tfin,  wan 
5  der  herre  der  natur  git  sieb  einem  ieglichen  diogo  dar  nach,  als  es 
Bin  enpl'engklich  ist,  als  sant  Dionysins  spriehet.  Daz  sehen  wir 
teglich  an  nianigem  menschen,  den  got  hat  us  gefiiret,  daz  er  eü 
dick  tat  worgen,  e  daz  er  sü  volbringe  nach  dem  b&hsten. 

Eines  soltu  wissen  für  war:    got  ist  nüt  ein  gäher,  weder  an 

10  natürlichen  noch  an  übernatürlichen  werken.  Üis  schrib  ich  dir  dar 
umbe,  daz  du  dich  in  keinen  dinen  werken  vergäbest.  Sanctus 
Oregorius  sprichst,  dax  got  dicke  sine  gäbe  aß  zübet,  daz  eins 
inenseheu  begirde  dest  ine  gereisset  werde;  aber  lat  er  von  dem 
nffzug  abe,   do  was  es  kein  rehte  begirde.     So  der  grünt  ie  luter 

15  Wirt,  so  es  ie  luterlicher  wirt  enpfangen,  daz  dar  in  gegossen  wirt. 

Min  kint,  ich  ban  dich  daz  dicke  gebeJssen  und  dunket  mich 

der   besten    eins,   so  ich  weiss,   daz  du  dich  selber  in  allen  dingen 

reiss^st,  got  ze  minnenne.     Sihstu  es  reht  an,   so  ist  kein  creaturli 

so   kleines,    es  si  dir  ein  stapf,  got  z(l  neben.     Nn  lüge,    min  kint, 

JO  wie  bertzeklicb  gut  got  ist,  und  ellü  trüwe  an  in  allein  ze  legen; 
wan  andrü  minne  vabet  au  mit  liebe  und  nimt  ein  ende  mit  leide, 
aber  du  süsse  minne  vahet  an  underwilen  mit  leide  und  wirt  aber 


1  ircu  ril  ki  Mfa  fehlt  hRa  4  eincB  ogenblicki^ä  t  U  f.  es  sin] 
ime  h  7  manijGu  cdhe  eime  s  8  dick  lang  w,  lat  h»  daz  frlUt  dknlisU 
10  naturl.  noeli  an  fehlt  b  Das  äh  dir  fehlt  j  11  vergahen  BOlt  bctIhMNIisU 
12  Gerge  B  dick--- fehlt  b<:ilnHUi  liesfthUb  tmkmabhmXtU  iutcr 
-  15  ie  fehü  s  lautrer  m^iliV  15  t^ffUt  hnUa  16  daz/cAii  dhmünhn 
19  sUffcl  bhRs  Stab  rniV  neheu]  minaende  b  20  allein  ftUt  bdmNnU 

'til  mit  leide  oiu  endi'  b  2^  aber  —leide  fthll  a  underw.  an  limNnBU 

5f,   Denom.lHil.S.  Vffl.  Bdeie 306,12 f.: 333r3ff f. u.  Thomas, S.Th  7,3q.lJ3 
a.  3:   Dfits  movet  omnia  gecuniliim  modam  uniuscuiuKque ,  »icut  in  naluralUmii 
videmug,  quod  aliler  miwetttui-  ab  ipto  gravia  et  oKf«'  levia,  propter  diveivam    j 
nataram  uniiuieuiuiKiu«.     Unde  et  hominent  a4  iustitiant  movet  gteundum  coti' 
ditionem  italarae  humanae.  12  Moral.  XXVI,W  (Migng  76,S'iS aq.i :  «aep«    ' 

niitira  dtsidrria,  quia  celeriter  non  ßu»t,  exaiuiiHiitiir ,  et  qund  iinpltri  concite 
petimua,  tt  ipia  melius  larditate  protperatnr, . . .  taepe  vox  noilra  eo  perfieitur, 
quo  differtar  . . .  Sun«  rrgn  Dominna  cum  velocütr  non  exaudit,  quo  repeltire 
cnditur,  Irahit.  19  VgL  Bdeiii  Kap.  24;  Bonaoinlura,  IUnerarinm  minti»  in 

Deumc.2  {De  specalalione ßei  in  i>e»tigiia  miin  in  hoc  teitsibiU  manil'i)^  Dtniße, 
Da»  geittl.  Leben  417  ff. 


456  Oroases  Briefbuch.    XVI.  Brief. 

lieb  und  liebet  sich  zu  allen  ziten^  bis  daz  lieb  mit  liebe  in  lieb- 
licher art  in  ewikeit  vereinet  wirt. 

Owe,  lieben  min  kint,  wie  sint  die  lüte,  die  tumben  toren,  so 
billich  ze  klagen ,  den  da  trömet,  sä  essen  nnd  trincken,  und  so  sA 
irü  5gen  uff  tftnt,  so  vindent  sü  l&re  hant  und  ein  hungerig  rüwig  5 
sele!  Wie  werin  s&  so  billich  ze  weinen,  den  die  gewonheit  ze 
einer  billichi  und  die  billichi  zä  einer  erberkeit  worden  ist!  Owe, 
zit  verlieren,  üppeklich  reden,  got  vertriben,  wie  bist  du  ein  so  ver- 
borgner schaden  mengen  menschen! 

Min  kint,  ich  rede  zwüschen  mir  und  dir  alleine:  lass  ell&  10 
valschen  mentellü  !  Ist  es  nüt  also?  Es  ist  gewerlich  also,  daz  der 
sele  swarlich  möbte  tromen,  die  ein  so  klein  stundeli  in  keinem  kumber 
vertribet;  da  got  nit  inne  ist.  Dar  umb  so  bis  mir  nät  dest  minr 
in  gotte!  Lieber  weri  mir,  daz  ich  dich  sehe  gebäret  uff  ligen, 
deune  keinen  abwank  in  so  getaner  wise  von  gotte  nemen.  Min  15 
kint,  es  weri  gut  zfi  verklagen,  so  ist  es  also :  natürlich  neigung  und 
alte  gewonheit  ist  mülich  zfi  lassen ,  wau  leider  gemeinlich  so  lat 
sü;  e  daz  sü  gelassen  werde.  Dis  schribe  ich  dir  dar  umbe^  daz 
du  mit  frömdem  schaden  gewitzigot  werdest. 

Nu  lassen  wir  daz  dien,  die  in  den  striken  sint,  und  keren  ao 
wir  unser  ogen  wider  in  daz  minnekliche  liep,  und  büken  daz  dicke 
an  mit  minnendem  hertzen!  Und  Iftge,  wie  zart,  wie  minneklicb, 
wie  süsse  und  wie  grundloselich  gfit  es  ist  zfi  minnende!  Ach;  ellu 
hertzen ;  war  umb  minnen  wir  nüt  daz  minneklich  liep,  daz  da  nut 
anders  kan  wan  leit  verswenden,  herzen  frien,  fröde  bringen?  Wer  25 
den  kalten  riffen  hat  erkant  und  diner  süssen  minne  ie  bevant, 
0  aller  süssestes  meient5w,  der  weis,  wie  wirdeclich  er  dich  haben 
sol.     Selig,  selig  ist  die  sele,  die  du,  zarter  herre,  hast  uss  ervvelt, 


1  mit  liebe  fehlt  s  3  min  lieben  k.  sz  mein  liebs  k.  mN  5  rüwig] 
trawrig  m^d  8  so  ein  hmNnU  9  mangera  mNR  10  dir  und  mir  hdhns 
12  ein]  kein  hRsU  kumber  —  13  nit  fehlt  s  13  Und  dar  u.  hcdmN  dar 
nrab]  da  von  hcdhmyRsU  so  fehlt  dz  14  in  gotte  —  mii  fehlt  8  ge- 
betet hhs  15  in  sollicher  w.  bc  18  dir  fehlt  nli  19  witzig  hdhmNsü 
20  in  disem  stricke  z  21  wir  fehlt  cdU  wider  fehlt  z  23  und  wie 

süsse  all  gruntlich  nz  es]  er  hcdhmNIisU  24  wir  [nüt]  h  da  fehlt  hÜ 
25  daz  leit  b  26  bekant  cdtnNs  dinü  siisse  m.  z  nie  hhRs  bevint  2 
27  0]  owe  bcniN 

6  f.    V(fl  Bdeir  2^2,nf 


(irosses  Briefbuch.    XVII.  Brief.  457 

bi  ir  und  in  ir  ze  rüwen!  Waz  vindet  die  in  zit  hertzeofrides,  zu  hofe 
eren  in  der  bimelschen  pfallentz,  ewiges  lobes^  als  sanetus  Paulus 
spricbet:  Gloria  et  bonor,  pax  omni  operanti  bonnm!    Amen. 


XVII.  Brief. 

5  QuoDiodo  potest  cecns  cecum  ducere! 

Owe,  min  liebü  N.,  wie  lastu  dicb  an?  Wie  wirffestu  die  ge- 
truwe  lere  dines  vatters  so  zu  rücken,  daz  du  dicb  wider  den  dingen 
beginnest  geben,  von  den  icb  dicb  so  rebte  kume  ban  gebrocben, 
die  dir  sele,  lip  und  ere  bant  geswecbet?     Duncket  dicb  ietzent, 

10  daz  du  sullest  gan  tän,  wie  dir  in  dinen  sin  kummet?  Bistn  letze 
bestetet,  daz  du  dir  selber  alle  ding  erlobest?  Owe,  war  umb  ge- 
denckest  du  nüt  binder  dicb,  waz  dir  got  uberseben  bat,  und  wie 
rebte  kume  du  ber  zfi  bist  kommen  und  wie  gar  du  nocb  nnt  bist, 
und  nimest  din  selbes  war  und  last  alle  ander  menseben  underwegen? 

15  Sibstu  nüt  den  tüfel,  der  dir  einen  sidin  vaden  umb  die  kelen  bat 
gebunden  und  dich  gerne  nach  ime  fftrte?  Du  enkundest  doch  dicb 
selber  nie  geleren,  waz  wiltu  denne  ander  lüte  leren?  Du  bist  doch 
krenker  denne  Eva  in  dem  paradise,  und  wilt  ander  lüte  zu  gotte 
ziehen?    Du  wilt  stro  zfi  dem  brande  legen,  der  nuwen  ein  kleines 

20  mit  der  wissen  eschen  ist  betrochen  und  noch  niergent  erloschen  ist? 

Du  sprichest,  du  wellest  in  ein  geistliche  wise  ziehen,  daz  vor 

liplicb  was,  —  weis  got!  es  mag  wol  in  dem  geiste  ane  vaben,  es 


1  bi  dir  und  in  dir  b  und  feJiU  z  inj  mit  dmN  vindent  hmNBsU 
1  f.  zu  hoffiren  Rc  ze  hoch  eren  U  [zö]  hofnen  und  eren  mN  2  palast  mNn 
palais  cd         8  [et]  honor  et  pax  mNB         pax  fehlt  ds        Amen  fehlt  bcdhmNlis 

XVIL  Brief  (=  Kl  Bfh  IV).  Hss,:  C  c  d  n  s  e,  Xur  in  s  voU- 
ständig  überliefert,  in  Ccd  steht  allein  der  erste  Teil  (bis  döSß),  in  ne  der  Bweiie, 

6  min  1.  N.]   myn  Hoff  c  min  lieben  penschen  .y   kint  min  d  9  und 

fehlt  Ä  und  ere  fehlt  C  10  din  sinne  C         13  hie  zö  C         noch  fehU  ds 

15  die  kelen]  dyne  kele  d  dich  s        17  nie]  neit  d        lute  —  18  ander  fehU  s 
20  berochen  cd     nierg.]  neit  d  neit  gar  c      21  zft  ziehen  s      22  geiste  fehlt  C 

2  pfallentz  =  PfalM,  Königsburg;  vgl,  Wackernagel  a.  a.  0.  111, 113 ff.: 
die  phallinze,  da  niemir  nivwit  vnschonis  in  chvmit ;  VII,  32:  in  die  sehonin 
phalnze  des  ewigin  riches  so  bewart  ivch;  Strauch,  Marg,  Ebner  XXV,  16  und 
Anm.  S.  347.  3  Böm,  2,10.  5  Luk.  6,89.  Vgl.  die  historische  Ein- 
leitung Kl  Bfb  369,6 ff.         22 f.  Vgl  dal.  3,3. 


458  GroBBca  Brief  buch.    XVII.  Brief. 

wurt  aber  schier  in  dem  fleische  lendende.  Bistu  nut  genüg  gewitziget? 
Duncket  dich  niit,  daz  dir  got  gnftg  habe  vertragen?  Gewerlich^ 
du  wilt  Dut  erwinden,  e  daz  da  in  des  tufels  sprung  warst  gegeben. 
Ich  han  dir  es  dicke  geseit:  ir  wenent  alles  got  und  die  lute  höfelich 
triegen,  und  so  ir  es  denne  umb  kerent,  so  sint  ir  selbes  betrogen. 
Du  mfist  yaste  stan  und  müst  allen  anhang  lan,  anders  du  mabt 
niemer  best  an.  Lassedich  wol  benagen,  obe  du  selber  dem  tüfel 
mäht  enpfliehen! 

Er  was  eines  tages  ns  gegangen  und  hat  einen  rob,  den  er  i 
dem  tiefel  wolte  nemen^  hinderstanden,  und  der  rop  was  also.  Es 
was  ein  mensch  in  geistlichem  schine  an  einer  stat ,  der  hat  sin 
hertze  so  gar  mit  zergenglicher  minne  verstricket,  daz  er  manigen 
trehen  rerte,  und  kond  doch  da  von  nüt  komen,  wan  er  wolt  geföge 
suchen,  da  keine  zu  horte.  Und  do  er  zül  irae  kam,  do  gewan  der  i 
mensche  ein  triben,  daz  er  daz  valsch  liep  wolt  lan  und  die  zarten 
ewigen  wiszheit  an  siner  stat  wolte  han.  Do  er  us  kam,  do  be- 
gunden  sich  die  tiefel  leichen  und  sA  ane  vehten  und  alles  daz  gegen 
ir  uff  leinen,  daz  sü  duhte,  daz  ie  geflog,  und  was  ir,  als  ein  swere 
berg  uff  ir  lege  alle  die  naht,  daz  sü  nie  entslieff.  -2 

Des  selben  nahtes,  do  er  sich  nach  metti  nach  sime  gebet 
hat  nider  gesetzet,  do  was  im  vor  in  dem  slafl'e,  wie  vor  siner 
Celle  eine  grossü  mengi  gefügeis  kemi.  Also  nam  er  war,  daz  eine 
nüt  als  der  ander  was:  etlich  waren  als  die  withopfen,  etlich  als 
die   spehten,   etlich   als  die  hoch  reyger  und  manigerleye,    und  ver-  i 


1  schier]  sicher  d  genng:  fehlt  C  3  enwilt  Cc  in]  mit  *•  4  alles] 
alse  C,  fehlt  d  got  und  fehlt  C  6  Du  —  und  fehlt  d  6  f.  enmaht  niein. 
gestan  C  8  entpfl.  Amen  Cd  10  Vberschnft:  Viriliter  agite  et  confortetur 
cor  vestrum  ttc,  n  und  den  er  z  12  schine]  schome  s  13  so  gar] 

ze  vil  n,  fehlt  z  mit  so  zerg.  m.  s  daz  [er]  6-  18  alles  [daz]  z  19  af 
lenen  s  22  in  fehlt  s  22  f.  wie  er  vor  .  .  .  über  ein  grossü  m.  z  25  hoch 
reyger]  hochrcn  *  heher  n        [und]  gar  manig.  z        25  f.  verwandlet  z 

3  des   tufels   spruug  =  Vahrt  in  die  Höller    Vgl  Kl  Bfh  36.%2b':    an 
dez  tüvels  sail  wirst  gebunden.  10  Er  =  der  diener  (Kl  Bfh  370,1).    Vgl. 

s^um  folgenden  die  Erzählungen  in  Kap.  41  der  Vita.  17  er  =  der  Mensch 

(die  Nonne):  us  kam  =  *icÄ  ron  der  weltlichen  Min  tu  freimachte.  18  alles 

daz  bezieht  sich  auf  daz  ie  geflog.  22  slaf  ist  ron  dem  risintiären  Schauen 

gemeint;  vgl.  Kl  Bfh  370,11  (in   einer   gesiht).  23  ff.    Vgl.    Vita  115,14 Jf 

Das  klassische  Vorbild  derartiger  Dämonenerscheinungen  ist  \'i(a  Äntonii  c.  a. 
Ähnliches  auch  bei  Cäsarii^s  ron  lleistcrhavh ,  vgl.  Hoskoff'.  Geschichte  des 
Teufels  I  (1869),  :i77f. 


Grosses  Briefbuch.    XVII.  Brief.  459 

wandelten  sich  dicke  ^or  im.  Einer  ander  den  andern ,  der  was 
grüne,  der  nam  einen  swank,  als  ob  er  gegen  der  celle  wölti;  aber 
ir  keine  kam  dar.  Also  tet  er  sich  zft  der  celle  us  mit  wunder 
und   sprach:   „ach,   waflfen!    waz  gesindes  ist  dis?"    Do   wart  ge- 

5  sprochen  diser  sin:  „hie  ist  ein  tiefellichu  samnung,  und  ist  in 
zorn  und  sint  mügig  umb  den  menschen,  der  sich  von  in  wolte 
scheiden,  und  swenkent  dar  umb  hie,  wie  s&  in  ierren  und  wider- 
wisint.^  Also  do  es  tag  ward,  do  schreib  er  ir  ein  tavel  und  enbot 
ir  also: 

10  Viriliter  agite,  et  confortetur  cor  vestrum,  omnes^ 

qui  speratis  in  domino!  So  ein  frumer  ritter  ein  lereknappen 
bi  der  haut  also  geweffenten  in  den  ring  stritberlicher  Übung  des 
ersten  in  fiiret,  so  weget  er  sin  h5bt  und  sprichet  zu  im:  „neina, 
zier  helt,   nu   tfl   hüte  als  ein  frumer  man  und  gebar  kechlich  und 

15  strit  frilich!  Las  dir  din  hertze  nüt  enpfallen:  es  ist  besser  erlich 
sterben,  denn  unerlich  leben.  So  der  erste  just  übertruket  wirt,  so 
wirt  es  lihter."  Alsus  geistlich  ermütet  der  küne  ritter  David  einen 
ieglichen  erst  anevahenden  menschen,  und  füret  in  in  den  ring  des 
geistlichen   strites,   der  da  lit  an  einem  frien  urlob  geben  zergank- 

20  lieber  minne  und  zitlicher  dinge,  und  sprichet  also:  „Viriliter 
agite"  etc.,  daz  sprichet:  künlich  und  manlich  werbent,  und  heint 
ein  keches  hertze  ir  alle,  die  gotte  getrüwent! 

Owe,   kint  mins,   daz  selbe   spriche   ich   hüte  zu  dir  in  dime 
anvang,   daz   du   vast  standest  und  den   bösen  raten  der  tiefel  nut 

25  volgest.  Du  bist  ietze  in  dem  bittresten  liden,  so  du  iemer  mäht 
komen.  Körnest  du  über  disen  engen  steg,  so  kumestu  uff  die  schönen 
beide  eins  götlichen  tugenthaften  lebens,  da  du  hertzenrüwe  wirst 
habent.  Zartes  min  kint,  wolte  got,  daz  ich  in  dien  fäszstapfen 
dins  kampfes  für  dich  sölti  stan,  und  für  dich  sölte  die  herten  siege 


1  vor  ime  dicke  s  Einer  fehlt  *•  [der]  was  g  2  ob  fehU  s  3  ir 
fehlt  z  4  do  wart  do  -r  5  ist  hie  s  6  muygi  e  gemüet  n  7  swenk.] 
fich weben t  nz  8  do  es]  daz  es  s  ein  tavel]  einen  brieff  *  10  convertetur  * 
11  lereknaben  z  12  stritberlichen  8  14  zierder  heylt  s  16  leben]  sterben  jf 
17  ermüyet  z  ermanet  /*  küne]  künig  iis  18  erst  fehlt  s  21  kunlich] 
Inniglich  .V        25  iemer  fehlt  a        28  wenne  wolte  got  z        in  fehlt  z 

S  Kl  Bfb  370jl4  deutlicher:    zö  dem   venster   us.  4  f.  Ncu;h  dem 

Kl  Bfb  gab  ihm  ein  Engel  Antwort.  10  f.  F,s.  30,25,  18  neina,  hier 

aufmunternder  Zuruf  ohne  negative  Bedeutung  (Lex,  11^  61).  17  ermüten 

—    gemahnen,   aufmuntern;   vgl,   Schweiz,  Idiotikon  IV,öS(i;   DWB  Ill/Jiti, 
Das  Wort  fehlt  bei  Lexer.  26  f.   Vgl  Brief  X  Bevertere  434,12 ff. 


460  Grosses  Briefbuch.    XVII.  Brief. 

enpfahen^  die  din  hertz  und  mfit  ietz  enpfahet!  Wa  were  denne 
din  kröne,  wa  were  denne  din  grünes  zepter,  daz  da  in  ewiger 
wirdekeit  dar  nmb  tragen  solt,  ob  du  gesigest?  Als  manig  pfil  dir 
geschossen  wirt,  als  manigen  rabin  wirsta  in  diner  kröne  tragent. 

Ach,  neina,  kint  mins  nnd  ein  gemabel  des  himelschen  küoges,  5 
bis  vest,  stant  vast,  gebar  rehte  künlich !  Es  ist  knrz,  daz  dn  lidest 
und  ist  ewig,  des  du  dar  umb  wartest.  Tfi  nu  rehte,  als  ob  da 
weder  gesehest  noch  gehortest,  nutz  du  disen  ersten  just  dines  g6t- 
liehen  anvanges  überwindest.  Nach  den  grossen  wettern  koment 
gerne  die  liebten  tage.  Gedenk,  daz  maniger  junger,  schöner,  lät-  lo 
seliger,  edler  und  zarter  mensche  dinen  strit  hat  ritterlich  über- 
wunden, und  in  dem  gevehte,  in  dem  dn  ietze  stast,  manig  zit 
stAndeu  und  noch  vil  bitterlicher  wnrdent  allenthalp  an  gevohten, 
und  daz  ist  nu  ire  hertzenfrAde. 

Eya,  eya,  kint  mins,  dar  umb  so  büt  mir  din  hant  und  hap  1.5 
dich  vast,  n&t  an  mich,  sander  an  den  starcken  geminten  herren, 
dem  du  nu  zu  dienst  in  disen  strit  bist  komen.  Gewerlich,  er 
enlat  dich  nüt,  lastu  dich  ehte  gentzlich  an  in.  Zwey  ding  helfent 
dir  ellü  ding  äberwinden.  Eins  ist,  daz  du  nieman  gestandest  noch 
gesitzest  noch  gelosest,  es  si  frünt  oder  vient,  der  dich  keinen  abweg  20 
wil  wisen;  daz  ander,  daz  du  nut  hofelich  klubest,  noch  mit  linsen 
zügen  dien  sugenden  natren  dines  hertzen  nach  gangest.  Volge  mir; 
wiltu  nüt  morn  wider  in  keren,  so  zerre  in  daz  höbet  us!  Tu  es 
geswinde  und  bederbekiich,  wan  wiltu  sü  allein  an  dem  sweiflF 
ruren,  so  kleibent  sü  sich  deste  vaster  und  bissent  dest  wirs.  Enbüt  25 
in:  fridus,  fridus!  die  din  hertze  und  sele  so  berlich  mit  valscher 
minne  entfrident  heint.  Fluch  zfi  der  ewigen  wiszheit,  las  die  tumben 
toren  uff  dich  rüffen,  swie  vil  sü  wend,  lüge  bi  nüti  hinder  dich? 
sich,  so  hastu  alle  dine  viende  schiere  überwunden,  und  bist  von 
dinen  swären  banden  behendeklich  entbunden!  30 


2  die  kröne  .v      3  an  gesigest  z      5  ein  fehlt  s      7  ob  fehlt  s       8  uutz 

daz  z         11  ritt,  hat  z         12  du  fehlt  s  13  bitterl.]  berlicher  z         14  ire] 

mins  2       16  sunder  fehlt  z       17  disem  b  18  lass  echt  du  dich  z        19  fje- 

stast  z         21  wil]  muge  z         iisen  »w  23  [in]  keren  z         24  bederplich  * 

not  allein  s       dem]  den  z       25  wirser  s  26  frides  einmal  s       20  bist  du   z 
30  8 wären  fehlt  s        Amen  n 

1  Kl  Bfh  :i71jö  deutlicher:  daz  wen  dir  scliad.   wan  wa  weri  etc. 
9    Vgl  oben  424,13. 


■Brierbucli,    XVUl.  Brief'' 


XVllI.    Hrief. 

Nemo  potest  daoboä  domiais  servire. 

JMiii  iiebe  N.,  i<^'h  lian  eins  gemerket  an  dir.  iav.  du  nocb  un- 

gentzlich  gegen  got  in  dime  sinne  stest,   und  daz  du  dich  noch  nut 

5  bewegeiilich  aller  dingen  hast  verwegen,     Oewerlich,  liu  raftst  eint- 

wedei'   haben   oder   lassen,   anders   dir   geschibt   niemer   kein   eelde. 

Mag   ienian   zwein  berren   dienen?     Nein  es,    gewerlich!     Tft  einen 

frien   sprang,   so    raahtu  bliben.     Lasse   von   gründe   den    menschen 

und  alles  daz  gewerb,  daz  in  swllcher  /.ergengUdber  minne  mag  ein 

10  an  gegenwurtikeit  nnd  an  botschaft,  und  las  dich  dar  ab  nüt  wiaen 
weder  mit  trSwen  noch  mit  liebkosen.  Gii>  ein  kuntliches  nrlop 
aller  der  gespilschaft,  die  dir  dis  arbeit  was  ratent  oder  helfent, 
oder  die  nocb  die  wise  fürent,  die  dn  witt  und  mäst  lan,  wan  an  alle 
glose  so  sint  sü  dir  ein  gift,  und  daz  weistu  vil  wol.     Daz  dritte: 

15  daz  du  dich  aller  usverten  gel5best,  und  alle  ursaeb  und  nebel- 
mentelli  bin  werffest.  Daz  vierde:  daz  du  frü  und  spate  bekümbert 
aiest,  wie  du  din  sündiges  leben  gebesserst,  wie  du  diner  manig- 
valtigen  gebresten  lidig  werdist,  ach,  und  wie  du  dich  mit  dem 
grimmen  rihter  versünest.     Gewerlich,   dn  hast  dar  an  nut  genfig, 

20  daz  du  an  den  kle  wol  bofetich  bissest,  du  mfist  dinen  tapfern  lip  an 
griffen,  din  gesUfTnen  zungeu  binden,  dinen  nngesamneten  mllt  wider 
samnen,  daz  din  nifit  nüt  si  also  ein  gemeines  winhus.  tabern,  do 
sieb  ieder  man  nider  lat  und  da  ieder  man  bestanden  ist.  wes  er 
erdenken  kan.     Eya,   trib  ns,   trib  us  daz  unvolk!    Oder  sicherlich, 

2&  du  mäht  den  zarten  berren  niemer  enpfalicn.  Gedenke,  daz  er  dich 
im  hat  gevordret  2b  einer  gemahlen,  und  dar  uinb  so  hüte,  daz  dti 
nüt  werdest  ein  hafendime! 


XVJIJ.Britf(=KlBfbIV,ol,e7i371,33~3?ä^ö).    H«s.;  h  C  c  d  n  3  e. 

3  ininä  liebt  kiut  tä  mein  kint  n  min  lieben  meDBcheo  »  ftemrrket 
eins  b  5  bewe^^.]  verwegen  lieh  Ccn  genschlichen  ä  allen  «  ^werlicb 
raensclie  »  7  gedianen  bedn  11  kintlichea  #  kunlichen  n  12  was) 

etwas  I.  fihll  s  14  bö  fehll  i  eine  gifl  6  eine  vergit't  C  15  dich  ftbU  « 
iieverteo]  iiBserkeit  n  15  f.  tiebeutuieuteliii  b  neuenmentel  c  duRteriu enteile  d 
IT  din]  e;u  cd  gelieesregiet  £  und  wie  äi  dinex  sz  W  dar  [an]  £ 
24  erdeukeuj  erdrucken  b  uib  ue  tinmat  w«  volk  Cdn  26  im]  nfl  w 
hüte  dich  bcdn        27  duppendime  d        roter  ZunaU:  hilff  maria  ; 

2.7  Vgl.  Luk.  16,13.  8  mtoscbai  ^  iceltliehen  Litbhaber.  16  urwieli 
4=  Vtranlasaung  su  Auggiingm.  16  f.  nebelnientelli  wit  Kl  Bfb  373,tl  ^ 

ßesehöuiyangfn,  Vonrändt  < cgi.  Schweiz  Idiol.  IV.SiS.  tl3]  f.:  DWB  VII,47üL 


A 


462  Grosses  Briefbuch.    XIX.  Brief. 

XIX.  Brief. 
Christas  factus  est  pro  nobis  obediens  usqne  ad  mortem. 

Zartu  min  meisterin  suppriorin! 

Swer  da  widerstrebet,  daz  er  von  gehorsami  mos  tön,  der 
machet  ime  selben  ein  sweres  leben,  wan  ein  klein  ding  mit  wider-  ^ 
spenigem  willen  getan  tftt  wirs,  denn  ein  vil  grosses  mit  geneigtem 
Willen.  Und  dar  umb,  sider  nu  dis  von  gottes  ordennng,  von  dem 
ellü  meisterscbaft  geteilet  wirt,  als  sant  Paulus  spricbet,  üch  zu 
gevallen  ist  an  äwerm  willen,  so  ordnent  es  oeb  also,  daz  got  da 
von  nit  werde  enteret,  und  ir  als  berlich  me  entrilitet  werdent,  als  1( 
ir  da  her  dicke  sint,  daz  uch  da  von  nut  schulde  wahse,  da  von 
grosser  Ion  sol  wabsen,  ob  ir  im  reht  tCint. 

LiebA  min  meisterin  und  min  liebes  kint,  es  beginnet  übel 
stan  in  geistlichem  leben;  und  dar  umb  so  tut  es  äch  not,  daz  ir 
ungern  an  dem  ampt  sint.  Wan  da  ir  helff  und  rat  soltent  han,  da  U 
hant  ir  betrübete  und  unrat,  getörste  ich  es  aber  sprechen,  so  Sprech 
ich:  berliches  durehten  und  heimliches  verraten  und  offenbaren 
widersatz.  Da  ir  den  s61tin  han  undertenikeit,  da  hant  ir  frävel 
widerspenikeit.  Und  dar  umb  so  sprich  ich  werlich,  daz  ietze 
meisterschaftampt  haben  und  dem  reht  tftn  daz  ist  nüt  gemaches  2( 
pflegen,  es  ist  marterleben.  Und  dar  umb  vor  allen  dingen  so 
nement  dis  krütz  willeclich  uflf  üweren  rug^^en  durch  den,  der  daz 
jemerlich  krutz  durch  üch  trflg,  und  laut  uwern  sin  und  mftt  nider, 
die  wile  es  got  und  üwer  obren  von  üch  wellen  han.  Ir  hant  mir 
mit  bittern  trehen  geklegt,  ir  enhabent  weder  künnen  noch  vermugen  2J 

XIX.  Brief  (=  KlBfh    VII K     Hss.:    c  h  n  U  8  5^  z. 

2  pro  nobis  fehlt  chRz          3  zartti  —  suppr.  fehlt  hJiss^  suppriorin 

fehlt  cn         6  wirt  getan  tut  w.  r          7  sider]  sit  ir  z  syd  s  so  n  dis  nä  s 

nu  das  Iis^  8  sit  üch  ss^hli  10  mc  fehlt  cn  entriht.  me  r  11  siut 
worden  cR           11  f.  da  gr.  Ion  sol  von  w.  z          12  seit  i/«*          15  ambaht  *• 

zu  solt  han  z      16  betrübtnisz  w7^      gesprechen  s      19  ^o  fehlt  A/^v*  20  daz] 

dis  z  21  martrer  leben  lis^  22  dis]  das  hs^  25  bitterlichem  z  clagt  lia^ 
habent  hnUss^        mügen  s 

2  Phih  3j8.  3   l'ber  das  Ami   der  Suppriorin   ( (iehilfin   und  Stell- 

Vertreterin  der  Priorin)  vgl.  die  Constitutiones  Sororum  Ord,  J^raed.  c.  25  ( Hol- 
st enius-Brockie  I\\137)y  und  das  Ämterbuch  des  Joh.  Met/er  in  Freih.  IHör,- 
Archiv  XIII,  198,  7  f.  Rom.  11,1.  13  f.    Vgl  Seuses  Klagen  über  den 

Verfall  der  Klosterzucht  in  Bdeir  Kap.  6  (217,1  Jf.)  und  besonders  Hör.  43 ß. 
Weitere  Belege  bei  Denijle,  Das  geistl.  Leben  Soff. 


dar  zQ:  swcnne  ir  getbnt  duz  beet,  duz  ii-  ücli  ver^^taut,  so  eint  ii* 
lidig,  ob  es  jocli  iiüt  daz  beste  ist. 

Ir  pond  in  alleu  dingen  got  vor  ögeu  han,  me  deone  keinen 
lipliehen  nutz.  K  ir  wultin  gestatten,  daz  üwer  scbeiTelin  eins  ge 
5  krenket  wurdi  an  siuer  sele,  da  ir  es  m&htint  verkomen,  ir  süllent 
e  hundert  marck  verlnet  ftwera  kloster^  verklagen.  Ir  sönd  gemein 
sin  in  den  baltungen,  da«  frünt  und  vient  glicb  daz  joch  tragent, 
daz  gebirt  fride.  Ir  efind  die  jugent  in  nieisteracbaft  haben,  won 
übel  gezognü  jngent  isl  aller  meist  ein  zerBtärung  geisllicbeg  lebens. 

lu  Jr  sond  einen  süssen  ernst  haben,  und  me  von  minnen  den  von  vorbten 
gebieten.  Daz  Äch  zfl  kreftig  si,  daz  legenl  üwern  obren  für,  und 
iedoch,  da  ir  nüt  tnügent  hissen,  da  bellent  aber!  Mügent  ir  nüt 
f^eistlich  züht  gentzlich  widerbringen,  so  ahtent  ienier,  daz  nät  ab- 
lasses   noch   swäres   inbruches   ander   üch   gesi^hehe.      Der   ein    zer- 

15  brachen  s  altes  kleit  nüt  wider  büseen  ^vit,  so  ist  es  acbier  alles 
zerschlichen.  Swenn  ir  zergant  an  geistlichen  dingen,  so  sint  ir 
Öch  US  an  lipliehen  dingen.  Der  der  minsten  nibt  abtet,  der  vellet 
in  die  meisten, 

Ir   sond  den  frowen  göt  bilde  vor  tragen  und  mit  werken  me 

20  denn  mit  Worten  leren.  Verwegent  ücb,  so  ir  üch  flissent,  daz  aller 
best  zfi  tünde  in  allen  dingen,  daz  daz  dicke  für  daz  b5ste  wirt 
enpfangen;  er  mfts  es  wol  kunneu,  der  allen  menschen  wil  wol  ge- 
vallen.  Went  ir  aber  menlich  willen,  so  hant  ir  gotle  und  der  war- 
heit  ungewillet.     Der  bösen  schelten  ist  der  guten  loben. 

25  Innewendig    frevel    gespilschaft,     usseweudig    schedlicb    frönt- 

scbaft  sond  ir  zertrennen  mit  kraft.  Tflnt  daz  üwer.  so  sint  ir 
lidig.  We,  we  dem  kloster,  da  dise  zwei  in  gebrechent!  Wan  daz 
wirt  frideloB  und  ze  jungst  erlös.  Es  were  üch  besser  alle  tage  ein 
wunden    enpfachen,    denne    dis    under    üch    lassen    wahsen.      Nu 


1  tfiut  ent'  Ö  dit]  duz  rc  färkomen  a'chnR  ir  srill.  ~  6  rerki. 
ftftU  e  6  mnroken  «  7  liem  haltunge  A«  der  haltuuge  nH  U  Das  — 
■i  fehU  h  zä]  so  hx  üwerme  «  12  bissen]  wiszeu  Im'  bellent] 

wellenb  kt'         13  f,  uät  gentzlich  g.  zuht  t         14  nocli  fthll  UH»^  under 

fich  fehlt  hRs'z  IB  aller  z  16  zeraliBsen  ncn  zerriaseti  Aää'  bo  sint  — 
IT  dingen  fehlt  g  17  uch  fehlt  ch  vervoliet  hRt  19  frowen]  br&dern  «> 
andern  i-  20  fi'irkereu  und  leren  e  lernen  hR  24  lob  nR  35  sehend' 
Uch  £  26  eint]  stant  £  27  in]  inne  «  daz)  ilis  a  es  >t  28  alle  Ugt 
fthli  1        29  enpfangvn  schnR 


17  f.    Vgl.  Sir.  ]0,1.  22  ff.    Vyt.  diti-j/riehwrllk-lif'i   Reilenaarl 

■.  Ziiiyerlt  n.a.  0.  11  r. 


J^ 


464  Grosses  Briefbuch.    XTX.  Brief. 

sprechent  ir:  „owe,  herre,  griflf  ich  daz  au,  so  gewinn  ich  unfride." 
Ich  spriche:  selig  si  der  unfride,  wan  der  unfrid  gebirt  den  ewigen 
frid.  We,  wo  den,  die  da  lant  hin  gan  und  ires  hertzen  fride  hier 
inne  süchent!  Von  den  spricbet  Isnias:  pax,  P^^?  ^^  i^^n  est 
pax,  dazsprichet:  sü  sprechent:  frid,  frid,  und  ist  doch  nüt  fride. 
Die  sflchent  ir  eigen  gemach,  sä  hant  gern  zergenglich  ere,  und 
kSffent  die  mit  eime  zergenne  aller  geistlicher  ere.  Und  we  dien! 
wan  sü  hant  hie  Iren  Ion  enpfangen. 

Aber,  kint '  mins,  ir  sfichent  gottes  ere,  als  der  liebe  Cristos 
suchet  sin  es  ewigen  vatters  ere,  und  dar  umb  liess  er  sich  heocken 
an  den  galgen  des  krutzes.  Kint  mins,  du  olagest  dich  gar  vaste, 
waz  du  lidest;  dir  rinnet  noch  nät  daz  blüt  daz  autlit  abe!  Man 
nam  hie  vor  zu  solichen  emptem  nüt  die,  die  gern  ere  hattent^ 
wan  nam  die,  die  von  minnen  die  verwegensten  in  den  tot  warent. 

Nu  sprechent  ir:  „owe,  herre,  hier  inne  vihtet  min  hertze, 
owe,  wa  aber  andehtiges  gebet,  wa  hertzenrftwe,  wa  luters  schowen?" 
Los,  kint  mins,  waz  sant  Gregorius  sprichet:  ein  meisterschaft 
solt  als  volkomen  sin  in  einer  geistlichen  wise,  daz  sü  von  aller 
usser  unmüssikeit  nüt  wurdi  gezogen  von  clarer  schowlicher  voUe- 
komenheit,  daz  sü  allen  ireu  nndertanen  eigenlich  gnfig  si,  und  ir 
selben  in  keinen  weg  nüt  dest  minre  sie.  Aber  leider  da  zö  sint 
ir  noch  nüt  komen.  So  sond  ir  nach  üwer  cleinheit  also  tftn: 
hütent  ücli  vor  hochfart,  gedenkent,  wer  ir  sient,  und  wie  schiere 
ir  verswunden  sint.  Und  dar  umbe,  wenn  ir  ieman  went  straffen, 
so  straffent  üch  selber  vor.  Und  daz  ir  mit  gftt  übel  üherwindent: 
ein  tüfel  fribet  den  andern  nüt  us.  Ir  sond  us  eime  senften  hertzen 
hertc  und  senfte  wort  lassen  hellen,  als  es  denn  geschaifen  ist. 


2  wan  —  3  frid  fehlt  hnRss^  den  ewigen  fehlt  z  3  aber  we  we  hnlis 
da  fehlt  8  4  den]  disen  s  5  sü  .sprechent  fehli  ns  8  liie  fehlt  z  den 
Ion  hie  z  9  niinü  z  ir  fehlt  cs^z  10  ewigen]  lieben  hsn^  11  an  — 
kn'izes  fehlt  z  [gar]  vaste  und  gar  vaste  s  12  abe  über  din  a.  *r  13  nam 
fehlt  sz  KOgtanen  z  nüt  —  14  nam  fehlt  hlts^  14  nam  fehlt  z  von 
minnen  fMt  chlias^  die  verwegen  vest  hh's^  varen  ha^  16  [wa]  aber  r 
lüterst  a  18  sol  chlUs^  18  f.  aller  ir  usser  ns  20  daz  —  21  sie  fehlt  h 
eigenlich  fehlt  cnJiss^  si]  sien  e  und  —  21  sie  fehlt  l{s^  21  selbes  s 
23  und  —  24  sint  fehlt  hs^z  24  geswunden  s  25  vor  selber  /<a*  s.  vor  an  r 
27  seuftc  und  herte  chnUs^        denn  fehlt  s 

4   Jeremias  6,14j   nicht  Isaias.  8   Matth.  (J.f?.  9   söchent  ist 

Imoetatir,  v(ß.  Kl  Bfh  S8Q,28.  9  f.    Vgl.  Joh.  S,40f  12    Vgl.  Hehr.  12,4. 

17  Vgl.  die  zu  Kl  Bfh  383,3  u.  389,6  zitierten  Stellen.  20  ]'gl.  Lnk.  11,17. 


Grosses  Briefbuch.    XIX.  Brief.  465 

Gottes  dienst  sol  üch  ob  allen  dingen  bevolben  sin. 

Ir  sond  üwer  selbs  nüt  vergessen,  ir  sond  dicke  an  dem  tage 
in  lieh  selber  keren  und  ie  zwo  gut  stunden  üch  selber  nemen  bi 
tage  und  naht,  in  den  ir  üch  für  üch  selber  stellent  und  ab  üch 
5  selben  rihtent  und  ein  wil  der  ding  vergessent,  daz  ir  üwer  gemüte 
frilich  uflF  habent,  daz  ir  einen  jamer  nach  dem  geminten  habent, 
daz  ir  eins  mit  im  werdent,  daz  ir  ime  alles  üwer  leit  und  liden 
klagent  und  daz  in  ime  enpfahent,  durch  in  lident,  mit  ime  über- 
windent.  Sprechent  also:  „ach,  herre  min,  ergetze  mich  in  dir  alles 
10  leides!"  Ir  mugent  inrent  einer  guten  stunde  eines  gantzen  tages 
ergetzet  werden. 

Ein  usgenomen  volkomen  leben  lit  nüt  an  trost  alle  stunde 
haben,  es  lit  an  eime  uffgeben  willen  in  gottes  willen,  daz  si  sur 
oder  süsse,  in  einer  undertenikeit  einem  menschen  an  gottes  stat  in 
15  diemütiger  gehorsami.  In  dem  sinne  wer  mir  lieber  ein  truchenheit, 
denne  ane  daz  ein  hinfliessende  süssekeit;  und  daz  beweret  die 
edel  gehorsami  des  ewigen  sunes,  die  in  trukner  bitterkeit  volbraht  wart. 

Dis  sprich  ich  nüt  dar  umb,  daz  ir  üch  dar  zfl,  als  ir  yil 
tünt,  erbietent,  me  daz  ir  dis  joch  gedulteklicb  lident  und  daz  best, 

20  daz  ir  mugent,  tugent.  Wer  es  daz  nüt,  üch  weri  vil  liht  ein  an- 
ders, ein  bösers  zu  gevallen.  Der  herre,  den  ir  da  meinent,  der 
üch  daz  liht  hat  zfi  geworffen  an  üwer  zfitün,  der  mag  üch  wol 
dar  inne  nach  üwerme  besten  versehen.  Und  des  bit  ich  in  von 
hertzen,   daz  ir  im   sin   lop  also  dar  inne  volbringent,   daz  ir  und 

25  üwer  undertanen  niemer  von  im  gescheident.     Amen. 


1  ob]  vor  chsz  3  ie]  iemer  chsz  gut  zwo  *•  4  ab]  über  na^ 

6  frolich  hs^  ein  bejamem  s  8  [in]  ime  hR  enpfahen  .  .  .  liden  .  .  . 

über  winden  s  und  durch  hlia^  9  ach  fehlt  z  ergetzen  s  10  leidens  mä 
12  stunden  z         13  in  g.  wiUen  fehlt  az  daz]  es  Bs^         15  lieber  fehlt  a 

17  in]  mit  s  18  dis]  das  hUs^  dar  umb  fehlt  s  daz  —  19  me  fehlt  z 
19  enibietent  a  dis]  daz  hHa^z  20  vil  liht]  billich  z  21  denn  der  h.  z 
22  daz]  es  z  liht]  lieht  a  villicht  a^n  üwer]  uch  a  23  dar  inne]  da  mit  hUa^ 
24  im]  nun  hnRa^        also  volbr.  hRa^        25  Amen  fehlt  c 

3  ff.    Vgl  GrBfh  415,7  ff,  7  f.    Vgl  Bdew  250,24  ff. 


H.  Souse,  Deutsche  Schriften.  30 


466  Grosses  Brief  buch.    XX.  Brief. 

XX.   Brief. 
Annnnciate  dilecto,  quia  amore  langueo. 

Es  schinet  wol,  daz  die  minne  truucken  machet,  daz  ein  mensche 
nüt  weiS;  waz  er  schaffet.  Sesse  ein  mensche  vor  eime  kelre  in 
eime  sumcrlichen  tage,  schone  bedecket  mit  des  gelobeten  waldes  5 
schöne  wat,  bezettet  mit  der  bifimen  manigvaltiger  Schönheit,  und 
man  im  do  her  us  eines  kiperwines  in  den  durchlühtenden  glesem 
für  trüge  und  in  nach  sines  hertzen  girde  trenckete,  —  und  ein 
ander  mensche  uflF  der  dürren  beide  under  einem  ruhen  rekolter  sesse 
und  die  ber  abe  lese,  daz  er  temptige  menschen  gesunt  mähte:  10 
enbütte  iemen  disem,  wie  er  sich  gegen  dem  süssen  seitenspile  halten 
und  leichen  und  gebaren  solte,  er  spreche:  „er  mag  wol  truneken 
sin,  er  wenet,  daz  aliermenglich  si  also  ime,  mir  ist  üt  anders  zu 
mute,  wir  sint  unglich  gefüret." 

Min  kint,  daz  mag  ich  eigenlich  zfi  dir  sprechen  von  der  bot-  !.=> 
Schaft,  die  du  mir  hast  getan :  wie  ein  inbrünstige  vackel  enbrennet 
si  in  dime  hertzen  von  rehter,  begirlicher,  inhitziger  minne  zö  der 
minneklichen  ewigen  wiszheit,  und  von  dem  nuwen  lichte  und  un- 
bekanten  wundern,  die  sü  in  dir  wurcket,  und  wie  din  hertze  hat 
dar  inne  enpfunden  ein  süsses  we  und  ein  liepliches  zerfliesseu  und  20 
ein  überswenkes  enpfinden,  do  von  du  nüt  gesagen  kanst;  und 
begerest,  wie  du  dich  ime  aller  minneklichest  hier  inne  süllest  er- 
zoigen  und  dich  gegen  den  wundern  halten. 

Min  kint,   es  stat  ein  unmessige  fröide  uflf  in  miuem  hertzen, 
daz  sich  der  minnekliche   got  so   minnekliche   erzöiget  und  daz  er  25 
git  zu  enpfindende,  daz  ich  mit  den  worten  sage,  daz  er  bewert,  daz 


XX.  Brief  f=  Kl  Bfb  VIII).  Hss.:  h  c  d  s.  In  hcd  fehlt  der  Teil 
von  467,27  (in,  auch  s  ist  gegen  Schluss  unvollständig. 

2  dilecto  meo  d  4  kele  s  6  simderlicben  s  schone]  sehen  (!)  s 
7  erluhtenden  s  durchlühteten  h  gleseliu  b  8  und  in  —  12  solte  fehlt  d 
9  Wacholder  c  10  [die]  ber  //  gelese  h  11  enbiete  ^«f  iomen]  einer  h 
11  f.  ge^en  dez  s.  seitenspiles  leichen  solte  gebaren  h  dem  s.  seitenspiles  sc 

13  üt]  nüt  s  vil  c,  fehlt  d        15  sprechen  zu  dir  .v        19  wirckent  s       20  und 
[ein]  1.  ds        erfliessen  s         21  überswenckiges  h        22  ime  fehlt  ds 

2  Hohel.  5ß,     Vgl,  Taulcr,  Frankf.  Ausg.  1,160 ff.  7  JJcr  ,Cg2)eru'cin' 

wird  oft  bildlich  hei  Schilderung  der  mystischen  Trunkenheit  genannt,  vgl,  die 
Belege  bei  Strauch,  Ad.  Langmann  114  u.  Marg.  Ebner  3öö. 


Grosses  Brief  buch.    XX.  Brief.  467 

ich  nüt  ein  lieger  bin,  wanne  ich  als  reht  vil  von  siner  minneklicben 
minne  minnenden  bertzen  nabt  und  tag  sagen.  Und  dar  nmb^  daz 
alle  min  kint^  die  zergenglicbe  minne  bant  gelassen  und  aber  nocb 
mit   iren  wunden   umb   gant,   wie  sü  die  gebeilent,   daz  die   oueb 

5  bettent  getruncken,  dar  umb  wolte  icb  gerne  turstig  bliben. 

Min  kint,  es  ist  ein  gross  wunder,  daz  du  in  so  kurtzen  jaren 
hie  zft  bist  komen.  Und  daz  bat  aber  gemacbet  der  gantze  ker  zft 
gotte  und  volkomener  vonker  von  allen  dingen  und  der  grundelose 
ernst  und   liplicber   pin,   mit  dem  du  din  altes  leben  gedilget  hast 

10  und  die  valscbe  minne  so  gar  under  die  füsse  getrucket  hast.  Min 
kint,  ein  mensebe,  der  nie  zfi  dem  wine  kam,  so  der  des  ersten 
beginnet  trincken,  so  wurt  ime  der  win  enpfintlieber  denne  dem,  der 
es  dicke  bat  getan ;  und  gedencke,  daz  dir  also  geschehen  sie  von 
der  claren  süssen    minne  der  ewigen   wiszheit,   die  dich  als   uber- 

15  krefteklich  hat  überwunden.  Oder  es  meinet  aber,  daz  dich  got 
reissen  wil  und  dich  schiere  binnan  wil  nemen  zfi  dem  grundlosen 
burnen,  us  dem  du  nfi  ein  trßpfelin  hast  versuchet;  oder  es  meinet 
aber,  daz  er  sine  wunder  hie  an  dir  wil  erz6igen  und  den  übei*flusz 
siner  gute.     Und  solt  dich  also  halten:   du  solt  dich   ime  zu  male 

20  neigen  under  sine  füsse  mit  din  selbes  verworflfenbeit  in  einem  lügen 
sines  willen  an  lustsficben  din  selbes.  Du  endarft  dar  zfi  nit  vorbte 
ban:  es  ist  alles  sament  ein  minnenlfider  ^ottes  in  der  sele,  es  gat 
eben,  ime  sol  also  sin.  Doch  soltu  diner  liplicben  kraft  war  nemen, 
daz  du  nüt  zfi  vil  dar  inne   verzert  werdest.     Es  mag   sich   fügen^ 

25  so  der  loflf  für  kumet,  daz  es  dir  zfi  gfiter  masse  benomen  wurt  und 
daz  du  ufF  ein  nocb  nebers  gesetzet  wurst. 

Ach,  min  kint,  die  schöne  gesibt,  die  dir  an  dem  heiligen  tag 
zft  winaht  wart,  in  der  du  sehe,  wie  clarlicb  die  minnecliche  ewige 
wiszheit  in  frßidenricher  wise  mit  miner  sele  vereinet  wer,  und  en- 

30  hütest  mir,  icb  müge  ein  fröidenricb  diener  sin  der  ewigen  wiszheit, 
dis  hat  gemachet,  daz  icb  ban  hertzklicb  gesüftzet,  wanne  icb  bin 
nüt  sin  minner.  Mich  dunket,  ich  si  sin  karrer  und  watte  mit  den 
grossen  Schüben  uflFgeschürlzet  durch  daz  ror,  wie  ich  die  menschen 

1  y'ii  fehlt  8  2  minnende  8  3  [und]  aber  und  noch  s  7  Und  —  8  dingen 
fehlt  d  8  vonker]  ker  b  affkere  c  10  hast  fehlt  hs  12  enpfinglicher  ad 
dem  fehlt  hcd  21  f.  han  vorhte  s  23  doch  so  soltu  8d  24  dar  inne  zä 
vil  s        j^efugen  b        25  es]  er  ds        32  karter  (!)  a 

4  wunden  bezieht  8ich  auf  die  verkehrten  Neigungen,  die  nach  der  Be- 
kehrung noch  in  der  Seele  sind,  28  f.    Vgl.  Vita  20,13  ff.  u.  AbUldung  2. 


468  Grosses  Briefbuch.    XXI.  Brief. 

US  der  tiefifeu  lachen  ires  süntlichen  lebens  bringe;  und  dar  um b  sol 
mich  genügen,  so  er  mir  einen  rucken  ieip  an  mine  haut  git.  Und 
doch  so  mos  ich  dir  eines  von  mime  geminten  sagen,  des  er  kürtz- 
lich  neisvvie  dicke  hat  in  mir  gepflegen  [hier  bricht  auch  s  ab;  den 
Schluss  siehe  Kl  Bfb  385,30 --886,30]. 


XXL  Brief. 
In  Omnibus  reqniem  qnesivi. 

Also  sprichet  die  ewige  wiszheit:  ich  habe  mir  in  allen  dingen 
rfiwe  gesüchet,  und  leret  verirte  menschen,  wie  sü  in  dem  loflFe  ires 
lebens  zft  fride  süUent  komen.  10 

Wie  daz  si,  daz  die  warheit  an  ir  selbes  blos  und  lidig  si, 
doch  von  unser  naturlichen  eigenschaft  so  ist  uns  anegeborn,  daz 
wir  sü  in  bildlicher  glicheit  nemen,  untz  daz  der  swere  nidertragende 
lip  wurt  abe  geleit  und  daz  gelüterte  5ge  in  der  ewigen  sunnen  rad 
frilich  wurt  gestecket;  wan  untz  dar  so  gangen  wir  also  die  blinden  16 
suchen  und  griffen  umb  uns  und  enwissent  nüt  wo  oder  wie.  Und 
so  wir  joch  ettewenne  haben  die  warheit,  so  enwissent  wir  nüt,  obe 
wir  die  warheit  haben,  und  tügent  als  der  ein  ding  suchet,  daz  er 
in  der  haut  hat.  Und  der  mensche  lebet  in  zit  nüt,  der  dises  gentz- 
lich  lidig  Stande,  wanne  es  ist  ein  nachklang  der  erbesünde.  20 

Aber  under  allen  dingen  nach  mime  verstene  so  wer  nüt  also 
rehte  begirlich  zu  wissende  einer  gotsüchenden  sele,  als  daz  sü 
möhte  wissen,  waz  gottes  liebester  wille  in  ir  wer,  daz  sü  ime 
minneclich  und  gevellig  mähte,  daz  er  sunder  liep  und  minne  und 
heimeliche  zu  ir  gewinne;  wanne  ein  reht  geordenter  mftt  kunt  dicke  25 
dar  zu,  des  mich  duncket,  daz  er  dar  umb  einen  tot  wolte  liden 
daz  er  des  einen  lichten  underscheit  gewinne  in  allen  dingen.  Dise 
begirde  mähte  den  getruwen  Abraham    us  gende  von  sime   lande 


XXL  Brief  i=  Kl  Bfb  IX),    Hss.:   c  d  h  R  .v.   In  d  fehlt  der  Sdtfus.s^ 
von  470.8  wer  an. 

8  Also  —  wiszh.  fehlt  h  mir  fehlt  d  12  [unser]  natürlicher  1\ 

13  bilderj'cher  s  15  [die]  blindslichen  h  [die]  plintloszcn  H  17  so  enw.  — 
18  haben  fehlt  h  19  dises]  des  hli  23  wer  in  ir  R  24  siinderlich  cdÄ/V 
und  minne  fehlt  hR        26  des]  als  c        27  in  allen  d.  irewynne  .v 

7  Str.  ^4,n.  24  er  =  der  Mensch.  27  des  —  von  Gottes  Wilhn, 

28  ff.  /  3I0S.  12,1,  4. 


Grosses  Briefbuch.    XXI.  Brief.  469 

und  lüten  und  fründen;  er  enwuste  war  und  süchete  got  verre,  daz 
er  in  nach  vinde.  I)is  hat  gejaget  und  getriben  alle  usserwelte 
menschen  von  anegenge  der  weite  untze  an  disen  hütigen  tag  und 
tut  iemer  me,  wanne  daz  liep  wartspil  zühet  me  denne  der  adamast 
5  und  bindet  lue  denne  tusent  seil.  Wol  ime,  daz  er  ie  gehorn  wart, 
der  es  vindet  und  ergriflFet  und  sich  nieiner  do  von  gekeret! 

Ach,  har  umb  vellet  mir  ein  spruch  in,  den  las  ich  in  der 
schule  der  nature;  ich  las  in  und  verstaut  sin  aber  do  nüt.  Er 
sprichet  also:   er  beweget  unbewegenlich  also  ein  geniintes  liep.   er 

10  git  hertzen  ilen  und  begirden  ISffen  und  stet  er  also  ein  unbewegeu- 
licbes  zil,  des  alle  wesen  varent  und  begerent.  Aber  der  loiF  und 
zug  ist  unglich:  der  liehte  himel  machet  die  anbeis  kriechen  und 
den  geswinden  hirtz  ISflfen  und  den  wilden  valken  fliegen.  Ir  wise 
ist  ungelich   und  haut  doch  ein  ende,   daz  ist  ein   ufenthalten  ires 

15  Wesens,  daz  von  dem  minnezil  us  flösset. 

Dis  glichen  vindent  wir  in  der  grossen  unglichelt,  die  man 
under  gottesfrunden  vindet,  die  do  des  gutes  enpfenglich  sint;  wanne 
eins  loffet  mit  grosser  strengheit,  eins  ilet  mit  luter  abgescheidenheit, 
eins  flöget  mit  schSwelicher  hoeheit,  ieder  mensche,  also  ime  gezem 

20  ist.  Waz  do  an  ime  selber  daz  nehste  sie,  daz  wene  ich,  daz  daz 
keinem  besinten  menschen  verborgen  si,  aber  waz  einem  ieklichen 
menschen  sunderlich  daz  aller  nützest  si,  daz  wen  ich,  daz  daz  nie- 
man  dem  andern  künne  gesagen;  eigenes  befinden  und  götteliche 
erlühtunge   müs  des  einen  menschen   bewisen.     Denne  eines  spriche 

25  ich  wol:   liplich   strenkeit  git  zft  den  dingen  vil   gevellikeit,   der  es 


4  adamas  ch  5  daz  er]  der  s  6  begryffet  cd  keret  B  7  las 
nach  8  schäle  s  8  aber  do  fehlt  c  10  er  stet  hR  er  fehlt  s  11  warent  s 
wartten  R  wardit  d  wartende  synt  c  12  gar  ungl.  cd  die  —  und  fehlt  h 
ameiszen  Red  14  ufenthaltens  s  15  daz  —  flüsset  fehlt  h  uf  flüsset  (!)  8c 
1(3  Des  c  17  gueden  cd  18  stargheit  s  kranckheit  c  mit  (zweites)]  iu  hR 
20  daz  daz  —  22  wen  ich  fehlt  s  21  besinten]  besonnenen  c  verstendigen  d 

22  [daz]  aller  n.  dR       23  eig.  —  24  bewisen  fehlt  h      25  gevellecliche  s      es]  sy  c 

1    Vgl.  Hehr,  11,6.  7  f.  in  der  schöle  der  nature  =  im  j/hilosophischen 

Unterricht.  8  ff .   Aristoteles y  Metaph.  XII  c.  7  (1072a  25  ff.  hSff.)  ist  frei 

zitiert.  20  ff.  Das  beschauliche  Leben  ist  an  u.  für  sich  das  höchste,  aber 

nicht  alle  sind  dazu  berufen;  vgl,  die  Anm.  eu  Kl  Bfb  3ö8,10  und  Denifle,  Das 
gcitill.  Lehen  263  ff.  Zitate  aus  Gregor  (eigenes  befinden)  a.  Dionysius  (gottel. 
erlühtunge)  siehe  Kl  Bfb  388,20f. 


470  Grosses  Briefbuch.    XXII.  Brief. 

t&t  mit  bescbeidenbeit.  Es  ist  käntlich,  daz  nieman  zu  allen  zitten 
in  sime  I5ff  uff  eime  püntelin  mag  bestan;  dar  umb  sol  man  den 
dingen  gar  sitlich  nach  gan.  Uff  den  sinn  sprichet  der  wise 
Salomon:  alle  ding  babent  ir  zit.  Wanne  also  der  luter  inker  an 
eime  frummen  menseben  sin  zit  wil  baben,  also  wil  5ch  der  örden-  5 
lieb  usker  naeb  gottes  lop  sines  zittes  nüt  verbalten  werden.  Wer 
sieb  alleine  setzet  uff  inrekeit,  der  wurt  entribtet,  so  in  got  zähet 
zu  usserkeit;  wer  sieb  ocb  nuwen  bebencket  in  usserkeit,  der  ist 
ungeb6gig  zu  innerkeit.  Ein  wiser  menscbe  sol  sin  innerkeit  in  der 
usserkeit  nüt  verwerffen,  noeb  der  usserkeit  von  der  innerkeit  nüt  10 
verl6ickeuen,  sunder  da  es  ane  triffet  die  werk  der  geborsame.  Er 
sol  sieb  selber  in  den  wereken  mit  beiligeu  begirden  unmüssigen, 
daz  er  geswinde  wider  in  die  beimeliche  müge  komen,  und  sol  sieh 
selber  in  der  innerkeit  also  in  gottes  baut  geben,  daz  er  der  gehor- 
same siner  obern  müge  gnüg  wesen.  Und  also  get  er  us  und  in  15 
und  vindet,  do  von  er  gespiset  wurt,  wanne  er  vindet  rfiwe  naeh 
der  wiszbeit  lere  in  allen  dingen. 

Dis  schribe  ich  üch  dar  umb,  sit  ir  got  verre  in  daz  eilende 
gevolget  baut,  daz  ir  in  nahe  und  verre  kunnent  vinden,  den,  der 
do  in  allen  dingen  hat  sin  wonen.  leb  weis  einen  menschen,  der  20 
kam  sines  lidenden  eilendes  eins  males  under  einem  crucifix  au  den 
eilenden  Cristum;  do  antwurtet  er  ime  her  abe  innerlich  also:  „du 
solt  dar  umb  lieblos  sin,  daz  du  mir  zfi  eime  liep  werdest,  und  solt 
dar  umb  versmebet  sin,  daz  du  mir  zu  eime  lobe  werdest,  so  solt 
du  dar  umb  unwert  sin,  daz  du  mir  zu  eren  werdest."  2b 


2  gfBstan  hlt  4    inker]   kerm  (I)  *•  6    vorschalten  a'    verschiffet  c 

7  eutriht.]  intfredet  c  8  wer  —  9  innerkeit /c/J/  h  10  noch — 11  gehors. 
fehlt  h  noch  die  usserk.  s  15  sine*  chs  gnufj;  mnge  w.  s  19  haut 
gevolg.  hR         21  males  fehlt  s         ein  cruc.  chs         23  und  —  werdest  fehlt  c 

1  boscheidenheit  =  Diskretion.  Ähnliche  Aufisj)rih:he  Vita  108,lljf.: 
Kl  Bfh  364,11  ff.  388,22.  Weitere  Belege  hei  Dcnijle ,  Luther  und  Luthertum 
I-y'jayff.  2  f.    Vgl.  Vita  166,21  f.  4  Fred.  3,1.  4  ff.  inker  =  hc 

schauung;  usker  =  Beschäftigung  mit  äusseren  Dingeti.  6  ff.  Ahnlicht  CrV- 
danken  in  den  Sprüchen  Vita  165,8 f,  ltj7,15f.,  16,sJf.u.  Kl  Bf h  383,3 jK 
Taulers  Lehre  hei  Denijle,  Bvga  XXXI f.  8  beheucket  mit  der  Anhimff- 

lichkfit  an  die    sinnlichen  Dinge.  16  f.  Joh.  10^9;  Sir.  24,11. 

20   Vgl.  Fs.  13h,7ff. 


Grosses  Brief  buch.     XXII.  Brief.  471 

XXII.  Brief. 

Estote  perfectll 

Also  sprichet  die  ewige   wiszheit  Jesus  Cristiis  zft  sinen  uss- 
erwelten  Jüngern,   die  nach  hohem  leben  stalten:  „ir  sent  volkomen 
5  wesen!" 

Der  lieht  Dionysius  an  dem  buche  von  den  engelsliclien 
Jerarchien  sprichet  also,  daz  die  nidern  von  den  öbern  werdent  ge- 
furbet,  erlühtet  und  volbraht;  und  das  geschiht  alles  mit  dem  us- 
brechenden  glantz  der  überwesentlichen   sunnen,   mit  einer  geraein- 

10  same  dez  hohen  usflusses,  mit  nuwer  inlüh^ender  warheit. 

Dis  bildes  glichnisse  vindent  wir  ettewie  vil  in  zit  in  maniger 
leye  wise  in  vil  menschen.  Doch  also  mich  duncket,  daz  es  dir  zu 
gehöre:  daz  fürben  lit  an  usgetribenheit  alles  des,  daz  creature  oder 
creaturlich   ist  nach   hafte   und  begirde   und   kumber,   daz   dich  in 

15  keiner  wise  vennitlen  mag,  und  wer  daz  der  höheste  geist  von 
Seraphin  oder  der  heilig  sant  Johannes  oder  waz  daz  ist,  daz  ge- 
schaffen ist,  —  dem  soltu  us  gan.  Du  weist  vil  wol,  wie  rehte 
kundig  der  satan  ist  und  wie  gröszlich  maniger  ^heilger  mensche  hie 
verwirret  ist.     Lüge,   kint  mins,    ich  gibe  dir  den,   der  alle  heiigen 

20  geheilget  bat,  die  ewigen  wiszheit;  und  den  ungeordenten  kumber, 
den  du  vor  an  sin  getat  leitest,  den  leg  nü  an  den  geminten  zarten 
herren.  Ich  weis  wol,  daz  du  es  in  guter  meinunge  tete;  aber  die 
gute  meinunge  ist  in  allen  dingen  nüt  genfig.  Es  gebot  unser  herre 
hie  vor  durch  Moyses  und  sprach:  „daz  reht  und  gut  ist,  daz  soltu 

25  reht  und  ördenlich  tun" ;  anders  daz  reht  wurt  unreht. 

Aber  nach  den  claren  inflüssen  der  göttelichen  warheit  do  soltu 
naht  und  tag  nach  kalen  nach  nuwem  lieht,  nach  nuwer  warheit, 
wanne  die   warheit  ist  ein   lieht,   daz  die   timbern   vinster  der  un- 

XXII.  Brief  (=  Kl  Ufb  X).     II  ss.:    c  d  h  li  s, 

3  sprach  R  4  die  —  stalten  fehlt  hBs  6  lieht]  leue  d  7  ueder- 
steii .  .  oversten  cd  7  f.  gefarbet]  gereyniget  c,  fehlt  dh  8  als  cdR  dem] 
eyine  sdh  10  mit  n.  inl.  warb,  fehlt  d  11  Des  cd  13  uffftrben  *  reynigen  c 
aller  [des  daz]  creature  s  des  fehlt  dhli  14  haste  dhs  18  sataii]  viant  d 
19  verirret  s  myn  kint  cd  21  getet  s  22  die]  dein  hH         24  und 

sprach  fehlt  hR  25  unreht]  vurcht  8  26  dem  cl.  inliusse  cd  27  quelen  chR 
nüwor  liebten  (!)  s  28  timbern]  tumben  s  dode  d,  fehlt  ch  vinsternusse  dh 
diiysternisse  c 

2  Matth,  6j4ö.  6  flf .  De  coel.  Hierarchia  6,7.-  7jä.3;  4,3,    Zu  nidem 

uud  obren  ergänze  icie  KlBfb  390,2  engel.  24  f.    V  Mos,  16,20, 


472  Grosses  ßriefbuch.    XXIH.  Brief. 

wissenheit  vertribet;  und  daz  lieht  wurt  ettewenne  in  mittel,  etwenne 
sunder  mittel  enpfangen,  daz  die  sele  in  fröide  ernuwert  und  si  mit 
gSltelichen  formen  erfüllet.  So  dir  des  in  zit  ieme  werden  mag,  so 
dir  alle  irdenscheit  ieme  enpfellet,  und  daz  untodemlieh  kleit  des 
künftigen  iemer  werenden  lichtes  ieme  wurt  geeigent  in  einer  ver-  5 
drossenheit  aller  zitlieheit. 

Und  in  dem  enspringet  denne  daz  dirte,  daz  ist  wäre  vol- 
komenheit,  die  do  lit  an  der  waren  vereinunge  der  hohen  kreften 
der  sele  mit  dem  Ursprünge  in  hohem  schowene,  in  inbrünstigem 
minnene  und  in  süssem  niessenne  des  hohen  gutes,  also  vil  sü  vor  10 
krangheit  des  sweren  libes  vermag,  untze  sü  och  abe  geleit  des  libes 
swerheit  und  frilich  nach  ilet  irem  geminten  in  vollekomener  selikeit. 

Sich,  min  kint,  disem  pfat  gang  nach  und  kumme  dar  ab  nüt, 
so  wurstu   vollekomenliche   bewiset  der  höhsten   warheit  und  vahest 
hie  in  zit  an  einen  vorsmak  ewiger  selikeit.    Und  so  du  den  vinger  15 
göttelicher  lere  ie  girlicher  sugest,  so  du  ie  lüterlicher  wurst  gewiset 
und  ie  hertzeklicher  mit  dem  trancke  der  ewigen  wiszheit  getrencket. 


XXIII.  Brief. 

Exiivi  a  patre  et  veni  iu  mundum;  iterum  relinquo   munduni 

et  vado  ad  patrem.  20 

Also  sprach  der  ewige  sun  an  dem  jüngsten  nahtmale,  do  er 
von  sinen  jungern  hin  zu  sinem  vatter  scheiden  wolte:  „ich  bin 
komen  von  minem  vatter  in  die  weit;  nu  wil  ich  die  weit  lassen 
und  varen  wider  zu  minem  vatter." 

Der  wise  man  sprichet:  „dru  ding  sint  mir  unmügelich  zu  er-  25 
kennende:  daz  erste  ist  des  adelers  flug  in  dem  luft,  daz  ander  ist 


1  vertr.  der  imw.  hU  in]  ein  hs  etw.  —  2  mittel  fehlt  h  '2  vreuden  cd 
3  So  —  4  enpfellet  fehlt  h  6  geneyget  cd  9  seien  .«?  16  begrirlicher  Jf 
17  Amen  hU 

XXIII.    Brief     Hss.:    b  c  d  h  m  X  U. 

19  patre  meo  chnX  21  f.  nabtmal,  das  er  zu  lezst  mitt  sinen  jungem  ass 
und  er  von  s.  j.  U  24  var  hU  25   dn'i]  die   U  unmngel.]  miilich    U 

26  jiren  hmX        den  lüften  hcU 

8 f.    Vgl  Bdw  347jl3ß\  19  f.  Joh.  1Ü,'J^.  25  ff.  Spn'chw.  30,18  f. 


Grosses  Briefbuch.    XXm.  Brief.  473 

des  Schiffes  weg  uf  dem  mer,  daz  dirte  ist  des  slangen  slichen  uf 
dem  herten  stein." 

Diser  adelar  ist  daz  wort  in  der  gotheit.  Wie  daz  us  fliesseude 
ist  und  wider  in  fliessende  ist,  daz  ist  allen  geisten  verborgen,  als 
5  es  ime  ist  in  ime  selber  offenbar;  aber  daz  ander  als  sin  geburt  ist 
ein  Sache  aller  creaturen  geberens.  Daz  lan  ich  nu  zu  mole  ligen 
und  nim  daz  dirte  stucke,  daz  ist  ein  ende  sines  herkomens,  daz 
sint  alle  die  guten  gemüte,  die  in  gotte  eweclich  gestanden  sint,  daz 
er  die  lere,  wie  s6  wider  zfi  ime  kummen  süllent.    Exivi  a  patre. 

10  Es  wart  gefraget,  ob  der  mensche  dar  zu  möhte  kummen,  daz 

er  lidig  wurde  stonde  aller  usser  Übungen,  und  ob  usser  übunge 
besser  were  oder  lidig  «ton  von  innan  und  von  ussenan  in  einem 
schowende.  Do  wart  geantwurtet  also:  anevohenden  menschen,  die 
noch  mit  den  snecken  in  dem  horwe  irs  eigenen  gebresten  kriechent, 

15  den  gehört  nit  zft,  daz  su  sich  dem  adeler  in  sime  flug  glichent, 
mer  sü  süllent  flis  han,  daz  si  gangent  in  sich  selber  und  Ifigent, 
wa  sü  haftent,  daz  sü  sich  da  entlidigent.  Wer  mit  sweren  bürden 
wil  fliegen,  daz  gat  ime  übel  zfi  banden.  Da  von  so  sol  sich  der 
mensche  scheiden  von  allen  creaturen  in  dem  anevange,   obe  er  zu 

20  vollekomenheit  wil  komen.  Daz  ander  stücke  ist,  sinen  lip  an  griffen 
mit  kestigunge  in  einem  abbrechende  an  slaffende,  an  essende  und 
an  trinckende  und  alles,  daz  ime  lustlich  si;  wan  sin  lip  ist  der 
nehste  vigent,  den  er  gehaben  mag,  wan  er  müs  in  alle  zit  bi  ime 
tragen  und  sin  doch  lidig  stan. 

1  des  Schiffes  weg]  daz  schiff  hdhmNÜ  uf]  in  ch  schlingen  hmN 
2  dem  h.  steinen  h  3  ar  dhmN  d.  ewige  wort  c  4  und  wider  in  fl. 
ft'hU  cd  4  f.  als  ime  selber  offenbar  ist  mN  als  nu  offenbar  ist  h  5  selben  h 
aber  fehlt  dhmX  als]  ist  hmN  6  f.  die  ein  sach  ist  hmN  6  geberen  U 
nu]  yetz  U  7  daz  ist  daz  bü  9  die]  si  hU  11  aller  —  12  ston  fehlt  h 
nbuufi^en]  ubung  Uc  12  und  v.  nsaenan  fehlt  bü  12  f.  in  ein.  schow.]  und 
ob  ir  sin  recht  gedenckent  ü  14  ir  mN  15  noch  nit  U  aren  dhmX 
16  mer]  aber  b  in  gangent  in  s.  s.  hmN  17  wa]  wie  U  da]  da  van  d 
dez  mN  wan  wer  hmN  swerer  ch  18  fliegen  wil  hmN  21  kestigen 
und  im  abbrechen  hmN  21  f.  [und  an  trinck.]  und  an  andern  dingen  und  an 
allem  dem  daz  ime  lustlich  ist  hmN 

3  ff.  Vgl,  Vita  178^1  ff. y  179^23  ff.  und  die  dort  gegebenen  Erläuteruiigeti, 
ferner  Eckhart  165,24 ff.  7   ein   ende   sines   herkomens  =  das  Ziel   des 

Kommens  auf  die  Erde,   der   Menschwerdung.  8    Vgl.  Bdw  331,16 ff.. 

334,16  ff. :  Vita  23,4.         10  f.  Vgl.  Bdw  358,7 ff.  20  ff.  Vgl  Kl  Bfb  372,18  ff. 

Zu  ergänzen  ist  hier  die  Mahnung  zur  Diskretion  in  der  Askese,  vgl.  oben  470,1. 
22  f.    Vgl.  Vita  106,1  f.  u.  Eckhart  29,12  ff. 


474  Grosses  Brief  buch.    XXIU.  Brief. 

Ich  frage  drier  fragen.  Eine  ist:  weles  daz  höbeste  si  an  be- 
kentnisse,  die  ander:  weles  daz  beste  si  an  lebende,  daz  dritte  ist: 
weles  daz  nehste  si  nach  inren  Übungen.  Disen  fragen  si  kurtzlich 
geantwnrtet  also.  Daz  erst:  got  sander  mittel  schowen;  daz  ander: 
einen  vereineten  willen  in  liebe  and  in  leide  mit  ime  haben;  daz  5 
dirte:  in  einem  ieglichen  nu  ein  widerinfliessen  haben. 

Aber  zfi  der  frag,  obe  der  mensche  dar  zu  müge  komen,  daz 
ime  alle  übunge  werdent  enpfallende,   süllent  ir  wissen,  daz  es  ge- 
schiht  under  stunden,   daz  ein   mensche  in   schowelicher  als  in  ge- 
bruchlicher  wise  einer  lidiger  friheit  in  ime  enpfindet,  die  in  uf  inre  10 
lidikeit  und  uf  usser  friheit  zühet  und  ein  vereint  einunge  mit  der 
h6hsten  warheit  erzöuget,  daz  er  der  sülle  genüg  sin  und  enkeiner 
wise  me  sülle  ahten.     Und  wan  die   menschen   noch  nit  zö  gründe 
durch  sich  selber  sint  erstorben,  noch  die  wise  nit  wesenliche  in  in 
ist  gestillet,  denne  alleine  nach  einer  eilenden  unzitlicheit  zu  gevallen,  16 
so  geschiht  dicke,   daz  si  do  von  werdent  gehindert  und  nit  klein- 
liche gesumet,  wan  es  noch  nüt  sinen  vollekonienen  durchbruch  hat 
genomen.     Dar  umb   duncket   mich   fürderlich,   wie  hoch  sä    iemer 
koment,   daz  sü  doch  dise  vier  Übungen   habent  und  in  die  niemer 
lasscnt  abe  gesprechen,  wanne  sü  sint  nach  minem  verstende  zft  der  20 
höhesten  vollekonienheit  die  aller  nehsten. 

Die  erste  ist,  daz  sich  der  mensche  alle  zit  samene  von  aller 
raanigvaltikeit  in  ein  einvaltig  stilheit;  daz  ander  ist,  in  ime  selber 
ein  emzig  unverwenckete  wonunge  haben;  daz  dritteist,  dez  ussern 


1  Die  eyiie  c(/  daz]  die  b  an]  in  cU  2  daz  ander  mXcd  die 
drit  ü  ist  feMt  cd  3  inren]  ingender  liinN  4  sunder]  on  hinN  6  einem 
fddt  hmX  7  fragen  hc  8  do  sönd  ir  w.  hmN  ir  fehlt  h  9  als  in] 
oder  bc  9  f.  gebrucbl.]  niesseclicher  b  niesalicber  r  10  in  ime  fehlt  rf/*w^V 
die  —  11  lidik.  fehlt  dhinX  11  und  [uf]  uuszer  l'rili.  h)nX  ein]  im  dUmN 
IB  ^\ MX  fehlt  dhmX  14  wise]  wite  bU  15  ;Li:est\ilet  bX  gestuelet  c  denne 
—  govallen  fehlt  m  nach  —  unzitl.]  den  menschen  //  nach]  in  cdN  eilenden] 
entlehten  U  entlenden  X  nutzychicheit  d  16  f.  nit  kleinl.  fehlt  h  17  ver- 
sumot  dhmX  19   diser  bhU        in  fehlt  inX  in  die  fthll  dh  niemer]  in 

einer  stillen  (!j  b      21  vollek.  komen  die  aller  meist  ist  b      24  emziir]  stete  dhwX" 

2.5  V(jl.  Vita  i\j.lf;jr.  5  f.  Vgl  ohen47(Kl:Jff.  91".  in  gebruch- 

licher  wise  =  nctunlitcr,  vijL  Kl  lifb  SöOy'iOß'.  und  die  Anin.  ebd.  13  f.  wise, 

vgl.  Vita  lb7,3.  14  f.  ^Sinn  wohl:    noch  das  Streben,  ihrem  eigenen  Sinne 

(statt  (iott)  zu  folgen,  volUtändig  in  ihnen  zur  Ruhe  gekommen  2.s7,  nur  allein 
einer  elenden   Ungehörigktit  zu  G (fallen  u.i<.n\  22  ff.    Vgl.  Vita  104 Jß\^ 

170,15  jr. 


Grosses  Brief  buch.    XXIV.  Brief.  475 

menschen  stetecliche  war  nemen  in  einer  wurklichen  nachvolgnnge 
des  hohen  bildes  unsers  herren  Jesu  Cristi  nach  der  höhesten  volle- 
komenheit^  als  es  ime  denne  mügelich  ist  z&  tünde  in  demütikeit^ 
in  williger  gehorsame,  in  senftmutiger  armiüt;  und  als  der  himelsche 
5  vatter  sich  selber  minnet  durch  sich  selber^  also  sol  der  mensche 
sich  selber  und  alle  creaturen  alleine  durch  in  minnen.  Die  vierde 
übunge  ist:  wa  er  sich  selber  iemer  vindet,  daz  er  sich  selber  da 
zu  gründe  lasse  nach  zit  und  ewikeit,  daz  ist  an  ansehen  keines 
lones.    Dis  bewert  sich  ein  teil  do  mit,  obe  der  böste  mensche  den 

10  aller  edelsten  handelte,   so  er  iemer   wurst   möhte,   daz  er  sich  da 
nnder   den   menschen  neigete,  als  ob  er  dot  were;   und  zu  glicher 
wise:  da  gat  eine  hin  und  vindet  einen  guldin  pfennig  oder  nit,  — 
als  seltzen  daz  ist,   daz  man  einen  guldin   vindet,   als  seltzen   solte  ' 
daz  sin,   daz  der   mensche  sich   selber  iemer   me  füude.     Geschiht 

15  aber,  daz  er  sich  selben  vindet,  so  sol  er  sich  selber  da  lassen  und 
sich  mit  dem  sune  wider  in  daz  vetterliche  hertze  neigen.  Daz  wir 
um  hie  also  vinden,  daz  wir  uns  eweklichen  niemer  verlierent,  dess 
helf  uns  gott  der  vatter,  gott  der  sun  und  gott  der  heilig  geist. 
Amen. 

20  XXIV.  Brief. 

Xos  antem  revelata  facie  gloriam  domini  specnlantes  in  eandeni 
imaginem   transforiiiamnr  a  claritate  in  claritatem,  tamqnam 

a  domini  spiritn. 

Min  liebü  kint,  ich  han  üch  dicke  geleret  luterlich  leben,   nu 


1  wörkl.]  volkomener  d  waren  mN        2  uds.  herren  fehlt  hmX        nach 
—  voUek.  fehlt  d  3  [es]  in  dan  c  [es]  denne  im  dh  in  demüt.  fehlt  h 

4  will.]  gewilliger  h  vil  hmN      5  also  —  6  minnen  fehlt  dhmN       8  kleines  h 
9  do  mit  fehlt  U         obe]   daz  hdmN  10   edelsten]  besten  menschen   hmX 

da]  dan  d,  fehlt  hmX      12  da  —  hin]  alsz  ein  mensch  der  do  gett  hmN      vindet 
nach  pfennig  hmX         oder  nit  fehlt  c  13  selten  (zweimal)  hmN  mau] 

eynre  c  guidein  hmN        guldin  pfenning  hc         14  sich  selber  durch  sich 

selber  bc         selber  fehlt  d         me  fehlt  dhmX         15  vindet  —  lassen  fehlt  h 
16  Daz  —  19  Amen  fehlt  hcdhmN 

XXIV.  Brief,    llstt.:    b  c  d  h  m  N  B  s   IJ  z. 
22  in  —  23  spiritu/eÄ/f  hB     22  f.  [tanquam]  a  deo  spiritu  s     24  luterlich /cA/^  Bs 

7  f.   Vgl,  Seiises  Predigt  Iterum  relitiquo  u.  Deniffe,  Das  geistliche  Leben 
■iböff.  12.13  guldin  (pfennig)  =  Goldmimze^  Gulden.  16  ff.  Dieser  nur 

in   U  überlieferte  Schluss  seigt,  dass  der  Brief  eigentlich  eine  Predigt  ist,  loas 
auch  aus  seinem  Tenor  hervorgeht.    Vgl.  Zfda  19,360;  20,364.        21  ff.  //  Kor.  3, 16. 


476  Grosses  Briefbuch.     XXIV.  Brief. 

wil  ich  üch  6ch  leren  andehteklich  betten,  swie  ich  leider  entwederm 
nie  genüg  were  rait  dem  minsten  puntelin.  Daz  höhste  ende  an- 
dlbtiges  gebettes  daz  ist  ein  raittelosü  vereinunge  der  sele,  so  si  mit 
allen  ireu  kreften  gesamnet  in  daz  bloss  abgründ  des  ewigen  gutes 
mit  lutrcm  schowen,  inbrünstigen  minnen  nnd  süssen  niessen  versöffet  5 
Wirt,  daz  sü  ir  selbes  und  aller  ding  untz  an  daz  luter  gut  ein  ver- 
gessen gewint.  Wan  aber  die  sele  von  des  armen  libes  swarheit 
emzklich  wirt  nider  gezogen,  daz  sü  dem  gut  nüt  luterlich  mag  an 
haften,  so  müss  sü  etwaz  behelfens  ir  selber  han,  daz  sü  dike  wider 
in  leite.  Nu  vindet  man  manigerley  gebet  und  misslich  andaht,  10 
dar  nach  als  denn  ein  mensch  gemüt  ist  oder  als  denn  sin  loff  ist. 
Aber  mich  dunkt,  daz  daz  ein  übergülden  alles  andahtes  und  ein 
liebt  alles  gebettes  sie,  daz  da  gät  uflf  daz  minueklich  bilde  Jesu 
Gristi  und  uff  sin  minnekliches  liden;  wan  da  hat  man  got,  da  hat 
man  menschen,  da  hat  man  den,  der  alle  heiligen  heiligot,  da  vindet  15 
man  leben,  da  ist  der  höchst  Ion  und  der  obrest  nutz.  Und  da  sol 
ein  mensch  mit  entblSstera  gemiite  von  allen  creatürlichen  dingen 
die  gotlichen  g&nlichi  des  himelschen  herren,  die  ewige  wiszheit, 
schowen,  und  sol  sich  in  daz  selb  bild  verbilden  von  klarheit  ze 
klärheit,  von  klarheit  siner  zarten  menscheit  ze  der  klarheit  siner  20 
ewigen  gotheit;  wan  so  wir  in  nu  ie  dicker  mit  spilenden  ogen 
minneklichen  an  bllken  und  alles  unser  leben  nach  im  bilden,  so 
wir  eweklich  ie  neher  und  ie  höher  in  den  himelschen  Ion  werdent 
geset/et.  Aber  wan  der  geminete  herre,  ein  exemplar  unser  geist- 
lichen ogen,  got  und  mensch  ist,  so  höret  etwaz  die  gotheit  an,  etwaz  25 

1  üch  fehlt  b  och  fehlt  dR  2  nie]  ie  z  mit  —  pünt.  fehlt  z  hoch  hs 
3  Vereinigung  hmXsU  4  daz  fehlt  b  6  mit  einem  liit.  seh.  r  versöffet] 
versenkt  hl{  7  aher]  als  z  swachheit  z  8  eintzklich  sz  8 f.  luterlich 
mit  mag  haben  und  an  haften  z  10  man  fehlt  h  »^ebi^ttc  zc  raisslicheii  üz 
11  oder  —  ist  fehlt  sü  12  daz  [daz]  zcdmN  14  hat]  vindet  (zweimal)  z 
16  daz  ist  d.  h.  Ion  b  aller  höchst  z  17  mit  einem  entbl.  ju:.  zc  19  f.  von 
klSrh.  ze  klärh.  fehlt  bhlis  21  nu  in  hlls  nu  fehlt  z  2:3  lioher]  neher  b 
den]  dem  RU        Ion]  tron  inN        25  ist  fehlt  z 

2  ff.  Seuse  beschreibt  hier  treffend  das  Ziel  der  Kontemidation.  Zur  Kr- 
khirung  vgl,  Thomas ,  S,  Th,  3,2  q.  179  sq,:  Deuiße  ,  Das  gelstL  Leben  523  ß\; 
Ries  a.  a,  0.  280 ff.  5  Dieselben  Ausdrücke  in  Brief  Estote  472,9 f. 

6  f.    Vgl.  Bdw  346,8  Anrn.  7  —  24    ist   in   Brief  X  Estote  perfecti   des 

KlBfb  391,1 — 13  auszüglich  wiedergegeben.  15  der  alle  heilic^en  heili/ofot, 

ebenso  schon  471,19 f,  19  Vgl,  Vita  168,9 f.  24  ff.  Vgl.  Bdw  Kap.  5  u.  (i. 

wo  Seuse  die  falsche,  einseitig  innerliche  bezw.  üusserliche  Auffassung  des  Vor- 
bildes Christi  ausführlich  zurückweist. 


Grosses  Brief  buch.    XXV.  Brief.  477 

die  raeuschheit,  etwaz  sü  beide ;  an  etlichen  sinen  werken  ist  er  uns 
ze  volgen,  an  etlichen  ist  er  allein  zu  schowen  und  zu  wundren  mit 
einer  diemütiger  undergeworffenheit  ane  alles  vrävels  nachgreben 
siner  überswenken  Verborgenheit.  Und  also  wirt  ein  mensch  von 
5  der  gotheit  gespiset  und  von  der  menscheit  gewiset  und  von  in 
beiden  emzklich  ze  andaht  gereisset. 


XXV.  Brief. 

Hilil  antem  adhaerere  deo  bonnm  est. 

Das  edel  seitenspil  des  heiigen  geistes,  der  wissage  David,  der 
10  was  eins   males  besoffet  in  der  stille   des  götlichen  schowens  und 
sprach   daz  edel  wörteli:   Mihi   autem  etc.,   daz  sprichet:  mir  ist 
gät,  daz  ich  got  an  hafte. 

Owe,  min  zarten  kinder,  daz  min  munt  äch  dicke  hat  girlich 
geseit,  do  ich  bi  äch  was,  daz  ruffet  nu  min  hertze  mit  luter  stimme: 
15  daz  ist  gut  und  ist  besser  und  ist  daz  aller  best,  dem  gut  allein 
leben,  im  wesen  und  mit  minneclicher  begirde  z&  allen  ziten  alleine 
an  haften  und  alles  anders  knmbers  und  unröwe  vergessen;  wanne 
in  dem  anhafte  da  wirt  die  sele  verswemmet  in  daz  einig  ein  und 
wirt  widergeflösset  in  daz  gflt,  dannan  sü  geflossen  ist,  und  als 
20  sant  Paulus  sprichet:  ,,der  anhaft  machet  die  sele  einen  geist 
mit  got." 

Ach,  und  daz  begert  der  clare   widerglast  des  ewigen  lichtes, 
der  luter  Spiegel  der  göttelichen  majestat,  eya,  und  daz  schöne  bilde 


1  f.  ist  er  und  ist  uns  zu  volgen  (!)  hs  ist  er  —  2  etlichen  fehlt  dmN 
3  ane  —  4  verborg,  fehlt  s  nachgeben  (!)  hE  4  überswenkenden  bcU  über- 
swenkigen  sR        5  in]  den  b        6  Amen  z 

XXV,  Brief.  Hss.:  hcdghmNnItaUz.  In  mN  fehlt  der 
Schluss  von  478,19  Selig  «6,  wofür  ein  Teil  der  Predigt  Lectulus  angefügt  ist. 

9  f.  [der]  was  s  10  besloffet  8  11  daz  —  sprich,  fehlt  dli  daz 
sprich,  fehlt  b  12  an  hafte  bin  z  13  zarten  —  14  stimme  fehlt  g  zir- 
lich  s  13  f.  geseit  giriich  b  15  göt  (ztceite^)]  got  z  guten  mX  16  leben] 
geben  b  im]  in  hU  myn  8  17  und  alles  —  18  anhafte  fehlt  hz  anders 
fehlt  bs  18  anhaften  b  da  fehU  bcg  19  als  fetdt  bc  22  und  fehlt  z 
clare]  wäre  b        23  majestat]  herkraft  g 

4  f.  Vgl  Joh.  10,9.        8  Fs.  72,28,         18  Vgl.  Bdew  225,10  u.  Bdw  336,7  ff. 
20  f.  /  Kor.  6,17.     Zur  Erklärung  vgl.  Mies  a.  a.  0.  298,  305  ff. 


478  Grosses  Brief  buch.     XXV.  Brief. 

der  götlichen  gute  an  dem  jüngsten  nahtmal,  daz  er  hat  mit  sioen 
lieben  jungern  und  sprach:  „heiliger  vatter,  ich  beger,  daz  sü  eins 
mit  uns  sin,  als  ich  und  du  eines  sint.^  Und  welle  alsos  ein  mit 
ein  in  einikeit  worden  sint,  der  hertze  und  geist  wirt  ernüwert  mit 
dem  infliessen  sins  selbes  geistes  mit  nuwer  warheit,  mit  yerborgem  5 
liebte,  mit  ungewonlicher  süssikeit,  mit  eime  ablegen  aller  unglicheit, 
mit  eime  waren  inblick  der  göttelichen  clarheit.  Alle  ir  sinne  koment 
in  sogtan  ingezogenheit  und  ir  verstantnisse  in  ein  schowen  der 
blossen  warheit,  daz  kein  schöner  blflm  in  disem  wunneklichen  zit 
sich  nie  so  schone  natürlich  gefärwet  noch  geziert,  als  ir  hertze  und  10 
müt  in  dem  hohen  Ursprünge  alles  gutes  übernatürlich  wirt  mit  gnaden 
und  mit  tugenden  geziert. 

Ach,  habent  uflF  üwerü  ogen,  lügent,  wes  fröwet  sich  ietze  berg 
und  tal,  lob  und  gras,  wes  lachent  ietze  die  schönen  beiden?  Niht 
anders  denne  von  der  ciaren  sunnen  nacheit.  0  rainü  lieben  kint,  15 
dem  nÄ  die  gewere  sunne  inlühteude  ist,  dem  sü  inwonende  ist,  von 
dem  alles  gewülken  und  timber  nebelheit  vertriben  ist  und  mit  dem 
götlichen  glaste  durchglestet  ist,  wie  mag  der  so  rehte  wol  ein  sum- 
merliche  wunue  haben!  Selig  ist  der,  der  es  hat!  Ist  es  nüt  zu 
allen  zitten,  daz  er  sin  doch  underwilent  ein  bevinden  hat.  20 

Ach,  und  dar  umb,  minü  zarten  kint,  so  erswingent  üch  in 
die  stillen,  wilden,  wüsten  gotheit  und  verheftent  üch  dar  iune,  daz 
üch  in  zit  nieman ,  begriffen  kunne,  daz  ir  sprechent  mit  sant  Paulus: 
„ich  leben,  nüt  me  ich**.  Hier  uff  hat  üch  got  dicke  dur  mine  wort 
gezogen;  ich  beger  och,  daz  er  üch  nu  sin  volkomenlich  durch  minü  25 
werk  bewise.  Minü  usserwelten  kint,  lident,  lident,  und  wissent,  daz 
ein  kraucker  lip  und  ein  vestes  gemute  mügeut  ellü  ding  in  got  über- 
winden.    Nement  war:    wer  der  schonen  rosen  ogen  weide  tSgenlich 


3  als  da  icli  z  eines  und  eines  sint  hksz  eines  und  einig  s.  22  5  den 
inflüssen  h  dem  influss  g  7  sinne  —  8  ir  fehlt  d  9  diser  schmX  wuDne- 
zit  hs  10  sich  fe?ilt  b  noch]  und  tiHs  11  niut]  munt  h  hohen  fehlt  s 
ussprunge  hs  natürlich  z  13  frovvent  bf/mNJiU  14  lachet  hdhns  schone 
heide  sdhn  15  von  fehlt  z  nacheit]  nehunir  hli,  felih  hc  liehen  fehlt  z 
16  n^  fehlt  sU  gewere]  war  dghnR  17  gewülke  sdghU  tumber  und 
nebel  z  18  rehte /eA/^  s  so  wol  ein  rehte  sum.  w.  zn  21  Ach  —  26  \Lmt  fehlt  g 
22  wilden  stillen  b  24  me  fehlt  .s  me  [ich]  dRi^  hie  her  uf  b  tich 
fehlt  z  25  och  fehlt  b  volkomenheit /w/,'r  26  \u\ent  einmal  dU  27  und 
[ein]  z        muiJT  z        28  togenlich  fehlt  hJis 

2  f.  Joh,  17,11.21.  4  f.    Vgl,  oben  471,'J6ff.  23  f.  Gal.  'ri,20. 


Grosses  Brief  buch.    XXVI.  Brief.  479 

haben  wil  und  der  wunneclichen  fruht  des  baisamen  niessen  wil,  der 
niüss  ir  natürlichen  art  volwarten  in  gemach  und  in  ungemach,   bis 
daz  der  frölich  tag  kunt,  daz  er  sü  in  spilender  wunne  frölich  nies- 
send wirt  nach  alles  sines  hertzen  lust. 
5  Ach,  ir  minnenden  hertzen,  nfi  hörent,  wie  min  hertze  die  rede 

beslüsset!  Ir  sond  also  werden,  daz  ir  mugent  sprechen  mit  sant 
Paulus:  „hinnan  für  so  lasse  mich  ieder  man  schaffen  daz  min,  wann 
ich  trage  die  fünff  zeichen  Jesu  Cristi  an  minem  übe." 


XXVI.  Brief. 

10  Pone  me  ut  signacalam  snper  cor  tanm! 

Es  begert  der  ewige  got  von  siner  gemahlen   einer  bette  und 
sprichet  also:  „lege  mich  als  ein  minnezeichen  uff  din  hertze!" 

Minü  lieben  kint,  ich  sende  üch  hie  die  briefe,  daz  ir  alle  zit 
etwaz  habent  in  den  munt  der  sele  ze  legen,  da  von  üwer  hertz  und 

15  niflt  ernüwret  und  enzündet  werdent  in  der  süssen  minne  der  zarten, 
niinneclichen  ewigen  wiszheit;  wan  dar  an  lit  daz  höhste,  daz  wir 
in  zit  mägent  han,  die  wile  uns  der  blosse  anblick,  der  mittel- 
lose umbvang,  ach,  und  der  iemer  werend  ingang  verseit  ist,  daz 
wir  dicke  an  daz  liep,  ja  gewerlich  an  daz  einige   usserwelte   liep 

20  dike  gedenken,  daz  hertze  nach  ime  verseneden,  dicke  von  ime  reden, 
sinü  minneklichü  wort  lesen,  durch  in  ellu  unserä  werk  tugen,  nieman 
uff  ertrich  denne  in  allein  meinen.  Daz  5ge  sol  in  minnecliche  ane 
büken,  daz  ore  zfi  sinen  Worten  sich  uff  bieten,  hertze,  sin  und  m&t 
in  umbvahen.     So  wir  in   erzürnen,   so  söllin   wir  in  flehen;   so  er 

25  uns  übet,  so  s611in  wir  in  liden;  so  er  sich  birget,  so  süln  wir  daz 
gerainte  liep  suchen  und  niemer  erwinden,   e  wir  in  aber  und  aber 


1  fruht  —  2  naturl.  fehlt  h  2  müsse  [ir]  «  wol  warten  gz  uud 
in  Ungemach  fehlt  8  bis  fehlt  b  5  Ach  —  6  beslüsset  fehlt  g  die] 

disze  hdn        7  so  fehlt  z        8  Amen  hnR 

XKVL  Brief  (=  Kl  Bfb  XI).    Hss.:    c  d  n  R  8  z. 

13  disen  prieffe  n  [die]  bryefe  8  14  hab.  etwaz  8cR  den]  dem  dnEz 
20  versenen  cB  21  werk]  wort  cdR8  ding  n  tügen]  sprechen  d  tragen  R 
23  sich  fehlt  ds        24  im  flehen  cds       26  durch  in  liden  z      26  och  niemer  s 

e  daz  s 

7  f.  Gal  6,17.  10  Hohel,  8,6,  13   die  briefe  wei8t  wohl  darauf 

hin,   das8  Seuse  den  Brief  Pone  me  zugleich  mit  einem  oder  mehreren  andern 
an  dieselbe  Adresse  (Kloster  Töss?)  gesandt  hat.     Vgl.  Denifle  in  Zfda  !il,93. 


482  Grosses  Briefl)uch.     XXVÜ.  Brief. 

ein  svort  gen,  das  mir  misznel;  du  sprecht  also:  „waflFen,  durch  de 
marter  willen!"  Vor  dem  wortt  und  semlichen  der  geliehen  hi 
dich,  das  du  nszer  dinem  geistlichen  mund  iemer  mer  laszt  kamei 
[IV.]  Din  lachen  solt  du  ordnen,  wann  es  ist  zft  lutbrecht  und  z 
torlich  und  stet  unfröwlich.  [V.]  Din  gän  und  stan  und  sitzen  ud 
aller  din  wandel  sol  also  zuchtig  sin^  das  das  lob  diner  zaht  ver 
und  nach  mug  komen.  [VI.]  Flisz  dich,  das  dine  fücher  und  dii 
gewant  nach  gemeiner  wis  siecht  und  einfeltig  si,  das  niemant  di 
von  hab  zfi  reden.  Es  ist  ein  grosse  schant  in  der  warheit  eine 
gaistlichen  fr5wen,  das  man  von  ir  möcht  sprechen:  sie  ist  ein  klug« 
nun.     Da  vor  beschirm  dich  gotl 

[VII.]  Du  beginst  nu  wachsen,  du  bist  nit  mer  ein  kint,  di 
bist  zitig  zft  der  lieb  gottes.  Ervvel  dir  selber  ein  lieb,  den  minnec 
liehen  zarten  got  von  himelrich,  an  dem  vindest  du  allein  rehte  riiv 
und  warheit  und  lieb  anc  leid  und  nerges  nie.  [VIIL]  Spann  <in> 
für  dine  ögen  zfi  einem  Spiegel  und  bisz  danekber  bisz  an  dinei 
tod  des  minniclichen  liebes  und  gfttes,  das  er  dir  gemeinsamt  hat 
und  lasz  dich  genügen.  [IX.]  Hinderdenck  dich  zu  grund,  wie  gai 
zertlich  er  dich  sunder  fürkomen  hat  und  gezogen  hat,  und  geaU 
dich  desz  und  verschmeh  all  ander  liebhaber.    Zartes  min  kint,   das 

1  sprachst  Ji  2  soml.  der  gl.]  sölichen  R  4  masseii  und  ordnen  .v 
5  iinfrowl.]  iinji:clich  s^  gaii  [uudj  stan  [und]  *'  G  allen  deinen  \v.  H  n\h 
ding  deines  wandel  h  7  nach]  weit  nahent  I\  dine  tucher  und  ß/tft  s- 
8  sy  nach  schlecht  .v*  8  f.  hah  da  von  .s*  9  g^rosse /V////  h  9  f.  [einer 
gaistl.  schwestren  .v*  10  sie]  daz  .v*  14  irot  und  sin  raine  mäter  Mariaii 
von  himelrich,  an  den  s^  allein  fehlt  a*  15  nyndert  me  H  nyer  me  suiist  .y 
in]  sy  ,v^  fehlt  hU,  wird  alter  vom  Zuanmmenhany  verlangt  17  liebes]  lydes  *• 
18  ü:eniinjrcn  1\  19  irezogen  [hat]  «'  und  -  20  desz]  uym  diszeu  an  / 
goste]  frew  //         20  ander  fehlt  s^ 

2  uiarter  =  Leiden  Christi^  als  Schirurfortnel  gdtraucht.  4  Alft  Jeris 
culpa'  wird  bcz*'ichnet :  si  tfuae  vn-hia  otiosi-s  cavarerit,  rel  dittsalute  riö'vrit,  rei 
alias  ad  ridendum  c.nncitartrit  ( ('unf<fit.  c.  17 1.  5  f.  IVy/.  Ihy.  S.  Aug.  c.  7: 
in  inc.'Sisu,  in  .statu,  in  habitu,  in  onwibus  motihns  rcsfris  nihil  fiat.  fjutnl  iUiciat 
alicuiU'S  libidin^:m,  scd  quod  nstrani  dectt  fianctitatem.  7  f.  /..  c,  c,  (i :  nnn 
.Sit  ntdabilis  hahitus  vesttr,  nie  aj/'ecferis  rrsfihns  pla< ert.  std  moribus^  neo  sitil 
oolas  tarn  tcn'.ra  rajiifnm  terjniina,  m  rctiola  sni'trr  ajßjmrtant.  Constit.  c,  W: 
restcs  hnieaa  homstas  et  non  nofabilittr  jtractinstis  d  flrnnt  sororcs,  et  in  man- 
telHs  vilitas  ]>ntin.s'  nb.serretur.  11  nun  --^  nunnr,  ynnnc.  12  f.  l'gl. 
Hör.  lü:  o  tfiiani  bcatns  esses,  ,si  hanc  t Üapieufiam  aitirnam)  in  spon.sam  habcr 
pit.ssesf  Jurfni.s  tfuipj'e  es  tf  ainnri  apfu-s.  rt  ncffUftt/nam  cor  tarn  ciridum  po- 
terit  t'.y.v..   solUnrium  ei  ununr  priratum.           15  lieb  ane  leid,   n//.   \'ita  J40,lOt\ 

n,  (rr  an,  -j:;!.?;. 


Grosses  Briefbuch.     XXVH.  Brief.  483 

ininniclich  lieb  gemahel  ich  dir  büt  und  gib  uch  zwei  zu  samen, 
und  büt  sin  hant  in  din  bant  und  din  bant  in  sin  bant,  und  vertrAw 
iicb  zu  samen  in  gantzer^  steter  gemebellicber  trüw.  Und  das  dn 
aber  die  trüw  nntz  uff  den  tod  baltest,  so  bit  icb  got,  das  er  zu  allen 
5  ziten  bi  dir  si  und  dir  alles  gel&ck  und  beil  yolg.  Weitest  du  aber 
alles  des  gftts  vergessen  von  got  und  niemer  getrüwen,  er  enbieten 
und  lidens,  so  solt  du  furchten  gottes  räch  und  ungelück  an  sei  und 
an  lib  und  an  eren. 

[X.]  Magst  du  nit  grosser  andabt  gepflegen  und  zu  hoher  vol- 
le kumenbeit  kumen,   so  tu  doch  das  dinem   ewigen  lieb  zfl  eren  und 
zft  lob,  das  du  weder  in  schimpf  noch  in  ernst  kein  zu  lieb  nemest 
und  dich  vor  sünden  hütest.    [XL]  Well  kein  t5ber  liebhaber  in  einer 
üppikeit  sinen  zek  und  schimpf  an  dich  werffen,  dem  solt  du  nit  ge- 
losen,  weder  im  noch   siner  botschaft.     Es  vacht  vil   klein  an  und 
15  wirt  dick  ein  unmessige  bördi  dar  usz,  die  man  vil  kum  ab  leit,  so 
man  dar  hinder  kumt.    Von  einem  ganaisten  brint  ein  bus.    Dar  umb 
büt  dich  und  flüh!    Da  gehört  nit  anders  zA  denn   flühen  und  nie- 
roants  nitzit  gelosen.    Wilt  du  aber  lichtiglichen  dar  zu  gebaren,  als 
etlich  t5rin  tun,  die  da  mit  reitzlichen  wincken  vergifften,  so  bist  du 
20  tod;    du  solt  dich   sin   entslahen    mit  einem   unwertlichen    frilichen 
vouker,  so  lassen  sie  dich  das  din  schaffen.    Du  bist  ansihtiger  denn 
ein  ander  mensch,  dar  umb  bedarft  du  vil  g&tes  flisz  zu  dir  selber; 
der  sin  selber  nit  wil  hüten,  der  ist  versumet. 

[XII.]  Hut  dich  vor  den,  die  da  heissen  gut  gespilen,   die  da 
25  solicher  ding  pflegen,   wann  die  weren  frJ,   das  sie  dich  in  ir  wis 


1  eiipfilch  und  gib  8^  2  und  büt  —  in  din  hant  fehlt  s^  vertrüw]  ver- 
trewt  U  gem&hel  8^  3  Und  —  4  trüw  fehlt  hü  4  uff]  in  Ä  behaltest  8^ 
4  f.  zu  aller  zeit  hB  6  des  fehlt  «*  von  —  7  lidens]  das  du  von  got  hast 
enpfangen  «*  enbieten]  pieten  R  7  und  ungel.  fehlt  s^  9  grosse  Rs^ 
pflegen  «*  10  ewigen]  eigen  R  11  ze  lob  und  eren  s^  12  weit  8^  kein 
tob.  liebh.]  aber  yement  «*  13  sinen  zek]  seine  lieb  h  sinen  [zek  und]  torochten 
schimpf  5*  14  weder  —  botsch.  fehlt  h  16  abgeleit  hR  16  dar]  da  hR 
geniszt  hR  verbrint  dich  ain  h.  8^  17  und  n.  —  18  gelosen  fehlt  h  17  f.  nie- 
ment  s^  18  nichtz  R  19  toren  s^  vergifften]  verstinckent  /?*  verfeigend  h 
20  unwercklichen  frewlichen  hR  21  schaffen]  schicken  hR  Du  —  22  mensch 
fehlt  fi^  24  gesellen  s^  26  soL]  semlicher  h  25  f.  wan  ir  ainer  war  fro 
daz  er  dich  in  sin  wysz  züg  s^ 

7  f.   Vgl,  ähnliche  Ausdrücke  in  Vita  137^^2,  13  zek  (zic)  =  scher 8- 

hafter  Stoss  oder  Schlag,  namentlich  im  Kinderspiel ,  dann  =  Lieb  es  necker  ei 
(minnezic,  v.  d.  Hagen,  Minnesinger  11,299  a);  vgl.  Lex.  1,1037,  1100:  Schmeller 
II ',1080 f.  14  botschaft,  vgl.  Kl  Bfb  372,6. 


484  Grosses  Briefbuch.    XXVII.  Brief. 

zügeu,  die  dir  vergünnen  dines  heiles  durch  ires  eigen  geümpfs 
willeu.  Dar  umb  solt  du  weder  bi  in  sten  noch  sitzen^  nnd  sie 
schlichen  als  dinen  ewigen  tod.  [XIII.]  Du  magst  von  diner  jugent 
wegen  nocli  nit  an  trost  sin ;  dar  umb  so  erwel  dir  selber  etlich  erber 
und  götlich  frowen,  die  din  gehilfen  sient,  beide  nach  eren  und  nach  5 
sei,  und  die  din  Zuflucht  und  nfenthalt  sien,  ob  ieman  weltliches  liebs 
oder  sins  kom,  der  der  gegenwürtikeit  diner  jugent  nit  fögt;  wann 
da  mit  behütest  du  dich  vor  schulden  und  gest  och  usz  allem  dem, 
das  man  dir  von  argwon  möht  zft  legen. 

[XIV.]  Güte  gebet,   gut  sprüch  und  gftte  tütsche   büehlin  sint  10 
dines  g6tlichen  liebes  liebbriefi';  da  mit  lasz  dir  wol  sin  und  hab  da 
mit  kurtzwil.    [XV.]  Bis  nit  als  ein  selloser,  hinlesziger  mensch,   dem 
weder  disz  noch  das  zu  hertzen  get  und  nit  verstet  gut  noch  übel. 
[XVL]  Bis  bereit  und  merck  vil  eben,  was  dir  gfit  und  schad  mug 
sin.    Lft^%  werst  du  in  der  weit,  es  gieng  dir  nit  nach  wünsch,  din  15 
blünde  jugent  müst  dick  gedruckt  werden  mit  willenbrechen,  das  es 
dir  in  der  sei  we  tat,  und  müst  dick  ein  gruntlos  trurigs  hertz  bergen 
mit  frölichen  worten  durch  eren  willen,  und  ein  durchlidendes  leben 
mit  der  weit  trüglichem  schin,  als  der  einem,  der  in  dem  stock  ge- 
vangen    lit,    mit   schönen    kleidern    die    gefangen    bain    bedecket.  20 
[XVI 1.]  Dar  umb  so  tu  es  och  nu  in  dinem  geistlichen  leben  durch 
dines  ewigen  heiles  willen,  und  truck  din  wilde  jugent  und  bab  sie 
in  liiit  und  in  meisterschaft.    Eya,  wie  wirt  dir  das  hin  nach  so  lieb 
und  so  nütz  an  sei  und  an  eren! 

Belib  in  dinem   kloster  und  var  nit  vil  usz,    wann  da  von   ist  25 
menger  grosser  schad  komen;   so  es  aber  nit  anders  mag  gesin.    so 


1  vergiiiHien]  iiüt  günden  6^  2  bi  in  weder  sten  .s*  4  erber]  enve^;  ///? 
5  gotl.  frowen]  gntlieh  gespileii  **  sient]  sein  hR  beide  fehlt  *•*  6  uff 
enthalt uiig  a*  sein  hli  ob  —  7  fügt  fehlt  s^  libs  //  8  iilleu  hJR 

9  ergeni  won  ^^  10  sin  a^  11  dines  gotl.  lebens  lieb  ])rieff  .v*  deinem  gr»tl. 
gesponsx  lieb  [brieff]  h  12  geselloszer  J{  hinlesz.]  sinloszer  h  13  ubelsz  h 
14  Bis  —  eben]  och  solt  du  vil  eben  mercken  *•*  bereit]  parmherczig  R  vil] 
gar  A'  mag  .v*  15  lüg]  syh  R  16  möst  h  18  frol.  worten]  frölikeit  7/ 
durehleidens  hR  leben]  willen  h  19  trügl.  scbinj  tnigenlichen  stan  ,v* 

19  f.   ainen  [der]  in  den  stock  gef.  leit  und  mit  seh.  kl.  s*  20  die  pein  die 

gevangen  sindt  bed.  hR      21  nu  fehlt  s^       23  dir  das]  es  dir  .v*       her  nach  .y* 
25  Belib  -    da  von  fehlt  h        26  dick  meuger  a*        anders  nit  a* 

1  ff.  V(fl.  Kl  Bfh  3U,2^f, :  31 2,7 ff.  11  Vcjl  Bdexr  23h9f. .-  Gr  Bfb  405 J, 

13  Bis  bereit.     Hier  i,st  der  Text  riellricht  rerdorhai  i vgl,  die  Varianten  K 
15  f.    Vf/l.  Kl  Bfb  364,:Hff',  25  ff.    Vgl  Kl  Bfh  312,11  ff. 


Grosses  Briefbucb.    XXVH.  Brief.  485 

hüt  dich  dest  basz  alle  zit  and  an  allen  steten  nit  allein  vor  dem 
bösen,  och  vor  allem  dem,  das  einem  erberen,  züchtigen  gaistlichen 
menschen  unzimlich  wer.  So  da  zu  guten  lüten  komst,  so  heisz  dir 
ein  güts  wort  von  got  sagen,  da  von  du  dich  gebessern  mugest;  so 

5  du  zfi  dinen  weltlichen  fründen  kamst,  so  bis  behüt  din  selbs,  das 
du  nit  gedenckest  also:  „es  schadet  nit,  was  ich  hie  tun."  So  dich 
(lin  fründ  ie  lieber  haben,  so  sie  ie  me  fröd  dar  ab  nemen,  das  sie 
so  ein  zfichtigen  tohter  haben,  des  sie  sich  gegen  got  und  gegen  der 
weit  gefr6wen  mugen;  und  die  dir  dines  unzuchtigen  Schimpfes  ander 

10  dine  ogen  gelimpfen,  die  geben  dir  dar  nach  in  irer  bescheidenheit 
uugelimpf  und  getruwen  dir  dest  minder.  Es  sprichet  ein  wiser  man, 
das  ein  unwiser  mensch  sich  da  mit  lidet,  da  mit  er  sich  meint. 

Lieben   kint   mins,   lasz   dinen   jungen   müt  und   frölichen   sin 
nider  und  ergib  dich  von  innen,  als  du  von  uszen  ergeben  bist.    Lft^, 

15  wie  lützel  es  den  zu  lieb  wirr,  die  in  gaistlichem  schin  weltliche 
fröd  süchent,  wie  mengen  schrecken  sie  müssen  nemen,  und  wie  gar 
sur  sie  das  kurtz  lieb  m&ssen  erarnen  an  hertzen  und  sei  und  eren, 
und  werdeut  verhertt,  das  sie  weder  gen  got  noch  gen  der  weit  nütz 
sint,  und  habent  ein  arbeitselig,  swermütig,  verirrtes  leben! 

20  Ich  bit  got,  das  er  din  jung  hertz  uf  tu,  das  zft  mercken  und 

zfi  crvolgen  nach  dinem  nutz  und  sinem  liebsten  willen.     Amen. 


l  zu  allen  ziten  .v*        1  f.  [dem]  bösen  **       2  allen  hH       erwergen  hR 
«reistl.  züchtigen  li  3  ungezem  /*  7   da  von  «*  8   [so]  ainen  zücht. 

mentscben  .v'      des]  das  hR      gegen  fehlt  swcimal  h      9  frewen  R  gedresten  /* 
10  dine]  deiner  R  denne  dar  nach  «*  12  er  vermeint  sich  zö  lieben  h 

13  und  dinen  fr.  s.  «*       14  [von]  innen  «*      14  f.  sih  vrie  wenig  R       15  geist- 
liclien  hR  17  sor]  schwär  «*  emeren  /*  18  werd.  verhertt]  wol  den 

verhtTtten  /*  wöll  denn  verherten  R        20  f.  und  zfi  erv.  fehlt  s^ 

3  f.    Vgl  Gr  Bfb  128,19  ff,  13  f.    Vgl.  Gr  Bf  b  462,22.  14  von 

iiszon  ^  durch  die  klösterliche  Zucht. 


486  Grosses  Brief  buch.    XXVIII.  Brief.    Testament  der  Minne. 


XXVIII.  Brief. 

Testament  der  Minne  oder  Minneregel. 

[248']  Geheiliget  werde  der  nanime  gottes  in  üch,  uf  daz  ir 
8eh5ppfen  mügent  wasser  in  fröuden  usser  den  wunden  Cristi !  Göt- 
liche  minne,  gewaren  friden  und  tieffe  demütikeit  U8  dem  getrawen  5 
herzen  Jhesu,  und  alle  durehtunge  lidenden  leides,  ein  fröudenricbes 
vergessen  mit  dem  vil  wirdigen  sune  gottes  und  der  junckfrowen. 
Dis  und  min  Pater  noster  zu  grussende  uch  in  Cristo  Jhesn. 

Mine  herzelieben  kinder  alle  gemeine,  von  innan  und  von  ussan 
eine  minem  herzen,  und  eine  stimme  glüstliche  zu  hörende!  Mir  ist,  10 
als  ich  verneme  von  üch  eine  gemeine  minne  und  ein  demütigen 
undergang,  fridesamen  wandel  und  eine  veste  haltunge  aller  der 
dinge,  die  üch  von  mir  armen  sünder  gegeben  [248'']  und  gelassen 
sint,  beide  an  der  minnen,  ein  iegliches  an  dem  sinen.  Des  bitten 
und  gebieten  ich  üch,  und  ich  getruwe  und  gelobe  üch  allen  mit  15 
enander,  das  ir  dis  rehte  gerne  tünt.  Ich  habe  uch  reht  in  minem 
hertzen,  sit  üch  got  mir  bevolhen  und  gegeben  hat.  Dez  sprich  ich 
zft  mime  zarten  geminneten  herren  Jhesu  Cristo: 

^Ach,  getruwer  vatter,  und  du,  götlicher  minnendiep, 
tti  uf,  herre,  der  minnen  schrin,  20 

Jhesus  liep,  das  hertze  din, 
und  behüte  sü  vor  aller  valscheu  minnen  schin, 
und  trencke  sü  mit  süssikeit  dez  willen, 
und  nim  in  alles,  daz  sü  habent  wider  dich!" 
Und  her  umbe,  mine  lieben  kinder,  verd6rnent  üch  mit  uzg-e-  25 
slossenheit  aller  creaturen,  besliessent  üch  zu  gegen  aller  der  [249^] 
weit,   und  hebent  uf  hertze,   möt  und  alle   sinne   gegen  dem  süssen 
meigendowe  der  himelschen  sunnen,  daz  ir  war  nement,  wenne  und 
wie  er  sinen  ingang  haben  wil.    In  süssen  gaben  vörhtent  üch,  habent 


XX  y III.  Brief,     Hier  zum  ersUmmal  publiziert.     Einzige  Hs.:  b. 

3 f.    Vgl.  Matth.  6jü;  Is.  12,3.  14  Text  korrumpiert'^  19  minneu- 

(liep,  der  weltlichen  Liebespoesie  entlehnter  Ausdruck'  =  Liebesdieb,  verstohlener 
Ljiebhaber  (Ljejc.  Iy214S).  Vgl.  togen  minne  {GrBfb40t>,7f.).  25  verdoment 
—  29  haben  wil  fast  wörtlich  ebenso  in  Brief  Gustafe  (Or  Bfh  430,28—431,3). 
29  vörhtent  üch  =  habet  Misstrauen  gegen  euch  seihst:  vgl.  Predigt  Exivi 
und  David  von  Augsburg,  De  compos.  111,2  n.  fi :  Denijh-,  Das  geistl,  Leben 
444ff. 


iethaeb.    XXVUI.  Brief.    Testani«! 

kiiitliche  fi&ude  und  ernathaftige  dangberkeit,  uaä  machent  uwei* 
hertze  ein  appotecke  der  gotfaett.  Des  sol  heiige  betrahtuage  uwer 
bekeutnisse  sin;  alle  uwer  werg  in  gölte  wircken,  dnz  boI  zfl  alleu 
ziten  uwer  nmbaht  sin.  Uwer  muut  si  ein  vas  der  reJnikeit,  mit 
5  gotte  und  vom  gotte  reden,  und  alle  uwer  wandelange  ein  bilde 
iiinielschei'  beilikeit. 

leb  gebi'ite  ücb  in  dem  bände  der  minnen  und  bi  dem  bände 
der  gütlichen  truwen,  das  uwer  [249']  eine  der  andern  mit  willen 
drüglicbe   wort  und   ^pötliche   geberde   mit  nute   bewise,   sunder  ein 

10  iegliches  neme  dez  andern  friden  war,  als  es  beste  kan,  mit  miunen 
in  alle  wise  und  uf  allen  stetten.  Ir  süUent  manigveltig  sin  in  den 
werken  nach  notdurft  der  gemeinde,  ir  süUent  aber  einfältig  blilien 
von  innan  in  der  raeinonge.  Ir  süllent  arbeiten  lumpen  und  läppen 
in  gotmiunender  meinsamkeit,  als  ir  Cristo  Jhesn  sine  zarten  wunden 

15  biindent  und  kiindeut;  und  wissent,  mine  lieben,  rebte  also  die 
meinunge  ist  in  guten  dingen,  also  ist  daz  werg  vor  gotte.  Dar 
umbe  habent  anderheit  der  werke  und  einikeit  der  meinunge.  Und 
alstis  wolte  ich  mit  gflter  concienzien  einem  [2h0 ']  daz  beiige  sacra- 
meiite  geben  nach  allen  notdürftigen  minnewercken,  also  uoch  vasten, 

■20  venjen  und  betten,  ja  ob  die  wercke  usser  gelasaenbeit  getan  werdent. 
Gnade  in  zit  und  ere  in  ewikeit  antwurtet  me  der  meinunge  in  ge- 
lasaenbeit, wanne  dem  gewürcketen  wercke  von  ussan,  ja  wie  gros 
und  wie  heilig  daz  si  sohinent. 

Alle  tagende,  die  ir  vermiigent,  sällent  ir  wirken,  aber  ir  en- 

2ö  süllent  dar  in  nit  getruwen,  eunder  in  Cristo  alleine.  Ir  süllent  uwer 
hertze  zft  ime  keren  in  daz  bimelsche  vatterlant,  und  iu  diseme  leben 
machent  iich  ein  süsse»  eilende,  nit  nach  grossem  hevinden,  suiider 
in  inniger  begirde,  beiteude  dez  willen  gottes,  kammende  nach  sinre 
eren.    Liep,  leit,  (iiöO']  we,  wol,  ere,  fröude,  schände,  laster  nement 


1  aod  machent   —  6  heilikeit  ir«»*  fihnlieh  in  Gr  Bfh  43}.-i—T.  h  Bei 

reden  tri/finze  zfl.  IS  gemeinde  =  KlQsttrgtmeinde,  Konvent.  121'.  I'hrr 

dit  tin/ättige,  d.  h.  nur  auf  Gatt  gerUhtett  Mtinung  fgl.  Dcniße ,  IJax  gei»U. 
Leben,  SM  f.  14  uieinsamkeic  _  gemcinflauikeit  oder  rmt  meiiieu  ~  Wohl- 

»■ollen,  Lübey  ISS. /ieute  will  aaffett,  daga  beruft'  und  iiflirhlinitii»ige  Ltcbia- 
werke,  die  nas  GtUiMenhril  d.  ft.  in  goUirgebtiitr  Geginiiung  ge«clth*n.  ebnuo 
lum  Empfange  der  Kommunion  befähigen ,  wie  freiwillige  Kasteiungen.  Vgl, 
T'Kil^x  Lehre  bei  Denifie,  Bvga   XXXIV'ff.  «.  Dag  geistU  Lehm  SöffjT. 

21  f,   Vgl.  Dmiße,  J'a»  geigtl.  Leben  JlöO-7:  Brga  131.311  ff.  25  ff.    Vgl. 

(Ir  Bfh  433,16 ff.  28  kuniineu,  kflmeri  =  Iraacr^i.  ii-chklogtn,  sich  ängillich 

um  tiiraa  bemühen,  vgl.  Lex.  1,1769. 


488  Grosses  Briefbach.    XXVIU.  Brief.    Testament  der  Minne. 

alles  von  sinre  bant;  ir  süUent  üch  ime  neigen  %ü  male  under  sine 
fasse  mit  uwer  selbes  verworflFenbeit  zu  gründe  gantz  und  gar,  daz 
ueh  nieman  me  verwerfen  enkan.  Der  eren  unsers  berren  sullent 
ir  lieb  frowen,  in  meinende,  minnende  ane  Instsftchen  uwer  selbes; 
in  in  sullent  wol  getruwen^  iedocb  nit  lassen,  daz  ir  bekennent'  5 
ime  liep. 

Ach,  mine  lieben,  nement  dis  zu  ücb  von  gotte  und  von  mir 
armen  sünder,  uwerm  gantzen  frönde.  Wellent  ir  uwer  s&nden  be- 
kennen? Ir  sprecbent:  Jo,  gerne,  min  lieber  brüder."  Mine  lieben 
swestern,  so  bekennent  ander  lüte  sände  nit,  und  weme  ir  nit  en-  10 
wellent  nacb  volgen,  den  [251']  sullent  ir  nit  urteilen,  sunder  alre 
menschen  urteil  vindent  nacb  vernünftiger  demütekeit  in  ücb  selbes. 
Wellent  ir  gotz  bevinden,  so  lerent  ücb  selber  beimlich  sin.  Wellent 
ir  nuwes  lieht  und  nuwe  gnade  von  gotte  haben,  so  lerent  sin  gaben 
bekennen  und  ime  dangneme  zft  sinde  für  alles  daz  gAt,  daz  ir  von  15 
ime  bant  enpfangen.  Wellent  ir  in  gölte  leben  und  got  in  üch  in 
zit  und  in  ewikeit,  so  lerent  uwer  selbes  sterben,  wan  daz  böhste 
leben  der  seien  lit  verborgen  in  dem  sterbende  tode  dez  natürlichen 
willen.  Diser  dot  stet  in  liebe  und  in  leide  und  in  aller  ufgesatter 
wisen,  da  wir  inne  ein  usserkiesen  haben  mShtent  liebes  [25  P]  und  20 
leides,  sunder  nacket  und  blos  volgent  wir  dem  nackenden  blossen 
Cristo. 

Dis  verstont  nach  eigenschaft  des  willen  und  nit  nach  züwurtte 
der  jLrnadenricben  gaben  gottes,  sunder  als  Cristus  in  dem  vatter  he- 
stönt  nach  willen  und  nach  werken,  also  och  unser  wille  und  unser  25 
wer^  nach  Cristo  in  dem  vatter  bestan  süUent.  Wir  habent  den  sun 
von  dem  vatter,  zu  eren  ime,  zu  tröste  uns,  und  uns  unbekant  ein 
w^esenlich  bestan  des  vatter  in  dem  sune;  aber  wir  bant  durch  den 
sun  einen  weg  zu  dem  vatter,  und  in  ime,  dem  ewigen  sune,  ein 
bekennen  des  vatters,  also  er  selber  sprach  Philippo:  „globest  du  3o 
nit,  daz  ich  in  dem  vatter  bin  und  der  vatter  [252']  in  mir  ist?" 
und  an  einre  andern  stat:  „der  vatter  in  mir  blibende  tftt  die  werg," 
und  wir  blibent  in  Cristus,  in  sinern  finen  bilde,   des  ewigen  sunes. 

1  f.  KheitA'O  Gr  Bfh  467,19 f,:  vgl.  Kl  Bf  b  :i63,21f.:  36fi,:*L  4   ane 

lustsücluMi,   GrBfb  407,'Jl.  5  f.  Sinn:  jedoch  nicht  ablassen,  ihm  Liebe  ch 

bezeig'-n,  11  f.  Sinn:  haltet  euch  für  den  geringsten  aller  Menschen, 

13f!'.  lorent  =  lernent  {vgl.  Leu:.  1,1886).         14  nuwes  lieht,  cgi.  GrBfb  471^7. 

II)  f.  iifgesatte  wiae  =  selbst  gewählte  Weise  zu  handeln:  vgl.  Vita  167,3. 
Gr  Bfb  474,13 f.  u.  die  Anm.  dazu.         23  eigenschaft,  vgl.  Anui.  zu  Bdic  340^7 . 

28  f.    Vgl.  Joh.  14,tß.  30  f.  Joh.  14,10.  32  Joh.  a.  a.  O. 


Grosses  Brief  buch.    XXVIII.  Brief.    Testament  der  Mlnue.  489 

werdent  wir  von  clarbeit  in  elarheit  geformet  in  daz  selbe  bilde. 
Und  her  umb,  wer  nach  valscher  eigenschaft  keiner  gefüllicher  dinge 
Cristura  Jhesura,  den  wirdigen  sun  <gotte8>  und  der  junckfroweu, 
verkleinet  und  in   valschem   liebte   verlüret,   der   enknmmet  zu  dem 

5  vatter  nit.  Dis  prufent  eben  alle  genügede,  alle  bevindunge,  alle 
verstentnisse  und  alles  lieht  und  aller  underscheit.  Der  uns  Cristum 
verkleinet,  daz  ist  alles  valsch,  wie  gros  und  wie  vernünftig  daz  ist, 
wan  durch  hohe,  verborgene,  subtile,  bebende  sinne  so  ist  züküuf- 
[252'']tig  der  nnbekante,  vigentliche,  vergiftige  dot  cristenlicher  orde- 

10  nunge  und  gewares  lebens.  Es  ist  aber  ein  eigenschaft  götliches 
lichtes  und  ein  erzeugen  warer  gnaden,  das  es  den  wirdigen  sun 
gottes  und  sine  ordenunge  erhebet  und  grösset  in  unserme  gemüte. 
Daz  kummet  her  von:  wan  durch  in  so  werdent  fruhtber  gemäht 
unser  wercke,  und  mit  ime  und  in  ime  so  bestet  unsere  ewige  selikeit. 

15  Und  her  umb,  mine  herzelieben  kinder,  die  ich  mir  vor  allen 

andern  uz  erkorn  habe  und  in  den  dienst  mins  armfttes  dem  muten 
getruwen  herzen  Jhesu  vertruwet  habe,  ob  ir  wellent  volgen,  ach, 
mine  vil  lieben,  so  [253']  gebent  urlop,  eya,  gebent  urlop  der  ander- 
lieit  von  innan  und  von  ussan,   und   böugent  uwer  schultern   under 

20  die  bürde  Jhesu  in  liebe  und  in  leide !  Kan  die  getruwe  haut  trug, 
leit  und  liden  verhengen,  ach,  so  kan  och  daz  milte  hertze  süssen 
trost  und  wunnencliche  minne  geben.  Gesegent  si  trug  in  liden  und 
versmehenisse ,  und  daz  uns  daz  geminnete  liep  Jhesum  Cristum, 
gottes   und  der  junckfrowen   sun,    bekant  und   eigen   machen   kan! 

25  Habent  wir  uns  die  zit  genomen  mit  Petro,  und  werdent  wir  von 
der  weit  hin  gewortfen  mit  Lasaro,  und  <  werent  wir>  dem  tüfel  eine 
bürg  worden,   die   er  stürmen   wil  also  Job,    und  werent  wir  gute 


6  gottes  fehlt  b        26  werent  wir  fehlt  h 

1    Vgl.  GrBfh  476,19 f;  II  Kor,  3,18.  2  gefülllche  (^  gevüelliche) 

iWr^r  =  sinnliche  Dinge.  4  flf.    Vgl.  I  Joh.  2,22 f. :  4,3.  5  f.  Sinn :  dies 

h'iireisen  alle  Erscheinungen  und  Erkenntnisse  der  echten  Mt/stik\ 

8  f.  Seiise  meint  hier  die  gefährlichen  Lehren  (sinne  =  Aussprüche)  der 
Begharden,  die  er  auch  an  anderen  Orten  bekämpft;  vgl.  Vita  Kap,  47:  Bdw 
Kap.  5  u.  6;  Gr  Bfb  477,3  f,  18  f.   anderheit  ist  gleichbedeutend  mit  un- 

ixelichheit  (Bdew  200,21)  =  alles,  was  Gott  nicht  ist  und  iras  von  ihm  toegfiihrt, 

20  f.    Vgl,  Gr  Brfb  431,23 f.:  440,12 f,  23  und  ist  ivohl  pleonustisch. 

25  zit  zum  Sündigen  und  dann  zur  Bekehrung  (Mark,  14,66 ff.). 

26  Luk.  16,20 f.  27  Joh  1,11,  2,6. 


490  Grosses  Briefbach.    XXVIII.  Brief.    Testament  der  Minne. 

menschen,  ein  usgekert  gemuUe  worden,  [253  ""J  ob  es  got  verhengete, 
als  er  det  Paulo,  do  in  die  apostelu  flabent,  do  sü  in  <[nit>  rer- 
stundent,  —  woltent  wir  uns  betrüben  des?  Nein,  mine  lieben,  nein! 
Nein  wir,  werlich!  Job,  Thobias  und  David  gingent  alle  disen  pfat; 
der  heiige  Athanasius  leit,  als  alle  die  weit  sinen  dot  bette  geswom.  5 

Dis  sebribe  ich  äch  dar  umbe  nit,  daz  ich  in  gotte  ^nemes 
lidendes  habe  gehaben,  denne  daz  mich  die  götlicbe  minne  getwangen 
und  gewiset  hat,  daz  ich  mine  absei  bieten  sol  under  uwer  bürde, 
die  ir  habent  oder  üch  noch  werden  möhtent,  uf  daz  sü  üeh  deste 
lihter  werdent,  kundent  wir  ez  wol  getragen.  Got  gebe  ans  niemer  10 
guten  dag  oder  stunde,  den  [254']  sinen,  die  er  glichf6rmelich  haben 
wil  dem  bilde  sines  sunes.  Kinder  gottes  und  mine  lieben,  gehabent 
wir  uns  zu  mole  von  herzen  wol!  Als  es  kummet,  so  ensiDt  wir 
es  nit  alleine,  das  meiste  teil  dez  himelschen  hofes  die  sint  do  unser 
mittegesellen.  Hebent  uf,  hebent  uf  uwer  gemüte  in  die  schöne  wunnec-  15 
liehe  stat,  die  himelsche  Jherusalem,  ach,  wie  sü  mit  herzeliebe  go 
gar  rehte  fr&lich  umbvangen  sint,  die  hie  in  lidende  warent!  Sint 
wir  von  der  weite  hin  geworffen,  so  sint  wir  aber  von  gotte  frünt- 
lich  enpfangen;  sint  wir  der  lüte  spot,  so  sint  wir  aber  der  eugel 
fröude;  habent  wir  von  minnen  zu  eren  und  zu  lobe  [254'']  Cristo  in  20 
diser  zit  niht  eigentftm,  so  ist  aber  der  himel  unser  eigen  gar;  kau 
uns  der  tüfel  bekoren  und  betrüben,  so  kan  uns  daz  gotliche  ewige 
liep  Jhesus  Cristus  heimliche  bi  ston.  Wissent,  lieben,  ie  betrübter 
hie  unib  got,  ie  frölicher  dort  mit  gotte;  ie  verrcr  hie  in  liden  von 
tröste,  ie  naher  dort  in  ewiger  fröuden  von  allem  leide.  25 

Es  vvaz  ein  mensch  einest  in  einem  also  frölichen  gegenwurfFe 
der  minneclicher,  ewiger  götlicher  gegenvvertikeit,  und  waz  docli  ge- 
lassen von  aller  creatürlicheit,  also  in  duhte;  des  tredohte  er,  sam 
er  spreche:  „eya,  hertze  min,  so  wes  fröwest  du  dich?"  Do  antwuite 
ime  sin  beschei[255'']denheit:  uf  allem  disem  ertriche  so  enist  niht,  30 
dez  ich  mich  frowen,  denne  daz  ist  min  fröude,  daz  got  also  rehte 
^n"it  ist  und  lidenden  menschen  also  nahe  bi  ist  und  also  in  >vunder- 


2  nit  fehlt  b        5  Athanasius]  anastasius  (I)  h 

1    V'<jl.  I  Kor.  4,13,  21.   Bezieht  sich  wohl  auf  Ap;j.  9,:>6. 

41".    Ehi'nso  Gr  Bfh  410,^1— :J5,  (>  10    \'</i.  Gr  lifh  44:2:13 f.,   :*a f. 

ht  in  Z.  Ü  nicht  ie  stuft  in  eu  leseUy  wie  in  der  Vorltif/eF  11  f.  Jiihn,  t>.29. 

12  —  19  Vrjl  Gr  Bfb  442,^9 f:  44(J,19:  442,'2f  —  ee^  in  Z,  13  =  das 
L.iflen.  25    von  --- ftrn,  jetrennt    von:    oder   ist  vri    hezw.  verre  zu  er- 

(jumenif  26   —  491,2    V(jl.  Gr  Bfh  430,5—1:2. 


Grosses  Brief  buch.    XXVUI.  Brief.    Testament  der  Minne.  4ü  1 

lieben  dingen  verborgen  ist,  und  daz  das  minneeliehe  ewig  gut  min 
frünt  ist.  des  ich  eine  ganze  züversibt  babe.  Des  viel  irae  dis  in 
sinen  miit.  Und  ir,  mine  lieben ,  sullent  och  also  gedencken  und 
sprechen:    „owe,    zartes  min   liep,   ewige   sch6ne   wisbeit,   wie   vol 

5  gantzer  fröuden  ist  min  senendes  hertzc,  so  ich  gedencken  dich  minen 
frünt,  und  mich  ger&cbesty  dinen  uzerwelten  fründen  zu  ze  abtende 
und  den  weg  diner  heben  mich  ziü  f&rende!  Ich  enbin  doch  nit 
[2f)5^]  wirdig,  daz  du  an  mich  armen  gedenckest.  0  grundeloses 
ewiges   gut,   barmherziger  got  und  getruwer  vatter,   han  ich  guade 

10  funden  an  dir,  und  mag  ich  nu  diu  minne,  dine  liebe,  din  truwe, 
dine  zarte  süsse  heimlicheit  erwerben?  Eya,  herre,  so  töte,  so 
martele,  ....  alle  versmehenisse  und  verworffenheit  mines  herzen, 
einiges,  uzerweltes  trut,  so  vertrag  mir  nibt  uf  ertriche,  so  gip  und 
verhenge  alles,  das  du  wilt,  und  tu,  waz  du  wilt!     Sich,  herre,  were 

15  ich  nu  der  zarteste,  minneciicheste  mensch,  der  uf  allem  disem  ertriche 
lebet  nach  aller  zitlicher  wirdekeit,  daz  muste  an  mir  erdorren  zu 
liebe  dir;  also  dis  erdorrete,  so  wolte  ich,  das  [256']  dannoch  tusent 
andere  meuschen  natärliche  blugende  Schönheit  in  mime  herzen  und 
übe  erdorren  solte,  zu  eren  dime  zarten  erdorreten  libe,  der  an  dem 

20  crütze  dorrete  alsam  eine  griebe." 

Ach,  geminter  got  und  schöner  herre,  dis  sprechent  wir,  alse 
wir  bi  dir  und  bi  uns  selber  sint.  Drettent  hüte  zu  mir,  alle  men- 
schen ,  die  got  also  roinneclich  begnadet  hat,  und  lossent  uns  minnen, 
schüwen  und  loben  daz  ewige  göt,  daz  mit  so  süsseme  tone  und  mit 

25  hoher  fröuden  alles  leit  vertriben  kan.  Dez  frowent  sich  die  himele 
alle,  und  alle  götliche  menschen  sprechent:  Gloria  tibi,  Do  mine! 
Ach,  aber  alse  du,  gemintes  liep,  dich  uns  verbirgest,  und  so  der 
füs  unsers  [256'']  eilenden  herzen  keine  rastende  stat  vindeii  enkan, 
so  wurt  uns  die  wite  weit  zu  enge ;    so  du  den  gümen  unsere  seien 

30  gereisset  hast  mit  den  bröckelin  dines  küniglichen  tisches,  daz  nüme 
zii  habende  machet  den  kurtzen  tag  eins  jors  lang.  Owe,  so  wurt 
min  frölicbe  geberde  so  gar  verdrossen,  aller  lüte  gelos  der  trenget 
mich,   herte  wort  und   unminnesame  geberde   ppüret  man  danne  an 


19  solte» t  b        der]  dar  h 

5  —  19  findet  sich  wenig  verändert  in  Gr  Bfb  440^29 — 441,8, 
♦3  Ergänze  nach  und:  daz  du.  12  Hier  scheint  etwas  nusgefallen  zu  sein, 

22  —  26  Vgl.  Gr  Bfb  447^S—30, 15 f.        29  Vgl.  Bdew  212,16,        31  ff.  Vgl 
Bdi'w  233,12  ff. 


492  Grosses  Brief  buch.    XXYIII.  Brief.    Testament  der  Minne. 

mir;   mine  werg  dünckent  mich   danne  vegefür,   und  der  fröliche 
z&gang  wurt  zu  male  verdornet  mir. 

Mine  lieben  alle^  danne  setzen!  wir  uns  mit  dem  turteltöbelin 
uf  den  uns  verborgenen  dürren  esten  in  gnoden  von  gnaden  ^node- 
los,  in  minnen  [257']  von  minnen  minnelos;  nach  unserm  sehetzende  5 
so  werdent  wir  in  gotte  gottes  von  gölte  quit,  und  durch  ungel6ben 
mussent  wir  cristen  werden.  Ach,  denne  us  der  tieffen  grandeloses 
eilendes  rüffent  wir  mit  verborgener  stimmen: 

^Eya,  weis  ieman,  wo  Jhesus  si, 

dem  min  hertze  wonet  bi?  1ü 

In  minnen  hat  er  mich  gerürt, 

und  daz  hertze  mit  ime  gefürt. ** 
Woffen,  got  von  himelrich !  so  wurt  dicke  sraertze  zu  geworffen 
nnserm  smertzen  und  wurt  alsus  geantwurtet  uns: 

„Du  solt  von  minnen  in  minnen  beiten,  15 

Jhesus  wil  dich  bas  bereiten, 

daz  er  dich  lustlich  müge  kleiden, 

und  dich  frölich  mit  ime  leiten, 

und  dich  in  [257'']  sinre  gotheit  weiden, 

in  reiner  ewiger  selikeit."  jo 

Denne  so  gedenkent  wir:  „owe,  han  ich  verlorn  gefülen  und 
smacken?  Owe  und  0  ach,  wer  git  dpra  trostelosen  herzen  min, 
daz  ich  doch  möhte  wissen,  ob  mich  daz  geminte  liep  minne  und 
liep  habe?  Owe,  habe  ich  es  nu  verlorn?  Min  liep,  weitest  du 
doch  an  mich  gedenken,  daz  duhte  mich  nu  ein  paradis.  Owe,  daz  2n 
minnenlüder  ist  hinweg!" 

Kinder,   hie  mussent  ir  in  globen  und  in  hofl'enunge  beiten, 
und  üch  mit  Jhesum  umbklciden,  und  dicke  wol  uf  dürrer  beiden 
weiden,   und  üch  von  allem  tröste  scheiden,   in  minnen  und  in 
gelassenheit.     Werdent   ir  gelassen  nach  [258']  bevintlichera,  tröst-  30 
liehen,  underscheidenlicheni  understande,  so  süllent  ir  aber  mit  lassen 


2  Zugang  zu  Gott.  3   Über  die  Turteltaube  in  der  Tieraymbolik  vgl. 

Lauchert,  Fhysiologua  26,194^;  Konrnd  von  Megenberg  225^:^0  ff.  Nach  der  Sag* 
seist  sie  sichj  wenn  sie  ihren  Gatten  verloren^  auf  einen  dürren  Ast  und  trauert 
um  ihn.  4:  ff.  Ähnliche  scheinbar  paradoxe  Ausdrücke  finden  sich  bei  vielen 

Mystikern,  vgl,  Bdw  346^bff\  und  die  Anm.  ebd.  —  von  miunende  minuelos, 
wohl   in   anderem  Sinn    auch  bei   Eckhart    504,36 f,:  491,8.  6   ungelobe 

bezeichnet   hier  wohl   die  geistliche  Dürre  und  Trostlosigkeit ,   von  der  —  nicht 
non  dßm  Zustand  der  Beschauung  —  auch  im  vorhergehenden  die  Rede  ist. 
23  f.    Vgl  Gr  Bfb  4.i0,13f.:  Bdew  231,Uff.  234,10  ff. 


Grosses  Brief  buch.    XXVIII.  Brief.    TestAment  der  Minne.  493 

beiige  Übungen,  wan  niht  alleine  die  blügenden  rosen  von  gotte  sint 
sunder  och  die  ruhen  tisteln. 

(lOttes  kinder  und  raine  vil  lieben!  Zu  allen  ziten,  als  ir 
mügent  und  künnent,  so  süllent  ir  daz  güldin  furspang  Cristum 
5  Jhesum,  gottes  und  der  junckfrowen  sun,  für  uwer  hertze  setzen,  daz 
es  lieh  keine  kreature  gestelen  und  genemen  müge;  und  haltent  in 
für  die  ogen  uwer  Vernunft  als  einen  lutern  claren  Spiegel,  do  ir 
üch  iiine  beschowen  süllent,  v^ie  glich  oder  wie  unglich  ir  sint  sinem 
bilde.    Sin  liden  ist  die  Schatzkammer  sinre  armen.    0,  wie  [258''] 

10  wurt  manigem  hie  so  richer  schätz  gegeben!  Kumment,  ir  lieben, 
alle  her,  die  do  gestecket  und  gevangen  sint  umb  alte  schulde  der 
fulen  Sünden,  wenne  in  zit  wol  zu  bezalende  so  ist  diser  schätz 
wite  offen !  Hie  zö  sol  sin  unser  wettelof ,  wer  dis  zil  begriffet,  wol 
ime!    Wan  es  ist  der  Ion,  wan  dar  an  lit  daz  höhste,  daz  sicherste 

15  und  daz  nutzeste,  daz  wir  in  zit  haben  mügent,  die  wile  uns  der 
blosse  aneblig  und  der  mittelose  umbvang,  ach,  und  der  iemer 
werende  ingang  versaget  ist:  daz  wir  dicke  an  daz  liep,  jo  gewer- 
lich  an  daz  einige  uzerwelte  liep  Jhesum  dicke  gedencken,  daz  herze 
nach  ime  verlangen,  dicke  von  ime  reden,  [259']  sine  minnenclichen 

20  wort  hören  und  lesen,  durch  in  alle  unser  wort  sprechen,  niemanne 
uf  ertrich  danne  in,  oder  durch  in  oder  in  ime  minnen  und  meinen. 
Daz  oge  sol  in  minneclichen  an  blicken,  daz  ore  zu  sinen  worten 
wite  uf  bieten,  hertze,  sinne  und  müt  sol  in  umbvohen;  und  also 
wir  ime  uns  erzöugent,   so  süllent  wir  ime  flehen,   und  also  er  uns 

25  übet,  so  süllent  wir  in  früntlich  liden,  also  er  sich  verbirget,  so 
süllent  wir  in,  daz  geminte  liep,  lieplich  suchen  in  gelassenre  ge- 
lazzenheit  und  niemer  uf  gehören,  bitz  wir  uns  aber  und  aber  in 
ime  vindent,  und  also  wir  in  vindent,  so  süllent  wir  alles  unsers 
leides  vergessen   [259^]   mit  ime.     Wir  stont  oder  wir  gont,   essent 

HO  oder  trinckent,  so  sol  alles  der  süsse  wintrübel  Jhesus  des  blügenden 
garten  Engadi,  dez  vetterlichen  herzen,  in  dem  gftmen  unser  seien 
ein  begirlich  stat  haben;  und  also  wir  nit  anders  mügent,  so  süllent 
wir  sin  bilde  durch  unser  herze  drucken.     Wir  süllent  sinen  süssen 

10  rieben  h 

2    Vgl,  Gr  Bfb  43:3,19  ff,  4  f.  Vyl.  Gr  Bfh  4W,3.  9  Ö'.   Vgl.  Bdeic 

Kap.  14  (bes.  ^ö5,lff.  208,10)-         13  Vgl,  I  Kor.  9,24.         14    -  494,1 1  Grossen- 
fpils  wtyrtlich  nach  Brief  Pone  me  im  Gr  Bfb  479,16—4^0,9:  4^0,14—17. 

19  Gr  Bfb  479,20  vcrseneden  statt  verlangen.  2'6  f.    Vielleicht  ist  statt 

also   wir  —    erzöugent   die  Lesart   des  Gr  Bfb  479,24:   [aljso  wir  in  erzürnen 
einzusdzeii.  30  f.  Hier  ist  wohl  Bdew  303,3  f.  (vgl.  Hohel.  1,13)  benütßt. 


494  Grosses  Brief  buch.    XXVIII.  Brief.    Testament  der  Minne. 

zarten  namen  lassen  in  dem  munde  umb  gan,  uns  soi  dez  tages  also 
rehte  ernst  sin^  daz  uns  nahtes  dar  von  troume.  Spreehent  mit  dem 
wissagen  mit  eime  innigen  ernste,  mit  herzeclichem  süfzen:  ^owe, 
geminter  got,  du  zarte,  uzerwelte,  schone  ewige  wisheit,  wie  bista 
so  rehte  gut  der  seien,  die  dich  suchet,  din  [260']  alleine  begert!**  6 
und  anderswa:  „ich  slaflFe,  aber  min  hertze  wachet." 

Und  hie  mitte,  so  wir  ieme  und  ieme  daz  götliche  liebe  liep 
Jhesum,  daz  minnenfingerlin  der  reinen  herzen,  ie  lieplicher  in  unser 
herzen  truckent,  und  so  wir  es  ie  dicker  an  blickent  und  es  ie  trut- 
lieber  mit  den  armen  unsere  seien  zertlichen  zu  uns  sliessent,  so  wir  lo 
ie  minneclicber  in  ewiger  selikeit  von  ime  werdent  umbvangen.  Dis 
geschehe  uns  allen  sament  in  gottes  namen!     Amen. 

Disen  brief  han  ich  armer  sünder  üch  ^eschriben  zu  eime 
testamente  der  minnen,  und  sü  sül  och  heissen  der  minnen 
regel,  wanne  sü  uz  minnen  ist  kummen  her.  Daz  erbeteil  Jhesn  15 
Cristi  daz  erbe  ich  üch:  [260 '^j  mine  lieben  kinder,  habent  minne, 
eins  zu  dem  andern,  und  künnent  ir  nit  bas  getün,  so  tünt,  daz  ich 
hie  begert  habe!  Eine  kurtze  regel:  wirckent  üch  abe  von  zitlichen 
dingen  noch  sorgveltikeit,  lüterent  üch  von  creatürlichen  bilden  mit 
wisheit,  hebent  üch  zu  himel  wert  mit  Cristo  sunder  valscheit,  20 
druckent  uwer  natnre  drüglich  in  redelicheit,  sint  senftmütig  in 
demütikeit,  und  üch  sol  werden  alre  warheit  underscheit.  Nu  nit 
me  zu  diser  zit!     Varent  wol! 

14  süllent  h 

3  ff.    Vgl.  Klagtl.  Jeremiä  3,Q5.  6  Uohel.  5,L\  8  minneu fiugerlin, 

vgl   Vita    15:^,07:    Gr  Bfh  407,9,  15  ff.    Erinnert   an  das    Vermächtnis 

der  Liebe  j  das  der  Apostel  Johannes  nach  der  Erzählung  des  HiiTonj/mus 
fComment.  in  ep,  ad  Gal.6,10)  den  Seinen  hinferliess:  Jiliolij  diligite  alter utr um! 
Vgl,  auch  das  „Seelgeräthe'^  des  hl,  Dominikus  nach  einer  deutschen  Legetide  des 
U.  Jh.  im  Freib,  J)iöz -Archiv    VIII,347f.  18  ff.    Vgl.  Bdew  :JSti,bJK 

21  drüijlicli  ist  wohl  Substantiv  =  trüj^liclie,  trü^elicliheit. 


IL 


Predigten. 


I.  Predigt. 
Lectulus  noster  floridus. 

Dise  wörtelin  stnnt  geBchriben  an  der  minuen  buch    und  siut 
gesprochen  zu  eime  lobe  einre  lutem  gewissen  und  sprechent  zft 
5  tusche  also:  unser  bettelin  daz  ist  geblumet. 

Als  ungelich  ist  ein  wunnencliches  bette,  daz  schöne  mit  rosen 
und  mit  lylien  und  roaniger  leige  blümen  geblumet  ist,  do  man  ane 
süssecliche  rüwet  und  slaffet,  einem  ungerüteten  acker,  der  vol  stocke 
und  uukrures  stat,  alse  ungelich  ist  es  umbe  eins  seligen  menschen 
10  selc  und  eins  ungeordenten  menschen  gewissen,  wan  es  ist  gottes 
hertzenlust,  in  der  geblümeten  stat  zu  rüwende.    Und  dez  gaste  sich 

I.Predigt.  Hss.:  b  C  c  g  m  N  8  (vgl.  oben  S.  406);  b^  z=  B  sei  BX1,23: 
n '  =  Nürnberg  VI,43*.  T  =  Druck  in  Taulera  Predigten,  Cöln  1543  f,  17*'f'—20^. 
In  mN  ist  nur  der  Schluss  (vofi  606,16  an)  überliefert,  —  Die  Predigt  ist 
nach  b^  bei  W,  Wackemagel  -  Rieger ,  Altdeutsche  Predigten  und  Gebete  1676, 
ö.'tjj — 61  gedruckt. 

1  Rote  l  Überschrift :  dis  ist  ein  gar  gute  bredige  det  der  SCise  ein  brediger 
von  einre  hande  lüten  liden  b  dise  bredie  tet  er  durch  einer  haude  liden  durch 
des  menschen  willen  b^  dise  predie  tet  der  Sewse  prediger  ordens  der  daz  puch 
der  ewigen  weiszheit  gemacht  hat  durch  eynerley  leidender  menschen  \villen  n^ 
rtoribus  (!)  s  2  dise  mynnencliche  w.  c  wort  n^  an]  in  c  der  minnenden 
8cle  buch  b^  3  einer  rainen  lüttem  gn^  gewiss.]  conciencien  (so  stets!)  c 
und  ~  4  also  fehlt  //  sprichet  n*  4  also  —  gebl.  fehlt  C  daz  fehlt  b'Cc 
o  schone  bs  6  und  [mit]  b'^Cgn^  und  mit  manig.  cg  geblum.]  geziert  g 
8  ist]  stat  g  stet  n^s  9  gewissen]  wissen  s  ungewissen  ¥C  10  und  in  der  s 
stat]  wissen  s  gewissny  g  gewiszen  w*        gesteto  h  frowete  5-  roemde  c 

1  Hohel  1,i\\m 


49(5  I.  Predig:!. 

die  niinnende  sele  zu  einer  zit,  do  sn  belangete  nach  dem  minnencli- 
chen  umbevange  irs  gemahels,  und  sprach  also  zA  irem  geminneten: 
„Lectulus  noster  floridns,  unser  bettelin  daz  ist  geblüinet," 
rehte  alz  obe  sä  spreche:  „daz  gedemelin  unserre  heimliche  daz  ist 
beslossen,  daz  bettelin  unserre  minne  daz  ist  geblümet,  kum,  min-  5 
nenkliches  liep!  Do  hört  nüt  me  zu,  denne  daz  du  mich  under  den 
armen  diner  grundelosen  minne  süssecliche  entslaffen  lassest." 

Nu  sint  etteliche  menschen,  der  gewissene  ist  nüt  mit  blümen 
bestecket,  mer  ir  herze  ist  mit  miste  bezettet.  Wan  es  sint  etteliche 
menschen,  der  gebresten  sint  uswert  geslagen ;  so  sint  etteliche  men-  10 
sehen,  aller  der  gebreste  ist  hin  inwert  geraten,  und  den  ist  gar  ane 
alle  masse  müliche  zu  helffende,  zu  glicher  wise  also  den  lüten, 
der  liplich  wunden  inwert  geratent.  Der  selben  inren  gebresten  ist 
gar  vil;  aber  sünderlich  sint  ir  drie,  die  also  gar  swer  sint,  daz 
man  in  kume  dekeinen  andern  gebresten  geliehen  mag,  wan  su  also  15 
rehte  vaste  engent.  Der  eine  ist  unbescheidene  trurekeit,  der  ander 
ungeordente  swermutikeit,  der  dritte  ungestüme  zwifelheit. 

Von  dem  ersten  soUent  ir  wissen,  daz  do  heisset  unbescheiden 
trurikeit,  daz  ein  mensche  also  rehte  trurig  ist,  daz  er  nüt  gutes  naag 
getön  und  doch  nüt  weis,  waz  ime  gebristet;  und  fragete  er  sich  20 
selber  dar  umbe,  er  en wüste  bi  nute,  waz  ime  were.  Diser  trurekeit 
enpfant  der  minnencliche  David,  do  er  sprach:  „Quare  tristis 
es,  anima  mea,  sele  mine,  war  umbe  bistu  so  rehte  trurig,  und 
waz  betrubestu  mich?'*  —  reht  als  obe  er  spreche:  „dir  ist  neiswaz, 
du  en  weist  aber  nüt  waz.  Hab  ein  getruwen  in  got,  es  wirt  w^e^er;  05 
du  wurst  noch  dicke  in  sirae  lobe  erfrowet."^  Dise  trurekeit  ist  der 
nature,    daz   sü   tusent   menschen   von   irem   guten   anevange    wider 

2  vrabvängen  //  also  fehlt  h'^s  3  [daz]  ist  irCn^  4  geclem.] 

kemeriryn  c  heimelichcit  h^cn^  5  daz  bett.  —  g-eblüm.  fMt  n*  5  f.  miim. 
liepl  min  ^eminoter  ^emaliel  (j      7  lassest  fehlt  h-       10  gebrechen  (so  stets!)  c 

11  iiWer  fehlt  hb'^f/s        hin  fehlt  aj         11  f.  ane  a.  masse]  al  zii  mole  6,  fehlt  g 

12  mdl.]  misslich  (j  13  hin  inwert  h'-C  inne  wendig  geroten  siiit  /)  16 
eine]  erst  g  d.  ander  is  c  ist  w*  17  zwifelkeit  lir  verzwifelheit  C  18  do] 
d.Mz  [pi^s  heisset]  ist  h  19  daz  (eysteH)\  da  ^  so  c  20  gebrist  gs  brist  h^ 
gebricht  c  21  bi  nute  fehlt  frcn^  dise  Ccs  22  minneucL]  sälig-  g 
23  mea  etc.  bs  so  rehte  fehlt  b-  und  —  24  reht  fehlt  .«?  24  dir]  dis  s 
2r>  du  -  wsLZ  fehlt  s  ii<\t  fehlt  bCe  in]  an  Cg^^'l'  27  tusent]  so  man  ige  </ 
27  f.  hat  nach  menschen  yn^s 

10 f.    Vgl.  Gr  Bfb  4l3,l(ff.  16  f.   Seust:  spricht  hier  aus  eigener  Kr- 

fahrung,  rgl.   Vita  Kap,  21.  19  daz  (trstcsi  =z  da.  22  f.  Ps.  42,5, 

25   Vgl,  ebd.:  spsra  hi  JJeo. 


hinder  sich  hat  getriben:  wanne  uiider  allen  menschen,  die  in  zit 
siüt,  bedarf  nieman  also  wol  g&tee  gemfites,  also  der  mensehe,  der 
ritterliche  durchbrechen  sol  die  herteo  strite  sinre  eigenen  gebresteu. 
Waz  mag  einem  menschen  uf  ertriche  swer  sin  liplietier  strangheit, 
5  der  ionewendig  einen  hohen  möt  hatV  Oder  waz  mag  dem  usse- 
wendig  lüstliche  sin,  der  zft  allen  ziten  mit  bösen  mftte  i'tberladen 
istV  Dar  nmbe  so  sol  sich  ein  mensche  dis  gebresten  weren,  als 
vil  er  mag.  Aber  wie  man  dis  gebrestcn  lidig  werde,  daz  merkent 
under  andern  Sachen  do  bi,  wie  zQ  einem  male  dem  bredier  geschach, 

lü  der  disen  gebreaten  so  gar  lange  unlideliche  bette  und  got  so  dicke 
dar  über  hette  gebetten,  wie  zfi  ime  in  der  überwundenheit,  do  er 
in  der  zelle  also  sas,  gesprochen  wart:  „wes  sitzeatu  hie?  Stant 
uf  und  vergang  dich  in  min  liden,  so  verlürestu  alles  din  liden!" 
Und  daz  geschach  also,  und  enging  ime  do. 

15  Der  ander  inre  gebreste  daz  ist  ungeordente  swermfitikeit, 

nnd  ist  underscheiden  von  dem  ersten;  wanne  der  disen  gebreeten 
hat,  der  hat  wol  so  vil  bescheidenheit,  daz  er  weis,  waz  ime  ist, 
aber  er  het  es  uüt  reht  nach  gottes  willen  geordent,  und  dar  umbe 
heisset  es  ungeordente  ewennütikeit.     Und  kummet  die  do  von,  daz 

20  antweder  ein  mensche  ime  selben  git  zu  lidende  dar  an,  daz  er 
wiget,  daz  not  z&  wegende  ist,  oder  aber  von  deme  lidende,  daz 
got  einem   menschen  git,  nnd  ennderliche,  die  uf  innerkeit  treffent. 


1  hinder  ftldt  ?.-'n'  2  wol  —  alao  ffhlt  g  wol  fthlt  s  ({fitca  fthlt  li 
:^  strioie  n'  4  awerer  bC  liplich  Cc  5  der]  den  der  C  so  er  g  inda- 
weodig  '.'  liohen]  swereii  C  götcn  h  6  «in]  wesen  Cg»  7  ist  ffhlt  C« 
so  fehl!  ga  ein]  der  j?«'  dieer  gn^c  als]  bo  fc't'n's  8  discr  go 

D  dem]  eime  h'g  dem  N  c  10  [bo|  gar  h'  11  iar  über  «  dar  iiml)  Cg  do 
för  b  1»  ergang  6«  so  —  liden  ftMt  n'  din  fthli  yg  14  al*o  frMt  Cs 
dö  alles  sin  liden  bb'  16  inre  fthll  t  16  nnd  —  19  aweruiül.  /Mt  g 

17  weis  —  18  er  J'elilt  g  19  e«  och  b'g  die]  daz  Ob',  fehlt  gn  20  ein] 
der  b-CeT  dar  umbe  6  da  mit  y  31  aber /cAif  hC  den  liden  cg  dwi] 
du  g»        22  einem]  dem  h''        die]  daa  C,  fehlt  b'        irrekeit  b-        triffct  b*C 

3  Vgl.  Viti,  Kap.  4*  «.  Kl  Sfb  370,22  ff.  9  S.  Der  Prediget-  (=  Do- 

minikaner)  igt  State  gelbgt.   Ditadbe  EriäUang  auch  Bdaw  26li,34ff.  n.  Hör.  IST. 
16  ff.  int  folgmden   redet  Seute   iciedtrhnlt   von  Zuatänden  dta  ghrupulögeH 
Getaigieng.    Vgl.  A.  Koch,  Lehrbuch  der  Moraltheologü  IMSfiäf.;  Denijle,  Da» 
geiatl.  Lehm  SOS  ff.  21  f.   Vgl.  die  latetnitcht:   Übersetgang  von  SiuiMg  (H. 

Sugunia  opera  laline  tranglata,  Coloniae  1655, 1H7J :  «pecintm  afflietionan,  quitm 
Deo  permiUmle  quin  mMu  patitur.  Ea  igt  hier  wohl  die  Ilede  von  der  gog. 
pagatiren  Reiitigang  der  SttU  (Vgl.  Kirchenle.r.  VIIJ',ä09i:  Searamf2U,  An- 
Imtung  in  der  mt/«t.  Theologie,  drutgch  II  flSOSl,  34uff. :  D.  Sehram,  Iiutituticmex 
Theologiae  mgfticae,  nova  ed.  I  (tbG8i,:i9'Jff.). 


498  I.  Predigt. 

■ 

Nu  vindet  man  usgescheidenliche  vier  liden,  die  die  aller 
sweresten  liden  sint,  die  menschlich  hertze  uf  erden  getragen  mag, 
so  vil  daz  den  eilenden  hertzen  nieman  wol  gel5ben  möhte,  denne 
der  ir  selber  het  empfunden,  oder  dem  es  von  gotte  gegeben  were; 
wanne  ir  liden  entwichet  in  niemer,  und  dar  inne  ir  liden  g^libtert  5 
solte  werden,  daz  ist,  so  sü  sich  zfi  gotte  kerent,  do  hant  sA  daz 
aller  pinlichste  liden.  Und  die  sweri  diser  liden  sol  man  verstan 
n&twan  an  dem  emzigen  we,  daz  su  bringent,  und  not  von  keinem 
schaden,  den  sü  der  sele  bringent.  Und  die  liden  daz  sint  dise 
viere:  zwifel  an  dem  gl5ben,  zwifel  an  gottes  erbarmherzikeit,  in-  10 
schiessende  gedenke  wider  got  und  sine  heiligen,  und  anevehtunge 
ime  selben  daz  leben  zu  nemende. 

Nu  nimme  ich  daz  ander  liden  des  ersten  sünderliche  her  für, 
und  danne  sü  alle  gemeinliche.  Und  von  dem  lidende,  daz  ist,  daz 
ein  mensche  beginnet  zwifeln  an  gottes  erbermede  und  obe  sin  iemer  15 
rat  werde,  daz  kummet  sünderliche  von  drien  Sachen  under  andern, 
und  die  sint,  daz  sü  nüt  künnent  wegen,  waz  got  ist,  waz  sünde  ist 
und  waz  ruwe  ist. 

Sehent,  got  ist  ein  also  unersch6pfeter  brunne  grundeloser 
erbarmherzikeit  und  natürlicher  gute,  daz  nie  kein  getruwe  müter  20 
irme  einigen  kinde,  daz  sü  bi  irme  herzen  trüg,  so  gerne  die  hant 
gebot,  obe  sü  es  sehe  in  eime  starken  füre,  also  got  tut  einem 
ruwigen  menschen,  und  were  joch  mügelich,  daz  er  aller  menschen 
Sünde  alleine  uf  ime  hette  und  er  die  alle  tage  tusent  stant 
tete.  Ach,  minnenclicher  herre,  war  umbe  bistu  manigem  herzen  25 
also  rehte  minnenclich,  war  umbe  hüget  manige  sele  abe  dir,  war 
umbe  gestet  sich  diu  maniger  müt?  Ist  daz  alleine  von  irem  un- 
schuldigem lebende?  Nein  es,  gewerlich!  Es  ist  dar  umbe,  so  sü 
gedenkent,  wer  sü  sint,  wie  rehte  sündig,  wie  gebresthaft,  wie  rehte 


3  wol  fehlt  Cg  4  der  ir]  daz  er  h  das  ir  C  der  it  c  der  [ir|  />-  5  f.  solt« 
geliht.  n'^ii  6  kerteii  bcgn^s  7  aller /c/t//  />//-Cc  dis  lideiis  ItCn^  also 
verstan  //*'  8  nütwau  fehlt  hg  einzigen  h'-s  und  fehlt  h'C  9  bringet  gn^ 
die]  diae  .-?       10  zwifel  —  ^dolx'n  fehlt  c        10  f.  infiicssent  s        13  des  ersten 

—  14  Und  fehlt  c  14  daz  ist  fehlt  h  17  die]  daz  Jth-  19  also  ein  hg 
burne  hCcs  20  so  iretrnwe  hg  21  eygen  .v  bi]  an  IrT  22  stÄrken] 
grossen  //-      23  joch]  ja  c  ez  n^  es  joch  gs      24  alleine  /i^/c//  bette  h-      25  Ach 

—  499,1(3  minnencl.  fehlt  g      war  11.  —  26  rainn.  fihlt  h      26  hiig:et]  hungert  c 

11  f.    Vgl.  Vita  110,27  u.  'Jauler  (Frankfurt  Ib^G)  III,:,HL  16  f.  Gant 

ähnlich  Vita  62,7. 


I.  Predigt  499 

anwirdig  sü  din  sint,  ach,  und  du,  miltes  herze,  du,  frier  herre,  dich 
inen  so  friliche  erbätest  Herre,  daz  machet  dich  in  den  herzen  so 
rehte  gros,  daz  du  menschliches  gfites  alles  unnotdurftig  bist.  Dir 
sint  doch  tusent  marg  als  ein  pfenning  zfi  lassende  und  tnsent  tot- 

6  Sünden  als  eine  zft  vergebende.  Herre,  daz  ist  ein  wirdikeit  obe 
aller  wirdikeit,  herre,  soliche  menschen  k&nnent  dir  niemer  volle 
gedanken,  ir  herze  flösset  hin  von  dirae  lobe.  Wanne  nach  der  ge- 
schrift  so  ist  es  dir  vil  lobelicher,  denne  obe  sü  in  nie  keine  sünde 
werent  gevallen  und  in  lewekeit  lebetent  und  5ch  nüt  so  vil  minne 

10  zu  dir  hettent,  wan  nach  sante  Bernhartz  lere  so  sibestu  nät  an, 
waz  ein  mensche  ist  gewesen,  du  sihst  an,  wer  er  sin  wil  nach  be- 
girde  sins  herzen.  Und  dar  umbe,  wer  dir  abe  sprechen  wil  sünde 
vergeben  joch  also  dicke  manigen  ogenblik,  der  wil  dich  grosser 
eren  berSben.    Die  sünde  het  dich  doch  von  himel  uf  ertrich  braht. 

15  Selig  si  die  sünde,  also  santus  Gregorius  sprichet,  die  uns  einen 
so  geminneten  zarten  eriöser  brahte,  der  uns  so  minnencliche  alle 
stunde  wil  enpfahen!  Und  also  wer  gewegen  kan,  waz  got  ist, 
also  David  sprichet,  der  enmag  bi  nute  gotte  missetruwen. 

Daz  ander  ist,  daz  sü  nüt  künnent  wegen,  waz  sünde  ist. 

20  Kebte  sünde  lit  alleine  dar  an,  daz  ein  mensche  mit  eime  verdahten 
bescheiden  willen  wissentliche  und  gerne  ane  widersprechen  der  be- 
scheidenheit  sich  von  gotte  uf  daz  gebrestbafte  ding  kert.  Wanne 
were,  daz  ein  mensche  also  manigen  infal  bette  also  manigen  5gen- 
blig,   und  die  also  reht  ungeschaffen  und  also  böse  werent,  also  es 

25  mügelich  ist  keinem  hertzen  zfi  gedenkende  oder  keinre  zungen  zfi 

1  und  fehlt  Cc  2  den]  dem  h^cn^s  so]  also  hn^  3  rebte  feMt  6* 
alles]  also  bCn^  5  ein]  din  sn^  5  f.  obe  a.  wird,  fehlt  n*  6  sogetane  bCc 
7  danken  cn^s  7  f.  schryft  sc  8  denne]  wanne  bc  totsünde  8  9  so] 
zö  sc  minne  fehlt  bb*Ccn^8  liebd  T  10  ensihstu  Cc  11  sin  welle  6* 
wil  ain  b  11  f.  begirden  Cc  12  abe  wil  spr.  6-  wil  abe  spr.  bC  14  von 
bimel  nach  brabt  6*,  fehlt  C  16  zaxten  fehlt  b^^n^s  19  gewegen  6-c  20  lit  — 
dar  an]  ist  g      21  mute  und  willen  b-      23  were]  wie  b-      also  —  bette  fehlt  s 

B    Vgl.  Ps.  15j'^.  7  ff.   Vgl.  Luk,  15,7  und  Gr  Bfb  407,20  ff. 

10  Vgl.  sermo  134  de  div.  n.  1;  sermo  83  in  Cant.  n.  4.  Ganz  ähnlicher  Gc" 
danke  Gr  Bfb  407,13 f.;  424,6 f.  15  f.  0  fdix  culpa,  quae  ialem  ac  tantum 
meruit  Juibere  redemptorem!  Zitat  aus  dem  Praeconium  paschale  (vgl.  Kl  Bfb 
373,4),  das  sonst  dem  hl.  Augustinus  zugeschrieben  wird.  18  Ps.  9,11. 

20  ff.  Vgl.  bei  Thomas,  S.  Th.  1,2  q.  88  u.  Ä.  Koch  a.  a.  0.  135  ff.  die  KHterien 
der  Tod'  bezw.  lässUchen  Sünde  gan$  übereinstimmend  mit  Seuse  angegeben. 
Surius  l.  c.  169:  si  quis  deliberata  ac  certa  voluntate  sciens  atque  voletis  absque 
rationis  reluctatione  a  Deo  se  avertat  et  ad  iniquitatem  transferat. 


500  I.  Predigt 

sprechende,  and  von  wem  bü  jocb  werent,  es  were  joch  got  oder 
die  creature,  und  daz  dennoch  der  mensche  in  deme  stunde  ein 
gantz  jar  oder  zwey  oder  wie  lange  es  were  nach  dem  zit,  —  ehte 
die  bescheidenheit  alleine  ein  ringen  da  wider  hat  und  ein  misse- 
fallen,  also  von  nataren  in  solichen  Sachen  ist,  also  daz  s&  nAt  gentz-  s 
lieh  mit  fürdahtem  mfite  und  mit  gantzem  willen  dar  nf  vellet,  so 
enist  keine  totsünde  do  geschehen.  Und  dis  ist  also  gewerlieh  wor 
nach  der  heiligen  geschrift  und  nach  der  heiligen  lere,  us  deu  der 
heilige  geist  redet,  also  daz  got  in  dem  himel  ist. 

Nu  ist  ein  verborgens  dringen  hie  beslossen,  und  daz  ist  daz  lo 
aller  kleinfugest  und  scharpfeste  bant,  daz  in  diser  materie  ist,  und 
daz  ist  also.     So  der  ungeschaffen  b6se   inval  geschiht,    und    ein 
mensche  geswinde  mit  ettewaz  lustes  vil  lihte  dar  uf  gevellet   und 
sin  selbes  vermisset,  daz  er  nüt  hat  geswinde  do  von  gekeret,   so 
wenent  sü  denne,  sä  sint  mit  willen  und  bescheidenheit  dar  uf  ge-  15 
Valien  und  habent  also  ir  selbes  vermisset  und  totsände  getan.     Und 
daz  ist  nut  also.     Wanne  nach  der  heiligen  lere   so  wnrt   die  be- 
scheidenheit dicke  färkummen,  beide  mit  sogetanen  invellen  und  mit 
lüsten  eine  gute  wile  und  ein  langes  zit,  e  daz  die  bescheidenheit 
ir  selbes  rehte  innen  werde ;   und  so  sä  denne  ir  selbes  reht   innan  20 
wurt  mit  gfiter  bedehtikeit,  so  mag  sä  denne  enpfahen  und  laasen 
und  sänden  und  nät  sänden.    Und  dar  umb  so  soUent  die  menschen 
keinen  schrecken  haben  in  den  Sachen  von  keinre  totsände,   ob  sä 


2  die  fehlt  b^g  creaturen  hc  deme]  der  C  den  8  3  oder  zwej 
feJUt  6*^  werde  cn^  der  zit  Cc  den  ziten  s  ehte]  und  g  weile  n*  ockert 
dat  c  5  nature  nh  in  fehlt  ft-  sogetanen  n^s  6  verdohtem  bgs  und 
[mit]  b-gn^8  7  keine  —  ist  fehlt  s  8  lerer  b'^cn^  den]  dem  b  11  [und] 
scharpf.  bc  13  vil  lihte  vor  geswinde  t»,  vor  lustes  sn^  14  vergisset  g 

16  denne  fehlt  b'  und  mitb.  Cc  18  solichen  gs  19  luste  b  lange  b-Ccn^ 
ddLZ  fehlt  b-g  20  rehte  fehlt  b^  innen]  gewar  66-  innan]  gewar  b  21  denne 
fehlt  n^s        23  enkeinen  bC        keinen  totsönden  b^c 

1  von  wem  =  über  wen.  Rieger  bei  Wackfrnagel  a.  a,  0.  655  tcill  tüfel 
etat  got  lesen;  mit  Unrecht^  denn  es  sind  blasphemische  Gedanken  gemeint, 

8  Surius  l.  c:  sacris  literis  et  ecclesiae  catholicae  sententiis,  8  f.  us  den  — 
redet,  vgl,  Bdw  328,3,  17  ff.  Surius  l,  c:  est  namque  multorum  sanctorutn 

Patrum  Concors  senteniiaf  rationem  saepenumero  importunis  cogitationibus  in 
animum  irruentibus  atque  etiam  delectatione  quadam  praevcniri.  Es  ist  die  Bede 
von  deti  der  klaren  Erkenntnis  vorausgehenden,  nicht  frei  getcollten  Affekten  (motus 
primo  primij,  vgl.  Thomas,  S.  Th,  1,2  q,  22  sqq.;  A,  Koch  o.  a.  0,  40 f. 

21    Vgl.  Jak.  1,15, 


I.  Predigt  501 

cristenre  lere  wellent  gl5ben.  Es  spricht  sanctus  Augustinus,  daz 
die  sünde  mfis  also  rehte  willeclicb  geschebeu^  waune  gescbiht  su 
nüt  rehte  willeclich,  so  ist  sü  keine  sünde.  Es  wellent  die  lerer: 
und  hette  Eva  alleine  die  fruht  in  dem   paradise  gessen  und  Adam 

5  nüt,  es  hette  nüt  geschadet.  Zft  gelicher  wise,  waz  insprechendes 
die  sinnelicheit  hat  one  gantzen  lust  der  bescheidenheit^  die  entriffet 
nüt  uf  keine  totsünde. 

Daz  dritte,  daz  den  schaden  tut,  daz  ist,  daz  sü  nüt  künnent 
wegen,  waz  ruwe  ist.     Ruwe  ist  eine  tugent,   die  einem  menschen 

10  sine  sünde  abe  nymet,  so  sü  mit  bescheidenheit  ist.  Sant  Bern- 
hart sprichet,  daz  unbescheiden  ruwe  gotte  missevellet.  Der  böse 
Kayn  der  ruwete  och,  aber  ane  wise,  wanne  er  sprach:  ^mine  bos- 
heit  ist  merre,  denne  gottes  erbarmherzikeit."  Judaz  der  ruwete 
och,   aber  dez  leit  was  zfi   unfirdenlich.     Also  kumment  sogetane 

15  menschen  ettewenne  in  ungeordentes  leit,  daz  sä  in  in  selber  spre- 
chent:  „es  ist  ein  übel  mere,  daz  ich  lebe,  herre,  war  zfi  wart  ich 
ie  gebom?  Ach  herre,  wanne  stürbe  ich!"  und  des  gelich  manigerley, 
und  erzüment  got  dicke  me  bar  an  denne  an  der  sünde,  obe  joch 
keine  sünde  an  den  vor  genanten   Sachen  were.     Aber  nach  der 

20  heiligen  geschrift  so  ist  do  keine  sünde.  Und  dar  umbe,  der  rehte 
ruwen  wil,  der  sol  haben  demutikeit  in  ime  selben  und  ein  misse- 
vallen  der  sünden  und  ein  gantzes  getrüwen  gegen  gotte.   Es  sprichet 


1  cristen  n^s  daz  fehlt  gn^a  3  nüt  [rehte]  gc  rehte  will.]  mit 
gautzem  willen  h  sü]  es  ^«,  fehlt  h  keine]  kleine  b  nit  gs  totsünde  b^cn^ 
wellent]  mainent  g  4  [und]  hette  gn^s  in  d.  parad.  die  fruht  gnH  4  f.  und 
uit  Adam  bc  6  lust]  gunst  n^sT  gnnst  g  entrisset  b^  triff  et  bg  8  dritte] 
auder  bb^C         9  einem]  dem  gn^         10  sü]  er  bc         mt  fehlt  b^  12  kaym 

bb'-C  [der]  ruw.  cgs  minre  C  miner  gn^  13  denne]  wanne  66'  der 
fehlt  b^Cn^s  14  dez]  das  Ccs  zu]  gar  g  gar  ze  n^s  solliche  bs  15  in 
[in]  b'8  zö  in  6n*  17  ie  fehlt  bCg  Ach  —  ich  fehlt  g  maniger  hande  6*/*^ 
18  erzürnet  es  hie  mitte  6n*  mit  der  s.  bn^  obe  —  20  sünde  fehlt  gs 
22  getrüwen]  ruwen  6'C        gegen]  z&  bgn^T 

1  I)e  Vera  relig,  14  n.  27:  usque  adeo  peccatum  voluntarium  est  maJum^ 
ut  nullo  modo  sU  peccatum,  st  non  sit  voluntarium.  Vgl,  auch  In  ep.  ad  Born, 
prop.  13 — 18;   De  actis  cum  Feiice  Manich,  11,3.  4.  3  ff.  Vgl,  Thomas, 

S,  Th.  1,2  q.  81  a,  5 :  peccatum  originale  non  contrahitur  a  matre ,  sed  a  patre. 
Et  secundum  hoc,  si  Adam  non  peccante  Eva  peccasset,  fHii  originale  peccatum 
non  contraherent,  4  ff.  und  Adam  nüt,  vgl,  Surius  l,  c,  170:  nee  hoc  in  scelere 

consensum  ei  (Evae)  praebuisset  Adam,  Die  Sinnlichkeit  im  folgenden  bedeutet 
Eva,  die  Vernunft  (bescheidenheit)  Adam.  10  f.  Vgl,  sermo  38  in  Cant,  n.  1, 

11  unbescheiden  r.  ^  indiacreta  contritio  (Surius  l,  c),         12  f.  I  Mos.  4,13* 

13  f.  Matth,27,3ff. 


502  I.  Predigt 

die  ewige  and  die  minneDcliche  wisheit:  „kint  mines,  in  dime  liden 
so  Boltu  dich  selber  nüt  versmaben!  Eum  sin  an  got,  der  hilffet 
dir  es  überwinden!^  Er  ist  ein  rehter  tor,  der  an  eime  Ögen  n6t 
gesiht  und  ime  selber  dar  nrabe  daz  ander  oge  och  wil  ns  brechea. 
Von  disen  gebresten  allen  sol  man  wissen  dise  sehs  din^:  6 

Eins  ist,  daz  sogetane  menschen  gar  unusrihtig  sint,  daz  sA 
wenig  ieman  her  inne  gI5ben  wellent,  den  sü  doch  glouben  söllent, 
und  sünderliche,  der  in  üt  tröstliches  seit,  vil  minre,  den  der  in  un- 
tröstliche ding  Seite.  Und  daz  kummet  von  dem  emzigen  herzec- 
lichem  we,  in  dem  sü  gemeinliche  one  allen  anderlas '  stant.  Und  lo 
hant  daz,  daz  sü  iren  gebresten  gerne  vil  lüten  klagent,  dar  umbe 
ob  in  ieman  künde  zft  helffe  kämmen;  and  daz  söllent  sü  nüt  also 
witbreht  tun,  wanne  ir  ist  wenig,  die  hie  zfi  geraten  künnent,  und 
so  sü  ie  me  do  von  geredent,  so  ir  gebreste  ie  mer  wart.  Sü  söllent 
as  kiesen  einen  lerer,  der  es  wol  habe  von  der  heiligen  geschrift,  16 
and  dem  söllent  sü  gloaben  ane  allen  zwifel,  wanne  got  wil  es  an 
dem  jangesten  tage  an  in  vordem  und  nüt  an  sü,  wenne  sü  daz  ire 
getiünt. 

Daz  ander  ist,  daz  sü  hant  vil  unrehter  vorhte.  Su  dancket 
nüt,  daz  sü  iemer  reht  gebihtent,  wie  flissig  und  wie  wol  gelert  der  20 
bihter  ist,  oder  wie  gentzlich  sü  ir  vermügen  hant  getan,  und  ge- 
winnent  do  von  niemer  gerüwig  hertze.  Und  daz  kummet  do  von: 
sü  enwissent  nüt,  waz  sü  schuldig  sint  usgescheidenliche  zä  bihtende 
und  waz  nüt.  Nach  der  geschrift  so  ist  ein  mensche  alleine  schuldig 
die  totsünden  usgescheidenliche  zu  bihtende,  ob  er  es  kan  getftn,  und  25 


1  und  die  minn.  fehlt  gs  liden]  leben  hC  2  so  fehlt  h-n^  4  dar 
umbe  fehlt  hn^  oge  fehlt  gn^s  us  wil  brechen  hh-  5  von]  und  Cc  allen 
Samen  gs  6  solliche  h  7  nieman  IrC  flohen  —  doch  fehlt  .v  deu  — 
soll,  fehlt  c  sollen  b  8  minre  —  in  fehlt  cv  8  f.  untröstliches  [ding]  Ccn^ 
9  einzigen  hb-s  11  ir  b-g  lütes  Irn'  12  künne  bC  soltent  C  13  wit- 
breht]  witbreit  bCa  wyt  mere  c,  fehlt  g  16  soll,  sü]  liant  sü  zö  sn^  19  [daz] 
sü  gn^  vorhten  bc  20  gebiht.]  getönt  b-  und  [wie]  Cv  23  daz  sü  hC 
want  si  c        nit  enwissent  bc        nüt  fehlt  C        24  und  —  25  biht.  fehlt  C 

1  f.  Sir,  3Sy9.  13  witbreht  von  brehten  =  rufen j  lärmni,   wie  lutbreht 

(Gr  Bf  b  482 j4)  gebildet.   Das   Wort  fehlt  in  den  Wörterbüchern.  15  StiHus 

l.  c.  171:  vir  um  in  divinis  literis  eruditum  ac  expertum,  24  ff.  iSurius  l,  c.  171/,: 
sola  peccata  vwrtifera,  quantum  fitri  potestj  distincte  et  expressc  confiteri  obli- 
gamur,  leviores  vero  et  quotidianas  culpas  generali  quadem  enarratione  exposuisse 
satis  ist.  Vgl,  dazu  Thomas,  S.  Th.  3  q.  84  a.  2  ad  3;  In  4  >Sent,  d,  10  q,2a,  2: 
A,  Koch  a.  a,  ().  197 f.;  P.  A.  Kirsch,  Zur  Geschichte  der  katholischen  Beichte 
1902, 186  ff. 


I.  Predigt.  503 

die  tegeliche  sünde  alleine  nach  einre  gemeinen  uslegunge.  Und 
wanne  nu  die  menschen  in  den  vordem  Bachen  keinre  totsünden 
schuldig  sint,  so  endürffent  sü  noch  ens511ent  nüt  die  invelle  also 
usgescheidenliche  alle  sagen,  denne  nach  einer  gemeinen  uslegunge 
5  nach  eins  göttelichen  bescheiden  bihters  rate.  Der  t&fel  verwirret 
alleine  hie  mitte  herzenrfiwe,  und  dar  umbe  so  sol  man  ime  hie 
widerstan ;  wanne  so  man  ime  ie  me  henget,  so  die  gewissene  ie  me 
verwirret  wurt. 

Daz  dritte  ist:  sä  sAchent  ein  wissen  in  den  Sachen,  do  man 

10  nüt  Wissens  mag   haben,   s6  gant  deme  nach,   daz  sü  wissent,   daz 

sü  ane  totsünde  standent.     Es  enist  kein   mensche  uf  ertriche  noch 

so  gut,  noch  so  selig,  noch  so  wol  gelert  nach  der  heiligen  lere,  der 

ein   wissen  müge  haben,   obe  er  in  der  gnaden  si  oder  nüt,   denne 

von   gottes  sunderlicher  offenbarunge.     Es  ist  hier  inne   genüge   so 

15  sich  ein  mensche  wol  ersuchet,  daz  er  denne  ein  nütwissen  dar  umbe 

habe.     Und  alsus  so  kummet  daz  wellen   wissen  von   unbekantheit, 

also  ob  ein  kint  mutete  zfi  wissende,  waz  ein  keiser  in  sime  bertzen 

hat  verborgen.     Und   dar  umbe,  ßlso  der  lipliche   sieche  hat  sime 

arzatte  zu  glSbende,  der  die  nature  dez   siechtagen   bas  erkennet 

20  denne  er  selber,  also  hat  ein  mensche  einem  bescheiden  geistlichen 

arzate  zu  gloubende. 

Daz  vi  erde  ist:  sü  sint  zu  ungestüme  gegen  gotte.    Und  daz 

kummet  euch  von  dem  emzigen   bitterlichen   lidende,   in  dem  sü  zu 

allen  ziten  stant.    Sil  ensint  nüt  vil  geübet  in  anderem  lidende  ge- 

•25  meinlich;  inen  geschiht  also  der  einen  jungen  volen  in  einen  karren 


I  tcgelichen  sünden  Cc  2  totsünde  sn^  3  sü  nach  ensoUent  gn^s 
3  f.  also  usgesch.  fehlt  ga  6  aliein  sich  b  sich  alieine  c  [so]  sol  gn^s  hie 
fehlt  bC  7  verhenget  bCg  ie  [me]  n^s  8  verirret  b-sT  10  wissens] 
wissen  w'«  haben  mag  bg  11  noch  fehlt  bb-sT  13  ein  fehlt  b^s 
14  sunderlichen  otfenbarungen  bb-c  16  dar  an  h  dar  inne  fr-  16  so  fehlt  bgn^ 
komet  uns  bC  daz  si  wellen  w.  gc  unbedehtikeit  bC  17  müt  hette  bC 
18  verb.  hette  cg  lipl.  sieche  fehlt  C  lipl.  —  sime  fehlt  s  18  f.  s.  arzatte 
hat  bb'C  20  einen  Cc  22  ungestündig  bb-Cga  23  einzigen  bb-  24  sint  bg 
andern  iiden  es        25  erst  in  ein.  k.  gs        karrich  bhi^s 

II  ff.  Vgl.  Fred.  9,1 ;  I  Kor.  4,3  f;  Thomas,  S.  Th.  1,2  q,  112  a.  6;  Pohle, 
Lehrbuch  der  Dogmatik  II  (19()3),  541  ff.  14  f.  Surius  l.  c.  172  gibt  den 
Sinn  treffend  wieder:  sufßcit  in  hoc  parte,  si  diligenter  cxplorata  conscientia 
nullum  certum  mortiferum  peccatum  in  ea  comptriatur,  20 f.  Vgl,  Horol.  193: 
spiritualis  medicus  (Surius  l.  c:  confessarius). 


504  I.  Predigt. 

spannet:  so  sich  der  vermuget  und  venrihtet,  daz  er  mager  wart,  so 
er  siht  zu  jungest,  daz  es  anders  n&t  mag  sin,  so  lat  er  sinen  m&t 
nider  und  beginnet  zemmelicbe  gebaren.  Also  geschiht  disen  men- 
schen :  alle  die  wiie  s&  noch  ein  vehten  do  wider  bant  und  sich  nüt 
gentzlichen  bant  geböuget  under  gottes  willen,  daz  sä  es  wellent  6 
durch  in  liden,  so  geschiht  inen  gar  we,  und  müssent  es  doch  liden, 
untze  daz  der  erbarmherzige  got  wurt  ane  sehende  ir  arbeit  nnd  ire 
getultikeit;  und  er  weis,  wenne  es  in  nütze  ist,  daz  er  sA  do  Fon 
entbinde.  Und  dar  umbe  so  hört  nät  dar  zu,  danne  sich  demutek- 
liehe  in  daz  liden  ergeben,  wie  lang  es  got  wil,  und  getalteklicfae  lo 
helffe  von  ime  vordem  und  gebet  von  guten  lüten. 

Daz  fünfte  ist:  dieselben  menschen  irret  nüt  uf  ertriche  also 
vaste,  also  daz  sü  deme  ungeschaffen  gerüne  went  gelosen  und  ime 
went  antwnrten  und  mit  der  bescheidenheit   ime   wellent  widerstan 
und  da  wider  disputieren.     Und  do  vor  süllent  sü  sich   hüten   also  15 
vor  dem  tode,  wanne  von  dem  widerstonde  so  sinkent  sü  dar  in  one 
alle  helffe.    Und  dar  umbe,  also  balde  es  den  geistlichen  oren  wort 
in  gerunet,  so  süllent  sü  rehte  geswinde  ane  alles  widerkriegen  sich 
do  von  nebent  sich  keren  uf  daz  neheste,  daz  sü  sehent,  hörent  oder 
wissent,   rehte  alz  obe  sü  zu  ime  sprechent:    ^hab   din   gerüne    dir  ao 
selben,  es  engat  mich  nüt  an,  du  bist  joch  zft  böse  dar  zu,  daz  ich 
dir  hie  zu  welle  antwurten."    Sehent,  und  daz  geschiht  eigentliche: 
so  sü  sin  ie  minre  ahtent,  so  sü  ie  schierer  do  von  kumment.     Und 
daz  tügent  aber  und  aber,   untze  daz  sü  einen  gewönlichen    abeker 
gewinnent.    Und  dise  rede  kan  nieman  wol  verstau  denne  die  selben  25 
menschen. 

Daz  sehste  ist:  so  die  zit  ie  heiliger  ist  und  sich  der  mensche 
ie  gerner  zft  gotte   kerte,   so  daz  selbe   liden   ie  mer  ist   und  so  sü 

1  vermudet  bh-n^  1  f,  und  so  er  siht  gn^  2  er  denne  siht  bff  nit 
anders  Cn^  sin  enmaj^  sc  3  gezeraraeclichen  C  gezeralich  n*  gezamlich  g 
diseni  h-  8  f.  menschen  allen  b-  4  ein  widervehten  hant  do  \%ider  6- 
7  und  [ire]  es  8  und]  won  g  wenne  «'  9  danne  daz  sü  sich  6*  10  und 
get.  —  11  Ifiten  fe?iU  h  12  ist  fehlt  cn^s  12  f.  nüt  also  vaste  uf  e.  &*  also 
lehto  vast  rgn\s  13  t.  ime  -went  fehlt  s  16  dispitieren  b-s  sich —  16  st 
fehlt  v  18  Widerreden  .v  19  der  von  6-«*  nebent  sich  fehlt  bb-  horent 
sehent  b-  20  ime]  eime  bb-  21  gat  gs  22  her  zfi  w*c  24  bis  cp 
25  enkan  (V        26  die]  daz  b-gn'        28  rihtetent  und  kerten  (!)  b- 

2  f.  lat  s.  mät  nider,  vgl  KlBfb  361,'M:  Gr  Bfb  4(i2,'J3:  486^13. 

13  ungeschaffen  gerüne,  vgl.  Bdew  312,4,  Zu  Z.  20  ff.  sind  die  Vitae  patrum 
td.  JiO.siregde  (s.  oben  104  AnmJ  111,07 :  VII.  l,i'>  (vgl.  auch  Palm,  Väterhuch 
1,'^off.f  benütet.  27  zit  =  FestztiU 


I.  Predigt,  505 

ein  einig  Pater  noster  noch  Ave  Maria  nüt  mngent  lidekliche  ge- 
sprechen  one  daz  veige  ger&ne.  So  kumment  sü  etteweune  in  einen 
uumut  und  werflFent  daz  gebet  hin  und  sprechent  zu  in  selber:  „waz 
wenestu,  daz  dich  daz  gebet  helffe,  daz  so  verunreinet  wurt?"  und 

5  ttint  hier  inne  gar  unreht;  wanne  wenne  sü  daz  tünt,  so  willent  su 
deme  tüfel  gentzliche,  wanne  der  sfichet  nüt  anders,  denne  daz  er 
eim  menschen  erwere  geistliche  übunge.  Sü  enwissent  nüt,  daz  ir 
gebet  mit  allen  den  invellen,  die  in  leit  sint,  so  rehte  wol  smekent 
und  so  rehte  geneme  ist  vor  gottes   ogen,   wan  es   sprichet  sanctus 

10  Gre^rorius,  daz  menschlich  gemüte  dicke  kummet  in  solliche  timber- 
heit.  daz  es  ime  selber  nüt  gehelffen  kan,  danne  daz  es  ist  in  gegen- 
wertikeit  leides  und  lidens.  Und  die  selbe  widerwertikeit  ruflfet  vor 
gotte  innencliche  für  sü,  und  die  bitterkeit  irs  lidens  wurt  vor  sinen 
ogen  verkeret  in  ein  lüstliches  gebet  und  tringet   neher  denne  ane 

15  die  wise,  und  neiget  in  geswinder.  Und  dar  umbe  so  sol  enkein 
mensche  enkein  gut  werk,  noch  kein  gebet,  noch  kilchgang,  der  dem 
seihen  b6sen  geiste  sanderliche  wider  ist,  niemer  gelossen;  wan  waz 
dem  menschen  an  lütri  des  gebettes  abe  gat,  daz  gat  ime  uf  an 
widerwertikeit  des  lidendes,   von  der  wegen  es  gar  geneme  ist  vor 

20  gottes  ogen,  als  einen  siechen,  der  kurae  redet,  den  h6ret  man  dick  e 
denne  einen  gesunden  starken  menschen.  Und  so  man  ie  me  von 
gebette  Hesse,  so  man  dem  selben  bösen  geist  ie  me  weget. 

Sider  nu  also  bewert  ist  von  der  heiligen  geschrift,  daz  an  disen 
Sachen  nüt  sünde  lit,  so  ist  ein  frage,  war  umbe  der  erbarmeherzige  got 

25  also  rehte  swer  liden  verhenge  über  sogetane  menschen,  wanne  ge- 

1  noch]  oder  n^s  noch  ein  b-cff  uüt  fehlt  bCc  lidekl.  mugent  h- 

lidelich  s  ledlich  </  5  tfit  (erstes)  Cs  hie  mit  n*  har  mit  *  hieran  C  daran// 
wanne  —  6  gentzl.  fehlt  g  mötwillent  g  6  der]  er  cg  denue]  wanne  h'-C 
7  eim]  dem  g  einen  es  geistlicher  h^cs  8  smacket  gc  9  ist]  sint  h^Cn^s 
vor  —  sanctus  fehlt  b^s  10  kume  />*«  sogetane  b-Cn^s  10  f.  tompheit  bg 
tümeheit  C  hlyntheit  c  swermtttigkeit  n^  14  ein  fehlt  b^n\s  16  geswinder 
in  ^enedigkeit  nh  ensol  bc  15  enkein]  ein  n^s  16  noch  k.  ge- 

bet fMt  c  kilchen  gan  b^n^s  17  hosen  fehlt  h-s  niemer  fehlt  b^s 

wan]  lind  bb^c  18  luterkeit  bcn^  in  gs  19  widerw.]  wirdikeit  C  von 
—  geneme  fehlt  g  des  wegen  b  19  f.  vor  g.  ogen  fehlt  b  20  einem  Cg 
siechen]  menschen  bb-c  reden  (gereden  n*)  mag  gn^s  erhöret  b-nKs  21  denne 
fehlt  b^  Und  —  24  frage  fehlt  g  sich  yeme  n  '*  22  den  bb-  ie  me 
feJUt  ft-  23  Schrift  b^c  daz  fehlt  Ccs  25  rehte  feldt  hg  verhenget  bCcT 
solliche  bc        menschen]  lüte  bn^        wanne  —  506,4  leb.  fehlt  g 

9  ff.    Vgl,  Moral  VIII^2  n.  HS;  XXV  1,46  n,  82;  XXVII.U  n.  26. 
25  f.    Vgl.  Or  Bfb  442,9  ff. 


506  I.  Predigt 

meioliche  zft  nemende  man  enmöbte  in  kein  liplicbes  liden  genem- 
men,  sü  nement  es  zfi  lidende  für  dis  liden.  Die  selben  menscben 
und  etteliche  einvaltige  menscben,  die  es  n&t  babent  an  kAnsten 
noch  an  lebende,  die  sint  in  dem  wane,  daz  es  alleine  kämme  von 
schulden.  Und  daz  enist  nüt  war,  wanne  manig  beilig  mensche  5 
der  wnrt  berlicbe  dar  inne  versuchet,  daz  wir  alle  tage  sebent  nnd 
in  der  heiligen  geschrift  vindent,  nnd  dicke  böse,  unlntre  menschen 
stant  ir  lidig;  oach  ettelichen  begegent  es  in  irre  kintheit,  so  sie 
dennoch  ane  grosse  schulde  stant.  Do  aber  dis  liden  und  disü  strenge 
büsse  einem  menschen  were  kummen  nach  sinem  wane  oder  nach  10 
der  warheit  von  schulden,  der  mensche  solte  got  innencliche  dar 
umbe  loben,  wanne  under  allen  andern  dingen  nach  der  schrift  ist 
daz  ein  also  gar  gros  minnezeichen  von  gotte,  so  er  geswinde  die 
s&nde  hie  mit  zügesanten  liden  busset.  Aber  war  umbe  sä  got  furbas 
mit  dem  liden  zwinge  denne  mit  andern,  daz  ist  verborgen  in  gottes  15 
togene;  wanne  daz  soUent  sn  von  gotte  also  uf  nemen,  wanne  got 
aller  menschen  herze  und  müt  und  wise  innan  und  usnan  aller  hast 
erkennet,  daz  er  5ch  alz  ein  wiser  arzat  und  also  ein  getruwer 
vatter  einem  iegelichen  zft  füget,  daz  er  alleine  erkennet,  daz  ir 
aller  bestes  ist.  20 

Nu  möhte  ein  mensche  vil  übte  fragen,  waz  gutes  hier  inne 
einem  menschen  möhte  geligen.  Dez  antwurte  ich  nach  der  schrift 
und  spriche,  daz  grosses  unsageliches  gut  einem  menschen  hier  an 
mag  geligen.  Daz  eine  ist:  es  sint  etteliche  menschen  von  natura 
eins  hochmütigen  sinnes,  und  die  möhtent  niemer  bas  noch  ver-  25 
börgenlicher  geböuget  werden  in  demütikeit,  die  do  ist  aller  tügeude 
ein  rehter  anevang.     Wanne  sü  wenent,   daz  nach  ungeschaffenheit 


1  (lekein  6-,v  3  kunst  s  5  wanne  fehlt  h-s  wanne  —  7  dicke  fthlt  g 
7  schrift  h'-c  vindet  hr  8  die  stont  gn^  irre]  einer  sn^  sie]  er  //-/*»x 
9  ane  alle  grosse  Irn^  stant]  stet  6-ä  ist  n^  sint  g  Do  —  14  busset  ffklt  g 
disü  fehlt  Cg  11  der  m.  der  solte  h-  12  so  ist  hc  13  ^ar  feldt  gn^  g:ar 
reht  h-8  14  Aber  bis  Schluss  stark  gekürzt  g  15  zwinget  bCc  andenue 
hCn^  17  aUer  —  müt]  alle  ir  stege  und  weg  h^  hertzen  Cm  Na  inne- 
wendig  n.  ussewendig  binN  ussen  Cs  18  bekennet  btnX  alz  —  und 
feJilt  b-s  21  hier  inne  nach  menschen  btnN  22  geschrift  inNs  23  hier 
an]   hier  inne  Cc,  fehlt  gs  hier  —  24  gelig.]    der  enmag  (mag  s)  liden  h-s 

24  von  naturen  Cc        27  rehter  fehlt  b 

iif.  Vgl.  Surtus  l,  v,  175:  nonnuüi  ,simpUces,  qui  mqu^i  scientia  nequr 
experifutia  isla  noverunt.  6 ff.  Z.  B,  Job;  vgl,  Grvyori a.s  M.,  Moral.  XV^ÖfJ 

n.  67.  12  f.    Vgl,  Sir.  S,ö  u.  Bdew  260^^3  ff. 


1.  Predigt  507 

der  inyelle  si  5ch  UDgeschaffenheit  der  sände,  und  des  enist  nüt; 
ein  mensche  in  eime  einigen  wolgevallen  sin  selbes  mfthte  säntliche 
ungescbaffener  werden  vor  gotte,  danne  obe  der  aller  bösten  invelle 
tusent  werent  gesin.  Und  daz  ist  kunt  an  dem  höhesten  engel^  der 
5  do  viel  und  doch  nüt  sollicher  invelle  bette.  Und  also  geschibt  hie, 
daz  der  mensche,  der  sich  selben  nüt  wolte  erkennen  in  eime  hoch- 
vertigen  gedanke,  der  wart  sich  selber  denne  erkennende  in  deme 
lidende;  und  der  vor  ander  lüte  versmahete,  den  duhte  denne  billich, 
daz  in  allermengelich  versmahete.  Waz  mag  nn  einem  menschen 
10  nützer  gesin  oder  me  weges  machen  zfl  gotte  denne  dis?  Es  ist 
doch  unmügelich,  daz  kein  demütiger  mensche  verlorn  werde.* 

Und  dar  nmbe  gewerliche  nach  der  schrift  und  nach  der  war- 
heit;  so  soltent  sogtane  menschen  uf  ire  knü  vallen,  und  soltent  die 
ungeschaffenen  liden  übergulden  do  mitte,  daz  sü  gotte  innenkliche 

15  danketent  der  liden^  die  sü  zu  einre  sogtanen  tugent  mügent  bringen. 
Und  daz  selbe  liden  nimet  sü  von  der  hellen  und  setzet  sü  in  daz 
himelrich;  so  sint  sü  dar  zu  gut,  daz  sü  die  menschen  behütent 
vor  liplichen  vellen  und  vor  vil  sünden,  wanne  sü  gewinnent  also 
vil   do  mitte  zu  schaffende,  daz  sü  aller  üppikeit  nach  vergessent, 

20  und  daz  ist  ein  edel  nutz.  So  sint  sü  och  fürderlich  zu  allen  tügenden, 
wanne  den  menschen  ist  also  rehte  we  do  mitte,  daz  sü  alle  wege 
süchent  und  in  alle  ding  mügelich  sint  zu  tdnde,  nütwan  daz  sü  dis 
alleine  abe  kumment.  Und  wie  ernest  in  ist,  so  lat  sü  doch  got 
dicke  also   stan^   untze  daz  nach    vil   guter  werke  samenunge   der 

25  mensche  ein  volles  vas  wurt  aller  tügende  und  gnaden. 

Nu  merkent,  lieben  kint,  wie  rehte  minnenklich  die  ewige  wis- 


1  süuden  b^c        2  einigeu  fehlt  hb-Cc       süntlicher  gn^scT       3  und  un- 
geschaff.  gn^T  4  gewesen  b^c  engel  lucifer  g  5   sogetÄner  b^Ccn^ 

8  den  —  9  yersmah.  fehlt  mN  9  alle  menschen  h-s  alle  die  lüte  C  10  denn 
disy  Bach  g   denne  dise  ursach  der  demutikeit  b  12  nach  —  und  fehlt  C 

geschrift  bs  13  sollent  ¥Ccn^  solliche  bcs  15  dankent  b^C  der] 
des  Ch  die]  so  b^s  sollichen  bs  16  Und]  wan  gn^sT  nimet]  bringet  6* 
17  die]  den  bcn^  18 f.  da  mit  also  vil  ^*^  19  daz]  dar  i^-  nach]  gnath  mN, 
fehlt  bs  20  fürderl.]  sunderlich  n^s  22  sint  mügel.  n^c  uüwenn  n^  nuwent  * 
23  mügen  abe  kummen  b^  24  dicke  fehlt  bb-n^s  nach  sam.  vil  g.  werke  6* 
25  wirt  nach  mensche  n^s        gnade  cn^ 

17  f.   Vgl.  Bdew  251,14,21.  21  if.   Vgl.  Sunus  l  c.  177:  tarn  misere 

vexantur,  ut  virtutes  seu  retnedii  loco  sectentur,  nee  quicquam  eis  impossibile 
videtur,  quo  suam  posaint  crucem  evadere  et  oblivisci.         26  f.  Vgl,  Weish,  8,1. 


508  I.  Predigt 

heit  alle  ding  kan  ordenen,  daz  die  menschen  wenent,  daz  bu  also 
grossen  verlust  dar  an  habent,  und  es  got  inen  zu  also  grossem  nutze 
verkeret.  Es  minret  och  ir  vegefär  und  bringet  in  grossen  Ion;  sA 
wenent,  su  sient  böse,  und  sint  gut;  sä  wenent,  sä  sint  dar  ambe 
grosse  sänder,  so  sint  su  vor  gottes  ögen  hohe  marteler,  wanne  es  5 
tut  tusent  stunt  wirs,  alle  stunde  also  gemartelt  werden,  danne  mit 
einem  slage  daz  höbet  verlieren.  Und  daz  ich  es  kurze  >  nach  der 
heiligen  schrift  und  nach  der  warheit  so  ist  es  ein  gewer  minne- 
zeichen unmessiger  gnaden  und  grosser  heimeliche,  die  in  der  nach 
künftig  ist.  Und  dar  umbe  so  söllent  sü  es  frftlich  und  willeclich  10 
liden,  wanne  in  get  sicherliche  nach  der  bitterkeit  die  ewige  selikeit 
Also  geschach  einest.  Es  was  ein  frowe  in  eime  kloster,  die  hat 
ouch  diser  liden  eins.  Do  da  erstarp,  do  kam  su  her  wider  und 
Seite,  daz  es  ir  vegefur  hie  was,  und  daz  su  on  alles  mittel  von 
gotte  in  ewikeit  enpfangen  wart  Des  helffe  uns  ouch  nnser  15 
minnenclicher  herre  Jhesus  Cristus.     Amen. 


1  geordeiien  h-c  ordiniren  C  3  keret  h-  in  och  ir  v.  m^c  3  sü 
—  4  gut  fehlt  n*  4  [und]  so  sind  si  gut  gs  dar  umbe  fehlt  Cg  5  hohe] 
grosse  h-g  marterer  s  6  wurst  hh^  gemartert  hmNs  7  es  fdhlt  h^C 
8 f.  bloss  zeichen  gn^s  9  gnade  gs  heimelicheit  h'cmN  in]  ime  bh^C 
10  ist]  wart  b'  Und  fehlt  bC  so  fehlt  cmN  gcwillecliche  bCc  U  in] 
es  mXs  12  geschach  es  b'^  es  gesch.  s  die]  und  Ccs  und  die  b-  IB  starp 
bCgmN         14  daz  —  was  fehlt  m'  hie  fMt  bmNs  was]  were   C  were 

gewesen  b-T  15  wart]  were  b-C  des  —  16  Amen  fehlt  mN  des]  das  bs 
16  J.Christus  und  Maria  sein  werde  muter  Amen  ;«'  nach  Amen:  Explicit 
über  Deo  gracias  Amen  s 

8  minret  —  vegefür,  tbeuso  Bde^r  351^:^1.  9-11   ViJ.  Gr  Bfh  444,1  f 

12  ft".    V(ß.  Vita  14:2,7,15 f. 


IL  Predigt.  509 

IL  Predigt. 

Hlserimt  Judaei  ab  Jerosolymls  sacerdotes  et  leyltas  ad 
Johannem,  ut  interrogarent  eum:  Tu  quis  est 

Die  Judden  und  die  phariseyen  die  santen  zu  Johannes  und 
5  frageten  yne,  wer  er  were,  abe  er  were  Helyas?   Er  bekante  und 
leugnete  nit  und  sprach:  Non  sum.    „Bistu  dann  Cristus?'*   Non  sum. 
„Ader  eyn  prophete?''   Non  sum. 

Kynder,  dieser  phariseyen  fint  man  noch  viel,  die  ockem  geen 
mit  üppigen  fragen   umb.     Die   eynen   fragent   nach  wemtlichen 

10  dingen ;  was  die  und  die  thun^  was  meren  yn  den  steden  und  yn 
den  landen  und  under  den  herren  sy,  was  under  den  luden,  geist- 
lichen und  wemtlichen,  geschee,  von  diesen  und  von  dem,  und  yn 
ist  wol  mit  nuwen  meren.  Phy  der  groszen  schänden  under  geist- 
lichen luden !   Des  solde  sich  ein  geistlich  mensch  ummer  geschemen 

15  zu  sagen  und  zu  wissen  eynige  nuwe  mere.  Was  geet  eynen  geist- 
lichen menschen  an  alles,  das  diese  wemt  geleysten  mag?  Die 
andern  fragen  von  vorwitzikeyt,  das  sie  gern  viel  wissten  und  von 
hoen  dingen  verstünden  und  konden  sagen;  do  enwirt  auch  nit  me 
usz.    Die  dritte  fragen  uff  eyn  versuchen,  das  sie  wissen,  was  yn 

20  den  luden  sy,  und  koment  und  smeychent,  als  die  Judden  sprachen: 


//.  Predigt.    Hss.:  6*  =  Berlin  8^^339;  g^^Giessen  850;  r  =  Rostock 

Gymnasialhibliothek,     T  =  TauUrdruch  1543  f,  22^»  —  23^.     Zur  Grundlage 

ist  g^  genommen,  —  Die  Echtheit  dieser  und  der  folgenden  Predigt  steht  nicht 

fest,  vgl.  Einleitung.    Erster e  ist  nach  r  von  K.  E.  H.  Krause  im  Jahrbuch  des 

Vereins  für  niederdeutsche  Sprachforschung  11(1876),  11 — 18  publigiert, 

2  —  3  fehlt  b^g*,  dafür  Überschrift:  eyn  sermoen  van  nun  sum  b^  wie 
die  judden  und  die  phariseyen  zu  Johanne  santen  g^  5  yne  fehlt  rT  Er  — 
6  nit  fehlt  g^  bekante]  go  r  geyde  6*  6  und  er  sprach  g'^  Non  sum  (erstes)] 
ich  enbyn  syn  nit  g*,  fehlt  b^  6  f.  Non  sum  (zweites  u,  drittes)']  neyn  g^ 

8  Kynder  fehlt  T  fint  man]  sint  b^T  noch]  nach  g\  fehlt  r  ockem] 
ecker  5'  schlechts  T,  fehlt  r  10  dingen]  Sachen  6*  11  sy  —  Inden  felüt  g^ 
sy  —  den]  und  T  12  und  wat  geschey  van  r  dusem  r  13  Phy] 

och  r  poch  g^  schände  rT  ander]  von  g^  14  solden  sie  sich  [ein  geistl. 
mensch]  g^  15  wissen  und  zu  fragen  g^  16  diese]  die  g^  geleysten  mag] 
ist  g^T      18  do  —  19  usz  fehU  r      nit  me]  namme  b^T      19  wollen t  wissen  g* 

2 f.  Joh.  1,19.  8  ockem,  ockert,  Adv.  =  nur,  bloss  (Lex.  11,140; 

1,515);  hd.  =  cht,  bezw.  nüwan.        11t.  Vgl.  Vita  98,2  ff.  18  f.  Vgl.  Surius 

l.  c.  179:  nee  ii  un^am  ad  altiora  proßciunt  nee  profectus  illorum  spes  ulla 
superest,  quandiu  tales  permanent. 


510  11.  Predigt. 

^meyster,  wir  wissen  ^  das  da  warhafftig  bist.^  Also  thnn  diese. 
Fyndent  sie  dann  ir  wyse  yn  den  laden,  so  ist  isz  alles  got^  nnd 
fyndent  sie  der  nit,  so  endaug  alle  ir  thun  nit.  So  geent  sie  aber 
ander  fragen,  und  geent  also  ummer  fragen,  das  sie  ir  verkerte  wyse 
beschirmen,  und  enwollent  sich  ye  dar  ane  nit  laszen,  waz  man  yn  6 
auch  gesinge  oder  gesage.  Die  vi  er  den  das  sint  gude  frager,  der 
bertze  und  sele  qwelet  nach  dem  aller  liebesten  willen  gottes ;  essent 
sie,  slaffent  sie,  werkent  sie,  gent  sie,  Stent  sie,  so  ist  yn  in:  „ach, 
wie  gerachen  wir  den  aller  liebsten  willen  des  gemyntten  gottes?'' 
Die  fufften  die  enfragent  nit,  das  synt  volkomen  lüde,  die  synt  lo 
über  fragen  komen.  Aber  wa  fynt  man  sy?  In  diesen  luden  ynist 
keyn  wonder,  wanne  Augustinus  und  Aristotiles  sprechent, 
das  fragen  kome  von  wonder.  In  diesen  enist  keyn  wonder,  wanne 
die  warheit  hat  sie  durchgangen. 

Diese  boden  frageten  Johannem,  wer  er  were.  Was  antworte  15 
der  himelfurste,  der  morgensterne ,  der  erdesche  engel  Jobannes? 
Er  sprach:  Non  sum.  Er  bekante  und  leugnet  nit:  Non  sum,  als 
alle  menschen  wolden  des  namen  verleugnen  und  geet  aller  menschen 
thun  dar  uff,  wie  sie  ockert  den  namen  verleugnen  und  verbergen: 
Non  sum ;  sie  woUent  alle  etwas  syn  ader  schy nen,  isz  sy  in  geyste  20 
ader  in  nature. 

Vil  lieben  kynder,  der  diesen  grünt  allein  gerachen  künde,  der 
bette  gerachet  den  aller  nehisten,  kurtzesten,  siechsten,  sichersten  weg 
zu  der  höchsten  nehisten  warheit,  die  man  yn  der  zyt  ervolgen  mag. 
Zu  diesem  enist  nyemant  zu  alt  nach  zu  kranck,  nach  zu  dnmp  25 
nach  zu  jung,  nach  zu  arme  nach  zu  riebe,  das  were:  Non  sum,  ich 
inbyn  nicbt.   Ach,  was  lyt  unsprechelich  wesen  an  diesem  Non  sum! 

1  Also  —  diese  fefdt  g-  4  und  —  fraireii  fefiU  //'  bekerte  (!)  g- 

6  auch  ftfdt  h^g-  sjnget  off  söget  rT  das  vierde //-  7  lieb,  ind  göitsten  h^ 
1.  und  göten  T  8  werkent  sie]  schrybcn  sie,  lesen  sie,  spynen  sie  1\  fehlt  g- 
so  —  in  fehlt  hh-  9  aller  fehlt  g-  10  die  volnkommende  1.  g-  die  synt 
-  -  11  sy]  ach  da  die  sint  g-  11  diesen  luden  fehlt  g-  12  wanne  fehlt  g- 
13  komet  rT  In  diesen  lieben  menscheu  g-  16  der  ertzenp^el  g-'T  17  Non 
sum]  ich  bin  syn  nit  g-  [Er  —  18  verl.  und]  ach  nu  ^eent  alle  m.  dar  uflf  g^ 
18. 19  verleugnen]  vcrloneu  />  V  19  ockert  fehlt  g'-T  den  namen]  das  wort  g-'T 
20  alles  g-  22  Vil  fehlt  rT  e^erachenj  treffen  T  23  jrerachet]  funden  T 
24  die]  den  g-r  26  nach  zu  jun«i^  fehlt  g'-T  27  so  unsprech.  />*r  wesen] 
Seligkeit  g- 

1  Matth.  :2:2,U),         3  ir  bezieht  sich  auf  lüde.  5  f.  Surius  L  c:  quio 

quid  cum  Ulis  agas,  7    Vgl.  Kl  Bfb  3iS7,t7ff,  10  f.    IVy/.  Vita  134,15  f. 

12  Anstoteles,  Meiaph.  1,2  (982  b  W;  August.,  J)e  ord.  1,3  n.S. 


n.  Predigt.  51 1 

Ach,  diesen  weg  enwil  nyemant  wanderen,  man  kere  war  man  ummer 
kere!  Got  segen  mich,  entruwen,  wir  syn  und  wollen  und  wolden 
ye  syn,  ye  einer  über  den  andern.  Hie  myt  synt  alle  menschen 
also  gefangen   und  gebunden,   das  sich  nyemant  lassen  enwil;  ime 

6  were  lichter  zehen  wercke  dann  eyn  gruntlich  lassen.  Her  umb  ist 
alle  stryt,  alle  arbeyt:  die  werntlichen  wollent  her  umb  gut  und 
fninde  und  mage  han  und  wagent  sele  und  iyp,  ockert  das  sy  etwas 
syn,  das  sie  grosz,  rieh,  hohe  und  geweidig  syn.  Wie  vil  die  geyst- 
lichen  dar  umb  dunt  und  laszeut,   leydent  und  wirckent,   da  pruffe 

10  eyn  ieglicher  sich  selber  an.  Des  sint  closter  und  clusen  volle,  das 
eyn  ieglich  wil  ye  etwas  syn  und  schynen. 

Lucifer  yn  dem  hyemel  der  hup  sich  uflF  und  wolde  syn.  Das 
zoch  yne  her  nyeder  in  das  aller  dieffeste,  in  den  grünt  des  nichtes, 
arger  dann  alle  nicht.     Disz  zoch  unszern  vatter  und  unszer  mutter 

15  und  treib  sie  usz  dem  wonneclichen  paradise,  und  hat  uns  alle  yn 
not  und  yn  arbeyt  bracht.  Hie  von  komet  alle  jamer  und  alle 
clnge,  das  man  fyndet,  das  wir  syn  gotloisz  und  gnadenloisz  und 
mynneloisz  und  aller  tugende  nacket  und  bloisz,  her  umb  fynden  wir 
nit  freude  von  ynnen  noch  von  ussen,  her  umb  ist  allein  alles,  das 

20  uns  gebrichet  an  gode  und  an  den  luden.  Das  dut  alleyn,  das  wir 
wollen  etwas  syn.  Ach,  dis  nichtsyn,  das  bette  yn  allen  wysen,  in 
allen  steden,  mit  allen  luden  gantzen,  waren,  weselichen,  ewigen 
frieden,  und  were  das  seligiste,  das  sicherste  und  das  edelste,  das 
diesse  wernt  hat,   und   nyemant  wil  dar  an,  riebe  nach  arm,  jung 

25  nach  alt! 

Wir  lesen  yn  Sant  Lucas  ewangelio,  das  eyn  riebe  man,  eyn 
phariseus,  der  hatte  geladen  nnsern  hern  Jesum  Gristum  in  syn  husze. 
Das  was  eyn  harte  grosze  gut  wercke,  Cristum  spysen  mit  allen 
synen  jungern.     Und  do   was  vil   volckes.      Diesz   meynte   er   gar 


1  wanderen  fehlt  h^g-   wand.  —  2  kere  fehlt  g-  2  Got  segen  mich] 

gützan  h^  gotsene  r,  fehlt  g^T  entruwen  fehlt  g-T  3  ye  einer  —  andern 
fehlt  r  8  das  sie  —  9  wirck.  fehlt  r  12  der  fehlt  g-T  irhoif  h'  erhub  T 
15  und  treib  sie  fehlt  g-         16  und  [alle]  g-T  17  und  [das]  man  fynd.  bie 

mit  Jin  uns  ^^  21  etwas  fehlt  g^T  das  selige  nichtsyn  g-         22  wesel. 

ewigen  feldt  g-  24  hat  und  hernach  ewigliche  freude  und  weseliche  freude  g^ 
und]  leyder  g-  aber  T,  fehlt  h^  27  der  fehlt  g-T         husze  mit  allen  synen 

jungern  g-        29  Und  —  volckes  fehlt  r        er]  id  h^  es  T 

12  ff.  Is  14,12 ff.  14  Adam  und  Eva,  171   Vgl  Gr  Bfb  49:2,4  f: 

gnodelos  .  .  .  minnelos;  ehd,  488,21:  nacket  und  blos.  26 ff.  Luk.  7,36 ff. 


512  n.  Predigt 

wol;  sunder  yme  gebrach  des  edelen  Non  snm.  Dar  qwam  epi 
sunderynne^  die  fiele  dar  njder  und  sprach  in  yrme  grande:  Nod 
süm.  Des  ist  sie  erhaben  aber  alle  hymmel,  aber  manichen  köre 
der  engele.  Diese  fiele  yn  das  aller  nyderste  vor  Cristas  fnsze,  und 
asz  gantzem  ynneckliehem  hertzen  sprach  sie:  Non  som.  Usz  dem  5 
gründe  so  wachs  eyn  ewig,  ammer  wemde  Ego  snm;  Cristas  det 
ir  alles,  das  sie  wolde.  Alda  sas  der  wirthe,  der  yn  dieser  gwszeü 
abungen  was  und  yn  allen  za  essen  and  za  tryncken  gap,  dem  ver- 
smebete  disz  and  meynte,  das  sich  Cristas  za  ir  kerte,  sie  were  eyn 
sonderynne.  Ach ,  isz  was  in  yme  das  leidige  Ego  sam  nnd  nit  10 
Non  sam;  yn  dachte,  er  were  der  jener ^  za  dem  man  sich  keren 
solde  and  hören  and  mit  yme  reden  solde,  and  das  wyp  nit 

Ach,  lieben  kynder,  was  fyndet  man  dieser  pharisejen  alle 
ander  geistlichen  and  wemtlichen  laden!  Die  wemt  ist  ir  vol, 
Yol,  Yol:  swartz  and  rot,  gra  and  bla,  die  amb  ir  gat  and  umb  ir  15 
mage  ader  amb  ir  wyszheit  ader  ir  kanst  ader  amb  ir  vemnfiftikeit 
ader  amb  almasen  ader  amb  yren  scbyne,  das  sie  sich  heiliger 
dauckent  and  dieser  glich,  meinen,  das  man  sich  mit  achtnnge  za 
yn  solle  keren,  man  solle  mit  yne  sprechen,  man  solle  ir  worte 
hören,  man  solle  darch  yren  willen  etwas  thnn,  and  denckent  zahant:  20 
„insolde  man  mir  disz  nit  than?  Ich  han  yn  disz  and  das  gethan, 
ich   byn  der  und  der/   und   were  yn  harte  unwert,  man  inhielde 


1  edelen  fehlt  g-  2  suiulerse  (so  stein!)  h^rT  dar  nyder]  vor  die  fusze 
Gristi  g-  4  vor  —  und]  mit  rechter  demudigkeyt  und  g-  6  so  fehlt  g-T 
ewig  fehlt  g^  8  ubungen]  werschap  r  und  zu  tryncken  fehlt  g^  dem] 
de  h^  dey  r  10  leid.]  heiige  (!)  ^-  und  —  11  B\xm  fehlt  h^  11  yn]  eme  6V 
jener /e/t/^  h^T  sich  billich  k.  g-  12  und  hören  —  solde  fehlt  g^  14  luden 
fehlt  rl'  14  f.  volle  einmal  g-  15  swartz  —  bla]  in  allem  State  g-  rot] 
wyt  r  und  [umb]  6V  16  ma^e]  macht  T  ader  (erstes)]  und  h^g-  Ter- 
nufft  g-  vorwitzicheyt  b^  17  almusen  die  sie  gebeut  g-  das  —  18  donckeDt] 
die  wemtlichen  umb  yren  riehen  schyne,  die  geistlichen  umb  yren  heiligen 
schyne  g-       18  meinen  fehlt  Vghr       20  thun  und  lassen  g-       21  yn  fehU  h^g* 

1  ff.   Vgl.  Gr  Bfh  X  V  Surge  aquilo,  9   das  =  waz  oder  war  umb. 

14  f.  J'Js  sind  hier  unter  den  ^.geistlichen  Leuten'*  wohl  besonders  die  Beghinen 
gemeifit^  welche  „in  den  verschiedenen  Konventen  und  zu  verschiedenen  Zeiten 
bald  graue j  bald  braune  y  schwarze  oder  blaue  Kleider  trugen**  (H,  Haupt  in 
Realenzyhloptidic  für  protest.  Theol,  11^,619),  16  vernufftikeit  bedeutet  wohl 

das  Streben  nach  mystischer  Erkenntnis ;  vgl,  Vita  Kap.  40'  u.  47 j  bes.  156,26  fT. 

18  Ohne  meinen,  das  allerdings  nur  in  T  steht,  w^re  die  Konstruktion  des 
Satzes  unerträglich  hart. 


rechte  lue  von  yne  dann  von  andern,  au  den  sie  diese  ding  rit 
inkennen.  Got  segen  micli .  wer  sint  sie,  wann  koniment  gie,  wie 
torrcnt  sie  disz  gedencken,  daa  wir  innsaen  tliun,  und  vcremphen 
ander  ladt;?  AlsuB  det  der  phariseus,  der  sich  erhaj)  über  den 
&  publicanus,  und  er  hleip  ungerecht,  wann  yne  duchte,  er  were  etwas, 
und  der  nrme  piiblicanus,  der  Non  Hum  fipiäcb,  der  sieb  nit  enduchte 
und  syn  äugen  nyeder  alng  und  sprach:  „berre,  erbarme  dich  niyner, 
wann  ich  bin  nit,  ich  bin  eyn  sunder,  oiynner  dann  nit,"  —  dieser 
gieug  gerecht  in  gyn  husz.     Disz  sprach  der  cdele  munt  gottes  selber: 

10  „int;ulicb  sehe  vor  sieh  und  erhebe  sich  über  nyeraant,  er  sy,  wer 
er  sy." 

Diese  selig  sunderynae,  die  in  des  mannes  husz  ging,  sie  det 
dru  ding  wirklich  in  der  nbung:  sie  wiederkcrte  zti,  ab  sie  abe 
gekert  was;  also  als  sie  ir  äugen  zu  der  werude  gekeret  hatte,  also 

iö  her  wieder  umb  begosz  sie  die  fnsze  Cristi  mit  heyszen  trehen,  und 
inyt  yrme  hare  truckete  sie  yme  syne  fuszc  in  besserunge,  das  sie 
der  wernde  da  mit  gebrucbet  hatte,  yreu  lycham  mit  der  venigen, 
ir  gut  mit  der  salben.  Dws  ander,  das  sie  det:  sie  liesz  sich  an 
Gristum    zuhant    alzumale;    das   dritte:   ir   hertze    was    vid    leydea. 

2u  Kynder,  uff  alle  die  gelaszenheit,  die  nit  us/.  geubet  enist.  engebe 
ich  nit  eyn  boue,  sie  werde  erfulget  mit  den  wercken  und  in  der 
wnriieit  usser  der  schalckhafiligen  nature,  die  me  dann  dusent  lyste 
und   winckel  hat,  da  sie  sich  .vnne  eutheldet.     Es  enwerde  usz  ge- 


I  aa  deu  —  3  inkeniien  fehlt  g-      2  inkenten  h  'r      Qot  s.  mich]  gotEsane  b ' 
gnUeue  r  sie  meyiiten  gut  sya  (!)  g-  3   thuo  —  4  lüde]  sjn  wir  lauge  hie 

gi;we«t.  Ach  wereo  sio  reclit  wol  gewest,  sie  enwereu  nit  alsua  herlicli  imd  sie 
miyüranitilieten  iiyeiniuil  daiinu  siob  selber  in  der  warheit  mit  hejtzeu  uod  mit 
muude  g''  4   AUua  det]   uuu  thun  Hie  als  g^  S   public]  offen  sunder  g- 

vue]  eme  i'i-  6  public]  Blinder  g'  9  gerech tverdiget  r  Der  ed.  mnnt 
ilur  wuheic  Criatua  sprach  selber  g''  13  wiricl.  —  ubimg  fthlt  g'  lö  luul 
jthli  g-T  die  f.  CriBti]  a.v  b'  die  T  16  in  beaaer.  fihU  g-  19  zulituit 
iil  fehU  g-T  20  K.vnder  J'ehtt  g'  alle  [tÜe]  rT  21  erfüllet  tf=  21  f.  |und  i. 
d.  wart),  iisaer]  wana  die  »challmfrijge  nature  bat  nie  g'  23  eutheldet  und  ver- 
birget  </'      23f.  aie  enw.  yn  uni"  !f.  von  düf^endeu  g'      ntgeToret  r  usagewerteelt  T 

4  a.  Luh.  ]S,]0_ff-:         9  f.  Vgl.  Lak.  16,14 :  1  Kur.  10,1^.  16  ff.  iwA.  7,3«. 

17 f.  Empaasfndts  Vtrbum,  etira  ,buten'  (büecenl,  ist  aw  dfm  vnrhfgelitnden 
«u  trgäaetH.  Vgl.  dit  Paraphrate  dt*  Surmg  (l.  c  103):  eorpH»  «uum  prins 
liixui  addielutn  crebru  aäculü  .  .  .  alünqitt  afßielinnihtiit  dffm-tt,  faeullatufiiat 
auaa  «n^iwiiff  infitsiont  ohtulü.  venige  hcMithl  sich  auf  diu  NiedcrfalUn 
{.'il2,3):  vgl.  Vita  W,i4.  20  ß".    Vgl.  Dcnißt,  Da»  gti»ll  Lthtn  4S6ß.  und 

die  4.  Predigt.  22  Bebiilokbiiin.  nature,  fgt.  ViU,  iej.8  laiji  seliallt). 

11.  scu...  Di^iiudH' s-ihiifi....  m 


J 


514  D.  Predig 

wircket,  so  were  mir  recht  dar  umb,  als  das  mir  eyn  dnfel  ersdiieiie 
in  engelischer  waet.  Uff  der  lade  wort  ist  recht  zu  bawen,  ab  abe 
eyu  halme  eyn  brücke  were  aber  den  groszen  Rjne  and  eyner  dar 
über  wente  gan,  —  also  sicher  ist  man  diesses  wesens  und  dies^ 
gelaszenheit.     Disz  synt  gestififte  gelaszenheit.  B 

So  komment  sie  dann  and  sprechent:  „eya,  herrOy  sage  ans 
von  der  nehisten  warheyt!^  Waffen,  dem  werte  byn  ich  so  rechte 
anholt!  Pylatus  fragete  anszem  hem  Jesum  Cristam,  wellich  die 
warheyt  were,  and  Cristns  sweyg.  Als  wenig  mag  man  gesagen, 
was  die  warheyt  sy,  als  was  got  sy.  6ot  ist  die  warheit  und  10 
luterkeyt  and  eynfeldigkeit,  das  ist  eyn  and  eyn  wesen.  Diese  Inde, 
wann  man  sie  an  kommet  mit  werten  ader  mit  wercken,  allznliant 
so  wischent  sie  her  vor  vil  balde  mit  widerbissen  and  ist  jn  so  an- 
wert,  das  man  disz  gethan  hait,  and  clagent.  Und  dann  wirt  man 
wol  geware,  wo  die  gelaszenheit  was  an  werten  and  an  wercken;  16 
ir  grant  der  läget  da  her  asz. 

Kynder,  enbetrieget  ach  selber  nit!  Isz  enschadet  mir  nit, 
betriegent  ir  mich,  entrawen,  ir  syt  die,  die  betrogen  blyben;  der 
schade  blybet  ach,  and  myr  nit.  Ich  zwyfel  nit  dar  an  eyn  bare, 
isz  ensy  manig  dasent  mensche,  die  sich  vil  heilig  nnd  vil  sanderlich  90 

2  waetj  fonnen  6'  wyse  r  8  groszen  fehlt  g^  4  rechte  also  g* 
5  Di8z — gelaez. /eÄ/^  ^*  6  dann/eWt&V  und  Sprech. /eÄif  h^T  8  grame 
und  unholt  g-  wellich]  was  g^         10  als  —  sy  fehlt  T        13  so  fehlt  g*T 

wiszent  g-  vil  —  widerbissen]    mit    also   vil    bösen  worten  und    zoment, 

wyszet  das  gut  und  böse,  das  riebe  das  armut  das  gluck  die  ere  die  schände  die 
frunde  die  mage  und  urteylent  recht  den  menschen  in  dem  gründe  der  hellen  g^ 
14  das  —  hait]  haint  sie  mir  das  gethan  &V  clagent  und  sagent  und  liegent  g^ 
16  und  fehlt  h^g-  16  luchtet  6*^*  nach  her  usz  Zusatz:  so  sprechen  sie, 
liesze  man  sie  in  frieden  und  holte  sie  nit  alsus  boszlich  über,  so  enweren  sie 
nit  yn  alsus  gemercklich  entgangen.  Ach,  disz  ist  alles  eyn  falsche  hose  be- 
ment^ln,  der  grünt  die  wort  die  wercke  das  leben  ist  falsche  g-  18  betriegent 
—  blyben]  ir  wenet  mich  und  die  lüde  betriegen,  ach,  ir  betrieget  uch  selber 
und  ir  blybet  betrogen  ummer  me  g* 

1  f.   Vgl,  II  Kor,  11,14.  3  den  groszen  Eyne  (vgl.  unten  517,8)  weist 

wohl  auf  Köln  als  Ort  der  Predigt  hin.  5  gestiffte  gelaszenheit,  vgL  Gr 

BJb  449,27:  gestifte  schone.     Surius  I.e.  184:  resignatio  ficta  ac  fucaia, 

6  ff.   Vgl.  Vita  97,10  ff.  8  f.  Joh,  18,38.  9  f.    Vgl.  Kl  Bfh  387,13  f. 

10  f.  In  Gott  fallen  Wesen  und  Eigenschaften  gusammen:  vgl.  Thomas,  S.  Th, 
lq.l3;  Bdw  331,1  ff.  12  Sinn:  wenn  man  etwas,  das  ihnen  unangenehm 

ist,  sagt  oder  tut.  13  her  vor  wischen  =  rasch  auffahren.    Surius  L  c.  184 : 

repente  jirosiliunt^  erumpunt  et  velut  canes  oblatrant  ac  remordent. 

17    Vgl.  Kl  Bfh  369,29 f 


bewyBen  und  yu  geiBtUohem  leben  sind  gewest  alle  ir  tage  und  ir 
heubt  vil  eere  njeder  geelahen,  nnd  eollen  also  sterben,  daB  yn  wäre 
gelassenfaeyt  nie  iu  geblickde  eynen  augenblick.  Eynen  verstendigen 
menselien  mag  isit  jamern  nnd  mag  laz  auch  von  wonder  lachen 
5  nnd  Bpotlen,  dag  die  lüde  also  gar  sieb  Belber  betriegent.  Wisze  in 
der  waiheit,  also  lange  du  nach  eynen  treppen  blades  unverzeret 
hast  in  dyme  fleyscUe  und  eynen  traben  marckes  in  dynen  beynen, 
do  enbabest  iez  verzeret  nmb  rechte  gelaszenheit,  80  ennym  dich 
nammer    mer   an,    das  da  syest  eyn  gelaszen  mensche,  nnd  wysze: 

10  alle  die  wyle,  das  dir  das  aller  leste  punt  rechter  gelsssenheit  ge- 
brichet  an  eyme  waren  erfulgen,  die  wyle  muBz  dir  got  ewiglichen 
entblieben,  die  nehisle  und  die  hoeste  selikeit  zu  befynden  in  zyt 
und  in  ewigkeyt. 

Kinder,  das  weyssenkom  musz  von  noit  sterben,  sal  isz  frncbt 

15  brengen,  sunder  stirbet  isz,  so  brenget  isz  vil  und  grosze  fruchte. 
Kinder,  isz  muaz  eyn  sterben  und  eyo  verwerden  und  eyn  vernichten 
hie  gescheen,  isz  muBZ  syn  Non  sum.  Werlich  by  gode,  der  die 
warheit  igt,  isz  engeet  nit  mit  wünschen  noch  mit  begerden  noch 
mit  bidden  zu,  myn  kynd,  Isz  musz  erfulget  werden,  isz  musz  en- 

30  trnwen  kosten;  das  nit  enkostet,  das  engildet  auch  nit.  Mochte  man 
isz  mit  hegerungen  und  mit  beden  und  myt  wunecheu  erkriegen 
Sander  kost  und  sunder  arbeyt,  das  isz  nit  we  endede  noch  nit 
snwer  enworde,  so  were  isz  eyn  harte  cleyne  ding;  entruwen,  kynt, 
des  enmag  nit  syn.     Sant  Aitgustinns  sprichet:  got  hat  dich  ge- 

25  macht  sunder  dich,  er  machet  dich  nummer  gerecht  sunder  dich. 
Dn  entdarffs  des  nit  wenen  nach  gedencken,  das  dich  got  von  zeictiene 

2  Blähen  g'T  nach  [gc]Biahen  Zusatt:  wes  sie  (die  enberen  durch  got 
imd  verzieg'eu  baben  und  wol  liesitzen  mögen ,  do  sageot  sie  groBEe  mere  tob, 
und  »a«  sie  du  \jAea  maseen  nnd  nie  gelasgen  «ie  eynt  g''  und]  seh  sie  g' 

3  nie  in  gebt,]  numiner  enblibet  g'  10  leate]  beste  b'g"  minneBte  r  14  blost 
körn  3*  15  iai  (tmU«)]  dos  hoffertige  boae  gemute  iu  nch  g'  17  Wcriich 
—  18  ist]  Torwar  T  18  nuch  mit  heg.  —  19  za  fehlt  g'  19  myn]  nein  6'T 
25  nier  er  g'  euer  er  6'  gerecht)  aelich  b'  wiedder  g'r  nach  dich  Zxttalt: 
dar  iimb  pruffe  dichji'      26  von  zeichene]  ran  zeigene  V  van  tckeneu  rzehenen  g* 

U  f.  Joh.  12,U4f.  20  Dasselbe  SpHchwort  bei  Tanler,  vgl.  K.  Sehmidt, 
Taulv  1841,  86  (Fvankf.  Autg.  111,131).    Vgl.  auch  Or  Bfb  431,23. 

24  f.  Stniio  169  e.  11  n.  13:  eise  pottnl  jaititin  Dei  »int  voluntale  tua,  seil 
in  le  esse  «oti  potest  praeter  oolwiaatefn  tuam  .  , .  Qui  ergn  fteit  te  sine  le,  non 
tt  juslißcat  »ine  te.     Vgl.  lieniße,  Luthtr  I',  610,  &80.  26  von  zeichene  = 

durch  Wunderlun.   Stiriiu  l.  c.  186:  Deum  no»  miraculo  quodam  ad  tubUmiora 


..^^ 


516  n.  Predigt 

• 

machen  wolle,  als  ob  ans  got  na  liesz  eyne  schone  rose  uff  geen. 
Das  vermochte  er  gar  wol,  mer  er  endut  isz  nit,  mer  er  wil,  das 
isz  mit  ordenunge  geschee  zu  may  darch  ryffe,  durch  taw  nnd  dnreh 
maniche  wyse  und  wedder^   das  dartzu  geordent  und    gefaget  ist 

Ach,  kynder,  das  ist  werlich  eyn  bermeclich  und  ein  clegelieli  5 
ding  yn  der  warheit,  das  eyn  geistlieh  mensche  lebet  drissig  ader 
viertzig  jare  und  get  alsus  vriesen  und  clagen,  und  hat  eyn  zamal 
ydel  leben  und  enweysz  nach  hude  disz  tages  nit,  wie  er  dran  sy. 
Er  mochte  sich  gerne  eynes  jares  getrosten  und  sterben  und  ver- 
werden  und  snyden  das  garn  ent^wey,  ach  und  ach,  als  der  dot  10 
kommet,  und  er  syne  langen  jare  versumet  und  verlorn  nnd  ver- 
qwetzet  hat:  wellich  eyn  we,  wellich  eyn  unwiedderbrengelicher 
schaden  dar  geschiht,  das  ewige  hinderbliben  und  ewig  enberen! 
Ach,   das  ist  merer  ja  mer,  dann  man  in  der  zyt  gesp  reeben  mag! 

Eyn  geistlich  und  eyn  geordent  mensche  das  solde  also  leben  15 
yn  flysz  und  in  stedem  ernst,  fürt  zu  gan  und  me  gudes  zu  erkriegen, 
das  nummer  dag  enwere,  er  enfuude  sich  also  ferre  farte  gegangen, 
das  er  kume  wieder  in  das  aide  gesehen  konde.  Das  ist  jamer, 
das  wcrntlicbe  lüde  flyssiger  synt  umb  also  snode  doitliche  dii)ge, 
dann  die  gottes  usze^welten  umb  das  luter  gut,   das  got    heyszet  20 


1  uns  fehlt  T  under  uns  uff  g.  g-  2  gar]  harte  h^g^  3  zu  maj 
fehlt  g-  durch  Uw]  uud  snee  durch  hagel  durch  regen  g-  4  und  gefuget 
fehlt  g-  6  leuffet  b^g-  7  vriesen]  muimurerende  r  vriesen  und  fehlt  g- 
uud  hat  —  8  leben]  und  mochte  zu  male  wol  eyn  edel  leben  haben,  wolde  er 
selber  g-  10  garn]  alles  g-  entzwey  und  abo,  das  yn  doch  ayner  ewigren 
eren  hyndert  uud  beraubet  g-  und  ach]  lieben  kynder  g-  11  er]  der  (eyn  r) 
mensche  g'r  11  f.  verqwetzet]  verquist  h^  venjuetert  r  verzert  'T  12  well. 
eyn   we  fehlt  g-T  well,    eyn   unwiedd.  —  13  enberen]    und   siebet  den  un- 

wiedderbrengflichen  schaden  und  das  ewiglich  unwiedder  brenge  und  sieliet  sich 
ewiger  eren  und  ewiger  freude  enberen  g-  15  kynder  eyn  geistl.  g-  mensche 
in  closter  in  clusen  g-  16  ernst  und  also  fürt  und  fürte  gaii  und  mo  und  me 
gudes  erkr.  g-  17  enfunde  sich]  solde  syn  g-  18  aide  leben  g-  Das  ist 
jamer]  und  auch  gedencken  und  Schemen  sich  g-  11)  f.  dinge  und  bokommert 
yn  stediger  sorgen,  ja  vil  me  dann  g-  20  gottes  uszervv.|  geistlichen  schyuent  ^- 
luter]  ewige  g-  höchste  T 

7  vriesen  =  vrescnen  {hd.  mischen)^   ausforschen,  nachfragen  (vgl.  den 
Anfang  der  l*redigt),  9   sich  getrosten  mit  Gcnet.  —  seine  Hoffnung  auf 

etwas  setzten.  10    Vgl,  Ps.  123^7.  11  f.  verijwetzeii  {vgl.  die  Varianten !) 

=  vergt'uden.  16  fürt  zu  gan  =  sich  selbst  zu  lasse/i. 


n.  Predigt.  517 

und  ist.     Eyn   geordent  geistlich  mensche  sohle  also  wyllenlos  syn, 
das  man  nummer  an  yme  gewar  enworde  dan  Non  sum. 

So  komment  vil  lüde  und  denckent  uff  maniche  wyse:  so 
wollcnt  sy  eyn  jare  wasser  und  brot  eszen,  ader  eynen  weg  lauffen, 
5  so  ist  isz  disz  ader  das.  Ich  sagen  dir  den  siechtesten  knrtzten 
weg:  gang  in  dynen  grünt  und  prüfe,  was  das  sy,  das  dich  aller 
meiste  hyndeit,  das  dich  enthelt,  dem  läge  und  den  steyn  wirff  in 
des  liynos  grünt;  anders  lauff  die  wernt  usz  und  thu  alle  ding^ 
isz  inhilffet  dir  nit.  Das  scharmesser  das  snydet  das  fleysch  von 
10  den  beyuen,  das  ist  sterben  syns  eygen  willen  und  begerden.  Viel 
lüde  dodent  die  nature  und  laszent  die  gebreche  leben ;  da  enwirt 
nummer  nicht  usz. 

Ach,  kynder,  keret  uch  yn  uch  selber  und  sehet,  wie  ferro 
und  wie  unglich  das  ir  syt  dem  mynneclichen  bylde   unsers  herrcn 

15  Jesu  Gristi,  des  laszeu  mer  und  gruntlieher  was  dan  alles  das  laszen 
zu  Samen  were,  das  alle  menschen  in  der  zyt  sieh  ye  gelieszen  ader 
ummer  mer  sollen.  Nu  diese  frauwe  liesz  sich  Cristo  alieyne,  das 
sol  man  also  versten:  wann  man  sich  durch  got  leszet,  das  ist  alles 
got  gelan.     Vil  lüde  laszen  sich  got  wol  und  enwollent  sich  nit  den 

20  luden  laszen,  das  sie  got  trucke  und  nit  die  lüde.  Neyn,  man  sol 
sich  laszen,   wie   isz  got  wil   gelaszeu  hau;   und  wer  dich  yn  dyn 


1  wyszelosz  g^  2  an  yme  —  N.  8uni]  eygens  willens  noch  gut  dunckeii- 
heit  vor  eymc  andern  geware  worde,  das  alles  usz  hoflfertigkeyt  komet,  und  disz 
kydc  wippein  clagen  sagen  liegen  triegen  kriegen,  das  man  des  nummer  geware 
wurde.  Ach  leyder,  nu  sint  der  dye  geistlichen  sehynent  also  vil,  das  sie  gottes 
und  ewiger  ercii  vergeszen  g^  3  vil  lüde]  sie  g-  4  ader  —  lauffen]  oder 
cyu  ander  stat  süechen  T  so  keyn  fleysch  eszen  ader  keynen  wyn  txincken  ^- 
5  so  ist  isz]  ader  ^-  dir]  uch  g-T  6  und  ßhU  WT  7  das  dich  enthclt] 
:»<lor  krodet  in  dirre  zyt,  das  dich  alsus  jemerlich  heraubet  eyns  sunderlichen 
seligen  lebens  in  dirre  zyt  und  hernach  des  ewigen  lebens  g-  7  f.  dem  läge 
mit  liysze  und  wirff  den  steyn  ferre  von  dir  in  des  meres  grünt  g^  9  scharrys  W 
scharsas  g-  scharraes  r  10  das  ist  —  begerden]  dem  stirp  h^g'W  12  nicht] 
»Tc  />'  etwas  göts  T  17  gelaszen  sollen^**  18 f.  [alles]  got  allein  g"*-  19  lieszen  6'^- 
20  da«  —  lüde]  und  lydent  wol,  das  sie  got  trucke,  und  enwellcnt  nit,  das  sie 
die  lüde  trucken  g^      truckde  h^T      Neyn  fthli  g-       21  f.  sich  yn  syn  nicht  //-' 

1  wyllenlos,  vgl.  Eckhart  69 1,1  i:  in  disem  nnergrunillchen  liehie  des  ge- 
loubcn  machet  uns  der  geloube  von  vil  irizsen  toizzenlos  unde  von  vil  fcillen  Wille- 
Ins  unde  von  vil  bilden  bildelos.  4  eynen  weg  lauifen  wohl  =  eine  Wall- 

fahrt machen  (vgl.  Z.  8).  7  lagen  mit  Dat.  =  nachstellen,  sein  Äugenmerk 

auf  etwas  nchten  (Lex.  1,1814;  Schilltr-Lübben,  Mnd.  Wtbch.  11,61:2). 
17  Maria  Magdalena  (vgl  513,1  ff.). 


518  in.  Predigt. 

nicht  wil  wysen,  den  entpbang  mit  groszer  danckbarkeit  und  fliit 
mynnen,  das  du  in  der  warheyt  werdest  gemant,  das  du  bial: 
Non  Burn. 

Das  wir  nn  alle  in  diese  verniebtikeit  komen,  das  wir  yn  das 
gotliche  ieht  da  mit  versincken;  des  hel£fe  ans  got  allen.    Amen.      I 


m.  Predigt. 
BxItI  a  patre  et  yeni  in  mnndnm,  Iternm  relinqao  mmidii«. 

Unser  lieblichster  herr  Jesus  Christus  sprach:  ^ich  byn 
ausz  gangen  von  dem  vatter  und  kommen  in  die  weit,  wider  umb 
verlasz  ich  die  weit  und  gee  zu  dem  vatter. '^  Und  S.  Paulas  10 
spricht:  ^Christus  ist  uff  erstanden  von  den  todten  durch  die  gloiy 
des  vatterS;  uff  das  wyr  wanderen  sollen  in  der  neuwigkeit  des 
lebens.  Dan  ist  es  sach,  das  wyr  Christo  in  seynem  todt  gelelch 
werden,    so    sftllen    wyr   auch    seyner   ufferstentnisz   gleich    sejn.^ 

E  inder ,  disz  ist  die  lauterste  y  wareste  und  bloszte  leer ,  die  15 
man  haben  mag,  es  ist  der  rechste^  der  kfirtzte,  sicherste  und 
schlechste  weg,  man  keer  es,  wie  man  wftll.  All  glosen  ab!  Disen 
weg  müsz  man  geen,  den  der  lieber  herr  selb  gangen  hat,  willen 
wyr  kommen,  dar  er  ist,  willen  wyr  im  volkomlich  vereinigt  werden. 
Er  kam  ausz  dem  v&tterlichen  hertzen,  usz  des  vatters  schois,    und  20 


2  das  —  gemant]  und  lobe  got  darumb  siiuderlich,  das  dich  yemant  in 
dyn  nicht  wil  wysen  und  dich  ermanet  g-  gemant]  genant  b^T  4  ver- 

nichtigunge  komen  also  gewerliche  g-  das  —  6  versincken  fehlt  r  5  helffe] 
gunne  r  got]  der  vatter  under  sone  und  der  heiige  geiste  g-  allen]  alsameu  b\ 
fehU  gW 

III.  Fredigt  nach  T  =  Tauler  lö43f.85rb  __  ^«,.  8ie  berührt  sich 
inhaltlich  mit  der  Predigt  Ego  vox  clamantis  von  Tauler  f,23^  —  2&^  (J^rtMnkf, 
Ausg.  1^84  ff.), 

6  Überschrift  (vom  Herausgeber):  Vflf  das  hochzeit  Ostern  die  erste  predig: 
wie  wyr  mit  Christo  sollen  sterben  und  in  uns  todten  alle  sinligkeit,  begerligkeit, 
natürliche  kreiftenn  und  bildungen,  und  in  Christo  vfferstehen  und  überbiltet 
werden.    Euangelium:   Jesus  ist  viferstanden  vom  todt.  Marci  XVI  T 

5  icht  =  Wesen,  vgl  Vita  187, 16 f.  7  Joh,  10,28.  8  lieblichster 

=  minneklichster.  10  ff.  Hörn,  6,4  f.  16  f.   Vgl.  IL  Predigt  610,23; 

511,1  f. '  517,6.  20  Vgl  GrBfb473,3f. 


m.  Preaifi*.' ' 

kam  in  die  weit  und  leyt  über  alle  masz  in  der  weit  alle  seyne 
tag,  und  gewann  nye  gemach  noch  luet  und  wart  verderbt,  getodt 
und  begraben.  Dar  nach  erstund!  er  in  gantzer,  warer  nnleydligkeit, 
in  klarbeit  und  untodligkeit,  und  voer  wider  in  das  T&tterlich  hcrtz 
ü  in  gantzer,  narer,  gleicher  Seligkeit. 

So  welcher  mensch  disen  weg  noch  geen  wölte  und  erstorben 
und  verdorben  were  an  im  selber  in  Christo,  der  mächt  und  müst 
on  allen  zweivel  auch  mit  im  uff  ersteen.  Werdestu  mit  im  begraben, 
so   Rteestu   sicherlich    mit   im  äff,   wie  S.  Paulus  epricht:  „ir  seyt 

10  todt  und  euwer  leben  ist  verborgen  mit  Christo  in  got."  In  der 
warheit,  dieser  mensch  würt  etlicher  massen  unleidlich,  nntodlich, 
und  fyrt  mit  im  zn  hymel,  in  gantzer,  warer  vereynung  mit  dem 
snn,  in  den  vatter,  ia  das  vätterlich  hertz,  in  gantzer,  warer,  gleicher, 
eynbarlicher  Seligkeit,  in   g«ntzer  besitzungen.     Was  got  hat    von 

lönaturen,  das  hastn  von  gnaden.  Disz  mnsz  aber  erfolgt  werden. 
Diser  mensch,  der  disen  weg  geet,  ist  über  ander  gemeyo  leut 
erhaben,  wie  ein  edel  mensch  über  eyn  beest.  Der  nun  mit  Christo 
nit  will  verwerden,  wie  sol  er  mit  im  gewerden?  Der  nit  wil  sterben, 
wie  sol  der  uff  erstehen?    Sant  Paulus  spricht r  „syt  ir  mit  Christo 

20  äff  erstanden,  so  smcckt  die  dyngen,  die  hier  oben  seind,  uit  die  uff 
der  erden  seind."  Men  fynd  lent,  als  sie  von  grossen  dyngen  hören 
sagen,  80  weren  sie  es  gern,  und  heben  schön  an  und  wollen  dem 
geist  und  got  leben,  und  nls  es  in  zuhants  nit  woü  zu  banden  geet, 
so   lassen    sie   sich    bald    nider   in   die   iiatur.     Die  seind   recht  als 

25  die  scböler:  sie  weren  alle  gern  grosse  pt'affen,  und  etzliche  leeren 
kaum  krunck  latein  und  bÖs  grammaticam.  Die  andere  volherdeu 
und  werden  grosse  meister.  Also  seind  etzliche  liebe  menschen, 
den  geet  es  also  wol  zu  banden  und  seind  gar  steet  und  fleisig, 
aber  usz  den  anderen  will  nit  werden. 

30  Wer   nun    will   zu  hoher  volkommenheit  kommen,   der  mAsü 


9f.  Kol.3,3.  11    Vgl.  Vita  163,2ff.  14f.  Efieiwo  Sdtw  2^,l4f..- 

vgl.  Bäiv  344,13ff.  Anm.  Der  Attsdniek  itt  übrigeu»  dtn  Myglikem  gel/lußg, 
vgl.  §.  B.  den  Traktat  von  der  ..wirkenden  Vernunft"-,  hmg.  von  Prtger  in  den 
SitBungsbtriehtBn  der  Münchener  Äkademit  1671,  165  und  dit  Belege  ait»  Tauier 
hei  Dttiijle,   Bega   XXXVIJf.;  der»..  Das  geistl.  Leben  Ö23ff.  IB  Disz  — 

erfolgt  werden,  vgl.  II.  Predigt  513,31;  516,19.  16  f.  Vgl.  Bdw  3S0,!/ß'. 

17  beest  5=  vihe.  19  verwerden,  vgl.  IL  Predigt  615,16;  516,9 f. 

19  ff.  KqI.  3,1)-.  21  ff.    Vgl.  Vita  98,2 f.  mid  Ka/i.  47.     Zu   geigt  vgl. 

Vita  83,liff.  28  Vgl.  Gr  B/b  415,13 f.  25  leeren  =  lernen. 

2fl  Vgl  II.  Predigt  g09:16f.;  617,11. 


520  in.  r»redif?t 

auch  über  grosse  (lynge  kommen.  Er  niflsz  über  IX  dyng  kommen, 
der  wir  nur  IV  die  minderste  und  niderste  hie  ansz  lagen.  Er 
inAsz  zum  ersten  kommen  über  die  sinn  und  sinligkeit  and  flUe 
sienlich  dyng  übertreden;  das  ander:  du  mflsz  kommen  über  deyn 
leibliche  und  natürliche  kreiTten;  zum  dritten:  über  alle  heg^erong;  5 
zum  vierten:  über  alle  bilt  und  bildunge. 

Zum  ersten  sagen  wyr  über  alle  sinn,  liier  meinen  wyr  nit 
die  leut,  die  nach  sinlicher  genüecht  leben  willig  in  todt8nndeD, 
sonder  die  mit  Christo  willen  uflF  ersteen  und  zu  hjinel  varen.  Man 
fyndet  leut,  die  von  grossen  dyngen  künden  sagen,  und  wissen  doch  10 
nit,  dan  von  hören  sagen  oder  von  lesen,  das  alles  mit  den  sinnen 
in  gedragen  ist.  Man  fyndt  ridder  von  dreüwen  und  leüt  von  Worten. 
Des  sinnlichen  florirens  und  auszbrechens  müstu  sterben  und  über* 
geen,  solt  du  volkomen  werden. 

Eyn  mensch  begerte  seer  von  got  zu  wissen,  was  gots  liebste  15 
will  were.  Do  erscheyn  im  unser  herr  und  sprach:  „du  solt  deyn 
sinn  twyngen  und  deyn  zung  bynden  und  dein  hertz  überwinden 
und  alle  widerwertigkeit  frölich  durch  mich  leiden,  das  ist  meyn 
liebster  will."  Keer  dich  von  sinnlichen  bilden  in  deyn  inwendig 
bilde,  dar  ist:  Signatum  est  super  nos  lumen  vultns  tni,  20 
domine,  her,  du  hast  das  liecht  deynes  antlitz  über  uns  gezeichnet. 

Etlich  menschen  haben  gar  vil  sinlichs  gewerbs  in  guter 
njcinung  und  gewinnen  kaum  ymmer  rast.  Was  sollen  sie  thfmV 
Als  sie  doch  eyn  stund  müssig  werden,  so  sollen  sie  sich  so  tieff 
in  got  sencken  und  also  vill,  das  sy  in  eyner  stund  XL  jar  zytz  25 
durch  die  sinn  verloren  geweldich  her  wider  rucken,  und  thftn  dan 
dester  mee  zu  froraen.  Nit  als  etliche,  die  nit  enköunen  mit  gott 
(ian  in  sinnlichen  bilden  oder  mit  gelerten  oder  gelesen  oder  gedicliten 
Worten,  sonder  sie  sollen  usz  dem  grund,  usz  dem  innersten,  usz 
dem  gc ist  gots  geist  süechen,  geist  mit  gcist,  liertz  zu  hertz,  als  der  30 
lieber  herr  sprach:  „got  ist  eyn  geist,  und  die  waren  anbetter  an- 
hetten  in  in  dem  geist  und  in  der  warheit."  Got  versteet  hortzen 
sprach  und  seelen  meinung,   eyn  gruntlich,  innerlich  und  wesenlieh 


19  licster  T        21  antlatz  T 


11   lesen.     Kin  Ikispict  ist  Ehhdh  Stüfjcl,  vffL  Viln  ir/\Wff.:  *Jt)ylojf\ 
13  tloriren,  rgl.  Vita  Kap.  4},  15  f.  »rots  liei»ste  will,  r<//.  Kl  htb  Hh7,ltiJ\; 

IL  Pnffi(/t  510,^.  IG  ff.    V(jl.KlBfb37^J!^jr.  20  f.  iV.  4,7. 

•23    V(jl.  (ir  Bjh  414,lfi.        26  verloren  ist  Partir.  Praet.         31  f.  Jo?i,  4^4, 
32  f.    \\f/l  Dtnifle,  Das  r/fistl  Lehen  4fifif. 


luisitrccheii,  Marien  sinn  nmi  iiv  tf^fnwortigkoit  iiettot  lieiliger  und 
tielTei'  in  den  oren  Christi,  dan  alles,  das  Martha  gesageu  oder  ge- 
klagen  inoclit. 

Zum  anderen  mal  soll  man  Überknnimeii  alle  natiirlicfac 
5  kreft,  inwendig  und  uszwemli^.  So  wHcli  nienecb  hie  mit  ordentlich 
künde  gewircken,  das  er  disz  Wgritle  und  doch  bei  seinen  krefftcn 
nnd  natnriicher  etärckheit  blih,  das  wer  eyn  wunder,  der  engeeach 
ich  nye  keinen;  der  das  ist,  der  trcdt  her  für  und  lasz  sich  sehen! 
SanctiiR  Hernardus  enhat  des  nit,  wan  er  beklagte,  das  er  aeyneu 

10  leicham  —  den  kiiecht  gottes  —  verderbt  hat;  auch  S.Oregoriiis, 
der  cyn  liecht  was  der  Christenheit.  Dar  unib,  niemant  betriege 
sich  selber  und  lasz  sich  duncken,  das  er  das  sey  oder  hab,  das 
im  ferr  und  frembdt  ist,  want  es  m!is7,  kosten!  Da»  nit  enkost, 
das   engilt  auch    nit;   der   lieb   wdl    haben,   der   mftsz   liebe  lassen. 

15  Eyn  junger  fracht  seynen  meigter:  „liebe  meister,  wir  essen  und 
drincken,  und  es  enseheynt  uns  nit."  Da  sprach  der  meister:  „liebe 
sun,  das  ist  kein  wunder,  wir  vertzereut  alles  mit  inwendigen  Übungen 
08  geet  alles  eynen  anderen  weg."  Alle  uazwendige  kralTt  ist  her 
zll  zfi  kleine,  disz  zQ  gewinnen,  dan  got  mach  wol  eyn  ncuwe  kruft 

•20  geben.  Als  das  weyssenkorn  stirbt,  so  bringet  es  neuwe  körn  und 
vil  fruchc,  cntrauwen,  stirbt  es  nit,  so  blibt  es  altein,  es  müsK  erst 
sterben  des  seynen, 

Eyn  ander   kraft  tatisr,  man  auch  übcrgan,  nnd  faeist  der  ge- 
mein siune.     Das  tint  eyn  mensch,  wan  er  noch  eusehet  noch  cn- 

2!}  h&rt  uszwendicb,  so  lint  er  aller  leye  biite  in  im,  so  ist  des  vill, 
das  in  im  ist,  und  keert  das  eyn  her,  das  ander  dar,  tift  snsz,  no 


1  ff.  Vi/I.  luk.  10.30. ■  Kl  Bfh  3t<8,tUf.        4  ff.  Vgl.  Biltc  HUfiff.:  347, 16 ff. 

6f.   \!ii.Bdu)S5fi,yff.;KlhJbXiö,löf.  8   Vyl.  Kl  ßft.  368.13/. 

d  Vita  1  S.  Sernardi  auclore  Guilitmo  l.  I c.  S  (Mü/nt  105,3611:  mm  eim- 
undilur  ( Brfnardua)  anque  hodit  hk  tJ^cusart,  '/und  »treitin  Dei  rl  fratfum 
ihtiulrn't  corjiUK  auum,  dum  ittdinerrUi  ftreore  inibicilte  illuil  reddid'rii  ae  penf 
'naIiU.    Vgl  Vacartdard,  Vir  de  S.Hernard  I  (JS95),  45  »s.  it.  SruSM  V'ila  UJÜ,J7f. 

10  Vgl.  Griff.  M..  Begiftr.  Ep.  X,3ö;  Mural.  XXX,1S n.63:  Joh.  TJiacimut, 
Viia  Gttij.  1.7.  13  f.  DanMt  Sprichteort  II.  Prtdigl  616,30.  14  der 

ill  haben  etc.,  vgl.  Or  Bfb  412,23t  minno  duruli  miime  lanflen,  und  Irnüatia 
Chrigli 1 1,7  n,  I;  np'iiUt  äüectum  jirn  dilertn  rtlinqurit.        17f.  Vpl.oben  ÖW,Wf. 

201.  ./•>/>.  13,34/.   Vgl.  II.  I'i-fdigt  616,14/-  23  f.  der  gemein  Honc  = 

iciufug  emnmimü,  Xoim*|  xal  ItXa.  aTo*T|oi;  bei  AHslotelM,  der  Siun  der  Stiutition. 
Vgl.  Thoma»,  S.  e,  Gtni.  11,74:  »mga»  communis  apprv/itHdü  ttnuiila  tiiHUium 
stnsuam  proprinnim;  .V,  Th.  I  q.  lÄn.  4:  }le  jmt.an.4:  I..  Sehüit,  Thiimagltxik"n 
'lSHr>,  741. 


lieb 


522  ni.  Predigt 

so,  und  ist  da  vil  gerumpels  in.  Disz  sol  man  altzflmal  keren  in 
eyn  einfeldicheyt,  in  das  lauter  gftt,  das  got  ist  Eyn  meister  «üdi 
eyn  grob  block  leygen  und  sprach:  „ach,  wie  ist  da  so  sehoneB 
wunnigiicb  bilt,  inweren  die  spene  aileyn  ab  gebanwen  nod  ge- 
scheit 1*^  Unser  here  sprach:  ^scheidestu  das  gftte  von  dem  bAsen,  s 
so  werdestu  recht  als  nieyn  munt.*^  Ach,  der  alles  ab  scheide  ond 
schelte  und  sunderte,  der  funde  got  bloisz  lauterlich  in  sich ! 

Die  dritte  kraft  ist  vernünftige  kraft.     Über  die  kraft  mfln 
der  mensch  komen.    Man  fint  leute,  die  haben  vil  vemanftichs  im- 
wirckens  und  floreren  mit  ire  vemunft,  recht  als  ob  sie  die  faymd  lo 
weiten  durchfaren,  und  steent  alles  uff  ire  blosse  natur  als  Aristoteles 
und  Plato,  die  wunder  verstonden  und  auch  gar  tugentlich  lebten, 
und  was  doch   nature.    Dysse  leute  müssen   mit  grossem  fleysz  ire 
natur  schweerlich  underducken  und  sich  fleyssich   (ttr    sich    selber 
hüten.     Man  fint  auch  ander  leute ,   die   seyn  gar  eynfeldicfa  und  15 
lassen  sich  eynfeltlich,  und  entfangen  auch  also  alle  dinck  nnd  geet 
in  inniglich  woll  zu  banden  als  eyn  wek  was,  da  eyn  bilt  des  segek 
lichtlich  in  gedruckt  wurt,  und  wurt  auch  halte  zu  samen  gedruckt 
und  vergeet  wider.    Aber  in  eynen  steyn  kömpt  das  bildt  mit  grosser 
arbeit  und  blybt  euch  hart  und  vast  dar  inn  und  vergeet   nit    balt  90 
Also  ist  euch  mit  disen  vernunftigen  leuten. 

Zum  dritten  mal  mfisz  man  kommen  überall  begerung  und 
über  die  begerliche  kraft.     Hie  in  meinen  wir  nit  die  leüt,  die  ver- 
gengliche  dyng  begeren  —  den  ist  disz  hundert  tausent  meylen  ferr 
und  frembt,  wann  sie  begeren  gfit,  eer  und  ander  zeitlich  dyng  — 25 
wir  meynen  etzliche  gfite  leüt,  die  vil  begerungen  haben  mit  eygen- 


4  beut  T        6  dem]  den  T        12  lebten]  liebenn  T        17  wek]  weg  T 

1  gerampel,  vgl.  Kl  Bfh  364^6:  gerünbel.  2  das  lauter  gut,  das  got 

ist  —  //.  Predigt  616,20/.  6  f.  Jerem.  15,19,  8  vernünftige  kraft  = 

virttts  rationalis,  die  dem  vernünftigen  SetUnteih  ungehörige  Kraft  (vgl,  Thomas, 
S,  Th.  1  q,  62  a.  8  ad  2;  Schütz  a,  a,  0.  856),  oder  =  virius  inielleetiva  (inteüec 
tualis,  intellegibilis) ,  die  Übersinnlich  erkennende  Kraft  (vgl.  Thomas,  S*  Th. 
Iq.  12  a,  2  c :  Schütz  a.  a.  ().  856),  12  f.  Vgl  die  Lehre  des  Thomas  von  Aquin, 
S.  Th.  2,2  q,  10  a.  4.  17  wek  was  =  weicJies  WacJin:  aegel  =  Siegel.    Diep.^ 

591:  icie  eine  ^yoge,  worin  ein  Bild  des  Schiffes  leicht  eingedrückt  wird.  Obige 
Lesart  ist  durch  den  Zusammenhang  gefordert  und  liegt  auch  der  Vhersetsung 
bei  Surius  (l,  c,  194)  zu  Grunde.  23   begerliche  kraft  =  concupiscibilis 

(sc,  vis  oder  potentia),  das  Vermögen  des  sinnlichen  Begehrens  oder  Strd)eHs, 
welches  mit  der  vis  irascibilis  zusammen  den  appetitus  sensitiviM  ausmacht. 
Vgl  Thomas,  S,  Th,  1  q,  81  a.2c;  Schütz  a.  a.  0.  150. 


Schaft  und  leben  wuDBChens  von  detit  morgeu  xu  der  uaoht:  „ai^b, 
wiilte  myr  got  dis  und  das  tbfln,  und  gebe  myr  diae  gnad  und  die 
Offenbarung/  oder:  „were  myr  als  dem,  wer  ich  sns,  wer  icb  so!" 
Neyo,  nit  also!  Man  boI  sich  got  alznmal  lasBcn  und  tretiwelicb 
6  in  alleyn  begeren  und  im  alle  dyng^n  f^entzlich  und  treüwlich  be- 
fellien  und  sprechen  mit  Christo:  „vatter,  nit  als  ich  will,  sonder 
wie  du  wilt,  fiat  voluutas  tua,"  nit  mit  dem  m  und,  sonder  ausz 
des  hertzen  grund,  usz  hertalicher  andacbt  und  innerlicher  meynnng. 
Ach,   daB  were  eyn    wünnigklich    dyng,   in   allem   leydeu,   in   aller 

10  gelassenbeit,  in  aller  weisen  sich  zu  gründe  kunnen  lasBen,  wie  der 
lieber  berr  sich  so  grundlöszlich  lieszl  Cr  was  allzumal  gelassen, 
mee  dan  sieb  eyniehe  creatur  ye  gelieez.  Er  rief:  „meyn  got,  raeyn 
got,  war  umb  bastu  mich  gelaeseuV'  Kr  lies  sich,  bisz  es  alles 
volbracbt   was,   und   sprach:    „Consnmmatum   est."     Recht   also 

15  sol  sich  der  mensch  got  zumal  lassen  in  allem  leyden,  in  allem 
untrost. 

Nit  meine,  das  dir  lyden  nit  wee  solte  thAn.  Thet  es  nit  wee, 
wa  mit  verdiente  man  dan?  Hette  unser  herr  Jesus  Christus  seyoeu 
fynger  in  eyn  feiiwr  gestecfaeo,  das  hette  im  wee  gethan.     Also  in 

2ü  all  deynem  leyden  und  begernngen  lasz  dich  got!  Der  yet  hegert, 
das  aussen  im  ist,  oder  den  yet  rerdreust,  das  in  im  ist,  der  ist 
noch  in  disem  nit,  der  hat  sich  nit  gelassen. 

Eynem  menschen  wart  eyns  offenbart,  wie  er  sich  lassen  solt. 
Er  solt  recht  thön,  als  ob  er  seesse  in  dem  tieffen  raeer  uff  seinem 

Sfi  mantel,  und  eyner  meylen  umb  solt  kein  lant  seyn  bey  noch  ua. 
Was  wolt  er  thün?  Er  mÖcht  noch  rtiffen  noch  swimmen  noch  waden, 
dann  er  mftst  sich  got  lassen.  Also  solt  sich  der  mensch  allzeit 
gott  lassen,  ob  er  in  der  warheyt  eyn  gelassen  mensch  wil  sein. 
NQn  sagen  ich,    man  sol  nit  begeren.     Nit  andere  solt  du  begeren, 

äo  dann  das  der  liebe  gott  dir  alle  mittel  ab  neme,  und  dich  sonder 


21  den)  der  T 

6tManh.Se,39.42.        llf.  Vgl.  Il.Prtdigläl7.15ff.        12S.  Maitk.S7,4Sc 
.loh.  19,30.    ygl.  Vila  ISJ.IO;  Bdew  273^.  17  f.    Vgl.  Bdtii-  249Ji2f. 

20  yet  ^  ilt.  2a  ejus  =  einest.  24  ff.  Für  die  ffoAi  ditttn  B«- 

»liiüs  war  wohl  von  Einfluas  die  Legende  der  Dominikantrhtiligtn  Byaemth 
von  Polen  (f  12ö7)  und  Uaimitnd  eun  Ptnnaforfe  (f  l^'TÖ),  wonach  diese  auf 
ihren  Mänteln  äb*r  Mtere  und  FliUtt  gefahren  wären  (Acta  Stincliirum  lli.  Aug. 
111,3111;  7.  Jan.  1,411  f.).  Weiierf  Belege  für  diesen  Legoideniug  bei  (fUniir, 
Legtndemtudien  1906. 16$ f.  :«  f.  Vgl.  Vita  Kap.  63. 


524  HI.  Predigt.. 

mittel  allzftmal   mit  im  vereyni^e.     In   dem  fallen  alle  Banden  ah 
und  kumpt  alle  gfit  und  alle  seligkeyt  in. 

Zfim  vierten  mal  mftst  du  kommen  über  alle  bifdnng.  Nftn 
meynen  wir  nit  die  leute,  die  mit  mAtwillen  eyniger  sterblicher 
creatur  bildt  in  sieb  nemen  oder  dragen;  sie  seyn  wie  sie  seyn,  5 
oder  sie  beissen  wie  mau  will,  die  geent  misten  mit  dem  vebe,  sie 
seyn  disen  zumal  ferr  und  frembt.  Man  fint  aueh  leut^  die  disz 
nit  betten  und  gut  leute  seyn,  doch  habeu  sie  vil  infel  und  inbildang. 
Derer  mAsz  der  mensch  entfallen  mit  dem,  das  er  alle  die  bildang 
trage  eynfeldig  in  gott  und  im  seyn  gebrech  erkenne  und  klage;  lo 
und  wilt  es  im  dan  nit  vergehen,  so  leydc  er  sich  gott  bie  in  und 
lasse  sieb. 

Auch  tint  man  leute,  die  haben  vil  fantasien  und  drome:  sie* 
sehen  so  schonen  dingk  und  zfikunftige  dinge  in  dem  slaff,  so 
sehen  sie  die  heyligen  oder  die  seelen.  Disz  Sprech  ich  nit  ab,  15 
wann  der  engel  erschien  Joseph  in  dem  slaff,  und  ich  Sprechens  auch 
nit  zu,  wann  solche  dingen  seyn  auch  von  naturen,  als  Beet  ins 
spricht:  der  mit  reynen  dingen  umb  gehet,  der  drommet  von  reynen 
dingen  ausz  der  natur,  der  mit  aifenheyt  umb  gehet,  der  dromet 
von  dorheyt.  20 

So  fint  man  auch  solche  leute,  die  haben  vill  vision  und  ofTen- 
l>arungen.  Ob  es  zehen  jar  gut  werc,  so  mach  sich  der  engel  desz 
falschen  Hechts  eyns  dar  under  mengen  und  dar  mit  driegen  und 
verleiden.    In  dissen  Offenbarungen  soll  all  deyn  thun  dar  auf  geben. 


8  nit]  nodt  T 

3  bildiin^'  =  Bilder.  Zur  KrkWunfj  vgl  Bdw:U'r>,2fiff.;  Kl  Bjb  S91,;2. 
Thetdogia  deutsch  (ed.  V/nffer  1861,14):  iran  aol  die  sele  dahin  ( zur  Oott/tchauuii4/ > 
komeUj  »0  w«.v  si  ganz  lüter^  ledig  und  hUws  sin  von  allen  bilden.  4  f.   Ge- 

meint tat  unerlaubte  weltliche  Liebe,  die  Seuse  auch  anderwärts  (Kl  Bfh  372,4 JT.: 
382,17 ff.)  scharf  tadelt.  7  f.  Diej).  ':^Ü3  folgt  der  Lesart  von  T:  die  ddvon 

Not  haben.     Vgl.  dagegen  richtig  Surius  l.  c.  196:  qui  bis  non  consentiunt. 

11    Vgl.  Vita  168,15 ff,  15  die  seelen  im  Fvgfeutr.  16.f.  Matth,  1^0: 

2,13. 19.  17  ff.  Bei  Boethius  nic/U  nachzuweisen,  dem  Sinne  nach  bei  Thonias, 

S.  Th.  2,2  q.  95  a.  6;  q.  154  a.  5.  21  ff.    Vgl.  Vita  183,3  ß'.  Seuses  niichtef't^eft 

Urteil  über  die  Visionen  und  Offenbarungen  deckt  sich  mit  dem  bei  David  von 
Augsburg,  De  compos.  111,2  n.6 ;  II f, 66— 67  (vgl.  dazu  Michael  a.  a.  0. 111,141  f,: 
149 fj:  Lamprecht  von  Begensburg ,  Tochter  Syon  2827 ff.:  Kckhart  240,21  ff'.: 
Bvgn  19,39 ff.:  165,25 ff.:  185,5,5 ff.  u,  ö.  Dies  ist  auch  die  Ansicht  der  Kirchr, 
vgl.  Benedictua  XIV,  De  sirvorutn  Dei  beatijicatione  et  beatorum  canoniz,^ 
Venedig  1764  l.  II L  c.  50 sqq.:  Schanz  im  Kirchenlex.  XJJ-,  1016:  D,  Schräm 
l.  c.  11,185  8qq.        22  f.  Vgl  II  Kor.  1  i,  14.        24  verleiden  =  verleiten,  irref {ihren. 


(las  dn  der  lieyli^or  oclirift  ge7.eiigniis»  in  allen  dingen  findest.  Lauö' 
an  das  heilige  eiiangeliam  und  an  die  lerer  der  heiiger  kirclien; 
Ündestu,  das  cb  da  mit  vertracht,  so  laBZ  es  gM  sein,  thCit  es  des  nit, 
so  tred  es  dar  neder,  also  lieb  dir  got  und  deine  ewige  sciycheyt 
r>  ist.     Volge  uoc.Ii  acht  es  nit,  schlacli  e«  von  dir! 

Disen  weg  soitu  aleuB  in  dir  Überkommen,  das  du  deyn  gemüt 
nit  setzes  nITeynige  weyse  oder  offeiibarunge  gotz  noch  der  heylige», 
dan  läge  dich  in  den  g6tliehen  wyllen  in  allen  dyngen,  in  haben, 
in  derben,  in  yot,  in  nit,  in  trost,  in  untrost,  nnch  dem  aller  lieh- 

lij  lichteten  esempel  ühiisti.  Den  lasz  dir  in  deynes  hertzen  und  Helen 
grünt  altzeyt  offenbar  seyn,  das  du  den  in  dieh  bildee  and  in  dir 
an  sehest  od  undei'laisz,  wie  hoger  volkomenhelt  seyn  leben,  seyn 
Wandel,  seyn  gemüd  was,  wie  gelassen,  wie  eynfeldicb,  wie  zuchticb, 
ötmüdich,  gediildieh  and  aller  lugenten  voll  das  er  was.     Dem  lasz 

l.'i  dich,  auch  neme  in  zö  dir  in  zft  eyueni  gesellen  iu  allen  dingen, 
Essestu  eynen  munt  vol,  denck.  deyne  geliebater  herr  sitzet  entgein 
dir  und  isset  eynen  mit  dir,  sitzstu,  er  sitzet  bey  dir  und  sehet  dieh 
an,  geestu,  nummer  ganck  allein,  lasz  in  deynen  gesellen  seyn, 
schlüfstu,  läge  dich  in  im,  und  also  in  allen  steden,  iu  allen  wyscn, 

-20  bei  allen  leuten.  leb  weisz  eynen  mensch ,  der  umb  volkomen 
gleycheyt  unsz  berren  nnd  seiner  wege  gynge  von  einem  wiuekel 
z&  dem  anderen,  als  der  umb  seyn  ablasz  geet,  überdenckente  die 
wercken  Christi.  -S.  Bernart  acbrybt  dem  anhebenden  meuseben, 
das  sie  einen  woU  geordenten  menschen  sich  Tur  augeo  sollen  setzen 

25  und  dencken  in  ire  thän  and  lassen:  „woltu  und  getärstu  disz  sprechen 
oder  ihfin,  wann  disz  der  göte  mensch  segeV"  Vil  eigenlicher  sol 
man  das  lieblieh  bilt  unsz  heiTen  in  sich  drucken,  das  doch  wärliob 
und  weselicb  unsz  in  und  naere  ist,  dan  wyr  uns  selben  seyn;  wann 


3  \aaz  ea]  luaer  T      1]  dir]  rticli  7'      22  iler]  die  T      23  utihekendcn  (!t  T 

lt.    Vgl.  Bdw  ä,Jfi,8ff.  9  ff.    Vffl.  Kl   Bfb  331,4  ff.  iSff.:   Gr  S/h 

475,3ff..-  476,13ff.  10  exerapel.     Im    Original  stand  jeätufall»  eiemplw 

(vgl.  Or  B/h476JS4).  U  ötmüdich  =  ntiiniietec,  demütig,  lanft. 

Ifjff.    V;il  Vita  3i,}lff.  u.   Gr  Bfb  415,20g.;  Taulm-  lM3f.2i'*. 
17  eynen  =  iena,  ieueu,  irgtnd,  jrvmls.  20  S.  Wohl  Seuse  tetb»!,  vgl. 

l'ila  Kap.  m,  bat.  34,19.  22  Wü  der,  weleher  um  äntn  Ablass  ivr/l,  ndtf 

357,37 ff.)  tu  gaoiimm,  etwa  in  einer  Kirche  von  Altnr  gu  Altar  geht.     Vgl. 
Sehmrller  I^lSOi.  23  wercken  riirisli  =  Leiden  Chrixti.  23  ff,   Vt/l. 

a-ich  Vita  ,W..i/l,-  G,- Bfh  il4:J-^ff.  27    VgL  Kl  B/b  3y3fi.  28  narr« 


526  ni.  Predigt 

in  im  ist  alle  trost,  alle  gät,  alle  freude,  plenam   gratiae  et 
Verität  ig,  alle  ^ade  und  warheyt  ist  in  im. 

Dyn  geistlich  mensch  so]  im  nummer  aagenblick  disz  lassen 
en^&n,  er  solte  der  stunden  eyn  vemanftich  wissen  und  inwendieb 
mircken  haben,  und  warden,  wye  im  zft  got  da  in  sie.  Das  wlten  s 
von  nAten  die  haben,  die  got  von  der  böser  falscher  weit  hat  erlöst 
und  nit  zft  sorgen  noch  zft  dencken  habent  f8r  haasz  noch  für  kioder, 
dan  allein,  wie  sie  got  behagen  und  im  allein  geleben  m Achten. 
Dis  ist  schwerlig  den  zft  raten  und  zft  thftn,  die  der  weit  sorge  zft 
dmgen  haben,  want  man  kum  geseyn  mag  in  der  müUen  anbestoboi  lO 
und  in  dem  feure  unverbrant.  Doch  solt  ir  wyssen,  das  ich  der 
lefite  funden  haben  in  allen  iren  bekummernissen  in  also  hohe  lanter- 
heyt  und  volkomenheit,  das  sich  geystliche  leiite  wol  schämen  mAgen. 

Das  liebliche  bilt  uns  heren  nempt  man  und  mag  es  nemeo 
in  biltlicher  weysen  und  auch  in  lebendiger  wysen.    In  biltlicher  16 
wysen  sol  mans  adelich,  götlich,  vernunftlich  nemen,  nit  creatarlich 
oder  sinlich,  wie  etliche  lefite,  als  sie  von  gott  sollen  dencken,   so 
dencken  sie  an  in  creaturlich  als  an  eynem  lieben  mensch ,   der  in 
vil  gftts  gethan  hat  und  ffir  sie  geleden  hat,  und  haben  zft  im  natar- 
licbe  barmhertzieheit  und  mitleyden.    Nein ,  nit  also !    Eyn  mensch  so 
sol  eyn  gAtlicbe  inbildunge  von  dem  lieplichen  menschen  Jesu  Christo 
leren  haben  als  von  dem  gotts  sune  und  von  got-meusch  und  mensch- 
got,   nit  creaturliche  inbildunge,   dann  götliche,  nbernaturliche  in- 
bildunge, also  das  er  das  aller  lieblichste  bilt  Christi  nummer  gedencke 
dan  als  von  got.     Alsns  gedacht  und  genomen  so  ist  man   nummer  35 
on  got.    Jet  gotz,  dar  ist  got  zftmal.    In  disser  wysen  mach  man 
nummer  das  aller  beste  versümen. 

Man  nempt  auch  bilden  in  lebenticher  wysen,  das  ist,  das  der 
mensch  nit  geraste,  er  werde  dem  bilde  gelich  in  gelichformigkeyt 
na  seiner  wysen,  als  im  mßglich  ist.    Im  sol  eyn  klein  dinck  dancken,  so 


1  f.  Joh.  1,14,  6   Vgl.  Surius  l  c.  199:  düigenter  explorabii^  ut  m 

Ulis  (horta)  suus  erga  Deum  animus  äfftet us  sit  et  constitutus.  11  ff.  Bei- 

apidt  dßfür  fühH  Tauler  auf,  Frankfurter  Ausg.  II,  326, 394.  Vgl  auch  Mönch 
von  Heilsbronn,  Sieben  Grade  1529  ff.  16  bilüich  als  Objekt  der  Beschanung^ 
lebendig  aU  Vorbild  zur  Nachfolge.  21  ff.  Surius  l.  c.  199:  divinam  quandam 
et  supernaturalem,  non  purae  cuiusdam  creaturae  imaginem  de  amabilisnmo 
homine  Christo  Jesu  tanquam  de  Dei  filio  et  Deo  homine  et  homine  Deo  mtus 
assumsnt,  26  L.  c.  200:  übt  namque  aliquid  Dei  est,  ibi  totum  est. 


dag  er  die  gebot  halte,  sonder  alle  die  rate  uns  heren  sollen  im 
luBtlich,  begerlicb  and  wonniglich  sein.  Unse  here  hat  gesprochen : 
„ir  Bolt  lieb  haben  ure  fiante."  Das  ist  der  lieben  so  lieblich,  das 
ir  nit  genücht,  das  sie  die  fiande  gütlich  an  spreche,  sonder  man 
5  mag  wol  und  soll  sie  von  gantzeni  hertzcn  lieb  haben  nnd  ausz 
hertzlicher  gunst  alles  güts  nnd  eren  weil  giinnen,  und  in  wol  zb 
sprechen  und  sie  aller  schnlt  gunstlicb  enschuldi^en.  Aber  nit  meine, 
das  der  mensch  also  nngefüglich  seyn  solte,  er  m6ge  wol  bekennen 
gunst   und   Ungunst,    dann   er   sols   nit   achten   noch  wissen   na  dem 

10  bilde  Christi,  das  er  dem  gantz  gelich  werde. 

Nu  haben  wir  bie  vor  gesprochen,  der  mensch  solte  und  mfisz 
über  alle  bilden  komen.  Sollen  wir  dan  das  liebliche  bilt  ans  heren 
ab  sprechen,  von  dem  wir  vil  gesprochen  haben/  Das  were  eyn 
sorglich  dinck.  Neyn  wir,  in  trenwen !   Dan  geen  wir  zu  im  selber 

16  nnd  fragen  seyn  eygen  wort,  so  spricht  er:  „Expedit  vobie,  es 
ist  euch  nutz,  das  ich  von  euch  fare;  fare  ich  nit  von  euch,  so  kumpt 
der  heilige  geist  nit  ziü  euch."  Ist  dan  disz  bilt  ab  gesprochen?  Es 
ist  ab  gesprochen  in  crea tarlicher,  sinlicher,  biltlicber  wysen,  als  im 
die  jüngeren  hatten   und  also  mOsten  sie  in   lassen,    sonder  in  lieb- 

20  lieber,  gütlicher,  übernatürlicher  wysen  geliessen  sie  in  nie;  want 
do  er  leiplicb  und  tegenwordiglicb  von  in  ioer,  du  fort  er  mit  sich 
alle  ire  gemüte,  alle  ire  sinne  und  alle  ire  Hehlen.  Also  sollen  wir 
onch  thfin.  Er  ist  zft  hymmel  gefaren  in  das  v&lterliche  hertz,  in 
des  vatters  schoi>)t,  wir  willen  recht  mit  faren,  da  er  hin  gefaren  ist, 

26  mit  alle  unsern  sinnen,  liebe  nnd  meinung  zfimal  in  das  vatterliohe 
hertz,   da  er  ist.     Er  ist  da  eyn  leben,  eyn  wesen,  eyn  Inohtende 


20  in]  im  r 

1  r&te  ntnnt  dit  Theologie  gewü»«  im  EeangtHum  empföhlest,  aher  wicht 
lißichltaäfniff  gebotene  MilUl  der  TugendÜbuTtg  (eontilia  mangeliea),  betondert 
/itiiciüige  Armut,  Kriuehhfit,  Gehorsam.  Vgl.  Thomat,  S.Th.  1,3 q.  lOBa.4: 
A.  Koeh  a.  a.  0.  100 ff.;  Dtnifte,  Luther  V,  140 ff.  3  Matth.  5,44. 

i  ff.  Beiapitle  aiu  Seuget  Leben  Vita  Kap.  39.  B  ungefUglich  =  iiiAeho\fen, 
plump,  (SuriuB  l.  c:  ttupiditate  praeditutj.  Der  abhangige  Satt  hat  negoHvm 
Sinn.  11  Oben  534,3.  13  f.  Vgl  Vita  109,13/.;  Ries  a.  a.  0.3SiA.l. 

16 ff.  J'ih  16,7.  Vgl.  Vita  Utififf.:  Bdeip  231,30ff.  und  dit  IV.  Predigt . 

22  liebten  =  minne.  26  f.  Hebr.  1,3.     Suriw  l  c.201:  una  cum  /latre 

exinteiig  Vita  et  e*»tntia,  »plmdor  gloriae  et  ßgara  &ubHanliae  eius,  »peciäum 
lucidissimum  daritatir  illius  et  imagn  paterni  vultiu  eiut,  non  eolum  imagi'nit 
ratione,  »td  ctKini  tMentialiter  in  perfecta  ptrsonar  Dei  patrii  gimilitudint,  m 
divina  Hin  artemae  generttioyiif  emanatione,  unwn  omtiino  ejiettna  cum  eodtm. 


528  ni.  Predigt 

spiele!  seyner  klarheyt  nad  eyn  bilt  seins  vätterlichen  angeflichts, 
Dit  allein  in  bilts  weisen^  sonder  in  weselicher  weisen,  in  volkommeD 
gleicbeyt  der  vätterlicben  personen,  in  dem  göüicben  aaszbruch  der 
ewiger  geburt,  eyn  mit  dem  vatter.  Da  hin  sollen  wir  mit  allem 
unserm  gemüt  und  liebe,  und  da  mit  im  vereinicbt  werden  and  eyo  5 
luebtende  spiegel  werden.  Da  sollen  wir  in  den  drye  personen  woneD 
und  wandelen,  und  mügeu  dann  allzeit  sprechen  mit  S.  Paulo:  «aose 
Wandelung  ist  in  den  bymmeln^,  das  ist  in  den  drey  personen. 

Hier  naeb  sol  der  nienscbe  mit  allen  seynen  begerungen,  sinnen 
und  kreften  stellen,  das  im  disz  werde.  Wirt  es  im  dann  nit  in  10 
seynem  leben,  so  gibt  es  im  got  an  seyra  ende.  Wurd  es  im  da 
nit  und  er  behalt  yet  gebrechen,  so  fort  er  die  gebrechen  ins  fege- 
feür  und  werden  da  ab  geschuert.  Und  als  er  dan  in  den  himmel 
kumpt,  so  sol  er  es  da  eweglich  gebrauchen  also  vil  myn  and  mee, 
als  er  es  hie  myn  oder  me  hat  geliebt  und  begert  von  gantzem  15 
hertzen.  Dar  umb  solte  eyn  mensch  den  bogen  seyner  begerungen  off 
das  aller  höchste  spannen,  das  er  vil  güts  gewunne  in  eyner  yege- 
lieber  zeyt,  waut  der  begerungen  soll  got  in  ewicheit  antworten,  die 
weil  er  es  in  der  zeit  nummer  erfolchte,  und  sol  alle  seyn  laeuwc 
kalt  leben  und  begerungen  na  den  höchsten  ordelen ,  da  er  ye  in  t^ 
kam  in  alle  seyn  tage.  Dar  umb  soll  der  mensch  nit  ab  lassen ;  ob 
er  sich  nit  fint  in  eynem  hohen  graet  der  volkomenheit,  so  sol  er 
doch  ye  da  na  arbeiten  mit  allen  kraften.  Wilt  es  im  nit  gewerden, 
so  sol  er  es  doch  von  hertzen  lieben  und  bcgeren. 

Das  uns  allen  disz  werde,  des  gunnc  uns  got  der  vatter,    der  25 
sun  und  gott  der  heiliger  geist!    Amen. 

10  stellen]  stehen  T        19  weil]  wol  2' 

7  f.  Phil,  3,:^.  14  myn  nnd  mee  =  miure  und  incr.  18  Surin-s 

l,  V,  2<)'l:  veris  namque  animi  desideriis  J)eus  pen^nnem  reddvt  vicem, 

20  f.   L.  c:    iiurta  supremuvi  illud  iudirahit,   ad  fjuod  unf/uam  pf'rtigeHt  in 
vita  8ua. 


IV.  Predigt. 
Iternm  relinquo  mandani  et  vado  ad  patrem. 

Unses  minneklichen  herren  Jesus  Cristus  alle  siu  vliz,  aiDe  lere, 
sine  bilde  gingen  d»r  uf,  daz  he  sine  geminte  vrunt  Icrte  nnd  ei 
5  brehte  inwert  in  den  Interen  grünt,  in  den  dinst  der  warheit.  Und 
daz  sach  he,  da?,  si  so  sere  gekei-t  waren  uf  sine  uzweudige  inenscheit, 
daz  81  niet  daz  wäre  gut  errolgen  inknnden,  und  dar  nmbe  m&ate 
he  si  lazen. 

Kinder,  alle  gelosen  abe  und  alle  mentel!     Sint  sich  der  son 

10  des  bimelHehen  vadere,  die  ewi{;e  wisheit,  niet  sich  inkunde  gebalden, 

he    inwere  in  eyn  bindernisse,  so  iniz  keine  kreature,  si  inbindere, 

ai  heize  oder  schine,  wi  du  will;  si  niAzent  zft  gründe  abe  und  uz, 

suUen  wir  daz  inwendige  gut  intfan,  daz  got  iz. 

Nt)  vindet  man  drier  leie  lüde :  die  eyne  geint  abe  und  die  anderen 
15  zä,  die  dritte  gieot  in,  daz  sint  anhebende  und  zfineniende  and  volle- 
komen  lüde.  Alse  der  mensche  ane  hebet,  so  sal  he  digerlicben  dnrch- 
varen  und  durchsehen  alle  die  winkil  sinre  seien,  obe  he  yt  da  inne 
?inde,  daz  he  bit  lust  besezzen  habe,  obe  eyniche  kreature  in  eyniehme 
winkil  wane;  die  drief  uz  altzAmale!  Daz  müz  van  not  daz  erste 
30  sin  vor  allen  dingen,  alse  man  die  kinder  z&  deme  ersten  leret  daz 


IV.  Pridigt  nach  V  =  Wim,  Hofbihlhthtk  3739  Bl.  ST"* 
Abschnft  von  J.  Haupt  in  Ha.  lö 379  ( Suppl.  2779)  Bl.  347'  —  3.W.  l 
nach  T  =  TauUr  lö43f.  lOS"*  —  107". 


1  Über  schliß:  diaeii  Bermon  preiiigete  brfiier  henricli  der  BuBse  \'        3  Diise 

minnekliche  herre  1'  6  den  «Jinst]  daa  liecht  T        U  uff  erden  keine  er.  T 

13  iDweod.]  liebliche  T      16  dapCferlioh  7'      18  einiche  vergenckliolie  crcötlir  T 
19  drief]  jag  T 


2  Joh.  WM.  Vgl.  zu  der  Ausführung  des  ThtnutH  Vita  156,6  ff. :  III.  Predigt 
f.37,11  ff.:  Berttardiu,  ttrmo  3  »n  Aaixns.  n.  4:  Tauter,  Frank/.  Aasg.  11,132 f. 

6  daz  [erMeal  =  At..  9   Vgl.  III.  Fredigt  518,19:  Or  Bfh  *W,W/. 

11  f.   VglKlBfb  3110,7 ff.  IS  Vgl.  III.  Pr*digt  523^.  US.  geint 

abe  der  Welt  und  der  Sünde;  bei  eQ  und  io  »rgänte  got.  Die  Einteilung  in 
incipienteg,  jiroßcientei ,  perfecti  iet  die  gewöhnliche.  Sie  trifft  mit  der  Unter- 
MCheidung  einer  via  purgativa,  iüuminaiiiM  u.  unitiva  tiuammen.  Vgl.  Vita  IIS^: 
im,af.:  Kl  Bfb  3S0,lff.  Stiegt  aue  den  Vätern  und  Myftihem  bH  Erebs 
1.  a.  0.  138  f.;  Müa  a.  a.  0.  316 f.         16  digerlicben  =  degerlicbe,  sehr,  gBnilitli. 

18  bit  =  mit  (vgl.  J.  Grimm,  Deultehe  Ornmm.  111,3581. 

U.  »■■•■>,  DnUabi  Bahrlfleii.  M 


530  rv.  Predigt 

ABG.  Wer  ingeit  dit  niet  alliz  zühant  zu,  des  inervere  dich  niet) 
inlaiz  ocker  niet  abe !  Man  liset  den  kinden  so  dicke  eyn  wort  vor, 
biz  si  iz  vil  wol  kunnent,  aber  und  aber;  also  laiz  aber  nnd  aber, 
iterum,  also  heizit  iz  uns,  dan  lazeu  ich  die  werlt,  aber  lasen  ich 
die  werilt,  daz  iz  alle  dink.  Des  morgens  an  deme  ersten  nfslage  S 
dinre  ougen:  ,,och,  minnecliche  Inter  gut,  sich,  nfi  wil  ich  aber  an 
heben,  mich  zu  lazen  und  alle  dink,^  und  also  dusent  stunt  an  deme 
dage;  obe  du  dich  alse  dicke  vindes,  alse  dicke  saltü  dich  lazeiL 
Da  liget  iz  allis  ane,  man  kere  iz,  wie  man  wille,  so  inwirt  niet 
drnz  sunder  dit.  10 

Man  vindet  lüde,  alse  si  gode  gedinent  XL  jar,  und  abint  sich 
und  wirkent  vil  guder  werke,  und  iz  an  deme  lesten  alse  im  na  alse 
an  deme  aller  ersten,  rechte  alse  den  kinden  van  Israel  gescbag, 
do  81  XL  jar  gegingen  durch  die  wustenunge  bit  manicher  grozer 
arbeit  und  manicher  not;  do  si  zfl  deme  ende  wanden  sin  kfimen,  16 
do  vunden  si  sich  an  deme  selven  punte,  da  si  zfi  deme  ersten  uz 
gingen.  Och,  waz  wii*t  grozer  arbeit  und  kost  und  zit  ih  manichen 
menschen  verloren,  die  des  dunket  selber  und  ouch  ander  lade  van 
in,  daz  si  rechte  wol  dran  sin,  und  dunkent,  daz  iz  rechte  alle  gedan 
si,  und  sint  noch  an  dem  ersten  punte,  der  si  iz  alreerst  begnnden!  20 
Dit  lazen  iz  daz  alre  swerste  in  deme  ersten  und  wert  is  bit  in 
daz  leste.  So  inleizit  man  sich  nnmmer  so  vil,  man  invinde  sich 
aber  und  me  und  neuwelicher  zA  lazeu.  Da  wirt  manicher  vellich, 
alse  in  indunket,  he  indurfes  numme ;  so  man  edelre  wirt,  so  klein- 
licher hat  man  zu  lazen.  S5 

1  Dan  ob  disz  alles  zu  hant  nit  also  zu  g:eet  T  inerv.  dich]  erschreck  T 
2   ocker]   nur  T  4   lazeu  —  werlt]  iterum  T  5  f.   am   ersten    schlag 

uflF  deyu  ougen  T  6  luter]  höchste  T  7  alle  dyug  umb  deynen  will  T 

8  obe]   vvan  T  11. 14  XI  (!)  V         und  üb.  sieb  fchU  T         12  ist  mit  in  T 

14  wüsten  T  16 f.  [do]  giengenn  sie  wider  zu  dem  punct  dar  sie  erst  anfieng'ennjT 
18  die]  der  V  21  swerste]  noitste  T  28  und  me  fehlt  T  zu  lassen  vnd 
sterben  T  Hie  feiet  mancher  an  T  24  f.  ao  kleynl.  und  scharpflfer  hat  er 
sich  zu  lassen  T       25  hat  man  fehlt  V 

1  Wer  =  were  daz.  1  f.  Vgl,  Gr  Bfb  424, 12 j  10.  —  erveren  =  ervaeren, 
erschrecken ,   ausser  Fassung  bringen  (Lex,  1,688).  6   Es  ist  wohl  sprach 

odei'  ein  ähnliches  Wort  zu  ergänzen  (Surius  l.  c.  204:  sie  Deum  alloquens), 

9  f.   Vgl.  III.  Predigt  518,19;  519,29.  11. 14   XL  jare,  vgl  IL  Prtdigt 

516,7 :  III.  Predigt  520,25.  12  unna  =  unnahe,  nicht  nahe,  entfernt, 

13  ff.   Vgl.  IV  Mos.  33.  17  f.   Vgl.  Kl  Bfb  361.20.  20  der  =  dar, 

relttt.  T  hat  da.  21  bit  =  bis.  23  vellich  =  hinfidluf,  schwach  (Schiller- 
Lubben  V,228). 


\&  rindet  man  lüde,  alse  si  sich  gelazent.  bo  tiemeut  Bie  sich 
wider,  die  eyne  in  eynre  schalkechiger  wiseoj  die  ander  in  eynre 
vilieher  wiseu,  die  dritten  in  eynre  luciferlicher  wisen.  Nu  verateit 
die  Bchntkeohtige  wiaen:  die  naturc  iz  ake  rechte  schalkechtig  und 
5  suchet  da?,  ire  aUe  befaendücben,  gntaene,  si  nemet  iz  wol  und  kan 
aicb  so  wol  intscbuldigen,  und  maehent  so  vil  mentil,  si  willent 
wiser  sin  dan  got.  Wizzit,  der  eyne  plate  goldes  uf  sine  ougen 
lechte  oder  eyn  swartze  plate  iserinz,  be  sehe  atee  wenicb  durch 
daz  golt  alse  durcb  daz  ysen.    Dit  edit  blendit  in  alse  wol  alse  daz 

10  ander,  du  sehe»  alse  vil  durch  das  eyoe  alse  durch  daz  ander.  Alse 
laze  vai'en,  wie  edil  die  kreaturen  ein,  oder  wie  du  iz  meine»,  und 
behilf  dir,  wie  dfl  wilt.  Maniche  lüde  sint  alse  ungelazen,  sint  si 
in  eynre  samenunge,  durch  eynre  spillen  willen  oder  umb  eyn  alse 
kleine  dink  gebareut  si  alse  rasende  bunde  und  bellcnt  und  scheldent. 

15  Eyu  geistelich  mensche  sulde  alse  gelazen  sin,  sluge  man  in  an  eyneii 
backen,  be  sulde  den  anderen  dar  bieden;  waz  man  itne  dede,  des 
sulde  he  in  vriden  bliben.  Ueme  minclicheme  esemplar,  unseme 
herren  Jesus  Ciistus,  deme  sprach  tnau.  he  were  eyn  verleider  und 
eyn  verreder  und  eyn  vraz  und  were  bit  deme  duvel  besezzen.    He 

20  sweich  und  verdrnch  und  leit  iz  gütlichen. 

Man  liset  in  vitis  palrum,  daz  eyn  junger  vragede  den  sinen 
nieister,  wie  he  sulde  vollenkomcn  werden.  Do  heiz  be  in  gan,  da 
die  doden  lagen,  daz  he  si  eyne  wile  sere  lobete  und  ander  wile 
sere  schulde.     Daz  waz  in  alliz  gelieh.     „Also  sal  dir  sin,"  sprach 


3  die  dritt«n  —  wiseu  fchil  V      Lucifer  T       5  Oot  sepen  midi  T       ai 

nem.  —  kau]  ich  mejn  es  doch  woll  sie  kttnnen  T        Dement  V  8  jaen  T 

9  dit  tidil]  duz  ein  T        daz]  dan  V         10  du  —  ander  fehlt  T  11  vuen] 

Fiehin   V          olle  vergenckljche  Creatoren,  wie  edel  sie  «ein  T  13  durch  — 

willen]  vmb  e.TBB  bBcha  willen  T          15  eyn  edel  geystlich  m.  T  19  deraej 

lue  V         21    Man  —  patr.  fthli  T          daz  eyn  junger]  eyner  T  Trage  V 
■23  ander  wile]  damdeh  T        24  dir]  vne  onch  T        21  f.  sprach  he  ft/,ll  T 

2  schalkechig  =  schulkhaftig.  5  gotMne  =  AbJeSreanff  für  got  aegen 

mich  (vgl.  Vor.  tu  der  SteSe  nnd  *«  511,2  in  der  II.  Predigt).  8  iserins, 

GeiiH,  von  iaerin,  isem,  iser,  Sitbat.  Neutr.  =  Kiecn,  begonder»  dat  verarbeltitt 
< Lex.  1,1459).  13   samenuög  ^   klSeltrtiche    Vannigung,    Konvent.   — 

Spillen  =  spinnel,  spindel,  Spiadd  (Lex.  11,1096:  Sch\llei--I.übhm  17,3361; 
ri/l.  Gr  Jifb  415,t9.     Die  Predigt  ist  demnach  an  Nonnen  gerichtet. 

löf.   y'gl.  Mattii.  6,33.         18t,  Matth.  tl,19:  Joh.  7,13:  S,4f*.  21  ff,   yUae 

PaIntH'  ed.  RoMoryde   Vlilfi3:    Vättrhueh  81, 34 f. 


532  IV-  Predig. 

he.     Unse  mineklicb  meister  Cristas  sprichit:   „in  der  werilde  sollit 
ir  not  liden  und  arbeit,  aber  in  mir  sullet  ir  haben  vride.'' 

Zft  deme  anderen  male  nement  sich  sulcbe  lade  wider  io 
eynre  viücher  wisen.  Hie  inmeinen  ich  niet  viliche  lade,  ich  meioen 
die  des  minneklichen  gades,  daz  got  heizit  and  ist,  daz  si  iz  be-  9 
gerent  in  eynre  natürlicher  wisen.  Der  mensche  insal  niet  sin  werk 
dün  unvernunftlichen  alse  van  natarlicher  neignnge  oder  begeronge 
alse  daz  yihe,  daz  die  nature  dribet,  aber  uz  willen  and  az  wizwn 
vernanftlicben  gode  zfl  dienen  und  zft  leben,  man  ezze,  man  slafe, 
man  spreche ,  man  swige ,  iz  si ,  waz  iz  si  in  ertriche  oder  waz  he  10 
da;  und  verdrucke  die  viliche  neigunge  und  wirke  uz  vemunfi  also 
beden,  denken  und  leben:  „lieber  herr,  dir,  niet  mir  ezzen  ich,  slafen 
ich,  sprechen  ich,  leben,  liden  und  lazen  ich  alle  dink.*^ 

Eyn  geistlich  man  begerte  ser  eynis  grozen  lebens ;  also  dachte 
in,  wie  he  wurde  gevurit  vur  eyne  groze  schole,  da  waren  vil  15 
Studenten  inne,  die  waren  vil  vlizich  und  studerten  vil  sere.  Do 
sprach  der  bruder  zu  ime:  „alre  minneklichiste  geselle,  dit  ig  eyn 
hohe  schole,  van  der  ich  wunder  han  gehört,  sage  mir,  waz  stadyerine 
lerit  ir?**  Do  sprach  der  jene:  „niet  anders,  dan  eyn  grantlich 
lazen  sines  selves  in  allen  dingen.^  n^^Y^y  ^^^  wil  ich  bliben  ane,  ^ 
sulde  ich  dar  umbe  dasent  dode  sterben,  und  wil  rechte  eyne  celle 
hie  buwen!**  „Nein",  sprach  der  jene,  „vare  vil  schone  und  ge- 
mechlichen!     So  dA  ie  minre  dftiz,  so  du  ie  me  gedan  hais.'' 


3  sulche]  die  T  4  vehliche  williche  suiider  7'  5  daz  g:ot  h.  u.  ist 
fehlt  V  6  naturl.]  vrnntlicher  V  7  naturl.  fthU  V  9  dienen  .  .  lebcu] 
lobeu  .  .  lieben  T  11  also  —  12  leben]  und  liebe  alfliis  bittende  und  denckende  T 
12  lieber  h.  fMt  V        13  sprechen  ich  fMi  T        lazen  ich  fehlt  V  14  ser 

fehlt  T  17 f.  diser  bröder  zö  in:  allerliebste  gesellen  ....  sagt  mir  T  18  vor 
sage  ist  sagen  durchstrichen  V  Studium  T  19  do  —  jene]  er  antwort  T 
20  sines]  unsz  T  22  der  jene]  ehr  T  vil]  hin  T  23  thues  und  mer  dich 
lasses  T 

1  f.  Joh.  16,d3  frei  zitiert.  4  viliche  lüde,  vgL  Surius  l.  c.  2</6 :    qui 

tanquam  iumenta  sponte  volutantur  in  stercoribus  vitiorum  suorum.  14 if.  Seusr 
berichtet  das  folgende  als  selbsterlebte  Vision  in  Vita  Kap.  19  u.  Horol,  14^  ff,, 
doch  jedesmal  im  Detail  ettoas  verschieden.  14  grozen  =  hohen.  17  zö 

ime  =  zu  dem,   der  ihn  geführt   (Vüa  o3,l():   ein    stoltzer  jungling  =  Engel), 
18  f.  studyerine.    Vita  53,31  hat  dafür  kunst.  —  lerit  =  lernet.  21  Vr/l. 

Kl  Bfb  387,21  f.  21  f.  Vgl.  Matth.  17,4.  23  Zum  volhn  Verständnis  ist  der 
Zusatz  in  Vita  54,14  f.  bei  zu  zielten:  und  meinde  ein  solich  tön,  in  dem  der  mensch 
sich  selb  vermitelt  und  nit  luter  gotos  lob  meinet.    Vgl  auch  die  Lesart  von  T. 


Predijft. 


Ö8S 


Die  lüde  sint  rechte  verblent  und  willent  ho  vil  ilöij  und  be- 
^innent  so  maniches,  alse  si  got  irv^chten  wollen,  alliz  bit  in  Belver 
in  irme  eygeiien  willen,  vol  gfitdnnkenB  in  Ire  eygenre  naturen. 
Nein,  uiet  bid  dime  vechten,  snnder  ocker  bit  lazen,  mit  sterben 
6  önd  verwerden  nnd  mit  lazen  I  Alae  lange  ein  drope  bhides  in  dir 
iz  nngedodet  und  unaberwnnden,  bo  gebricbel  dir.  Dis  spricfaet  der 
minneklicbe  gente  Panlus:  „viro  ego,  iam  non  ego,  ich  leben, 
niet  ich,  sunder  Christus  lebet  in  mir."  Wizze,  die  wile  it  in  dir 
lebet,  da  niet  got  inist,  du  sihee  iz  ane,  waz  daz  ei,  so  inlebet  got 

10  niet  noch  nummer  in  dir. 

Die  dritten  nement  sich  wider  in  eynre  luciferlicher  wisen. 
Alse  wie,  daz  vcreteit.  Lueifer  den  hatte  got  wunneclich  gesehafTen 
und  edelich  gezierit.  Waz  deit  hei  He  kerte  wider  mit  behahunge 
uf  sich  selver,  bit  eygenre  behahunge,  he  wnide  it  sin.     Altzfihant 

iö  US  deme  selven  punte,  do  he  sin  wolde,  do  wart  he  niet  und  verviel. 
Dis  gelichcB  rinden  wir  in  unseme  vader  und  niuder  —  wir  indorfen 
niet  vort  vragen,  —  die  got  wunderlich  edeliche  gezierit  hatte.  Der 
duvel  sagete  ir  und  verbot  vronwe  Even  den  appel,  —  nein,  truwen, 
des  inwalde  sä  niet,  daz  si  niet  insturbe  und  niet  zu  niede  inwurde. 

20  „Nein",  sprach  he,  „ir  sullit  gewerden,  ir  sult  iz  sin,  eritis!"  Daz 
worl  waz  ir  so  geneme  und  schal  so  in  iris  hertzen  oren  und  waz 
so  geminnet  ire  naturen  und  ir  ingewurtzilt.  daz  si  snellieben  uud 
unberadelichen  den  appil  nani  und  az,  und  wurden  wir  alle  zti  nyedc 
und  verwurden  bis  an  den  testen  menschen,  kindcr  und  kindskinder. 

■_'5  Wer  gewerden  wll,  der  mftz  van  not  entwerden. 

üit  iz  der  grünt  und  daz  fundament  unee  selikeit,  eyn  ver- 
werden und  eyn  verniden  eines  selvee.     Wer  wil  gewerden,  des  he 


2  irvechtenl  ertaiehen  T  4  crt'eclit*ii  T      orkur  J'elilt  T        5  verw. 

—  lazen]  verdprljtn  und  mit  veraien  7'  6  ungetödt  iineintorben  und  nnuber- 
wonnen  T  B  [die]  wile  V  9  das  oit  got  ist  T  da  oiet  i;et  (Ij  iuue  inüt  V  du 
!<e;eiit  du  Külber  oder  was  dos  ist  T  10  nimmer  riilkommlich  T  IS  AJsc  — 
verateit.  fehlt  T  IS  behah.]  wolgefallen  T  IG  iia]  in  T  17  und  ädelich  T 
18  flftgotc  ir  und  ft/iH  T  bot  T  vrouwej  verF  20  iz  fthU  T  eriti«] 
es  ir  ii  ezzit  (1)  f  24  bis  -  26  verwerdeu  fehlt    r  27   sines]    \tim  T 

27,  634,1  he]  hie  V 

4  f.  Vgl.  II.  Predigt  615,16.        5  f.  Vgl.  a.  a.  Ü.  516ßf.         7  f.  Gal.  3,S0. 

Vi  S.  Seid»  folg.  SeitpUli,    ttüietitc  in  gtmt  ähnlicher  Aunführuni/ ,    in  dtr 

II.  I'redigt  öll,Llff.  16  Adatn  uud  Eva.  18  verbieten  =  vorbeden, 

anbietttt  (SeltiOer-Labhni    V.3I3).  20  /  A/w,  3,4/.  27  verniden  = 

vernihlen. 


534  IV.  Predigt 

niet  inis,  der  verwerde  des,  daz  he  ist;  daz  rnüz  oach  van  not  sio. 
Daz  luter  wannekliche  gut,  daz  got  heizit  und  \z,  daz  iz  in  ime 
selver,  in  sime  istigen  wesen  inne  blibend,  eyn  weselich,  stille  stände 
wesen,  ime  selver  wesende  und  sinde.  Deme  sullent  alle  dink  sin, 
niet  in  selver ,  sunder  ime,  durch  in.  He  ist  wesen,  wirken  und  6 
leben  und  all  dink,  und  wir  niet  dan  in  ime. 

Dfi  mfist  haben  eyn  grundelois  lazen.    Wie  grandelois  ?    Were 
eyn  stein  und  viel  in  eyn  grundeloiz  wazzer,  der  mfiste  ammer  yalleD, 
wan  he  inhelte  niet  gruudes.     Also  snlde  der  mensche  haben  eyn 
grundeloiz   versinken  und  vervallen  in  den  grundelosen  got  and  in  10 
in  gegründet  sin,  wie  swere  eynich  dink  uf  in  vile,  daz  were  inne- 
wendich  ader  nzwendieh   lyden  oder  ouch  sin  eygen  gebrech,  der 
got  dicke  umbe  din  groz  gut  verhenget.    Dit  sulde  allez  den  menschen 
ye  difer  in  got  senken,   und  insulde  sines  grundes  nammer  da  an 
gewar   werden   noch   ruren  noch  bedruben ,    noch   insal    oucb    niet  15 
suchen  noch  meynen  yme,  he  sal  got  meynen,  in  den  he  versanken 
ist.     Der  yt  suchet,  der  insuchet  got  niet.    Alle  des  menschen  ganst 
und  grünt  und  meinunge  sal  sin  yme,  yme  glorie,  yme  der  wille, 
die  truwe,   nummer  unse  nutz  noch  Inst  oder  alsulche  naheit  oder 
Ion.     Suche  in  alleine,  Sprech  bit  deme  üben  sfine:    „ich  ensnchen  SO 
niet  mine  glorie,  sunder  des  vaders."    Wisse,  suchistu  yt  anders,  so 


1  verziehe  und  verwerde  7'  2  iz  und  heizit  V  5  ime]  alme  V  5  f.  und 
leheu  und  fMl  T  6  [in]  ime  V  7  f.  lassen  und  verzihen  deyns  selbs.  Wie 
gruntlosz  mösz  disz  nun  seyn?  Mirckent,  wann  eyn  stein  fiele  in  eyn  gfr.  w.  T 
10  in  got  der  gruntlosz  ist  T  11  daz  were  fehlt  T  13  umbe  —  g-fit]  vmb 
vns  eigens  nutz  willen  T  16  ouch  sich  selb*  T  16  yme  fehlt  T  meynen] 
Stichen  T  den]  de  V  18  sol  got  seyn  T  der  fMt  V  19  unse 
fehlt  V  oder  als.  naheit]  noch  einige  nahet  T  20  sucht .  .  sprecht  T 
21  Wisset  T 

2  Vgl  oben  532,5;  IL  Predigt  516,30;  Hl.  Pr.  522,2.  3 1.  Ganz  ähnlich 
Rdw  329,9 — 12;  vgl.  die  dortige  Anm,  Surius  l.  c.  208:  solam  illud  purissimum 
ac  ftlicissimum  bonum  . .  .  in  seipso  est,  intus  manens  in  existenti  tssentia  sua, 
estque  e^sentialis,  immota,  tranquilla  essentia,  existens  sibi  ipsi.  Die  Theologie 
lehrt  die  Astität  (a  se  esse)  als  Grundeigetischaft  Gottes,  welche  die  Begriffe,  des 
esse  simjfliciter,  esse  subsistens  und  actus  ißurussimus  einschliesst  Vgl.  I'homas, 
S.  Th.  Iq.  18  a.  3;  Fohle,  Lehrbuch  dei'  Dogmatik  I  (1902).  8 Iß.  5  f.  Vgl. 
Apg.  17,20';  Vita  176,8  ff.  7  ff .  iJas  Beispiel  vom  Stein  ähnlich  auch 
Bvga  99,28 ff.  Vgl.  IL  Predigt  517,7 f.  14f.  Surius  I.e.  :i09:  nee  aliquid 
sentiat,  moveatur  aut  contristeiur  in  fundo  suo.  IG  yme  =  für  sich  selbst. 
—  versunken,  rgl.  den  Schluss  der  IL  Predigt  518.5,  19  alsulche  naheit,  rer- 
derbte  Stelle?    Surius  l  c:  nostri  exaltatio.            20 f.  J oh,  8,49 f. 


iz  dir  unrecht  und  dir  gebrichet.  Kyii  glax,  wie  scliout;  dai  ix,  h»t 
iz  eyo  lochelin  aa  vnn  eynre  naiden  spitze ,  so  inist  iz  tiiet  gantz; 
wie  kleine  der  bruch  si,  iz  iet  doch  yc  niet  gantz  nocb  vollenkomea. 
Inerveret  uch  her  nmbe  niet,  liebe  kiiider,  ir  kumint  docb  wol 
B  KÜ!  Man  vindet  groze  und  kleine  Jude  in  hymelrieh,  also  man  vindet 
gToze  maD  und  riaen  und  auch  kranke  raenBcheu,  man  mochte  si 
mit  eynie  vinger  dar  nider  gtozen,  und  sint  doch  alles  lüde.  Also 
iz  id  an  diaetne,  under  dusent  nienBchen  vindet  man  niet  oder  k£me 
eynen  vollenkomen  menseben.    Etliche  haut  sich  gelazen  und  vindent 

10  sieb  zu  deme  jare  eynes  in  uugelasacnbeit:  „owi  uud  owe,  ich  han  dich 
Doch  vnnden,  icb  wände,  leb  bette  dich  begraben,  leider  lebietu 
noch!"  Die  anderen  vindent  sieh  zfi  deme  mande  cynis,  die  dritten 
zfi  der  weehen,  andeien  des  dages  eynie,  anderen  manicb  werbe  des 
dages.      Die   sullent   mit   weinendem    bertzen    onch   sprechen:    „owi 

15  und  ummer  owe,  mineklicher  got,  wa  bin  ich  arme  drane,  nnd 
och,  wie  sal  iz  mir  ergane,  daz  icb  arme  mich  so  dicke  vindenV 
Zware,  ich  sal  mich  ummer  aber  lazen,  iterum  relinqno  mundum, 
ich  aal  iz  aber  beginnen."  DA  salt  sterben  und  verwinden  und  Tcr- 
werden   alse   dicke   aber   und   aber,    biz  iz   gewirt.     Eyns   swalven 

20  vlucb  inkundegit  uns  den  sümer  nit,  aber  wan  si  alse  dicke  koment 
nnd  ir  alse  vi!  komet,  dan  weiz  mau,  daz  der  sflmer  hie  iz.  Daz 
sich  der  mensche  eynis  oder  twigea  oder  XX  werbe  leizit,  dar  umbe 
iniz  he  niet  vollenk&men;  aber  in  truwen,  alae  dicke  und  aber  und 
aber,   da  mak  yt  uz  gewerdeii.     Man  yerstet  eyne  lezze  alse  lange 

25  und  alae  dicke,  daz  man  ei  vil  wol  kan.  Also  laze  eyn  mensche 
sich  aber  und  aber,  so  kan  he  iz  und  geloist  iz  alliz.  Nn  iugebricbet 
uns  niet  dan  vlizez  und  achtsainecbeit.  So  kument  elltche  lüde  und 
sagent   van  der  groster  vollenkunienheit,   und  begundea  des  ueisten 


3  kleine /eA/f  T  4  inerv.]  erschreckt  T  liebe  kiniei  fehll  V  7  Inde] 
luenschen  T  8  an  düeme]  ouch  hie  7'  niet  oder  fehlt  T  10  ejnec  V 
in  uDgelaBB.  fehlt  V  12  die  dritten]  eÜioLe  T  14  oucli  fthlt  T  16  armer 
raeosch  T         18  und  verwiuden  fehlt  T  23  twigea]  gwerins  V  iv/ey  mal  7' 

X  werff  7'  24  verateul.  V  faaset  7'  26   und  wurde  von  ullc?  geloist  T 

27  und  vuuchteii  aller  djug  T         2S  aagunt  van]  fragen  ulles  nach  T         de» 
netsUn]  das  myttst  T 

9fr.  Vgl.  Gr  B/b  47ä,7ß:  12  mfuide  =  mftned,  mäüftt,  Motmi. 

16  och  :=  ach.  18  verwinden  =s  verwenden,  umkehren,    ndtr  ~  ver- 

winnen,  äbtrieindtn  iSehäler-LiOtbea  V,  500,5061.  24  leBze  =  Lehtion. 

27  f.   Vgl.  oben  509,17 f.:  ^I9,aiff. 


586  IV.  Prediirt 

noch  nye;  si  inkunden  sich  an  eyme  kleinen  wortichen  nye  gb- 
lazen,  noch  si  inhant  die  kreatnre  noch  die  werilt  noch  sich  aelTcr 
gelazen. 

Daz  wir  also  alle  gelazen,  alse  iz  got  von  anz  wil ,  dcz  mftie 
he  unz  helven.    Amen.  & 


1  wortieyn  T  4  —  5  fekU  T,  dafür  längerer  (Bl  106^—lO7rm)  2Su9aU 
über  die  Armut  des  GeisieSy  der  vielleicM  von  TaüUr^  jedenfalls  fitcAl  oo»  8mK 
herrührU 


III. 
Das  Minnebüchlein. 

I. 

[63 'J  Hie  rahet  an  <Uk  erst  vaplttel  des  Diinnebiichellns. 
0  sapiencia  eterna!    0  ewig'ä  wisheit,  du  bist  der  agglantz 
nnd   eio  gebrech   des  vetterlichen   weeens,  der  ellü   ding  von  nüti 
geecliaffen  bSt,  und  dar  umb,  daz  dn  den  veretoeaen  tnentachen  ze 

B  der  frflde  des  paradiacB  widerkerteet  nnd  im  den  weg  dee  widerkeres 
mit  dinem  aller  eüsseEten  wandel  crz6gteBt,  do  wotteat  du  ber  ab  in 
die  jamertal  komen,  und  xe  gantzer  efln  und  ze  beBsrung  als  ain 
süsses  lembli  wolteBt  dich  dem  vatter  opfren.  EntschlÜB  dur  dinee 
koetbern  blütes  willen  min  hertze,  daz  ich  dich,  künig  aller  ki'inigen 

10  nnd  lierre  aller  herren,  mit  den  ögen  luterB  glöben  etätenklich  mag 
an  sehen.  Lege  alle  min  kanst  an  din  wanden  nnd  min  wislieit  an 
din  wandtmül,  daz  ich  fürbas  in  dir  allein,  wiree  minnebäch, 
and  dinem  lode  zfi  neme  und  allen  zergangklichen  dingen  ab  neme, 
also  daz  ielze  ich  mit  ich,  sunder  daz  du  in  mir  und  ich  in  dir  mit 

15  restem  band  der  minne  vereinbert  ewedicfaen  beüben. 

MinHthächltia,  Nach  der  einngea  Ha.  i  =  Zürich,  Stadtbibliothek 
C96  erttmatK  voh  Prigrr  unttr  dem  Titel:  „Eine  noch  unbekanale  Schrift  Suw»" 
•n  dm  Abhandlungen  der  bayer.  Akademie  der  Wi>a.  III  Kl.  21.  Bd.  IL  Alil. 
mm,  i26ff.  reröffenltieht.  Aaseäge  (nhd.i  bei  Denijh,  Da»  geittl.  Leben  SUlff. 
Die  Echtheit  ixt  nicht  sieher,  abtr  sehr  wahrscheinlich,  e.  Eint. 

6  widerlertest  s        7  jamerteil  r        8  enUchÖs  :        13  aller  ; 

2  —  16  Das  Gebet  ßndet  »ich  in  lateinitcHer  Übertragung  als  Leetio  prima 
der  Matutin  in  dem  von  Sease  verfassten  Curtus  de  aetema  eapientia.  —  us- 
g'lanl«  nnd  ein  gebrech  ete.  =  aplendor  gloriae  et  ßgura  mbutantiae  patrie 
lUebr.  1,3).  7  jamertal,  vgl.  im  Salve  Regina:  in  hae  laerimaram  palh. 

II  f.  CufJW«.-  pone  meam  m  tut»  vulneribiu  philosophiam,  in  tui»  gligaiatibui' 
eapiinliam.  Vgl.  Bemardus,  tei-mo  43  in  Cant.  n.4!  haee  mea  eublimior  interim 
pUlosophia,  acire  Jteutn  et  Au»c  cracißrum.  14   Vgl.  Gr  Bfb  429,8  f. 


538  Hioucbüchlein.    Kap.  I. 

Des  gemütes  ein  ermandrung. 

Oanimamea!  0  sele  min,  gang  ein  wüli  in  dich,  in  die 
heimlikeit  dines  hertzen  und  gedenk,  daz  du  die  ewig6  wisbeit  des 
birneischen  vatters  dir  selb  ze  gemabel  und  ze  einem  einigen  liep 
bäst  US  erweit,  und  gedenk,  daz  du  ze  einem  nrkänd  der  lieplieben  5 
gemabelscbaft  sinen  namen  dinem  bertzeu  unzerdilklich  bist  in  ge- 
truekt,  und  binderdenk  [04']  ze  gründe  die  muten  wise,  wie  er  dich 
mit  sinem  tode  erlöset  bit,  ker  wider  ze  dir  selben,  min  geminte 
sele,  und  e  wir  erdurren,  so  kröne  uns  mit  dem  rubinroten  rosen  toii 
dem  bopte  unser  zarten  wisbeit  entsprangen.  N&t  gescbebe  ans,  10 
daz  die  sumerlicben  blümen  des  liebten  angers  siner  süssen  werten 
und  verwürtzten  wereben,  die  so  rebte  süsseklieb  alle  tngent  und 
miltekeit  smakent,  nns  vergangen,  daz  der  geminte,  den  wir  leider 
in  liplicber  gestalt  nie  gesaben,  in  unserm  bertzen  bab  ein  wonang, 
und  daz  der,  den  wir  den  böbsten  wissent,  der  dur  nns  der  nidrost  l.i 
ist  worden,  daz  wir  den  nit  versmäben,  mer  daz  wir  nns  an  sin« 
crütz  negelen,  daz  wir  durcb  in  sam  dur  ein  kuniglicb  Strasse  hin 
ze  der  ewigen  sälikeit  komen. 

0  spes  mea!  0  einigü  zftversiht  von  minen  jungen  tagen 
einer  trost  mines  bertzen,  du  fröden  bringerin,  du  leit  vertriberin  20 
und  alles  mins  urdrutzes  verswenderin  mit  dinem  süssen  trost, 
ewigü  wisbeit,  aller  süssester  Jesu  Christe,  in  dem  da  sint  aller 
wisbeit  und  kunst  tieffen  borde  verborgen,  du  zarter  herre,  do 
du  mit  dinem  süssen  wandel  gftt  bilde  der  weit  hattest  vor  ge- 
tragen und  unmassiger  arbeit  erlitten ,  und  die  götlicb  kraft  mit  25 
manigem  grossem  zeichen  ze  erkennen  gebde,  und  dir  kunt  was 
die  stund  dines  binscheidens .  do  woltest  dfl  das  jungst  nabtmal 
mit  dinen   liben  jungern   haben   und   inen   dins  heiligen   libes   und 


2  in  ein  willi  z      3  heimlik.]  heiligkeit  -:       15  wissent  wüssen  e      22  f.  alle 
wisheit  z 

5  f.    Vgl.  Vita  KatK  4  u,Hor.221J\  7    Vgl.  Bdeir  209,19/,:    so  ich 

recht  hinderdenk  .  .  die  wise  unsere  heiles.  9—11    Vgl,  Bdew  271,18 — 2tj: 

gesegnet  si  der  geblümte  roselochter  anger  dines  schonen  autlutes,  daz  da  ge- 
zieret ist  mit  dem  rubinroten  blute  der  Ewigen  Wisheit !  Vgl.  auch  Kl  Bfh  374,23. 
17  kuni^lich  Strasse,  vgl.  Hör,  26:  si  nd  dirinitaiis  cngnitionem  perrenire 
dvsideras,  restat  ut  per  assumptam  hwnanitatrm  et  humanitaiis passionem  iatiquam 
per  vi  am  re.giam  gradatim  asctndere  ad  altiora  discas.  19  f.  Vila  7  3,12 f.: 

owe,  kind  mins,  owe,   einigti  frod  mins  herzoii  und  miner  sei  von  minen  kint^ 
liehen  tagen.  20  f.  Vgl,  Bdeic  2öO,23JlK  24   «rrit  bihle  vor  tragen,  vgl. 

Kl  Bfh  382,9. 


l)lötes  sacrainent  gcbde,  und  dar  nach,  da  du  iucii  deuiiiteklicii 
ii'  füsse  wiiste  und  mtsseklich  bredietest,  und  do  uff  den  filbergf64') 
keimd  und  din  junger  schließe»,  do  koüwetost  du  nidcr  und  mit 
groBBeai  eroBle  rüftost  dn  dinem  vatter  an  und  sprecht:  „pater,  vatter, 
5  xi  es  muglicb,  so  uberbab  mich  diser  marter,  aber  doch  nüt  als  ich 
wil,  sunder  als  du,"  und  vod  grundlosen  angsten  dins  hertzcD  von 
der  gegen würtigen  marter,  die  dln  zarter  lip,  von  kuniglich  geschlecbt 
geborn,  liden  weit  von  den  aller  böeten  mentschen,  mit  den  blfitigen 
abrinnenden   sweisstropfen    wurd  begoBsen,  —  Bich   an  die  unorden- 

10  haftet)  augBt  und  trurekeit  mins  hertzen  nnd  Balb  es  mit  den  selben 

r&selechten  tropfen,  daz  es  in  aller  trurekeit  und  wider wertikeit  von 

dir  werde  gesterket  und  in  dir,  wäre  fröde,  stateklioh  werde  erfrftwet, 

0  ealutare  menm!    0  heil  und  sülde  min  und  min  günliche 

ure,  aller  sÖRsester  Jeeus  ChriBtue,   do  du  von  dem  engel  in  diner 

lä  angNl  wurd  getröstet  nnd  zfi  dinen  jnngern  kemd  und  sie  Rcbliltleiit 
runde  und  inen  von  gefangnusB  Beitest,  do  wurt  du  von  der  murdigen 
sßhar  umbhalbot,  und  do  sie  von  dinen  krefligen  worten  hlnder  sich 
geüelen,  dar  nach  mit  aineni  valschen  küsse,  dinem  süssen  munt 
geholten,    wart   dn   verriten   und   strengklich    gevangen,   und  diner 

20  erbermd  in  dem  widerheilen  des  ab ffesch lagen  oren  hattest  unver- 
gessen, und  also  do  din  junger  von  dir  geflnhen,  o  alle  miu  zflversiht, 
do  wnrd  du  allein  den  grölichen  benden  gelassen,  0  min  einiges 
heil,  enbind  die  bant  miner  nele,  läss  min  nät  noob  verläss  mich 
niemer  von  dir  gescheiden  werden  I     Amen. 

■26  [6ö']  0  fortitndo  mea  etc.    0  himelschii  sterke  und  vestikeit 

miner  sele,  aller  eüssester  Jesu  Cbriste,  do  du  von  der  gevangiiuss 
ze  dem  ersten  wurd  in  her  Annas  hus  unmilteklich  gefdrt,  do  wurd 
du  von  den  unmilten  Juden,  die  umb  daz  für  sassen,  nnd  von  dem 
selben  Annas  von  diner  lere  gefräget,    und  do  du  des  senfleklichen 

;-to  antwurtost,  do  wnrd  dO  herteklich  nff  dinen  nak  geschlagen.  0  ein 
glantz  des  ewigen  lichtes  und  ein  spiegel  sunder  mäsen,  wie  schamlioh 


23  bant]  huot  s 

2  nöate  ^=  l'rofl.   roii  wischen,  wüschen,  reiniijeu.  Iroi-kiit". 

4ff.  Matth.  :i6,39.  19  Bdew  30i,7 ;  316,4:  vientlich  geTnDgeD,  stretiklich 

i^oliunden.  2%  Bdew  !i]5,34f.:  eabinde  mich  vun  miues  siintliuben  sweren 

baudcn.        28  die  umb  daz  für  sasBen  igt  anrichlig,  vgl.  Joh.  l8,lSß'. 

30  f.  y'ffl.  Capiluliim  der  iSext  im  Cursatr  »apienlia  candor  eti  tMcig  aeUmue 
ti  epeculum  nine  macala  liii-initt  Mawtatis  ( Weüth.  7^}.  Ähnlich  aueh  Bdetv 
377,6 ff..-  321,U3,i7ff 


540  Minuebüchleiu.    Kap.  I. 

wurden  dinen  liebten  5gen  verbanden,  din  minnenklich  lütselig  anüit 
mit  anreinen  speicbellen  vermasgot,  din  wisser  naok,  noch  schöner 
denn  der  scbönen  lylien  scbin,  mit  spottlicher  frage  so  dike  g^eschlageo! 
Sag  5ch,  geminnter  berre  miner  sele,  wie  din  sant  Peter  dristoot 
vor  hankritten  ziten  verlSgnet,  und  wie  da  in  mit  dem  erbarmhertzigen  5 
anblik  diner  minnsamen  5gen  widerbreht  ze  bittern  trehen,  und  gib 
minem  bertzen  dicb,  Spiegel  der  ewikeit,  ze  scbowen,  also  das  ich 
alle  zitlicb  wollust  durch  dich  m&ge  versmaben,  und  daz  ich  mit 
den  ogen  diner  erbarmhertzikeit  in  aller  bekomng  milteklich  werde 
yersehen.  10 

0  copiosissima  etc.  0  aller  genuhtsamnü  der  weit  erlftsnng, 
aller  süssester  Jesu  Ghriste,  nach  der  grossen  marter,  so  da  dnrch 
die  naht  untz  ze  tage  in  des  fursten  Annas  bus  hattest  erlitten,  dar 
umb  daz  din  marter  und  din  minne  aller  der  weit  offen  ward,  in 
den  bof  Caypfa  wurd  du  fruy  als  ein  senftes  swigendes  lembli  15 
verfnrt  und  Ton  den  grimmen  scharen  des  unfolks  als  ein  schicher 
umbgeben,  min  geminter  erl6ser,  und  do  du  stunt  vor  dem  richter 
so  [65"']  gar  demüteklicb,  do  wurd  du  valschlich  gerüget,  nnd  wie 
du  gottes  sun  wärist,  do  schrüwent  su  mit  grülichen  stimmen,  das 
du  schuldig  des  todes  werest.  Gib  mir,  gemintter  berre,  ein  senft- jo 
mutig  demütikeit,  also  daz  ich  mich  nach  dir,  dem  obresten  bilder. 
müg  gebilden  und  alle  widerwertekeit  dis  lebens  dur  dicb,  minnericber 
Jhesus,  gedulteklicb  müge  liden. 

0  känig  aller  kunigen  und  berre  aller  herren,  du  wurd  vor 
den  richter  Pilatus  gestellet  und  vor  im  fälschlich  geruget  nnd  von  25 
im  von  dinem  künigrich  gefräget;  do  sprecht  du:  „min  küngrich 
ist  nit  von  dirre  welt,^  und  dar  umb,  das  unser  erlösung  nit  wnrde 
gewendet,  do  enwoltest  du  im  ze  vil  fragen  nät  entwürt  geben. 
Und  do  dicb  Pilatus  unschuldig  gab  vor  den  Juden,  do  schrüwen 
su  uff  dich,  aller  dingen  schöpfer,  daz  du  werest  ein  verkerer,  und  90 
f&rtent  dich  zA  Herodes,  und  do  du  dem  zfi  aller  siner  fragen  swigt, 
do  spotot  er  din  und  alles  sin  gesinde,  und  zu  rechter  smacheit  do 
wart  dir  ein  wisses  kleit  an  geleit  und  wurd  wider  zfi  Pylato  ge- 
schicket und   wurd   vor  im  mit  löwinen  stimmen,  du  süsses  lembli, 


13  hu8  Annas  s      15  den]  dem  s      18  f.  und  do  wie  du  gottes  sun  w.  z 

16   swigendes  lembli  =  Bdeiv  2ti(),4  {Jn\  11,19 L  16  anvolk  auch 

Kl  lifb  312^2,          18.  25  valschlich  geruget,  Mew  204,13.  19  Bdeir  204,11: 

sü  schrüwen  uf  mich  vil  grölich.             26  f.  Joh.  ISySfi,  34  Bdeir  260,16: 
die  wutigen  lowen.  —  süsses  lembli  ebd.  260,1b, 


■1%  marterea  tiDd  ze  crUtzgon  geben  an  Barrabas  statt  gebeieohet. 
Ernüwe  in  minem  hertzen  alle  die  gmäcbett,  die  du  durcb  minen 
willen  hast  erlitten,  also  daz  es  keines  irdenscben  dinges  ine  acbte 
hab,  niere  daz  es  alles  sio  sehen  babe  zii  dir  und    ander  dirre  zit- 

5  liehen  wandelberkeit  da,  da  allein  rechte  fr6de  iBt  unib,  eweklioh 
mng  beliben.     Amen. 

0  solas  princeps  etc.  0  einiger  fürste  und  erater  anvang 
aller  wesen  und  ein  bertzog  [66']  aller  scharen,  aller  süssester 
Jbeeu  Christe,  du  wurd  mit  dinen  ariiien  grimme  zerteunet,   an  die 

10  ungefügen  sul  nackent  gebunden  und  mit  grimmen  geislen  geschlagen, 
mit  pfeller  gekleidet,  mit  einer  d&rninen  kröne  gekronnet  und  in 
Spottes  wise  gegrüsset  und  wurd  ulf  dinen  heiligen  tiack  mit  nn- 
miltten  henden  geschlagen ;  du  wurd  also  mit  blfttigem  antlit  mit  der 
durnin    kröne   und   mit   dem    pfeilerlichen   gewant   zfi   den  unmilten 

15  U9S  gefiirt  und  mit  ir  vientlichen  stimmen  zfi  dem  tode  ze  töden  begert, 
und  also,  do  ir  stimmen  für  gebrächen,  da  ward  des  todes  urteil 
von  einem  tödmigen  riehler  über  dich,  ein  ortfaaber  des  lebens,  <ge- 
8prochen>.  Verlih  mir  sünder,  daz  ich  die  cleider  miner  nntngent, 
die    ich    hau   enlreinet  mit  der  unflat  der  sönden,  an  dinem  frucht- 

20  bereu  blAt  gewesche,  und  daz  ich  dins  crutzea  glicheit  stäteklicb  an 
minem  libe  getrage,  also  daz  ich  die  jüngsten  urteil  von  dir,  ewigen 
ricbter,  mit  frÖden  gebeite.     Amen. 

Ein  erwecken  des  hertzen. 

25  £,va,   bertze   mins,   halt  stille   ein  stündli  und  nim  eben  war 

diner  gemiunteo  userwelten  wisheit,  wie  si  von  usgetrukten  blätes 
tropfen  von  den  hertten  geiselschlegen  allenthalb  ist  beschlossen 
und  begossen,  Iflge,  wie  di  blätigen  runsen  durch  den  zarten  lip 
allenthalb   an   die   erd   lüften.     We  mir   din,   süsse   siissekeit   miner 

:-)0  sei!  wie  mochten  sü  dich  als  grnlicb  geschlahen,  do  sü  diuen  Hp 
als  wul  geordnet  und  dine  glider  als  gerad  und  als  dur  wolstend 
an  sahen,  daz  si  von  erbermd  dir  nit  vertrftgen,  daz  sie  dich  liber 
allen  dinen  lip  so  gar  durchwundeteo!  Aber  eins  wil  ich  wissen 
für  war,  daz  da  das  alles  lieste  zu  gaii  mit  einem  wisen  [66^]  uff 

8  hertzog]   herti  i  17  f.  gesprochen  fahU  z  [9  f.  bloaa  friicht  r 


11  pfeller  ivgl.  ttnlen  Z.  14  pfellerlich^  =  phellel,  phellt^l,  ftinen,  hottbare 
.'uWtnrimjf,  Purpurgtttand  (Lex.  II,2S5).  aOf.  Bdnt  ;i74^:  volbrin^  ii 

lir  ilins  krfljios  nuhsten  glicheit. 


542  MinnebüchleiB.    Kap.  I. 

da/,  daz  du  mich  zeniil  in  dine  minne  zügest,  wenn  da  dich  don, 
aller  bester,  den  aller  bitrosten  streichen  zem&l  durch  mich  gIbesL 
Nn  dar,  sele  min,  nn  nmbvahe  din  wisheit,  die  ir  Schönheit  vm 
grosser  minne  dir  hat  vergessen!  Da  solt  ir  billich  von  minnenab 
menigen  lieplichen  kuss  bieten,  als  menigen  bittern  si  darcb  didl 
hat  erlitten.  Nu  dursehow  5ch,  daz  beger  ich,  sin  minnendicheB 
antlit;  in  im  habent  aller  gnaden  volheit,  wie  daz  von  den  röseleehleB 
tropfen  rötet ,  die  da  Aussen  von  dem  himelschen  paradis,  sinen 
wolgestalten,  lutseligem  hSpt,  von  dem  da  ns  wielen  die  blfttgiessendes  ' 
brunnen  von  den  grimmen  dornstieben,  die  im  wurden  in  gerigen!  K 
0  mine  minne,  mit  disen  blutränsen,  die  da  din  schAnes  antlit  tb 
runnen  nnd  dine  wangen  blfttig  machten,  soltu  daz  hopt  miner  sele 
und  des  libes  begiessen,  daz  von  iro  kraft  der  lip  der  bescheidenheit 
undertenig  sye  und  du  bescheidenheit  dinem  aller  liebsten  willeo 
iemer  genug  sye.     Amen.  li 

0  sancto  sancta  etc.  0  aller  heiligestes,  des  ewigen  vatters 
danknemstes  opffer,  aller  süssester  Jhesu  Christe,  dar  nach,  da  do 
wurd  von  dem  richter  in  den  schamlichen  tod  des  crutzes  vernrteilt  und 
das  künglich  rieh  dinen  achslen  ward  uff  geleit,  do  wurd  dn  schamlich 
US  gefürt  und  berlicb  gespottet  und  von  den  kinden  mit  horwe  ander  ^' 
din  antlüt  geworfifen  und  mit  den  meintetigen  schachern  nntz  an  die 
statt  des  todes  gefüret,  do  wurd  du  ugs  gezogen  und  [67 ''J  uflF  daz 
nidergeleit  crütz  zertennet;  ach,  din  arme  und  füsse  wurden  mit 
seilen  zerzogen  und  also  mit  den  nageln  an  den  galgen  des  crutzes 
grimmenclich  geheft  und  also  mit  ufferbabem  crütz  entzwuschend  ^ 
himel  <und  erde>  scbamlicb  erhenket.  Nu  gib  dinem  kneht^  küng 
miner,  mit  dir  ein  usvolgen  dins  lidens,  ein  tragen,  daz  ich  mit  dir 
hie  also  werde  gekrutzgot,  daz  ich  ewenklich  mit  dir  werde  richsend! 
Amen. 

0  lux  etc.     0   Cläres  lieht  des   mittentages   und   der  sunnen  ^ 
loffes  höchstes  zil,  aller  süssester  Jhesu  Christe,  gedenk,  wie  du  für 
die,   (He   dich  crützgetent,   die   din  gewant  teiltent  und  ein  loss  uff 
dinen   rok  wurffen,  und  die  dich,  kung  ob  allen  künigen,  in  dinen 

2  aller  best  z        7  deo]  dem  z        26  und  erde  fehlt  z 

5  lai  nach  bittern  ku88,  oder  etwa  smertzen  zu  ergänzen?        10  in  gerigen. 
Pari,  Praet.  von  in  T]hen=^  durchbohrend  stechen.  19  das  künglich  rieh  = 

das  Kreug.  Vgl.  im  Hymnus  Vexilla  Regh  von  Venaniius  Portunaius:  regnahii 
a  ligno  Veus,  u.  ZöckUr,  Das  Kreuz  Christi  187  0,220  ff.  19  f.  schamÜch  üb 
^^cfnrt  auch  Bdnv  204y20. 


Miiinehüclilein.     RspTTl 

i  angstlichen  nAteo  mit  scfaftmlicliein  spott  ecfaultten,  dinen  vatter  so 
niinneuclich  au  röftest,  und  wie  du  den  riiwenden  ecbächer  yon  dieer 
grundloBeu  erbcrmd  so  BÜsseclicfa  begnadetest,  und  dar  nach,  do  des 
bimelü  <liehl>  von  mitiiden  von  aext  nntz  ze  nonzit  erlöscben 
6  was,  mit  einer  grossen  stimme  ze  dinem  vatter  rfiftost;  o  unerschepfler 
brunne  des  lebenden  wasaerB,  gedenk,  wie  du  an  dem  cmtz  ereigde 
und  von  übriger  dürre  also  tiiratiger  wurd,  wurd  du  mit  essicb  und 
galten  getrenitet  und  do  gespreeht:  „Coneummatum  est",  wie  du 
dinem  vatter  din  heiligen  sele  befiilchte,  o  ein  kinig  himelrichs  und 

10  ertricitB,  von  des  todes  wegen  alle  elment  und  die  himelschen  ge- 
etirne  mit  nngewonlichen  sacben  battent  ein  mitiiden  i.^  erz&geu» 
dines  gewaltes.  Herre,  und  nacb  dinem  bittein  tode  nlsn  uff  erhenkte 
do  liest  dft  dir  din  siten  mit  einem  wessen  eper  uf  tfin,  diir  umb 
daz  du  mit  dem  blöt  und  wasser,  [67']  so  dar  us  ran,  alles,  daz 

15  tot  und  dürre  was,  wider  erkiktest  und  mit  dir,  dem  lebenden 
brnnnen ,  alle  tiirsti^'en  hertzen  trenktest.  Dar  naeh  wurd  du  von 
dem  crötz  genomen  und  begraben,  du  bist  an  dem  dritten  tag  er- 
standen und  an  der  site  dines  vatters  als  ein  herre  aller  dingen 
gesessen,    und   hast  alsus  alle  ding  mit  dinem  tod  tb.  dir  gezogen. 

20  Zfihe  mich  zO  dir,  gemintter  herre,  und  empfach  mieh  in  diner  gnäd 
durch  din  grundlosen  erbermd  und  verübe  mir,  daz  daz  kostber  bißt, 
daz  du  sam  ein  unschaldig  lembli  fi'ir  aller  der  weit  vergusde,  vor 
den  ügen  dins  geberers  für  mich  bitte  und  zil  mir  gnediclieh  neige 
und  ffir  alle  min  sünd  als  ein  lobliches  opfer  gantz  bessrung  volleiete. 

'J5  0  min  flncbt,  min  schirm  nnd  min  erl5ger,  bis  ermanet  diner  grand- 
lusen  minne,  die  dich  betwang  ze  dem  aller  bittrosten  tod  an  dem 
galgen  des  erutzes  dur  mich  ze  liden,  daz  du  min  missetät,  die  ich 
unreiner  sünder  han  begangen,  milteklich  vergebest  und  mich  vor 
känftigen   Sünden   und  vor  allem  äbcl  in  diner  minnewtinden  diner 

3ü  siten  behütest,  min  genge  in  den  wilden  freisinen  »ff  ein  heiligende 
richtest  and  mir  die  bc8ch6wede  diner  ewigen  fröd  verlihesti    Amen. 


1  aud  du  dinen  \ 

eifte]  negesl  i 


4  lieht  fehlt  c         5  nnd  du  mit  einer  gr.  at.  j 


4  V'in  der  G.  bis  eur  9.  Stunde  i  l.u/i.  23,441.  6  brunne  des  lebenden 

waHflera,  Bdem  273,7/.:  rgl  3H6,^Tf.  8  Joh.  19,3i/.  13  weisen  von 

was,  wasse,  weue  ^=  scharf.  17  f.    Vgl.  S^mliolam  Apoflolorum:  Urtia  dir 

resurrtxit  a  nujrlui*  .  . .  sedtt  ad  äextfram   De*  Palrim  ommpotcntis. 

23  Zu  neige  ergängf  in  (den  himmligc/ieit  Fnl«r).  25  —  31  Lateinüth  ah 

Ltctio  III  im  Cureua.  —  flucht  =  zflvlnht  (rifugium,!.  90  Curgus:  grtnsas 

mtos  in  Aui'us  vilae  JluHHius  (^^  Iroiiiiiien)  ad  sandittn  Jintm  dirigas. 


544  Minnebüchlein.    Kap.  ü. 

IL 
<Hie  yahet  an  daz  ander  capittel  des  mlnneb&eheliii8.> 

0  aller  sÜBseBte  himelsche  magt  Maria,  du  uss  allen  schAneo 
sam  die  gilyen  der  telre  von  dem  abgrand  der  götlichen  konat  and 
wisheit  bist  us  erweit,  daz  da  den  begerten  aller  der  weit  mit  dinem 
megtlich  lip  enpfiengest  and  als  susseclicb  erzagest.     O  reine  frow,  6 
do  dir  die  janger  mit  [68']  weinenden  ogen  die  gevangnAas  dines 
kindes  kant  titent,   do  wardent  alle  die  mftterlicben  adem  bewegt 
von  grimmen  schrecken ,  do  giengt  da  zu  der  tür  her  Annas  bos, 
ob  da  din  kint  ieno  möhtest  gesehen;  do  ward   da  dannen  berlieh 
vertriben  noch  enmohtest  nat  hin  in  komen ,  and  dar  nmb  weinetest  lo 
bitterlich   und  sprecht:  ,,0  min  aller  liepstes  kint  and  ein  Spiegel 
miner  ogen,  wer  git  miuem   hopt  wasser  and  miiien  5gen    einen 
brannen  der  trehen,  daz  ich  geweine  daz  aller  gröste  mort,   daz  an 
minem  zarten  kind  dirre  naht  geschehen  ist?*'     Und  dar  nach  do 
giengt  da  and  Maria  Magdalena  amb  daz  hus  hin  and  her,  ob  ir  15 
vil  lichte  üwern  gern  inten  meister   ienont  möhtent  gesehen   in   so 
grossen  angstlichen  nöten;  and  do   da  erhortest  Sant  Petem,  der 
zwelübotten  fürsten,  sin  bi  dem  eide  verlognen,  frowe  min,  and  alle 
die  andern  berliche,  die  sie  im  an  tatent,  daz  dir  do  von  dem  grossen 
hertzleit  nach  waz  gebresten ,  nnd  do  sant  Peter  gegen  dir  as  dem  90 
hase  gieug  and  dir  seite,  wie  dines  kindes  antlät  so  jemerlich  wer 
entreinet,  da  von  gewand  da  an  dinem  hertzen  anmessig  hertzleid, 
0  röslechter   blflm;    dar  nach   mornent  frfi,    do  din   kint   von   her 
Annas  hus   in  Cayphas  hof  ward  gefiirt^   do  ersucht  du  in  an  dem 
weg  und  och  sin  minnencliches,  lütseliges  antlüt,  daz  din  hertz  dike  ^ 
hat  erfröwet,   so  jemerlich   verspötzet,   und  do  da  mit   kleglichen 
Worten  zu  im  giengde  und  in  weitest  han  umbvangen,  do  ward  da 
von   in  mit  ir  unroilten  worten  und  banden   unwertlich  von  im  Ver- 
stössen.   Aber  nu  sihest  du  in  eweklich  [68^]  in  siner  glorie  richsen. 
Enpfach  mich,  reinü  frowe,  in  dinen  sundern  schirm  und  erwirb  mir,  90 
daz  din  einborn  sun  mich  vor  allem  ungeordneten  leben  nnd  minne 


1  Überschrift  aus  der  des  1.  und  3.  Kapitels  ergänzt,  15  hin]  hie  r 

2  ff.  Vgl.  Bdew  262,20  ff.  —  gilyen  der  telre  =  Hohel.  2,1.    Vgl,  Bdew  243,4, 
12  f.    Vgl.  Bdew  268,6 ff'.  19  berliche,  SubsU  =  Unfreundlichkeit,  remd' 

Seligkeit:  von   berlieh  Adj.  =   offenbar,   stet^  mit  ungünstiger  Nebenbedeutung 
(vgl.  Schwab.  Wtbch.  1,647 f ). 


Minnebüchlein.    Kap.  II.  545 

und  scbädlicber  heimlicbi  behüte  und  mir  gnedeclicb  verlibe,  daz 
sin  liden  in  mir  gewinne  ein  süsses  zänemen^  also  daz  alle  andre 
süssekeit  in  mir  ab  neme.     Amen. 

Immediatum    refuginm    etc.      0    mittellosü    flncbt    aller 

5  sunder ^  aller  milteste  magt  Maria,  do  man  din  kint  uss  fürte  ze 
töden,  do  enmobtest  du  zfi  im  nit  komen  vor  der  grossen  mengi  des 
Volkes,  aber  mit  bertzleide  du  und  Maria  Magdalena  furluffeut  in 
ein  andern  weg;  do  begegent  er  dir  vil  jemerlicb  entseböpfet  und 
neigt  sin  bopt  gen  dir  gütlicb  und  sprach:  „ach,  müter!^,  als  ob  er 

10  sprach:  dir  si  gedanket  alles  des^  du  mir  ie  getet,  und  sunderbar 
der  jüngsten  trüwe,  daz  du  im  mit  truwen  bi  stündt,  do  in  alle  die 
weit  hat  gelan,  und  im  nach  iltest  mit  grosser  bitterkeit  bis  under 
den  galgen  des  crützes,  und  in  da  abgezogen  bedaktest  mit  eim  t&ch 
dins  hSptes,  —  o  gemintter  blfime  aller  gnaden,  wie  din  hertz  do 

15  von  dem  grimmen  klecken  der  egstlichen  hamerschlege  des  anneglens 
dines  kindes,  do  er  ward  durschlagen,  <erzitret>,  wie  din  gewant 
von  dem  kostbern  blftt,  daz  da  ran  von  den  wunden  dins  einbornes 
kindes,  wart  begossen!  Din  hertz  was  do  vol  jamers  und  bitterkeit, 
dar   umb  wan  du  din   kint,   daz  dich,   sin  zarten  müter,  dicke  in 

20  siner  kintheit  so  lieplich  hat  an  gelachet,  secbt  vor  dinen  5gen  in  so 
grosser  angst  und  bitterkeit  so  schamlich  bangen  und  im  alle  uneren 
erbieten,  und  du  im  in  [69']  keinen  sinen  n5ten  ze  statten  mohtest 
komen;  dannan  von  wart  din  sele  mit  dem  swert  hem  Symeones 
manigvalteklich  wunt,  und  do  wurd  du  von  dinem  kinde  dem  lieben 

25  junger  Johannes  bevolhen.  Dar  nach ,  do  du  in  secbt  mit  dem 
wessen  spiess  stechen  in  sin  siten,  do  was  dir  nach  von  uumaht 
gebrosten,  und  alsus,  ein  mfiter  aller  gnaden,  do  wart  dir  aller  trost 
benomen  durch  mentschliches  heiles  willen.  Eya,  dar  umb,  du  unser 
geminte  fursprecherin ,   kera  din  5gen  der  erbarmhertzigkeit  zu  mir 

30  und  erman  din  kint  aller  der  Wortzeichen,  des  jamers  und  des  leides, 
so  du   an  siner  marter  hattost,  daz  er  von  diner  miltter  bet  wegen 


16  erzitret  fehlt  z        28  dar  umb  do  du  z 

4  f.  Bdew  263^25:  du  bist  doch  daz  mittellos  mittel  aller  sünder.    Vgl,  die 
Anm.  ebd.  15  klecken,  schiv,  Verb,  ==  tönend  schlagen j  treffen  (Lex.  1,1610). 

eg8tlich=ege8lich,/?cÄr«c«w?Ä.         19f.  Vgl Bdew 267,23 ff.         22f.Bdew 269,22/.: 
ich  liigete  uf,  do  enmoht  ich  minem  kinde  nit  ze  staten  komen.  23  f.  Vgl, 

Luk.  2,36,  26  f.  Nach  Bdw  270,22 ff,  trat  die  Ohnmacht  wirklich  ein.  — 

ein   müter  aller  gnaden  =  Bdew  263,23.  28  f.   Salve  Begina:   eya  ergo, 

advocata  nostra,  ülos  tuos  misericordes  oeulos  ad  nos  converte.    Vgl.  Bdew  264,11. 
H.  S  e  u  1  e,  Daatsohe  SohrifUn.  35 


54(3  MinnebUchlein.    Kap.  IL 

mich  der  weit  leren  sterben  und  usser  mir  ein  erwünschten  mentscheD 
mache,  und  daz  antlüt  siner  erbermd  niemer  zornlich  von  mir  kere, 
und   mir  stätikeit   untz   an   min   tod  in  sinem  liepsten  willen  gebe. 

0  virgo  etc.     0  aller  schönstü  magt,   der  kleglicfaen  geberd 
menig  bertze   ze  erberm  bewagde,  als  ob  du  ir  eigen  mfiter  werist  s 
gesin,   die  dir  erbunnen,  do  sü  Sachen  den  grossen  jämer  und  leit, 
so   du  von  dinem  geminnten  kinde  hattost  in  dinem  reinen  bertzen. 
wer  git  den  ogen  mins  bertzen,   daz  sü   dich   sehen  vor  dem  erütz 
stan  und  als  erbennclicb  uff  sehen  und  dins  einbornen  kindes  arme 
so  trutlich  enpfahen,  so  gütlich  durchküssen  und  an  din  minnencliches  10 
hertz  so  lie|)lich   truken,   do   sü  von  dem  crütz  gelediget   worden! 
Ach,   herre   got,  wan  hetti  ich  gesehen  daz  heil  mins  antlüttes,  do 
er  von  dem  crütz  wart  gelöset,  wie  kläglich  er  do  in  diner  müter- 
liehen  schoss  lag  geneiget,  [69^]  und  hetti  ich  och  gesehen  din  bitter- 
liches weinen  und  din  jamerliches  clagen   und  den  wüff,  so  da  dar  IB 
umb  hattest,   daz  din  süsses  kint  als  gremlich  was  ertödet   und  da 
alles  trostes  do  wurd  berobet!     Ach,  zarter  gott,  wan  hetti  ich  ge- 
sehen ze  der  kläglichen  stunden  den  geminten  sant  Johans  uff  sines 
geminnten  bertzen  ciaglich  vallen,  sant  Petern  loffen  und  bitterlichen 
weinen,  Marien  Magdalenen  ab  iro  toten  meister  so  cläglich    vor  in  80 
allen  gebären,  wie  sant  Jacob  sinen  bröder,  daz  heilig  antlüt,  daz 
im  als  glich  was,  do  weinet  und  claget,  und  wie  die  andern  junger 
alle   ir  lieben   meister   klageten   und  bitterlich   weineten!      O    reinu 
magt,  ach,   wie  was  der  bitter  schmertz  dins  reinen  bertzen  do  so 
gar  unmässig,   wie   waz   dins   bertzen   angst   do   so  unlidig!      Ach,  S5 
aller  süsseste  magt,  nu  bit  ich  dich,  daz  du  mit  dinem  leit  niin   hertz 
alle  zit  in  der  minne  dins  eingeborncn  kindes  enzündest,   und   mich 
so,  einiger  schilt  aller  sünder,  vor  aller  anvechtung  behütest.     Amen. 

0  fons  etc.  0  voller  brnnne  aller  wolluste,  süsse  und  himel- 
sche  junckfrow,  do  der  grimme  tod  dir  nlso  din  gcmintes  kint,   einen  30 

24  riin'ii  .: 

4  t.  u.  r)47,'JUl.  V(/L  lUU'w  :Jl(f,Wi.:  ;:jiJ,L*iJ.  G  erbunnen  =  erbundeü, 
l'rmf.roH  (Tbunnen,  misst/öntun.  Sinn:  sutjar  soUhe  lUrzvn,  welche  dir  (auf  angst 
(hinen  .Jammer  missgönntenj  wurden  zu  Mitleid  gerührt.  9 f.  Bdeir  ^7ö,lljf,: 

wi<'  nnitcrlichcn  ich  do  sin  toten  anne  enphi(;n^^ .  .  .  zu  ininom  miiterlichen  herzen 
ilaz  einic:  uzerweltes  zartes  liep  trukte  und  sin  blnti^r  vrischen  >\'unden ,  sin 
tot»'s  antlüto  durkuste!  15  wilff  =  danunrrgesc/trci,   Klage:   ^\'ufen,  wüten 

(Ö5f),:j(j}  —  laut  jammern,   klagen.  21   fiemtinf  iH  Jakohus  d.   Jüng.^  der 

..Brudrr  drs  Herrn"  (Gal.  IJfiK  29   Jidtir  :2(}o,Ui:  paradys  aller  woUust. 


Minnebttchlein.    Kap.  n.  547 

behalter  aller  mentschen,  hat  benomen,  und  er  dich,  eiu  magt  ob 
allen  creaturen,  eines  tages  des  friintlichen  trostes  und  des  süssen 
liebes,  so  du  manig  jär  mit  im  gehebt  hattest,  hat  berobet,  do  be- 
wertest du  weinendlich  mit  müterlichen  umbvengen,  das  man  dir  din 

5  erst  erstorben  kint  liessi  joch  also  toten  und  allermenlich  widerzem, 
den  SU  dir  lebenden  und  vor  allen  mentschen  lätseligen  nut  enlassen 
wolten;  und  do  man  dir  daz  [70"*]  verseite,  do  begertest  du,  daz 
man  dich  mit  dem  dinen  geminten  vergrübe,  und  do  dir  daz  och 
verzigen  ward,    do  vielt  du  von  wetündem  leide  uflF  daz  grab,  und 

10  do  dich  din  pfleger  Johannes  dannen  füren  wolte,  do  schrüwd  du  in 
an  jemerlich,  daz  er  dir  nüt  die  berlichi  und  daz  unliep  tete,  daz 
er  dich  also  von  dinem  aller  süssesten  kind  schiede,  und  b&te  in, 
daz  er  dich  da  dine^  endes  gebeiten  Hesse,  und  also,  o  du  bildriches 
exemplar  aller  reinekeit,   von   dinen   so  kleglich   worten  do  wurden 

15  alle,  die  da  stünden,  ze  erbermclichen  weinen  gereisset.  Dar  nach, 
do  dich  der  geminte  junger  dines  ungedankes  von  dem  grab  gebracht 
und  dich  in  die  statt  fürte,  o  aller  wunneclichste  magt,  wel  ein 
jemerlich  gesiebt  do  wurd  dem  volk,  do  es  dich  ingän  sach  mit 
blutigem  gewand,  als  da  under  dem  crütz  ward  gestanden,  do  daz 

20  heilig  hitzig  blüt  nff  dich  gerannen  was,  dannan  von  5ch  die  steininü 
hertzen  ze  erbermd  wurden  erwecket!  Aber  dar  nach,  als  du  von 
dines  kindes  marter  wurd  jemerclich  verwundet,  also  wurde  von 
siner  urstende,  do  er  dir  so  wunnenclich  erschein,  hertzeklich  erfrowt, 
und  bist  nü  so  wurdeclich  in  der  himelschen  pfallentz  sam  ein  edlü 

25  gemahel  des  obresten  künges  ob  all  himelschhait  von  dinem  geminten 
kint  erhöhet,  da  du  ein  sunderbare  fürsprecherin  biöt  aller  sünder, 
von  gottes  wegen  du  also  gewürdiget;  und  dar  umb,  du  mfiter  der 
erbermd,  spreit  über  mich  den  blütfarwen  mantel,  der  von  dines  ein- 
gebornen  kindes  blüt  ward  übergössen,  und  beschirm  mich  [70 "^J  dar 

30  under,  beidü  in  liep  und  in  leid  und  in  dis  zites  widerwertikeit, 
erwirbe  mir  ein  volkoraen  ende  mit  rehter  bescheiden  h  e  i  t  und  mit 
gantzer  Zuversicht  und  gStlichen  tröste,  also  daz  ich  din  gemintes 
kint  ze  der  rechten  haut  sines  valters  frölich  werd  niessent  in  siner 
ewigen  günlicheit.     Amen. 


6  labenden  z 

3  ff.  ^>Z.  Bdew  Kap.  2().  18  ff.  Vita  37,4—6:  wie  ellendeklich  si  kom 

iiii^ende  also  blätrüsig  des  hizzigen  blfites,  daz  uf  si  hate  ^etropfet. 

23  Vgl  Gr  Bfh  416,16.  24  himelsche  pfallentz  =  Gr  Bfh  457,2. 

25  f.    Vgl.  Bdetr  243,2  ff.  21  i.  Salve  Begina:   mater  misericordiae. 


548  Minnebüchlein.    Kap.  in. 

III. 

Hie  yahet  an  der  dritte  teil  des  bächelins. 

Ein  liepliches  kosen  der  sele  under  dem  erätze  mit  irem 

gemahel,  dem  abgelösten  Christo. 

Quid,  dilecte  ml,  was,  min  geminter,  was,  ein  erfülli  aller 
miner  begirde,   was  sol  leb,   geminter  berre,   ze  dir  sprechen,  mid  & 
ich   von   minnen   bin   erstummet?     Min   hertz   ist  voll  minneworten. 
k6nde  sie  die  zang  für  bringen!     Es  ist  grundlos,  daz  ich  bevinde, 
es  ist  endlos,  daz  ich  minne,  und  dar  umb  ist  wortlos,  daz  ich  meine. 
Hier  umb   du  bist  min  kunig,  du  bist  min  herr,  da  bist  min  liep, 
du  bist  min  fröd,  du  bist  min  gute  stund,  du  bist  min  frdlicher  tag,  10 
du  bist  alles,  daz  sich  mime  hertzen  fruntlichen  gelieben  mag,  und 
dar   umb,   waz,  min  gemintter,   was  ist  der  rede  üt  me?     Da  bist 
min,   so  bin  ich  din,   und  daz  muss  iemer  st&te  sin!     Wie   lang 
sol  min   zung  ungeredet  sin,  so  alle  min  inrekeit  also  r&ffet?     Aid 
sol   ich    dar  umb   schwigen ,   daz   ich   den  geminnten   nit  liplicb  bi  1& 
mir  gehaben  mag?    Nein  ich,  bi  nute!    Der,  den  min  sei  da  minnet 
so  togen,   sehent  den  mit  mins  hertzen  5gen,  Iftgent  sin,   nement 
war!     Ich  sich  minen  geminten  under  eim  wilden  öpfelbome  rfiwen, 
er  ist  lass  von  minnewunden  worden   [71  "^J  noch  emmag  sich  selber 
nit  enhalten;  er  hat  sin  hopt  geneiget  uff  sin  geminten,  er  ist  under- 20 
stützet  mit  den  blümen  der  gotheit  und  umbsetzet  mit  dem  senat  der 
jungerlichen  würdekeit.     Nu  vach  ich  an  mit  urlob  ze  reden,    wan 
ich  ein  äsche  und  ein  gestüppe  bin  von  eigner  verworllenheit,   und 
wil    reden   ze   minera    herren,  gen  miner  gemahlen,  der  clären  und 
zarten  ewikeit  und  wisheit.  nieman  mag  mich  gewenden.     Ich   will  25 
mit  minem  geminten  kosen,  wan  das  beger  ich  von  hertzen,    e  daz 
er   minen   ogen  werd  undergezogen    und   e  daz   er  in  daz  grab  mit 
salbe  werd  verborgen. 

Nu  sag  mir,  min  gemintter,  waz  das  meine,  daz  dich  min  sele  so 


11  alle  xr 

4  f.   VglBdew  304,4 f.  It  Vgl.  Bdeic  305,6  f,         12  f.  Vgl,  Uohel,  ;2,16; 

Bdeic  Q67,4:f.  u.  oben  537,14,  16 f.  Gr  Bfb  451,4 f.:  nu  schowent,  eUü 
hertzen,  sehent  in  an,  ach  gent  in  ogen  minem  geminten,  lögent  etc, 

18    Vgl  Hohel  6,5.            20  Hohel.  a.  a.  O,            22  f.  Vgl  I  Mos.  18,27. 

26  f.  Vgl.  Bdew  276,9  ff.  29  if.  Vgl  Vita  Kap.  1  u.  3:  Bdew  Kap.  1  und 
Hör,  39  ff. 


Minnebttchlein.    Kap.  III.  549 

lang  und  so  inbrünstlich  lieste  suchen  und  ich  dich  nie  künde  vinden? 
Ich  suchte  dich  durch  die  naht  in  der  wollust  dirre  weit,  und  do 
envand  ich  nüt  denn  grosse  hertzklich  bitterkeit,  in  menschlichen 
bilden   emzigen  betrübt  und  trurekeit;  in  der  schule  der  uppekeit 

5  lernet  ich  von  allen  den  dingen  zwifelen,  noch  envand  ich  dich  niena 
dar  inne,  du  lutei*ü  warheit,  und  dar  umb  so  volgte  ich  miuem  eigen 
willen  und  ffir  also  über  gebirg  und  über  gevild  unsinneclich  als 
ein  rosS;  so  es  ist  ungezömet,  daz  mit  ungestümkeit  sins  Unheiles 
zft  dem  strit  ilet,   und  was  min  ermü  sei  in  der  tieflfen  vinstVi  ver- 

10  ieret,  sü  was  mit  dem  schmertzen  des  todes  und  der  helle  dick  um- 
geben, mit  den  wütenden  giessen  der  ungedankheit  jemerlich  besoffet 
und  mit  den  stricken  des  ewigen  todes  umbhalbet.  In  allen  dingen 
erzogtest  du  mir  [71^]  manig  übellich  widerwertekeit;  aber  do  du 
weitest  und  es  dir  geyiel,  do  santtost  du  in  mich  din  lieht  und  din 

15  wärheit,  daz  mir  vor  zemal  was  unerkant,  du  kertest  dich  und 
erkicktest  mich,  und  von  dem  abgründ  der  erde  widerbrachtest  du 
mich.  Dar  nach  do  hübtu  mich  wider  ufif  erbarmhertzclich,  do  ich 
gefallen  was,  du  wisetost  mich,  do  ich  verieret  was,  do  ruftest  du 
mir  süsseclich  wider,  so  ich  dir  endrunnen  was,  und  erz5gtest  ge- 

20  werlich  in  allen  Sachen,  daz  du  gewarlich  bist  der  erbarmhertzig 
got  und  daz  billicb  ist,  daz  ich  mich  nu  aller  diser  weit  sol  benemen 
und  von  grund  mins  hertzen  mich  dir  sol  geben. 

Und  dar  umb,  adi,  ade  der  valschen  weit,  hüt  und  iemer  me! 
Urlob  hab  die  valsche  weit,  die  minne,  verderben  mfiss  die  gesell- 

25  Schaft,  die  früntschaft,  die  ich  der  weit  bis  her  an  allen  dank  han 
geleistet,  wan  ich  mich  wil  zemal  dem  geben,  der  mich  hat  behalten 
und  als  mengen  und  solich,  die  als  l&se  waren,  hat  iertes  lan  ge- 
gangen und  in  den  blümen  der  jugent  lan  erstorben,  und  mich  zu 
im   so   erbarmhertzklich   hat  gezogen.     Da  von,  sele  min,  so  soitu 

30  loben  und  gesegnen  heissen  von  dines  hertzen  grünt  dem,  der  din 
jugent  hat  ernerret  und  ernuwret  als  ein  adlers;  lob  in,  segen  in 
und  erheb  in  iemer  me  eweclich,  und  vergiss  nit  des  manigvaltigen 
gutes,  daz  er  dir  hat  erzögt! 

4  einzigen  z        6  statt  du  ist  vielleicht  du  zu  leisen 

2   Vgl,  Hohel.  3,1.  5  von  allen  den  dingen  zwifeln,  vgl.  zum  Ver- 

ständnis Bdew  201,7  ff.  8  f.   Vgl.  Job  39,19  ff,  10  f.    Vgl.  Fs.  17,5. 

Uff.  Vgl.  Fs.  4j2,3;  70,20.  19  Bdew  2o2,13f,:  do  ich  dir  endrinnen  wolt, 

d«»  hattest  du  mich  so  suzeklich  gevangen.  2B  Gr  Bfb  411,5 J\:  dar  umb 

adi,  ade,  got  gnade  dir  hüt  und  iemer  me  !    Vgl.  auch  410,17.  24  Vor  minne 

ist  vielleicht  ein  Adjektiv  ausgefallen.  30  f.    Vgl,  Ps.  102,6. 


550  Minnebüchlein.    Kap.  HI. 

Nanc  igitur,  dilecte  mi,  nu  dar,  gemintter  min,  ich  bitt 
dich,  zöge  mir^  bist  da  es,  die  obrest  [72'']  selikeit,  die  min  sde  so 
begirlich  hat  gesAchet?  Aber  ich  weisB  für  war  an  zwifel,  daxdi 
es  bist:  du  naturlich  kanst  hat  dich  gen  mir  Termeldet,  dA  götlidi 
kunst  hat  dich  gen  mir  gnüg  erzögt ,  und  dar  zA  alle  creatur  heinl  \ 
mich  gewiset,  daz  du  es  bist !  Und  bist  du  der,  des  antlAt  alle  dk 
weit  begert,  wie  vind  ich  <dich>  denn  so  gar  erbermclieh  ligen  onder 
dem  schamlichen  holtz  des  crutzes?  Ich  sfichte  din  gotbeit,  ich 
vinde  din  mentscheit;  ich  sfichte  din  günlicheit  und  da  erzögest 
mir  din  erbeitsälikeit;  ich  begerte  sussekeit  und  vinde  bitterkeitii 
Waz  sol  ich  nu  sprechen?  Herre,  du  hast  mich  verwiset  und  bin 
verwiset.  Jedoch  weis  ich  wol  an  zwifel,  daz  du  alle  dine  ding 
ordenlich  hast  gewürket  in  rechter  wissheit,  und  du  enlat  nit  beruren 
daz,  bessrost  denn  du  mir  daz  mittel.  Er  enschowet  dich  nit  in 
diner  hohen  wirdikeit,  der  dich  vermähet  hie  ligent  in  diner  ver-l* 
worifenheit.  Sid  ich  nü  funden  han  den,  den  min  sei  da  minnet, 
wie  möht  ich  mich  denn  vor  weinen  enthalten,  so  ich  dich  so  er- 
bermclieh vor  den  ögen  mins  hertzen  sich  ligen  V  Und  so  ich  dich 
so  mit  cleglicher  stimme  höre  weinen  und  clagen,  waz  ist  mir  ze 
tüne,  denne  dich,  lebender  brunne,  mit  wüffendem  hertzen  und  mit 9 
weinenden  ogen  under  die  arme  mins  hertzen  so  trutlich  umbsehliessen 
und  zt^  mir  trucken  und  süsseclich  mit  bitterlichem  hertzen  dur- 
küssen V  Mir  sint  nüt  widerzem  die  bleichen  leftzen  dines  uiundes 
noch  widerstendijr  die  l)lfitig:en  arme  dins  libes,  me  si  liebent  dich 
mir  minnenclich  und  eignent  mich  dir  gentzlich;  won  so  ich  dich  ää 
vor  mir  li^cn  <sieh>  als  einen  toten  mentschcn,  so  tim  ich  als 
ein  listiges  [72'']  tübeli,  daz  da  haltet  bi  dem  vollen  wäge,  und  ker 
uff  min  rehtes  og  ze  der  hohen  magenkraft  diner  gotheit,  und  also 
vind  ich  dich,  der  seiden  hört,  den  da  got  und  natur  vor  allen  dingen 
hat  geziert.  -^y 


7  dicli  fehlt  j~         19  cle«^liclien  z         20  deimo]  und  r         2(5  sicli  ftJdt  : 

2  f.  Oa7K  ähnlidi  Bdeir  :J0:,\3  ff,  4  f.  du  natürlich  kunst  =  P/<i7„.voy7<f> 

(lidtr  :)4[Kl3:  KlBjb  3Si>,:J);   du    ».rötlich    kunst  =   TheoJoyic  8  ff .   Jidor 

<OL:jSf.:   ich   such  alles  din  gotheit,  so  hütest  du  mir  din  nienscheit;    ich  such 
din  süzigkeit,    so  liehest  du  vur  din  hitterkeit.  131".  iSinn:    du  htsst  dof 

(die  (roit/uit.   Herrlichkeit^  S'üünifjkeit)  nicht  bernJutn.  ^eror  du  mir  das  Hindtr- 
i(if<  (rt'fjschaffist.    \'(jl.  Ihhw  'M)5,lff.  IG   Vgl.  Vita  n:i,of.:  Hohtl,  :i^4.' 

18  f.  dich  =   (Christus,  nicht  Maria,  wie  l^rKjer  (tnftimnil :    wemen   u.   fla»^»en 
sind  transitir  gebraucht  (rgl.  540,15  ff,  27   Vgl.  K.   v.  Megenberg   IbOMti. 

n.  JJffhel.  5,1^. 


Minuebtichlein.    Kap.  III.  551 

0  sydera  errancia,  o  ir  irregenden  Sternen,  ich  meine 
üch,  unsteten  gedenke,  ich  beswer  uch  bi  den  geblümten  rosen  und 
den  gylien  der  telre,  ich  mein  alle  geblümten  heiligen  mit  tugenden, 
daz  ir  mich  ungemüiget  lassen!  Scheident  von  mir  ein  wil,  länt 
5  mir  bi  im  werden  joch  ein  einiges  stfindelin,  länt  mich  dem  geminten 
be^rechen,  länt  mir  ein  gfit  bi  im  geschehen!  0  alle  min  inren 
sinne,  ir  s611ent  sin  war  nemen,  hertz  und  ogen  sond  ir  im  geben, 
wan  dirre  ist  min  gemintter,  wiss  und  rot  ist  er  und  usserwelt  von 
allen   mentschen   diser   weit!     0  aller  süssester  Jhesu  Christe,  wie 

10  selig  die  5gen  sint,  die  dich  lebenden  in  dem  libc  sahent  und  dinü 
aller  süsesten  wort  horten!  Wan  du  bist  der  minnenclich,  den  allein 
ane  glich  disü  weit  hat  für  bräht;  din  hopt  von  siner  sinwelen 
lütselikeit  gelichet  sich  des  himels  gestalt  in  siner  hohen  Schönheit, 
wol   wirdig  ist   es,   daz   es   sy  ein   hopt   der   weit,  und  des  höbtes 

15  glider  sint  alle  die  usserwelten.  Die  falwen  locke  des  schönen  h5ptes 
sint  gedrungen  sam  die  wunneuclich  beide,  die  wol  geziert  ist  mit 
blüygenden  studen  und  mit  den  grünen  zwygen;  aber  ietzent  ist  es 
von  den  wessen  [73']  dornen  jemerlich  zerzert  allenthalb  und  ist 
vol   blutiges  towes  und  der  nahttropfen.     Ach  mir!   sine  ogen,   die 

20  als  clär  wärent,  daz  su  der  sunnen  glast  sam  des  adlers  sahent  an 
alles  wenken  und  sam  der  clär  karfunkelstain  lüchten,  eya,  die  sich 
ich  nu  erlöschen  und  umbbekert  als  eins  andern  toten;  sin  bräwen, 
die  da  warent  sam  die  schwartzen  wölkeli,  die  da  swebent  ob  dem 
glast  der  sunnen  und  den  schon  beschetwent,  sin  nase,  die  da  was 

25  gemeit  sam  ein  pfiler  einer  schönen  mnr,  sin  röselechten  wangen, 
die  da  brunnen  als  die  rosen,  sint  ufi  von  unfletikeit  entschöpfet 
und  erbleichet  und  gar  magerlich  gestellet.  0  min  geminter,  wie 
bist  du  dir  selben  so  gar  ungelich  worden !  Wan  din  zarten  lefft/en, 
die  da  sint  gewesen  als  die  roten  röseli,  die  noch  nüt  us  geschloffen 


27  m ärgerlich  z 

1  irregenden  Sternen,  vgl.  Jud.  13.  7    Vgl.  oben  048,16/.  Anin. 

8  wis  und  rot,  vgl.  Hohel.  6,10;  Bdeto  199,'^.         14  f.  Vgl.  Ephes.  U'J:*.  4,15/. 

16  ff.  JJie  folgenden  Ausführungen  (vgl.  schon  oben  541,30  f.)  luibcn  als  Grund- 
lagt  —  neben  mehrfacher  Benützung  des  Hohcliedcs  -  das  Schönheitsideal  des 
Mittelalters,  besonders  der  höfischen  Kreise.  Vgl.  darüber  A.  Schultz.,  Quid  de 
perfecta  corporis  humani  fmlchritudine  Germani  saev.  XU  et  XIII  saisen'nt, 
Habil.-Schrift  1860. ■  Ders.,  Bas  höfische  Leben  I,H)nf.  19    Vgl.  Hohel.  ö,^>. 

20 f.  Megenberg  166,8 ff,:  der  Adler  hat  so  scharfen  Blick,  dass  er  die  Sonnt 
,(ln  wankeV  ansehen  kann,  und  anerkennt  nur  die  Jungei%  als  die  Seinen, 
welche  dazu  im  stände  sind.  Ebenso  schon  Augustinus^  iract.  30  in  Joann. 
n.  5  u.  im  Physiologas, 


552  Minnebttchlein.    Kap.  m. 

sint^  din  mant,  der  da  waz  ein  schul  aller  tugent  und  kunaten, 
uss  dem  er  schankte  alle  kunst  und  liste,  wan  er  ein  tabem  wiB 
der  süssekeit,  der  milch  und  des  honges  von  den  süssen ,  l&gtlicheD 
Worten,  die  dar  uss  flussent,  die  da  trunken  machten  die  andechtigen 
hertzen,  —  der  mant  ist  nu  gar  verdorret,  daz  du  käsch  znng  dem  i 
rächen  an  haftet  von  dörre:  din  wolstendes  kinne,  geschickt  als 
ein  gefüges  telli  zwüschent  den  bühelen,  ist  schamlich  entreinet,  und 
din  aller  süsseste  käl,  von  der  die  aller  süsseste  rede  us  schal,  dsz 
alle  die,  die  sü  horten,  von  der  süssen  minne  stral  geschossen  wurden, 
du  wart  mit  essich  und  mit  bittren  gallen  verbittert.  Ach  mir,  we!  lo 
wie  ist  verdorben  din  wunnencliches  antlüt,  zemal  lötselig^es  als  ein 
[73^]  paradis  aller  wunne,  an  dem  alle  ogen  süsseclich  geweidet 
wurdent!  Ich  sich  doch,  daz  du  mit  hast  <8chonheit>  noch  gezierde! 
Din  lütseligen  hend,  sinwel  und  eben  und  schön,  als  ob  sü  getreyet 
sigint,  und  wol  geziert  mit  edelm  gesteine,  und  din  gebein,  sam  die  15 
marmelsülen,  die  gevestnet  sint  uff  guldin  stocke,  sint  craftlos  worden 
von  dem  unmessigen  spannen,  daz  sü  hein  erlitten;  din  zarter  lip, 
als  ein  uff'erhobtes  gefüges  bühelin  wol  gestellet,  daz  mit  den  lyiien 
ist  wol  umbhalbet,  der  ist  nu  mit  bliit  begossen  und  als  tünne  von 
dem  engeschlichen  spannen  worden,  daz  man  kuntlich  alles  sin  ge-  20 
bein  möbte  zellen. 

Was  sol  ich  me  sagen,  min  gemintterV  Alle  din  glider  snnder- 
lieh  und  überal,  die  sam  ein  voller  huff*  der  gnaden  die  sinne  aller 
mentschen  trunken  machten  und  von  begirden  ze  im  zugen,  die  sint 
nfi  von  tStlicher  gestalt  dar  zu  worden ,  daz  si  alle  sinne  der,  die  S5 
dich  minnent,  von  bitterm  leide  hertzclich  verwundent.  O  heissen 
trehen ,  nü  giessent  us  an  underläss  von  dem  grünt  mins  hertzen 
und  begiessent  alle  die  wunden  mins  geminten!  Wan  weles  hertz 
muhte  sin  als  isenin  oder  als  steinin,  daz  nüt  erweichen  mohte  so 
vil  angstlicher  wunden,  die  so  nüwlich  dir.  süsser,  behalt  sint  worden?  80 
Eva,  min  aller  süssester,  wer  git  mir,  daz  ich  für  dich  sterben 
mügeV     Ich    beger,    daz   alle   min    kraft   mit  dir  ersterbe   und  alles 

i:)  Schönheit  fehU  z         17  daz  diu  zarter  1.  : 

H    T///.   Hahel.  5,16:    f/uttur  illiu*<  ffit(in\sMiinuni.  9   der   süssen    iiiinue 

stral.  rr/l.  Gr  Bfh  43,'* J»  u.  die  Anm.  ebd.  l-i  Slatt  Schönheit  ist  rielUichi 

pstalt  :u  ergänzen  :  rrjl.  Is.  iVJfL^:  non  est  si)('rie.*<  ei  hh/ih  difor.  14  f.  Hohel.  i'*.14: 
vuuius  llliits  tornatllcfi  j    nunfu,  p]:naf'  lnjavinthift.  151'.  Khd.  Ct,15:     crura 

ilJins  lofumnar  marmoreae,  f/uae  fundatae  snni  .sttpvr  bases  (lureas. 

IS  f.    Vgl.  chd,  'i,'^>.  20t'.    V(jLPs.:UJh.  2Si.    VijL  Udctr  :>:}o^iy 

:n    //  Knn.   iSyiö.      Vgl  Kl  Bf'b  .77.s,;.Vi./. 


Minnebüchlein.    Kap.  III.  553 

min  gebein  mit  dir  ertödet  werd,  min  sei  mit  dir  uflF  gehenket  werd. 
Owe,  wie  gar  seleclich  der  stirbet,  der  mit  dir  uflF  den  plan  als  ein 
starcher  kempfer  in  den  strit  [74']  der  tagenden  trittet,  der  weder 
von   leid  entwichet  noch   von   liep  wenket,   wan   daz  er  vesteklich 

6  strittet  und  durch willeclieh  alle  tag  stirbet!  Wirt  der  nüt  sussciich 
verwundet,  der  emsclich  nach  dinen  wunden  trabtet  und  von  der  be- 
trahtung  wegen  von  aller  widerwertekeit  wird  erlöset? 

Consurge,  consurge,  wol  uff,  wol  uff,  hertz  mins,  stand 
uff  und  bekleid  dich  mit  gottes  sterki,  gebar  manlich,  bis  frum  und 

10  hab  dich  kecklich,  furcht  dir  nüt,  gang  nit  me  wider  hinder  dich! 
Du  solt  niemer  me  gefliehen,  hab  vor  dinen  ogen  dinen  künig  und 
dinen  leiter,  der  für  dich  so  kreftenklich  hat  gestritten,  der  so 
t&tlich  wunden  so  gedulteklich  hat  erlitten,  und  der  den  tod  mit 
sinem   bittern  tod  hit  überwunden   und  der  dir  sin  zeswe  haut  hat 

15  gebotten  ze  hilf.  Und  da^  umb  solt  du  fr&lich  striten  gottes  strit 
wider  Golyat,  ich  mein  den  bösen  vieut.  Lüge,  hast  du  schirm  den 
aller  sterkensten,  die  tieffen  wunden  sines  hertzen ;  swer  zu  der  flucht, 
der  wirt  behalten.  Dia  ist  die  aller  sichrest  statt  von  Engadi,  die 
allem  ungesind  ist  vor  beschlossen,   und   allein  den  reinen  geisten 

20  ist  sü  kunt  und  offen.  Hie  her  solt  du  in  aller  diner  widerwertekeit 
fliehen,  so  wirst  du  wider  alle  din  vient  behalten. 

Sich  also,  geminter  minr,  die  wil  ich  leben,  so  wil  ich  din 
wunden  mit  bitterkeit  mins  hertzen  betrahten,  ich  wil  in  virren  (?) 
und  wil  an  dir  allein,  du  zartens  minnebüch,  studieren,  wan  ich 

25  an  dir,  voller  brunne  alles  des,  daz  begirlich  ist,  vind  gnad  und 
apIas  alles,  daz  gebrestlich  ist.  Du  behütest  mich  doch  vor  be- 
korung  und  alle  widerwertekeit,  so  vind  ich  an  dir  den  aller  edlesten 
[74^]  bilder  ze  lebene  und  ze  komen  zu  dir,  hosten  vollkomenheit. 
Ach   und  dar  umb,   was  such  ich  me  von  dir  uff  dirre  erde?     Min 

30  lip  und  min  hertz  daz  müss  gewinnen  ein  abnemen  gen  aller  zer- 
genklicheit,  wan  du  bist  der  got  mins  hertzen  und  min  teil  in  zit 
und  in  ewikeit.  Gemintes  liep,  ich  vind  an  dir  alleine  alle  min 
benügde,  und  dar  umb,  so  ich  din  minne  allein  han  erworben,  so  ist 
mir,  ich  <hett>  alle  dise  weit  besessen.    Din  niinne,  geminter  min, 


3  den]  dem  z        34  hett  fehlt  z 

9  f.   Kl  Bfh  370^24/.:    tö   hüt  als  ein  frumer  man  und  gebar  kechlich 
fv(jl.  Ps.  30^5)  und  wer  dich  frischlich !    Vgl  365,15  f,  18  Vgl,  I  Kim,  24,1, 

—  ungesind  =  die  hosen  Geister,  23   Verderbte  Stelle:    es  scheint    etwas 

aasgefallen,    virren  =.  verren,  fern  sein  '^  31  f.  Fs,  72,26, 


554  Minnebüchlein.    Kap.  HI. 

Übertrift  in  mir  aller  froweu  minneDclichen  seh  in ,  wan  alle  ge- 
bildeten geschaffeubeit  ist  kam  ein  kleines  worzeicheu  ond  UDzallieh 
fürwesend  vpn  diner  hohen  ungemessenheit  und  eigenlich  erzögende 
dich^  die  ersten  sache  und  einen  Ursprung  aller  gennhtsamkeit 

Eya,  nu  dar^  sele  min,  ich  bitt  dich,  daz  du  dis  in  din  hertz  \ 
schribest  und  emsklich   dar  an  gedenkest,   daz  dich    der  betrogen 
glantz  keins   bildes  icht  betriege   und   dekein  fr6mde  minuerin  diu 
hertz  verkere,  und  daz  du  icht  tr&we  brechest  an  diner  aller  schönsten 
gemahlen,   der  ewigen  wisheit.     Neina,  sele  min,  du  ensolt  n6t  me 
hinder  dich   sehen,   du   ensolt  nit   me   under   daz  swere  joch  dis^io 
weit  dich  verwetten.     Gedenk,  daz  allenthalben  und-  in  allen  dingen 
ist  arbeit  und  liden   des  geistes;   und   wan   du  doch  in   dirre  weh 
niht  mäht  an  liden  wesen,  so  schaff,  daz  dir  din  liden  nüttz  werde, 
daz  du  dar  inne  als  ein  frumer  gottesritter  [75  ""j  werdest,   und  <tü> 
dem   also,   daz   du   umb   dise   kurtzen    arbeit   erwerbest    die    iemer  15 
werenden  selikeit.     Amen. 

0  Jhesu,  min  aller  süssester,  min  aller  selegestu  wisheit,  ein 
wort  des  vatter,  ein  ende  und  ein  anevang  aller  dinge,  sich  an  mit 
diuen   muten  ogen,   daz  ich  armer  mentsch  bin  ein  ungenemes  ge- 
stuppe   und  ein  krankes  fleisch,  und  daz  des  menschen  heil  nit  litao 
an  sinem  verwalten,   es  lit   an  dinem  muten  begnaden.      Ach  herr, 
gedenk  an  den  bittren  tod,  den  du  für  mich  unwirdigen  sünder  hast 
gelitten,  und  behalt  minen  guten  willen,  den  du  in  mir  hast  an  ge- 
vangen.     0  min  erbarmhertzikeit,  nu  enlass  mich  nüt,  o  min  schirm, 
scheide  dich  nüt  von  mir,  0  min  erlöser,  bis  mir  behulffen,   gib  mir  ä5 
der  weit  ein  sterben  und  mit  dir  in  dinem  grab  vor  den  vientlichen 
lägen   ein   sicher  vergraben,  daz  mich  von  dir    weder  tot  noch 
leben  noch  keines  gelückes  gelesse  niemer  niug  gescheiden.     Unserü 
minn   müss   von   ir  kraft  den   tod  überwinden,   und  dis  minnebant, 
ach  gemintter  min,    müsse   iemer   me  von  ewen  ze  ewen   z wuschen  30 
uns  beiden  also  stäte  beliben.     Amen. 

1-4  tö  J'Mt  z 

2  f.  unzalliclw  ylrf?\ )  fürwesend  de,  =  unsä<jUch  rtrf/vJwnd,  zu  nictite  fCft-deud, 
cor  iircyt'it)  (iii/ier  hohen   Un[/emt'8,stitheit.  11   verwetten  =  vvrjijVüidfn. 

11  f.  Pred.  1,14:    eva'  universa  ranitns  t/  nUlictio  sjtiriiu.s.  12  f.     IV//. 

Kl  Bfh  o6L\l3f.  17  —  31  Lectio  II  im  Cnrsus,  1«>  If.  Cursus:  quia  ptdris 

sum  et  curo,  et  (/uia  intn  ftunt  i'oIentij<  neque  curnntis  sid  (ul  int'seniUis  (  Hrnn.  9.1ii). 

27  f.  Cnrsus:  ui  nu  (i  te  ttec  vitn  iifc  mors  nee  ulld  forfunae  .'<ors  i<ejjar*( 
irr/l.    h'öm.  S,.^.').  o^i.  28  f.  llohel.  8,6:  fortis  est  ii(  mors  dilutio. 


Berichtigungen  und  Nachträge. 


.S'.  14*,  Über  die  Gothaer  Hs,  vgl  Ukert,  Beiträge  2,  113. 
S.  16*.  Eine  Ol  mutz  er  Ha,  des  Bdew  ist  Germania  20,265  zitiert, 
S.  21*  Z,  23  V,  0,  lies  19  Briefe  staU  18,  —  Herr  Professor  Ph,  Strauch 
in  Halle,  dessen  Güte  ich  die  vorangehenden  tne  auch  einige  der  folgenden  Notizen 
verdanke,  hat  mich  mit  gewohnter  Liebenstvürdigkeit  auf  die  Hs.  der  Harn* 
bürg  er  Stadtbibliothek  Cod,  theol,  1866  4^  aufmerksam  gemacht,  welche  in 
Abschrift  des  17,  Jh,  verschiedene  Mystika,  u.  a,  auch  18  (19?)  Seuse- Briefe, 
die  Fredigt  Leciulus  und  das  Testament  der  Minne  enthält.  Ich  konnte  die  Hs. 
nicfU  mehr  einsehen,  zweifle  aber  nicht  daran,  dass  wir  in  den  genannten  Stücken 
derselben  nur  Kopien  aus  Cod.  Berol,  genn.  od,  69  (s,  S,  21* f),  wohl  von 
Sudermamis  Hand,  vor  uns  haben.  Die  Beihenfolge  der  Briefe  stimmt  genau 
mit  der  Tabelle  auf  S,  26*  und  eine  Randbemerkung  zu  Brief  IV  verweist  auf 
die  Sudermantische  Ausgabe  von  1622. 

S,  28*,  Predigt  II  findet  sich  uni  er  Taulerischen  auch  in  Hildes  heim, 
Beverinsche  Bibliothek  Nr,  724^  Bl,  73^, 

S.  126*  und  161*,  In  einer  demnächst  im  Afda  erscheinenden  Besjrrechung 
von  Vetters  Edition  des  Tösser  Schwestembuchs  nimmt  Prof.  Strauch  an, 
dass  Klsbeth  Stagel  die  Viten  vor  1336  verfasst  hat,  und  tut  dar,  dass  das 
Leben  der  Klsbeth  von  Ungarn  nicht  von  ihr  stammt.  Zu  dein  Ausdruck 
jFusstuch''  vgl.  auch  Ch,  Schmidt,  Hist.  Wörierb.  (s.  S,  481)  116;  Grimm 
I)  W  I V,  1,  1066, 

S,  166*  Anm,  4  lies  1892  statt  1902.  —  S.  166*  Anm.  3  Diel-Duhr 
statt  Diel  —  Vita  28,29  zu  statt  zu.  —  97,21  ledoCh  statt  Jedoch.  —  139,24 
diser  statt  dieser.  —  ^S'.  2(Xj  unterste  Zeile  des  Kommentars  lies  dritte  statt 
vierte,  —  Bdew  309  Z,  6  v,  u.  mobilis  statt  mobilst.  —  310,1  -licher  (mensch- 
licher) statt  'icher,  —  Gr  Bfb  436,14  striten  statt  streiten.  -  -6'.  437  Z.  3  v.  u, 
Zfdph  34,236  statt  24, 

Vita  32,29 ff,  Predigten  Geilers  über  den  Baum  des  hl,  Kreuzes,  von 
Passion^sonntag  bis  Ostei'n  149Ö  gehalten,  befinden  sich  in  seinem  Predigtwerk 
über  den  Tod,  gedruckt  Strassburg  1604.  Vgl.  A.  Hoch,  Geilers  Ars  moriendi 
(Strassb.  Theol.  Studien  IV,  2)  1901,  8 f. 

Vita  92,7;  Kl  Bfb  363,8;  Gr  Bfb  420,19.  Vgl.  einen  dknlichtn  Sat: 
im  Bvga  ed.  Denifie  7,17.  46,36.  Grandlage  ibt  wohl  Aristoteles,  Kthic.  Xicom. 
1165  b  17. 


556  Berichtigungeu  und  Nachträge. 

Vita  99,24.      Vgl  II  Kor.  12,2, 

Vita  131,25.  Über  die  Benediktion  Nos  cum  prole  pia  etc.  vgl.  A,  Nägele 
im  Katholik  1903  J,  341  ff.,  der  ihr  Aufkommen  im  14.  Jh.  nachweist. 

Vita  173,11  Anm.  lies  David  von  Augsburg,  De  compos.  III,  64  statt  67. 

Bdew  202,18 f.  Eine  ähnliche  Stelle  bei  Bern.,  De  dil.  Deo  7  w.  J6.- 
vgl.  Kies  a.  a,  0.  160  A.  1. 

Bdtc  355,5.  Der  Gedanke  des  20.  und  21.  Satzes  Eckharts  findet  sieh 
in  seinen  deutschen  Schriften  bei  Pfeiffer  70,12  f  16;  137,16.  21;  147,38  ff.  u.  ö..- 
Jostes  1 1,19 ff.    Vgl.  dazu  Pahncke  a.  a.  O.  (s.  oben  S.  151*  Anm.  4)  64. 

Minneregel  488,30.  Statt  Philippo  ist  vielleicht  Philippe  zu  l€sen  und 
in  die  Anrede  einzubeziehen. 

M inner.  492,3.  Über  die  Symbolik  der  Turteltaube  vgl.  Strauchs  Anm, 
zu  Knikels  Weltchronik  (Mon.  Germ.  Deutsche  Chroniken  IV  1900)   Vers  2695. 

Minner.  494,21  drüglich  ist  wohl  eher  ah  Adv.  zu  fassen  =  (Iruclich 
fest  (  Vermutung  Strauchs). 

I.  Predigt  501,10  f.  nichtiger  wäre  zu  zitieren  Bern,  sermo  3  in  Cant. 
n.  4:  paulatim  proficere  volo.  Quantum  displicet  Deo  impudetUia  peccatoris, 
tantum  poenilentis  verecundia  placet. 

III.  Predigt  5'J5,23ff.  Vgl.  Bern.,  sermo  76  in  Cant.  n.  9:  parvulus 
tanquam  agniculis  adhortationis  lae  potius  datur,  non  esca.  Ad  haec  honi 
sollicitique  pastores  impinguare  pecus  non  cessant  bonis  laetisque.  exemplis  et 
suis  magis  quam  alienis.  —  I^^ür  Nachweis  dieses  und  des  vorigen  Zitats  bin  ich 
Herrn  Dr.  Eies  in  St.  Peter  bei  Freiburg  zu  Dank  verpflichtet. 

Kollation')  zur  III.  Predigt  ,Exivi  a  patre'  S.  518—28  nach   Cod. 
Vindob.  2739  Bl.  79^»— 87^^  (vgl.  oben  S.  28*  f.). 

Überschrift  (rot):  dit  ist  bräder  Johannes  den  taulers  predigate  am 
Bande:    des  vnnfften  sondages   na  paischen  518,8  licbl.]   aller  ininklichste 

gprichet  9  und  bin  9  f.  wider  u.  —  vatter]  und  wil  wider  iran  zu  luynem 
vader  10  Und  —  14  seyn  fehlt  16  man  in  der  zit  h.  m.  18  selb]  vnr 
19  dar  kumen 

519,1  über]  aue  in  der  weit  fehlt  2  noch  lust  fehlt         und]  Le 

6  noch]  na  7  1.  on  allen  z wi fei  na cä  Christo  9  sicherlich /e/r/f  vne  fehlt 
11  dieser]  der  ersteit  und  wirt  15  oher  fehlt  16  diser]  der  17  beest] 
vihe  nun  fehlt  Christo]  yme  20  hier  fhlt  22  vil  schone  23  nit  vil 
wol  24  bald]  zö  haut  24  Die  sint  alse  der  mertz  recht  alse  • .  25  und 
—   26   grammat.  fehlt  26   Die   andere]    aber   etlichen  27   meister,  mer 

etliche  werdent  kome  gelerit  krank  latin  und  hose  grammatika.  Also  .  .  liebe] 
mincliche  28  herzlichen  wol  alse  gar  stede  vlizich  29  usz]  van  uz 
ge  werden 

520,1    [über]  gr.  d.  über  komen  Er  —  2  aiisz  lagen]  iz  sint  IX  dink 

über  die  der  mensche  van  not  komen  möz,  der  wir  ocker  vier  uz  legen,  die 
minsten  und  die   nydersten  2   Er]    so    wer   her  zi^  komen  wil  der         3  und 

')  Herr  Adolf  Spamer  in  Giesnen,  der  die  Wiener  lls.  eben  dorthin  entliehen  hatte,  trar  .fo 
ytttifff  die  KoUntioniemnrf  für  mich  zu  besorgen.  Die  rein  lUitlektischrn  oder  sn'hlich  f'tdeutnngHoaen 
Ahweichunncn  sind  weggehmsen. 


Berichti^ngen  und  Nachträge.  557 

alle  —  4  übertr.]  alle  sinliche  dink  mustu  iiber  komen  4  kommen  über]  über 
komen        deyn  fehlt        5  natärl.  kreiften]  geistliche  dink  zu  deme  dritten 

male  saltu  über  komen  6  daz  vierte  alle  b.  .  .  7,  Zum  —  über]  nö  nemen 
wir  daz  ersten         Hie  inne  8  willig  in  todts.  fehlt  9  sonder]  aber  die 

meinen  wir  nS  fehlt  10  die  alse  von  künden]  hören t  11  oder  —  das] 
iz  si  van  lesen  oder  van  sagen  iz  ist  12  ist  feJilt  13  und  auszbr.  fehlt 

überkämen  14  solt  du]  von  not  saltu  19  dich  dan  bilden  in  dich  selver  in 
20  dar  ist  fehlt  20  f.  tui  domine  feJdt  21  du  haiz  din  licht  gezeichent 
daz  licht  dines  antlitzis  über  uns  22  alse  etliche  gar]  alse  25  sencken} 
keren  26  f.  zytz  —  verloren]  verlorenre  [ze]  zit  bit  den  sinnen  26  dan  dfin  si 
31  f.  spricht:  got  ist  eyn  geist  und  die  in  ane  sollent  beden  die  wäre  anebeder  die 
sollent  beden        33  seien  und  meinunge        eyn  inreliche  eyn  weselich 

621,1  tegenw.]  in  gegen worticheit  beten  6  doch  fefilt  7  stÄrckh.] 
blöt  8  tredt]  ge  9  Der  liebe  sente  Bemhart  des]  iz  9  f.  seynen 
leich.  fehlt  10  auch]  und  12  selver  und  ouch  ander  lüde  und  laz  16  vil 
übe  17  iz  allit         inwend.  üb.]  inwendicheit         18  wek  uz         19  zd  [zfi] 

gew.]  erkrigen  dan]  sunder  21  entr.]  aber  zu  deme  ersten  23  über- 
kämen       24  wan  er  noch]  alse  he        25  so  vil 

522,1  gerumpeis]  grubelins  3  da  eyn  so  schone  4  bilt  —  gescheit] 
bild  inne,  der  die  spene  alleine  abe  schelte  und  abe  hibe  5  sprach  durch  eynen 
Propheten  7  luterlichen  got  bloz  in  yme  8  über  fehlt  {)  über  kämen 
11  f.  alse  die  heidenen  aristoteles  und  boecius  [und  Plato]  13  mit  gr.  fleysz] 
vil  grozen  vliz  haben  und  17  innigl.  wol]  vil  minclich  wek  was]  weich 

waiiz         des  seg.]  eynis  ingesigelz  19  Aber  komit  iz  in  eynen  sten  dar  ia 

komet  iz  bit  gr.  a.  21  ouch  mit  feJilt  22  über  kämen  25  ander  fehlt 
26  mit  eyg.  fehlt 

523.1  und  —  nacht]  der  lüde  vindet  man  die  lebent  aUes  Wunsches  von 
morgen  biz  zu  nacht  2  dis  und  fehlt  2  f.  gebe  —  offenb.]  so  vil  genaden 
geben  und  so  vil  Offenbarungen  geben  6  in  alleyn]  sin  9  eyn  altzä  w.  d. 
13  war  umb]  wie  14  und  sprach]  biz  an  17  meine]  inwene  19  in  eyn 
—  das]  gestochen  dar  in  he  nie  in  quam  iz  19  f.  Also  —  leyden  und]  Also 
inwere  niet  lidens  waz  were  dan  verdynens?  In  alle  dinen  25  mantel]  scha- 
pelier  29  Nön  —  heg.]  nä  in  sal  man  begeren  Nit  —  heg.]  ja  waz  saltu 
begerin?    Niet  anders  dann  .  .        30  ab  lege 

524,3  über  kämen         4  in  meinen  ich         sterbl.  fehlt  5  oder  in  in 

dragent  7  disen]  diseme  8  nit]  node  seyn  fehlt  10  im  fehlt  erk.] 
lide  15  sehen  sie]  sint  iz  22  Ob  —  23  eyns]  ist  daz  X  jar  gät  und  der 
engil  des  v.  1.  mak  sich  eynis 

526.2  die  lerer  —  kirchen]  der  heiligen  lere  3  das  —  vertracht]  daz 
iz  mit  der  über  eyn  dret  4  so  tred  —  neder]  und  dret  iz  da  myde  ungelicheit 
5  ist  —  nit]  si,  in  volge  ime  niet  dir  und  inacht  es  niet  6  Dise  dink  saltu 
alsus  in  der  wisen  über  kämen  9  nach  dem  —  Christi]  aber  das  alre  mink- 
lichste  exemplar  12  hoger  volk.]  vollenkomen  13  zuchtich]  gezogen  14  und 
aller  —  das  er]  in  alre  gelazenheit  he  15  zu  dir  in  fe?ilt  16  geliebster] 
geminter  17  mit  dir]  dar  intgein  19  steden]  dingen  21  der  bilde  uns 
herren  [und]  22  f.  überd.  —  Christi  fehlt  23  also  schribet  der  minekliche 
sente  B.  26  gäte  fehlt  27  unsz  herren  fehlt  drucken]  bilden  28  in 
und]  van  in  binnen 


558  Berichtigungen  und  Nachträge. 

52(3,3  Dyn]  eyn  8  gel.  mochten]  geleuhen  und  lehen  12  leute  fehlt 
17  oder]  alse  19  und  hahen  —  20  mitl.]  und  dar  zu  eine  alse  natürliche  barm- 
herzicheit  hahen  und   eyne  mydelidunge  23  dan]  sunder  übemat.  — 

24  Hehl,  fehlt        26  dar  ist]  daz        28  das  ist]  alse  wie  iz  daz        der]  eyn 

527,3  lieh  h.]  minen  der  minen  so  mineklich  4  man]  he  5  lieb  h.] 
minnen  6  zu  fehlt  7  Aher]  mer  nit  inweinit  9  dann]  aber  10  gantz 
feidt        werde]  inhilde        12  Sollen]  wie  sulden        14  dan]  aber        16  so]  wie 

16  so  —  17  euch]  so  in  moget  ir  niet  den  heiligen  geist  intfan  17  Ist  —  18  ist] 
daz  hilde  ist  recht  abe  gesprochen,  hie  yersteit  daz  bilde  ist  18  im]  in 
21  gegenwortklich  22  liebten]  minne  26  [mit]  alle  unse  minne  und  meinnnge 
und  sinne  zämale 

528,1  seins]  des  antlitziz  5  liebe]  minne  8  in  deme  himel  9  nnd 
allen  sinnen  10  stellen]  dar  na  stan  und  gienen(!)  12  nit  und]  niet  nnd 
inlebet  he  niet  also  14  minre  15  minner  oder]  und  geliebt  und] 
gemeinet  und  so  he  iz  min  und  me  hat      gantzem]  alme      16  f.  uff  daz  a.  h.]  ho 

17  gäts]  groz  18  f.  die  weü]  obe  19  iz  ouch  in  20  orteilen  23  ar- 
beiten] krigen  mit  alre  kraft  26  der  yatter  —  26  geist  fehlt  26  amen, 
bidet  vor  den  schriber. 


Glossar'^. 


A. 

ab  brechen  Abbrach  tun,  verkürzenSOSfi, 

365,24. 448,3 ;  subst  Inf.  46,12. 426,19. 

478,21. 
abdnmnig  138,12. 
abe  =  aber  79,35. 
abeiideii  Abend  werden  47,12. 
abeiitbekentnisse  847,1. 
ab(t)  gaii  mit  Dat.  abgehen,  verlassen 

25,20.  233,29.  236,24.  605,18. 
abü:escheiden  Part,  getrennt,  abgeschei- 

den  (von  dem  Irdischen)  4,24.  16,6. 

59.31.  185,31.    190,17.  194,24.  218,6. 
232,26.  245,9.  296,27.  360,6.  405,2. 

ab^-escheidenheit  59,29.  183,11.  192,18. 
219,11.  388,14.  469,18;  abgescheiden- 
lich  138,19.  288,12. 

abe  geSprechen  474,20. 

ab(e)gezelt,  abgezalt  Fart.  verurteilt 
366,4.  431,14.  437,12. 

abgründ(e),  abgrund  Abgrund  (des  gött- 
lichen Wesens  ustr.)  52*.  21,28.  26,18. 

90.32.  127,20.   181,16.   189,2.  191,26. 

193.21.  206,5.     213,15.     16.    214,4. 

224.13.  245,11.  262,23.  288,6.  290,18. 

293.14.  16.  296,9.  304,28.  305,4.  319,9. 
330,11.    377,9.    432,25.    433,15.    22. 

449.22.  476,4.  544,3. 
abgründkeit   23,7.    184,6;    abgruntlich- 

keit,  abgrundl.  88,15.  188,21. 
Abisag  400,11. 


ab(e)ker   Abkehr ung   von   Sünde   und 

Welt  8,18.  29,3.  62,3.  89,26.  504,24. 
ab    kommen,   —    kummen   mit   Genet. 

losiverden  58,23.  362,15.  607,23. 
ablass,  aplas(8)  Ablassen,  Nachlass  (der 

Zucht)    382,4.    463,13;    Absolution 

100,14.  101,3;  indulgentia  525,22. 
ablegen  subst.  Inf.  256,22. 321,19. 478,6. 
ablistig   verschlagen   119,2;   ablistekeit 

160,1. 
ab  losen  ablösen  (vom  Kreuze)  275,10; 

ablosung^&Zö^un^,  Pietä  143,1.275,2. 
Abraham  387,24.  468,28. 
ab  rinnen  319,1. 
ab  risen  abfallen  281,11. 
Absalon  273,16.  378,21.  444,6. 
ab  schriben  326,19. 
ab  schuem  P.  abscheuem  528,14. 
ab  sprechen  leugnen  354,6.  356,15. 
abe  tön,  sich  entsagen  431,13. 
abval  Abfall,  Loslösung  vom  Irdischen 

159,25.  380,3;  ab  Valien  162,20. 164,13. 

168,20.  182,10.  296.6.  453,10. 
ab   walen    niederf Hessen    26,16.    84,9. 

143,30. 
abwank  Abwendung  (von  Gott)  456,15. 
ab  weg  371,23.  460,20. 
ab  weschen  135,2. 
ab  wnrken  vom  Irdiscfien  trennen  166,27 ; 

subst.  Inf.  358,10;   sich   ab  wirckeu 

494,18;  in  abwürkender  wise  339,27. 


*)  Fettdnick  einer  Zahl  bedeutet,  dass  zu  der  betreffenden  Stelle  im 
Kommentar  eine  Erklärung  gegeben  ist ;  P  zeigt  Wolter  an,  welche  aus  den  in 
mittel-  bezw.  niederdeutschem  Dialekt  gescliriebenen  Predigten  II — IV^  stammen. 


560 


Glossar. 


abziehen    suhst,    Inf.    Abziehen     (der 

Kleider)  36,16.  416,11. 
abzug  Ekstase  10,10.  190,11.  193,16. 
Ache  Aachen  153,11  (Aachenfahrt). 
acht,  in  siner  achte  in  seinem' Art  %1%'2^. 
achtsamecheit  P.  536,27;   achtunge  P. 

512,18. 
Adam  168,1.  601,4. 
adamas,  —  z,  —  st    Magnet    274,23. 

387,28.  469,4. 
adel   26,19.    90,20.    137,27.    28.   166,6. 

158,28.  160,21.  162,27.  174,21.  192,6. 

7.  304,18.  309,26.  327,20.  335,3. 408,3. 
adel(l)ich  69,28.  130,21.  172,10.  194,11. 

27.   272,14.    294,12.    301,23.    339,18. 

356,13.  14.  391,12;   adellichen  Adv. 

262,20.  274,17.  357,10. 
ader,  ader  Ader^  das  Innere  40,26.  44,8. 

51,1.  59,14.  92,18.  110,6.  127,15.  27. 

270,33.  346,17.  544,7. 
adi,  ade  361,13.  411,5.  6.  549,23. 
adler,  adelar,  adeler  156,3.  180,6.  181,2. 

47'>,26.  473,3.  15.  649,31.  551,20. 
äffe  49*;  affenheyt  P.  Torheit  524,19. 
Agathon  Altvaler  106,15. 
agestein  Magnetstein  427,7. 
Agnes,  Angnes(e),  sant  10,12.  71,14.  30. 

227,16.  26.  428,9.  439,1. 
ahzen  ächzen  91,2. 

eil    •    •     A»     d    •    ■ 

al  Aal  9,16. 

al,  daz  164,6.  170,8;   al   in   al    159,22. 

174,12.  175,5 ;  allich  allgemein  169,4. 

177,1.     388,3;     allich(k)eit     163,28. 

243,19.  440,18. 
Albrecht,  der  grosse  meister  366>1B. 
alleluja  legen  80,19. 
allermeQ(ge)lich  384,11.   466,13,  507,9. 
alme(c)htikeit  180,3.  292,4. 
almugend  135,3.  185,7. 
almösen  283,6.  11.  512,17. 
alrerst  eben  erst  349,33. 
altar,  alter  22,4.   47,6.  9.  50,25.  143,2. 

386,28. 
alten  altem  212,3.  406,8.  430,25. 
altvat(t)er,  die  altveter,  —  alten  veter 

Anachoreten  der  Wüste  60,12.  16.  21. 

24.  28.  104,1.    105,32.  106,19.  107,1. 


3.  13.  21.  362,2,  412,3;  der  altreter 
bfich  17,2.  104,7.  28. 

alwegent  überall,  immer  335,16.  350.30; 
alwent  .366,5.  392,6.  437,13. 

amaht  Ohnmacht  87,20.  143,6.  386,24. 

ampt  Plur.  empter  Klosteramt,  Auf- 
gabe  381,6.    11.    14.    383,2.    431,10. 

462.16.  464,13;  ambaht  487,4. 
anbeisCs)    Ameise    388,8.    469,12;     an- 

beshufen  39,22. 
an  bissen  anbtissen  449,16. 
an(e)blik,  -  g  216,24.  224,20.  352,28. 

416,11.  433,4.  441,11.  479,17.  49a  17. 
an(e)bliken476,22. 479,22.480,15.493,22. 

494,9;  na  angeblikter  wise  163,1. 
andaht   Masc.   27,23.    97,5.    7.    100,19. 

102,5.  103,15.   109,29.   110,3.  111,19. 

115,14.  131,6.  134,36  usw. 
andehtig    198,7.    216,1.   218,5.    364,19. 

423,21.  438,16.  476,3;  andeht(e)klich 

153,25.  194,3.  314,16.  391,16.  476,1. 
anderheit(e)  Anderheit,  Gegensatz  zum 

eigenen  Ich  157,23.  177,3.  26.   181,1. 
•     329,19. 330,1. 27.  334,3.  344,28. 352,28. 

487.17.  489,18. 

anderwerb  wiederum,  zum  zweiten  Mal 

348,22. 
andrent  auf  der  anderen  Seite  125,8. 
and(e)re8t  zweimal,    zum  zweiten    Mal 

35,28.  41,21.  436,5. 
an  gaffen  s.  an  kapfen. 
angebom  387,8.  468,12. 
an  gehaften  391,2. 

angel  Angel  284,9.  377,4.  449,17.  454,4. 
an  gelegen  412,1. 
an  genemen,    sich   mit  Genet.  sich  ab" 

geben  47*. 
angeng(e^    der   weit    Anfang    der    TF. 

246,11.  387,26.  469,3. 
anger    33,15.    172,15.    271,19.    374,23. 

447,1.  452,9.  538,11. 
SLügemht  Aussehen  210,24. 276,17. 339,211. 
Angnes  .v.  Agnes. 
angrif(f)en  234,2.  368,19.  372,18.  442,10 

461,20.  473,20. 
angst  219,22;   angstlich  23,23.   116,26. 

126,28.   552,30;   engeschlich   552,20; 

angschlichi  39,22. 


Glossar. 


561 


anhaft  das  Anhaften  288,14.  477,18.  20; 

anhaftig  166,25. 
an  haften  193,2.  476,9.  477,12.  17. 

au  hang  Beschwernis ,  Anhänglichkeit 
(an  das  Irdische)  88,13.  309,21. 
369,31.  468,6. 

an  kapfen  427,15;  an  gaffen  439,12. 

au  kleben  309,29. 

an   komen   über  einen   kommen  66,18. 

233.18.  614,12. 

au  lachen  86,11.  121,29.  645,20. 

anlich  ähnlich  260,26. 

an  liegen  verleumden  126,16. 

anlof  Anlauf  132,6. 

Anna,  sant  37,15. 

Anna  Gottesfreundin  44,14. 63,14. 102,2. 

115,14. 
Annas,  her  639,27.  29.  544,8.  24 ;  fürst 

A.  640,13. 
annegeln  suhst,  Inf,  36,16.  416,12. 

an  nemen,  sich  P.  516,8;   angenomen 

131.10.  290,29.   333,16;   annemunge 
339,11. 

an  rennen  82,30. 

anriten  subst,  Inf.  149,21. 

anschowen,  —  schowen  subst,  Inf.  36,16. 

310,16;  anschowunge  193,11. 
an  screiben  197,10. 
an  sehen   unpersönl,   46,8;    sich    ans. 

167,8;     ansehen    suhst.    Inf,    77,21. 

257,26. 269,13.  318,28.  332,28.  336,20. 

349.11.  476,8. 

ansihtig  ansehnlich  266,9. 375,4.  447,14. 

483,21. 
an   slahen    durch  Schlagen    befestigen 

414,20. 
an  spozen  anspeien  58,20. 
an  Bteren  atwtorren  186,1. 242,18. 269,14. 

Antonius  Altvater  105,1.  30.  106,28. 

ane  treffen  betreffen  470,11. 

anvah ender   mensch    3,4.    8,20.    17,14. 

59,29.    113,20.   162,29.    156,2.    194,6. 

309,3.   326,8.   360,10.   366,7.  469,18. 

473,13;  anvahendes  leben  3,3. 

an(e)vang  97,10.  182,15.  261,19.  460,9. 

473.19.  496,27.  603,27. 
an(e)vehten   371,6.  16.  468,18.  460,13. 

H.  Seuse,  Dentiohe  Schriften. 


anvehtung  61,7.  28.  62,6.  11.  23.  106,24. 

116,27.  132,16.  316,32.  498,11.546,28. 
au  zenneu  anßttschcfi  252,7. 
anzügig  verführerisch  866,19.    • 
aplass  s.  ablass. 
ApoUonius  Altvater  106,13. 
apostel  490,2. 
apotek,    appotcck(e)    266,23.    313,26. 

427,16.  431,6.  487,2. 
aquilo  Nordwind  451,15.  462,3. 
arbeit,    erbeit,    erbet    Arbeit,    Mühsal 

39,18.    81,27.     82,12.     120,6.    149,6. 

151,6.   164,4.   217,18.   219,22.   234,1. 

247,8.    326,26    usw.]    sich    arbeiten 

s.  abmühen  325,26. 
arbeitselig,  erbetselig  mühselig,  leidend 

7,5.  62,21.  90,16.  91,8.  485,19;  arbeit- 

seliklich,  erbetselklich  48,18.  425,22. 
Sj-beitselikcit,   erbetselik.  82,18.  84,12. 

264,8.  379,29.  660,10. 
argwon  484,9;  arkwan  229,26. 
Aristotiles  171,12.  428,1.  510,12.  522,11. 

Vgl.  177,15  flf. 
arke  Arche  298,18. 
armüt  46,7.  160,7.  218,6.  246,2.  428,16. 

432,22.  476,4.  489,16. 
Arsenius,  sant  38,9. 104,4. 105,32. 106,17. 
arzet,  arzat,  -d  142,29.  301,13.  503,19. 

21.  506,18;  arznen  heilen  51,21.  62,3. 
äsche,  esche  221,20.  467,20.  548.23. 
as  mer  =  als  mer  82,13.  118,11. 
ass  Aas  377,3.  449,17.  462,19. 
Assumptio  Himmelfahrt  Maria   112,6. 
Aswerus,  küng  266,18. 
aten  285,5;  etemlin  308,16. 
Athanasius,   der  heilig  367,26.  440,24. 

490,4. 
athomo,  in  333,15. 
Augustinus,  sant  180,10.  183,22.  185,11. 

350,26.  601,1.  610,12.  515,24. 
auster  Südwind  451,11.  452,6. 
Ave  Maria  282,26.  314,10.  318,23.  395,4. 

505,1. 
Ave  praeclara  maris  st-ella  374,5. 
aventöre  ritterliches  Abenteuer,  wunder- 

bares  Ereignis  48,26;  aventürer  der 

auf   ritterliche     Wagnisse     auszieht 

149,11. 

36 


562 


(rlossar. 


bad  46,2. 

bahne,   pal  nie    Pahnzweig   ((tls  Sief/es- 

zeichen)  262,24.  371,6. 
balsam  13,29.  252,13.  297,21.  479,1. 
baltheit  Kühnheit   92  8.  221,13.  263,2. 
band  der  minne(n)  487,7.  637,15. 
bann  Batin  42,16. 

pantier  Panther  12,6.  427,19.  452,50. 
Paphnuciu8  Altroter  106,30. 
papyr  322,21. 
paradis,    -dys     222,8.    240,18.    248,16. 

251,26.    269,26.    263,16.    266,19.    23. 

266,23.    317,27.    35.    369,21.    432,19. 

457.18.  492,25.  501,4.  511,15.  537,6. 
542,8.  652,12;  paradisophel  303,3. 

bare,  blrü,  berü  notdurft   blosse,  reine 

X,  261,21.  364,9.  423,1. 
bare  Sahst.  Bahre  88,8;  baren  auf  die 

Bahre  legen  466,14. 
bare,  ber  Bär  40,22.  427,13. 
Barrabas  541,1. 
Bartholomaeus,  maister  von  Bolsenheim 

5,18. 
passion  Masc.  Leidensgeschichte  Christi 

143,9. 
Pastor  AUvater  105,6.  25. 
Pater  noster  155,6.  314,18.  396,4.  486,8. 

505,1. 
Paulus,  sant  85,18.  106,24.  160,28.  30. 

172,4.    182,11.    31.     186,20.    193,16. 

251,12.  335,27.  367,21.  367,26.  881,12. 

388.19.  392,21.  440,22.  441,15.457,2. 
462,8.  477,20.  478,23.  479,6.  480,20. 
490,2.  518,10.  519,9.  19.  528,7.  633,7. 

becher  113,16. 

bedc(c)ken  484,20;  suh.st.  Inf.  165,17; 
bodabt  Part.  186,16.  125,19;  be- 
dokun^e  1(>4,5. 

bedebtikeit  500,21. 

bederptlicb,  bederb(e)klich  Adr,  ordent- 
lich^ kräftig  122,34.    371,27.    460,24. 

bedli  l:U,:i4. 

beest  P.    Vieh  619,17. 

beirabet  Part,  ausgestattet  5,16.  367,14. 

bei^an  m.v  ]Verl'  setzen  280,27;  sieb  b. 
.V.  nttgchcn  30.13. 

bejfrerlicbe  kraft  P.  522,23. 


be^erung(e)  170,5.  181,7,  196,10.  200,8. 

314,9.  24. 
begirde   209,10.   219,18.   237,10.  416^ 

432,17.  433,16.  445,22.  447,33.  455,13. 

468,28.  470,12.  471,14.  487,28. 499,12. 
begirlich  27,22.  31,20.  32,3.  41,3.  50,29. 

99,9.  139,21.  141,3.  163,25.  164,1  usu^, 
begnaden,  begnaden  117,18. 156,6.214,6. 

364.22.  376,12. 17.  447,22.  29.  491,2a 
543,3.  654,21. 

begnügen,  be(g)nügen  unpers.  genUgeti 

170,19.  290,26.  369,32.  458,7. 
begrif  Begriff  182,26.    Vgl  Denifle  im 

Archiv  11,463  A,3;  begriflfenheit  337,3. 
begrif(f)en  ergreifen,  umfassen^  erfassen 

14,16.  36,12. 164,22. 182,13.21. 193,18. 

197,19.    201,3.    206,7.    289,6.    292,3. 

293,11.  18.  19.   294,3.  314,16.  a37,l. 

478.23.  493,13. 

behaben  behalten  219,22.  297,9. 
behagen  P.  526,8. 

behaglich  wohlgefällig,  passend  206,11. 
bebahung  P.  Behagen  533,13.  14. 
behalten  62,9.  81,2.  206,1.  207,2.  340,14. 

653,18. 21 ;  behalter  AWö*er(^CÄrwr/i«*; 

647,1;  behaltlich  habitualis  351,2. 
behangen    Part,    selbstsüchtig    170,14. 

357,19. 
heheheu  fest  halten  133,24;  sich  b.  167,13. 
beheften  festhalten,  verstricken  169,13; 

beheftunge  358,27. 
behelfen    subst.    Inf.    Behelf,    Schutz, 

Vonrand  7,13.  164,18.  166,16.  476,9; 

sieb    b.    162,13.    163,18;   behulf(f)en, 

bcholfeu  sin  36,8. 40,18. 261,17. 319,15. 

554,25;  in  bebelfwise  164,26. 
bchencken  470,8. 
bebend  288,9.  356,24.  489,8;   behende- 

lich  44,11;  bcbendeklich  140,8.  258,8. 

371,32.  460,31. 
behulfenbeit    6,14.    44,28.    63,8.    64,20. 

123,18. 
behusen  f/eherbergen  78,2. 
behöt  rorsichtig,sich?intend7A,S.  156,25. 

353,7;  behfit  485,5;  behiitklich  340,5; 

bebütkeit  47.* 
bt'bnten  481,1.  486,22.  507,17;  behuter 

89,18. 


(Glossar. 


563 


beideiithftlb,   bedenthalp   64,29.  412,11. 

beinoht  heinig  41,23. 

beit<j;*  mit  Genet.  warten,  envarien  74,23. 

78,m  93,21.  194,20.  230,11.  236,6.  7. 

238,34.  246,21   usv\ 
bejacren  398.17. 
bekantniist,    -nösse,    bekentnus,    -nüs, 

-nu88,  -nösse  Erkenntnüfy  Verständnis 

5.9.  89,14.  177,15.  180,19.  181,5.  10. 
188,13.  189,7.  235,27.  349,17.  474,2. 
487,3. 

bekennen  erkennen  158,30.  172,6.  177,1. 
189,6.  233,2.  290,27.  346,21.  347,8. 
488,5. 9. 10. 15 ;  in  bekennender  materie 
183,4;  bekant  bekannt,  erkannt,  ver- 
ständig 124,21.  129,4.  156,13.  182,6. 
192,10.  177,16.  290,3.  489,24. 

>>ekennunge  Erkenntnis  351,18. 

bekerde  Bekehrung  284,12. 

bekeren  373,3.  6.  464,1. 

bekomen  mit  Dat.  begegnen  49,12. 

bekoren  versuchen  490,22;  bekorung 
540,9.  653,26. 

bektimberen,  -bren,  bekünbem  227,1. 
228,31. 235,28. 361,26.  372,14.  461,16; 
bekummemiss  P.  626,12. 

belangen  unpers,  gelösten  240,23.312,27. 
380,10. 395,22. 446,9. 496,1 ;  belangung 

6.10.  25,9. 

beleiten  geleiten  284,27;  beleiter  89,19; 

beleiterin  37,19. 
beliplich  hUihend,  dauernd  174,21.  22. 

175.23.  191,6.  193,27.  366,7. 
belipnuss,  blipnust  60,11.  159,16. 
beUen  61,11.  382,3.  463,12. 
pellieanus  99,2. 

Benedictus,  sant  44,4. 

benemeu  279,7.  436,17.  467,25. 

benent,  in  benenter  wise  340,18. 

benfi^de  Genügen  553,33. 

ber  Beere  384,7.  466,10.     Vgl,  b&re. 

beraten    ausrüsten^    unterhalten   25,14. 

121.24.  122,15.  146,8.  173,2. 

bereit  dienstfertig,  bereit  254,27.  312,24. 

320,13. 
bereiten  suhereiien  125,28.  492,16;  be- 

reitiin^e  156,9. 
bergen  222,16.  449,26.  484,17. 


\itT\i2Ätfruchttragend,schwatiger^b%2Q, 
452,8;  berhaftikeit  3.30,21.  363,19. 

berihten  aasrichten  170,11;  sich  b.  sich 
versehen  183,29. 

berinnen  316,32. 

berlich   offenbar  (mit   Nebenbedeutung 

des  Ungünstigen)   57,4.   57,21.   60,7. 

85,29,  86,8.19.28.29.  114,19.  116,24. 

123.24.  152,5.    219,9.    235,17.    343,8 
usn\;  berliche  Ädv,  258,19.  606,6. 

berliche,  -i  Subst,  544,19.  547,11. 

bermeclich  P.  516,5. 

bermit,  permit  Per^am«n^  103,17. 199,19. 

212,29. 
bern  gebären  191,23. 
Bemhart,    sant    38,9.    187,19.    193,16. 

197.25.  254,17.  256,6.   366,2.  424,6. 

434.6.  437,10.  499,10.  501,10.   521,9. 
526,23. 

beroben  211,25.  221,11.  447,9.   499,14; 

berober  439,29 ;  berobung,  berobonge 

121,8.  306,4. 
berren  kneten  156,17. 
personlich    179,3.   22.    180,11.    181,12. 

185.7.  334,4.  335,2.  360,21.   354,11; 
Persönlichkeit  191,27. 

berurde    Tastsinn,    Berührung    208,2. 

294,28.  816,6. 
beschalken   in  Verruf  bringen   115,23. 

123,12. 
bescheiden  Part,  Adj.  klug,  verständig, 

klar  bewusst  89,18.    108,12.    128,13. 

192,18.  499,21.  503,5.  20. 
bescheidenheit  Verständigkeit,  Einsicht, 

Diskretion  4,33.   68,6.   94,22.    103,3, 

125,25.    156,21.    161,18.   19.    169,12. 

184,6.  294,34.  315,31  usw, :  beschei- 

denlich  198,17. 
beschetwen  beschatten  551,24. 
beschirmen  229,25. 315,26. 319,14. 340,14. 

395,6.  482,11.  510,5. 
beschlahen  43,5. 
beschliessen ,    -zen,    besliessen    169,11. 

190,22.  191,12.  219,6.  308,18.  323,30. 

326,6.  343,24.  452,5.  479,6  usw. ;  be- 
schlossenes   kloster    unter    Klausur 

stehendes  Kl.  96,7. 


564 


Glossar. 


beschuiten  Part,  169,20. 

beschonen   schön  machen,   beschönigen 

220,12;  sich  b.  219,6. 
beschowen   493,8;    be8chow(e)de   72,5. 

308,5.  543,31. 
besinkeu  untersinken  119,25.  270,31. 
besinnen    ausdenken    842,6;    besinnet, 

besint  besonnen  74,16.  361,16.  411,10. 

469,21. 
besitzen,   in  besitzender  wise  348,28; 

besiziich  183,1. 
besitzunge  336,16.  344,7.  351,17.  356,9. 
besoffen,    besoffen    ertränken    477,10. 

549,11;  besoftkeit  69,23;  besoftklich 

270,18. 
besorgnnge  156,22. 
besprechen  anreden  428,11.  551,6. 
be88erung(e)     Entschädigung,     Busse, 

Besserung  258,20.  23.  26.  29.  277,2. 

282.15.  283,7. 12.  284,12.286,7.325,25. 
432,2.  513,16. 

bestan  458,7.   488,24.   26.   28.   489,14; 

in  im  selben  b.  251,15;  bestanden  sin 

Zugeständnis, Erlaubnis  haben372y2l, 

461,23;   bestandenheit  das  Bestehen 

(in  der  Prüfung)  311,3. 
bestecken  248,18.  296,30.  496,9. 
besteten  21,5.   278,17.   308,18.   319,20. 

364,24.  369,15.  378,17.  424,15.  451,9. 
bestrowen  248,20. 

besturzen  im  Sturz  bedecken  239,1. 
besweren  84,28.  131,13.  283,17.  364,21. 
bet(e),  bette  Bitte  373,13.  391,18.  394,16. 

18.  479,11. 
bett(e)lin  444,12.  495,5.  496,3.  5;   bet- 

gewand  44,28.   45,3;    betstat  44,27. 

45,27;   betstuol  55,18. 
Peter,  sant  107,30.  125,31.  489,25.  540,4. 

544,17.  20.  546,10. 
betler  283,15. 
betrahtung  24,11.    25,24.    29,16.    31,2. 

35,12.  36,22.  26.  38,6.  10.  41,32  usw. 
betrechen,   bedrechen   Part,   betrochen 

bedfcktn  363,17.  421,10.  457,20. 
betrogen  trügerisch   216,10.    228,7.  23. 

824.16.  418,11.    424,1;    betrogenlich 
363,17. 

betrubt(e),    -bete,    -bde    84,26.    94,29. 


31.    95,20.    166,11.    253,19.     381,15. 

462,16.  490,22.  23.  496,24. 
betten  215,31.  297,1. 
betüten    192,3.    193,3.    339,2.  4.  7.  LS. 

342,20.  435,16. 
bevinden  erfahren,  empfinden  15,1.  29. 

39,4.  204,4.  220,11.  14.  235,11.  326,9. 

388,20.  408,4.  456,26.  469,23.  478,20. 

487,27.    488,13;    bevindunge    489,5; 

bevintlich  492,30. 
bewegde,   -te    Bewegung    15,12.    88,6. 

200,6.  224,6.  260,8.  276,14.  444,13. 
bewegenlicli  Adv.  entschlossen  236,13. 

461.5.  Vgl.  gewegenlich. 
beweglich(k)eit  169,36.  309,22. 
beweren  187,9.  236,23.  391,20.   465,16. 

466,26.  475,9.  505,23. 
bewindeu  umwindeji  224,1. 
bewiseu  174,28.  177,29.  178,15.  180,16. 

191.6.  194,5.    197,4.   206,18.   288,10. 
308,28  usw.;  bewisunge  105,29. 

bezeichnung  330,27. 

bezeten,  bezetten  bestreuen  297,1.  466,6. 

496,9. 
bezw'ungenheit  358,6. 
pfad,  -t,   phad  200,23.   254,10.    367,26. 

430,18.  440,24.  472,13.  490,4. 
pfaffe  328,23.   329,24.   519,25;    pt'alen- 

vasnaht  48,29. 
pfallentz,    die    himelsche    Königsburg 

457,2.  547,24. 
Pfarao  183,18. 
phariseus  P.   509,4.  8.   511,27.    512,13. 

513,4. 
pfeUer  541,11;  pfeUerlich  541,18. 
pfenni(n)g  25,15.  16.  46,7.  77,7.  475,12. 

499,4. 
pfil,  phil  131,19.  23.  281,13.  371,7.  460,3. 
ptiler  551,25. 
Philippus  Apostel  488,30. 
pfingstag  40,28. 
pflegamt  381,17. 
pfleger  66,15.  547,10;  pflegerin  407,12; 

pfiegnüs  48*. 
phrengen     jtressen,     drängen      210,21. 

215,28.  316,29. 
phy  P.  2^fui  509,13. 
biderraan  126,15. 


liilit<e)  6:^,24.  79,12.  80,10.  89,22.  99,26. 

100,7,  8.  10.  102,8  ustr. ;  ganze  biht 

43,14-  90,26.  283,21 ;  bthttaTel  100,14. 
lii(c)liteii   79,12.  26.  28.   29.    80,4.   9. 

1(12,16,  116,17.  136,20. 174,81.358,29. 

ri02,2:).  25. 
Ijjliter    Beiehtvattr   99,27.  28.    102,10. 

11B,G.  244,2,  502^21.  503,5, 
riliitua,  PjlatuB  34,22.   315,13.    514,8. 

.->40,25.  33, 
liildeu  bilden,  gettalten,  einprdgen  35,26. 

101,30.  273,30.  274,17.  364,6.  391,7. 

12.    476,22;   gebUdet  ^&,17.  534,1; 

sich  h.  342,18;  in  sich  b.  16S,S.  192,23. 

340,14. 
bildw   Vorbitd  368,28.  392,21.  540,21, 

r>S3,28. 
liUdgebend  3,3.  191,1. 
liildlich,  biltlicli    156,7.   183,27.   191,3. 

10.  15.  21.    192,4.   15.  387,9.  391,8. 

468,13.  526,14.  527,18. 
bildlos  174,8.  183,6.  191,6.  11.    193,29. 

32;  bildloBekeit  97,13. 
bitdrich  24,7.  108,15.  165,16.   183,8,  9. 

184,21.  185,8.  187,4.  197,15. 
bildunfrte)  200,22.  520,6.  524,3.  9. 
InlgrifDl  Pilfftr  217,5.  U,  15. 24.  2.'J2,22. 

a40,19,  20. 
Iiillichi  Billigkeit,   Gemöanheit  443,16. 

456,7;  billicheit  302,4. 
|>iri  Maxe.  385,2,  467,9;  pinlich  205,14. 

4H8.7, 
birili  96,15.  159,17. 
litschaft  Beispiel,  Ghielmi»  14,9,  161,16. 

I!'7,L>.3.  :i28,l. 
bi!;iii  ȟbst.  Inf.  221,20.  27.  313,4;  bi- 

«ind  178,9. 
Iii-prech  üble  Xachrede  481,12- 
bi:iseTi  :1S2,3.  460,25.  461,20.  463,12, 
bi  woiieii  492,10;  biwoimnge  341,20. 
bla  i:  512,15;  blawvar  44,la. 
plan  553,2. 

planeteu,  die  niben  172,11. 
Plato  P.  522,12. 
platz  341,13. 
Iduiciien    bltMi    icerikn    285,3.    368,9. 

Ul,17. 


lar,  565 

blenden    177,18.  207,6.   221,19.   239,4. 

247,9.  421,6. 
blenken   hin  und  her  bewegen  224,29. 
bletlin  64,26. 
blick  435,5. 
bliiiilgeliorcri  132,30. 
blindsliche  rtur.  blinden  slicben  :^7,12. 

468,15. 
blintheit  168,11.    163,6,   177,6.  219,15. 

247.17.  297,13.  335,8. 
bloch  nioek  45,10. 

bloaa,  bloB,  blnz,  bloza  3,17.  14,31.  23,3. 

34,12.  45,16,  54,27.  31.  89,27,  97,11, 

130,8, 156,2. 160,27, 170,5. 174,12  us>r. 

uaui.;  blozen  279,8. 
blos(8)heit,  blozbeit  174,7. 177,27, 186,16. 

188,9.  245,8.  254,18.  261,26.  328,17. 

360,6.  400,6,  406,2. 
blÖBkJicb,  blo.-(sfijklich,  blosziich  378,7. 

387,11,  391,2.  450,28. 
hing schachttm,eoghtffl26S,22.  481,10; 

Uuklich  42,20.  49,31. 
bln(g)keit  221,13.  301,12.  481,4. 
blüjen,    blügen,    blfin    210,26.    212,8. 

215,30,216,20.  221,33,  223,14.239,4. 

426,14  MIC. 
biaiD(e)    96,16.   233,10.    478,9;    bl&mli 

lO.jr   i'24,-J5. 
Ijüimin,  ijeblumt  110,29,  216,21,  264,21. 

272.18.  803,3.    304,17.    313,7.    29. 
374,23  unc. 

bliiHt  ß;,f/fi'05,15, 221,31. 222,1.  224,24. 

sei  1-2,  313.*2!i. 
biat^esaend  379,18.  642,9. 
blBtig  199,4.  t99,&  204,6. 205,14, 210,23. 
blütU  121,18,  333,16. 
biatnass  379,19. 
blutruns  Blutßu!'»  542,11. 
bluträaig  btulig  tound  37,5. 
blfltvar6i«(/ar6i9213,21. 216,29,  270,27. 

276,13.  320,32.  547,28, 
bodeuspfw)  48,8.  149,8. 
böge    Bogen  (Waße)    131,12.    18.    22. 

281,13.  528,17;  Regenbogtn  214,14, 
bone,  mit  e.vn  b.  P,  513,21. 
boD5,'arteu  Baamgarten  313,7. 
port  Keuti:  Band  80,2,  11,  81,19. 


566 


Glossar. 


port(e)  Fem.  Pfofie  29,17.  38,18.  60,2. 

102,15.  103,9.  10.  174,31.  176,12,  15. 

266,5.  366,13.  414,21. 
portner  146,9.  174,32.  175,13. 
bos(s)heit,  bozheit  120,5.  128,12.  161,17. 

22.  182,1.  186,14.  332,24.  29.  501,12. 
bosren  84,31 ;  sich  b.  380,23.  445,19. 
boswibt  66,18. 

bot(t)e  101,4.  102,8.  266,9.  294,20. 
botschaft   7,19.    102,17.    243,20.    372,6. 

374,21.  384,15.  407,18.  446,26.  461,10. 

466,15.  483,14. 
bougen  489,19.  506,26;  sich  b.  504,5. 
brame  Dornstrauch  425,22.  434,16. 
brawe  Braue  551,22. 
brechen   225,8.   322,8.  406,15,  438,21; 

sich  br.  413,16.  424,2.  457,8. 
brechten  lünnen  481,11. 
bredie  131,28.  152,29. 
bredien  112,24.  25.  29.  124.10.  152,28. 

149,7.  539,2. 
bredier,  brediger  Prediger,  Dominikaner 

7,2. 132,9.  173,17. 196,2. 199,7. 253,17. 

256,24.  314,20.  365,18.  428,20.  436,17. 

497,9 ;  bredier  orden  5,18.  96,6. 120,21. 

128,13;   bredierin   (bildlich)    375,21. 

448,1. 
prefation  27,19. 
breiti  41,7. 
prelat   Klostervorsteher   (Prior)    5,18. 

84,31.  126,12.  128,28.  145,9.  422,1. 
breme  Bremse  125,15.  426,14. 
brief  68,10.    194,14.    360,2.   8.    370,20. 

373,21—30.    378,24.    380,33.    393,9. 

405,5.    479,13.    494,13;    brief  büchli 

4,18.  18,12. 
priester    78,16.    80,8.    386,12.    428,20; 

priesterlich  63,21. 
priol  I'rior  145,18.  146,1.  4.  16.  20. 
pris  149,2.  20.  151,4.  399,30. 
prisen  verhetTlichtn^  schmücken  172,12. 

241,7.   374,13.   375,2.   396,2.   446,19. 

447,12.  452,8;  sich  pr.  361,24.  411,19. 
brockelin  491,30. 
profet,  propbete  183,8.  509,7. 
prologus  3,1.  200,10. 
brotli  291,30. 
bruch  Bruchj  Miss  215,11. 


brüder  Ordensbruder,  Mönch  31,32. 
32,2.  51,13. 64,6.  66,23. 198,12. 213,23. 
214,6  usw. 

bruderlich  206,26. 

brufen,  prüfen  101,26.  157,6.  177,7. 
334,25.  377,30.  888,13.  489,5. 

brugge  123,1;  brücke  514,3. 

briinne  75,15.  21.  92,19.  210,8.  257,9. 
266,2.  385,9.  498,19;  burne  467,17; 
der  lebende  bninne  216,17.  242,16. 
265,27.  543,15.  550,20;  br.  des  leben- 
den Wassers  273,7.  543,6;  br.  de« 
ewigen  lebens  265,29. 

Prüsceu,  ein  ritter  von  P.  Deutsch- 
ordensritter 81,11. 

brüstli  254,22. 

psalteri      254,1 ;      psalterjen      25(M8. 

253.21.  22. 

höh  Trossknecht  77,3. 

publicanus  F.  613,6.  G. 

buch,  daz  lebende  liber  vitae  7,3.  256,19. 

buch   von  den   engel8(ch)lichen    Jerar- 

chien  (des  Dionysius)   390,1.  471,6; 

b.  von  den  gotlichen  namen  329,1. 
büchli,  büch(e)ün    196,1.  200,10.  324,3. 

4.   325,11.    18.   360,1.   484,10.  548,1; 

b.   der  warheit  4,9.    189,15;    b.    der 

wisheit  11,25. 
buchsak  76,2. 

büchstab  140,4.  228,29.  268,5.  393,2. 
büchs,  büchs  51,20.  23.  66,13. 
bühel  Hügel  552,7;  buhelin  .552,18. 
büle  (Christus)  92,17. 
pülverlin  308,20;  pülverlich  313,27. 
blinden  =  binden  487,15. 
punct    87,17.    160,11.    178,13.     189,16. 

191,14.   352,3.  4.    9.   3.59.21.   380,29. 

388,23. 
puutlin,  püntli(n),  pünctli  166,13. 210,14. 

272,16.   292,13.  309,9.  366,3.  437,10. 

470,2.  476,2. 
pur  451,2. 
burdi,  bürdi,  bürde  72,25.  126,11.  1:^4,1. 

212.22.  216,6.  220,22.  362,12.  368,24. 
413,2.  442,27.  473,17.  483,15.  489,20. 
490,8. 

bürg  44,15.  83,4.  102,2.  362,13.  413,8. 
489,27. 


Glossar. 


567 


burj^'er  66,15.  22.  67,26;  bnrgeriu  68,7. 

bume  s.  bruiine. 

purpurvar  252,23.  :i23,19. 

busch  54,23. 

bäaen  40,21.  80,15. 

bÖB8(e),  buz(e)  Busse,  Besserung^  Ab- 
hilfe 25,29.  39,6.  126,9.  21.  128,31. 
247,12.  258,5.  7.  12.  286,13.  506,10. 

büzeu,  buzzen,  busseii  hassen,  bessern, 
befrei  m    46,22.    55,9.    61,9.     73,27. 

258.5.  277,13.    287,2.    322,2.    382,6. 
463,15.  506,14. 

busswirdig  92,14.  134,26. 

buwen    wohnen,    bauen    54,11.    125,1. 

219.6.  514,2. 

Pyor  Altvater  105,11. 

C  siehe  K  und  Z. 

D.  T. 

tiibern  Schenke  372,20.   461,22.   552,2. 

tagen  =  tougen  417,8. 

tagen  dieTage  (unnütz)  zubringen  282,17. 

taglich,  tegelich  395,1.  434,6.  603,1. 

t-ala  =:  talanc,  tagelanc  den  ganten  2'ag 

77,6. 
Damascenus,  der  lerer  ( Johannes)  3S3,14 

Vgl.  176,8.  272,16  Kommentar. 

dank,  wider  sinen  d.  tptder  Willen  11,6; 
dankbarkeit  74,9;  -berkeit  487,1. 

dan(c)kber  215,14. 314,14. 482,16;  dank- 
berlich  25,18.  281,22.  376,12.  396,4. 
448,25;  danknem  angenehm,  willkom- 
men 542,17. 

tanz  21,17;  tanzen  21,16,  242,14. 

tapfer  372,18.  461,20. 

darben  57,20.  128,31.  188,15.  210,26. 
231,20.   317,7.  13.  368,4.  10.  441,18. 

tavel  Schreibtafel  100,13.  459,8. 

David    36,6.     107,27.    298,18.    370,28. 

406.7.  432,11.  440,23.  459,17.  490,4. 
496,22.  499,  IH. 

teilhaft  337,29;  teilhaftig  176,11.  179,15. 

telli  Tölchen  552,7. 

tempiig  engbrüstig  384,7.  466,10. 


demdt  85,34;   demütikeit,   dieniütikeit, 

-ekeit    29,11.    475,3.    486,6.   488,12. 

494,22.  501,21.  506,26. 
demutig,   dienmtig  33,12.  85,33.  «6,14. 

167,1.   420,14.  465,15.  477,3.  4H6,11. 

507,11:     demütekUch    49,16.    111,1. 

152,19.  296,23.  504,9. 
tennen  dehnen,  spannen  289,14. 
tensen  Prot,  tans  ziehen  443,9. 
termner  Almosensammler  119,10. 
terren  dörren  221,31. 
testamcnt  der  minncn  494,14. 
Theodoru»  Altvater  104,10. 
Thomas,  sant  von  Aquin  1S0,17.  428.3. 

453,29. 
thron,  tron203,12. 218,31. 224,16.263,19; 

die  hohen   throne  Engelchor  thron i 

243,16. 
dieb,  diep   66,12.    161,16.    19;   düpiich 

verstohlen,   heimlich    162,13.   377,13. 

449,27. 
tief(f)i    186,28.    213,1.    221,22.   237,11. 

445,24. 
dienst  112,31.  119,9.  14.  282,22.  298,17. 

322,19.   371,20.  406,7.  446,4.  460,17. 

489,16. 
dienstbcrr  119,8;  diensthaft  261,17. 
tiergarten  411,12.   Vgl.  361,18. 
tierli  85,13.  103,12.  125,14.  172,18. 
tievel  s.  tüvel. 

digerlicheu  P.  Adv.  sehr,  gänslich  529,16. 
timber,    tinber  dunkel  finster   186,17. 

374,10.  390,18.  446,15.  471,28,  478,17; 

timberheit  506,10. 
tinkte  Tinte  213,1. 
Dionysius  der  Areopagite  180,11.  328,16. 

24.   342,15.   388,21;   sant    D.   455,6; 

der  lieht(e)  D.  190,4.  390,1.  471,6. 
dirne  Mädchen,  Dienerin  223,18.  376.13. 

448,25. 
tischsegen  48,14. 
tischsizen  25,32. 
disciplin  Kasteiung,    Geissdung   36,17. 

41,28.  32.  42.5.  21.  22.  43,11.  44,16. 

1 35,26. 
disputieren  236,6.  504,15. 
tistel    Distel    222,11.    224,26.    310,14. 

432,21.  433,2.  IH.  19.  493,2. 


5G8 


Glossar. 


tob,  tob  tfiuhj  stumpfsinnig,   unsinnig, 

nichtig  27,11.    134,1,    376,24.   449,4. 

15.    481.9.    483,12;    tobheit    246,17; 

tobig  247,15;    toblich    Adi\    in    un- 
sinniger^ heftiger  Weise  b7,2ß.  136,25. 
troben,  toben  toben,  rasen  76,5. 8. 117,34. 
T(h":iobias  367,26.  440,23.  490,4. 
tod  —  .s".  tot  — 

tocen,  to^en  Adj,  Adv.  heimlich,   ver- 
borgen, geheimnisvoll    140,5.  190,27. 

408,7. 424,23. 548,17 ;  togeulich,  togen- 

licb3,4.5,21. 41,31. 156,27. 160,5. 189,1. 

HK),15.  193,7.  194,7. 198,6.201,18  us\c. 
togenlieit,    tos?.   21,28.  94.7.   190,6.  26. 

235,26. 
to^ü,  togiii,  to^^eue- 101.9.  206,6.  254,13. 

290,12.  428,4.  506,16. 
tobtcrli  66,11. 

tolde    Wipfel  254,10.  429,20. 
Doiuiiiicus,  sant  38,8.  145,21.  146,8.  15. 

322,27. 
doli,  ton  323,13.  425,2.  491,24;   donen, 

tonen  306,15.  19.  386,29. 
tonre  Donner  230.3;  tonren  subst.  Inf, 

230,6. 
dorf  139;ir>.   140,19;  dorfbrunno  75,19. 
toriii  483,19. 
torlic'h(en)  Ade,  wie  ein  Tor,  in  törichter 

Weise  204,16.  205,22.  219,31.  240,13. 

281,20.  31.-),  16.  482,5. 
dorn  222, 1 1 .  425,22.  432,8.  434,16;  dorn- 

stieb  542,10. 
dorniir  432,1 ;  dornin,  durnin  541,11.  14. 
toroht,    torabt    145,24.    161,28.    361,17. 

411,11. 
tonvn.  <1  Olren   dürr  icerden,    rerdorrtn 

57,20.    128,31.  210,25.  212,3.  231,20. 

317,7.  36H.4.   10.  441.17.  41)1,20. 
todbot   146,18.  378,28. 
totbliit«'n   Totenffer/cfn  44,21. 
totbriiiiicnd  435,3. 
tbdtnilicb  sterblich  03,24.   112,4.   125,7. 

i:>7.28.   160,2;i.   172,;{.   182,16. 
toten,  toden  368,4.  440,8.  491,11;  toden 

n-sfrrhrn  271,21.  285,3. 
totlicli.    t  .tlicb.    totlich    36,30.    69,12. 

203,jn.  L^04.13.  JOH.M.  259,17.  260,10. 

270.32.  277.15   iisic. 


todmiff  sterblich  31,4.  641,17. 

totschlag  80,5.  206,22. 

todschreke    Schrecken   vor   dem    Tode 

381,2. 
totsiuide,    tots.    258,4.    300,20.    422,16, 

445,26.   499,4.   500,7.    16.  23.   501.7. 

502,26.  503,2.  11.  620,8. 
totsweis,  totsw.  80,14.  285,11. 
totwunde  275,21.  321,3. 
tow,    tow    Tau   28,9.    249,26.    297,16. 

433,29;  towen  22,6. 
Tozz(e)  96,7.  367,4. 
trä^  207,8;  traklich  228,2. 

tragkeit,  trakheit  34,19.  221,14.  228,1. 

trabt  Masc.  Duft  427,19. 

trabt  Fem.  Gepicht,  Speise  24,20.  428,12. 

trabten  nacb  achten,  erwögen  5.53,6. 

trecben  ziehen  54*.  115,23.  398,9. 

trecken  Prät.  trabte  ziehen  (vom  Duftf 

425,16. 
trejen,  treyen  Prüt,  träte  drehen  198,23. 

199.9.  662,14. 
trencken  466,8.  472,17. 
trengen  bedrängen  491,32. 

triben  subst.  Inf.  Treiben,  Hinneigung 
37,24.  64,2.  137,1.  370,7.  458,16. 

triefen  81,28. 

trieger  Betrügn-  49*.  211,22:  tr.  der 
weit  120,25. 

dribeit  184,24.  186,8.  23.  186,3.  189,8. 
14.  24^3,17.  330,11. 

dringen  dringtm,  bedrängen,  heimsucht  n 
53,3.     60,8.     179,31.     351,8.    442,16. 

500.10.  506,14.  651,16. 
trink vas  51,8. 
drispizig  43,8. 

trit  236,13. 

drivalt  345,11;  drivaltig  171,5.  178,17. 

108,21. 
drivalt(c)keit,  -tikeit  25,20.   179,:30.  32. 

180,7.    185,12.   190,14.  237,8.  329,25. 

355.12. 
trom,  troni  246,13.  418,8.9.11.  524,13. 

tnumn,  tromen  456,4.  12.  524,18.  19. 

tron  v.  tbron. 

tropfen  tropfen  37,6;    treppe  I*.  516,6. 


Glossar. 


569 


tr6pf(e)ü(n),   tr6ph(e)li(n)  28,8.  208,28. 
225,13.    229,8.    237,11.     268,21.    23. 

269.2.  295,7.11. 336,14.  385,10.  432,15. 
441,25.  467,17. 

trösten,  sich  433,3;  trostli  114,13.  126, 

10.  12. 
trostlich,  troBtlicli   74,2.  87,30.  124,25. 

207.18.  380,33.  396,4.  397,1.  492,30. 
602.8. 

trostre)los  36,9.  133,16.  256,32.  264,12. 

272,16.    273,28.    31.    276,7.    321,20. 

492,22. 
troM'en    suhat.     Inf.    Drohuiuj    372,7. 

461,11. 
tnibel  Traahi'  :K)3,3. 
truchen,  tniken  trocken  383,24.  462,4. 

465,17;  truchenheit  383,22.  465,16. 
dnieken,    tnicken   drücJceii   480,5.    16. 

484,  16.  22.    493,33.   494,9.  21. 
tnig  489,20. 22;  truglich,  trüglich,  drüg- 

lich  beirügeriffch  119,2.  484,19.  487,9. 
drüglich  Adr.  von  drucken  fest  494,21. 
trujen  gesättigt  werdtn^  gedeihen  252,1. 
tninken   minnetrunken   (im  mystischen 

Sinne)    336,9.    10.     384,11.     428,17. 

466.3.  12.  562,4.  24;  trunckenheit 
421,1. 

trurig  222,24.  412,2.  484,17.  496,19.23; 

tnir(e)klich  36,1.  69,20.  109,19.  118, 

9.  18.  149,26.  275,24.  321,7.  19;  trur- 

lich  118,19. 
tnir(i)kcit,   trurekeit   36,23.   30.    62,1. 

95,20.   174,27.  233,15.  237,15.  238,6. 

448,10  usir, 
trut   Adj.  geliebt,   traut   27,14.    92,16. 

137.19.  378,2.  417,12.  440,12.  442,2. 
450,22;  Subst,  Xeutr,  Gemahl,  Ge- 
liebter 451,7.  491,13;  trutlich  226,6. 
231,15.  238,17.  321,14.  376,13.  392,18. 
429,7  us^r. 

truwen  P.  Adr.  in  Treuen  533,18;   in 

tniwen  536,23. 
tübeli  650,27. 
töchin  rmi  Tuch  152,13. 
tuchüm)  154,8.  393,15. 
tugent,   -d    Tüchtigkeit,    Tufjend    27,6. 

174.20.  303,24.  421 J7.  478,12.  487,24. 
501,9.  507,15.  25. 


tugenthaft    tüchtig,     fdeh    tugendhaft 

79,13.    84,17.    86,14.   100,24.   122,30. 

127,13.  171,11.  364,30. 394,16. 425,27. 

426,25.    464,16.    459,27;    tugentUch 

117,25.  192,18. 
tumb,  tuub  einfältig,  töricht  238,5. 371,30. 

376,10.  399,4.  448,31.  456,3.  460,27. 
tungen  düngen  206,16. 
dunk    Subst,    Masc.    Bedünken    301,1. 

362,22.  365,19.  418,9.  436,18. 
dünken,  sich  424,9 ;  subst,  Inf  359,23. 25. 
dunkel  190,18;  tunkelu  dunkel  werden 

230,2. 
tünn  552,19. 
dtinsterheit  DunkeUieit,  Finsternis  t  das 

göttliche     Wese^O     187,17.     189,24. 

330,14. 
düplich  s.  dieb. 
dur(ch)brechen,  dur]>rechen  durchfechten 

63,2.  246,33.  339,28.  446,7.  497,3. 
durchbruch,  durpruch  DurcJibruch^  via 

purgativa  84*.  52*.  3,11.  34,11.  94,10. 

97,8.  333,6.  474,17. 
durehten  verfolgen  57,22. 148,14. 462,17 ; 

durehtunge  486,6. 
durchgan  205,4.  305,3.  510,14. 
durgemint  37,6. 
dnrglenzen  242,1. 

durglesten  ganjg  erleuchten  69,24. 478,18. 
dur(ch)gie88en    173,12.  208,12.   233,30. 

453,1. 
durgraben  durchbohren  204,18.  210,19. 

316,26. 
duigTtLnt\ichkeitJJurchgrü7idung,gründ' 

liehe  Kenntnis  188,12. 
durhowen  210,19.  316,26. 
durkleren  242,9. 
durküssen  267,18.  275,16.  276,31.  321,1. 

546.10.  550,22. 

duriegen    Part,    durleit    besetzt   242,8. 

266,15. 
durchlidend  484,18. 
durloben  309,10. 
durlüffen  414,17. 
(lurchluhten  22,5.  254,18.  367,22.  425,27. 

466,7. 
durmartern    127,20.    210,15.    214,21. 

259.11.  271,3. 


570 


(Tlossar. 


durnechti^    vollkommtn,    treu    327,19; 
(lumehtklicL  Adr.  ganz  mid  gar  326,22. 
(lurnegreln  210,17.  816,21. 
durschiessen  120,26. 
durschlafi:en  210,17. 316,22. 545,16;  dur- 

sclilagencs  gold  242,7. 
durschmelzen  266,14. 
durchschuiden  229,24.  284.5. 
durschowen  208,14.  214,18. 
dursehen  30,10.  529,17. 
durseren   gane  in   Schmers   versenken 

210,27.  317,11. 
dursofen  ganz  ertränken  127,28. 
durstechen  315,19. 
durchvaren  P.  529,16. 
durflosseuheit  15,15. 
dur(ch)wegeu  durchirehen  452,14.  24. 
durchwiileclich   Adr,  ganz   mit  freiefn 

Willen  553,6. 
dur(ch)wunden  41,17.  69,8.  120,26.  127, 

27.  29.  199,4.  210,2.  27.  271,2.  317,11. 

318,31.  541,33. 
durwünklich  245,19. 
dürftig  bedürftig,  arm  72,26.  30.  91,4. 

159,3.  249,10.   267,7.  286,21.  368,25. 

428,10.  443,1. 
turn  Turm,  Verlies  76,25.  293,24.  400,23. 
tuniei,  -ey  Turnier  149,22.  152,15;  tur- 

nieren  149,12.  252,15. 
tur  teuer,  selten  295,14.  299,25. 
dürr,  tiirr  darr,  trocken  91,5.  199,22.  23. 

289,25.  297,15.  303,17.  373,25.  384, 

6.0.  409,15.  432,21.  466,9.  492,4.28. 
dürre,   dürre,  türri,   türi   Dürre  92,20. 

145,17.  1911,22.  257,23.  319,27.  543,7. 

552,6. 
turst  95,5.  201,2. 
türst^n    nach    240,26.    272,26.    274,11. 

305,15. 
tur8tig,tür8tig91,5. 92,18.99,5.14.272,28. 

274,8. 10. 361,28. 384,27. 41 1,25.  467,5. 
turteltüb(c)li(n)  425,11.  19.  492,3. 
tusontvalt  191,8.  376,18.  424,14.  447,20; 

tusnitvaltklich  448,30. 
tütsch,  tusch  deutsch  7,2.  104,3.  124,29. 

126,14.   197,10.  199,19.  200,18.  397,5. 

4K),20.  484,10.  495,5;  tütscher  Deut- 

sehn-  199,25. 


tüvel,üefel  114^5. 115,6. 119,26. 121,15. 
131,21. 22. 25.  135,82.  187,14.  159,13. 
167,11.  332,25.  2a  362,2.  369,19.28. 
32.  370,3.  33.  383,10.  412,6.  457,15. 
458,3. 7. 11. 18. 459,27. 464,26. 489,26. 

490.22.  503,6.  505,6. 

tüfellich,  tiefellich  115,15. 131,14. 133.11. 

370,16.  459,5. 
twiges  P.  zweimal  635,22. 
twingen  s.  zwingen. 

e,  die  alte  (und  nüwe)  alter  (und  neuer) 

Bund  132,28.  183,18.  327,10.  351,14. 
ebenleugi  gleiche  Länge  67,8. 
eblich,  ebenlich  Adv.  a%rf  gleiche  Weist 

65,6.  63,11.  27.  74,17.  98,14.  116,20. 

172,15.  227,15.  282,28  usw. 
echt,  eht(e)  Adv,  Conj»  bloss,  nur,  eben, 

/re/i/j  nur  47,11. 143,32. 162,18. 220,31. 

221,16. 248,9. 296,1 .  301 ,21. 344,29  «A'*r. 
ed(e)li,  edele  228,16.  248,2. 325,9. 3ai,16. 

421,9.  438,29;  edelkeit  421,2. 
edelu  192,1.  438,28. 
efrowe  448,24. 
eggeht  eckig  199,5. 
Eghart,  der  selig  meister  22,28 ;  der  lieiliir 

meister  Egghart  (Eghard)  63,4.  99,20. 
egstlich  schrecklich  546.15. 
Egjptus  454,21. 
eig(e)ueu    zuteilen,    zu    eigen    mach>:n 

390.23.  472,5.  550,25. 
eigenschaft   Eigenschaft,   Anhänglkh- 

keit  an  das  Irdische  {Gegensatz  zu 
gelassenheit)    101,11.    179,22.    183,1. 

184.24.  187,7.19.  188,2.  274,14.  .331,2. 
332,28.  340,27.  350,4.  351,25.  387.S. 
486,12.  488,23.  489,2.  10. 

eigen  tum  490,21. 

eigen  willen  397,15. 

ein,  eins  =  Gott  164,6.   193,29.  340,29. 

341,22.   344,13.  345,11.  347.6.  478,4. 
eiuberkcit  Einheit  420,21. 
einberlichen  Adv.  übereinstimmen  d^lH^'J; 

eynbarlich  Ai(i.  519,14. 
einboru  dugehoren  70,11.  91,11.  19.  24. 

134,6.  214,11.   19.  333,3.  339,4:    eiii- 

geborn  339,10.  355,8.  18. 


Glossar. 


571 


einförmig  166,9.24;  einformikeit  355,11. 
einhom  J^tVi^om  266,25. 
einig,   daz  (ein)  eiuig(e8)  ein  =  Gott 
93,20.   106,35.   156,6.   164,3.    177,27. 

225.16.  294,23.  313,1.  330,1.  477,18. 
einigen,  ainigen  vereinigen  169,7. 170,12. 

337,11. 
einikeit,  -kait  Alleinsein,  Einheit,  das 

göttliche  Wesen   60,6.   88,12.   104,9. 

180,8.26.  184,21. 185,6    24. 186,3. 13. 

187,12.    188,14.    189,8.  17.    190,1.  9. 

226,28.  328,10.  329,19.  330,12  usxc. 
einkein  =  enkein,  nehein  122,13.  157,8. 
einkosen   im  Innern   vertraulich  reden 

88,14. 
ainmüt  innere  Einmütigkeit  170,17;  ein- 

mutikeit  Übereinstimmung  339,22. 
einreden  mit  sich  selbst  reden  54,19. 

89,29.   127,3.  173,22.  231,23.  361,27. 

377.27.  411,24.  450,16.  453,13. 
einung(e)    Einigung    167,29.    334,8.  5. 

342.23.  474,11. 

cinvaltig,  -veitig,  ainvaltig  4,16.  97,16. 

157.24.  160,8.  162,27.  164,14.  27. 
167,19. 171,4. 19. 174,7. 177,13, 22.24. 

178.1.  3.  17.  19.  184,12  usw.;  eiu- 
valt(e)klich ,  ainvalteklich  17,23. 
162,10.  163,17.  185,17.  187,3.  292,4. 

376.17.  397,4.  448,30. 
einvalt(e)keit,   -tikeit,   -veltikeit,   ain- 

valtikeit  160,1.  164,27.  166,31.167,20. 

22.  176,10.  178,4.   185,14.  25.    186,3. 

187,8. 193,22. 194,2. 218,6.  327,27  usw, 
eitoven  Feuerofen  258,6. 
el(e)ment  28,4.   165.20.  172,24.  543,10. 
elich  ehlich  361,24. 
Elisabeth  v.  Klsbet. 
eilende    6' übst.   Fremde,    Verbannung, 

Trübsal  203,13.   211,8.   244,7.  267,8. 

312.25.  418,3.  436,15  usw, 

eilende  Adj,  fremd,  verbannt,  beklagetis- 
wert  202,24.  208,21.  211,18.  213,18. 
217.5.  10.  15.  24.  218.25.  220,26. 
237,14  usw. :  ellend(e)klich  69,4. 79,25. 

124.2.  126,9.  127,17.  175,5.  204.7.  20. 

211.28.  217,16  usiv. 

eilenden  unpers,  elend  machen,  quälen 
223,16.  312,26;  suhsU  Inf.  322,17. 


Elsas  75,16. 

Elsbet  Staglin  .v.  Staglin. 

Elsbet,  Elisabeth,  die  liebe  sant  367,25. 

440,22. 
em(t)zig,   emsig   beharrlich,   beständig 

171,9.   192,17.   193,7.  409,1.   431,17. 

433,28.  445,8  ustc;  emz(e)klich,  ems- 

klich   205,19.   392,26.  415,18.  476,8. 

477,6;  emzikeit  301,17. 
empf —  s.  enpf — 
cnbissen  essend  oder  trinkend  geniessen 

10,12.  24,13.  25,9.  76,20.  265,19. 

enblozen,    enblo8(8)en,   entblosen,   ent- 

plozen  95,21.   125,16.   174,7.   186,19. 

318,16.  450,28.  476,17. 
enbrennen  303,22.  466,16. 
enbresten  Frät,  enbrast   hervorbrechen 

50,15.  69,31. 
endrunge  341,17. 
ener,  enr  =  jener  58,29.  77,22.  91,21. 

142,9.  148,23.  229,26.  254,26  M*tr. 

Engad(d)i  303,4.  493,11.  553,18. 

engel,  der  e.  naht  20,25;  der  e.  hohzit 
59,6 ;  in  der  heiligen  e.  octave  373,28. 

engels(ch)lich  englisch  20,26.  64,23. 
96,8. 101,10.  13.  17. 109,16.  137,16.26. 
144,27.  183,12.  243,20.  250,8  usw. 

eugelschar  446,24;  engelspise  (Eucha- 

ristie)  297,20. 
cngelten  119,16. 
engen  entgehn  188,5. 
engen  engen  249,8.  496,16;  engi  358,16. 
enklein   ein   wenig  18,21.  41,20.  46,24. 

49,17.  113,19  ustc. 
enpfaUen   159,12.   192,26.  472,4.  477,8. 
enpfen(gjklich,  enphenklich  99,8. 156,18. 

156,8.    173,10.  214,3.  221,26.  223,28. 

356,14.  388,13.  456,6.  469,17. 
enpfinden,      enph — ,     empf —     94,23. 

167,7.  'JH.  223,25.  228,2.  229,7.  234,15. 

272.5.  284,4.  296,27  usw. 
enpftndung,  i'rapfindung  56,25.    169,24. 

184,7. 
enpfintlich,   enplj—  22,22.  41,4.   140,9. 
143,3.  6.  188,20.  202,9.  299,23.  301,17. 

385.6.  394,26.  467,12. 
enpfintlichkeit  34,20.  140,6.  193,1. 


572 


Glossar. 


entbilden  von  Phantasiebildern  hefreien 

160,28.  168,9.  338,5.  347,5.  391,2. 
entbUtlich  391,2. 
entbinden,    enbinden,    befreien,    lösen 

220,28.  315,24.  460,30.  504,9.  539,?3. 
enteü  49,3.  52,7.  128,26.  168,33.  381,14. 
€nt.ekunge  186,16. 
enteren  381,13.  462,10. 
eutgan   334,10.   341,21.   354,2.   359,25. 
entgaugenheit    Entrückung,     Ekstase 

94,27.    113,13.    168,16.    189,16;    ent- 

gangung(e)    162,31.    168,19.    344,12. 
entgeisten  den  Geist  in  der  höchsten  Be- 
schau ang  absorbieren  181,28.  182,14. 

183,1.  189,21.  193,25. 
«ntgiesseu  181,16.  186,20.  186,6.  207,3; 

sich  e.  180,13.  14.  233,6. 
i}ntgie8sung(e)  (von  der  TrinÜät)  179,2  ff. 

181,12. 
«ntglichen  transfonnare  (in  mystischem 

Sinne)  347,5.  366,16. 
entgossenheit  (von  der  TrinitM)  179,29. 

31.  180,18.  181,4.  185,7. 
«ntgoten  181,28.  182,9. 
entgroben  von  der  Sinnlichkeit  befreien 

94,24.  168,9.  327,20. 
enthalt  Stütze,  Schutz  350,11. 
«nthalt^n    unterfialien,   erhalten    173,2. 

187,14.    16.    266,1.    264,18.    613,23; 

sich  nit  e.  73,29.  84,16.  548,20. 
entheftcn  losmachen,  lösen  190,13. 
entheissen  geloben  152,26. 
entkleiden  186,17.  21. 
entladen  befreien  225,19.  376,1. 
entledigen   358,8;    sich   cntlid.    473,17. 
entlenen,  in  entlenter  wise  174,23. 
entmenschen  337,22. 
entuemen  verzücken  349,28;  entnomen- 

heit  163,1. 
entroincu  verunreinigen  541,19.  544,22. 

552.7. 
entrihtcn  in  Unordnung  bringen  221,10. 

373,10.    381,13.    462,10.    470,7;    ent- 

rihtiiujre  109,20. 
entriiwen    in    Treuen,  füruahr    511,2. 

514,18.     515,19.    23.     .521,21.      Vgl 

triiwon. 
<'nt.«<ugon.  sich  438.3. 


ents(ch)laffen     einschlummern     223,19. 

458,20.  496,7. 
entschlahen  befreien  343,18;    sich  ent- 

8(ch)Iahen  162,6.  483,20. 
entschopfen  entstellen  646,8.  561,26. 
entschüten,  sich  s,  losmachen  164,2. 182,7. 
ent8ez(z)en    berauben    106,32.     118,30. 

130,22. 169,32. 186,4. 188,6. 13. 193,29. 

330,12.  337,12.  348,13. 16  usw.;  ent- 

setzange  sin  selbs  360,19. 
entsinken   17,3.   23,10.   94,11.    139,25. 

168.22.  189,19.  20.    192,33.    332,26. 
336,11.  336,18.  340,11.  357,17. 

entsprunglichkeit  Hervorgehen  185,7. 
entsübem  verunreinigen  277,10.  .32131. 
entsunkenheit  Verzückung  90,19.  93,8. 

182,26.  187,23. 
entvarwen,    entferwen    54,26.    409,10. 

439,23. 
entfriden  des  Friedens  berauben  371,29. 

460,27. 
entfrien  frei  machen  168,27.  353,3. 
entfremden,  sich  161,11:  entfromdekeit 

189,1. 
entwegen  aus  der  Fassung  bringen4\4,9. 
ent werden  zu  nichte  werden  (mgsttsch) 

164,11.   166,6.   168,13.  170,1.  186,14. 

335,18.  23.  336,12.  14. 
entwerfen    191,1.   226,8.  396,22.  397,2. 
entwisen  wegweisen  163,10, 186,21. 190,1. 

356.23.  378,7. 
entwordenheit  54,4.  160,7.  354,13. 
entwordenlich  343,17.  350,25. 
entwürken    vom    Irdischen    losmachen 

160,29.  165,20.  168,18. 189,21.  102,31. 

341,19. 
entzogenheit   Verzückung  127,34. 
enzit  bei  Zeiten  62,13.  424,3. 
enzweres  hin  und  her  323,26. 
epfcl,  opfel  361,22. 411,16;  epfelli  25,21 ; 

opfelbom  548,18. 
epistel  36.9.  347,27. 
erarnen    einernten,    encerben,    erretten 

42,23.     50,7.     72,30.    87,23.     117,25, 

121,17.  122,12.  133,18.  176,21.  214,1. 

217,17   Ui<tr. 
erbalden,  sich  .s.  erkühnen,  Mut  fassen 

5,12.  117,2. 


Glo88ar. 


573 


erbarmherzig  71,10.  72,9.  213,15.  214,22. 

220,24. 504,7. 506,24 ;  erbannherzklich 

315,29. 
erbarmher(t)z(i)keit  206,25.  207,3.  214,4. 

8.22.  409,12.  444,25.  447,27.  498,20. 

501,13. 
erbeit,  erbet  s,  arbeit, 
erber  25,27.  49,12. 15.  68,7.  76,11.  79,18. 

80,8.  119,9.  148,5.  340,6.  484,4.  485,2. 
erberkeit  222,5.  456,7. 
erbennklich   72,9.   88,3.    217,5.    246,2. 

278.11.  321,12. 

erb(e)8ünde  333,23.  387,16.  468,20. 

erbeteil  494,15. 

erbid(e)meii  erbeben  230,3.  271,30. 

erbilden,  sich  s.  abbilden  292,8. 

erbleichen  80,13.  88,6.  208,6. 13.  209,10. 
270,26.  316,15. 19.  551,27. 

erblenden  verblenden  136,2. 

erblujen  261,11. 

erbrechen  subst.  Inf.  Abbrechen,  Ent- 
haltung 9,26.  362,17;  sich  erbr.  *.  Zo^ 
reisscn  77,1. 

erbresten  Frät.  erbrast  hervorbrechen 
122,20.  Vgl.  enbresten. 

erbunnen  missgönnen  546,6. 

erdarben   hinschwinden   212,2.   273,31. 

368.12.  441,20. 
erdber  31,31. 

erdorren,  ertorren  35,17.  210,11.  212,1. 

273,31.  441,5.  6.   8.  21.   491,16.    17. 

10;  erdürren  538,8. 
er(e)lo8  49  ♦.  382,20.  463,27. 
erenrob  14,1. 
erenwirdig  49,21. 
ererbeiten  98,20. 
ergaben  ereilen  365,14.  436,11. 
ergebenlich  ergeben,  untertänig  357,1 ; 

Adv,  368,6. 
ergilwen  gelb  machen  214,18. 
ergraben  eingraben  393,13.  394,31. 
ergremmen  in  Gram  versetzen   229,32. 
ergremt  mit  den  Klauen  gefasst   (von 

erkrimmen)  282,9. 
ergründen  256,26.  268,26. 
ergrunen    grün,  frisch    machen,   grün 

werden  210,12.  214,17.  261,11.  312,20. 

409,15. 


ergTHzen  begrüssen,  anspr'.chen  312,20. 
erhaben  Part.  Adj,  erhaben,  angesehen 

57,8. 
erhaben  Part,  erhangen  erhängen  161, 

23.  207,27. 
erheben,  sich  geschwelten  413,14. 
erhellen   Prät.   erhal   erschallen    18,1. 

93,28.  423,13. 
erhenken  542,26. 
erhizzen,  —  tzen  139,21.  227,11.  365,29. 

437,2. 
erhohen  218,32. 
erholter    süfze    tiefer    Seufzer    77,24. 

126,26. 
erhügen  erfreuen  48,23.  243,7. 
erkalten  199,19;  erkelten  40,27. 
erkantheit  Erkenntnis,  Einsicht  162,9. 
erkantniss  342,10. 
erkennen,  sich  342,9.  10. 
erki(c)ken     erfrischen    200,4.    251,10. 

275,11.  381,1.  543,15.  549,16. 
erklenken  erklingen  lassen  425,8. 
erkleren  erkuchten  303,22. 
erklingen    199,15.   213,10.   246,10.  22. 

306,17.  313,22. 
erkoseu    subst.   Inf.    trauliche    Unier» 

haltung    113,11;    sich    erk.    263,21. 

443,1. 
erkrachen  143,5. 

erkriegen  140,6.  170,19.  515,21.  516,16. 
erkulen,   erkulen   46,17.    84,22.   85,23. 

202,27.  208,15.  276,11. 
erkunt  (sich)  von  erkomen  erschrecken, 

oder    von    erkumen    krank,     elend 

werden  (Lex.  I,  645)  205,31. 
erleinen,  sich  s.  anlehne^i  138,30. 
erlich  trefflich,  herrlich   170,11.  241,7. 

296,15.  370,26.  459,15. 
erlofen    durch    Laufen    ereilen   79,23. 

281,21 ;  sieh  e.  s.  zutragen,  ablaufen 

175,22. 
erloscherin  250,24. 
erloser  499,16.  540,17.  554,25;  erlosung 

540,11.  27. 
erlühten  177,28.   220,28.  204,1.  303,21. 

390,3.  446,15.  471,8. 
erlühtung(e)  61,31.  388,20.  469,24. 
erluphen,   erlupfen  3,7.  114,11.  313,10. 


574 


Glossar. 


«rmeien  ergötzen  208,10 ;  sich  ermeijen 

440,2. 
ermlich  B6l3,20 ;  ermklich  217,26. 421,20. 
ermorden  78,29.  148,6;  ermorden  148,1. 
ermüden  215,26. 

eniiündem  251,10;   ermundning  538,1- 
ermüten  einmütigen  818,5.  459,17« 
ernassen  noss  werden  35,19. 
emschlich  90,17.  365,25.  373,14;  ernst- 
haft 218,2;  ernsthaftig  487,1. 
emüwren,    sieh    486,9;    emüwerdng(e) 

436,6.  15. 
ersam  870,22. 

erschamon,  sich  25,8.  27.  440,28. 
erschellen    Pr^t.    erschal,    Part,    er- 
schollen, erschallen  erschallen  31,26. 

67,20.    68,2.    112,3.    120,10.    139,28. 

257,3. 
erschiessen  erschiessen^  fi'uchten  74,26. 

237,11.  12. 
erschozzen  gedeihen  machen  320,14. 
erschrien  aufschreien 30,1 1 . 73, 17.21 2,18. 
erschro(c)kenlich   erschre^iklich    181,11. 

279,34.  300,15. 
ersehen  67,12. 

ersetzen  subst,  Inf,  Ersatz  255,1. 
ersigen  Prät.  erseig  und  ersigde  ver- 

siegen  127,15.  16.  543,6. 
ersitzen  Part,  ersessen  missraten  (vom 

Obst)  25,10. 
erstan     auferstehen     93,13;     erstehtUy 

erwerbeti  848,21. 
erstSLudung  Auferstehung  i  mi/st. )  168,30. 
erstarcken  426,9. 
ersteinen  zu  Stein  werden  70,27.  206,28. 

222,19.  268,8. 
ersterben  40,1.  70,28.  78,13.  80,6.  92,12. 

126,16.  180,7.    142,8.  205,18.  213,11. 

288,24.  260,81.  268,1.  275,20  usw. 
erstgebor n  884,19. 
ersti  Anfang  58,22.  84,7.  829,15.  422,6. 

428,6. 
erstumben  80,15.  199,24.  202.22.  374,31. 

447,10. 
ersuchen     heimsuchen    87,16.    858,10; 

sich  e.  sich  erforschen  503,15. 
^rsüfzen  85,20.  58,10.  65,1. 85,15. 119.21 . 

121.28.   175,11.  217,16.  448,10. 


erswarzen  88,7. 

erswcm    Präf,   erswar    zu   eitern   an- 
fangen 40,28. 
ertoden,   ertoden   sterben  35,18.  80,13. 

208,6.  14.  209,10.  269,21.  816,16.  19. 
ertoden  töten  77,6.  123,5.  269.9.  271,6. 

393,1.  553,1;  sich  selber  e.  110,27. 
ertoter  Mörder  318,28. 
ertrenken  77,9. 
ertrinken  78,12. 

ertruchnen  trocken  werden  76,20. 
ervehten  365,14.  436,11. 
erveren,  sich  P.  erschrecken  590,1.  535,4. 
ervolgen  erreichen,   erfüllen,   zu  Ende 

führen    3,14.     86,5.    98,7.    23.    27. 

107,13.  208,25.  315,33.  324,8.  326,18. 

331,21  usw. 
erfülli  Erfüllung,  Befriedigung  548,4; 

erföllunge  237,12. 
erwarmen,  sich  82,5. 
erwe{c)ken  211,18.  547,21;  subst,  Inf 

541,24. 
erweichen    icdch   werden,    w,    machen 

73,31.  137,32.  206,28.  227,11.  268,10. 

318,32.  321,18.  435,11.  552,29. 
erweinen,  ^ichs,  ausweinen  122,22. 175,6. 
erwerberin  250,25.  267,10. 
erwer(r)en  mit  Vat,  abwehren,  verhin* 

dem;  sich  e.  73,3. 
er  winden     aufhören,     ablassen     45,1. 

134,29.  369,28.  892,4.  458,3.  479,26. 
crwirdig  244,1.  245,2. 
erwischen  Prät,  erwuste  77,12. 
erwisstro  Erhsenstroh  45,2.  6. 
erwitteren  ausspüren  208,10. 
erwünscht   PaH.  ganz  nach  Wunsch^ 

rollkommen  546,1. 
crzagen   t^erzagen   56,29.   70,30.   80,15. 

91,85.   98,25.    127,14.    149,18.    152,5. 

247,2. 
erziehen   herausziehen,   zücken  453,27. 
erzittrcn  229,32.  239,26. 
erzogen,  erzoigen,  erzeugen  23,6. 207,3. 

208,21.  444,17.  453,10.  467,18.  474,12. 

489,12;  unpers.  879,7;  sich  e.  163,21. 

167,6.  170,8.  493,24. 
erzogung,  erzoigung(e)  125,19.  20H.23. 

262,5.  818,20. 


( 1  lo88ar. 


575 


eizujren  erzeugen,  fertig  bringen  54,7. 
107,15.  24.  162,2.  409,17.  425,13. 

erzünden  294,38. 

csche  s.  äsche. 

«strich  44,10. 

etlich.  in  e.  er  wiae  guodammodo  345,12; 
nach  c.  er  w.  351,5. 

Eva  369,21. 453,21. 457,18.  533,18;  Eva- 
Maria  265,17.  18. 

evan^elium,    ewan^   —  48,11.    132,29. 

184.13.  186,9.    197,18.  340,20.  345,5. 
351,15.  373,5.  511,26.  525,2. 

ewig  (Definition)  171,18.  343,23. 
exemplar    Vorbüd,    Muster    3,2.    4,6. 

237,8. 318,15. 331,18. 1 9. 338,5. 476,24. 

531,17.  547,14. 
aya,  eia  127,9.   137,11.  143,12.  167,27. 

171,25.  184,20.  190,3  uew, 
ezzich,  essich  44,1.  46,24.  272,27.  543,7. 

P  siefie  V. 

G. 

gaden    Verschlag  76,16. 

gaffelatim  freches  Weibshüd  481,8. 

gafifen  s»  kapfen. 

galander  Haubenlerche  374,12;  callan- 

der  446,17. 
galge  (Kreuz)  34,25. 87,7. 213,21. 259,10. 

267,28.464,11.  542,24.  543,27.  545,18. 
galle  46,24.  272,27. 
ganaist,  gneist  Furike  285,17.  483,16. 
gan(t)zheit  12)5,23.  291,29. 
gani  P.  516,10. 
ga8thu8    Abteilung    des    Klosters  für 

Fremde  86,22.  137,6.  219,10.  372,20. 
geamen  ernten  83,20. 
gebaren  sich  benehmen  123,27.  149,19. 

26. 150,3. 152,23. 172,21.220,7. 297,20. 

365,25  usw.;  sich  g.  231,1.  294,22. 
gebein  45,13.  214,17. 
geberde    80,13.    186,28.   221,22.   260,9. 

321,19.  20.   414,9.  18.  481,14.  487,9. 

491,32.  38. 
geberen  gebären  191,27.  293,23.  330,26. 

340,24.  27.  348,9 ;  sitbst.  Inf.  179,27. 

330,17.  849,15.  473,«;  sich  g.  162,10. 

186.14.  16. 


geberer  355,22. 543,23 ;  gebeninge  840,23. 

856,10. 
geberlich  340,19.  343,9.  347,11.  350,12. 
gebe88er(e)n,  gebesren  286,25.  26.  308,7. 

313,13.   372,14.  373,13.  426,9.  449,2. 

461.17.  485,4. 
gebeüi(n)  18,11.  36,26. 
gebihten  602,20. 
gebUden  168,10.  191,6. 
gebirge  188,20. 
gebiss  252,8. 
geblnmt  s.  blnmen. 
gebrech  Glanz  537,3. 
gebreht  Lärm  75,7.  414,17. 
gebre8t(e)    Gebrechen  ^    Fehler    87,20. 

94,30.    115,8.  116,24.  169,27.  161,18. 

177,26.  246,2.  256,22  usw. 
gebresten   mangeln    11,7.    91,4.    240,6. 

283,8.  386,24.  429,33  usw. 
gebresthaft     416,12.     449,25.    488,29. 

499,22;    gebresthaftig    92,22.    133,2. 

134,21.    157,28.    364,5.    877,12;    ge- 

brest(k)lich  5,11. 156,24. 166,11.182,6. 

193,6.  309,24  usw. 
gebruchen    28,21.    96,25.    168,28.    30. 

170.18.  193,22.  301,24.  369,12.  379,4. 
389,6. 

gebruchlich  332,18. 350,30. 361,1. 474,10. 

gebrüchlichkeit  186,30. 

gebruchung  334,2.  349,18. 

gebur  Bauer  31,1.   77,12.   82,16;    ge- 

bürin  420,23. 
^eburschheit  Rohheit  123,13. 
gehurt  117,9. 119,6. 168,5. 179,16. 181,13. 

191,33.228,6.224,11.276,1.281,11  M«r. 
gedenielin  Kämmeriein  496,4. 
gediht,  gdiht  schriftli<:he  Aufzeichnung 

in   Poesie    oder    Prosa   26,6.    90,27. 

157,8.  158,9. 
geding  Neutr.    Vertrag  144,5. 
geding(e)  Xeutr.  Hoffnung  47,19.377,28. 

450,17. 
gedone  17,24.  18,27.  20,26.  26,12.  29,22. 

31,17.  20.  189,29.  223,8  usw. 
gedonen  813,24. 
gedrani»:,    gedrentre    10,14.    56,4.    62,4. 

68,26.     69,1.     116,3.     126,20.    128,8. 

149.1H.  .827,6.  337,28.  358,16.  367,16. 


576 


(Tlossar. 


^edult(e)keit,  jj:edultik-,  getultik-  :i3.11. 

60,14.     G4,10.     91,28.    98,9.    108,25. 

248.11.  251,16.  252,19.  504,8. 
gedult(e)klich  85,30.  86,9.  90,15.  102,26. 

184,9. 145,3. 161,24. 192,20.  236,7  usw. 
gecdeln  adebi  207,8. 
gegen  wurf   Vorwurf,    Objekt,    Antwort 

29,5.  81,1.  88,10. 103,26. 125,29. 160,8. 

168,21.  174,26.  180,21.  181,8. 10  usir. 
gegenwärtig  95,16. 133,2. 158,31. 169,11. 

170,20.    177,25.    178,3.   200,4.    204,4 

asu\;  gegen wnrt(e)klich  73,1.  95,22. 

165,13.    179,25.   236,18.   297,28  utm\ 
gegen  würt(i)keit,      -wertikeit      24.16. 

164.15.  169,3.  176,15.  177,6.    178,10. 
-    179,8.     188,12.    221,26.    230,24.    27. 

281,26.  232,82  lufic. 
gegin  Gegend  67,6.  131,31. 
geh  jdfi,  ungestüm  414,8;  gah  455,9. 
gehabd,    gehab    Benehmen    126,28.  24. 

822,8. 
gehaben  suhst.  Inf.  7.3,30;  sieb  g.  sich 

hcnehmen,  heJindenS6,^2.  37,10.48,22. 

57,82.  69,28.  83,22.  91,32. 92,1. 112,17. 

120,30.   131,5.  132,14  usw. 
gebeilen  Jieil  werden,  heilen  197,9. 467,4. 
gebeissfe),  gehaiss  IWsjn-echung  184,16. 

282.16.  285,21.  418,9. 

gebeissen  mit  Dal.  versprechenj  in  Aus- 

sicht  stellen  69,2.  287,17;  daz  g.  land 

150,11.  4.54,21. 
gehelleu  zustimmen  840,1. 
geborz  beherzt  207,18. 
gebilfe  207,17.  423,24.  484.5. 
geborde  Gehör  209,6.  316,8. 
geborsanii,  -e  Gehorsam,  Klosterzucht 

70,19.     78,82.     Hl, 14.    218,6.    273,2. 

274,13.  820,8.  340,15.  381,8  usw, 
gebiigde  Gedächtnis  215,18. 
geierren  54,11. 
geil  muitnlliij  105,21. 
geisel  48,5.  9.  16.  19.  21.  44,6.  22.  199,6. 
geiselseblag  204,18.  815,18.  541,27. 
geislcii  42,1.  48,25.  206,22. 
geistekeit  185,3. 
geisten  spirare  185,27. 
gei.stenricb,  geistricli  160,6.  171,2. 193,4. 
gei.ster  und  geisterin  83,14.  15. 


gejegde  Jagd  103,12.  216,14. 

gekeren  361,29. 

geladen  Part,  beschwert  175,2.  212.27. 

809,28. 
gelagen  auflauem  376,27.  448,7. 
gelassen,  -z(z)en,  -zsen  verlassen  79,80. 

124,29.  238,17.  251,5.  270,15.  272,18 

ustc;  Part,  gottergeben  37,7.  54.32. 

93,9.  127,29.  166,21.  168,3.  9.  21.  26. 

27.   29.    169,8.  19.  22.  28.    170,7.   9. 

14.  232,17  US1P.;  sich  gelan   880,14. 
gelassenheit,  -z-,  -zs-  53*.  23,5.  10.  19. 

63,7.  64,3.  97,13.  127,6.  9.  25.  15S,I5. 

161,10.  14.  16.  20.  23.  25.  29.  162.1. 

6.  8.  166,11.  170,5  usw.  usw. 
gelassenlich,  -z-  34,16.  189,5.  23244. 
geleben  erleben  73,14;  gelept  im  geist- 
lichen Lebeti  e?  fahren  184,2.  7.  828,4. 

888,2. 
gelegen   die  spräche   verlieren   270.28. 

308,17. 
gelegenbeit  SacJdage  93,24.  368,14. 
geleiehen,  sich  s.  rühren  45,10. 
geleisten    72,7.   227,21.   287,13.    269,8. 

270,2.   290,15.  296,18.  301,2.  375,82. 

420,25.  430,21.  448,12.  609,16. 
gelenden  landen  377,9.  449,23. 
gelert  Part.  Adj.  298,11.  828,4.  .502.2^). 

508,12. 
gele8s(e),  -ze,-z8e  Gebahrcn66fi,  187.15. 

301,22.  336,16.  554,28. 
g(e)liebeu   209,4.   259,24.    863,8.  409,3. 

440,31.  496,16;  sich  g.  209,4.  258,27. 

361,18.   363,15.  411,12.  421,5.  422,2. 

441,22.  442,10.  47.8,16. 
glich(b)eit  92,6.  180,1.  25.  256,2.  261,18. 

262,2.   274,27.   293,22.   310,2.   317,5. 

338,4  usw. 
gelicbnüze,   glichnÜ8(se),  -uusfs),  -nöst, 

-nust,   -nisse  144,26.  181,9.  191,1.  8. 

192,4.    196,17.  198,4.  214,24.  241,24. 

;302,24.  3:38,13.  20—26.  339,4  tunc. 
glicbnusgebend  8,8.  191,10. 
glicbstan  127,6.  256,11. 
glicbformelich  490,11 ;  gelichformigkeyt 

P.  .526,29. 
gelid,     glid    91,28.    210,1.    21.    317,3. 

889,7.  9. 


Glossar. 


577 


gclieben    lieh    machen     114/23.    258,4. 

413,4;  sich  g.  210,15.  548,11. 
^eliegen  lügen  294,4. 
geliger  Lagerstfttte  44,25.  45,5. 
g(e)limpf,    -npf    Schicklichkeil  j    ange^ 

messenes   Benehmen    136,15.   233,16. 

370,6. 
gelimpfen    Kacimcht    üben,    verzeihen 

4a5,10. 
glob(e),  gelobe  79,29. 80,33. 89,16. 100,26. 

101,1.    141,9.    154,4.   393,10.    492,27. 

498,10. 
i;(e)loben,   g(e)loben  glaubeti,    geloben, 

/mcAÄicÄ^«^i^mi  137,28. 251,15. 419,13. 

424,10.  432,18.21.  486,15.  498,3.  502, 

7.  16.  503,19;  sich  g.  abstehen  372,11. 

461,15. 
gelobet  belaubt  466,5. 
gelobig  treu  {fidelis)  231,20. 
gelcts  =  geless  491,32. 
gelosen  126,18.  281,32.  366,19.  371,23. 

438,10.  14.  18.  460,20.  504,13. 
gelt    Bezahlung,     Geld    67,28.    79,16. 

146,15.  25.  147,3.  148,13. 
gelten  zurückzahkn  146,17. 
geinb;e)de,  -bte  144,10.  16.  152,7.  361,8. 

410,20. 
gehiben  geloben  214,13. 
gelükd,  .ck(e),  glük((l)  15,22.  23.  122,11. 

255,4.  394,7.  483,5;  glük(t)rad  123,20. 

424,18.  435,7;  der  Glfikd  rad  364,26. 
g(e)lückhaftig  394,25.  33. 

geludem  reizen,  verlocken  377.4. 
g(e)irist«  170,13.  209,10.  316,19. 

g(e)luäten  223,11.  264,23.  303,5.  412,3. 

429,8. 
ghistliche  Adr,  486,10. 

gemach  Bequemlichkeit  35,15.  46,27. 
55,11.  29.  56,7.  238,2.  247,13.  284,16 

KfttC. 

gemahel  211,16.  212,12.  28.  213,23.  30. 
227,14.  17.  244,6.  254,23.  266,18. 
295,3.  296,14  u.sw. 

gemahellich  206,27.  296,24;  gemchel- 
lich  4H3,3. 

gemaheln,  gemeheln  rcrmähUn  15,16. 
361,'^.  483,1. 

II.  Scusc,  Deutsche  Schriften. 


gemahelschjiit     11,20.    216,25.    219,29. 

361.25.  409,18.  411,20.  538,6. 
gemahelviugerlin    Verlohungsring  213, 

29.  407,9. 
gemarg  Mark   120,11.    127,27.  358,11. 
gemasse  Tischgenosse  24,18.  22.  25,28. 

428,11. 
gemechli  kleine  Bequemlichkeit  84,5. 
gemein,  der  g.  sinne  P.  sensus  commu- 
nis (vgl,  Denifle  im  Archiv  II,  ö5S) 

521,24. 
gemeind(e)   Kloster-  und  Dorf-  bezw, 

Stadtgemeinde    42,9.    148,11.    358,5. 

487,12. 
gemeinden,  sich  s.  mitteilen  189,4. 
gemeinlich(e)  Adv.  gewöhnlich,  für  die 

Hegel   98,20.    137,5.   173,18.    183,21. 

300,9.  344,23.  350,18.  456,17  us^c. 
gemeinsamen  mitteilen  482,17. 
gemeinsami,     -e     Gemeinschaft     73,3. 

226,18.     358,26.     390,4.    471,9;     ge- 

meinsamkeit  337,29:  gemeinsumklich 

331,21. 
gemeistern  38,5. 
gemeit   stattlich,   t^chön   208,4.   244,15. 

316,13.    375,3.    406,10.    447,13;    des 

gemeiten  biten  26,5.  9. 
gemerk(e)  Augenmerk,  Ziel  34,14.  163,8. 

177,1.  341,15.  356,24.  357,14. 
gemerken  181,23.  235,12.  452,16. 
gemesse  angemessen  98,9. 
gemessen  355,13. 
gemi'dle  Staub,  Kehricht  490,1. 
gemiirc  217,7.  367,22.  440,18. 
gemüt     gestimmt,     wohlgemut     97,18. 

314.26.  429,6. 

gemäten  begehren  241,17.  426,1. 

gemut(e)klich,  gemüt.  21,12.93,9.  112,3. 

genade  s,  gnade. 

g(e)nagen  40,18.  125,16.  412,14. 

genatürt  Part,  von  Natur  ausgestattet, 
begabt  108,4. 

genemen  =  nemen  493,0. 

genemmen  nennen  606,1. 

generen,   sich  s.  rettin,   am  Leben  er- 
halten 82,5. 

genesen    am     Leben     bleiben,     errettet 
wcrdm  123,10.  271,1.  301,13. 

37 


578 


(rlossar. 


geniess  Vorteil  380,14. 

geniessen  27,4.  80,23.  33.  10Ü,2o.  139,1. 

141,9.  195.3. 
♦j^enieten,  sich  geniesscnj  sich  erfreuen 

308,14.  312,30.  399,29. 
g(;e)DOt(e),  ^enot  Adj.  Adv,  eifrig^  be- 

ßissen  .54,19.   87,17.    115,24.    116,14. 

119,3.  124,26.  171,14.  234,25.  377,12. 

449,26. 
^euoz  252,21. 
genüg(e)de,  gnugd  48,19.  49,26.  111,20. 

166,9.  228,18.  245,9.  274,8.  489,5. 
genfigen  231,11.  468,2.  482,18. 
genuhtsam,  gnuhsam  reichlich   134,32. 

.540,11. 
genuhtaamkeit,      gnubsamkeit     Fiille, 

Beichium  14,13.  255,4.  554,4. 
geracheii  P.  erreichen  510,9.  22.  23. 
ge ragen     sich    ausstrecken,     erstarren 

71,26. 
gerasten  415,16.  526,29. 
geraten  166,7.  406,18. 448,17.496,11. 13. 

.502,13. 
gerechnen  berechnen,  aufzählen  259,2. 
gereden  502,14. 
gercizeu  206,24.  309,2.  397,8. 
gereu  begehren  239,12. 
gereren  vergic^sen  208,20. 
gerichtklich  in  Ordnung,  gewandte  1(02^4. 
ircringklich  leicht,  schnell  234,2. 
gerßchen  gewähren,  genehmigen  236,16. 

26^,17.  308,26.  375,12.  440,30.  447,22. 

49 1  .(>. 
gerünbel,  gerömbcl,  gerumpel  Unruhe, 

Gerümpd  364,16.  423,19.  522,1. 
gtrüne  Gerauuc,    Tymßüsterung   312,4. 

504,13.  20.  505,2. 
gerüwen    Prät.    gerow    unpers.    reuen 

41,21.  42,11.  58,20.  106,17. 
«rerüwen  55,13.  202,19.  440,5. 
gernwig  502,22;  gei-uwoklicb  426,22. 
gesacli  in  got  gesegnet,  beatusl   31,25. 

227,22.  244,5.  284,25.  287,19.  422,10. 

432,6. 
^esc'haden  445,27. 
geschaffen  dusrichUn  218,20. 
gesell af(f)en  l'arf.  xidj,  gischdß'en,  he- 

schajnn  i:)8,.i2.  201,17.  232,5.241,19. 


278.21.  293,14.  345,8.  3.59,15.  3a3,ll. 

464.27.  471,17. 
ge8chaf(f)enheit    53*.     157,15.     1.58,1. 

162.28.  174,8.  554,2. 

gescbeiden  229,4.  415,22. 454,10.  465,25. 
ge8chell(e)  Lärm  43,32.  67,5.  75,6. 
geschenden  in  Schande  bringen  119,18. 

120,5. 
geschezzen  93,14. 
geschickt  Part,  Adj,  gesialietj  passend 

552,6. 
geschiht,  von  g.  von  ungefähr  81, lu. 
geschlichter  halm  geglätteter  16,25. 
ges(ch)lifne(r)  zunge  372,18.  461,21. 
geschophde  Geschöpf,  Gestalt  280,4.  7. 
geschowde  Anblick  43,24. 
geschrei  136,30. 
geschrift  (die  heiüge)  394,23.  24.  397,4. 

420,18.  499,8.  500,8.  501,20.  502,15. 

24.  505,23.  506,7.    Vgl.  schritt, 
gesegnen    32,24.     122,23.  24.     138.14. 

143,15.  144,5.  396,5.  549,30. 
geseU(e)    16,30.    31,33.     53,30.     64,31. 

66,10.  69,3.  71,7.  74,14.  21.  24.  75,14. 

76,15.  23.  78,23  usw. 
ge8el(le)klich  143,22.  144,6. 
gesengeli  21,18. 

gesetzde,  gesatzd  243,21.  357.21. 
gesigen  245,3.  460,3. 
gesi(c)ht    Gesicht,     Vision     6,7.     19,2. 

20,12.  25.  22,3.  23,13.  24,5.  25,4.  31. 

31,14.  32,25.  40,27.   44,16  usw.  usw. 
gesihtig  sichtbar  190,8;   gesiht(ek)lich 

295.22.  296  5.  299,15.  427.9. 
gesind(e)  32,7.40,28.  74,25.  76,4.  101,17. 

136,1.  370,15.  16.  426,17.  459,4. 

gesingen  oder  gesagen  P.  510,6. 

gesitt  geart^J  481,5. 

gesitzen  460,20. 

gesnielzen  228,29. 

gesmide  251,21.  414,15. 

gespannrn  P?'(lt.  gespien  .<f/)anwfn  41,18. 
42,29. 

ges]>il(e)  Gespielin,  Genossin,  Mit- 
schwester 80,28.  137,7.  138,10.  14. 
483,24. 

gespilschalt  die  Klitsterfreundinnen 
372,8.  461,12.  463,25. 


(iFaprechen  aansprfchen  2Si),36. 
pealalt   Part.  Adj.   gtstahel,   gestimmt 

55,22.  377,29. 
^standen   mit  Dat.    hei   einem   stektn 

hlribrn  460,19. 

trettelen  493,6. 

gesleii,  sieh  Pr/it.  gaste  ai.iik,  freudig 

.1-in  15,lü.  :i2,6.  92,12.  227,17.  40S,I. 

495,10.  498,27 
geedllen  tiirUuht  bringen  80,20 ;  ruhig 

terrdm  346,  3.  349,39. 
ge«tim  156,28.  172,13.  254.11.  290,17. 
(!«>iti)ICD  »ich  niederloMen  42.^.17. 
jrt-ätiippe  iS'iaub  307,23.  ft48,2:-(.  654,19; 

OT^tuptach  28,7. 
g^söch(d\     jesfiehe     Verlangen     AT. 

166,9.  274,2. 
gesüht  45,18. 
geaiVndcn  229,18. 
^esiinen  375,26.  448,5. 
geswellen  46,18.  47,6. 
geawer  68,28.  69,14.  32. 
geHtrigea  422,8. 

geswintlicli(pni  Ade.  25,26.  159,6. 
^fswrtsterfriil,  -t,  geswistergid,  -t    Ge- 

lehunttrr,    Schwester    22,11.     31,33. 

71,28.  72,28.  29.  73,16.  44ß,2. 
getflt  141,8.  172,3.  8.  410,2.  471,21. 
geteilte  Neatr.  dag  tu  W/ihlmde,  I.oo» 

119,27. 
getriben  Part,  tritas  206,20. 
getricgcD  lti7,l(i. 

j-etrifU-   Treiben,  Lebensweixe  327,23. 
getrosten  433,11. 
getruw(e),  gPtniw  444,8.  468,28.  486,5. 

19.   489,17.    491,9.    498,20.    506,18; 

getrA(weilich    10li,7.    209,16.  22.  24. 

241,14.  .321,14.  373,19.  443,23. 
grtniweii.    getniH-eii     100.26,    ;164,29. 

426,24.  453,15.  459,22.  483,6.  485,11. 

48Ü,16  iixw. 
getürstekeit     Ki'iluiheit,      l'rnregenheii 

9,24.  101,21. 
getürstig  29,2.  i:JB,2. 
gCtl'llTen,  sich  .».  unniuen,  iragen  432,2. 
gfvallen  122,17. 


sjtar.  579 

I  gevangnfist,  -nüaa, -iiuss  60,1Ü.  112,17. 
I        113,3.  539,16.  26.  644,6. 

j  geveht  9,2:1.  371,15.  460,12. 

I  gevelle  Gefallen  167,1. 

■  gesellig  115.18.  128,14.  :304,12.  320,12. 

;(87,19.  420,15.  468,24. 

I  gevelükeit  373,9.  469,25. 

I  i;<'^^:v  fiH.lsrli<,  81,8. 

.  geverde,    ane  böse  g.  ohne  Hinlerhall, 
j        ohne  büee  Nebenabsicht  42,10. 

;  gevild  549,7. 

■  geflissen  Part,  be.ßissen  227,2. 
'  gevolgen  186,18. 

j  gefröwcn  27fi,4.  4;«,11. 

1  gefrändea,    sich    sich    htfrtanden,    «. 

I        freunde    machen     409,20 ;     gefrftiit 

I        241,13. 

I   geffig  artig,  zierlich  552,7.   18. 

I   gefBgfe}    J-Vijf,    Schiekliehkmt    370,6. 

I       468,14. 

gefögel  OefiSgel,  Vögü  370,12.  458,23. 

gefületi  »übst.  Inf.  Gefühl  492,21. 

tfi'fiillii'U  4S9,2. 

gefär  Nullen,  Gewinn  12,23. 

gelürd(e)ren  96,14.  164,2.  250,10,  289,5. 

gewaltklich  243,9. 

gewaltscher  EngelchorpoleMatea  243,18. 

gewa.rsiiitikeil  Vorgieht,  Zuriiehhahung 
67,17. 

gcwegen  icügen  260,12.  499,17. 

gewegen  Part.  Adj.  gewichtig,  getoogcn 
116,4.    129,4;    gcwegetilich    204,16. 
422,18.  431,20. 
I  gewetidcn  548,25. 

\   gewenkeu  gick  iibioendeii  235,15.  289,2. 
;  gewemieii  S2,22. 

gewer  lanerlagsig  202,1.  254,10. 

gcv/er^v'S  Brschiißiga»g.TreUieuV&&,\. 
192,26.  372,5.  437,20.  461,9.   520,22. 

gewille  Oewoge  289,18.  430,2. 

genirbig  tätig  96,15.  99,17. 

geworieii  geicohnt  urerden  422,6. 

gewonlich,  gewoniich  100,12.  604,24. 

geivordonheit  17H.10.  341,B,  368,2. 

geuordi'nlieh  .131,15.  333,4;  gewordcii- 
liclikeif  1KM,1M. 


5H0 


Glossar. 


g:e Worten  durch  Worte  ausdrücken  23,7. 
94,7.   101,13.   185,24.  223,26.  304,26. 

309.30.  342,7. 

gewülk,  gewülkeu  GcirOlk  59,11.  186,1. 

478,17. 
j^fewülkter  tliroii   aus   W'olkfn   ijehildet 

UM. 
gewundern  418,1. 
gevn'irken  431,5. 
gewürm,  gewürmme  Insekteti  39,19.  23. 

40,19. 
gewürsen,    sich    s,   schlimmer   machen 

40,25. 
gew  üsui,  gewüssüe,  gewisscn(i)  Gewissen 

99,25.  229,2.  251,23.  2i>4,14.  358,16. 

375.31.  456,8.  495,39.  503,7. 
gewzen  {vgL   Var.j  (/uackcn  305,26. 
gezellen  210,13. 

gezem  geziemend,  gemäss  206,13.  358,3. 

469,19. 
gezemen  167,1.  2. 
gezemmen  zähmen  YJO^l. 
gezierdle)    22,4.    33,3.    10.    20.    213,8. 

224,8.  25.    209,11.  19.    304,17.  378,9 

usu\ 
gezimber  Bau  217,8.  218,7. 
gezog  Schar  29,19.  20. 
gezow  Werkzeug  167,23.  16l),5.  383,17. 

351).8. 
gezowlich  instramentalis  335,16. 
gezugnüst  Abrechnung,  Zeugnis  146,27. 

525.1. 
gezwiflcn  253,3. 

gezwimgeiiheit  10,8.  436,9.  454,14. 
gibol  190,15. 
giesse   schmahr   tiefer  Flusi<arm  81,7. 

549,11. 
gut  Fem,  u.  Xvulr.  (iift  75.6. 17.  135,14. 

137,24.  252,18.  372,10.  435,6.  461,14. 
giftig  77,16. 
giftsekli  75,15.  76,2. 
git'ttrager  75,5.  77,3.  5.  17. 
giireii  gdgt.'n  242,13. 
giiüiu«.'  L'delsfn'n  303,2. 
giMenr/ä7</i(// 47,18. 92,18. 361,22. 411, 17. 
irinW    2(V2,17.    1142.17.    278,13.   307,27. 

:-)<)lMl.   375,20.   3S4,6.  431.1.  445.25. 

466.8. 


girlich  472,16.  477,13. 

gitekeit   Geiz^  Habsucht   67,24;    gitiir 

284,17. 
glaiizenrich  10,22.  187,17.  189,24. 

glast  59,12.  13.  23.  2B.   203,22.    224,1. 

233.8.  263,12.  267,1.  276,23  usir. 

glid  s.  gelid. 

glich  .V.  gelich. 

glinipf  s.  gelimpf. 

gloria  tibi,  Doinine  375,6.  447,16. 

glorie  306,12.   336,22.   337,17.   518.11. 
534,18.  21 ;  liecht  der  gl.  244,9. 

glorifiziert  291,28.  294,13. 

glose     Auslegung  j     Umschneif    369,9. 

372,10.  461,14.  529,9. 
glük  s.  gelük. 
gliijen  224,20. 
glust  s,  gelust. 
glöt  47,6. 
gnad(e)   228,15.   232,27.   245,14.  216.7. 

23.  25.  251,4.  256,21.  263,23.  264,7.  19. 

265.9.  13.  266,4.  20.  24  usiv. 

gen a den    gnädig   sein    238,25.   361,13; 

subst.  Inf,  danken  37,16. 
gnad(e)los  von  Gott  rerlasstn,  ungltnk- 

Vich,    ungefällig    5,6.    228,10.    267,2. 

300.10.  301,9.    362,1.  395,25.   408,2. 
439,18.  4i)2.4.  511,17;  gnadlosi  221,13. 

gnaden  arm  428,6. 

gnji(Ken)rich  32,8.  92,19.  101,25.  137.14. 

174,24.   265,3.    376,6.    439,17.   440,1. 

US,\H.  488.24. 
gnadenrichkeit  151,7. 
g(e)nedig  381,1.395,24;  g(e)ned(e)klich 

58,1.     124,11.    130,2.    175,16.    187,2. 

214,29.  303,7.  319,4. 
gnagon  .v.  geuagen. 
gneist  s.  ganaist. 
gnot(f)  .y.  genot. 
gniigd  .<.  geniigde. 
gnuhsain  .v.  genuhtsani. 
goch  Kuckuck  310,17. 
gold,  -t  251,20.  282,27.  428,19. 
Kolyat    -     der  böse  vient  553,16. 
gotte's  dienst  405,1. 
gott«\'<kind  246,20. 
got(es  niinnend  29,19.  393,4.  487,14. 


Glossar. 


581 


gotesniinner     392,21 ;     gottesminnerin 

393,10. 
erotesmorderin  aacrilega  123,2. 
gottesritter  554,14. 
gotesMjid  48*.  34,10.  51.19.  .59,4.  63,13. 

64,14.  70,1.  85,4.  91,7.  98,12.  117,33. 

126,1.    128,12.    142,5.    144,1.   146,21. 

161,32.  166,14.  183,9.227,25.388,13. 

391,20.  421,4.  429,6.  431,21.  469,17. 
gütformig  156,26.  33S,3.  356,13.  379,2. 
gütlich  gottseligj    fromm    4,25.    16,.30. 

102,1.    17.    110,1.    2.    143,20.    144,4. 

182,11.  205,21   ustr. 
gotlidend   50*.    133,18.   250,21.  367,12. 

439,21. 
^otlos  nm  Gott  verlassen  169,3.  219,19. 

511,17. 
got-mensch  P.  626,22. 
gotseiie  P.  531,5. 
gotsöchend  387,18.  468,22. 
gra  P.  512,15. 

grad  337,26;  graet  P.  528,22. 
giammatica  619,26. 
giaii  gram  397,28. 
gras,  -z  233,10.  304,9.  478,14. 
Gregorius,    sant   383,3.    388,20.    418,1. 

429,18.  456,11.  464,17.  499,5.  505,9. 

521,10. 
y:reifen  tasten  387,12. 
gremlich  grimmig  68,6.  546,16. 
fXriehQ  geschmelzter  Fett  würfele  Schwarte 

491,20. 
gi'ien  Safid  28,7.  463,5. 
grif  268,15.  16. 
grifel  16,6.  9.  43,6. 
grifeu.  griffen  237,5.  468,16. 
grimme  69,5.  452,4;   grimmkeit  85,19. 
grineu  Prät.  grein  weinen  39,19. 
grisgramen  tnit  den  Zähtien  knirschen 

39,20.  238,28. 
grob  182,12.  293,9.  340,1. 
grobheit    5,4.    158,25.    162,29.    163,11. 

293,21. 
grossen  489,12. 
grozheit  268,23.  29.  294,33. 
grossi,    grozi    179,19.    258,18.    291,29. 

292,10. 
grosslicb,   gro8lich(en)    Adr,   sehr,    be- 


deutend 47,7.  115,22.  148,11.  193,15. 
471,18. 

gnibli  39,15. 

grün  148,21.  26;  grünen  244,2. 

grund,  -t  4,13.  14,24.  16,8.  20.  64,22. 
72,30. 114,26. 140,11. 156,24.157,24.27 
usir. :  von  grnnde,  ze  gründe  gründ- 
lich, ganz  u.gar  169,15.  162,1.  182,27. 
249,8.  260,7.  9.  318,9.  326,18.  334,25 

grundboswicht  77,23. 
grüntlich,gmntlich  189,3. 287,18. 331,23. 

346,18.  511,5. 
gnmtlieplich  275,13. 
grundlos  11,5.  13,31.  14,32.  15,8.29,11. 

33,19.  31.  90,24.  26.  32.  100,27. 126,26. 

127,10.  20.  138,1.  171,21  usw,  usw.: 

grundlosklich,  -loselich  121,28. 179,20. 

304,2.   326,16.   378,9.  466,23.  623,11. 
gnintruri  der  tiefste  Grund  331,11. 
grusen  Subst,  Grausen  9,10. 
grüwel  Greuel  107,23. 
gn'iwlich,    grülich     79,2.    80,6.    89,11. 

107,6,    204,14.    21.     210,19.    229,30. 

248,29.  285,7.  316,26.  319,6. 
gugen,  guggen  361,19.  411,13.  432,1. 
guldin,  göldin  ^r/j.  64,11. 130,9. 149,16. 

228,29. 244,12. 13.  263,19. 374,17  ttÄ?r. . 

Subst.  72,6.  146,21.  475,13. 
gülte  Schuld,  Zins  145,16. 
gömen  Gaumen  491,29.  493,31. 
günlich  Ac{j,  herrlich  593,13. 
günlichen  verherrlichen  363,16. 
gunlichi  Herrlichkeit,  GiitUchkeit  23,2. 

95,7.    246,19.    337,13.  3.56,24.   391,8. 

476,18;  gunlicheit  647,.S4.  650,9. 
gunnen  P.  528,26. 
gunst  166,30;  günstig  129,1. 
gi'irtel  40,4. 

güs   Schirall,   Überschwemmung    71,15. 
g&t dünken  P.  subst.  Inf.  533,3. 
gütekait,  -ikeit  179,24.  380,32. 
guten,  sich  s.  freundlich  erweise7i202,\l, 

233,6. 
gutgewünner  Händler  74,25. 
gütheit  178,23.  170,7.  32. 
gut  herzig    6,9.    14.    78,1.    87,22.    97,5. 

124.17. 


582 


Glossar. 


giiti,  gute,  gfiti  215,16.  236,14.  241,16. 
254,5.  258,15.  263,18.  350,27.  417,14. 
447,24.  467,19.  478,1.  498,20. 

gütig:  119,3.  426,26. 

gutlich  24,18.  32,12.  86,24.  102,9.  113,4. 
116,28.  117,6.  122,3.  127,18  usir, 

gätschinend  125,18.  156,17.29.  385,15. 

götwiUig  28,31. 

gylie  .V.  lylie. 


ha])eii,  sich  s.  JuHterij  betragen  553,10. 
haft  Fessel,  das  Haften  190,13.  283,22. 

390,S.  471,14. 
haften  158,26.  473,17. 
hag  432,1. 
hakbank  343,8. 
halbgelansen  169,24. 
halm  1(),25.  514,3. 
halten,  sich  187,4.  352,4. 
haltungie;)  218,8.  381,26.  418,18.  463,7. 

486,12. 
hamerschlag  545,15. 
handeln,  handien  behandeln  46,7.  57,4. 

oS,13.    68,23.    8"),29.    99,13.    110,28. 

204,25  usw. 
handvol  214,2. 
hankrat,    vor    h.tten     ziton    vor    dem 

Krähen   des  Hahns  540,5. 
hantel  (vgL  Var,)  ei fw  Art  Handschuhe 

(rgl   Lex,  I,  117 S)  40,13. 
liarpfie),   harph(e)   31,18.   225,5.  323,1. 

3.  400,27.  426,4. 
harphen  242.13.  250,17;  harpfer  432,11. 
harscher  Kriegsknecht  75,4.  83,7. 
havendirn(n)e      Küchenmagd      372,25. 

4(;i,27. 
heirgli  43,19. 
heide    125,22.    139,26.    224,25.    242,11. 

24<;.G.   304,17.   305,4.   323,19.    371,2. 

374.13  usw. 
heidenscli  heidnisch,  (lusländisch  171,12. 

:i2:U9.  348,12. 
licidinii    1(K).27. 

heil  2.V),3. 314.1 3. 429,13. 4S:^,5. 484,1 .  22. 
heilant  21),30. 
hoiliiiren  47(5,15.  4S(),3. 


heilikeit  120,10.   141,6.   142,4.   165,16. 

431J.  487,6. 
heilklich(en)  Adr,  auf  fromme  Weist 

101,21.  218,3. 
heUsam  251,24.  252,19.  394,30. 

heimlich,  heinlich  heimlich,  vertraut 
7,9.  42,13.  43,14.  74,7.  79,27.  S5.4. 
103,14.  113,24.  120,33  usw. 

heimlichi  (e),  heinlichi  Vertrautheit, 
heimlicher  Ort  6,12.  7,11.  15.30. 
16,29.  42,26.  84,16.  115,6.  143.20. 
166,30.  173,15.  201,25  usw. 

heinlich(k)eit  Vertraulichkeit,  rertran- 
tes    Gemach    181,22.    491,11.    53S.3. 

heimüt  Heimat  240,20. 

hein  =  habent  oder  von  hahen,  hängm  Y 
29,1. 

heischen  J61,17.  274,8.  309,4. 

heiser  269,28;  heiserlich  Adw  71,22. 
heiterlich   172,14.  304,20.  374,2.  446,7. 
heitri  233,23.  364,24.  424,13.  15. 
held,  helt  370,24.  435,6.  459,14. 
helfif(e)  Hilfe  462,15.  504,11.  17. 

helf(f)los  375,7.  447,17;  hilflos  272,1\ 

Helias  Altvater  105,19. 

Helyas  P.  Prophet  509,5. 

helle  Hölle  22,2:1   62,16.   (>3,5.   V»5.2o. 

133.18.  159,12.  212,7.  214,32.  23().s 
237,21  u.^ü. 

hellen    hallen,    lauttn,    nberdastimintn 

184,9.   344,11.  345,8.  350,18.  38,3.11. 

464,27. 
hellung  das  Hallen,   Übtreinstimmumj 

17,28.  27,20.    157,14.   181,31.  :U4,11. 

3.5.5,4. 
heisch  höllisch  61,10.  131,11.  285,7. 
hemde  39,7.  107,5.  422,7. 
hendü  30,9. 
hendschlagen,  hentslahen  Sahst.  238.28. 

453,14. 
hengen  nachgehen  503,7. 
hen(c)ken  Pnit.  haikte  2(^,22.  3S2.:^o. 

464,10;  sich  h.  264,17. 
her    72,1.    138,17.    211,9.    20.    227.25. 

238.19.  241,7.  243,3.  6.  244,3.  252,15. 
2<>4,15  ns^w. 

her  ah  komen  :M)5,a:l  437,(i. 


herberg66,m.76,2Ü.82,il.  117,28.140,1«. 

herbergen  78,1.  284,30. 

herbeit     Htrrlichkeä.     Wäidt    8*,2(l. 

363,12.  421,2.  8.  9. 
herin,  hSrin  hären   39,7.  39,9.  4(1,17. 

43,i:>.  45,».  20.  107,5.  422,7. 
herkomen  subst.  Inf.  473,7. 
herU  71,5. 

Herodea  204,16.  315,15.  540,31. 
herschafr  Hoheit  108,3. 
berechei  Engelchor  dominalimien243,n . 
hertckeit,  hertikeit  9H,15.  106,1.  142,20. 

197,5.7.2*2,15.233,14.247,21.273,31. 

29!t,24  u*w. 
h*;rt(e)klich  78,1.  83,5.   123,26.  131,21. 

175,1.  19S,19.  472,17. 
her  wicheil  htrbeitithen  123,14. 
hertzog  .M1,H. 
hRrxberobenil  361,52. 
herz(e)klich,    hertz(e)klich   11,9.   14,24. 

22,15-  .36,17.  37,».  43,26.  48,6.  .■>0,1&. 

84,26.  90,26.  100,19  usw.  usw. 
herzen  an  r  lullt  1(15,1. 
herzen  begird  30,2. 
herzenblöt  36K,1.  440,25. 
herzeakiml  122,2.  11. 
hej'zciililejiit't'  143,2!). 
herlzklopfuii  SiAft.  453,14. 
heiz(e)leid,  —  t  35,31.    41,l.->.   72,17. 

73,12.    &5,10.  91,2.    116,2«.    204,10. 

211,7.  14.  213,2  «««■. 
herzlitleu  48,17. 
her(t)zle)lieb,  —  p  26,17.  444,7.  48ö,9. 

4«9,15;  .SubaU  Xeutr.  231,1.  431,24. 
herzeliebc  SuM.  Kern.  490,16. 
her(tlzl«9  2ti9,25.  419,4. 
her(t)zlii8t,    hertzenluBt    14,29.    224,6. 

2311,23.  232,2.  248,21).  325,4.  427.16. 

49.-1,1(1. 
hcTzfunot  48,18.  399,21. 
herzuiirfiwe  247,12.  4.^i9,27.  :m,iS. 
herzt  u^^af  llerzmfl  16,3-"). 
hortzen-s'iirach  P.  52(1,32. 
herzen  ttiit     fiaiiK!.     yenlr.      }Ur:ens- 

-/i/.-W«r27,4. 1411,7.  in.  378,1.'). 421, 14. 

4:W,^8;  heratnit  226,12.  263,19. 


>ar.  583 

herzenfrid  130,18.  219,26.  221,11,  297,2. 

3(«i,ll.  4:18.4.  457,1. 
herzeufroiH^)  397,11.  460,14. 
IierzenHiinne  215,2. 
herzenwunsch  225,12.  2311,25. 
her/li  121,14. 
herzliche!  t  395,22. 
heeli  54,23. 
lios.«lich  t3ö,29. 
HeBter  2ii6,19. 

her  unilpr  komen  sterben  121,1. 
Hilarion  10-'>,21' 
himel,  der  niinde  h.  241,35;  der  füriD 

h.  241,27. 
himelhrot  (Manna,  Euchariatiei  50,14. 

29H,18.  31)3,15. 
himelport  252,21. 
hiiiielrich  22,23. 28,4. 30,12.  49,19. 89,12. 

21.    95,29.     124,12.    159,13.    201.17. 

412,8.  5()7,17. 
himelsang  69,22. 
himelsch   101,14.   192,29.  214,9.  222,8. 

415,23.  416,18.  44(),1S.  447,5.  452,12; 

hjmelschlich  21,16- 
hiraelachar  69,17. 

hiriiel8chhaitrfrt-/ii.«»«iiWi''ff»/54T.2.'>- 
biiueUuiak  11,10. 
himeliuw  409,5. 
himelM'ager  ^,11. 
liim-.'lfnrst  20,12  240,20.510,16;  himel- 

^rstin  iMarial  IIR,^. 
hinuht   hralr  Nackt   oder  Abend   51,7. 

88,1.   80,6.    113,28.    146,12.    2^,29. 

395,22. 
himlerhiiben  P.  516,13. 
hinderdenken  (flieh)  ».  mit   Gedanken 

/»  etiras  rertifffn  28,20.  .">5,B.  74,17. 

W,9.   200,24.    207,7.    209,19.    211,7. 

223,3.  229,1«  K.™-. 
hindergan  iiberfnlhn  87,19. 
hiüderklafen  rerUumden  1(K>,U). 
htQdcrniss,   -iii'is,   -I1U8    170,3.    221,27. 

379,3. 
hiiiderKclilicheii  mn  hinten  hesclihiehen 

238,10.  286,11. 
hiuderalaii  a^h^ierii  370,2.  4r>8,ll. 
hindiian  v.n  hinten  2!SII,17. 
hiiidruniie  3.')  1,5. 


584 


Glossar. 


hin  glentzen  425,9. 

hiuken  429,4. 

hinlessig  fahrlässig j  lau  28,28.  484,12; 

hinlessikelt  188,22. 
hinlicLe  Adv,  nachlässig  297,29. 
hinnen,  hinnan  =  binden  41,14.20.28; 

von    hinnan   von    hier  fort    287,26; 

hinnan  für  hinfort  51,14.  55,7. 12. 29. 
hinscheiden71,26.274,15;«w2>«M»/.89,23. 

812.24.  320,11.361,10.  411,2.538,27. 
hin  trieffen  92,25. 

hin(e)vart,  jüngste   Tod   37,19.   73,24. 

80,25.  88,17.27.  155,7.  278,15.  287,21. 

815,29.  401,8. 
hin  vliezen,  -fliessen  204,6.  244,4. 249,27. 

315,3.  383,23.  465,16.  499,7. 
hinwerf    Auswurf   85,11.    18.    225,15. 

367.25.  440,23. 

hin  werfen  49*.  72,10.  121,34.   821,20. 

889,6.  442,3.  489,26.  505,3. 
hinziehende  ding  res  transitoriae  169,23. 
hinzug,  jüngster  Tod  274,16.    284,28. 
himi  Hirn  120,34.  127,28. 
hirskornli  239,16.  18. 
hir(t)z216,16.388,9. 435,11.436,7.469,13. 
hizzig,  hitzig  18,15. 87,5. 134,33. 210,22. 

216,16.  268,9.  271,28.  295,12.  813,19 

usw.;  hitzeklich  201,4.  210,8. 
ho(c)heit  205,2.  248,21.  429,21.  469,19. 
hochgemut  28,12. 
hohgeflügen  181,2. 
hochmütig  50(5,25. 
hochtragent  hochgetragen  481,8. 
hochfart,   hofart    133,4.    142,14.    883,7. 

464,23, 
hochfertig,     hofertig     181,22.     420,14. 

443,19.  507,6. 
h5hi  27,21.  156,5.  185,27.  309,22.  374,4. 

446,10. 
holizit  hohes  kirchliches  Fest  21,6.  59,6. 

112,24;  hühzitklich  238,24. 
holt  holdy  gewogen  415,4. 
holtz  442,81. 
hong,  honio;  96,1().  159,17.  223,7.  427,13. 

485,5.  552,8. 
hoiügst'iii  Ifoiiigsiiui  22.'», 7.  264,27. 
lior    (icnci.    horwes    ScUmaiz     188,26. 

287,8.  478,14.  542.21). 


hord,  -t  Schatz  29,17.  30,10.  50,6. 
207,20.  259,6.  263,13.  270,1.   290,25. 

366.27.  429,6.  439,7.  538,23. 

hören  aufhören  44,1.  69,10. 

hörn  436,8. 

hof  111,8.  112,7.  137,5.   152,22.  242,3. 

284.28.  304,10.  374,28.  442,80.  447,7. 
457,1.  490,14. 

hof(e)lich  fein,  artig,  zart  12,24.  26,7. 
149,9.  369,29.  871,24.  372,17.  375,3. 
447,13.  450,30.  458,4.  460,21.  461,20. 

hover  Höcker  135,29. 

hovieren  in  festlicher  Geselligkeit  sich 

erfreuen  149,12. 
hoftür  74,27. 

hübsch  30,8. 121,29. 122,7. 139,3. 304,29. 
hufe,  huff  Haufen  68,26.  552,23. 
huffen,  die  Hüften  45,9.  20. 
hugen   sinnen,  verlangeyi   498,26;   un- 

pers.  264,24 ;  sich  h.  s.  freuen  233,23. 

hiiglich  freudig,  froh  18,3.  28,13.  93,5. 

258,22.  277,4.  311,16. 
hugnüst,  -niss  Gedächtnis  169,13.303,23. 
huld(e)  73,9.  250,25. 
hnlden,  sich  s,  geneigt  machen  92,7. 
hi'ilsche  Hülse  207,15. 
hiilzin,  hnltcziu  hölzern  41,6. 50,24. 66,4. 
hund  58,6.    368,27.   397,19.   443,8.  18; 

hündli  100,22.  121,34. 
hündeni  =  hindern  474,16. 
hunderste,   daz   aller  =  hinderste   das 

Alleräusserste  209,26. 
hunger  29(i,25 ;  bungermal  Hunger  18,9. 

hungersnot   Bedrängnis  durch  Hunger 

443,2. 
hung(e;rig  91,5.  121,15.  456,5. 
hiire  heuer  409,15. 
hüsli  66,4.  71,19. 
hüswirt,  husw.  24,21.  142,19. 
hüt  38,2.  484,28. 
hüter  414,28.   420,10;    huteriu   251,17. 

821,11. 
hütig  286,19.  469,3. 
hütnust  liehiitung  103,10. 
hüwlen    heulen    57,27.    86,17.     122.21. 

181,4.  238,29.  287,14. 
hymmis  83,7. 


Glossar. 


585 


iene  irgendwo,  irgendwann  5,14.  113,9, 

169,1.  2. 
iergang  Irrgang  98,5. 
iergent  859,4^. 
ierren,    irren    2():),27.    282,30.    835,4. 

351,3.6.  370,18.  414,7.  459,7.  504,12; 

iertes  lan  gangen  549,27. 

irregenden  Sternen  Kometen  551,1. 

ierreklich  390,8. 

iertum  423,17. 

ieso  ahbdld  71,22. 

ietwedrent  auf  beiden  Seiten  40,8.  43,7; 

-halp  42,21. 
iewesentheit  52*. 

iezo,  ietzo  gerade  jetzt  370,33.  454,3. 
igelhut  41,24.. 
Ignatius,  der  heilig  S92,25. 
iht,   icht   etwa.<t    188,3.   345,8.   353,35; 

=  Gott  187,15.  329,3.  335,14.  342,8. 

518,5;  ihtikeit  342,21.  353,25. 

inbaz,  -s   weiter  hinein   331,11.  342,11. 

19.  22.  25. 
inbegrifeu  166,1.  193,29. 
in  bieten,  sich  186,6. 
inbildend  mit  Phantnsiebildern  vermischt 

187,5. 
inbildunge  Eintragung  der  Phantasie- 

bilder,  immissio  306,14.  311,21.  381,7. 

858,26.  524,8.  526,21.  23. 

inbiss,    imbiss    Mahlzeit    44,5.    86,27. 

256,28;  fn'iger  i.  74,19;  rastender  i. 

76.18. 
inblik  20,15.  158,31.  189,19.  835,10. 11. 

14. 18.  350,24.  478,7. 
in  büken  201,11. 
in  brechen  157,1. 
inbnurh  Einbruch  382,4.  463,14 ;  i.  der 

sinnen  Eineiehutig  der  Sinne  168,80. 

859,3;    inbrüchig  innerlich  175,26. 

inbnuistig  15,28.  16,4.  18,16.  29.  107, 
24.26.  l()S,ls.  ia3,13. 139,30. 140,18. 
182,7  u-'ifr.;  iiibriinst(k)lich,  inbrünstic- 
lich  241, 11. 814,8.317,16.895,27.435,2. 

inburgheit  St'dengrund  169,28. 

In  lUilci  jubilo  21,19. 

in  dringen,  in  tringen   11)2,25.  198,1. 


indruk  8,21;  in  druken  134,27.  196,10. 
ingang   Eingang,   Versenkung  in  Gott 

4,2(;.  167,28.  232,21.  245,10.  284,28. 

293,14.  880,3.  431.3.  479,18.  486,29. 

493,17. 
in  geblicken  P.  515,3. 
in  gebrechen  382,19.  463,27. 
ingebart  des  wortes  Zeugung  des  Sohnes 

aus  dem  Vatei-  (in  der  Trinität)  279.6. 
ingeleze  Einflüsterung  311,23. 
ingend    eingehend,   beginnend  26,2.   4. 

27,7.  82,29.  111,17. 
ingenonienheit    Versenkung    in    Gott, 

Beschauung,  Verzückung  23,6. 174,17. 

182,29.  188,5.  329,16. 
ingesclilossen  Part.  361,18. 
ingesind(e)  20,11. 42,17. 69,16.  111,8. 15. 

112,1.  238,20.   368,5.   407,8.  427,18. 
ingetan  Part,  eingezogen  163,15.  167,1. 
ingeflossenheit  Einfliessung  193,7. 
ingezogen  in  die  Beschauung  versunken 

144,12.  352,11;  ingezogenheit  478,8. 
ingrund(e),    von    aus    dem    innersten 

Grunde  48,7.  217,14. 
ingruntlich  Adv.  von  Grund  aus  11,7. 

13,27.   126,17.   138,1.  239,23.  257,11. 
in  hangen  einwohnen  186,27. 
iühitzig,  inhiz(z)ig /«aW^  24,81.  386,17. 

466,17.  484,16. 
injehen    subst,   Inf.    Zuri'ickbeziehung 

835,24.  359,12. 
inker    Einkehr,    Versenkung    (in    sich 

selbst,  in  Gott)  168,15.  169,35. 228,21. 

289,20.  309,12.  326,11.  332,2.  435,14. 

470,4. 
in  keren  335,6.  431,17. 
in  leiten  einführen  168,13.  170,25.  391,8. 

476,10. 
inliden  subst,  Inf,  Gelassetisein  164,19. 
inluhten,inliihten4,7. 28,1.  85,24. 101,9. 

168.16.  181,29.   196,7.  304,21.  327,6. 
828,8.  890,5.  395,2.    471,10.    478,16. 

inne  bliben   180,2.    1S4,28.   185,19.  31. 

186,7.  191,28.  285,10.  344,27.  431,16. 

innewendig,    inwendig   181, 11>.    182,20. 

296.17.  468,25.  497,5. 
innewoudokcit,  inwendekcit  17,26. 27,24. 

48,20.  92.80. 


586 


Glossar. 


innen  werden  500,20. 

in    nemen   in    Gott   versenken    106,35. 

161.12.  338,16.  343,25.  344,2.  3.  4. 26. 
innemung   339,12.    346,17.    Vgl.   inge- 

nomenheit. 
innerkeit,   inr(e)keit   11,13.   33,7.   63,9. 

163,14.     167,15.    16.    169,33.    211,5. 

221,10.    365,6.    389,6.    7.   9.   444,13. 

470,7.  9.  10.  14.  497,22. 
innerlich,    inrlich   24,11.    36,20.    48,26. 

95,26.    133,20.  146,12.  148,2.  167,15. 

174,32.  179,3  usw, 
innig     innerlich,     innig,     indistinctus 

92,30.  164,1.  165,24.  179,18.  181,16. 

191,31.  355,3.  358,7. 
In  principio  186,9. 

in  rihen  Part,  gerigen  einstechen  542,10. 
in  runen  einßihtn'n  504,18. 
inschiessender    gedank     8,26.     125,34. 

498,11. 
in  schlag  Entrückung  (myst. )  54*.  184,22. 

189,21.  193,19.  327,5.  343,18. 
in     Hchliefen     Prät,     schlofte     hinein- 
stecken 40,5. 
in  senken,  sieh  186,3. 
in    sezzen    159,21.    162,6;    insetzunge 

350,18. 
insigel  Siegel  68,10.  155,18. 
insprechen  sahst.  Inf.  Eingehung,  Ein- 
sprechen  13,20.   87,8.   201,11.  501,5. 
in    Sweben    88,12.    173,18.    185,6.    16. 

193,21.  330,14.  350,24. 
in  swingen  in  Gottes  Wesen  versenken 

53*.  193,22. 
in  tra^xen   eintragen,   heibringen   97,10. 

169.13.  331,8.  340,23.  351,22. 
intur.stig  sehr  durstig  210,7. 

inval(l)     41,3.     ()1,25.    399,24.    499,23. 

r)()0,12.  18.  503,3.  505,8.  507,1.  3.  5. 
inileischung(e)  incarnatio  SS^,S.  356,12. 
in  tiiessen  178,21.  473,4.  478,5. 
inrtiiz,  -SS  Einjluss,  Eivfliessung  197,12. 

2(1(1,:^.  243,14.  302,5.  471,26. 
in  timu  169,29.  221,28.  328,11. 
inwert  Adv.  einwätis  413,11.  496,11.  13. 
inwt'soiul  darin  existierend  187,7. 
in  wiscn   1()3,11.   16<;.7. 
in  wollen  47S,1<;. 


in  wurtzeln  P.  533,22. 
inzügig  mit  Genet.  Iiereinsiehend  166,24. 
Ipericius  AUvater  105,9.  106,11. 
irdensch  251,2.  266,3.  293,17.  28. 
irde(n)8cheit  irdisches,  unvollkommenes 

Sein  310,1.  390,21.  472,4. 
irren  s,  ierren. 
ir(e)8heit  Neutr,  ihr  eigenes  Sein  188,6. 

337,13. 
is  452,17. 
Isaac  409,21. 

Isaias  36,10.  363,6.  382,23.  420,7.  464,4. 
isen  427,7. 

isenhaite  eiserne  Fessel  14,1. 
isnin,    isin,    isenin    eisei-n    39,7.    41,7. 

107,6.   252,7.   422,7.   452,16.  552,29: 

iserin  P.  531,8. 
Isidorus  AUvater  105,7. 
I8ra(h)el  454,20.  530,13. 
istig  existens,  subsistens  171,20.  I.s7,ll. 

329,10.  337,17.  534,3. 
istekeit,   istik.   esse^   exist^ntia   ls4,25. 

186,8.  335,17. 

J. 
Jacob,  sant  546,21. 
jagen  16(),8.  4(K),6.  427,20.  469,2. 
janier    27,27.     111,16.     139,30.    200.7. 

220,10.  223,12,  234,8.  268,17.  270.21. 

28  us^c. 
jamern,  jamren  223,15.  241,18. 
jamersang  69,25.  239,11. 
janicrtal  91 ,21 .  237, 1 4. 433,2. 445,3. 5.37,7. 
jamrig  82,2.  95,5. 142,28. 173,22.  .322,11. 
jariuarkt  74,20.  26.  76,10. 
jeficn    zugestehai,    entsprechen    84,29. 

157,4.  429,20. 
Jeremia^  183,8.  236,6. 
jerlich  434,6. 
Jerusalem  37,3.  278,14.  367,7.22.  378,16. 

432,15.   439,9.    12.   440,19.   451,6.  S. 

490,16. 
Jesus  15,26.   21,18.   24,14.  25,21.  49,5. 

50,().    58,24.     102,20.    140,26.     153,9. 

14.  17.  22.  24.  154,5  usw.:  der  name 

IHS    16,11.  2.3.   41,27.    154,S.  3V>2.7. 

393.  KJ;  Jesus  dulcis  memoria  2^,3  ff. 
.lob  55,19.   71,9.    1S2,3.  367,25.  440.23. 

4S9.27.  490,4. 


Glossar. 


587 


jo(c)h  Adv,  auch,  sowie,  füinccüir  79,30. 
92,4.  160,28.  222,19.  285,23.  380,29. 
387,13.  422,16  usw, 

joch  Suhst.  Joch  56,7.   212,19.  216,6. 

220.20.  362,11.  881,27.  883,26.  418,2. 
4()8,7. 

JohannesAbbas/Ittra^cr  104,15. 106,8.27. 

Johannes,   Johans  der  Apostel  102,8. 

107,30.  125,31.  840,20.  315,5.847,23. 

26.   890,10.    471,16.    545,25.   546,18. 

547,10. 
Johannes  Chrysostomus  50,22. 
Johannes  P.  der  Täuftrb09,i.  510,15. 16. 
Joseph  524,10. 

Jube  (lomine  benediccre  38,11- 
jwhilieTen  jubilieren,  in  gdxtliche  Freude 

versenkt   sein    15,21.    21,24.    173,11. 

174,6.  15. 30.  175,20.  28.  242,4.  246,27. 

2I)vS,16. 378,2.  7. 21. 25.  374,20. 446,25. 
Judaz,  —  8  125,32.  126,1.  2.  5.  6. 
Juden,  die  76,3. 125,21.  509,4. 20.  539,28. 

540,29. 
junger    53,23.    106,19.    125,31.    190,5. 

221.21.  248,24.  2()0,1.  11.  12.  261,24. 
262,6. 270,18. 16.  291,14  usw.:  junker- 
lich 548,22. 

jungherr(e)  14,19.  116,9. 
jungling  18,28.  21,8.  69,20. 
junfiffrowe,    —    frowe    4(K),1().    407,11. 

428,8. 
jungrfrowlich,  —  frowelich  29,11.  252,25. 

361,1.  410,12.  481,6. 
jüngster  tag  21,3.  224,19. 280,10.  308,22; 

daz  jüngste  zit  824,4. 
jnst   =    tjost    ritterlicher   Zweikampf, 

Specrstoss    365,18.    370,26.    871,12. 

486,10.  459,16.  460,8. 

K. 

kalen  =  quellen  innrrlich  hewe(ji  sein, 

aiictuare  15,29.  290,21. 
callander  .v.  galander, 
kalten  kalt  wn-den  406,8.  480,26. 

kamer  69,11.  127,1.  822,24. 

canceli,  canzell  16,16.  86,18.  135,25. 

kape,  kappe  mnnulartitjvs  Khid,  Kutfr 
17,7.  110,21.  418,10. 


capell,  kapeil  42,12.  44,5.  48,15.  (50,1. 

11.  16.   93,28.    108,7.  14.  28.    104,2. 

109,15.  16.    116,3.  5.    131,8.    144,12. 

386,2.  396,22.  397,1;  keppelin  448,17. 
kaphen     verwundert,    scfmuen^     gaffen 

252.15.  16;  gaf(f)en  75,1.  146,6. 
capitel(I)  Versammlung  der  Mf'mche  und 

Ort  dasu,  Ordenskapitel  34,17.  85,1. 
88,3.    42,16.  25.   124,27.    145,20.  23. 

175.16.  196,16.     537,1 ;     capitelhus 
174,29. 

kaplan  117,12. 

karfunkel  414,15;  -stain  551,21. 

karklich  363,19.  421,19. 

karre  Masc.  Karren  503,25. 

karrer  K/Irmer  885,24.  467,82. 

karwäche  Kanroche  36,10. 

Casöianos  (Johannes)  105,28.  106,84. 

Ka>ii  501,12. 

Cayphas  204,9.   815,9.  540,15.  544,24. 

kech    56,5.    120,31.    4.59,22;    kechUch, 

kecklich  105,4.  149,19.  190,6.  36,5,16. 

370,24.  436,18.  459,14.  5.58,10. 
Öedar  489,10. 
keiser  246,20.  296,12. 15.  416,16. 508,17; 

keiserin    219,80.    420,23;    keiserlich 

9i,;u. 

kelblin  420,8. 
kelch  260,26. 
kele,  kal  208,4.  869,19.  453,27.  4.57,15. 

5.52,8. 
kelr(e)  Kelln-  384,5.  466,4. 
kelti  82,1. 

kempfe  Kämpfer  432,14;  kenipfer  .5.58,8. 
kemplien  246,5. 

kepsun  unehelicher  Sohn  147,1. 
ker  Ahkehrung,  Bekehrung  8,14.  18,24. 

28,29.    96,9.    110,6.    132,34.     188,21. 

216,12.  228,18.  247,1.  282,13.  298,11. 

811.17.  885,1.  467,7. 

kereher,    kerker    311,5.    .861,21.    .879,8. 

411,1.5. 
kem(e)  207,16.  21^,3. 
kerze   22,7.    158,21.   22.   28;    kerzwihi 

Kvrzenwiihc  an  Lichtmess  29,24. 
kes  Kiisr  75,2. 
kesselin  4S,5. 
kessibodem  Krsselhodcn  427,10. 


588 


Glossar. 


kest(i)geii  kasteien  lü8,22. 251,25.365,24. 
436,24;  kefit(i)gUDg  39,2.  105,1. 107,4. 

289.3.  473,2L 

keteii,  kettin  Kelle  39,7.  422,8. 

kevi  Käfig  251,14.  297,4. 

kezzer  77,14;  kezzerlich  68.23. 

Cherubin  243,74.  305,30. 

Christus,  Cristus  43,25.  54,8.  18.  67,9. 

69.12.  85,26.  86,2.  87,6.  89,22.  92,3. 

98.13.  99,24  usw. 

kiesen  209,27.  306,3.  353,30.  363,10. 
kilche  Kirche  121,20 ;  kilchgfang  505,16. 
kindbeterin  (Maria)  29,9.  16.  30.  80,3. 
kind(e)li(n)  25,21.  22.  102,20. 22. 23.  33. 

121.4.  25.  27.  29.  32.  122,2.  9.  23. 
134,34. 140,3.  363,15.  18.  420,9.  12.  16. 
421,5. 

kindskinder  P.  533,24. 

kintheit  93,29. 1 10,26. 201,8. 276,2. 506,8. 

kintlich  30,9.  85,24. 109,29. 110,3. 122,6. 

201,2.  231,19.  260,12.  267,16.  22.  25 

usw.;    kintsch  =  kindisch    kindlich 

30,12. 
kinne  552,6;  kinnbein  61,19. 
kiperwin  s,  Cyper. 
kisling  Kieselstein  175,8. 
klaf   Fem.  verleumderisches  (ieschwfftz 

128,19. 
clagspruch  397,9. 
klagr^vort  125,19. 
klank  306,19.  386,30. 
klapern  82,2. 
klarheit    153,3.    177,20.    194,26.   213,9. 

228,17.  233,30.  242,1.  274,28.  277,17. 

291,23  usw. 
khirlich  (flänzend  59,24.  385,20.  467,28; 

evidenter  196,8. 
klawe  40,23.  282,10. 
kle  372,17.  461,20. 
kleben  156,7. 
klecken  sahst.  Inf.  das  tönende  Schlafjen 

515,1  •">. 
kh'iben,  sich  s.festheissin  371,27. 460,25. 
kleiden  224,4.  329,23.  440,2.  492,17. 
kleinhrreit  300,13.  19. 
kleiih'd  Kh'inod  5X^14. 
kh.'iiilirit    Khinhf'if,  tSchwäche,   (itrinn' 

jrujigkrit  205.7.  234.4.  25s,2.s.  266,12. 


304,29.  383,6.  464,22;  kleini  265,14. 

285.10. 
kleinliche  Adv.  (jerinfj  474,16. 
kleiniäg,  -füg  klein,  zart,  subtilis  225,8. 

244,11.  500,11;  kleinitigklich  292,10. 
Clemens,  sant  43,13. 
klert  =  geklert  verklärt  299,21 ;  geklert 

244,10. 
klinglen  plätschern  48,4. 
klose,   kluse    Klause,    kleine    Beyinen- 

niederlassung  76,9. 140,17. 19.  511,10: 

bildlich  296,27. 
kloster  59,30.  67,7.  83,8.  97,1.   102,14. 

103,9.  104,16.  115,1.4.  135,11.280,1. 

382,19.  414,17.  463,27.  484,25.  508,12. 

511,10. 
kluben  klauben^  abpicken  2!^\),\1 .  371,24. 

460,21. 
klag    hübsch,    zierlich    55,23.    323,2:>. 

440,19;    klug,    weise    98,22.    482,10; 

klü kheit /c/n^Ä  Benehmen,  Schicklich- 
keit 376,20.  448,32. 
knape  370,22. 
knebli  121,22.  122,7. 
kneht  Knappe   149,9.  205,8;   knehthus 

219,10;  knehtliche  vort  iimor  serrilis 

182,10  (vgl.  454,15  Anm.J. 
knolleli  kleiwr  Knollen  50,13 ;  knolloht 

knollig  45,0. 
kole  Kohle  60,16. 
coelum  enpyreum  241,27. 
collacion  Abendmahlzeit  47,21. 
Coln  143,10.  152,28. 
conplet,  complet  31,9.  36,21.  45,30.  47,S. 

17.  48,27.  415,10. 
con8cieuci(e)  212,26.  225,21.  487,18. 
contrarium  341,2.  7.  10. 
convent,  covent,konventjK'/o«fC7-^^mftiif/r 

10,12.  25,10. 13. 15.  43,80.  145,15. 16. 

414,4;  Kloster  überhaupt  45,31.  69,4. 

87,18. 
convers  Laienbruder  86,12. 
köpf  Becher  24,25;  kopfli  46,15. 
kor,  chor  Chorraum,  Chorgebet,  himm- 
lischer Chor  10,12.  14.  36,12.  43,10. 

6-2,10.  71,4.  5.  103,7.  110,33.  111,23. 

112,1.  113,8.  116,6.  131,16.20.  14<>,1». 

243,13.  38ii,4.  5.  413,19.  512,3. 


Glossar. 


589 


korb  159,18;  korbli  32,3. 

korherr  Stiftsherry  canonicus  14(),10. 18. 

148,20. 
kom  146,15. 

corpel  Körper j  Leichnam  77,19. 
kosen  113,28. 143,21. 197,13. 14. 548,2. 26. 
kost    Kostenaufwand    73,33.     121,22. 

122,25. 
kostber,  kostper  88,24.  121,17.  258,23. 

273,7.    320,18.    415,7;      kostberlich 

281,22. 
Costenzer,  XX  pfund  C.  (phennic)  146,13. 
kraftlos,  kreftlos  113,18.  230,26.  268,22, 

269,21. 318,35. 386,21 ;  kraftlos!  45,23. 

71,15.  87,19.  319,17. 
krank  schwach,  hinfällig,  krank  18,27. 

69,7.  78,25.  84,5.   89,18.  90,3.  97,2. 

98,26.   107,15.   161,10.   191,4.  215,25 

nsn\  .•   krankheit  54,6.  91,29.  107,10. 

109,32.   116,23.   126,22.   134,25.  138, 

25.  34.  162,2  usw. 
kraz  Flur,  krezze   die   durch  Kratzen 

entstandene   Wunde  40,22. 
krazen  46,9. 

creatürli,  creaturli  85,13.  455,18 ;  krea- 
turlich,   creatürlich    193,17.    328,22. 

329,3.  832,20.  348,17.  349,18.  353,a5. 

Smj.  471,14.  476,17.  494,19;  kreatur- 

lichCkjeit,  creatürlicLeit  19H,2.  :^32,17. 

335,20.  430,7.  490,28. 
credencier      VorkoMter,      Mundschenk 

252,17. 
kreft(e)klich  78,27. 1 78,12. 223,18. 308,19. 

:^1,19.  385,7.  423,16.  433,29. 
kreftger  Kngelchor  principatus  243,18. 
kreiss  103,5.  7.  11.  191,19.  25. 
krenken  schädigen  881,26.  468,5. 
ki'en(t)zli  Kräneldv^  aureohi  244,13. 15. 

874,31.  447,9. 
kriechen  388,8.  4<)9,12.  478,14. 
krimvogel  Bauhvoytl  282,10. 
kripe,  kripfe  Krippe  868,18.  421,11. 
kripfen  =  fjripfen  greif dn,  erfassen  68,2. 

76,6.  80,21.  .S1.25.    112,9.    156,6.  15. 
kristall  20,17.  242,9. 
kihtSLU,  Qrhten  Ad j.  christlich  52*.  <S9,U. 

344,22.    378,80.    501,1:    kristanlich, 

cristenlich  4,16.  115,11.  128,6.  185,1. 


18J,25.82.  190,25.  194,11.  879,15.21. 

489,9. 
cristen  Suhst.  Christ  492,7. 
krist«nhait    156,21.    800,28.   327,8.  18. 

328,6.  334,15.  851,27.  451,18. 
cristformignacA  Christi  Vorbild  gestaltet 

84,17.   134,5.   335,26;    cristformklich 

50*.  145,4;  kristmessig  855,6. 
kron(e)  224,16. 241,10. 244,12. 15.  251,17. 

871,8.  892,14.  414,11.  480,16.  460,2.4. 

480,11 ;  krönen  205,23. 
krot  Kröte  77,16. 
cnicifixus,  crucifix  Neutr,  16,16.  66,4. 8. 

67,8.  22.  185,25.  196,3.  197,1.  314,21. 

879,16.  389,17.  470,21. 
krugU  49,6.  7.  8.  30. 
krumb    krumm   112,13.  377,4.   449,17; 

vei' dreht,  listig  450,2. 
krut  813,26.  334,32. 
krüz    17,5.   38,2.   85,29.   86,14.  16.  18. 

41,2.  6.  9.   79,7.  87,13;  krü(t)zgang 

Kreuztragung  Christi,  Kreusgang  im 

Kloster  34,2.  24. 25.  35,5.  36,20.  58,7. 

205,25.  415,19.  448,9;   in  krnzwi8(e> 

57,26.  59,13.  254,2. 

krüzgen  87,11 ;  krüzger  261,18. 
kuchidirn,  küchidirne  376,12.  448,24. 
kuchischwester  422,1. 

kumber  Mühsal,  Bedrängnis,  Belastung 
137,21.  218,10.  247,8.  288,14.  322,16. 
390,8.  481,9.  487,20.456,12. 471,14. 20. 
477,17. 

kumnien  =  kümen  sich  ängstlich  be- 
mühen 487,28. 

künden  416,15.  438,8.  487,15. 

kündig,  kundig  geschickt,  listig  146,11. 

471,8. 

kundsami  .v.  kuiits. 

künftig  284,24.  406,1.  472,5.  508,10. 

küng,  künig  188,18.  219,9.  246,2().  26(), 
17.  22.  207,8.  273,17.  277,13.  14. 
296,12.  822,3.  867,8.  868,12.  376,12 
usw,;  kün(i)gin  17,20.  87,1.  111,14. 
212,23.  219,30.  248,1.  262,15.  263,11. 
16.  264,3.  265,2.  16  usw. 

küna)«ri"ich  36,ö.  281,23.  540,26.  29. 


590 


Glossar. 


krmklich,    küuij:lich     203,12.     4()7,11. 

491,80.  588,17.  589,7;  daz  k.  rieh  == 

Kreuz  542,19. 
kfinheit  205,9;  kuulich,  knnlich  370,80. 

871,9.  459,21.  460,6. 
ki'iniie  Geschlecht  270,11.  883,25. 
kunnen,    künnen    suhst.    Inf.    228,18. 

4(i2,25. 
küiisch,    kusch    keusch    105,22.    552,5; 

kunschklich  100,11 ;  künschkeit  105,2. 
kunst  Wissen j  Kenntnis,  Geschicklich- 
keit 5,16.  14,8.  53,6.15.20.23.27.31. 

54,2.    10.    12.    9S,31.    104,10.    176,7. 

190,11.  250,6.  255,8.  256,10.  262,16. 

280,24.  328,19.  341,11.  388,2.  506,3. 

512,16.  537,11.  538,28. 541,3.  552,1. 2; 

du  götlich  k.  Theologie^  du  naturlich  k. 

Philosophie  388,2.  550,4. 
künstig   klug,  gelehrt  250,9;    künstrich 

256,18. 
kunt   450,26.   453,17.    455,1;   kuntlich 

119,11.  125,10. 141,15. 142,29. 158,10. 

177.28.  179,18.  190,25  «i«r. 
kuntsami,  kundsami  Kenntnis,  Bekannt- 

schaff  7,5.   22,22.   97,6.   171,10.    17. 

176,8.  .373,8;  kunti^chaft  228,14. 
kürzen  508,7. 
kürzi  314,25;  kur(t)zwil,  kürzwil  9,80. 

14,1.    101,14.    2(>9,15.  860,7.  368,26. 

876.29.  877,2.    405,8.  415,8.   481,15. 
448,8.  449,9.  12.  482,12. 

kurzlieh,  kür(t)zlich  Adr.   88,8.   99,10. 

116,18.    128,22.    180,7.   132,8.    148,4. 

814,11.  46S,8.  474,8;  kürzeklich  48,27. 
kürzninjiC  Kürzung  378,23. 
kusch  ,v.  künsch. 
kuss  126,7.  294,10.  542,5;  küssen  225,7. 

819,2.  821,14. 
küssi,  küssin  Kissen  17,8.45,1;  küsseli 

45,2. 
küwen  kauen  802,14.  391,21. 
i'yinT  808.4;  kiperwin  466.7. 

L.. 

Incli.-    Ffützr    71,8.    124,4.   6.     1(11,81. 

287.8.  8S:),2:).  46.S.1. 
lacli«Mi   172. IC).  407 J.  4S2,1. 
la.le  118.25.  2s.  l>9. 


laden  Fensterladen  137,10. 

läge  f Unterhalt  232,26.  2H(>,10.  554,27. 

lagen  P.  517,7. 

lämbli  s.  lembli. 

lampad  Neutr.  Lampe  288,8. 

langvi'irig    lang   dauernd   56,17.    90,8. 

109,2.  152,16. 
läppe  Lappen  487,13. 
Lasarus  489,26. 
lass  ermattet  548,18 ;  laszheit  Trägheit, 

Sichgehenlassen  481,9. 

lassen,  laszen,  sich  auf  den  eigenen 
Willen  verzichten,  sich  Gott  ergehen 
161,2.6.9.19.21.28.  162,1.25.  164,17. 
167,12.  170,1.  807,2.  884,24.  871,21. 

475.8.  15  usw. 

laster  Schmähung,  Schimpf,  Makel. 
Fehler  72,16.  119,5.  207,29.  815,26. 
316,8. 487,29 ;  last^rberend  73,6 ;  laster- 
lieh    schimpflich    77,14.   21.    120,5. 

204.9.  815,7.  862,7.  412,12;  lastersack 
(der  Leih)  399,2. 

latin  124,27.  328,6.  895,20.  896,6.  .897.4. 

519,26. 
latwerge  11,15. 
law,  law  lau  227,9. 233,18.  237,1.  3t)2,2S. 

485,12;     lawklich,    leweklich    22H,8. 

468,1;   law(e)keit,  lawekeit,  lewekeit 

2S/28.  215,24.  221,14.  365,12.  486,5. 

499,9. 
le])lich  lebendig,  frisch  89,3.  62,4.  iX),8. 

9S,7.    194,4.    228,12.    225,8;    leblichi 

HS,7,  200,3. 
lebtag  Lfh'mszeit  210,9. 
leeh(e)lich    lachend,  freundlich    14,22. 

15,18.  178,6. 
Loctidus  noster  floridus   131,29.   495,2. 

496,8. 
ledigen,    lidigen   frei    machen    306,14. 

809,27.  810,22.  425,2(). 

ledii»-,  lidig  Udig.frci,  unbehindert  24,8. 
2S,29.  54,18.  S9,2(i.  94,15.  16S,7. 
169,12.  20.  l.sl,82.  182,12.  196,16 
usw.:  ledkiich,  lidklich  127,7.  232,14. 
290,1 ;  ledikcit,  lidikeit  das  Losgtlnst- 
siin   KJs.s.  296,29.  474,11. 

Irftzr  550,28.  551,18. 


Glossar. 


591 


loiclien,  sich  s.  rühren  370,9.  874,27. 
HS4,a  446,6.  458,18.  466,12. 

leid,  der  l.e  tiivel  137,14;  leidig  be- 
trübt, betrübend  168,4.  512,10. 

leiden  verleiden  139,20. 

leiten  492,18;  leiter  263,1.  446,3.  553,12. 

leitlich  schmerzlich  204,17.  213,2.  5. 
315,17.  411,5. 

leitstab,    -stap     Anführer    375,3.  4. 
447,14.  15. 

leit-vcrtriberin  53S,2(). 

lembli,  l&mbli  134,10.  204,15.  259.23. 
260,4.  15.  261,30.  277,12.  317,23. 
322,1.  375,29.  448,9.  537,8.  ,540,15.  34. 
543,22. 

lendeu  landen  289,13.  328,13.  342,3. 
3,52,1.  23.  458,1. 

lenen  aubst.  Inf.  210,26.  317,9.  14. 

lenjgri  41,6. 

lerche  374,12.  446,18. 

ler(e)  Lehre^  Untenceisung  63,24. 163,10. 
181,25.  192,23.  197,26.  28.  200,2. 
221,29.  288,9.  351,27.  357,7  usw,;  in 
lerewise  198,7;  lereknappe  459,11. 

leren  ^  lernen  488,13  ff.  519,25.  532,19. 

lerer  176,8.  180,17.  183,11.  197,19. 
198,1.  245,3.  254,17.  328,17.  333,14. 
343,5  usxo, 

lesen  rezitieren  (die  Hören)  414,5. 

le.<»ser  Aderlasser  39,18. 

lesten  belasten  375,30.  448,9. 

lezze  P.  Lektion  535,24. 

lezzen,  letzen  schfidigtn,  verletzen  85,3. 
109,6.  397,20. 

leybrfider  74,16.  86,7. 

liban,  lyban  Libanon  310,12;  Weih- 
rauch 13,28. 

lichter{e)n  216,1.  498,5. 

lichtiglichen  Adr.  leichtfertig  48i^,18. 

lid  Glied  354,18. 

lidberi    Verträglichkeit  340,15, 

lideu,  sich  s.  in  Geduld  schicken  162,8. 
164,13.27.  168,18.  485,12.  524,11; 
s:ot  liden  250,4.  392,3.  479,25.  493,25. 

lider  Leider,  Dulder  7S,3.  91,,2S.  92,11. 
120,27.  316,2!);  liderin  142.1S. 

drin  ledern  40,5.  13. 


Udiglädend,  ertrlf  glich  Ai,26. 43,3. 78,72. 

126,2.  253,6.  277,24.  294,13.  396,24. 

413,1()   US1C.     Vgl.  ledig;    lidekliche 

Adi\  505,1. 
liebbrieff  Liebesbrief  484,11. 
lieben  lieb  machen  120,19, 127,7.  550,24; 

sich  1.  422,12.  456,1. 
liepkosen    subst.    Lif    364,28.    372,7. 

424,21.  461,11. 
lieplich  freundlich,  angenehm    103,18. 

113,11.    122,10.    130,10.     174,6.    13. 

208,31.   212,9.   217,19.   221,2.   225,6 
.  usw.;  liepUchi  14,30.  166,26. 
lieblos   ohne  Liebe   10,7.   221,9.   270,5. 

271.1.  276,7.  389,19.   446,1.  47(),23; 
lieblosi    Verlassenheit  261,21. 

liebsehen  378,2.  450,23. 

liebsöchend  57,12. 

liechen,    daz   werk   1.    Flachs  rupfen 

136,14. 
lied  Gesangsstrophe,  Lied  26,5.  31,27. 

139,28.  34,  35.  140,3.  12. 
lieger  Ijügner  49*.  467,1. 
lieht  Subst,  115,11.  157,1.  169,3.  196,12. 

242,6.  254,11.  438,18.  466,18.  471,27. 

28  usw.;  liehtbringerin('iHanVi^  17/-2; 

liehtmiss   Maria  Lichtmess  29,7.  8. 

58,25. 
lieht  AdJ.  hell,  strahlend  468,27. 469,12; 

l.er  schlaf  Verzückung  198,17;  lieht- 

ber(e)nd  gUhizend  378,5.  450,2<). 
liehtrich  64,28.  95,26.  130,9.  18.  15(),28. 

180,19.  18S,8.  190,18.  193,16.  194,23 

tisu\:    liehtvar  hellfarbig,  strahlend 

224,17. 
liken  mit  Oenet.  etwas  ausspüren,  er- 
pich t sein  97,21 . 1 58,29.   l/y/.  Schweiz. 

Idiot.  111,  1250. 
lilie,  lylie  33,13.  212,1.  222,10.  224,23. 

242,10.  243,4.  266,21.  297,1.  430,27. 

433,24.    434,3.    440,4.    495,6.    540.3. 

552,18;  gilye,  gylie  544,3.  551,3. 
lind  155,17. 
linpfig  angenehm  25,1. 
lins  =  lis  sanft  371,24.  460,21. 
lipüch  70,17.    19.   73,18.  12(),19.  192,8. 

197,23.  209,8.  211.15.  215,23.  221,25. 

224.2.  293,5. 8  usw,;  liplichkeit  157,25. 


/ 


592 


Glossar. 


list    J\lugheiif  Kunst,  List   14,8.   89,5. 

108,18.  lirvi").  187,8;  listip;  riö2:2. 
lob  Laub  452,9.  478,14. 
lob(e)ücli  132,19.22.  156,27.806,10.11. 

12.20.  352,1.  864,10.  875,11.  442,24. 

447,2.  548,24;   lobrich    18,11.  27,25. 

90,6.  21.    ia8,21.    394.24.    895,1.  18. 

896,6. 
loblied  15,8. 

loc  l'lur,  locke  Locke  551,15. 
loch el in  P.  585^2. 
lof,  loff  Lauf,  Gang  {der  Natur,   Ge- 

stirne.  der  Zeit,  des  Lebens)  171,13. 15. 

172,10.  8S5,17.  888,7.8.  420,8.  467,25. 

468,9.   469,11.   470,2.    476,11;    einen 

lof  machen  einen  Zulauf  des  Volkes 

Itewirken  67,28. 
logenen    leuf/nrn    176,13;    lo^genuuge 

829,5. 
lonber  lohnbringend  250,1. 
los,  los  locker,  hie hf fertig  435,5. 449,27. 

549,27. 
losen  853,8. 

loser  Erlöser  (Christus)  215,2. 
losen  hören  159,10.  176,6.  194,15. 
loss  Laos  542,82. 

lowe  260,16.  420,8;  luwin  .4J;.  540,34. 
Lovicii,  die  kunst  L.  aristotelische  Logik 

17(),7,  828,19. 
Lucjis,  sant  1\  511,26. 
Lncifer   P.   511,12.   588,12;    luciferlich 

581,8.  583,11. 
lucke  Lücke  248,18. 
ludern  reizen,  rerlocken  449,17;   sahst. 

Inf.   12,8. 
h'Kohten  18(;,12.  18.22.  187,6.7.  18!)48. 

192,1.   241.21.  242,20.  244,2.  258,10. 

29.S.25.  299,21    usw. 
li'imde,  lünde  Leumund  8,7.  66,23.  426,8. 
liimiu'  487,18. 
lusT    209.5.    425,17.    480,10.  14.    479,4. 

5«M).18.  501,6;  lustsuclien  dins  selbs- 

heit,  din    nwer)  selbes  885,12.  4(>7,21. 

4S8,4. 
l1lstiL^  lusTii:  licf'lich,  angenehm  209,7. 

M08.17:  histlich.  lüstlich  .50,30.110.28. 

!)5.s.    [){],U,     iKio.     l()5.24.     174.21. 

1S4.16.   199.20  usw. 


lutbrecht  lärmend  482,4. 

luter  341,1.  416,6.  4(J9,18.  470,4;  luter- 

lich  38,18.  72,18.  73,25.  86,10.  104,lo. 

115,12.  215,6.  261,12.   288,12.   21>o.l 

usw, 
Interkeit   51*.   29,11.   46,8.   .50,9.    64.9. 

104,14. 166,1.  5.  177,22. 189.18.  218,9. 

218,6.  244,3.  268,8  usw.:  hitri  5()5,l.s. 
Ititern    165,20.    179,23.    809,24.    H:iS;^. 

390.3.  444,25.  4()8,14.  494,19. 
Ititselig,  lützselig  wohlgefällig,  anmutig 

22,7.   206,26.   208,9.  216,24.  269,12. 

271,21.  304,29.  305,2.  811,16.  328,17 

usw, 
lütselikeit,  liitzel.  14,29.  228,15.  868,10. 

875,8.  377,13.  878,9.  409,7. 15.  444a. 

441,18.  447,13.  449,27.  450,30.  452.1N 
lützel.   liizzel   Adj,  Adr.   klein,   icenig. 

gering  312,82.  365,11.  866,20.  876,29. 

486.4.  488,10.  449,9.  485,15. 

91. 

Macharius  Altvater  106,1. 
magfd,    niagt    Plur,    megfde    Jungt raa 
110,80.  361,17.  40(),10.  432,16.  544,2. 

545.5.  546,4.26.  547,1.  17;  niegtlicli 
544,5. 

mage  P.    Verwandter  511,7.  512,1H. 

magenkraft  Majestät  550,28. 

inagerlich  551,27. 

Magnificat.  Masc,  29,14.  111,24. 

mal  .  .  A'.  mei  .  . 

majestat  277,8.  821,27.  477,23. 

malen  108,16.  KU.l ;   maier  60,12.  15. 

19.  23. 
man(e)    Mond   112,16.    172,11.    174.24. 

4<  16,15.  407,5. 
mändag  Montag  144,8. 
mangel  91,5;  manglen  94,4. 
manigvaltig,     menigv.     96,1().     102,11. 

109.24.  178,19.  182,7.  183,14.  337,2s. 

889.6.  372,15  usw. :  manigvalticlicb. 
nienigvalteklich  Adr.  auf  mannigfal- 
tige   ireAsT  98,7.  154,8.  898,9. 

manigvaltiijkeit,  menigvaltikeit  Menge, 
zerstreuende  Vielheit  64,14.  1(>4,1.  2^. 
167,21.  27.  170,16.  177,9.  18.5,1. 
186,8.  193,19.   285,19  usw. 


Glossar. 


593 


manuell  männlich  oo,22.  149,19.  370,30. 

459,21. 
inanod  Monat  822,25. 
mantel   Mantel  323,18.   3(>2,U.   412,3. 

413,9. 
mantel  P.    Vonvand  529,9.  531,(>. 
maniing(e)  2()8,15.  437,17. 
march,    mar(c)k,    marg    Mark,    halbes 

Pfund    (Silber   oder    Gold)    282,27. 

414,12,  403,<).  499,4. 
Margareta,  sant  M.en  tag  136,13. 
margarite  Perle  242,8. 
inarhenschloss    VorhängesMotuf  40,(i. 
3raria  Mutter  Je^u  89,2.  333,16.  374,2. 

544,2.  545,5. 
Maria  Magdalena  100,1.  451,10.  544,15. 

545,7.  546,20. 
Maria  Schicester  des  Lazarus  521,1. 
markt  75,20. 
marmelsul  552,16. 
marter  (Christi  usw,)  3,20.  34,6.  35,4. 

4(),.3. 87,5. 118,17. 142,26. 144,8.205,19. 

208,27.  221,5   ii&ic.:   beim  Schirören 

(jebraucht   482,2;    marterland   (Feg- 

/euer)  285,15;  marterleben  462,21. 
mart«r(e)n,  "marteln  240,5.  368,4.  441,3. 

491,12.  508,6.  541,1;  raarteler  508,5 ; 

mart(e)rer  91,6.  117,31.  34.  11H,1.  3. 

7.  S.  12.  13.  21.  133,14.  244,1.  245,4. 

252,21   usir. 
marterlich  40,26.  45  23.  117,25.  118,22. 

126,21.  381,18. 
Martha  .521,2. 
mase  Flecken,    Makel    134,33.    277,9. 

291,30.    .321.28;     ma^gen    beflecken, 

verleumden  122,28. 
ma88(e),  maze  Mass,  Ausdehnung  46,14. 

16.  106,28.  140,20.  249,2;  ane  (alle) 

masse  248,29.  323,17.   496,12;   über 

alle    masse    249,3;    ze    guter    mass 

ziemlich  .385,17.  467,25;  massen  mas- 
sigen 481,11. 
masölosi  masslose  »"^irengc  45,22. 
materitei  5,14.  60,13.  183,4.    198,4.  12. 

292,26.     324,(».    10.     333,14.     378,7. 

4.50,28.   500,11  ;    uuitrrilicheit   :U9,1. 
mat(t)e  3()2,2.  412,4.  0. 
Matusalam  3ü7,l9. 

H.  Sense,  Dcutscho  Schriften. 


mediana  Mittelader  44,8. 

megetin  Jungfrau  406,11. 

nieheln,    mehelleii    vermählen    218,.30. 

410,19.  412,23. 
meie,    meige,  mey(e)  Mai,   Maibamn 

32,28.  29.  30.  33,1.  3.  4.  5.  16.  20.  25. 

111,17.221,30.  224,24.  242,12.  281,12. 

297,16.813,29.  433,22.  440,3;  meien- 

ris  33,19.   216,19;    meiental  374,18. 

446,23;  meientow,  meigentow  252,2. 

253,1(>.    431,2.    432,20.    433,18.   27. 

456,27.  486,28. 
mein  Frevel,  Missetat  264,20;  meinte- 

tig  r)42,21. 
meinen,    in    tcohlw  ollen  der    Gesinnung 

an   einen   denken,    bezwecken   31,24. 

32,14.    57,16.    59,22.    63,25.    110,30. 

165,2.  175,8.  192,28.  298,15.  306,28. 

309,18.  339,10  usio, 
meinsamkeit  =  gemeinsamkeit  487,14. 
meinung(e)  28,15.  41,8.  103,24.  1.56,21. 

167,29.  309,28.  342,20.  390,13.471,22. 

23.  487,13-21. 
meist  höchst,  grösst  422,3. 4:^,15. 463,18. 
meister,    raaister    Meister,    Philosoph, 

magister  theologiae  5,15.  17.    (),2.  7. 

23,1.  38,7.  53,22.  60,25.  98,30.  99,14. 

126,17.    162,18.    171,7.  12.    172,4.  8. 

10.    177,15.    178,12.    179,7.     190,11. 

191,13  u.^?r. .-  meisterin  14,20. 462,3. 13. 
meisterschaft  Vorstandschaft  im  Kloster 

112,2.5.    126,13.    274,13.    381,17.  28. 

383,4.  462,8.   463,8.  4()4,17.   484,23; 

meisterschaftsampt  462,20. 
mel  Genet.  melwes  Mehl  221,19. 
melodie  386,6. 
mengi,  meuigi  140,21.  172,13.  217,9.  12. 

218,25.  226,28.  242,16.  258,18.  2S0,3. 

284,17.  304,16  usiv,;  menigheit  Man- 
nigfaltigkeit,   Vielheit  330,2.  3. 
menig  s.  manig. 
mensch   Frauensperson    11.5,2().    119,2. 

120,1.  133,30.  145,6.  153,20.   162,24. 

370,4. 373,8;  geistlicher  mensch  Nonne 

407,8.  481,13. 
men8ch(h)eit  .34,12.  85,12.  93,24.  159,14. 

184,14.  191,29.  203,9.  204,28.205,4.5. 

201),  16.  26  usw, 

.  38 


594 


Glossar. 


mentelli  BemänUiiüig  45(5,11. 

mcr(Oj  Nnchrichi.  G^ri'tchf  ()(),14.  (>S,2. 

70,2().  7(s2l.  m;2i),  24.   88,1.   ^)H,2{). 

124,18.  12i;,1G  ub'ir. :  mersagfer  124,18. 
raeren  sich  rergrösfurn  87,1.'>;  raerung 

141,.').  380.1'). 
merklicli  irohl  zu  hcachtend^  hedeuiend 

801,21.  H84,23. 
merstern  (Maria)  18,1. 
merwninder  seltsames  Meertier   172,27. 
nu.'ss(e)  27,18.  :)8,8.  80,18. 1 17,31. 131,18. 

142,24.     144,7.    11.    15.    17.     386,1. 

414,2;  stille  messe  27,19;  m.  singen 

117.30.  146,8.  118,20.  386,4;  m.  spre- 
chen 22,4.  63,16;  messbuch  118,5. 

messcr  79,3.   80,10.   8.i,34.    121,12.  14. 

Messias  327,11. 

raeti,  raetti  Mette,  officium  matutinuvi 

17.1.  1").  31,16.  40,7.  42,16.  25.  43,0. 

47.2.  4.  8.  53,8.  59,6.  106,2.  314,20. 
322,2S  usw,:  mettigcstirne  Morgen- 
stern 242,4. 

metli  kleine  Matte  44,20. 

michel  gross  370,12. 

miden  und  liden  3,1 1. 

mil«e)  MeiJe  70,3.  78,26.   ss,0.   297,30. 

milch  552,3. 

mWt  freu ndlichy  gütig,  harmherzig  27,5. 

70,8.    71,2.    73,34.    78,9.  10.     84,25. 

85,16.  17.  21.    80,1.    100,25.   27.  20. 

117,1  usw.:  milt(e)klich  24,15.  51,9. 

84,2.    117,19.   213,17.   243,8.   264,18. 

320.2. 
miltekeit  37,16.  78,9.  85,17.  100,27.29. 

127,16.  180,15.  263,30.  267,19.270,28. 

317.31.  376,8.  420,14.  448,20. 
minuo,  der  ni.  buch  das  Hohelied  367,5. 

417,3.  425,8.  434,11.  430,11.  451,13. 
495,2;  minnebikh  Christus  537,12. 
5,~)3.24 :  minuobuchelin  537,1 ;  der  m. 
pris  300,30;  niiuiiebaud,  -t  181,19. 
554,20:  niinnebotte  405,7;  niinnebot- 
lin  231,8:  uiiiinebrief  231,10;  minnen- 
diq)  48<),19:  minnearotin, -gütin  374,30. 
447,8;  mniiK'kos(Mi  .Suhst.  12,10. 16,33. 
230,27.  259.7;  minnekosend  24,24; 
niinnelos  40N.1.  427,5.  402,5.511.18; 
niinnehider      Liehcsreizang      385,14. 


467,22.    492,26;    der    minnen    resrel 

494,14 ;  minnerich  18,14. 18.  24,22. 3*». 

26,8.   28,14.    59,24.    100,17.    1«0,U. 

193,12.  199,24  usw,;  minnerut  252,4; 

minnesam  431,13.  540,6;  miunesiech 

142,27;  minnespU  20,16.  225,1.  2<J7,.5. 

417,8;  der  niinne  stral  552,9;  minne- 

süchend  14,27;   minnevackel  313,18. 

25.  314,2;   minneufingerlin   T'erm«/»- 

lungsring  494,8;  minnewanck  Liebes- 

wendung,  -spiel:  minneweinend  15,7: 

minnewerck  487,19  ;minnewise  181,21 : 

minnewort  223,12.  548,6 ;  miunewund 

Adj,  16.22.  25,1.  274,18;  minuewunde 

543,20.  548,19;  minnezeichen  Litbrs- 

zeicUen,  fünf  Wunden  Christi   16,1. 

31.  41,9.  110,19.  210,14.  IH.   215.12. 

273,26.  290,15.  18.  29.  291,1.  295,17. 

391,19.  479,12.  506,13.  508,8;  minne- 

zil  388,11.  469,15;  rainnezug  223,3. 
minnen  und  meinen  27,3. 337,2.  449,5. 7. 
minner  181,9. 19.  211,22.  226,28.227,23. 

228,24.    229,1.  10.    232,31.    324,18. 

325,3  usw, ;  rainncrin  12.1.  13.  14,21. 

227,16. 19.  446,25. 451,14. 453,7. 5.->4.7. 
minlichi  ZunJgang  358,27. 
minren  verringern  251.21.  430.19.  .508.3. 
minst   kleinst  j  geringst    16,26.    357.20. 

3(;4,2.   366.24.   3S2,7.   422,3.   438.15. 

46.3,17. 
mirrenbüschelli  2.54,21. 
Miserere  Psalm  50  30,24. 
missieibieten     ungehührliches    zufügen 

86.8.  22,  29.  297,19. 
misshiiten,  sich   schlecht  auf  sich  acht 

haben  42,8. 
misslich,  miss(e  dich,  mislich  verschiedin- 

artig    99.22.    142,9.    .358,18.     387.5. 

476,10. 
misslingen  70.23.  416,2. 
missetat    42,13.    15.   19.    66,19.    73,26. 

76.25.    92.2(>.    99,27.    112,12.    115.7. 

119.5.  8.  214,12.  215,6  usn\ :  misse- 

teti«.^  2()3.27. 
misset  ru wen  400,18. 
miss(e)vallen     156,34.     200,8.     22.5,11. 

415.12.  482,1.  500,4.  501,11.  21 ;  miss- 

vt'lliüf  missfalhnd  105.7. 


Glossar. 


095 


misse varw  Fem.  Buntheit  224,22. 

in  issfliegen  beim  Fliegen  das  Ziel  ver~ 

fehlen  159,20. 
mitel.   mittel   was  hindernd  im   Wege 

steht,  Hindernis  18,25.  20,2.  142,16. 

157.8.  13.    U.   17.   19.   158,1.    162,5. 

I<y8,23.24.  170,6.  171,1.  174,2. 181,27. 

187,19.      2:U,25     usw.;    Hilfsmittel, 

Vermittlung   108,13.    194,6.    263,25; 

Mitte  278,7. 
init(t)el(l)os  ohne  Hindernis,  unmittel- 

hariHS.i.  263,25. 476,3. 479,17. 493,16. 

545,4. 
mit(t)er  tag  Mittag  137,3.  542,30. 
mitler     Vermittler     263,25;      mitlerin 

(Maria/  264,1.  267,10. 
mitliden    Mitleid    34,17.    41,4.    84,26. 

125,12.  142,25.  206,3.  258,27.  260,22. 

278,12;  mitlidun^e  358,27. 
mittegeselle  490,15. 
mittli  Mittelpunkt  452,13. 
mitformig  gleichförmig  334,18. 
mitwesentheit  consubstantialitas  180,1. 
mitwoneri  187,10. 
mitwürken  suhst.  Inf.  344,8 ;  mitwürker 

126,5. 
mord,  -t  Mord,  Missetat  66,16.   72,19. 

75,18.   76,4.  14.   80,5.  6.   115,16.  17. 

121,6.  122,33.  123,3.  211,22.  264,20. 

307,8.  425,25.  544,13;  mordax  Streit- 

a.ct  76,7. 
morden  79,15. 
morder  39,26.  76,6.  77,4.  11.20.  78,21. 

79,15.  22.  33.  34.  80,2.  4.  13.  25.  27; 

morderin,morderinl21,3.361,12.411,5. 
more  49*.  194.1;  Teufel  131,11.  285,7; 

morin  367,8.  12.  489,20. 
morgenbekentnisse    cognitio    matutina 

(A  ugustinus)iUl,i;  morgengabe  244,8. 

14. 16;  morgengröz  18,10. 19.  1(19,12. 

395,2. 14;  morgenrot  271,18;  morgen- 

.segen    395,19;     morgensteni     14,11. 

17,28.    18,9.  22.    233,21.    299,10.  IS. 

430.23.  432,23.  446,7.  510,16;  =  Ma- 
ria 17.19. 373,15. 374,2. 6. 8. 446,12. 13. 
morn     Adv.     morgen     .371.26.     .'^21. 

460,23;  in.  des  tage«  60,25;  mornend 

25.14.    5H.3.    6(L26.     7.S.18.     102.13. 


116.7.    131,26.    146,7.   152,10.   324.1. 

373.27;  mornendes  12,18.  370,20. 
moschin  Adj.  von  Me.tsing  39,11.  40,15. 

43,(). 
most  159,8. 

Moyses  327,10.  390,14.  471,24. 
Moyses  abbas  Altrater  104,12.   106,32. 
mud  elend,  unglücklich  72,23. 
miidi  168,19.  210,20.  316,28. 
raugent,     rafigen     Macht,     Vermögen, 

Kraft    12,22.     340,21;     mugeutheit 

185.11.  223,28.  244,10.  245,7. 
mügig  =  miijig  hekilmmert  459,(). 
müglich(k)eit  177,3.  337,26. 

müjen  Prfit.  möte  unpers.  beunruhigen, 

verdriessen  114,26.  131,20. 
muH   Mühle   81,24.    526,10;   raulistein 

539,12. 
mülich  beschwerlich,  lästig  86,4.  202,7. 

205,30.  221,3. 5. 233,26. 2!H,16. 249,21. 

454,13.  456,17.  496,12. 
mfincb  61,12.  75,5. 104,16. 115,17. 136,18. 
rnfmdli  30,9. 
münster  143,1. 
muntvol  24,29.  122,15. 
mfirdig    mördei-iscK    blutgierig    121,3. 

260,16.  539,1(). 
murralen  70,26. 
mursel  Bissen  13,11.  398,23. 
raü88ekeit,mussikeit  54,13. 160,9. 167,21. 

184.12.  186,12.  13. 

muten  verlangen,  begehren  503,17. 
mötcrlich    3(5,22.    50,25.    85,9.     113,6. 

140,2.     143,15.     205,20.    2()0,7.    11. 

267,23.  27.  269,3  us^o, 
rantli  114,14. 
mütwillen  352,27 ;  raötwil(le)klich  108,21. 

132,7.  161,30. 
müzklich  Adi\  mit  Müsse  235,26. 

'S. 

na,    nach,    nahe    Adv.    nahe,    beinahe 

131,19.   234,7.  286,8.  470,19.  507,19. 
nah  bilden  180,25.337,9;  uachbildunge 

274,16. 
nach  gan  292,5. 470,3;  na(ch)gend/o/^cwrf 

25,10.     133,10.    14(>,23.  .161,16.    23. 

1(>2,5.  8.  16:i,10.  365,29.  437,2. 


596 


Glossar. 


iiahgebur  Nachhar  114,li>. 
uachirreben    sahst,    Inf,    Nachgrübeln 

477,M;  na  gniblen  171,13. 
nach  ilen  472,12. 
nach  kalen  471,27.    Vgl,  kalen. 
nahklank,  -klang  387,1().  408,20. 
nahlich,  in  n.er  wise  genau  166,12. 
nahruren  sahst.  Inf.  innerlicher  Antrieb 

16r>,26. 
nah  tringeu  41,15. 
na(c)hvolg(c)84.7.  184,15.  33i),22;  nach- 

volger  91,35. 125,33. 208,29.  32. 209,2; 

uachlolgklich   339,28 ;    nachvolgunge 

475,1. 
nach  volgen  198,13.  207,9.   11.  488,11. 
nafragen  sahst.  Inf.  132,12. 
nahten  Nacht  werden  77,30. 
nahtgal  172,17.  310,18. 
nahtnial  Abendmahl  34,21.  137,4.  204,3. 

291,15.   315,2.  472,21.  478,1.  538,27. 
iiahttropfe  551,19. 
uachtwiirmli  266,27. 
na(cjk  539,30.  540,2.  541,12. 
nackeut,    nacket   260,1.   318,4.   488,21. 

511,18;  nekent  77,17. 
nadel  39,21.  41,12.  14.  120,34.  133,32. 

134,2.   198,20.  210,14.  323,24;   nalde 

442,21.  535,2. 
nagel  39,11.  39,14.  41,8.  20. 
nagend  .v.  nachgend. 
najen  393,15. 
uam(e)los   ohne  Namen    177,4.    184,22. 

187,11.  328,24.  342,15.  352,20. 
nanihafti    aucton'tas    (I)enijle:    Hand- 

halningi  16S,24. 
nater  Natter  371,25.  460,22. 
natiir,  uioister  von  ii.  Philosoph  451,17; 

schule  der  n.  4öl),8;  die  alten  natür- 
lichen meister  344,19.  :U9,13;  sehnle 

der  natürlichen  kunst  388,2. 
natiirlichkeit   193,1. 
nebelheit  Nihd  478,17. 
iiehelmentelin,  -mentelli  Voncand,  Bt- 

innntdung  372,11.  461,15. 
ne-l)er  Jio/im-  61,14.  16.  IS. 
ne-elii  414.1.  538,17. 
neher,    nelist  hoher,    höchst  3,111  23,5. 

9S.1S.    115,29.    174.16.    179,1.    1S(I,1. 


181.27.  182,13.  209.26.  3S5,1S.  43-V2 

nsw, 
nechcrunge     418,5;     nachheit     478.15. 

534,19. 
nelitind  in  vergangentr  Nacht,  gtsttrn 

Ahtnd  66,20. 
neigen,  sich  *.  untertrerfen,  zum  Zeifhtn 

da-  Ehrfurcht  sich  vemeigm  .S6S.17. 

417,13.  467,20.  475,16.  488,1. 
neigiing(e)  Zuneigung,  Oeliisfc  164.25. 

181,6.  7.  18.  456,16. 
neina  128,4.  459,13.  46(),5. 
neiss  =  ich  enweiss  10,17. 29.  44,8.  7.5.3. 

111,26;    neiswa  =  ich    enweiss    wa 

irgendwo  U,l.2i\.  71,19.  81,17.  112.13. 

1 1 3,24 ;       neiswannen      irgcndiroht  r 

111,29;    ueiswar   irgendwohin    19.2; 

neiswer  ir^«'wrfM7<'r  31,16.  97,10;  neis- 

waz  irgendeticas  H,ll.  15,27.  17,4.  2i\ 

48,20.  26.  50,12.   5.3,18.   57,31.  .58,5. 

87,4    usw,:    nei8wen(n)    irgendwann 

6,6.  7,14.   16,23.  48,18.  61,30.  86,13. 

90,2.    114,14.    122,27    ««r..-    neiswi. 

neiswie,   neiswe   irgendwie  3,7.  8,9. 

9,23.  11,5.  14,34.  21,9.  199,20.  263,23. 

270,23.  322,24  usw. 
nemlich(k)eit  Begnff  188,15.  330,2s. 
nemiuen   nennen   76,12.    114,1.    132, In. 

187,10. 340, 1 9.23.  'Mrl.l.  1 2. 343, 1 0  </*/'-. 
uemung(e)  4,16.  182,12.  330,22.  331,2U. 

343,19.  3.50,24.  354,3.  15. 
nerges  Adv.  nirgend  482,15. 
nesel  Nessel  222,11.  232,11. 
Xestordus)  Altvater  105,1.5.  1U(),25. 
nezz  135,32. 
Niclaus,  sant  88,29. 
nider  giessen  87,27. 
niderkleid   Untirkleid,  feinoralia    39,9. 

40,17.  43,15.  4.5,8.  21. 
nider  körnen  schlafen  gehen  49,27. 
nider  lan,  sich  4:^5,11.  462,23;  niderlaz. 

-SS  Huhepunhl  312,33.  372,21. 
Xiderland  Land  am  Nicderrh-in  1?S.17. 

78,22. 
nidern,  sich  .v.  trniedrigui  420,16. 
niderschlag  Ihimsuchung  130,21. 
nider  senken  sinken  machen,  heschn-cnn 

3S7/,). 


Glossar. 


597 


nider  sijsren  Prät.  aeiix  niedersinken  71  ,IU. 

S0,'21.   113,18.   UVl  210,27.  218,18. 

270,2S.    271,r>.    8()9,2;i.    317,10.    14. 

318,3.-).  38G,25.  26. 
nider  trafen  sinken  machen  468,13. 
nieder  trieften  134,30.  272,18. 
nid  er  Valien  fiubst.  Inf.  42,31.  43,1. 
nider  walen  niederßiessen  ()2,19. 

nider  werften  niederschlagen  (die  Augen) 

2()3,22.  481,4. 
nider  ziehen  4,27.  476,8. 

niene  Adv.  durchaus  nichfj  nirgendwo 
11,1.  12(;,29.  127,28.  133,33.  178,14. 
191,17).  192,28.  202,18.  248,20;  nienr 
74,22 ;  niergen  353,32 ;  niergent  457,20. 

niessen,  niezen  93,23.  171,23.  184,18. 
195,4.207,13.  274,28.  295,18.  296,28. 
297,8.  302,8.  14.  18.  303,25  usw, 

nigen  einem  JPrät.  neig  sich  zum  Zeichen 
dt'fi  GnisseSj  der  Ehrerbietung  ver- 
neigen 26,17.  29,23.  32,24.  36,28. 
265,6.  298,6.  13. 

niht  =  Gott  187,12.  15.  16.  188,4.  9. 
14.  15.  329,2.  6.  335,13.  341,8.  842,6. 
9. 16.  20.  25.  343,5—25  usw,:  niht  = 
die  geschaffenen  Dinge  335,18.  Vgl, 
mit. 

nihtesnit  Vtrsifirkung  von  nit  114,10. 
146,17.  167,26.  331,2.  5.  .343,4.  350,8; 
nntznöt,  nutzit  345,22.  483,18. 

nihtkeit,  nihtekeit  =  das  göttliche  Wesen 
97.12. 184,22. 187,11. 188,19;  Nichtig- 
keit der  irdischen  Dinge  327,2 1 .  335, 12. 

Xilu8  Altvater  106,7. 

nisi  228,9. 

nitwesen  s.  nütwesen. 

nochdenn(e)  =  dennoch  ./eZ-^f  noch  346,5. 
347,20.  349,22. 

Noe  214,13. 

non  Höre  des  Breviers  und  Zeit  dtr- 
silhen  124,27.  143,8;  nonzit  543,4. 

Xo8  cnm  prole  pia  131,25.  Vgh  die 
Nachträge  6'.  ÖÖO. 

nothelfer  117,15. 

notstal  geiüaltsame  enge  Kinsrhränkung 
53,2S.  126,19.  210.22.  215,28.  263,9. 
316,30.  361,21.  411,16. 


noturfü,  notdurft  Not,  Bedürfnis,  das 
zum  Lehen  Notwendige  88,24.  122,26. 
124,16.  125,8.  139,11.  166,15.  169,20. 
215,18.  248,9.  261,21.  284,17.  364,9. 
12.   366,12.    372,12.   379,20.   421,17. 

423.1.  5.  438,5.  487,12. 
noturftig,   notnrtklich,   notdürftig  not- 
wendig, hedilrftig  97,16.  119,9.  179,4. 
303,9.  414,22.  487,19. 

nu    Augenblick   158,31.    161,3.    170,20. 

226,16.  302,7.  357,19.  474,6. 
nuchterlingen  Adv,  nüchtern  302,13. 
nügirig  neugierig  397,6. 
nun  Nonne  482,11. 
not  =  Gott  167,5.    VgL  niht. 
nöt«in  non  esse  .342,13. 
nütwesen,  nitwesen  non  esse  176,12.  15. 

329,1. 
nütwissen  503,15. 
nüwan,  nuwan,  nuwen,   nütwan   nichts 

als,  nur  25,16.  27,10.  43,2.  45,4. 46,17. 

62,12.  13.  72,28.   78,4.  83,19.  85,10. 

«9,7.    91,26.    116,21.    117,4.    186,25. 

147,7.  159,14.  224,20  usw. 
nüwes  Adv.  neulich  152,29.  406,15. 
nüwi    Neuheit,   Frische    16,28.    149,4. 

329,15. 
I   nuzschal  219,5. 
nuzzherlich  50*. 

O. 

Oberland  Oberdeutschland ^  Gegend  am 

Oberrhein  153,10. 
Oberteil  (des  Rades)  435,8. 
obren ,    die    Vorgesetzten  4,35.   14(),27. 
obsweben  111,14.  243,3. 
ocker(n),  ockert  P.  509,8.  510,19.  511,7. 

530.2.  5,33,4. 
octave  achter  Tag  eines  Festes  373,28. 
ode    öd,   gebrechlich,    schwach   45,21. 

112,14.  434,12. 
offenbar  85,20.   88,19.    242,19.    244,17. 

4()2,17.    473.5;    oftenbarlieh    140,28. 

222.16.  303.25. 
oftVnbarun«r  6,3,10.  186,18.  503,14.  523.3. 

524.21.  21.  525.7. 
oft'enlicli  Adv.  öffentlich,  vor  aller  Welt 

42,9.  67,15.  205,18.  222,15. 


598 


Glossar. 


ot'iOuen  bekannt  machen  4,85;  'sich  o. 

H,  offenbaren  4,32. 
ogen  einem  geben  ansehen  224,29. 451,4. 

551,7. 
ogciiblik,  ogenbli(c)k  Blick  der  Augen, 

Zeitmoment  82,20.  93,22.  95,18.  98,19. 

1()1,7.   175,17.  234,6.  235,15.  238,14. 

242,12.  260,7.  269,20.  307,21  usw. 
ogenlüs  i  Venus)  3()3,9.  420,22. 
ugenweide  253,13. 297,22.812,29.478,28. 
ogli  30,8.  122,8.  2()7,24. 
olberg  539,2. 
olei   Ol  2S8,8. 
opfel  .V.  epfel. 

opher  252,12.  273,10;  opfren  414,12. 
ops   Obst  25,3. 
ordeien  P.  528,21. 
orden  Alositrordenlb^lo.  76,3.  115,2.3. 

12(>,12.  131,2.   413,18.   438,14.     Vgl 

bredier. 
ord(o)neD   415,9.   482,4.    508,1;    ord(e)- 

nung(e;  168,12.  203,5.  489,9.  12. 
ordenbaft  geordnet  353,10.  11;   orden- 

bafti  Ordnung  3,4. 17.   192,15. 
ordenlicb,  ördenlicb  158,19.  163,2. 171,1. 

193,9.   194,6.  206,18.  243,18.  327,27. 

32946.   416,1.   422,22.   438,2.    470,5. 

471,25. 
ort  Funkt,  Ende,  Spitze  43,8.  334,25; 

ortbaber   Urheber  26,25.  541,17. 
osterlembli  (Christus)  303,14. 
ostertag  27,1.  46.19.  93,4.  4(M),16. 
ütmüdich  I*.  525.14. 
oven  45,31.  224,20.  250,13. 
0  vernalis  rosula  111,26. 
owe.    owc   Au   172,17.  224,24.  211,11. 
242,12.  374,20.  446,25.  452,(J. 

P  siehe  B. 

(luatern  JMge  von  vier  Bogen  4,29. 
quit  AdJ.  ledig,  frei  492,(5. 
«iwclcii  P.  =  kalen  510,7. 

R. 

racli»'   Mn.sc.  Rachm  552J). 
ratlii  ci,  rachf  /V;//.  /i'//r//r  128.32.  32r>.24. 
422.14.   15.  4S3.7. 


rappe  Habe  425,10. 

rast  P.  520,23;  rasten  491,28. 

rat  Ratschlag  2^3,20. 283,17. 20. 426,ia 
462,15.  503,5;  rat  die  BatsBchirt^tern 
422,21 ;  rate  conailia etangelicabtlA : 
ze  rat  werden  beschliessen  78,11. 
119,26.  145,17;  Abhilfe,  Befreiung 
62,7.  13.  17.  20.  85,7.  498,16;  Ter. 
mögen,  Mittel  146,16. 

rechen  325,27.  414,11;  sich  r.  414,12. 
422,5.  9. 

re(c)hnung  A6recÄ/ii<»^  69,6. 84,2. 85,25. 

redlich  geziemend,  gehiirig  98,23.  iiS9,l0; 
redelicheit  Begriff  328,20;  Ange- 
messenheit,   Vernünftigkeit  494,21. 

regel  494,18. 

regen  452,7;  regenboge  219,7:  regen- 
trophli  210,12;  regenweter  81,1b. 

rehlin  216,13. 

reht,     kristaulichü     Sierbsakramtntt 
379,15. 

reebtschuldig  der  wirklich  Schuldigt, 
Überführte  119,6. 

rehtvertikeit  richterliche  Entscheidung. 
Gericht  229,18. 

reie,  reye,  reige  Tanz,  Beigen,  TanzUnl 
btzw.  'Melodie  69.18. 30. 114.2. 252,*i<;. 
3(11,1.  374,28.  410,12.  432,26.  447 .(» 
reien  242,14. 

reif  lieifen  375,30.  44«.  10. 
rein  Bain  211,11. 

reinen  rein  machen27i,2il  277,9.  32(^.23. 
321,28. 

reinikoit,  reinekeit  212,25. 251,17.  297,1. 

301,6.  412,21.  431,().  487,4. 
reisen  bereiten, ftrtig  machen,  anschlagen 

(ein  Saiteninstrument)   28,11,  254.1. 

323,3. 
reizen,  reisten,  raissen  reizen,  rerlockm 

17,14.   305,17.   310,17.  327,22.  374.7. 

3S:),s.   395,3.  396,19.  41.s,14.  426.16. 

429,13.    446.13.    455,13.    18.    467.1(). 

477,().  491,30. 
reizlich,    raizzlicli,   reiwlich    verletckrnd. 

verfiihnriseh    47*.  4,28.  97.5.    1U,2. 

174.17.  373,9.  483,19;  reizung  393.1.3. 

29(),23. 
rekolter   Wacholder  384,7.  466,9. 


(Tlossar. 


599 


rengnieren  regieren  107,20. 

repetitio  *21,25. 

Requiem  Trauermesse  144,S. 

reren  vtryiessen  208,28.  275,28.  281,24. 

321,:).  440,20.  458,14. 
respoüs  =  respoiisorium  18,24. 
reyger,  die  hoch  r.  Reiher  458,25. 
rich(h)eit    100,23.   1(>5,B1.  193,4.  244,7. 

250,9.   255,3.  262,16.  265,15.  283,10. 

296,9.  352,14. 
richlich,   rilich  rtichlich    165,29.  217,3. 

25(K21.     252,21.    299,13.    14.    305,5. 

311,1.  351,8. 363,20. 21. 395,26. 421,20. 
richöcn  h.rrschen  356,24.  542,28.  544.29. 
richtum  228,16.  273,17. 
riechen     Xfuir.    Geruchnsinn    207,29. 

316,4. 
riechen  =  riehen   sich    mehren   279,33. 
rife,   riffe  Reif  220,22.  221,30.  40'>,17. 

409,6.  425,23.  456,26.  516,3. 
riflen   durchhecheln,   verwunden   41,22. 

137,(). 
rihen  stecken,  npiessen  77,16. 17.  120,34. 
rihten  ab  einem  urteilen  285,27.  315,28. 

4(>5,5;   ri(c)hter  70,5.  12(),12.  205,21. 

229,15.    239,23.   263,7.   265,8.   285,9. 

12.   319,20.   372,16.   461,19;    rihthus 

praetorium  34,24;    rihtstfil    Richter- 
stuhl 244,1. 
richti  Fem.  (ferada  Richtung  16,10. 
rilich  s.  richlich. 
rimen,  in  gerimter  wise  397,6. 
Rin   48.S.    77,9.   78,22.   80,1.  12.    81,8. 

514,3.  517,8. 
ring  Ring,  Kreis  von  Mensch,  Kampf- 

phitz  77,26.  92,16.  17.  178,13.  191,14. 

1().  21.  23.  192,3.  193,3.  205,8.  370,23. 

459,12.  18;  ringli  192,4. 
ring  Adv,  leicht,  gering  287,5. 
ringen    sich    abmühen,    heftig    Mrchfu 

202,5.    231,16.    440,15;     suh.f.    Inf. 

193,23.  .500.4. 
rint  420,9. 
rippe  214,17. 

ris  Reis,  Zu^eig  224,25.  341,12. 
rise  P.  Ries:  .535,6. 
ri>en  ZirfaUcn,  ahfaUen  217,7.  4H0,2(). 
rite   Fieber  (>>\28.  8(>,'^0. 


riter,  ritter  36,7.  55,24-  31.  91,35. 151,2. 
6.  152,12.  18.  252,15.  365,15.  370,22. 

28.  371,6.  398,12.  436,12.  459,11.  17. 
520,12;  ritterkleit  55,24;  ritterscliaft 
51*.  55,20.  56,2.  3.  152,7.  8.  12;  riter- 
schüh  55,23.  27. 

rit(t)erlich  51*.  64,15.  205,8.  241,1. 
371,15.  460,11.  497,3. 

rivicren  ausßiessen  179,32. 

rob,  rop  Raub  83,18.  370,2.  3.  458,10.  11. 

robobli  Taschengeige  114,1. 

rochen  räuchern  313,28. 

rok  Kutte  110,21.  143,25. 

Rom,  Rom  363,13.  421,3. 

ror  467,33. 

rbsclilich  Adr.  rasch  79,1. 

rose,  rose  Masc  58,31.  59,10.  ()4,8.  9. 
10.  26.  33.  102,19.  22.  23.  24.  110,16. 
137,18.  148,22.  26.  252,24.  281,27 
usir.;  roseli  111,27.  551,29;  rosbom 
13.28.  59,8.  15.  26.  102,19.  20.  21. 
397,1.  10;  roseuschapelin  Kränzlein 
ron  Rosen  102,21;  rosenstude  58,31; 
rosenzwi  432,19. 

rosiu,  rosin  Adj.  von  Rosen  64,9.  361,23. 
411,17;  roslin  rosenrot  252,23;  rGs(e)- 
loht,  ro8(e)lecht  48*.  64,13.  17.  110,16. 

29.  271,19.  539,11.  542,7.  544,23. 
551,25;  rosenrot,  rosenrot  224.17. 
244,1.  245,18.  440,3;  rosvarvv,  ros- 
varw  199,11.  213,27.  214,20.  271,25. 
274,21.  295,12.  319,19.  320,l>s.  24; 
rosvarwklich  227,18.  274,21. 

rossli  Rössleiu  138,34.  139,4.8.10.12.15. 

roten  214,17.  449,28. 

rotguldin  266,14. 

rubin    2.52.25.    371.8.    460.4;    rubinrot 

271,20.  538,8. 
rfichen  unpers.  kümmtrn  169,27. 
rÖder  289,18. 
ruf   des   gebetes   .37,13;    ze   r.  werden 

ins  Gerede  kommen  119,19. 
rnffen  21S.17.  274,2.  319.25.  460.2S. 
riigen  anklagen  204.13. 315,13. 540,18. 25. 
rujrire.  ze  r.n  stosseu  181,2!);  ze  n'icken 

wrrrtVn   457,7. 
iiiggin,  rucken  leib  Roggenlaib  385,27. 

46S.2. 


600 


Glossar. 


rüglingen  Adr.  rücklings  77,1^. 

rukcn  188,8. 

rumen  räumen^  freien  Baum  schaffen 

99,25.  ir)8,2r).  193,  U. 
rumen  874,13.  \MiS,2\  440,19. 
riinen  Jliistcrn  79,31.  145,23. 
runs    AusflusSj    I^luss,    Quell    44,10. 

180,12.  13.  200,1.  273,7.  541,28. 

riiren  rühren,  berühren,  in  Bewegung 
setzen^  ein  Instrumtnt  spielen  8,16. 
14,10.  21,23.  31,13.  171,26.  191,3, 
199,21.  209,18.  202,11.  268,8.  12. 
343.20.357,2.371,27.  460,25.  492,11; 
sich  r.  377,27.  450,1  (>. 

rüssig  russig,  schmutzig  77,12. 
röte  Zuchtrute  247,19. 
Y\v\\(\  ruwe  Beue  198,14.  453,3.  4.  454,5. 
498,18.  501,9.  11. 

riiweii  bereuen,  Beue  empfinden  282,7. 

408,8.   454,8.   501,12.  13.  21.   543,2; 

subst.  Inf.  211,3.  321,16-  324,14. 
n\wer  Bfisser  453,24;  niwerin  453,8.  21. 

rüwig,  niwig  bereuend,  bussfei-tig  100,1. 
175,15.  213.17.  258,17.  265,.5.  445,25. 
452,14. 450,5.498,28;ruweklichll6,17. 

röwe  Buhe,  Beschauung   17,25.  18,23. 

1(>7.13. 183,10. 198,19.482,14;  rriw(e)li 

17,10.  82,21.  93,5. 101,8. 124,22. 380,3. 
rüweu  495,7;  subst.  Inf  243,16.  297,7. 

317.14. 
röwig,  niwig,  niwig  ^-uhig  13,2.  85,33. 

135,15.    156,11.   22.    166,23.    358,24. 

359,18.    371,2.    438,25;     r(lw(e)klich 

13.2.  20,18. 

Sache  Ursache,  firund  95,15.  178.9. 
191.33.  208.29.  344,21.  349,7.  8.  13. 
351.11.  473,0.  554,4;  sachlich  ur- 
sächlich   178,9;   Sachlichkeit    184,25. 

sacnnneiit  113,9.  291,20.  292,2.  295,19.   , 
29S.1».  299,1.  ir,.  301,15.  302.0.  10.24. 

isT.is.  :>:v.)A.  j 

saiicii  t'f/l.  .singrti. 

sat'^'r;///.  saftV.N  .SV///  28.11;  sapf  48.1.    • 
sak    377. U».     |r)(i..");    wisstT    s.    irri,ssfs 
OrdnisHi'itl  mirl^.  411,19. 


salbe  453,1.  513,18. 

s&ldc  s.  selde. 

salin  Psalm  35,4.  87,5. 6 ;  salter  Psalter 

429,16. 
Saloinon    12,19.  273,17.   307,7.  439,10. 

13.  21.   441,20.  470,4. 
saltz  44,2. 
Salve  regina  36,2. 21. 27.  314,  la  318,23. 

410,3. 
sam  Conj.  so  irie  327,15. 
samneu  sammeln  372,19.  421,21).  470,4; 

8am(e)nung     Versammlung^     Schar, 

Konvent  (ron  Nonnen)  70,24.  110.2. 

370,16.  459,5.  507,24.  531,13. 
Sampson  273,16. 
Sanctus  Teil  der  Messe  386,9. 
sandunge  Sendung  32,4. 
Saphir  266,15. 
sat  Plur.  sät  4.52,7. 
satan  471,18. 
satlen  139,4. 
satten  sättigen  228,20. 
Schacher,    Schacher    Schocker    132,32. 

307,14.  317,33.  540,16.  542,21.  543,2. 
schaffen    74,21.    130,23.    137,2.    2>i4,2. 

421,1.  466,4.  479,7.  483,21.  507,19. 
schal  49*.  374,4.  482,26.  440,9;    schal- 

lich(en)   Adr.  schallend,   laut   374,8. 

440,13. 
Schalk  böser,  arglistiger  Mensch  161.><; 

schalkheit   86,1 ;    schalkhaft    hinter^ 

listig,  boshaft  86,19.  426,17 ;  schalck- 

hafftig,   .schalkechtig  P.  513,22.  531, 

2.  4;  schalklich  86,23.  136,17. 
schalmie  323,2.  10. 
8cham(e)   71,3.   453,12;    schamgen   /«• 

schäinen  205,18;  schamlich  rersch/imt, 

schimpflich  204,13.  20.  203,22.  315. 

13.  21.  539,31.  542,18.  19.  20.  543,1. 

545.21.  550,8.  552,7;  schamrot  S^.^l 

i:»,0,28.  245,19. 
schantlicli  132,H. 
schap(p)el    Kranz   20.7.    14.    27,5.    12. 

i;4.9.  1 10,32.  1 1 1 ,2. 18.  252,24.  361,23. 

411.17. 
sdiapren  Mose. scapulare, Schultvrkleid, 

Shfipulivr  10.5. 
scharlat  ^^charlach  301.24.  411.18. 


Glossar. 


601 


schannesser  V.  Schermesser  517,9. 
scharp flieh  Adv,  acriter  156,B1. 
schatte)  160,18.  228,18.  306,7.  361,(). 
schätz  258,10.  493,10. 12;  Schatzkammer 

493,9. 
sehet*  s,  schif. 
scherti.  schefl'(e»lin   73,34.  8G,3.  381,20. 

420.8.  463,4. 
Hchelm  49*. 

schelten  sahst  Inf,  68,3.  463,24. 
sehenden  86,28.  152,22. 
schenken  ausschenken  552,2. 
schepheu,    schepfen     schöpfen     329,»S. 

34(),10.  486,4;  erschaffen  292,20.  23. 

3()3.11;     schepfer,    schopfer    215,1. 

271.30.  332,11.  426,5. 
scheni    scheren^    die   Tonsur    erneuem 

11(K13. 
schezzen,  schätzen  157,7.  492,5. 
schidnuge  separatio,  Tod  220,2.  240,6. 

260,11.  277,19.  278,8.  318,12. 
schif  38,4.  149,8.  287,23.  473,1;  schiflüt 

182,4;  schif  man  289,17. 
schilt  546,28. 
schimpf  Schere y  Kurzweil  483,11.  13. 

485.9. 
schin,  geischlicher   habiius  religiosus, 

klösterliches    Gewand    8,5.     198,18. 

218,10.  284,11.  363,17.  370,4.  407,21. 

421,10.  458,12.  485,15. 
schinberlich    Adv.    sichtbar,    glänzend 

143,27. 
schinden  125,13. 
schirm  89,3. 117,14.  ir»0,5. 263,4. 264,13. 

396,4.401,6.  554,24;  schirmen  89,11. 

243,10.  340,12;  schirmerin  37,20. 
schit  Scheit  199,23. 
schl —  vgl.  sl — . 

schlaf erlich  Adv,  schläfrig  45,11. 
Kchlcht,    siecht   gerade,    schlicht,    auf- 
richtig :{00,9.   359,17.  482,8.  510,23. 

517.5.  518,17. 
schlipfeii     rU)5.27 :     schlipfrig    365,13. 

436. 1(». 
schm  — ,  sehn —  vgl.  sm — ,  sn — . 
schnat«'  Strieme  45,20. 
sehne  s.  sne. 
sclionheit  199,12.  217,4.  266,2().  275,17. 


378.9.  425,10.  432,4.  447,3.  466,6. 
491.18;  schoni  266,19.  273,17.  312,12. 
374,24.  377,13.  385,26.  441,7.  449,27. 

schop(p)e  3Iasc,  Jacke  77,12.  79,3. 
schoss,    schoz    121,27.    122,3.    256,30. 

267,23.  275,19.  276,17.  321,24;  schois 

P.  518,30. 
schowen,  schowen  167,22.  183,5.  244,17. 

288,15.  383,3.  390,26.  464,16.  472,9. 

473.13.    474,4    usir.;     8chow(e)lich, 

schowlich    afischauetid,   beschaulich, 

contemjflaiivus    156,5.     31.     160,27. 

171,22.  245,5.  339,27.  428,4.  464,19. 

469.19.  474,9;  schowlichkeit  388,15; 
schowung,  schowung  21,7.  183,7. 
193,13.  351,6. 

schrepfen  43,18. 
schriber  4,3;  schriberin  4,3. 
Schrift,  scrift,  heilige  107,20.  4,14.  5,21. 
11,28. 183,20. 190,25. 197,16.21. 231,9. 

328.3.  379,11.  508,8.     Vgl  geschrift. 
schrin  264,5.  290,12.  486,20. 

schö  467,33. 

schuhen,  schlichen  verscheuchen^  Scheu 
haben  vor   etwas  157,9.   19.   184,15. 

297.4.  327,19.  484,3. 

schuld  und  büze  320,14;  Schuldner  250,3. 

379,9. 
8chül(e)  53,6. 12. 14.  31. 54,1. 29. 103,21. 

143.10.  19.  209,11;  schuler  32,22.  50, 
23.  26;  scholer  P.  519,25;  schülerli 
31,19.  98,29;  schulpfaf  gelehrter  Kle- 
riker 53,26. 

Schlüter  489,19. 
schupfen  stossen  145,10. 
Schüssel  428,14.  433,23. 
sehnten  schütteln  80,30. 
schuzzig  =  inschiessend  293,21. 
se(c)kli  45,2.  75,19. 
segel  P.  »Siegel  522,17. 
segine  sagena,  Netz  13,32. 
seien  säen  363,20.  421,19.  20. 
seil  107,5.  387,29.  469,5. 
Seite  Saite  199,23.  250,21.  254,2;  seiten- 
spil  1.5,4.  112.3.  113,29.  199,14.  225,5. 

250.20.  2(55,4.  2(59,16.  304,8.  313,24. 
323.15.  374,27.  384,9.  399,8.  447,5. 
4()(),11.  477,11. 


602 


Glossar. 


selbsheit,  selbhcit  Fem.  Neutr.  Selbst- 

heit,    (las   eigene   Sein    23,10.    180,2. 

1S2,27.  184,24,  185,2.  186,13.  187,22. 

189,7.  20.22.  337,1U.  339,11.  385,13. 

389,4. 
selbstanduuge  suhsistentia,  Persönlich' 

keit  334,7. 
selde,  sälde  224,1().  240,23.  372,2.  394,7. 

415,16.  461,0.  539,13;  fro  Seide  435,7; 

seldeuzwi  GUicksreis  216,19. 
seien,  die  die  Seelen  im  ¥egf<:uer,  armen 

Seelen  313,13.  453,30.  524,15. 
selgoreti;  146,19. 
seligeu  beseligen  169,7. 
selklich  156,25;  Adr.  97,4.  439,5. 
seilos  484,12. 
selzen  seltsam,    unhekannty  fremdartig 

90,30.  1 18,10.  226,14.  323,19.  475,13. 
seinlich    Adj.    ebenso    beschaffen,    der* 

gleichen  108,24.  148,5.  482,2. 
Senat  548,21. 
senend,  sened,  send  Fart.  sehnsüchtig, 

roll  Liebi'sschmerz  13,3.  223,11.  260,9. 

271,4.  277,32.  318,10.  430,14.  491,5; 

senlich  173,22.  229,17;  senung  20,20. 

Senex  unbekannter  Altvater  105,17.  23. 

1(H).5.  9.  19. 
senftcn    216,2.    317,15;    8enfteklich(en) 

Adr.  139,12.  539,29;  senftmütig  85,4. 

208,32.   252,9.   363,6.   364,1.    414,18 

420,6.   475,4.   494,21;    senftmütklich 

Adr.    204,15.    26t),4.    261,30.    318,7; 

senftmfit(i)keit  216,23.  318,18.  364,8. 

420,13.  421,25,  422,22. 
seqiienci  26,13.  111,12. 

ser  Masc.  Neutr.  Schmerz  35,16.  208,3. 
215,10.  216,2.  315,31.  316,11.  317,15. 

Seraphin,   .Serafin    18,14.  24,32.  144,22. 

27.    145,11.    243,12.    305.30.    313,20. 

'MHKIO.  471,16. 
sorwcn  cntkn'iftet  trtrdcn,  dahinwelken 

142.28. 
sfs>.|  i;!K13. 
öt'xt    Unrr  und  Zvit  derselbui  543,4. 

hilH'ii   (l'trchsifbrii    14S.1!). 

siehoiiieit  103.^.  225.2.  242.15.  25(>.2.  11. 
311.i>.  37!M2.  42S.2.  432.17. 


8icherlich(en)  Adv,  218,3.  226,3.  354,11. 

872,22.  461,24.  508,11. 
sider  Conj.  da,  weil  202,20.  203,1. 232,3. 

261,2.  286,21.  381,10. 
sidin  369,19.  393,15.  457.15. 
siech  414,4. 503,18.505,20;  sieche  dürftig 

109,3;  siechen  212,4;    siechhas  ,^6- 

ieilung    des    Klosters   für    Kranke, 

infirmariam  84,4.   86,11.  12;    siech- 

stube    31,15;    siech  tag     Krankhtit. 

Siechtum  56,17.  68,27.  69,5.  109,2. 22. 

133,9.  .503,19. 
sieden  286,1. 
sig(e)los   166,14.   260,3.   2()L2.S.   318,5. 

435,7. 
sigen  sinken  239,24.  330,11.. 
Simeon  30,3. 
sin  Plur.  sinne  Ausspruch,  'These  4,1 1. 15. 

5,13.    97,11.   13.  23.    99,11.    180,16. 

190.27.  191,2.  11.  197,20.  :^25.n». 
327,18;  Zweck,  Bedeutung  165,21.22: 
der  gemein  sinne  P.  521,24. 

singen  und  (ald)  sagen  (lyrisch)  dichten 
und  vortragen  15,4.  26,21.  56.(). 

sinken  342,1;  in  sich  selb  s.  338,1S. 

sinnelich,  sinlich  163,24.  165,31.  526.17. 
527,18;  sinnelich|^k)eit  sensualitni< 
169,36.359,11.  501,6.  520,r»;  «nnie»- 
los  besinnungslos,  frei  von  den  ASinnm, 
unvtrständig  70,28.  282,10.  341.15. 
376,2. 448,14;  .sinne(n)rich  verständig, 
klug,  scharfsinnig -^,29. 184.12. 268.13. 

sinslieit  Fem.  Neutr.  das  eigene  Sein 
95,12.  161,6.  164,4.  167,21.  169.2. 
182.29.    183,2.    18f),4.    188,7.    1.S9.22. 

382.28.  337,1.  359,6. 

sinwel  rund  64,11.  199,5.  551,12.  552.14. 
Sirenen  435,3, 

Sitte  480.21;  sit(t)ig  166,22.  23.  359.17: 
sitlich    Adv.  ruhig,  anstüudig  470.3. 

slan«:.'.  »«chlange  106,13.  425,17.  473.1: 
der  wis  sl.  436,8. 

s(ch)le(hdorn  211,29.  430,27. 

slew»'(n)zen  trdge  sdn   408.18.    424.25. 
s(c'li,ilichen    ( hirab)gkiten    436,21.    2<>: 

■suhst.    Inf.   473,1. 

sloss  414.20. 


Glossar. 


603 


smak  Geschmuckj  Geruch  111,16. 125,14. 
208,1.  208,23.  308,1().  313,25.  316,4. 
3()1,22.  411,17.  425,16.  427,17.  19. 
452,9.20.  453,2;  8(cli)ma(c)ken  209,6. 

232.5.  9.  233,13.  426,8.  452,19.  492,22. 
smakhafti    Wohlgeschmack  316,8. 
s(ch)iiia(ch)lich   Ädi\   mit    Verachtung^ 

auf    beschimpfende     Weise     123,27. 

124,9.  259,21. 
Smaragde  266,15. 
smelzen  16,8. 
smeitzen  413,  11. 
Miieychen  P.  509,20. 
sue,  sehne  220,23.  323,20.  425,24.  452,5; 

sclinewiss  194,25. 
siiecke  473,14. 
s(ch)nelleklich  169,31.  334,26;  sneUheit 

317,3. 
snod  P.  516,19. 
sogen  267,20. 
sog(*^  )tan  FaH,  Adj.  so  beschaßen  197,20. 

226,1.   257,4.  258,15.  263,3.  293,21. 

299,24.  340,16.  454,9. 12.  456,15  usw. 
solich  464,13. 
sorglich,   8orklich   Besorgnis  erregend^ 

bedenklich  68,28.  78,28.  147,6.  267,8. 
■  352,5.  527,14. 
sorgveltikeit  494,19. 
spacicren   subst.  Inf.   166,25;   spacium 

322,23.  323,29. 
si)alten  sich  spalten  447,25. 
spang  =  spanne  palma  41,6. 
spannten  482,15.  504,1;  gespannt  sein 

360.6.  405,2. 
speculieren  172,6.  7.  173,9. 
8peeiilum  Viucentii  (v.  Beauvais)  51,4. 

«pehe,  ^^(tQ\\  spöttisch,  übermütig  317,18. 

28.  439,2. 
fipeht  458,25. 
Speichel  204,19.  208,5.  316,14.  540,2. 

spengler   KUmpner,    Flaschner  40,15. 

si)er  273,6.  320,16. 

speton,  sich  312,29. 

spiogel  ( t'if/enth  und  bildlich  von  Christus 
/'v/r.y  92.2.  97,1.  172,5.208,9.216.23. 

237.7.  242,18.    263,12.    269,16.   30. 
277.S.    292,8.  321,27.  477,23.  482,16. 


493,7.  528,1.6.  539,31.  540,7.  544,11; 

spiegelich  155,18. 
spiess  76,7.  77,13. 15.  17.  78,13.  79,2.34. 
spü  205,30.  224,26.  234,16.  237,19. 323,9. 

361,6.    374,31.   410,18.   447,10;    der 

minne  sp.  2iU,ll.  12. 
spilen    spielen,    sich    lebhaft    bewegen, 

fröhlich    sein    31,4.    82,23.    201,18. 

224,26.  276,20.  298,14.  417,8.  476,21. 

479,3;   Spill e)ud  leuchtend,  blinkend 

14,12.  173,6.  267,24.  406,16. 
spüle  P.  Spindel  531,13. 
spilman,  himelscher  21,8;  spilwip  salta^ 

trix  481,14. 
Spiritus  blasphemiae  131,15. 
spisli  84,13;  spislos  81,15. 
spissen  aufspiessen  77,16. 
spot  490,19;  spotred  84,6;  spotig  146,7; 
8p<)t(t)lich ,     spotlich     145,24.     205,23. 

259,19.  261,5.  317,19. 28.  487,9.  540,3. 
8pr(?chen,   einem   zusprechen,   beilegen 

329,23. 
spreiten  547,28. 
spreng wadel  Asperg il  47,19. 
Spruch  60,13. 104,1. 157,6. 9. 12.  158,6. 8. 

163,10.    391,21.    396,18.  22.    469,7. 

484,10. 
Sprung  21,23.  372,3.  458,3.  461,8. 
spunzieren   =   sponsieren    subst.    Inf, 

LiebesgeU'indel  treiben,  buhlen  135,14. 

136,22. 
spüren  172,4.  491,33. 
Staglin,  Elsbeth  (die)  St.  124*  if.  96,7. 

36t,4.  384,3. 
stahlin,    steh(e)lin   212,11.    875,15.  30. 

447,25.  448,10. 
Stange  442,22. 
stapf  vestigium  455,19. 
stärckheit  P.  521,7. 
stecken  46S,15.  493,11. 
steft  40,19.  43,().  19;  steftli  40,15. 

Steg  Mnsc.  schmaler  Weg  225,10.  371,1. 
459,26. 

Stege  i'>7;j.  Trcpjjc  3(>.13. 

stehlin  .y.  stahlin. 

steinin  67,7.  547,20.  552,29. 

Stella  Maria  niaris  etc.  17.29. 


604 


Glossar. 


stellen  nach  Prät.  stalte  streben,  trachten 
96,11.  289,13.  389,25.  400,14.  433,27. 
451,7.  471,4.  52f^,10;  st.  uf  einen 
nachstellen  115,20;  sich  st.  sich  ge- 
stalten 425,14;  bestellet  Part,  ge- 
staltet, nussehend^m.Xh,  337,9. 378,14. 
451,7. 

steren  =:  staren  snbst,  Inf,  Starren, 
Stieren  10,21,  191,32. 

sterki  273,10.  553,9. 

Sternseher  Astronom  250,7. 

st-eten  befestigen  215,22;  steteklich(e) 
Adv.  362,10.  400,19.  475,1;  steti  Be- 
ständigkeit 170,14;  die  steti  dauernd 
249,4;  stetikeit  219,24.  2S9,21.  322,12. 

stetli  (>6,3.  67,4. 

stiften  hinstellen,  amichten  75,18. 335,7; 
gestift  Pari,  erdichtet,  erkünsttU 
377,13.  449,27.  514,4. 

stig  Fusssteig  49,11 ;  =:  stigel?  4^,17. 

still  haben  29,20;  stillsprechend  190,16; 
stillestan  366,5.  437,13;  stillstend 
191,16;  8tiUe(s)  swigen  211,5.  438,7; 
stilleswigend  173,23. 

stille,  -i  152,10.  352,12.  477,10;  stülen 
zum  Schipeigen  bringen,  beruhigen 
122,21.  136,24.  183,14.  474,15;  8tU(l)- 
heit  104,13.  170,1.  184,23.  186,11,23. 
187,7.  189,23.  192,26.  245,17.  309,27. 
364,1.  420,13.  474,23;  stilleklich  Adv. 
414,14. 

stock  Unkraut  im  Acker  495,7;  Unter- 
satz^ Basis  bb2^\^\  Gefängnis^S^^Vd. 

stolz,  ein  st.er  juugling  =  Kngd  21,10. 
31.22.  .53,10.  139,2(>. 

stoss,  stoz  Stoss.  Streit,  Widerstreben 
95,13.  198.15.  285,4;  atossen  268,21. 
440,27;  stossig  in  Streit  befangen, 
uneins  (mit  sich)  95,14. 

straflich  1()(),13. 

Strange  29,10. 

stral  Pfeil  230,4.  435,5.  453,12;  der 
rainne  str.  552.9. 

strangheit  s.  strengheit. 

Straslmrg  23.1.  81.6. 

Strasse  434.15. 

streich  14!>.1S;  streichen  hrriihren  2(l.s.5. 
.316,13. 


streiflfen,  sich  434,16. 

8trenk(h)eit,   strengh.,    strangh.   4().21. 

53,1.  107,9.  13.  29.  108,6.  12.  233,27. 

H64,ll.  375,24.  388,14.  423,4.  44S.3. 

469,18.25.497,4;  stren(g)klich  42,29. 

204,7.  315,4.  340,5.   438,15.   .'>39.19. 
strichen  394,4. 
strik  72,23. 284,14. 310,21.328,26  3^0,13. 

445,10.  456,20. 
strit  459,19.   460,11.  17.  497,3;    wider 

strit  um  die  Wette  .39,24;   strititieu 

24(),2(>.    365,17;    stritberlich    205,9. 

459,12;  stritlich  241,8. 
stro  76,10. 369,22. 457,19 ;  süosak  55,1(»: 

strowin  strohern  152,12. 
stübli  31,9. 

stuche  Fem,  Schleier  83,18. 
Stade  216,20.  551,17. 
stndent  P.  532,16. 
Studieren    104,11.    256,21.  29.    376.'22. 

438,1.  449,1.  552,16.  18.  553,^4. 
stül  70,5.  414,1. 
stunde,  min  liebü  (göte)  st.  27,2.  548,H>; 

stundli(n)  93,22. 168,26.216,17.224,28. 

239,7.  281,21.  307,21.  383,17.  4.56,12, 

551,5;  stündlich  434,7. 
sturn  4(KV24;   stürmen   370,12.  426.15. 

489,27;  stürmig  81,12.  92,21. 
suber  rein,  hübsch  55,22.  79.1.  134,28. 

substanci(e)  172,2.  180,3.  181,5.  23:^.S: 
substanzlich  171,18.  179,3. 

subtil  352,13.  489,8. 

suchen,  einen  ze  gründe  s.  gründlich 
durchsuchen,  heimsuchen  56,19. 

snfze  Masc.  Seufzer  27,24.  36,1.  45,13. 

54,30.    62,19.    66,28.    77,24.     79,31. 

80.32.  34.   90,10.   91,3  usw.:   süfzen 

31,14.  48,(J.  72,3.  84,11.  110,8.  120.14. 

319,16  usu\ 
sugen  15,10.  39,24. 61,21. 204,30.  371.25. 

460,22.  472.16;  suger  57,17. 
suht  47,15. 
sul  42.1.  198,25. 
sumliehe  etliche  135,11. 

sumen  /</>?Ärt//r/?  282,14.  474.17:  sich  s. 
mit  (iinct.  vtrsdumen  282,14;  sumig 
415.12. 


Glossar. 


605 


sunum)erlich     111,27.    172,14.    299,19. 

:mA7.    374,30.    407,4.    6.     425,10. 

433,22.  25.  447,9.  466,5.  478,19. 
sum(mjerwunne    27,2.     111,3.    242,11. 

299,11.  22.  304,21.  406,17;  sumerzit 

425,27. 
srtii  Siihne  213,29.  261,15;   simzeichen 

(Hvyenhogen)  214,lo. 
Siinamitiß  435,15. 
siuiden  sündigen  500,22. 
si'inder    125,22.   453,24.   486,13.    4S8,8. 

508,5 ;  sünderill  72,10. 18. 73,8.  451,14. 

453,16.   512,2.  10.   513,20;   gemeine 

snnderinn  116,19;  sündig  79,29. 116,20. 

175,2. 198,2.  212,27. 447,17. 21. 450,11. 

452,14.  461,17.  498,29. 
suuder   Adj.    besonder    416,2.    468,24; 

sunderbar    Adv,    vorzüglich   376,19. 

448,32;     sundern,    sündem    219,10. 

332.5.  356,20;  Sonderheit  25,12. 149,6. 

1S().24.  193,15;  8underlich(en)  72,32. 

196.9.  199,19.  210,15.  224,5.  307,13. 
:*,76.25.  27.  414,2  usw, 

simen  243,10.  321,15;  sunerin  264,2. 
sunheit   184,20;    sünlich    184,17;   sün- 

lichkeit  224,13 ;  sünlin  25,25. 
sunne.    der    ewigen    s.n    rad    387,11. 

468.14;  sinmenglast  299,17;  sunneu- 

tag  Sonntag  48,12.  352,11. 
süutiicli  116,24.  158,25.   192,16.   322,2. 

385,26.  452.17.  21.  468,1.  507,2. 
siippriorin  462,3. 
*Sursuui   27,21.    171,26;    Sursum    corda 

27,17.  19.  25.  28,18.  30.  29,5. 
Süse  7,1. 

süsen  sausen  27,21. 
sCissekeit,  siissik.,  siizik.  27,8.  37,2.  17. 

98,15.  142,7.  197,5.  205,2.  207,13.  KJ. 

241,2.   244,4.   249,26  usw.]    suz(e)k- 

lich,    süssekl,    69,18.     86,29.     90,19. 

111.10.  112,3.    202,11.    13.     213,10. 
223,19.  234,1  usw,;  süzmfitig  261,31. 

süssen  Part,  gesüst  14,1 ;  süssren  450,1. 

suter  Schuster  86.8. 

Swahe  7,2;  Swaben  2(),3. 

swach  schlecht^  ancdd  6(5,24;  swacben 
schiraeh  werden  88,13;  swachbeit 
.S9.30:  swacblicb  Ädv.  386,21. 


swalve  P.  535,19. 
swanger  330,21. 

swank«S'cÄ?raf?^,J^a/*c7#u?w/i(/4Ü8,6.459,2. 
swarbeit,   swerbeit  Last,   Beschwernis 

95,1.    193,5.    309,24.    476,7;    sweri 

498,7 ;  swarlicb(en)60,8. 214,31. 258,17. 

375,30.  433,6.  448,9.  456,12. 
swärmütig,  swerm.  212,27. 485,19;  swar- 

miitikeit,  swerm.  235,4. 256,25.313,11. 

351,9.375,31.448,10.496,17.497,15.19. 
swarzen  schvcars  werden  230,2. 
Sweben  44,11.  338,20.   350,28.   446,23. 
swecben  erniedrigen,  beschimpfen  120,21. 

369,13.  4^7,9. 
8weit\f)  371,27.  460,24. 
s weinen   schwächen,   vernichten   286,3. 
sweis,  -z  204,6.  205,14.  315,3;  sweisbad 

Schwitzbad  46,3;  sweisstropfe  539,9. 
swelle  35,1. 

8 wellen  JPart.  geswuUen  453,12. 
swcnken    schweifen,   schweben    370,18. 

459,7. 
swerbeit,  sweri  s,  swarbeit. 
swert  76,10.  as,6.  85,34.  270,19.  453,27; 

sw^ertslag  422,6. 
swertzi  439,17. 

swimmen  180.5.  185,28.  247,9. 
swin  222,12. 
s winden    unpers.    ohnmächtig    icerden 

79,19.  213,14. 
swinen    PrdU  swein  abnehmen,  dahin- 

schicinden  120,28.  302,1. 
swingen,  sich  424,25.  448,11. 
Symeon  (her)  294,7.  295,22.  545,23. 
svmonia  62,25. 
Syncletices,  sancta  106,21. 
Syon  297,5;  die  megde  (tohter)  von  S. 

432,16.  26. 

T  siehe  D.  . 

u. 

übellich  549,13;  Ädü,  boshaft  123,11. 

übelstem!  123,13. 

üben  asketische  Übungen  pflegen  3,11; 
geübt  erfahren  im  geistlichen  Leben 
252,2;  sich  üb.  51,13;  einen  üb.  heim- 
suchen 51,13.  493,25;  übig  9,14.  52,6. 
98.11.  140.6.  192.31. 


606 


Glossar. 


fibcrbildcu  tran^^formarö  1()8,10.  181,22. 

388,:).  891,9. 
Überbund  Aushund  40(),22. 
überdenken  24«). IS.  .')25,22. 
über^an,  -pen   itberdmken^  übertreffen^ 

überschreiten   234,4.   257,18.   21.  24. 

:m,27.  314,17.  334,4. 
Miber£»:e^otet  übe rg ottlich  190,14;   über- 

j?otlich  188,20. 
überglestet  hell  (jlänzend  49,7;   über- 

glcatiar  190,15.  20. 
übergülden    libtrt reffen  507,14;   subst 

Inf.  215,9.  266,21.  454,14.  476,12. 
überheben,  -haben    133,8. ''2(H),3.  B02,3. 

380,21. 
überkomen  überreden^  vermögen  146,24; 

darüber  hinauskommen  521,4.  525,6. 
Überkraft    Übei-macht    139,29.    290,27. 

365,1.-);  überkreftig  382,2;  überkref- 

teklich  Adr.  467,15. 
überladen    Part.   AdJ.    überbürdet,    be- 
drängt 39,4.  69,7.  72,8.  216,8.  220,22. 

256.26.  497.6. 
überlast  51,18. 
überlesen  200,6. 
überliebt  190,17. 
über) oben  sehr  loben  51,1. 
übermerklich  überaus  wichtig  329,7. 
übermessi^klich  Adv.  227,10. 
übermiiinoklich  229.14.  409,7. 
Übermut    3()3A(>.    421,8;     übermfitikeit 

235.!*,:  übermütklich  8(),8.  156,32. 
übornatur  311,19;    übernatürlich,   -na- 
türlich    10.10.    18,1.    17(),2.    171,23. 

178,22.   189.9.   193,1.  223,27.   292,18 

usir. 
überottVnbar  190.18. 
überschal  höchste  Freude  112,4;  über- 

schallcn  376.16. 
überschincn  106.25.  241.10. 
überH«'ben  mit  Dat.  oder  iren  übersehen , 

narhfiehni,     rtrztihen     123.9.    .•■40.6. 

H()4.28.  29.  .3()().18.  369.16.  424,21.22. 

438,!».    457.12:    sahst.    Inf.    375.29. 

448.8:  sich  üb.  n.  rrrsehen,  versäumen 

130.12.  340.6. 
übcrs«'tzen.  -sczzeu  fransformare  94,26. 

130.22.  19:5.29.  334.12.  .337.13.  358.7. 


übers wenk  überschicetiglich  52*.  5,14. 
10,28.  23,2. 97, 11. 99,1 1 . 1 79,26. 181,24. 
1S4,5.  344,26.  384,20.  466,21.  477,4: 
überswenklich  2aS,10.  378.10. 

übertragenheit  hochfahrendes  Wesen 
1 33,5. 

übertrahten  überdenken  2.57.20. 

übertref(f)end  174,8.  a39,ll.  842,13. 
352,21. 353,25;  übertreflfe(naich  329,7. 
339,9;  übertreflfenlicheit  327,21. 

übertrnken  aushalten  370,27.  459,16. 

überunbekant  ltK),15. 

übervaren  subsi.  Inf.  oberflitchlich  be- 
trachten 257,16. 

übervart  transitus  193,11. 

übervernünftig  185,26. 

überHiessend  178,22.  2()4,23.  2«)5.2s. 
267,1 ;  überfluss  336,9.  385,1 1.  467.18 : 
überflüssig  überfliessend  101,15. 

Überflug  —  übervart  184,2. 

übervoll  52*. 

überformeu  iransformare  389,12. 845. IS. 

überfüllen  190,20. 

über  werden   enthoben  irerden   445,17. 

übenveslich  s  uperstant  ialis,  überschtreng- 
lich   52*.   95,15.   157,22.  24.    160.21. 

182.20.  24.    190,12.    14.    191,32,   .34. 
193,17.  390,4;   überwesentlich   471.»». 

überwinden  Part,  überwunden  übtr- 
frältigt  48,6. 15.  270,22;  überwunden- 
heit 497,11. 

überwürken  53*. 

überzinen  inrz innen  4S,5. 

übli  261,32. 

übrig  üljennässig  107,9.  1<32,4.  I:.i3.4. 
139,31.  358,16.  543,7. 

Übung  Übung  (asketische)  11,22.  2:^,16. 
30,14.  40,26.  41,3.  43,4.  45,25.  46.13. 
27.  215,2(>.  448,4.  505,7  ustr, 

uf  bieten  493/23;  sahst.  Inf,  r^lS.lS. 
31S,33;  sich  uff  b.  479.23. 

uf  blasen  anfangen   zu  blasen    823,10. 

uf  brechen  aufgehen,  sich  aufmachen 
17,19.    90.29.    172,14.   173,14.   211,6. 

233.21.  271,17.  299,9.  313,17. 
uf  (h'.nen  .323.13. 

uf  driui^-en.-tnngen  28,10. 172,10.211,10. 
252.13.  .374,26.  426,5.  447,4. 


Ulossar. 


607 


ufontlialten  aufrecht  halteriyUnterhalten, 

stützen  95,28.   165,5.   177,5.   23l),20. 

•n.%o.  317,14.388,10.  469,14;  sichuf  e. 

216,14;  ufenthalt  Stütze,  Schutz  24,7. 
64,19.  118,30.  126,11.  169,29.  484,6. 
iif  erhaben  212,14. 
uf  erbeiiken  259,19.  269,19.  543,12. 
uf  erlupfen  156,3. 
iifTerstentnisz  P.  518,14. 
uf  erswingen,  sich  158,26. 
uf  ga^ren  aufragen  217,8. 
uf  ixan  zunehmen  505,18;  uigang  165,19. 

24'),  10. 
uffireben  Part,  ergeben iQh.Vi;  ufergeben 

274,14;  ufergebenliche  339,15. 
ut'ir«*zogenheit  Ekstase  196,7 ;  ufgezogen- 

lich  290,2. 
ufir^'zunt  schön  gerötet  110,14. 
uf  haben  in  die  Höhe  halten  77,18;  uf 

iieliaben  zurückhalten  376,11.  448,23. 
utf  heben,  sich  P.  511,13. 
utf  henken  553,1. 
uf  jesen  gären  159,8. 
uf  klenken  aufs^Men  28,12.  323,4. 
uf  klimmen  138,27.  205,4. 
ufi^'    leinen     auflehnen^    in    Bewegung 

bringen  458,19. 
uf  lupfen  171,26. 
uf  machen,  sich  448.6. 
ufschlag    Aufschlag    530,5;    Aufschub 

307,1  H;  uf  schlahen  aufschlagen,  auf' 

schieben  225,15.   314,3;    zur    Weide 

wohin  treiben  374,23.  447,2. 
uf  schliessen  207.21.  320,3. 
uf  schürzen  385,24.  467,33. 
uf  senden  438,23. 
uf  setzen,  ufgesatte  wise  488.19. 
uf  .springen  173,7. 
uf  swenken  27,.30. 
uf  swingen,  sich  193,5. 
uf  tragen  auftragen,  darbringen  27,29. 

90,().  16.22.  91,16.  311,17.  431,11. 
uf  flammen  18,15. 216,22. 224,15.  243,13. 

313.17. 
uf  wischen  Prät,  wüst  auffahren  57,26. 

127,29. 
uf  zerren  210,3. 
u\'  zortiin.  sich  447.26. 


uft'  ziehen  hinhalten  455,12;  uifzug 
455,14. 

umbgan  einen  zu  schaffen  haben,  sich 
abgehen  mit  116,15.  .361,4.  410,15. 

umbhalben  539,17.  549,12.  552,19. 

umbhenken  296,29. 

umb  keren  mutare  551,22. 

umbkleiden  492,28. 

umbmachen  66,5. 

umbschliessen  20,1. 178,10.296,24.297,3. 
392,19. 

umbswank  Umfang,  Umschwung  178,14. 
191,15.   435,8;   umb  swenken  250,5. 

umbvang  14,13.  18,4.  201,27.  214,26. 
276,15.  413,5.  433,13.  479,18.  493,16. 
496,2. 

umbzünen  426,11. 

unandechtklich  Adv,  298,9. 

unangenomen  stan  gelassen  sein  359,27. 

unangesehen  168,26.  348,16.  350,25. 
353,13.  30. 

unbedaht  unbesonnen  300,9;  iinbedah- 
t(e)klich  Adv.  235,13.  298,12.  415,18. 

unbegirlich  297,20. 

unbegrifFen  incomprehefisibilis  223,23. 
.328,22 :  unbegrif(f)enlich  178,7. 226^5. 
242,5.  243,15.  262,17.  295,9;  unbe- 
grilfenheit  342,13. 

unbehabenlichi  Nachgiebigkeit?  (vgl. 
Benifle  633  A.  2)  340,15. 

unbehangen  47* ;  unbehenket  ohne  An- 
hänglichkeit  an   die  Kreatur  38,21. 

unbehulfen  163,18;  unbehulfenlich  81,9. 

unbehfitekeit  42,10. 

unbekant  unbekannt,  unerkennbar,  un- 
vorhergesehen, unverständig  128,24. 
1.56,10.  liK),20.  194,2.  215,27.  284,30. 
.310,12.  32(>,15.  379,6.  380,6.  400,4. 
410,4.  428,2.  434,15  usw.;  unbekant- 
heit  Unverständigkeit  503,16;  unbe- 
kantüch  Adv.  unvorhergesehen :  un- 
bckennen  subst.  Inf.  341,16. 

unbekumbert  208,24.  431,19. 

unbioliplich    vorühergeheud     160.29. 
193,27. 

unberadelichen  P.  inconsulte  533,23. 

unberichtet  nicht  untvnriescn^  unbe- 
helligt .3()9,.3. 


Ü08 


Glosaar. 


unberurt  215,19.  226,«.  257,18.  850,10. 
uubeschcideu    indlscretus   108,12.  490, 

1<).  18.  501,11 ;  unbesclieidentlich  Ädr, 

ohn:  Tiewusststin  284,15. 
unbescblosseiies    kloster  ohne  Klausur 

185,31. 
imbescbniteii  25,22. 
unbesiutklicli  Adv.  298,9. 
imbesorget  157,5. 
unbes toben  P.  526,10. 
«übeweg(en)lich    105,17.  210,21.  242,2. 

261.8.  816,29.33.  388,4.6.  469,9.10. 
unbewiset  201,16. 

unbezwung^enlich,  in  u.er  wise  179,4. 
unbild(e)  EiUrüstung   120,8.  9.   127,24. 
unbillich  201,24.  293,26.  337,30.  426,19. 
unbiltlichkeit  164,8. 

Undank,  sine»  u.es  gegen  seinen  Willen 
81,24;  undankbar,  -ber  215,7.  310,25. 

underdruken  5,11.  123,24. 

underducken  P.  522,14. 

undergan,  -gen  44,19.  55,2.  68,7.  85,30. 
105,26.  148,16.  353,16;  undergang 
48*.  57,4.  67,3.  133,5.  164,18.  165,19. 

167.9.  863,2.  24.  389,5.  486,12. 
undergeworfifenlieit  477,3. 
undergczogenbeit  Entziehung  der  filhU 

baren  Gnadi'  322,25. 

undergründen  13.1. 

undorlaz,  -ss^,  aue  82,24.  224.30.  243,13. 
848.9.  502,10.  552,27. 

undeilibi  ztitir eilige  Ix'iihej  Erholung 
r)0*.  4,28.  40.8.  360,8.  405,4. 

underrock   Unterkleid  394,5. 

underschaid.  -scbeid  3,14. 16.  4,15.  97,17. 
118.20.  155,12.  156,14.  158,8.  18.  14. 
19.  159,16.  27.  160,10.  18. 15.  168,7.  9. 
167.12  uüir.:  underscbeiden  rerschie- 
den  Ädj.  350,21.  354,18.  855,8.  497,16; 
nnderscheidenlicb  verschieden^  deut- 
lich 185,15. 1S9,14.  15.  492,81 ;  under- 
sclieidenheit  distinctio  174,10.  354,11. 
K;.  22.    855,1. 

under.Nchidunge  .separatio  354,16.  17.  21. 

under  scliialien  unterdrücken  57,9. 

under.stan  nhirchrtn,  verhindern  7,18. 
147,<).  201.21.  2s.  21)5,8.  878,10;  un- 
dt'istand    suhjeclum^    Stütze    157,16. 


162,20.  492,81 ;  underet  an  dünge  sah- 

sisientia,  Persönlichkeit  334,9.  12. 
iinderstützen  548,20. 
undertan,  Untertan  22,aS.  382,9.  4<>4,2o. 

465,25;  undertenig  39,6.  182,19.  192, 

19. 274,13 ;  undertenikeit  .357,1 .  865,14. 

381,16.  3a3,21.  462,18. 
undertragen     subst,    Inf.    daziHschm 

tragen  62,25. 
under  tun  447,14. 
under^'cgen  lassen,   bliben   unbehelligt 

lassen,  übtrgthen,  unterbleiben  97.22. 

98,8.353,12. 14.  369,18.  373,28. 457.14. 
underwilen(t)  367,16.  455,22. 
underwinden,  sich  sich  freundlich  unter- 

sie.han,  s.  annehmen  251,6. 
underwurf  Unttrtverfung  1(>8,3() ;  under- 

würflich(e)  827,17.  332,22.  858,2. 
underzieheu    entziehen    289,14.    30*.».7. 

548,27. 
underzuk  Entstehung,   Verlust   174.26: 

underzucken     unterdrücken     218.12. 

275,25;  uuderzukung  166,6. 
unehtig   von  geringem  Ansehen^    nicht 

achtend  169,26.  218,23.  864,5. 
unendlich  zwi:cklos,  unnütz  221,28. 282.2. 
uneuphiutlicli  unerfindlich  249,5. 
unenthaltlicbkeit  =  ohne  enthalt  1(U.>>. 
unerberraklich  Ade.  260,3.  318,6. 
unorbrochen  ungebrochen  156,80. 
uuere  80,25.  69,8.  120,20.  215,8.  29S.28. 

808,7. 
uuorkant  unerkannt,  unerkennbar^liS2. 1 7. 

549,15. 
unerlicb  schimpflich,  schmählich  67.1. 

115,28.  282,23.  870,2().  459,16. 
uuer8ch6pf(e)t  2()5,26.  498,19.  .548.5. 
uneröchrokenlich  Adv.  378, IIK 
uuerstorben  3,12.  160,1. 
unerstürmt  160,4. 
unertekeit  Unbill  74,17. 
uuervolgklich  unerreichbar  383,21. 
uiiganz    162,12.   275,25;   ungaii(t)/.licli, 

un«ientzlicb  4,8.  871,34.  4(>1,8. 
ungeberde     unziemliches    Benehmen 

12(5.22. 
ungebogig     unbeweglich,    schwerfflUg 

470,9. 


nngelrütben  r>3,'2.  Hi.'),3, 

UM  gebunden  55,10. 

niLirehiiztt  182,1. 

uiieedank  iibltr  (iedaukr  125,21;  dines 

,u:i    iridei-     milett    MT.lß;     uiige- 

ilankheit    Gtdaiikeniosiijlieit    549,11. 
iiiigciliiitig  44(1,28. 
ungcgcben  21(1,4. 
iin^ebabd,   -t,   -hebil    ühlea   Brnehnun, 

Ungestüm   127,4.  ■24.  ;*);   uugehabt- 

keit  94,2(i. 
unjreliiiidert  357,7. 
«iii:.'hÖri;i(i4,ll.    . 
iingehulfen  26ii,6. 
UHgeLiir   ungehr.uer,   aehrecklieh  61,10. 

77,ia.  81,7.  87,14.  l.HO.l. 
nngi-iatlicb  2.58/21.  22. 
niiue]iii]eD  frei  von  Anhänglichieit  1^,8. 
im(relas(B)en  nicht  Gott  ergehtn,  unge- 

iluldiy  28,;t2.  -t4,22.  I(!5,16.  531,12; 

UDgetaseenheit  535,10. 
iiugelebt  unerproltt  369,2. 
uugeleiBten  258,5. 
iingelert  4,10.  IBO,]. 
ung(e)licli    112,10.    108,1.  4.   142,6.   10. 

157,:i.  161,26.    164,24.  172,26.   Ull,8. 

1114,1.  XmM-  18.  220,14.  228,6  u,w.; 

iiiig(eili<:h(h)eit  ÜHgleicIiheit,  Äbwen- 

iluiiij   KOn    Glitt   (dh/iimilitiidii,   ini- 

HuiUts)  88.22.  92,28.  142,18.  16it,lö. 

200.21.  2:i0,16.  233,12.  247,5.  3511,20. 
:i8S,12.  46!l,16.  478,6. 

uiigelimpf  geben  (niiei'i  136^1.  48.5,11; 

iingelimpfljcb      Adv.     unangemeesen 

1.^9,25. 
img(.e)lobe  2!)1,2I>.  492,6;  ung(e}loblich 

107.22.  2!i3,26. 
angelonet  182,2. 

tingelii(c)k  .■>1*.  133,24.   168,3.  395,19. 

unKcniftcli    Sab^.   46,3-    ''7,14.    70,23. 

2ift,4.  209,8.   213,2.  215,31.  220,18. 

246,12.  247,12.  U  utw. 
iingemessen  54'.  291,31.  306,1.  328,22. 

397,26 ;  ungern  essenheit  173,1. 182,29. 

.V.4,H. 
iingemiiigct  aitbelästigt  .'äl,4. 


Hiigenftiitheit    h'nnennbarkeit    {Gölte») 

1H9,1. 
iingeDeia  anaagenehm,  wtdtrviärtig,  ab- 

slos»endm;il.  12J,3i.  213,11.  214,7. 

259,21. 305,29.  306,215.  311,24.  554,19. 
ungenemmet  ungenannt  323,19. 
nngenög  231,13;    ungcnügde  8,9;  un- 

genuklicb  2111,19. 
angeordnet,    -dent  +2,6.   U.  62,1.  23. 

174.26.  206.  7  247,U.  256,26.  818,16. 
327,2.  26.  352,6  vm. 

ungeraten  147,1. 

uiigeredet  sprackhis  548,14. 

ungereht  Siih/il.  da»  Verkehrte,  Unrecht 

39u,16. 
nogern  Adv.  ungern,  ackKtriieh  76,14. 

462,15. 
ungerütet  ungerndet  495,7. 
ungcBamnet  8,6.  215,22.  372,19.  461,21. 
ungesuit  angesetzt,   unruhig  159,22. 
DDgeachat'(f|eii  unersvhaffen,  ungettalt, 

köstlich  135,29.  158,4.  1S4,24.  ;112,4. 

329,14.  ;i45,8.  499,24.  im^i'i.  004,13. 

507,3.14  UQgeBchaffeuh eil  d«/orm lins 

506.27.  507,1. 

LIngeRcbeid(^n    273,5;    uDgeacheideulich 

Adv.  :i(l9,ä8. 
ungeselleklicb  Adt.  anfreandtieh  13Ü,6. 
uneeaihtig    ..»mVA ((.«<■   190,8.    19.   20. 

2933;    nngesibuklicb    Äih:   292,20. 

295,2:^. 
nngesind     ncblechtte     Gesindel     ( böse 

Gtüttr)  553,19. 
ungeemak     unschmackhafl ,     iridrrlich 

373,26.  399,3. 
ungeslalt  deformis  79,4.  131,10.  370,13. 

377,11.  449,2.5.  450,1. 
iiDgeBtrafet  225,20. 
uugeatreket  45,17. 
ungestüm  Adj.  140,15.  261,28.  318,18. 

VM).  7  rii):t.22;iingeMtun]klioh  136,18; 

Miiu'cairimk^ir  .549,8. 
ungetan  laset' ii  68,16. 
ongeWilt  1HÜ,3. 
un^etodet  1*2.12.  5:i:f,6. 
ungetrostet  175,10. 
uugciri'iwc  trtato»  121,33. 

39 


610 


Glossar. 


ungeript,  -nbt  unerproht  (im  ffHstUchen 

Lehen)^  wenig  begangen  56,25.  98,9. 

1()3,6.   205,22.   206,19.   237,2.   826,9. 

352,14. 
un^efüglich  P.  unbeholfen  527,8. 
unffewalt  210,20.  215,26.  316,27. 
ungewenkt    unerschütterlich  309,16. 
UDSfeweret  27,15. 
nngewerlich  gefährlich  168,7. 
ungeweschen  428,14. 
ungewillet    nicht    nach    M^illen    getan 

382,15.  463,24. 
ungewiter  145,12. 
ungewonlich,    -wonlich    128,32.    196,7. 

205,2.   207,13.   256,12.   297,8.   478,6. 
ungeworden  158,32.  208,8;  iingewordeii- 

heit  157,21.  188,19.  287,9. 
iingewiilkt  unbetvölkt  172,14.  299,9. 
uiigezellet  290,19. 
ungezemt  251,11. 
ungezogen    unartig,    zuchtlos    204,17. 

315,17 ;  ungezogenlich(e )  208,4. 316,13. 
ungezomet  ungeeäumt  549,8. 
ungotlich  480,3. 

nngri'intlicli  unergründlich  18H,15. 
Ungunst  5,11.  145,10.  148,12.  527,9. 
Unheil,  sines  u.es  zu  seinem   Verderben 

549,8. 
unholt  P.  314,8. 
iiukraft  Kraftlosigkeit  386,25. 
unkrut  282,11.  495,8;  unkrutgarte  222,9. 

unkunnend  unerfahren,  ungeschickt  -^M. 
146,5;  unkunentheit  :^1,22. 

unkuut  unbekannt  207,16. 212,26.  226,14. 
281,15. 

unledig  unfrei  335,20;  unledikeit,  un- 
lidkeit  Unfreiheit ,  Beschäftigung 
38,14.  121.22.   1().S,7.  352.6. 

unlidig  unleidlich^  unertröglich,  unge- 
duldig 9,81.  76,2.5.  184,12.  165,16. 
229,28.  28.  269,5.  420.15.  546,25;  frei 
von  Li'idai  244,12.  294,18;  unlide- 
lichr  Adv.  unirträglich  497,10;  un- 
h'idlicli    1*.  frei    ron    Leiden   519,11. 

iinlidekcit  l^ngeduld  31S,17.  Vgl.  un- 
ledikeit; unleydiiy-keit  P.  f.cidens- 
freiUcii  519,8. 


unliep  S'uhst.  Xeuir.  Lieblosigkeit,  Härte 

547,11. 
unliplich  incorporalis  171,19. 
Unlust   294,27;    unlustig    unangenehm, 

zuwider  9,30.  283,14.  316,9. 
unluter  506,7. 

unlütselig  abstossend  877,11.  449,25. 
unmaht    Schwäche ,    Ohnmacht    71,26. 

545,26. 
unmanlich  41,20. 
uniuaterilich  unkörperlich  18,6. 
unmehtig  kraftlos,  machtlos  H6,\.  252,8. 

260,2.  435,12. 
Unmensch   Masc.  128,23;  unmeuHchlicIi 

107,22.  120,5.  296,6. 
uuraessig,  -zig  15,27. 63,23.  73,25.  84,21. 

142.27.  170,5.  213,13.  21.5,16.  241,13. 
242,1  usw. :  unmesseklich  18,25. 
258,24. 

unmilt    unbarmherzig    260,15.    589,28. 

.541 ,18. 14. 544,28 ;  unmilteklich  .■)89,27. 
unminnerich  199,24. 
unminnesam  491,33. 
unmugentheit    Unvennögen,    Schwächt 

182,26.  810,15.  817,2.  485,17. 
unmiiglich,     -muglich     107,2<).     1.86.6. 

160.28.  219,4.  233,26.  808,12.  .887.30. 
411,28.  454,18  usw. 

unuiuss(e),  -z  Beschäftigung,  Geschäftig- 
keit 217,13.  218,10.  864,19.  423,28; 
unniüssig  54,11.  68,19;  unmussikeit 
464,19;  uumusgen,  -mü.ssigen,  sich 
389,8.  470,12. 

unmüt  109,18.  50,5,3. 

unna  P.  Adv.  nicht  nahe  580,12. 

unnot(d)rirftig  35.1.5.  806,2.  499,8. 

unnutz  Adj.  221,22.  222,13.  14.  442,81 ; 
unnuzherlich  Adv.  5,8. 

unordenhaft  353,18.  .5,89,9;  unordeulich 
42,24.  108,15.  16.  109.20.  .501J4. 

Unordnung  165,7. 

unrat  Gegensatz  von  rat,  schlechter  Bat, 
Hilflosigkeit  .881.15.  462,16. 

unred  biise  Bede  .864,8.  422.4. 

unrein  77,11.  19.  121,1.5.  1.84.29,  425,24. 
54o.L>.  54,8,2S;  unreinkeit  268,8. 

unriiw(e)  2.S,28.  109,14.  414.17.  477,17; 
unriiwijr  s.l2.  9.8.21.  414.16. 


Glossar. 


611 


unsäglich  unsagbar   15,9.   18,4.   22,16. 

2H,15.   73,33.   116,20.   134,31.   174,2. 

200,21.  204,10  usw, 
unschedlich  221,7.  21.  222,6. 
nnschemlieh  Adv,  impudenter  481,8. 
uiischulde    161,21.   212,24;   unschuldig 

133,6.  448,28.  498,28;    unschuldklich 

2t)l,l2. 
unsm(n  ng  220,16. 238,16.  246,17. 247,15. 

287,4;  unsinneclich  549,7. 
unsitig  126,23.  136,28. 
unsprech(,e)lich     10,18.     15,2.     171,23. 

336,10.  17.  386,15.  510,27. 
unstet    174,23.   215,21.    237,17.    369,6. 

453,22;  unst^tekeit  380,9.  408,12. 
unstossig  ohne  Streit  156,23. 
unsuber  49*.  161,31. 
uuteillichi  individuitas  383,14. 
untertruk  Unterjochung  158,21. 
untier  49*.  377,18.  450,7. 
untodemlich  incorruptibilia  242,2. 472,4 ; 

untodemklich  390,22. 
untodlich  P.  immoHalis  519,11;  untod- 

ligkeit  P.  519,4. 
untrost   P.   523,16.   525,9;   untröstlich 

821,8.  502,9. 
unti-ü^e)  57,14.  137,21.  144,14.  219,23. 

aS(),13. 
Untugend  107,16.  165,17.  277,8.  296,28. 

321,26.  382,13.  541,18. 
unüberwunden  P.  533,6. 
ununderscheiden  354,10. 
unusrihtig  mit  dem  nichts  auszurichten 

ist  502,6. 
unverborgen  388,16. 
unverbrennet  8,1;  unverbrant  P.  526,11. 
uhverdien(e)t  224,21 .  251,2. 306,3. 375,12. 

447,22. 
unverdrossen  398,10. 
un vereinet  unvereint  (mit  Gott)  345,2. 

356,21. 
unvergessen  539^20. 
un  vermischet  176,11 ;  unvermist  von  ver- 
missen nicht  fehlerhaft?  169,20. 
unvermugenthait  381,21. 
unvernunftig   123,13.    156,18.  29;   un- 
vernunftlichen P.  532,7. 
unverstanden  unverständig  5,1.   163,6. 


247,3.  281,4.  5.  340,1.  424,24;  un- 
verstandenheit 207,().  281,2;  unver- 
standenlich  Ädv.  ohne  Besinnung 
128,26. 

unvervanklich  unnütz  301,9. 

unverwenck(e)t  ununterbrochen  289,9. 
474,24. 

unverwenet  unvermutet  41,25. 

unverwert  ungehindert  160,9. 

unverwüsen,  -wissen  unverständig, dumm 
84,7.  158,11. 

unverzagt  51*.  398,16;  unverzageklich 
Adv,  56,3. 

unverzert  358,9. 

unverzogen  nicht  hingehaUen,  unauf- 
geschoben  118,29. 

Unflat  68,23.  541,19;  uufletikeit  551,26. 

imvolbracht  301,12. 

unvolg,  -k  schlechtes  Volk,  Gesindel 
372,22.  461,24.  540,16. 

unvolkomen  159,22.  174,23;  unvol(I)- 
komenheit  284,27.  429,10. 

unfnd(e)  382,21.  22.  464,1.  2. 

unfroUch  Adv,  135,22. 

unfrowlich  unweiblich  482,5. 

unfmhtber  442,31. 

unwandelber  171,19.  190,17.  223,27. 
230,14.  309,28.  407,6.  429,21;  un- 
wandelberkeit  262,20. 

unwerd,  -t  Subst,  verächtliches  Ding 
72,13.  225,15;  Adj.  verachtet,  unli^ 
89,21.  470,25.  512,22;  unwertlich 
Adj.  Adv.  geringschätzig,  unwillig 
58,17.  71,8.  123,26.  128,4.  217,12. 
229,22.  27.  253,21.  384,10.  483,20. 

unweslich  nicht  wesenhaft,  unvollkom^ 

men  174,22.  25. 
unwiderbrinklich  213,2.  222,3.   516,12. 
unwidernemklich  Adv.  ohne  den  eigenen 

Willen   wieder   anzunehmen   335,23. 

unwillig  174,27;  unwilleklich  Adv.  248,8. 

381,9. 
unwirdig  26,26.  301,7.  364,21.  376,14. 

422,8.  424,9.  448,26.  499,1 ;  unwirdek- 

lich  112,8.  232,23. 

\    unwis  untierständig,  töricht,  ungelehrt 
i       30,20.  75,13.  485,12;  unwisheit  26,5. 


612 


Glossar. 


iinwiissentheitjWissenheit  162,22. 187,1^- 
18SJ.     198,20.    390,18.    472,1;    un- 

wüssend,   -t    unwissend ^   unbeicusst, 

unvermutet,  unbekannt  72,13.  156,32. 

190,10.  212,25.  365,22.  388,23;  un- 

\ii88euklich,  -tlich  Ädv,  200.13, 324.12. 

436,21. 

unzallich  21,29.  24,6.  28,7.  56,22.  29. 
61,3.  63,16.  155,1.  172,13.  241,25  mäit. 

unzerdilklich  5itö,6. 

imzertriben  ungekaut  257,19. 

unzimlich  unschicklich  485,3. 

unzint  bis  75,16.  81,15. 

unzitig  unpassend,  unreif  159,7. 281,11. 

unzitlicheit  intempestivitas  474,15. 

unzüchtig  ausgelassen  485,0. 

üpipjig   leer,  eittl,    leichtfertig   96,10. 

106.5.  114,7.   23.   138,16.   138,4.  12. 

209.6.  218,10.  284,16  usw,;  üp(p)ek- 
lich  136,1.  138,16.  239,5.  281,19. 
379,8.  456,8;  üp(p)ikeit  105,3.  483,13. 
507,19.  549,4. 

iirdruzz,  -tz  Missbehagen,  Unlust  13,30, 

433.26.  538,21. 

Urkunde  Neuir.   Kennseichen,  Beweis 

50,15.  28.  76,1.  181,1.  213,28.  299,28. 

29.  538,5. 
urlüb   Erlaubnis,  Abschied  4,35.  38,7. 

10.  13.  15.    46,8.    60,18.    138,4.    15. 

182,18.  192,12.  194,15  usw.:  urloben 

erlauben  51,15.  115,8. 

ursach  ürsache,Aniass92Al''^^'  115,24. 
1()(;,15.   20.    197,13.    307,2.    314,26. 

315.27.  372,12  usw. 

Ursprung    14,30.    89,27.    94,14.    104,8. 

179,8.  10.  180,10.  181,20.  185,18.  21. 

200.2.    203,5.   7    ustr. :    urspniufj^lich 

fontalis  14,34. 
urstendi,    -c    Auferstehung,   mystische 

Wiedergeburt  348,24.  27.  547,23. 
urteilfii    .340.8.   488.11. 
Uijbas  Adr.   weiter  hinaus  342,22. 
usblik  181,11.  330.1(;;  uj^blikcnd 313,21. 
usbrechen   ausbrechen,  ausreissen,  her- 

rorhrnchen  10,24.  58.15.  59,18.  70,21. 

10:>.(>.    167,1.  163.20.  232,11.  446,15. 

471.9.502.4;    usbruch  88.21.    ir,4,17. 

24.    192,32.    210,23.    381,15.    333,4; 


usbrüchig  38,6. 163,15. 175,26.  3.52,14. 
356,23. 

u8brehendaM.v,vfraÄ/fiid  17,8.374,9.390,4. 

US  drucken  181,16. 

US  erkiesen  47*;  subst.  Inf,  488.20. 

U8erwel(l)en  70,10. 153,26. 169,12. 201 ,27. 
211,16.  216,27.  305,9.  441,14;  us(8)er- 
welt,  uzerwelt  21,2. 31 ,2. 63,13. 137,12. 
144,i.  202,1.  20.  27.  211,18.  215,5. 
223,17  ustc.  usic, 

US  gan,  US  gen  mit  Dat.  entgehen,  auf- 
geben 142,14. 471,17. 484,8;  sich  selber 
US  gan  den  eigenen  Willen  aufgeben, 
sich  lassen  2S,19.di,9S.  161,19;  subst, 
Inf.  54,6.  95,12.  169,10;  usgan^r  4,2«. 

245.10.  280,12. 
US  gedriugen  434,5. 
usgelochen  vgl.  liecheu  137,5. 
usgenomen  Part.  Adj.  vornehmlich,  aus- 

gezeichnet  312,12.  406,10.  453,6. 
465,12;  usgenomenlich  313,26. 314,14. 

324.11.  376,22.  449,2;  usgenomenheit 
exceptio  249,12. 

US  gerichten  auseinander  setzen,  rrklären 

108,1.  171,8. 
US  gesamnen  450,31. 
usge8cheidenlich(e)    Adj.  Adv,    unttr- 

schieden,    deutlich,   ganz    besonders 

24,1.  332,4.  388,18.  498,1.  502,23.  25. 

503,4;      usgescheidenheit     distinctio 

101,12. 
usgesichjlossenheit  297,3. 430,28. 486.25. 
usgesiindert  338,2. 

usgetribenheit  Läuterung  390,7.  471.13. 
usgeflossenheit  emanatio  52*.  186..').  7. 

190,26. 
us^lantz   537,2;    us  glen(t)zen   254,24. 

407,4. 
usgossenheit  180,2. 
usgrünend  hervorspriessend  180,13. 
uyguz  243,15.  ' 

US  herten  ausdauern  149,22. 
usker     Auskehr,     Beschäftigung     mit 

äusseren  Dingen  63,8.  200,20.  335,5. 

470,6;  usgekert  gomülle  490,1. 
US  kiesen  auswählen  198,7. 327, 1 5.  .">02.  \  5. 
US  klinjiren  225,4;  U8kling(l)ender  bruune 

hervorrau.schend  92,19.  242,16. 


Glossar. 


613 


HS  legen  Part,  usgfcleit  explanare  197,28. 
108,6.  .-^28,1;  iisle^nge  503,1.4. 

U8  lesen  3H0,2. 

US  loffen  Ausgänge,  machen  4-14,1. 

118  Ifisrcn  1()9,12. 

US  lullten  3(K),4. 

usqual  Masc,  He rror quellen,  QuellSSO^l ; 
US  quellen  14,30. 

U8  riechen  ausduften  427,18. 

«s  rihten  erklären^  beantworten j  ab- 
fertigen 23,15.  38,20.  193,8;  us- 
rihtungi  6)  Besorgung ,  Schlichtung, 
ErkUi-ung  16«,2.  3.  170,2.  229,10. 
324,18.  349,19. 

usruns  Ausfluss  181,14. 

US  ruten  ausroden  425,23. 

US  schiden  trennen  354,18. 

usschlag  exitus,  das  Wied$r£usichkofn' 
mtn  des  Geistes  bei  der  Beschauung 
184,23.  189,13.  193,10.  332,2.  335,17. 
346,1.  15. 

US  schliefen  ausschUkpfen,  aufbrechtn 
(Von  Hosen)  551,29. 

US  schliezen  342,21. 

ussehen  subfit.  Inf,  167,30. 

usserkeit,  -heitÄusserlichkeity  die  äussere 
Welt  (Gegens. :  innerkeit)  166,2. 167,15. 
211,5.  235.19.  359,11.  366,12.  389,6. 
7.  10.  429,2.  431,16.  438,5.  470,8.  10. 

usserlich  345,13. 

ussrenthalb  31,16. 

usse  stan  übrig  sein  322,22. 

U8( seiwendig  218,8.  463,25.  497,5. 

ussezling"  Aussätziger  208,7. 

US  singen  zu  Ende  singen  26,1(). 

US  stossen,  -zen  eliminnre  292,7.  364,17. 

US  strichen  nusstreich^nj   malen  60,17. 

US  stürmen  159,18. 

US  suchen  47*. 

US  sugen  Part,  gesogen  aussaugen 
12r),17.  419,12. 

ussweifen  subst.  Inf  169,32. 

US  towen  254,19. 

ustrageu  subst.  Inf  Austreiben  167,30; 
zum  Austrag j  zur  Übereinstimmung 
bringen  184,8;  UBtTeigeud  nach  aussen 
führend,  zerstreuend  169,38.  366,10. 
381,5. 


US  trehen  ausduften  427,19. 

us(8)  triben  168,5.  191,9. 

usz  varen   aus  dem  Kloster  auslaufen 

484,25;   usvart  aus  dem  Leibe,  Tod 

160,19;    Ausgang   aus  dem   Kloster 

372,11.  461,1.');  iisvertli  372,12. 
usvergangen  Part.  hervorgefloftsen2i)0,l. 
US  fliesseu,   -zen   51,1.    179,9.    185,31. 

199,18.  206,10.  310,10.  344,24.  3aS,ll. 

469,15.  473,3;  usfluss,  -z(z)  52**.  14,34. 

134,32.  179,8.   180,12.  203,4.  296,10. 

330,8.  332,10.  390,5.  400,2.  471,10. 
uflvolgen  subst.  Inf.  Nachleben  542,27. 
usfuren    subst.   Inf.   Ausführen   36,12. 

196,17.  416,11;    von  Gott  wegfiüiren 

221,28. 
uswal  emanatio  21,27.  185,18.  310,18; 

US  wallen  Prät.  wiel  273,7.  542,9. 
uswert  Adv.  nach  aussen  413,11.  496,10. 
US  wischen   Prät.  wüste  herausfahren 

149,23. 
US  würken  auswürken,  ins  Werk  setzen, 

zubereiten     (mystisch)    94,16.    99,8. 

126,6.  156,20.  262,1.  8.  328,24.  514,1; 

subst.  Inf.  208,26.  349,2.  353,13. 
US   zerren    ausreissen   229,21.    371,26. 

460,28. 
US  zerspreiten  weit  auf  tun  (das  Herz) 

15,8. 
uszog  Auszug  (aus  der  Welt  ins  Kloster) 

361,1.  410,12. 
ntzet  =  ihtesiht  irgend  etwas  3J^6,6. 

V.  F. 

va(c)kel  (bildlich)  384,16.  466,16. 
vadem,  -n  Faden  198,21.  199,9.  254,1. 

323,25.  869,19.  457,15. 
vahen,  zu  huse  v.  einziehen  428,16. 
vaht  =  vach  Stück,  Teil  107,15. 
vaiss  feist  188,18. 
fal  Genet.  falwes  gelb  .551,15;   valweu 

sich  entfärben  210,25. 
valke  388,9.  408,5.   4()9,13;   falkenoge 

137,19. 
valle  281,33. 
falsch  Subst.  Mose.  Falschheit,  Irrtum 

23,5.  161,11.  489,7;    Adl  fnrfcri.srh, 

irrig  410,13.  17.  439.2.  447.11.  44S.14. 


614 


Glossar. 


467,10.  486,22.  489,2.  4;  val8ch(h)eit 

Betrug,  2'reulosigkeit,  Irrtum  67,26. 

186,15.  219,23.  221,25.  371,29. 880,13. 

408,12.    494,20;    valschUch    204,13. 

211,22.  315,18.  327,12. 
fautasie  P.  524,13. 
varen  mit  iJat,  d,  Pers.   u.  Genet.   d, 

ISnche  streben,  abzielen  106,14.  388,7. 

469,1 1 ;  genot  v.  eifrig  streben ;   va- 

rent  vol  =  valete  494,23. 
varwe  71,5.  440,4.  453,12;  ^wen,  ver- 

wen  440,20.  450,1.  478,1. 
vas.     fasz     Gefäss    (bildlich)    266,14. 

431.G.  487,4.  507,25. 
vasnaht  18,20.  30,18. 19.  21.  31,8. 32,26. 

113,12.  16;  der  geburen  v.  31,1. 
vaste  Sahst.  Fem.  quadragesima  143,1 ; 

vasten  106,23;  subst.  Inf.  46,5. 106,22. 

233,27.  487,19. 
vater  Ehremmme  des  Priesters  86,14. 

138,33;   Altvaier  105,23;   geistlicher 

Vater  107,14.  138,2.  155,20;  vlitter- 

lich,    vaterlich     125,9.     174,1.  3.  4. 

198,26.  203,13.  212,6.  224,12.  230,7. 

247,19.   248,6.   277,10.   313,23  usw.\ 

voterlicbeit  paternitas  224,14. 
vat(t)erlant,  -d  das  himmlische  K.,  der 

Himmel  240,18.22.  241,13. 17.  244,6. 

24(k26.  278,10.  284,29.  376,2.  380,26. 

430.22.  445,22.  448,13.  487,26. 
vech,  voll  bunt  362,14.  413,9. 
ve(C)hten    kämpf en^    ringen    246,5.   6; 

sahst.  Inf.  219,16.  504,4. 
vedraeu  einfädeln  198,21. 
vegfür  22,24.  23,23. 133,9. 142,12. 144,18. 

214.32.    251,22.    258,11.  13.    283,24. 

2sr).U.  29.  287,3.  307.29.  31.  332,25. 

453,31).  492.1.  508,3.  14.  528.13. 
feigt'   zum   Unglück  bestimmt^    unselig, 

rnheil  bringend  11. 22.  505,2. 
veil  ./r?7,  preisgegeben  366,11.  438,4. 
veUic'li  V.  hinfäWg  531  ».23. 
vels  211,7. 
vf'lschuii    für    schlecht    erklären,    ver- 

Jtumden  205,17. 
vdt  I\U1  nn,s  irc/yy;;r;i.v  323,20.  23.  29 ; 

ze   vt'lde   bringen    rnrbringen   353,3. 
vdtlilume  Masr.  22(i.ll.  409.7. 


veltsiech  Aussätziger  442,16. 

fenix  Phönix  436,7. 

veiye  Prostratio  (als  BusBÜbung)  18^11- 

14.  33,4.  86,26.  37,8. 14.  42,27.  28.  31. 

196,8.    314,16.    17.    895,5.     4«7,2*>. 

513,17;    gestxachte    v.   42,26:    knü- 

wende  v.  42,27. 
venster    83,2.  21.    370,14;    venst  erlin 

31,29.  32,20. 
Venus,  fro  (fro)  368,9. 374,80. 420,22. 24. 

424,17.    435,4;    minnegotin    fro   V. 

447,8. 
verahten  geringschätzen,   nicht   achten 

177,12.  186,24.  336,2.  339,20.  ;i53.1<i. 

879,25;  veralitung(e)  ir)6,33.  162.31. 

182,28.  336,3.  350,27. 
veralten  407,7. 
verbilden  im  Bilde  entwerfen,  zum  Bild 

gestalten  (myst.)  193,82.  810,2:    :^ich 

V.  476,19. 
verbinden,  sieb  274,22. 
verbissen  verbeissen  422,18. 
verblenden  137,24. 
verblichen  verbleichen,  vencelken  199,20. 

212,1.  222,2.  277,11. 
verborgen    Pari.   Adj.    170,6.    20lK2«J. 

226,17.  227,15.  421,8.  489,8.  492,4.  s. 

500.10.  5(M),15;  Verborgenheit  2(H>.1."S. 
474,4;    verborgenlich     95,27.     97.s. 

160.11.  222,5.   249,7.   280,1.    5o(>.2«>. 

verbrennen  verbrennen  11  AI ;  verbrannt 
werden  78,12. 

verbrieven,  sich  (zur  iSichcrhviti  sich 
eine  [Urkunde  ausstellen  lassen  (»S.14. 

verdaht  Part.  Adj.   in  Gedanken    rtr- 

sunken,  nachdenklich,  besonnen  14.26. 

58,4.    (>2,18.    14(),9.    311.25.    352.12. 

499,20;   fiirdaht  50(M);   verdahtek.it 

53,9. 
verdamipinen  204,14.  280,18.  315.14. 

verderben      zugrunde     richten,      tiUni 

121,10.  282,17. 
verdienen  sahst.  Inf.  255.1. 

verdornen,  verdümen  mit  Dornt  n  in- 
stcckcn,  absperren  248,18.  492,2 ;  sich 
verdornen  486,25. 

verdorren  552,5. 


Glossar. 


615 


verdriesseii,  -zen  unpers.  233,15.  432,5 ; 
sahst.  Inf.  228,14 ;  sich  nit  v.  lassen 
ol*.  433,21;  verdrossen  491,32;  Ver- 
drossenheit 390,23.  472,6. 

verdru(c)ken,  vertru(c)ken  niederdrückest, 
unterdrücken  245,22.  246,4.  261,13; 
sahst.  Inf.  205,24.  214,32 ;  sich  ander 
got  V.  366,21.  438,12;  vertrukt  he- 
drängt  91,3.  142,16. 

verdnmen  =  vertumen  verurteilen,  ver- 
dammen 317,24.  34. 

vereinen  vereinigen  (mit  Gott)  174,13. 
182.22.  230,20.  240,11.  25.  245,12. 
299,7.  319,26.  320,26.  345,24.  347,10 
a^w.;  sich  v.  303,18.  422,11.  438,6; 
vereinüich  345,1;  vereinunge  unio 
245,5.  279,5.  347,13. 348,4. 356,13.  16. 

390.25.  472,8.  476,3. 

verellenden  in  die  Verhannung  treihen 

217,26;  sich  v.  in  die  Fremde  gehen 
433,14. 

vergahen,  sich  s.  itherstürzen  455,11. 

vergan,  -gen  vergehen,  verschwinden, 
entgehen  160,17—19.  185,1.  218,7. 
2H5,3.  290,3.  341,27.  377,14.  379,7. 
450,3.  538,13;  schwach,  hewusstlos 
tcvrden  88,10.  17;  sterhen  87,21.  90,1. 
97,3.  128,27.  394,28;  vergan  and  sich 
v.  (in  got)  in  Be.schaaung  versinken, 
nfriickt  werden,  s.  in  Gott  verlieren 
54*.  94,12.  29.  95,1.  160,29.  161,6. 
163,1.  185,2.  189,22.  193,13.  194,27. 
335,22.  336,12.  1^44,13.  345,12  usw.; 
sich  V.  mit  Betrachtung  verweilen 
257,1.  497,13;  sich  v.  s.  verlaufen 
78,25.  200,20. 

Vergangenheit  (der  ussren  sinnen)  das 
Versinken  in  die  Beschauung,   Ver- 
zückung 64,21.  90,23.  101,8.  152,11. 
159,16.  160,16.  17.  25.   161,1.  4.  12. 

162.26.  188,5.  189,12.  193,26.  338,18; 
zitliche  v.  Tod  194,20. 

vergeben  sahst.  Inf,  Verzeihung  211,3. 

2(;i,18. 
vergehen  s.  verjehen. 
vergelten    vergelten    250,27;     bezahlest 

14(;,17. 


Vergessenheit  182,30. 420,20 ;  vergessung 

144,20. 
vergichtig     zugestehend,     hekennend 

332,11. 
vergifften  ins  Verderben  Jrringen  483,19 ; 

vergiftiger  dot  Tod  durch  Vergiftung 

(durch  das  Gift  der  Irrhhre)  489,9. 
vergütet  deificatus(vgl.Anm.  zu  344,13ff.) 

23,3. 
vergünUchen  verherrlichen  337,17. 
vergnnnen   mit  Genet.   d.  Sachi  miss- 

gönneti  484,1. 
vergnt  haben  =  viir  gut  h.  417,11. 
verhüben  414,13.  435,4. 
verhalten  zurückhalten  470,6. 
verheften   einheften,  versenken  258,29; 

sich  V.  478,22. 
verheilen  315,31. 
verhengde      Verhäng  ung^      Zulassung 

57,11.    70,6.    114,19.    121,35.    124,3. 

220,21;  verhengnus  115,29. 
Verheugen    gestatten,    verhängen    42,6. 

68,13.   95,8.   109,23.   115,29.   119,26. 

131,2. 132,25. 133,3. 148,3.489,21  usic; 

in  verhengter  wise  nach  allgemeiner 

Übereinstimmung  (Denifli^)  342,8. 
verhert^n  Part,  verhertt  485,18. 
verhonen  herabsetzen  346,4. 
verier(r)en    in    die   Irre  fuhren,    sich 

verirrest  3,15.  8,23.  61,27.  94,4.  156,15. 

159,19.  160,13.  366,8. 
verjagen  314,5. 

verjamert  in  Jammer  versunken  45,10. 
verjehen,     vergehen     bekennen     66,18. 

75,10.  116,25.  393,13.  428,12. 
verkalten  407,7. 
verkeren    verkehren,    verwandeln,    eine 

falsche  Richtustg  geben  83,13.  197,5. 

218,14.  275,17.29.  276,5. 295,16. 316,2. 

320,7.   362,31   usw. :  verkerlich   ver- 
kehrt   4,12.    5,2.     148,15;    verkerer 

Verführer  540,30 ;  verkererin  375,21. 

447,33. 
verklagen  verschmerzen  456,16.   463,6. 
verkleiben  verkleben  115,5.  192,7. 
verkleinen  erniedrigen  489,4.  7. 
verklemmen  verkleinern  226,28. 
verkleren  23,14.  1H7,17.  189,23.  337,17. 


616 


Glossar. 


verkomen  s.  vürkomen. 

verkülen  refrigerare  245,17. 

verkiinbern  verstricheyi  135,1B. 

verlassen,  -zen  Pari.  Adj.  ausgelassen^ 
unansmidig  80,20.  25.  138,3.  10. 
209,5.  221,22.  816,7.  321,11).  481,12. 

verleiden  P.  =  verleiten  irreführen 
524,24;   verlcider  Verführer  531,18. 

verlekeru  lüstern  machen  174,24. 

verlihen  Par/.  verliiwen  89,14. 2(>.  283,26. 

verliket  Part,  erpicht^  lüstern  34,5. 

verlof(fjen  verlaufen  281,12;  sieb  v. 
165,14.  211,6. 

verlo(i)gen,  verlog^ien,  verloggeu  ver- 
leugnen,  verneinen  121,33.  251,5. 
260,28.264,16.389,7.470,11. 510,18.19. 

verlorn heit  Verlust,  Vergessenheit^  my- 
stische Versenkung  95,4.  182,31. 
187,22.  188,6.  193,2;  verlust  220,5. 
340,12.  463,6.  508,2. 

vermas^en  he^schmutzen  540,2. 

vermelden  kund  tun  550,4. 

vermengen  226,28. 

vermessen  Part.  Adj.  verwegen,  kühn 
55,13;  vermessenheit  233,2f*. 

vermischen  177,3.  351,12;  vermischtes 
(vermischet)  wesen  ens  pennixtum  cum 
potent ia^  das  Kreatürliche  (im  Gegen- 
sat- zu  Gott)  166,26.  176,15. 

vermissen  verfehlen,  nicht  tpahrnehmen 
216,13;  suhst.  Inf  188,16:  sin  selbes 
V.  einen  Fehler   begehen   500,14.  16. 

vermit(  t)eln.  -tlen  hindernd  dazwischen 
treten,  hindern  167,29.390,9.471,15; 
sich  V.  sich  ein  Hindernis  (dir 
Vereinigung  mit  Gott)  schaffen  54,15. 
169,1.  359.5;  vermittelt  am  Irdischen 
haftend  300,19. 

vennuiTOu.  vermugen  suhst.  Inf.  und 
Suhst.  Vermögen,  Kraft,  Macht 
117,20.  165.5.  6.  22.  199.10.  205,11. 
206.8.  209.13.  228.19.  273,22.  276.18. 
300.22.  301.11  usir,:  vennuofendu 
(vcnnüircndu)  kraft  141,0.  191,22. 
330.18;  vcrmni^entheit.  verinüir.  92,28. 
178.20.  18S.9.  191.18.  35843;  ver- 
mn<»:enrli(h  Adr.  kräftig  9,24.  192.17. 
339.23. 


vermugen,    sich   =   vennfijeu    s.    afh- 

mühen    504,1;     vermugt     entkräftet 

55,4. 
vemi(c)hten    zu    nicht e    machen,    für 

nichts  achten  233,28.  258,20.  259,21. 

261,6.    317,20.  29.    335,17.    351,25. 

353,28.  439,2;  vemiiten  366,22;  ver- 

nihtikeit  anwiVii/afio  (mystisch )  162,26. 

518,4. 
vemidren  219,31. 
vernieten  vernieten  454,5. 
Vernunft  156,19.  27.  31.  158,14.  159,22. 

160,21.  163,23.  164,5.  167.20.    171.8. 

177,7.28.  180,18.21.24.  181,5.  li>0.7. 

19.  191,7.  317,1.  330,22.  28.   33S,1. 

339,27  usw. 
vemünftekeit,  -ikeit  3,16.  94.5.  155,12. 

156,21.    158,2  flf.    171,2.  20.    181,10. 

191,5.   193,6.   326,3.  327.17.   328,22. 

329,10.  512,16  usw. 
vernünftig  vernünftig,  verstündig,  über- 
sinnlich 4,10.   6,15.  53,6.  18.   97,11. 

124,24.    156,12  ff.    158,8  ff.     160,20. 

163,10.13.  167,19.20.  170,25.  171.12. 

172,2.    181,25.    183,6.    184,2.  8.   17. 

187,9.    192,2.  7.   327,16.  18.   832.26. 

338,19  us^w.:   vernünfteklich    160.22. 

181,18.  193,8.  256,33.  386,19. 
verosen   venvüsten,   verruchten   221,31. 
verpfuhzen    mit  Abscheu   zurückweisen 

72,14. 
verpulvern  808,21. 
verqwetzen  P.  vergeuden  516.11. 
verraten  subst.  Inf.  462,17. 
verredeu  solange  voti  etwas  reden.  hi.\ 

7nan  der  Sache  müde  wird  67,4. 
verreder  P.  531,19. 
verreheit  das  Entfernte  417.14. 
verren  sich  entfernen  201,10. 
verrinnen  üherrinnen  (mit  Blut)  204,19. 

210,28.  815,20.  316,14. 
verriseu  abfallen  222,2. 
verröcht'n    verzichten,    entsagen    46.26. 

899,5:  subst.  Inf.  164.2;  verröchle >t 

achthhs,  sorglos,  ruchlos  75,4.   14s,l-. 

289,26.  453,13 ;  verrüchtCe  ikeit  Uuch- 

losigkeit,  Sorglosigkeit  147,2.  353,17. 
verriimte  beiden  berühmt  56.5. 


Glossar. 


617 


vemiwen  unpers.  aufhören  Schmerz  zu 

bereiten  297,16. 
vers  111,26. 
versagen    verweigern    493,17 ;    spröde 

Silin  418,12. 
verschemt  Part,  verschämt  435,16. 
verschicken  relegare  283,15. 
verschliefen    Pari,    verschloffen    sich 

verkriechen    172,19;    sich   verslieffen 

246.16. 
verschli essen,  sich  274,19.  322,17. 
verschlinden  verscMingen  287,13. 
verschlissen   ahnätzen,  zerreissen  (voti 

Khidern  usw.)  58,7.  110,25. 
vers(ch)mehen,  versmahen  111,4. 202,21. 

206.19.  246,4.  307,5.  389,20.  430,21. 
441, 2().  442,4.  482,20  asic;  suhst. 
Inf.  321,21.  429,20. 

ver8(  ch  )meht  Beschimpf ung,  Verach- 
Uuifi  85,12.  36,30.  69,9.  91,4.  105,13. 
203,13.  209,9.  236,10.  238,19.  306,18 
usw.:  versmehenisse  489,23.  491,12. 

verschiilt  Part,  verschuldet^  schuldvoll, 
verwirkt  134,21. 198,17.229,27.263,32. 
317,28.  32.  338,25.  440,31.  441,13. 

versehen    versorgen,   beschützen    125,7. 

358.20.  465,23.  540,10;  sich  v.  rech- 
nen auf,  encartm  289,5.  280,17. 
885,6, 

versehven  trieben,  verdunkeln  483,29. 
versenden,    verseneden    (daz   herz)    in 

Seelmschmerz  vertiefen  391,24.479,20 ; 

sich  versenden  s.  nhhäi*men  361,27. 

411.24. 
versenen    in   Seelenschmerz   versenken 

812,22;    Part,    versened    abgehärmt 

211,8.  231,5. 
versenken  245,12. 258,29. 294,18. 432,24. 
verseren     verletzen,    renrunden    16,15. 

41,28.  25.  4r>,20.  128,28.  862,16. 
verse(t)zen    versperren  865,27.   436,26. 
versichern  befestige^i  77,18. 
versigen  Part,  von  versihen  versiegen, 

austrocknen  203,19. 
versinken   181,4.  150,1.  158,28.  386,18. 

r)is.5. 

versint  Part,  in  Gedanken  versunken^ 
besonnen  429,11. 


versmahen,  versmeheu  s.  verschmehen. 

versmelzen  308,20. 

versoffen,  versof(f)eu  ertränken,  ver- 
senken 20,22.  310,1.  445,24.  476,5. 

ver8po(i)zzeu,  verspotzen  anspeien  20^ß, 
807,9.  315,7.  448,15.  544,26. 

versprechen  absagen,  aufgeben,  verur- 
teilen 204,10.  216,29.  815,9;  sich  v. 
s.  verteidigen  4,86. 

verstan,  sich  verstehen,  einsehen,  sich 
bewusst  sein  186,20.  261,4.  842,6. 
350,29.  463,1. 

verstan  denheit  342,4 ;  ver8t€ntnü8(s), 
-nisse,  -nust  166,5.  191,1.  243,11. 
280,7.  808,21.  843,1.  348,11.  478,8. 
489,6. 

versten  subst.  Inf.  Verstehen  291,6. 
292,28.  298,18.  299,25.  301,18.  837,5. 

468.21.  474,20. 

versteln    stefUen   66,18.    75,2;    sich    v. 

unbemerkt  wohin  gehen  243,1. 
Verstössen  218,20. 
verstri(c)ken  370,5.  458,13. 
versuchen   versuchen,  prüfen,  auf  die 

Probe   stellen   274,7.    388,19.    485,2. 

454.22.  467,17.  506,6. 

versumen  versäumen,  durch  Saumselig- 
keit in  Nachteil  bringen,  im  Stiche 
lassen  222,13.  279,30.  282,28.  862,26. 
419,1.  425,25.  483,28;   sich  v.  352,5. 

versunen  sühnen,  gut  machen  113,1. 
207,4.  215,10.  372,16;  sich  v.  42,19. 
461,19. 

versüssen  137,24.  256,8.  440,16. 

verswainen  verschwinden  machen  445,25. 

verswemmen  versenken  (in  Gott)  225,16. 
245,12.  477,18. 

verswenden  beseitigen,  vertreiben  251,22. 
818,11.  814,5.  456,25;  verswenderin 
588,21. 

verswinden  290,28. 804,28. 433,13. 464,24. 

verswullen  Part.  verschwoUen  78,6. 

verteilen  verurteilen,  verlustig  erklären 
84,23.  85,2.  127,12.  204,20.  815,21. 

YeTtragon  forttragen  124,18;  mit  Dat. 
Nachsicht  haben,  verschonen  289,1. 
270,6.  369,27.  441.8.  458,2.  491,18. 
541.82. 


618  Glo 

Tertriben  dW.lS.  2SI,29.  4Ü6,7.  416,8.9. 
417,12.  418,11.  424,11.  425,17.  431,4. 
438,27  atir.;   vertribenbeit  exjiutsio 

3i2,a. 

Tf  rtruckcii  *.  verdrucken, 
vertrtiwtn    rtiiol/eii.   i-erm/lhleit    483,2. 
48i),17. 

veniureiiien  68,'il.  75,17.  77,11.  2(W,r). 

277,il.  H21,2H.  50ri,4. 
YerviiUeii    zerfallm,    in   Sunde  fallen 

70,2:i.  72,18. 116,24.  lin,5.217,e.  2 18,5. 

r>3:!.ir).  ri:i4,lit. 

verfurcu     Part,     rergangen,     verloren 

210.10.  229,1.  28»,H.  253,9. 
veireliWn,  eich  ».  abniillieii  504,1. 
TcrfliesKun  :t35,8. 
verHügcD  aasser  «ich  bringen  13,2. 27,2S. 

139,29.  227,8. 
verlloHHeii,  -zeu  Jtirssen  machtn  262,26. 

:tH7,16. 
vurJiücheii  26r>,19. 
verfüren  fortführm,  in  die  Irrr  führen 

12."i,17. 204,7.227,5. 259,6.280,2.  ;tl6..5. 

ri40,16. 
Tera-alten    nulist.    Inf.    Macht    haben 

r.54.21. 
vemuu.ili-ii,  -dein  69.19.  207,29.  292,21. 

299,7.    3i):i,19,    316,4.  :i2.j.21.  338,7. 

42."),11 ;  viTwainlelkeil.   Viränderlich- 

brii  177.24;  Verwandlung  l(i2,28. 
verwejrfB  'mfirügni  226,1.  413,7;   »ich 

V.  a.  rHUchliegHeii,  gtfatut  sein,    auf 

.■!iCflM-«-«iWi(f«  382,10.  «1,5.463,20; 

Part.    AilJ.    verwesjen     tntschlosäm 

IV&U.  413,7. 
TpnveKi'nlifit  J'.'nlxi.-blo/igKHlicil  152,13. 

2ori.l2.4;i2,3;  verwebe nlicb  rerme^Hen 

152.7;  Adr.  '-lUschlo^iHni  371,35. 


enriihiii 


34.4 ; 


vurwerdcii  P.  --«  »idite.  irerdeu  515,16. 

.■>l«.9.  519,18.  53.3.24.21;.  5;U.l. 535.18. 
T,'r«ri iVn  72.14.  Hi8.9,  [2U.20.  218,25. 

.3-_'7.9.  14.  Hi.  444,22.  47u,lü.  488,3. 
v.-rwfiTpii.   veiivirrun    l„    Vnrah;    Ver- 


verweseu  vertreten,  enuchädigen  208,19, 

221,2.  260,18.  261,21. 
verwetten,  sich  *.  verpfänden  634,11. 
verwilden,  sich  s,  in  die  Wildnis  rer- 

taufen  2U,6. 
verwinden  P.  »uba.  Inf.  535,18. 
verwisen  irreführen  3.15.  2  9,1S.  221.3*'. 

227,6.  353.2,  370.111.  &50,11.  l->. 
verworfen  Part.  Adj.  vertt<i»te»,  ana- 

gteetet,  ungelig  72,8.  121.21.  2bl,ll. 

290,22;  -i-erw(irf(f)et]heit  Irra-rrfuni;. 

A!>Hcl.eu,  KntfieUuuy  260,23.  277.16. 

296,80.  306,17.  811,4.  322,6.  363.19. 

.308,13.  421,3.  15  «wr. 
verwunden  41,14.  110,7.  122,4.  223,13. 

264,1. 
verwuiidren  unpera.  877,7.  449,2(1. 
venviirkeii    einfa*»eu    17,6;    anhtiiiifi 

103,23. 
verwiirtzen  coiidire  63M,12. 
verwüsten    40,27.   52,H.   222,5.   374.24. 

447,2. 
verzagen  132,3.  162,13.  319,12. 
verzei<r)eii  51,15.  105.19.  136,1.  14(1,22. 

202,16.  273,1K. 279,23. 281,:«. 3ll,l?S. 

379,H.  385,16.  467.24. 
verziehen  Pari,  verzojfen  vertuest  2i  i,22. 
verzibeii  Part,  verzigeu  versagen    239, 

8.  9.  547,9;  sich  v.  x.  lussagrtt,  rtr- 

eii-htcn  205,26.  235,5.  2111,20.  274.3. 

318,3. 
verzohem  fancinnre  219,13. 
verzu(c)ken    rojich    irtgnehmrit    234,ti. 

27(1.12;    rer-äcken,   in  der  M'-sth""- 

uii'j  entrilfken  lü,16.  (i;i,15. 64,3. 90.18. 

102,6.  160,27.  174,15. 
verzH-ifeln,  -Heu  165,16.  213,5. 6.  247.23. 

264.16.  376,7.  4ir>,14.  434,1.  447.18. 
vesperait  Vexpmeit  (l>  Uhr  abends  i  77.2. 
ve8t(elklich,  vcstikl.  Adr.  149.2.  24C.7. 

259,22.  261,8. 308,2.  317,21.29.  326,17. 
379,22;  vestikcit.  v.-tik,  ill-Sl.  205.S. 

318.17.  539.25:  vesti  Vestanii,  Burg 
il,ildl.l\mA:  ventuen  215.22.  ;-Hi6.7. 
211.  437,21. 

vetedi  Plar.  vftcheii   144,27.  145.1.  2. 


vätk'rlich. 


Tient,  der  bÖs  Teuftl  81,8;  die  bösen 

viende  37,20;  die  viende  89,9.  12. 
vientlieh,  TigenUich  116,2. 2W,7. 2.>3,10. 

265.6.  315,4.  319,16.  424,11.  489,9; 
vientadiiift.  147,6. 

Tlgilie  iih  Zi-itUslimmiai'i  173,20. 

vm(el,  Tich  281,6.  374,2;-}.  25.  421,13. 
426,11.  447,2.3;  vihlieh,  viHch  tu- 
riifh, ginnl^chf  Gegensatz -.l^ioA  DfÜg) 
lö6,10. 170,13.  531,3.  532,4. 11;  Ti(c)h- 
lichkeit  das  unabgelSMf,  sinnlie/ie 
irw«»48'.3,12. 158,11. 182,18. 359,18. 

vile  Ke.le  41,22;  vileti  39,11. 

Tilrede  da»  Vitlredt-n  1Ü5,26. 

fin  488,33:  vinljch  224,4.  22.  323,26. 
375,27.  4(19,9.  448,6. 

viniien,  sich  ».  als  taigHaisen  i-rfinden 
MhJ.  14.  15. 

viTiger  472, lo-  viogerliii  kleiner  Hnger 
226,7;  Tingerii  Hing  (ah  TurnUr- 
,-rf,«)149,l5.J7  150,4.152,1.14.17.27. 

ym}i\.VT finster,  unbegreiflich  (cum  WeeOi 
Gottr»)  184,25. 186,1  245,17  285,17 
471,28;  Tinsterheit  ealigo  {myat.  von 
(lutt)  m  19. 190,18  vinstri  hunkel- 
keil  (ngmtl.  u.  mgst.)  190,13.  233,22. 

374.2.  890,18.  424,13.  434,15.  446,8. 
549,9. 

viol,  vyol  Vtikhen  33,12.  224,23. 296,30. 

434.3.  440,4. 
tiruianient  226,6. 
virreii  ?  553,23. 

Vision  181,28.  183,4  ff.  524,21. 

virae  patrum  P.  531,21. 

Hnlermua   177,17.  427,10. 

viehi-n    305,28.   392,2.  479,24.  493,24; 

Tleih^licli  i:tij,9.  258,28.  373,15. 
flmbli  140,20.  24.  28.  141,12. 
aifffeii  185,27. 
Iliz[z)  99,a6. 290,7.  362,30.  473,16. 481,1. 

483.22;   liiawig,  vlizifr   169,25.  171,9. 

198.7.  2IH),1.  357,7.  502,20;  fliuseklich 
3ii2,9.  366,20.  416,4. 

floiereii  Jlattern  376,1.  448,13;  lloiercnd 
hin-  lt.  htrscIiKaitkeittl,  aafgeblaneii, 
h-'diiiUiiig  158,15.  19.  23.  24.  159,7. 
192.33;  flügiureiid  prankenil  352,14. 
Vul.  floriertu. 


lar.  619- 

florieren  s.  mit  Blumen  schmücken  (9) 

426,3;  j>ru«i-en  520,18. 522,10;floriert, 

meliorieret   hunt  geschmückt,   geeitrt 

361,23.  396,22.  411,18. 
TlSch  300,14;  ABcheu  sahst.  I»f.  68,3. 
flug  472,26. 
vluht   <ias  Flitheit  289,20;   flucht  Zu- 

fluciu  543,2.5.  545,4;   äähtig  216,14. 
.    265,7. 

flumveder  Flaumfeder  809,20. 
äuHS  Fluss  92,21;  Ergase  181,15. 
vofe'el    281,14.   297,4;    vogcl(l)i    33,18. 

85,13.  172,17.  21(9,14.  251,18.  282,9. 

287,21.  406,18.  426,4. 
vogt  76,16.  24.  77,2.  7. 
vole  FoMen  503,26. 
VoU  Ä<h'.  voUends  79,32. 
■vol(lelbringen    perfictrt    216,4,    890,3. 

455,S.  47  ,8;   volbringer  222,23. 
voldauken  216,9;  volle  gedanken  499,6. 
Tollcn  sich  füllen   69,30;    völli  90,24. 

428,12;    voUeklich,  Tolleclith   24,32. 

308,8. 
volgan  big  «um  Ziele  gelten  80,31, 
Tolllejbeit,  volheit  174,11.  255,3.  428,13. 

542,7. 
TolherteriousdfluerH  13,21. 98,25.519,26. 
TOlkomen    177,26.   179,4.  198,2.  344,6. 

434,14.  464,18.  465.12.  467,8  usir..- 

volkomenlioh    201,3.    336,26.   351,18. 

472,14.478,25     volilcikom-^rilieil  106, 

34.  I62,'i7. 178,4.193,4.254,11.288,11. 

■2t(H,e.  :«J3,24.  389,22.  390,24  usir. 
voUeiHlen  jff««tf  tun  643,24. 
Tollobeii  306,6. 
volccliriljen  2l3,l. 
voUfnren  262,5. 
vulwarteii    mit    Genn.    bin  zur   Keife 

«■a.-(™  479,2. 
Tollewiirken  fertiy  machen  323,22. 
\onker  Abirendung  8,24.  119,2a  168,19. 

169.21.  192,6, 16.  360,10,  370,9.  .385,1. 

435,13.  467,8.  48;!,21;  vonkeren  jiu6»*. 

Inf  259,23. 
Vüntriben  subsl.  Inf.  201,13. 
vonziig  Abnehied  1(18,17. 
vor  bi'lilien  rorenthalten  'rei'den  194,17. 


620 


(rlossar. 


vorbUd  430,20;  vorbilden  208,26.  274,24. 
vorder(e)n  283,4.  502,17.  504,11. 

vor  erschinen  erscheinen  6,7.  22,24.  28. 
23,22. 40.27. 50,18. 51,19. 58,24. 1 17,11. 
128,3.28. 130,9.  142,10.143,11.144,22. 
25.  148,20.  194,24. 

vor  pan  =  viir  gan  voranr/ehen,  unter- 
nehmen  375,3.  447,13;  unpers.  ent- 
gehen 182,25;  vorgend  praevius 
161,15.20.  162,1.346,9.365,30.  437,3; 
vor^enjT^er  91,35. 

vor  j^esin  mit  Genct,  schützen  413,10. 
vorgrabe  Vorgrahen  (der  Ji^stung)  160,4. 
vorhof  234,5.  362,5.  412,9.  427,21. 

vorlof  praeambulum    174,17;    vorlofer 

26,23. 
vor  lüht^n  15(5,13. 
fonn(e)     10,19.    169,11.    181,6.   9.   12. 

191,30.    193,5.    19.    218,25.    291,30. 

332,4.  5.  336,21.  337,15  usw.:  formen 

489,1;    form(i)lich    101,10.     157,22. 

179,10.  342,26;  formlos  10,18.  19:1,2; 

formlosklieh    Adv,   ohne  Phantasie- 

hilder  174,5. 
vorrede  2(K),10. 
vorsenger  21,23.  25.  28,17. 
vorsmak  297,8.  472,15. 
vorspil  17,13.  31,2.  179,11.  313,8;  vor- 

spilen  182,24.  188,21. 
vorstrit  erster  Streit  8,20.  22. 
vort  =  vorht  Furcht  78,6.  89,15.  182,10. 

382.1.  385,13  U8u\\  vortlich,  vor(ch)t- 

\\c\i  furchtbar  79.4.  182,2.  230,18. 

vortragen,  gut  bild(e)  v.  3S2,9.  43H,14. 

463,19.  538.24. 
vorversuchen  tmhst.  Inf.  344,7. 
vorwitzikoyt  P.  509,17. 
frager  P.  510,6. 
vragwise.  in  197,26. 
vravel.   frevel  mutwilli/j,  frech   3S1,16. 

382.17.  462,1S.  463.25.  477.3. 
vraz  r.  Fresser  531,19;  frasslieit  105,4. 
freidiir.  fraidiy:  irild^  trotzig,  ausgelassen, 

srhru'klivh  {\:\A.  68.4.  77.29.  S3,7.  16. 

115.19.  116.15.  120.:;.  136.27:  frcidii)- 

keit   Wildheit,  Üherwut  ()1.4.  123.i:i. 

1 48.7 ;  freideklitli  Adv.  iibtrmi'itig  75,3. 


treischlich  =  vreislich  Adv.  schrecklich^ 

grausam  48,25. 
vreisi  Gefahr,  Drangsal  810,21.  480.:«. 

543,30. 
frid(e)l08  382,20.463,27;  fridsain  431,12. 

486,12;  fridus  Inierj.  es  sei  aus  mit 

dem  Frieden!  371,28.  460,26. 
frien  288,13. 448,13. 456,25 ;  friheit  26,20. 

186,18.    228,17.    261,25.    827,2.    2s. 

a39,30.   351,7   usw.:    friUch    158,26. 

178.24.  215,18.  227,22.  249,11.  26.8,28 

ilSW. 

vriescn  P.  516,7. 

frisch  135,18;  frischlich  370,25. 

fritag  144,8;  der  stille  fr.  Karfreitag 
143.S.  406,16. 

frodenbernd  freudebringend  1.S4.17. 
374,31.378,8.  447,10.  450,29;  vrode- 
bere    304,12;     fro(u)denrich    2«)9.30. 

297.21.  311,2.  374,4.  385.21.  446.9. 
467,29.  30.  486,6 ;  vrftdentanz  225.1  ; 
vrodenvol  400,18;  vrodli  kleine  Freude 
219,21. 

vrolich   215,20.   220,8.  280,1(».   298,17. 

410,12. 15.  412,16.  426,2.  429,24  usw. 

fromd  fremd,  unbekannt,  seltsam  KU^.s. 

189.22.  209,9.  212,24.  216.18.  240,19. 
241,9.  13,  249,7  usir..-  fromdekUch 
Adr.  231,1;  iromden  sich  fern  halten 

365.25.  436,24;  vromdi  Entfremdung, 
Unbekanntheit  20l,25.  221.13.251,3. 

fronaltar  Hochaltar  29,15.  47,2. 
fronlicham,  -lichnam  Eucharistie^  Hostie 

43,10.  89.17.  128,27.  38(),29. 
frosch  305,25. 
frostig  81,26.  82,7. 
frowe  Nonne  484,5.-   nnse  (liebe)  frnw 

(vrmve)  Maria  49.4.8.   50,18.  111.9. 

117.11.131,24.140,1.153,11.13.20.23. 

197.24.  322,23.  323.17.  415.23   w>.^r..- 

unser  frowen  tag  29.13.  58.24.  112,6; 

n.  fr.  kapeil  110,33. 
frowenkloster  82,26. 
frowli   jungt'    Frau    niederen    Standes 

80,20;  frowlioh  weiblich  107,10,271,14. 

481.4.  9:  fr.es  bilde  mibUche  Ptrson 

12,2.  49.28.  116,22;  fr.eperson  12n.2s; 

vr.er  nam  265.  Is. 


Glossar. 


621 


fniht  in  der  Anrede  (lebendü,  reinü  fr.) 
Wesen,  GeschO})/  33,23.  50,1.  303,2. 

tnihtber  359,3.  489,13;   fruhtlos  425,9. 

vruje,   vrüje   Ädv.  frühe  204,9.  315,9. 

fr  um  Adj,  Inchiig,  tapfer,  trefflich  36,7. 
48,22.  53,26.  76,14.  91,34.  258,15. 
274,7.  324,7.  398,12  usw,:  Suhst.  ze 
frumen  (sin,  tön)  tum  Nutzen,  From- 
men 310,19.  363,21.  421,21;  frumen 
vorwärts  schaffen,  bestellen  9,23. 
60,12;  fnimklichen  Adv,  240,26. 

fn'ind    Venrandter  79,18.  83,7.   361,16. 

;n9,27.  387,25.  410,3.  485,5.-7  usw.; 

liplicher  vrünt  122,32.  297,23;  frünt- 

lich  102,25.  109,11.26.  130,14. 192,30. 

227,7. 249,14. 273,14  us^v. :  früntlicheit 

24,22;     frftntschaft    124,19.    125,20. 

130,12.  206,27.  219,24.  236,8.  12.  23. 

247,6  usxc. 
friitig  eifrig,  munter  28,16. 
f lig:  870,6 ;  vögen  (sich)  passen,  schicken 

314,17.  484,7. 
ful  faul,  stinkend  425,11.  493,12;  fulen 

S8,2. 
fluid  375,24.  448,3. 
fundanient  P.  533,26. 
fnndleii    forschend    finden,    erforschen 

'232,4. 
funke  376,6.  448,18;  daz  liebte  ffmklin 

der  sele  scintilla  animae  192,10. 

furbaz,  -8  vorwärts,  weiter  161,14. 172,24. 
fürben,  furben  reinigen,  purgare  (myst) 
251,20.  296,29.  390,7.  471,8.  13. 

für  bieten  vorbieten,  zur  Schau  stellen 

448/28. 
für  bringen  33,16.  180,8.  382,4. 
fürbrnch   ^3,24. 
fürbung  purgatio  390,17. 
fnrderlich,  furderl.  23,9.  122,28.  156,7. 

308,29.  309,1.  328,12.  474,18.  507,20. 

turen,  sich  seinem  eigenen  Willen  folgen 
167,12.  17.  169,2.  192,28.  335,19. 

fnren  speisen,  nähren  99,6.  384,12. 

für  geben  vorgehen  67,21. 

für  grebrecben  541,16. 

fürgrif  dez  sinsheit  Vorgreifen  des 
tigenen  Ich  169,2.  359,5. 


fürin     18,15.     131,11.  19.  32.     136,17. 

137,31.  214,14.  227,10.  229,24.  230,4. 

250.13  usn\ 
vürkomen,    -kamen    vonrUrts   kommen 

385,17.  467,25;  zuvorkommen  bQO,\%:i 

erscheinen,  sich  einstellen  51,7.351,26; 

sorgend  behüten  202,18.  212,8.  229,5. 

310,25.   482,19;   verkoraen   verhüten 

4()3,5.- 
vürlofen  =  verlofen  vergehen   281,20; 

fürloffen    laufend    überholen    29,17. 

545,7. 
fürnem  59,5.  68,18.  70,7.  114,20.  120,9. 

131,2.  142,4  ff.  149,6.  152,12.  374,30. 

447,9;  fümemekeit57,2. 115,22. 142,13. 
för8az(z)  Vorsatz,  ForÄatw  35,10. 59,1. 

152.8.  357,20.  370,19.  415,9. 
fürschuz  das  Vorschiessen  163,24. 
försehen      praevidere,      praedestinare 

334,17 ;      vürsichtikeit       Vorsehung 

(göttl.),  Vorsicht  201,28. 206,6. 283,20. 
fürsorgen  sich  kümmern  410,4. 
Türspan,  -spang  das  Gewand  zusammen- 
haltende Spange,  monile  252,25.  392,7. 

400,25.  480,3.  493,4. 
fursprechin,     fürsprecherin     advocata, 

pntrona  37,10.  545,29.  547,26. 
fürst  363,13.  421,3;  f.  aller  kreaturen, 

der   alliche   f.  (Gott)   171,16.   173,9. 

388,3;   du  obrest  fürstin   von  himel- 

rich  (Maria)  112,20;  fürstengel  21,12. 
fürten  =  vürhten  82,12.  28.  83,1.  116,2 

umr. 
fürtreten  einen  entgegen  treten  37,3. 
für  werfen  326,19. 
fürwesen  =  verwesen  zu  nichte  werden 

554,3. 
fürweser  =  verweser  St€llvertreter91,lb. 

312,3. 
fürvvitzig  curiosus  410,6. 
für  ziehen  vorbringen  356,15. 
fusstapfe    35,2.    36,2.    138,28.    277,31. 

322,10.  371,3.  459,28. 
fu8(s)tüch  49*   58,7.  8.  12.  14.  363,22. 

23.  368,27.  397,18.  421,23.  24.  422,2. 

443.9.  12.  17. 

Ffitrer,  der  heilig  brnder  Johans  der  F. 


w. 

wacLt:n  mibsi.  Inf.  23;i,27:  walitor  17.17. 

18.21. 
w&fen,    wafffn     Ausruf    drr    Freude, 

Uherrasrhaitg,     EfmuHlffuag     umr. 

10,3.  I4,a-  i»5,27.  82,8.  86,17.   180,5. 

220.1.  227,5.  2-28,22.  •246.1-1.  254,9. 
260.17.  286,14.  312,19.  37-1,1«.  377,25. 
37H,I6.  44ii,21.  +50,14.  451.8.  4r>4,12. 

459.2.  482,1.  492,i;i.  514,7. 
wafcnklcit  205,10. 
w«g,wugM«inc.lKfHi>,irojr*81,25.ir(8,22, 

173,2-1.  ;i77,8.  435,10.  449,22.  550,27. 
wabs  08.7.  13.  522,17. 
wakerlich  Adr.  frixc/i,  lehha/l   :i70,23. 
walhe    IK-IfacÄrr,  Knmanr  199,2ri. 
walt,   wald   409,14.  434,12.  15.   452,9. 

Mmfii  waMeshalb  80,3. 
W8l{l)en  Pmi.  wiel  aufirallrn,  hen-or- 

gchie/>srn  ll!,12;  *(r.    VtrI,.  18,8. 
wallen  ivaiidem  267,8. 
wan,  woii  iVu'wf.  Mavc.  ungetrh»e  Hoff- 
nung. Erwartung,  JiHnkeu  8lil,7.  8. 

410,19.  20.  506,4.  10. 
wan  =  wandt:  uliitam  260,17. 
wandol  l.ehenmrandrl  74,;t.  9ü,8.  119,3. 

169.15.  16.     166,22.     167,1.    192,24. 

216.23.  340.6.  359.15. 17.  +31,7.  482,(1. 

486.12;   WaiidluiKj,  W,-ch*el  "^i.-Si. 
wandPlber  rrrilnih-rlieli,  uiisM   :i37,18. 

364,23.  370,16.  :«0.9. 424,14;  waiidd- 

Iterkeit  2»4.17.  19.  445.9.  r>41.5. 
wanderen  1'.  511. 1. 
wnodli'n  grhni,   reiben  148,1;   reriniii- 

delii  ■292,'2:i;  wondlniiir  OmirantUaug 

376.7.  418.19;    l..hv„xi>-<,n,U]  487,5. 

r.2S.8. 
wank   Fl'ir.    wcnki-.    wiiii'ke    Winduiii; 

216.14.  48:1,19. 
wailmft  :arerl'--«xig  ;W3,24 :    wiirliaftiL: 

tnih-l-HlUhend  119.11.  510.1. 
war  nfiiieii  193.11.  20. 
wanipii  426.13, 

war  su-t-ii  ./rV  Wahrheit  "ngri,  1811,17. 22. 
wiirtvn  .:.il  />„,.  .i„t.r.,.U„  ».in,  ,lin,.,> 

:W4.27.  424.211;  „,//  <i,.i.i.  erwiirlni. 


I  warUpil  Sehaunpifl,  A'a»i;/»jt(V/ 363,17- 
887,28.  445,6.  469,4. 
wasüerbad  46,3.  134,:«. 

■   wasserslialb  8Ö,3. 

waBsemot  fitfahr  durch   W'aKger  81.5. 

waaBcrsAhti^  40,19. 

wat  Kleidung.  Otiea-ut  111,7.  130,10. 
:  134.27.  194,25.  224,22.  244,8.  440.:! 
'       466,6.  riI4,2. 

waten,    walten    iraitn    161,2».    2Ü2.7. 
I       467,32.  523,26. 
I    weffenen  beirtiffnen  459,12. 

weg,  eynen  w.  lanft'en  l'.  eine  W'allftthrt 
j        marhfit  äl7,4. 

weKcn,   wägen  Pr/It.  wag   wiigeu.    ait- 
I       scldagm   i:-ö,27.  28.   212,5.    •ITiS,-':!. 
!       285,9.287,5.  29r.,13.  300,8. 11.  ;-CH.2.>. 
368,22  umr. :  briregen  259,2(1. 

weger  Ü'miji.  ron  waege  gut,    rortril- 
I        /in/i',rt«/;"nc«^«56,28. 11)8,14. 119.28, 
126,19.  220,2.  422,19.  406,2:>. 

wehsei  442,.->.    , 
.   wchsin  lUl.e.  100,13. 

webali  155,17. 
I   wehten  =  wel^ji  traten  247,9. 

weich  wirk,  l'urrhlnaui  365,15.  36y,6. 
i       436,12,  453,23. 

weiden  492,19.  29.  552,12. 

weidenlich /i-MCÄ,  «lntllich,afhim  14,20, 
149,9.  150,3. 

weinen  weinen,  hetcrinen  .30,14.  208.18. 
27.  281.8.  9.  445,.'). 

weitilicli    kl/tglich,    treina-UcI,     122,18. 
127,8.  liOg.S    weinendlifh  .l</f.  547,4. 

weise   Waise  91.4;  weisli  121,32. 
,  weiss    ^fiit    ii-ahrlich\    93,29.     122,:H. 

128,6.  369,25. 
j    weiBsenvar  jrei:enfarl,,   gelblich   199.2: 
I       wejBsenkorn  1',  M-Mi.  521,20. 

wpjen  »•then  261,29. 
I   welle  :«15,18.  436,17. 
I   weit,  d,T  w.  killt  23,21;  fro  w.  361,9; 
weltlii^b  1 1H,12, 218,9. 484,6. 485.5. 15; 
iveltniiiiiicr  t;i,19, 

wenden  nl;:-.  h<U  ,.  ;-181.2.-..  398,14. 
,   wengel  S,iiir.   Wange  224.17.  227,IM. 
I       267,16.  378,5.  4äÜ,l.  27. 


Glossar. 


623 


wonen,    wenoen    Prät,    wände,    woude 

meinen,    glauben   281,1.    359,23.  25. 

;^r)7,17.  411,2.  419,8.  425,13.   438,23. 

449,12.  16.  454,3.  4ri8,4  usw, 
wennen  gewöhnen  323,31.* 
wetiken  wankest,  weichen  558,4;  sahst 

Inf,  551,21. 
werben  sich  bemühen,  tätig  sein  195,1. 

365.23.  436,22.  459,21;  suhst.  Inf. 
lt):<,23;  um  eine  Braut  werben  409,21. 

worbcr  Bewerber  13,16. 

weren,  sich  497,7. 

werend  bleibend  73,5. 

werk  Flachs,    Werg    137,5.  214,3;    die 

bestimmte    Handarbeit    der   Ncmn^n 

{beim  Spinneyi)  415,19. 
werken  P.  510,8. 

wermen  406,12;  wormerin  407,12. 
wernt,   werntlich   P.  =  weit,    weltlich 

011.24.  513,14.  17;  509,9.  12.  511,6. 
512,14.  516,19. 

werren  mit  Dat.  stören^  hindern  14,32; 

waz  Wirt  Ach?  118,19.  133,31. 
wesen   esse,  ens,  e^sentia  94,28,    158,5, 

160,6. 162,23. 167,2.23. 169,4. 171,18ff. 

172.1.  174,12.  176,9—13.  177,1—24. 
178,1—18  usn\;  we8en(t)heit  162,15. 
20.  30.  163,6.  183,1.  187,5.  245,7. 
:W0,25;  weslichkeit  188,11.  189,13. 
191,28:     wcsunge    343,19.     350,25. 

854.2.  15. 

weslich,  \ve8en(t)licli  essentialis,  trirk- 

lich,  dauerhaft  52*.    162,22.    171,19. 

174,17.  18.  19.  176,14.  179,32.  180,11. 

184,23.  187,3.  232,28.  262,24.  342,2. 

s  usw. 
wesse  scharf  543,13.  545,26.  551,18. 
wettelof  493,13. 
wet(t)er  364,23.  371,12.  424,14.   460,9. 

516,4. 
wetiind,  wetünd  23,18. 46,13. 55,2.60,23. 

72,15.  91,1.  7.  116,26.  547,9. 
wicliwasser  Weihwasser  47,17. 
widerbissen    sahst.    Inf     Widerstand 

8,13.  r)14,13. 
widerblik  179,6.  180,24. 
widerbogen  subst,  Inf.  reßectere  179,9 ; 

widerbogung  180,20. 


widerbriugen  zurückbringen,  ersetzen 
erlösen  74,1.  85,9.  100,17.  116,15 
213,8.19. 215,11. 220,7.277,11.281,25 
321,31.  366,26.  439,7.  463,13.  540,6. 
549,16;  widerbringer  72,4. 

widergebomheit    186,14 ;     widergeburt 

279.7.  348,20.  23.  349,5.  8.  355,10. 
widerglanz  279,6.  307,23.  427,15;  wider- 
glast   10,22.    153,4.     190,12.    299,9. 
407,4.  477,22. 

widerglenzen  263,12.  299,16.  304,18. 
452,18. 

widergrnneu  subst,  Inf,  317,13. 

widerheb  lieh  gegensätzlich,  unterschie- 
den 354,10. 

widerheilen  subst.  Inf,  539,20. 

widerhellen  widerhallen  172,18. 

wideringang  Bückkehr  in  Gott  334,20. 

widerinjehen  subst.  Inf,  das  Sichzuriick- 
beziehen,  Zurückschauen  332,27. 

widerinfliessen  474,6 ;  wideringeflossen- 
heit  52*.  190,27. 

widerin wal  Zurückwallen  21,28. 

widerkaphen  subst.  Inf,  Zurückschauen 
332,22. 

widerker  Bückkehr,  Umwandlung, 
Sinnes i^nderung  {ZU  u.  von  Gott  weg) 
124,21.  170,14.  453,28.537,5;  wider- 
keren    zurückkehren,   sich  abwenden 

138.8.  214,5.  289,15.  453,25.  537,5. 
widerkomen    sich    erholen,    meder   mu 

Kräfttn  kommen  80,31. 
widerkriegen  subst.  Inf,  reluctaribOi,\H, 
widerlegen   umbiegen  41,19;    vergelten 

273,27 ;  subst.  Inf,  für  das  in  die  Ehe 

Mitgebrachte  ein  Äquivalent  zusichern 

(recompensatio )  22H,  1 8. 
widerlenken  suhst.  Inf,  349,9. 
widerlühten  1.56,27. 172,5. 190,19. 262,24. 

304,16. 
widermütig  trübselig,  ungehalten  152,9. 
wider    nemen,    sich    auf   den    eigenen 

Willen    zurückfallen    161,7.    162,14. 

25;  subst,  Inf.  162,2.  IG. 
widerrechnen      Bechenschaft      ablegen 

222,14;  widerrechnung  146,27. 
widerred  229,19. 
widerruf  das  Wiedersprechen  8,28. 


U24  Bk 

iviilersache  Ofi/ari;  Friiid  54,26.  H5,31. 

'2H,33-  205,  7  317,30. 
wiJerBagen  J-'chAe  ankündigen  147,4. 
widenatE  462,18. 

widerechin  r»S,24     widerschineii  242,9. 
wiilerschtag  rtditits,  Rfflexion  nach  dfr 

Btgchaitmij  18546.  346,16. 
Viderspenig  wldergpmslig  9,W.  10? ,20. 

4H2.5     widerdpenklioli  Adv.    üüSfi; 

wiflerspenikeit  381    6.  462,1». 
widersprechen   228,ia.  337,28.  4Ü9,21. 
widerstaii,  -ateii  229,11.  324,19.  503,7. 

504,U;   suhlt.  Inf.  201,30.  ."304,16; 

wider§t*ndig  tavider  550,24. 
wi(leratozGrjenji/ö*»,WWo"«(«nt(  327.4; 

wideretoSBen  440,1  r^. 
widerstreben  133,22.  3S1,6.  462,4. 
widerstribe  um  die  Wrilr  112,'>. 
widertragen   sich   eurückhtzirheii ;   die 

w.deii   eigenschefte  reiationen  331,2. 
widerrani    295,6.    442,14 ;     widervart 

Hiicknise  68,27. 
w)dcrflies8en  179,11;  widerfluss  19->,U. 

•j(i;i.H. 

widiTwegcit  aujmegrn  226,2. 
widerwerlen  anfechtm,  umeivssm  9,li\ 
tinfi.  341,11;   suhst.  Inf.   348,5.  12. 

349,12. 3r>0,1.13;widerwerfuiig341,10. 

aM,i4. 

widt-rwertig  9rvi2.  142,1M.  341,2.  452,1; 

widerwertikeit    54,22.    60,14.    Sl,13. 

91,29.  9M,3.'J.  143,13.  192,21.  282,20. 

236,11.    341,1    uKir       widerwertlich 

Adr.  geyemlttzUch  897,4. 
widerwisen  zurückireisen  459,8. 
widerzem  iilistosnend,  minafiillig  .'i47,5. 

55l),23. 
widerzii'hi'ii  13,5. 
widi'rziukeiL  iiirüct/il'isseii,  rei-liinilern 

-.217,15. 
widiii   rill    iVeidoihniz  442.31. 
ivilit-  der  hSse  w.  204,22. 
ivilil  "Uli.  "n,ilet.  unlrigrriflich,  irander- 

h,„-    4.12.   8,11.    9.26.   12,14.   21,28. 

110.14.   188,20.  1S9,1.  2tX).2<l.  211,6. 

212.17.  245,11.  26.V  u«ir.;  Ata.  na- 

inelos  wiide  die  heghardischt  Irrlthrt 

.%2,20;  wildicklichen  Adr.  481.2. 


wilerli  Ideinta  Gehöft  82,a 
wili,  wUli  ;«9,11.  395,12.  415,8. 
willeklicb  145,3.  179,26.  192,20.  2ii9,9. 
215,30.   220,1.  248,8.  .S(»7,30.   3(18.8. 

316.18.  367,2  utrr. 

willen  mit  hat.  nachgr.beii,   noch  dtm 

Willen  tun  382,15.  422,15.  Dlf5,5. 
willeiibrechen  sultgt.  Inf.  91,6.  484,16. 
willig  248,11.  475,4;  wyllenlos  P.  517,1. 
'n\Dd,l\irtv(iinWintltausg'ii-o>:h'Lm,\9. 
wingarte  221.33.3(13,4. 425,i;>.  18.426.13. 
winlms  caupfiaa  ;172,20  46  ,22. 
Winkel    126,2.    175,5.    395,25.    513.23 

525,21,  52?,17.  19. 
winnaht    Wtihnachten     46.26.     1 1S.25. 

124,27.    3B5,19.  467,28;  '  winnahttag 

25.2.3. 
winsiuak  428,18. 
Winter  433,24;  winterbalde  clürre  HViWe 

425,9;  winterlich  299,11.  409,16. 
wintraht  Mose.    Wtinduft  428,15. 
wintnibel  Wäniraube  493,30. 
wiplich  399,24. 
wirdekeit.  wirdikeit  26,20. 88,26.  2ii».i7. 

213.19.  217.25.  218,16.  243,2.  273.17. 
421,15  usir. 

wirdig  91.:-t5. 172.8.  ;i63,r2. 364,4. 440,31. 

448.27.  486,7.  489.11.491.8;  «iraek- 
lieh  112,29.  241.4.  279,21.296,12.  19. 
23.  301.3.  M3.5.  304,6.  30.1.14.  ;-l92,5 

wirijj     limgdaiienid,     daufrhaft     4^1*. 

107,17.  344.6.  362.32. 
wira  Adr.  Kamp,  schlimmer,  iihhr  57.6. 

62.17.  125.24.  169.*).  271.12.  272,26. 

371.28.  381,10.  426,21  mir. .  SuperL 
wirst,  wurat  23.17.  67,3.  121.7.  128.25. 

249.10.  475.  m. 
Wirt  233,19.  512.7. 

wise  Art  'i.  Il'me,  Art  »ich  zu  f/ihm, 
Ik.-^chiiftiiiii";/  ■  Kr.''chcinat>g.\fiirm 
10.19.  12.7.  :>:i.l.  83.14.  142.10.  156. 
17.29.31.  166.8.  lii.  188.111.  11.  2U5,21. 

228.11.  2äS.4  'ixir..-  wi.rt  uml  wise 
65.26.  2il.  167.3.  4:  wise  Mrloiii, 
199.21 :  Wfirt  mit  wise  7V.t(  «.  Melodie 
228,16. 


Glossar. 


625 


wi8^e)]08  ohne  wise,  ohne  genauere  Be- 
Stimmung    52*.    10,18.    23,7.    87,30. 

186.24.  188,11.  189,17.  191,6.  245,11. 

804.25.  328,24.  432,25;  wiseloaekeit 
185,1.  186,22.  400,4;  wiselosekUch 
Adv.  335,22. 

wiser  Leitet'  446,3;  wiserin  321,11. 
wislich  Adv,  mit  Weisheit  315,30. 438,2. 
wi88ag(e)  Prophet  36,10.  363,6.  392,11. 

429,16.  477,9.  480,7.  494,3. 
wiasagen^üfeÄ*.  Jw/.  Propheteiung  426,18. 
wi88e  =  wise   Wiese  452,7. 
wissentliche  Adv,  499,21. 
wissi  weisse  Farbe  439,18. 
wisunge  384,21. 
witbreht  Adv,  lärmend  502,13* 
withopf  Wiedehopf  458,24. 
witi  350,28.  358,17. 
witswei flieh  Adv.  iceiiläufig  191,3. 
witwe  91.4. 

wiz  und  rot  199,2.  551,8. 
wizze,   witz   Klugheit,  Einsicht  99,16. 

280,24.    281,28.    399,12.    26.    410,8; 

witzig     212,24;      witz(i)gen     weise 

machen,    witzigen     240,13.     287,20. 

369.26.  456,19.  458,1. 
wolanvahend  47*. 
wolbedaht  94,21. 

wolhcreit  hene  dispositus  300,12. 16. 18. 

wolbescheiden  verstandig  99,27. 

wolbesorget  158,8. 

woldenieren  sich  hin-  und  her  bewegen 
166,23. 

wolf  8G,3.  134,11.  260,16.  375,29.  420,7. 
488,8. 

wolgebom  135,32. 

wolgefloriert  wohlvtrziert  140,4. 

wolgeladen  mit  Leiden  stark  heimge- 
sucht 133,28. 

wolgelassen  164,10.  358,22. 

wolgelert  162,18.  328,28. 

wolgemut  28,16.  33,18.  225,20.  233,20. 
238,6.  245,20.  313,9. 14.  376,1.  448,12. 

wolgenaturt  wohlbegabt  376,5. 

wolgeordnet  171,15. 

wolgeraten  378,26.  444,9, 

wolgesehend  5,22.  157,10. 

wolgesmack  303,15.  % 

U.  Sense,  Deutsche  Schriften. 


wolgeatalt  137,16.  542,9. 
wolgetan  83,24. 
wolgetrüwend  100,19.  135,1. 

wolgeupt  erfahren  (im  geistlichen  Leben) 

170,23.  182,5.  184,5. 
wolgevallen  Subst,  94,14. 125,2.  226,23. 

261,13. 262,2. 266,19.25. 319,21. 507,2. 
woIgevaUend     95,23.    159,11.    376,20. 

378.11.  451,1. 
wolgewahsen  156,4. 

wolgewegen   wohlgewogeti ,   vollwichtig 

335,28. 
wölke,  wulke  Masc,  230,2.  3;   wolkeli 

551,23. 
wolkunnend  geschickt,  angesehen  75,14. 

364,4. 
Wollust  Vergnügen,  Lust,  Freude  169,13. 

206,17.  225,14.  227,20.  237,3.  248,16. 

17.   249,26.   263,16.   265,22.   286,17. 

339,30.  344,16.  540,8.  546,29.  549,2. 

wolmugend  kräftig,  gesund  282,13. 

wolriechend  266,23. 

wolsingend  31,23.  28.  406,18. 

wolsmekent  505,8. 

wolstcnd  409,8.  541,31.  552,6. 

wolzöneraend  48*. 

won  s.  wan. 

wonhaft  187,18;  wonunge  474,24. 

worgen  würgen  (bildl.J  455,8. 

wormerin  .v.  wermen. 

wort  Verbum,  Logos  179,27. 180,18.  22. 
26.  181,3.  11.  191,27.  224,12.  279,6. 
473,3;  in  den  Worten  unter  dieser 
Bedingung  25,26;  wortli,  wortelin 
100,30.  200,16.  223,17.  226,3.  377,23. 

450.12.  477,11.  495,2;  wortlos  305,7. 
548,8;  wortwege  kritisierend,  zänkisch 
166,26. 

Wortzeichen  Kennzeichen,  Merkmal, 
Beweit!  44,22. 128,10.  lo.  545,30;  wor- 
zeichen  554,2. 

woschi  Wäsche  1.34,28;  woscherin  134,26. 

212,13. 
wfiff     Klagegeschrei    546,15;     wüfFen 

550,20. 
willen  222,12. 

wtiliin  wölfisch  23,12.  119,2.  420,12. 

40 


626 


Glonar. 


wunder  Verwunderung^  unenoarteUs 
Ereignia,  Wunder  8,15.  11,12.  22,16. 
30,11.  55,27.  64,30.  67,12.  68,a  86,16. 
18.  90,9.  92,20.  97,4  usw, ;  wunderlich 
seltsam,  ir änderbar  58,8.  65,3.  159,1. 

173.1.  177,6.   200,24.  206,4.  292,ia 

339.2.  409,12.  420,5.  490,32. 
wundern,   wundren    bewundem  477,2; 

unpers.  229,13.  291,27.  341,27.  376,2. 

424,11.448,13;«aö*Mfi/.293,21.367,7. 
wundrer  der  Wunderbares  tut,  mirabüis 

(Gott)  108,2. 
wundtmal  537,12. 
wunne,  wunne  94,3.  211,20.  225,2. 243,5. 

246,24.  265,13.  269,17.  295,3.  304,17. 

312,28    usu\;    wunnenbernd    171,23. 

172,20;  wunneklich,  wunneklich,  wü- 

n(i)klich    23,14.   31,34.    33,1.   59,10. 

(J4,29.    153,3.    199,12.   200,3.    207,1. 

219,29.  221,31  usic,  usw, 
Wunsches  (wunsches)  gewalt  optio  om^ 

nium  93,15.  94,3.  17.  224,5.  242,14. 

279,17.  295,8.  377,31.  378,6.  450,20.27. 
würdig,  422,8;  wArdigen  547,27. 
wurf  191,19. 
würken  irirken  y  tälig  fiein,  be(irheiten2iy-i. 

171,20.   182,19.  335,14.  367,23  u.sir.; 

in  wirkender  wise  actualiter  348,27. 
würklich  aciivusy  aciuiüis  105,15. 177,25. 

192,32.   341,21.  47."),1;   ^vurklicIlbeit, 

-kcit     activitas,     nctuaUUia     183,14. 

18.-),2.  10.  189,20;   würkunge  340,25. 

.SI8,13.  1.^. 
wurm  Wurm,   Insekt  85,18.  39,21.  27. 

259,22.  805.29.  368,15.  441,26. 
würz  313,2r>.  803.24;  wur(t)zel  105.17. 

421.24;  wurzgart(t)e  205,ir).  222,7. 
wnsclieu  =  wischen  Prät.  wfisto  trocknen 

0O«7,Mt. 

wüssend  brwus.st  888,28.  24;  wüssent- 
lieit  Beirussisein  188,15. 

wüst  H'ii.st,  h'-r  103,8.  425,20;  wüste 
gotbcat  das  blosse  Wesen  Gottes  (vgl, 
Strauch,  M.  Ebner  301  f,:  Denifle 
im  Archiv  II,  455):  wusti,  wiiste 
79,24.  l.")0,l().  211,7.  434,12;  wilde 
wiisti  der  gotbeit  245,11 ;  wustenunge 
r.  530,14. 


waten  301,14;  wütend  45,17.  ISIA 
189,81.  178,26.  408,8;  wütig  85^2. 
182,6.  260,ia  370,17. 


Zacharias  Altvater  105,13. 

zage  8 übst,  feiger  Mensch  870,25; 

heit  41,20. 
zam  363,5.  420,6. 
zarten   liebkosen  j    schmeicheln    15,12; 

subst,  Inf,  122,18. 

Zartheit  Feinheit,  Schönheit^  Weichlich- 
keit^!*, 51*.  26,19.  35,16.  42,6.  94,24. 
205,9.    209,7.    217,4.    238,1.    243,3. 

247.21.  286,17  usw, 

zärtlich,  zertlich  Adv.  liebevoll^  wohl' 
wollend,  £reyr//icÄ  99,13. 121,31.  174,2. 
212,8.  223,10.   224,3.   225,7.   240,24. 

254.22.  482,19  ustr. 
zartsüchender  lip  das  Wohlleben  suchend 

40,3. 
zederbom  310,12.  442,33. 
zeh  zäh  44.5,18. 
zeichen    Zeichen,    Wunder  41,4.   66,6. 

105.8.  248,14.  252,10.  827,10;  Wund- 
mal 67,10.  241,11;  die  fünf  zeicheu 
Christi  52,1.  479,8. 

zeichen   P.  =  zei ebenen     Wandt' r    tun 

515,26. 
zeine  Korb  31,31;  zeinli  81,30. 
zek  =  zic  Liebesneckerei  483,13. 

cell(e),   zelle   40,10.    48,15.   30.    44,27. 

.58,8.    5.    103,7.    21.    104,12.    100,10. 

110,32.  113,7  usw.;  ceUeü  45,27. 
zemiueliche  Adv.  wohl  =  zemliche  sahm 

.504,3. 
Zellen  zählen  214,17.  247,16.  481,18. 
zeltt'n  im  Passgang  gehen,  traben  189,8- 
zepter  2.52,24.  460,2. 
zerbrechen  zerbrechen,  cerreissen  69,32. 

139,82.  882,5.  463,15. 

zerdenneu,  zertennen  209,12.  210,18. 
214,16.   20.   215,25.    250,21.    816,24. 

541.9.  .542,23. 

zergan,  ztTgen  218,4.  266,6.  849,31. 
850,1.  351,11.  438,25.  403,16.  464,7; 
zergangen  Part,  verfallen  217.6. 218,1. 


GlMstr. 


627 


s«rgaii(g)klieh,  zeigenglieh  28^.  26. 
85^.  11. 185,18. 139,20. 165,18. 206,25. 
218,10. 27. 219,2. 411,21.  438,20  uawr, 
sergenklicheit  553,30. 

zergiessen,  sich  174,12. 

zerkrawen  zerkratzen  40,23. 

zerkretzen  397,19. 

zermaln  210,3. 

zermdsten ,    zermüsten    zerquetscfien 

204,18.  815,18. 
zerren  zerrcissen  230,3. 
zerrisen  zei'f allen  218,5. 
zerrannen  270,33. 
zerschlichen  auseinandergehen,  zergehen 

382,6.  463,16. 
zerschrinden  Prät.  zerschrant  Risse  6c- 

kommen,   aufsjtringen   47,15.    92,20. 
zerspalten    Prät.    zerspielt    zerspalten 

trans.  271,29. 
zerspannen ,    zerspennen    auseinander 

spannen,   dehnen  210,18.  214,14.  15. 

215,25.  272,20.  316,23. 

zerspreiten   22,8.    30,6.   92,18.    177,18. 

216,20.  452,20;   sich  z.  28,14.  90,24. 
zerspringen  212,11.  305,11. 
zerstieben    zerstieben,    virschwinden 

377,6.  449,19. 
Zerstörer    222,22;    zerstorerin    361,26. 

411,21;    Zerstörung    162,20.    381,29. 

463,9. 
zerstrowen  29,2.  170,16. 

zerteilt  Part,  getrennt  174,10;  zerteiltes 
wesen  ens  pariiculare  177,2.  5.  18. 
179,14. 

zerteunen  s.  zcrdenoen. 

zertling  verzärtelter  Mensch  57,18. 

zertrageu  zugrunde  richt'iii  (durch  Ver- 
leumdung) 125,17. 
zertrennen,  zerdrenuen  382,18.  463,26. 

zertriben  zerkauen,  wiederkäuen  (hild- 

lich)  300,10. 
zertun  aM*6rei7en  216,20. 276,24;  sich  z. 

28,14. 
zerfliesHen  27,26.  74,9.  227,6.  18.  264,26. 

271.28.  298,17.  304,23.  310,23.  384,20. 

386,9.   450,9.    466,20;    zerflossenheit 

Uquefactio  386,19. 


zerflossen  zerfliesse»  wwchen,  $chiMUm 

111.11.  452,16. 

zerfuren  verwüsten,  verderben  204,18. 

315,18. 
zerzerren  zerreissen  49*.  125,14. 
zerziehen  Part,  zerzogen  272,20. 
zesamen  —  s.  züsamen  — . 
zeswe  hant  linke  H.  558,14. 
zieren  224,3.  409,16. 
zierer    helt    herrlich,    schmuck    435,6. 

459,14. 
zihen  zeihen,  beschuldigen  66,24.  307,8. 
zil  184,6.  185,3.  469,11;   zilen   156,30. 

168,6.  327,27.  28.  355,9.  11.  358,18. 
zirabren  219,7. 

zimlich  passend  299,4.  375,14.  447,23. 
zipfel  Zipfel,  kleines  Stück  454,5. 
cirkellich  kreisrund  178,13.  179,8. 
zit    officium,    horae   canonicae   414,5. 

416,1. 
ziten   Zeit  sein  362,23.   418,10;   zitig 

reif,     ausgewachsen     31,30.     156,3. 

159,18.  482,13. 
zitlich  zeitlich, weltlichlU,20, 135,7. 10. 

174,9.  178,10.  187,18. 194,20. 219,7. 8. 

300,14.  413,17.  19  usw.;  zitlich(k)eit 

390,23.  472,6. 
zitlose  weisse  oder  gelbe  Frühlingsblume 

(Krokus  oder  Narzisse ,  vgl.  Lex.  III, 

1138)  211,29. 
zitter  Subst.  Masc.  Zittern,  BebenS01,S; 

zittrend  484,17. 
zitverlierend  die  Zeit  unnütz  vertuend 

361,25.  411,21. 
zobrer  327,11. 
zora  139,15.  165,12;  zomen,  zomen  auf- 

zdumen,  gefangen  fortführen   139,4. 

280,2.  897,16. 
zorulich  128,16.  136,17.  229,11.  22.  25. 

81.  230,6.  265,8.  285,11.  825,1.  414,9. 
zug  Zug,    Kunstgriff,   Art  und  Weise 

142,5.   200,24.  862,29.  371,24.  888,7. 

409.12.  419,6.  460,22.  469,12. 
zügeii  itezeugen  84.28. 

zuht  Zucht,  Höflichkeit,  Anstand,  Dis- 
ziplin 216,23.  221,32.  361,21.  382,3. 
411,16.  463,13.  481,9.  482,6;  z.  und 
ere  bieten  49,18. 


628 


Glossar. 


luken,  zacken   wetjnehmen,  enireissen, 

anlegen   (den   Bogen)    57,19.    78,17. 

128,25.  131,18.  22.  175,6.  11.  281,20. 

428,22. 
züchtig    eingezogen    482,6.    485,2.    8; 

ztihteklich  Ad%\  413,20. 

zun  Zaun  17,18,  78,5.  411,18. 

zunge  Zunge,  Sprache  199,24.  228,26. 

372,18.  461,21.  499,25. 
zu  ahtcn  zurechnen  491,6. 
zu  besliessen,  sich  486,26. 
zu    bringen     zustande    bringen     26,6. 

120,32. 
zficrang   Zutritt  263,27.   337,18.  492,2. 

zfigchorlich  181,20.  353,12;  zfigcborlich- 
kcit  388,18. 

zu  gevallen  192,22. 

zä  komen  zum  Ziel  kommen  426,16. 

zukünftig  489,8. 

zu  legen  heimessen  484,9. 

zölof  67,14. 

zft  muten  364,11. 

zönemen  sahst.  Inf.  52*.  3O0,3;  zü- 
nemender  mensch  fortschreitender 
3,10.  194,6. 

zu  sumen  geben  (ehlich)  483,1. 

zesamen  rihen  Part,  gerigen  zusammen- 
ziehen 39,13. 

zfi  schliessen,  sich  430,29. 

zutctig  sich  anschmiegend  225,8. 

zutun  Zutun,   Beihilfe  383,29.  465,22. 

zuval(^l)  Zufall,  accidtns,  unbesonnene 
Handlung  162,19.  22.  164,12.  167,4. 
288,14.  ;5:tt,n.  7.  359,20. 


zfivallen  eufaUen  462,8;  züvaliend  rw 
fäüig,  accidentdlis  54^.  244,20. 245,1. 
387,28. 

zfivallich  aecidentalis  162,28;  zuTalli- 
kait  187,5. 

zftversiht  87,2.   127,21.  239,9.    251,23. 

264,14.  277,1.  278,1.  286,28.  31.5,28. 

365,10.  430,12.  491,2.  538,19.  589,21. 

547,32. 
Zuflucht  484,6. 
zu  fugen  zugesellen,  heschertfi   406,11. 

506,19. 

zu  werffen  465,22.  492,13;  zuwurff 
488,23. 

zürnen  sahst.  Inf.  424,20. 

zwahen  Part,  gez wagen  waschen  450,2. 

zweien,  sich  *.  paaren  172,20. 

zweiheit  226,20.  267,6.  420,21. 

zweinzig,  zwenzig  364,16.  423,19. 

zwelft'botto  Apostel  544,18. 

zweltjerig  31,19. 

zwi  Zweig  32,31.  287,22.  297,16.  426,11. 

zwivel  81,2.  89,15.  iaS,6.  21.  323,28. 
498,10. 502,16;  zwifellieitZtrei/f /^iicä< 
496,17;  zwifeln  498,15.  549,5;  zwifel- 
haft  amhiguus  4.'S3,21;  zwit'elj  ich 
unsicher,  ziaifelhaft  183,3.  1SS,.\ 
380,16. 

zwingen,  twingen  drangen,  heimsuchten 
178,23.  442,26.  490,7.  506,1.">. 

zwireut,  zwirunt  71,22.  173,18.  32r:>.21. 

380,34.  383,14. 
zwivalt  Adj.  348,6. 


..(JCs-